II. Jesus – der Menschensohn

Jesus – der Sohn des Menschen

 

Seit dem Sündenfall (1Mose 3,1-14) ist das Streben des Menschen nach oben ausgerichtet, zu sein wie Gott. Und seit der Zeit offenbarte Gott nach und nach, wie er sich vorgenommen hat zum Menschen herab zu kommen. Schon in 1Mose 3,15 (dem sogenannten Protoevangelium – die erste Gute Nachricht) gibt Gott den ersten Hinweiss auf das Kommen eines Retters. Dort wendet sich Gott an die Schlange, hinter der der Diabolos, der Durcheinanderbringer steht, mit den Worten:

Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir (der Schlange) und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. (Elbf: „er wird dir den Kopf zermalmen und du wirst ihm die Verse zermalmen“).

  1. Vorbemerkung: Es fällt geradezu auf, dass in diesem Zusammenhang der Mann (Adam) gar nicht erwähnt wird. Liegt nicht bereits hier verborgen, dass der verheißene Retter als Menschensohn nur durch die Frau und ohne direkte Mitwirkung des Mannes, in diese Welt hineingeboren werden wird. Aus neutestamentlicher Sicht ist der Nachkomme der Frau eindeutig Jesus Christus, wie der Apostel Paulus in Galater 4,4-5 bestätigt: „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan,5auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.“
  2. Vorbemerkung: Welches symbolhafte Tierwesen oder einzelne Person, bzw. Geistwesen hinter dem Nachkommen der Schlange vermutet werden könnte, ist eine eigene Studie Wert, Weil sie nicht direkt zu diesem Thema gehört, wird darauf in dem Artikel unter der Überschrift „Der Antichrist – wer ist er und wann kommt er“ näher eingegangen (Webseite: http://gottesgeheimnis.net/2014/10/18/antichrist-wer-ist-das/).

Eva und Adam warteten im Glauben auf diesen verheißenen Nachkommen, der den Feind endgültig besiegen wird.

Abbildung 1 „Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte.“ (Gal 4,4-5). Zeichnung am 23. Januar 2015.

Diese Verheißung Gottes hegten die ersten Menschen sorgfältig, sie hofften und warteten auf den versprochenen Nachkommen. Wir lesen in 1Mose 4,1: „Und der Mensch (Adam) erkannte seine Frau Eva, und sie wurde schwanger und gebar Kain; und sie sagte: Ich habe einen Mann hervorgebracht (erworben) mit dem HERRN.“ Gut möglich, dass Eva bereits in ihrem Erstgeborenen den von Gott verheißenen Nachkommen sah. Doch er war es nicht und so handelten Eva und Adam weiter im Glauben und in der Hoffnung. Sie übermittelten die Verheißung weiter an ihren Sohn Seth und ihren Enkel Enosch. So lesen wir in 1Mose 4,25-26:

Adam erkannte abermals seine Frau, und sie gebar einen Sohn, den nannte sie Set (Ersatz); denn Gott hat mir, sprach sie, einen andern Sohn gegeben für Abel, den Kain erschlagen hat. Und Set zeugte auch einen Sohn und nannte ihn Enosch. Zu der Zeit fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.

Auch bei der Geburt des Noah erinnerte man sich an das Versprechen Gottes, einen Retter zu senden. So lesen wir in 1Mose 5,28-29: „Lamech war 182 Jahre alt und zeugte einen Sohn und nannte ihn Noah und sprach: Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf dem Acker, den der HERR verflucht hat. Und auf eine ungewöhnliche Weise wurde Noah zum Retter seines eigenen Hauses, wie später der Autor des Hebräerbriefes erklärt: „Durch den Glauben hat Noah Gott geehrt und die Arche gebaut zur Rettung seines Hauses, als er ein göttliches Wort empfing über das, was man noch nicht sah; durch den Glauben sprach er der Welt das Urteil und hat ererbt die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt.“ (Hebr 11,7).

