Georgien – Land der Ein- und Auswanderung

(Reisebericht und Fotos von Paul Schüle, 28.April – 1. Mai 2016)

Ankunft in Tiflis

Die Sonne ging über dem Schwarzen Meer unter, als wir uns am Abend des 28. April Georgien näherten.

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Das Abendrot über dem Schwarzen Meer (Foto:  am 28. April 2016).

Der Flug mit der Türkisch Airline von Stuttgart nach Tiflis via Istanbul war sowohl angenehm (gutes Essen) als auch sehr spannend. Wegen der Verspätung erreichten wir in der letzten Minute vor Gateschluß unseren Anschlussflug von Istanbul nach Tiflis. Bei der Ankunft am Flughafen in Tiflis warteten wir vergeblich auf unsere drei Gepäckstücke. Ein freundlicher Bediensteter, der unsere Verlegenheit bemerkte, kam auf uns zu und half die entsprechenden Formulare auszufüllen. Er sicherte uns zu, dass unser Gepäck mit dem nächsten Flieger ankommen wird und dass es dann ins Hotel gebracht würde. Unser georgischer Taxifahrer erwartete uns bereits am Ausgang und wir fuhren in die 12 Kilometer entfernte City von Georgien. Ein eigenartiges Gefühl, wir befanden uns im Land unserer Vorfahren, die 1816/17 vom Schwabenland nach Transkaukasien ausgewandert waren. Wir waren nun nach 200 Jahren auf Spurensuche. Jetzt hatten wir es nicht mehr eilig, zumal das Leben in Tiflis erst richtig abends losgeht. Die Straßen waren voller Autos und Menschen, so erlebten wir gleich die Hauptstadt Tiflis bei Nacht. Vom Rustaweli Prospekt überquerten wir die Kura (Mikwari) und fanden nach einigem Suchen unser kleines Familienhotel `Hirmas` im Nordwesten der Stadt gelegen. Nach Anmeldung und Zimmerbezug machten wir uns auf die Suche nach einer Apotheke, kauften Zahnpasta und Zahnbürsten. Die Straßen sind belebt und die Geschäfte haben geöffnet, beim Friseur sitzen Kunden, obwohl es bereits 23 Uhr ist. Das Hotel befindet sich in einem Innenhof und wir bekommen nichts mit von dem Lärm der Straßen.

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Tiflis vom Berg Mtazminda aus gesehen in nordöstlicher Richtung (Foto:  am 1. Mai 2016).

Tiflis überblickt man am besten von dem über 700 Meter hohen Berg Mtazminda, auf dem sich auch der Fernsehturm befindet. Wenn man also noch höher hinauf will, kann man in das Riesenrad steigen, von wo sich der Blick in alle Richtungen öffnet. Bei klarer Sicht, sieht man die schneebedeckten Berge des Kaukasus im Norden. Hier weht immer ein frischer Wind und ein Spaziergang im Park lohnt allemal. Die Stadt liegt in einem breiten Tal durch das sich der Fluß Kura durchschlängelt. An Wasser fehlt es nicht, ist doch Georgien ein durchaus bergiges Land. An mehreren Stellen unterhalb der Hügel quillt Wasser hervor. Im Osten der Stadt befindet sich der botanische Garten mit Bächen und Wasserfällen. Direkt unterhalb sind die Schwefelbäder angeordnet, deren Besuch sich ebenfalls sehr lohnt.

Gottesdienst in der Erlöserkirche in Tiflis

Wir sind frühzeitig auf dem Gelände der Ev. Luth. Kirche von Tiflis. Der Gottesdienst beginnt hier erst um 11h und wird zum Teil dreisprachig gehalten. Erst bei unserer Ankunft in Georgien, erfuhren wir, dass am Sonntag, 1. Mai auch in Georgien Ostern gefeiert wird. Doch die Evangelische Gemeinde in Tiflis feierte die Auferstehung Jesu Christi bereits am 27. März entsprechend dem westlichen Kalender. Beim Betreten des Geländes werden unsere Blicke auf das Denkmal für die Toten Kolonisten gelenkt.

Das Denkmal für die Toten der deutschen Kolonisten auf dem ehemaligen Friedhof in Tiflis (Foto: P. Schüle am 1. Mai 2016).

