Unterwegs mit Jesus – Kapitel 2: Die Vorbereitung zum Dienst

Abbildung 1 Das Städtchen Nazaret ist im Alten Testament nicht erwähnt, war also unbedeutend. Hier begann die Menschwerdung  des Sohnes Gottes. Hier wuchs Jesus auf bis er etwa 30 Jahre alt war.  (Foto: Aptil 1986).

 

2.1 Der zwölfjährige Jesus im Tempel in Jerusalem

(Bibeltext: Lk 2,41-52)

Der Evangelist Lukas berichtet wieder mal als Einziger über diese Geschichte im Leben von Jesus:

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch (έθος ethos) des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten’s nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn. Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. (Lk 2,41-47).

Jedes Jahr gehen Josef und Maria nach Jerusalem zum Passahfest. Damit halten sie sich an Gottes Ordnung für die nationalen Feste Israels (2Mose 12,11; 3Mose 23,5; 5Mose 16,5-6.16). Natürlich nehmen die Eltern ihre Kinder mit, denn so können sie ihnen die Geschichte der Erlösung des Volkes aus der Knechtschaft Ägyptens tief einprägen.

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Abbildung 2 Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit von Jesus. Die Stadt war in den Grenzen seiner Mauern vielleicht nur etwas mehr als ein Quadratkilometer groß. Fast ein Drittel nahm der Tempelbezirk im Südpsten der Stadt ein. Dazu kamen die Burg Antonia, der Palast der Hohenpriesterfamilie, sowie der Palast des Herodes, Viele wohlhabende und einflussreiche Familien hatten ihre Häuser in den sonst engen Gassen der Stadt. Die Handwerkerfamilien bildeten den nächst größeren Anteil. Viele ärmere Familien lebten außerhalb der Stadtmauern (Foto: April 1986).

Als Jesus zwölf Jahre alt ist, geht die Familie wie immer zum Fest hinauf nach Jerusalem. Wir werden vom Evangelisten Lukas besonders auf das Alter von Jesus hingewiesen. Zwölf Jahre ist ein besonderer Schnittpunkt im Leben eines jüdischen Jungen – er überschreitet die Schwelle vom Kind zum Knaben. Denn es gibt in der jüdischen Kultur folgende Stufen von der Geburt bis zum vollen Mannesalter:

– Säugling (gr. βρέφος brefos, der Begriff wird auch für Babys, die noch im Mutterleib sind benutzt) bis zum 3. Lebensjahr, bzw. dem Ende der normalen Stillzeit.

– Kind (gr. παίδος paidos) meist ab dem 4. Lebensjahr; dem Beginn des religiösen Lebens; ab dem 5. Lebensjahr erfolgte der Unterricht in der Schrift; ab dem 10. Lebensjahr in der Mischna.

– Knabe (gr. παίς παιδάριον pais paidarion) ab ca. dem 12. Lebensjahr; Begin der Berufsausbildung; ab dem 13. Lebensjahr war er zum Halten der jüdischen Gesetze verpflichtet.

– Jüngling (gr. νεανίας νεανίσκος neanias neaniskos) nach Abschluss der Pubertät; ist schon zum Militärdienst fähig, wird für junge Männer (wenn nicht verheiratet) bis ca. 30 Jahre benutzt.

 

Die Mutter spricht ihren Sohn Jesus nach einer langen Suche neutral als `τέκνον teknon`  „ganz allgemein Kind“ an (so werden Mädchen, Jungen und im übertragenen Sinne auch Erwachsene gerufen), während der Evangelist Lukas Jesus als Knabe (παίς pais) vorstellt.

In Lukas 2,43 heißt es: „als vollendet waren die Tage, während sie zurückkehrten (…)“, dieses: „während“ ist eine Besonderheit des Lukas und unterstreicht die Bewegung, die Dynamik in der Geschichte. Im Rahmen der Erzählung ist eines bemerkenswert – die Sorglosigkeit der Eltern. Sie machen sich anscheinend gar keine Sorgen, dass ihr Erstgeborener Sohn Jesus nicht in engem Kontakt mit ihnen während der Wanderung bleibt. Die Zwölfjährigen und dazu noch Erstgeborenen genossen eine relativ große Freiheit, vielleicht sogar eine größere als die jüngeren Geschwister. Aus späteren Berichten  erfahren wir, dass Josef und Maria noch vier Söhne und mindestens zwei Töchter hatten (siehe Mk 6,3) und die konnten zu dieser Zeit ebenfalls mit auf der Reise gewesen sein. Die Reise in größeren Reisegruppen trug wohl auch zu dieser relativen Sorglosigkeit bei. Der Weg von Jerusalem hinab nach Jericho war damals ein relativ schmaler Pfad und keine ausgebaute Heerstrasse. Daher war auch der Pilgerzug sehr lang und unübersichtlich. Erst gegen Abend des ersten Reisetages, suchen sie ihren Erstgeborenen Jesus. Und nun geht es wieder eine Tagereise weit steil bergauf bis Jerusalem. Nach mühevollem und verzweifeltem Suchen finden sie ihn `nach drei Tagen`, bzw. `am dritten Tag` im Tempel. Eher stellt sich hier die Frage an die Eltern, warum sie nicht schon am Sammelplatz in Jerusalem und bei der Abreise ihre Kinder zählten? Und wenn sie tagelang in Jerusalem ihren Sohn suchten, warum schauten sie nicht im Bereich des Tempels nach?

Jesus ist bewusst in Jerusalem geblieben. Rätselhaft bleibt, warum er seiner Mutter und Josef nichts davon gesagt hatte. Einerseits verspürt Jesus ein deutliches Verlangen sich in der Nähe des Tempels aufzuhalten. Andererseits macht diese Episode auch deutlich, dass Jesus als heranwachsender Mensch zu diesem Zeitpunkt noch nicht alles über seine Zukunft weiß. Diese Begrenzung oder Einschränkung gehört zu seinem Menschsein. Wenn es von ihm heißt, dass er „zunahm an Weisheit, Alter und Gnade vor Gott und den Menschen,“ dann unterstreicht es den normalen Wachstumsprozess, den ein Mensch durchläuft.

Diese Episode macht auch deutlich, dass Jesus im Kindesalter keine Wunder getan hatte.

Im Gegensatz zu einer apokryphen Schrift aus dem Ende des 2. Jahrhunderts: Kindheitsevangelium nach Thomas. Dort wird geschrieben, wie Jesus aus Lehm fünf Spatzen formte und zu Leben erweckte oder einen Spielkameraden in einem Wutanfall wie einen Baum verdorren ließ.

Es scheint auch, dass er nicht im vollen Umfang den Willen Gottes erfassen konnte. Doch Jesus verbringt seine Zeit auf sehr sinnvolle Weise in Jerusalem. Nach der Fülle der Arbeit, die so ein Fest für die Rabbiner in Jerusalem mit sich brachte, haben sie nun etwas mehr Ruhe und der Alltag im Tempel scheint seinen normalen Lauf zu bekommen. Jesus darf bei den Lehrern sitzen und ihnen zuhören. Dabei bleibt es nicht beim Hören allein, er stellt Fragen und hier und da gibt er auch Antworten. Die Methode der Unterweisung war oft eine Art Lehrgespräch. Jesus fällt dabei mit seinem Wissen und mit seiner Klugheit offensichtlich auf. Im Text wird hervorgehoben: „Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten,“

Mitten in diese Idylle platzen die suchenden Eltern hinein. Verwunderung ist ihnen deutlich anzumerken. Sie sind entsetzt – sogar bestürzt. Die erste Reaktion einer besorgten Mutter ist: „Kind, warum hast du uns das angetan?“ (Lk 2,48). Ist die Erwartung von Maria an den Zwölfjährigen nicht zu hoch, sind nicht die Eltern für ihre Minderhährigen Kinder Verantwortlich?

Die überraschende Antwort von Jesus darauf ist: „Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“ (Lk 2,49). So einfach diese Worte auch klingen, so zeigen sie doch die besondere und einzigartige Beziehung von Jesus zu seinem himmlischen Vater. Uns als Leser fällt wieder mal auf, dass Josef nicht im Vordergrund steht, sondern die Mutter von Jesus. Die Evangelisten verfolgen einheitlich diese kulturell unübliche Darstellungsweise. Josef sorgt für Jesus – verbleibt aber im Hintergrund. Er ist nicht sein Vater, obwohl Maria in diesem Zusammenhang ihn als Vater bezeichnet – „dein Vater und ich“. (Lk 2,48).

Von Maria hören wir zum wiederholten Mal, dass sie alles was über Jesus oder von ihm gesagt wird, in ihrem Herzen bewegte/bewahrte (Lk 2,51). Sie speichert nicht nur einzelne Aussagen oder Ereignisse, sondern bewegt sie in ihrem Herzen, obwohl sie deren tiefen Sinn noch nicht versteht.

Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. (Lk 2,50-51).

Jesus willigt dann widerspruchslos in den Willen seiner Eltern ein und kehrt mit ihnen nach Galiläa zurück. Er ordnet sich ihnen selbstverständlich unter – eine vorbildliche Einstellung! Der Sohn Gottes macht sich abhängig von fehlerhaften Menschen.

Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lk 2,52).

Jede weitere „Zunahme“ im Leben eines Menschen hängt sehr von dem richtigen und guten Abschluß einer vorangegangenen Lebensphase ab. Damit ist Jesus auch ein echtes Vorbild für Teanager unserer Zeit.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Auf welche alttestamentliche Verordnung gründete sich die Gewohnheit der Eltern von Jesus, jedes Jahr nach Jerusalem zum Passahfest zu pilgern?
  2. In welchem Sinne wird heute der Begriff `Ethos` gebraucht?
  3. Was bewog Jesus in Jerusalem zurückzubleiben und womit beschäftigte er sich dort?
  4. Beschreibe die möglichen Gedanken und auch die Gefühle von Maria und Josef, bei der tagelangen Suche nach Jesus?
  5. Hast du gelegentlich auch zu hohe Erwartungen, Anforderungen an deine Kinder?
  6. Wie lange sollen Kinder ihren Eltern untertan sein und in welchen Bereichen?
  7. Welch ein Segen liegt grundsätzlich auf der Unterordnung unter Autoritäten, welche von Gott eingesetzt sind?
  8. Wie hast du das Erwachsenwerden erlebt? Wann bist du erwachsen geworden?

 

 

2.2. Jahre des Reifens

(Bibeltext: Lk 2,52)

 

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und Jesus nahm zu an Alter, Gnade und Weisheit bei Gott und den Menschen.“ (Lk 2,52).

Dies ist wohl die einzige konkrete Aussage über Jesus, die ihn in seiner Entwicklung nach dem zwölften Lebensjahr beschreibt. Fast 18 Jahre vergehen, bis zum öffentlichen Wirken. Keiner der Evangelisten macht konkrete Angaben über jene Zeit.

  • Er nahm zu an Alter“, heißt, Jesus wächst ganz normal heran – er hat keine Lebensphase übersprungen. Er entwickelt sich ganz normal vom Teenager zum Jüngling und dann zum Mann.
  • Er nahm zu an Gnade bei Gott und den Menschen“, die Betonung liegt nicht auf ‚Gnade’, die von Jesus ausgeht, sondern von Gott und den Menschen. Ähnlich war es bei Noah: „Noah fand Gnade vor dem Herrn“ (1Mose 6,8), oder bei Salomo: „Er fand Gnade bei Gott“ (Apg 7,46). Gottes ganze Zuwendung, Freude und Wohlwollen ruhen auf Jesus. Auch die Menschen, die ihn umgeben, sind gut auf ihn zu sprechen. Sie freuen sich an ihm, sie sind ihm günstig gesonnen. Und diese Gnade kann Jesus auch reflektieren. Später heißt es von Jesus: „Aus seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Joh 1,16). Gnade beinhaltet: Gunst, wohlwollende Zuwendung und Zuneigung, mit dem Angesicht zugewandt, wohl gesonnen sein, sich freuen an und über jemanden, Wohlgefallen haben an jemand.
  • „Er nahm zu (…) und (an) Weisheit bei Gott und den Menschen“, dass heißt, dass Jesus die Erkenntnisse richtig anwendet. Und dies geschieht vermehrt mit zunehmendem Alter. Er wächst aber auch geistlich. Er hat nicht alles auf einmal bekommen, sondern der jeweiligen Altersstufe entsprechend und zwar in reichem Maß.