Doch erst bei Abraham erinnert Gott ausdrücklich an seine Verheißung und zwar im Zusammenhang mit dessen Glaubenstat, der Opferung seines einzigen Sohnes Isaak (1Mose 22,1-17). So hat Gott Abraham in seine Pläne einbezogen, gab ihm Isaak wieder zurück und verhieß ihm einen bestimmten Nachkommen mit den Worten: „Und durch dein Geschlecht (gr. εν τω σπέρματί σουen tö spermati sou in deinem Samen, Nachkommen  (im Singular)) sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden, weil du meiner Stimme gehorcht hast.“ (1Mose 22,18). In dem Zusammenhang mit der Verheißung an Abraham macht Gott deutlich, dass Er das Kommen des Retters, wie er es der Eva verheißen hatte (1Mose 3,15) in ein konkretes familiäres Gefüge stellt. Die Linie zu dem Nachkommen verläuft nun über Abraham, Isaak, Jakob, Juda, David, Serubbabel Josef, sozusagen als juristische Träger der Verheißung und des Verheißenen. Durch die Offenbarung des Heiligen Geistes, macht der Apostel Paulus deutlich, dass der bestimmte Nachkomme Abrahams – Christus sei. So lesen wir in Galater 3,16: „Nun sind die Verheißungen Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: »und den Nachkommen«, als wären viele gemeint, sondern es gilt einem: »und deinem Nachkommen« (1. Mose 22,18), welcher ist Christus.“  Diese juristische Zuordnung der Abstammung des verheißenen Retters hebt der Evangelist Matthäus am Anfang seines Evangelienberichtes hervor wenn er schreibt: „Buch des Ursprungs ((gr. γενέσεωςgeneseös  – Abstammung, Herkunft, Geburt, Geschichte) Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Die einleitenden Worte des Evangelisten: `βίβλος γενέσεωςbiblos geneseös  – Buch der Geschichte`, umfassen weit mehr als nur den Anfang, die Geburt, oder die Herkunft, den Stammbaum. Es ist die Überschrift des gesamten Matthäusevangeliums – das Leben und Lebenswerk von Jesus Christus.

Der Evangelist Lukas führt die menschliche Abstammungslinie von Jesus rückwärts gewandt über Josef, Serubbabel, David, Abraham und bis Adam (Lk 3,23-36). Damit wird die menschliche Herkunft und die juristische Einordnung des Menschensohnes in der Menschheitslinie hervorgehoben. Wichtig für den Evangelisten Matthäus war auch, die natürliche, bzw. gesetzmäßige Abstammung des Menschensohnes vom Hause David abzuleiten. Denn Gott verhieß dem David durch den Propheten Nathan: „Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich.“ (2Sam 7,12-13).

Abbildung 2 Die heutige Stadt Nazareth in Südgaliläa mit überwiegend arabisch-christlicher Bevölkerung ist Anziehungspunkt für die meisten Pilger, welche aus aller Welt nach Israel(Palästina kommen (Foto: Juli 1994).

Und der Evangelist Lukas berichtet von der Botschaft des Engels Gabriel an Maria, in der an die Verheißung, die Gott dem David gab, angeknüpft wird. So schreibt der Evangelist: Und im sechsten Monat (der Schwangerschaft der Elisabeth) wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau (παρθένος parthenos), die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. 

Abbildung 3 Die römisch-katholische Verkündigungskirche in Nazareth. Die Ursprünge des Kirchenbaus an dieser Stelle gehen in das 4. Jh. zurück in Erinnerung an die Verkündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an die Jungfrau Maria. Die früheren Kirchengebäude wurden durch Eroberungen und auch Erdbeben immer wieder zerstört und wieder aufgebaut. Die heutige Basilika stammt aus dem Jahre 1955 (Foto: Juli 1994).

Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. (Lk 1,26-33).