Die vielen Grabsteine mit Namen und Daten deutscher Siedler in Tiflis zeugen von einer Epoche, die einen Teil unserer deutschen Geschichte ausmacht. Es gab ganze Straßenzüge, in denen die Deutschen ihre Häuser gebaut hatten. Viele dieser Häuser wurden renoviert und lassen den Wohnstil und die Sorgfalt der Erbauer erahnen. Mehr als 120 Jahre lebten Deutsche Aussiedler in Tiflis. Und die Erinnerung an diese Zeit ist bei den Bürgern der Stadt wach geblieben.

Die ursprüngliche Ev. Lutherische Kirche in Tiflis aus dem 19. Jh. wurde auf Befehl von Stalin 1946 abgebrochen. Zu dieser Arbeit wurden deutsche Kriegsgefangene gezwungen. Es heißt mit Gebet nahmen sie Stein um Stein von den Mauern der Kirche. Mit diesen Steinen wurden Wohnhäuser auf demselben Gelände errichtet. Heute erinnert nur noch eine Tafel an den Ort, wo einst die Kirche stand.

Der alte deutsche Friedhof wurde eingeebnet und darauf wurde die heutige Erlöserkirche errichtet.

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Die Ev. Luth. Kirche in Tiflis (Foto:  am 1. Mai 2016).

Die Ev. Luth. Kirche in Tiflis (Foto: S. Schüle am 1. Mai 2016).

Die Kirche entstand in den neunziger Jahren unter der Leitung von Gerd Hummel – Theologieprofessor aus dem Saarland. Nach seiner Pensionierung zog er mit seiner Frau Christiane nach Tiflis und baute die neue Gemeinde auf.

Am Sonntag, den 1. Mai leitete den Gottesdienst Frau Pastorin Irina Solej. Die Predigt zum Thema `Gebet` wurde in russischer Sprache gehalten. Sie beleuchtete die vielseitigen Möglichkeiten des Gebets zu Gott und räumte auch Zeit ein zum gemeinsamen und persönlichem Gebet nach der Predigt. Die Lieder wurden zum Teil dreisprachig gesungen, begleitet durch den Gesang des Gemeindechores. Das Glaubensbekenntnis konnte jeder in seiner Muttersprache sprechen. Es nahmen etwa 35 Personen an diesem Gottesdienst teil, überwiegend Frauen. Darunter auch Durchreisende aus verschiedenen Ländern. Die verschiedenen Hinweise gaben uns Einblick in die Vielseitigkeit der Dienste, welche in der Gemeinde angeboten werden. Nach dem Gottesdienst gab es Kaffee und die Möglichkeit zu Gesprächen. Wir empfanden diese Gottesdienstliche Gemeinschaft als Ermutigung im Glauben.

Marienfeld – die erste deutsche Kolonie in Georgien

Die ehemalige schwäbische Kolonie heißt heute Sartitchala und der Ort liegt in Kachetien, dem berühmten Weinanbaugebiet Georgiens etwa 50 Kilometer östlich der Hauptstadt Tiflis. Von der ehemaligen evangelischen Kirche des Ortes ist nur noch eine Mauer im hinteren Teil erkennbar, das jetzige, in sehr schlechtem Zustand befindliche Gebäude, ähnelt einem Clubhaus aus der Sowjetzeit. Die Innenräume sind nur schwer zugänglich und mit Unrat überseht. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen Häuser ehemaliger Kolonisten, deutlich stechen sie heraus aus den anderen Häusern Einheimischer. Die stabile Bauweise, die Verzierungen an den Giebeln lassen die Sorgfalt der Erbauer erkennen.

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Eine der Hauptstrassen des Ortes in der sich auch die Dorfkirche befand (Foto; am 30. April 2016).

Wie die gesamte Gegend, so ist auch der heutige Ort sehr grün. Bäume säumen den Strassenrand. In dieser Strasse (Bild) befand sich die evangelische Kirche des Ortes. Dies bestätigte uns eine Frau, die aus dem Haus von Gegenüber herauskam und mit unserem georgischen Begleiter sprach. Nach dem Lageplan des Ortes bewohnte eine Familie der Schüle-Vorfahren das Haus gegenüber der Kirche. Näheres konnten wir jedoch nicht in Erfahrung bringen.

