Unterwegs mit Jesus – Kapitel 4: Die zweite Dienstperiode – Jesus in Jerusalem, Judäa und Samarien

4.1 Der erste Jerusalembesuch

(Bibeltext: Joh 2,13; 3,22; 4,3)

Jesus zieht es immer wieder nach Jerusalem. Schon früher reisten seine Eltern jedes Jahr zum Passahfest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt war, blieb er sogar unbegleitet dort allein im Tempelbezirk. Seine damalige Begründung des Fernbleibens von der elterlichen Pilgergruppe lautete: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist“ (Lk 2,49). Diese Begründung birgt mehr in sich als eine bloße Zugehörigkeitserklärung zum Tempel in Jerusalem. So sind seine Jerusalembesuche nicht nur Gesetzeserfüllung (2Mose 34,24), sondern auch inneres Bedürfnis und Verantwortung gegenüber seinem himmlischen Vater und dem Volk Israel. Die Aussage in Matthäus 23,37b „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt…“, spricht von seinen mehrfachen Versuchen Jerusalem zu gewinnen.

Nur der Evangelist Johannes berichtet von diesem ersten Besuch in Jerusalem. Wir haben schon in der Einleitung festgestellt, dass Johannes drei Passahfeste ausdrücklich nennt (Joh 2,13; 6,4; ab 11,55 das letzte Passah), in Joh 7,1ff ein Laubhüttenfest und in Joh 5,1 ein nicht näher beschriebenes Fest der Juden. Die Synoptiker dagegen berichten nur vom letzten Passahbesuch in Jerusalem.

Fragen:

  1. Gibt es gute Gründe für die Beachtung des Kreislaufes der biblischen Feste?
  1. Wie nutzt Jesus diese Feste?
  1. In welcher Weise lassen sich Traditionen im Sinne von Jesus füllen?

4.2 Jesus reinigt den Tempel und macht ihn zum Ort der Anbetung

(Joh 2,14-25;  Mt 21,12-17;  Mk 11,15-19;  Lk 21,45-48)

Alle vier Evangelisten beschreiben den gewaltsamen Eingriff von Jesus in die Tempelordnung.

Abbildung: Modell des Herodianischen Tempels, an dem 46 Jahre gebaut wurde und der  von den Römern im Jahre 70 n. Chr. zerstört wurde (Foto: P. S. April 1986).

Die Synoptiker ordnen sie harmonisch in die Passionsgeschichte ein. Dies ist verständlich, denn sie beschreiben nur einmal den letzten Passahbesuch. Der Evangelist Johannes, der mindestens drei Passahfeste erwähnt, versucht dieses Ereignis wahrscheinlich eher chronologisch in seinen Bericht einzubauen. Er berichtet von der Tempelreinigung beim ersten Passahbesuch in Jerusalem (Joh 2,13ff). Der Evangelist macht damit deutlich, dass Jesus schon zu Beginn seines Dienstes auf die Unordnung und die Fehlentwicklung bei den Tempelordnungen reagiert. Dieser Eingriff in die Tempelordnung erfolgt vor dem Passahfest (2Mose 12,1-14). Im Jahr 30 n. Chr. fällt das Fest, also der 14. Nisan (5./6. April) wahrscheinlich auf einen Mittwoch.

Wer hat das Sagen im Haus Gottes?

Jesus zögert keinen Augenblick, die Missstände die er im Tempel antrifft offen zu kritisieren. Sie sind auch für andere gottesfürchtige Juden offensichtlich. Manche wie z. B. die Qumran-Gruppe haben sich angesichts der Zustände ganz vom Zentralheiligtum in Jerusalem und besonders von der Priesterschaft gelöst und sind aus religiösen Gründen fern der Dörfer und Städte in eigene klosterähnliche Anlagen gezogen.

Bei diesem Fest sehen wir eine ungewöhnliche Seite von Jesus, besonders die angewandte Gewalt und Strenge erstaunt uns. Wir können sie als Glied folgender Kette sehen:

  • Jakob ordnete in seiner Familie an, sich von den fremden Götzen zu trennen
  • Mose zerschlug angesichts des Goldenen Kalbes im Eifer um den Herrn die ersten zwei Tafeln des Bundes
  • Josia – einer der wenigen frommen Könige – renovierte das Haus Gottes, verbannte den Bilderdienst und führte religiöse Reformen im ganzen Land durch
  • Judas Makkabäus entfernte alle fremden Gegenstände aus dem Tempel im 2. Jh. v. Chr.
  • Der Eifer um das Haus des Herrn (Ps 69,10) ergreift auch Jesus. Mit einer Peitsche aus Binsenstricken treibt er Verkäufer von Ochsen, Schafen und Tauben aus dem Tempel hinaus. Den Geldwechslern stößt er die Tische um. Zwei Vorwürfe spricht er dabei aus:
  1. Macht nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus
  2. Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Räuberhöhle gemacht

Was Gott selbst angeordnet hatte, wurde auf gewinnbringende Weise missbraucht (5Mose 14,24). Manche vermuten, dass zu diesem Zeitpunkt im Tempel eine organisierte Geschäftsstruktur herrscht, die wir heute als mafia-ähnlich beschreiben würden. Der Hohepriester muss seine Bestätigung im Amt „kaufen“ und kontrolliert daraufhin gewinnbringend das Geschäft mit Opfertieren und dem Geldwechsel (unreines Geld mit Bildprägungen wird gegen Opfergeld ohne Bild getauscht). Religion und Mafia scheinen sich zu vertragen. Nichts Neues unter der Sonne – denn schon die Söhne des Hohenpriesters Eli, missbrauchten schamlos ihre Position als Priester zu ihrem eigenen Vorteil (1Sam 2,12).