Der Evangelist Matthäus schreibt in seinem Evangelienbericht über das Kommen des Menschensohnes in diese Welt folgendes:

Mit dem Ursprung (gr. γένεσιςgenesis  – Anfang, Beginn, Entstehung, Geburt) Jesu Christi verhielt es sich aber so: Als nämlich Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren, schwanger befunden (gr. εν γαστρί έχουσαen gastri echousa im Mutterschoß habend) von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht öffentlich bloßstellen wollte, gedachte sie heimlich zu entlassen. Während er dies aber überlegte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen! Denn das in ihr Gezeugte (gr. γεννηθένgenn¢then) ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären (gr. τέξεταιtexetai), und du sollst seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden. (Mt 1,18-21 – Elbf.).

Folgende Aspekte in diesen Texten erhellen unser Thema:

  1. Der Engel Gabriel ist ein himmlischer Bote (ἄγγελος – angelos), von Gott ausgesand zur Überbringung wichtiger Borschaften (Dan 8,16.17.21; für Daniel; Lk 1,19: für Zacharias; 1,26: für Maria). Er ist für die Menschen im jüdischen Kontext (Zacharias und Maria) bereits ein vertrauenswürdiger himmlischer Bote. Auch Josef wird durch einen Engel, der sich nicht namentlich vorstellt, im Traum aufgefordert zu handeln.
  2. Die Erscheinung des Engels und das Gespräch mit Maria wird räumlich lokalisiert. Die Stadt in Galiläa heißt Nazareth. Wie in Israel üblich, lebten die Töchter bis zu ihrer Heirat im Haus ihrer Eltern. Josef dagegen als Mann war von seinem Geburtsort weggezogen und arbeitete in Nazareth als Häuserbauer.
  3. Im Zusammenhang der Menschwerdung des Sohnes Gottes war es wesentlich, dass der verheißene Retter von einer Jungfrau geboren wird. Daher ist es hier angebracht, auf den Inhalt und Bedeutung der beiden griechischen Begriffe, welche den Status der Maria beschreiben, einzugehen. Erstens: Maria wird mit dem Begriff `παρθένος parthenos` bezeichnet. In insgesamt sieben Texten des Alten Testamentes der LXX (die griechischen Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes) wurde der hebräische Begriff `almah` mit `παρθένος parthenos – Jungfrau` übersetzt (1Mose 24,43 (16); 2Mose 2,8; Psalm 68,26; Hohelied 1,3; 6,8; Spr 30,19: Jes 7,14. Warum das, wenn doch der Begriff `ha almah` einfach nur `junge Frau` bedeutet? Zum einen können wir den jüdischen Übersetzern zutrauen, dass sie wohl wussten, was sie taten, schließlich waren sie unvoreingenommen, im Gegensatz zu den heutigen Kritikern des Neuen Testamentes. Zum anderen ist in der Tat aus keiner der sieben Stellen ersichtlich, dass es sich bei der Bezeichnung `ha almah` um bereits verheiratete junge Frauen handelt oder gar um junge Frauen, die bereits außerhalb einer Ehe sexuelle Beziehungen hatten, also nicht mehr jungfräulich gewesen wären. Denn nach dem Mosaischen Gesetz war die Jungfräuligkeit des Mädchens sowohl für sie selbst, ihren Vater und den zukünftigen Ehemann ein hohes Gut (5Mose 22,13-21). Dafür beschreibt dort der Begriff ´παρθένια – parthenia´ eindeutig und unmissverständlich den Zustand eines heiratsfähigen Mädchens oder Verlobten, das noch jungfräulich ist. Daher ist es naheliegend, dass der Begriff `παρθένος parthenos` auch in den Texten des Neuen Testamentes dieselbe Bedeutung hat, nänlich die `Unberührtheit` eines Mädchens oder Verlobten (Lk 1,26; Mt 1,18-25; 25,1.11; Apg 21,9; 1Kor 7,25.28.34.36.37.38; und bezogen auf die Gemeinde, als Braut des Christus: 2Kor 11,2; Offb 14,4). Maria war dem Josef rechtskräftig verlobt, vertraut (μνηστευθείσης – mn¢steutheis¢s) aber es fiel weder ihr noch Josef ein, vor der Ehe, also vor der Heirat, miteinander sexuell zu verkehren. Hätte Gott sexuellen Verkehr zwischen Verlobten (oder sogar zwischen befreundeten) Menschen freigegeben, hätte die Jungfrauengeburt von Jesus durch Maria nie und nirgendwo Glauben gefunden. Gott sind seine Werke von Anfang an bekannt, er ist weise und hat der Frau und damit der Maria eine wunderbare Sicherheit für ihre Würde und einen Beweis der Unberührtheit gegeben. Gott sei gelobt für diese weise Schöpfungsordnung! Und so ist es auch selbstverständlich, dass Maria als `Jungfrau` den Engel Gabriel fragt: „Wie wird dies zugehen, da ich von keinem Mann weiß (gr. ἄνδρα οὐ γινώσκωandra ou gnöskö – keinen Mann erkenne)?“ Zweitens: Obwohl bereits dem Josef verlobt `ἐμνηστευμένην – emn¢steumen¢n`, bekennt sich Maria eindeutig zu ihrer Jungfräuligkeit (Lk 1,34), denn das griechische Verb für `erkennen` meint im physisch-körperlichen Bereich zunächst  Geschlechtsverkehr, so zum Beispiel: „Und Adam erkannte (ἔγνω – egnö) seine  Frau Eva, und sie ward schwanger (…).“ (1Mose 4,1). Dass Maria zum Zeitpunkt des Engelbesuches dem Josef verlobt war, bestätigt auch der Evangelist Matthäus (Mt 1.18). Durch die Verlobung war Maria formal-juristisch dem Josef als Frau Wie die Detailvorschriften aus 5Mose 22,16-21 deutlich machen, standen verlobte Mädchen unter größerem Schutz als noch nicht Verlobte. Die sexuellen Übergriffe auf verlobte Mädchen wurden hart geahndet. Daher konnte die Schwangerschaft für Maria schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.
  4. Die Antwort des Engels ist klar, aber auch ganz ungewöhnlich, ja sie enthält übernatürliche Vorgänge:

Abbildung 4 Das unendliche Blau des Himmels, die Wolken und Berggipfel erinnern an die himmlische Sphäre, von der aus sich Gott im Laufe der Geschichte den Patriarchen, den Propheten Mose, Samuel, David, aber auch der Maria in Nazareth offenbart hat (Foto: Petra im Süden von Jordanien 5. November 2014).

Der Heilige Geist wird über (auf) dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich   überschatten; darum wird auch das werdende             Heilige (gr. γεννώμενον αγίονgennömenon         agion das Heilige, das geboren werden wird),       Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,34-35).

Auch im Bericht des Evangelisten Matthäus wird die Schwangerschaft der Maria ausdrücklich dem Heiligen Geist zugeschrieben: „Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen (πρὶν συνελθεῖνprin ¢ synelthein), dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist.“ (Mt 1,18). Für diese ungewöhnliche Zeugung fand der Evangelist eine alttestamentliche Prophezeiung aus dem Buch des Propheten Jesaja: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen.“ (Jes 7,14). Diese Prophezeiung ist wie viele alttestamentliche Aussagen Doppeldeutig. Das Zeichen, dass eine `junge Frau` schwanger wird, bezog sich zuerst auf Jesajas Zeitgenossen Ahas und das Volk Juda. Der hebräische Begriff `hm’l.[;h‘ ha±almah` bedeutet, wie bereits oben beschrieben, allgemein: die `junge Frau im heiratsfähigen Alter`, kann aber auch die weibliche Person bezeichnen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte (was in Israel die Regel war). So konnte es kommen, dass zur Zeit Jesajas und Ahas eine Jungfrau von einem Mann geheiratet wurde und entsprechend auf menschlich-natürliche Weise schwanger wurde. Und nach der Geburt gab man dem Kind den Namen `Immanuel` (Jes 7,14; 8,8). Aber wie viele andere Verheißungen des Alten Testamentes barg auch dieses für Israel  besondere `Namens-Zeichen` eine noch in der Zukunft liegende Erfüllung. Bei der Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes in die griechische Sprache wurde gerade auch an dieser Stelle der Begriff `parqe,noj – parthenosJungfrau` gewählt. Wenn also im Jesaja-Text nicht explizit gesagt wird, wie oder durch wen die Jungfrau zur Zeit des Jesaja und Ahas schwanger wird, so betonen beide neutestamentliche Evangelisten, dass Maria als `Jungfrau` durch das Wirken des Heiligen Geistes schwanger wurde. Geleitet durch den Heiligen Geist sieht der Evangelist Matthäus in der Jesajastelle eine gewisse Parallele zu den Ereignissen seiner Zeit. Das der verheißene Retter `Immanuel – Gott mit uns` genannt werden soll, hebt nicht nur Gottes Gegenwart zur Zeit des Königs Ahas hervor, sondern im Besonderen auf die einzigartige und bis dahin nie dagewesene Gegenwart Gottes unter seinem Volk in der Person des Messias-Jesus hin (Lk 7,16: „Gott hat sein Volk besucht.“).. ANMERKUNG: Kritiker des Neuen Testamentes behaupten, dass Götter und Söhne von Göttern in der heidnischen Antike auf ähnliche Weise geboren wurden. Doch sei hier auf den unübersehbaren Unterschied zu den so genannten religionsgeschichtlichen „Parallelen“ hingewiesen. Der biblische Bericht ist zurückhaltend, nüchtern und beschreibt nicht den Vorgang der Empfängnis im Detail. Somit ist die Jungfrauengeburt tatsächlich ohne jegliche biblische oder gar religionsgeschichtliche Ähnlichkeit. Vergleichbar mit der jungfräulichen Empfängnis ist lediglich der alttestamentliche Gedanke des Wohnens (yTin>k;v;scha½anti ich wohne = Schechinah die Einwohnung) Jahwes bei den Menschen z. B. in der Stiftshütte (2Mose 25,8-9).