Gnade und Weisheit sind göttliche Eigenschaften, es geht darum, die von Gott geschenkten oder durch Menschen und das Leben angelernten Erkenntnisse richtig anzuwenden und umzusetzen. Dies geschieht im Umgang mit Menschen bei der alltäglichen Arbeit und den Pflichten in der Familie. Aus den Aussagen der Evangelisten über die Familie von Jesus oder aus den von Jesus erzählten Gleichnissen können wir einiges ableiten, was in jener Zeit der Reifung geschehen sein könnte.

Jesus ist auch noch nach seinem zwölften Lebensjahr jedes Jahr zum Passahfest nach Jerusalem gepilgert. Dies wird zum einen aus dem Hinweis in Lk 2,41 ersichtlich und zum anderen aus der Tatsache, dass er sich später in Jerusalem und Umgebung gut auskennt. Der Ölberg, Bethanien (Joh 12,1), der Turm am Siloah Teich (Lk 13) und der Teich Bethesda am Schaftor mit seinen fünf Hallen (Joh 5,1ff) sind Orte, die er gut kennt. Die Aussage des Apostels Paulus in Galater 4,4 „Geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan“, unterstreicht rückblickend zusätzlich, dass Jesus all die Forderungen des Mosaischen Gesetzes an einen männlichen Bürger Israels beachtete – nicht zuletzt auch, weil Josef und Maria fromme und gottesfürchtige Eltern waren. Mit ihrem Verhalten bildeten sie einen guten Rahmen für eine gesunde Entwicklung von Jesus.

Dass Jesus an den Sabbaten in die Synagoge geht, wie alle anderen gottesfürchtigen Juden, steht außer Frage – heißt es doch auch noch später von ihm, dass er nach seiner Gewohnheit am Sabbat, dem jüdischen Wochenfeier- und Ruhetag in die Synagoge geht (Lk 4,16).

Wie alle jüdischen Knaben muss auch er zum Unterricht in die Synagoge gehen und wird aus dem Gesetz unterrichtet. Die spätere Aussage der Pharisäer: „Wie kennt dieser die Schriften, obwohl er sie doch nicht gelernt hat,“ meint nicht, dass Jesus in seiner Kindheit es nicht für nötig hielt in die Schule zu gehen. Es weist nur darauf hin, dass Jesus keine rabbinische Schule in Jerusalem bei den Schriftgelehrten der damaligen Zeit besucht hat, wie es zum Beispiel bei Saulus/Paulus der Fall war.

Aus Markus 6,3. erfahren wir, dass Jesus den Beruf eines Zimmermanns – wie auch sein „Stiefvater“ Josef – erlernt. Allerdings ist die Berufsbezeichnung „Zimmermann“ nicht ganz korrekt. Wie schon oben aufgezeigt bezeichnet der griechische Begriff `τέκτωνtektön` einen, der Häuser baut. In diesem Beruf arbeitet Jesus wohl mindestens 15 Jahre. Er ist ein guter Meister in seinem Fach:

  • Aus dem Gleichnis vom klugen und törichten Mann (Mt 7,24-29) spricht nicht nur Kompetenz, sondern auch Erfahrung.
  • Aus dem Gleichnis vom Turmbau (Lk 14,28-30) spricht die Erfahrung mit Kostenberechnung von zu bauenden Objekten.
  • Andere, aus dem Bau genommene Beispiele, unterstreichen seine Kompetenz im Handwerk. Wir können davon ausgehen, dass Jesus fleißig, zuverlässig und treu in seinem Beruf war.

Jesus wächst in einer ganz normalen jüdischen Familie auf. Er hatte noch vier Brüder:

  • Jakobus, Josef (Joses), Simon und Judas. Alle Brüder glauben bis zu seiner Auferstehung nicht an ihn als den von Gott gesandten Messias (Joh 7,5). Und er hat mindestens zwei Schwestern (Mt 13,55-56; Mk 6,3). Jesus ist also kein Einzelkind. Als Ältester von mindestens sechs Geschwistern, muss er schon früh Verantwortung übernehmen. Mit zwölf Jahren ordnet er sich erneut ganz bewusst den Eltern unter. So erlebt er alle Details im Zusammenleben einer Familie in einem Haus und in der Nachbarschaft. Der Gegensatz zu Johannes dem Täufer wird hier besonders bewusst. Jener wächst als Einzelkind auf und wird durch ein ganz anderes Umfeld geprägt. Das Beziehungsgeflecht in einer Großfamilie ist bis heute eine unersetzliche Schule für soziales Verhalten und Charakterbildung. Fürsorge. Rücksichtnahme und Verantwortung können hier in der Praxis erlernt und gelebt werden.

 

Jesus führt keineswegs ein verborgenes und verdecktes Leben, denn die Einwohner von Nazaret kennen ihn als Baumeister von Häusern, sie kennen seine Familienangehörigen namentlich und was noch auffällt, mit seiner Weisheit hielt er sich wohl sehr zurück. Erst später bei seinem öffentlichen Dienst, wird von den Bewohnern Nazarets mit Verwunderung festgestellt: „Woher kommt ihm diese Weisheit und Taten?“ (Lk 4,22; Mt 13,54). Das heißt auch, dass er vorher keine Wunder getan hatte. Auffällig ist ganz sicherlich: Jesus heiratet so weit wir wissen – entgegen der normalen Praxis eines Orientalen – nicht im jungen Erwachsenenalter. Wir hören nie etwas von einer Hochzeit, von einer Ehefrau oder Kindern in der biblischen Überlieferung. Auch in den späteren Schriften der Apostel und biblischer Autoren gibt es keine Hinweise darüber, dass Jesus eine eigene Familie gehabt hätte. Überraschender Weise nennt auch der andere bekannte bekennende „Single“ Paulus, Jesus nicht als Vorbild für das Ledigsein. Jesus hatte nie einen eigenen Haushalt geführt (Mt 8,20), was eher für einen Ledigen zutrifft. Am Lebensende ist Jesus um seine Mutter besorgt, doch in keiner Weise muss er sich um eine Ehefrau oder Kinder sorgen. Wir schließen uns hier der christlichen Tradition von dem Single Jesus an. Trotzdem kann Jesus uns auch in Fragen der Ehe bestens verstehen. Von ihm heißt es, dass er versucht wurde „in allem gleich wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebr 4,15). Er kann uns in allen Lebensphasen und Lebenssituationen sehr gut verstehen.

 

Es ist auffallend und auch herausfordernd, dass Jesus sich (ähnlich wie bei Johannes) 30 Jahre lang auf seinen nur etwa dreieinhalbjährigen Dienst vorbereitet.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Über welche Details aus dem Leben von Jesus in der Zeit des Reifens sollten wir ein wenig intensiver nachdenken und Ableitungen für heute wagen?
  2. Welche menschlichen Faktoren waren günstig für die Entwicklung von Jesus?
  3. Wie schätzt du deinen persönlichen Werdegang in der Schulzeit und Berufsausbildung ein? Welche Bedeutung haben sie auf dein heutiges Leben?
  4. Was bedeutet Weisheit für den Alltag?
  5. Was bedeutet der Prozess des „Zunehmens an Weisheit“ für unser Gemeindeleben?

 

2.3 Johannes der Täufer – seine Identität und Dienstbeginn

            (Bibeltexte: Lk 1,5-25; 38-80;  Mt 3,1;  Mk 1,1-2;  Lk 3,1-3)

Alle vier Evangelien berichten von Johannes, dem Sohn des Zacharias und der Elisabeth, als dem Wegbereiter von Jesus. Der Evangelist Lukas berichtet zusätzlich und ergänzend auch über die Details der Herkunft und Geburtt von Johannes. So berichtet er:

Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija mit Namen Zacharias, und seine Frau war von den Töchtern Aaron, die hieß Elisabeth. Sie waren aber alle beide gerecht und fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und Satzungen des Herrn untadelig. Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war unfruchtbar, und beide waren hochbetagt. Und es begab sich, als Zacharias den Priesterdienst vor Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, dass ihn nach dem Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer darzubringen; und er ging in den Tempel des Herrn. Und die ganze Menge des Volkes betete draußen zur Stunde des Räucheropfers. Da erschien ihm der Engel des Herrn, der stand an der rechten Seite des Räucheraltars. Und als Zacharias ihn sah, erschrak er, und Furcht überfiel ihn. Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben. Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. Und er wird viele der Israeliten zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft des Elia, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist. Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin alt und meine Frau ist hochbetagt. Der Engel antwortete und sprach zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt, mit dir zu reden und dir dies zu verkündigen. Und siehe, du wirst verstummen und nicht reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit. (Lk 1,5-20).

Der Name Johannes hat die Bedeutung: ‚Der Herr ist gnädig’, diese Namensgebung wird durch den Engel angeordnet (Lk 1,13). Gott hat Zacharias und Elisabeth, so wie das ganze Volk Israel gnädig angesehen. Schon die Ankündigung und die Geburt des Johannes ist ein ungewöhnlicher Bericht. Der Evangelist Lukas beschreibt im Detail die heilsgeschichtlichen und auch die menschlichen Aspekte in Bezug auf die Geburt des Johannes. Der Bekanntheitsgrad seiner Eltern ist hoch, wie wir aus der jüdischen Überlieferung wissen. So kommt es zu einer starken Verbreitung der Ereignisse rund um die Geburt und die Kindheit des Johannes. Die Bemerkung der Leute: „Was wird wohl aus diesem Kind werden, denn die Hand des Herrn war mit ihm“ (Lk 1,66), weckt bei vielen Juden neu die Hoffnung auf Gottes Eingreifen in Zeiten der Unterdrückung, Gewalt und Not.

Der Vater des Johannes gehört zur Priestergruppe Abija, seine Mutter stammt ebenfalls aus dem Hause Aaron, somit gehören beide zum Stamm Levi. Auf den Priester Abija fiel das achte Los bei der Diensteinteilung durch den Hohenpriester Zadok nach der Anweisung Davids (1Chr 24,10). Nach der babylonischen Gefangenschaft wurden die 24 Priesterordnungen unter Esra erneuert (Esra 2,36-39;  Neh 10,8; 12,4. 17). Jede dieser 24 Priestergruppen waren zweimal im Jahr je eine Woche zum Dienst im Tempel eingeteilt. Bei den drei Jahresfesten (Passah, Wochenfest, Laubhüttenfest) waren alle dienstverpflichtet (Vgl. auch 2Kön 11,5;  2Chr 23,8).

Anmerkungen zum Zeitpunkt der Geburt von Johannes:

  • Der Priester Zacharias hatte (neben den drei Jahresfesten) zweimal im Jahr Dienst im Tempel und zwar in der achten Woche nach dem Passah (ca. Mitte Mai-Mitte Juni) und dann in der achten Woche nach  dem Laubhüttenfest, das wäre ca. Mitte November – Mitte Dezember.
  • Der Evangelist Lukas berichtet: „Und es begab sich, als die Zeit seines Dienstes um war, da ging er heim in sein Haus. Nach diesen Tagen wurde seine Frau Elisabeth schwanger (…).“ ((Lk 1,23-24a).
  • Demnach wäre Johannes entweder im Frühjahr (März) oder im Herbst (September) geboren worden.
  • Seinen Dienst begann er nach dem Befehl des Herrn im fünfzenten Jahr der Rerierung des Tiberius Kaiser (Lk 3,1-4), das war zwischen dem 19. August 28 und 18. August 29 im 1. Jh..
  • Rechnet man von frühestens Herbst 28 oder spätestens Frühjahr 29 dreißíg Jahre zurück (Dienstalter für den Beginn der amtlichen Priesterdienste), kommt man in den Herbst des Jahres 3 oder Frühjahr des Jahres 2 vor unserer Zeitrechnung für die Geburt des Johannes.
  • Da Jesus genau sechs Monate jünger war als Johannes (Lk 1,39) und seinen Dienst ebenfalls mit 30 Jahren begann (Lk 3,23), ergäbe sich für die Geburt von Jesus entweder Frühjahr 2 oder Herbst 2 vor unserer Zeitrechnung.