Nach der zeitweisen Räumung des Tempels übergibt Jesus ihn wieder seiner eigentlichen Bestimmung: „Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker“ (Jes 56,7).

Und es traten Blinde und Lahme in dem Tempel zu ihm und er heilte sie“ (Mt 21,14).

Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! Wurden sie unwillig und sprachen zu ihm:Hörst du, was diese sagen“ (Mt 21,15-16a)?

Jesus antwortet ihnen mit dem Wort aus der Schrift:

Ja, habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“ (Vgl. Mt 21,16b mit Ps 8,3). Wie gut steht es um eine Gemeinde, wenn Säuglinge und Unmündige im Gottesdienst zu hören sind!

Auch Markus und Lukas berichten von der Unzufriedenheit und den Mordplänen der Schriftgelehrten nach diesem Eingriff in die Tempelordnung (Mk 11,18;  Lk 19,47-48). Sie fragen Jesus: „Wer hat dir diese Vollmacht gegeben, dass du dies tun darfst“? Oder: „Was tust du für ein Zeichen, dass du dies tun darfst“? Jesus antwortet ihnen: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“. Jesus redet hier verschlüsselt vom Tempel seines Leibes, weiss aber, dass die aufgestachelten Gegner damit nur den vor ihnen aufragenden Gebäudekomplex meinen können. An dieses verschlüsselte Wort erinnern sich später die Autoren der Briefe:

  • Der Tempel seines Leibes ist die Gemeinde (1Kor 6,16;  Eph 2,21).
  • Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben, denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr (1Kor 3,17).

 

Hinweise zur Prüfung:

  • Frömmigkeit kann zum Gewerbe werden – doch unser Einkommen soll dem Reich Gottes dienen, nicht umgekehrt (1Tim 6,5).
  • Habsucht und Gewinnsucht können sich sehr leicht in den frommen Alltag einschleichen (2Petr 2,3; Kol 3,5).
  • Ehrsucht, Stolz, Überheblichkeit, Eigennutz kann sich breit machen.
  • Status und Karriere kann mehr zählen als Gottes Ehre.
  • Die Ellenbogenmetalität oder Ichbezogenheit kann sich auch in unserer Gemeinde ausbreiten und Schwache verdrängen.
  • Neid kann uns blind machen für Gottes wunderbares Wirken an anderen – besonders, wenn sie erfolgreicher sind als wir.

Die Stätte der Anbetung ist in erster Linie unser Herz, dann die Familie, dann die Ortsgemeinde, dann die Stadtgemeinde, dann die weltweite Gemeinde. Wahre Anbetung geschieht im Geist und in der Wahrheit

Gottes Haus – ein Bethaus für alle Völker – das motiviert zum Gebet für die lokale, regionale und globale Mission!

Fragen:

  1. Warum wird die Tempelreinigung bei den Synoptikern am Ende und bei Johannes am Anfang beschrieben?
  1. Warum ergriff Jesus der Eifer um das Haus seines Vaters?
  1. Was geschah nach der Reinigung des Tempels?
  1. Wie reagierten die Priester und die Schriftgelehrten im Volk auf die Tat von Jesus?
  1. Was hat diese Episode mit uns oder unserer Gemeinde heute zu tun?

4.3 Das Ergebnis seines Dienstes in Jerusalem

(Joh 2,23-25)

Jesus bleibt während des ganzen Passahfestes in Jerusalem und viele kommen zum Glauben an ihn. Viele Festpilger bemerken seine Autorität und erkennen ihn als großen Propheten und auch als Messias an. Der Hauptgrund für diesen Glauben sind die Zeichen, welche er tat (Joh 2,23). Doch dieser Glaube ist meist nicht so tief gegründet, dass es ein rettender Glaube wird. Die Worte und Taten von Jesus beeindrucken und stützen den rettenden Glauben (Joh 20,30.31) doch führt er nur bei wenigen Zeitgenossen von Jesus zum ewigen Leben. Auffallend ist hier, dass der Evangelist Johannes kein einziges Zeichen nennt oder ausführt, vielmehr geht es ihm darum, zu zeigen, wie die Menschen darauf reagieren.

Wir lesen weiter, dass Jesus sich ihnen nicht anvertraut. Hier wird auch im griech. Text jeweils das gleiche Wort genutzt: Sie vertrauten ihm evpi,steusan episteusan doch Jesus vertraute sich ihnen nicht an ouvk evpi,steuen auvto.n ouk episteusen auton. Die Menschen vertrauen – doch Jesus vertraut nicht? Jesus hält also zu den begeisterten Massen Distanz. Er betrachtet sie nicht als wahre Gläubige, denen er sich anvertrauen kann. Jesus weiss, wie sich diese gleichen Menschen bald gegen ihn stellen werden. Er sieht dem einzelnen ins Herz und erkennt die tieferen Motive, Absichten und Interessen (=Herzenseinstellung). Jesus ist Menschensohn, doch hier wird auch deutlich, dass er als gesandter Sohn vom Vater die Fähigkeit besitzt, Gedanken und sogar Motive im Herzen vieler Menschen gleichsam zu erkennen. Dort sieht er unaufrichtige und oberflächliche Begeisterung – er sieht wie rasch diese Zustimmung verfliegen wird, wenn seine Leidenszeit anbricht. Jesus ist nicht der Star, der den Beifall seiner Fans benötigt. Sein Dienst ist unabhängig von der Aufnahme oder Ablehnung seiner Person oder Botschaft.