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Eines der vielen noch gut erhaltener Häuser der deutschen Schwaben in MArienfeld (Foto: am 30. April 2016).

Dank der stabilen Bauweise der Häuser, sind sie bis heute immer noch bewohnbar. Mit ein wenig Fürsorge und Pflege, könnten sie noch für weitere Generationen sicheres Zuhause bieten. Unsere Zeit für Marienfeld war begrenzt und wir hatten auch nicht den Mut eins der Häuser im Inneren zu besichtigen. Doch auch von außen konnte man Verzierungen an Gibeln sehr gut erkennen. Die Schwaben haben damals nicht nur gut, sondern auch schön gebaut.

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Die Fassade eines Hauses (Foto: 30. April).

Ob in der verschnörgelten Verzierung auch bestimmte Buchstaben als Iniziale zu erkennen sind, wir konnten nur rätzeln.

Die Durchgangssraße war voller Autos, wir fragten nach dem Friedhof und wurden in eine der Seitenstrassen verwiesen. Bald erkannten wir das Krankenhaus des Ortes linker Hand und gleich davor rechts den Friedhof des Ortes. Unser Begleiter erinnerte sich, dass er bereits vor zwei Jahren mit Besuchern aus Deutschland diesen Friedhof aufgesucht hatte. Das Eisentor zum voll eingezäunten Friedhof quitschte laut, es hing nicht mehr fest in den Angeln. Einige Männer hoben etwas Abseits mit Schaufeln und Hacken ein neues Grab aus. Jemand sollte  noch am gleichen Tag beigesetzt werden.

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Auf dem ehemaligen deutschen Friedhof in Marienfeld sind die noch gut erhaltenen Grabsteine der schwäbischen Kolonisten zusammengetragen worden  (Foto: 30. April 2016).

Nie zuvor waren mir Friedhöfe so anziehend wie bei dieser Reise. Hier in der Fremde inmitten der georgischen Gräber finden wir Grabsteine von Männern, Frauen und Kindern der Vorfahren aus dem frühen zwanzigsten und besonders dem 19. Jahrhundert. Eine Gruppe junger Menschen hat vor Jahren diesen und weitere Friedhöfe in Georgien aufgesucht und Grabsteine aus der Zeit der Kolonisten zusammengetragen und geordnet aufgestellt. Die Inschriften sind in gotischer Schrift in Stein eingemeißelt mit Namen, Geburts- und Todesdatum, sowie einem frommen Spruch. Die Frömmigkeit und auch die Hoffnung auf ein Leben danach spricht deutlich aus den Sprüchen der Inschriften. Mit Hilfe der georgischen Männer auf dem Friedhof gelingt es uns einen weiteren Grabstein mit Inschrift freizulegen und zu den anderen dazuzulegen. Um Missverständnisse auszuräumen, es handelt sich hier nur um Grabsteine, die Gräber gibt es längst nicht mehr.

Elisabethtal – das heutige Asureti in Georgien

Der Ort liegt etwa 30 Kilometer in südsüdwestlicher Richtung von Tiflis entfernt. Zunächst fahren wir an der Abzweigung nach Zarka vorbei, weil Asureti nicht auf dem Schild war. Unser Taxifahrer war dort noch nie und so muß auch er sich am Straßenrand bei einem anderen Fahrer erkundigen. Wir wenden und biegen in Richtung Zalka ab.

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Strassenbild in der ehemaligen deutschen Kolonie Marienfeld – Asureti liegt südwestlich von Tiflis oberhalb des gleichnamigen Baches (Foto: 29. April 2016).

Schon nach wenigen Kilometern überqueren wir den Asureti-Bach und bald sehen wir die Häuser des Ortes links und rechts der Durchgangsstrasse. Wir sind verabredet mit Manfred Tichonow, der seit mehreren Jahren in der ehemaligen schwäbischen Kolonie Elisabethtal lebt. Er lud uns zur Weinprobe ein und versprach uns durch den Ort zu begleiten. Sein Haus, das er hier gekauft und hergerichtet hatte, ist leicht zu finden. Vor dem Hoftor steht ein VW Golf und wir werden als erstes von Lisa, einem seiner zwei Hunde begrüßt. Nach der herzlichen Begrüßung und kurzen Vorstellung, gehen wir in seiner Begleitung zum alten deutschen Friedhof hinauf.

