Die Tatsache der Auferstehung von Jesus Christus und ihre Auswirkungen

Die Tatsache der Auferstehung

von Jesus Christus

und ihre Auswirkungen

Abbildung 1-2: Der Grabstein und das leere Grab erinnern an die Auferstehung von Jesus Christus am ersten Tag der jüdischen Woche (Foto: April 1986).

Hinweis: Leider ist die Aufnahme nicht vollständig. Dafür aber die schriftlichen Ausführungen.

Einleitung

 

Die Auferstehung von Jesus Christus bildet die zentrale Botschaft in der Verkündigung der Apostel. Das Jesus in Bethlehem geboren wurde, in Nazareth aufgewachsen ist, öffentlich im ganzen Land Israel gewirkt hat, war allen bekannt. Dass er zum Ende seines Dienstes gefangen genommen und durch den Hohen Rat zum Tode verurteilt wurde, anschließend unter Pontius Pilatus gekreuzigt und begraben wurde ist nie von den Juden abgestritten worden. Aber seine Auferstehung war sogar für die Jünger unfassbar und zunächst unglaublich. Nicht weil sie an der Auferstehung von den Toten nicht geglaubt hätten, sondern weil nach ihrem Verständnis und der allgemeinen Auffassung im Volk der Messias nicht sterben würde. So lesen wir in Johannes 12,34: „Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn?“.

 

Nun, was tat Gott, um die Auferstehung seines Sohnes den Menschen glaubhaft zu machen? Die folgenden Ausführungen können uns helfen, Gottes Offenbarung in seinem Sohn besser zu verstehen und unseren Glauben an den auferstandenen Messias/Christus zu festigen.

 

 

1. Vorbilder, welche auf die Auferstehung von Jesus hinweisen

 

1.1 Die Opferung Isaaks und seine Rückgabe an Abraham

In 1Mose 22,1-18 lesen wir von der ungewöhnlichen und einmaligen Geschichte dieser Art, der Opferung Isaaks. „Und es geschah nach diesen Dingen, da prüfte Gott den Abraham. Und er sprach zu ihm: Abraham! Und er sagte: Hier bin ich! Und er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du lieb hast, den Isaak, und ziehe hin in das Land Morija, und opfere ihn  dort als Brandopfer auf einem der Berge, den ich dir nennen werde! Da machte sich Abraham früh am Morgen auf, sattelte seinen Esel und nahm seine beiden Knechte mit sich und seinen Sohn Isaak. Er spaltete Holz zum Brandopfer und machte sich auf und ging an den Ort, den Gott ihm genannt hatte. Am dritten Tag erhob Abraham seine Augen und sah den Ort von fern. Da sagte Abraham zu seinen Knechten: Bleibt ihr mit dem Esel hier! Ich aber und der Junge wollen dorthin gehen und anbeten und zu euch zurückkehren.“ (1Mose 22,1-5). Beachten wir die Aussage von Abraham: Nach der Anbetung wollen „wir“ zu euch zurückkehren. „Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham und sagte: Mein Vater! Und er sprach: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sagte: Siehe, das Feuer und das Holz! Wo aber ist das Schaf zum Brandopfer? Da sagte Abraham: Gott wird sich das Schaf zum Brandopfer ersehen, mein Sohn. Und sie gingen beide miteinander.“ (1Mose 22,7-8). Gott bezieht Abraham mit ein in sein eigenes Handeln mit seinem Sohn. „Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sprach: Abraham, Abraham! Und er sagte: Hier bin ich! Und er sprach: Strecke deine Hand nicht aus nach dem Jungen, und tu ihm nichts! Denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürchtest, da du deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast.“ (1Mose 22,11-12). Beachten wir die Formulierung des Engels, dass die Bereitschaft des Abraham als vollendete Tat gerechnet wurde (ebenso in V. 16: „Ich schwöre bei mir selbst, spricht der HERR4, deshalb, weil du das getan und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast, darum werde ich dich reichlich segnen …“). Und in Hebräer 11,17-19 wird diese Glaubens- und Gehorsamstat von Abraham kommentiert mit den Worten: „Durch den Glauben hat Abraham den Isaak dargebracht, als er versucht (geprüft) wurde, und gab den einziggeborenen Sohn dahin, als er schon die Verheißungen empfangen hatte, von dem gesagt worden war (1. Mose 21,12): »Nach Isaak wird dein Geschlecht genannt werden.«  Er dachte: Gott kann auch von den Toten erwecken; als ein Gleichnis (gr. παραβολήparabol¢) dafür bekam er ihn auch wieder.“ Ein Gleichnis steht nie allein für sich selbst, sondern hat auch den Zweck auf etwas tieferes und vollkommeneres hinzuweisen (Mt 13,3.13.10.18). Die Hinweise auf Jesus, den Einziggeborenen und Geliebten des himmlischen Vaters, sein stellvertretendes Opfer, aber auch seine Auferweckung aus den Toten sind in dieser Geschichte unübersehbar vorgebildet.

 

1.2 Der Prophet Jona drei Tagnächte im Bauch des Fisches

Die einmalige und doch sehr bekannte Geschichte aus dem Alten Testament ist die Geschichte von Jona dem Propheten. So lesen wir in Jona 2,1: ,„Aber der HERR ließ einen großen Fisch kommen, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.“ Diese Geschichte ist für sich schon ungewöhnlich und spannend. Doch Jesus verwendet sie als ein Zeichen, als einen Hinweiss auf sein Sterben, begraben werden und (indirekt) auf seine Auferstehung am dritten Tag. So reagiert Jesus auf die Zeichenforderung der Schriftgelehrten und Pharisäer mit den Worten: „Er (Jesus) aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.“ (Mt 12,39-40). Und was geschieht nach drei Tagen und drei Nächten? Die logische Fortsetzung ist die Auferstehung von den Toten und das Verlassen des Grabes. Seine Gegner müssen ihn richtig verstanden haben, sonst wären sie nicht zu Pilatus gegangen mit der Bitte das Grab bis auf den dritten Tag zu bewachen (Mt 27,63-64). Die Tagebezeichnung „drei Tage und drei Nächte“ ist für uns Europäer etwas irreführend (wir sind geneigt dabei an 72 Stunden zu denken), nicht so die Zeitgenossen von Jesus. Jeder noch nicht zu Ende gegangener Tag und jeder erst begonnene Tag wurden als Ganztag gezählt wie der Vergleich von Matthäus 27,63 mit 27,64 deutlich macht (ebenso Mt 16,21; 17,23; 20,19 sagt Jesus: „und am dritten Tag wird er auferweckt“).

 

1.3 Die Taufe von Jesus im Jordan

Der Evangelist Matthäus schreibt: Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu. Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser.“ (Mt 3,13-16). Sicher deutet die Aussage „alle Gerechtigkeit“ noch auf vieles andere hin, aber auch auf das Sterben, begraben werden und das Auferstehen von Jesus. Der Apostel Paulus erklärt den tiefen Sinn der Taufe mit den Worten: „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, auf dass, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in einem neuen Leben wandeln. Denn wenn wir mit ihm zusammengewachsen sind, ihm gleich geworden in seinem Tod, so werden wir ihm auch in der Auferstehung gleich sein.“ (Röm 6,3-5). Hier sind es nicht mehr andere Personen, die als Vorbilder für die Auferstehung von Jesus gegeben wurden, sondern hier ist es Jesus selbst, der durch eine sehr anschauliche Handlung sein Sterben, begraben werden und seine Auferstehung vorbildet.

 

1.4 Der Tempel als Körper des Christus

Bei seinem ersten Besuch in Jerusalem (während seines öffentlichen Dienstes) stellt Jesus die Bestimmung des Tempels als `Bethaus` wieder her. „Die Juden nun antworteten und sprachen zu ihm: Was für ein Zeichen der Vollmacht zeigst du uns, dass du dies tust? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: 46 Jahre ist an diesem Tempel gebaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber sprach von dem Tempel seines Leibes. Als er nun aus den Toten auferweckt war, gedachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.“ (Joh 2,18-22). Auch diese bildhafte Rede kommt von Jesus selbst und damit deutet er auf die Abläufe zum Ende seines Dienstes hin. Die Juden werden sich am Abbrechen seines Körpers beteiligen, aber er selbst wird sich wieder aufrichten. Die Zeitangabe „in drei Tagen“ meint innerhalb von drei Tagen. Ganz offensichtlich redet Jesus hier gleichnishaft, bildhaft und nicht direkt offen. Damit sagt er das Handeln der Juden zwar voraus, beeinflusst es jedoch nicht. Auf diese Weise wird der Glaube der Jünger hernach gestärkt.

 

1.5 Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt …

Wenige Tage vor seinem Leiden ist Jesus wieder im Tempel und lehrt. Griechische Festpilger wollen ihn sehen. Doch sie bekommen ganz ungewöhnliche Worte von Jesus in einer Bildrede zu hören. „Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ (Joh 12,23-24). Die Verherrlichnung schließt hier sowohl das Leiden als auch die glorreiche Auferstehung mit ein. Diese bildhaften Hinweise stehen im scharfen Kontrast zu den Erwartungen des Volkes nach dem Einzug in Jerusalem. Während Jesus seit längerer Zeit ganz offen von seinem Leiden, Sterben und Auferstehen gesprochen hat, sipricht er vor der Menge in treffenden Bildern.

2. Das Zeugnis der Heiligen Schriften

 

2.1 Der Herr sprach zu Mose: „Ich bin der ich bin“

In 2Mose 3,6 lesen wir: „Und er (Gott) sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.“ Und Jesus zitiert diese Worte in Lukas 20,38 und erklärt deren Tragweite: „Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle.“ Erst in Jesus und durch seine Deutung werden die Schriftaussagen des Alten Testamentes in ihrer ganzen Fülle offenbart und richtig zugeordnet und angewendet. Gott ist ein lebendiger Gott, ein Gott des Lebens, dies ist auch die Grundausstattung für alle, die ihm glauben und gehorchen, allen voran Jesus.

 

2.2 Der Messias ist der Erstgeborene aus den Toten

In Psalm 2,7 lesen wir von einem Ausspruch und Offenbarung des Christus: „Kundtun will ich den Ratschluss des HERRN. Er hat zu mir gesagt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt (gr. σήμερον γεγέννηκά σεs¢meron gegenn¢ka se – heute habe ich dich geboren, das heißt von den Toten auferweckt).“ Denn der Apostel Paulus zitiert in seiner Predigt in der Synagoge im Pisidischen Antiochia die Aussage aus Psalm 2,7 und bezieht sie eindeutig auf die Auferstehung von Jesus. „Und wir verkündigen euch die Verheißung, die an die Väter ergangen ist, dass Gott sie uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus auferweckte; wie denn im zweiten Psalm geschrieben steht (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt (geboren, auferweckt).« (vgl. dazu auch Kol 2,18: Jesus ist „der Erstgeborene aus den Toten“). Um bestimmte göttliche Prozesse zu erklären, bedient sich Gott menschlicher Begriffe. Wir dürfen dabei nicht unsere Wahrnehmung im menschlkichen, physischen Bereich auf Gott übertragen. Dies betrifft insbesondere den Bereich der Zeugung und der Geburt. Jesus ist nach Kolosser 1,15 der Erstgeborene vor aller Schöpfung und nach Kolosser 1,18 der Erstgeborene aus den Toten.

 

2.3 Der Messias wird die Verwesung nicht sehen

In Psalm 16,8-10 heißt es vom Messias: „Ich habe den HERRN allezeit vor Augen; er steht mir zur Rechten, so wanke ich nicht. Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher  wohnen. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (verwese).“ Und der Apostel Petrus zitiert diese Aussage am Pfingsttag in Jerusalem und bezieht sie auf die Auferstehung von Jesus: „Den hat Gott auferweckt und hat ihn befreit aus den Wehen des Todes, denn es war unmöglich, dass er vom Tod festgehalten wurde. Denn David spricht von ihm (Psalm 16,8-11): »Ich habe den Herrn allezeit vor Augen, denn er steht mir zur Rechten, dass ich nicht wanke. Darum ist mein Herz fröhlich, und meine Zunge frohlockt; auch mein Leib wird ruhen in Hoffnung. Denn du wirst meine Seele nicht dem Reich des Todes überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.“ (Apg 2,24-27; ebenso auch Paulus in Apg 13,35).

 

2.4 Die Frucht des leidenden Gottesknechtes wird Gerechtigkeit und Leben sein

Der Prophet Jesaja schreibt von den Leiden des Messias, seinem stellvertretenden Tod, aber auch seiner Auferstehung: „Doch dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen. Er hat ihn leiden lassen1. Wenn er sein Leben als Schuldopfer eingesetzt hat, wird er Nachkommen sehen, er wird seine Tage verlängern. Und was dem HERRN gefällt, wird durch seine Hand gelingen. Um der Mühsal seiner Seele willen wird er Frucht sehen, er wird sich sättigen. Durch seine Erkenntnis wird der Gerechte, mein Knecht, den Vielen zur Gerechtigkeit verhelfen, und ihre Sünden wird er sich selbst aufladen. Darum werde ich ihm Anteil geben unter den Großen, und mit Gewaltigen wird er die Beute teilen: dafür, dass er seine Seele ausgeschüttet hat in den Tod und sich zu den Verbrechern zählen ließ. Er aber hat die Sünde vieler getragen und für die Verbrecher Fürbitte getan.“ (Jes 53,10-12). Zum Teil sehr offenkundig, zum Teil jedoch etwas verborgen spricht der Prophet von der Auferstehung des leidenden Gottesknechtes. Diese Schilderungen werden in der Bildrede Jesu vom Weizenkorn (Joh 12) sehr treffend zusammengefasst – echte Lebensfrucht entsteht nur durch Sterben.

 

2.5 Am dritten Tag

Im Buch des Popheten Hosea findet sich eine merkwürdige Aussage:  „Kommt und lasst uns zum HERRN umkehren! Denn er hat zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat geschlagen, er wird uns auch verbinden. Er wird uns nach zwei Tagen neu beleben, am dritten Tag uns aufrichten, dass wir vor seinem Angesicht leben. So lasst uns ihn erkennen, ja, lasst uns nachjagen der Erkenntnis des HERRN! Sicher wie die Morgenröte ist sein Hervortreten. Er kommt wie der Regen zu uns, wie der Spätregen, der die Erde benetzt.“ (Hosea 6,1-3). Auch wenn der Prophet hier zisammen mit den Gottesfürchtigen Zeitgenossen spricht, ist Heilung und Wiederbelebung nur durch den Messias möglich. Der Verweiss, dass die Wiederherstellung am dritten Tag geschehen wird, ist sehr merkwürdig. Vielleicht in Anlehnung an 4Mose 19,12; 2Kön 20,5. Doch gerade in Bezug auf die Auferstehung von Jesus wird der dritte Tag besonders hervorgehoben. Daher könnte diese Prophetie im Zusammenhang mit der Auferstehung von Jesus am dritten Tag in Zusammenhang gebracht werden.

3. Jesus sagt seine Auferstehung voraus

 

3.1 Bei Cesaräa Philippi

Nach dem sogenannten Petrusbekenntnis beginnt Jesus seine Jünger darauf vorzubereiten, was mit ihm in Jerusalem geschehen wird. So schreibt Matthäus: „Von der Zeit an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem hingehen müsse und von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten vieles leiden und getötet und am dritten Tag auferweckt werden müsse.“ (Mt 16,21; Lk 9,22). Markus ergänzt: „Und er fing an, sie zu lehren: Der Sohn des Menschen muss vieles leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern3 und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. Und er redete das Wort mit Offenheit.“ (Mk 8,31-32a). Diese Ansage stößt auf völliges Unverständnis bei Petrus, der seinen Meister unter allen Umständen davor bewahren will. Ein leidender und sterbender Messias passt nicht in ihre Vorstellung von der Erlösung Israels und der Wiederherstellung des Davidischen Reiches. Doch Jesus lässt sich nicht beirren, das „muß“ bezieht nicht nur das Leiden und Sterben, sondern auch auf die Auferstehung am dritten Tag.

 

3.2 In Galiläa

Jesus kommt wieder nach Galiläa und wiederholt seine Voraussage in Bezug auf sein Sterben und Auferstehen. So berichtet Matthäus: „Als sie sich aber in Galiläa aufhielten, sprach Jesus zu ihnen: Der Sohn des Menschen wird überliefert werden in der Menschen Hände, und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferweckt werden. Und sie wurden sehr betrübt.“ (Mt 17,22-23). Da sie innerhalb kurzer Zeit zum zweiten Mal diese Voraussage zu hören bekommen, ist die Reaktion völlig anders als beim erstenmal.

 

 

3.3 Auf dem Weg hinauf nach Jerusalem

Der Evangelist Matthäus schreibt: „Und als Jesus nach Jerusalem hinaufging, nahm er die zwölf Jünger allein zu sich und sprach auf dem Weg zu ihnen: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden, und sie werden ihn zum Tode verurteilen; und sie werden ihn den Nationen überliefern, um ihn zu verspotten und zu geißeln und zu kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferweckt werden.“ (Mt 20,17-19; Lk 18,33). Jesus wird nicht müde, die Jüngern über den Ausgang seines Lebens in Jerusalem aufzuklären.

 

3.4 Im Winter des Jahres 33 in Jerusalem

In der bedeutenden Rede vor dem Volk im Tempel über den guten Hirten, sagte Jesus: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, um es wiederzunehmen. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder   zu nehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“ (Joh 10,17-18).

Hier betont Jesus unter anderem, dass er selbst bei seiner Auferstehung mitbeteiligt ist. Ab jetzt spricht er offen vor dem gesamten Volk über seinen Ausgang.

 

3.5 Am letzten Abend nach dem Passamahl und der Stiftung des Neuen Bundes

Wäjrend seiner Abschgiedsreden kommt Jesus auch die kurze Trennung zu sprechen und merkt, dass die Jünger ihn nicht verstehen. „Jesus erkannte, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Forscht ihr darüber miteinander, dass ich sagte: Eine kleine Weile, und ihr seht mich nicht, und wieder eine kleine Weile, und ihr werdet mich sehen?  Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dass ihr weinen und wehklagen werdet, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird zur Freude werden. Die Frau hat Traurigkeit, wenn sie gebiert, weil ihre Stunde gekommen ist; wenn sie aber das Kind geboren hat, gedenkt sie nicht mehr der Bedrängnis um der Freude willen, dass ein Mensch in die Welt geboren ist. Auch ihr nun habt jetzt zwar Traurigkeit; aber ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch.“ (Joh 16,19-23). Wie liebevoll und einfühlsam bereitet Jesus die Jünger auf seinen bevorstehenden Weggang und baldige Wiederkehr vor. Denn der schmerzliche Prozess des Verlustes wird schon bald (durch seine Auferstehung) in Freude verwandelt werden, die nicht mehr unterbrochen wird.

 

3.6 Auf dem Weg zum Garten Gethsemane

Der Evangelist Markus schreibt: „Jesus spricht zu ihnen: Ihr werdet euch alle ärgern, denn es steht geschrieben: Sacharia 13,7_ „Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden zerstreut werden.“ Nachdem ich aber auferweckt sein werde, werde ich euch voran nach Galiläa gehen.“ (Mk 14,27-28). Jesus weiß, was ihm bevorsteht und wie es ausgehen wird. Er pflegte zu seinen Jüngern zu sagen: „Schon jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“ (Joh 13,19). Oder:  „Und jetzt habe ich’s euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es nun geschehen wird.“ (Joh 14,29). Der Grund, die Motivation für die Voraussage ist: Glauben wecken, Glauben fördern und Glauben festigen.

 

4. Die Aufersweckung/Auferstehung von Jesus und die Begleiterscheinungen

4.1 Die Auferstehung von Jesus – ein Gottesgeheimnis

Über den Prozessverlauf der Auferweckung, bzw. Auferstehung von Jesus gibt es keine Detailinformationen. Aus verschiedenen Texten wird jedoch deutlich, dass der Körper von Jesus der Verwesung nicht preisgegeben wurde. Aber auch, dass Jesus nicht in den früheren physischen Körper zurückkehrte, sondern in einem verklärten, verwandelten Körper auferstand (Apg 2,31; 13,37; Phil 3,20-21; 1Kor 15,35-49).

 

4.2 Die Auferstehung von Jesus am ersten Tag der Woche – Beginn der Neuschöpfung

Die Auferweekung von Jesus geschieht am ersten Tag der jüdischen Woche und erinnert an den ersten Schöpfungstag, bei dem Gott das Licht aus der Finsternis hervorrief (1Mose 1,1-2). Hier jedoch wird das wahrhaftige Licht aus der Finsternis des Todes und Grabes herausgerufen. „Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“ (Joh 1,9). Hier erkennt man eine Kontinuität im Handeln Gottes. Zuerst das Physischmaterielle, danach das Geistliche, zuerst das Irdische, danach das Himmlische (1Kor 15,35-49).

 

4,3 Jesus verlässt seine vorübergehende Grabstätte

Ein wichtiger Aspekt, der nicht oft bedacht und erwähnt wird ist, dass Jesus kein eigenes Grab hesaß. Die Regel im Judentum war, noch zu Lebzeiten für sich und seine Familie eine Grabstätte zu erwerben. Dafür gibt es viele Beispiele in der Geschichte des Alten Testamentes (Abraham, Isaak, Jakob, Josef, David u. a. m.). Das Felsengrab, in das Jesus gelegt wurde, gehörte einem reichen Ratsherr mit Namen Josef aus Arimathäa. Seine Liebestat ist umso wertvoller, weil er ja nicht damit rechnete seine Begräbnisstätte zurückzubekommen.

  • Jesus war Häusererbauer, doch für sich selbst baute er kein eigenes Haus – Er erhob keinen Anspruch auf territorialen Besitz im Land in dem er lebte und wirkte;
  • Jesus liebte und schätzte die Familie in der er aufwuchs, doch für sich selbst gründete er keine eigene Familie – Er hegte keine Ambitionen auf eine Familiendynastie in dieser Welt;
  • Jesus besorgte sich zu seinen Lebzeiten auch kein eigenes Grab – denn für die drei Tage und drei Nächte (eigentlich nur etwa 37 Stunden) wurde ihm eine neue und noch nicht benutzte Grabstätte zur Verfügung gestellt.

Es ist also nicht korrekt, die Stätte, wo seit Jahrhunderten die sogenannte Grabeskirche (seltener die Auferstehungskirche genannt) steht, als das `Grab Jesu` zu bezeichnen. Um diese Grabstätte wurde im Laufe der Jahrhunderte viel Gekämft und viel Blut vergossen. Bis heute geht es mehreren Konfessionen um den territorialen Anspruch auf die Grabeskirche oder einen Teil davon. Dies kann keinesfalls im Sinne von Jesus sein. Mit aller Wahrscheinlichkeit hat Josef später seine Grabstätte für sich und seine Familienangehörigen benutzt, denn laut den Berichten des Neuen Testamentes gibt es keine Anhaltspunkte für die Pflege der Grabstätte in der der Körper von Jesus vorübergehend lag. Nein, Jesus hatte kein eigenes Grab!

 

4.4 Ein Engel erscheint in unbeschreiblichem Lichtglanz und die Erde bebt

Der Evangelist Matthäus schreibt: „„Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee.“ (Mt 28,2-3). Erst vor zwei Tagen bebte die Erde und zwar zum Zeitpunkt des Todes von Jesus (Mt 27,51). Jetzt, in den frühen Morgenstunden des ersten Tages der Woche  wird Jerusalem und Umgebung erneut erschüttert. Zeitgleich werden durch das Erdbeben auch viele Felsenggräber geöffnet. Leicht vorstellbar, dass auch die Menschen in Jerusalem und Umgebung aus dem natürlichen Schlaf gerissen wurden.

Nach dem Text besteht ein enger Zusammenhang zwischen dem Erdbeben und dem Herabkommen des himmlischen Boten, es geschieht gleichzeitig. Doch der Stein an der Grabestür rollt nicht weg durch das Beben der Erde, wie es bei den anderen Felsengräbern der Fall war, sondern durch die Hände des Engels. Er wälzt diesen Stein davon und setzt sich darauf, was für ein Anblick der Souveränität in diesem Handeln? Nun übernimmt er die Regie, allerdings nicht für die Bewachung des Leichnams, sondern für die Bewachung des leeren Grabes. Eigentlich sind jetzt die Soldaten überflüssig geworden. Wahrscheinlich haben die Wachen diese Erscheinung mitbekommen, bevor sie wie tot hingefallen sind. Dadurch wurde für sie der übernatürliche Eingriff erkennbar.

 

4.4 Das Grab war leer – der Leichnam war nicht mehr da

Als die Wachen wieder zu sich kamen, stellten sie fest, dass das Grab leer war. Die Furcht und der Schrecken von vorher erfasst sie aufs neue. Denn sie haften mit ihrem Leben für die Sicherung des Grabes und der Unversehrtheit des Leichnams. Sie können jedoch feststellen, dass der Leichnam nicht geraubt wurde. Denn auch noch kurze Zeit später sind die Leinenen Tücher im Grab und zwar ordentlich zusammengerollt, so der Augenzeuge Johannes (Joh 20,4-7). Grabraub ist also völlig ausgeschlossen, denn Grabräuber hätten das Grab nicht in solch einer Ordnung zurückgelassen.

 

4.5 Viele verstorbene Heilige wurden auferweckt und erschienen vielen in Jerusalem

Die Informationen, welche Matthäus in Kapitel 27,51b-53 beschreibt, sind ein Einschub, bzw. eine Vorwegnahme dessen, was zeitlich erst im Anschluß an die Auferstehung Jesu geschehen ist. So schreibt er: „(…) und die Grüfte öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt,  und sie gingen nach seiner Auferweckung aus den Grüften und gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen..“ Beachten wir die zeitliche Angabe des Evangelisten „nach seiner Auferweckung“. Jesus musste der Erste sein in allem, wie später der Apostel Paulus hervorhebt: „Nun aber ist Christus aus den Toten auferweckt, der Erstling der ntschlafenen;“ (1Kor 15,20). Dabei bekommt man den Eindruck, dass Jesus mit seiner Auferstehung aus den Toten viele mit sich nimmt. Später sagte er im Rückblick: „Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.“ (Offb 1,17b-18). Er ist nun der Schlüsselberechtigte. Er hat einen Ausgang aus dem Reich des Todes geschaffen, ja er selbst ist der Ausgang aus dem Tod zum Leben. Dieses einzigartige Wirken Gottes ist in gewissem Sinne eine beispielhafte Vorwegnahme dessen, was bei der Wiederkunft Jesu am jüngsten Tag allen Gläubigen zugesichert wurde.

 

5. Hinweise (Indizien) für die Glaubwürdigkeit der Auferstehung von Jesus

 

5.1 Bedenken, Befürchtungen und Unruhe der Hohenpriester

5.1 Bedenken, Befürchtungen und Unruhe der Hohenpriester

Der Ev. Matthäus schreibt: „Am nächsten Tag aber, der auf den Rüsttag1 folgt, versammelten sich die Hohenpriester und die Pharisäer bei Pilatus und sprachen: Herr, wir haben uns erinnert, dass jener Verführer sagte, als er noch lebte: Nach drei Tagen stehe ich wieder auf. So befiehl nun, dass das Grab gesichert werde bis zum dritten Tag, damit nicht etwa seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferweckt worden. Und die letzte Verführung wird schlimmer sein als die erste. Pilatus sprach zu ihnen: Ihr sollt eine Wache haben. Geht hin, sichert es, so gut ihr könnt! Sie aber gingen hin und sicherten, nachdem sie den Stein versiegelt hatten, das Grab mit der Wache.“ (Mt 27,62-66). Am folgenden Tag, also dem Sabbat, können sich die Hohenpriester nicht so richtig auf ihren Tempeldienst konzentrieren. Zusammen mit den Pharisäern sind sie sehr unruhig in anbetracht dessen, was bereits am Vortag geschehen war. Verstärkt wurde diese Unruhe auch noch durch die Erinnerung an die Worte von Jesus über seine Auferweckung am dritten Tag (Mt 12,39-40). Es ist ziemlich sicher, dass sie dies zwar nicht glaubten, doch die dreißte Reaktion des Petrus mit dem Schwert im Garten Gethsemane, bringt sie auf die Idee (den Verdacht), die Jünger könnten in einer Nachtaktion den Leichnam aus dem Grab stehlen und behaupten, Jesus wäre auferstanden. Sie wollen unvorhersehbaren Entwicklungen vorbeugen. Und so erscheinen sie bei Pilatus dem Statthalter, den sie in ihre Überlegungen einbeziehen und von ihm eine Wache anfordern wollen. Hier stellen sich einige Fragen, wie zum Beispiel:

  1. Wer war zuständig für den Leichnam?
  2. Warum begaben sich die Hohenpriester in die Abhängigkeit des Statthalters, anstatt ihre eigene Tempelwache am Grab aufzustellen?

Wie der Ev. Markus berichtet, war der Statthalter auch für den Leichnam des Gekreuzigten Jesus  zuständig (Mk 15,43). Doch nachdem er dem Josef erlaubte den Leichnam von Jesus abzunehmen, endete auch seine Zuständigkeit. So schreibt Markus: „(…) kam Josef von Arimathäa, ein angesehener Ratsherr, der selbst auch das Reich Gottes erwartete, und er wagte es und ging zu Pilatus hinein und bat um den Leib Jesu. Pilatus aber wunderte sich, dass er schon gestorben sein sollte; und er rief den Hauptmann herbei und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei. Und als er es von dem Hauptmann erfuhr, schenkte er Josef den Leichnam.“ (Mk 15,43-45). Nun gehörte der Leichnam von Jesus dem Josef und er sorgte für eine würdige Bestattung desselben und zwar in seinem eigenen, neu aus dem Fels gehauenem Grab. Diese öffentliche Tat konnte den Hohenpriestern nicht verborgen geblieben sein. Trozdem wollen sie nicht ihre eigene Tempelwache einsetzen, sondern die des Statthalters. Wollen sie ihm schmeicheln, oder ihre eigenen Leute schonen? Aus dem Bericht über die Festnahme von Jesus und der Apostelgeschichte 4,1 und 5,24 erfahren wir von der Einsatzbereitschaft der Tempelwache, welcher ein Hauptmann vorstand. Vermutlich wollten sie nicht ihre eigenen Leute dafür einsetzen, denn gegen einen befürchteten nächtlichen Überfall der Jünger, wären die römischen Wachsoldaten auf jeden Fall besser gerüstet. Unterstellen kann man der Tempelbehörde, dass sie ihre eigenen Vorteile suchen. Ihre Anfrage an den Statthalter lautete: „So befiehl nun (ordne an), dass das Grab gesichert werde bis zum dritten Tag, (…)“. Das hört sich nach einer Aufforderung an. Die Antwort des Pilatus ist sehr kurz formuliert und daher für uns heute nicht ganz eindeutig. Zwei Varianten der Übersetzung untersuchen wir hier:

  1. Ihr habt `ἔχετε – echete` (eine) Wache. Geht hin, sichert es, wie ihr wisst.“

In diesem Fall würde Pilatus auf das Vorhandensein der Tempelwache anspielen, die unter dem Befehl der Tempelbehörde stand. Nach dem Motto: „Ihr habt ja eine Wache, geht hin, sichert ab, wie ihr denkt“. Pilatus hatte nicht mehr die Verantwortung für den Leichnam. Warum soll er den Juden auch noch diesen Gefallen tun, nachdem sie ihn bereits am Vortag so sehr unter Druck gesetzt hatten?

  1. Habt `ἔχετε – echete` (eine) Wache. Geht hin, sichert es, wie ihr wisst.

Wenn das gr. Verb `ἔχετε – echete` von Pilatus im Imperativ ausgesprochen wurde, dann wäre anzunehmen, dass er ihrer Aufforderung nachgab und ihnen eine Wache zur Verfügung stellte. Schließlich kann es auch nicht in seinem Interesse sein, dass wegen eines Leichnams der eventuell gestohlen wird, eine weitere Unruhe im Volk entsteht. Auch könnte es in seinem Interesse gewesen sein, den Juden einen weiteren Gefallen zu tun, der ihn nichts kostete außer einigen seiner Soldaten eine zusätzliche Beschäftigung zu verschaffen. Und nicht zuletzt, um mehr Kontrolle und Einfluss bei den Juden zu haben.

Bei der ersten Variante wären die Juden verärgert umgekehrt, oder weitere Begründungen für ihre Vorderung angeführt. Es deutet aber nichts darauf hin, sondern der Text geht fließend weiter mit: „Sie aber gingen hin und sicherten …“.

Die Bezeichnung der `Wache` gr. `κουστωδίαν – koustodian`, kommt insgesamt nur drei mal und nur in der Geschichte mit der Überwachung des Grabes vor. Es scheint also eine typische Bezeichnung zu sein für die römischen Wachen. In allen anderen Geschichten, wo von `Wachen` (aber auch vom Gefängnis Apg 5,25) im jüdischen Kontext die Rede ist, wird der Begriff `φυλακὴν – fylak¢n` verwendet (Neh 4,16.17; Apg 5,23; 12,10.19).

Wenn wir von der Situation, die uns in der Apostelgeschichte 12,4 geschildert wird ausgehen, so könnte auch die von Pilatus zur Verfügung gestellte Wache aus vier Viererschaften von Wachsoldaten bestanden haben. In Begleitung der Wachsoldaten versiegelten die Hohenpriester das Grab (nachdem sie sich vergewissert hatten, dass der Leichnam im Grab ist). Sicher war den Hohenpristern bewusst, dass sie mit ihrer Handlung das Sabbatgebot übertreten, auch wenn sie andere Personen beauftragten die Arbeit zu machen (Joh 5,10-12). Die Wachsoldaten hafteten mit ihrem Leben für die Sicherheit des Grabes und des Leichnams (vgl. dazu Apg 12,19).

5.2 Die Soldaten sagen die Wahrheit

Matthäus schreibt weiter: „Als sie (die Frauen) aber hingingen, siehe, da kamen einige von der Wache in die Stadt und verkündeten den Hohenpriestern alles, was geschehen war.“ (Mt 28,11).

Es ist anzunehmen, dass die Wachen nicht ohne weiteres das Grab verlassen durften. Daher sind es nur einige von der Wache, die zu den Hohenpriestern ihren Auftraggebern gehen, um ihnen von dem Geschehenen zu berichten. Die soldaten hatten keinen Grund, nicht die Wahrheit zu sagen, denn jede andere, eilig erdachte Schilderung der Ereignisse, hätte sie in zusätzliche Erklärungsnot und noch größere Schwierigkeiten gebracht.

Ausdrücklich heißt es im Text, dass sie alles erzählten, was geschehen war. Demnach berichten sie auch von dem Zustand des durch den Engel geöffneten Grabes. Ganz offensichtlich ist der Leichnam von Jesus nicht entwendet worden. Dafür spricht der Umstand, dass die leinenen Tücher nicht nur im Grab blieben, sondern auch noch ordentlich zusammengerollt wurden, so der Augenzeugenbericht des Johannes, der später zusammen mit Petrus das Grab besuchte. „Es liefen aber die beiden miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam als Erster zum Grab, schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein. Da kam Simon Petrus ihm nach und ging hinein in das Grab und sieht die Leinentücher liegen, und das Schweißtuch, das auf Jesu Haupt gelegen hatte, nicht bei den Leinentüchern, sondern daneben, zusammengewickelt an einem besonderen Ort.“ (Joh 20,4-7). Dieses Bild der völligen Ordnung zeigte sich auch den Soldaten. So konnten sie mit Sicherheit und Überzeugung berichten, dass der Leichnam nicht entwendet wurde, während sie eine zeitlang wie tot waren. Im Falle eines Dienstahls hätte man die Leinenen Tücher nicht vom Leibe genommen und schon gar nicht diese ordentlich zusammengewickelt.

 

5.3 Die Hohenpriester glauben der Schilderung der Soldaten

Die Hohenpriester ihrerseits glaubten dem Bericht der Wachsoldaten, denn nichts spricht dafür, dass sie die Schilderung der Soldaten angezweifelt hätten. Musste doch ihnen bewusst geworden sein, dass die dreistündige Finsternis vor zwei Tagen, das Erdbeben und der zerrissene Vorhang im Tempel im Zusammenhang mit der Kreuzigung von Jesus zu tun hat. Auch das Erdbeben an diesem frühen Morgen konnte leicht in Zusammenhang mit den von den Soldaten geschilderten Ereignissen gebracht werden. Nein, die glaubwürdige Schilderung der verängstigten Soldaten konnten sie nicht infrage stellen. Und spätestens jetzt hätten die Hohenpriester erkennen und zugeben müssen, dass sie offensichtlich gegen Gott kämpfen. Unglaube, Stolz, Machtgier, führten bei ihnen zur Verhärtung des Herzens und schließlich zur Verblendung. Mit ihrer Bitte bei Pilatus um eine Wache, haben sie sich selbst in Schwierigkeiten und in Erklärungsnot gebracht.

 

5.4 Durch Schweige- und Scmiergeldzahlungen soll die Wahrheit vertuscht werden

Matthäus schreibt weiter: „Und die (Hohenpriester) kamen mit den Ältesten zusammen, hielten Rat und gaben den Soldaten viel (genug) Geld und sprachen: Sagt, seine Jünger sind in der Nacht gekommen und haben ihn gestohlen, während wir schliefen. Und wenn es dem Statthalter zu Ohren kommt, wollen wir ihn beschwichtigen und dafür sorgen, dass ihr nichts zu fürchten habt.“ (Mt 28,12-14). Die Hohenpriester missbrauchten den Tatbestand in dem Bekenntnis der Soldaten, bei der Erscheinung des Engels – wie tot umgefallen zu sein – zu ihren Gunsten, um eine lügenhafte Version zu kreieren, nach der die Soldaten den Grabraub verschlafen hätten. Wie peinlich muss das für die Soldaten gewesen sein, solche Geschichte von sich in aller Öffentlichkeit erzählen zu müssen. Wie absurd doch diese Version ist – denn wie konnten sie im Schlaf mitbekommen haben, dass es die Jünger gewesen wären? Und dies öffentlich zuzugeben vor allen glich für die Soldaten dem eigenen Todesurteil. Doch sie haben keine Wahl.

Schweige- und Schmiergelder fließen reichlich und da die Besoldung der einfachen Soldaten sehr niedrig war, gehen sie auf den Diel mit den Oberpriestern ein. Zusätzlich bekommen sie die Zusicherung der Fürsprache beim Statthalter im Falle wenn die Sache ihm zu Ohren kommen sollte. Welche Klimmzüge werden da gemacht, um die Wahrheit zu verschleiern? Was für ein negatives Beispiel geben doch die Verantwortlichen in Israel den Heiden?

 

5.5 Es fand keine Suchaktion des Leichnams statt

Matthäus schließt diesen Teil mit den Worten: „Sie aber nahmen das Geld und taten, wie sie unterrichtet worden waren. Und diese Rede verbreitete sich bei den Juden bis auf den heutigen Tag.“ (Mt 28,15). Auch die römischen Soldaten sind nicht frei von Korruption und Lüge, hat doch schon ihr Vorgesetzter nicht ohne Ironie gefragt: „was ist Wahrheit?“ (Joh 18,38). Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass sich nicht alle Soldaten an diese Abmachung gehalten haben, bedenkt man die Reaktionen des Haupptmanns und seiner Untertanen am Kreuz kurz nach dem Sterben von Jesus (Mt 27,54).

Sicher hatten die Jünger von Jesus die Schilderung der Soldaten in den Strassen von Jerusalem mitbekommen. Dies könnte der Grund gewesen sein für ihre Furcht vor den Juden, die möglicherweise gerne auf Spurensuche gegangen wären (Joh 20,19). Nach logischem Denken aber, wäre es nicht im Interesse der Hohenpriester gewesen, eine Befragung der Jünger vorzunehmen oder gar eine Suchaktion des Leichnams zu veranlassen, wussten sie doch dass der Leichnam nicht gestohlen wurde und daher auch nicht auffindbar wäre. Die Tatsache also, dass die Hohenpriester den Jüngern nicht nachstellten und keine Suchaktion des Leichnams starteten, ist ein weiterer Beleg für die Tatsache der Auferstehung von Jesus.

 

5.6 Die Wahrheit bricht sich Bahn

Trotz der weit verbreiteten Lüge im Volk der Juden, glaubten bereits nach wenigen Wochen Tausende an den auferstandenen Jesus. Bald nach Pfingsten kamen sogar viele Priester zum Glauben an den auferstandenen Christus Jesus. So berichtet Lukas: „Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“ (Apg 6,7).

 

6. Die Erscheinungen von Jesus während der vierzig Tage

  • Füh am Morgen des ersten Tages erschein der Auferstandene zuerst Maria der Magalena (Joh 20,15-18).
  • Danach erscheint Jesus einer Gruppe von Frauen, die auf die Anweisung der Engel das leere Grab verlassen hatten und sich auf dem Weg in die Stadt zu den Jüngern befinden (Mt 28,9-10).
  • Im Laufe des Tages erscheint Jesus dem Simon Petrus wie Lukas kurz festhält (Lk 24,34).
  • Am Spätnachmittag begegnet Jesus dem Kleopas und seinem Freund auf dem Weg nach dem Dorf Emmaus (Lk 24,13-33).
  • Spät am Abend des ersten Tages erscheint Jesus seinen Jüngern (einschließlich der zwei sogenannten Emmausjüngern) hinter verschlossenen Türen, allerdings ohne Thomas (Joh 20,19-24).
  • Nach einer Woche begegnete Jesus wieder seinen Jüngern in Jerusalem, diesmal war Thomas dabei (Joh 20,25-29).
  • Zwischendurch begegnete Jesus dem Jakobus, wie der Ap. Paulus schreibt (1Kor 15,7).
  • Eine weitere Begegnung Jesu mit sieben Jüngern findet am Ufer des Sees von Tiberias statt und zwar in unmittelbarer Nähe von Kapernaum (Joh 21,1-14).
  • Die bekannteste Begegnung beschreibt der Evangelist Matthäus – diese findet auf einem Berg in Galiläa statt (Mt 28,16-29). Bei dieser Begegnung gibt Jesus den Auftrag zur Evangelisation unter allen Völkern.
  • Wenig bekannt ist die Erscheinung von Jesus bei der mehr als fünfhundert Brüder auf einmal dabei waren, wie der Ap. Paulus in 1Korinther 15,6 bestätigt.
  • Danach trifft Jesus sich mit seinen Jüngern in Jerusalem in einem Haus (Lk 24,42-50; Apg 1,4-8).
  • Das letzte Treffen und die Erhöhung in den Himmel findet auf dem Ölberg statt (Lk 24,51-52; Apg 1,9-12).

Details zu diesem 6. Abschnitt unter dem Link: http://gottesgeheimnis.net/2017/04/15/die-tatsache-der-auferstehung-von-jesus/

7. Auswirkungen der Auferstehung von Jesus

  • Die mutige und vollmächtige Verkündigung der Apostel – „mit großer Kraft gaben die Aposteln Zeugnis von der Auferstehung Jesu“
  • Allein in der Apostelgeschichte wird von den Aposteln nahezu zwanzigmal auf die Auferstehung von Jesus Bezug genommen. Der Schwerpunkt in der Verkündigung ist also die Auferstehung von Jesus aus den Toten, als unbedingte Folge des Leidens und Sterbens von Jesus. Ebenso einen breiten Raum nimmt diese zentrale Botschaft in den Briefen der neutestamentlichen Autoren ein (Apg 1,3.21.22; 2,20-32. 34; 3,15.26; 4,1-2.10.33; 5,30; 10,40.41; 13,33.37; 17,31; 22,6; Röm 1,4; 6;4; 10,9; 1Kor 6,14; 15,4.16.17; Gal 1,1; Kol 2,12; 1Thes 4,14; 1Petr 1,21; 2Tim 2,8; Offb 1,18).

 

8. Schlussfolgerungen

8.1 Welche Auswirkungen hat die Auferstehung von Jesus in unserem persönlichen Leben?

8.2 In meiner Gebetsgemeinschaft mit Gott?

8.3 In unserem Dienst in der Gemeinde?

8.4 In unserem Zeugnis vor der Welt?

8.5 In Fragen der Lebensgestaltung?

8.6 In Zeiten des Älterwerdens?

´8.7 Im Anblick des Sterbens?

8.8  Ia, sogar in den Angelegenheiten der Bestattung?

Veröffentlicht unter Aus dem Leben von Jesus, Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Nebo – der Berg von wo aus Mose das Gelobte Land überblickte

Nebo – der Berg von wo aus Mose das Gelobte Land überblickte

Bei Madaba biegen wir rechts ab immer der Beschilderung `Nebo` nach. Das Weiträumige Gelände (808 Meter über dem Meer) ist umzäunt. Unser Reiseleiter kauft für uns die Eintrittskarten und wir gelangen in eine gartenähnliche Anlage. Palmen, Tamarisken säumen die Gehwege, das Gelände ist sauber und gepflegt. Wir kommen zu einem Aussichtspunkt, von dem man eine gute Aussicht bekommt hinab ins Jordantal, das tief unten gelegene Tote Meer und die dahinterliegenden Judäischen Berge.

IMG_9153

Abbildung 1 Die Aussicht vom Berg Nebo (Foto: 4. November 2014).

Die Aussicht vom Berg Nebo ist atemberaubend schön. Bei klarer Sicht kann man den Turm der evangelischen Himmelfahrtskirche auf dem Ölberg erkennen.  (Foto: P.S. 4.

Die Sicht ist nicht so wie zur Zeit Moses, der vor etwa dreieinhalbtausend Jahren mit seinen guten Augen einen weiten Blick über das Gelobte Land hatte. Übrigens ist die heutige Nebo-Stelle, deren traditionelle Anfänge in das 4. Jahrundert zurückgehen, nicht Gipfel eines Berges oder Gebirges, wie es in den Mosetexten heißt, sondern eher das Ende eines flachabfallenden Plateaus, das an seinem Westende ziemlich steil nach Westen hin abfällt und so die Sicht besonders in diese Richtung und auch nach Norden hin freigibt. Auf einer großen Tafel sind durch Pfeile die verschiedenen in der Ferne liegende Städte markiert mit Angaben der Entfernung.

IMG_9172

Abbildung 2 Mosaikfußboden aus der christlichen Kirche aus Byzantinischer Zeit (Foto: 4. November 2014).

Die erste Erwähnung der Kirche auf dem Berg Nebo (heute im Besitz des Katholischen Franziskanerordens), geht auf das Jahr 393 zurück. Sie ist im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut worden und wird zur Zeit restauriert, so dass man die Mosaiken des Kirchenfußbodens in einem dafür aufgestellten Zelt bewundern kann.

Im Leben von Mose spielten Berge oder bestimmte Berggipfel eine wichtige Rolle.

  • Der Gottesberg Horeb (Sinai), auf dem er Gott begegnete und von ihm die 2 Tafeln des Bundes erhielt,
  • Der Berg Hor, auf dem er zusammen mit Eleasar, seinen älteren Bruder Aaron begrub,
  • Und schließlich Nebo, der Gipfel des Gebirges Pisga oder Abarim, von dem aus er das Gelobte ‚Land überblicken durfte und auf dem er auch starb.

Am Ende der 40-jährigen Wüstenwanderung der Israeliten sprach Gott zu Mose: „Geh auf das Gebirge Abarim, auf den Berg Nebo, der da liegt im Lande Moab gegenüber Jericho, und schaue das Land Kanaan, das ich den Israeliten zum Eigentum geben werde“ (5Mose 32,49).

Und Mose stieg aus dem Jordantal der Moabiter auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land: Gilead bis nach Dan  und das ganze Naftali und das ganze Land Ephraim und Manasse und das ganze Land Juda bis an das Meer im Westen und das Südland und die Gegend am Jordan, die Ebene von Jericho, der Palmenstadt, bis nach Zoar. Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. So starb Mose, der Knecht des HERRN, daselbst im Lande Moab nach dem Wort des HERRN“ (5Mose 34,1-5).

Noch vor der Bergbesteigung versuchte Mose Gott zu überreden, ihn über den Jordan ziehen zu lassen: „Aber der HERR war erzürnt auf mich um euretwillen und erhörte mich nicht, sondern sprach zu mir: Lass es genug sein! Rede mir davon nicht mehr“ (5Mose 3,26)! Für ihn als Leiter legte Gott ein besonders hohes Maß an. Der Berg Nebo wäre nie so sehr in die Geschichte eingegangen, wenn nicht Mose und Aaron beim Haderwasser in Kadesch Barnea versagt hätten. Folgendes geschah etwa 11 Monate zuvor in Kadesch (Wüste Zin-Südkanaan): „Und Mose und Aaron versammelten die Gemeinde vor dem Felsen und er sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen?Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit dem Stab zweimal. Da kam viel Wasser heraus, sodass die Gemeinde trinken konnte und ihr Vieh. Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: Weil ihr nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den Israeliten, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde. Das ist das Haderwasser, wo die Israeliten mit dem HERRN haderten und er sich heilig an ihnen erwies“ (4Mose 20,10-13). Erstens versäumte Mose mit der Aussage:werden wir wohl euch Wasser geben können“, Gott die Ehre zu geben und zweitens schlug er den Felsen zweimal mit seinem Stab anstatt zum Felsen nur zu reden, wie der Herr ihm geboten hatte, – das ist eigenmächtiges Handeln (4Mose 20,7), Aber Gott ist nicht unbarmherzig zu Mose, denn die Strapazen der Landnahme werden ihm erspart, er darf nach getaner Arbeit noch vor den übrigen Israeliten in Gottes Ruhe eingehen. Er starb zwar auf dem Berg Nebo, doch begraben wurde er von Gott (oder einem göttlichen Boten) an einer unbekannten Stelle, nur die Gegend der Beisetzung seines Leichnams wurde angegeben. „Und er (der Herr) begrub ihn im Tal, im Lande Moab gegenüber Bet-Peor. Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag“ (5Mose 34,6). Etwas geheimnisvoll schreibt Judas (der Bruder des Herrn) über eine Außeinandersetzung des himmlischen Boten mit dem Teufel wegen Moses Leichnam: „Als aber Michael, der Erzengel, mit dem Teufel stritt und mit ihm rechtete um den Leichnam des Mose, wagte er nicht, über ihn ein Verdammungsurteil zu fällen, sondern sprach: Der Herr strafe dich(Judas 9)! Gott hat es verhindert, dass mit dem Grab von Mose ein Wahlfahrtsort entsteht, oder sein Leichnam verehrt wird.

