3.6 Jesus vollbringt Wunder und Heilungen in Kapernaum

3.6 Jesus vollbringt Wunder und Heilungen in Kapernaum

(Bibeltexte: Mk 1,21-28;  Lk 4,31-37)

3.6.1 Jesus befreit einen Besessenen in der Synagoge

Sowohl der Evangelist Markus als auch Lukas haben die Befreiung des Besessenen und die folgende Heilung der Schwiegermutter Simons in übereinstimmender Reihenfolge überliefert. Der Evangelist Matthäus überliefert die Befreiung nicht und Lukas schildert beide nach dem Besuch in Nazaret. Hier folgen wir dem Bericht des Evangelisten Markus:

Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.

Abbildung 34 Überreste der Synagoge in Kapernaum die vermutlich aus dem 2. Jh. n. Chr. stammt (Foto: April 1986).

 

Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch, besessen von einem unreinen Geist; der schrie: Was haben wir mit dir zu schaffen, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! Und der unreine Geist riss ihn hin und her und schrie laut und fuhr aus von ihm.  Und sie entsetzten sich alle, sodass sie sich untereinander befragten und sprachen: Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht! Er gebietet auch den unreinen Geistern, und sie gehorchen ihm! Und die Kunde von ihm erscholl alsbald überall in das ganze Land um Galiläa. (Mk 1,21-28).

Wie wir gesehen haben, fand die Berufung der ersten Jünger an einem Werktag statt und zwar am Ufer des Sees. Die Geschichte von der Befreiung eines von einem Dämon besessenen Menschen jedoch ereignete sich an einem Sabbat im Rahmen eines Synagogengottesdienstes in Kapernaum. Das häufig gebrauchte Wort „sofort/sogleich“ bei Markus bezieht sich auf den Sabbat, nicht auf das Geschehen am See. In den Evangelien finden wir Berichte über Austreibungen von Dämonen oder unreinen Geistern zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten. Geistlich bewertet ist dies ein trauriges Zeugnis für das Volk Israel zur Zeit von Jesus. Denn besessen werden Menschen nicht, durch falsche Ernährung und schon gar nicht durch das Einhalten der Gebote Gottes (lies 5Mose 18,9-15). Es gibt auch unter den Zeitgenossen von Jesus die Praxis der Dämonenaustreibung – Exorzismus genannt (Mt 12,24-28) wobei gar nicht sicher ist, ob sie erfolgreich waren. Es gibt verschiedene Stufen des Besessenseins. Ab dem Sündenfall von Adam und Eva befinden sich alle Menschen unter dem Einfluss böser Mächte. Dabei sind sie je nach Umfeld, unterschiedlicher Umstände und Lebensführung geschützter oder auch ungeschützter diesem Einfluss ausgesetzt.

  • Wer zu Wahrsager/innen oder Besprecher/innen geht, um sich die Zukunft voraussagen zu lassen, steht unter einem bestimmten Maß von Einfluss böser Mächte.
  • Wer selber besprochen, gewahrsagt oder andere okkulte Praktiken aktiv ausgeübt hat, steht direkt unter der Macht von Dämonen.
  • Der Einzug eines Dämons in das Herz (den Geist) eines Menschen vollzieht sich oft langsam, wie bei Judas Iskariot: „Aber der Satan fuhr in Judas, der Iskariot genannt wurde und aus der Zahl der Zwölf war. Und er ging hin und besprach sich mit den Hohenpriestern und Hauptleuten, wie er ihn an sie überliefere.“ (Lk 22,3-4).

Es ist für Jesus selbstverständlich am Sabbat in die Synagoge zu gehen. Synagogen waren Gemeinschaftszentren, Orte des Gebets und des Schriftstudiums. Wenn sich durchreisende Lehrer in der Stadt aufhielten, luden die Synagogenvorsteher sie gewöhnlich zur Lesung ein, vor allem am Sabbat. Dort wurde erst stehend der hebräische (Gesetzes)-Text gelesen, dann ins Aramäische übersetzt, anschließend wurde der Text sitzend besprochen. Natürlich nutzt Jesus die Gelegenheit zur Lehre – ja bald wurde dies ihm zur Gewohnheit (Lk 4,16; Joh 18,20). Seine Lehre unterscheidet sich von anderen Lehrern durch Vollmacht und Kraft. Seine Lehre ruft bei den Zuhörern, die sich damals an der Schriftauslegung aktiv beteiligen durften, Verwunderung und Staunen hervor.

