Das Tischgebet – mehr als ein Ritual

Überarbeitet von Luzi Luft

Die Kinder bekamen alle eine Juniortüte mit einem Made-in-China-Spielzeug darin. Unser Tablett quoll  über von BigMac, Pommes und 5 Getränken und den zerrauften McDonalds – Servietten, als wir einen freien Tisch im überfüllten Fastfood-Tempel fanden. Während wir uns aus den Mänteln schälten, die Chicken Nuggets und die süßsaure Soße verteilten und uns der Duft des modernen Hackbratens in die Nase stieg, stupste uns unser Jüngster an: „Wir haben noch nicht gebetet!“     Mit einem kurzen Blick nach rechts und links stellte ich fest, dass die Tischnachbarn mit tiefer gelegten Hosen, Baseballcaps und Silberschmuck  vermutlich mehr mit Vin Diesel, als Jesus Christus anfangen konnten, schob trotzig mein Kinn vor und betete nicht allzu leise: „Vater im Himmel, wir danken Dir für das gute Essen. Amen!“ Befriedigt nahm ich das unbefangene dreistimmige „Amen“ meiner Nachkommen zur Kenntnis, denen dies weder peinlich noch ungewöhnlich vorkam, während mein werter Gemahl begann, die Trinkhalme in die Becher zu stecken. Nun konnte es losgehen. Die cool guys hatten kurz aufgehört zu kauen…

 

Rückblende:

Und Gott sprach zum Mann: “Weil Du auf Deine Frau gehört hast und von dem verbotenen Baum gegessen hast, sei Dein Acker verflucht. Mühevoll sollst Du Dich von ihm nähren Dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er Dir tragen und Du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße Deines Angesichts sollst Du Dein Brot essen…“

Wenn nicht um diese Zeit herum, so doch spätestens zur Zeit nach der Sintflut, als die klimatischen und geologischen Gegebenheiten das Antlitz der Erde komplett verändert hatten, war es den Menschen klar, dass nichts mehr, was zum Leben unabdingbar notwendig ist, selbstverständlich an Bäumen hängt und nur darauf wartet, geerntet zu werden. Mühevoll wurde das tägliche Brot ausgesät und geerntet, Fleisch wurde erlegt, Kräuter, Beeren und Obst gesammelt. Man lebte in einer existentiellen Abhängigkeit von Boden und Wetter und war darauf angewiesen, dass der Ackerboden Frucht hervorbrachte. Wo das nicht der Fall war, war das Leben bedroht.

In der Bibel wird oft darüber gesprochen, wie eng eine gute Gottesbeziehung mit dem Segen des Ackerbodens zusammenhängt. Gott spricht von Olivenbäumen, Weinbergen, Milch und Honig und anderen kulinarischen Kostbarkeiten, die er mit dem Gehorsam an sein Wort und dem Einhalten der Gesetze verknüpft.

Die vordergründige Abhängigkeit vom Ackerboden sollte eigentlich darin gipfeln, dass man sich an ihn und sein Wort „hängt“ und ihm als Schöpfer und Geber aller guten Gaben den ersten Platz im Leben einräumt.

 

Auch im Neuen Testament wird in vielen Kapiteln darauf hingewiesen, dass es für Juden selbstverständlich war, dass Leib und Seele Nahrung brauchen und zusammen gehören:

 

  • Bei der Speisung der 5000 blickte  Jesus gen Himmel und segnete (`eulogisen`) das Brot und die Fische (Mt. 14,19). In Joh. 6,11 wird ergänzt, dass Jesus dankte (`eucharistisas`), so auch in Joh. 6,23.
  • Bei der Speisung der 4000 heißt es: „Und Jesus dankte (`eucharistisas`) für das Brot und die Fische   (Mt.15,36)
  • Ebenso `dankte` Jesus für das Brot beim Abendessen mit Kleopas und dessen Freund im Dorf Emmaus (Lk. 24,30)
  • Auch Paulus schreibt, dass die Speisen, die Gott geschaffen hat mit `Danksagung` in Empfang genommen werden sollen (1.Tim. 4,3-4; vgl. 1.Kor. 10,30)
  • Nicht nur im Kreis der Gläubigen dankt Paulus für das Essen, sondern auch in der Öffentlichkeit     (Apg. 27,35)

 

Aus diesen Bibelstellen wird deutlich, dass sich ein Tischgebet aus 2 Strängen zusammensetzt: dem Segnen des Essens und dem Dank dafür. Ein Segen drückt die Wertschätzung der Gaben aus, angelehnt an das „Sehr gut“ Gottes aus der Schöpfungsgeschichte. Dem folgt der Dank, eine Reaktion auf das Geschenk des Gebers und eine Würdigung seiner Person.

 

Bis noch vor rund hundertfünfzig Jahren gehörte der Dank an Gott selbstverständlich zur normalen Tischkultur. Es wurde erst nach dem Tischgebet gegessen, oft gab es noch ein Gebet für danach. Leider sieht es heute meistens ganz anders aus: mehr und mehr entstand zwischen der Ackerscholle und dem Menschen eine industriell bedingte Distanz, ein Gefühl für Werden und Wachsen ist schon lang heraus zivilisiert. Heute erwirbt man nur noch im Supermarkt oder beim Bäcker das fertige tägliche Brot.