Und Mose war hundertundzwanzig Jahre alt, als er starb. Seine Augen waren nicht schwach geworden und seine Kraft war nicht verfallen. Und die Israeliten beweinten Mose im Jordantal der Moabiter dreißig Tage, bis die Zeit des Weinens und Klagens über Mose vollendet war“ (5Mose 34,7-8).

Und es stand hinfort kein Prophet in Israel auf wie Mose, den der HERR erkannt hätte von Angesicht zu Angesicht, mit all den Zeichen und Wundern, mit denen der HERR ihn gesandt hatte, dass er sie täte in Ägyptenland am Pharao und an allen seinen Großen und an seinem ganzen Lande, und mit all der mächtigen Kraft und den großen Schreckenstaten, die Mose vollbrachte vor den Augen von ganz Israel“ (5Mose 34,10-12).

 

Veröffentlicht unter Reiseberichte, Video | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Unterwegs mit Jesus


 UNTERWEGS MIT JESUS

1-Kapernaum-Juli 1994-39022

Abbildung 1 Kapernaum am Nordufer des Sees von Genezaret. Von dem Ausgrabungsgelände ist wegen dem vielen Grün nicht viel zu sehen, dafür aber sticht die östlich der alten Hafenstadt gelegene griechisch-orthodoxe Kirche mit ihrer roten Kuppel deutlich hervor (Foto: Juli 1994).

Abbildung 2 Die Mündung des Jordan in den See Genezaret (Foto: R. Luft Juli 1994).

Abbildung 2 Das Nordost- und Ostufer des Sees von Genezaret. Der dichte Baumbestand markiert den Verlauf des Jordan unmittelbar vor seiner Mündung in den See. Im Osten des Sees steigt das Gelände steil aufwärts zum Gebiet der ehemaligen Dekapolis (heute Golanhöhen) (Foto: Juli 1994).

Abbildung 2 Das Nordost- und Ostufer des Sees von Genezaret (Foto: R. Luft Juli 1994).

Eine Bibelstudienreihe über das Leben und den Dienst von Jesus Christus für Hauskreise von Paul Schüle und Hans-Ulrich Linke

 

Vorwort

Die vorliegende Bibelstudienreihe zum Leben und dem Dienst von Jesus Christus für Hauskreise von Paul Schüle und Hans-Ulrich Linke ist in 12 Kapitel unterteilt. Damit der Leser schnell zu den gewünschten Stellen findet, sind die Kapitel in Haupt- und Unterabschnitte aufgeteilt. Die Fragen bzw. Aufgaben am Ende von jedem Abschnitt sind eine Hilfe zur Vertiefung der Themen und regen zum Eigenstudium an. Die Zeichnungen sind signiert, die Fotos von den Urhebern genehmigt, bei weiterer Verwendung nur mit Quellenangabe bzw. Angabe der Webseite. Da die vorliegende Arbeit noch nicht abgeschlossen ist, werden die einzelnen Kapitel nach und nach hochgeladen und veröffentlicht.

 

Einleitung

 

Paul Schüle, Pforzheim, und Hans-Ulrich Linke, Biebesheim, stehen im Gespräch über manche Details des folgenden Textes. Oft erstellte Paul eine Vorlage, die dann bearbeitet wurde.

 

Die Bibelzitate sind direkt übersetzt oder stammen aus der Elberfelder Übersetzung (1985/1991), Lutherübersetzung (1984/85 und 2017) oder anderen am Ort genannten Bibelübersetzungen.

Die Bibelzitate (fett und kursiv) sind im Text bewusst eingefügt worden, um die Heilige Schrift selbst sprechen zu lassen.

 

Diese Ausarbeitung wurde geschrieben, da sich die beiden Autoren an der Debatte über die Bedeutung des historischen Jesus für unsere Theologie heute beteiligen wollen. Unser Projekt besteht darin, dass Leben und Werk unseres Herrn und Erlösers Jesus geordnet – wenn möglich – chronologisch wiederzugeben. Dabei gehen wir von der kanonischen Form der Heiligen Schrift aus und nehmen die vier Evangelien in gleichberechtigter Weise zur Grundlage. Während die synoptischen Evangelien vom irdischen Jesus geprägt einen Bericht geben, ist das Evangelium nach Johannes stark vom himmlischen Jesus her geprägt. Alle vier Berichte jedoch gehen nach unserer Erkenntnis als Bekenntnistexte auf Augenzeugen zurück. Ein gebräuchliches Wort für Augenzeugen, „Beobachter“, ist in der griechischen Literatur `έπόπται epoptai`. Es wird in 2Petr 1,16 benutzt (Thiede 2006, 60). Diese sind wahrscheinlich in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts verfasst worden und sind von der frühen Kirche gemeinsam in den Kanon aufgenommen worden. Carsten Peter Thiede merkt an: „Kenner der antiken Literatur und vor allem der Geschichte bevorzugen inzwischen frühe Datierungen, nämlich vor der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus.“ (Thiede 2006, 50)

Uns ist bewusst, dass es nicht „die Biographie” von Jesus geben kann, da Geschichte immer nur interpretierte Geschichte ist. Die Evangelisten hatten den Freiraum aus den ihnen vorliegenden Informationen bestimmte Aspekte hervorzuheben oder andere wegzulassen. Die so entstandenen unterschiedlichen Darstellungen bestärken unser Vertrauen in die Historizität dieser Berichte. Bei dieser Interpretation helfen uns in besonderer Weise Prophetien und Verheißungen des Alten Testaments und die daraus abgeleiteten jüdischen Endzeiterwartungen.

Zu beachten ist dabei die zweifache Art der jüdischen Textüberlieferung. Die strikte Textüberlieferung finden wir bei der Textüberlieferung für den Gottesdienstgebrauch, Studium und bei der Arbeit des Abschreibens. Wir kennen aber auch die freiere Textüberlieferung, wie wir sie in den Lehrschriften (Haggada der Midraschim) und in den Übersetzungen (Targumim) finden. Die freiere Überlieferung lässt Raum für die theologische Arbeit der Evangelisten in Bezug auf Anordnung und Gestaltung des Rahmens. Die Harmonisierung der Evangelien ist an vielen Stellen nicht möglich, da dies auch nicht das Ziel der Autoren und der frühen Gemeinden war. Darum sehen wir dies auch nicht als unseren Auftrag an. Bei der Einarbeitung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung interessieren uns besonders die literarischen Hinweise aus dem 1. Jahrhundert vor und nach der Geburt von Jesus, sowie die kulturellen Hinweise aus dieser Zeit. Uns ist dabei bewusst, dass die Evangelien für Gemeindeglieder verfasst wurden, die schon reichlich durch mündliche Berichte informiert waren. Doch genau diese mündliche – oft apostolische – Tradition als Hintergrundinformation (siehe Apg 10,36-43) fehlt uns heute. Im Vordergrund stehen das Kennen lernen der biblischen Informationen und eine vergleichende Bestandsaufnahme der vom Heiligen Geist inspirierten vier Evangelien. Diese sind jedoch Gelegenheitsschriften an jeweils eine besondere Zielgruppe. Wir sind uns dabei bewusst, dass auch das Lesen der Evangelien eine soziale Angelegenheit ist: Wir wollen uns immer wieder fragen: Wie dachte, empfand und handelte man damals im 1. Jahrhundert in Israel und wie wir Mitteleuropäer im 21. Jahrhundert. Die Unterschiede sind wesentlich zum Verständnis der Texte. Dazu konsultieren wir literarische und kulturelle Quellen, deren Ursprung sich mit diesem Raum und dieser Zeit verbinden lassen. Uns interessieren dabei insbesondere die vielen Details im Verhältnis des Juden Jesus zu seinen Zeitgenossen – ohne gleich die späteren theologischen Streitfragen der frühen Kirchengeschichte zu reflektieren. Jesus wurde schließlich von seinen gelehrten jüdischen Zeitgenossen weder als ein alles überragender Prophet noch als ein geachteter Schriftgelehrter betrachtet. Wir sehen unseren Schwerpunkt in der Darlegung seines Verhaltens (liebt die Gesellschaft mit „Sündern“) und seiner Taten (Heilungen) und schließen von dort auf seine Reden. Wir wollen also im Auge behalten: Wo erkennen wir Jesus als einen Juden in Harmonie mit seinen Zeitgenossen und wo war Jesus ganz anders, sodass er eine Bewegung gründete, die schließlich mit dem traditionellem Judentum brach.

Die Gliederung lässt sich von geographischen und folgenden chronologischen Gesichtspunkten leiten. Jesus war wie jeder gesetzestreue Jude verpflichtet, dreimal im Jahr zu den drei großen Festen nach Jerusalem zu reisen (2Mose 34,23-24). Besonders im Johannesevangelium finden wir einige Hinweise zu seinen regelmäßigen Jerusalembesuchen (Joh 2; 5; (6); 7; 12). So ist er mindestens einmal im Jahr nach Jerusalem zum Passahfest (Lk 2,41) hinaufgegangen. Daher ist es sinnvoll, seinen Dienst während seiner über drei Jahre dauernden Wirksamkeit nach seinen Aufenthalten anlässlich der Passahfeste in Jerusalem zu gliedern. Die erarbeitete Reihenfolge verstehen wir als einen möglichen Vorschlag, wobei wir manche Schwächen erkennen. Diese Arbeit ist ein gemeinsames Werk aller Beteiligten der Studiengruppen in Pforzheim und Biebesheim, da Anregungen fortlaufend einfließen. Das erarbeitete Material richtet sich darum an Studiengruppen und Hauskreise.

 

0003-See Genezaret-0059-IMG_9028

Abbildung 3 Der See Genezaret – auch See von Tiberias – und Galiläisches Meer genannt. Das Wirken von Jesus erstreckte sich auf das gesamte umliegende Land und sogar auf den See. In seiner Länge von etwa 22 km und Breite von etwa 12 km liegt er mehr als 200 Meter unter dem NN. Dieser fischreiche Süßwassersee bildet eine einzigartige Landschaft. Der Blick von Gadara (heute: Umm Qais) reicht bis zum Libanongebirge im Norden. Links des Sees erstreckt sich Galiläa und rechts das Gebiet der biblischen Dekapolis (heute Golanhöhen) (Foto: 3. November 2014).

1. Kapitel: Die Geburt und Kindheit von Jesus

1.1 Jesus – seine menschliche Abstammung

(Bibeltexte: Mt 1,1-17; Lk 3,23-38; 1Chr 1-3; 1Mose 5,1-32)

 

1.1.1 Der Stammbaum von Jesus

Der Evangelist Matthäus schreibt seinen Bericht an eine judenchristliche Leserschaft, passend mit einem Stammbaum der Hauptperson in der Form, wie wir sie auch im Alten Testament finden: von den Wurzeln hin zum Spross. Er beschreibt die Biografie über Jesus unter thematischen Gesichtspunkten. Der Evangelist Lukas dagegen ist mehr an einer chronologischen Reihenfolge interessiert. Dieser schreibt einen Stammbaum nach griechisch-römischer Tradition: vom jüngsten Namen zurück bis auf Adam; und „der war Gottes.“

0004-5-2-2014_024

Abbildung 4 Im Inneren dieses Bauwerkes in Hebron befindet sich laut jüdischer Tradition das Grab Abrahams (Foto: April 1986).

Der Evangelist Matthäus beginnt seinen Bericht mit den Worten: Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ (Mt 1,1).

 

Und er ordnet dann den Stammbaum in drei Reihen mit je 14 Namen, evtl. weil der Zahlwert der hebräischen Schreibweise von David „14“ ist. Der am Beginn des Matthäusevangeliums verwendete griechische Begriff  `gene,sewj – geneseös` enthält mehrere Aspekte: Die Entstehung, den Ursprung, die Abkunft, die Geburt, die Geschichte. Matthäus 1,1 kann in Anlehnung an 1Mose 2,4 und 5,1 auch mit „Das Buch der Abstammung” übersetzt werden. Durch diese Stammtafel werden folgende Aspekte unterstrichen:

  • Jesus ist der verheißene und damit wahre Nachkomme Abrahams, durch den alle Völker auf Erden gesegnet werden (vgl. 1Mose 22,18 mit Gal 3,16).

HINWEIS: Frauen und Ausländer werden eher schamvoll in einem Stammbaum verschwiegen. Während in früherer Zeit offenbar keine Bedenken bestanden, dass Israeliten Frauen aus anderen Völkern nahmen (1Mose 41,45 – Josef; 2Mose 2,21; 4Mose 12,1 – Mose; vgl. auch Ri 14,1; 2Sam 11,3), wobei sich diese Frauen selbstverständlich dem israelitischen Glauben anschlossen, wird später die Ehe mit fremdstämmigen und heidnischen Frauen wegen der Gefahr des Abfalls vom Glauben verboten (vgl. 5Mose 7,1-4; 20,16ff; 21,10ff;  Esra 9.)Bewusst nennt Matthäus im Stammbaum vier Frauen, davon drei Nichtjüdinnen.

– Rahab, eine Prostituierte aus Jericho;

– Ruth, eine gottesfürchtige Moabiterin;

– Tamar, von Judas geschwängert, da er seine Schwiegertochter für eine Prostituierte hielt;

– Bathseba, von König David zur Ehefrau genommen (Kontext: Ehebruch, List und Mord).

  • Als Davids Nachkomme ist Jesus der Gesalbte (hebr.: משיח mashiach, : Χριστός Christos, lat.: Christus; deutsch: Gesalbter), also der wahre und ewige König, dessen Reich ebenso ewig ist (vgl. 2Sam 7,11-16 mit Lk 1,31-33).

Diese Abstammungslinie führt Matthäus von Abraham über David bis Josef. Dabei nennt er insgesamt 42 Generationen. Der Evangelist Lukas wählt den umgekehrten Weg und führt die Abstammungslinie von Jesus zurück über David und Abraham bis Adam. Er nennt insgesamt 77 Generationen/Glieder.

Im Vergleich zu Matthäus (42) hat Lukas von Abraham bis Christus 57 Generationen genannt, also 15 mehr für den gleichen Zeitraum. Von Adam an bis Noah scheinen in den Stammeslisten keine Lücken zu sein. Von Noah bis Abraham gibt Lukas zusätzlich “Kenan” an, den Sohn des Arpachsad. Von Abraham bis zum König David lässt Lukas “Ram” aus, hat dafür zwei andere Namen (Admin und Arni), welche in den übrigen Stammeslisten nicht vorkommen. Von David an gibt es die Königslisten, wie in den Königs- und Chronikbüchern beschrieben. Auf diese stützt sich größtenteils Matthäus, wobei er einige Könige auslässt. Er folgt einem bestimmten Muster, bei dem dreimal je 14 Generationen von Abraham bis Jesus genannt werden. Lukas muss wohl eine uns unbekannte Stammesliste genutzt haben. Sie führt nicht über Salomo, den rechtmäßigen Thronfolger Davids, sondern über Nathan, einen wenig bekannten Sohn Davids. Nathan war ein leiblicher Bruder von Salomo (1Chr 3,5; 14,4), seine Mutter hieß Bathseba (Bath Sua). Im 1. Chronikbuch, in den Kapiteln 1-12 gibt es eine umfassende Stammesliste von Adam über die zwölf Stämme bis zur babylonischen Gefangenschaft. Die Stammesliste von Adam bis Noah ist in allen Aufzeichnungen gleich (1Mose 5; 1Chr 1,1; Lk 3,36-38). Mit allen Orts- und Zeitangaben vor 1Mose 12 ist vorsichtig umzugehen. In der folgenden Tabelle sind die verschiedenen Stammeslisten zum Teil parallel aufgelistet. Dabei stellen wir fest, dass die Bibel für die Anfangszeit genauere Angaben macht, als für den Zeitraum nach der babylonischen Gefangenschaft. Die Stammeslisten geben keine lückenlose Abfolge der Generationen und daher sind die Jahreszahlen auch nicht geeignet für eine genaue Datierung. Manche Fragen bleiben unbeantwortet in Bezug auf die Unterschiede und Auslassungen in den Stammeslisten. Die Tatsache jedoch, dass es sie überhaupt gibt, unterstreicht die Geschichtlichkeit der Verwirklichung des Heilsplans Gottes mit seinem Sohn Jesus Christus in Raum und Zeit.

HINWEIS: durch Adoption und durch Stamm- bzw. Erbtöchter, die evtl. nicht genannt werden und auch durch Leviratsehen (natürlicher Vater und gesetzlicher Vater differieren, da ein Bruder dem anderen Nachkommen „erweckt“ – 5Mose 25,5-6) werden Stammbäume recht kompliziert. Vaterschaft wurde im Judentum oft mehr unter gesetzlichen Gesichtspunkten und weniger nach der natürlichen Abstammung beurteilt. Dies trifft in besonderer Weise auf Jesus zu.

Solche Stammbäume erinnerten das Volk daran, dass es Gott selbst war der Ehen stiftete und Nachkommen schenkte.

 

1.1.2 Stammesliste von Adam bis Jakob

 

Name Geboren Erstgeborener Lebte danach Gestorben
Adam 1 800 930
Set 130 105 807 912
Enosch 235 90 815 905
Kenan 325 70 840 910
Mahalalel 395 65 830 895
Jered 460 162 800 962
Henoch  (nach Judas 14 war er der siebte von Adam an) 622 65 300 365
Metuschelach 687 187 782 969
Lamech 874 182 595 777
Noah 1056 500 450 950
Sem 1559 100 500 600
Sintflut – Anfang

Dauer

Sinflut Ende

1656

370 Tage

1657

Arpachschad 1659 35 403 438
Kenan (ist nur in der Stammesliste bei Lukas genannt) ?
Schelach 1694 30 403 433
Eber 1724 34 430 464
Peleg (sein Name steht in Verbindung mit der Teilung der Erde – 1Mose 10,25) 1758 30 209 239
Regu 1788 32 207 239
Serug 1820 30 200 230
Nahor 1850 29 119 148
Terach 1879 70 135 205
Abraham 1949 100 75 175
Isaak 2049 60 120 180
Jakob 2109 ? ? 147

 

1.1.3 Stammesliste von Juda bis Jesus

 

Die Königslinie 1. Chronik 1-3 Matthäus Lukas
Juda Juda Juda Juda
Perez Perez Perez (von der Thamar) Perez
Hezron Hezron Hezron Hezron
Ram Ram Ram
? ? ? Arni
? ? ? Admin
Amminadab Amminadab Amminadab Amminadab
Nachschon Nachschon Nachschon Nachschon
Salmon Salmon Salmon Salmon
Boas Boas Boas (von der Rahab) Boas
Obed Obed Obed (von der Ruth) Obed
Isai/Jesse (die gr. Schreibweise ist Jessai) Isai Isai Isai
David David David David
Salomo Salomo Salomo (von der Bathseba) Nathan (von der Bathseba)
Rehabeam Rehabeam Rehabeam Mattatas
Abija Abia Abia Mennas
Asa Asa Asa Meleas
Joschafat Joschafat Joschafat Eliakim
Joram Joram Joram Joram
Ahasia Ahasia Josef
Joasch Joasch Judas
Amazia Amazia Simeon
Asarja/Usia (es ist dieselbe Person, vgl. 2Kön 14,21 mit 2Chr 26,1) Asaria Usia Levi
Jotam Jotam Jotam Mattat
Ahas Ahas Ahas Jorim
Hiskia Hiskia Hiskia Elieser
Manasse Manasse Manasse Joschua
Amon Amon Amon Ers
Josia Josia Josia Elmadan
Joahas (2Chr 36,1;  2Kön 23,31) Kosam
Eljakim/Jojakim (der Sohn Josias wurde von Pharao Necho als König in Jerusalem eingesetzt und bekam den Namen Jojakim 2Kön 23,34) Jojakim Abdi
Jojachin/Jechonia Jechonia Jojachin Melchi
Mattanija/Zedekia (der König Nebukadnezar nahm Jojachin gefangen und setzte seinen Onkel Mattanja als König in Jerusalem ein und änderte seinen Namen in Zedekia 2Kön 24,17) Zedekia Neri
Schealtiel Schealtiel Schealtiel Schealtiel
Serubbabel (war nach 1Chr 3,17-19 der Sohn von Pedajas, dem Bruder Sealtiels. Möglich, dass Pedaja gestorben war und Sealtiel seinen Neffen adoptierte, denn auch nach Esra 3,2, 8, ist Serubbabel der Sohn von Sealtiel. In Esra 1,8 wird er als Fürst Judas bei seinem chaldäischen Namen „Scheschbazar“ genannt. Er führte die Heimkehrer nach Juda an im Jahre 538/537 v. Chr.) Serubbabel Serubbabel Serubbabel (hier kreuzen sich die Stammeslisten)
Hanania Resa
Sechania Abihud Johanan
Nehemia (457-444 v. Chr.) Semaja Joda
Nearja Eliakim Josech
Elienai Schimi
Hodavia ? Azor Mattitias
Mahat
Naggat
Zadok Hesli
Achim Nahum
Amos
Eliud Mattitias
Josef
Elieser Jamnai
Melchi
Mattan Levi
Mattat
Jakob Eli
Josef Josef
Jesus Jesus

 

1.1.4 Die Zuordnung der Stammbäume

Der Evangelist Matthäus formuliert in seinem Stammbaum: „Jakob aber zeugte (gr. εγέννησεν – egenn¢sen) Josef den Mann Marias, von welcher ist geboren (gr. εγεννήθη – egenn¢th¢) Jesus, der genannt wird Christus.“ (Mt 1,16). Während in allen Stammbäumen immer der Mann als aktiv Beteiligter/Zeugender hervorgehoben wird, betont Matthäus im Falle von Jesus, dass er von Maria geboren wurde und zwar ohne die Mitwirkung von Josef. Der Evangelist Lukas formuliert in seinem Stammbaum: „Er, Jesus war beginnend, etwa (ungefähr) dreißigjährig, (und) war Sohn, wie man dachte Josefs, des Eli, des Maththat, des Levi des Melchi (…).“ (Lk 3,23-24). Jesus wurde allgemein für einen Sohn Josefs gehalten (Joh 1,45; Lk 4,22), was rein formal-juristisch auch stimmte. Der klärende Einschub des Lukas: „(Jesus) war Sohn, wie man dachte Josefs“, macht jedoch  auch deutlich, dass Jesus de facto nicht Sohn des Josef, sondern Sohn der Maria war (vgl. dazu auch Lk 1,31-33). Da man jedoch Frauen (Töchter) in die Stammeslinie nicht einzufügen pflegte, liegt es nahe, dass Lukas die Stammeslinie von Jesus zurück, nicht über Maria, sondern über Josef, den gesetzlichen Vater von Jesus, mit Eli verbindet und weiter zurück über Nathan, den leiblichen Bruder von Salomo bis David  und schließlich bis Adam zurückführt (1Chr 3,5; 14,4; Lk 3,23-36). Nach Lukas 1,5 und 1,36 war Maria eine Verwandte von Elisabeth, der Frau des Priesters Zacharias und Mutter von Johannes dem Täufer. Da Elisabeth eine, wie es im Text heißt „aus den Töchtern Aarons“ war, kann angenommen werden, dass Maria ebenfalls aus priesterlichem Hause stammte. Aber müsste Maria nicht auch aus dem Hause Davids und dem Stamm Juda herkommen? Der Autor des Hebräerbriefes bestätigt die menschliche Herkunft von Jesus aus dem Stamm Juda, wenn er schreibt: „Denn es ist ja offenbar, dass unser Herr aus Juda hervorgegangen ist“ (Hebr 7,14). Und der Apostel Paulus engt die menschliche Herkunft von Jesus noch mehr ein, wenn er in Römer 1,3 schreibt: „der geworden ist (γενομένου genomenou) aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“. Damit wird (wenn auch nur indirekt) die blutsmäßige Herkunft von Maria aus dem Hause David hervorgehoben. So dass wir zum Ergebnis kommen, dass Maria auch aus dem Hause David stammte eben über die Stammeslinie ihres Vaters „Eli“.

Wir stellen fest, dass Lukas im Gegensatz zu Matthäus, den von ihm beschriebenen Stammbaum in umgekehrter Richtung aufschrieb. Er muss dabei nicht wie Matthäus formulieren: „Eli zeugte Josef (den Mann Marias)“, sondern nur: „der (Josef) des Eli, des Maththat (…)“. In der Regel wurde darunter auch die blutsmäßige Abstammung verstanden, doch bei der Formulierung des Lukas wird der Moment der ausdrücklichen Zeugung durch den Mann vermieden und sie bietet Raum zu einer nicht blutsmäßigen Zuordnung – von Josef (als Schwiegersohn) zum Vater der Maria (dem Eli). Auffallend ist auch, dass sich beide Stammeslinien um die Zeit nach der Babylonischen Gefangenschaft durch die Personen Schealtiel und Serubbabel kreuzen (Mt 1,12; Lk 3,27). Beide Linien liegen demnach eng beeinander und gehen auf David zurück.

Wir kommen daher zu dem Ergebnis, dass die Zuordnung der Lukanischen Stammesliste den Vorfahren der Maria, durch die oben genannten Textaussagen unterstützt wird. Somit war Jesus als `Mensch` leiblicher Sohn der Maria und gesetzlicher Sohn von Josef in jeder Hinsicht Nachkomme und Sohn Davids (Lk 1,31-33; Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 21,15).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Lies die Texte der Stammbäume von Jesus (Mt 1,1-17; Lk 3,23-38; zum Vergleich 1Chr 1-3 (bis 12); 1Mose 5,1-32).
  2. Was fällt dir bei den Unterschieden und Übereinstimmungen in den Stammeslisten auf?
  3. Nenne die Besonderheiten und auffällige Details in den Stammeslisten und erkläre sie? (z.B. Mt 1,1. 3. 5-6).
  4. Kannst du den relativen Wert eines natürlichen Stammbaumes gerade im Hinblick auf den Stammbaum von Jesus erkennen – wer war ein rechtsmäßiger Sohn nach jüdischem Recht?
  5. Welche geistliche Bedeutung oder Nutzanwendung haben die Stammbäume in der Bibel?
  6. Hast du einen Stammbaum von deinen Vorfahren? Wenn ja, was bedeutet er dir?
  7. Warum rät der Apostel Paulus in seinem Brief, sich nicht mit Geschlechtsregistern zu befassen (1Timotheus 1,4)?
  8. Erforsche Details und Zusammenhänge aus den vorgegebenen Texten, die in der Vorlage nicht berücksichtigt wurden?

1.2 Jesus Christus – sein göttlicher Ursprung

(Bibeltexte: Mt 1,18-25;  Lk 1,26-38;  Joh 1,1-18)

Nach dem Betrachten der `menschlichen` Abstammung von Jesus Christus machen wir uns auf die Suche nach Textaussagen über seinen göttlichen Ursprung. Dieser ist besonders in seiner Menschwerdung sowie in seinem besonderen Dienst durch Wort und Tat zu erkennen.

Schon der Prophet Micha sagt über den Ursprung des Messias folgendes:

Und du Bethlehem Efrata, das du klein unter den Tausendschaften von Juda bist, aus dir wird mir der hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll, und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her. (Micha 5,1).

Der Evangelist Lukas ist der Einzige, der die Botschaften des Engels Gabriel aufgeschrieben hat. Der Engel Gabriel wird außer in Lukas Kapitel 1 nur in Daniel 8,16-17; 9,21 erwähnt. Der Engel Gabriel erklärt dem Propheten Daniel die Visionen sowie deren Bedeutung und überbringt dem Priester Zacharias die Botschaft von der Geburt des Johannes (Lk 1,19). Zu Maria wird er von Gott gesandt, um ihr die Menschwerdung des Sohnes Gottes zu übermitteln.

Nazaret-Verkündigungskirche-39027

Abbildung 5 Die römisch-katholische Verkündigungskirche in Nazaret. Die Ursprünge des Kirchenbaus an dieser Stelle gehen in das 4. Jh. zurück in Erinnerung an die Verkündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an die Jungfrau Maria. Die früheren Kirchengebäude wurden durch Eroberungen und auch Erdbeben immer wieder zerstört und wieder aufgebaut. Die heutige Kirche stammt aus dem Jahre 1955 (Foto: Juli 1994).

Und so lesen wir in Lukas 1,31-32 von der Botschaft Gottes an Maria durch den Engel Gabriel:

Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.

Die verständliche Nachfrage der Maria: „Wie wird dies zugehen, da ich von keinem Mann weiß“ (Lk 1,34) gibt uns nicht nur einen Einblick in ihr korrektes Verhalten als Verlobte, sondern unterstreicht gleichzeitig, wenn auch nur indirekt, den göttlichen Ursprung von Jesus Christus. Natürlich kennt Maria Josef, ihren Verlobten, aber sie haben als Verlobte keinen geschlechtlichen Umgang miteinander. Aus der großen Perspektive Gottes ist es nicht vorgesehen, dass zwei junge Menschen, auch wenn sie schon verlobt sind, sexuell miteinander verkehren. Wenn Gott dies in die Beliebigkeit der Einzelnen gestellt hätte, wäre der biblische Hinweis auf die Jungfrauengeburt noch schwieriger nachzuvollziehen. Hier sollten wir die Hinweise Gottes aus 5Mose 22,16 kennenlernen (wir denken dabei  an den polygamen Hintergrund des Kapitels). Das Zeichen der Jungfräulichkeit der Frau war das Laken/Decke, das in der Hochzeitsnacht genutzt wurde. Wenige biblische Hinweise finden wir für die Jungfräulichkeit des Mannes vor der Ehe. Als Grundtext für dieses Thema gilt: Epheser 5,23f (der reine Christus und seine reine Braut = die Gemeinde).

Gott hatte von Beginn an die Geburt seines Sohnes durch eine Jungfrau geplant, so bekommt auch die Ordnung für Verlobte einen Sinn (siehe 5Mose 22,14).

Der Engel Gabriel lässt Maria natürlich nicht in Unwissenheit über die Art und Weise der Zeugung, er erklärt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten (= Gott) wird dich überschatten, darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,35)

Abbildung 6 Das unendliche Blau des Himmels, die Wolken und Berggipfel erinnern an die himmlische Sphäre, von der aus sich Gott im Laufe der Geschichte den Patriarchen, den Propheten Mose, Samuel, David, aber auch der Maria in Nazareth offenbart hat (Foto: Petra im Süden von Jordanien 5. November 2014).

Ob Maria es verstanden hat, ist nicht sicher, geglaubt hat sie es, denn ihre Antwort lautet: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Wort.“ (Lk 1,38).

Kritiker des Neuen Testamentes behaupten, dass Götter und Söhne von Göttern in der heidnischen Antike auf ähnliche Weise geboren wurden. Doch wir weisen auf den unübersehbaren Unterschied zu den so genannten religionsgeschichtlichen „Parallelen“ hin. Der biblische Bericht ist zurückhaltend, nüchtern und beschreibt nicht den Vorgang der Empfängnis im Detail. Mit knappen Worten wird die Empfängnis aus der Gottesperspektive beschrieben. In der heidnischen Mythologie werden die Vorgänge aus menschlicher Perspektive, oft in perversierter Ausschmückung beschrieben. Somit ist die Jungfrauengeburt tatsächlich ohne jegliche biblische oder gar religionsgeschichtliche Ähnlichkeit. Vergleichbar mit der jungfräulichen Empfängnis ist lediglich der alttestamentliche Gedanke des Wohnens (yTin>k;v;scha½anti ich wohne = Schechinah, die Einwohnung) Jahwes bei den Menschen z. B. in der Stiftshütte (2Mose 25,8-9).

 

Der Engel Gabriel hat noch eine wichtige Zusatzbotschaft an Maria zu verkünden, nämlich:

Und der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird über das Haus Jakob herrschen in Ewigkeit und seines Königtums wird kein Ende sein. (Lk 1,32b-33).

Diese Prophezeiung ist nicht neu, sie wurde schon rund eintausend Jahre vorher dem König David gegeben (2Sam 7,13b-16) und sie lautet:

Und ich werde den Thron seines Königtums festigen für ewig.  Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein. (…) Dein Haus aber und dein Königtum sollen vor dir Bestand haben für ewig, dein Thron soll feststehen für ewig.

Gott hielt seine Zusage – „als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau (…).“ (Gal 4,4).

 

Der Evangelist Matthäus schreibt:

Mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich so; Als nämlich Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren, schwanger gefunden von dem Heiligen Geist. (Mt 1,18).

Das Ungewöhnliche, das Besondere, das Einmalige wird hier betont. Maria wurde schwanger, „(…) ehe sie (Maria und Josef) zusammenkamen“. Hier betont auch der Evangelist Matthäus, dass Geschlechtsverkehr vor der Ehe nicht üblich war – Jesus also nicht natürlich gezeugt wurde. Für diese ungewöhnliche Zeugung fand er eine alttestamentliche Prophezeiung aus dem Buch des Propheten Jesaja:

Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen. (Jes 7,14).

Diese Prophezeiung ist, wie viele alttestamentliche Aussagen, mehrschichtig. Das Zeichen, dass eine junge Frau (auf natürliche Weise) schwanger würde, bezog sich zuerst auf Jesajas Zeitgenossen Ahas und das Volk Juda. Der hebräische Begriff `hm’l.[;h‘ ha±almah` bedeutet allgemein: die junge Frau im heiratsfähigen Alter, kann aber auch die weibliche Person bezeichnen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte (was in Israel die Regel war). Aber wie viele andere Verheißungen des Alten Testamentes barg auch diese eine noch in der Zukunft liegende Erfüllung. Bei der Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes in die griechische Sprache wurde an dieser Stelle der Begriff `parqe,noj parthenosJungfrau` gewählt.

HINWEIS: Die griechische Übersetzung des Alten Testamentes aus dem 2. Jh. vor Chr. wird Septuaginta/LXX (=Siebzig/lateinische Zahlen für 70) genannt, da angeblich 72 Übersetzer nach 72 Tagen diese Übersetzung im 2Jhd. v. Chr. anfertigten (Aristeasbrief 9-11.41.46.50.121.301f.307-311).

Dieser griechische Begriff meint im Neuen Testament an den meisten Stellen eine junge Frau, die noch nie Geschlechtsverkehr hatte (wörtlich/buchstäblich Lk 1,27; 2,36; Apg 21,9; 1Kor 7,25.28.34.36.37.38; im übertragenen Sinne; 2Kor 11,2; Offb 14,3-4). Der Evangelist Matthäus (aber auch Lukas) heben mit diesem Begriff die Jungfräulichkeit Marias hervor. So wie damals der Herr durch eine junge Frau mit ihrem Sohn den Zeitgenossen Jesajas ein Zeichen gegeben hatte, so wurde Maria von Gott auserkoren als `Jungfrau` schwanger zu werden und einen Sohn zu gebären als Zeichen zu ihrer Zeit.

 

Der Evangelist Johannes beginnt sein Evangelium mit den Worten:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Einziggeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” Johannes (der Täufer) zeugt von ihm und rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir, denn er war eher als ich. (Joh 1,1.14-15). Johannes der Täufer ruft aus: „Und ich habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist. (Joh 1,34).

Der Evangelist Markus beginnt sein Evangelium mit den Worten: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi (des Sohnes Gottes).“ (Mk 1,1).

Weitere Bibelstellen zum göttlichen Ursprung von Jesus Christus: vgl. Ps 110,1 mit Mt 22,42-44; Joh 1,18; 3,16; 5,17-19; 8,58; 10,30-36; 20,28; 1Joh 5,20; Röm 1,1-3; 9,5; vgl. Ps 2,7 und 2Sam 7,14 mit Hebr 1,3-5ff.

 

In den folgenden Abschnitten unserer Bibelstudien wollen wir die verschiedenen Details der Menschwerdung und Geburt von Jesus zeitlich-chronologisch betrachten und zwar in dem historischen, geographischen und kulturellen Kontext der damaligen Zeit.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Lies zu Mt.1,18-25; Lk.1,26-38; Joh.1,1-18 in Ruhe die angegebenen Parallelstellen deiner Arbeitsbibel.
  2. Stelle den göttlichen Ursprung von Jesus Christus aufgrund der einzelnen Aussagen dar.
  3. Welche Aussagen betonen die Jungfräulichkeit Marias? War sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe damals allgemeine Norm im Judentum? Worauf wurde dieses Verhalten gegründet?
  4. Welche Meinung herrschte unter dem Volk in Bezug auf den Ursprung/die Herkunft von Jesus?
  5. Warum ist es so wichtig am göttlichen Ursprung von Jesus Christus festzuhalten?

1.3 Gott spricht zu Josef im Traum

(Bibeltext: Mt 1,18-25)

Gott sucht sich einen Mann namens Josef, als Adoptivvater für seinen Mensch gewordenen Sohn. Dieser übernimmt die Fürsorgepflicht und die Verantwortung für die leibliche und materielle Versorgung von Jesus. Josef,- der Name bedeutet: Gott möge hinzufügen. Markus und Johannes erwähnen Josef nicht. Es könnte sein, dass der Evangelist Matthäus seine Information über Josef von Jakobus, dem Bruder von Jesus erhielt. Lukas könnte Jakobus selbst befragt haben.

0006-Nazaret-5-1-2014_019

Abbildung 7 Die heutige Stadt Nazaret in Südgaliläa mit überwiegend arabisch-christlicher Bevölkerung ist Anziehungspunkt für die meisten Pilger, welche aus aller Welt nach Israel kommen (Foto: Juli 1994).

Josef stammt vom Haus Davids ab, hat aber irgendwann die Heimatstadt Bethlehem wahrscheinlich aus beruflichen Gründen verlassen. So wohnt und arbeitet er in Nazaret, einer Kleinstadt im südlichen Galiläa.

In Nazaret geht Josef seinem Beruf nach und baut Häuser (Mt 13,55;  Mk 6,3). Der griechische Begriff für diesen Beruf ist `τέκτων tektön`, einer der Häuser baut. Die Wortwurzel ist noch im deutschen “Archi-tekt” herauszuhören. Ludwig Schneller, lebte und arbeitete Ende des 19. Jh. in Bethlehem und weist daraufhin, dass die Bewohner Bethlehems unter anderem gute Meister im Häuser bauen waren. Er nimmt an, dass es in Bethlehem nicht genug Arbeit gab und Josef mit anderen Berufskollegen außerhalb Bethlehems Arbeit suchte (Schneller 1890, 58ff). Die europäische/nordatlantische Vorstellung, dass er Zimmermann war und mit Holz arbeitete, ist vor dem Hintergrund des Waldreichtums in Nordeuropa zu sehen. Zur Zeit Luthers baute man Häuser zum größten Teil aus Holz. In Palästina gab es allerdings schon im Altertum wenige Wälder und damit wenig Holz. Schon König David und dessen Sohn Salomo ließen Holz aus dem Libanon für den Bau des Tempels in Jerusalem importieren (1Kön 5,15).

Josef wird von den Evangelisten Matthäus und Lukas als `δίκαιος – dikaios` gerecht charakterisiert (Mt 1,19; Lk 1,27). Gerecht bedeutet im Neuen Testament grundsätzlich: dem Standard, Willen und Charakter Gottes entsprechend. Hier dürfen wir wenigstens feststellen: Josef lebt in einer aufrichtigen Beziehung zu Gott. Maria ist mit ihm verlobt, und sie warten auf den geeigneten oder auch schon bestimmten Termin für ihre Hochzeit. Die Partnerwahl und dann die Verlobung wurden meistens durch die Eltern vermittelt. Der Begriff Hochzeit oder Heirat, griechisch `γάμος – gamos`, kommt zwar in diesen Texten nicht vor, wird aber umschrieben mit: `συνελθείν – synelthein` zusammenkommen; andere Übersetzer weniger passend: heimholen. Der Satz: „ehe sie zusammengekommen waren” (Mt 1,18) lässt sogar die Vermutung zu, dass der Hochzeitstermin schon feststeht. Dem Evangelisten Matthäus liegt viel daran zu betonen, dass die Schwangerschaft ohne Zutun des Josef zustande kam.

Gerecht in diesem Zusammenhang bedeutet für einen jüdischen Mann auch: er löst die Verlobung, um so dem Vater des Kindes die Möglichkeit zur Heirat zu geben.

Es gibt nur eine Möglichkeit, wie Josef von der Schwangerschaft Marias erfährt. Nur sie selbst kann es ihm gesagt haben. Es entsteht der Eindruck, dass er ihr erst nicht glaubt und sie entlassen will, natürlich ohne Aufsehen und ohne sie bloß zu stellen (Mt 1,19). „Eine Verlobung aufzulösen, wurde wie eine Scheidung betrachtet = eine rechtlich wirksame Entlassung geschah meist schriftlich. Hier wird deutlich, dass Josef wirklich eine ehrenwerte Persönlichkeit ist. Nach dem Gesetz hätte Maria bei ungenauer Untersuchung des Falles im Extremfall die Todesstrafe durch Steinigung gedroht (5Mose 22,20-27). Im 1. Jahrhundert wurde allerdings dieses Extrem meist vermieden“ (Strack 1982, 45f). Josef hat das Recht Maria anzuzeigen, da sie seine Verlobte ist. In dieser für Josef und Maria schwierigen Situation greift Gott ein. Ein Engel erscheint Josef im Traum und nimmt ihm Furcht und Zweifel:

Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen, denn das in ihr gezeugte ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären und du sollst seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden (Mt 1,20b-21). Mehrfach offenbarten sich Gott Josef  durch Engel im Traum: Mt 1,20. 24; 2,13. 19.

Gut möglich, dass derselbe Engel Gabriel auch die Botschaft für Josef überbrachte. Auch Josef wird beauftragt, dem Kind den Namen Jesus zu geben. Josef, vom Schlaf erwacht, ändert sofort seine Einstellung und Meinung in Bezug auf Maria, seine Frau. Vom Engel wird Maria zu diesem Zeitpunkt die Frau von Josef genannt (Mt 1,20). Diese Bezeichnung für eine Verlobte entspricht der Aussage in 5Mose 22,24. „Niemand konnte ihnen etwas tun, da Josef das Kind Jesus legitimiert hatte, indem er Maria geheiratet und ihren Sohn adoptiert hatte“ (Thiede 2006, 67).

Er zeigt sofortigen Gehorsam dem Wort des Herrn gegenüber.

Josef aber, vom Schlaf erwacht, tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich (Mt 1,25a).

Für Matthäus war noch wichtig zu betonen, dass Josef seine Frau nicht erkannte, bis sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte (Mt 1,25b). Das Verb „erkannte“ `εγίνωσκεν eginösken` meint auf dem Gebiet der Ehe den Geschlechtsverkehr, das Ein-Fleisch-Werden. Vielleicht hat Matthäus dies deswegen betont, damit bei den Lesern keine unnötigen Fragen oder Zweifel in Bezug auf die übernatürliche Schwangerschaft der Maria aufkommen – zwei Menschen mit einem großen Geheimnis! Es sieht nicht danach aus, dass sie das Erlebte nun allen erzählt hätten. Denn auch später herrscht die Meinung, dass Jesus der Sohn Josefs ist. In Lukas 3,23 (auch Joh 1,45; 6,42) heißt es:

Und er selbst, Jesus, …war, wie man meinte, ein Sohn des Josef.

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Aussagen über Josef fielen dir auf? Beachte die Herkunft Josefs, seinen Beruf?
  1. Jede Empfängnis und Geburt ist ein „Wunder.“ Wo gibt es die großen Unterschiede zur Situation von Maria und Josef? Was ist ähnlich?
  1. Beschreibe das rücksichtsvolle Verhältnis Josefs zu Maria im kulturellen Umfeld des Judentums. Was können Männer heute von ihm lernen?
  1. Wie reagierte Josef vor und nach dem Engelbesuch?
  1. Was bedeuten „Engelbesuche“ – damals und heute? (170 mal im NT erwähnt; Hebr 13,2; 2Kor 11,14)
  1. Wie deuten wir den „blinden“ Gehorsam des Josef?
  1. In welchen Bereichen können wir das Verhalten Josefs als „gerecht“ beschreiben?
  1. Können wir Geheimnisse über die Herkunft von Kindern bewahren? Sollten wir es?

Weitere Details zu der Herkunft von Jesus gibt es im Abschnitt „Hatte Jesus eine Familie“ auf der Seite: http://gottesgeheimnis.net/2018/02/10/hatte-jesus-eine-familie/

1.4. Maria besucht Elisabeth auf dem Gebirge Juda

(Bibeltext: Lk 1,39-56)

1.4.1 Die Umstände des Besuches

Der Evangelist Lukas macht hier eine Zeitangabe: „In diesen Tagen“ (Lk 1,39), d.h. nicht lange nach Beginn der Schwangerschaft reist Maria hinauf in das Gebirge Juda zu ihrer Verwandten Elisabeth. Dies ist ungewöhnlich,  doch geschieht es wohl mit der Einwilligung Josefs. Ob er beruflich unabkömmlich war? Der Evangelist Lukas unterstreicht, dass Maria die Reise in Eile antritt. Dieser Besuch ist für Maria wichtig, da der Engel Gabriel ihr von Elisabeth und deren ungewöhnlichen Schwangerschaft im hohen Alter berichtet hatte (Lk 1,36). Elisabeth, die Frau von Zacharias, war aus dem Stamm Levi, wie wir aus Lk 1,5 erfahren. Nach Lukas 1,36 ist Maria Elisabeths Verwandte. Somit wäre Maria ebenfalls aus dem Stamm Levi. Rechtlich musste Jesus ja aus dem Hause David kommen und dies ist aufgrund der Adoption durch Josef gegeben. Doch scheint hier noch die Komponente der priesterlichen Herkunft (Stamm Levi) rechtlich gegeben. Demnach wäre der Status ‚Priester/König‘ bei Jesus damit indirekt angedeutet. Wahrscheinlich hat sich Maria nicht ganz allein auf den mühsamen Weg hinauf auf das Gebirge Judäa gemacht. Meist reiste man nicht allein (hier wenigstens 4-5 Tage), ohne dazu einen wichtigen Grund zu haben; schon gar nicht als junge, schwangere Frau. Entweder schließt man sich einer Karawane an oder Pilger tun sich in Gruppen zusammen (Lk 2,44). Wahrscheinlich wohnten Zacharias und Elisabeth nicht in Jerusalem, sondern in einer der Städte oder Ortschaften Judas. Den Priestern, Aarons Nachkommen waren Städte verteilt im Land und durch das Los zugeteilt worden. So lesen wir im 1. Chronikbuch:

Und sie gaben den Söhnen Aarons die Zufluchtstadt Hebron und Libna und seine Weideflächen und Jattir und Eschtemoa und seine Weideflächen und Holon und seine Weideflächen, Debir und seine Weideflächen und Aschan und seine Weideflächen und Bet-Schemesch und seine Weideflächen. (1Chron 6,42-43).

0008-Juda-Landschaft-5-2-2014_033

Abbildung 8 Landschaft auf einer Hochebene zwischen Bethlehem und Hebron, das zum Gebirgesland von Juda gerechnet wurde (Foto: April 1986).

Demnach wohnten Zacharias und Elisabeth wahrscheinlich in einer dieser Städte.

Die Begrüßung ist sehr herzlich, so dass Elisabeth spürt, wie ihr Kind im sechsten Monat sich heftig regt.

Der ganze Abschnitt konzentriert sich auf zwei Frauen, von denen die eine von keinem Mann „weiß“ während der Mann der andern verstummt war. Sie begrüßen als erste Menschen in der Kraft des Geistes den kommenden Herrn. Darum ist alles vom Jubel erfüllt.

 

1.4.2 Der Segens- und Jubelhymnus der Elisabeth

Und Elisabeth wurde mit Heiligem Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Und woher geschieht mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, wie die Stimme deines Grußes mir in die Ohren drang, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und glückselig, die geglaubt hat, denn es wird zur Erfüllung kommen, was von dem Herrn zu ihr geredet ist. (Lk 1,41b-45).

Bemerken wir die Freude über das Glück des anderen? Der Geist Gottes hat immer wieder gerade Frauen erfüllt und sie empfindsam gemacht für sein Wirken. Menschen unter der Leitung des Geistes Gottes werden sehr ehrlich und offen zueinander. Persönliche tiefe Empfindungen werden mit Freuden ausgesprochen. Die wunderbaren Führungen Gottes werden in der kleinen Hausgemeinde des Zacharias gerühmt. Elisabeths und noch mehr Marias Lobpreis wirken fast unheimlich, doch die allererste Christus-Erkenntnis ist schon eine Gabe des Geistes Gottes.

 

1.4.3 Marias Lobpreis (Magnificat)

Wir finden vier Lobgesänge im Lukasevangelium: von Elisabeth, Maria, Zacharias und Simeon. Nach ihren lateinischen Beginn werden sie Benedictat (benedicta tu inter mulieres = Elisabeth Lk 1,42-45) als Magnificat (Maria Lk 1,46-55), Benidictus (Zacharias Lk 1,68-79) und Nunc dimittis (Simeon Lk 2,29-35) bezeichnet. Seit Thomas Müntzer, Luthers Gegner, verstehen manche Marias Worte als eine Ermutigung zu einer Neuordnung der irdischen Verhältnisse, ja zum Umsturz und zur Revolution (auch Befreiungstheologie heute). Doch nicht der Mensch (auch nicht Maria!), sondern Gott ist der Adressat dieses Lobpreises. Maria preist den Herrn im Hause des Zacharias:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat hingeblickt auf die Niedrigkeit seiner Magd, denn siehe, von nun an werden mich glückselig preisen alle Geschlechter. Denn Großes hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name. Und seine Barmherzigkeit ist von Geschlecht zu Geschlecht über die, welche ihn fürchten. Er hat Macht geübt mit seinem Arm, er hat zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind. (Lk 1,46-51).

