3.9 Jesus beruft zwölf Jünger

3.9 Jesus beruft zwölf Jünger

(Bibeltexte: Mt 10,1-4;  Mk 3,13-19;  Lk 6,12-16)

3.9.1 Eine wichtige Entscheidung

Die Berufung der zwölf Jünger erfolgte höchstwahrscheinlich noch vor der Berglehre in der Nähe von Kapernaum (Lk 6,12-14; Mk 3,13-19). Der Evangelist Matthäus berichtet nicht von der Berufung, sondern setzt sie in Mt 10,1f voraus. Inzwischen hat Jesus eine beachtliche Zahl von Jüngern, die ihm nachfolgen. Die Zwölf sollen von Jesus als feste und beständige ´μαθητές – math¢tes´ Jünger/Schüler in die Nachfolge berufen werden. Sie sind mit der Berufung Jünger/Schüler, wie die Evangelisten sie meistens auch bezeichnen. Jesus gibt ihnen zwar gleich bei der Berufung den Status der Gesandten,´απόστολος – apostolos´ Apostel, doch werden sie in der Vorbereitungszeit nur gelegentlich so bezeichnet (Mk 3,15; 6.30;  Lk 6,13; 24,10; Apg 1,2.26). Nach Pfingsten bezeichnet man alle Gläubigen als Jünger. Die Zwölf werden ab dann regulär mit dem Titel Apostel bezeichnet.

Doch immer ist eine Berufung zum Dienst ein großes Wagnis. Jesus legt erst für sich allein eine Gebetsnacht auf einem Berg ein und beruft dann seine zwölf engsten Vertrauten. In dieser Nacht ringt er im Gebet und Gespräch mit dem Vater. Jesus muss auswählen – doch diese Wahl ist nicht einfach. Welche Kriterien sollen den Ausschlag geben? Er, der alles klar sah – hätte er nicht bessere aussuchen können? Hätte er nicht Judas aus Iskariot ganz außen vor lassen müssen? Wir merken sehr bald: er hat sich nicht die Besten, die Begabtesten und Angesehensten ausgesucht. Excellenz ist nicht das Kriterium von Jesus. Es ist aber auch nicht:

  • Charakter
  • Herkunft
  • sozialer Status
  • Bildung
  • Motive und Erwartungshaltung.

Im Weiteren bemerken wir immer wieder, das die Jünger noch lange nicht mit dem Heils- und Reichs-Gotteskonzept, dem Lebensstil und der Lehre von Jesus konform waren.

Wie auch die zwölf Stammesväter Israels (die Söhne/Enkel Jakobs) sehr unterschiedlich, ja zum Teil gegensätzlich waren und doch das gesamte Israel repräsentieren, so wählt auch Jesus zwölf ganz unterschiedliche Männer aus. Allerdings nicht aus jedem Stamm einen Repräsentanten, denn der größte Teil der jüdischen Zeitgenossen versteht sich als Nachfahren aus dem Stamm Juda, Levi und Benjamin – die Stämme des früheren Nordreiches und des Ostjordanlandes blieben verstreut und vielfach vermischt mit anderen Völkern. Kein Wunder, dass von keinem der zwölf Jünger von Jesus die Stammeszugehörigkeit bekannt ist. Natürlich hätte Jesus die Stammeszugehörigkeit bei jedem der zwölf Jünger wissen oder erfahren können. Doch anscheinend spielte für ihn diese verwandtschaftliche Abstammung aus einem bestimmten Stamm keine Rolle. Alle Jünger waren nach Ansicht der Schriftgelehrten: theologisch ungelehrte Laien (Apg 1,11; 4,11). Keiner von ihnen hatte also vorher schon die Chance gehabt einem offiziell anerkanntem Rabbi und seiner Lehre nachzufolgen. Wir können also schon sagen, dass sie religiös gesehen alle zum „B-Team“ gehören, die es einfach nicht ins „A-Team“ geschafft haben. Auffällig ist auch, dass sie alle aus der nördlichen Region Israels stammen. Galiläa, bekannt als galil ha-gojim Galiläa der Heiden. Die Galiläer stehen damals bedingt durch das enge Zusammenleben mit der zahlreichen nichtjüdischen Bevölkerung bei der geistlichen Elite in Jerusalem nicht gerade hoch im Kurs (Joh 7,52;  Apg 2,7). Jesus wählt die zwölf Repräsentanten seines neuen geistlichen Volkes wohl bewusst konträr zu menschlich gesehen nahe liegenden Wahlmethoden. Jesus ist so vollständig unabhängig von den gängigen Meinungen und investiert in diese zwölf Jünger. Elf von Ihnen werden dieses „Vertrauen“ rechtfertigen. Sie repräsentieren das Volk Gottes genau in der Brückenzeit zwischen Altem und Neuem Testament. Sie sind der innere Kern und später die Leiter des neuen Gottes Volkes: der ersten Gesamtgemeinde – Berufene aus Israel und den Nationen (Mt 10,5-6; vgl. auch Am 9,11 mit Apg 15,16 und Mt 28,19-20).