Fragen:

  1. Jesus sieht/erkennt Gedanken von Menschen und sogar deren Motive,- tröstet es uns, oder macht es uns vielleicht sogar unruhig?
  1. Wie können in unserer Gemeinde Beziehungen entstehen, bei der tiefes Vertrauen wachsen kann?
  1. Wem kann man sich anvertrauen – wem besser nicht?
  1. Wie können wir in unserer Mitarbeit unabhängiger und beständiger werden, gerade angesichts von Menschen, die schnell Zustimmung oder Ablehnung äußern?

4.4 Nikodemus besucht Jesus bei Nacht

(Joh 3,1-21)

Dieser längere Abschnitt kann in drei Abschnitte eingeteilt werden: Einleitung, drei Fragen und drei Antworten und eine umfangreichere Lehreinheit von Jesus.

Nur der Evangelist Johannes nimmt uns mit in die angenehmere Kühle einer orientalischen Nacht, bei der Jesus den wohlhabenden (Joh 19,39) Mann mit dem griechischen Namen Nikodemus[101] zu einem vertraulichen Gespräch empfängt. Der griechische Name des Gastes muss nicht auf eine griechische Herkunft hinweisen, da seit der Zeit der Makkabäer viele Juden auch griechische Namen tragen.

Nikodemus gehört zur Gruppe der Pharisäer, die wahrscheinlich auch während der Zeit der Makkabäer entstand. Seit dem 2. Jh. v. Chr. lehnten sich gottesfürchtige Juden gegen den um sich greifenden Bilderkult griechischen Ursprungs auf. Während der Verfolgungszeit unter Antiochus Ephiphanes standen die chasidim oder Frommen fest zu ihrem Glauben. Diese waren die Vorläufer der Pharisäer (der Abgesonderten), die sich ab ca. 135 v. Chr. etablierten.

Die positiven Absichten der Pharisäer sind:

  • Betonung von Gottes verbindlicher Torah (Unterweisung, auch Gesetz)
  • Bereitschaft zu einem Leben als Gottes Volk im bewussten Kontrast zu den Völkern der Nachbarschaft
  • moralische Verantwortlichkeit des Menschen
  • Bereitschaft zum vorbildlichen Lebensstil
  • Unsterblichkeit der Seele
  • Auferstehung des Leibes
  • Existenz von Dämonen
  • Hinweis auf Gericht, Strafe und Belohnung am Ende der Tage

So gibt es doch auch die negative Seite:

  • Veräußerlichung der Frömmigkeit
  • juristisches Denken
  • Standesdünkel (ich bin frömmer als die dort)
  • Hartherzigkeit gegenüber Leid, Schwäche, Sünde, Stigmatisierte, Ausgegrenzte
  • Tendenz: Gerecht wird der Mensch durch seine guten Werke

Jesus findet harte Worte für sie (Mt 5,20; 16,6.11.12; 23,1-39; Lk 18,9-14). Entgegen der heutigen Antipathie sind Pharisäer damals die geachteten Mitbürger eines jeden Ortes. Viel von ihrer Sympathie gewinnen sie durch ihren festen Stand gegen das Herrschaftshaus Herodes. Zu dieser Gruppe gehört Nikodemus – noch dazu zu den leitenden Kreisen, denn er ist ein Mitglied des Hohen Rates (Sanhedrin). Weiter ist er ein professioneller Ausleger und Lehrer des alttestamentlichen Gesetzes. Dieser findet nun angemessen in der Kühle der Nacht, nachdem die Tagesaktivitäten beendet sind, in einer eher ruhigen Stunde seinen Weg zu Jesus.

Nikodemus begrüßt Jesus mit dem Bekenntnis, dass er und andere die ähnlich wie er denken, ihn als wahren Prophet betrachten. Niemand könne schließlich solche Wunder bewirken, als nur ein göttlicher Prophet. Übrigens wissen wir nicht, ob dies Gespräch in Aramäisch oder Griechisch geführt wurde. Wir haben Hinweise, dass beide Gesprächspartner beide Sprachen beherrschen.

Ohne dass Nikodemus irgendein Anliegen vorbringt, berichtet uns der Evangelist Johannes, wie Jesus die Initiative ergreift und die ungestellte Frage beantwortet: „Was muss ich tun um das Reich Gottes zu ererben?“ Diese Frage stellte ja auch der reiche, junge Vorsteher (der Synagoge? Mt 19,16). Die Antwort von Jesus ist ein Rätselwort (mashal), typisch für Rabbis zurzeit von Jesus. Im Griechischen haben wir das Problem, was Jesus mit dem „von oben geboren“ a;nwqen anœthen meint. Es kann „von oben“ bedeuten (Joh 3,31; 19,11; 19,23). Jesus würde damit auf eine „Geburt von oben“ hinweisen. Dennoch hat dieses Wort noch weitere Bedeutungen:  aufs Neue, nochmals (Gal 4,9) oder von Beginn, vom ersten (Lk 1,3; Apg 26,5). Da die letzte Bedeutung wegfällt, so hat Nikodemus – und wir heute – die Wahl zwischen zwei Bedeutungen. Sprechen die beiden Gelehrte Aramäisch, so würde die Doppeldeutigkeit dieses einen Wortes wegfallen – dennoch muss sich dann Nikodemus mit dem Argument beschäftigen, dass jeder noch einmal geboren werden muss. Jesus macht damit deutlich, dass weder die natürliche Abstammung von Abraham, noch die kultische Zugehörigkeit zu Gottes erwähltem Volk oder gar die frommen Leistungen der Abgesonderten zur ewigen Errettung genügen. Menschen müssen von oben neu geboren werden, dh. der Heilige Geist pflanzt in das Leben eines Gläubigen dieses Leben, das seinen Ursprung nicht auf der Erde, sondern im Himmel hat. Diese Wende ist so radikal, dass Jesus sie als eine Geburt bezeichnet.