Marias Lobpreis kann für unseren heutigen Lobpreis eine praktische Anleitung sein:

  • Es preist meine Seele den Herrn,
  • Gott ist mein Retter (hier wird dasselbe Wort für »Retter« benutzt, das später Jesus bezeichnet (vgl. Mt 1,21!) – im Deutschen früher als »Heiland« wiedergegeben. »Mein Retter« heißt: Gott erlöst mich aus Sünde und Finsternis, er hilft mir ganz umfassend auf allen Gebieten meines Lebens, vor allem aber bringt er mich in sein ewiges Reich. Hier spiegeln sich Jes 63,16 und Hab 3,18 ganz deutlich wider, aber auch Ps 24,5; Ps 25,5; Ps 35,9. Die zweite Hälfte von Lk 1,47 stimmt sogar wörtlich mit dem Schluss von Hab 3,18 in der griechischen Bibel überein.
  • In Jubel geraten ist mein Geist über Gott, meinen Retter,
  • Er hat auf die Niedrigkeit seiner Dienerin hingesehen, (wörtlich auch: seine Aufmerksamkeit zuwenden)
  • Von nun an werden mich glücklich preisen alle Generationen,
  • Der Mächtige hat mir Großes getan, heilig ist sein Name,
  • Seine Barmherzigkeit erfahren Generationen nach Generationen, wenn sie ihn fürchten, (wie oft wurde im AT diese Barmherzigkeit Gottes besungen! Vor allem gilt dies von Ps 103 an den sich Maria vielleicht angelehnt hat),
  • Er übt Macht aus mit seinem Arm (2Mose 15,6; Ps 89,11; Ps 118,15),
  • Er zerstreut die Übermütigen im Denken ihres Herzens,
  • Die Mächtigen holt er herunter von den Thronen und erhöht Niedrige,
  • Hungernde bekommen Gutes in Fülle, Reiche dagegen schickt er leer weg, (das Bild dieser Reichen hat Jesus im reichen Mann und armen Lazarus und im reichen Kornbauern eindrücklich gezeichnet (Lk 16,19ff.; 12,16ff),
  • Er hat sich seines Volkes angenommen und will sich an die Barmherzigkeit erinnern, die er den Vätern, Abraham und seinem Nachkommen (im Singular – welcher ist Christus) für ewig in Aussicht gestellt hatte (Vgl. V. 55 mit Gal 3,16),

 

Wir beobachten hier:

  • den Glauben einer aufrichtig Gott dienenden jüdischen Frau
  • eine ganze Linie von alttestamentlichen Frauen, die uns bis heute als Glaubensvorbilder dienen können: Lea, Rebekka, Hanna, Elisabeth, Maria;
  • einen Lobpreis, der tatsächlich Gott und sein Wort in die Mitte stellt, und nicht etwa einen Aufruf an Menschen, die bestehenden Verhältnisse umzustürzen;
  • eine echte Prophetie der Maria, worauf schon die Lehrer der Alten Kirche (z. B. Irenäus) hinwiesen;
  • eine erstaunliche Bibelkenntnis der Maria, die sich sowohl auf die prophetischen Aussagen des Alten Testaments beziehen;
  • eine nicht weniger erstaunliche Verwandtschaft mit der Verkündigung von Jesus, z. B. im Vaterunser und in der Bergpredigt (vgl. Mt 6,9.10; Mt 5,3.4. 6; Lk 6,20.21.22, aber auch Mt 23,12; Joh 8,56).

 

In Elisabeth findet Maria nicht nur eine Verwandte, sondern auch eine Freundin. In Nazaret kann Maria diese Freude nur mit Josef teilen. Hier im Haus des frommen Priesters Zacharias und seiner Frau kann offen darüber gesprochen werden. Das erfahrene Heil, belegt durch alttestamentliche Verheißungen, führt zu einem geistlichen Aufblühen von Elisabeth und Maria. Ihre Erfahrungen drängen sie, sich einander mitzuteilen.

Maria ist eine längere Zeit bei Elisabeth. Lukas, der nicht gerade sparsam mit Zeitangaben ist, schreibt in Kapitel 1,56: “Und Maria blieb ungefähr drei Monate bei ihr, und sie kehrte zu ihrem Haus zurück.” (Lk 1,56). So kehrt Maria nach etwa drei Monaten noch vor der Geburt des Johannes nach Nazaret zurück.

 

1.4.4 Der Lobpreis des Zacharias

Nach der Geburt seines Sohnes, stimmt Zacharias einen Lobpreis an (Benedictus Lk 1,67-79). In diesem Hymnus/Lobpreis kehren gleiche Wörter in chiastischer (umkehrender) Reihenfolge wieder: a) besuchen (68b) – b) Volk (68b) – c) Heil (69) – d) Propheten (70) – e) Feinde (71) – f) Hand (71) – g) unsere Väter (72); dann umgekehrt g‘) unser Vater (73) – f‘) Hand (74) – e‘) Feinde (74) – d‘) Prophet (76) – c‘) Heil (77a) – b‘) Volk (77a) – a‘) besuchen (78b). Verheißungen, Bilder und feststehende Begriffe aus dem Alten Testament kann Zacharias auf seinen Sohn Johannes als Wegbereiter des HERRN beziehen:

Erlösung schaffen `gr. λυτρωσις lytrösis` Vergebung, Befreiung; vgl. Ps 111,9 tWdP. pedût Loskauf, Auslösung, Lösegeld.

  1. „Das Horn des Heils wird die Feinde zerstreuen“ ist ein Beispiel für die Zerstörung durch das „Horn“ Dan 8,5-7: Das Horn des Gesalbten (1Sam 2,10) wird als Messias-Verheißung verstanden. Bis heute betet der gläubige Jude im sog. Achtzehngebet (Schemone Esre aus dem 9. Jh.): »Den Spross Davids lass bald sprießen, und sein Horn sei erhöht durch deine Hilfe. Gepriesen seist du, Jahwe. der du sprießen lässest das Horn des Heils«.
  2. Befreiung von allen die uns hassen: Jesus wird die Festungen Satans zerstören! Siehe besonders Ps 68,2 und Offb 17,14!
  3. Erkenntnis des Heils und Vergebung: siehe hier Dan 9,9.
  4. Die herzliche Barmherzigkeit Gottes (δια σπλαγχνα ελεους θεου dia splagxna eleous theou) besucht uns: hier werden die innersten Gefühle Gottes (innere Organe des Erbarmens unseres Gottes) offenbart.
  5. Zacharias spricht vom Aufgehen (LXX: hier Spross) eines Gestirns, des „großen Lichtes“ (Jes 9,1), der „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20) oder des „Sterns aus Jakob“ (4Mose 24,17; auch Jes 9,1; 60,1-2). Allerdings geht dieses Licht nicht über dem Horizont auf, sondern in der „Höhe“, wie das plötzliche Aufstrahlen eines Meteors. A. Schlatter sagt: „Er ist ein Ewiger, der von oben her aus Gottes Nähe heraus in die menschliche Gemeinschaft herab gesandt wird.“ Es ist auch nicht allgemeine Erhellung, sondern Licht, das „uns“ besucht, auf „uns“ hinschaut (s. zu V.68) und so allen Todesschatten aufhebt und die Menschen auf den richtigen Weg weist. Zacharias sieht in Christus Gott, der wieder in das Leben der Menschen eintritt und denen in Finsternis das Licht schenkt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum zog es Maria zu Elisabeth?
  2. Welche Auswirkung hat das Verhalten einer schwangeren Frau auf ihr Kind? Stimmt es, dass Kinder im Mutterleib vieles von ihrer Umwelt wahrnehmen können?
  3. Welche Abschnitte im Lobpreis Marias sprechen dich an? Erläutere warum!
  4. Zeitangaben stehen nicht willkürlich in der Bibel. Vorschlag beim Lesen der vier Evangelien: Markiere die Zeitangaben zum Leben von Jesus in deiner Arbeitsbibel. Notiere sie weiter in einer Tabelle. So hast Du sie alle zusammen auf einen Blick.
  5. Wie würdest du aus diesem Text begründen, dass Abtreibung nie Gottes Wille, sondern Mord ist? Welche Hilfestellung können wir Frauen und Männern geben, die mit dieser Fragestellung als Betroffene kämpfen?
  6. Beschreibe deine persönliche Haltung zu Maria der Mutter von Jesus? Kann es sein, dass wir hier etwas korrigieren müssen?
  7. In der kleinen Hausgemeinde des Zacharias florierte der Lobpreis! Wie können wir in unseren Hauskreisen, in unserer Gemeinde das Dichten und Komponieren von Lobpreis anregen?

 

1.5.  Josef und Maria ziehen nach Bethlehem um

(Bibeltext: Lk 2,1-6)

Als Maria von Elisabeth nach Nazaret zurückkehrt, ist sie schon im vierten Monat schwanger. Josef wird durch seine Arbeit zuverlässig für den Lebensunterhalt gesorgt haben. Nach außen hin eine ganz normale junge Familie, die sich in froher Erwartung ihres ersten Kindes befindet. Womöglich wurden ihre Pläne durchkreuzt, denn:

Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung (δόγμα – dogma) vom Kaiser Augustus ausging, die ganze Ökumene (in Listen) einschreiben zu lassen. Diese Einschreibung (in Listen) war die erste während (der Zeit), da Quirinius Statthalter von Syrien war. (Lk 2,1-2).

In jenen Tagen“ bedeutet in diesem Zusammenhang, in dem Zeitraum nach der Rückkehr der Maria nach Nazaret. Nur der Evangelist Lukas verbindet das Jesus-Evangelium mit der allg. Weltgeschichte. Das gr. Wort `οικουμενη oikoumen¢` kommt im Neuen Testament 15 mal vor und meint meist die ganze Welt/den ganzen Erdkreis/alle Bewohner der Erde. In diesem Zusammenhang jedoch ist es auf alle Bewohner des römischen Reiches begrenzt (Vgl. dazu auch Apg 17,5; 24,1f).

Unser heutiger Text sagt aus, dass Josef seine Verlobte nahm um nach Bethlehem zu ziehen. In einem überlieferten Dokument aus Ägypten lesen wir, dass ein Ehepaar mit Grundbesitz bei der Einschreibung persönlich anwesend sein musste (Aalders 1938, 34.35). Hatte Josef Grundbesitz in Bethlehem? Maria wird hier die Verlobte (Anvertraute) genannt – doch nach Matthäus 1,24b.25 war sie bereits seine rechtmäßige Ehefrau. Warum diese Unterscheidung? Der Grund kann darin gesucht werden, dass die Ehe noch nicht durch Geschlechtsverkehr vollzogen war. So war Maria nach allen Rechten und nach dem Gesetz (sozusagen nach außen hin) die Frau von Josef, biologisch war sie jedoch noch Jungfrau und daher seine Verlobte.

Josef und Maria haben die Strecke zu Fuß zu bewältigen, was in der Antike etwa vier bis fünf Reisetagen entspricht. Zur Zeit des Augustus gab es im Römischen Reich auch im Osten bereits ein gut ausgebautes Straßensystem. Seit dem Bau der Via Appia von Rom nach Capua im Jahre 312 v. Chr. waren viele neue Staatsstraßen in Italien und in den Provinzen gebaut worden. Die Meilen (1,6 km) waren durch Meilensteine markiert, auf denen auch die Entfernungen zu den nächsten Städten eingemeißelt waren. Die Straßen sind hauptsächlich von Staatsdienern und Militärs benutzt wurden, dann auch von Kaufleuten, Pilgern und Privatreisenden. Es sind von Staats wegen alle va. 30 km Raststationen, Ställe und Wechselstationen für die Pferde errichtet worden, in denen auch Josef und Maria hätten einkehren können.

Beim Umzug von Nazaret nach Bethlehem müssen die beiden 110-150 km je nach Route zurücklegen. Nazaret liegt etwa 98 km nördlich von Jerusalem auf der Höhe des Sees Gennesaret, während Bethlehem etwa 8 km südlich von Jerusalem liegt.

0007-Tabor-5-1-2014_012

Abbildung 9 Von Nazaret aus ging der Weg nach Osten am Berg Tabor vorbei, dann nördlich vom Gebirge Gilboa an der Stadt Bethschean, von dort in südlicher Richtung im Jordantal bis Jericho (Foto: April 1986).

0007-Bethschan-5-1-2014_030

Abbildung 10 Das antike Theater in Bethschean. Diese Stadt gehörte zu der sogenannten Dekapolis (Zehnstädtebund) und lag auf der Strecke von Tiberias am See Genezaret nach Jericho (Foto: April 1986).

Der Umzug wird vordergründig durch den kaiserlichen Erlass veranlasst. Doch hinter dem weltpolitischen Geschehen steht der Plan Gottes: der Messias soll aus Bethlehem kommen. Ob Josef an die Prophetie aus Micha 5,1 denkt, wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, möglich ist es jedoch, da später die Schriftgelehrten diesen Vers auf den Messias beziehen (Mt 2,4-6; Joh 7,42). Die Tatsache, dass Josef und Maria nach der Geburt des Kindes noch längere Zeit in Bethlehem bleiben und nach der Rückkehr aus Ägypten zunächst wieder dorthin gehen wollen, spricht für eine gewisse Kenntnis dieser Schriftstelle. Doch nach dem Lukastext ist die kaiserliche Verordnung der Hauptgrund für den Umzug nach Bethlehem. Gott wählt hier ein weltpolitisches Ereignis um den Geburtsort von Jesus nach Bethlehem zu verlegen. Dieses politische Ereignis  kann nebenbei auch noch über die Zeitbestimmung der Geburt von Jesus gewisse Auskunft geben (näheres dazu im nächsten Abschnitt „Die Geburt von Jesus in Bethlehem“).

Was die Umstände und die Zeit des Umzugs nach Bethlehem betrifft, so können wir Josef wesentlich mehr Verantwortung zugestehen, als in den üblichen Weihnachtserzählungen oft geschildert wird. Die beiden sind keineswegs wenige Tage vor der Entbindung von Nazaret aufgebrochen und am Vorabend der Geburt in Bethlehem angekommen, um dann festzustellen, dass alle Gasträume bereits überfüllt waren. Von früherer Zeit war das Grab Rahels, der Lieblingsfrau von Jakob nördlich von Bethlehem ein Mahnmal für die Reisenden im hochwangeren Zustand (1Mose 35,16-20). Josef ist ein besonnener, gottesfürchtiger und dazu noch praktisch veranlagter Mann. Der Satz: „Als sie dort waren, wurden ihre Tage erfüllt, dass sie gebären soll (…).“ (Lk 2,7), deutet an, dass Maria und Josef sich bereits einige Zeit in Bethlehem befanden. Dort wohnten sie entweder im Elternhaus oder bei einem seiner Verwandten. Josef kommt keineswegs als Fremder nach Bethlehem zurück. Der Evangelist Lukas vermerkt, „Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, ein jeder in seine (Vater-) Stadt.“ (Lk 2,3). Die Eintragung in Listen setzt voraus, dass Josef in Bethlehem gemeldet ist und sehr wahrscheinlich von seinen Vorfahren her hier Grundbesitz hat. So hat er genug Zeit, um die geforderte Eintragung in die amtlichen Listen vorzunehmen, und auch Maria kann sich in aller Ruhe auf die Entbindung vorbereiten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne den Grund des Umzugs von Josef und Maria nach Bethlehem? Beschreibe auch die Reisebedingungen damals (Schau mal ans Ende deiner Bibel/Arbeitsbibel in die Karten oder forsche im Bibelatlas/Bibellexikon).
  2. Kamen Josef und Maria wirklich erst am Vorabend der Geburt ihres Sohnes in Bethlehem an, wie oft in den Weihnachtsgeschichten zu hören ist? Passt dies zu Josef? Beachte den genauen Wortlaut des Textes in Lukas 2,7.
  3. Nenne mindestens drei Bereiche aus unserem bürgerlichen Leben, bei denen das Gebot der Unterordnung unter die Obrigkeit (Röm 13,1-8) auch für uns bindend ist, also Geltung hat.
  4. Können wir Gottes Hand in den Daten und Orten unserer Lebensgeschichte erkennen?
  5. Ärgert es dich, wenn unsere Regierung immer wieder neue Steuergesetze erlässt?

 

1.6 Bethlehem – der Geburtsort von Jesus

Im Jahr 33, etwas mehr als 30 Jahre nach der Geburt von Jesus, war das Wissen über seinen Geburtsort allgemein nicht mehr bekannt (Joh 7,41-42). Und heute: Jedes Kind weiß, dass Jesus nicht nur in der Stadt Bethlehem, sondern auch noch in einem „Stall in Bethlehem“ zur Welt kam, weil Maria ihn nach der Geburt in eine Futterkrippe legt. In der Weihnachtszeit zeigen die Krippenspiele meistens auch noch einige Haustiere (Schafe, Esel, Ochsen), die daneben stehen und neugierig das Jesuskind in der Krippe beäugen.

0009-Bethlechem-40022

Abbildung 11 Bethlehem – der Geburtsort von Jesus Christus. Blick von West nach Ost (Foto: Juli 1994).

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und es geschah, als sie dort waren, wurden ihre Tage erfüllt, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in dem Raum (gr. καταλυμα katalyma) für sie kein Platz war.“ (Lk 2,6-7).

Beachten wir zunächst die Wendung: „während sie dort waren (gr. εν τω είναι αυτούς εκει en tö einai autous ekei) erfüllte sich die Zeit (…)“ dass sie (Maria) gebären sollte. Das heißt, sie sind schon eine Zeitlang in Bethlehem. Die Formulierung: „während sie dort waren (sind)“ ist im gleichen Sinne wie „als sie dort verweilten“ oder „sich dort aufhielten“. So ähnlich wie es später von Jesus heißt:

  • Es geschah aber während er in einer Stadt war – Lk 5,12); oder,
  • Es geschah aber während er an einem Ort war und betete (Lk 11,1; 9,18).

Die gleiche Formulierung hat Lukas auch in Kapitel 2,6. Auch hier ist nicht das Ankommen betont, sondern die Handlung oder das Ereignis während des Aufenthaltes an einem bestimmten Ort. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wohnen sie in einem Haus ihrer Verwandten und nicht in einer Herberge oder Gaststätte. Denn das Handwerk, Häuser zu bauen, war wohl Tradition in der Familie von Josef. Und dass seine Vorfahren als Baumeister für die eigene Familie ein ordentliches Haus gebaut hatten, ist auch nahe liegend. Übrigens ist im Text auch keine Rede von einem Stall.

0010-Geburtskirche-40023

Abbildung 12 Die Geburtskirche in Bethlehem zählt zu den ältesten christlichen Bauwerken aus der Antike – Anfang des 4. Jahrhunderts (Foto: Juli 1994).

Heute steht mit vielfältigem Glanz die Geburtskirche über einer Felsgrotte.

Es war also nicht im Haus als Ganzes, sondern nur im üblichen Gästeraum (Wohnraum) kein Platz, für die Entbindung und wo man hätte das neugeborene Kind hinlegen können. Dieser übliche Raum wird vom Evangelisten Lukas als ´καταλυμα katalyma´ bezeichnet. Er verwendet diesen Begriff noch einmal für ein Oberzimmer in einem Haus in Jerusalem, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Passahlamm essen wollte. Dort heißt es:

Und ihr sollt zu dem Herrn des Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir: Wo ist der Raum (καταλυμα katalyma), wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann? Und jener wird euch einen großen, mit Polstern belegten Obersaal zeigen, dort bereitet (Lk 22,11-12, vgl. dazu auch den Paralleltext aus Mk 14,14 wo der Evangelist Markus für den angefragten Raum den gleichen Begriff verwendet).

Diese Aussagen geben uns sogar einen gewissen Einblick in die Architektur eines Hauses in Jerusalem. Diese Bauweise ist heute noch überall im Mittelmeerraum gegenwärtig. Die Pontus-Griechen nahmen diese Bauweise sogar nach Mittelasien mit. Wenn es also einen Obersaal, oder Oberzimmer (durch αναγαιον anagaion, der „obere“ angedeutet) im Hause gibt, dann gibt es eben auch Räume im Erdgeschoss, die wohl eher als Wirtschafsträume genutzt werden. Dort wohnen die regulären Hausbewohner während der Zeit der vielen Gäste – während die Gäste selbst im besseren oberen Raum unterkommen. Für die Entbindung und das neugeborene Kind ist in diesem Raum kein Platz. Sie wohnen also mit den regulären Bewohnern in den unteren Räumen.

Anmerkung: Allerdings muss diese Aussage vor dem Hintergrund der LXX eingeschränkt werden. Das griechische Wort steht dort für vier verschiede hebräische Worte, darunter definitiv auch für eine öffentliche Herberge (2Mose 24,4). Doch hier geben wir Lukas und Markus Vorrang mit der Zuordnung dieses Begriffes.

Darum ist die Übersetzung „Herberge“ in Lukas 2,7 missverständlich, weil er dafür ein anderes griechisches Wort verwendet, und zwar `πανδοχειον pandocheion` (Lk 10,34), was so viel wie Khan, Karawanserei bedeutet. Dort geht es tatsächlich nur um eine Übernachtungsmöglichkeit für Pilger oder Geschäftsleute mit ihren Pferden, Eseln oder Kamelen. Aber Josef und Maria sind mit Jesus auch später noch, als die Weisen ankamen, in einem Haus (Mt 2,11). Dem sogenannten abweisenden „Gastwirt“ in Bethlehem wird häufig in den  Weihnachtsanspielen Unrecht getan, zumal auch er im Text gar nicht vorkommt.

Wie kommt dann eine Krippe in den unteren Raum des Hauses? Wenn nach Lukas 22,11 καταλυμα katalyma ein Oberzimmer beschreibt, kann es sich im Falle der Geburt von Jesus um einen im Erdgeschoss befindlichen Vielzweckraum des Hauses handeln, wo gelegentlich oder bei schlechtem Wetter, Jungtiere oder Kleinvieh zusammen mit den Hausbewohnern Unterschlupf finden und wo zu diesem Zweck selbstverständlich auch eine Futterkrippe steht.

Ludwig Schneller beschreibt die innere Ausstattung eines arabischen Hauses in Bethlehem aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Araber (überwiegend christliche Bewohner der Stadt) hatten zu der Zeit höchstwahrscheinlich eine andere Bauweise, doch gibt es auch Ähnllichkeiten zu der Zeit von Jesus:

Die meisten Häuser in Bethlehem bestehen aus einem einzigen Raum. Im Winter und in der Regenzeit wird dieser nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren bevölkert. Es ist keine Seltenheit, dass in diesem Raum eine Krippe steht. Da es keinerlei Möbel, wie Betten und Schränke gibt, kann eine Futterkrippe als sehr günstiges Bettchen für einen Säugling dienen“ (Schneller 1890, 31).

Wer nun die beschriebenen unteren Räume eines Hauses in Bethlehem als Stall bezeichnen will, kann es tun, dieses Wort steht jedoch nicht im Text. Das griechische Wort αυλη,aul¢ , welches Luther in Johammes 10,1.16 mit ‚Stall‘ übersetzt, kommt noch an folgenden Stellen des Neuen Testamentes vor:

  • es beschreibt in Lk 22,55 und Paralleltexten den Hof (Palasthof) des Hohenpriesters;
  • in Offb 11,2 den Vorhof des Tempels;
  • und in Johannes 10,1.16 eben das Schafgehege.

Wenn also Josef und Maria schon rechtzeitig vor der Geburt des Kindes in Bethlehem wohnen und nach der Geburt nicht nur bis zur Darstellung im Tempel, 40 Tage danach (Lk 2,22), sondern auch noch als die Weisen aus dem Morgenland viele Monate später ankamen, in Bethlehem sind (Mt 2,1.7.16), dann passt die Vorstellung der Geburt von Jesus in einem Gehege (Schafstall) überhaupt nicht in den Zusammenhang. Viel einfacher ist die Vorstellung, dass Jesus in einem Haus bzw. in einem unteren Raum des Hauses, wo bei Kälte und regnerischem Wetter auch Haustiere Unterschlupf finden, zur Welt kommt und Maria ihn in eine sich dort befindliche Futterkrippe legt.

5-2-2014_036

Abbildung 13 Die sogenannte Geburtsgrotte in der Geburtskirche, in welche die Pilger über eine Treppe hinabsteigen können (Foto: April 1986).

Seit dem 2. Jh. gibt es eine Tradition, dass Jesus in einer Felsgrotte, an die das Wohnhaus angebaut war, geboren sei. Doch auch dies passt in das Bild, das Jesus in dem Nebenraum eines Hauses geboren wurde – weil es im Hauptraum, den man Gästen anbieten würde, keinen Platz gab.

ANMERKUNG: Die Tatsache, dass die Hirten auf freiem Felde mit ihren Herden übernachten, lässt nicht auf das Vorhandensein von Tieren in den Häusern Bethlehems schließen. Dezember und Januar sind die niederschlagreichsten Monate des Jahres. Das sonst graue Land erstrahlt in frischem Grün und viele Hirten nutzen die zwar ungemütliche „Winterzeit“ und wandern mit ihren Herden über die näheren Winterweiden, während sie im Sommer wieder zu den weiter entfernt gelegenen Sommerweiden ziehen. Das Übernachten auf dem Felde weist eher auf eine Zeit von April bis November hin. Das Jesus mitten im Winter geboren wurde ist unsicher und eher unwahrscheinlich –  siehe nächster Abschnitt: Der Zeitpunkt der Geburt von Jesus. Doch es bleibt dabei, niemand kann nach so langer Zeit mit Sicherheit den genauen Ort und den genauen Zeitpunkt für die Geburt von Jesus nennen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist das Besondere an dem kleinen Ort Bethlehem?
  2. Was könnte Josef empfunden haben beim Anblick und Einzug in seine Vaerstadt Bethlehem?
  3. Was schließen wir aus dem Umstand, dass Jesus im Vielzweckraum geboren wurde?
  4. Bewerte die Argumente, welche für die Geburt von Jesus in einem unteren Raum des Hauses sprechen.
  5. Hast du Informationen über die Umstände deiner Geburt?

     

     1.7  Geburt von Jesus in Bethlehem

(Bibeltexte: Gal 4,4;  Lk 2,7;  Mt 1,25. 2,1;  Hes 16,4.5)

1.7.1 Wann wurde Jesus geboren?

Jesus wurde geboren als „die Zeit (gr. χρόνος chronos) erfüllt war.“ (Gal 4,4). Das konkrete Handeln Gottes wurde in unserer Geschichte offenbar. So gesehen ist es auffällig, dass im Neuen Testament wenig Wert auf konkrete Angaben zum Geburts- und Todesjahr gelegt wird. Thiede merkt an: „(…) in der Antike wurde Einzelheiten der Geburt, des Geburtsorts, der Kindheit und Jugend nicht als wesentliche Informationen betrachtet“ (Thiede 2006, 65). Die Ereignisse selbst stehen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Es gibt jedoch eine Reihe von erwähnten Personen und anderer Details, die mehr Licht auf unsere Fragestellung werfen könnten. Diese sollen der Reihe nach untersucht werden.

Im Wesentlichen sind es fünf mögliche Schlüssel, die zum Geburtsjahr von Jesus führen könnten.

 

Der Tod des Herodes (des Großen)

Der Stern des Königs

Die Statthalterschaft des Quirinius

Die Einschreibung in Listen

Das Jahr des öffentlichen Auftretens von Jesus, minus ungefähr (knapp) dreißig Jahre

 

  1. Das Todesjahr des Herodes

Werner Papke kommt in seiner wenig beachteten Ausarbeitung („Der Stern des Messias“ 1995) zu dem Schluss, dass Jesus im Spätsommer des Jahres 2 v. Chr. geboren wurde. Wenn wir uns im Folgenden seinen Gedanken anschließen, soll deutlich werden, dass er seine Berechnungen plausibel begründet. In den gängigen Chronologien zum Leben Jesu wird das Jahr 4 v. Chr. als das Todesjahr des Herodes angegeben.

 

Diese Berechnung beruht auf der Aussage des Josephus in seinen „Jüdischen Altertümern“, Herodes sei nicht lange vor dem jüdischen Passafest gestorben. In dem Zusammenhang berichtet er von vielen Ereignissen und Tätigkeiten des Herodes (geboren 74 v. Chr., König seit 37 v. Chr.) unter anderem, dass er zwei namhafte Priester verbrennen ließ, während in der Nacht eine Mondfinsternis stattfand. Diese (parzielle, kaum bemerkbare) Mondfinsternis fand in der Nacht vom 12 auf den 13 März (Julianisch) 4 v. Chr. statt. Von 4 v, Chr. bis 1 v. Chr. fand jedoch keine totale Mondfinsternis statt, außer der vom 9./10. Januar 1 v. Chr.. Sie ist demnach als diejenige zu betrachten, die vor dem Tod des Herodes eintrat, so dass Jesus im Jahre 2 v. Chr. noch zu Lebzeiten des Königs Herodes geboren wurde, wie Matthäus berichtet (Papke, 1995, 94-99 auszugsweise).

 

In den Texten der Evangelien gibt es nur indirekte Hinweise zum Datum der Geburt von Jesus.

Eins müssen wir allerdings feststellen: Keine Aussage von Lukas dem Arzt als Historiker konnte widerlegt werden“ (Hendriksen 1978, 141).

 

  1. Der Stern des Königs

Leider hat Herodes die Kenntnis über das „wann der Stern erschienen sei“ (Mt 2,7), nicht veröffentlicht. Die Weisen aus dem Osten haben höchstwahrscheinlich das Datum dieser Beobachtung in ihrem Heimatland weitererzählt oder sogar aufgezeichnet. In den letzten Jahrzehnten ist auch das Jahr 7 v. Chr. als das Geburtsjahr von Jesus favorisiert worden. Zu diesem Schluss kam man, weil es im Jahr 7 eine größere Planetenkonjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische gegeben hat (Kroll. G. 1988, 65-66).

Diese Planetenkonjunktionstheorie (wie auch andere Konjuktionen um die Zeitenwende) widersprehen jedoch den Aussagen des Evangelisten Matthäus, der dreimal von einem Stern `αστόρ ast¢r` spricht (Mt 2,2.9.10). Wir täten gut, diesem ausgebildeten Zöllner und Evangelisten mehr Kompetenz in der Astronomie zuzugestehen. Der Schluss, er könne nicht zwischen Stern und Planet unterscheiden ist vorschnell und im Kontext nicht haltbar.

Das Neue Testament erwähnt `αστέρες πλανέται asteres plan¢tai` also Planeten und nennt sie „irrende Sterne“ (Judas 13). ‚Irrend‘ heißt, sie sind in ständiger Bewegung. Sie haben selbst keine Leuchtfähigkeit, sondern scheinen nur, wenn sie von einem Stern (Sonne) angestrahlt werden. Die oben genannte Planetenkonjunktion wiederholt sich im Laufe von Jahrhunderten – ist also kein so einmaliges Ereignis wie es in den Evangelien dargestellt wird. Da die Geburt (Menschwerdung) von Jesus jedoch einmalig ist, wäre die logische Folgerung, dass es sich bei dem Stern des Königs um ein einmaliges Ereigmis handelt. Das hieße auch, es kann durch astronomische Nachberechnungen nicht erfasst werden.

Das Jahr 7 v. Chr. als das Geburtsjahr von Jesus ist auch noch deswegen zu früh, weil der Beginn der Wirksamkeit von Jesus dann im Jahre 24 zu datieren wäre, doch zu diesem Zeitpunkt war Tiberius erst 10 Jahre im Amt. Nach Lukas 3,1 begann Johannes (Jesus kurze Zeit später) seinen Dienst jedoch im fünfzehnten Jahr des Tiberius. Tiberius trat seine Herrschaft am 19. August des Jahres 14 n. Chr. an.

 

  1. Die Zeit der Statthalterschaft des Quirinius

Der Evangelist Lukas liefert uns einige Angaben über die zeitlichen Umstände und Personen, welche im Zusammenhang der Geburt von Jesus bedeutend sind.

In Lukas 2,1-2 wird berichtet:

  1. Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung (gr. δόγμα dogma)

vom Kaiser Augustus ausging, die ganze Ökumene (in Listen) einschreiben zu lassen. Diese Einschreibung (in Listen) war die erste während (der Zeit), da Kyrenius Statthalter von Syrien war.

Wüssten wir die Daten der Statthalterschaft des Quirinius, könnten wir das Geburtsjahr von Jesus leicht feststellen. Publius Sulpicius Quirinius (so sein vollständiger Name) wurde um das Jahr 45 v. Chr. in Lanuvium geboren, einer Stadt in der Nähe Roms. Seine Familie war wohlhabend, hatte aber weder Senatoren noch Magistrate hervorgebracht. Nach außerbiblischen Quellen nahm Quirinius in dem Jahrzehnt vor und dem Jahrzehnt nach der Zeitenwende eine hervorragende Stellung ein. Doch außer dem Evangelisten Lukas erwähnt niemand seine Statthalterschaft in Syrien zur Zeit der Geburt von Jesus. Wir kennen eine durchgehende Liste der Statthalter von Syrien für den Zeitraum 13/12 v. Chr. bis 6/7 n. Chr.. Nach diesen Angaben bleibt der Statthalterposten nur für den Zeitraum von Frühjahr 2 v. Chr. bis Herbst 2 v. Chr. unbesetzt. Könnte es sein, dass gerade in diesem Zeitraum Quirinius Statthalter von Syrien war und den von Saturninus begonnenen Zensus zu Ende geführt hatte? (Papke 1995, 99 – auszugsweise. Siehe auch Anhang – Quirinius, Statthalter von Syrien).

 

  1. Die Einschreibung in Listen

Kaiser Augustus regierte von 30 (31) v. Chr. – 14 n. Chr. (Andere Quellen: 27 v. Chr. bis 14 n. Chr.). Unter seiner Herrschaft erlebte das Römische Reich eine Festigung. Die verschiedenen Völker lebten in relativem Frieden. Zur Zeitenwende wurde das Wort Caesar = Kaiser als Beiname des Herrschers gebraucht. Erst später wurde „Kaiser“ zur Titulatur der römischen Herrscher. Im Jahre 27 v. Chr. erlangte er auf legalem Wege die Alleinherrschaft im römischen Reich, als ihn der Senat zum Princeps ernannte.

Am 5. Februar des Jahres 2 v. Chr. wurde Augustus vom römischen Senat offiziell die höchste Auszeichnung des Staates verliehen: Augustus wurde zum Pater patriae ‚Vater des Vaterlandes’ ernannt, was den Höhepunkt in der politischen Laufbahn des Augustus bedeutete und ihm unumschränkte Macht im Römischen Reich einbrachte“ (Papke 1995, 98).

Das Jahr 2 v. Chr. war gleichzeitig auch das 25-jährige Jubiläum der Alleinherrschaft des Augustus. Dieses Jahr wurde dadurch auch mit Feiern im ganzen Reich begangen. Josephus spricht von einem Treueid, den Augustus etwa ein Jahr vor dem Tode des Herodes veranlasste. Und er ergänzt, dass 6000 Pharisäer den Treueid verweigerten, während die ganze jüdische Bevölkerung einen Eid ablegte, dem Kaiser treu zu sein (Josephus, Altertümer XVII 2,4). Sicher wissen wir über Pharisäer im Zeitraum vor 70 n. Chr.: eifrig im Studium und der Erkenntnis des Gesetzes, Glaube an die Auferstehung und Akzeptanz der Überlieferung der Ältesten. Josephus berichtet, dass Essener nie das Essen anderer anrühren (BJ II. 143f) – er sagt allerdings nichts dergleichen über Pharisäer aus (Sanders 1985, 188).

Das hier von dem Evangelisten Lukas gebrauchte Verb   ,απογράφεσθαι apografesthai  – eingeschrieben werde` (in Listen) entspricht in etwa dem uns aus der römischen Geschichte wohl vertrauten „census civium“, der mit einer Volkszählung verglichen werden kann. Lukas schreibt, dass es die „erste“ Einschreibung war. Wohl die erste in ihrer Art, weil sie alle im Römischen Reich umfasste, denn auch vorher ist der römische Staat nicht ohne Steuern ausgekommen. Inschriftlich belegt ist ein „Zensus“ jeweils für das Jahr 9/8 v. Chr., 6/7 n. Chr. und 13/14 n. Chr. Der Zensus wurde gewöhnlich im Sieben-Jahresturnus durchgeführt. Dies würde einen Zensus im Jahre 2 v. Chr. bestätigen. Nach Gerhard Kroll umfasste der römische Provinzialzensus zwei administrative Akte:

– „Die `απόγραφη apograf¢` – Aufschreibung und Aufnahme des Personalstandes, die Eintragung in die amtlichen Steuerlisten und die Erfassung des Grund und Hauseigentums“ (Kroll 1990, 12).

– „Die `αποτιμέσις apotimesis` Schätzung der Vermögenswerte und die Festlegung des jeweiligen Steuersolls.“

Der Evangelist Lukas verwendet nur den Begriff „apograf¢“ und präzisiert, dass es die „erste Einschreibung“ war. Die erste, in ihrer Art, weil sie das gesamte Römische Reich `πάσαν την οικουμένην pasan t¢n oikoumen¢n` umfasste. Und er fügt hinzu, dass diese Einschreibung während der Statthalterschaft des Quirinius stattfand. Die Aussagen dieser genannten Quellen führen uns in das Jahr 2 v. Chr. für das angenommene Geburtsjahr von Jesus.

 

  1. Vom Zeitpunkt des Beginns der Wirksamkeit Jesu minus 30 Jahre

Es gibt jedoch noch einen weiteren Ansatz, um das Geburtsjahr von Jesus näher zu bestimmen. Dieser Ansatz ist so einfach und plausibel, dass er selten in Betracht gezogen wird. Rechnen wir vom Jahr des Beginns der Wirksamkeit von Johannes dem Täufer und von Jesus knapp 30 Jahre  zurück (Lk 3,23), kommen wir in das Geburtsjahr von Jesus. Wenn Johannes im 15. Jahr des Tiberius Kaisers öffentlich auftrat, dann ist es die Zeit zwischen dem 19. August 28 und dem 18. August 29 n. Chr. Vielleicht hat Johannes schon im Herbst 28, spätestens jedoch im Frühjahr 29 seinen Dienst  begonnen. Jesus kam etwa ein halbes Jahr später (entsprechend dem Altersunterschied zu Johannes) zu ihm an den Jordan. So könnte der Beginn des öffentlichen Wirkens von Jesus auf etwa Frühjahr bis Sommer des Jahres 29 datiert werden. Rechnen wir von Sommer 29 etwa 30 Jahre zurück, so kommen wir in den Sommer oder Spätsommer des Jahres 2 vor der Zeitenwende als dem Geburtsjahr von Jesus.

Unter zusätzlicher Einbeziehung der Daten der Wirksamkeit von Jesus so wie seines Todesjahres (3. April 33  unserer Zeitrechnung), scheint die Fixierung der Geburt von Jesus auf das Jahr 2 vor der Zeitenwende gut begründet zu sein.

 

Die uns ganz vertraute Rechnung der Jahre „nach Christus“, genauer: „nach Christi Geburt“, geht auf den römischen Mönch Dionysius mit dem bescheidenen Namen Exigus, der „ganz Kleine“, zurück. Dionysius führte im Jahre 525 n. Chr. die „christliche Ära“ ein, wobei er die Geburt Jesu ins Jahr Null setzte und das folgende Jahr als das erste „nach der Menschwerdung des Herrn“ (ab incarnatione Domini) zählte.

Der englische Benediktiner-Mönch Beda (ca. 672-735), Venerabilis, der „Ehrwürdige“, genannt, hat das Jahr 1 „nach Menschwerdung“ Christi bei Dionysius als das Jahr der Geburt Jesu selbst missverstanden; seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass seitdem irrtümlich ein Jahr weniger gerechnet wird; das Jahr 1999 n. Chr. ist also eigentlich das Jahr 2000 n. Chr. Für die Zeitenwende gelten demnach folgende Entsprechungen:

Das Jahr 2 v. Chr. entspricht dem Jahr „Null“ des Dionysius,

das Jahr  1 v. Chr. entspricht dem Jahr 1 des Dionysius,

das Jahr  1 n. Chr. entspricht dem Jahr 2 des Dionysius.

(Beachte: auf das Jahr 1 v. Chr. folgt das Jahr 1 n. Chr.; es gibt kein Jahr „0“ in der seit Beda üblichen Bezeichnungsweise.)

Dieser bescheidene Mönch hat bezüglich des Geburts-Jahres des Erlösers sich nicht, wie allgemein zu lesen ist geirrt, sondern im Gegenteil genau richtig gerechnet! (Papke, 1995, 93).

 

1.7.2 Tabelle zum möglichen Datum der Geburt Christi nach Lk 3,1 und 3,23

Zunächst müssen wir beachten, dass es kein Jahr 0 (im Sinne von 12 Monate-Dauer) gibt, wie der Mönch Dionisius in seinem Kalender festgelegt hatte. Null bildet de facto eine Linie zwischen dem Jahr eins vor und dem Jahr eins nach unserer Zeitrechnung.

Spätsommer 2 v. – 1 v. Das erste Lebensjahr (Darstellung im Tempel – Lk 2,22ff; Besuch der Weisen – Mt 2,1-12; Flucht nach Ägypten (Mt 2,13ff;, Rückkehr und Niederlassung in Nazaret – Mt 2,22-23)
 1 v. – 1 n. Das zweite Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade – Lk 2,52)
 1 n. – 2 n. Das dritte Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 2 n. – 3 n. Das vierte Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 3 n. – 4 n. Das fünfte Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 4 n. – 5 n. Das sechste Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 5 n. – 6 n. Das siebte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 6 n. -7 n. Das achte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 7 n. – 8 n. Das neute Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 8 n. – 9 n. Das zehnte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 9 n. – 10 n. Das elfte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 10 n. – 11 n. Das 12. Lebensjahr (Jesus bleibt drei Tage allein im Tempel in Jerusalem – Lk 2,41ff)
 11 n. – 12 n. Das 13. Lebensjahr (als 13-jähriger übernimmt Jesus mehr Verantwortung)
 12 n. – 13 n. Das 14. Lebensjahr
 13 n. – 14 n. Das 15. Lebensjahr (Berufsausbildung)
 14 n. – 15 n. Das 16. Lebensjahr (Berufsausbildung)
 15 n. – 16 n. Das 17. Lebensjahr (Berufsausbildung)
 16 n. – 17 n. Das 18. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 17 n. – 18 n. Das 19. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 18 n. – 19 n. Das 20. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 19 n. – 20 n. Das 21. Lebensjahr (Berufsjahre)
 20 n. – 21 n. Das 22. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 21 n. – 22 n. Das 23. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 22 n. – 23 n. Das 24. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 23 n. – 24 n. Das 25. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 24 n. – 25 n. Das 26. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 25 n. – 26 n. Das 27. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 26 n. – 27 n. Das 28. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 27 n. – 28 n. Das 29. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 28 n. – 29 n. Das 30. Lebensjahr
 29 n. (Sommer)  Jesus ist knapp 30 Jahre alt (Er lässt sich von Johannes im Jordan taufen, siegt in den Versuchungen in der Wüste, zieht anschließend von Nazaret nach Kapernaum um und beginnt mit seinem Dienst – (Lk 3,23;  Mt 4,17).

 

Dass wir heute die Geburt von Jesus am 24./25. Dezember feiern, ist eine Tradition der Westkirche. In Palästina wurde das Weihnachtsfest am 24./25. Dezember erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts auf Drängen der Westkirche eingeführt. Das Kommen von Jesus in diese Welt ist zentraler Inhalt der Evangeliumsbotschaft, die ununterbrochen verkündigt werden soll. Doch tun wir gut, wenn wir uns an  einem bestimmten Tag im Jahr an die Geburt von Jesus Christus im Besonderen erinnern.

 

1.7.3 Die Umstände der Geburt von Jesus

Die Geburt eines Kindes, speziell des ersten Sohnes, war ein freudiges, sehr bedeutsames Ereignis im Leben der orientalischen Familie. Die Geburt selbst war meist nicht so schwierig – die heute üblichen Zivilisationskrankheiten trugen hoffentlich nicht zur Erschwerung bei. Nur wenige Texte der Bibel machen Detailangaben über die Geburt eines Kindes. Wir lesen im Buch des Propheten Hesekiel von einigen Details, die nach der Geburt nicht beachtet wurden. Aus dieser recht leidvollen Beschreibung geht dennoch hervor, was das normale war.

Bei deiner Geburt war es so: Am Tag, als du geboren wurdest, wurde deine Nabelschnur nicht abgeschnitten; auch hat man dich nicht mit Wasser gebadet, damit du sauber würdest, dich nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt. Denn niemand sah mitleidig auf dich und erbarmte sich, dass er etwas von all dem an dir getan hätte, sondern du wurdest aufs Feld geworfen. So verachtet war dein Leben, als du geboren wurdest. (Hes 16,4-5).

Dennoch beschreibt der Hesekiel-Text die Details, die bei der Geburt zu beachten waren.

Was für ein Kontrast zum liebevollen Verhalten von Josef und Maria gegenüber ihrem Kind! Wir können also annehmen, dass nach der Geburt von Jesus:

  • Die Nabelschnur behutsam abgetrannt wurde,
  • Das Neugeborene mit oder im Wasser gebadet wurde,
  • Danach (wohl zur Desinfektion) mit Salz abgerieben,
  • Danach in Windeln gewickelt,
  • Anschließend in eine mit Stroh und weichen Tüchern gepolsterte Futterkrippe gelegt.
  • Beide, Maria und Josef wachten über dem Kind.

Nach 1Mose 35,17; 38,28, 2Mose 1,15-22 und 1Sam 4,20 waren immer andere weibliche Personen bei der Geburt als Hilfe anwesend. Dies waren Freundinnen der Mutter oder ältere Verwandte. Auch gab es wohl einen Geburtsstuhl 2Mose 1,16 wörtlich: „(…) wenn ihr sie auf dem Geburtsstuhl  al haobnajim seht (…)“ Über die Anwesenheit von anderen Frauen wird in den biblischen Texten nichts erwähnt (…) dennoch wäre es sehr außergewöhnlich, wenn nicht Frauen der erweiterten Sippe – auch bei sehr losen Beziehungen – hilfreich einer Erstgebärenden zur Seite gestanden hätten. Bei den Windeln handelt es sich um lange Stoffstreife n, mit den üblicher Weise die Glieder der Säuglinge festgebunden werden, damit sie „gerade“ wachsen.

So ist Jesus, wie auch viele andere Kinder in einem der unteren Wirtschaftsräume des Hauses zur Welt gekommen und weil es für sie oben in der guten Stube keinen Platz gab, legten sie ihn in Windeln gewickelt in die dort befindliche Futterkrippe.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist dir über den Zeitpunkt, bzw. das Jahr der Geburt von Jesus bekannt?  Wie kamen die Forscher zu den unterschiedlichen Ergebnissen?
  2. Ist Weihnachten (24/25. Dezember) wirklich der Geburtstag von Jesus?
  3. Suche auf einer Karte Bethlehem (Mt 2,1), beschreibe die geographische Lage der Stadt. Wo in der Bibel wird Bethlehem zum ersten Mal erwähnt? Welcher Prophet sagt etwas  über den Geburtsort und den Messias voraus? Als wessen Stadt wird Bethlehem bezeichnet?
  4. Wenn du die Möglichkeit hättest in Bethlehem einen Tag zu verbringen, was würdest du dort machen?
  5. Kann es sein, dass Maria und Josef gerne Nazaret verließen und die Geburt im fernen Bethlehem ihnen eigentlich willkommen war? Wie war Marias Situation in Nazaret?
  6. Was fällt bei der Geburt von Jesus auf?
  7. In welcher Weise war die „Fülle der Zeit“ gekommen, als Jesus in Bethlehem geboren wurde? Welche politischen, kulturellen und religiösen Faktoren könnten es gewesen sein?

 

1.8  Gott offenbart den Hirten die Geburt des Messias

(Bibeltexte: Lk 2,8-20;  2Kön 7,9)

1.8.1 Die Frohe Botschaft der Engel an die Hirten

Nicht an den Palästen der Herrscher und Großen dieser Welt offenbart sich Gott, sondern bei den Geringen, bei den Unbeachteten. Die Geschichte mit den Hirten berichtet uns nur der Evangelist Lukas.

0012-Hirtenfelder-5-2-2014_025

Abbildung 14 Die sogenannten Hirtenfelder in der Umgebung von Bethlehem. Die Tafel weist auf Überreste einer byzantinischen Kirche hin (Foto: April 1986).

,„Und es waren Hirten in derselben Gegend, die auf freiem Feld blieben und des Nachts Wache hielten über ihre Herde.“ (Lk 2,8 Elf.).

Hirten finden in Gottes Heilsgeschichte schon eine besondere Beachtung. Abel, die Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob mit seinen Söhnen, Mose, David, Amos waren Hirten. Ja selbst Jesus bezeichnet sich als den „guten Hirten“ (Joh 10,1). Gott scheint eine besondere Beziehung zu den Hirten zu haben.