  • Jesus war die Wahrheit in Person und sprach die Wahrheit (Joh 14,6; 18,37).
  • Jesus sprach über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens und Sterbens; über die Ewigkeit. Er verlor sich nicht in Nebensachen
  • Jesus lehrte klar und mit System
  • Jesus nutzte viele lebendige Vergleiche und Illustrationen
  • Jesus liebte die Zuhörer und leitete sie zum Vater
  • Jesus sprach mit Autorität/Vollmacht direkt im Namen des Vaters – er brauchte keinen anderen Rabbiner als Autorität zu zitieren (Hendriksen 1975, 63).

Ein Besessener im Raum wird bis dahin wahrscheinlich nicht als solcher wahrgenommen worden sein. Oft verhalten sich diese Menschen ruhig und werden erst bei der Begegnung mit Jesus oder seinen Aposteln – oft auch im Zusammenhang mit der Verkündigung des Evangeliums – aggressiv. Hier einige Hinweise zu Dämonen im NT:

  1. Im NT finden wir fast keine Details zur Herkunft, Natur, Eigenschaft oder Gewohnheit der Dämonen. Es gibt keine theoretische Abhandlung oder Lehre über Dämonen im NT. In einem sehr bildlichen Abschnitt (Mt 12,43) spricht Jesus von Dämonen „die dürre Stätten durchwandern.“ In der Begebenheit von Gadara Lk 8,31 erbitten die Dämonen, nicht in den `άβυσςον abysson Abgrund` als letzten Aufenthaltsort fahren zu müssen. Die Kontrolle über Menschen offenbart sich z.B. durch: Schreien oder zu Boden/ins Feuer zerren. Allerdings lesen wir nichts von gleich bleibenden eindeutigen Kennzeichen. Bei allen Erzählungen bildet Jesus – der sich erbarmt und heilt – und nicht der Dämon das Zentrum. Deutlich wird, dass Dämonen zur unsichtbaren Welt gehören, dass sie sich selbst nicht sichtbar machen (außer durch Störungen bei Menschen). Damit sind viele Schauermärchen hinfällig. Damit gibt es „einen kaum drastischeren Kontrast der Berichte des NT zu den Ansichten und Praktiken beschrieben in den rabbinischen Schriften“ (Edersheim 1979, II 776).
  2. Im Neuen Testament ist der Dämon ein böses Wesen, das zum Reich des Satans gehört. Die Zerstörung des Werkes Christi ist sein Ziel. Doch Christus herrscht auch über diesen Bereich, sodass der lebendige Glaube an Jesus ein hinreichender Schutz ist.
  3. Das NT berichtet nirgends, dass magische Riten von Dämonen befreien. Die Befreiung wird als geistlicher und ethischer Prozess beschrieben.
  4. Nach dem Neuen Testament ist die Tätigkeit der Dämonen stark begrenzt – im Gegensatz zur babylonischen Ansicht, die davon ausgingen, dass überall und ständig Dämonen an jeder Ecke, an jedem Fluss, auf Berggipfeln – mal als Schlangen – mal als Vögel auf Opfer lauerten. Vom Zahnschmerz bis zur Eifersucht … alles wurde den Dämonen zugeschrieben. Wir finden ca. 80 Hinweise auf Dämonen im Neuen Testament. In 11 Fällen wird der Unterschied zu einer Krankheit deutlich gemacht (Mt 4,24; 8,16; 10,8; Mk 1,32.34; 6,13; 16,17.18; Lk 4,40.41; 9,1; 13,32; Apg 19,12). Die Besessenheit war deutlich nicht nur ein mentales Phänomen (Mt 9,32.33; 12,22). In zwei Fällen wird sie von einem stark verworrenem Zustand begleitet (Mt 8,28 und Apg 19,13f). In nur einem Fall erinnert das Geschehen an Epilepsie (Mt 17,15) oder wird ausdrücklich von der so genannten Mondsucht unterschieden (Mt 4,24). Die Unterscheidung zwischen dämonischer Ursache oder allgemeiner Ursache für eine Krankheit wird gemacht (Mt 12,22; 15,30). Der Schwerpunkt der Erwähnung im Neuen Testament liegt auf der erfolgreichen Heilung – sodass dieses Thema weniger ein Thema ist, dass Angst und Schrecken verbreitet.