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Die Fassade der ehemaligen lutherischen Kirche in Elisabethtal aus dem Jahre 1871 (Foto: 29. April 2016).

Auf dem Weg machen wir Halt an der Evangelisch Lutherischen Kirche des Ortes, von der lediglich die Fassade gut erhalten geblieben ist. Das geistlich-religiöse Leben der Schwaben in Elisabethtal war in der ersten Phase (1818-1845) sehr stürmisch. Es bildeten sich separatistische Gruppen, die weiterreisen wollten in Richtung Palästina, um die nah erwartete Wiederkunft Jesu Christi zu erleben. Nach und nach ordnete sich jedoch das Leben, feste Häuser wurden gebaut, die Kolonisten richteten sich ein zu bleiben.

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Wohnhaus in Elisabethtal – typische Bauweise der Kolonisten im 19. Jahrhundert (Foto am 29. April 2016).

Von allen Seiten werden wir neugierig durch die Einwohner des Ortes, meist ältere Menschen,  beobachtet. Ein Großteil der Häuser, stammen aus dem 19. Jahrhundert von den schwäbischen Kolonisten gebaut. Da sie damals Weinbau betrieben haben, gehörte auch zu jedem Haus, oder besser gesagt unter jedes Haus, ein Weinkeller, wo der Ertrag des Weinstocks, der in dieser Gegend besonders gut gedieh, gelagert wurde. Uns erstaunt nicht dass die Häuser in den letzten 76 Jahren nicht mehr renoviert wurden (obwohl es eine gewisse Nachlässigkeit der jetzigen Bewohner deutlich macht) sondern vielmehr die Nachhaltigkeit der Erbauer.

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Grabstein zum Gedenken an Fritz und Eduard Frick (Foto: am 29. April 2016).

Uns interessiert der alte deutsche Friedhof, auf dem wurden  einige Grabsteine von einer organisierten Jugendgruppe aus dem Saarland zusammengetragen und aufgestellt. Da hofften wir einige uns bekannten Namen unserer Vorfahren zu entdecken. Und in der Tat fallen uns Namen auf von Familien, die wir später einordnen können. Die Vorfahren der Familien Frick stammen aus Elisabethtal, obwohl einige von ihnen später nach Aserbaidjan ausgewandert, bzw. umgesiedelt sind.

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Grabstein in Erinnerung an einen Böpple-Vorfahr (Foto: am 29. April 2016).

Auch an einen Vorfahr der Familien Böpple kann gedacht werden, der am 18. März 1845 geboren wurde und am 14. Dezember 1913 verstarb. Ein recht gutes Alter für jene Zeit. Die Aufschriften auf den Grabsteinen bewegen uns auch emotional, erkennt man doch die tiefe Frömmigkeit der Menschen, welche damals nach ihrer Erkenntnis Gott dienten und unter schwierigen Umständen Neuland besiedelten.

Katharinenfeld – heute Bolnisi in Georgien

Ungefähr 60 Kilometer weit südsüdwestlich der Hauptstadt Tiflis liegt Bolnisi in der Region Niederkartlien. Die Strasse ist gut ausgebaut und steigt stetig an, von etwa 450 in Tiflis und bis auf über 700 Höhenmeter in Bolnisi. Die ehemalige schwäbische Kolonie war eine der größten in Georgien. Heute ist Bolnisi eine lang gestreckte Bezirksstadt. In dem breiten Tal des Mashavera-Flußes zieht sich die Haupt- und Durchgangsstrasse auf einige Kilometer Länge. Als wir nach 15h im Ort ankommen, interessiert uns als erstes das Gasthaus „Deutsche Mühle“, welches direkt am Fluß liegt und das vor einigen Jahren auf den Grundmauern der ehemaligen Kötzle-Mühle erbaut wurde.

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Das Gasthaus „Deutsche Mühle“ war die ehemalige „Kötzle Mühle“ in Katharinenfeld (Foto: am 29. April 2016).