In Palästina mussten Hirten besonders in der Nacht Wache halten, denn es gab in dieser Region wilde, reißende Tiere: Wölfe, Hyänen, Leoparden, Löwen und sogar Bären. Entweder trieb man die Schafe für die Nacht in die Gehege (Pferche) oder auch in die Höhlen, wo sie leichter zu bewachen und zu beschützen waren. Dass die Herde und die Hirten nachts draußen auf freiem Felde waren, deutet evtl. daraufhin, dass keine winterlichen Temperaturen herrschten. Der Evangelist Lukas schreibt: „Und ein Engel des Herrn stellte sich zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie.“ Es fällt hier gleich auf, dass der Engel des Herrn sich zu ihnen stellt. Paul Schüle: „Meine frühere Vorstellung, dass er über ihnen schwebte, ist damit verflogen!“ Die Reaktion der ansonsten furchtlosen Hirten ist große Furcht. Die Herrlichkeit des Herrn ist oft mit Licht, Feuer und wunderschönen Farben verbunden (siehe 2Mose 24,17; Mt 17,2; Offb 4,2ff). Durch die Botschaft des Engels werden uns ewige Wahrheiten von Gott offenbart.

Die Einleitung des Engels: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“, ist zweiteilig.

Die Hirten sollen aus ihrer Furcht heraus und in die Freude hinein geführt werden. Den Hirten wird „gute Nachricht” verkündigt (Jes 52,7). Höchstwahrscheinlich sprach der Engel mit den Hirten Hebräisch. Im Griechischen verband man damals mit dem Verb euangeli,zomai euangelizomai die Verkündigung guter Nachricht. Im griechisch-römischen Kontext auch die Bekanntgabe der Feiern des Kaiserkults – besonders an dessen Geburtstag.

 

Der Inhalt der Freude ist dreiteilig und wird am Ende auch noch lokalisiert.

  1. Denn euch ist heute der Retter (σωτήρ söt¢r) geboren (1Mose 3,15),
  2. welcher ist (der) Gesalbte (χριστός christos) (Jes 61,1),
  3. (der) Herr (κύριος kyrios) (2Sam 7,12-14; Ps 110,1;  Mt 22,42-44) in der Stadt Davids.

Man sollte die Bildung, bzw. Kenntnis der sonst einfachen Hirten-Menschen über Gott und seine Geschichte in Israel nicht unterschätzen. Wir werden in dem Zusammenhang an all die Hirten in der Geschichte Israels erinnert. Gerade diese standen Gott oft näher als die typischen Stadtbewohner. So ist es nicht zu verwundern, dass der Engel ihnen solche theologischen Inhalte vermitteln kann und sie diese sofort begreifen

Die Botschaft des Engels lautete: „Und das ist für euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind (einen Säugling) finden in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lk 2,12) Begriff  `βρέφος brefos`  bezeichnet entweder ein Neugeborenes oder auch ein noch nicht geborenes Kind im Mutterleib (1Petr 2,2;  Lk 1,41.44).

  1. IMG_1087

    Abbildung 15 Das Zeichen der Krippe bekamen die Hirten vom Engel, damit sie das Kind Identifizieren konnten. Anscheinend war es bis dahin nicht übliche Praxis, Neugeborene in Futterkrippen zu legen. Doch die Idee ist genial – das Leben der Welt liegt in einer Futterkrippe.

    Der Engel macht die Hirten auf zwei Äußerlichkeiten aufmerksam: das Kind ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe. Windeln werden im Alten Testament nur zwei Mal erwähnt (Hiob 38,9: im übertragenen Sinne auf die Wolken des Himmels bezogen und in Hesekiel 16,4-5 wird indirekt die gewöhnliche Praxis im Umgang mit Neugeborenen nach der Geburt beschrieben).

    Das Zeichen der Krippe zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Krippe selbst wird in der Bibel nur selten erwähnt (hebr. ¢büs, gr. φάτνη fatn¢). Im Alten Testament wird die Krippe nur vier Mal genannt (Hiob 6,5: LXX; 39,9; Spr 14,4; Jes 1,3). Die bekannteste Stelle ist in Jesaja 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, (…).“ Dies ist der einzige sehr indirekte Hinweis aus dem Alten Testament, aufgrund dessen angenommen wird, dass bei der Geburt von Jesus Ochsen und Esel anwesend waren. Im NT finden wir keinen Hinweis auf die so beliebten Figuren in Weihnachtsanspielen. Im Neuen Testament ist Lukas der Einzige, der außer bei der Geburt von Jesus (drei Mal: 2,7.12.16) noch in Kapitel 13,15 eine futterkrippe erwähnt. Maria und Josef legen das neugeborene Jesus-Kind in eine Futterkrippe. Dies war eventuell nicht die gängigste und beliebteste Praxis gewesen. Mit Nachdruck betont der Engel, dass die Krippe „das Zeichen sei (gr. σημείον s¢meion),

    m den Retter zu identifizieren. Ein Zeichen steht nicht für sich da, sondern weist auf etwas Höheres oder jemand Höheren hin. Anhand dieses (besonderen) Zeichens konnten die Hirten, nachdem sie das Kind in einem der Häuser Bethlehems fanden, genau identifizieren.

    Ludwig Schneller merkt an, dass er diese Praxis in Bethlehem viel später bei den Arabern Ende des 19. Jahrhunderts oft beobachtete – so mag sie eine Fortsetzung dessen sein, was damals mit Jesus noch etwas Besonderes war.

    Der Hinweis des Engels auf die Windeln dagegen, könnte nicht als Zeichen (etwas Ungewöhnliches) bezeichnet werden, denn diese werden als gewöhnlicher Bestandteil bei Neugeborenen in Hesekiel 16,4 beschrieben (siehe weiter oben). Die Futterkrippe wird im Gegensatz zu den Windeln immer nur als Versorgungseinrichtung für das Vieh in Verbindung gebracht. Hier in der Krippe also liegt das Leben der Welt. Das „Lamm” beginnt seinen Weg in der Krippe aus Holz und beendet ihn am Holz-Kreuz auf Golgatha. Was für ein Zeichen!

    Und nun kommt eine weitere Überraschung. Plötzlich ist bei dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen (πλήθος στρατας – pl¢thos stratias), die lobsingen Gott: „Herrlichkeit Gott in den Höhen und Frieden auf Erden bei den Menschen des (seines) Wohlgefallens.“ (Lk 2,14). Nach welcher Melodie und in welcher Stimmlage sie wohl singen und so ganz ohne Instrumentalbegleitung? Doch eines verstehen wir sofort: Hier begegnet uns Lobpreis auf höchstem Niveau. Was für eine Anbetung angesichts solcher schlichter Umstände! Die Engel selbst waren wohl zu keinem Zeitpunkt der Weltgeschichte so gespannt und erstaunt.

    1. Zu beachten ist in diesem Satz der Genitiv (des Wohlgefallens), welcher im Griechischen untypisch ist und darum in einigen Handschriften nicht überliefert wurde. Hier geht es um ein kleines „s” = also ob hier ευδοκία eudokia oder ευδοκίας eudokias zu lesen ist. Dieses „s” macht den Unterschied bei den Übersetzungen und führt zu verschiedenen Interpretationen.

    Hier die Versionen der Übersetzer des Textes in Lukas 2,14:

    Griechisch

    ALTE LUTHER

     

    LUTHER 1984/2017

     

    ALTE ELBERFELDER

     

    ELBERFELDER 1987

     

    EINHEITSÜBERSETZUNG

     

    SCHLACHTER 2000

     

    NGÜ

     

    HfA

     

    Gute Nachricht

    „δόξα έν υψίστοις θεώ καί έπί γής είρήνη έν άνθρώποις εύδοκίας.“

    „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

    „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

    „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!“

    „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden in den Menschen des Wohlgefallens!“

    „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“

    „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!“

    »Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.«

    »Ehre sei Gott im Himme! Denn er bringt der Welt Frieden und wendet sich den Menschen in Liebe zu.«

    »Groß ist von jetzt an Gottes Herrlichkeit im Himmel; denn sein Frieden ist herabgekommen auf die Erde zu den Menschen, die er erwählt hat und liebt!«

     

    Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig es für das sorgfältige Bibelstudium sein kann, verschiedene Übersetzungen heranzuziehen und nach Möglichkeit auch den griechischen Text beachten.
    Die ältere Lutherübersetzung formuliert: „Frieden auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen.“ Doch es gab schon damals keinen Frieden auf Erden. Der Friede Gottes kann sich nur auf die Menschen beziehen, die seines (Gottes) Wohlgefallens sind. Es geht um den Frieden, den Jesus persönlich verkörpert und den er seinen Jüngern später gegeben, bzw. gelassen hatte (Eph 2,14; Joh 14,27) und es ist auch der Friede, der nur auf die Menschen kommt, welche die Botschaft Gottes annehmen und durch Vergebung ihrer Sünden mit Gott versöhnt werden (Mk 5,34; Lk 7,50; 10,5-6; siehe auch Röm 5,1.2; 2Kor 5,18-21). Trotz aller bedenklicher Gemeindeerfahrungen: je mehr Menschen mit Jesus Frieden vor Gott und Mitmenschen finden, desto mehr haben wir auch Frieden in den Strukturen dieser Welt.

     

    1.8.2 Der Besuch der Hirten in Bethlehem

    Der Evangelist Lukas schreibt weiter:

    Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte (gr. τήμα r¢ma – den Ausspruch, das Gesagte) sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind (βρέφος brefos – Säugling) in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort (ρήματος r¢matos – den Ausspruch, das Gesagte) aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. (Lk 2,15-18).

    Dies ist immer ein kritischer Moment. Was die Hirten tun sollen ist klar – Gottes Auftrag ist oft zu klar! Doch jetzt kommt die Umsetzung, die Disziplin, der Gehorsam! Wie nach einer Predigt kommt nach dem Hören das Tun! Lukas drückt durch den Gebrauch einer griechischen Verbform die Spannung aus: `ευρήσετε eur¢sete – ihr werdet finden`. Die Hirten können gar nicht anders als alles liegen zu lassen, um das Gehörte zu prüfen. Schnell machen sie sich auf nach Bethlehem um nach einem Neugeborenen zu suchen und sie finden alles so vor, wie ihnen der Engel gesagt hatte. Das kleine Städtchen Bethlehem kommt in dieser Nacht in freudige Bewegung. Diese Männer haben sich vor nichts zurückschrecken lassen – weder vor fragenden Blicken der einwohner Bethlehems, noch vor der vermeintlichen Ruhestörung bei einer jungen Frau kurz nach der Entbindung.

    Auch Maria wird durch den Besuch und die gute Nachricht der Hirten erneut in Staunen versetzt. Von ihr heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2,19). Sie sammelt sozusagen alle Informationen und bekommt immer mehr Einblick in den Heilsplan Gottes mit seinem Sohn. Wir wissen wenig von dem Glaubensleben Marias. Doch nach Johannes 2,5; Apostelgeschichte 1,14 können wir erkennen, dass sie von der Mutter zur Gläubigen heranwuchs. Wenn Maria hier auch an erster Stelle noch vor ihrem Mann genannt wird, so ist es auch für Josef eine weitere Bestätigung dass Gott seine Verheißung erfüllt hat (Mt 1,20-21). Und er bekommt auch die Anerkennung für seine treue Fürsorge und disziplinierte Zurückhaltung in der Ehe (Mt 1,24-25).

     

    Es wird schon deutlich, dass sich diese Ereignisse damals in jener Gegend rasch herumgesprochen haben. Der Text erweckt den Eindruck, dass die Hirten noch in der Nacht mit der Ausbreitung dieser `Frohen Botschaft` begannen. Die Reaktionen der Menschen waren: Staunen und Verwunderung.

    Die Hirten – kräftige, mutige, gestandene Männer reden begeistert von Engeln, von einem himmlischen Chor und einem Säugling in der Krippe. Sie lobpreisen Gott, das ist wahre Anbetung, die angemessene Antwort auf die Kundgebung und das Reden Gottes.

    Fragen /Aufgaben:

    1. Siehst du einen Grund, warum Gott die Geburt seines Sohnes zuerst den Hirten verkündigt hat?

  2.  2Kön 7,9 wird von der guten Nachricht zweier Leprakranker berichtet. Sie können nicht anders (…), sie müssen die Botschaft verkünden! Gibt es diese Dringlichkeit auch heute noch?
  3. Wie nimmst du den Lobpreis der Engel auf? Was könnte daraus für deinen Alltag folgen?
  4. Lerne den Lobeshymnus der Engel aus Lk 2,14 auswendig und zwar nach der revidierten Lutherübersetzung.
  5. Was fällt uns bei Maria besonders auf?
  6. Was ist mit Josef? Wie oder was konnte er in all diesem Geschehen empfunden haben?
  7. Was können wir aus der Reaktion der Hirten lernen (Lk 2,16-20)?

    1.9 Die Beschneidung und Namensgebung

1.9.1 Die Beschneidung von Jesus am achten Tag

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und als acht Tage um waren und er beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.“ (Lk 2,21). Für Jesus gab es keine Sonderbehandlung, er wurde unter das Gesetz gestellt, wie es im Judentum seit etwa 2 Jahrtausende Tradition war. Dies bestätigt später auch der Apostel Paulus: (…) als aber die Fülle der Zeit (το πλήρωμα του χρόνου to pl¢röma tou chronou) kam, sandte Gott seinen Sohn aus, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz. (Gal 4,4).

Damit hatte Jesus alle Pflichten des mosaischen Gesetzes zu erfüllen. Hierzu gehörte die rituelle Beschneidung als Zeichen der Zugehörigkeit zum Bund Gottes mit Abraham. Dies war zugleich ein unterscheidbares körperliches Merkmal aller männlichen Glieder des Volkes Israel. Im Nahen Osten ist die männliche Beschneidung bei Juden (am 8.Tag), Christen (kurz nach der Geburt) und Muslimen – ohne koranisches Gebot – (im Alter von 7-10 Jahren) verbreitet.

Die Beschneidung am achten Tag hat ihren Ursprung in Abrahams Handlungen nach dem Bundesschluss (1Mose 17,11) und wurde im Gesetz am Sinai verankert (3Mose 12,3). Bei der Beschneidung wird die Vorhaut des männlichen Gliedes entfernt.

Wenn der entsprechende achte Tag auf einen Sabbat fiel, dann stand Gebot gegen Gebot (Joh 7,21-23). In diesem Fall stand das Gebot “am achten Tag soll alles Männliche beschnitten werden”, dem Gebot “am Sabbattag sollst du keinerlei Arbeit tun”, entgegen. Bei Einhaltung des Beschneidungsgebotes übertraten die Juden das Sabbatgebot (natürlich nur dem Buchstaben nach).

Im Neuen Testament bekommt die Beschneidung eine tiefe, geistliche Bedeutung. Denn in Christus Jesus ist die natürliche Beschneidung belanglos und nutzlos geworden (Gal 6,15), Es geht nun

  • um die Beschneidung des Herzens (Röm 2,29),
  • oder die Beschneidung durch Christus (Kol 2,11).

Nach dem Beschluss der Apostel und Ältesten in Jerusalem im Jahre 48 n.Chr., werden die Heidenchristen befreit von der alttestamentlichen Beschneidungsvorschrift und somit auch von allen anderen rituellen Vorschriften (Apg 15,1-6; 19f). Zur Beschneidung heute siehe Anhänge.

 

1.9.2 Die Namensgebung von Jesus

In alttestamentlicher Zeit und auch zur Zeit von Jesus fiel die Namensgebung bei Knaben mit der Beschneidung am achten Tag zusammen (Lk 1,59; 2,21;  1Mose 21,1ff). Die Namen hatten in der Regel eine Bedeutung. Deshalb wird er auch schon in der himmlischen Geburtsankündigung erwähnt. In Lukas 1,26 erscheint der Engel Gabriel der Maria und verkündet ihr die Geburt eines Sohnes an, den sie ‚Jesus‘ nennen soll.

Die Herkunft des Namens Jehoschua und der abgeleiteten Form Jeschua ist nicht endgültig geklärt. Ältere Lexika der hebräischen Sprache weisen auf eine mögliche Abstammung aus der Zusammensetzung von J H W (Kurzform von JHWH, dem Gottesnamen der hebräischen Bibel) und schua΄ („edel“, „freigiebig“, „vornehm sein“) hin oder erkennen eine Ableitung aus dem Verb jascha΄ („retten“) wie in dem Namen Hosche΄a. Für eine Herleitung aus der Wurzel „retten, befreien“ spricht auch eine Aussage des Matthäusevangeliums zur Bedeutung des Namens: Jesus. Dort heißt es in Mt 1,21 ELB: „und Du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden.“

Hier eine Aufstellung der verschiedenen Variationen dieses Namens

 

Sprache Schreibweise(n)
Masoretischer Text יְהוֹשׁוּעַ‎; יְהוֹשֻׁעַ‎ (lehöschü ±a); יֵשׁוּעַ‎ (l¢schü΄a)
Syrische Versionen Jeschua
Septuaginta und Neues Testament griechisch (russisch)  Ιησους – I¢sous (I¢süs); Ωσηε (Ös¢e);[1] Ιασων (Iasön) Иисус
Vulgata Iosue; Iesus
Deutsche Übersetzungen Josua; Jesua; Jesus
Englische Übersetzungen Joshua; Jehoshua; Jesus

 

Gottes Auftrag für Jesus war die Rettung der Menschheit von ihren Sünden. In diesem Fall wurden sowohl Maria als auch Josef beauftragt, ihrem Sohn diesen Namen zu geben. Der Evangelist Lukas unterstreicht außerdem die Tatsache, dass der Name gegeben wurde, bevor Jesus im Mutterleib empfangen wurde (Lk 2,21).

Der Name Jesus kommt schon im Alten Testament vor und mehrere Menschen tragen ihn auch zur Zeit des Neuen Testamentes (Jesus – Barabbas Mt 27,16-17, Bar Jesus Apg 13,6-12, Jesus – Justus Kol 4,11).

Eine Namensgebung hatte immer weit reichende Bedeutung. Wir erinnern uns, dass Jesus selbst seinen Jüngern Zunamen oder Beinamen gegeben hat. Er legte damit in deren Leben ein bestimmtes Konzept hinein (Joh 1,40ff;  Mk 3,16). An diese Praxis lehnten sich auch die Apostel an (Apg 4,36).

Jesus spricht nicht nur von den Namen derer, die im Himmel angeschrieben werden (Lk 10,20), sondern auch davon, dass diese einen neuen Namen bekommen werden (Offb 2,17; 3,12). Es entsteht der Eindruck, dass im Himmel jeder einen individuellen Namen tragen wird, der in völliger Übereinstimmung mit der jeweiligen Person sein wird.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Auf welche Anordnung geht das Ritual der Beschneidung am achten Tag zurück? Welchen geistlichen Sinn wird der Beschneidung im Neuen Testament zugemessen? Siehe: Kol 2,11; Phil 3,3; Gal 5,6; Gal 6,15; 1Kor 7,19; Röm 2,25-29.
  2. Was bedeutet der Name ‚Jesus‘? In welcher Weise war er wirklich das Programm Gottes?
  3. Legst du Wert auf die Bedeutung der Namen, deines Namens, heute? Warum gibt man den Menschen oft noch einen Beinamen?
  4. Weißt du, dass dein Name im Himmel bekannt ist und es für dich einen neuen Namen gibt im Himmel? Siehe Offb 2,17 und 3,5.

1.10 Darstellung von Jesus im Tempel

(Bibeltexte: Lk 2,22-40;  2Mose 13,1-8. 12-16;  4Mose 3,39-51; 18,5-7)

1.10.1 Reinigungsopfer der Maria

Jüdische Familien hatten drei Pflichten nach der Geburt des Erstgeborenen zu beachten:

  • Beschneidung und die damit verbundene Namensgebung
  • Darstellung / Auslösung im Tempel
  • Reinigungsopfer der Mutter (nach 40 Tagen für Söhne und 80 Tagen für Mädchen).

Der Evangelist Lukas schreibt dazu: „Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen,

wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2. Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, und um das Opfer arzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3. Mose 12,6-8). Josef erfüllt alle drei Pflichten und bringt mit Maria 40 Tage nach der Geburt das Kind Jesus in den Tempel. Hier stellen sie ihren Erstgeborenen dem Herrn dar und bringen das Brandopfer und Sündopfer, wie es Gott im Gesetz durch Mose angeordnet hatte (3Mose 12,1-8)..

0026-Modell Tempel-5-2-2014_022

Abbildung 16 Modell des Herodianischen Tempels in Jerusalem zur Zeit Jesu (Foto: April 1986).

 

Diese Vorschrift hatte ihre Wurzel zunächst in der wunderbaren Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft (2Mose 13,1-8). Dort wurde die männliche Erstgeburt bei den Israeliten durch das Blut eines Lammes, mit dem die Türpfosten angestrichen wurden, vom Tod bewahrt, während alle Erstgeborenen der Ägypter starben. Später in der Wüste Sinai hatte Gott anstelle aller Erstgeborener in Israel den gesamten Stamm Levi für sich ausgesondert. Dabei wurde bei der Zählung der Erstgeburten unter den elf Stämmen Israels 22273 männliche Erstgeburten (ab einem Monat) gezählt. Dies ergab einen Überhang von 273 männliche Personen im Vergleich zur Zahl der Leviten welche 22000 (ab einem Monat) zählten. Die restlichen 273 mussten nun mit einer Zahlung von 5 Schekeln ausgelöst werden. Gott sagte, dass alle Erstgeburt sein Eigentum ist. Dieser Anspruch gründete sich auf Jakobs Erstgeburtsrecht, nachdem Esau seine Erstgeburt verkaufte. So wurde Jakob der von Gott begnadete und geliebte Stammvater und mit ihm wurde das gesamte Volk Israel gesegnet. Vor Pharao bekennt und bezeichnet Gott das gesamte Volk Israel als seinen erstgeborenen Sohn: „Israel ist mein erstgeborener Sohn.” (2Mose 4,22;  Hos 11,1;  Mt 2,14). Im Neuen Bund sind alle an Christus Gläubigen Erstgeborene, wobei Christus selbst der Erstgeborene und auch Einziggeborene vom Vater ist (Joh 1,18;  Hebr 1,6; 12,23). Weitere Hinweise zum Recht des Erstgeborenen finden wir in 5Mose 21,16ff.

 

Zum Brandopfer benötigten Maria und Josef ein Lamm oder wenn sie nicht genug Geld hatten auch eine Taube oder Turteltaube (3Mose 12,6-8) und für das Sündopfer eine Taube. Die Turteltaube ist ein Zugvogel (Jer 8,7). Opfertauben konnten im Tempel gekauft werden (Mt 21,12). Der Evangelist Lukas schreibt nicht, was für ein Opfer Josef und Maria dem Herrn dargebracht haben. Auch hier wird wieder unterstrichen, dass Jesus unter das Gesetz gestellt wurde (Gal 4,4). Weiter fällt auf, dass Josef alle seine Vaterpflichten vorbildlich erfüllt (wohl wissend, dass er nur der Adoptivvater ist).

 

Der Erlöser der Welt wird „ausgelöst”!

1.10.2 Lobpreis Simeons „Nunc dimittis”

(Bibeltexte: Lk 2,25-35;  Jes 40,1; 39,13)

Simeon war gerecht, gottesfürchtig und er wartete auf den Trost für Israel. Der Name Simeon hat mit dem hebr. „hören” zu tun. Auffällig dann, dass er die Stimme des Heiligen Geistes gehört und verstanden hatte, der sagte:

Du wirst den Tod nicht schmecken, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast (Lk 2,26).

Er als „Laie” hatte gelernt auf die Stimme des Geistes zu hören. Dieser Geist Gottes regt ihn an, in den Tempel zu gehen und gerade in dieser Zeit befinden sich Josef und Maria mit dem Jesuskind im Tempel. Nachdem er Jesus auf die Arme nahm, spricht er, bzw. lobpreist er Gott:

Nun entlässt du, Herr, deinen Diener (Sklaven) gemäß deinem Wort in Frieden, denn meine Augen haben dein Heil gesehen, (…). (Lk 2,29).

In der Prophetie Simeons wird die Dimension und das Konzept des Dienstes von Jesus verdeutlicht: alle Völker sind in diese Rettung eingeschlossen.

(…) das du bereitet hast im Angesicht aller Nationen ein Licht zur Offenbarung für die Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel. (Lk 2,31.32).

An dieser Stelle darf die alttestamentliche Universalität des Heilsangebots Gottes beleuchtet werden. So lesen wir im Jesajabuch:

Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels zurückzubringen. So mache ich dich auch zum Licht der Nationen, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde. (Jes 49,6).

 

Siehe, du wirst eine Nation herbeirufen, die du nicht kennst; und eine Nation, die dich nicht kannte, wird zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und wegen des Heiligen Israels. Denn er hat dich herrlich gemacht. (Jes 55,5).

 

So spricht der HERR: Wahret das Recht und übt Gerechtigkeit! Denn mein Heil ist nahe, dass es kommt, und meine Gerechtigkeit, dass sie geoffenbart wird.

 Glücklich der Mensch, der dies tut, und das Menschenkind, das daran festhält: der den Sabbat bewahrt, ihn nicht zu entweihen, und seine Hand davor bewahrt, irgend etwas Böses zu tun!

 Und der Sohn der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Der HERR wird mich sicher von seinem Volk ausschließen. Und der Verschnittene sage nicht: Siehe, ich bin ein dürrer Baum!

 Denn so spricht der HERR: Den Verschnittenen, die meine Sabbate bewahren und das erwählen, woran ich Gefallen habe, und festhalten an meinem Bund,

 denen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern einen Platz und einen Namen, besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht ausgelöscht werden soll.

 Und die Söhne der Fremde, die sich dem HERRN angeschlossen haben, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, ihm zu Knechten zu sein, jeden, der den Sabbat bewahrt, ihn nicht zu entweihen, und alle, die an meinem Bund festhalten:

 die werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Bethaus. Ihre Brandopfer und ihre Schlachtopfer sollen mir ein Wohlgefallen sein auf meinem Altar. Denn mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Völker. (Jes 56,1-7).

 

Ich aber, ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken, und ich bin gekommen, alle Nationen und Sprachen zu versammeln. Und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen.

 Ich richte unter ihnen ein Zeichen auf und sende Entkommene von ihnen zu den Nationen, nach Tarsis, Put und Lud, zu denen, die den Bogen spannen, nach Tubal und Jawan, zu den fernen Inseln, die die Kunde von mir nicht gehört und meine Herrlichkeit nicht gesehen haben. Und sie verkünden meine Herrlichkeit unter den Nationen. (Jes 66,18-19).

Im Alten Testament sehen wir also neben Fluchworten über die Fremdvölker auch folgendes Bild: Völker ziehen nach Jerusalem, werden dort aber von Jahwe nicht unterworfen, sondern bekehren sich zu ihm und dürfen sogar am Gottesdienst teilnehmen. Am deutlichsten findet sich diese Vorstellung von der Bekehrung der Völker bei Jesaja. Durch Jahwes Handeln an Israel werden die Völker zu der Erkenntnis kommen, dass Jahwe ein machtvoll handelnder Gott ist (Jes 45,14; 42,10-12; 56,3-8; 66,18-22). Auffällig ist, dass Jesaja 66,18-22 mit der Ankündigung der Pilger nach Zion Jesaja 2,2-5 entspricht und mit diesem Text eine Klammer um das ganze Jesajabuch legt. Das Jesaja-Buch hat somit einen fremdenfreundlichen Rahmen und darf deswegen trotz anderer Aussagen in Jesaja 13-27 als ein äußerst fremdenfreundliches Buch gelten.

Nach Jesaja 56,3-8 wird Jahwe selbst Ausländer, die ihm dienen und die Gebote beachten, zum Tempel führen, der ein Bethaus für alle Völker sein soll. Anders als in der Aufnahme dieser Zusage in der neutestamentlichen Erzählung von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel (Mt 21,13;  Mk 11,17;  Lk 19,46), liegt der Akzent hier nicht darauf, dass der Tempel ein Bethaus ist, sondern dass er ein Bethaus für alle Völker sein wird. Nach Jesaja 66,18ff wird Jahwe auch Ausländer zu Priestern machen. Micha 4,3-4a beschreibt ein umfassendes Friedensreich. Jahwe wird die Konflikte zwischen den Völkern schlichten und allen zu ihrem Recht verhelfen. Dann werden die Völker nicht mehr den Krieg, sondern die Tora erlernen und ihre Waffen zu Werkzeugen schmieden, Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Winzermessern. Jesaja 19,18-25 kündigt Ägypten und Assur (gemeint sind die Weltmächte) das Heil an.

An jenem Tag werden fünf Städte im Land Ägypten sein, die die Sprache Kanaans reden und dem HERRN der Heerscharen schwören werden. Eine wird Ir-Heres heißen.

 An jenem Tag wird mitten im Land Ägypten dem HERRN ein Altar geweiht sein und ein Gedenkstein für den HERRN nahe an seiner Grenze.

 Und er wird zu einem Zeichen und zu einem Zeugnis für den HERRN der Heerscharen im Land Ägypten werden: Wenn sie zum HERRN schreien werden wegen der Unterdrücker, dann wird er ihnen einen Retter senden; der wird den Streit führen und sie erretten.

 Und der HERR wird sich den Ägyptern zu erkennen geben, und die Ägypter werden an jenem Tag den HERRN erkennen. Dann werden sie dienen mit Schlachtopfern und Speisopfern und werden dem HERRN Gelübde tun und sie erfüllen.

 Und der HERR wird die Ägypter schlagen, schlagen und heilen. Und sie werden sich zum HERRN wenden, und er wird sich von ihnen erbitten lassen und sie heilen.

 An jenem Tag wird es eine Straße von Ägypten nach Assur geben. Assur wird nach Ägypten und die Ägypter nach Assur kommen, und die Ägypter werden mit Assur dem HERRN dienen.

 An jenem Tag wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und mit Assur, ein Segen inmitten der Erde.

 Denn der HERR der Heerscharen segnet es und spricht: Gesegnet sei Ägypten, mein Volk, und Assur, meiner Hände Werk, und Israel, mein Erbteil. (Jes 19,18-25)!

Sie werden also Jahwe verehren, aber nicht am Zion, sondern – das ist neu – in ihren Heimatländern. Von der zentralen Bedeutung Jerusalems ist hier nichts zu spüren. Dieser Zukunftsentwurf war so provozierend, dass schon die griechische (Septuaginta) und die aramäische Übersetzung (Peschitta) den Text nicht wörtlich wiedergegeben haben. Die Septuaginta überträgt in Jesaja 19,25 die Segnung Ägyptens und Assurs auf die dort lebenden Israeliten: „Gesegnet ist mein Volk, das in Ägypten weilt und unter den Assyrern.“

Ferner sagt Simeon die paradoxe Reaktion des Volkes Israel auf diesen Retter voraus: Einige werden sich an Jesus stoßen und fallen, andere werden durch ihn auferstehen. Ähnlich klingt es dann im Johannesevangelium:

Er kam zu den Seinen und die Seinen nahmen ihn nicht auf, wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. (Joh 1,11-12).

Bis heute entscheiden sich Menschen für oder gegen Jesus. Jesus ist bis heute das Zeichen, dem widersprochen wird. Sollte es uns als seinen Nachfolgern anders ergehen?

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – aber auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen – damit Überlegungen aus vielen Herzen offenbar werden. (Lk 2,34-35).

Auch Maria muss wie viele andere Mütter den ganzen Schmerz einer Mutter, die ihren Erstgeborenen liebt und doch verliert, erfahren. Schon hier finden wir einen Hinweis auf die schweren Stunden/Tage, die sie zwischen der Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane und der Auferstehung am ersten Tag der Woche durchlitten hat. Es ist auch ein Hinweis auf die unterschiedlichen Gedanken und Überlegungen der Schriftgelehrten, der Ältesten, der Jünger, des römischen Offiziers, der Mitverurteilten, des Volkes, weil diese gerade im Hinblick auf die Person von Jesus ins wahre Gotteslicht gerückt werden.

1.10.3 Das Zeugnis der Prophetin Hanna

Hanna, eine Prophetin, Tochter Penuels, aus dem Stamm Asser, ist eine Witwe. Asser war der Sohn Jakobs von Leas Leibmagd Silpa (1Mose 30,13). Sein Name bedeutet:  Glück. Dieser Stamm gehört zu den verlorenen 10 Stämmen des Nordreiches die 722 v. Chr. unwiderruflich zerstreut wurden. Dies ist einer der sehr wenigen Hinweise, dass Menschen ihre Herkunft auf einen dieser Stämme noch nachweisen konnten. Nur sieben Jahre lebte Hanna mit ihrem Mann, doch jetzt ist sie in einem hohen Alter. Entweder war sie 84 Jahre alt oder seit 84 Jahre eine Witwe (damit mindestens: 14+7+84=105 Jahre alt). Bei Simeon wissen wir das Alter nicht! Doch bei Hanna ist das hohe Alter in der damaligen Kultur der Grund für besonderen Respekt. Ihr Dienst und ihre Worte haben somit ein besonderes Gewicht. Fasten und Beten ist ihre tägliche Aufgabe. Sie verlässt den Tempel nicht … dies kann buchstäblich oder auch im übertragenen Sinne gemeint sein – sie ist also zumeist im Tempel anzutreffen. Man bedenke, dass es bei dem häufig nur noch formalen Gottesdienst zu jener Zeit, doch Menschen gibt, die Gott ergeben einen wahren Gottesdienst „leben.” Gott beschenkt Hanna mit der besondern Gabe der Prophetie. Die prophetische Gabe bei Frauen und der damit verbundene prophetische Dienst war zur Zeit des Alten Testaments nicht selten und wird im Neuen Testament bestätigt (siehe Apg 21,9). Dies geschieht in einer Zeit, die wir meist als eine Zeit des Schweigens betrachten, da Gott keine Propheten mehr berief. Doch Hanna hält die Hoffnung Israels auf den Messias wach. Sie spricht zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warten. Es gibt deutliche Parallelen zu den Aussagen Simeons (Lk 2,25). Zur rechten Zeit ist sie (wahrscheinlich im Vorhof der Frauen) an der Stelle, wo auch Josef und Maria zum Gottesdienst kommen. Wahrscheinlich sieht und hört auch sie die Handlung und die Worte Simeons. Sie schließt sich diesen Worten an und lobt Gott! So dienen Simeon und Hanna Gott zu ihrer Zeit – als Teil des gottesfürchtigen Überrestes im Volk Gottes. Gott bereitet sie zu ihrer Hauptaufgabe zu, die dann nur wenige Minuten dauert. Doch Gott bringt alles sehr präzise zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammen.

Wohl uns, wenn wir zur rechten Zeit an der richtigen Stelle das Richtige tun.

 

1.10.4 Βerichtslücke bei Lukas

Der Evangelist Lukas lässt die Geschichten mit den Weisen und der damit verbundenen Flucht nach Ägypten völlig aus. Diese sogenannten Lücken bemerken wir bei allen Evangelisten, da jeder von ihnen sein eigenes Ziel mit jeweils unterschiedlichem literarischem Stil verfolgt. Keiner der Evangelisten erhebt den Anspruch auf lückenlose Berichterstattung. Nicht einmal alle vier Evangelien zusammengenommen ergeben eine lückenlose Beschreibung des Lebens von Jesus. Auch diese Bibelstudienreihe ist nur ein Versuch aufgrund der uns vorliegenden Berichte eine vermutete Chronologie herzustellen, die sich nicht widerspricht und in der alle wichtigen inhaltlichen Details ihren Platz einnehmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe die alttestamentliche Verordnung in Bezug auf den Erstgeborenen Sohn. Womit war die Darstellung verbunden? Lies auch: 3Mose 12,4-8:  2Mose 13,2.12. 15;  4Mose 3,40ff; 18,5f.
  2. Was ist mit dem Trost Israels gemeint (Lk 2,25;  Jes 40,1f)?
  3. Suche nach Beispielen aus den Evangelien, wo der Fall und das Auferstehen in Israel deutlich werden (siehe auch Joh 1,11-12).
  4. Die Witwe Hanna, aus dem Stamm Asser versieht besondere Dienste in schwierigen Zeiten. Was können wir von ihr lernen?
  5. Kannst du dir vorstellen, dass Gott für dich eine besondere Aufgabe vorgesehen hat?
  6. Warum ist es wichtig, dass wir die Evangelienberichte miteinander vergleichen?
  7. Beschreibe den Lobpreis des Simeon. Was fällt im Vergleich mit dem Lobpreis der Elisabeth, Maria und des Zacharias auf?
Name des Liedes Textstelle Stichwort
Lied der Elisabeth 1,42b-45 Liebe
Lied der Maria 1,46-55 Glaube
Prophezeiung des Zacharias 1,68-79 Hoffnung
Lied der Engel 2,14 Anbetung
Lied des Simeon 2,29-32 Ergebenheit

 

1.11 Besuch der Weisen aus dem Morgenland

(Bibeltext: Mt 2,1-12)

1.11.1 Wer sind sie, wann und woher kamen sie?

Die Geschichte vom Besuch der Weisen in Bethlehem berichtet uns nur der Evangelist Matthäus. Er schreibt: „Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem (…).“ (Mt 2,1). Der griechische Begriff `μάγοι magoi `  mit dem die Weisen (im Plural)  bezeichnet werden, wirft dem aufmerksamen Bibelleser einige Fragen auf. Von einem Magos berichtet auch der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte 13,8ff, doch dort ist der Begriff eindeutig negativ besetzt: Elymas ist „Zauberer.” So hat der Begriff zwar einen negativen Sinn, doch ursprünglich hatte er auch die Bedeutung von „weiser” Mensch, z.B. als Ratgeber für einen Herrscher. Auffallend ist, dass diese Begriffsbezeichnung in 5Mose 18,10-14 nicht vorkommt. In Jesaja 47,13 (LXX) werden die Sterngucker/Sternseher `αστρόλογοι astrologoi ` genannt. Für unser Verständnis ist es eher unwahrscheinlich, dass Gott Sterndeuter im Sinne von Astrologen, berufen hätte, seinem Sohn zu huldigen. Im Gesetz und den Propheten geht Gott mit jeglicher Art der Sterndeuterei und ähnlichen abgöttischen Praktiken ins Gericht (Jes 47,13; 5Mose 18,10-14). Die Weisen aus dem Osten (Morgenland) sind auf jeden Fall auch sternkundige Menschen.

Thiede verweist auf ein berühmtes Sternobservatorium in Sippar bei Babylon (Thiede 2006, 74). Dort wurden Tontafeln mit Keilschrift gefunden, auf denen Sternberechnungen verzeichnet sind.

Das griechische Wort `ανατολών anatolön` steht im Plural, ist also ein geographischer Terminus  und meint das Morgenland, oder den Osten allgemein (1Mose 25,6). Es wird angenommen, dass es sich dabei um das Gebiet im Zweistromland (heute Irak/Iran) handelt. Hinweis: den Osten der Türkei bezeichnen wir bis heute als „Anatolien.” Der Evangelist Matthäus nennt allerdings nicht die Zahl der Weisen.

„Da die Weisen in Jerusalem großes Aufsehen erregten, wird allgemein angenommen, es sei eine Gruppe gewesen. Fresken in den Katakomben in Rom zeigen 4 Könige. Johannes Chrysostomos nimmt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium an, dass es 14 Magier waren. Andere Varianten sind, zwölf oder acht Magier. Einer der ersten, der von drei Magiern sprach, war Origenes – vielleicht aufgrund der drei genannten sehr kostbaren Gaben“ (Papke 1995,127.128). Die westliche Kirche hat fälschlicherweise das Fest der Erscheinung von Jesus, welches in der Ostkirche am 6. Januar gefeiert wurde, zum Fest der Erscheinung des Sterns von Bethlehem, bzw. zum Dreikönigstag gemacht. „Das Fest der Erscheinung „Epiphanie”, am 6. Januar, wurde nachweislich schon 311 als Tag der Geburt von Jesus gefeiert. Als dann seit 354 der Geburtstag von Jesus nach und nach auf den 25, Dezember vorverlegt wurde, musste der 6. Januar zwangsläufig als der Tag, an dem die Magier nach Bethlehem gekommen waren, umgedeutet werden (Papke Werner 1995, 125).

Natürlich stimmen dann die zeitlichen Einordnungen nicht. Denn wäre Jesus gemäß der Auffassung der Westkirche am 24/25. Dezember geboren worden, könnten die Weisen nicht schon zwölf Tage später in Bethlehem angekommen sein. Der Besuch der Weisen ist deshalb nach unserer Auffassung keine Weihnachstlektüre im engeren Sinne. Ausgehend von den Zeitangaben des Textes kommen die Weisen mindestens mehrere Monate nach der Geburt von Jesus in Jerusalem bzw. Bethlehem an. Wir geben zu bedenken: die Darstellung im Tempel erfolgte 40 Tage nach der Geburt, danach kehrten Josef und Maria wieder (nicht nach Nazaret, wie Lukas in seiner Kurzfassung sagt-Lk 2,39) sondern nach Bethlehem zurück. Die Weisen kommen wohl erst danach nach Jerusalem bzw. Bethlehem. Zur Feststellung der Reisegeschwindigkeit kann die Reisezeit der jüdischen Rückwanderer unter Esra dienen. Das Volk benötigte fast vier Monate von Babylon nach Jerusalem (Vgl. Esra 7,9 mit 8,31).

 

1.11.2 Die Weisen bei Herodes in Jerusalem 

Die Weisen planen wie selbstverständlich als Reiseziel Jerusalem. Dort angekommen fragen sie: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,“ (Mt 2,2-3). Uns würde interessieren wie die Weisen auf den Gedanken kommen, dass im Volk der Juden ein neuer, ja ein besonderer König geboren wurde? Welche mündliche oder sogar schriftliche Informationen lagen ihnen vor? Gab es noch von der Zeit des Exils (Daniel, Nehemia) Aufzeichnungen in den Staatsarchiven über die besondere Geschichte des Volkes Israels? Jerusalem war sowohl der Sitz der politischen Verwaltung (Regierungssitz des Königs Herodes und des römischen Prokurators Pilatus) als auch der wesentlichsten religiösen Institutionen des Judentums: des Tempels mit allen bedeutenden Gelehrten und Priestern. Die Frage der Weisen „Wo ist der (neu)geborene König der Juden?“ versetzt jedoch die Einwohner Jerusalems und besonders Herodes in Schrecken. Jerusalem hatte damals ca. 35.000 Einwohner (Malina 2003,7). Herodes ist zu der Zeit ängstlich bemüht seine begrenzte Macht zu sichern und schreckt auch nicht vor der Ermordung seiner Söhne zurück. Seine argwöhnische Reaktion passt also gut in das Bild, welches uns außerbiblische Berichte überliefern. So beginnt Herodes ein weiteres Doppelspiel. Äußerlich lässt er sich nichts anmerken – wohl wissend auf wen die Frage nach einem neugeborenen König der Juden aus königlichem Geschlecht sich beziehen muss. Außerdem fürchteten viele Herrscher der Antike astronomische Sondererscheinungen als astrologische Vorzeichen ihres Untergangs. Matthäus schreibt über Herodes: „und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« (Mt 2,4-6). Die Hohenpriester und Schriftgelehrten sind bestens informiert über die Herkunft und den Ort, aus dem der Christus hervorgehen soll und können darüber dem König genaue Auskunft geben. Damals gab es so gut wie kein Privatleben – fast alles geschah öffentlich. Heimlichkeiten waren an sich schon wenig ehrenhafte Angelegenheiten. Anhand der Frage des Herodes lässt sich seine relativ gute Kenntnis des Themenkreises: „Jüdische Messiaserwartung” erkennen. Aus eigenem Interesse hat er sich Detailkenntnisse über diese brodelnden Messiaserwartungen des jüdischen Volkes verschafft. Dieser Retter war die Hoffnung Israels im Gegensatz zum Haus des Herodes. Der König kann dieser „Messias-Gefahr” nur mit einem hinterlistigen Doppelspiel begegnen. Der Evangelist Matthäus arbeitet durch die Schilderung seiner Fragen den unehrlichen und bösen Charakter des Königs deutlich heraus.

Die Frage der Weisen wird mit dem Aufgehen des besonderen Sterns in Verbindung gebracht. „Wir haben seinen Stern beim Aufgehen gesehen”. Der griechische Begriff `ανατολή, anatol¢` (im Singular) ist ein astronomischer Terminus und bedeutet soviel wie `aufgehen, aufleuchten, aufstrahlen, erscheinen`, wie auch 2Petrus 1,19 nahe legt – „und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht“. Deswegen lautet die Begründung der Weisen nicht: „Wir haben seinen Stern im Osten gesehen”, sondern genauer: „wir haben seinen Stern beim Aufgehen gesehen” – also bei der Ersterscheinung. Deutlich wird hier auch die Bezeichnung Stern `τον αστέρα ton astera` (Akk.) im Gegensatz zu Planeten `αστέρες πλανήται asteres plan¢tai` hervorgehoben (Judas 13). Planeten sind irrende Sterne, die ständig in Bewegung sind und so nie auf einem Platz sich befinden. Die vielfach vertretene Theorie, dass die Planetenkonjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der ‚Fische’ im Jahre 7 v. Chr., der Stern des Messias sein muss, entspricht nicht dem biblischen Befund. Gleiches kann auch von anderen Planetenkonjuktionen, die um die Zeitenwende beobachtet wurden, gesagt werden. Gerne wollen wir dem gebildeten Zöllner und späterem Evangelisten Matthäus die Fachkompetenz bei der richtigen Wortwahl in diesem Zusammenhang zubilligen. Die genaue Erklärung für diese Himmelserscheinung bleibt jedoch offen. Gott, der Schöpfer des Universums  war durchaus imstande einen einmaligen Stern zu schaffen, der die einmalige Geburt seines menschgewordenen Sohnes zeichenhaft ankündigte (1Mose 1,14-16).

Die Schriftgelehrten können auf das Nachforschen des Herodes antworten und anhand von Micha 5,1 den Hinweis auf den Geburtsort des Messias geben. Zwar können die Gelehrten hier mit ihrem Wissen glänzen, doch sie selber wollen daraus keine klaren Konsequenzen ziehen. Im Text deutet nichts daraufhin, dass sie sich öffentlich oder heimlich selbst nach dem verheißenen Kind erkundigen. Sie reagieren äußerlich neutral – weder positiv noch negativ. Doch streng genommen, gibt es keine neutrale Haltung zu Gott. Hier verpassen sie schon ihre dritte Chance.

  • Die erste hatten sie, als die Kunde über die Geburt von Jesus von den Hirten überall erzählt wurde. Es wäre eher unwahrscheinlich, dass diese Botschaft, welche in der gesamten Umgebung verbreitet wurde, nicht auch das nur 8 Kilometer entfernte Jerusalem erreicht hätte (Lk 2,17-18).
  • Die zweite, als Jesus im Tempel dargestellt wurde und sowohl Simeon, als auch die allen bekannte und anerkannte Prophetin Hanna über das Jesuskind öffentlich Zeugnis gaben (Lk 2,21-38).
  • Und nun auch hier, als sie durch die Fremden auf ihren Messias aufmerksam gemacht werden (Mt 2,1-5).

Indirekt lehnen sie ihn, den Messias schon gleich zu Beginn durch ihr Verhalten ab. Wider besseres Wissen und wohl auch aus Furcht vor Herodes, bringen sie nicht die erforderliche Huldigung ihrem Messias entgegen. Es bleibt also den weisen Heiden aus dem Osten überlassen, dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Übrigens spricht die Huldigung dem Messias/König durch die Repräsentanten aus den Heiden für die Universalität des Heilsangebotes Gottes.

Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. (Mt 2,7-8).

Folgende Reihenfolge der Ereignisse ist laut dem Textinhalt erkennbar:

  • Die Weisen haben eine öffentliche (wahrscheinlich mit einem Dolmetscher) Audienz beim König Herodes. Nach dem Treffen werden sie entsprechend dem Gastrecht untergebracht.
  • Danach ruft Herodes die Oberen aus dem Volk zu sich und erkundigt sich bei ihnen über den Geburtsort des Christus.
  • Nachdem diese wieder weg sind, ruft er erneut die Weisen zu sich, diesmal zu einer heimlichen Unterredung.
  • Anschließend schickt er die Weisen nach Bethlehem mit dem heimtückischen Auftrag.

Der Evangelist Matthäus setzt seinen Bericht fort mit den Worten: „Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin.“ (Mt 2,9a).

Aus dem späteren Bericht des Evangelisten erfahren wir, dass Herodes sich sehr genau (gr. ακριβώς akribös) nach der Ersterscheinung des Sterns erkundigt hatte (Mt 2,16). Schon jetzt hegt er einen heimtückischen Plan in seinem Herzen. Womit er nicht rechnet ist: – »Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.« (Ps 84,11; 1Kor 3,20).

Sicher hätte Gott die Weisen durch den Lauf des Sterns auch direkt nach Bethlehem führen können, doch dann wäre ihr Zeugnis in Jerusalem sehr wahrscheinlich nicht bekannt geworden. So bindet Gott sie mit ein, um die Führung Israels zu einer Stellungnahme herauszufordern. Auf diese Weise werden Gedanken und Motive der Menschen offenbar.

 

1.11.3 Die Weisen in Bethlehem

Der Evangelist Matthäus berichtet weiter:

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort  stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. (Mt 2,9-11).