Besessenheit von Gläubigen können wir ausschließen – auch sonst ist Zurückhaltung geboten. Erfahrene Seelsorger berichten von vielen seelischen Krankheiten und wenigen Besessenen im Rahmen ihres Gemeindedienstes. Nach der Beichte von okkulten Praktiken – darf es ein Lösen im Namen von Jesus geben.

Beachten wir die Aussage des unreinen Geistes, der bei Lukas auch Dämon genannt wird: „Ha, was uns und dir, Jesus, Nazarener“? Bist du gekommen uns zu vernichten? Ich weiß wer du bist, der Heilige Gottes!“ Griechisch: `πνεύμα δαιμονίου ακαθάρτου pneuma daimoniou akathartou` wörtlich: Geist des unreinen Dämons. Die Dämonen haben ein bestimmtes Maß an Kenntnissen

  • über Gott,
  • über den Menschen,
  • über sich selbst,
  • über andere Dämonen
  • und über ihre Zukunft.

Jesus ist gekommen, damit er die Werke des Teufels nicht nur bekämpfe, sondern damit er sie zerstöre (1Joh 3,8). So lesen wir weiter: Jesus fuhr ihn an/bedrohte ihn/gebot ihm mit den Worten: „Verstumme und fahre aus von ihm“. Worte eines unreinen Menschen können viel Schaden anrichten, darum unterbricht Jesus das Reden des Dämons. Er verbietet ihm zu sprechen. Er macht ihn stumm. Pure Lüge geht von Dämonen aus, auch wenn sie Richtiges sagen. „Der (Teufel) ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit, denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er die Lüge redet, so redet er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“ (Joh 8,44).

  • Mit ihren Aussagen lenken die Dämonen die Aufmerksamkeit der Menschen von Jesus weg und ziehen diese auf sich;
  • In keinem Fall ist es ihre Absicht, für Jesus Werbung zu machen oder ihm gar zu Huldigen.

Das Ergebnis dieser Heilung war: „Und die Kunde von ihm ging sogleich aus überall in der ganzen Umgebung Galiläas.“ (Mk 1,28; Lk 4,37). Obwohl er nur eine Person von einem unreinen Geist befreit, ist allen klar: ab jetzt müssen auch andere unreine Geister weichen! Die Herrschaft Gottes ist in der Person von Jesus angebrochen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie kommen Menschen in dämonische Besessenheit?
  2. Wann und wie äußern sich von Dämonen besessene Menschen? Beschreibe ihren Zustand und ihre Äußerungen.
  3. David ist der einzige im AT, durch dessen Dienst Menschen von Dämonen (wenn auch nur zeitweise 1Sam16,23) befreit wurden. Wie beurteilst du die Austreibungen von Mt 12,24-28;  Apg 19,13-17?
  4. Hattest du schon mal Kontakt mit von Dämonen belasteten Menschen? Wie müssen wir heute mit solchen Fällen umgehen?

 

 

3.6.2 Jesus heilt die Schwiegermutter des Petrus vom Fieber

(Bibeltexte: Mt 8,14-15;  Mk 1,29-31;  Lk 4,38-39)

 

Im Markus- und Lukasevangelium lesen wir, dass Jesus zuerst die Synagoge besucht und dann das Haus von Simon betritt. Im Matthäusevangelium wird die Reihenfolge andersherum dargestellt.

Und sobald sie aus der Synagoge hinausgingen, kamen sie mit Jakobus und Johannes in das Haus Simons und Andreas. Die Schwiegermutter Simons lag fieberkrank danieder und sofort sagen sie ihm von ihr.  Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie, und sie diente ihnen. (Mk 1,29-31).

Der Evangelist Markus nutzt wieder sein Lieblingswort `ευθύς eythys  – sofort/sobald`, um den schnellen Handlungsfortschritt zu betonen. Dieses Wort wird auch für `gerade` gebraucht (Apg 9,11).