  1. Obwohl durch die Botschaft des Engels deutlich wird, dass der verheißene Retter durch eine Jungfrau in diese Welt hineingeboren wird, hat Gott Vorsorge getroffen, dass dieser Retter unter Gesetz, das heißt auch unter den Schutz des Gesetzes gestellt wird (1Mose 3,15; Gal 4,4). Und in diesem Zusammenhang nimmt Gott einen Mann in die Pflicht. Es ist Josef aus dem Hause David, der Verlobte von Maria (Mt 1,18-25; Lk 1,27; 2,1-5;  Mt 2,13-23;  Lk 2,21-49), Nach äußerlichen Kriterien wurde Jesus von seinen Landsleuten zu Recht für den Sohn Josefs gehalten (Joh 1,45; Lk 3,23; Joh 6,42) und daher wird er auch zu Recht dem Hause David gerechnet und des öfteren auch als `Sohn Davids` bezejchnet oder gar angerufen (Mt 9,27; 15,22; 20,30.31; 21,9; 21,15; 22,42).
  2. Maria stammte wahrscheinlich (wie auch Elisabeth ihre Verwandte), aus dem Hause Aaron (Lk 1,5.36), doch für die gesetzliche Zuordnung spielte die Herkunft der Frau (in diesem Fall bei Maria) keine Rolle. In der jüdischen Ehe wurden die Kinder (von Ausnahmen abgesehen 5Mose 25,5-6) dem Mann, seinem Haus und damit auch seinem Stamm zugerechnet. Ein Beispiel: Der Levit Aaron heiratete Elischeba aus dem Stamm Juda, doch die Kinder aus dieser Ehe wurden nun dem Stamm Levi und dem Hause Aaron zugerechnet wie der Vergleich von 2Mose 6,23 mit 4Mose 1,7 verdeutlicht).
  3. Mit der Einwilligung Josefs, seine Verlobte Maria (vom Engel bereits als `seine Frau` bezeichnet) im schwangeren Zustand zu sich zu nehmen – das heißt sie zu heiraten, übernimmt er nicht nur formal-juristisch, sondern auch ganz praktisch die Verantwortung und Fürsorgepflicht für das zu erwartende Kind (Mt 1,24-25).
  4. Beiden Evangelisten (bzw. dem Heiligen Geist) scheint die Tatsache wichtig zu sein, dass Maria ohne Zutun des Josef schwanger geworden ist. Dazu die scheinbar unmerkliche Bemerkung des Evangelisten Matthäus: „Und er erkannte sie (die Maria) nicht, bis sie einen Sohn gebar.“ (Mt 1,25a).
  5. Mit den verschiedenen Begriffen wird hier zwischen Empfängnis und Geburt deutlich unterschieden – Empfängnis durch den Heiligen Geist, Geburt durch Maria. Die Wendung: `εν γαστρί έχουσα – en gastri echousa im Mutterschoß habend, oder empfangen hatte` beschreibt die übernatürliche Empfängnis durch den Heiligen Geist und die Kraftwirkung des Höchsten. Doch diese Umschreibung wird auch in den Geschichten für die natürliche Empfängnis verwendet. Gott bedient sich auch der vorhandenen menschlichen Begriffe für sein göttliches Tun. Der Begriff: `γεννηθέν – genn¢then Gezeugte` (empfangene – Empfängnis) in diesem Fall geschieht es auf eine übernatürliche Weise. Der Begriff `τέξεται – texetai)`, wird nur für den Vorgang der Entbindung verwendet. Ähnlich bei den verschiedenen grammatischen Formen: `έτεκεν – eteken sie gebar; τεκείν tekein zu gebären, τεχθείς techtheis der geborene` (Lk 1,57; 2,6-7; Mt 2,2).