Ursprünglich hatte Gott für die Priester als Dienstbeginn das Alter von dreißig Jahren festgesetzt  und ihr aktiver amtlicher Dienst endete mit fünfzig Jahren. Danach konnten sie den amtierenden Leviten und Priestern helfen, ohne eigene Befugnisse zu haben (4Mose 4,3. 23. 30. 35. 39. 43. 47). Auch Johannes der Täufer beginnt seinen Dienst (als Priestersohn) mit etwa dreißig Jahren. Obwohl Zacharias dem Engel sagt, dass er und seine Frau Elisabeth in die Jahre gekommen sind, war er bei der Geburt des Johannes noch keine 50 Jahre alt (Lk 1,18).

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Abbildung 3 Wasserfall in der Schlucht von En Gedi am Ostabhang der Judäischen Wüste und einige Kilometer westlich des Toten Meeres. Hier lagerte David zeitweise mit seinen Männern. Hier können Menschen und Tiere das ganze Jahr hindurch ihren Durst löschen. Wegen der zahlreichen Höhlen in der Gegend hielten sich dort auch Hirten mit ihren Herden auf. Nördlich davon befand sich die Essener-Siedlung. Obwohl es hier das ganze Jahr hindurch Wasser gibt, war die Gegend wenig besiedelt, zählte also zu der Judäischen Wüste (Foto: Juli 1994).

1994).

Johannes hat die Möglichkeit sich ebenfalls auf den Priesterdienst im Tempel in Jerusalem vorzubereiten um dann dort bis ins Alter zu dienen. Doch er wächst in der nicht näher beschriebenen Wüste Judäas auf. Dort wird sein Charakter und seine Gottesbeziehung anders geformt als im priesterlichen Umfeld. So schreibt der Evangelist über Johannes weiter:

Aber das Kind wuchs und wurde stark im Geist und er war in den einsamen Gegenden bis zum Tag seines öffentlichen Auftretens vor Israel. (Lk 1,80).

Johannes weiß wer er ist, da er eine klare Sendung von Gott hat. Auf die Fragen der Gesandten aus Jerusalem: „Wer bist du“? Bist du der Gesalbte (Christus), bist du der Prophet, bist du Elia? antwortet Johannes: „Ich bin die Stimme eines Rufenden in der Wüste: „Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Pfade.“ (Joh 1,19-23;  Lk 3,4;  Mk 1,3;  Jes 40,3f).

Der Evangelist Markus hebt in seinem kürzesten Bericht noch eine weitere prophetische Aussage aus dem Buch Maleachi hervor: „Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht, der deinen Weg bereiten wird.“ (Mal 3,1a). Der Evangelist Lukas notiert die Voraussage des Engels: „(…) Und er (Johannes) wird vor ihm (Christus) hergehen im Geist und der Kraft des Elia.“ (Lk 1,17. 76). Später bestätigt Jesus die Identität des Johannes mit den Worten: „Dieser ist Elia (…).“ (Mt 17,10-13;  Mal 3,23).

Nach dem Zeugnis von Jesus ist Johannes der Täufer nicht einfach ein Prophet wie alle Propheten vor ihm, sondern der größte unter den Propheten (Mt 11,9-11). Die Besonderheit seiner Person wird sogar durch seine Kleidung und Speise unterstrichen (Mt 3,4;  2Kön 1,8). Er trug einen sehr groben Mantel gewoben aus Kamelwolle, darüber einen ledernen Gürtel um seine Hüften und aß Heuschrecken und wilden Honig. Nach dem Bericht des AT wissen wir, dass sich auch Elia so kleidete – typisch und auch praktisch für Menschen, die außerhalb der Orte in der Wüste lebten. Dies war nach 2Kön 1,8 sogar ein Erkennungszeichen für den Propheten. Nach der jüdischen Endzeiterwartung sollte Elia vor dem Ende der Zeit wiederkommen (Mal 3,1. 23-24).

Der Speisezettel des Johannes deckt sich mit dem der Ärmsten seiner Zeit (Keener 1998, Bd. 1, 62).

Auch die Essener hielten sich an eine solche Diät, um sicher zu sein sich nur koscher zu ernähren. Johannes lebte außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beantworte die Frage nach der Herkunft des Johannes. Wer waren seine Eltern, seine Vorfahren? Was bedeutet sein Name?
  2. Wie können wir mit einiger Sicherheit den Zeitpunkt der Geburt des Johannes berechnen?
  3. Welche zeitlichen Vorgaben hatten die Priester für ihren amtlichen Dienst?
  4. Welche Merkmale verbinden Johannes mit Elia?
  5. Welche Rolle spielt das Umfeld in dem wir aufwachsen?
  6. Welche Unterschiede zwischen ihm und Jesus fallen dir auf?

 

 

2.4 Die zeitlichen Aspekte des Dienstes von Johannes

(Bibeltexte: Lk 3,1-4;  Mt 3,1;  Mk 1,2;  Joh 3,30; 4,1-3)

Der Ev. Lukas verknüpft den Beginn der Wirksamkeit des Johannes mit bekannten geschichtlichen Daten und Namen. Er schreibt:

Aber im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter von Judäa war und Herodes Vierfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Vierfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis, und Lysanias Vierfürst von Abilene, unter dem Hohenpriestertum von Hannas und Kaiphas, geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias in der Wüste. (Lk 3,1-3).

Der Beginn der öffentlichen Wirksamkeit des Johannes ist für Lukas so wichtig und bedeutend, dass er einen Zusammenhang zu einer Reihe herausragender Würdenträger der damaligen Zeit herstellt. Es sind fünf politische und zwei religiöse Persönlichkeiten. Für eine Zeitbestimmung des Dienstbeginns von Johannes genügt hier die Zeitangabe in Bezug auf die Herrschaftszeit des Tiberius Kaiser (Lk 3,1).

Kaiser Tiberius trat seine Herrschaft gleich nach dem Tode seines Schwiegervaters, des Augustus Cäsar, am 19. August 14 n. Chr. an. Rechnet man 14 volle Jahre dazu, kommt man in den August 28 n. Chr. So könnte Johannes seinen Dienst schon im Herbst 28 n. Chr. begonnen haben. Doch möglich ist es auch,, dass er erst nach der winterlichen Regenzeit (Januar/Februar 29 n. Chr.) mit seiner Tauftätigkeit begann.

Gottes Wort geschah zu ihm und er kommt in die ganze Gegend am Jordan. Der Ev. Matthäus bezeichnet das Taufgebiet konkreter als „Wüste Judäas.“ (Mt 3,1). Die römische Provinz Judäa ist zur Zeit des Statthalters Pilatus in ihrer Ausdehnung größer als das Stammesgebiet Juda zur Zeit der Könige. Umgangssprachlich verstand man unter Judäa das Gebiet südwestlich der Jabbokmündung in den Jordan und bis an das Mittelmeer, im Süden bis Idumäa.

Johannes wird von den Evangelisten der `Täufer` gr. Ιωάννης ο βαπτιστής Iöann¢s o baptist¢s genannt, weil Taufen im Wasser seine sichtbare Tätigkeit war.

Der Dienst des Johannes kann in drei zeitliche Abschnitte unterteilt werden.

  1. Der erste geht bis zur Taufe von Jesus, hier erreicht sein Dienst seinen Höhepunkt. Dies ist der wichtigste und spezielle Auftrag, den er erfüllen muss. Der Ap. Paulus unterstreicht dies in Apostelgeschichte 13,25: „Als aber Johannes seinen Lauf (seinen Auftrag) erfüllte, sagte er: ich bin nicht der, den ihr vermutet (…).“ Die erste Dienstperiode könnte ein halbes Jahr gedauert haben, was dem Altersunterschied zu Jesus entspräche, also von etwa Frühjahr – Sommer 29. n. Chr.
  2. Die zweite Dienstperiode kann als die Periode des Abnehmens bezeichnet werden, wie er selber in Johannes 3,30 sagt: „Jener (Jesus) muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ Diese zweite Periode wird etwas weniger als ein Jahr gedauert haben (Joh 3,23). Sie ist durch folgende Etappen im Leben von Jesus markiert: wenn wir annehmen, dass Jesus etwa im Spätsommer oder Herbst des Jahres 29 getauft wurde, ging er nach einigen Wochen zurück nach Galiläa, begann seinen Dienst und zog zum nächsten Passa (Frühjahr 30) nach Jerusalem (Joh 2-3). Danach ging er für einige Zeit an den Jordan (Joh 4,1ff). Erst in dieser Zeit wird Johannes von Herodes Antipas gefangen genommen (vgl. Joh 3,24 und 4,3 mit Mt 4,12 und Mk 1,14) und Jesus begibt sich wieder (und nach der Chronologie des Johannesevangeliums nun schon zum zweiten Mal) nach Galiläa, diesmal über Samarien. Dies geschah etwa Ende Mai, Anfang Juni des Jahres 30 (Joh 4,35). Daher lässt sich die zweite Dienstperiode des Johannes auf etwa ein ¾ Jahr berechnen.
  3. Den dritten Abschnitt seines Dienstes verbringt Johannes im Gefängnis. Dieser Teil dauert am längsten, etwa zehn Monate (wenn das Fest der Juden in Johannes 5,1 das  Laubhüttenfest des Jahres 30 war) oder etwa 22 Monate (wenn das Fest der Juden in Johannes 5,1 das Passafest des Jahres 31 war).

Auf die zweite und dritte Periode seines Dienstes werden wir an passender Stelle, im Rahmen des Dienstes von Jesus, später näher eingehen.

Anmerkung: Die Aussage in Matthäus 4,12: „Als aber Jesus hörte, dass Johannes gefangen genommen wurde, verließ er Judäa und kehrte zurück nach Galiläa“ kann den falschen Eindruck erwecken, dass Johannes bald nach der Taufe von Jesus gefangen genommen wurde. Liest man das Johannesevangelium, stellen wir fest, dass Johannes der Täufer noch längere Zeit seine Tauftätigkeit fortgesetzt hatte. So schreibt der Evangelist Johannes in der Zeit des 1. Jerusalembesuches von Jesus im Frühjahr des Jahres 30: „Denn Johannes war noch nicht gefangen genommen worden (…).“ (Joh 3,24). Diese zeitlichen Details sind nicht unwichtig und wir werden bei Gelegenheit darauf Bezug nehmen. Man kann davon ausgehen, dass sich die gesamte Dienstzeit des Johannes auf etwa zweieinhalb bis drei Jahre ausdehnte. Recht kurz im Vergleich zur Zeit seiner Vorbereitung: etwa 30 Jahre!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe das politische, religiöse, geographische und das topgraphische Umfeld des Dienstes von Johannes dem Täufer.
  2. In welche Abschnitte könnte die Dienstzeit des Johannes eingeteilt werden?
  3. Was hältst du von einer guten Ausbildung und wie oder wodurch könnte die geistliche Charakterbildung bei einem jungen Menschen gefördert werden?
  4. Erstelle eine Zeit-Tabelle für die inhaltlichen Schwerpunkte in deinem Leben.
  5. Wie ausgedehnt oder auch wie eingeschränkt siehst du deinen Wirkungskreis?

 

2.5 Der Inhalt der Verkündigung von Johannes

(Bibeltexte: Mt 3,1-12;  Mk 1,3-8;  Lk 3,4-18;  Joh 1,6-8. 19-28)

Die Botschaft des Johannes ist eindeutig und in zweifacher Hinsicht zielausgerichtet: „Denkt um, denn genaht hat sich das Reich der Himmel.“ (Mt 3,2). Und: „Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Pfade.

Anmerkung:  „Juden kennen die Bitte vom Gottesreich, das kommen möge. Es wird in folgenden  Gebeten erwähnt:
a) Das 18-Bitten-Gebet: …Du bist heilig, dein Name ist heilig … Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt, verzeih uns unser KÖNIG, denn wir sind voller Schuld.