Sofort, nachdem sie aus der Synagoge heraus gehen, eilen sie geradwegs zum Haus Simons. Hier wird deutlich: Simon Petrus besitzt in Kapernaum ein Haus und sein Bruder Andreas wohnt bei ihm oder ist gar Miteigentümer. Wir wissen jedoch auch, dass Petrus mit seinem Bruder Andreas aus Betsaida stammt (Joh 1,44). Vielleicht siedelten beide im Zuge der Heirat mit einem Mädchen aus Kapernaum dorthin um. Andere Ausleger gehen, davon aus, dass die Familie dort ein Haus hatte und Simon seine verwitwete Schwiegermutter in der Familie aufgenommen hatte (Keener 1998, 214).

Dafür können allerdings auch wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend gewesen sein. Auf jeden Fall bilden die beiden Brüder Jakobus und Johannes (Söhne des Zebedäus) mit Simon und Andreas eine Art Fischereikooperative (Lk 5,10). Jesus kommt ins Haus seiner Nachfolger und findet eine gute Aufnahme – mit allen orientalischen Implikationen, d.h. man lässt es an nichts fehlen, so dass er sich in jeder Weise willkommen fühlt. Jesus macht sich bewusst abhängig von der Gastfreundschaft der Menschen. So sorgt der Vater im Himmel für seinen Sohn auf Erden! Von den Jüngern begleiten ihn nur Jakobus und Johannes – andere Jünger werden noch nicht erwähnt. Dies kann zusätzlich als Begründung gesehen werden, dass diese Begebenheit sich am Anfang der Wirksamkeit von Jesus zugetragen hat – wahrscheinlich vor der offiziellen Berufung der weiteren Jünger.

Abbildung 35 Fundamentreste des sogenannten Hauses des Petrus auf dem Ausgrabungsgelände von Kapernaum (Kafr Nahum) in der Nähe des Seeufers (Foto: April 1986). Man vermutet hier eine frühchristliche Versammlungsstätte. Seit 2008 ist darüber eine Kirche errichtet worden. Die Franziskanermönche, die das Gelände von Kapernaum 1894 erwarben, verwalten seitdem diese biblisch-historische Stätte, die so gut wie von allen christlichen Pilgern aufgesucht wird.

Nun ist Jesus im Haus und wird über die Krankheit, bzw. das hohe Fieber der Schwiegermutter informiert. Im Gebiet des Sees Genesaret gab es im Bereich der Jordanmündung bis ca. 1930 Malaria. (Wilken, Erich. 1953). Übrigens wird uns im NT der Name und Details von Simons Frau nicht mitgeteilt (siehe auch 1Kor 9.5). Der Evangelist Lukas ergänzt, dass die Hausbewohner Jesus angesichts des hohen Fiebers um Hilfe bitten. Bei der Heilung der Schwiegermutter, geht Jesus ähnlich vor, wie bei dem Besessenen vorher. Dort fährt er den Geist an, hier bedroht er das Fieber, bzw. gebietet dem Fieber zu weichen. Das Wort `επετίμησεν epetim¢sen anfahren, bedrohen oder gebieten`, setzt konkrete Worte der Bedrohung voraus, die uns nur bei der Heilung des Besessenen überliefert werden: „verstumme und fahre aus von ihm“- hier wird jedoch keine Aussage von Jesus überliefert.

Die Evangelisten Markus und Matthäus vermerken, dass Jesus die Patientin an der Hand nimmt. Markus fügt hinzu, dass er sie aufrichtet. Dies geschieht im Gegensatz zu manchen frommen Zeitgenossen, die es – so weit möglich – vermieden eine Frau (noch dazu eine remde) zu berühren, um sich nicht zu verunreinigen (Keener 1998, 90).

Lukas nennt ein typisches ärztliches Detail (Hendriksen 1978, 268): das „sich über den Patienten beugen.“

Weiter bedroht Jesus das Fieber und dies weicht dann tatsächlich spontan und vollständig. Matthäus ergänzt: „Er berührte ihre Hand und das Fieber verließ sie.“ So wird deutlich: Jesus richtet die Schwiegermutter in übernatürlicher Weise auf. Die griechische Verbformen in diesem Satz unterstreichen die punktuelle Heilung (Aorist) und das andauernde Dienen (Imperfekt). Sobald diese auf den Beinen steht, beginnt sie den selbstverständlichen Gastgeberpflichten nachzukommen. Als älteste Frau im Haus geht sie mit bestem Beispiel voran, um so zu zeigen, dass sie sehr wohl weiß, was alles zu tun ist, damit der Gast sich willkommen fühlt. So wird sie im weiteren Sinne die erste weibliche christliche Diakonin (Tischdienerin) von Jesus Christus (Edersheim 1979, 486).