Als die Weisen sich auf ihren Kamelen (wahrscheinlich) frühmorgens auf den Weg nach dem nur zwei Stunden entfernten Bethlehem machen, sehen sie wieder den Stern, den sie bereits beim Aufgehen/Erscheinen gesehen hatten. Im Text heißt es, dass der Stern ihnen voranging. Nun haben sie zwei Wegweiser – die Schriftaussage und den Stern. Für den letzten Wegabschnitt sind sie  auf den Stern angewiesen, da dieser exakt über dem (Ort/Stelle/Haus) stehen bleibt, wo das Kind war (Mt 2,9). Die Pilger erfüllt eine überaus große Freude – endlich haben sie das Ziel ihrer Reise erreicht. Sie gehen in das Haus und sehen das Kind mit  Maria seiner Mutter. Dies ist eine beachtliche Reihenfolge in der orientalischen Kultur, in der eher Männer zuerst genannt werden, seltener Frauen und Kinder. Die Weisen bringen ihre Huldigung zum Ausdruck, indem sie vor dem Kind Jesus knien oder niederfallen. Danach öffnen sie ihre Schätze und beschenken das Kind. Drei verschiedene Geschenkarten werden genannt. Gold, Weihrauch und Myrrhe (χρυςόν, λίβανον, σμύρναν chyson, libanon, smyrnan). Origenes deutete die Geschenke so: Gold für den König; Myrrhe für den Sterblichen und Weihrauch für Gott. Was auch immer die Weisen zu diesen Gaben bewog – unwissend werden hier Eigenschaften des Kindes verehrt. Im Orient kennt man diese Huldigungsform nur für Götter oder Könige. Beides trifft auf den Gottessohn und König Jesus von Nazaret zu. Man kann sich weiter vorstellen, dass die Weisen zwar Heiden waren, aber im Gegensatz zu den meisten Mittelmeervölkern keine Anhänger des Polytheismus, sondern möglicherweise waren sie Anhänger der altiranischen Religion Zoroasters (Zarathustras). Weihrauch und Myrrhe waren typische orientalische Kostbarkeiten, die weit in den Mittelmeerraum hinein exportiert wurden.

Wir können uns das Staunen von Josef und Maria über diesen besonderen Besuch und die Huldigung vorstellen, denn auch bei den vorhergehenden Begegnungen und Bekundungen über ihr Kind hat Maria alles sorgfältig aufgenommen und in ihrem Herzen bewegt.

Abbildung 17 Dromedare im Jordantal nordöstlich des Toten Meeres. Höchstwahrscheinlich benutzten die Weisen aus dem Morgenland für ihre Überlandreise solche Dromedare (Foto: 9. November 2014).

Die Weisen bekommen von Gott im Traum die Anweisung, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren. Daher ziehen sie auf einem anderen Weg wieder zurück in ihr Land (Mt 2,12). Die Hauptstraße in Richtung Norden führt von Bethlehem direkt nach Jerusalem und dann über Syrien weiter nach Osten. Angesichts ihres umfangreichen Reisetrosses können die Weisen sich Jerusalem nicht unbemerkt nähern.

Es gibt überhaupt keine größere Straße, auf der sie hätten nach Hause reisen können, ohne die relative Nähe von Jerusalem zu passieren. Deshalb ziehen sie wahrscheinlich zunächst nach Hebron und dann auf der sehr schlechten Straße an der Küste nach Gaza, von wo aus sie eine andere Route nach Norden nehmen können. (Craig 1998, Bd. 1; 58). Eine Alternativroute wäre über die Aravasenke nach Petra und dann weiter nach Nordosten durch die Syrische Wüste. Der Ausdruck „in ihr Land”, weist eher darauf hin, dass sie aus einem Land kamen und nicht wie in der Tradition über die so genannten „Drei Könige” aus drei verschiedenen Ländern.

Herodes hatte sie zwar bei einem zweiten geheimen Treffen im Detail über Zeitpunkt der Himmelserscheinung befragt und dann in die Pflicht genommen zu ihm zurück zukehren, doch erscheint es ihnen in diesem Fall legitim, für die Rettung oder Erhaltung des Lebens eine solche Verpflichtung zu missachten, zumal sie im Traum von Gott eine klare Anweisung erhielten – zu Herodes nicht mehr zurückzukehren. Hier gilt damals wie heute: man muss dem rettenden Gott mehr gehorchen als den offensichtlich unehrlichen Menschen (Apg 5,29). Die meisten Könige reagierten extrem feindselig auf Gerüchte über etwaige „Thronräuber” und astrologische Weissagungen über ihren Untergang. Der Text sagt jedoch nichts, dass die Weisen Herodes ein Versprechen gaben, lediglich: „als sie den König gehört hatten, zogen sie hin“. Doch wird schon hier deutlich – Matthäus offenbart seine Absicht: Die Darstellung von Jesus als den Retter für Juden und Heiden.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Woher haben die Weisen Kenntnis über Israel und den erwarteten König der Juden?
  2. Wenn Gott die Astrologie und andere abgöttische Praktiken verboten hat (5Mose 18; Jes 47,13), warum werden die Weisen (Magier) von Matthäus so positiv dargestellt? Oder sind die Weisen gar keine Astrologen?
  3. Charakterisiere Herodes, nenne und begründe mindestens vier Charakterzüge des Herrschers.
  4. Herodes berief die Schriftgelehrten und Ältesten, um von ihnen den Geburtsort des Christus zu erfahren. Haben sie den Test bestanden?
  5. Information (Wissen) berpflichtet. Was haben die drei Gruppen (Herodes, Schriftgelehrte, Weise) mit diesen Erkenntnissen gemacht?
  6. Was für eine Bedeutung hat für dich die Schrift im Vergleich mit Zeichen/Wundern, persönlichen oder gehörten Erfahrungen?
  7. Was tun wir, wenn sich Gottes Gebot zur Barmherzigkeit/Rettung Unschuldiger mit den Anliegen hinterlistiger Menschen nicht vereinbaren lassen?

 

1.12 Flucht nach Ägypten

(Bibeltext: Mt 2,13-15)

Die Weisen aus dem Morgenland sind sicher von der „himmlischen Anweisung”, nicht den Rückweg über Jerusalem zu nehmen, überrascht. Wir können annehmen, dass sie auch Josef und Maria diese Anweisung mitteilen. Ob sie etwas von den heimtückischen Gedanken des Herodes ahnen und damit auch, dass ihr Besuch nicht ohne Folgen für das Neugeborene Kind in Bethlehem bleiben wird? Wir können weiter annehmen, dass auch Josef und Maria in dieser Atmosphäre vorsichtiger werden. Sie können von den Weisen die Details der Nachforschungen des Herodes erfahren haben. Schon hier wird etwas Typisches für das weitere Leben von Jesus sichtbar: die Herrlichkeit (königliche Geschenke, besondere Ehrerbietung) und das Leid (die Flucht) liegen so nah beieinander. So gibt Gott Josef im Traum eine deutliche Anweisung:

Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleibe dort,  bis ich dir sage, denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. (Mt 2,13).

Hier beginnt das „Schwert” von dem Simeon in Lukas 2,34.35 sprach, durch Marias Seele zu dringen.

Später wird Jesus an diesen Umstand erinnern (Mt 23,37;  Lk 13,34): „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind (…).” Und noch später stellt der Apostel Paulus in Galater 4,29 fest, dass der nach dem Fleisch gezeugte den verfolgte, der nach dem Geist gezeugt wurde. Auch Jesus ergeht es so schon in sehr jungen Jahren und erinnert an:

  • Abel, der von Kain;
  • Isaak, der von Ismael;
  • Jakob, der von Esau;
  • David, der von Saul und eben
  • Jesus, der von Herodes verfolgt wird.

Was Jesus hier trifft, trifft später auch seine Gemeinde. Denn Jesus sagte in Johannes 15,20: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen (…).” Jünger von Jesus müssen wie ihr Meister mit Verfolgung rechnen!

Gott offenbart sich Josef in der immer überraschenden Form – durch einen Engel im Traum (Mt 1,20; 2,13; 2,19-20; 2,22). Engel sind „dienstbare Geister, welche Gott ausgesandt hat für den Dienst derer, die die Seligkeit ererben sollen.” (Hebr 1,14). Ein Traum von Gott hat Bedeutung für eine Person, eine Familie oder ein ganzes Volk. Gott redete zu verschiedenen Zeiten durch Träume und verhieß seinem Volk Träume zu bekommen (vgl. Apg 2 mit Joel 3). Doch wir werden auch zur Vorsicht vor undefinierbaren Träumen aufgerufen (Jer 23,28).

Josef ist der Stimme des HERRN gehorsam, die er, trotz aller Überraschung, bereits kennt. Natürlich hat er zu dieser Zeit noch keine Ahnung von der Erfüllung einer alttestamentlichen Prophetie. Eher dachte er an die Erfahrung so mancher Israeliten, die bei Verfolgung im eigenen Land eben nach Ägypten flohen und dort in der Regel Asyl fanden.

Später sagte Jesus seinen Jüngern: „Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, flieht in die  andere.” (Mt 10,23). Wieder sehen wir einen Ausschnitt aus Gottes Heilsplan und finden auch in diesem Detail ein biblisches Prinzip, an dem sich Christen in ähnlichen Situationen orientieren können.

Warum soll Josef nach Ägypten fliehen, in das Land der Knechtschaft? Hat Gott nicht andere Möglichkeiten? Wir hören von der Erfüllung einer Prophetie, die ihre Wurzeln in der Geschichte Israels hat (Vgl. 1Mose 25,29ff mit Hosea 11,1 und  2Mose 4,22 – zur Ergänzung lesen wir noch  Jer 31,1-3). Im Kontext der Hoseastelle lesen wir vom Propheten und seiner untreuen Frau, die dennoch umsorgt, geliebt und sogar zurückgekauft wird. In gleicher Weise liebt und umsorgt der HERR sein untreues Volk und befreit es aus dem Land der Sklaverei. Wir wollen jedoch hier bei der Hoseastelle weniger nach dem Kontext fragen… sondern dem inspirierten Evangelisten folgen und fragen, was bedeutete diese alttestamentliche Stelle für das Leben von Jesus? In welcher Weise fand diese Aussage eine Erfüllung?

So wie Jakob und die wenigen Stammväter damals nach Ägypten (in das östliche Nildelta, in eine Art „Brutkasten” mussten, um zu überleben und sich stark zu mehren) und später von Gott als seinem „Erstgeborenem” wieder herausgerufen wurde, so soll Jesus um zu überleben nach Ägypten fliehen. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Weil Jesus viel später nach Ägypten muss, um dort zu überleben, musste schon viel früher auch Jakob/Israel nach Ägypten ziehen. So wird Ägypten zuerst Zufluchtstätte für die Nachkommen Jakobs und dann für den Retter Jesus. Für das alttestamentliche Gottesvolk wurde Ägypten später zum Land der Sklaverei und der unerträglichen Unterdrückung. Hier finden wir das widersprüchliche biblische Bild in Bezug auf das Land und Volk der Ägypter:

Abbildung 18 Ismailia – die Stadt liegt am Westufer des Suezkanals. Der Verlauf des Suezkanals vom Mittelmeer bis zum Roten Meer markiert den Übergang von der Wüstenlandschaft des nördlichen Sinai zur fruchtbareren Landschaft des östlichen Nildeltagebietes, wo das Land (Landschaft) Gosen zu suchen ist (Foto: Juli 1985).

Einerseits ist es der Ort des Überlebens, der Zuflucht – doch dann wieder das Land der Sklaverei, der Unterdrückung – Feindesland.

Josef zögert nicht, den Befehl Gottes auszuführen. Auch Maria hat keine Zweifel, Josef zu folgen, hat er doch ihr ganzes Vertrauen gewonnen durch seine Gottesfurcht und seinen Gehorsam gegenüber Gott und seine treue Fürsorge ihr gegenüber. Mit den nötigen Mitteln ausgestattet, müssen sie eine beschwerliche Reise unternehmen. Es bleibt keine Zeit, sie müssen noch bei Nacht aufbrechen.

Abbildung 19 Kairo – die ehemalige Pharaonenstadt am Nil. Dieser Fluß ist seit Jahrtausenden die Lebensader von Ägypten  (Foto: Juli 1985).

Die Strecke nach Ägypten, mehr als 500 km, bedeutete viele Gefahren, und war mit einem kleinen Kind ein hohes Risiko.

Der Zufluchtsort in Ägypten ist nicht bekannt, doch nach einer alten Überlieferung fanden sie in der Stadt Heliopolis Zuflucht. Heliopolis,- griechisch `Sonnenstadt`. Zurzeit von Jesus lebten in Ägypten etwa eine Million Juden. Etwa ein Drittel der Einwohner Alexandrias waren Juden – größtenteils wohlhabend und griechisch gebildet. In Elephantine existierte schon seit ca. 650 v. Chr. auf einer Nilinsel im Bereich der heutigen Stadt Assuan eine jüdische Kolonie (Schriftstücke aus der Zeit 495-399 v. Chr. sind erhalten geblieben). Dort gab es zu jener Zeit mehrere jüdische Synagogen, was für ein reges jüdisches Leben in dieser Stadt spricht und eben auch geeignet war für den Aufenthalt Josefs und Marias mit Jesus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne alle Situationen in denen Gott sich Josef offenbarte und beauftragte! War dies typisch oder eher ungewöhnlich? Nenne einige andere Beispiele aus der Schrift.
  2. Auf welchen geschichtlichen Zusammenhang will uns Matthäus aufmerksam machen, wenn er schreibt: „Damit erfüllt wird (…)”?
  3. Wodurch wird der Glaube und Gehorsam von Josef unterstrichen?
  4. Warum schreibt Matthäus immer wieder in folgender Reihenfolge: „Nimm das Kind und dessen Mutter”?
  5. In einer Nacht eine Auswanderung vorzubereiten und umzusetzen… kann Gott so etwas verlangen? Gibt Gott auch heute noch „seltsame” Aufträge?

 

1.13 Kindermord in Bethlehem durch Herodes

(Bibeltexte: Mt 2,16-18;  Jer 31,15)

Die zornige Reaktion von Herodes ist verständlich, da sein heimtückischer Plan misslungen ist. Wahrscheinlich wollte er das Kind Jesus ohne Aufsehen töten. Doch er hat noch weitere Mittel zur Verfügung. Der Evangelist Matthäus berichtet:

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig  und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen

 

Mit den Informationen der Weisen, kann er den Geburtstermin und damit auch das Alter des Kindes ermitteln. Allerdings hält der Evangelist Matthäus diese Informationen nicht fest und so ist es für uns schwierig, das Alter von Jesus zu diesem Zeitpunkt zu bestimmen. Damit verbunden ist dann auch die traurige Vielzahl der später getöteten Knaben in Bethlehem.

  • Herodes setzt aufgrund der Zeitangaben der Weisen einen Altersstichtag von oben nach unten fest, Die Frage ist hier, wo ist dieser Stichtag zu suchen? Die Altersangabe im Griechischen: από διετούς και κατωτέρω apo dietous kai katöterö, wird in der Interlinearübersetzung mit „von ab einem Zweijährigen und darunter” übersetzt. Diese Angabe ist typisch orientalisch unklar. Sie kann bedeuten:
  • Alle Knaben, die sich bereits im zweiten Lebensjahr befinden und einschließlich die Einjährigen.
  • Alle Knaben, die sich unterhalb der Grenze (dem Übergang) zum zweiten Lebensjahr befinden, also nur Einjährige.

Anmerkung: In unserem Sprachgebrauch sind Zweijährige, die sich bereits im dritten Lebensjahr befinden. Diese Zählweise schließen wir auf in diesem Fall (weil nicht orientalisch) aus.

Trotzdem bleibt der Stichtag also verworren offen: „von ab“ dem Übergang vom ersten zum zweiten oder zweiten zum dritten Lebensjahr? Bibelleser haben bemerkt, dass im Alten Testament jedes begonnene Jahr als Ganzes gerechnet wurde (so der Vergleich von 1Kön 15,25 mit 15,33). Ähnlich zählt man auch die Tage, so sagte Jesus: „am dritten Tag oder nach drei Tagen werde ich wieder auferstehen”. Tatsache ist, dass Jesus keine drei volle Tage mit 24 Stunden im Grab blieb, aber jeder noch nicht zu Ende gegangener und schon begonnener Tag wurde als voller Tag gerechnet. Damit wäre nach unserer Zählweise ein Kind im Alter von einem Jahr und einem Monat in der damaligen Zeit bereits zweijährig (bei uns sagt man in diesem Fall – ein Jahr alt). Es ist eher wahrscheinlich, dass die Weisen sich schon bald nach der Erscheinung des Sternes auf den Weg gemacht haben. Warum sollten sie auch warten? War doch dieses Ereignis die größte Erfahrung ihres Lebens. Wenn wir weiter annehmen, dass mit dem Morgenland oder Osten in der Bibel das Gebiet bis einschließlich das Zweistromland bezeichnet wird (4Mose 23,7), würden für die Reise bis Jerusalem etwas mehr als drei Monate benötigt werden (siehe Esra 7,9; 8,31).

Nach den Vorschlägen von Werner Papke (Papke 1995, 125f), ist Jesus im Spätsommer des Jahres 2 vor unserer Zeitrechnung geboren und Herodes im Frühjahr des Jahres 1 vor unserer Zeitrechnung gestorben. So lägen zwischen der Geburt von Jesus und dem Tod des Herodes etwa 7 Monate. Ausreichend Zeit für die Weisen, sich für die Reise vorzubereiten und noch einige Monate vor dem Tod des Herodes in Bethlehem dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Herodes will also sicher gehen und setzt das Alter der infrage kommenden Knaben auf unter zwei Jahren (von ab einem zweijährigen und darunter) fest und meint damit, den neugeborenen König getötet zu haben. Ist Herodes ein besonders grausamer Herrscher?

Einer der Konkurrenten, ein beim Volk sehr beliebter junger Hoher Priester, erlitt in einem nur einen Meter tiefen Brunnen einen „tödlichen Unfall”; seine Lieblingsfrau ließ er umbringen, weil er sich geärgert hatte; zwei seiner Söhne ließ er auf Grund eines Täuschungsmanövers – unschuldig – hinrichten; einen anderen Sohn der allerdings wirklich schuldig war – ließ er noch vom Sterbebett aus exekutieren.“ (Keener 1998, Bd. 1, 59).

Doch Herodes ist keine Ausnahme, die meisten vor und nach ihm handelten gleichermaßen. Eigentlich müsste Herodes sich wenig Sorgen um seinen Thron machen, doch gerade in dieser Situation wird sein aktiver Unglaube deutlich. Heimtückisch missbraucht er die Heilige Schrift und die arglosen Magier, um seine boshaften Pläne auszuführen. Er zeigt äußerlich keine Gottesfurcht und schreckt nicht davor zurück seine Hand an den Gesalbten Gottes zu legen. Es wird mindestens dreimal im Text festgestellt, dass Herodes „genau” (im Griechischen: `akribisch` Mt 2,7.8.16) erkundete. Dies betont die bewusste, berechnende Schlauheit und Bosheit des Herrschers. In Sachen Kindermord ist er zuverlässig gewissenhaft. Bei den Rabbinern lesen wir zum Tode Herodes:

„(…) das ist der Tag, an welchem Herodes der Hasser der Gelehrten starb; denn es ist Freude vor Gott, wenn die Gottlosen von der Welt scheiden;… Und an demselben Tage, an welchem Herodes starb, machten sie ihn zu einem Festtag… (Strack 1982, 90).

Leider reiht sich auch dieses traurige Ereignis ein in die grausamen Verlustgeschichten Israels. Auch viele Könige, aus den eigenen Reihen des Volkes erwählt, handelten ähnlich.

Abbildung 20 Rahels Grab bei Bethlehem, das sowohl von Juden als auch Muslimen verehrt wird (Foto: April 1986).

Solch eine erste Verlustgeschichte wird uns in 1Mose 35,16-20 erzählt. Rahel die Lieblingsfrau Jakobs/Israels stirbt bei oder nach der Geburt ihres Sohnes Benjamin und wird in Bethlehem, bzw. in dessen Nähe begraben.

Von einer weiteren Verlustgeschichte berichtet uns der Prophet Jeremia (Jer 31,15ff). Dort geht es um das Weinen und Trauern wegen der Kinder Israels, die in die babylonische Gefangenschaft weggeführt wurden. Auch dieses traurige Ereignis ist lokalisiert. Die Stadt Rama, im Grenzgebiet zwischen Benjamin und Ephraim, hatte in alttestamentlicher Zeit eine strategisch wichtige Bedeutung.

Es ist überhaupt auffallend, wie alttestamentliche Geschichten von Propheten aufgegriffen und als Prophetenwort erweitert werden, um sich dann in einer späteren Phase heilsgeschichtlich zu erfüllen. So wird von der Identifikation des Leidens der Mütter Bethlehems mit Rahel, welche ihrerseits durch den eigenen frühen Tod sozusagen ihre Kinder verlor, berichtet. Rahel, die Lieblingsfrau Jakobs wird so zum Sinnbild für die weinenden Mütter Israels. So wird auch der Verlust der Kinder in Bethlehem sinnbildlich durch Rahel (Mutter Israels) beweint.

Doch sind die Leiden der Schuldlosen bei Gott keineswegs vergessen. Er wird für sie eintreten und die Gewalttäter bestrafen, wenn seine Zeit kommt. Für Irenäus (ca. 135-202 n. Chr.) sind die Kinder eigentlich die ersten Märtyrer, die zwar noch nichts von Christus wussten, und ihn noch nicht durch Worte rühmen konnten, aber die Christus durch ihr stellvertretendes Sterben verherrlichen konnten.

Während die griechische Liturgie 14.000 ermordete Knaben nennt und mittelalterliche Autoren bis zu 144.000 Opfer annahmen, sprachen spätere Theologen (Joseph Knabenbauer, August Bisping) auf Grund der anzunehmenden Größe des Ortes Bethlehem (max. 1000 Einwohner) zu biblischen Zeiten immerhin noch von etwa sechs bis zwanzig erschlagenen Kindern.

 

Nur als kuriose Information: Die Gesamtzahl der Einwohner der Region Bethlehem wird 2006 von Pastor Mitri Raheb mit 184.000 angegeben. Die Stadtverwaltung Bethlehems kennt angeblich 164.000 registrierte Einwohner, doch Bürgermeister Victor Batarseh redet von nur 28.000 Bürgern. In deutschen Medien schwanken die Zahlen zwischen 140.000 beim Bayrischen Rundfunk, 130.000 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 50.000 beim Deutschen Verein des Heiligen Landes, 38.000 oder 27.000 nach Angaben des Caritas Babyhospital, je nachdem, wer interviewt wurde. Die Palästinensische Generaldelegation in Bonn, die offizielle Vertretung der PLO in Deutschland, bildet mit nur 22.000 Einwohnern Bethlehems das Schlusslicht).

 

Bis heute hören wir vom Leiden, Unrecht und der brutalen Gewalt, denen die Kinder `Bethlehems` in Palästina und weltweit ausgesetzt sind. Sind wir über Herodes oder einen der neuzeitlichen Herrscher und Diktatoren wegen ihrer Grausamkeiten erbost? Doch was ist mit den millionen Kindern, die noch vor ihrer Geburt von Müttern (oft unter dem Druck der Väter oder Erzeuger) mit Hilfe von Ärzten, ermordert werden?  Wollen wir die Tränen der Kinder und Mütter zur Kenntnis nehmen?

Jesus entkam ähnlich wie Mose diesem Schicksal. Die Gründe für das Leid sind damals wie heute vielschichtig und kaum einsichtig. Viele fragen sich nach dem Heil oder Unheil für diese Kinder. Doch die Kinder Bethlehems selbst stehen unter der Gnade Gottes und seinem Rechtsspruch – dieser Rechtsspruch wird gerecht und gut sein.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum hatte Herodes von den Weisen den genauen Zeitpunkt des Aufgangs (das Erscheinen) des Sternes erforscht (Mt 2,7-8)? Schlussfolgerung: Herodes war nicht anders, als die Könige und Herrscher vor und nach ihm. Nenne einige Beispiele. vergleiche diese Einstellung und Praxis mit dem Reich Gottes. Informationen verpflichten. Wie gehen wir mit göttlichen Informationen um? Welche Motive bewegen uns, wenn wir Menschen fragen/befragen/ausfragen?
  2. Wir haben den Eindruck, dass Herodes in Rage gerät und „fürchterlich wütet.” Seine mangelnde Selbstkontrolle war berüchtigt. Er sollte über sich selbst verärgert sein, da er doch als Erster die Weisen hinterging – nicht sie ihn. Wie gehen wir am besten mit ausrastenden Mitmenschen um?
  3. Warum oder wozu müssen Unschuldige/Unbeteiligte sterben… damals… heute? Wie wollen wir antworten?
  4. Beschreibe die prophetischen und geschichtlichen Zusammenhänge der oben angegebenen Bibelstellen aus Jer 31,15 und 1Mose 35,19?
  5. Wie lassen sich Geschichten und Prophetien der Bibel auf Situationen heute anwenden?
  6. Herodes konnte oder wollte das Wirken Gottes nicht erkennen – und bäumt sich wild dagegen auf! Was waren die Folgen? Was Geschieht, wenn Menschen heute Gottes erkennbare Zeichen nicht beachten?

Gott kommt zu seinem Ziel. Sind wir bereit, den Leidensweg mit Christus zu gehen?

1.14 Rückkehr aus Ägypten und Niederlassung in Nazaret

(Bibeltexte: Mt 2,19-23;  Lk 2,39-40)

Der Evangelist Matthäus leitet einen neuen Abschnitt mit den Worten ein:: „Als aber Herodes gestorben war (…).” (Mt 2,19). Nach dem Tode des Herodes befiehlt Gott Josef im Traum, ins Land Israel zurückzukehren.  Das Todesjahr des Herodes, 4 v. Chr. (seit Jahrzehnten allgemein angenommenes Datum) ist nicht eindeutig belegt. Werner Papke (wie bereits erwähnt) kommt aufgrund seiner historischen Forschungen auf das Jahr 1 v. Chr. Dies würde in unseren angenommenen zeitlichen Rahmen passen. Wieder ist es der Engel des Herrn, der Josef im Traum erscheint und ihn auffordert:

Nimm das Kind und seine Mutter und ziehe wieder in das Land Israel, denn sie sind gestorben, die dem Kind nach dem Leben trachteten. (Mt 2,20).

Archelaus einer der Söhne des Herodes führt zunächst den Titel König (gr. βασιλεύς basileus). Doch er muss diesen, von seinem Vater Herodes übernommenen Titel zunächst vom Kaiser Augustus gegen die Ansprüche seines Bruders Antipas bestätigen lassen. Nach dem Willen des Vaters sollte er nur den Titel Volksfürst (gr. έθναρχ ethnarch) führen. Auch Augustus verweigerte ihm den Königstitel und ernannte ihn nur zum `Ethnarchen` über Judäa, Samaria und Idumäa, versprach ihm aber den Königstitel, wenn er gut regiere. Im Jahr 6 n. Chr. wurde Archelaus allerdings nach massiven Beschwerden aus Samaria und Judäa wieder abgesetzt und nach Vienna in Gallien verbannt. Sein Herrschaftsgebiet wurde in eine römische Provinz umgewandelt.

Für Josef war es selbstverständlich, dass seine Rückreise wieder nach Judäa, also nach Bethlehem in die Stadt Davids führen würde. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und er stand auf und nahm das Kind und seine Mutter zu sich, und er kam in das Land Israel. Als er aber hörte, dass Archelaus über Judäa herrschte anstelle seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dahin zu gehen; und als er im Traum eine göttliche Weisung empfangen hatte, zog er hin in die Gegenden von Galiläa  und kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth; damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: „Er wird Nazoräer genannt werden. (Mt 2,21-23).

Josef hat erhebliche Bedenken nach Bethlehem zurückzukehren, herrscht doch über Judäa Archelaus, dem nicht zu trauen ist. Gott kennt seine Bedenken und offenbart ihm, was er zu tun hat. So geht er auf den Befehl Gottes in seine (zweite) Heimatregion zurück und wählt Nazaret als Wohnort. Dies ist nahe liegend, ist es doch seine bzw. ihre gemeinsame Stadt (Lk 2,39). Auch wurde Jesus als Menschensohn vom Heiligen Geist hier in Nazaret empfangen. Nazaret war ein kleines Städtchen, ohne besondere Bedeutung. Und hätte Jesus nicht dort seine Kindheit und Jugendjahre verbracht, wäre dieser Ort nie in die Weltgeschichte eingegangen. Heute liegt Nazaret im palästinensischen Teil und dort leben überwiegend arabischsprechende Menschen, unter ihnen viele Christen.

Nazaret-Strassenszenen-39028

Abbildung 21 Das Städchen Nazaret liegt in einer Mulde und ist von Hügeln umgeben, die zum Teil an ihren Hängen überbaut sind. Das Strassenbild im heutigen Nazaret. Verschiedene Handwerkstätten und Souvenirläden sind ganz auf Pilger und Touristen ausgerichtet. Neben der alles überragenden Verkündigungsbasilika ist auch das Brunnenhaus eine Atraktion, sowie der vermutete Hügel, von dem die Nazarener Jesus hinabstürzen wollten (Foto: Juli 1994).

In diesem Abschnitt verbindet der Evangelist Matthäus den Städtenamen Nazaret mit einer bestimmten Bedeutung in Bezug auf die Person von Jesus. Im Neuen Testament kommen diese Bezeichnungen 18 mal vor und im Griechischen gibt es dafür zwei Schreibweisen, die hier in einer Tabelle aufgelistet sind und deren Bedeutung untersucht werden soll.  

 

Ναζωραίος Nazöraios

– Mt 2,23

– Lk 18,37.

– Joh 18,5  .

– Joh 18,7.

– Mt 26,71

– Joh  19,19.

– Apg  2,22

– Apg 3,6

– Apg 4,10

– Apg 6,14

– Apg 22,8

– Apg 26,9

Ναζαρήνος Nazar¢nos

– Mk  1,24

– Lk 4,34

– Mk 10,47

– Mk 14,67.

– Mk  16,6

– Lk 24,19

 

 

Zwölf Mal wird also der Begriff `Ναζωραίος Nazöraios ` verwendet:

(Matthäus, das Volk, die Wache, die Magd, Pilatus, Petrus, Jesus, Paulus).

Sechs mal wird der Begriff `Ναζαρήνος Nazar¢nos ` verwendet:

(die Dämonen, das Volk, die Magd, die Engel am Grab, die Emmausjünger).

 

Beide Begriffe sind Synonyme, wie der Vergleich von Mk 10,47 mit Lk 18, 37  und  Mk 14,67 mit Mt 26,71 zeigt. In Johannes 1,45 und Apostelgeschichte 10,38 wird Jesus „der von Nazaret” bezeichnet, also aus Nazaret kommend.

 

Der bestimmte Artikel betont die Besonderheit der Person von Jesus. Im Laufe seiner Wirksamkeit hat sich dann der Beiname ` Ναζωραίος Nazöraios bzw. ΝαζαρήνοςNazar¢nos ` mehr und mehr verbreitet. Da Nazaret im Alten Testament nicht erwähnt wird und somit mit keiner Person von Bedeutung in Verbindung gebracht werden konnte, war es schon etwas besonderes, dass gerade aus solch einem verachteten Ort (Joh 1,46) eine solche Persönlichkeit kommt, wie Jesus. Da auch Jesus selbst sich mit diesem Beinamen identifiziert (Apg 22,8), ist es als ob Gott damit einen tieferen Sinn verbindet, als nur eine Herkunftsbezeichnung. Nicht in Jerusalem wächst er auf, ja nicht einmal in Bethlehem, wo man an die Davidstradition so gut anknüpfen konnte (dass hätte ihm mehr Anerkennung eingebracht Joh 7,41f +52). Mit den Galiläern, die einen schlechten Ruf bei denen in Jerusalem hatten, will er sich identifizieren. Nazaret liegt übrigens in Sichtweite zur griechischen Stadt Sephoris.

Der Evangelist Matthäus sieht in der Niederlassung in Nazaret die Erfüllung einer Prophetie, ohne jedoch diese aus dem AT konkret zu nennen. Maier erklärt diesen Begriff:

Mt 2,23 geht zurück auf Jes 11,1 „und es Wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen”. Der “Zweig/Spross” heißt hebräisch “nezer”. Im Hebräischen schreibt man jedoch für gewöhnlich nur die Konsonanten. Lässt man bei „Nazoräer” die Endung weg und schreibt man nur die Konsonanten: n-z-r, dann hat man eben den “Zweig”, den n-z-r von Jes. 11,1. (Vgl. Jes 53,2; Jer 23,5; 33,15; Sach 3,8; 6,12) (Maier 2007, 44).

Keener merkt an:

„Die Schriftsteller seiner Zeit mischten manchmal Texte miteinander, und Juden wie Griechen hatten eine Vorliebe für Wortspiele. Der Ausspruch könnte also ein Wortspiel mit dem hebräischen Wort nezer Spross sein – das ist ein Messiastitel (Jer 23,5; Sach 3,8; 6,12; vgl. Jes 11,1)” (Keener 1998, Bd. 1, 61).

Der Evangelist Lukas fügt noch hinzu: „Aber das Kind wuchs und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und die Gnade Gottes war über ihm.“ (Lk 2,40). Er betont, dass Jesus in diesem Kindesalter an Weisheit zunahm. In ähnlicher Weise wird in der Bibel von Samuel und Johannes dem Täufer gesprochen. Der Umstand, dass Jesus als Kind überdurchschnittlich gute Fortschritte machte, wird durch die anderen Beispiele nur noch unterstrichen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Woraus können wir schließen, dass Josef davon ausging nach Bethlehem zurückkehren zu müssen/wollen? Stelle daher den Zusammenhang zu Lk 2,3 her, wo von “seiner Stadt” die Rede ist.
  2. Nazaret wird zum Wohnort mit Bedeutung. Jesus identifizierte sich gerne mit den „Verachteten”! Nenne Beispiele! Wie können wir heute unsere Solidarität mit ihnen zeigen?
  3. Bist du schon öfters umgezogen? Was für eine Bedeutung hat der Wohnort  für dein Leben?

Was heißt es zu „wachsen“, „mit Weisheit erfüllt zu sein“ und „die Gnade Gottes“ über sich zu wissen?

Veröffentlicht unter UNTERWEGS MIT JESUS | Verschlagwortet mit , | Hinterlasse einen Kommentar

Die Zungenrede (Gabe) – ein ZEICHEN – für wen ?

Die Zungenrede (Gabe) – ein ZEICHEN – für wen ?

 

 

1-0233-IMG_9994

Abbildung 1 „Mose redete, und Gott antwortete ihm mit einer lauten Stimme. Und der HERR stieg auf den Berg Sinai herab, auf den Gipfel des Berges, und der HERR rief Mose auf den Gipfel des Berges, und Mose stieg hinauf. Und der HERR sprach zu Mose“ (2Mose 19,19b-21a). Ein Berg aus schwarzem Basalt in der Sandwüste des Wadi Rum im Süden Jordaniens (Foto: P. Schüle 6. November 2014).

 (Eine Bibelstudie über die Gabe der Sprachenrede

und deren Bestimmung)

Audiopredigt zum Thema: „Der Wind weht wo er will …“ (Pf-Bü am 20. Mai 2018).

Das Echo aus dem Himmel – als der Heilige Geist kam – Apostelgeschichte 2,1-39.

 

 

 

Einleitung

 

Es gibt kaum einen anderen Bereich in der Ausübung der Frömmigkeit unter den Christen, der mehr Aufsehen erregt, als die sogenannte `Zungenrede`. Warum ist die Äußerung dieser Geistes- und Gnadengabe für die einen ein Muss als Zeichen der Geistestaufe, während diese von anderen völlig abgelehnt wird? Während die Kontraste innerhalb der Gottesdienste oft nicht größer sein können, ist die Lebensführung im Alltag, sowohl bei den einen als auch bei den anderen, sehr ähnlich – von geistvoll bis geistleer. Die vorliegende Studie ist ein Versuch, die biblischen Texte und die damit verbundenen Geschichten sorgsam zu erforschen und wenn möglich Schlüsse daraus zu ziehen. Die Reihenfolge der einzelnen Textabschnitte ist grundsätzlich chronologisch, eben so, wie sie in den Schriften des Alten- und Neuen Testamentes aufgeschrieben wurden.

 

Begriffserklärung:

  • Γλώσσα – glössa – a) Zunge als Körperglied mit Mehrzweckbestimmung, b) Zunge als Sprache,
  • Λαλία – Ialia – die Rede, Redensart, Sprache, Aussprache, das Gesagte, das Gesprochene,
  • Ετερογλώσσοις – eteroglössois – in/mit anderen Zungen/Sprachen (anderssprachig),
  • Χειλέων – cheileön – (im Pl.) – Lippen (oft auch als Synonym für Sprache gebraucht),
  • Ετέρο – etero – das andere,
  • Διάλεκτος  – dialektos – Dialekt – Mundart (der Begriff wird gebraucht, um eine deutlichere Unterscheidung oder Eingrenzung bei einer bestimmten Sprache auszudrücken. Z. B. `εβραίδι διαλέκτω – ebraidi dialektö – im hebräischen Dialekt).

Machen wir uns nun auf den Weg und erforschen die Bibel auf die oben gestellte Frage hin.

 

 

1. Teil: Die Sprache – Gottes Gabe an die Menschen und deren Verlust

 

Die Sprache und Sprechfähigkeit kommt von Gott (1Mose 1-4; 2Mose 4,11). Diese Sprache war

vollkommen, verständlich und durch sie konnte der Mensch alles ausdrücken, was er dachte, empfand, sah und anderen mitteilen wollte. In dieser Sprache verständigte sich Gott mit Adam, Eva und auch deren Kindern und späteren Nachkommen (1Mose 2; 3; 4; 6-9). Noah und seine Familie verständigten sich in dieser Sprache auch noch Jahrzehnte wenn nicht gar Jahrhunderte nach der Sintflut.

 

Beim ersten Städte- und Turmbau hatten alle Menschen nur eine Sprache, so in 1Mose 11,1 nach LXX: „καὶ ἦν πᾶσα ἡ γῆ χεῖλος ἕν καὶ φωνὴ μία πᾶσιν.“ Wörtlich: „Und die ganze Erde war (und es hatte die ganze Erde) eine Lippe und eine Stimme überall“. Diese Tatsache eröffnete den Menschen fast grenzenlose Möglichkeiten zur schöpferischen Entfaltung. Und sie machten Gebrauch davon, indem sie beschlossen eine Stadt und einen Turm zu bauen um zusammenzubleiben, anstatt sich zu zerstreuen und die Erde in Besitz zu nehmen, wie Gott es angeordnet hatte (1Mose 1,22. 29; 9,1.7). Der Anführer war Nimrod, ein Enkel von Ham und Urenkel von Noah, der in der Bibel als erster Herrscher bezeichnet wird. Er hatte die Idee zum Städtebau verwirklicht (1Mose 10,6-10). Die Reaktion Gottes ließ nicht lange auf sich warten. So lesen wir in 1Mose 11,6 nach der LXX: „καὶ εἶπεν κύριος ἰδοὺ γένος ἓν καὶ χεῖλος ἓν πάντων.“ Wörtlich: „Und der Herr sprach: siehe, ein Geschlecht und eine Lippe bei allen.“ Nach dieser Feststellung reagiert Gott mit einer Veränderung im Bereich der Sprache. 1Mose 11,7 nach  LXX: „δεῦτε καὶ καταβάντες συγχέωμεν ἐκεῖ αὐτῶν τὴν γλῶσσαν ἵνα μὴ ἀκούσωσιν ἕκαστος τὴν φωνὴν τοῦ πλησίον.“ Wörtlich: „Kommt (auf) und herabgefahren, verwirren wir dort ihre Zunge/Sprache, damit keiner die Stimme seines Nächsten höre (verstehe).“ Der griechische Begriff `συγχέωμεν – syncheömen` wird meist mit `verwirren‘ übersetzt. Da dieser Begriff in dieser Schreibweise und grammatischen Form nur ein einziges Mal vorkommt, suchen wir des besseren Verständnisses wegen nach der gleichen Wortwurzel in anderen Texten. Wir finden im Propheten Joel (3,1-2) das Verb `εκ-χέω – ek-cheö  – aus-gießen, aus-schütten`. Genau so bei der Erfüllung dieser Prophetie in Apostelgeschichte 2,17.18.33. Bemerkenswert ist, dass gerade an Pfingsten für die Aus-gießung des Heiligen Geistes dieselbe Wortwurzel `ἐκ-χεῶ – ek-cheö ` gebraucht wird, wie bei der Verwirrung der Sprache zur Zeit des Nimrod. In der Geschichte mit dem Verschütten/Ausschütten des Wechselgeldes im Tempel durch Jesus, wird das gleiche Verb benutzt wie bei der Sprachverwirrung, nur im Singular und der Vergangenheitsform. In Johannes 2,15 steht: `ἐξ-έχεεν τὸ κέρμα – ex-echeen to kerma – er schüttete das Geld aus`. In 1Mose 11,9 steht: `ἐκεῖ συν-έχεεν – ekei syn-echeen – dort verwirrte er` ebenfalls im Singular und Vergangeheitsform. Bei dem Begriff `συγ-χέω-μεν – syn-cheö-men` (1Mose 11,7) deutet die Endung `men` auf den Plural des Verbes (auch Plural des Handelnden hin, hier ist es Gott und die Vorsilbe `syn` auf ein Zusammenschütten, also vermischen, verwirren. Auch das hebräische Verb `balal` bedeutet `durchmischen`. Gott hat also damals nicht viele verschiedene und neue Sprachen gegeben (wie ‚Neues Leben‘ übersetzt), sondern die eine, für alle Menschen verständliche Sprache verwirrt, vermischt, vermengt, unkenntlich unverständlich gemacht. Vorstellbar wäre, dass er das grammatische Gerüst/System, die sprachliche und logische Gesetzmäßigkeit dieser einen Sprache entzogen hat. Vergleichbar mit: wie wenn ein großes, schönes zweckmäßig ausgestattetes, bewohnbares Gebäude durch Einsturz zu einem Schutthaufen zusammenfällt. Weil die Menschen in ihrem Hochmut, Größenwahn, Stolz und Überheblichkeit, Gottes Sprache-Gabe für ihre eigenen Ziele missbrauchten, entzog er ihnen diese Gabe der Verständigung. Daher wurde diese Stadt `Babel` genannt (1Mose 11,9), weil daselbst der Herr ihre Sprache/Lippe verwirrte, (LXX: `συν-έχεεν κύριος τὰ χείλη – syn-echeen kyrios ta cheil¢ `.

Nun formten die Menschen in ihren jeweiligen Wohngebieten neue Hilfsmittel zur Verständigung in Sprache und Schrift.

 

2. Teil: Die Entstehung der hebräischen Sprache und Schrift

 

Die Ausführungen in diesem Abschnitt beruhen nicht auf wissenschaftlichen Forschungen, sie sind lediglich Beobachtungen, welche aus den Texten des Alten Testamentes abgeleitet werden können. Sie tragen jedoch wesentlich dazu bei, die geistliche Dimension, der von Gott geschaffenen und an die Menschen geschenkten Gabe der Sprache und Schrift, zu erkennen. Denn wie das Volk Israel selbst aus den Völkern herausgerufen wurde, so bildete/formte Gott für dieses Volk eine eigene Sprache/Dialekt, welche sich schon deutlich von den anderen abgrenzte. Diese Abgrenzung war nicht so sehr im Vokabular selbst (ist sie doch der Aramäischen und Arabischen verwandt), sondern vielmehr im Inhalt der Begriffe. Der besondere kollektive, aber auch persönliche Gottesbezug durchdrang die Sprache der Israeliten. Denn wie die Schrift, die Gott Mose auf dem Sinai gab, heilig war, sollte auch die Sprache seines Volkes gereinigt werden, bzw. frei sein von Elementen, welche den Götzendienst, Aberglauben und die sittenlose Lebens- und Ausdrucksweise der Völker durchdrang. Natürlich blieb zwischen den Heiligen Schriften und der Sprache des Volkes Israel immer wieder eine gewisse Diskrepanz, doch bestand immerhin die Möglichkeit einer Rückbesinnung auf die Schrift und die daraus fließende Reinigung der Sprache im Alltag.

Abraham war Semit (Nachfahre Sems) und brachte aus Ur in Chaldäa die dortige Sprache (wahrscheinlich Chaldäisch) mit nach Haran (Nordwestmesopotamien). Da Abraham und seine Familie dort längere Zeit lebten (bis zum Tod seines Vaters Terach, Apg 7,4), lernten sie auch noch den ostaramäischen Dialekt. In Kanaan wohnte er mit seiner Familie unter den Nachkommen Hams. Und auch hier lernten sie noch aus örtlichen Dialekten dazu. Es fällt auf, dass sie sich relativ gut mit der einheimischen Bevölkerung verständigen konnten (1Mose 14,13. 18ff; 20,1ff). Sogar in Ägypten konnte Abraham sich mit Pharao und seinen Untertanen verständigen (1Mose 12,15-19).

Zur Zeit Josefs unterschied sich die hebräische Sprache eindeutig von der ägyptischen, denn Josef verständigte sich mit seinen Brüdern mittels eines Dolmetschers (1Mose 42,23). Die hebräische Sprache formte sich wohl erst richtig in der Wüste, fern von anderen Volksgruppen. Gott redete mit Mose in der für ihn bekannten Sprache. Natürlich verstand Mose außer Ägyptisch und Hebräisch auch noch andere Sprachen, war er doch gelehrt in aller Weisheit der Ägypter (Apg 7,22). Durch das Reden Gottes auf dem Berg Sinai und die von Gott selbst hergestellten und beschriebenen zwei steinernen Tafeln des Zeugnisses mit den Zehn Geboten formte sich die hebräische Sprache und Schrift weiter (2Mose 31,18; 5Mose 9,10). Aber nicht nur die Zehn Gebote, sondern auch alle weiteren Gesetze und Anordnungen für den Gottesdienst und den Alltag, die Gott dem Mose in mündlicher Form mitteilte, schrieb dieser auf Anordnung Gottes in ein Buch (wahrscheinlich Papyri) – das Buch des Gesetzes (2Mose 17,14; 24,4; 34,1. 22; 4Mose 33,2; 5Mose 5,22; 10,4; 31,9. 24). Die direkte und aktive Einflussnahme Gottes auf Sprache und Schrift, trug wesentlich zu deren Reinigung und Abgrenzung von anderen Sprachen bei. Zeitgleich vollzog sich auch eine Klärung der Identität dieses Volkes:

  • Sie hatten Gottes Berufung in einen Sonderstatus unter den Völkern,
  • Sie hörten mit ihren Ohren Gottes Stimme vom Berg Sinai,
  • Sie hatten eine Sprache und Schrift, die sie mit Gottes Offenbarung am Sinai verband.

Die Berufung durch Gott aufgrund der Verheißungen an die Väter, die Schriftoffenbarung und die einheitliche Sprache begründeten ihre Identität. Auf diesem Hintergrund können wir die folgenden Geschichten im Zusammenhang unseres Themas besser verstehen. Zwei Beispiele:

  1. Der Verlust bzw. die Beeinträchtigung der hebräischen Sprache zum Beispiel durch Heirat mit ausländischen Frauen stellte für den Reformer Nehemia ein großes Problem dar (Neh 13,26-27). Er erinnert seine Landsleute an den Gesetzesbruch Salomos, der es liebte, ausländische Frauen nach Jerusalem in seinen Harem zu holen (1Kön 11,1-8). Diese Frauen brachten nicht nur ihre kulturellen und religiösen Elemente mit sich in die israelitische Oberschicht, sondern auch ihre Sprachen, welche mit vielen verderblichen Elementen durchsetzt waren.
  2. Als Rapschake, der syrische Feldherr, vor den Mauern Jerusalems den Gott Israels in hebräischer (jüdischer) Sprache verhöhnte, baten ihn die Verantwortlichen aus Juda: „Rede mit deinen Knechten Syrisch (Aramäisch), denn wir verstehen‘s und rede nicht Jüdisch (Hebräisch) vor den Ohren des Volks, das auf der Mauer ist.“ (2Kön 18,26; Jes 36,11).

Zum einen wird hier deutlich, dass die Oberschicht in Juda durchaus sprachgewandt war, denn sie verstand das Aramäische. Zum anderen war das Hebräische für das gemeine Volk die Muttersprache. In diesem Fall handelte es sich um Missbrauch der hebräischen Sprache gegen Gott und die Einwohner von Juda (Jerusalem) von Seiten der Assyrer.

Im Jahre 722/21 wurde das Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria durch Salmanassar nach dreijähriger Belagerung erobert (2Kön 18,9-12). Die Bewohner wurden nach Medien weggeführt und dort angesiedelt. In der Fremde verlor sich auch bald ihre Sprache. Der König von Assyrien aber ließ Leute von Babel kommen, von Kuta, von Awa, von Hamat und Sefarwajim und ließ sie wohnen in den Städten von Samarien an Israels statt. Und sie nahmen Samarien ein und wohnten in seinen Städten“  (2Kön 17,24). Von dort stammen die Samariter, welche unter Druck Teile des jüdischen Kultes übernommen hatten, gleichzeitig aber auch den Göttern ihrer Herkunftsländer opferten (2Kön 17,33). Diese Neusiedler sprachen natürlich ihre eigenen Sprachen oder Dialekte.

Im Jahr 586 wurde Jerusalem nach etwa zweijähriger Belagerung durch Nebukadnezar erobert. Dabei wurde insbesondere die Oberschicht aus Juda nach Babylon und Umgebung weggeführt und dort angesiedelt. Nach dem Edikt des Kyrus (539) sind rund 50 Tausend Judäer, Benjaminiten, Leviten und Priester (einschließlich deren Sklaven und Bediensteten) nach Jerusalem (Judäa) zurückgekehrt (Esra 2,64). Inzwischen setzte sich im palästinischen Raum als Amtsprache das Aramäische durch (Esra 4,7). Doch das Hebräische hörte nicht auf, denn gerade in der Diaspora pflegten die frommen Juden die Schriftlesung und Schriftauslegung. Auch im Heimatland konkurrierte das Hebräische mit dem Aramäischen. Als Esra, der Schriftgelehrte und Priester (ca. 458), aus dem Buch des Gesetzes Moses vor allem Volk vorlas, verstanden die Menschen, was gelesen und ausgelegt wurde (Neh 8,1-8). Es heißt im Text nicht, dass es übersetzt wurde, sondern dass es erklärt wurde. Natürlich kann man annehmen, dass nicht alle vom Volk die gleichen Sprachkenntnisse des Hebräischen besaßen.

