Welches ist das erste und größte Gebot im Gesetz?

10.12 Lehrer, welches ist das erste und größte Gebot im Gesetz?

(Bibeltexte: Mt 22,34-40;  Mk 12,28-34)

Nach den Sadduzäern (Mt 22,23) kommen wieder Vertreter der Pharisäer zu Jesus. Im Gegensatz zu den Sadduzäern glauben Pharisäer an eine Auferstehung der Toten (Apg 23,6-8). Trotz mancher gemeinsamer Lehrmeinungen mit Jesus (Mt 23,3) berichten uns die Evangelisten von ihrer Ablehnung des Messias Jesus Christus. So schreibt der Evangelist Matthäus:

4          Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich. Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste (große, größte) Gebot im Gesetz? (Markus ergänzt mit dem Sch`ma Israel:Das erste Gebot ist das: »Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist einziger HERR (der einzige HERR)). Mt: Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst lieben den HERRN, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,5). Dies ist das höchste (große, größte) und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich (ähnlich): »Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst« (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,34-40).

Nach einer Zusammenkunft der Pharisäer, tritt einer aus ihrer Gruppe gezielt vor Jesus. Er hatte mitbekommen, wie treffend Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Wahrscheinlich spricht er im Auftrag und Absprache mit den anderen und stellte Jesus due Frage nach dem ersten Gebot. Der Evangelist Matthäus beschreibt ihn hier mit dem seltenen Begriff Gesetzeslehrer, Gesetzeskundiger, Gesetzeshaushalter (gr. μομικός – nomikos),). In griechischen  Handschriften uneinheitlich. Markus bezeichnet sie schlicht als Schriftgelehrte (gr. γραμματέυς – grammateus). Wir haben den Eindruck aus dem folgenden Gespräch, dass ein beiderseitiger Respekt die Grundlage für dieses Gespräch bildet. Trotzdem schreibt Matthäus, dass dieser Gesetzeslehrer Jesus versuchte. Das griechjsche Verb `πειράζων – peirazön` kann Versuchung (neg.) oder auch Prüfung (pos.) bedeuten.

Die vorangegangene Absprache in der Gruppe der Pharisäer erweckt den Eindruck, dass mit der Frage des Gesetzeslehrers Jesus herausgefordert werden sollte. Wird er sich zu dem einen Gott bekennen? Sie werden keinesfalls vergessen haben, dass er sich als Gottes Sohn ausgab und Gott seinen eigenen Vater nannte (Joh 5,17-18; 10,30-36). Dies war für sie Gotteslästerung und des Todes würdig.

Zweifellos aber standen viele der Pharisäer mit ihrer Frömmigkeit dem Reich Gottes nahe. Die Frage dieses eher noblen Zeitgenossen passt gut zu einem Denkrahmen: die im späteren Judentum zu 613 Geboten, davon 248 positiv und 365 negativ, zusammengefasst werden. „Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz“ (Mt 22,36)? Die Frage nach dem Superlativ der Gebote ist wesentlich, um eine Rangfolge erstellen zu können. Nach Markus antwortet Jesus mit den einprägsamen Worten des Sch`ma Israel aus 5Mose 6,5: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist der HERR allein (είς  eis – einer  Einziger) – im gr. als Zahlwort, (so auch in Eph 4,6; 1Tim 2,5). Für Jesus war es überhaupt kein Widerspruch zwischen: es gibt nur einen HERRN / Gott und der Aussage: „ich bin Gottes Sohn“, bzw. „ich und der Vater sind eins (als Zahlwort)“.(Joh 10,30-36). Matthäus fährt fort mit den Worten von Jesus über die Einzigartigkeit der Beziehung des Menschen zu Gott: „Du sollst lieben den HERRN, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. (Mk ergänzt: „und mit all deiner Kraft). Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich (gr. όμοίαomoia ähnlich): «Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst.» An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,37-40). Jesus lehrt hier, dass das gesamte geistlich-moralische Gesetz in einem Wort zusammengefasst werden kann: Liebe! (Röm 13,9; 1Kor 13,1-13). Jesus weist auf die Ausrichtungen dieser Liebe : auf Gott hin (5Mose 6,4-5) und auf den Nächsten (3Mose 19,18). Herz, Seele, Verstand und Kraft wirken zusammen diese Gottesliebe:

Herz (gr. καρδία – kardia): der Sitz der Persönlichkeit, die Schaltzentrale des menschlichen Seins, sein Geist

Seele (gr. ψυχή, – psych¢): der Sitz der Gefühle, die Summe der Empfindungen (der Begriff wird auch für das physische Leben verwendet)

Verstand (gr. διανοία – dianoia): das Denkvermögen, das Unterscheidungsvermögen, die Weisheit des Lebens

Beim Markus lesen wir, dass diese Liebe aus „deiner ganzen Kraftauf Gott ausgerichtet sein soll.

Hier ist kein Platz für jede Art von Halbherzigkeit. Wenn Gott seinen Sohn gibt – sich selbst gibt, wie kann dann der Mensch ein wenig lieben (Eph 5,1.2)?

Und die Liebe zum Nächsten in der Art und Weise sein soll, wie die Liebe zu sich selbst.

Zur Zeit des Reiches Israel war das Gebot der Nächstenliebe in der Praxis eingeschränkt. Christus zeigt in seinem Umgang mit verschiedenen Menschen ganz praktisch wer für ihn der Nächste ist und klärt eindeutig darüber auf, was es heißt seinen Nächsten zu lieben – lies hier Lk 10,29-37. Doch auch die Basis: sich selbst lieben findet in seiner Lehre Beachtung (Mt 7,12).

Die vollmächtige Schriftauslegung von Jesus, hat tiefe Wirkung auf den Schriftgelehrten, entsprechend ist seine Reaktion. Er antwortete seinerseits mit: „Recht (gut), Lehrer, du hast nach der Wahrheit geredet; denn er ist einer (er ist der Einzige), und es ist kein anderer außer ihm;“ Im folgenden wiederholt der Schriftgelehrte das Gebot der Gottesliebe und Nächstenliebe mit dem Zusatz: dies „ist viel mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ (Mk 12,32-33; 1Sam 15,22; Ps 51,18-19; Hos 6,61). Ein bewegender Augenblick tritt ein, denn nicht allzu oft gab es solch vollkommene Übereinstimmung in einer zentralen theologischen Frage. Und es folgt eine Bemerkenswerte Schlussfolgerung von Jesus: „Und als Jesus sah, dass er vernüftig antwortete, sagte er ihm: Du bist nicht ferne vom Reich Gottes. Und es wagte niemand mehr, ihn zu befragen.“ (Mk 12,34). Jesus hat immer die besten Antworten und daher wird er auch immer das letzte Wort haben. Es scheint, als ob der Fragekatalog an Jesus zu Ende ist, aber wie ist es bei Jesus, hat er noch Fragen an die Menschen? Siehe nächsten Abschnitt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Karikaturen von Pharisäern kennen wir? Treffen diese immer und auf alle zu?
  2. Warum steckt in uns selbst so viel von einem Pharisäer?
  3. Warum ist die Frage nach dem höchsten Gebot auch heute im Alltag wesentlich?
  4. Welchem Gottesbild, Gottesvorstellung begegnen wir heute? Wie stellt Jesus den einen Herrn und Gott vor?
  5. Können wir mit Liebe wirklich der Not dieser Welt begegnen? Ist Liebe nicht zu etwas romantischem eingeengt worden?
  6. Was heißt es mit aller Kraft aus Herz, Seele und Verstand zu lieben?
  7. Was heißt es in geistlicher Weise und ausgewogen sich selbst zu lieben?
  8. Sind die Pharisäer mit der Antwort von Jesus zufrieden geblieben? Wie war die Reaktion des Schriftgelehrten?
  9. Wie genau weis Jesus den wahren Stand eines Menschen? Was bedeutet es für uns?
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