Im weiteren Gespräch wird deutlich, dass Nikodemus diesen Punkt missversteht. Es ist absurd: Ein Erwachsener soll nochmals geboren werden… Niemand kann das – bestimmt kein Alter! Jesus weist jetzt auf die Geburt aus Wasser und Geist hin.

  • Ein möglicher Schlüssel für dieses Rätselwort finden wir in Joh 1,22. Dort finden wir beides dicht beieinander: Wasser und Geist. Mit Wasser getauft zu sein ist gut, doch reicht nicht. Das reinigende Werk des Heiligen Geistes muss als Siegel hinzukommen. Beides ist wichtig: das Wasser zu Beginn (Taufe) und dann das fortdauernde Werk der Reinigung durch den Heiligen Geist im Prozess der Heiligung.
  • Eine andere Erklärung finden wir in 1Petr 1,23: „Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem Samen, sondern aus unvergänglichem durch das lebendige und bleibende Wort Gottes. Das lebendige und bleibende Wort Gottes bewirkt die Wiedergeburt. Im Zusammenhang von Eph 5,26 lesen wir von dem reinigenden Wasserbad des Wortes: „…um sie zu heiligen, sie reinigend durch das Wasserbad im Wort.“ Das Wasser = Wort bewirkt zusammen mit dem Geist das neue Leben.

Jesus wiederholt seine Worte, daraus können wir schließen, dass diese sehr, sehr fremd in den Ohren von Nikodemus klingen.

Das Beispiel vom Wind macht die Souveränität des Heiligen Geistes beim Prozess der Geburt von oben deutlich – niemand kann die Winde dieser Erde lenken oder gar stoppen. So wirkt auch der Heilige Geist unabhängig von uns – immer überraschend, immer wieder aus einer andere Richtung – ohne die Auswirkungen vorhersagen zu können – immer ein Geheimnis! Was für ein komplett anderer Ansatz ist dies für Nikodemus, dem seit frühester Kindheit eingetrichtert wurde, dass Rettung durch vollkommenen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz, also Disziplin, Kontrolle und Selbstbeherrschung möglich sei.

Nikodemus kann dieses verinnerlichte System nicht einfach abstreifen – doch gerade diese Art der Selbsterlösung macht ihn immun für das Wirken des Heiligen Geistes. Jesus spricht ihn darauf höflich als respektierten Lehrer in Israel an, der trotz aller seiner Studien, trotz des Predigten von Johannes dem Täufer und den Predigten von Jesus immer noch nichts „versteht“. Doch das eine „Verstehen“ gewinnt man durch menschliches Reflektieren – das andere „Verstehen“ durch die Nähe zum himmlischen Vater. Jesus spricht hier in der 1. Person Plural: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und unser Zeugnis nehmt ihr nicht an.“ Sieht er sich hier mit Johannes dem Täufer in einer Linie? Zumindest Joh 3,5 deutet daraufhin – während Joh 1,7.8.34 direkt auf das Zeugnis durch Johannes den Täufer hinweisen. Während der Bußprediger am Jordan schon eine „harte Nuss“ ist – was ist erst der Sohn eines Bauhandwerkers aus Nazaret, wenn dieser von Wiedergeburt spricht? Wenn der aufrichtige Fromme von der Unmöglichkeit der Rettung durch Gehorsam nicht zu überzeugen ist – wie soll Jesus ihm dann den göttlichen Heilsplan von der Sendung seines Sohnes erklären? Nur er, der Sohn, hat darüber Informationen aus erster Hand. Ihm, den Menschensohn allein haben wir in Bezug auf den göttlichen Plan zur ewigen Erlösung zu vertrauen. Hier nimmt Jesus zu einer recht seltsamen Episode bei der Wüstenwanderung des Volkes Israel Bezug: die erhöhte Schlange aus Metall (4Mo 21). Das murrende Volk (nicht genug Wasser und Brot) wusste sich durch tödliche Schlangebissen der göttlichen Strafe ausgesetzt. Hier war die einzige Rettung die erhöhte Schlange aus Metall, die Mose auf Befehl des Herrn herstellen ließ. Jeder mit dem tödlichen Gift in seinem Körper konnte durch einen Blick auf die Schlange gerettet werden (4Mo 21,8.9). Folgende ähnliche Dinge fallen uns zwischen der erhöhten Schlange und dem erst ans Kreuz und dann zum Vater erhöhten Christus auf:

  • der Tod wartet auf die Menschen
  • Gott bietet in seiner Barmherzigkeit einen Ausweg an
  • der Mensch hat zur Hilfe aufzublicken
  • Heilung erfolgt bei jedem mit einem aufrichtigen glaubenden Herzen

Klar geht es im AT um den zeitlichen, bei Jesus dagegen um die Rettung vor dem ewigen Tod; damals ging es um körperliche Heilung, jetzt aber um ewige Heilung; von der Schlange selbst ging keine Kraft aus, dagegen aber von Christus.