  1. b) Das Kaddisch (= die Heiligung; gemeint ist: Gottes): „Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt … Er lasse sein REICH kommen… Sein großer Name sei gepriesen…“
  2. c) Das Alenu- Gebet (es beginnt: „An uns ist es, den Herrn des Alls zu preisen …. ):
    “… .du regierst bald über sie immer und ewig, denn das REICH ist dein… Und der Ewige wird zum KÖNIG über die ganze Erde sein, an jenem Tag wird der Ewige einzig und sein Name einzig sein
    .“ (aus http://stephanscom.at/bibel/0/articles/2004/02/16/a4854/).

Denkt um, denn genaht hat sich das Reich der Himmel“ – dies könnte die passende Überschrift der Botschaft des Johannes sein, doch außer der Ankündigung des nahenden Reiches Gottes hat Johannes von Anfang an auch die Ankündigung des Messias in seiner Verkündigung.  Eigentlich kommt das himmlische Reich nur in Verbindung mit der Person des Messias / Christus (Mt 3,3).

Folgende Aspekte betont Johannes in seiner Predigt:

  • Er predigt die Taufe des Umdenkens (der Sinneswandlung) zur Vergebung der Sünden (Mt 3,1-6;  Mk 1,4;  Lk 3,3);
  • Er fordert  das Volk auf den Weg für den Herrn vorzubereiten, eben zu machen. Es geht natürlich nicht um Äußerlichkeiten, sondern um den Lebensstil, der eine tiefe Liebe zu Gott dem Vater und zum Nächsten ausdrückt
  • Johannes sieht seine Aufgabe darin, das Volk auf den bald kommenden Messiaskönig vorzubereiten. Der Messias kommt, darum fordert er seine Zuhörer zur Umkehr auf (Joh 1,7-8; 26-27);
  • Er greift mit scharfen Worten den frommen Formalismus an, besonders bei den Pharisäern (Mt 3,7-12;  Lk 3,7-9);
  • Er will die aufrichtigen Frommen des Volkes auf den vorherrschenden Formalismus aufmerksam machen und sie aus ihm herausführen.
  • Er gibt Hilfestellung für das praktische Leben (Lk 3,10-14);
  • Er bekehrt die Herzen der Väter zu ihren Kindern (Lk 1,16-17);
  • Er will die religiösen Hoffnungen der Juden weg von der politischen Befreiung von den römischen Besatzern hin zur Umkehr zu Gott und zum Glauben an den Messias lenken.
  • Er erkennt, begrüßt und bezeugt Jesus als Messias und Lamm Gottes und tauft ihn im Wasser (Mt 3,13-17;  Mk 1,9-11;  Lk 3,21-22;  Joh 1,29; 35-36);
  • Er weißt noch später rückblendend auf Jesus als den vom Himmel gekommenen hin“ (Joh 1,15; 3,28-36).

Seine Zuhörer bleiben nicht ununterbrochen bei ihm, sondern sie kommen und gehen. So stellt sich für Johannes die Aufgabe allen in etwa auch das Gleiche zu sagen und diejenigen, die zur Umkehr bereit sind zu taufen im Wasser des Jordan. Diejenigen, die sich nach einer Gesinnungsänderung von Herzen taufen lassen, sind dann auch entsprechend auf das Kommen des Messias vorbereitet und warten auf ihn, harren bei Johannes aus – sie werden zu seinen Jüngern.

Der Evangelist Lukas ergänzt und erweitert das Jesajazitat:

Jede Schlucht soll aufgefüllt werden und jeder Berg und Hügel soll niedrig gemacht werden und das Krumme soll gerade und das rauhe zu ebenen Wegen werden und jedes Fleisch soll die Rettung Gottes sehen. (Lk 3,5-6).

Ein meist aus dem Osten kommender König erwartete in der Vergangenheit immer, dass für ihn die Straßen instand gesetzt wurden. Auch zur Zeit des Johannes kann man überall sehen, wie beim Bau römischer Heerstraßen sehr aufwendig der Untergrund geebnet und vorbereitet wird. Im übertragenen Sinn verwendet Johannes dieses alttestamentliche Bild aus dem Straßenbau für das beginnende Reich Gottes. Das Reich Gottes ist ein Reich des Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude (Röm 14,17). Gerade durch diese Bildrede wird das Wesen des Reiches Gottes verständlich gemacht. Im Reich Gottes ist alles ausgeglichen, Reiche und Arme, Gebildete und Laien nehmen den Status der Kinder Gottes ein und sind somit vor Gott gleich geachtet. Die Aussage: „Alles Fleisch (gr. `πάσα σαρξ pasa sarx `, gemeint sind alle Menschen) soll die Rettung Gottes sehen“, deutet auf die Einbeziehung der Völker in den Heilsplan Gottes. Damit wird die Verbindung zur Verheißung an Abraham hergestellt: „In deinem Nachkommen sollen gesegnet werden alle Völker auf Erden.“ (1Mose 22,18). In deinem Nachkommen (Singular): „welcher ist Christus.“ Gal 3,16).

Abbildung 4 Modell des Herodianischen Tempels zur Zeit von Jesus (Foto: April 1986).

Johannes der Täufer ist von seiner Herkunft her zwar Priester, doch seinen Dienst versieht er nicht im Tempel am Altar, sondern am Jordan. Nicht auf dem Berg Zion in Jerusalem (ca.738 m über NN), sondern unten im tiefsten Tal der Erde, nördlich des Toten Meeres (ca. 380 m unter NN). Der Ort ist für die aus Jerusalem herabkommenden Stadtbewohner ideal, um dort eine anschauliche Predigt von der Sinnesveränderung und Umkehr zu hören. Denn Umkehr erfordert eine innere Beugung, ein sich demütigen, sich erniedrigen. Auch wird durch die Ferne von Jerusalem der Übergang vom Opfergottesdienst durch die Priester am Altar im Tempel, zu einem neuen wahren Gottesdienst deutlich. War dieser doch schon im Alten Testament von Gott als der richtige Gottesdienst vorgesehen:

(…) Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist, ein geängstetes und zerschlagenes Herz wirst du Gott nicht verachten. (Ps 51,18-19).

Abbildung 5 Die Treppen zeigen den Zugang zur Taufstelle im Jordan in den späteren Jahrhunderten. Der Jordan hat seinen Lauf verändert und so liegen diese Steine als stumme Zeugen für die durch die Tradition und die Kirchenbauten aus der Antike bezeugte Taufstelle des Johannes (Foto: 7. November 2014).

Gott hat so durch die räumliche Entfernung des Dienstortes von Johannes, den Übergang vom Alten zum Neuen Testament markiert. Die interessierten Bewohner Judäas müssen sich auf den Weg machen und dabei die gewohnten Wege und Pfade im religiösen Leben verlassen, um zur Taufstelle am Jordan zu gelangen. Der Ort der Taufe ist von Gott bewusst gew#hlt – in derselben Gegend lagerten die Israeliten, bevor sie über den Jordan gingen um das gelobte Land in Besitz zu nehmen. Der Ausgangspunkt für den Einzug in das geistliche gelobte Land des Reiches Gottes ist derselbe, doch die Kriterien für die Einnahme dieses vom Himmel herabkommenden Gottesreiches sind nicht mehr materieller, sondern geistlicher Natur. Der jahrhundertelange Rhythmus im Leben der Israeliten wird damit unterbrochen, damit sie ihre Traditionen und gewohnten Denkmuster neu im Licht Gottes bewerten können. Bei Johannes am Jordan bekommen sie durch das Hören seiner klaren Predigt Neuorientierung.

Die Besorgnis der Jerusalemer Führer kann man verstehen (Joh 1,19ff), da in dieser Zeit der Pilgerstrom umgelenkt wird. Sie befürchten ihren Einfluss zu verlieren – das Volk läuft ihnen mehr und mehr davon. Doch nach Gottes Weisheit läuft der Priesterdienst in Jerusalem ungestört weiter, während Gott etwas Neues in der Wüste beginnt. Während der alte Gottesdienst verblasst, erglänzt der Neue in einem hellen Lichtglanz – zwar anknüpfend an den Geist der Tradition, nicht mehr aber an dem Buchstaben.

Zu den vielen Menschen (besonders an die Pharisärer und Sadduzäer gewandt), die an den Jordan kommen, um sich taufen zu lassen, spricht Johannes:

Otternbrut! Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen? Bringt nun der Buße würdige Früchte; und beginnt nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag. Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt, jeder Baum nun, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. (Lk 3,7-9;  Mt 3,7).

Anmerkung: „Die Menschen des Altertums glaubten, dass die Brut mancher Schlangenarten sich aus dem Bauch ihrer Mütter herausfräße“ (Keener 1998, Bd. 1, 62). Unterstellt wird mit diesem Ausdruck, dass die Zuhörer Mörder der Eltern (Vorfahren) seien.In diesen Sätzen wird den Israeliten deutlich gemacht, dass Gott nicht an die natürliche Abstammung von Abraham gebunden ist, sondern diesen Begriff international weitet und die Glaubenden aller Völkern als Abrahams Kinder bezeichnet (Röm 9,6ff). Heiden, die zum Judentum übertreten wollten, mussten „Buße“ tun und sich durch Untertauchen waschen lassen. Johannes behandelt die Juden hier wie Heiden (Keener 1998, Bd. 1, 62).

Johannes geht es bei seinen Predigten nicht um eine hohe Anzahl von Täuflingen, sondern die Echtheit der Umkehr. Er sucht nicht Anerkennung, sondern die Ehre Gottes. Seine Predigtart ist geprägt von seiner göttlichen Sendung als Prophet, der mit einem lauten Weckruf seinen Landsleuten entgegen tritt. In der jüdischen Literatur wird manchmal das Symbol des Baumes in Gleichnissen für das Gericht über Israel verwendet (Jes 10,18-19;  Jer 11,16;  Hes 15,6).

Johannes liegt viel daran, in seiner Predigt die überragende Größe des Messias hervorzuheben. So sagt er dem Volk:

Es kommt der Stärkere als ich, nach mir, vor dem ich nicht gut genug bin mich zu bücken und den Riemen seiner Sandale zu lösen. Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen. (Mk 1,7-8). Die Evangelisten Matthäus und Lukas ergänzen: „(…) er wird euch mit dem Heiligem Geist und mit Feuer taufen.“ (Mt 3,12;  Lk 3,16).

Nach der Sicht der meisten jüdischen Gelehrten war das Wirken des Geistes seit Maleachis Tod erloschen. Die verheißene Wiederkehr des Geistes, war deshalb ein Hinweis auf das Kommen des Messias.

Die Aussage des Johannes „mit Feuer taufen“ scheint die Ausgangsbasis für die Lehre von der Feuertaufe der Gläubigen zu sein. Wir suchen zunächst nach weiteren Stellen in diesem Zusammenhang. Die direkte Verknüpfung zu der Johannesaussage stellt Jesus selber her. In Apg 1,4-5 sagt er:

(…) entfernt euch nicht von Jerusalem, sondern erwartet die Verheißung des Vaters, die ihr von mir gehört habt. Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber sollt mit dem Heiligen Geist getauft werden, nicht lange nach diesen Tagen. (Apg 1,4-5).

Wie wir sehen, fehlt hier bei Jesus der Zusatz: „und mit Feuer“, so auch an den übrigen Stellen, wie Lk 24,49; Apg 1,8; 2,33; 19,1ff; Eph 1,13 und weiteren Stellen, die den Empfang des Heiligen Geistes beschreiben. Allerdings wird in Apg 2 bei der Ausgießung des Heiligen Geistes das Feuer erwähnt. Dort lesen wir:

Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt wie von Feuer und sie setzten sich auf einen Jeden von ihnen. Und sie wurden alle erfüllt mit dem Heiligen Geist. (Apg 2,3-4a).

Hier wird nicht gesagt, dass der Heilige Geist im Feuer, oder wie Feuer auf die Jünger herabkam, sondern nur die Zungen waren zerteilt, wie von Feuer. Die Jünger erlebten die verheißene Geistestaufe, nicht eine wie immer geartete Feuertaufe.