 

3.9.2 Jüngerlisten

(Bibeltexte: Mt 10,1- 4;  Mk 3,16-19;  Lk 6,13-16; Joh 21,1-3; Apg 1,13)

 

Die folgende Liste ist ein Versuch die verschiedenen Informationen über die Jüngerlisten zu ordnen:

Matthäus Markus Lukas (Johannes) Apostelgeschichte
Simon Petrus Simon Petrus Simon Petrus Simon Petrus Petrus
Andreas Jakobus (Boanerges) Andreas Johannes des Zebedäus Johannes
Jakobus Johannes (Boanerges) Jakobus Andreas aus Betsaida Jakobus
Johannes Andreas Johannes Jakobus des Zebedäus Andreas
Philippus Philippus Philippus Philippus Philippus
Bartholomäus Bartholomäus Bartholomäus Natanael von Kana Thomas
Thomas Matthäus des

Alphäus

Matthäus Thomas der Zwilling Bartholomäus
Matthäus, Steuereinnehmer Thomas Thomas Matthäus
Jakobus des Alphäus Jakobus des Alphäus Jakobus des Alphäus Jakobus des Alphäus
Thaddäus Thaddäus Simon genannt der Zelot Simon der Zelot
Simon Kananäus Simon Kananäus Judas Bruder des Jakobus Judas des Jakobus
Judas Iskariot Judas Iskariot Judas Iskariot Judas, Sohn des Simon Iskariot

 

Es fällt auf das die Liste in drei Gruppen von je vier Personen einteilbar ist. Dann sind die Namen der jeweils ersten in der Gruppe in allen Listen identisch. Manche Handschriften nennen hier auch: Lebbäus (Herz) genannt Thaddäus (Lobpreis).

ANMERKUNG: Manche Ausleger halten deshalb Thaddäus mit Judas des Jakobus für identisch und Simon Kananäus mit Simon den Zeloten. Kananäus kann die Region beschreiben, aber auch die Umschreibung für die Bewegung der Zeloten.

 