Über den goldenen Vers Joh 3,16 selbst, sollte man Seiten schreiben – er ist das Evangelium in Kurzform! Wir hören von:

  • Gottes Charakter,
  • von Gott als Urheber des Heils
  • vom göttlichen Objekt: alle Menschen dieser Welt
  • vom göttlichen Geschenk,
  • von dem Ziel des Heilsplans!

In Joh 3,17 wird es nochmals deutlich wiederholt: nicht das von Pharisäer erwartete Gericht über die Heiden ist das Ziel des Heilshandeln Gottes (alle Heiden sind ja letztlich nur Feuerholz für die Hölle), sondern Rettung aller! Schon Amos 5,18-20 weist darauf hin, dass das Gericht besonders Gottes Volk hart treffen wird. Gott will alle auf dieser Welt retten – Gott hat kein Gefallen am Strafurteil.

Jesus geht dann noch einen wesentlichen Schritt weiter und antwortet auf den nicht geäußerten Kommentar: „Na ja, keiner kann Gottes Richterspruch am Ende der Tage im Voraus kennen!“ DOCH, wir können es wissen, wenn wir das nächste Mal ans offene Grab treten: Jeder der an Jesus glaubt ist schon gerichtet; jeder der nicht glauben wollte, ist es aber auch schon! Geht es noch eindeutiger? Jesus macht seinen Anspruch am Bild des Lichtes und der Dunkelheit seinem Gesprächspartner Nikodemus deutlich: Er ist das in die Welt gekommene Licht – doch besonders seine fromme Zeitgenossen, lieben die Finsternis mehr als das Licht. Ihre böse Absichten und Taten wären nicht das Problem – die können alle vergeben werden. Doch genau dies ist die Entscheidung lieber Pharisäer:

  • entweder Jesus und die Vergebung (auf den Knien am Kreuz) annehmen
  • oder aufrecht stehend selbstbewusst die Umkehr ablehnen: Zeige mir was ich falsch gemacht habe!

Die zweite Variante endet in einem fatalen Tunnelblick – das durchaus auch fromme auf den Kopfstellen aller geistlichen Erkenntnis ist die Folge. Die Wahl ist: Selbstrechtfertigung oder Zerbruch am Kreuz. Geht dein Weg zum Licht oder in die Dunkelheit, lieber Pharisäer Nikodemus – so lauten die einladenden Worte von Jesus. Die Antwort muss jeder selbst geben. Für Nikodemus haben wir Hoffnung, da uns sein Verhalten rund um das Kreuzesgeschehen überliefert ist. Nach Joh 19,39 trug er zur ordentlichen Bestattung von Jesus bei. Dies kann in seinem Umfeld als Glaubenstat verstanden werden.

Fragen:

  1. Nehmen wir uns ausgiebig Zeit für vertraute Gespräche mit Suchenden?
  1. Wie erkläre ich die Geburt von oben meinem interessierten Zeitgenossen?
  1. Wie erkläre ich Menschen heute, dass nicht Leistung, sondern ein Geschenk die Heilsgrundlage ist?
  1. Wie können wir Menschen aus der Dunkelheit ins Licht begleiten?

4.5 Jesus im judäischen Land

(Joh 3,22-4,3)

Jesus verlässt die Stadt Jerusalem und wandert in Judäa umher. Dort bleibt er eine Zeit lang mit seinen Jüngern. Sehr wahrscheinlich ist, dass Jesus Jerusalem in Richtung Osten verlässt. Es ist möglich, dass er sich im Jordantal aufhält. Dort leitet Jesus seine Jünger bei der Taufe an – ohne selbst zu taufen (Joh 4,2). Diese Taufe war wohl im Übergang von der Taufe des Johannes zur späteren „christlichen Taufe“ begriffen – hin zur Taufe auf den dreieinigen Gott (Mt 28,19). Johannes ist parallel zu den Jüngern auch weiterhin in Änon[102] am Jordan aktiv. Da diese Stelle relativ zentral liegt, kommen Menschen aus allen vier Provinzen zu Johannes dem Täufer. Doch der Zustrom wird dünner – mehr und mehr Menschen zieht es zu Jesus. Hier wird deutlich, dass zwischen der Versuchung von Jesus und der Inhaftierung von Johannes dem Täufer, also zwischen Mt 4,11 und 12 (ebenso Mk 1,13 und 14; Lk 4,13 und 14) eine erhebliche Zeitspanne liegt, während der beide aktiv sind.

Die schwindende Popularität bereitet den Johannesjüngern Probleme. Folgendes fällt auf beim Gespräch der Johannesjünger mit ihrem Meister auf:

  • Die von Eifersucht geplagten Jünger vermeiden den Namen Jesus auszusprechen
  • Es klingt so, als seien sie nicht zu begeistert über das Zeugnis des Täufers in Bezug auf Jesus
  • Sie übertreiben wohl ein wenig, wenn sie sagen alle würden zu Jesus gehen.