Wie kann denn nun die Aussage des Johannes „Er wird euch mit Feuer taufen“ im Matthäus- und Lukasevangelium verstanden werden? Johannes gibt einen Teil der Antwort, die wir in Mt 3,12 lesen:

In dessen Hand ist die Worfschaufel, und er (Jesus) wird seine Tenne ganz säubern und er wird seinen Weizen sammeln in die Scheune, aber die Spreu wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer. (Mt 3,12).

Das ‚Worfeln’ war den Zeitgenossen des Johannes allgemein bekannt: nach der Ernte warf man an einer windigen Stelle die gedroschenen Weizenähren in die Luft. Der Wind trennte das schwerere Korn von der leichteren Spreu. Die nutzlose Spreu wurde meist verbrannt. Dieses Bild finden wir z.B. in Jes 17,13;  Jer 13,24; 15,7.

Könnte es nicht sein, dass Jesus hier von der Taufe der Gläubigen mit dem Heiligen Geist spricht und zugleich von einer Feuertaufe derer, die ihm nicht gehorchen (= Spreu) zum Gericht? Dafür gibt es manche biblische Belege, zum Beispiel:

Denn unser Gott ist ein verzehrendes Feuer (Hebr 12,29). Wer kann vor seinem Zorn bestehen, und wer kann vor seinem Grimm bleiben? Sein Zorn brennt  wie Feuer und die Felsen zerspringen vor ihm. (Nahum 1,6).

Auch in Johannes 15,6 im Gleichnis vom Weinstock und den Reben, heißt es:

Jegliche Rebe an mir, die nicht Frucht bringt, wird er wegnehmen und sie wird ins Feuer geworfen. (Joh 15,6).

In 1Kor 3,12-15 weißt Paulus auf das Feuer des Gerichts Gottes hin, welches auf die Gläubigen bezogen wird. Alle Werke, die nicht in Gott getan sind, werden verbrennen. Aber dieser Art der Feuerbewährung werden die Gläubigen erst am Tag des Gerichts unterzogen.

Zwar gibt es auch Aussagen, die das Feuer in einen positiven Zusammenhang mit dem Heiligen Geist bringen (zum Beispiel: „seid brennend im Geist“), doch muss hier jeweils der Kontext und die Gesamtaussage der Heiligen Schrift beachtet werden. Denn die Elemente Wasser und Feuer werden sowohl für Reinigung oder Läuterung, als auch für das Gericht verwendet (Mt 4,12; 25,46;  Eph 5,26;  1Petr 1,7).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was waren die Schwerpunkte in der Predigt des Johannes? Nenne Details seiner Verkündigung, die dir besonders auffallen.
  2. Welche Bedeutung oder Auswirkung hat die Distanz der Taufgegend am Jordan zu Jerusalem für die Verkündigung des Johannes und die Annahme seiner Botschaft im Volk?
  3. Im biblischen Kontext werden Menschen gelegentlich mit fruchttragenden Bäumen vergliechen. Was meint Johannes mit der Aussage: „bringt der Buße würdige Früchte hervor“?
  4. Was bedeutet die Aussage: „Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken“?
  5. Was bedeutet die Aussage: „Der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft“? Und was ist mit der Taufe im Feuer gemeint?
  6. Welche Gruppen von Menschen kamen zu Johannes an den Jordan?
  7. Wie waren die Ergebnisse seiner Predigt? Wie reagierten die verschiedenen Gruppen im Volk auf seinen Ruf zur Umkehr?
  8. Was können wir für uns aus dem Leben und Dienst des Johannes lernen?
  9. Wie reagieren heute Menschen auf dein Zeugnis?

 

2.6 Die Taufe von Jesus im Jordan

(Bibeltexte: Mt 3,13-17;  Mk 1,9-11;  Lk 3,21-22;  Joh 1,29-34)

Als Jesus ungefähr (knapp) 30 Jahre alt ist (Lk 3,23), geht er von Galiläa nach Peräa an das Ostufer des Jordan, in die Nähe des Ortes Betanien, um sich dort von Johannes taufen zu lassen.

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Abbildung 6 Der Jordan bei Betanien – die vermutete Taufstelle von Jesus (Foto: 7. November 2014).

Dieses Betanien am Ostufer des Jordans, liegt gegenüber der Stadt Jericho, also in Peräa, dem Herrschaftsgebiet von Herodes Antipas. Schon bei der ersten Begegnung wird deutlich, dass Johannes der Täufer eine Ahnung vom Dienstauftrag seines Verwandten Jesus hatte, denn seine Aussage Ich bedarf wohl, von dir getauft zu werden und du kommst zu mir“, unterstreicht diese Vorahnung. Die Aussage des Täufers in Johannes 1,31 Und ich kannte ihn nicht (…)“, macht deutlich, dass es auch bei Johannes ein stufenweises Erkennen von Jesus als den Messias gab – menschlich gesehen kannte er ihn wohl als weitläufiges Mitglied der Großfamilie mütterlicherseits. Es ist anzunehmen, dass Jesus und Johannes durch ihre Eltern einiges voneinander wussten. Hinzu kommt noch, dass Johannes der Täufer jeden Tag nach dem Messias Ausschau hielt. Als Johannes Jesus zu sich kommen sieht, ruft er aus: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt!“ Diese Erkenntnis offenbart ihm der Heilige Geist. So macht seine Aussage Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden“, und du kommst zu mir?“ deutlich, dass Johannes gleich zu Beginn der Begegnung mehr in Jesus sieht, als nur einen herausragenden Verwandten. Er schlägt sofort vor, dass Jesus als der Höhere ihn als Geringeren taufe. Die Antwort von Jesus lautet: Lass es jetzt (so sein); denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen.

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Abbildung 7 Eine der antiken christlichen Kirchen, welche in unmittelbarer Nähe am Ostufer des Jordan freigelegt wurde (Foto: 7. November 2014).

Im Zusammenhang mit der Taufe von Jesus werden fünf wichtige Aspekte deutlich:

  1. Jesus war knapp dreißig Jahre alt, als er sich im Jordan taufen ließ (so steht es in Lukas 3,23). Lukas beziffert das Alter von Jesus zu Beginn seines Dienstes mit ´ungefähr oder knapp dreißig Jahren´, Johannes der Täufer war sechs Monate älter (Lk 1,26). Er hat also seinen Dienst nach dem Befehl Gottes auch mit etwa dreißig Jahren begonnen. Dieses Alter entspricht der Anordnung Gottes für den Beginn der amtlichen Priesterdienste in Israel (4Mose 4,1-47). Dass Jesus von einem Priestersohn, der dazu noch von Gott autorisiert war, getauft wird, ist auffallend, aber auch angemessen. Auch Jesus (der wahre Hohepriester) beginnt seinen Dienst in einem von Gott für die Priester vorgeschriebenem Alter.
  2. Die angesprochene Taufstelle befand sich vermutlich etwa 8 ½   km nördlich vom Nordende des Toten Meeres bei Betanien (Joh 1,28; 3,26) am Ostufer des Jordan und liegt ungefähr 380 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Taufe von Jesus im Jordan und die anschließende Bevollmächtigung zum Dienst durch den Vater und den Heiligen Geist, findet also nicht auf einer Höhe (Jerusalem, Tempelberg) statt, sondern an dem tiefsten Punkt unserer Erde. „Er erniedrigte sich selbst“, trifft somit auch hier bei den äußerlichen Umständen zu.
  3. Jesus ist im Wasser des Jordan voll untergetaucht worden. Sowohl Matthäus als auch Markus berichten, dass Jesus nach der Taufe aus dem Wasser heraufgestiegen sei. Das griechische Verb  `βαπτίζω baptizö ` bedeutet eintauchen, untertauchen, im Wasser begraben werden. Wir lesen zum Beispiel in 2Könige 5,14 „Da stieg er (Naemann) ab und tauchte unter (εβαπτίσατο ebaptisato) im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte.“ Der Begriff wird aber auch für rituelle Waschungen ohne untertauchen verwendet.
  4. Durch die Formulierung: Es gebührt uns ordnet sich Jesus ganz dem Willen Gottes unter und stellt sich auf die gleiche Stufe mit sündigen Menschen. Für sich selbst hätte er die Taufe nicht benötigt, aber Jesus identifiziert sich mit seinen jüdischen Mitmenschen (denen unter dem Gesetz), aber darüber hinaus mit der gesamten Menschheit, allen gottfernen und herumirrenden Menschen, die einen Erlöser brauchen.
  5. Diese Wassertaufe zu Beginn seines öffentlichen Dienstes deutet symbolhaft auf seinen Tod und seine Auferstehung hin.

Wie auch in allen anderen Bereichen, ist Jesus damit für seine Nachfolger Vorbild und  Beispiel.

Gottes Handeln ist überraschend anders! In der Regel sogar konträr zur Denkweise religiöser Menschen. Im Gegensatz zu den Schriftgelehrten, die die Taufe des Johannes für sich nicht nötig hielten (Lk 7,30), beugt und demütigt sich Jesus unter Gottes Forderungen, die eigentlich nur für uns sündige Menschen gelten. Schon hier wird seine Grundeinstellung und Bereitschaft deutlich. Er wählt den Weg

    • der Erniedrigung,
    • des Dienens und
    • des Gehorsams.

Alle vier Evangelisten berichten von seiner Taufe und ergänzen dabei einander.

Mt:

 

 

Und als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, die Himmel wurden (ihm) aufgetan, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herab fahren und auf ihn kommen.“
Mk: Und sobald er aus dem Wasser heraufstieg, sah er die Himmel sich teilen und den Geist wie eine Taube auf ihn herab fahren.“
Lk: „(…) und auch Jesus getauft worden war und betete, dass der Himmel aufgetan wurde und der Heilige Geist in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, auf ihn herabstieg (…).“
Joh: Und Johannes bezeugte und sagte: Ich habe gesehen, wie der Geist herabkam vom Himmel wie eine Taube und er blieb auf ihm.“

Hier wird von einem einzigartigen Ereignis berichtet. Jesus steigt aus dem Wasser, betet und der Himmel öffnet sich. Das Ungewöhnliche geschieht: der Himmel teilt sich, oder spaltet sich. Die göttliche Sphäre wird für einen Augenblick geöffnet. Der Geist, Heilige Geist oder Geist Gottes kommt in leiblicher Gestalt, wie eine Taube auf Jesus herab und bleibt auf ihm. Zu beachten wäre hier, dass der Heilige Geist nicht in der Gestalt einer Taube, sondern „in leiblicher Gestalt, wie eine Taube“, auf Jesus herabkam.

Der Heilige Geist war auch schon vorher bei/in Jesus. Der Geist Gottes ist überall gegenwärtig. Die Verheißungen der Salbung des Messias mit dem Heiligen Geist ist schon von Ewigkeit her in Kraft, so zum Beispiel Jesaja 61,1f „Der Geist des Herrn ist auf mir“, oder Jesaja 42,1fIch will meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Heiden das Gericht verkündigen“.

Dieses, nur für Johannes sichtbare Herabkommen des Geistes auf Jesus, ist eine göttliche Bestätigung für den Gesalbten Gottes und markiert gleichzeitig den Beginn des vollmächtigen und auch öffentlichen Auftretens von Jesus.

Johannes der Täufer sagt:

Und ich kannte ihn nicht, aber der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, der sprach zu mir: „Auf welchen du sehen wirst den Geist herab fahren und auf ihm bleiben, dieser ist es, der mit Heiligem Geist tauft. Und ich habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist. (Joh 1,32. 33; vgl. auch Joh 5,32-33).