Was für ein köstliches Mahl wird sie wohl bereiten nach dem Ende des Sabbats am Samstag Abend – selbst wenn die Speisen karg gewesen wären – die Freude der Anwesenden über die beiden Heilungen, über die „Vollmacht“, über die Beweise des anbrechenden Gottes Reiches war groß. Weiter ist zu bedenken, dass das Dienen der Frau bei Tisch vor Männern, die nicht zur Familie gehörten, „verpönt war“ (Strack Billerbeck 1982, 480), um sie nicht an den Aufenthalt unter Männern zu gewöhnen. Doch Jesus setzt solchen frauenfeindlichen Regeln eine offene Freiheit entgegen.

Mit diesen beiden Heilungen beginnt Jesus sowohl im öffentlichen Bereich (Synagoge) als auch im privaten Bereich (Simons Haus) seinen Dienst und richtete mit diesen sozialdiakonischen Handlungen Gottes Herrschaft auf.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe die Umstände und familiären Verhältnisse des Petrus.
  2. In welcher Weise bringst du Jesus mit „nach Hause“?
  3. Nenne biblische Personen die als „krank“ geschildert werden.
  4. Wie geht Jesus mit Krankheit um?
  5. Welche Erfahrungen mit Gott hast du in Krankheitsfällen gemacht?

 

3.6.3 Jesus predigt und heilt am Abend in Kapernaum

(Bibeltexte: Mt 8,16.17;  Mk 1,32-34;  Lk 4,40-41;  Jes 53,4)

 

Der Evangelist Lukas schreibt:

Und als die Sonne untergegangen war, brachten alle ihre Kranken mit mancherlei Leiden zu ihm. Und er legte die Hände auf einen jeden und machte sie gesund. Von vielen fuhren auch die bösen Geister aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Und er bedrohte sie und ließ sie nicht reden; denn sie wussten, dass er der Christus war. (Lk 4,40-41). Und der Evangelist Markus ergänzt: „Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.“ (Mk 1,33b).

Nach dem Ende des Sabbats wurde Simons Haus und Hof zu einer überfüllten Heilungsstation für Kranke in Kapernaum, da die Notleidenden kaum mit ihrer Not warten konnten bis es endlich Abend geworden war.

 

HINWEISS: Das Ende des Sabbats festzulegen war und ist für die Juden nicht einfach. Abgesehen davon, dass die Dämmerung sich nach Jahreszeit und Standort verändert, gibt es verschiedene Weisungen der Halacha, des Religionsgesetzes. Sie besagt, dass der Sabbat am Freitagabend vor Sonnenuntergang beginnt und am Samstagabend mit dem Nachtbeginn endet. Um ganz sicher zu gehen, verlangt die Halacha, den Sabbat am Freitag etwas früher zu beginnen und am Samstag etwas später als beim Anbruch der Nacht zu beenden. Das Sabbat-Ende wurde definiert: Die Sonne steht mit sieben Grad und fünf Bogenminuten unter dem Horizont. Dazu addiere man sicherheitshalber drei Minuten, und sämtliche Ungenauigkeiten sind ausgeglichen. So verläuft die Grenze der Nacht in der jüdischen Welt je nach Standort verschieden. Einigkeit herrscht nur in der Frage des Bezugsortes der Tabelle für die verschiedenen Orte und Daten: Jerusalem. Während des Sabbats ist es den Gläubigen nicht erlaubt, ein Feuer zu entfachen. Da es aber der Freude und dem Frieden des Sabbats abträglich sein könnte, wenn die Menschen lichtlos durch Dämmerung und Nacht gingen, wurde schon vor langer Zeit eine einfache Lösung gefunden und zur religiösen Pflicht erhoben: das Ritual des Kerzenanzündens vor der Dämmerung. Über den korrekten Zeitpunkt für das Anzünden der Kerzen ist man sich in der jüdischen Welt einig: 18 Minuten vor dem vorausberechneten Sonnenuntergang. Eine klare Sache, wenn man die Korrekturen für arithmetische Rundungsfehler, atmosphärische Brechungseffekte, lokale meteorologische Bedingungen und eventuelle Gangfehler der Hausuhr vernachlässigt. Doch in der Regel brennen die Kerzen rechtzeitig und tragen ihr warmes Licht über die Grenze der Nacht. Eine praktikable einfache Regel für den Beginn lautete: Der Sabbat geht zur Neige, wenn am Samstagabend die ersten drei Sterne am Himmel zu sehen sind.