  1. Simon Petrus, Geburtsname Simon (Simeon), Sohn des Johannes (Jonas), stammt aus Betsaida, wohnt und arbeitet in Kapernaum, ist verheiratet und wird in den Jüngerlisten immer an erster Stelle genannt. Der Name Simon/Simeon erinnert an den Stammvater gleichen Namens und stammt von dem hebräischen Wort Shim’on, was „erhören“, „hörend“, „verstehend“ bedeutet. Den hebräischen Beinamen Fels = Kephas (griechisch: ´pe,troj petros) bekam er von Jesus zugesprochen und so wurde er in der Westkirche – lateinisch geschrieben – zum Petrus. Er wird insgesamt 198-mal im NT erwähnt, davon 29-mal mit dem Doppelnamen und 18-mal einfach als Simon.
  2. Johannes, der Sohn des Zebedäus und der Salome; Bruder des Jakobus wird am weithäufigsten im NT erwähnt. Die Familie des Zebedäus hat verwandtschaftliche Beziehung zur Familie von Jesus. Johannes ist die griechische Form des hebräischen Yochanan (יוחנן) und bedeutet „der Herr (JHWH) ist gnädig“ bzw. „der Herr sei mir gnädig“. Etwa 34-mal wird Johannes im NT erwähnt und nimmt neben Petrus in der ersten Gemeinde eine besondere Stellung ein. Johannes und Jakobus erhalten von Jesus den Beinamen: ´βοανεργές – boanerges – Donnersöhne´. Dies mag vielleicht auf ihr feuriges oder hitziges Temperament zurückzuführen sein (Lk 9,54) oder gibt Jesus ihnen damit etwas auf ihren Lweiteren Lebens- und Dienstweg. Während Jakobus als erster sein Leben vollendet – wird wohl Johannes der Jünger gewesen sein, der am längsten lebte.
  3. Jakobus, Sohn des Zebedäus finden wir an dritter Stelle in den meisten Listen. Dieser Name erinnert an den Stammvater Jakob (Fersenhalter-Lügner). Dies entspricht auch der Häufigkeit seiner Erwähnung im Neuen Testament. Wir finden seinen Namen 20-mal. Er gehört zum Dreierkreis, den Jesus immer wieder zu besonderen Anlässen mitnimmt. Von den Aposteln erlitt er als erster den Märtyrertod (Apg 12,2). Seine Familienangehörigen leben in Kapernaum und er arbeitet mit ihnen bis zu sejner Berufung im väterlichen Fischereiunternehmen.
  4. Andreas, sein Name bedeutet männlich oder mannhaft, er ist der vierte in zwei Listen, gehört chronologisch gesehen eigentlich zu den ersten zwei Jüngern, die Jesus schon seit der Begegnung am Jordan nachfolgen. Er scheint im Schatten seines viel bekannteren Bruders Simon Petrus zu bleiben. Er wird nur zwölf Mal erwähnt. Wie sein griechischer Name und auch die Episode mit den Griechen auf dem Passa-Fest in Jerusalem verraten, ist er wohl stark in der griechischen Kultur verwurzelt.
  5. Philippus, sein Name bedeutet Pferdefreund, er ist immer der erste im zweiten Drittel der Jüngerlisten. 15-mal wird er erwähnt und scheint eine recht aufgeschlossene Person zu sein. Er lässt sich zuerst auf Jesus näher ein und bringt auch Nathanael zu ihm. Später wird er gerne von Interessenten angesprochen. Er kommt wie Petrus und Andreas ursprünglich aus Betsaida.
  6. Nathanael, sein Name bedeutet: Gott hat gegeben. Er kommt aus Kana in Galiläa und ist nur im Johannesevangelium mit diesem Namen genannt (Joh.1,45.46.47.48; 21,2). Obwohl er mit diesem Namen in den übrigen Apostellisten nicht vorkommt, ist es unwahrscheinlich, dass er nicht zum Zwölferkreis gehört. In Joh 1,51 sagt Jesus zu Nathanael und den anderen gewandt (wörtlich übersetzt): „Ihr werdet den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes hinaufsteigend und herabsteigend auf den Sohn des Menschen.“ Und in Joh. 21,2 wird er als Jünger bezeichnet. Dies können Hinweise sein, die dafür sprechen, dass Bartholomäus und Nathanael ein und dieselbe Person sind: Bartholomäus ist auch kein aramäischer Eigenname, sondern bedeutet „Sohn des Tholmai.“ Weiter spricht für diese Verbindung, dass in den Apostellisten Bartholomäus immer gleich nach Philippus genannt wird, welcher ihn zu Jesus geführt hatte.
  7. Thomas, sein Name stammt aus dem aramäischen te’oma (תאומא) und bedeutet „Zwilling“. Mit seinem Namen verbindet sich bis heute sein anfänglicher Zweifel oder Unglaube bzgl. der Auferstehung von Jesus.
  8. Levi / Matthäus der Zöllner, den Lukas in der Berufungsgeschichte Levi nennt, bekommt bei Markus die verwandtschaftliche Zuordnung „(Sohn) des Alphäus.“ Levi erinnert an den Stammvater, die Bedeutung des Namens ist unsicher, evtl.: „verbunden mit“. Matthäus ist eine aramäische Zusammensetzung aus mattath = das Geschenk, die Gabe und Jahwe.
  9. Jakobus des Alphäus (Sohn) zur Unterscheidung von Jakobus des Zebedäus’ Sohn. In Mk 15,40 wird er wahrscheinlich auch `του μικρού, tou mikrou` der Geringere (manche übersetzen auch: der Jüngere) genannt.
  10. Simon aus Kana gehörte wohl zur Gruppe der Zeloten (Euferern), den jüdischen Nationalisten. Die Zeloten (…) obwohl es sich streng genommen um keine religiöse Partei im Sinne der bisher beschriebenen Gruppen handelt. Wollte man sie mit modernen politischen Bewegungen vergleichen, könnte man die Zeloten am ehesten als Guerillero-Bewegung bezeichnen. Die Römer und unsere Hauptquelle Flavius Josephus diffamieren sie als „Räuber“.
  11. Thaddäus, sein Name bedeutet: Lobpreis oder großherzig, mutig, der auch ‚Judas des Jakobus’ heißen könnte und wohl wie oft üblich einen Doppelnamen führte.
  12. Judas Iskariot „Mann aus Kiriot?“, der Jesus hernach verriet, übergab, auslieferte, verkaufte, bildet in allen Listen den Abschluss. Der Name ist abgeleitet von jadah = loben, preisen. Judas folgt Jesus ohne Unterbrechung, auch als viele andere gehen, bleibt er dabei. Es ist wohl zwecklos zu spekulieren, warum Jesus Judas auswählte. Jesus teilt es uns nicht mit. Er wird im Rückblick vom Evangelisten Johannes als Dieb bezeichnet (Joh 12, 6), er verwaltete die gemeinsame Kasse. Judas ist der Jünger, der Reue zeigte, jedoch nicht umkehrte, obwohl die Gnade des Vaters auch ihm galt.

Diese zwölf wählte Jesus als aktiven und ständigen Schülerkreis, um sie dann später zum Predigt- und Heilungsdienst auszusenden. Er schweißt sie in ca. dreieinhalb Jahren zu einem handlungsfähigen Team zusammen, das die Basis für die Gemeinde und das Reich Gottes bilden wird. Die Kraft, Weisheit und Liebe von Jesus verwandelt ein „B-Team“ in das „A-Team“ von dem alle Teams der Kirchengeschichte sich ableiten werden.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welcher aus dem Jüngerkreis fällt dir besonders auf?
  2. Wie beurteilst du die Auswahl von Jesus?
  3. Warum sind erhebliche Unterschiede in einem Team von Vorteil?
  4. Nenne praktische Details, was dieses Team zusammenhielt und zu einer Einheit machte!
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