Diese Mühle gehörte der Familie Kötzle und ist heute Anlaufstelle für die deutschen Touristen, die das Heimatdorf ihrer Vorfahren besuchen. Das Gelände ist großräumig und großzügig angelegt. Neben sehr schmackhaftem Essen, kann man hier auch übernachten. Der Hausherr spricht ziemlich gut deutsch und wir geben die Bestellung auf. Bis zum Essen ist noch ein wenig Zeit, um die Gegend um den Fluß und die sich anschließenden Weinberge zu besichtigen. Das Flußtal zieht sich rechts am Georglesberg vorbei. Einige Häuser sind am linken Flußufer erkennbar.

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Der Mashavera-Fluß durchfließt Bolnisi und mit seinem Wasser wird eine weite und fruchtbare Ebene in Richtung Osten durch ein Kanalsystem bewässert (Foto: am 29. April 2016).

Es ist sehr grün hier, wir werden auf verschiedene Kräuter und Moonblumen aufmerksam. Das Wasser des Bergflusses Mashavera ist trotz der Jahreszeit an dieser Stelle sehr klar und die Strömung ist bemerkenswert schnell.

Die Weinberge im Flussbereich erinnern an den Weinanbau der Vorfahren.

Der aufkommende Regen zwingt uns das Essen im Inneren des Hauses einzunehmen. Es schmeckt sehr gut, auch der Rotwein aus der Gegend scheint von guter Qualität zu sein. Die Preise sind sehr moderat, für 5 Personen zahlen wir gerade mal 50,-EURO. Unser Fahrer und zugleich auch Reisebegleiter ist selbstverständlich mit am Tisch und steht für viele Fragen zur Verfügung. Die Sanitäreinrichtungen sind A-Klasse, der Innenhof sehr gepflegt und die Aussicht auf den Georgsberg mit der Kirche ganz oben,fantastisch. Doch trotz anhaltendem Regen, zieht es uns nach draußen in den  in den Ortskern, der immer noch einen guten Einblick gewährt in das Leben der schwäbischen Kolonisten. Wir verabschieden uns von den freundlichen Menschen der Deutschen Mühle und machen uns zu Fuß auf den Weg. Mit unserem Fahrer vereinbaren wir eine Zeit und Treffpunkt. So haben wir die Gelegenheit auch die Menschen auf der Strasse direkt und ohne Vermittler anzusprechen.

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Die ehemalige ev. luth. Kirche in Katharinenfeld (Foto: am 29. April 2016).

Die ehemalige evangelisch lutherische Kirche wurde in der Mitte der dreißiger Jahre von der Sowjetregierung entweiht und zu einem Clubhaus umfuktioniert. Wir sehen im Inneren Menschen und sportliche Aktivitäten. Zur Zeit finden Gottesdienste mit den wenigen evangelischen Christen des Ortes in einem anderen Raum statt.

Wir suchen die Schule auf, das Gebäude steht leer und verwahrlost da. Die Innenräume sind leer, hier und da liegen Flaschen und Müll herum. Ob das Gebäude noch jemals saniert wird und einem sinnvollem Zweck dienen wird?

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Eins der vielen Häuser der ehemaligen deutschen Kolonisten in Bolnisi (Foto: am 29. April 2016).

Die Häuser der ehemaligen Siedler sind bewohnt und beeindrucken uns, lässt sich doch deutlich die stabile und nachhaltige Bauweise der Schwaben erkennen. Grund- und Teilrenovierungen würden jedoch allen Häusern gut tun. Immer wieder orientieren wir uns an den Ortsplänen, die wir von Bekannten aus Deutschland mitgenommen haben. Die meisten Häuser sind mit zwei Stockwerken gebaut, wobei am oberen Stockwerk Balkone angebracht sind mit stabilem Geländer. Diese Balkone wurden damals `Altana*  genannt. In Mittelasien nannten wir so den Vorbau am Haus.

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Häuserreihe schwäbischer Bauweise in Bolnisi (Foto: am 29. April 2016).

Das Auge kann sich nicht satt sehen an der Vielfalt und dem Einfallsreichtum der schwäbischen Häuslesbauer.

Dank der stabilen Bausubstanz und mit ein wenig Sorgfalt der jetzigen Hausbewohner würden diese Häuser durchaus noch weitere 150 Jahre stehen. Oft sieht man auch verzierte Giebel, dies zeugt von dem gutem Geschmack und Einfallsreichtum der schwäbischen Erbauer.