Aus dem ersten „Gott segne diese Mahlzeit“, wurde irgendwann die „Gesegnete Mahlzeit“ und heute quält man die Mitmenschen in der Mittagspause mit einem  gelangweilten „Mahlzeit“. Mit den vollen Tellern schien der Wortschatz abzunehmen und je voller der Magen, desto geringer die Fähigkeit, einen Satz zur Ehre des Gebers herauszuwürgen. Sollte sich  dieser Trend fortsetzen, wäre es nur logisch, sollte bald auch noch die Mahlzeit wegfallen…

 

„Bitte“ und „Danke“ sind die Grundformen des Miteinanders. Jeder will seine Kinder zu Sitte und Anstand erziehen. Man bringt ihnen bei, dass man nicht laut rülpst, im Bus den Omas den Sitzplatz anbietet und seinen eigenen Dreck wegräumt. Wieso ist es so schwer, Gott gegenüber „artig“ zu sein? Die Kleinen machen eben das nach, was die Großen vormachen.

Zu einer guten Kinderstube sollten Gottesfurcht und Dankbarkeit, die durch das Tischgebet ausgedrückt werden, genauso dazugehören, wie das Händewaschen.

 

Aber auch hier muss es den Kleinen logisch und nachvollziehbar bleiben.

Ich erinnere mich an ein Mittagessen in meiner Kindheit, als wir alle erwartungsvoll am Tisch saßen, der sich unter den feinsten Speisen fast bog. Alle wurden nochmal andächtig still und falteten die Hände. Und dann betete Opa. Und wie er das tat! Er betete und betete, es nahm einfach kein Ende. Er dachte an die Erlösung und Jesu vergossenes Blut, an die Armen und Kranken und vor allem diejenigen, die den  Herrn noch nicht kennen, er bedauerte seine eigenen Verfehlungen und Unvollkommenheiten und bat darum, treu bleiben zu können bis zum Ende, er lobte und pries und verherrlichte.  Unsere Kindermägen rutschen tiefer und tiefer, die Augenlider sanken herab und die Stimmung ebenso. Als der Marathon gesprochen war, war die Suppe kalt und Opa hatte vergessen, für das Essen zu danken.

 

Tischgebet ist keine Olympische Disziplin! Es sollte möglichst etwas mit der damit verbundenen Materie zu tun haben. Es gibt unzählige kreative  Möglichkeiten, Kindern den Wert der Speisen zu vermitteln und den daran geknüpften Dank an Gott: man kann ein Gedicht aufsagen, man kann ein gemeinsames Danklied singen, man kann in eigenen Worten dem Vater im Himmel für das Essen danken, man kann miteinander – auch außerhalb von Erntedank – das Ernten und Mahlen von Weizen erforschen, miteinander kochen und Brot backen und von Anfang an bewusst machen, was wie auf unseren Tisch gekommen ist.

 

Kinder lieben Rituale. Die Geborgenheit innerhalb der Familiengemeinschaft an einem liebevoll gedeckten Tisch wird unmittelbar mit dem „Sorget nicht“ von Jesus empfunden – der Vater im Himmel ist es, der alle versorgt und uns in seiner Familie willkommen heißt. Wenn sie von Anfang an lernen, dass das Essen mit einem Dankeschön an Gott verknüpft wird, gehört dies für sie einfach zusammen und wird ihnen ein bleibender Wert sein.

 

Neben dem gesundheitlichen und gesellschaftlichen Aspekt gäbe es noch sehr viel mehr dazu zu sagen: nicht selten war ein Tischgebet Anlass, mit nichtgläubigen Gästen über Gott zu sprechen.  Oft war es das Dankgebet, das Menschen unterschiedlichster Kulturen über dem gemeinsamen Essen miteinander verbunden hat. Wer hat es jemals erforscht, wie ein „gesegnetes“ Essen auf unsere Verdauung und das Nervensystem wirkt? Die ganze Atmosphäre wird sich verändern, das Essen (so karg es vielleicht auch sein mag) wird schmecken und dem Körper gut tun, die Hände, die es zubereitet haben, werden in den Segen mit eingebunden und gewürdigt, man meckert weniger, denn der Herr sitzt ja auch mit zu Tisch.

Sicher ist auf jeden Fall: aus dem einst „verfluchten Acker“ wird nun ein Mahl im Bewusstsein der Gegenwart des Herrn. Dafür zu danken ist ja wohl das mindeste!

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Ein Kommentar zu Das Tischgebet – mehr als ein Ritual

  1. Ernst Rudolf Schlamp sagt:

    Danke für den Beitrag.
    Kinder lieben Rituale. Kinder lieben Ordnung und brauchen Ordnung. Und für den Erwachsenen, der gerettet ist, ist es mehr als Anstand, DANKE zu sagen Gott gegenüber. Wen wundert es noch, bei all den Kochsendungen im Fernsehen, dass die Grundsubstanzen eigentlich alle nur von GOTT kommen, die Vielfalt und die Erfindung von Geschmack, die verschiedenen „Verpackungen“ für den Geschmack und inklusive die Gesundheit darin? Es ist eine große Finsternis, in der die Leute leben, die Gott nicht erkennen im täglichen Leben und die für das Essen nicht danken können. Das Ritual ist eine Hilfe, Scham und Kleinglauben zu überwinden. Einmal, in Kassel, habe ich im Restaurant bei Tisch gebetet, ich war allein, anschließend setzte sich gleich ein Bruder zu mir an den Tisch:“ ich habe Sie gesehen beim Gebet“. So macht das Jesus. Kein Gebet ist umsonst.

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