Johannes der Jünger von Jesus bezeugt die Menschwerdung des ein(einzig)-geborenen Sohnes Gottes mit den Worten:

Im Anfang war das Wort (ο λόγοςo logos), und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles wurde durch dasselbe, und ohne dasselbe wurde auch nicht eines, das geworden ist. (…) Und das Wort ward (wurde) Fleisch (gr. ο λόγος σαρξ εγένετοo logos sarx egeneto) und wohnte (zeltete) unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. (Joh 1,1-3; 14).

Beachten wir die korrekten grammatischen Formen von `war` und `wurde` in den Versen 1-3. Zum Zeitpunkt des Anfangs der schöpferischen Tätigkeiten, war das Wort bereits da (vgl. auch Offb 1,4). Durch das Wort wurde oder entstand, wird das bis dahin nicht Existierende beschrieben. Und nun wird der Mitschöpfer selbst Geschöpf in der Gestalt des Menschensohnes (Joh 1,14).

Der Apostel Paulus knüpft an die Verheißung an, die Gott der Eva gegeben hatte (1Mose 3,15) wenn er in Galater 4,4-5 von der Menschwerdung des Sohnes Gottes spricht. (…) als aber die Fülle der Zeit (gr. πλήρωμα του χρόνουpl¢röma tou chronou) kam, sandte (aussandte) Gott seinen Sohn, geboren (gr. γενόμενονgenomenongeworden, entstanden) von einer Frau, geboren (geworden, entstanden) unter dem Gesetz (νόμοςnomos). Gesetz ist hier im umfassenden Sinne gemeint. Gott selbst bestimmte das Wann, das Wie und durch Wen, bei der Menschwerdung seines Sohnes. Der Begriff `γεννώμενον – gennömenon das Werdende, Entstehende`, umfasst in diesem Zusammenhang sowohl den Prozess der Entwicklung des Kindes im Mutterleib während der Schwangerschaft, als auch die anschließende Geburt.