Nehemia (444-433) stellt fest, dass sich einige Juden ausländische Frauen genommen hatten und die Hälfte ihrer Kinder die jüdische (hebräische) Sprache nicht mehr verstand oder sprach (Neh 13,24-27). Daraus geht hervor, dass der Großteil der jüdischen Bevölkerung um die Mitte des 5. Jh. v. Chr. immer noch Jüdisch (Hebräisch) verstand und sprach. Gerade in der nachexilischen Zeit strebten die Juden nach einer Rückkehr zu ihren Wurzeln, auch den sprachlichen.

 

 

3. Teil: Die Bedeutung der hebräischen Sprache und Schrift

 

Es ist erstaunlich, welchen Einfluss gerade die hebräische Sprache bzw. hebräische Schrift auf die Gesetzgebungen großer Teile der Welt hatte, sozusagen richtungsweisend für eine ganze Zivilisation wurde. Diese Popularität sagte Mose voraus, wie in 5Mose 4,5-8 geschrieben steht:

Sieh, ich habe euch gelehrt Gebote und Rechte, wie mir der HERR, mein Gott, geboten hat, dass ihr danach tun sollt im Lande, in das ihr kommen werdet, um es einzunehmen. So haltet sie nun und tut sie! Denn dadurch werdet ihr als weise und verständig gelten bei allen Völkern, dass, wenn sie alle diese Gebote hören, sie sagen müssen: Ei, was für weise und verständige Leute sind das, ein herrliches Volk! Denn wo ist so ein herrliches Volk, dem ein Gott so nahe ist wie uns der HERR, unser Gott, sooft wir ihn anrufen? Und wo ist so ein großes Volk, das so gerechte Ordnungen und Gebote hat wie dies ganze Gesetz, das ich euch heute vorlege?

Doch wie fand diese Schrift und Sprache solch eine Verbreitung und Einfluss unter den Völkern? Schon unter Salomo wusste man weit über die Grenzen des Landes hinaus von dem Gott Israels (1Kön 10,1-14). Durch die leidvolle Entwicklung des Abfalls von dem lebendigen Gott bereits unter Salomo und in größerem Ausmaß nach dessen Tod, wurde Israel zunächst im Gebiet des Zweistromlandes angesiedelt (721-538). Damit vollzog Gott, was er im Falle von Ungehorsam angedroht hatte. „Und der HERR wird euch zerstreuen unter die Völker, und es wird von euch nur eine geringe Zahl übrig bleiben unter den Heiden, zu denen euch der HERR wegführen wird. (5Mose 4,27). Mit der Expansion der Makedonier/Griechen unter Alexander dem Großen (333-322) und seiner Generäle nach ihm gingen weitere Juden in die Diaspora (Zerstreuung). Natürlich nahmen sie Abschriften ihrer Heiligen Schriften mit sich. Schon in der Zeit des babylonischen Exils bildeten sich die sogenannten Synagogen (Zusammenkünfte/Versammlungen). Dies war ein Ersatz für den Gottesdienst im Tempel in Jerusalem, der damals längere Zeit nicht in Funktion war. Auch später hatte ein Großteil der Diasporajuden zum wiederaufgebautem Tempel in Jerusalem keinen Zugang mehr.

Mit der Ausbreitung der griechischen Sprache in Kleinasien, Syrien, Mesopotamien und Ägypten sowie der gleichzeitigen Entfremdung der jüdischen Sprache unter den Juden in der Diaspora, entstand das Bedürfnis nach einer griechischen Übersetzung der hebräischen Heiligen Schriften. So entstand in der Mitte des 3. Jh. v. Chr. die griechische Fassung des Alten Testamentes – Septuaginta genannt (die lateinische Abkürzung dafür ist LXX für ‚siebzig‘). Diese fand rasche Verbreitung nicht nur unter den Exiljuden. Viele suchende Menschen aus den Völkern staunten über den Ein-Gott-Glauben der Juden, über die klaren Gesetze und Gebote für das Leben und den Gottesdienst. Es konvertierten viele zum Judentum, diese Konvertiten wurden griechisch Proselyten genannt, das heißt:  die Hinzugekommenen.

Zur Zeit von Jesus existierten im Kernland der Juden mehrere Versionen des hebräischen Alten Testamentes, die nur geringfügig voneinander abwichen. Es ist auffallend, dass Jesus auf dieses Thema in seinem Dienst nicht eingeht. Die Abweichungen müssen unwesentlich gewesen sein, der Hauptinhalt der Heiligen Schriften war übereinstimmend. Ungewöhnlich oft stützt Jesus sich auf die Schriften des Gesetzes, der Psalmen und Propheten. Und dies wirkte sich entsprechend nachhaltig auf die Abfassung, Verbreitung und Auswirkung der vier Evangelien aus. Auch der Heidenapostel Paulus scheint sich nicht an den geringen Unterschieden in den hebräischen Texten des Alten Testamentes oder den Abweichungen im griechischen Text zu stören. Als ausgezeichneter Theologe seiner Zeit benutzte er in seinen in Griechisch verfassten Briefen sogar die griechische Übersetzung des Alten Testamentes (LXX), wenn er daraus zitierte (Röm 14,11 aus LXX Jes 45,23). Somit konnten ihn die griechischsprachigen Hörer und Leser in seinen Argumentationen prüfen bzw. die Zitate nachlesen.

Auf diese Weise breitete sich der Einfluss göttlicher Inhalte von der hebräischen Sprache und Schrift weiter über die griechische Sprache und Schrift im damaligen Orient und Mittelmeerraum rasch aus. Dazu kamen Übersetzungen der Heiligen Schriften ins Koptische, Syrische, Lateinische und andere Sprachen. Bis heute sind diese Heiligen Schriften weltweit verbreitet und haben reinigende Wirkung in verschiedenen Lebensbereichen.  Hier einige Begriffe und Namen, die aus dem hebräischen Sprachgebrauch unübersetzt in andere Sprachen übernommen wurden.

Namen: Adam, Eva, Henoch, Noah, Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob, Lea, Rahel, Josef, Benjamin, Ruben, Simon, Mose, Mirjam, Aaron, Joschua, Deborah, Jael, Samuel, Isai, Ruth, David, Jonathan, Nathan, Salomon, Elias, Elisej, Micha, Amos, Jonas, Joel, Josia, Jeremias, Nathanael, Zacharias, Elisabet, Johannes, Matthäus, Matthias, Thomas, Maria, Anna, Talita, Tabita.

Begriffe und Orte: Abba, Eli, Messias, Rabbi, Nehuschta, Eben-Ezer, Bethesda, Siloah, Gabbata, Golgatha, Amen, Halleluja, Hosianna, Maranata, Korban, Satan, Gehenna, Beelzebul, Cherubim, Seraphim, Thora, Sabbat, Passah, Schalom, Eben Ezer, Bet El, Bethesda.

Mit dem Gebrauch dieser Begriffe und Namen, werden mehr oder weniger auch die damit verbundenen biblischen Geschichten assoziiert.

Durch die Funde in Qumran haben die Schriftforscher die Möglichkeit, anhand hebräischer Texte aus den Jahrhunderten vor Christus dem Originaltext der Heiligen Schriften des Alten Testamentes sehr nahe zu kommen. Auch dies ist eine besondere Gabe Gottes an die Menschen. Kein Buch der Welt wird von so vielen Menschen gelesen wie die Bibel (die Schriften des Alten- und Neuen Testamentes). Und keine Schriften der Antike haben solche Auswirkungen auf das Denken, Reden und Handeln der Menschen wie die Bibel. „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Zurechtweisung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, dass der Mensch Gottes vollkommen sei, zu allem guten Werk geschickt.“ (2Tim 3,16-17).

 

 

4. Teil: Warum wird Gott zu Israel in anderen Sprachen reden?

 

So wie die Überschrift sehr ungewöhnlich klingt, so ungewöhnlich ist auch die Tatsache, dass Gott sich dem Volk Israel in einer fremden Sprache bzw. Sprachen/Lippen mitteilen will. Diese Aussage lesen wir in dem Propheten Jesaja:

Ja, durch stammelnde (gr. φαυλισμὸνfaulismon – eigentlich: faule, unreine, verdorbene) Lippen (gr. χειλέων – cheileön) und durch eine fremde (andere) Sprache (gr. γλώσσης ἑτέραςglöss¢s eteros) wird er zu diesem Volk reden, er, der zu ihnen sprach: Das ist die Ruhe! Schafft Ruhe dem Erschöpften! Und das ist die Erquickung! Aber sie wollten nicht hören. Und das Wort des HERRN für sie wird sein: Zaw la zaw, zaw la zaw, kaw la kaw, kaw la kaw; hier ein wenig, da ein wenig; damit sie hingehen und rückwärts stürzen und zerschmettert werden, sich verstricken lassen und gefangen werden. Darum hört das Wort des HERRN, ihr Männer der Prahlerei, Beherrscher dieses Volkes, das in Jerusalem ist! (Jes 28,11-14).

Durch die Jahrhunderte redete Gott zu Israel durch die Propheten in der Klarheit und Verständlichkeit der von Gott gereinigten und geheiligten Hebräischen Sprache. Doch besonders die reiche, wohlhabende und regierende Oberschicht im Volk wollte nicht darauf hören. Deswegen kündigt Gott an, dass er ein Mittel der Verständigung gebrauchen wird, welches sehr ungewöhnlich ist. Der griechische Text in Jesaja 28,13-14 (eingeschlossen eine freie Übersetzung) lautet: „καὶ ἔσται αὐτοῖς τὸ λόγιον κυρίου τοῦ θεοῦ (und sein wird an sie das Wort des Herrn des Gottes) θλῖψις ἐπὶ θλῖψιν (Drangsal auf/über Drangsal) ἐλπὶς ἐπ‘ ἐλπίδι (Hoffnung auf/über Hoffnung) ἔτι μικρὸν ἔτι μικρόν (so ein kleinwenig, so ein kleinwenig) ἵνα πορευθῶσιν καὶ πέσωσιν εἰς τὰ ὀπίσω (dass sie hingehen und nach hinten fallen) καὶ κινδυνεύσουσιν καὶ συντριβήσονται καὶ ἁλώσονται (und zerschmettert werden, sich verstricken lassen und gefangen werden) διὰ τοῦτο ἀκούσατε λόγον κυρίου ἄνδρες τεθλιμμένοι καὶ ἄρχοντες τοῦ λαοῦ τούτου τοῦ ἐν ιερουσαλημ (deswegen hört dies Wort des Herrn, Männer der Prahlerei und Beherrscher dieses Volkes, welches in Jerusalem wohnt). Da wo die deutschen Übersetzungen im Vers 13  „zaw la zaw, kaw  la kaw“ haben, übersetzt die LXX mit: „θλῖψις ἐπὶ θλῖψιν“ (Drangsal auf Drangsal) „ἐλπὶς ἐπ‘ ἐλπίδι“ (Hoffnung auf Hoffnung). Der Text im Griechischen lässt sich zwar leichter übersetzen, bleibt aber, wie auch der Hebräusche, in seiner Deutung und Anwendung schwer verständlich. Eindeutig ist, dass Gott mit dieser boshaften Führung des Volkes ins Gericht gehen wird, denn er hört sehr wohl, was sie sagen, ja, er zitiert sogar ihre boshaften, frechen Aussagen (Jes 28,14-15). Doch worauf sie ihre Sicherheit bauen, wird einstürzen, sie werden fallen und gefangen weggeführt werden.

Lesen wir weiter, was Gott sagt: „So höret nun des HERRN Wort, ihr Spötter, die ihr herrscht über dies Volk, das in Jerusalem istIhr sprecht: Wir haben mit dem Tod einen Bund geschlossen und mit dem Totenreich einen Vertrag gemacht. Wenn die brausende Flut daherfährt, wird sie uns nicht treffen; denn wir haben Lüge zu unsrer Zuflucht und Trug zu unserm Schutz gemacht. Darum spricht Gott der HERR: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der fest gegründet ist. Wer glaubt, der flieht nicht“ (Jes 28,14-16). Sicher ist, dass die Verheißung Gottes, in Zion einen auserwählten Eckstein zu legen, von den Aposteln auf den Christus bezogen wurde (Röm 9,33; 1Petr 2,6-7). Ja, selbst Jesus bezog ihn auf sich in der Diskussion mit den Juden in Jerusalem (Mt 21,42-44; Ps 118,22). Nicht von ungefähr steht diese Verheißung im Textzusammenhang unseres Themas.

Der Prophet Jesaja wurde etwa um das Jahr 770 geboren und 739 (im Todesjahr des Königs Asarja/Usija) also mit etwa 30 Jahren vom Herrn zum Propheten berufen (Jes 6,1). Er übte großen Einfluss auf die Königsfamilien aus, beriet und ermahnte die Könige und Oberen in Jerusalem. Mit zum Teil harten Worten brandmarkte er das ungerechte Handeln der reichen Oberschicht in Jerusalem, aber auch in Samaria, dem Nordreich, wo etwa zur gleichen Zeit der Prophet Hosea im Auftrag Gottes wirkte. Der oben zitierte Text gibt Einblick in die Situation und den geistlichen bzw. sehr ungeistlichen Rede- und Lebensstil der regierenden Oberschicht in Juda und Jerusalem. Das Hauptproblem kann mit folgenden Worten beschrieben werden: „Sie wollten nicht hören, was Gott ihnen in ihrer, für sie sehr verständlichen hebräischen Sprache sagte“. Auf diesem Hintergrund stechen folgende Worte geradezu heraus: „Ja, durch stammelnde Lippen und durch eine fremde Zunge wird er (der Herr) zu diesem Volk reden, … Aber sie wollten (oder werden) nicht hören.“

Der Apostel Paulus zitiert als Einziger im Neuen Testament dieses Prophetenwort und zwar in einem ganz bestimmten thematischen wie auch praktischen Zusammenhang, auf den später noch im Detail eingegangen wird. Hier nur das Zitat aus 1Korinther 14,21 mit einer wesentlichen Wahrheit, die zum besseren Verstehen unseres Themas beitragen kann. „Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, (gr. εισ-ακού-σονται – eis-akou-sontai) spricht der Herr.« Es scheint, dass sich diese Prophetie in den Jahrhunderten nach Jesaja und sogar noch bis in die Zeit von Jesus nicht erfüllte. Von Jesus lesen wir nirgendwo, dass er in fremden, das heißt, in Sprachen, welche die Juden nicht verstanden, gesprochen hätte. Das er oft nicht verstanden wurde, ist bekannt. Und er hält seinen Zuhörern vor: „Warum versteht ihr denn meine Sprache (gr. λαλιαν – lalian – Rede) nicht? Weil ihr mein Wort nicht hören könnt!“ (Joh 8,43; nicht hören – 6,60: nicht verstehen – 10,20; was anderes verstehen als gesagt wurde – 12,37). Nach der Aussage des Propheten Jesaja und auch dem Zitat des Paulus, geht es um Menschen, die  nicht hören wollen, was Gott sagt (Jes 28,12b). Und das „nicht hören wollen“ ist einer der Gründe, warum Gott zu diesem Volk in anderen Sprachen reden wird. Sicher nicht um sie zu ärgern, sondern um sie aufzurütteln, um sie zum Staunen zu bringen und damit zum Hinhören. Doch gleichzeitig wird vorausgesagt, dass sie auch so nicht hören werden (Jes 28,12b; 1Kor 14,21b). Solch eine ablehnende Haltung gegenüber Gottes Reden wird besonders der führenden Schicht in Juda und Jerusalem zugeschrieben. Es gab jedoch immer eine Minderheit, welche auf Gott hörte und ihn suchte.

Doch das „nicht hören wollen“ begann schon in Ägypten (2Mose 6,9: „aber sie hörten nicht auf ihn vor Kleinmut und harter Arbeit“).

– Im Rückblick der Geschichte Israels aus der Zeit der Wüstenwanderung, beklagt und bekennt Nehemia in seinem Gebet zu Gott (um die Mitte des 5. Jh.): „und weigerten sich zu hören und gedachten auch nicht an deine Wunder, die du an ihnen tatest, sondern sie wurden halsstarrig und nahmen sich fest vor, zu ihrer Knechtschaft in Ägypten zurückzukehren.“ (Neh 9,17).

– Durch den Propheten Jesaja hält Gott seinem Volk vor: „Denn ich rief und niemand antwortete, ich redete und sie hörten nicht und taten, was mir nicht gefiel, und hatten ihre Lust an dem, woran ich kein Wohlgefallen hatte.“ (66,4).

– Und auch durch den Propheten Jeremia beklagt Gott: „Aber sie wollten nicht hören noch ihre Ohren mir zukehren.“ (7,24). „Aber sie hörten nicht und kehrten mir ihre Ohren nicht zu, sondern blieben halsstarrig, dass sie ja nicht auf mich hörten noch Zucht annähmen.“ (Jer 17,23).

– Und Sacharia beklagt: „und machten ihre Herzen hart wie Diamant, damit sie nicht hörten das Gesetz und die Worte, die der HERR Zebaoth durch seinen Geist sandte durch die früheren Propheten. Daher ist so großer Zorn vom HERRN Zebaoth gekommen. Und es ist so ergangen: Gleichwie gepredigt wurde und sie nicht hörten, so wollte ich auch nicht hören, als sie riefen, spricht der HERR Zebaoth.“ (Sach 7,12-13).

Diese Texte heben die Bedeutung des Hörens auf Gott hervor. Und sie machen deutlich, dass im Laufe der Geschichte des Volkes Israel, das „nicht hören auf Gott“ bei den meisten die Regel war und das „Hören auf Gott“ sich meistens nur auf eine Minderheit bezog. Der Apostel Paulus schreibt, dass der Glaube aus dem ‚Hören‘ (kommt), das Hören aber durch das Wort (die Aussprüche) Christi (kommt) (Röm 10,17). Das griechische Wort für hören ist  `ακοή – ako¢`, für die Verbform `ich höre – ακούω – akouö`. Das uns bekannte Wort `Akustik` kommt aus dem Griechischen – Hören.

Gott hat das Gehör, das Hörvermögen beim Menschen geschaffen und auf diesem Wege kommuniziert er mit dem Menschen. Dem Hören, Hinhören, Horchen, Aufhorchen folgt dann das Gehorchen. Das Annehmen oder Aufnehmen des Gehörten bezeichnet die Bibel als `glauben`. Weil jedoch die Israeliten so oft nicht hörten, blieb auch der Glaube aus. Weil sie nicht glaubten, verfielen sie in allerlei Arten von Aberglauben und Götzendienst.

Schon durch Mose ließ Gott sagen:

Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, erwecken aus dir und aus deinen Brüdern; dem sollt ihr gehorchen. (in der LXX – ἀκούσεσθε – akouseste – hört, Imp.)  Ganz so wie du es von dem HERRN, deinem Gott, erbeten hast am Horeb am Tage der Versammlung und sprachst: Ich will hinfort nicht mehr hören die Stimme des HERRN, meines Gottes, und dies große Feuer nicht mehr sehen, damit ich nicht sterbe. Und der HERR sprach zu mir: Sie haben recht geredet. Ich will ihnen einen Propheten, wie du bist, erwecken aus ihren Brüdern und meine Worte in seinen Mund geben; der soll zu ihnen reden alles, was ich ihm gebieten werde. Doch wer meine Worte nicht hören wird, die er in meinem Namen redet, von dem will ich’s fordern. (5Mose 18,15-19).

Der Hebräerbriefschreiber macht deutlich: „Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten, hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn.“ (Hebr 1,1-2). Wird Israel auf diesen Propheten hören? Und es kam so, dass ein Großteil des Volkes unter der Führung der Priesterschaft und religiösen Elite, auf diesen von Gott gesandten und beauftragten Propheten Jesus nicht hörte. Dadurch erfüllte sich die Voraussage zum Fall, der Gefangenschaft und Zerstreuung (Jes 28,11-14; Lk 19,41-44). Doch dies kam später. Zuvor jedoch bekam Israel das Zeichen der fremden Sprachen von Gott und dies geschah am Pfingsttag, völlig unerwartet zum großen Erstaunen und zur Bestürzung des Volkes Israel.

 

5. Teil: Die Sprachen-Gabe am Pfingsttag – ein ZEICHEN für Israel?!

Einleitend zunächst folgende Fragen und Anmerkungen:

  • Das Sprachenwunder an Pfingsten ist nach den Worten von Petrus ausdrücklich die Erfüllung der Prophetie aus dem Propheten Joel Kapitel 3,1-3.
  • Ist das Sprachenwunder am Pfingsttag vielleicht auch die Erfüllung der Prophetie aus Jesaja 28,11-12, obwohl der Apostel Petrus keinen Bezug darauf nimmt?
  • Benutzt Gott nun als neuen Kommunikationsweg zu Israel am Pfingsttag fremde/andere Sprachen, um ihnen die Frohe Botschaft der Erlösung mitzuteilen?
  • Oder ist es Gottes Antwort auf mehrere Fragen bzw. Verheißungen, die in seiner Heilsgeschichte bis dahin noch nicht erfüllt waren?
  • Was war der Inhalt der verschiedenen Sprachen am Pfingsttag?

Wir wollen die Inhalte des Textes aus der Apostelgeschichte 2,1-18 im großen Zusammenhang der Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk kennenlernen. Dies trägt zum besseren Verständnis unseres Themas bei. Erst danach versuchen wir ,daraus bestimmte Schlüsse zu ziehen. Der deutsche Text ist der Elberfelder Bibelübersetzung entnommen. „Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle an einem Ort beisammen.“ (2,1). Wer war wann und wo einmütig beieinander? Durch Mose ordnete Gott an: „Dreimal im Jahr soll alles bei dir, was männlich ist, vor dem Angesicht des Herrn, HERRN, des Gottes Israels, erscheinen.“ (2Mose 34,23; vgl. 5Mose 16,16). Allerdings sind weit nicht alle diesem Gebot nachgekommen, sogar von Josef und Maria lesen wir, dass sie lediglich nur einmal jährlich nach Jerusalem pilgerten und zwar zum Passahfest (Lk 2,41).

Eins dieser drei Feste war das Wochenfest, oder auch Pfingstfest genannt, weil es sieben Wochen nach dem Passah bzw. am fünfzigsten Tag nach dem Passah gefeiert werden musste (5Mose 16,9).

In der Apostelgeschichte 1,13-14 listet Lukas die Namen der elf Jünger Jesu auf, dazu Frauen (im Plural), Maria, die Mutter Jesu und dessen Brüder. Nach dem Abschied von ihrem Herrn Jesus auf dem Ölberg bei Bethanien und auf dessen Anweisung, kehrten sie zurück nach Jerusalem. Sie stiegen hinauf in das Obergemach eines Hauses. Es kann sich um das Haus gehandelt haben, in dem sich die Jünger während des Todes und nach der Auferstehung von Jesus aufgehalten haben (Joh 20,19-24). Vielleicht oder wahrscheinlich ist es dasselbe Haus mit einem Oberzimmer (Saal), in dem die Jünger mit ihrem Herrn das letzte Passahlamm aßen und bei dem Jesus das Herrenmahl mit der neuen Bundesstiftung eingesetzt hatte (Mk 14,14; Lk 22,12), denn auch dort ist von einem großen, gepolsterten Raum im Obergeschoss des Hauses die Rede. Die Formulierung des Lukas in Apostelgeschichte 1,13: „wo sie sich aufzuhalten pflegten“, verstärkt die oben erwähnte Annahme. In diesem Haus verbrachten sie die nächsten 10 Tage im Gebet. Gleich in Vers 15 des ersten Kapitels erwähnt Lukas fast nebenbei, dass die Zahl/Namen, der Jünger (wörtlich Menge) ungefähr 120 war. Bei dieser großen Versammlung erfolgte unter der Leitung des Petrus die Wahl des 12. Jüngers (Matthias) zum Apostel an Judas statt. Nirgendwo wird auch nur andeutungsweise dieses Vorgehen des Petrus vom Herrn oder anderen Autoritäten getadelt oder infrage gestellt. Von der Volksmenge werden die im Haus Versammelten später als Galiläer identifiziert (Apg 2,7). Gut möglich, dass die 70/72 Jünger aus Galiläa auch unter diesen Versammelten waren. Doch ist es nicht ausgeschlossen, dass sich Jesu Freunde aus Bethanien und andere Gläubige aus Judäa, wie Nikodemus und Josef aus Arimathea mit unter den etwa einhundertundzwanzig befanden. Es ist auffallend, dass sie sich an diesem vom Gesetz vorgeschriebenem Fest nicht im Tempel, sondern in einem Privathaus aufhielten (Apg 2,1 – „alle“).

„Und plötzlich geschah aus dem Himmel ein Brausen (ήχος – ¢chos – Schall, Hall), als (ώσπέρ – ösper  – wie, sowie) führe ein gewaltiger Wind daher, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen.“ (Apg 2,2).

Dem Kommen des Heiligen Geistes ging ein gewaltiges Rauschen voraus (vgl. dazu 2Mose 19,16 – Bundesschluss am Sinai). Dieses Rauschen wird mit dem Echo/Schall eines plötzlich daherfahrenden, gewaltigen Windes verglichen. Es ist also kein physischer realer Wind, sondern ein vom Himmel her kommendes Geräusch, das mit einem Wind verglichen wird. Jesus selbst vergleicht das Wirken des Geistes mit dem Wind (Joh 3,7-8). Dieses Geräusch erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen und es war in der Stadt Jerusalem zu hören (Apg 2,6). „Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen (διαμεριζόμεναι γλώσσαι – diamerizomenai glössai) wie (ώσει – ösei) von Feuer, und sie (die Zungen/Sprachen) setzten sich auf jeden Einzelnen von ihnen.“ (Apg 2,3). Die gemalten Bilder, welche das Pfingstgeschehen darstellen, zeigen aneinandergereihte feurige Zungen, die pfeilartig über den Häuptern schweben. Doch auch hier benutzt Lukas das vergleichende Wörtchen `ösei  – wie‘ vor dem Wort Feuer und macht damit deutlich, dass es sich nicht um physisches Feuer handelt. Aber auch das Phänomen Feuer, wie auch der Wind hat seine Verwendung am Sinai gehabt (2Mose 3,2ff; 19,18). Auch ist hier von keinem Mischmasch oder Durcheinander der Sprachen die Rede, sondern wie das griechische Wort `diameri-zomenai gössai`‘ deutlich macht, wird die klare Trennung oder genauer gesagt Unterteilung der einzelnen Sprachen hervorgehoben. Es wird auch betont, dass sich diese klar differenzierten Sprachen auf einen jeden Einzelnen setzten/niederließen. Wenn wir davon ausgehen, dass sich in diesem Haus etwa einhundertundzwanzig gläubige Menschen befanden, dann könnten es ebenso viele Sprachen gewesen sein. Danach oder gleichzeitig „wurden sie alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen (ετέραις γλώσσαις – eterais glössais) zu reden (λαλείν – lalein), wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ (Apg 2,4).

Das Erfülltwerden mit dem Geist Gottes ist die Erfüllung der Zusage Gottes

  • durch den Propheten Joel (Joel 3,1ff),
  • durch Johannes den Täufer (Mt 3,11; Lk 3,16) und
  • durch Jesus selbst (Joh 14,16. 26; 15,26; 16,7; Lk 24,49; Apg 1,5).

Die Notiz: „Wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ lässt offen, ob sie gleichzeitig oder nacheinander redeten. Fast unbegreiflich, doch jeder von ihnen redete in einem anderen Dialekt (Apg 2,6). Das griechische Wort `διάλεκτος – dialektos – Dialekt` wird von der Wortwurzel `λεξ – lex`  für `Wort` und der die Worte oder Sprachen trennenden, bzw. teilenden Vorsilbe `διά – dia – durch` gebildet und heißt im Deutschen `Mundart`. Dadurch wird die Differenzierung der einzelnen Sprachen bzw. Sprachuntergruppen noch genauer hervorgehoben. Aus dem Text ist nicht ersichtlich, ob die Redenden selbst verstanden, was der Geist sie aussprechen ließ. Doch sie redeten nicht in den Wind (1Kor 14,9), sondern sie wurden von den in Jerusalem anwesenden Menschen verstanden. Interessant ist der Zusammenhang zwischen der Aussage von Jesus in Matthäus 10,27: „Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern“ und der Proklamation der Großtaten Gottes vom `Flachdach` eines Privathauses in Jerusalem. Etwas noch nie Dagewesenes schafft Gott mit dem Kommen des Heiligen Geistes. Es war also ein Sprachen-Rede-Wunder.

 

„Es wohnten (κατοικούντες – katoikountes) aber in Jerusalem Juden, gottesfürchtige Männer, von jeder Nation unter dem Himmel.“ (Apg 2,5). Der Begriff  `katoikountes`, den Lukas an neun weiteren Stellen gebraucht, meint nicht Pilger oder Durchreisende, sondern in diesem Fall in Jerusalem `wohnende oder ortsansässige` (vgl. dazu: Lk 13,4; Apg 2,9; 2,14; 9,22.32.35; 13,27; 19,10; 22,12). So lesen wir später in der Apostelgeschichte von Einzelnen, aber auch ganzen Gruppen von Menschen jüdischer Herkunft, die zwar im Ausland geboren und aufgewachsen sind, doch zu dem besagten Zeitpunkt ihren festen Wohnsitz in Jerusalem hatten. Als Beleg hier einige Beispiele:

  • Josef/Barnabas, der gebürtig von Zypern war, aber in Jerusalem wohnte (Apg 4,36).
  • In Apostelgeschichte 6,9 lesen wir von der Synagoge (einer jüdischen Versammlung) der Libertiner, Kyrenäer und Alexandriner und derer aus der Provinz Asien, die sich gegen Stefanus auflehnten. Diese alle waren in den jeweils genannten Provinzen oder Städten der Diaspora  geboren und aufgewachsen, wohnten `katoikountes` aber zur Zeit in Jerusalem.
  • Einige jüdische Zyprioten und Kyrenäer, die in Jerusalem wohnten `katoikountes`  und zum Glauben an Jesus Christus kamen, verließen wenige Jahre später ihren Wohnsitz Jerusalem und gingen bis Antiochia (Apg 11,20) und verkündigten dort das Evangelium von Jesus Christus.
  • Ein Jünger der ersten Generation namens Mnason, der ebenfalls Zypriot war, also als Jude auf Zypern geboren bzw. dort aufgewachsen war und später in Jerusalem wohnte und in seinem Haus den Apostel Paulus mit dessen Begleitern gastlich aufnahm (Apg 21,16).
  • Selbst von Paulus wissen wir, dass er, obwohl in Tarsus (Kilikjen) geboren, als Jugendlicher viele Jahre in Jerusalem lebte und zu den Füßen Gamaliels studierte (Apg 22,3).
  • Auch die Schwester des Paulus ist mit Sicherheit in Tarsus geboren wie auch ihr Bruder Saul, doch sie lebte/wohnte mit ihrem Sohn ebenfalls in Jerusalem (Apg 23,16).

Daher wird der Begriff `katoikountes`  auch in unserem Zusammenhang das gleiche bedeuten. Der Bericht über die, bei der täglichen Brotverteilung vernachlässigten Witwen der `Helenisten`  gegenüber den Hebräischen, unterstreicht zusätzlich diese Annahme (Apg 6,1). Die Hellenisten (gr, Ελληνιστών – Ell¢nistön) waren Juden, die aber in der griechischen Kultur beheimatet waren, sozusagen hellenisierte Juden. Aus den oben angeführten Gründen können wir schließen, dass zur Zeit des Pfingstfestes, davor und auch danach, viele (ausländische) Juden in Jerusalem wohnten/lebten, die aus verschiedenen Ländern und vermutlich aus religiösen Gründen (Messiaserwartung) nach Jerusalem umgezogen waren und dort zur Zeit des Passah (Apg 2,23) und des Pfingstfestes des Jahres 33 n. Chr. ihren festen Wohnsitz hatten.

Dieser Tatbestand schließt selbstverständlich die Anwesenheit vieler Pilger beim Pfingstfest aus dem Kernland Israels und auch aus der Diaspora mit ein. Diese Pilger kann man hier voraussetzen, weil es auch durch folgende Aussage bestätigt wird: „und die hier weilenden (vorübergehend sich aufhaltenden) Römer, sowohl Juden als auch Proselyten.“ (Apg 2,10b; vgl. dazu Apg 17,21 – „dort weilenden Gästen/Fremden“). Es handelt sich hier um römische Bürger jüdischer Herkunft und um römische Bürger aus den Heiden, welche durch Beschneidung und Proselytentaufe zum Judentum konvertierten.

 

„Als aber dieses Geräusch entstand, kam die Menge zusammen und wurde bestürzt, weil jeder Einzelne sie in seiner eigenen Mundart (ιδία διαλέκτων – idia dialekt÷n – eigenen Mundart) reden hörte.“ (Apg 2,6). So befanden sich in diesen Tagen viele Tausende Juden aus aller Welt in Jerusalem, einschließlich derer, die im Land geboren wurden und höchstwahrscheinlich auch Gäste aus dem Ausland. Viele von ihnen waren zu dieser frühen Vormittagszeit bereits im Tempel oder unterwegs dorthin. Man stelle sich die Volksbewegung vor, die sich auf einmal zu dem Haus beeilte, aus dem das laute Geräusch zu hören war. Während die Masse der Menschen dorthin eilte, traten anstelle des undeffinierten lauten Geräusches klar vernehmbare und für alle verständliche Sprachen. Denn jeder, der hier wohnenden oder angereisten Juden, auch Proselyten, hörten aus der Sprachenvielzahl ihren eigenen Dialekt, bzw. die Sprache des Landes, in dem sie geboren wurden, deutlich heraus. Es war also ein Sprachen-Rede-Wunder.

Sie entsetzten sich aber alle und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht alle diese, die da reden, Galiläer? Und wie hören wir sie, ein jeder in unserer eigenen Mundart, in der wir geboren sind?“ (Apg 2,7-8). Die Liste der Volksgruppen, welche Lukas aufführt, ist sehr bunt, obwohl die Bemerkung „von jeder Nation unter dem Himmel“ erkennen lässt, dass sie weit nicht vollständig ist.

  1. Parther (Gebiet des Iran)
  2. und Meder (im Gebiet des Iran)
  3. und Elamiter (Südwesten des heutigen Iran)
  4. und die Bewohner von Mesopotamien (Gebiete im Zweistromland – Euphrat und Tigris)
  5. und von Judäa (also auch einheimische Juden hörten ihre hebräische/jüdische Sprache/Dialekt)
  6. und Kappadozien, (Gebiet in Mittelanatolien)
  7. Pontus (Gebiet am Südufer des Schwarzen Meeres)
  8. und Asien, (gemeint ist hier Kleinasien in der heutigen Westtürkei)
  9. und Phrygien (westlicher Teil des Hochplateaus Anatoliens)
  10. und Pamphylien, (Gebiet um das heutige Antalya in der Südtürkei)
  11. Ägypten (etwa in den gleichen Grenzen wie heute)
  12. und den Gegenden von Libyen gegen Kyrene hin (das heutige Libyen in Nordafrika)
  13. und die hier weilenden (επιδημουντες – epidemountes – sich vorübergehend aufhaltenden) Römer, sowohl Juden als auch Proselyten, (gemeint sind hier römische Staatsbürger jüdischer Herkunft sowie römische Staatsbürger, die durch Beschneidung und die Proselytentaufe zum Judentum übertraten)
  14. Kreter (von der Insel Kreta)
  15. und Araber – (Sinai, Arabische Halbinsel)

wie hören wir sie von den großen Taten Gottes in unseren Sprachen reden?  Sie entsetzten sich aber alle und waren in Verlegenheit und sagten einer zum anderen: Was mag dies wohl sein? Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.“ (2,9-13).

Von den Bemerkungen, die aus der Menge kamen, ist Folgendes abzuleiten:

  1. Der Inhalt der Sprachenrede ist uns nur unter der Überschrift überliefert und diese lautet: „Die Groß-Taten Gottes!“ Auch wenn wir nicht sagen können, was da im Detail geredet wurde, so sind doch die bekannten Kraftwirkungen Gottes aus der biblischen Überlieferung den meisten Juden bekannt gewesen und daher gaben sie den ausgesprochenen Inhalten diese Überschrift. Diese Proklamation der Taten Gottes in Redeform/Verkündigung war eine Ehrung und Verherrlichung Gottes auf der einen Seite und gleichzeitig ein inhaltsvolles Zeugnis und Zeichen für das Volk der Juden, die bis dahin im Unglauben verharrten. Ja, seit der gewaltigen und herrlichen Offenbarung Gottes am Berg Sinai, gab es nicht Desgleichen.
  2. Dieses Rede-Zeugnis ist auch deshalb bewundert worden, weil es von einfachen (nicht in Jerusalem theologisch ausgebildeten) Leuten kam – sie werden nämlich als Galiläer erkannt. Auch damit setzte Gott ein deutliches Zeichen – Er beruft und bevollmächtigt wen Er will (1Kor 1,20).
  3. Aus der Menge wurde die Frage laut: „Was mag dies sein?“ Dies kam von Menschen, welche für Gottes Wirken offen waren. Ob jemand jedoch an die Prophetie aus Jesaja 28,11-12 dachte? Auch wenn in diesem Textzusammenhang nicht auf jene Prophetie Bezug genommen wird, bleibt doch die Tatsache bestehen, dass gerade an diesem Tag in Jerusalem, der heiligsten Stätte der Juden, und vor Israel, durch das Wirken des Heiligen Geistes in anderen Sprachen gesprochen wurde. Das mag für viele nationalistisch und orthodox geprägte Juden ein Ärgernis gewesen sein. Die Vermutung liegt doch nahe, dass viele der nach Jerusalem umgesiedelten Juden sich aus guten und frommen Gründen von ihrer heidnischen Umgebung bewusst auch räumlich lösen wollten. Und was erleben sie in Jerusalem? In denen für sie verdorbenen, unreinen Sprachen der Heiden, von denen sie möglicherweise geflüchtet sind, werden die Heilsgeschichten Gottes in Jerusalem mit solch einer Begeisterung erzählt. Das bringt Staunen hervor und sie fragen: „Was soll das bedeuten“?
  4. Es gab, wie immer und überall auch die Ungläubigen, die über die heiligen Dinge spotteten. Ihre Aussage: „Sie sind voll süßen Weins“ spricht gegen sie und auch gegen die Wahrheit. Die Weintraubenernte begann in Israel mehrere Wochen später. Diese Aussage erinnert an die Menschen, welche sich einige Monate vorher und ebenfalls in Jerusalem mit ähnlich spöttischen Bemerkungen gegen Jesus stellten (Joh 10,20 – „Viele unter ihnen sprachen: Er hat einen bösen Geist und ist von Sinnen; was hört ihr ihm zu“). An ihnen (und der Mehrheit des Volkes) erfüllte sich, was Gott vorausgesagt hatte: „Aber sie wollen (werden) nicht hören.“ (Jes 28,12b; Paulus sagt dazu in 1Korinther 14,21-22: „Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen (ἑτερογλώσσοις καὶ ἐν χείλεσιν ἑτέρωνeterogl÷ssois kai cheilesin eter÷n) reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.« Darum ist die Zungenrede (γλῶσσαιgl÷ssai) ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.“ Aus der Prophetie durch Jesaja und das entsprechende Zitat durch den Apostel Paulus könnte man schließen, dass dieses Sprachen-Rede-Wunder in Jerusalem am Pfingsttag als Zeichen für das bis dahin ungläubige Israel gegeben wurde.
  5. Interessant ist der Einstieg der Predigt des Petrus, bei dem er auf die spöttischen Bemerkungen der Ungläubigen Bezug nimmt. Damit widerlegt er mutig und auf logische Weise die unsinnige Behauptung der Ungläubigen. In seiner Predigt nimmt er zwar nicht Bezug auf Jesaja 28,11ff, zieht aber für das Pfingstgeschehen  eine weit positivere Verheißung aus dem Propheten Joel heran. Deutlich steht damit das Kommen des Heiligen Geistes im Vordergrund und erst dann seine Wirkungen in und durch Menschen – das Reden in anderen Sprachen.

Petrus aber stand auf mit den Elfen, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Männer von Judäa und ihr alle, die ihr zu Jerusalem wohnt, dies sei euch kund, und hört auf meine Worte!“ Warum Petrus in seiner Anrede die Bewohner Jerusalems und Judäas ausdrücklich nennt, die angereisten Pilger jedoch nicht erwähnt, mag darin liegen, dass der größere Pilgerstrom an Passah und im Herbst zum Laubhüttenfest nach Jerusalem kam, aber weniger zum Wochenfest.

Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, denn es ist die dritte Stunde des Tages (etwa 9h vormittags); sondern dies ist es, was durch den Propheten Joel gesagt ist: „Und es wird geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, dass ich von meinem Geist ausgießen (έκχεώ – ekche÷) werde auf alles Fleisch, und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen (prophetisch reden), und eure jungen Männer werden Gesichte sehen, und eure Ältesten werden in Träumen Visionen haben; und sogar auf meine Knechte und auf meine Mägde werde ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen (έκχεώ – ekche÷) und sie werden weissagen (prophetisch reden). (Apg 2,14-18; Joel 3,1-2).

Das Reden in verschiedenen Sprachen/Dialekten am Pfingsttag war, wie Petrus es deutet, prophetisches Reden (Weissagen). Denn zu dem prophetischen Reden gehört nicht vordergründig oder zwingend eine Voraussage, sondern, wie hier deutlich wurde, die Proklamation, das Bekanntmachen, das Erinnern an die großen Taten Gottes in der Geschichte mit der Anwendung bzw. Bezugnahme auf die Gegenwart. Genau dies ist hier geschehen, zwar in anderen Sprachen, aber für alle Zuhörer verständlich.

 

Schlussfolgerungen:

  1. Die größte Gabe Gottes an Pfingsten ist der Heilige Geist selbst.
  2. Der Heilige Geist kommt jedoch nicht leer, sondern bringt verschiedene Gaben mit sich, eine davon ist die Sprachen-Gabe. In diesem Fall diente diese Gabe als Kanal für die prophetische Rede. Mose wünschte schon in der Wüste, dass das ganze Volk weissagen könnte (4Mose 11,28-29). Es war auch später der Wunsch des Paulus an die Korinther (1Kor 14,5). Ausdrücklich werden auch Frauen mit dem prophetischen Reden ausgestattet, was sich später an verschiedenen Orten wiederholte (Apg 21,9; 1Kor 11,5).
  3. Diese Sprachen-Gabe, zunächst nur an Gläubige aus den Juden gegeben, soll auch als erstes für die noch ungläubigen Juden ein Zeichen sein. Denn sie haben im Großen und Ganzen durch ihre Führung Jesus nicht angenommen, sondern abgelehnt (so Petrus in Apg 2,23). Dadurch wurde diese Gabe zum Zeichen für die Ungläubigen in Israel (so die Erklärung des Paulus in 1Korinther 14,22, der sich auf Jesaja 28,12-13 bezieht).
  4. Weil Gott durch den Heiligen Geist alle Sprachen (pauschale Aussage) an Pfingsten einbezogen hat, erklärte er diese auch für rein bzw. als anerkannt und brauchbar für die Verbreitung des Evangeliums. Ähnliche Parallele in Apg 10,15.35 – allerdings dort auf alle Menschengruppen bezogen. Gott betreibt hier keine Wiederherstellung der einen ursprünglichen Sprache, die vor dem Turmbau zu Babel gesprochen und von allen verstanden wurde, sondern bezieht vorhandene Sprachen in seinen Plan einfach mit ein.
  5. Da Sprachen für konkrete Völker oder Kulturen stehen, sind damit auch alle Völker in das Heil Gottes einbezogen. Dies stimmt völlig mit dem Missionsauftrag Jesu in Matthäus 28,19 überein.
  6. Die Juden, insbesondere die aus der Diaspora nach Jerusalem umgesiedelten, sind damit, wenn auch indirekt, beauftragt, das Evangelium unter den jeweiligen Völkern, unter denen sie bereits gelebt hatten und deren Sprachen sie sprechen, zu bezeugen. Wer, wenn nicht gerade diese Juden, sind gut geeignet für die Völkermission in ihren Heimatländern, beginnend in den Synagogen der Juden. Erstaunlich, wie bald dies praktiziert wurde.
    • Apg 11,19: Die aber zerstreut waren wegen der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhob, gingen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden.“
    • Apg 11,20-21: „Es waren aber einige unter ihnen, Männer aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen (Helenisten-Juden, die griechisch lebten) und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. Und die Hand des Herrn war mit ihnen und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn.“
    • Apg 9,1-2: „Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gebunden nach Jerusalem brächte.“ (9,21). Wer hat das Evangelium schon vor Aposteleinsatz nach Damaskus gebracht? Waren es nicht die Diasporajuden?
  7. Das Pfingstgeschehen in einem Haus außerhalb des Tempels macht auch deutlich, dass Gott in seinem Wirken von nun an nicht mehr an die heilige Stätte der Juden (den Tempel) gebunden ist. Jesus sagte dies bereits voraus (Joh 4,24).
  8. Das Pfingstwunder macht deutlich, dass Gott in seinen Mitteilungen grundsätzlich für eindeutige und verständliche Rede ist.

Ergänzung: Prophetisches Reden durch Männer und Frauen – Apg 2,4: „wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ (vgl. auch Apg 2,15-18).

Das Sprechen in, für sie  fremden Sprachen – Apg 2,5-11: „Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.“

 

6. Teil: Der Heilige Geist und seine Gaben in der Gemeinde Jerusalem

Wir wollen darauf acht geben, wo, wie und wodurch sich der Heilige Geist in der Gemeinde Jerusalem offenbarte. Gottes Geist ist vom Himmel herabgekommen und begann sein Wirken zunächst örtlich begrenzt in Jerusalem. Es entsprach dem inneren Kreis, in dem die Evangelisation beginnen sollte (Apg 1,8c). Der Heilige Geist erfüllte die dort versammelten Gläubigen mit sich selbst und befähigte diese zum Zeugnis der wunderbaren Heilstaten Gottes und zwar in den verschiedensten Sprachen/Dialekten (Apg 2,4). Diese besondere Äußerung des Heiligen Geistes in Jerusalem durch fremde Sprachen in dieser Fülle ist einzigartig und unwiederholbar. Zwar wird die Äußerung des Heiligen Geistes durch Sprachen-Rede noch an zwei anderen Orten beschrieben (Apg 10 und 19) wahrscheinlich mit ähnlichem Inhalt und zu ähnlichem Zweck, aber nicht mehr in der Fülle wie es am Pfingsttag in Jerusalem geschehen ist. Auf jeden Fall wird eine ähnliche Äußerung des Geistes in Jerusalem nicht mehr erwähnt. Petrus nimmt Bezug auf dieses besondere (und wohl auch einmalige) Ereignis nachdem er von Cesaräa nach Jerusalem zurückkehrte (Apg 11,1ff). So sagte er zu den Kritikern der Heidenmission: „Als ich aber anfing zu reden, fiel der Heilige Geist auf sie ebenso wie am Anfang auf uns“, d.h. als Begleiterscheinung äußerte sich der Heilige Geist durch die gläubig Gewordenen in Cesaräa in anderen Sprachen, ähnlich wie in Jerusalem am Pfingsttag (Apg 11,15; 10,44-46; 2,4). Dazu mehr in dem Abschnitt 8. Teil: „Die Auswirkungen des Heiligen Geistes in der Hausgemeinde des Kornelius in Cesaräa“. Dieses „am Anfang“ lässt die Vermutung zu, dass sich der Heilige Geist bei den etwa 120 Versammelten am Pfingsttag einmalig war. Und das sich der Heilige Geist in den gläubig Gewordenen nach dem Pfinmgstgeschehen (Apg 2,40-41) durchaus auch anders als mit der Sprachen-Rede-Gabe manifestieren konnte. Bevor wir jedoch der Frage nachgehen: wie sich der Heilige Geist in den Gläubigen in Jeruzsalem äußerte, wollen wir festhalten, welche Gaben und Befähigungen die Apsotel empfingen.