Jesus heilte „viele“ (Mk 1,34) oder gar „alle“ (Mt 8,16). Es gab keine unheilbaren Fälle – auch war es für niemand zu spät – niemand war unveränderlich dem Tod geweiht. Der Evagelist Markus betont, dass Jesus viele und verschiedene Kranke heilte. Dabei wird deutlich der Unterschied zwischen Besessenen und anderen Leidenden gemacht. Der Evangelist Lukas schildert wie von einem Arzt zu erwarten ist: die Kranken werden von Nahestehenden gebracht, liebevoll wird jeder einzelne von Jesus empfangen, den Patienten werden die Hände aufgelegt und sie werden geheilt. Weder hier noch an anderen Stellen wird von Massenheilungen gleichzeitig berichtet, immer legt Jesus einzelnen Kranken die Hände auf, oft mit einer konkreten Frage verbunden: „was willst du, dass ich dir tun soll“ oder; „glaubt ihr, dass ich das tun kann?“ (Mk 10,51; Mt 9,28). Auch Lukas unterscheidet deutlich die Besessenen von anderen Kranken. Die Dämonen lies er dabei nicht reden, da er keine Worte (auch keine Werbung) von Seiten seines Erzfeindes: Satan hören wollte. Auf die Frage warum, die unreinen Geister Jesus als Gottes Sohn und Christus erkennen und ihn offenbaren, oder offenbaren wollen, könnte man antworten:

  • Sie bangten sich besonders um ihr aktives Fortbestehen („Bist du gekommen uns zu quälen ehe es Zeit ist“ – Mt 8,29). Denn dieser Befreiungsdienst von Jesus kündigte das Ende der Herrschaft des Bösen an.
  • Sie wollten Jesus sadistische Handlungen unterstellen (uns zu quälen) um ihn in Schwierigkeiten zu bringen – möglichst in einer Art, die seine Mission zum Scheitern bringen würde.
  • Jesus wusste um die zwei Stufen seines Dienstes: vor der Auferstehung in Niedrigkeit und nach der Auferstehung in Herrlichkeit – er wollte hier keine voreilige Vermischung der beiden Abschnitte. Wenn er sogar seinen Jüngern angeordnet hatte, niemandem zu sagen, dass er der Christus sei, um wie viel weniger wollte er sich durch die Dämonen publizieren lassen (Mt 16,20).
  • auch wenn die Dämonen Richtiges sagen, verherrlichen sie nur sich selbst („wir wissen“) und schaden Jesus, darum müssen sie (außer in einem Fall – Mt 8,28-32; Lk 8,30) in der Gegenwart von Jesus schweigen.

Eine wichtige Regel im Befreiungsdienst heute sollte beachtet werden: Keine Diskussionen mit den unreinen Geistern, denn alles, was sie sagen, sagen sie zu ihrem eigenen Vorteil. Sie vertuschen die Wahrheit, oft mit sogar richtigem und frommem Gerede.

In diesen Heilungen sieht der Evangelist Matthäus, inspiriert vom Heiligen Geist, die Erfüllung einer alttestamentlichen Prophezeiung: „Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen“. (Jes 53,4). Diese Worte hatte Jesaja vor 722 v. Chr. gesprochen – doch sie gingen weit über seinen damaligen Horizont hinaus.

In der erhaltenen rabbinischen Literatur tritt die Auslegung von Jes 53 auf den Messias erst seit dem 3. nachchristlichen Jahrhundert hervor; ihr bedeutendster Repräsentant ist hier der Prophetentargum. Neben der messianischen Auslegung geht die Deutung auf die Gerechten einher. Verhältnismäßig spät macht sich eine dritte Auffassung geltend. Diese jetzt im Judentum herrschende Auslegung hat zwar bereits in der Zeit des Origenes Vertreter gehabt, lässt sich aber für uns quellenmäßig erst seit Rabbi Schlomo ben Jizchak genannt: Raschi (gest. 1105 in Troyes) belegen  …  Rabbi Raschi legt die Frage von Jes 53,1 den Völkern der Welt in den Mund, die erst Israel für ein von Gott verworfenes Volk angesehen haben und nun erkennen, dass das Volk alle Leiden erduldet hat, nur um die Sünden der Weltvölker zu sühnen“ (Strack-Billerbeck1982, 481-485).