Einer der theologisch starken und inhaltsvollen Beschreibungen über die Menschwerdung des Sohnes Gottes finden wir in dem Brief des Apostels Paulus an die Philipper. Gerade der Apostel Paulus, der von den Leugnern der Gottheit Christi gerne zitiert wird, macht die erstaunlichsten Aussagen über die Menschwerdung des Sohnes Gottes. Er schreibt in Kapitel 2,6-8:

Welcher sich in der Gestalt Gottes befand, das Gott gleich zu sein (τὸ εἶναι ἴσα θεῷto einai isa theö), nicht festhielt wie einen Raub, sondern entäußerte sich selbst und nahm die Gestalt eines Sklaven an (εκένωσεν μορφήν δούλου λαβώνekenösen morf¢n doulou labön), ward in Ähnlichkeit der Menschen und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.

Abbildung 5 Die Krippe und das Kreuz – die Geburt von Jesus in Bethlehem und sein Sterben auf Golgatha gehören zusammen.

Die Wendung: `τὸ εἶναι ἴσα θεῷto einai isa theö`, beschreibt die göttliche Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater. Genau so verstanden die Juden Jesus, indem sie ihm vorwarfen, sich Gott gleich zu stellen – ἴσον θεῷison theö (Joh 5,18). Im Vergleich  dazu ist der Mensch nur Gott ähnlich (1Mose 1,26). Der Begriff `έκένωσεν – ekenösen` steht für Entäußerung, Entleerung. Der ewige, göttliche Sohn Gottes tritt aus seiner Herrlichkeit, die er bereits vor Grundlegung der Welt hatte,  heraus (Joh 17,3-5). Die Wendung: `μορφήν δούλου λαβών – morf¢n doulou labön`, beschreibt die reale Gestalt eines Knechtes (wörtlich: Sklaven) welche er angenommen hat und in allem als realer Mensch erkannt wurde – so ist er abhängig geworden von der Pflege, Fürsorge und Schutz durch die Eltern. Er empfand Hunger und Durst, wurde müde und angefochten. In seiner Körperlichkeit wurde er fähig zu sterben. Solch eine Erniedrigung leistete sich Gott um unseretwillen – ist das nicht auch göttliche Herrlichkeit!

Mehrere wichtige Aspekte werden in den bis dahin zitierten Texten hervorgehoben:

  1. Der verheißene Retter ist Gottes Sohn, er wird von seinem Vater ausgesendet in der Fülle der Zeit um in diese Welt hinein zu kommen.
  2. Bei der Menschwerdung, der Inkarnation – Fleischwerdung des Sohnes Gottes ist sowohl der Vater, als auch der Heilige Geist kraftvoll wirksam. Dieser Vorgang ist göttlicher Natur, ohne das Zutun von Maria, sie empfängt nur, nachdem sie ihre passive Bereitschaft bekundet hatte: „mir geschehe, wie du gesagt hast“. (Lk 1,34-38).
  3. Für das Wachstum im Mutterleib und die darauf folgende Geburt selbst, ist Maria die Mitwirkende und Ausführende – sie gebar (Lk 1,31b; 2,6-7).
  4. Wie durch die Frau die Sünde in diese Welt hineingekommen ist, so kommt der Erlöser von den Sünden auch durch eine Frau in diese Welt hinein (1Mose 3,1ff;  1Tim 2,14;  Mt 1,18-25;  Gal 4,4-5).
  5. Der Retter – geworden (durch göttliche Handlung) aus/durch eine Frau (1Mose 3,15;  Gal 4,4) schließt eine Beteiligung eines Mannes aus, denn Maria war und blieb Jungfrau bis einschließlich der Geburt ihres erstgeborenen Sohnes – Jesus (Lk 1,34;  Mt 1,24-25). Jedoch ist der Mann als Schutz- und Fürsorgegebender von Gott durch den Auftrag des Engels, einbezogen (Mt 1,24-25).
  6. Der verheißene Retter –  geworden (geboren) unter Gesetz (Gal 4,4). Gesetz (νόμος – nomos) schließt absolut alles ein: Gehorsame Erfüllung, bzw. Einhaltung aller Forderungen Gottes dem wahren Inhalt nach. Tatsächliche Erfüllung aller Voraussagen und Verheißungen. Erfüllung der rituellen Vorschattung aller Opfervorschriften in der Hingabe seines Lebens als vollgültiges Opfer.

