UNTERWEGS MIT JESUS

Inhaltverzeichnis

 

UNTERWEGS MIT JESUS

 

 

 

1-Kapernaum-Juli 1994-39022Abbildung 2 Die Mündung des Jordan in den See Genezaret (Foto: R. Luft Juli 1994). Abbildung 2 Das Nordost- und Ostufer des Sees von Genezaret

 

 

 

 

 

 

Eine Bibelstudienreihe über das Leben und den Dienst von Jesus Christus für Hauskreise

von Paul Schüle und Hans-Ulrich Linke

 Inhaltsverzeichnis

 

 

Vorwort

 

Die vorliegende Bibelstudienreihe zum Leben und dem Dienst von Jesus Christus ist in 12 Kapitel unterteilt. Damit der Leser schnell zu den gewünschten Stellen findet, sind die Kapitel in Haupt- und Unterabschnitte aufgeteilt. Die Fragen, bzw. Aufgaben am Ende von jedem Abschnitt sind eine Hilfe zur Vertiefung der Themen und spornen zum Eigenstudium an. Die Zeichnungen sind signiert, die Fotos von den Urhebern genehmigt, bei weiterer Verwendung nur mit Quellenangabe, bzw. Angabe der Webseite. Da die vorliegende Arbeit noch nicht abgeschlossen ist, werden die einzelnen Kapitel nach und nach hochgeladen und veröffentlicht.

 

Einleitung

 

Paul Schüle, Pforzheim, und Hans-Ulrich Linke, Biebesheim, stehen im Gespräch über manche Details des folgenden Textes. Oft erstellte Paul eine Vorlage, die dann bearbeitet wurde.

 

Die Bibelzitate sind direkt übersetzt oder stammen aus der Elberfelder Übersetzung (1985/1991), Lutherübersetzung (1984) oder anderen am Ort genannten Bibelübersetzungen.

Die Bibelzitate sind im Text bewusst eingefügt worden, um die Heilige Schrift selbst sprechen zu lassen.

 

Diese Ausarbeitung wurde geschrieben, da sich die beiden Autoren an der Debatte über die Bedeutung des historischen Jesus für unsere Theologie heute beteiligen wollen. Unser Projekt besteht darin, dass Leben und Werk unseres Herrn und Erlösers Jesus geordnet – wenn möglich – chronologisch wiederzugeben. Dabei gehen wir von der kanonischen Form der Heiligen Schrift aus und nehmen die vier Evangelien in gleichberechtigter Weise zur Grundlage. Während die synoptischen Evangelien vom irdischen Jesus geprägt einen Bericht geben, ist das Evangelium nach Johannes stark vom himmlischen Jesus her geprägt. Alle vier Berichte jedoch gehen nach unserer Erkenntnis als Bekenntnistexte auf Augenzeugen zurück. Ein gebräuchliches Wort für Augenzeugen, „Beobachter“, ist in der griechischen Literatur evpo,ptai epoptai. Es wird in … 2Petr 1,16 benutzt (Thiede 2006, 60). Diese sind wahrscheinlich in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts verfasst worden und sind von der frühen Kirche gemeinsam in den Kanon aufgenommen worden. Carsten Peter Thiede merkt an: „Kenner der antiken Literatur und vor allem der Geschichte bevorzugen inzwischen frühe Datierungen, nämlich vor der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus.“ (Thiede 2006, 50)

Uns ist bewusst, dass es nicht „die Biographie” von Jesus geben kann, da Geschichte immer nur interpretierte Geschichte ist. Die Evangelisten hatten den Freiraum aus den ihnen vorliegenden Informationen bestimmte Aspekte hervorzuheben oder andere wegzulassen. Die so entstandenen unterschiedlichen Darstellungen bestärken unser Vertrauen in die Historizität dieser Berichte. Bei dieser Interpretation helfen uns in besonderer Weise Prophetien und Verheißungen des Alten Testaments und die daraus abgeleiteten jüdischen Endzeiterwartungen.