 

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Der verzierte Giebel eines Hauses (Foto: am 29. April 2016).

Die Grundstücke sind eingezäunt und überall sind die Gärten angepflanzt. Hier und da sieht man einen uralten dicken Weinstock, der sich an der Hauswand hochwindet und den gesamten Balkon im oberen Stockwerk durch seine Laube überschattet. Insgesamt ist hier die Vegetation um mehrere Wochen früher als in Westeuropa. Wir sahen zum Teil schon walnussgroße Feigen. Die Weinstöcke waren kurz vor dem Aufblühen. Granatapfelbäume, Birnen, Kurma (Kaki) und vielerlei andere Obstsorten gedeihen hier in diesem Land prächtig.

Doch nicht nur wir beobachteten neugierig alles und alle, sondern auch wir wurden neugierig von den Menschen auf der Strasse beobachtet.

Eine ältere Frau (etwa 76 Jahre alt) lässt sich mit uns auf ein Gespräch ein. Sie selber hat die Deutschen im Ort nicht persönlich kennengelernt, wusste jedoch aus den Erzählungen ihrer Eltern von der Geschichte der Luxemburger Siedler.

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Straßenschild – Mühlgrabenstrasse (Foto: am 29. April 2016).

An einer Straßenkreuzung fällt uns ein Straßenschild in gotischer Schrift auf – „Mühlgrabenstrasse“. Wir finden zwar die Strasse, in denen die Familien Krämer und Huttenlocher wohnten, doch die genaue Identifizierung der jeweiligen Häuser gelingt uns nicht. Dazu fehlten uns einige Details über die genaue Lage der Häuser. Doch allein die Tatsache – wir befinden uns im Ort und den Strassen, in denen mehrere Generationen unserer Vorfahren lebten, ist ein emotionaler Höhepunkt.

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Das Denkmahl am Friedhof mit einigen Grabsteinen erinnert an die vielen, hier bestatteten Siedler (Foto: am 29. April 2016).

Auch Katharinenfeld hatte einen großen Friedhof, doch dieser ist auf Befehl Stalins eingeebnet worden. Anscheinend sollte dadurch die Erinnerung an die deutschen Siedler ausgelöscht werden.  Unterhalb des ehemaligen Friedhofsgeländes ist ein Denkmahl errichtet worden und im unmittelbaren Umfeld sieht man noch einige Grabsteine mit Namen deutscher Siedler. Die Zeit drängte uns zum Aufbruch, wir wollten noch vor Einbruch der Dunkelheit nach Tiflis zurückkommen. So verlassen wir Bolnisi mit ein wenig Wehmut, denn es gäbe noch so manch interessante Enbtdeckung wie der Aufstieg zum Georglesberg, oder dem Kirchlesberg auf der gegenüberliegenden Anhöhe, von wo sich ein weiter Rundblick öffnet. Spannend wäre auch der Besuch von den Überresten der christlichen Kirche aus dem 5. Jahrhundert. Kurz nach Verlassen des Ortes weißt ein Schild zu den Mineralquellen hin, doch auch dafür ist heute keine Zeit mehr. Vielleicht gibt es noch mehr Gründe für einen längeren Besuch von Katharinenfeld zu einem anderen Zeitpunkt und auch anderer Jahreszeit zum Beispiel im Herbst.

 

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Ein Kommentar zu Georgien – Land der Ein- und Auswanderung

  1. Lina Anselm sagt:

    Ich bin emotional sehr ergriffen. Eins meiner größten Wünsche ist es, die Stadt meiner Vorfahren und die meines Mannes selbst zu sehen. Bislang wusste ich nicht in welcher Straße meine Großmutter aufwuchs. Sie selbst hatte es vergessen. Eines Tages – so hoffe ich – werde ich mit meinen Kindern in der „Mühlgrabenstraße“ stehen und an meine Großmutter, geborene Huttenlocher, denken.
    Vielen Dank für diesen Bericht. Ich wünschte, ich könnte dies meiner Großmutter vorlesen und ihr die Bilder zeigen. Leider habe ich die Seite ein paar Jahre zu spät entdeckt. Nichts desto trotz fühle ich mich ihr nun etwas näher. Vielen Dank für dieses wunderbare Gefühl!

    Lina Anselm, geborene Jägle

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