 

Im Neuen Testament kommt die Bezeichnung ´Menschensohn oder Sohn des Menschen´ gr.: ´υιός του ανθρώπου – yios tou anthröpou´ ungefähr 76 mal vor (bei Matthäus 26 mal, bei Markus 13 mal, bei Lukas 23 mal, bei Johannes 11 mal, in der Apostelgeschichte 1 mal und in der Offenbarung 2 mal). Doch war diese Bezeichnung schon im Alten Testament bekannt gewesen, so in Daniel 7,13-14 wo geschrieben steht:

Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht. Der gab ihm Macht, Ehre und Reich, dass ihm alle Völker und Leute aus so vielen verschiedenen Sprachen dienen sollten. Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende.

Es gab Gründe, weshalb Jesus Menschensohn werden musste, einer davon war: „Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er’s gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel.“ (Hebr 2,14).

Johannes nennt sogar ein Kriterium für das Unterscheiden zwischen dem Geist Gottes und anderen Geistern: „Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist (also aus seiner Göttlichkeit heraustrat und Mensch wurde), der ist von Gott.“ (1Joh 4,2). Wer dies leugnet, wird von Johannes in die Kategorie `antichristlicher Geist` eingereiht.

 

Jesus war und ist Gottes Sohn, er wurde Menschensohn und diese zwei Naturen behält er auch in alle Ewigkeit. Dies wird bestätigt in der Vision des Stefanus, die er empfing am Schluß seiner Verteidigungsrede vor dem Hohen Rat in Jerusalem: „(…) und (Stefanus) sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ (Apg 7,56).

Während Johannes der Apostel in der Verbannung auf der Insel Patmos war, sah er im Geist sieben Leuchter (Gemeinden) „und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie der Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme.“ (Offb 1,13-14; Vgl. auch 14,14).

Wie gut, dass Jesus als ewiger Gottes Sohn für uns und wegen uns zum Menschensohn wurde, das heißt in allem wurde er uns Menschen gleich, ausgenommen die Sünde. Somit wurden die Voraussetzungen geschaffen, dass Er als der zweite Adam (Mensch) durch sein Sterben und Auferstehen die Sünde und den Tod besiegte. Seine geistlichen Nachkommen sind gleich wie Er selber, Menschen des ewigen Lebens. „Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.“ (1Kor 15,22).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Ab wann begann Gott, seine Gedanken und Pläne mit seinem Sohn, den Menschen zu offenbaren?
  2. Verfolge und Beschreibe die beiden Linien bei der Menschwerdung des Sohnes Gottes – die Göttliche und die Menschliche.
  3. Jesus bekannte sich zu seiner Gottessohnschaft, doch warum spricht er mit Vorliebe von sich als dem Menschensohn?
  4. Nach welchen Kriterien urteilten die Zeitgenossen von Jesus über seine Herkunft?
  5. Was waren die Gründe, wieso die Juden Jesus als verheißenen Menschensohn nicht erkannten, oder erkennen wollten?
  6. Warum musste der Sohn Gottes Menschensohn werden?
  7. Die Menschwerdung des Sohnes Gottes ist für Juden und Moslems ein großes Problem. Wie können wir unseren Glauben an diese Wahrheit ihnen erklären?
  8. Warum ist es wichtig für unseren Glauben, an den beiden Naturen von Jesus festzuhalten?

 

 

 

 

 

Abbildung 6 (Sonnenaufgang über der östlichen Ägäis bei Keramoti – Nordostgriechenland). Foto: 15. September 2016.

Doch es wird nicht dunkel bleiben über denen, die in Angst sind. Hat er in früherer Zeit in Schmach gebracht das Land Sebulon und das Land Naftali, so hat er hernach zu Ehren gebracht den Weg am Meer, das Land jenseits des Jordans, das Galiläa der Heiden. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jes 8,23 – 9,1).

Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.“ (Jes 9,5-6).

„Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh 8,12).

 

 

 

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