  • Der Heilige Geist befähigte Petrus und die anderen Jünger zum mutigen und furchtlosen Auftreten in der Öffentlichkeit: „Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte!“ (Apg 2,14). Apostelgeschichte 2,29a: „Ihr Männer, liebe Brüder, lasst mich freimütig zu euch reden.“
  • Er befähigte den Petrus um Zusammenhänge zwischen alttestamentlicher Prophetie und neutestamentlicher Erfüllung herzustellen und diese auf die gegenwärtige Situation anzuwenden – Apg 2,16-21: „sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist“ (Joel 3,1-5); Oder Psalm 16,8-11: „Denn David spricht von ihm (dem Messias):Ich habe den Herrn allezeit vor mir“ (Apg 2,22-28; David hat „von der Auferstehung des Christus gesagt: Er ist nicht dem Reich des Todes überlassen, und sein Leib hat die Verwesung nicht gesehen.“ Apg 2,29-31; Apg 2,32; „Diesen Jesus hat Gott auferweckt; des sind wir alle Zeugen. Da er nun durch die rechte Hand Gottes erhöht ist und empfangen hat den verheißenen Heiligen Geist vom Vater, hat er diesen ausgegossen, wie ihr seht und hört. Denn David ist nicht gen Himmel gefahren; sondern er sagt selbst (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten.“ (Apg 2,32-36).
  • Der Heilige Geist wirkte Einsicht und Sündenerkenntnis bei den Zuhörern: „Als sie aber das hörten, ging’s ihnen durchs Herz, und sie sprachen zu Petrus und den andern Aposteln: Ihr Männer, liebe Brüder, was sollen wir tun?“ (Apg 2,37). Diese Tätigkeit des Geistes Gottes hat Jesus vorausgesagt: „Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun (sie überführen) über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben.“ (Joh 16,8-11).
  • Er befähigte Petrus und die elf Apostel zu klaren Antworten auf die Fragen der Menschen: „Petrus sprach zu ihnen: Tut Buße (μετα-νοή-σατε – meta-no¢-sate – ändert eure Gesinnung, euer Denken, denkt um), und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, so werdet ihr empfangen (λήμψεσθε – l¢mpsesthe) die Gabe (δωρεάν – dörean – Geschenk) des Heiligen Geistes. Denn euch und euren Kindern gilt diese Verheißung und allen, die fern sind, so viele der Herr, unser Gott, herzurufen wird.“ (Apg 2,37-38).
  • Der Heilige Geist wirkte an diesem Tag eine Wiedergeburt (geistliche Geburt) bei etwa dreitausend Menschen (Apg 2,41; Joh 3,3.5.7) und erfüllte sie mit sich selbst (Apg 2,38; Hes 11,19; 36,25-27; Joel 3,1-2).
  • Der Heilige Geist wirkte bei den Gläubigen Verlangen nach Gemeinschaft mit Christus und untereinander (Herrenmahl), Verlangen nach Gebetsgemeinschaft, Hunger und Durst nach dem Wort Christi durch die Apostel (Apg 2,42).
  • Der Heilige Geist wirkte Wunder und Zeichen durch die Apostel, so dass die Menschen mit Furcht (Gottesfurcht) erfüllt wurden (Apg 2,43).
  • Er wirkte unter den Gläubigen sozialen Ausgleich (Apg 2,44-46).
  • Er wirkte Gastfreundschaft – Häuser wurden für Versammlungen zur Verfügung gestellt, Mahlzeiten wurden dort gemeinsam eingenommen (Apg 2,44-45).
  • Er wirkte Mut, Tragkraft und Freude in der Verfolgung und mutiges Bekennen vor der Obrigkeit (Apg 4,20).
  • Er wirkte Einheit im Gebet und frische Geistesfülle zum Zeugnis des Wortes Gottes (Apg 4,24-31),
  • Er wirkte Einheit: „Die Menge der Gläubigen waren ein Herz und eine Seele.“ (Apg 4,32; Joh 17,21).
  • Er befähigte die Apostel zu Lösungen von Problemen (Apg 6,1-6).
  • Der Heilige Geist erfüllte Staphanus und bevollmächtigte ihn zu wirken Wunder und Zeichen: „Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk.“ (Apg 6,8.10). Der Heilige Geist rüstete ihn aus mit Weisheit, dadurch war er den theologisch versierten Gegnern weit überlegen. Danach befähigte ihn der Geist Gottes vor dem Hohen Rat zu einem detaillierten Zeugnis über die Geschichte Israels. Dies war eine prophetische Rede in der Rückblende mit der richtigen Anwendung auf die Zuhörer (Apg 6,11-7,53).
  • Der Geist Gottes befähigte die einen zum mutigen Zeugnis und Standhaftigkeit in der großen Verfolgung (Apg 8,3; 22,4), die anderen zum Verlassen der Stadt. Dadurch gelangte das Evangelium nach ganz Judäa und Samarien, die nächsten zwei Kreise, welche Jesus für die Evangelisation angeordnet hatte (Apg 8,1; 1,8).

Wie wir sehen und erkennen, wirkt der Heilige Geist im Auftrag Jesu Christi souverän, überraschend und vielseitig. Die Gabe des Heiligen Geistes ist ein Geschenk Gottes an die Gläubigen, denn die Welt kann ihn nicht empfangen (Joh 14,17). Der Gläubiggewordene empfängt diese Gabe, wie der Text sagt: „Ihr werdet empfangen“. Um ein Missverständnis auszuräumen, hier geht es zunächst nicht um die Gaben (Charismata) des Heiligen Geistes, die er in Fülle mit sich bringt, sondern um DIE GABE – den Heiligen Geist selbst. Es ist auffällig, dass bei der Bekehrung von so vielen Menschen an diesem ersten Tag der Woche (dem Pfingsttag) von keinerlei direkten Auswirkungen des Geistes (wie Reden in anderen Sprachen) die Rede ist.

Bei der nächsten Predigt forderte Petrus das Volk auf: „So tut nun Buße und bekehrt euch (denkt um und kehrt um), dass eure Sünden getilgt (juristischer Begriff) werden.“ (Apg 3,19). Das geistliche Ergebnis dieser Predigt war: „Aber viele von denen, die das Wort gehört hatten, wurden gläubig; und die Zahl der Männer stieg auf etwa fünftausend.“ (Apg 4,4). Auch bei dieser zweiten großen Bekehrungswelle werden uns keine Auswirkungen des Heiligen Geistes (wie die Sprachen-Rede-Gabe) genannt, obwohl sicher ist, dass sie laut Verheißung die Gabe des Heiligen Geistes bei ihrem Gläubigwerden empfangen haben, wie auch bei der ersten Bekehrungswelle (Apg 2,38).

Nach der Freilassung des Petrus und Johannes aus dem Gefängnis wird von der Gemeinde ein öffentliches Lobpreis- und Anbetungsgebet angestimmt und zwar als Prophetie. So heißt es in Apostelgeschichte 4,24-30: „Als sie das hörten, erhoben sie ihre Stimme einmütig zu Gott und sprachen: Herr, du hast Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht, du hast durch den Heiligen Geist, durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was umsonst ist? Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.« Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels, zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt hatten, dass es geschehen solle. Und nun, Herr, sieh an ihr Drohen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut zu reden dein Wort; strecke deine Hand aus, dass Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus.“

Das Ergebnis war:  „Und als sie gebetet hatten, erbebte die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle vom Heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimut.“ (Apg 4,31).

In diesem Zusammenhang sind die Auswirkungen des Heiligen Geistes in dreierlei Hinsicht zu erkennen:

  1. Die Stätte, wo sie versammelt waren, erbebte.
  2. Sie alle wurden (erneut) erfüllt mit Heiligem Geist (nicht zu verwechseln mit dem Empfang des Heiligen Geistes bei dem Gläubigwerden).
  3. Sie redeten das Wort Gottes mit Freimut.
  4. Die prophetische Gabe kam hier schon im Gebet zum Vorschein, als sie aus Psalm 2 zitierten und es auf ihre Zeit anwendeten.
  5. Der Heilige Geist befähigte die ‚Apostel zu Heilungen, Befreiungen von Dämonen und zu anderen Wundern (Gaben des Geistes Gottes), dadurch kamen noch viel mehr Menschen zum Glauben an Jesus Christus in Jerusalem und Umgebung. „Von den andern aber wagte keiner, ihnen zu nahe zu kommen; doch das Volk hielt viel von ihnen. Desto mehr aber wuchs die Zahl derer, die an den Herrn glaubten – eine Menge Männer und Frauen -, sodass sie die Kranken sogar auf die Straßen hinaustrugen und sie auf Betten und Bahren legten, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einige von ihnen fiele. Es kamen auch viele aus den Städten rings um Jerusalem und brachten Kranke und solche, die von unreinen Geistern geplagt waren; und alle wurden gesund.“ (Apg 4,13-16). Welch wunderbare Auswirkungen durch das Wirken des Heiligen Geistes im Volk der Juden! Eine gnadenvolle Zuwendung Gottes an Israel, wie sie vorher nicht offenbart wurde, wird hier erkennbar. Jesus sagte voraus: „Ihr werdet noch größere Werke tun“ (Joh 14,12).

 

In Apostelgeschichte 6,1-6 wird von der Erwählung und Berufung der sieben sogenannten Almosenpfleger berichtet. Als dies ausgerichtet war, heißt es:

  1. Und das Wort Gottes breitete sich aus
  2. und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.
  3. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.“ (Apg 6,7).

Auch hier sind keine konkreten Charismen bei den Gläubigen erwähnt. Hier liegt der Schwerpunkt auf der geistlichen Ernte, die eingefahren wurde.

So können wir sehen, dass der Heilige Geist die Gläubigen mit unterschiedlichen Gaben ausgerüstet hatte. Und diese Gaben kamen dort zum Einsatz, wo sie der Herr für notwendig erachtete. Daraus entnehmen wir, dass die Sprachen-Gabe, um die es in unserem Thema geht, nur eine von vielen Gaben ist, die Gott durch das Wirken des Heiligen Geistes bislang

  • an einem bestimmten Ort (Jerusalem),
  • zu bestimmter Zeit (Pfingsttag)
  • und für bestimmte Menschen (die Juden) zum Einsatz brachte.

7. Teil: Die Charismen des Geistes in Samaria

Alles, was bis jetzt durch die Kraft des Heiligen Geistes gewirkt wurde, geschah unter den Juden in Jerusalem und Judäa, das heißt im nationalen und sogar geographischen Kontext der Juden. Damit wurde erfüllt, was der Herr Jesus in seinem Auftrag an die Jünger angeordnet hatte, nämlich: „ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa“.

Als nächster geographischer und kultureller Kreis war laut Jesus: „Samarien“ (Apg 1,8) an der Reihe. Das Mischvolk der später sogenannten Samariter brachte bei der Besiedlung des Nordreichs (722/721) ihre Kulte mit. Zu dem übernahm es auch Teile des jüdischen Kultes einschließlich der Beschneidung. Da die Samariter die fünf Bücher Moses – die Thora – anerkannten, standen sie theologisch und kultmäßig den Juden nahe. Daher erklärt sich auch der nächste, von Jesus vorgegebene Missionskreis. Er selbst hatte während seiner Dienstzeit Samarien mehrmals besucht (Joh 4; Lk 17; Joh 7). Nun führt der Heilige Geist nicht die Apostel, sondern den Philippus hinab in die (Haupt)Stadt der Samariter.

Die nun zerstreut worden waren, zogen umher und predigten das Wort.  Philippus aber kam hinab in die Hauptstadt Samariens und predigte ihnen von Christus. Und das Volk neigte einmütig dem zu, was Philippus sagte, als sie ihm zuhörten und die Zeichen sahen, die er tat. Denn die unreinen Geister fuhren aus mit großem Geschrei aus vielen Besessenen, auch viele Gelähmte und Verkrüppelte wurden gesund gemacht; und es entstand große Freude in dieser Stadt.“ (Apg 8,4-8).

Es handelte sich wahrscheinlich um Sebaste, die Hauptstadt Samarias. Diese lag unweit der biblischen Stadt Sichem (heute Nablus). Philippus wurde vom Heiligen Geist mit der Gabe des Evangelisten (gr. εὐαγγελιστοῦ – evangelistou) befähigt, dazu Kraftwirkungen zur Heilung von Krankheiten und Befreiung von Dämonen. Lukas berichtet: „Als sie aber den Predigten (wörtlich: der Evangelisierung – Frohbotschaftsverkündigung) des Philippus von dem Reich Gottes und von dem Namen Jesu Christi glaubten, ließen sich taufen Männer und Frauen.“ (Apg 8,12).

 

Diese auffallende Evangelisationstätigkeit des Philippus in Samaria ruft die Apostel in Jerusalem auf den Plan und sie senden Petrus und Johannes dort hin, um festzustellen, was der Evangelist durch die Kraft und Wirkung des Heiligen Geistes und des Wortes ausgerichtet hat. Sie stellen unter anderem fest, dass die Gläubigen die Gabe des Heiligen Geistes noch nicht empfangen haben. Die große Freude in Samarien, die auch als Frucht des Geistes gesehen werden kann (Gal 5,22), ist verständlich und legitim für errettete Menschen, doch laut Kontext bezog sie sich mehr auf die Erfahrungen durch Wunderheilungen und Befreiungen von Dämonen (Apg 8,8). Erst durch Gebet und Händeauflegen der Apostel Petrus und Johannes empfangen die dortigen Gläubigen die Gabe des Heiligen Geistes, so lesen wir in Apostelgeschichte 8,15-17: „Die (Apostel) kamen hinab und beteten für sie, dass sie den Heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Da legten sie die Hände auf sie und sie empfingen den Heiligen Geist.“

Spätestens hier entstehen bei uns eine Reihe von Fragen:

  1. Woran erkannte Philippus, dass die Gläubigen an Jesus Christus und auch Getauften auf seinen Namen, die Gabe des Heiligen Geistes nicht empfingen? Blieben sie stumm, gaben sie kein Zeugnis von ihrer Erlösung?
  2. Und warum haben die gläubigen Samariter die Gabe des Heiligen Geistes nicht bei ihrem Gläubigwerden empfangen? Hat Philippus ihnen in seiner Verkündigung nichts davon gesagt?
  3. War etwa Philippus als Evangelist nicht befähigt, die Echtheit des Glaubens bei den Samaritern zu durchschauen, wie das Beispiel von Simon dem Zauberer enthüllt?
  4. Oder war vielleicht gerade das noch Festhalten an diesem Zauberer Simon, der sie lange be- und verzauberte, der Grund dafür, dass der Heilige Geist bei den Gläubiggewordenen nicht einziehen konnte und wollte?
  5. Oder bedurfte es im Falle der Samariter (halbheidnisches Neuland, dazu Feinde der Juden) die Gegenwart und Autorität der Apostel, durch welche der Heilige Geist eindeutig die Annahme dieser Volksgruppe bestätigen und hervorheben wollte?

Es scheint klar zu sein, dass Philippus als ‚Einzelgänger‘ zwar einige für die Evangelisation wichtige und wunderbare Charismen hatte, dass er aber die Schalkheit/Falschheit des Zauberers Simon nicht durschaut hatte. Die Gabe zur Unterscheidung der Geister und zur Klärung der Echtheit des Glaubens unter den Samaritern war bei Petrus und Johannes offensichtlich vorhanden, wie auch folgende Bibelstellen bestätigen: Apg 5,1-11; 1Joh 4,1-4.

Auch wenn es schwierig ist, auf all diese Fragen eine logische Antwort zu bekommen, so kann man Folgendes festhalten:

  1. Der Heilige Geist wirkt nicht immer nach dem gleichen Schema.
  2. Der Heilige Geist sorgte dafür, dass in Samarien eine feste und echte Glaubensgrundlage gelegt wurde.
  3. Der Heilige Geist sorgte dafür, dass die Anerkennung der Samariter durch die gläubig gewordenen Juden in Jerusalem sichergestellt wurde, denn dies hatte weitreichende Auswirkungen. Die an Jesus Christus gläubigen Samariter sind nun anerkannt als vollwertige Gotteskinder und gehören zu Gottes Volk.
  4. Sicher beschenkte der Heilige Geist die gläubig gewordenen Samariter mit Gaben, da diese jedoch nicht erwähnt werden, liegt auf ihnen auch nicht der Schwerpunkt, sondern die Erlösung und auch der Empfang des Heiligen Geistes (Geistestaufe) stehen im Vordergrund der Erwähnung.

 

Praktische Anwendung:

– Gerade bei Evangelisationen durch begabte Mitarbeiter ist Überprüfung, Nacharbeit und Festigung der Gläubiggewordenen durch weiterführende Gaben (Begabte) unerlässlich.

– Auch wenn der Heilige Geist den Philippus in seinem Dienst segnete, bleibt doch das Prinzip der ‚zwei Zeugen‘, wie Jesus es bei seinen Jüngern für den Missionsdienst eingeführt hatte, in Kraft und sollte auch heute noch eingehalten werden (Mk 6,7; Lk 10,1).

 

8. Teil: Die Sprachengabe im Haus des Kornelius in Cäsarea

 

Inzwischen sind nach dem Pfingstereignis (33 n.Chr.) einige Jahre vergangen. Das Evangelium ist bereits in Jerusalem, Judäa, Samaria und Galiläa ausgebreitet worden. Das sind übrigens die Gebiete, in welchen Jesus mit seinen Jüngern gewirkt hatte. Verständlich, dass dadurch der Herzensboden der Menschen für die Evangelisation vorbereitet worden war.

5-1-2014_010

Abbildung 2 Die Stadt Cäsarea wurde mit frischem Wasser aus dem etwa 8 km entfernten Karmelgebirge über dieses Aquadukt versorgt. (Foto:  April 1986)

5-1-2014_013

Abbildung 3 Das gewaltige Bauwerk ist in Teilen noch sehr gut erhalten und zeugt von der einstigen Bedeutung der Stadt Cäsarea am Mittelmeer. (Foto:  April 1986)

Bei seinen Reisen durchs Land (die Provinz) Judäa kommt Petrus in die Städte am Mittelmeer – nach Lydda (heute Lod) und anschließend nach Joppe (heute Jaffa). Dort wirkt der Heilige Geist durch ihn Wunder und zu den bereits gläubig gewordenen Juden kommen noch viele Menschen hinzu – es ist eine landesweite Erweckung unter den Juden im Gange. Eines Tages wird Petrus von Joppe nach Cäsarea zu Kornelius gerufen, einem römischen Offizier der Kohorte ‚Die Italische‘. Kurz zuvor war Petrus verzückt (gr. εξτάσις – extasis) und hatte eine Vision (gr. ωράμα – örama – Gesicht, das Geschaute), in der Gott ihm zeigte, dass in seinen Augen und nach seiner Bewertung alle Menschen gleich sind (Apg 10,10-16). Die Abgesandten von Kornelius übernachten in Joppe im Haus des Gerbers Simon und am darauffolgenden Tag ging Petrus mit ihnen und in Begleitung von sechs weiteren Brüdern aus Joppe, zu der etwa 50 km nördlich gelegenen Hafenstadt Cäsarea.

Der Evangelist Lukas schreibt: „Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, ich bin auch nur ein Mensch. Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren.“ (Apg 10,23-27).

Mit der Ankunft in Cäsarea und ganz konkret mit dem Betreten des Hauses des Kornelius überschreitet Petrus eine rote Linie. Er selber sagt dazu: „Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden (gr. αλλοφύλω – allofylö – andersstämmigen) umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen meiden oder unrein nennen soll.“ (Apg 10,28). Hier betritt Petrus nun zum ersten Mal heidnisches Terrain. Doch Gott hatte ihn zur rechten Zeit darauf vorbereitet und er kann mit Überzeugung sagen: „Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen?“ (Apg 10,29). Demnach wusste Petrus nicht, was ihn in Cäsarea erwartete, es war für ihn ein Glaubensschritt.

Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde (15h) in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann (ein Engel) vor mir in einem leuchtenden Gewand und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist.“ (Apg 10,30-33).

Schon lange vorher hat Gott diese Menschen für seine Heilsbotschaft vorbereitet. „Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm.“ (Apg 10,34-35). Eine fundamentale Wahrheit wird hier von Petrus erkannt und ausgesprochen! Und diese ist richtungsweisend für die weitere Mission unter Nichtjuden.

Und nun beginnt Petrus mit der eigentlichen Predigt: „Er (Gott) hat das Wort dem Volk (den Söhnen) Israel gesandt und

  • Frieden verkündigt durch Jesus Christus,
  • welcher ist Herr über alle.

Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist, angefangen von Galiläa nach der Taufe, die Johannes predigte, wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit Heiligem Geist und Kraft; der ist umhergezogen und hat Gutes getan und alle gesund gemacht, die in der Gewalt des Teufels waren, denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er getan hat im jüdischen Land und in Jerusalem.

  • Den haben sie an das Holz gehängt und getötet.
  • Den hat Gott auferweckt am dritten Tag
  • und hat ihn erscheinen lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorher erwählten Zeugen,
  • die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er auferstanden war von den Toten.
  • Und er (Jesus) hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten.

Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen. Während Petrus noch diese Worte redete, fiel der Heilige Geist auf alle, die dem Wort zuhörten.“ (Apg 10,36-44).

 

Etwas ganz Unerwartetes und Ungewöhnliches geschieht während der Predigt des Petrus: in dem Augenblick, als er von der Vergebung der Sünden im Namen Jesu Christi spricht, erfüllt der Heilige Geist die Herzen der Anwesenden im Haus des Kornelius und zwar gleichzeitig. Beachten wir, dass Petrus die Worte Buße und Bekehrung in seiner Predigt nicht erwähnt hatte, er betonte nur das Unentbehrliche, nämlich den Glauben an Jesus. Laut den einleitenden Worten des Kornelius waren sie alle von vornherein bereit, auf alles zu hören, was Petrus ihnen im Namen des Herrn sagen wird. Und sie waren laut der Aussage des Petrus: „Ihr wisst, was in ganz Judäa geschehen ist“ über die Geschichten von Johannes und Jesus wohl informiert. So konnte der Heilige Geist während der Verkündigung in ihnen Sinneswandlung, Umkehr und den Glauben an Jesus Christus bewirken. Dies alles und die persönliche innere Bereitschaft waren die Voraussetzungen für den Einzug des Geistes in ihre Herzen (Apg 2,37-38).

Die Wassertaufe, so dieser Bericht, ist jedoch keine Voraussetzung für den Empfang des Heiligen Geistes. Selbst Petrus und insbesondere die sechs jüdischen Begleiter aus Joppe sind überrascht und erstaunt, dass auf Menschen nicht- jüdischer Herkunft die Gabe des Heiligen Geistes, also der Geist selbst, ausgegossen wurde. Zu erkennen war dies an der Äußerung des Geistes durch das Reden in anderen Sprachen. So lesen wir: „Und die gläubig gewordenen Juden (aus der Beschneidung), die mit Petrus gekommen waren, entsetzten sich, weil auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde; denn sie hörten, dass sie in Zungen (gr. γλώσσαις – glössais – Sprachen) redeten und Gott hoch priesen (machten Gott groß).“ (Apg 10,45-46). Im Vergleich zu dem Sprachenwunder am Pfingsttag, ist hier die Herkunft der Sprachen nicht genannt, obwohl es sich auch hier nach dem gesamten Kontext um differenzierte menschliche Sprachen gehandelt hatte. Der Inhalt muss ähnlich gewesen sein wie damals, weil es heißt: „sie machten Gott groß“. An Pfingsten hieß es: „sie redeten von den Großtaten Gottes“. In beiden Fällen ist diese Sprachenäußerung „Gott verherrlichend“, also zu Gott hin gewandt, aber für die Anwesenden (Petrus und seine Begleiter) ist es ein Weissagen (prophetisches Reden – Joel 3,1ff).

 

Wir wollen an dieser Stelle auf folgende Bemerkung acht geben: „Und die gläubig gewordenen Juden (aus der Beschneidung), die mit Petrus gekommen waren, entsetzten sich, weil auch auf die Heiden die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen wurde.“ Bis dahin konnten die Gläubigen aus den Juden und bis vor kurzem sogar selbst Petrus nicht glauben, dass das Heil in Christus und die Verheißung des Heiligen Geistes auch für die Nichtjuden vorgesehen ist. So war auch hier die Sprachengabe des Geistes unter anderem ein Zeichen, ein Hinweis besonders für die anwesenden Juden, die bis dahin nicht glauben/wahrhaben wollten, dass Gott auch den Heiden Umdenken zum Leben gegeben hat (Apg 11,18). Als Petrus später nach Jerusalem zurückkehrte, konnten er und die sechs Brüder aus Joppe diese Heilstatsache glaubhaft begründen.

 

Schlussfolgerung:

  1. Die Gabe des Redens in anderen (menschlichen) Sprachen/Dialekten kann den Empfang des Heiligen Geistes bestätigen, wie diese Begebenheit zeigt. Der Heilige Geist grenzt sich jedoch nicht auf diese eine Gabe ein, sondern teilt einem jeden eine Gabe oder Gaben zu, wie er will und auch wann er will (Apg 8,17; 1Kor 12,11).
  2. Die Äußerung des Heiligen Geistes in anderen Sprachen/Dialekten, ist ein besonderes Zeichen für die Juden, denn dadurch bestätigt der Heilige Geist in deren Anwesenheit, dass das Heil Gottes in Jesus Christus allen Nationen gilt und dass die Juden sogar in der Pflicht sind, ihre geistlichen Güter mit den Heiden zu teilen (Mt 28,19; Röm 15,27).

Da antwortete Petrus: Kann auch jemand denen das Wasser zur Taufe verwehren, die den Heiligen Geist empfangen haben ebenso wie wir? Und er befahl, sie zu taufen in dem Namen Jesu Christi.“ (Apg 10,37-38). Noch einige Tage blieb Petrus in Cäsarea und festigte die Gläubigen, so entstand die erste heidenchristliche Gemeinde in Judäa durch Mitwirkung eines Apostels. Im Jahre 48 bei der Apostelversammlung in Jerusalem erinnert Petrus daran: „Als man sich aber lange gestritten hatte, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ihr wisst, dass Gott vor langer Zeit (vor etwa 10 Jahren) unter euch bestimmt hat,

  • dass durch meinen Mund die Heiden das Wort des Evangeliums hörten und glaubten.
  • Und Gott, der die Herzen kennt, hat es bezeugt und ihnen den Heiligen Geist gegeben wie auch uns,
  • und er hat keinen Unterschied gemacht zwischen uns und ihnen,
  • nachdem er ihre Herzen gereinigt hatte durch den Glauben.“ (Apg 15,7-9).

Auf diese Weise benutzte Gott den Petrus, der als Säule (Autorität) in der Gemeinde angesehen wurde und machte ihn zum Bahnbrecher für die küftige Heidenmission.

 

9. Teil: Die Gaben des Geistes in der Gemeinde Antiochien

 

Wir verfolgen weiter die Spuren der Ausbreitung des Evangeliums über die Grenzen des Landes Israel. Es ist offensichtlich, dass der Heilige Geist für die sogenannte Außenmission gerade diejenigen Männer jüdischer Abstammung berief und beauftragte, die ausländische Wurzeln hatten, also in einer anderen Kultur geboren und aufgewachsen waren.

IMG_1905

Abbildung 4 Antiochien am Orontes (heute Antakya) war Provinzhauptstadt von Syrien mit weit über Hunderttausend Einwohnern (Foto:  9. April 2011

So schreibt Lukas: „Die aber zerstreut waren wegen der Verfolgung, die sich wegen Stephanus erhob, gingen bis nach Phönizien und Zypern und Antiochia und verkündigten das Wort niemandem als allein den Juden. Es waren aber einige unter ihnen, Männer aus Zypern und Kyrene, die kamen nach Antiochia und redeten auch zu den Griechen (genauer: Helenisten – griechisch sprechende und lebende Juden) und predigten das Evangelium vom Herrn Jesus. Und die Hand des Herrn war mit ihnen und eine große Zahl wurde gläubig und bekehrte sich zum Herrn.“ (Apg 11,19-21). Wir stellen Folgendes fest:

  • Juden mit ausländischem Hintergrund lösten sich schneller von ihrer zweiten Heimat in Israel und gingen in die Mission.
  • Weniger strenge oder gesetzestreue Juden sind auch eher geeignet unter den Offeneren im Judentum zu sprechen.
  • Gott gebraucht und segnet die einen und auch die anderen.
  • Wenn Gottes Wort verkündigt wird, werden Menschen gläubig und bekehren sich zum Herrn.

Hier in Antiochien werden zum Empfang des Heiligen Geistes und dessen Auswirkungen keine Details genannt. Das heißt nicht, dass es diese nicht gab, aber ähnlich wie im Falle von Samaria, schicken die Apostel in Jerusalem begabte und befähigte Mitarbeiter, in diesem Fall den Barnabas (Sohn des Trostes) nach Antiochien, um die Glaubensgrundlage der neuen Jünger zu prüfen und die Gläubigen zu festigen. Seine Stärke war – voll Heiligen Geistes und Glaubens. „Es kam aber die Kunde davon der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren; und sie sandten Barnabas, dass er nach Antiochia ginge. Als dieser dort hingekommen war und die Gnade Gottes sah, wurde er froh und ermahnte sie alle, mit festem Herzen an dem Herrn zu bleiben; denn er war ein bewährter Mann, voll Heiligen Geistes und Glaubens.“ Das Ergebnis dieses Dienstes war: „Und viel Volk wurde für den Herrn gewonnen.“ (Apg 11,22-24).

IMG_1935

Abbildung 5 Bodenmosaik in der sogenannten Petrusgrotte in Antakya. In dieser Stadt wurden die Jünger als erste Christen genannt (Foto: 9. April 2011)

Neben all den geistlichen Gaben hatte Barnabas auch noch die Gabe der Integration von neuen Gläubigen und Mitarbeitern. „Barnabas aber zog aus nach Tarsus, Saulus zu suchen. Und als er ihn fand, brachte er ihn nach Antiochia. Und sie blieben ein ganzes Jahr bei der Gemeinde und lehrten viele. In Antiochia wurden die Jünger zuerst Christen genannt.“ (Apg 11,25-26; 9,27). Eine weitere Gabe des Geistes wird hier besonders hervorgehoben, die Gabe der Lehre. In Apg 13,1-2 wird neben der Lehrbegabung auch noch die prophetische Gabe betont und auch eingesetzt. „Es waren aber in Antiochia in der Gemeinde Propheten und Lehrer, nämlich Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Luzius von Kyrene und Manaën, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus.“ (Apg 13,1). Eine starke Gemeinde – solche Gaben und Begabten. „Als sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist (anscheinend durch diese Propheten): Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, zu dem ich sie berufen habe.“ (Apg 13,2).

 

Schlussfolgerungen:

  1. Auch hier wird die Sprachengabe nicht erwähnt, dafür aber andere für die Gemeinde wichtigen Gaben wie Propherie und Lehre. Bei den Gläubigen wird die Umkehr zu Gott und der Glaube an Jesus Christus den Herrn hervorgehoben.
  2. Die Gabe der Barmherzigkeit und des Mitteilens ist besonders erwähnt: „Aber unter den Jüngern beschloss ein jeder, nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Gabe zu senden.“ (Apg 11,27-30; Röm 12,8).
  3. Es steht fest, dass gerade die Gemeinde in Antiochien (neben Jerusalem) zu einer der stärksten Missionsgemeinden wurde (Apg 13,3; 15,40).

 

10. Teil: Die Sprachengabe des Geistes in Ephesus

Es ist auffällig, dass Lukas in den Berichten über die erste und zweite Missionsreise des Apostels Paulus auf Zypern, im pisidischen Antiochia, Ikonion, Lystra, Derbe. Philippi, Thessalonich, Beröa, Athen, keinen Hinweis auf die Sprachengabe bei Gläubiggewordenen gibt. Auch nicht in der Gründungsphase der Gemeinde Korinth, obwohl gerade dort Jahre später die Diskussion über die Praxis der Sprachenrede ausbrach. Erst bei der dritten Missionsreise, welche den Apostel Paulus vom syrischen Antiochia über Galatien in den äußersten Westen der römischen Provinz Asia, nach Ephesus führte, berichtet Lukas von einer Auswirkung des Heiligen Geistes durch Sprachenrede der dort in Ephesus  Gläubiggewordenen.

IMG_3679

Abbildung 6 Das sehr gut erhaltene Taufbecken in der Marienkirche gibt Zeugnis, dass auch noch in den späteren Jahrhunderten Menschen auf den Namen Jesu getauft wurden (Foto:   6. März 2008).

Wir lesen in Apostelgeschichte 19,1-7: „Es geschah aber, während Apollos in Korinth war, dass Paulus, nachdem er die höher gelegenen Gegenden durchzogen hatte, nach Ephesus kam. Und er fand einige Jünger und sprach zu ihnen: Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig geworden seid? Sie aber sprachen zu ihm: Wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist überhaupt da ist. Und er sprach: Worauf seid ihr denn getauft worden? Sie aber sagten: Auf die Taufe des Johannes. Paulus aber sprach: Johannes hat mit der Taufe der Buße getauft, indem er dem Volk sagte, dass sie an den glauben sollten, der nach ihm komme, das ist an Jesus. Als sie es aber gehört hatten, ließen sie sich auf den Namen des Herrn Jesus taufen; und als Paulus ihnen die Hände aufgelegt hatte, kam der Heilige Geist auf sie, und sie redeten in Sprachen und weissagten. Es waren aber insgesamt etwa zwölf Männer.“

IMG_3649

Abbildung 7 Das Theater in Ephesus – Symbol der griechisch/römischen Kultur (Foto:  6. März 2008)

Wir versuchen zunächst den Kontext dieser Geschichte zu beleuchten. Schon ein Jahr zuvor hatte Paulus zum Ende seiner zweiten Missionsreise hier in Ephesus kurz Halt gemacht. Bei seinem Abschied von den Juden versprach er wieder zu kommen, wenn Gott es zulässt (Apg 18,19-21). Das Ehepaar Priszilla und Aquila, welche ihn von Korinth bis hierher begleitet hatten, blieben in Ephesus mit ihrer Hausgemeinde. Beim Besuch des Apollos in Ephesus versahen die beiden den wichtigen Dienst der Nacharbeit und Vertiefung der Glaubensbeziehung zu Jesus bei Apollos (Apg 18,24-26). Dann reiste Apollos mit einem Empfehlungsschreiben weiter nach Korinth (Apg 18,27-28).

Es ist nicht leicht, die (etwa) zwölf Männer, welche Paulus in Ephesus (aufsuchte) und fand, zuzuordnen. Doch machen wir uns auf die Suche nach einer möglichen Antwort auf die Frage: wer waren die 12 Männer, aus welcher kulturellen und religiösen Gruppe kamen sie? Hatten sie Kontakt zu Aquila und Priszilla? Wenn ja, warum waren sie noch auf dem Stand der Johannes-Taufe?

  • Die eine mögliche Zuordnung wäre – sie sind Juden und gehören der örtlichen Synagoge an, Unter Juden gab es Johannesjünger auch über die Grenzen des Landes Israel hinaus. Paulus suchte auf seinen Missionsreisen in der Regel zuerst Juden auf und diese fand er in der Synagoge. Es ist wahrscheinlich, dass auch das Ehepaar Aqula und Priszilla sich, trozt der neuen Glaubensbeziehung, zur örtlichen Synagoge hielten.
  • Eine zweite Zuordnung wäre – sie sind Hellenisten, also gebürtige Juden, die aber wie Griechen lebten.
  • Die dritte Zuordnung wäre – sie sind Proselyten, also Menschen, welche aus den Heiden durch Beschneidung und Taufe zum Judentum konvertierten.
  • Eine vierte Zuordnung wäre – sie sind Heiden, die Gott fürchten. Diese standen ebenfalls der jüdischen Synagoge und dem Ein-Gott-Glauben nahe. Diese letztgenannten werden in der Apostelgeschichte als die `σεβομένοι – seboumenoi – Gottesfürchtige` genannt, ähnlich wie Kornelius in Cäsarea (Apg 10,1-2; 17,4; 18,7).

Da auch die Nachfolger des Täufers als `Jünger` bezeichnet werden, kann man diese 12 Männer dem Kreis der Johannesjünger zuordnen, die es auch in der Diaspora gab, wie das Beispiel von Apollos deutlich macht. Nach ihrem theologisch/geistlichem Stand zu urteilen gehörten die 12 Männer wohl nicht zu der Hausgemeinde von Aquila und Priszilla. Wären sie mit diesen in engerem Kontakt gewesen, hätten sie klare Informationen über Jesus und den Heiligen Geist erhalten. Halten wir also zunächst fest, dass es sich hier um die ersten Gläubigen in Ephesus handelt, welche durch den direkten Missionsdienst des Paulus zum wahren Glauben an Jesus Christus kamen. Meistens gehörten diese auch zu den späteren Gemeindeleitern oder auch überörtlichen Mitarbeitern des Apostels. Aus den späteren Texten der Apostelgeschichte des Lukas und den Briefen des Paulus werden uns einige Personen namentlich vorgestellt, die höchstwahrscheinlich zu den ersten in Ephesus gehörten.

  1. Epänetus – sein griechischer Name bedeutet `löblich`. Von ihm schreibt Paulus: „Grüßt Epänetus, meinen Lieben (Geliebten), der aus der Provinz Asien der Erstling für Christus ist.“ (Röm 16,5b).
  2. Tychikus, – die Wortwurzel seines Namens hat die Bedeutung von `Glück, Erfolg`. Möglicherweise dachten seine Eltern bei seiner Geburt an die griechische Göttin des Zufalls/Schicksals, des Glücks? Er ist aus der Provinz Asien – Ephesus (Apg 20,4; Eph 6,21; Kol 4,7; Tit 3,12; 2Tim 4,12).
  3.  Trophimus, – sein griechischer Name hat die Bedeutung von `nährend, ernährend`. Er war einer der treuen Mitarbeiter und Begleiter des Paulus und stammte aus Ephesus Stadt (Apg 20,4; 21,29;  2Tim 4,20).
  4. Onesiphorus, sein griechischer Name bedeutet `der Nutzbringende`; nach den Worten des Paulus hatte er eine Hausgemeinde in Ephesus. Er leistete viele Dienste in der Gemeinde und besuchte unter Lebensgefahr den Apostel Paulus im Gefängnis in Rom (2Tim 1,16-18; 2Tim 4,19).
  5. Artemas, – sein griechischer Name erinnert an die Artemis der Epheser. Auch er war einer der treuen Mitarbeiter des Paulus (Tit 3,12). Ein eindeutig heidnisch/griechischer Name, doch Paulus machte wohl keinerlei Anstalten, diesen zu ändern (übrigens auch nicht bei Apollos).

 

Dass alle diese fünf Männer und engste Mitarbeiter des Apostels Paulus griechische Namen trugen, ist zwar noch kein letzter Beweis dafür, dass es sich um Griechen, also Heiden handelte (es könnten auch Hellenisten gewesen sein), doch einiges spricht dafür, dass sie zu der vierten Gruppe, der sogenannten ` seboumenoi – Gottesfürchtige` gehörten. Aus dem Text des Lukas erfahren wir, dass Paulus erst nach der Begegnung mit den 12 Männern in die Synagoge der Juden hineinging, wo er drei Monate lang predigte. Dies spräche dafür, dass er diese 12 außerhalb der Synagoge kennenlernte. Möglich, dass sie mit Apollos im Kontakt waren, noch bevor dieser mit Aquila und Priszilla zusammengekommen war. Diese Unklarheiten machen aber auch deutlich, dass der Dienst von Aquila und Priszilla nicht ausreichte für Gemeindegründung. Doch sicher scheint, dass Paulus bei ihnen gastliche Aufnahme fand (Apg 18,3; Röm 16,3-5a). Auf jeden Fall fand Paulus diese 12 Männer nicht irgendwo auf dem Marktplatz, sondern im großen Umfeld der jüdischen Synagoge.

 

Im Gespräch mit den 12 Jüngern stellt Paulus fest, dass ihnen etwas fehlt und deshalb fragt er sie: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig geworden seid?“ Anhand der Frage und der grammatischen Form macht Paulus klar, dass der Heilige Geist in der Regel zum Zeitpunkt des Gläubigwerdens in den Menschen einzieht (Apg 2,38; Eph 1,13). Doch bei diesen Männern konnte der Heilige Geist nicht nur nicht einziehen, weil sie vom Heiligen Geist nichts wussten, sondern weil sie noch nicht an Jesus glaubten. Sie waren immer noch auf dem Stand der Johannestaufe, welche nur eine Taufe zum Umdenken war. Diese beinhaltete zwar den theoretischen, aber nicht den praktischen Glaubensbezug zu Jesus (Apg 19,4). Ihre Antwort hebt dies hervor: „Sie aber sprachen zu ihm: Wir haben nicht einmal gehört, ob der Heilige Geist überhaupt da ist.“ Eine uns schockierende Aussage, es sieht so aus, dass die Nachricht von dem Pfingstgeschehen noch nicht bis zu ihnen durchgedrungen war. Und Paulus klärt sie über den auf, auf den schon Johannes in seiner Predigt hingewiesen hatte. Sie sind bereit, sich auf den Namen von Jesus taufen zu lassen, das schließt ein, dass sie Jesus als den Messias/Retter im Glauben angenommen haben. Nun ist der Weg frei zum Empfang des Heiligen Geistes. In diesem Fall geschieht dies extra durch Händeauflegen, ähnlich wie in Samarien, auch dort legten die Apostel den Gläubigen die Hände zum Empfang des Heiligen Geistes auf. Die 12 Jünger empfangen den Heiligen Geist und nun erleben sie das besondere Phänomen der Sprachen-Rede-Gabe und zwar mit prophetischem Inhalt – „und weissagten“, das heißt, sie redeten in verschiedenen Sprachen, ähnlich wie in Jerusalem am Pfingsttag und in Cäsarea im Haus des Kornelius.

Dieses Phänomen wird sich unter den Juden, aber auch anderen Ephesusbewohnern schnell herumgesprochen haben. Nun ist durch den Heiligen Geist erneut bestätigt worden, dass das Heil/Rettung anderen Nationen genauso angeboten wird wie den Juden. Damit wäre das Phänomen der Sprachen-Rede-Gabe in Ephesus mit prophetischem Inhalt auch als Zeichen für die ungläubigen Juden in der westlichen Diaspora zu werten. Ähnlich wie Petrus die Ausdrucksweise des Heiligen Geistes in Cäsarea als Beleg gegen die Kritiker aus den Juden in Jerusalem verwendete, so könnte Paulus den Juden der Diaspora (Ephesus/Asien) diese Bestätigung des Geistes bei den zwölf Männern als Beleg für die Annahme der Heiden zum Volk Gottes entgegenhalten. Schon im Pfingstgeschehen in Jerusalem konnten wir feststellen, dass die Sprachengabe nicht primär zur besseren Verständigung, sondern eher als Zeichen für die ungläubigen Juden gegeben wurde, die in Jerusalem wohnten und die aus der Diaspora nach Jerusalem umgesiedelt waren. Als Zeichen, dass Gott über die Grenzen des jüdischen Volkes und Landes  hinaus allen Nationen das Heil in Christus anbietet und gerade die Juden für diese Aufgabe berufen worden sind. Davon musste Gott nicht die Heiden überzeugen, sondern die Juden, welche nicht wahrhaben wollten, dass das Heil auch den Heiden gilt (Apg 11,18; 22,21).

 

An dieser Stelle scheint es sinnvoll zu sein, einige Erfahrungen im Dienst der zwei namhaften Apostel – Petrus und Paulus – einander gegenüberzustellen.

– Aus dem Dienst des Petrus wird eine Befreiung aus dem Gefängnis berichtet, so auch aus dem Dienst des Paulus (Apg 4,7-11; 16,25-40).

– Aus dem Dienst des Petrus wird eine Totenerweckung berichtet, so auch aus dem Dienst des Paulus (Apg 9,39-42; 20,8-12).

– Aus dem Dienst des Petrus wird ein Gesicht (orama) berichtet, wodurch Petrus Neuland betreten sollte (Kornelius), so auch im Dienst des Paulus, als er in einem Gesicht (orama) den Mazedonierruf sieht und hört, der ihn zum Betreten des Neulandes Mazedonien auffordert (Apg 10,10-20: 16,9).

– Aus dem Dienst des Petrus wird ein Empfang des Heiligen Geistes mit Sprachengabe als Auswirkung in einem heidnischen Kontext in Cäsarea berichtet, so auch aus dem Dienst des Paulus in Ephesus (Apg 10,28-48; 19,1-7).

 

Diese Parallelen sind von Lukas nicht zufällig aufgeschrieben worden. Sie heben das herausragende Handeln des Heiligen Geistes durch besondere Vollmachten der beiden  Apostel hervor. So schreibt der Apostel Paulus in Galater 2,7-9: „…da sie sahen, dass mir anvertraut war das Evangelium an die Heiden so wie Petrus das Evangelium an die Juden

– denn der in Petrus wirksam gewesen ist zum Apostelamt unter den Juden, der ist auch in mir wirksam gewesen unter den Heiden -, und da sie die Gnade erkannten, die mir gegeben war, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen werden, mir und Barnabas die rechte Hand und wurden mit uns eins, dass wir unter den Heiden, sie aber unter den Juden predigen sollten.

 

Die nächsten drei Monate predigte Paulus in der Synagoge der Juden. Auch nachdem er die Synagoge verlassen musste, kamen sehr viele Menschen durch seine vollmächtige Verkündigung zum Glauben, doch wird uns keine weitere derartige Erfahrung oder Auswirkung genannt. Es entsteht der starke Eindruck, dass es sich in den drei Fällen (Jerusalem, Cäsarea und Ephesus) in denen sich der Heilige Geist auf diese Weise kundgab, immer um den Beginn eines neuen Missionsfeldes handelte. Nirgendwo blieb der Apostel Paulus so lange an einem Ort wie in Ephesus und Umgebung. „Und Gott wirkte nicht geringe Taten durch die Hände des Paulus. So hielten sie auch die Schweißtücher und andere Tücher, die er auf seiner Haut getragen hatte, über die Kranken, und die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister fuhren aus.“ (Apg 19,11-12).Von hier aus ist das Evangelium in der gesamten Provinz Asia ausgebreitet worden (Apg 19,10. 20). Die Auswirkungen des Heiligen Geistes bei vielen, die in Ephesus gläubig wurden, sind in folgenden Aussagen zusammengefasst: „Es kamen auch viele von denen, die gläubig geworden waren, und bekannten und verkündeten, was sie getan hatten. Viele aber, die Zauberei getrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich und berechneten, was sie wert waren, und kamen auf fünfzigtausend Silbergroschen. So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig.“ (Apg 19,18-20).

IMG_3669

Abbildung 8 Die Marienkirche in Ephesus aus dem 6. Jahrhundert (Foto:  6. März 2008).

 

 11. Teil: Die Sprachengabe in der Gemeinde Korinth

Für den Apostel, der mit seinen Mitarbeitern Silvanus und Timotheus die Gemeinde in Korinth gründete, waren die Nachrichten und Fragen der Gemeinde Grund genug, um einen ausführlichen Brief zu schreiben.

IMG_5008

Abbildung 9 Die griechische Aufschrift „Synagoge der Hebräer“ bestätigt das Vorhandensein eines jüdischen Versammlungshauses in Korinth (Foto:  23. Mai 2011).

IMG_5038

Abbildung 10 Das Kreuz – für die Juden ein Ärgernis, für die Griechen eine Torheit (Foto:  23. Mai 2012).

Dem Thema Geistesgabem widmet der Apostel in seinem Brief viel Raum und speziell der Prophetie- und Zungenrede, sowie deren Zweck und Praxis, ein ganzes Kapitel (1Kor 14,1-33). In der Gründungsphase der Gemeinde wird das Phänomen  `Sprachenrede-Zungenrede` nicht erwähnt (Apg 18,1-18). Das Argument des Schweigens bedeutet natürlich noch nicht, dass es dieses Phänomen in den Anfängen nicht gegeben hat. Höchstwahrscheinlich gab es dort in der Zeit der Wirksamkeit des Apostels solche Äußerungen des Heiligen Geistes. Die Korinther machen jedoch von dieser Geistesgabe falschen Gebrauch. Darum erläutert der Apostel so detailliert die Zweckbestimmung und den rechten Gebrauch dieser Gabe in der Gemeinde.

Paulus leitet dieses Thema ein mit: „Strebt nach der Liebe (gr. αγάπην – agap¢n).“ (14,1a). Die Liebe ist Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5,22) und als solche steht sie vor und über den Gaben und Werken (1Kor 13,1-13). An ihr soll erkannt und gemessen werden, ob jemand den Heiligen Geist hat oder vom Heiligen Geist geleitet ist (Röm 5,5b: „denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist“).

Paulus motiviert: „eifert aber nach den geistlichen Gaben (gr. πνευματικά – pneumatika), besonders aber, dass ihr weissagt (gr. προφητεύητε – prof¢teu¢te – prophetisch redet).“ (14,1b).  Der Hauptkern der Prophetie ist die Verkündigung des Wortes Gottes auf verschiedene Weise, wie der Herr selbst durch den Propheten erklären ließ: „Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht.“ (Jer 23,28a). Und Mose wünschte: „Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie kommen ließe.“ (4Mose 11,29). Diese Gabe verhieß Gott, in reichem Maß unter seinen Kindern auszuteilen (Joel 3,1-2; Apg 2,17-18). Da liegt der Apostel Paulus ganz auf der Linie, die Gott in Bezug auf die Mitteilung seines Willens festgelegt hatte.

Der Apostel fährt fort: „Denn wer in einer Sprache redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht (hört auf) es, im Geist aber redet er Geheimnisse.“ (14,2). Im Griechischen gibt es für `Zunge als Körperglied` (Ri 7,5; Mk 7,33) und `Zunge als Sprache` nur einen Begriff, nämlich `γλόσση – gloss¢ `. Mit dem griechischen Begriff  `χείλος – cheilos` für Lippe ist auch oft Sprache gemeint (1Mose 11,1-9; Jes 6,5; 28,11). In unserem Textzusammenhang handelt es sich um eine Sprache, welche der Redende von Natur aus nicht beherrscht und auch den Zuhörern unbekannt und daher auch unverständlich ist. Wahrscheinlich leiten einige Christen davon ab, dass es sich hier nicht um eine menschliche Sprache handelt. In 1Korinther 13,1 erwähnt der Apostel neben menschlichen Sprachen (im Plural) auch Sprachen der Engel (im Plural). Allerdings haben sich die himmlischen Boten bei ihren Mitteilungen an Menschen, immer in der für die betreffenden Menschen verständlicher Sprache geäußert. Da es sich aber am Pfingsttag in Jerusalem eindeutig um menschliche Sprachen/Dialekte handelte, ist es wahrscheinlich, dass es sich bei Kornelius in Cäsarea und auch in Ephesus um Äußerungen des Geistes in menschlichen Sprachen/Dialekte handelte. Was läge hier näher, auch für Korinth unter dem Begriff `γλόσση – gloss¢ ` das gleiche zu verstehen. Was die Zungenrede-Gabe in Korinth betrifft, so ist kein einziger Inhalt einer solchen Sprachäußerung überliefert worden und daher auch keine Auslegung. Wir haben aus dem Korinthischen Kontext keine praktischen Beispiele von Zungenrede (mit konkreter Auslegung) und daher ist ein Vergleich mit der heutigen Praxis in den Gemeinden nicht möglich. In Jerusalem am Pfingsttag und in Cäsarea war das Reden in Sprachen unter der Überschrift „Die Großtaten Gottes“ den jeweiligen Zuhörern verständlich, eine Auslegung war nicht notwendig. Was aber ein Gemeindeglied in der Gemeinde Korinth im Geist redete, blieb den Versammelten verborgen.