Jes 63,19 [andere Zählweise 64,1] beschreibt schon früher den Wunsch, dass der Himmel zerrissen und Gott ‚herabfahren’ würde. An diesem Tag geschieht genau dies, begleitet von einer zumindest für Johannes dem Täufer sichtbar, als auch hörbaren Stimme: Dieser ist mein geliebter Sohn an dem ich Wohlgefallen habe.(Joh 1,32; 5,37). Schon bei der Taufe von  Jesus sprechen also zwei Zeugen: der vom Heiligen Geist geleitete Johannes und die Stimme vom Himmel. In den Augen der jüdischen Schriftgelehrten hatte es seit Maleachi keine von Gott gesandten Propheten mehr gegeben. Gott sprach nur noch durch eine Stimme vom Himmel. Hier wird deutlich, dass die Evangelisten für ihr jüdisches Umfeld beides in ein Paket schnüren: Johannes war der göttliche Prophet und Jesus der Sohn Gottes. Für eine Identitätsbestimmung genügen nach dem Gesetz zwei Zeugen. Das Zusammenwirken von Vater und Heiligem Geist bei der Taufe des Sohnes ist eine  wesentliche Bestätigung und Stütze für die Wahrheit und Realität des dreieinigen Gottes. Gott – Vater, Sohn und Heilige Geist sind aktiv um die Erlösung für uns Menschen vorzubereiten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was fällt dir bei der Begegnung zwischen Johannes und Jesus auf?
  2. Erkläre den Begriff Taufe. Was ist der Unterschied zwischen der Taufe des Johannes und den späteren Taufen der Jünger von Jesus? Beschreibe den Vorgang und erkläre die Bedeutung der Taufe. Was war die Taufe von Jesus im Jordan im Gegensatz dazu?
  3. Was fällt dir bei Gottes Zeugnis über seinen Sohn auf?

Kann Jesus mit seiner Taufe uns heute für eine Entscheidung zur Gläubigen-Taufe ermutigen? Welche Bedeutung hat für dich deine Taufe?

 

2.7 Jesus siegt in den Versuchungen

(Bibeltexte: Mt 4,1-11;  Mk 1,12+13;  Lk 4,1-13)

2.7.1 Der Ort und die Zeit der Versuchungen

Alle drei synoptischen Evangelien berichten über die Versuchungen von Jesus in der Wüste. Der Evangelist Markus beginnt in seiner typischen Art mit: „sofort treibt ihn der Geist hinaus in die Wüste (…).“ (Mk 1,12). So als ob Jesus von jemandem oder etwas aufgehalten werden könnte. Und menschlich gesehen, hätte er nach solch einem eindrucksvollen Zeugnis durch Johannes recht bald viele Anhänger bekommen. Der Heilige Geist ist es, der ihn in die Wüste hinauf führt, drängt. Wüste meint unbewohnte Gegend. Er muß sich bestimmten Versuchungen von Seiten des Feindes Gottes stellen. Anscheinend steht dahinter ein göttlicher Gedanke, wie es später von ihm heißt: „Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.“ (Hebr 4,15). Dies könnte die Antwort auf die `Warum-Frage` sein. Jesus blieb also nichts erspart. Der Versucher wird in den drei Evangelientexten unterschiedlich bezeichnet.

  1. `διάβολος diabolos – Durcheinanderbringer` (Teufel – Mt 4,1;  Lk 4,2). Der griechische Begriff beschreibt den Feind Gottes als einen der zerstört, trennt, zerstreut, Unordnung und Chaos anrichtet.
  2. `σατανά satanas – Gegner` (Mk 1,13). Der hebräische Begriff dafür ist `שָׂטָן` und beschreibt den Feind Gottes der sich entgegen stellt oder auch anklagt.

Der Evangelist Matthäus beginnt mit den Worten: „Danach, darauf hin (…).“ (Mt 4,1). Hier geschieht also etwas, was in der Reihenfolge an nächster Stelle steht und Priorität hat. Auch bei dem Bericht des Evangelisten Lukas wird deutlich, dass die Versuchungen sich der Taufe am Jordan anschließen (Lk 4,1). Da Jesus sich jedoch nach dem Bericht des Johannesevangeliums noch einige Tage in der Nähe der Taufstelle aufhält, ist anzunehmen, dass er nach der Versuchung zunächst wieder an den Jordan zurückkehrt und nicht sofort nach Galiläa aufbricht.

Der Evangelist Matthäus schreibt: „Jesus wurde hinaufgeführt in die Wüste“ und der Evangelist Lukas formuliert ergänzend: „Jesus kehrte zurück vom Jordan und wurde vom Geist in der Wüste umhergeführt.“ (Lk 4,1). Das könnte heißen, dass die Stelle der Versuchung in der Judäischen Wüste, also westlich des Jordan zu suchen ist. Traditionell wird angenommen, dass die Versuchungen Jesu westlich der Stadt Jericho auf einem der ansteigenden Bergen stattfand. Doch ist nicht ausgeschlossen, dass Jesus auf einen der unbewohnten Hügel (Berge) weiter südöstlich der Taufstelle geführt wurde, kehrte er doch nach den 40 Tagen wieder zur Taufstelle zurück (Joh 1,36ff). Übrigens liegt die Taufstelle knapp 380 Meter unter dem Meeresspiegel und daher ist ein „Sich entfernen“ vom Jordan besonders in Richtung Osten immer ein „Hinaufgehen“ wie der Evangelist Matthäus es formuliert (Mt 4,1). Im Westen dagegen zieht sich die etwa 8 Kilometer breite und langestreckte Jerichoebene hin.

Nach dem Bericht des Evangelisten Lukas markiert die Taufe (Lk 3,23a) den Beginn der öffentlichen Wirksamkeit von Jesus. Der Evangelist Matthäus schreibt: „Als Jesus 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, danach war er hungrig (…).“ Der Evangelist Markus notiert nur: „Er war in der Wüste 40 Tage.“ Aus der Formulierung bei Lukas entsteht der Eindruck, dass Jesus vierzig Tage lang versucht wurde. (Matthäus: „(…) nach vierzig Tagen wurde er versucht.“). Feststeht, dass er vierzig Tage und Nächte nichts aß, sich unter wilden Tieren des Feldes befand (Mk 1,13), und am Schluss der Versuchungen dienten ihm die Engel. „Und als vollendet waren vierzig Tage, hungerte ihn.“ (Lk 4,2b). Es wird deutlich, dass der Teufel erst mit seinen Versuchungen anfing, als der Hunger Jesus schon sehr plagte. Prüfungen stehen oft am Anfang, so bei Adam im Garten oder beim Volk Israel zu Beginn der Wüstenwanderung.

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Abbildung 8 Im vordergrund sind die Ausgrabungen von Alt-Jericho zu sehen, im Hintergrund die ansteigenden Berge der judäischen Wüste (Foto: April 1986).

Beide Prüfungen wurden nicht bestanden. Eine erste Prüfung ist also wichtig für alle Beteiligten. Besteht man sie, kann der Dienst weitergehen. Auffällig ist auch die Parallele von Jesus zu Mose, er war auch 40 Tage auf dem Berg Sinai (2Mose 34,28) ohne zu essen. Das griechische Wort `πειρασμός peirasmos` weist auf einen Zeitraum der Prüfung oder Versuchung hin. .

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Abbildung 9 Südöstlich von der Taufstelle bei Betanien, steigt die Landschaft an zum Gebirge Moab (Foto: 7. November 2014).

Gott prüft zum Positiven, zum Bestehen, zur Festigung, zur Bestätigung. Der Satan versucht zum Bösen, um zu Fall zu bringen, er fordert heraus aus böser Absicht. Alle drei Versuchungen haben die Überwindung der Versuchung einer falschen Messiashoffnung zum Gegenstand. Allen drei Versuchungen liegt zu Grunde – Jesus will in keiner Form als politischer Messias auftreten.

2.7.2 Die drei Versuchungsphasen

Die Evangelisten Matthäus und Lukas schildern uns den Versuchungshergang in einer unterschiedlichen Reihenfolge. Beide nennen drei Versuchungspunkte.

 

Matthäus Lukas
1. „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.

1a. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, dass durch den Mund Gottes geht.“ (Mt 4,3-4).

1. „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass dieser Stein Brot werde.“ (Lk 4,3).

1a. „Es steht geschrieben: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.“ (Lk 4,4).

2. „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinunter, denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): Er wird seinen Engeln befehlen über dich und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht etwa an einen Stein anstößt.“ (Mt 4,5-6).

2a. „Es steht geschrieben: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen.“ (Mt 4,7).

2. Diese ganze Machtfülle und ihre Herrlichkeit gebe ich dir, denn sie ist mir übergeben und ich gebe sie wem ich will. Wenn du also vor mir niederfällst und mich anbetest, soll alles dein sein.“ (Lk 4,6-7).

2a. Es steht geschrieben: Den Herrn deinen Gott sollst du anbeten und ihm allein sollst du dienen.“ (Lk 4,8).

3. „Dies alles werde ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“ (Mt 4,9).

3a. „Geh weg von mir Satan, denn es steht geschrieben: Du sollst den Herrn deinen anbeten und ihm allein sollst du dienen.“ (Mt 4,10).

3. Wenn du Gottes Sohn bist, dann wirf dich von hier hinunter, denn es steht geschrieben (Psalm 91,11-12): Er wird seinen Engeln befehlen über dir, dass sie dich bewahren und sie werden dich auf den Händen tragen, dass du deinen Fuß nicht an einen Stein anstößt.“ (Lk 4,9-11).

3a. Es ist gesagt: Du sollst den Herrn deinen Gott nicht versuchen.“ (Lk 4,12).

 

Anders als damals das jüdische Volk besteht Jesus alle Prüfungen, die ihm auferlegt werden. Manche Theologen haben den verbalen Schlagabtausch zwischen Jesus und dem Teufel mit einem rabbinischen Streitgespräch verglichen. „Personen, die sich schweren moralischen Prüfungen unterzogen und sie bestanden, wie Jesus hier, spielen auch im jüdischen Schriftgut eine wichtige Rolle“ (Keener 1998, 64).

Wir betrachten nun der Reihenfolge nach die drei Versuchungen und zwar, wie sie uns der Evangelist Matthäus aufgeschrieben hat.

Die 1. Versuchung

In barmherziger Art tritt der Versuchende (gr. ο πειράζων o peirazön) zu dem vom langen Fasten geschwächten Jesus heran mit den Worten: „Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden.“ „Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich zu diesem Stein, dass er Brot werde.“ (Mt 4,3;  Lk 4,3). Wenn wir einsam, müde, erschöpft, leidend oder gerade eine gute, großartige geistliche Erfahrung gemacht haben, dann ist Satan zur Stelle! Wie und woran erkannte Jesus den Satan? Kann dieser, für Menschen akustisch hörbar, reden? Er benutzte hier wohl kaum ein Geschöpf aus der Tierwelt, hätte er sich damit sofort selber enttarnt. Oder trat er als ein Engel des Lichts – in scheinheiliger, blendender Gestalt vor Jesus? Das ist eher der Fall, denn so schreibt der Apostel Paulus später an die Korinther: „Und das ist auch kein Wunder; denn er selbst, der Satan, verstellt sich als Engel des Lichts.“ (2Kor 11,14).

Wenn du wirklich Gottes Sohn bist, dann brauchst du nicht zu hungern. Mach dich selbstständig, unabhängig vom Vater! Jesus könnte als Gottessohn ohne Schwierigkeit das Hungerproblem für sich und die ganze Welt lösen! An dieser Stelle war Adam und das Volk Israel gescheitert. Die folgende Antwort gibt Jesus aus 5Mose 8,3: „Der Mensch lebt nicht allein vom Brot.“ Der Sinn dieses Zitates ist folgender: Gott hatte dem Volk Israel durch das Manna gezeigt, dass sie in ihrer Ernährung völlig von Gottes Segen abhängig waren.

Viele Juden hofften auf einen neuen Exodus unter der Führung eines neuen Mose – einschließlich Manna, dem Brot vom Himmel. Der Teufel will Jesus dazu verleiten, den Erwartungen seiner Zeitgenossen nachzukommen (Keener 1998, 65). Jesus sagt also: Ich brauche nicht einfach Brot, sondern Brot von meinem Vater. Der Teufel versucht außerdem die Gottessohnschaft von Jesus an bestimmte Bedingungen festzumachen und Jesus zu einer Beweisführung anzustacheln“ (Keener 1998, 65).

Wir sehen und erkennen Folgendes:

  1. Für Jesus war es eine Sünde in irgendeinem Punkt nicht vom Vater im Himmel abhängig zu sein
  2. Jesus der Sohn Gottes kämpft nicht mit eigenen wohl durchdachten Worten; er nutzt das Wort Gottes; er zitierte aus dem Gesetz.