Der Evangelist Johannes macht seinen Lesern in Kleinasien klar, dass es grundsätzlich falsch ist, Johannes den Täufer über Jesus zu stellen. Er berichtet uns die Antwort des Täufers, dass niemand etwas erhält, es sei denn, es sei ihm von oben gegeben – hier besonders die Gunst des Volkes. Nochmals betont Johannes der Täufer, dass er nur der Vorläufer von Jesus ist – Jesus aber und das Volk vergleicht er mit einem Bräutigam und einer Braut. Bei diesem Bild sieht sich Johannes der Täufer als bester Freund von Jesus, der sich freut die Stimme des Bräutigams zu hören. Richtig – Johannes sagt, dass seine Freude zunimmt, wenn er hört, dass mehr und mehr Menschen sich Jesus zu wenden. Matthias Grünewald hat dies Szene gemalt und im Museum Unter Linden in Colmar kann man das Zentralbild des Isenheimer Altarbildes anschauen: Johannes mit dem überlangen Finger, der auf den gekreuzigten Schmerzensmann Jesus zeigt. Daneben schrieb der Maler in lateinischer Schrift: „Er muss wachsen, ich aber abnehmen (Joh 3,30). Johannes weiß um seine irdische Herkunft im Gegensatz zur himmlischen Herkunft von Jesus. Nur Jesus kann unmittelbar vom Himmel reden – aus eigener Anschauung und Erfahrung. Jeder der den Anspruch von Jesus der Sohn Gottes zu sein im Glauben annimmt, der sagt damit auch, dass Gott im Himmel die Wahrheit sprach, als dieser sagte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Lk 3,22).

Dann macht es der Evangelist mit den Worten des Täufers sehr klar: In Fragen des Heils hängt alles am Sohn! Es gibt seit dem die Wahl zwischen Leben oder Zorn Gottes (Joh 3,35). Diese deutlichen Worte von Johannes dem Täufer, die wachsende Popularität und die zunehmende Ablehnung durch die religiöse Elite in Jerusalem weisen auf die drohende Krise hin. Jesus kennt den Heilsplan seines Vaters und betrachtet diese Krise als vorzeitig – noch ist sein Werk nicht vollendet, um das letzte Mal nach Jerusalem hinaufzugehen. Deshalb verlässt er Judäa und wandert wieder nach Galiläa.

Fragen:

  1. Wie erleben wir Neid oder Eifersucht im Rahmen des Gemeindelebens?

 

 

  1. Wie können wir beweisen, das Eifersucht und/oder Neid im Rahmen der Zusammenarbeit der Kirchen uns nicht plagen?

 

 

  1. Wie erklärst du dir die Freude des Johannes an der eigenen schwindenden Popularität?

4.6 Gefangennahme des Täufers

(Mt 14,3-5; Mk 6,17-20; Lk 3,19-20)

Herodes Antipas ist der Herrscher von Galiläa (westlich des Jordans und des Sees Gennesaret) und dem südöstlichen Peräa von 4 (1) v.Chr. bis 39 n. Chr. Seine Residenz in Peräa hatte er in Machärus, dem Ort der traditionell für den Ort des Martyriums von Johannes dem Täufer gehalten wird.

An dieser Stelle führt uns er Evangelist Johannes zurück zum tragischen Ende des Täufers. Josephus berichtet uns von der Angst des Vierfürsten[103] seine Macht über das Volk zu verlieren, angesichts des großen Einflusses von Johannes dem Täufer (Ant. XVIII 5,2). Jede Aktion gegen ihn – besonders eine schnelle Hinrichtung – kann in eine Rebellion des Volkes münden. Da Johannes allerdings öffentlich die Eheschließung des Herodes mit Herodias kritisiert, ist die Inhaftierung die mildeste mögliche Reaktion. Herodias war die Tochter von Aristobul und damit eine Enkelin von Herodes dem Großen. Sie hatte ihren Halbonkel (den Halbbruder ihres Vaters) geheiratet: Herodes Philippus I. (Sohn von Herodes dem Großen durch Mariamne II.). Aus der Ehe mit Herodes Philippus ging eine Tochter hervor, die Josephus mit dem Namen Salome benennt (Anti. XVIII.136).[104] Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen: Salomes Mutter Herodias hatte einen Bruder der später König Herodes Agrippa I. wurde.

Bei einem Besuch von Herodes Antipas bei Herodes Philippus wurden er und seine Schwägerin Herodias ein illegitimes Liebespaar. Doch die beiden vereinbarten die Trennung von ihren rechtmäßigen Partnern um zu heiraten. Dies gelang ihnen. Als Johannes der Täufer von diesen Vorgängen hörte, schalt er öffentlich seinen Fürsten, denn dies war Blutschande (3Mo 18,16; 20,21) und Ehebruch (Röm 7,2.3). Diese herbe Kritik galt natürlich genauso der Herodias. Diese beschloss daraufhin nach damaliger „Gutsherrenart“ Rache – seinen Tod. Herodes Antipas war hier wohl zurückhaltender (Mk 6,20). Dies erklärt den längeren Gefängnisaufenthalt von Johannes dem Täufer wahrscheinlich in einer tiefen Grube in der Residenz Machärus. Doch dies macht Johannes noch populärer. Das Volk hält Johannes mehr und mehr für einen Propheten – Propheten zu töten hat zwar eine lange Tradition in Israel, aber in unruhigen Zeiten wie Herodes Antipas sie erlebt, ist es unklug Märtyrer zu schaffen. Während der Gefangenschaft suchte Herodes wiederholt das Gespräch mit Johannes (Mk 6,20). Trotz der unerhörten Kritik an seinem Eheleben hörte er gerne auf die Worte des Täufers.