Wer aber weissagt (prophetisch redet), redet zu den Menschen zur Erbauung und Ermahnung und Tröstung.“ (14,3). Es folgt eine Art Gegenüberstellung von Zungenrede und Prophetie, während Letztere sich an Menschen wendete und so die geistliche Auferbauung der Gemeinschaft im Auge hatte. „Wer in einer Sprache redet, erbaut sich selbst; wer aber weissagt, erbaut die Gemeinde.“ (14,4). Hier geht es nicht mehr nur um eine Gegenüberstellung, sondern schon um eine Wertung. Das Wohl der Gemeinschaft steht über der subjektiven Erfahrung des Einzelnen.

Ich möchte aber, dass ihr alle in Sprachen redet, mehr aber noch, dass ihr weissagt. Wer aber weissagt, ist größer, als wer in Sprachen redet, es sei denn, dass er es auslegt, damit die Gemeinde Erbauung empfange.“ (14,5).

Der Wunsch des Apostels, dass alle in Sprachen reden könnten, wird jedoch von ihm selber relativiert durch die Aussage in 1Kor 12,30: „Nicht alle reden in Sprachen“. Paulus ist zwar für die Sprachen-Rede-Gabe, hebt jedoch die für die Gemeinschaft verständliche und aufbauende Gabe der prophetischen Rede (in einer für alle verständlichen Landessprache/Volkssprache) deutlich hervor. Nur durch die Übersetzung/Auslegung der Sprachenrede wird ihr Wert für die Gemeinschaft anerkannt.

Jetzt aber, Brüder, wenn ich zu euch komme und in Sprachen rede, was werde ich euch nützen, wenn ich nicht zu euch rede in Offenbarung oder in Erkenntnis oder in Weissagung oder in Lehre.“ (14,6). Der Gemeinschaft nützt nach den Worten des Apostels die Sprachenrede (ohne Übersetzung) nichts. Dagegen sind Offenbarung, Erkenntnis, Weissagung (Prophetie) und Lehre die aufbauenden geistlichen Elemente für die Gemeinde vor Ort.

Und dann begründet er seine Argumentation: „Doch auch die tönenden leblosen Dinge, Flöte oder Harfe, wenn sie den Tönen keinen Unterschied geben, wie wird man erkennen, was geflötet oder geharft wird?  Denn auch wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Kampf rüsten?  So auch ihr, wenn ihr durch die Sprache nicht eine verständliche Rede gebt, wie soll man erkennen, was geredet wird? Denn ihr werdet in den Wind reden.“ (14,7-9). Wie schon an Pfingsten, so macht der Apostel Paulus auch für Korinth deutlich, dass es sich bei der durch den Geist Gottes gewirkten Sprachenrede um eine klar deffinierte Sprache (Dialekt) handelt und keineswegs um ein undeutliches Gemisch von Lauten oder Wortfetzen aus verschiedenen Sprachen.

Schon in jungen Jahren empfand ich es als störend, wenn in einer Stubenversammlung gemeinsam (gleichzeitig) halblaut, leise oder sogar flüsternd gebetet wurde. Natürlich hat Gott alle gehört und verstanden, doch der Aufbaueffekt für die Gemeinschaft war verfehlt. Ich selber konnte mich nicht konzentrieren und hörte meist dem zu, der am lautesten betete. Dabei handelte es sich noch nicht um eine Art Zungenredegebet, sondern alle beteten in Deutsch. Das Ergebnis war das gleiche, keiner verstand so richtig, was der andere betete.“ Erinnerung des Autors.

Paulus fährt fort: „Es gibt zum Beispiel so viele Arten (γενή – gen¢) von Sprachen (hier: φωνών – fönön – Stimmen/Töne) in der Welt, und nichts ist ohne Sprache (hier: άφωνων – afönön – unstimmig/tonlos). (14,10). Dieser Vergleich unterstützt zusätzlich dje Annahme, dass es sich auch bei der Sprachenredegabe um eine in dieser Welt vorhandenen und gesprochenen Sprache/Dialekt handelt, die in sich stimmig ist.

Paulus weiter: „Wenn ich nun die Bedeutung (δύναμην – dynam¢n – Kraft) der Sprache (hier: φωνής fön¢s – Stimme/Tones) nicht kenne, so werde ich dem Redenden ein Barbar sein und der Redende für mich ein Barbar.“ (14,11). Jetzt wird Paulus ganz drastisch in seinen Vergleichen, denn als Barbaren wurden all die Völker bezeichnet, die außerhalb der damals zivilisierten und im Römischen Reich anerkannten und verstandenen Sprachen lebten. Obwohl auch die sogenannten Barbaren auf der Insel Melite (Apg 28,1ff) in sich stimmige Sprache benutzten. Damit ist für die Gemeinschaft das unverständliche Reden oder Beten in Sprachen zwecklos und nutzlos.

So auch ihr, da ihr nach geistlichen Gaben (pneumatön) eifert, so strebt danach, dass ihr überreich seid zur Erbauung der Gemeinde.“ (14,12). Der Hinweis hier ist: was zur Auferbauung der Gemeinde dient, diese Gaben sollen auch in der öffentlichen Versammlung in ihrer Vielfalt zum Zuge kommen.

Darum, wer in einer Sprache redet, bete, dass er es auch auslege! Denn wenn ich in einer Sprache bete, so betet mein Geist, aber mein Verstand ist fruchtleer.“ (14,13-14). Auslegen, bzw. übersetzen/dolmetschen ist unbedingte Voraussetzung für lautes, öffentliches beten oder reden in einer unbekannten Sprache. Hier fällt noch auf, dass Paulus von `seinem` Geist spricht, bzw. dem Geist des Redenden oder Betenden in einer anderen Sprache. Und dass in diesem Fall der Verstand (nous) des Redenden ausgeschaltet ist, so dass er selbst nicht kontrollieren oder beurteilen kann, was er sagt oder betet. Merken wir, dass sich hier auch eine Gefahr verbergen kann? Wenn schon beim prophetischen Reden von zwei oder drei Personen die Gemeinde beurteilen soll, wie viel mehr wenn nur einer eine Aussage macht?

Was ist nun? Ich will beten mit dem Geist, aber ich will auch beten mit dem Verstand; ich will lobsingen mit dem Geist, aber ich will auch lobsingen mit dem Verstand. Denn wenn du mit dem Geist preist, wie soll der, welcher die Stelle des Unkundigen einnimmt, das Amen sprechen zu deiner Danksagung, da er ja nicht weiß, was du sagst? Denn du sagst wohl gut Dank, aber der andere wird nicht erbaut.“ (14,15-17). Wieder und wieder betont Paulus den Nachteil des Sprachen-Rede (Gebets) für die Gemeinschaft, die nichts davon hat und entsprechend nicht mit einem Amen als Bestätigung bekräftigen kann.

Ich danke Gott, ich rede mehr in Sprachen als ihr alle. Aber in der Gemeinde will ich lieber fünf Worte mit meinem Verstand reden, damit ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in einer Sprache.“ (14,18-19). Das ist die Kulmination der Auseinandersetzung mit der Thematik Sprachengabe in der Gemeinde – fünf zu zehntausend. Natürlich spitzt der Apostel stark zu, aber doch nur, um die Korinther wieder ins richtige Lot zu bringen. Und er bekräftigt seine Argumentation mit dem Aufruf:: „Brüder, seid nicht Kinder am Verstand, sondern an der Bosheit seid Unmündige, am Verstand aber seid Erwachsene.“ (14,20)!

 

Nun folgt eine von der Schrift her abgeleitete Erklärung des Apostels über die Zweckbestimmung der Sprachenrede. „Es steht im Gesetz geschrieben: „Im Gesetz steht geschrieben: »Ich will in andern Zungen  (ετερογλώσσοις – eteroglössois – Anderssprachige) und mit andern Lippen (χείλεσιν ετέρων – cheilesin eterön – Lippen anderer) reden zu diesem Volk, aber auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.« Und Paulus zieht daraus den Schluss: „Darum sind die Sprachen (glössai) ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.“ (14,21-22). Das Zitat, welches Paulus hier als Erklärung für die Sprachenrede anführt, ist aus dem Propheten Jesaja 28,11-12 entnommen. Dort ist der Bezug zum Volk Israel (Juda und Jerusalem) deutlich erkennbar. Dazu nennt Paulus die Bestimmung dieser Sprachen-Rede-Gabe, bzw. das Phänomen dieser Ausdrucksweise Gottes – es ist ein ZEICHEN für die Ungläubigen, für die, die nicht hören wollten. Diese Verstockten im Herzen und den Ohren gab es zur Zeit des Propheten Jesaja, die gab es zur Zeit Jesu und der Apostel. Damals wollte die Mehrheit der Juden nicht hören und nicht glauben. Ein kleiner Teil der Gesamtheit der Juden in Korinth, (ähnlich wie auch in Jerusalem am Pfingsttag), nahm Jesus als den Messias an. So schreibt Lukas: „Als aber Silas und Timotheus aus Mazedonien kamen, richtete sich Paulus ganz auf die Verkündigung des Wortes und bezeugte den Juden, dass Jesus der Christus ist. Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt; ohne Schuld gehe ich von nun an zu den Heiden. Und er machte sich auf von dort und kam in das Haus eines Mannes mit Namen Titius Justus, eines Gottesfürchtigen; dessen Haus war neben der Synagoge. Krispus aber, der Vorsteher der Synagoge, kam zum Glauben an den Herrn mit seinem ganzen Hause, und auch viele Korinther, die zuhörten, wurden gläubig und ließen sich taufen.“ (Apg 18,5-8).

Zwar wird in der Gründungsphase das Phänomen der Sprachenrede nicht erwähnt, doch die spätere Praxis dieser Gabe in der Gemeinde lässt zumindest den Schluss zu, dass es dieses Phänomen in der Anfangszeit als Zeichen für die Juden, die nicht hören und glauben  wollten, gegeben haben könnte.

Denn die Juden fordern Zeichen.“ (1Kor 1,22), Und wenn sie welche bekommen, glauben sie doch nicht (Joh 12,37: „Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn“).

Aber ist die Sprachenredegabe nicht auch ein Zeichen für die Ungläubigen aus den Heiden? Im Abschnitt 8 (Sprachengabe in Cäsarea) konnten wir sehr deutlich feststellen, dass der Empfang des Heiligen Geistes in Verbindung mit der Sprachen-Rede-Gabe bei den Heiden (Haus des Kornelius) von Petrus geradezu als Beweis ihrer Annahme bei Gott in Jerusalem (bei den Juden) vorgetragen wurde (Apg 11,18).

Für Heiden wäre solch ein Zeichen sinnlos und zwecklos, wie der Apostel im folgenden Text klar macht. „Wenn nun die ganze Gemeinde zusammenkommt und alle in Sprachen reden, und es kommen Unkundige (ιδιώται – idiötai – Laien) oder Ungläubige herein, werden sie nicht sagen, dass ihr von Sinnen seid? Wenn aber alle weissagen und irgendein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar, und so wird er auf sein Angesicht fallen und wird Gott anbeten und verkündigen, dass Gott wirklich unter euch ist.“ (14,23-25). Aus dieser Erklärung des Paulus zur Bestimmung der Sprachenrede geht hervor, dass sie nicht für die Evangelisation von Laien (besonders der Unkundigen/Ungläubigen aus den Heiden) bestimmt ist. Für diesen Zweck ist die Gabe der prophetischen Rede viel geeigneter.

Was ist nun, Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine Sprachenrede, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung.“ (14,23-26). Der Apostel ist für die Vielfalt der Gaben in einer Gemeinde, doch jede Ausdrucksform soll sich an einem Ziel orientieren – die Auferbauung der Gemeinde. Das Gemeinwohl steht im Vordergrund, nicht die subjektive Erbauung, oder gar Selbstdarstellung.

Wenn nun jemand in einer Sprache redet, so sei es zu zweien oder höchstens zu dritt und nacheinander, und einer lege aus. Wenn aber kein Ausleger da ist, so schweige er in der Gemeinde, rede aber für sich und für Gott. Von den Propheten aber sollen zwei oder drei reden, und die anderen sollen urteilen. Wenn aber einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so schweige der Erste. Denn ihr könnt einer nach dem anderen alle weissagen, damit alle lernen und alle getröstet werden. Und die Geister der Propheten sind den Propheten untertan Denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens.“ (14,27-33). Es gibt Einschränkungen was die Anzahl der Redenden betrifft und dazu auch noch der Reihe nach. Dies gilt auch für das Beten oder Psalmensingen. Und es gibt Sprachen-Rede Verbot bei Fehlen einer Auslegung/Übersetzung. Doch bei allem Streben nach Gaben und deren Anwendung in der Gemeinde soll der Friede Gottes gewahrt werden.

 

12. Teil: Der Stellenwert der Sprachen-Rede-Gabe

 

In den vorherigen Abschnitten versuchten wir festzustellen, wo, wann und wie diese Gabe in der ersten Gemeindegeneration zum Einsatz kam. In diesem letzten Abschnitt geht es nicht um eine detaillierte Studie aller Gnadengaben und deren Träger, sondern mehr um die Frage, welchen Stellenwert die Sprachen-Rede-Gabe unter den anderen Gnadengaben des Heiligen Geistes einnimmt. Und schließlich eine Zusammenfassung mit einigen Schlussfolgerungen.

 

ie Listen der Gnadengaben und die Ämter (Dienste).

Mit den Geistesgaben befasst sich systematisch nur der Apostel Paulus. Im ersten Korintherbrief und im Epheserbrief finden wir insgesamt drei Listen mit zum Teil ähnlicher Reihenfolge von Gaben und Gabenträgern.

 

1Korinther 12,28-30:

Und die einen hat Gott in der Gemeinde eingesetzt:

  1. Erstens – Apostel
  2. Zweitens – Propheten
  3. Drittens – Lehrer
  4. Danach – Wunderkräfte
  5. Danach – Gnadengaben der Heilungen
  6. Hilfeleistungen
  7. Leitungen
  8. Arten von Sprachen

 

  • Sind etwa alle Apostel?
  • Alle Propheten?
  • Alle Lehrer?
  • Haben alle Wunderkräfte?
  • Haben alle Gnadengaben der Heilungen?
  • Reden alle in Sprachen?
  • Legen alle aus?

 

Epheser 4,11-13:

Und er hat gegeben die einen als

  1. Apostel
  2. Propheten,
  3. Evangelisten,
  4. Hirten,
  5. Lehrer.

Zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi.

 

1Korinther 12,7-11:

In einem jeden offenbart sich der Geist zum Nutzen aller;

  1. Dem einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden;
  2. Dem andern wird gegeben, von der Erkenntnis zu reden, nach demselben Geist;
  3. Einem andern Glaube, in demselben Geist;
  4. Einem andern die Gabe, gesund zu machen, in dem „einen“ Geist;
  5. Einem andern die Kraft, Wunder zu tun;
  6. Einem andern prophetische Rede;
  7. Einem andern die Gabe, die Geister zu unterscheiden;
  8. Einem andern mancherlei Zungenrede;
  9. Einem andern die Gabe, sie auszulegen.

Dies alles aber wirkt derselbe „eine“ Geist und teilt einem jeden das Seine zu, wie er will.

 

Kurze Bemerkungen zu dem, was in diesen Gabenlisten auffällt.

  • Die Träger der apostolischen Berufung und Begabung sind immer ganz vorne bzw. oben in den Listen.
  • Der prophetische Dienst ist in den ersten zwei Listen jeweils an zweiter Stelle.
  • Die Gabe der Sprachenrede ist in den zwei Listen, in denen diese genannt wird, immer an letzter Stelle.

Wie wir in den vorhergehenden Abschnitten feststellen konnten, hatte diese Gabe folgende Bestimmung:

  1. An Pfingsten war sie offensichtliche Begleiterscheinung beim Kommen des Heiligen Geistes.
  2. Ebenfalls am Pfingsttag diente sie der Verherrlichung Gottes, denn durch diese Gabe wurden die Großtaten Gottes gerühmt.
  3. Die Vielfalt der eindeutigen Sprachen/Dialekte am Pfingsttag diente als Zeichen für die ungläubigen Juden. Dadurch bestätigte Gott dem gesamten Volk Israel, dass alle Völker in Gottes Heilsplan eingeschlossen sind.
  4. In Cäsarea, im Haus des Kornelius, diente diese Gabe als Zeichen/Bestätigung für Petrus und seine sechs jüdischen Begleiter, dass auch Heiden durch Herzensumkehr und Glauben den Heiligen Geist empfangen haben wie auch die gläubig gewordenen Juden/Galiläer am Pfingsttag.
  5. Auch diente sie später als Beweis für die Judenchristen in Jerusalem, die nicht wahrhaben wollten, dass die Heiden auch Anteil an der Erlösung haben. Petrus begründet: „Sie haben den Heiligen Geist empfangen gleichwie wir am Anfang“ (gemeint ist am Pfingsttag).
  6. In Ephesus diente sie (wie auch das prophetische Reden) höchstwahrscheinlich zur Bestätigung des Empfangs des Heiligen Geistes bei Gläubiggewordenen und Getauften aus den Heiden. Dieses hörbare Zeichen war grundlegend, nicht nur für die Heiden selbst, sondern auch für die Juden vor Ort.
  7. In Korinth diente diese Gabe der individuellen Auferbauung der Gläubigen.
  8. Sie diente der Auferbauung der Gemeinde nur, wenn sie in eine für alle bekannte und verständliche Sprache ausgelegt wurde. Sonst wurde sie von Paulus als hörbare Äußerung im öffentlichen Gottesdienst untersagt.
  9. Für keine andere Gnadengabe wird irgendwo eine Einschränkung gemacht, nur für die Gabe der Sprachenrede.
  10. Es ist ein legitimes und auch ehrliches Anliegen, dass diese Gabe nicht erzwungenermaßen gesucht und erlangt werden sollte.
  11. Jede Äußerung der Geistesgaben muss überprüfbar sein. Wenn sogar die Prophetie, welche in der landesüblichen Sprache ausgesprochen wurde, nach den Worten des Paulus von der Gemeinde beurteilt/geprüft werden sollte, wie viel mehr die Zungenrede, die häufig nicht ausgelegt wird, und wenn sie ausgelegt wird, dann beruht die Auslegung oft nur auf einem einzigen Zeugen.
  12. Die Zungenredegabe (wie auch alle anderen Gaben) kann vom Herrn erbeten werden, doch der Heilige Geist teilt letztlich jedem die Gabe(n) zu, wie er will.
  13. Diese Gabe allein kann nicht als sichere Bestätigung für das Innewohnen des Heiligen Geistes (Geistestaufe) im Gläubigen angesehen werden. Die Äußerungen des Heiligen Geistes bei der Wiedergeburt eines Menschen sind unterschiedlich.
  14. Diese Sprachengabe wurde nicht gegeben, um das natürliche Erlernen von Sprachen bei Gläubigen aufzuheben.
  15. Der Heilige Geist ist uneingeschränkt im Zuteilen von Gaben und Befähigungen. Er gibt sie und kann diese auch wieder zurückziehen. Er kann diese auf Lebenszeit oder auch nur für bestimmte Situationen zuteilen.
  16. Weil die Sprachengabe nach den Worten des Apostels in erster Linie der Selbstauferbauung dient, ist bei ihrem Gebrauch besonders behutsamer Umgang nötig. Jede Art von Stolz oder Überheblichkeit über andere Gabenträger, bei denen die Geistesgaben nicht so offensichtlich hervorstechen, sollte bekämpft werden (das gilt natürlich auch für alle anderen Gabenträger).

In manch einer Situation, besonders bei der Mission, wäre diese Gabe auf den ersten Blick hilfreich zur verständlichen Weitergabe der Heilsbotschaft, doch gerade dafür ist sie in der Urgemeinde nicht eingesetzt worden. In der Regel benutzt Gott die menschlichen Sprachkenntnisse als natürliche Kanäle (irdene Gefäße) zur Verbreitung seines Evangeliums.

Veröffentlicht unter Fragen und Antworten, Sonderthemen | Verschlagwortet mit , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Wessen Sohn ist der Messias/Christus?

10,13 Wessen Sohn ist der Messias/Christus?

(Bibeltexte: Mt 22,41-44; Mk 12,35-37; Ps 110,1; Lk 20,41-44)

Jesus befindet sich, wie der Evangelist Markus betont immer noch auf dem Tempelgelände. Nun ist er dran den Pharisäern eine Frage zu stellen und zwar in Gegenwart des Volkes. So schreibt der Evangelist Markus:

Und während Jesus im Tempel lehrte, hob er an und sagte: Wieso sagen die Schriftgelehrten, daß der Christus Davids Sohn ist? Er selbst, David, hat im Heiligen Geist gesagt: (Lukas ergänzt: „im Buch der Psalmen): „Der HERR hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege!“ Er selbst David, nennt ihn Herr, und woher ist er sein Sohn? Und die zahlreiche Menge hörte ihn gern. (Mk 12,35-37).

Nach Markus wendet sich Jesus ganz allgemein an die zahlreiche Menschenmenge, die im Tempel versammelt war und ihn gerne hörte. Dabei zitiert er die Schriftgelehrten in deren Auslegung über die Herkunft und Identität des Messias.

Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Als aber die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus und sagte: Was meint ihr über den Christus? Wessen Sohn ist er?“ Gezielt stellt Jesus die Frage an die Pharisäer, aus deren Reihen haptsächlich die Schriftgelehrten kommen. Er fordert sie zum Nachdenken heraus. Anstatt nachzudenken und ganz neu zu überlegen, antworten sie prompt mit der Standartaussage ihrer Schriftgelehrten. „Sie sagten zu ihm: – Davids.Dabei stützte man sich wohl auf folgende Aussagen:

  • 2Samuel 7,12-14a: „Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.“
  • Jeremia 23,5: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ (ähnlich auch Jer 33,15).

Wenn sie sich auf diese Aussagen stüzten, dann dachten sie auch nicht falsch, sogar der Engel Gabriel zitiert (wenn auch nur auszugsweise) die Verheißung aus 2Samuel 7,12-14 im Gespräch mit Maria (Lk 1,31ff). Doch bestimmte Schriftaussagen blieben den Schriftgelehrten in ihrer tiefen Bedeutung verborgen. Und darin offenbart sich die Weisheit Gottes in seinem Sohn, weil nur er imstande ist die göttlichen Gedanken Gottes, die unter der Oberfläche des Buchstabens verborgen lagen, ans Licht zu bringen (Mt 11,27). Dies trifft auch auf den von Jesus zitierten Psalm 110,1 zu. „Er sagte zu ihnen: Wie nennt ihn denn David im Geist (Mk: „im Heiligen Geist“) Herr, wenn er sagt:Der HERR sprach zu meinem Herrn: / »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße legeWenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er denn sein Sohn?“ (Mt 22,44-45). Des Rätsels Lösung ist für die Pharisäer nicht möglich, weil sie den Messias nur als einen irdischen, menschlichen Erlöser ansahen. Da Jesus sich bereits mehrmals als Sohn Gottes zu erkennen gab (Joh 5,17-19; 10,30-36), tut er es an dieser Stelle nur indirekt. Sie sollen selber darüber nachdenken und wenn nötig ihn konkret fragen. Doch niemand stellt ihm weitere Fragen.

An dieser Stelle ist es dran über die Bedeutung und Inhalt der beiden Begriffe `HERR, bzw, Herr` aus Psalm 110,1  nachzudenken. Im griechischen Text des Neuen Testamentes steht an der Stelle, wo Psalm 110,1 zitiert wird: „είπεν ο κύριος τώ κυριώ μου eipen o kyrios tö kyriö mou  – es sagte der Herr zu meinem Herrn“. Im hebräischen Text des Alten Testamentes stehen die Begriffe `נאם יהוה לאדני – spricht Jachwe zu Adonai `. Wie auch immer heute im Judentum `Adonai` verwendet wird, die Übersetzer des hebräischen Alten Testamentes (der LXX) übersetzten `Adonai` aus (Ps 110,1) mit `kyriö mou – meinem Herrn`. Diese Übersetzung haben auch die neutestamentlichen Autoren übernommen (Mt 22,44; Mk 12,36; Lk 20,42; Apg 2,34). Da man es im Judentum vermied den Namen Gottes `JHWH` auszusprechen, verwendete man dafür die Anrede `Adonai`. So wundert es nicht, dass man im griechischen Alten Testament beide Anredeformen (יהוה – JHWH – und אדני – Adonai) mit `kyrios – Herr` übernahm und sie damit in Bezug auf Gott gleichstellte. Sie werden also auch als Synonyme verwendet. Hier einige Beispiele als Begründung.

  • 1Mose 15,2+8: „Abram sprach aber: „Herr HERR, (Adonai JHWH) was willst du mir geben?“ Oder: „Abram aber sprach: Herr HERR (Adonai JHWH), woran soll ich merken, dass ich’s besitzen werde?“ Zuerst kommt die ehrerbietende Anrede `mein Herr` und dann nennt er den Eigennahmen `JJHWH`, dabei handelt es sich um dieselbe Person.
  • 1Mose 18,1: „Und der HERR (JHWH) erschien ihm bei den Terebinthen von Mamre“. 1Mose 18,2-3: „sobald er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen und verneigte sich zur Erde und sagte: Herr (Adonai), wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen, so geh doch nicht an deinem Knecht vorüber!“ JHWH besucht Abraham im Hain Mamre (bei Hebron) in Begleitung zweier Boten. Abraham redet `JHWH` in Vers 3 mit `Adonai` an. Im folgenden Verlauf des Gesprächs (Verse 13,17.20.22.33) ist die von Abraham in Vers 3 angeredete Person immer `JHWH`. Es handelt sich hier um dieselbe Person. Jesus bestätigt, dass der Messias von Abraham gesehen wurde. In Johannes 8,53-59 steht: „Bist du etwa größer als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machst du aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist es, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.  Und ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn; und wenn ich sagte: Ich kenne ihn nicht, so würde ich euch gleich sein: ein Lügner. Aber ich kenne ihn, und ich bewahre sein Wort. Abraham, euer Vater, jubelte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war (wurde), bin ich.“
  • Jesaja 6,1: „Im Todesjahr des Königs Usija, da sah ich den Herrn (hebr.: אדני – Adonai) sitzen auf hohem und erhabenem Thron,“ Jesaja 6,3: „Und einer rief dem andern zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR  (hebr.: יהוה – JHWH) der Heerscharen!“ Jesaja 6,5: „Da sprach ich: Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich, und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich. Denn meine Augen haben den König, den HERRN (hebr.: יהוה – JHWH) der Heerscharen, gesehen.“ Jesaja 6,8: „Und ich hörte die Stimme des Herrn (hebr.: אדני – Adonai), der sprach: Wen soll ich senden, und wer wird für uns Bote sein.“ Zweimal wird dieselbe Person auf dem erhabenen Thron bei seinem Eigennamen (JHWH) genannt oder angerufen und zweimal einfach nur mit der ehrenvollen Anrede `Adonai`. In Johannes 12,39-41 bestätigt Jesus, dass Jesaja den Messias gesehen hat: „Darum konnten sie nicht glauben, weil Jesaja wieder gesagt hat: „Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, dass sie nicht mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“ Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.“ (Jes 6,9-10).
  • Psalm 8,1+9: „Dem Chorleiter. Nach der Gittit. Ein Psalm. Von David. HERR (JHWH), unser Herr (Adonai), wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gelegt hast auf den Himmel! Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Macht gegründet wegen deiner Bedränger, um zum Schweigen zu bringen den Feind und den Rachgierigen. Wenn ich anschaue deinen Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst? Denn du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel (hebr.: Elohim-Gott), mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn. Du machst ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gestellt: Schafe und Rinder allesamt und auch die Tiere des Feldes, Vögel des Himmels und Fische des Meeres, was die Pfade der Meere durchzieht. HERR (JHWH), unser Herr (Adonai), wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!“ (in Hebr 2,5-10 wird dieser Psalm auszugsweise zitiert und auf Jesus den Menschensohn gedeutet).

Natürlich wird die Bezeichnung `Adonai/Herr` auch allgemein für geachtete oder höhergestellte Personen, Könige, Statthalter Götter Engel verwendet.

  • 1Mose 18,12: Sara nennt ihren Mann Abraham `Adonai – mein Herr`;
  • 1.Mose 19,2: Lot redet die beiden Männer (Engelboten), mit `Adonai – meine Herren` an;
  • 1Mose 23,6-15: Efron, der Hetiter redet Abraham mit `Adonai – mein Herr` an, ebenso Abraham den Efron;
  • 1Mose 24,14; Elieser der Knecht spricht von Abraham als `Adonai – seinem Herrn`;
  • 24,18: Rebekka nennt sogar Elieser den Knecht Abrahams mit `Adonai – mein Herr`;
  • 1Mose 31,35: Rahel nennt ihren Vater `Adonai – mein Herr`;
  • 2Mose 32,22: Aaron nennt seinen Bruder Mose `Adonai – mein Herr`.

Doch erst aus dem Kontext ist ersichtlich wer die mit `Adonai – mein Herr` angeredete Person gemeint ist. In seinem Status als souveräner König, hatte David außer Gott niemanden als höhere Autorität über sich, die er als `Adonai – mein Herr` bezeichnen brauchte. Gerade in diesem Fall wird Davids Anrede: `Adonai – meinem Herrn` in der göttlichen Würdigung gerecht. Doch darauf ist keiner der Schriftgelehrten gekommen, es bedurfte des Hinweises von Jesus, dass man sich über diese tiefe Bedeutung erstmals Gedanken machte.

Und damit niemand auf die Idee käme, den `Adonai` aus Psalm 110,1 auf einen der höchsten Engelfürsten zu beziehen, schreibt der Autor des Hebräerbriefes: „Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum (2. Samuel 7,14): »Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein«? Und abermals, wenn er den Erstgeborenen einführt in die Welt, spricht er (Psalm 97,7): »Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.« Von den Engeln spricht er zwar (Psalm 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«, aber von dem Sohn (Psalm 45,7-8): »Gott, dein Thron währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter der Gerechtigkeit ist das Zepter deines Reiches. Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehasst die Ungerechtigkeit; darum hat dich, Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl wie keinen deiner Gefährten.« Und (Psalm 102,26-28): »Du, Herr, hast am Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, du aber bleibst. Und sie werden alle veralten wie ein Gewand; und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, wie ein Gewand werden sie gewechselt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht aufhören.« Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt (Psalm 110,1): »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege«? Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit?“ (Hebr 1,5-14).

AM;ERKUNG: Damit der Bibelleser erkennen kann, an welcher Stelle in der hebräischen Bibel `JHWH` steht, schreiben einige deutsche Übersetzungen `HERR` mit Großbuchstaben, wo `Adonai` steht, mit `Herr` kleingeschrieben.

In dieser Gleichwertstellung ist auch die doppelte Bezeichnung `HERR, Herr` in Psalm 110,1 zu erkennen. Auffällig ist auch, dass die Pharisäer zwischen diesen Hoheitsbezeichnungen (Titel und Name) keinen Wertunterschied machten, sondern diese auf den einen Gott und König bezogen haben.

Mit dieser Fragestellung will Jesus keinesfalls seine irdische Herkunft schmälern oder gar verleugnen, da dies gar nicht zur Debatte stand oder angezweifelt wurde. Doch ihm war wichtig, dass die Juden die himmlische und göttliche  Herkunft des Messias erkennen und anerkennen. Denn von dieser Anerkennung im Glauben hing ihre Erlösung ab. „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2Kor 5,19).

 

Bibeltexte, nach welchen die Würde des Vaters auch dem Sohn zukommt.

  • 5Mose 10,17: „Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren,“
  • 1Timotheus 6,15: „welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren,“
  • Offenbarung 17,14: „Die werden gegen das Lamm kämpfen, und das Lamm wird sie überwinden, denn es ist der Herr aller Herren und der König aller Könige, und die mit ihm sind, sind die Berufenen und Auserwählten und Gläubigen.“
  • Offenbarung 19,16: „und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren.“

 

Fragen / Aufgaben:

    1. Welche Vorstellungen hatten die Juden über den Messias?
    2. Warum war die Frage nach der Herkunft des Messias so wichtig?
    3. Wie begründet Jesus seine göttliche Herkunft?
    4. Haben die ‚Pharisäer Jesus verstanden? Warum konnten sie nichts dagegen sagen?
    5. Warum ist es notwendig, dass wir Jesus sowohl als Menschensohn, als auch Gottesohn anerkennen?
    6.   Die Frage nach der Identität des von den Juden erwarteten Messias, war die zentralste im Judentum. Was hing davon alles ab?

 

 

Veröffentlicht unter Aus dem Leben von Jesus | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 1 Kommentar

Welches ist das erste und größte Gebot im Gesetz?

10.12 Lehrer, welches ist das erste und größte Gebot im Gesetz?

(Bibeltexte: Mt 22,34-40;  Mk 12,28-34)

Nach den Sadduzäern (Mt 22,23) kommen wieder Vertreter der Pharisäer zu Jesus. Im Gegensatz zu den Sadduzäern glauben Pharisäer an eine Auferstehung der Toten (Apg 23,6-8). Trotz mancher gemeinsamer Lehrmeinungen mit Jesus (Mt 23,3) berichten uns die Evangelisten von ihrer Ablehnung des Messias Jesus Christus. So schreibt der Evangelist Matthäus:

4          Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich. Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste (große, größte) Gebot im Gesetz? (Markus ergänzt mit dem Sch`ma Israel:Das erste Gebot ist das: »Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist einziger HERR (der einzige HERR)). Mt: Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst lieben den HERRN, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste (große, größte) und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich (ähnlich): »Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst« (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,34-40).

Nach einer Zusammenkunft der Pharisäer, tritt einer aus ihrer Gruppe gezielt vor Jesus. Er hatte mitbekommen, wie treffend Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Wahrscheinlich spricht er im Auftrag und Absprache mit den anderen und stellte Jesus due Frage nach dem ersten Gebot. Der Evangelist Matthäus beschreibt ihn hier mit dem seltenen Begriff Gesetzeslehrer, Gesetzeskundiger, Gesetzeshaushalter (gr. μομικός – nomikos),). In griechischen  Handschriften uneinheitlich. Markus bezeichnet sie schlicht als Schriftgelehrte (gr. γραμματέυς – grammateus). Wir haben den Eindruck aus dem folgenden Gespräch, dass ein beiderseitiger Respekt die Grundlage für dieses Gespräch bildet. Trotzdem schreibt Matthäus, dass dieser Gesetzeslehrer Jesus versuchte. Das griechjsche Verb `πειράζων – peirazön` kann Versuchung (neg.) oder auch Prüfung (pos.) bedeuten.

Die vorangegangene Absprache in der Gruppe der Pharisäer erweckt den Eindruck, dass mit der Frage des Gesetzeslehrers Jesus herausgefordert werden sollte. Wird er sich zu dem einen Gott bekennen? Sie werden keinesfalls vergessen haben, dass er sich als Gottes Sohn ausgab und Gott seinen eigenen Vater nannte (Joh 5,17-18; 10,30-36). Dies war für sie Gotteslästerung und des Todes würdig.

Zweifellos aber standen viele der Pharisäer mit ihrer Frömmigkeit dem Reich Gottes nahe. Die Frage dieses eher noblen Zeitgenossen passt gut zu einem Denkrahmen: die im späteren Judentum zu 613 Geboten, davon 248 positiv und 365 negativ, zusammengefasst werden. „Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz“ (Mt 22,36)? Die Frage nach dem Superlativ der Gebote ist wesentlich, um eine Rangfolge erstellen zu können. Nach Markus antwortet Jesus mit den einprägsamen Worten des Sch`ma Israel aus 5Mose 6,5: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist der HERR allein (είς  eis – einer  Einziger) – im gr. als Zahlwort, (so auch in Eph 4,6; 1Tim 2,5). Für Jesus war es überhaupt kein Widerspruch zwischen: es gibt nur einen HERRN / Gott und der Aussage: „ich bin Gottes Sohn“, bzw. „ich und der Vater sind eins (als Zahlwort)“.(Joh 10,30-36). Matthäus fährt fort mit den Worten von Jesus über die Einzigartigkeit der Beziehung des Menschen zu Gott: „Du sollst lieben den HERRN, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. (Mk ergänzt: „und mit all deiner Kraft). Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich (gr. όμοίαomoia ähnlich): «Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst.» An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,37-40). Jesus lehrt hier, dass das gesamte geistlich-moralische Gesetz in einem Wort zusammengefasst werden kann: Liebe! (Röm 13,9; 1Kor 13,1-13). Jesus weist auf die Ausrichtungen dieser Liebe : auf Gott hin (5Mose 6,4-5) und auf den Nächsten (3Mose 19,18). Herz, Seele, Verstand und Kraft wirken zusammen diese Gottesliebe:

Herz (gr. καρδία – kardia): der Sitz der Persönlichkeit, die Schaltzentrale des menschlichen Seins, sein Geist

Seele (gr. ψυχή, – psych¢): der Sitz der Gefühle, die Summe der Empfindungen (der Begriff wird auch für das physische Leben verwendet)

Verstand (gr. διανοία – dianoia): das Denkvermögen, das Unterscheidungsvermögen, die Weisheit des Lebens

Beim Markus lesen wir, dass diese Liebe aus „deiner ganzen Kraftauf Gott ausgerichtet sein soll.

Hier ist kein Platz für jede Art von Halbherzigkeit. Wenn Gott seinen Sohn gibt – sich selbst gibt, wie kann dann der Mensch ein wenig lieben (Eph 5,1.2)?

Und die Liebe zum Nächsten in der Art und Weise sein soll, wie die Liebe zu sich selbst.

Zur Zeit des Reiches Israel war das Gebot der Nächstenliebe in der Praxis eingeschränkt. Christus zeigt in seinem Umgang mit verschiedenen Menschen ganz praktisch wer für ihn der Nächste ist und klärt eindeutig darüber auf, was es heißt seinen Nächsten zu lieben – lies hier Lk 10,29-37. Doch auch die Basis: sich selbst lieben findet in seiner Lehre Beachtung (Mt 7,12).

Die vollmächtige Schriftauslegung von Jesus, hat tiefe Wirkung auf den Schriftgelehrten, entsprechend ist seine Reaktion. Er antwortete seinerseits mit: „Recht (gut), Lehrer, du hast nach der Wahrheit geredet; denn er ist einer (er ist der Einzige), und es ist kein anderer außer ihm;“ Im folgenden wiederholt der Schriftgelehrte das Gebot der Gottesliebe und Nächstenliebe mit dem Zusatz: dies „ist viel mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ (Mk 12,32-33; 1Sam 15,22; Ps 51,18-19; Hos 6,61). Ein bewegender Augenblick tritt ein, denn nicht allzu oft gab es solch vollkommene Übereinstimmung in einer zentralen theologischen Frage. Und es folgt eine Bemerkenswerte Schlussfolgerung von Jesus: „Und als Jesus sah, dass er vernüftig antwortete, sagte er ihm: Du bist nicht ferne vom Reich Gottes. Und es wagte niemand mehr, ihn zu befragen.“ (Mk 12,34). Jesus hat immer die besten Antworten und daher wird er auch immer das letzte Wort haben. Es scheint, als ob der Fragekatalog an Jesus zu Ende ist, aber wie ist es bei Jesus, hat er noch Fragen an die Menschen? Siehe nächsten Abschnitt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Karikaturen von Pharisäern kennen wir? Treffen diese immer und auf alle zu?
  2. Warum steckt in uns selbst so viel von einem Pharisäer?
  3. Warum ist die Frage nach dem höchsten Gebot auch heute im Alltag wesentlich?
  4. Welchem Gottesbild, Gottesvorstellung begegnen wir heute? Wie stellt Jesus den einen Herrn und Gott vor?
  5. Können wir mit Liebe wirklich der Not dieser Welt begegnen? Ist Liebe nicht zu etwas romantischem eingeengt worden?
  6. Was heißt es mit aller Kraft aus Herz, Seele und Verstand zu lieben?
  7. Was heißt es in geistlicher Weise und ausgewogen sich selbst zu lieben?
  8. Sind die Pharisäer mit der Antwort von Jesus zufrieden geblieben? Wie war die Reaktion des Schriftgelehrten?
  9. Wie genau weis Jesus den wahren Stand eines Menschen? Was bedeutet es für uns?
Veröffentlicht unter Aus dem Leben von Jesus | Verschlagwortet mit , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Ist nach dem Tode alles aus? Was sagt Jesus dazu?

10.11 Jesus bestätigt aus der Schrift die Auferstehung der Toten

(Bibeltexte: Mt 22,23-33; Mk 12,18-27; Lk 20,27-40)

Die theologische Auseinandersetzung von Jesus mit den Sadduzäern über die Auferstehung der Toten wird in allen drei synoptischen Evangelien beschrieben.Die Texte ergänzen einander, wir folgen dem Bericht des Matthäus mit еrgänzenden Aussagen des Lukas.

An jenem Tag kamen Sadduzäer zu ihm, die da sagen, es gebe keine Auferstehung; und sie fragten ihn und sprachen: Lehrer, Mose hat gesagt: Wenn jemand stirbt und keine Kinder hat, so soll sein Bruder seine Frau heiraten und soll seinem Bruder Nachkommenschaft erwecken. Es waren aber bei uns sieben Brüder. Und der erste heiratete und starb; und weil er keine Nachkommenschaft hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder. Ebenso auch der zweite und der dritte, bis auf den siebten. Zuletzt aber von allen starb die Frau. Wessen Frau von den sieben wird sie nun in der Auferstehung sein? Denn alle hatten sie. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, weil ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes; denn in der Auferstehung heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel im Himmel (Lk ergänzt: „die aber, die für würdig gehalten werden, jener Welt teilhaftig zu sein und der Auferstehung aus den Toten (….) denn sie können auch nicht mehr sterben, denn sie sind Engeln gleich und sind Söhne Gottes, da sie Söhne der Auferstehung sind). Was aber die Auferstehung der Toten betrifft: Habt ihr nicht gelesen, was zu euch geredet ist von Gott, der da spricht: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“? (Lk ergänzt: Dass aber die Toten auferweckt werden, hat auch Mose beim Dornbusch angedeutet, wenn er den Herrn „den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ nennt). Gott ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden (Lk ergänzt: denn für ihn leben alle). Und als die Volksmengen es hörten, erstaunten sie über seine Lehre. (Lk ergänzt:  „Da antworteten einige der Schriftgelehrten und sprachen: Meister, du hast recht geredet. Denn sie wagten nicht mehr, ihn etwas zu fragen“).  (Mt 22,23-33).

Abbildung 13 Die Sand- und Steinwüste im Wadi Rum ist keineswegs vegetationslos. Die Dornbüsche haben oft mehrere Meter tiefe Wurzeln. (Foto: 6. November 2014).

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwieger-vaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.  Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“ (2Mose 3,1-6).

ANMERKUNG: Mit dem Hinweis auf den Dornbusch aus 2Mose 3,1ff (bei Markus und Lukas), unterstreicht Jesus wenn auch nur indirekt, die Historizität des Ereignisses in der Wüste am Berg Horeb.

Nun sind die Sadduzäer an der Reihe und sie kommen mit ihrem Anliegen zu Jesus. Es geht um die Frage der Auferstehung der Toten. Matthäus hebt gleich hervor, dass die Sadduzäer an die Auferstehung der Toten nicht glaubten (Mt 22,23). In der Apostelgeschichte 23,6-8 ergänzt Lukas: „(…), denn die Sadduzäer sagen, es gebe keine Auferstehung noch Engel noch Geist; die Pharisäer aber bekennen beides.“ Die Sadduzäer beginnen mit: „Lehrer, Mose hat geboten“, damit bringen sie zum Ausdruck, dass ihnen die Schriften des Mose bekannt sind und sie diese als Grundlage für ihre Lebenspraxis anerkennen. Die sogenannte Schwagerehe ist im Gesetz geregelt gewesen, damit Grundbesitz einer Familie, einer Sippe oder eines Stammes nicht verlorengeht (5Mose 25,5-9). Liebe oder Zuneigung bei der Heirat spielten eher eine untergeordnete Rolle, sachliche und wirtschaftliche Gründe überwogen. Bereits vor der Gesetzgebung am Sinai waren solcherlei Gepflogenheiten in der Praxis, wie die kuriose Geschichte aus 1Mose 38,6ff nahe legt. Aus der Richterzeit ist eine eher romantische Geschichte von Ruth und Boas überliefert worden (Ruth 4,1ff).

Ob die Geschichte mit der die Sadduzäer Jesus beeindrucken wollen echt oder erdacht war, lässt sich nicht feststellen. Immerhin sagen sie: „es waren bei uns sieben Brüder“. Was jedoch klar ist, die Sadduzäer wollen Jesus in eine theologische Schwierigkeit bringen, um ihren Standpunkt gegenüber den Pharisäern (die dabeistanden) zu rechtfertigen. Jesus kennt ihre Motive und daher geht er mit ihnen nicht gerade zimperlich um. In diesem Fall weist er auf ihre totale Verirrung hin und dies aus zwei wichtigen Gründen. Sie wissen oder kennen  die Schriften nicht, noch die Kraft Gottes.

Und nun beginnt Jesus mit der Klärung der Missverständnisse. Er macht unmissverständlich klar:

  • Dass die Ehe und die damit einhergehenden Rechtsbestimmungen nur für dieses irdische Leben in Kraft sind;
  • Dass Diejenigen, welche würdig sind die himmlische Welt und die Auferstehung von den Toten zu erreichen (gemeint sind hier die Gläubigen) werden den Engeln gleichen, so der griechische Begriff `ισάγγελοι isangeloi. Die geschlechtsspezifischen Merkmale und Verhaltensweisen sind dort aufgehoben.
  • Dass sie Söhne Gottes sind;
  • Dass sie Söhne der Auferstehung sind und daher nicht mehr sterben können.

Was für klare Aussagen von dem, der aus jener Welt kommt und davon genaue Kenntnis hat. Da die Sadduzäer sich hauptsächlich auf die fünf Bücher Moses, die Thora stützten, fehlte ihnen der Zugang zu vielen wichtigen Aussagen zum Thema Auferstehung aus den Psalmen und den Propheten, wie zum Beispiel:

  • Psalm 16,9-10: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher wohnen. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (LXX: verwese).“
  • Jesaja 26,19: „Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten (Totengeister) herausgeben.“
  • Daniel 12,2 „Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande.“
  • Daniel 12,13: „Du aber, Daniel, geh dem Ende entgegen, und ruhe, bis du aufstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage!
  • Weitere (wenn auch indirekte) Hinweise auf die ‚Auferstehung der Toten finden wir in 2Mose 32,32-33; Psalm 17,15; 69,29; Hesekiel 37,1-14; Hosea 6,2. Die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde in Jesaja 65,17-19; 66,22 macht nur Sinn, wenn es die Auferstehung von den Toten gibt.

Diese Schriftaussagen waren den Sadduzäern nicht bekannt oder sie hatten für sie nicht den gleichen Stellenwert wie die fünf Bücher Moses. Doch Jesus macht sie aufmerksam auf eine wesentliche Aussage aus den Schriften, welche sie anerkannten.

Nun führt Jesus seine Zuhörer in die göttliche Hermeneutik ein. Denn die Schrift birgt in sich göttliche Gedanken. Die Beachtung grammatischer Details erschließt tiefe göttliche Inhalte. Durch die Redewendung: „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden, denn sie leben ihm alle“, wird zum einen das ewige, immerwährende Sein Gottes bekräftigt und zum anderen die unaufhörliche Existenz der genannten Personen angedeutet. Sogar noch mehr, es bestejt eine Wechselbeziehung zwischen Gott und den entschlafenen Gläubigen.

Am Ende des Gesprächs breitet sich ein Staunen aus unter der Volksmenge. Den Fragestellern bekräftigt Jesus noch einmal: „darum irret ihr sehr“. Die Sadduzäer können mit solch einem Lehrer und dessen vollmächtiger Schriftauslegung nicht mithalten, sie trauen sich nicht, weitere Fragen zu stellen. Wahrscheinlich zogen sie sich beschämt zurück. Aus der Gruppe der Pharisäer, die diese Diskussion sicherlich aufmerksam mitverfolgten, kommt eine positive Reaktion. „Lehrer, du hast gut geredet“. In dieser so wichtigen theologischen Wahrheit wissen sie sich von Jesus bestätigt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Gruppe aus den Juden wollte Jesus in eine theologische Falle führen?
  2. Was glaubten sie, bzw. was glaubten sie nicht im Gegensatz zu den Pharisäern?
  3. Wie ist es zu erklären, dass bei der Vielzahl direkter und indirekter Aussagen über die Auferstehung von den Toten in den Psalmen und Propheten, die Sadduzäer daran nicht glaubten?
  4. Wie ist es mit der Geschichte, welche sie Jesus vortrugen, könnte sie in echt gewesen sein?
  5. Suche im Alten Testament nach Textstellen, in denen diese besonderen Fälle der sogenannten Schwagerehe geregelt werden.
  6. Wie reagiert Jesus auf das Anliegen der Sadduzäer?
  7. Welchen Einblick gibt Jesus in jene Welt und was hat dies mit der Ehe hier auf Erden zu tun?
  8. Wie begründet Jesus seinen Standpunkt in Bezug auf die Auferstehung der Toten?
  9. Sind die Sadduzäer zufrieden mit der Antwort von Jesus? Wie reagiert die Menschenmenge? Wie reagieren die Pharisäer?
  10. Wie fest ist unsere Zukunftshoffnung? Wie glaubhaft ist unser Zeugnis für das ewige Leben?
Veröffentlicht unter Aus dem Leben von Jesus, Fragen und Antworten | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 1 Kommentar