Auch heute noch ist der Hunger in der Welt schrecklich, aber dennoch ist dies nicht das vorrangigste Problem. Die tiefere Ursache liegt in der Tatsache verborgen, dass sich der Mensch von Gott und seinem Wort löste.

Jesus sagt, dass der Mensch niemals Leben in materiellen Dingen finden wird. Die wirkliche Aufgabe des Glaubens ist es als neue Menschen zu leben – anders zu leben – z.B. als Wohltäter für meinen Nächsten! Gott will mit neuen Menschen neue Verhältnisse schaffen! Nicht umgekehrt.

Die 2. Versuchung

Bei der zweiten Versuchung sieht sich Jesus auf den zahnartigen Mauerabschluss des Tempels (Zinne des Tempels) gesetzt – der Teufel führte ihn dorthin, wahrscheinlich im Geist (nicht im Körper). Der Herodianische Tempel hatte eine Gesamthöhe von etwa 45 Metern. Der Teufel fordert Jesus heraus sich hinabzuwerfen, stellt sich dabei ganz fromm und greift selber zum Alten Testament und zitiert aus dem großen Glaubenspsalm: „Denn er bietet seine Engel für dich auf, [dich zu bewahren auf allen deinen Wegen]. Auf den Händen tragen sie dich, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“ (Ps 91,11-12). Beachten wir, dass der in Klammern gesetzte Satz von ihm ausgelassen wird. Der Teufel versucht in dieser Versuchung Jesus zur:

  • Übersteigerung oder Überspitzung des Glaubens anzureizen,
  • um eine Verheißung Gottes, die für besondere Notlagen seiner Kinder gegeben wurde, zu Missbrauchen,
  • und er versucht Jesus, eine Verheißung in Anspruch zu nehmen, welche er aus dem Kontext reißt und sie bewusst unvollständig zitiert.

Er lässt  den Satz: „dich zu bewahren auf allen deinen Wegen“ einfach aus. Er löst das Bibelwort aus dem Zusammenhang heraus. Wo steht denn, dass Gott seine Kinder auf all ihren Luftsprüngen behüten will? Gottes Schutz gilt besonders für Situationen, in die seine Kinder unverschuldet hinein geraten. Schriftworte und ihre aus dem Zusammenhang gerissene Auslegungen können auch für Gläubige zur Versuchung werden. Jede Lehre muss auf 2 oder 3 klaren Bibelstellen ruhen, nicht auf einer einzigen, die dann noch einseitig ausgelegt wird.

Satan will Jesus locken Gott zu versuchen. Gott soll herausgefordert und zum Eingreifen gezwungen werden. Damit wäre Gottes Heiligkeit und Majestät entehrt. Gott würde „frech herausgefordert“ werden, wie man das griechische Wort `έκπειράσεις ekpeiraseis` hier auch übersetzen kann. Das ist Gotteslästerung. Wir dürfen Gott jede Hilfe zutrauen, aber nie eine einzige Hilfe ihm vorschreiben. Dies ist kein Glaube, sondern falsches Vertrauen – geistliche Überhebung. Darum antwortet Jesus schlicht aus 5Mose 6,16 „Du sollst den Herrn Deinen Gott nicht versuchen.“ Die Antwort von Jesus ist ein klarer rückschlag für den Versucher, doch er gibt noch nicht auf.

 

Die 3. Versuchung

Lukas.4,5-8 (lesen)

Der Teufel führt Jesus auf einen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit   in einem Augenblick- wahrscheinlich in einer Vision – und spricht: „Dir will ich alle diese Macht und ihre Herrlichkeit geben; denn mir ist sie übergeben, und wem immer ich will, gebe ich sie. Wenn du nun vor mir anbeten willst, soll das alles dein sein.“ (Lk 4,6. 7;  Mt 4,9).

Der Teufel spielt sich als unumschränkter Besitzer und Herrscher der Welt auf und spricht damit eine Lüge aus, denn: „Die Erde ist des Herrn und alles, was darinnen ist (…).“ (5Mose 10,14;  Ps 24,1-2). Noch mehr, indem er von Jesus Anbetung fordert, spielt er sich als Gott auf – eine nicht zu überbietende Frechheit. Weil Adam und Eva auf ihn hörten und seinem Rat gehorchten, bekam er große Macht und Einfluss über die Menschen. Er raubte mit List und Lüge, was ihm nicht gehörte und niemals übergeben wurde. Natürlich kann er den Menschen, den er begünstigt, auf die höchste Stufe irdischer Macht erheben. Dies geschieht immer wieder wenn Menschen sich unter seinen Einfluß stellen. Doch auch dies geschieht nur unter der Zulassung Gottes, bzw. Gott lässt sie gewähren. Der Christ weiß, wie stark der „altböse Feind“ ist. Aber trotzdem weiß der Glaube, dass in allem, was ihm begegnet, er nicht mit zwei Herren – also Gott und Satan – zu rechnen hat, sondern nur mit dem einen Herrn ganz allein (Dan 4,32). So hat es auch der Herr Jesus in der 3. Versuchung gehalten. Er hat ganz allein mit Gott, Seinem Vater gerechnet.

Die Versuchung besteht hauptsächlich darin, in Jesus das Verlangen zu wecken, die Krone ohne das Kreuz zu erwerben. Ist dies nicht auch die Versuchung des Teufels heute? Die Krone diesseitigen Lebens – Glück, Erfolg, Gesundheit, Ansehen, Wohlergehen und Luxus zu erhalten, ohne einen Preis dafür bereit sein zu zahlen? Gott wollte, dass sein Sohn den Weg des Kreuzes geht, um dann von ihm die Krone verliehen zu bekommen. Auch für Jesusnachfolger gibt es Leid, Probleme und Verfolgung! Können wir solche Verse noch recht hören: „Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“ (Mt 10,38).

Satan will Jesus überreden einen Kompromiss zu schließen. Satan meint doch mit unseren Worten: „Ich habe die Menschen in meiner Gewalt. Setz deine Maßstäbe nicht so hoch an. Lass uns einen Handel miteinander abschließen. Mach dem Bösen nur ein kleines Zugeständnis, dann werden die Menschen dir folgen.“ Doch Jesus lässt sich darauf nicht ein. Er weiß: Gott bleibt Gott und darum bleibt Recht Recht und Unrecht Unrecht. Im Kampf mit dem Bösen darf es keinen Kompromiss geben.

Die Antwort von Jesus ist beeindruckend. Mit aller Entschlossenheit seiner Willenskraft, mit der Klarheit und Kraftfülle des Wortes Gottes tritt er dem Feind entgegen. „Weg mit dir, Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst den Herrn, deinen Gott anbeten und ihm allein dienen.“ (5Mose 6,13). Mit allem was Jesus hat und was er ist, will er genau dies in seinem Erdenleben tun:

  • Gott anbeten
  • und die eigene Wellness-Sehnsucht hinter sich zu lassen – bis hinauf nach Golgatha.

Der Evangelist Lukas schließt die Versuchungen mit den Worten ab: „Und als der Teufel jede Versuchung vollendet hatte, verließ er ihn für eine Zeit (genauer: bis zu einer gelegenen Zeit; hier kann auch übersetzt werden: bis zu einer passenden Gelegenheit). Das hier verwendete griechische Wort für Zeit ist `καιρός kairos` und hat die Bedeutung von „qualitativer Inhalt der Zeit, eine Zeitlang, bis zu einer passenden Gelegenheit“. Bis der Teufel wieder einen Angriffspunkt findet oder Gott es zulässt.

Der Evangelist Markus hebt noch hervor, dass Jesus von Engeln umgeben wird, die ihm nach der schweren Prüfungszeit zu Diensten stehen. „Und siehe, da traten Engel zu ihm und dienten ihm.“ (Mt 4,11). Dieser Dienst der Engel kann vielseitig ausgesehen haben. Möglich ist, dass sie ihn mit Nahrung versorgen, denn Dienst hat sehr oft mit Tischdienst, also mit Essen und Mahlzeiten zu tun (vgl. dazu 1Kön 19,5).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Lies die Paralleltexte in den Evangelien und ordne die Versuchung zeitlich in das Leben von Jesus ein. Beschreibe das geographische Umfeld, also wo fand die Versuchung statt?
  2. Nenne die Unterschiede und/oder die Ergänzungen in den Evangelientexten.
  3. Was ist das Besondere an der Versuchung von Jesus und gibt es Zusammenhänge zum Alten Testament?
  4. Wie widersteht Jesus dem Teufel in den einzelnen Versuchungsphasen?
  5. Welche Versuchung ist dir besonders verständlich? Ist es normal für Jesusnachfolger, dass sie versucht werden?
  6. Welche Kosten sind Jünger von Jesus bereit zu tragen?

 

2.8. Jesus kehrt zurück  an den Jordan

(Bibeltext: Joh 1,15.29-34)

2.8.1 Das erneute Zeugnis des Johannes über Jesus

Der Evangelist Johannes verfolgt nicht immer eine chronologische Darstellung der Ereignisse.

  • In Johannes 1,15 lesen wir das Zeugnis des Täufers über Jesus. Diese Aussagen formuliert Johannes nach der Taufe. Dort lesen wir: „Johannes zeugt von ihm und hat gerufen, sagend: Dieser war es, den ich mit meiner Rede gemeint habe; Der nach mir Kommende, er hat Vorrang vor mir und war eher als ich.“ (Joh 1,15).
  • Ab Johannes 1,19 spricht Johannes der Täufer zu den Abgesandten von Jerusalem, was wohl eher vor der Taufe von Jesus geschehen sein musste.

Der Textabschnitt in Johannes 1,29-34 kann als Ergänzung zum Taufbericht der Synoptiker gesehen werden. Denn das Zeugnis Johannes des Täufers über Jesus wurde wohl erst im Anschluss an die Taufe von Jesus gegeben. Der Evangelist Johannes geht an dieser Stelle davon aus, dass seine Leser den vollständigeren Bericht über die Taufe von Jesus aus den anderen Evangelien kennen. Jedenfalls beschreibt er den Taufvorgang selbst nicht. Die synoptischen Evangelien beschreiben die Rückkehr von Jesus nach Galiläa direkt nach der Versuchung. Da wir aber wissen, dass die drei Evangelisten nicht alle Details aus dem Leben von Jesus festgehalten haben, obwohl sie sich an einigen Stellen ergänzen, nehmen wir an, dass Jesus mindestens zweimal am Jordan bei Johannes dem Täufer war – zu seiner Taufe und direkt nach den Versuchungen.

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Abbildung 10 Die ganze Gegend im Bereich von Betanien am Ostufer des Jordan ist historisch reich an Ereignissen aus biblischen Zeiten. Das Volk Israel lagerte hier, bevor es den Jordan überquerte. Elia der Prophet wurde in dieser Gegend gen Himmel aufgenommen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Johannes der Täufer und auch Jesus gerne diese Gegend aufsuchten oder sich hier aufhielten (Foto: 7. November 2014).

Nur im Johannesevangelium lesen wir von den ersten fünf Jesusjüngern. Sie werden ihre Begegnung mit Jesus nicht vor, sondern erst nach den Versuchungen von Jesus, erlebt haben. Am Jordan hören die Zuhörer dieses wiederholte Zeugnis von Johannes dem Täufer in Bezug auf Jesus. Der Evangelist Johannes hält dies nur in der Kurzform fest (Joh 1,36). Johannes der Täufer bezeugt im Laufe seines Dienstes einige Male Jesus in der Öffentlichkeit als gekommen und damit seine Prophezeiung als erfüllt.

So erscheint uns folgende Reihenfolge der Ereignisse schlüssig zu sein:

  • Ankündigung des Messias durch Johannes den Täufer,
  • Die Taufe von Jesus im Jordan,
  • Die Bestätigung und Bevollmächtigung von Jesus durch den Heiligen Geist,
  • Das Zeugnis des Vaters über seinen Sohn,
  • Die anschließende Versuchung von Jesus in der Wüste,
  • Die Rückkehr von Jesus an die Taufstelle,
  • Das erneute Zeugnis des Täufers über Jesus,
  • Einige Jünger des Johannes wechseln zu Jesus.