Frage:

  1. Warum ist Angst ein schlechter Ratgeber?
  1. Sollen wir Ungläubige auf ihr ethische Fehlverhalten ansprechen?
  1. In welchem Bereich sollten Väter und Mütter Vorbilder sein?

4.7 Jesus in Samarien am Jakobsbrunnen

(Joh 4,4-42)

In Joh 4,1 wird beschrieben, wie Jesus und seine Jünger Judäa verlassen – dies wird wohl auch in Mt 4,12 beschrieben. Die Gefangennahme des Johannes kann kurz vorher erfolgt sein und die Rückkehr von Jesus nach Galiläa ausgelöst haben (Mt 4,12; Mk1,14a).

In Joh 4,4 wird betont, dass Jesus durch Samarien reisen muss. Wenn er sich in der Nähe des Jordans, also in der Jerichogegend aufhielt, dann bedeutet das Wort „muss“ eher einen göttlichen Auftrag. Denn eine Reise durch das bergige Samaria war auf dem Weg nach Galiläa ein erheblicher Umweg. Die Samariter sind seit der Eroberung durch die Assyrer im Jahre 722 (721) v. Chr., der Deportation vieler Juden und der Ansiedlung verschiedener besiegter Völker ein Mischvolk. Bis heute ist eine Gruppe der Samariter in Israel erhalten geblieben. Sie haben seit den Tagen von Nehemia und Esra eine eigene religiöse Tradition, besonders hinsichtlich des Gebetsortes – dies ist der Berg Garizim – und der heiligen Bücher, dies sind nur die fünf Bücher Moses.

Der Berg Garizim liegt in der Nähe der Stadt Sychar (Sichem). Die Juden meiden die Samariter und benutzen lieber den längeren Weg durch das Jordantal auf ihren Reisen zwischen Galiläa und Judäa. Auch gab es in den Jahrhunderten vor Christus immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Samaritern und Juden. Vor diesem historischen Hintergrund bekommt der Aufenthalt von Jesus am Jakobsbrunnen[105] seine besondere Bedeutung. Übrigens ist es eigentlich falsch von einem Brunnen zu sprechen, es ist eine Quelle. Die Jünger von Jesus gehen alle in die Stadt, um Brot zu kaufen. Ob sie sich aus Angst als ganze Gruppe in eine fremde und feindlich gesonnene Stadt aufmachen? Jesus bleibt allein (wahrscheinlich auf eigenen Wunsch) am Brunnenrand sitzen, denn der Evangelist Johannes fügt hier an, dass Jesus von der Reise müde ist (Joh 4,6). Der Evangelist Johannes will mit seinem Evangelium zum Glauben an den Gottes Sohn führen. Wenn er hier allzu menschliche Details einfügt, ist dies bedeutungsvoll: Gottes Sohn war ein müder Mensch. Die Zeitangabe deutet auf 12 Uhr mittags hin – was vom Frühjahr bis Herbst die Zeit der Mittagshitze und -ruhe ist.

An den Brunnen kommt um diese ungewöhnliche Zeit eine a) samaritische b) Frau – beide erkennen die Gesprächshindernisse sofort. Denn zwei Gründe kommen zusammen, die das Gespräch normalerweise verhindert hätten: a) Samariter und Juden sind nun wirklich nicht für ihre gepflegte gemeinsame Gesprächskultur bekannt; b) ein Rabbi spricht normalerweise eine alleinkommende Frau nur in der Not oder mit zweideutigen Absichten an. Jesus hat wohl kein Schöpfgefäß bei sich und bittet daher diese Frau um Wasser. Doch diese Bitte ist so ungewöhnlich, dass die überraschte Frau eine Begründung für diesen Tabubruch verlangt. Dies führt zu den Erklärungen von Jesus in Bezug auf die Gabe Gottes. Hier und auch in der Apostelgeschichte ist die Gabe (das Geschenk) Gottes immer der heilige Geist. In Apg 7,37-39 finden wir die hier anklingende enge Beziehung zwischen Wasser und Geist wieder. Diesen Geist kann nur Jesus schenken.

Hätte die Frau gewusst, dass ihrem Gesprächspartner die Macht verliehen war, auch ihr solch ein Geschenk zu machen, hätte sie ihn darum gebeten: lebendiges Wasser (im Gegensatz zum Wasser des alten Gesetzes Spr 13,14; Jer 17,13; Sach 14,8). Doch dieses Rätselwort verstehen selbst wir heute nach Pfingsten schwer, wie viel schwerer war es für diese Frau. Im weiteren Gespräch geht es um manches Missverständnis. Zum einen ist das Wasser schwer zu schöpfen, dann geht es um die Bedeutung des Stammvaters Jakob, der diesen Brunnen grub, dann um das Wasser im geistlichen Sinn, dass zum ewigen Leben führt. Jesus sieht mit Scharfblick die geistliche Not der Frau. Doch zunächst versteht sie dies nicht, da sie beim natürlichen Wasser und der Aussicht nie wieder zum Schöpfen kommen zu müssen verbleibt.