Ein weiterer Grund einmal den Studienort Raschi’s: Worms zu besuchen. Dort gibt es ein Raschi-Haus (Museum für jüdisches Leben in der Stadt).

Die Worte Jesajas klingen für uns so, als wären sie auf dem Hügel Golgatha angesichts der Schmerzen von Jesus gesprochen. Auf dem ersten Blick kann man den Eindruck gewinnen, als würde Matthäus über die Patienten von Jesus und Jesaja über das Leiden von Jesus sprechen. Doch dies ist kein Gegensatz, denn genau durch das Leiden von Jesus werden die Leidenden dieser Welt auf ewig geheilt.

Doch soll hier die Frage sehr deutlich gestellt werden: In welcher Weise trug Jesus unsere Leiden und Schmerzen:

  • Wir lesen von seinem tiefen Mitgefühl und von seinem Erbarmen (Mt 9,36; 14,14; 20,34; Mk 1,41; 5,19; 6,34; Lk 7,13). Auch in manchen Gleichnissen teilt, öffnet uns Jesus sein Herz. Hier spricht kein „Externer“ kein ferner Gott, sondern Gott mit uns!
  • Wir hören von seinem siegreichen Leiden für die Sünden aller Menschen, die den himmlischen Vater so sehr entehren. So war im übertragenen Sinne jeder Leidende für Jesus ein vorweggenommenes „Golgatha-Erleben.“
  • Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass Heilungen für Jesus nicht „leicht“ waren – genauso wenig wie der Zuspruch der Vergebung! Damit lud er de facto sowohl die Sünden, als auch das Leiden vorweg auf sich (1Petr 2,24).

In Jesaja 53,5 lesen wir: „(…) um unserer Vergehen willen (…)“. Letztlich ist jedes Leid auf die Ursünde der Menschheit: „Wir können ohne Gott leben!“ zurückzuführen. Die konkrete und direkte Verbindung zwischen Sünde und Leid/Krankheit wird uns allerdings nur selten offenbart – so sollten wir hier sehr zurückhaltend bleiben.

Dass Jesaja den Schwerpunkt jedoch auf die körperliche Wiederherstellung in der messianischen Zeit und den Zusammenhang zwischen körperlicher und geistlicher Heilung in der jüdischen Überlieferung legt (Jes 33,24), lässt den Schluss zu, dass Matthäus hier ebenfalls an den Aspekt körperlicher Heilung denkt. Das Kommen von Jesus markiert den Beginn der messianischen Ära, da Jesus den Menschen bestimmte Wohltaten dieser Ära schon vor dem Kreuz zugänglich macht“ (Keener 1998, 91).

Dieser enge Zusammenhang zwischen geistlichem und körperlichem Heil lässt uns in tieferen Schichten der Details des Reiches Gottes blicken. Das geistliche und körperliche Heil stehen hier in einem inneren Zusammenhang. Jesus trennt geistliche und sozialdiakonische Arbeit nicht künstlich – es ist eins! Jesus kommt und bringt Hoffnung, Heilung, Leben…! Was für ein Abend! Doch denken wir daran, dass solche offensichtlichen Zuwendungen Gottes als Gnadengaben, beinhalten auch eine große Verantwortung (Lk 10,15).

Die Nachricht von den Wunderwerken in Kapernaum, erreicht auch Nazaret (Lk 4,23). Dieser Heilungsabend in Kapernaum unterstreicht die Aussage des Evangelisten Johannes, dass Jesus noch viele andere Zeichen tat, die nicht im Einzelnen aufgeschrieben wurden (Joh 20,30).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Heilt Jesus damals wie heute alle? – Ist dann Krankheit ein Zeichen der Herrschaft der Sünde?
  2. Warum ließ Jesus die Dämonen nicht reden?
  3. Was ist besonders beim Befreiungsdienst zu beachten?
  4. Warum gehören geistliches Heil und ein sich Kümmern um das Leid der Mitmenschen immer zusammen?
  5. Ist es wichtig eine Reihenfolgen festzulegen: zuerst geistliche Hilfe und sekundär auch sozialdiakonische Hilfe?

 

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