 

2.8.2 Die ersten Jünger von Jesus

(Bibeltext: Joh 1,35-51)

Nur der Evangelist Johannes beschreibt die Begegnung von Jesus mit den ersten fünf Jüngern. So lesen wir in Johannes 1,35-40:

Am nächsten Tag stand Johannes abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm! Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach. Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben? Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus.

Nach dem erneuten Zeugnis und Hinweis des Täufers auf Jesus, wechseln zwei seiner Jünger ihren Rabbi und folgen ab jetzt Jesus nach. Folgen meint im jüdischen Kontext: vom Lehrer den Weg des Lebens lernen. Dies tun Andreas und ein namentlich nicht genannter. Es handelt sich sehr wahrscheinlich um Johannes den spääteren Evangelisten. Der Name Andreas kommt aus der griechischen Kultur und bedeutet soviel wie `Tapferkeit, Mannhaftigkeit`. Diese zwei Jünger 0fragen nach der Unterkunft von Jesus und drücken so den Wunsch nach einer Einladung zu einem ungestörten längeren Gespräch aus. Jesus geht darauf gerne ein.

Die Zeitangabe „am folgenden Tag“ ist beim Evangelisten Johannes nicht immer einfach einzuordnen, da der Bezugspunkt auch ein nicht berichtetes Ereignis sein kann. Im Fall von Johannes 1,29: „Am nächsten Tag sieht Johannes, dass Jesus zu ihm kommt, und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“, könnte sich diese Angabe jedoch auf den Tauftag von Jesus beziehen. Ebenso in Johannes 1,43: „Am nächsten Tag wollte Jesus nach Galiläa ziehen (…)“, kann sich diese Zeitangabe nahtlos auf den nächsten Tag beziehen.

Die zehnte Stunde in Johammes 1,39 war damals schon unklar. Es gab die hebräische Zählweise (6 Uhr morgens plus 10 Stunden = 16.00h) und die römische Zählweise (unsere heutige = 10.00h vormittags). Vergleicht man Johannes 19,14: „Es war aber der Rüsttag für das Passafest, um die sechste Stunde (…)“,  mit Markus 15,25: „Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten (…)“, ist es wahrscheinlich, dass der Evangelist Johannes die Zeitangabe mit Mitternacht und Mittag als Bezugspunkt vorzieht, während der Evangelist Markus die Zeitangabe mit dem Sonnenaufgang als Bezugspunkt vorzieht.

Die Bemerkung in Johannes 1,39a: „Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm“, spricht eher für 10h am Vormittag, also römische Zählweise. Diese Zeitangabe vermittelt den Eindruck, der Evangelist Johannes sei ein Augenzeuge dieses Ereignisses, da er den genauen Zeitpunkt der Jesusbegegnung für erwähnenswert hält. Noch Jahre später konnte der Evangelist die Details vor seinem inneren Auge sehen.

Im Johannesevangelium fällt auf, dass der Evangelist seinen Lesern aramäische Begriffe erklärt, so zum Beispiel: Rabbi Lehrer/Meister (Joh 1,38), oder Messias Christus/Gesalbter (Joh 1,41), oder Kephas Petros: Fels/Stein (Joh 1,42). „Jesus trug den aramäischen Titel ραββί Rabbi bis zu seiner Auferstehung. Danach wird er vollständig von dem auch vorher schon gebräuchlichen Titel κύριε kurie (HERR) verdrängt.“ (Hendriksen 1976a, 103).

Dies macht deutlich, dass der Evangelist es für notwendig hält seiner griechisch sprechenden Leserschaft – die schon deutlich einem anderen Kulturkreis angehört – diese Begriffe direkt im Text zu übersetzen.

Bald macht Andreas seinen Bruder Simon mit Jesus bekannt. Er nutzt dazu die sensationellen Worte: „Wir haben den Messias gefunden!“ Simon drängt sofort zu einer Begegnung mit Jesus. Jesus gibt Simon bei dieser ersten Begegnung den hebräischen Beinamen Kephas. Kephas – aramäisch Stein (Joh.1,42). Sein Vater hieß Johannes (Joh. 1,42; 21,15-17). Der Evangelist Johannes übersetzt das aramäische Kephas ins griechische: πέτρος petros.

Am Tag darauf findet Jesus Philippus und „spricht zu ihm: Folge mir nach!“ (Joh 1,43b). Es ist die erste ausdrückliche Berufung eines Jüngers, die Jesus selbst ausspricht. Der Name griechische Name `Φιλιππος Philippos` bedeutet `Pferdefreund`und er kommt „aus Betsaida, der Stadt des Andreas und des Petrus.“ (Joh 1,44a). Der Evangelist Johannes legt nicht nur viel Wert auf die Inhalte der Lehren von Jesus, sondern macht Angaben zu Zeiten, Orten und Bedeutung von Namen und Begriffen. Diese Details unterstreichen zusätzlich die Historizität seiner Berichte.

Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josefs Sohn, aus Nazareth. Und Nathanael sprach zu ihm: Was kann aus Nazareth Gutes kommen! Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh! Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, habe ich dich gesehen. Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres sehen als das. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn. (Joh 1,45-51).

Philippus findet Nathanael aus dem galiläischen Kana und lädt ihn zu Jesus ein. Wir können annehmen, dass dies der selbe Jünger ist, der in den anderen synoptischen Evangelien Bartholomäus (Bar Tholmai – Sohn des Tholmai) genannt wird, da er dort immer gleich nach Philippus kommt, obwohl dort nie der Name Nathanael erwähnt wird. Nathanael (sein hebräischer Name bedeutet: Gott hat gegeben) ruht sich unter einem Feigenbaum aus. Es erinnert uns an eine Bildrede aus dem Alten Testament, die von Ruhe und Sicherheit spricht (1Kön 5,5;  Micha 4,4). Von Philippus hört er am Anfang des Satzes den Hinweis auf den Messias: „von dem Mose im Gesetz und die Propheten geschrieben haben“.

Denkt Philippuns an 5Mose 18,15 und 2Samuel 7,11-16? Am Ende des Satzes aber nennt Philippus arglos den Ortsnamen Nazaret. Bei dieser Bemerkung wird Nathanael skeptisch: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen“. Die Bewohner von Galiläa kannten einander recht gut, war doch das Gebiet recht überschaubar. Das Galiläische Kana und Nazaret lagen Luftlinie in Nord- Südrichtung nur 16 Kilometer voneinander entfernt.

  • Ob aus einer regionalen Rivalität heraus, die zwischen den kleineren Städten Kana und Nazaret geherrscht haben mag,
  • oder ob den Nazarenern ein schlechter Ruf anhing,
  • oder ob aus seiner Kenntnis, dass dieser Ort nie im Zusammenhang mit einem messianischen Ereignis genannt wurde,

äußert Nathanael ganz unbekümmert seine offene Ablehnung. Doch wieder ist die einzig passende Antwort seines Freundes: „Komm und sieh!“ Und Philippuns führte ihn zu Jesus.

Mit jedem Schritt, den sich Nathanael Jesus näherte, zerbrechen seine – und auch unsere – Zweifel und Argumente gegen Jesus mehr und mehr.“ (Edersheim 1979, 350).

            Das Zeugnis, welches Jesus Nathanael ausstellt „Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist“, ist (wie wir später Jesus kennen lernen werden) keine Schmeichelei, um Anhänger zu gewinnen. Jesus sieht in das Herz des Nathanael, nicht nur, wo er sich körperlich aufhält. Nathanael ist von dieser Gottesoffenbarung so überwältigt, dass er mit überzeugung ausruft: „Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel!“ (Joh 1,49).

Jesus nimmt bei dieser Begegnung mit Nathanael Bezug auf das Erleben Jakobs auf der Flucht, wie in Johannes 1,51 deutlich wird, als er auf den nächtlichen Traum Jakobs anspielt (1Mose 28,12). Ob Nathanael darüber im Schatten des Feigenbaumes nachsann? Auf jeden Fall spricht Jesus Nathanael bewusst im Gegensatz zu Jakob (den Lügner) als einen „Israelit in dem kein Trug ist“ an. Nathanael erkennt, dass Jesus seine Gedanken kennt, bevor sie miteinander reden. So bricht sich im Zweifler oder Skeptiker eine wunderbare Christuserkenntnis Bahn.

  • Gottes Sohn (2Sam 7,14a),
  • König von Israel (2Sam 7,12-16).

Schon am Jordan folgen Jesus fünf Jünger, allerdings ist diese Nachfolge noch offen, da die eigentliche Berufung der Meisten noch nicht ausgesprochen war. Lukas berichtet in Apostelgeschichte 1,21-23 von dem Kriterium zur Nachwahl in den Apostelkreis nach dem Ausscheiden des Judas Iskariot.

Es muss nun von den Männern, die mit uns gegangen sind in all der Zeit, in welcher der Herr Jesus bei uns ein- und ausging, angefangen von der Taufe des Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns hinweg aufgenommen wurde – von diesen muss einer Zeuge seiner Auferstehung mit uns werden. (Apg 1,21-23).

Der Evangelist Lukas gibt uns also den Hinweis, dass neben den späteren Jüngern von Jesus weitere Personen schon seit der Johannestaufe zum Kreis der Jesusnachfolger gehörten. Aus dieser Perspektive ist es verständlicher, dass bei der späteren Berufung – die eben nicht aus heiterem Himmel heraus geschieht – alle sofort bereit sind ihre aufgebaute Existenz zu verlassen und Jesus nachzufolgen. Sie waren schon von Anfang an dabei und vorbereitet zur Nachfolge.

 

Abbildung 11 Die vor uns liegende Landschaft hieß in alttestamentlicher Zeit `Schittim` oder auch `Jordantal der Moabiter`, wo das Volk Israel lagerte, bevor es über den Jordan ging um das Land Kanaan einzunehmen (Foto: April 1986).

Am folgenden Tag will Jesus nach Galiläa zurückkehren. Wir bemerken, dass der Evangelist uns schon für diesen sehr frühen Dienstabschnitt mitteilen will, dass das Leben von Jesus sehr planvoll verlaufen ist. Weiter scheint es so, dass ihn die neuen Jünger auf dem Weg nach Galiläa begleiteten. Eine relativ kleine Gruppe von Menschen, mit denen Jesus den Jordan überquert und sich anschickt das Reich Gottes aufzurichten. Die Parallele ist zu auffällig, als dass sie übersehen werden könnte. Das Volk Israel lagerte hier am Ostufer des Jordan etwa zwei Monate lang, bevor es unter der Führung des Josua den Jordan überquerte, um das ihnen von Gott versprochene Land einzunehmen. Jetzt ist es der von Gott gesandte und durch den Heiligen Geist bevollmächtigte Jeschua, der sich aufmacht die verlorenen Schafe aus dem Hause Israel zu sammeln (Mt 10,6). So kommt Jesus mit einer kleinen Mannschaft zunächst zurück nach Nazaret. Er verlässt seinen natürlichen Wohnsitz und zieht nach Kapernaum hinab, um dort mit der Verkündigung der Frohen Botschaft vom Reich Gottes zu beginnen (Mt 4,17).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet die Aussage des Johannes: „Siehe, das ist Gottes Lamm“?
  2. Warum ist es gut bei der Bekehrung und bei der Taufe einen Zeugen zu haben?
  3. Wie viele Jünger sind es am Jordan, nenne sie alle mit Namen. Wenn möglich nenne die Bedeutung der Namen. Welcher ist dir sympathisch? Warum?
  4. Worin bestand der Andreas-Dienst? Wie können wir ihn heute ausüben?
  5. Was meinst du, wie ging Johannes der Täufer mit der Situation um, dass ihn einige Jünger verließen und Jesus nachfolgten? Immerhin war es für einen jüdischen Rabbi sehr ungewöhnlich, seine Nachfolger auf einen anderen Lehrer zu verweisen.
  6. Was fällt bei der Begegnung von Jesus mit Nathanael auf? Was möchte Jesus ihm verdeutlichen?
  7. Kannst du die Parallelen zwischen der natürlichen Landnahme unter Josua und der geistlichen Landnahme unter Jesus erkennen?
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