Doch Jesus wird in diesem ungewöhnlichen Vieraugengespräch persönlich. Unvermittelt fordert er die Frau auf, ihren Ehemann zu holen. Die bedrückende Realität ihres Alltags wird Gegenstand des Gesprächs. Jesus erkennt das typisch orientalische Geständnis an, obwohl es uns ausweichend erscheint. Die Antwort der Frau ist aber für die Gesprächssituation schon recht mutig. Die Frau war fünf Mal verheiratet und wusste sich von Jesus in der Tiefe ihrer Not erkannt. Jesus konfrontiert sie mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Dabei gesteht Jesus ihr zu, dass sie aus tiefen Herzen die Wahrheit spricht: „… ich habe keinen Mann!“ (V. 18). Jesus gibt der Frau recht, dass auch ihre aktuelle Beziehung zu einem Mann ihr keinen Schutzraum und legalen Status gibt. Die Frau merkt jetzt, dass sie nicht einen der üblichen männlichen Ankläger vor sich hat. Die fanden gewöhnlich aus ihrer männlichen Sicht des Lebens viele Anklagepunkte. Doch hier geht es diesem fremden Mann offensichtlich nicht um Spott, Vorurteil, Anklage oder Verurteilung!

Sie kommt zum Schluss, dass er ein Prophet sein muss. Angesichts dieser Erkenntnis kommt sie auf ein weniger persönliches Thema zu sprechen. Da Jesus darauf eingeht, wollen auch wir es nicht als plattes Ausweichmanöver einstufen. Es geht um den alten Streitpunkt zwischen Samariter und Juden. Ist der rechte Gebetsort der Berg Garizim oder Jerusalem. Doch Jesus spricht an diesem Tag viel in Rätselworten. Er verweist auf eine Zeit, wo nicht der Ort, sondern die geistliche Einstellung wesentlich sein wird. Der Evangelist Johannes reflektiert die Worte von Jesus in recht schwieriger Weise, aber dennoch wird klar, dass der Beter mit dem angebeteten Gott wesensmäßig übereinstimmen muss: Gebet ist ein geistliche Sache zu einem geistlichen Gott – nie etwas Äußerliches. Als die Frau von diesem Punkt auf den erwarteten Messias zu sprechen kommt, wird deutlich, dass sie die Schriften der Juden kennt. Denn es ist unklar in wieweit die Samariter auf den Messias hoffen, da dieser in den fünf Mosebücher nicht zu erkennen ist. Ein kommender Prophet ist allerdings aus 5Mo 18,15 erkennbar.

Die einprägsamen Worte von Jesus überliefert uns der Evangelist: evgw, eivmi egœ eimi  „ich bin es…“ (Joh 4,26). Während die Synoptiker noch zurückhaltend vom Messiasanspruch berichten, ist hier Johannes freimütig und berichtet uns von diesen wesentlichen Worten des Vieraugengesprächs, die ja auch ihm nur überliefert worden sind. In Judäa wäre dies eine politische Aussage gewesen, die als Hochverrat gesehen und mit dem Tode bestraft worden wäre. Jesus mutet dieser Frau den Blick in tiefe theologische Zusammenhänge zu. Trotz vieler Missverständnisse, Ausweichargumente und dem Blick in ein bedrückendes Privatleben war diese Frau für das Gespräch vorbereitet.

Die Rückkehr der Jünger von ihrer Shopping-Tour hat sofort eine doppelte Wirkung:

  • die Jünger staunen, als sie ihren Meister in einem tiefsinnigen Gespräch mit einer einzelnen Frau finden und bieten ihm recht verlegen etwas zu essen an.
  • die Frau lässt ihren Krug stehen, eilt in ihre Stadt und berichtet von ihrer Begegnung mit einem Propheten, der ihre Vergangenheit ohne Beichte kannte.

Die Frau formuliert: „Ist dieser nicht der Christus?“ Damit weckt sie das Interesse des Ortes und lädt alle ausdrücklich zu einer Jesusbegegnung ein (V. 29). Jesus ist noch ganz von der Tiefe des Gesprächs angetan, so dass er die verlegene Bitte der Jünger, doch zu essen mit einem tiefsinnigen Gespräch über die geistliche Speise fortsetzt. Der Evangelist betont damit, dass sich Jesus seiner Sendung sehr bewusst ist. Die Ernte seiner Worte zu einer Frau würde bald sichtbar werden. Dies ist auch der Auftrag der Jünger. Andere haben schwer gearbeitet, bevor die Ernte eingefahren werden kann. Hier steht im Grundtext das Verb kopia,w kopiaœ hart arbeiten, sich müde arbeiten. Die anderen sind diejenigen, die Christus und seitdem den Jüngern zu allen Zeiten den Weg bereitet haben. Die Ernte an diesem Tag sind die vielen Samariter aus Sichem/Sychar die an Jesus glauben. Jesus bleibt zwei weitere Tage in dieser geistlich so vorbildlichen Stadt. Der Glaube dieser Menschen richtet sich dabei nicht auf das Glaubenszeugnis einer Frau, sondern auf die Worte von Jesus. So findet Jesus ohne eine spektakuläre Heilung oder durch ein außergewöhnliches Naturwunder Glauben in Samaria.

Fragen:

  1. Wie verhalten wir uns in ungewöhnlichen oder peinlichen Gesprächsituationen?
  1. Wie können wir den rechten Anknüpfungspunkt finden (hier die Bitte um Wasser)? Wie kann das „Eis“ gebrochen werden? Wie können Augen geöffnet werden?
  1. Wie erfahren wir die Leitung des Heiligen Geistes in einem evangelistischen Gespräch?
  1. Wie können wollen wir auf Nebenargumente oder gar Ausweichargumente eingehen?
  1. Wie können wir bewusst machen, dass andere vor uns im geistlichen Ackerfeld hart gearbeitet haben?
  1. Sind wir als Gemeinde für die geistliche Ernte vorbereitet?

 

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