Zu beachten ist dabei die zweifache Art der jüdischen Textüberlieferung. Die strikte Textüberlieferung finden wir bei der Textüberlieferung für den Gottesdienstgebrauch, Studium und bei der Arbeit des Abschreibens. Wir kennen aber auch die freiere Textüberlieferung, wie wir sie in den Lehrschriften (Haggada der Midraschim) und in den Übersetzungen (Targumim) finden. Die freiere Überlieferung lässt Raum für die theologische Arbeit der Evangelisten in Bezug auf Anordnung und Gestaltung des Rahmens. Die Harmonisierung der Evangelien ist an vielen Stellen nicht möglich, da dies auch nicht das Ziel der Autoren und der frühen Gemeinden war. Darum sehen wir dies auch nicht als unseren Auftrag an. Bei der Einarbeitung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung interessieren uns besonders die literarischen Hinweise aus dem 1. Jahrhundert vor und nach der Geburt von Jesus, sowie die kulturellen Hinweise aus dieser Zeit. Uns ist dabei bewusst, dass die Evangelien für Gemeindeglieder verfasst wurden, die schon reichlich durch mündliche Berichte informiert waren. Doch genau diese mündliche – oft apostolische – Tradition als Hintergrundinformation (siehe Apg 10,36-3) fehlt uns heute.          Im Vordergrund stehen kennen lernen der biblischen Informationen und eine vergleichende Bestandsaufnahme der vom Heiligen Geist inspirierten vier Evangelien. Diese sind jedoch Gelegenheitsschriften an jeweils eine besondere Zielgruppe. Wir sind uns dabei bewusst, dass auch das Lesen der Evangelien eine soziale Angelegenheit ist: Wir wollen uns immer wieder fragen: Wie dachte, empfand und handelte man damals im 1. Jahrhundert in Palästina und wie wir Mitteleuropäer im 21. Jahrhundert. Die Unterschiede sind wesentlich zum Verständnis der Texte. Dazu konsultieren wir literarische und kulturelle Quellen, deren Ursprung sich mit diesem Raum und dieser Zeit verbinden lassen. Uns interessieren dabei insbesondere die vielen Details im Verhältnis des Juden Jesus zu seinen Zeitgenossen – ohne gleich die späteren theologischen Streitfragen der frühen Kirchengeschichte zu reflektieren. Jesus wurde schließlich von seinen gelehrten jüdischen Zeitgenossen weder als ein alles überragender Prophet noch als ein geachteter Schriftgelehrter betrachtet. Wir sehen unseren Schwerpunkt in der Darlegung seines Verhaltens (liebt die Gesellschaft mit „Sündern“) und seiner Taten (Heilungen) und schließen von dort auf seine Reden. Wir wollen also im Auge behalten: Wo erkennen wir Jesus als einen Juden in Harmonie mit seinen Zeitgenossen und wo war Jesus ganz anders, sodass er eine Bewegung gründete, die schließlich mit dem Judentum brach.

Die Gliederung lässt sich von geographischen und folgenden chronologischen Gesichtspunkten leiten. Jesus war wie jeder gesetzestreue Jude verpflichtet, dreimal im Jahr zu den drei großen Festen nach Jerusalem zu reisen (2Mose 34,23-24). Besonders im Johannesevangelium finden wir einige Hinweise zu seinen regelmäßigen Jerusalembesuchen (Joh 2; 5; 7; 12). So ist er mindestens einmal im Jahr nach Jerusalem hinaufgegangen zum Passahfest (Lk 2,41). Daher ist es sinnvoll, seinen Dienst während seiner über drei Jahre dauernden Wirksamkeit nach seinen Aufenthalten anlässlich der Passahfeste in Jerusalem zu gliedern. Die erarbeitete Reihenfolge verstehen wir als einen möglichen Vorschlag, wobei wir manche Schwächen erkennen.

 

Diese Arbeit ist ein gemeinsames Werk aller Beteiligten der Studiengruppen in Pforzheim und Biebesheim, da Anregungen fortlaufend einfließen. Das erarbeitete Material richtet sich darum an Studiengruppen und Hauskreise.

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 Kapitel 4: Die zweite Dienstperiode – Jesus in Jerusalem, Judäa und Samarien

 

4.1 Der erste Jerusalembesuch

(Bibeltext: Joh 2,13; 3,22; 4,3)

 

Jesus zieht es immer wieder nach Jerusalem. Schon früher reisten seine Eltern jedes Jahr zum Passahfest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt war, blieb er sogar unbegleitet dort allein im Tempelbezirk. Seine damalige Begründung des Fernbleibens von der elterlichen Pilgergruppe lautete: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist“ (Lk 2,49). Diese Begründung birgt mehr in sich als eine bloße Zugehörigkeitserklärung zum Tempel in Jerusalem. So sind seine Jerusalembesuche nicht nur Gesetzeserfüllung (2Mose 34,24), sondern auch inneres Bedürfnis und Verantwortung gegenüber seinem himmlischen Vater und dem Volk Israel. Die Aussage in Matthäus 23,37b „Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt…“, spricht von seinen mehrfachen Versuchen Jerusalem zu gewinnen.

Nur der Evangelist Johannes berichtet von diesem ersten Besuch in Jerusalem. Wir haben schon in der Einleitung festgestellt, dass Johannes drei Passahfeste ausdrücklich nennt (Joh 2,13; 6,4; ab 11,55 das letzte Passah), in Joh 7,1ff ein Laubhüttenfest und in Joh 5,1 ein nicht näher beschriebenes Fest der Juden. Die Synoptiker dagegen berichten nur vom letzten Passahbesuch in Jerusalem.

 

Fragen:

  1. Gibt es gute Gründe für die Beachtung des Kreislaufes der biblischen Feste?

 

 

  1. Wie nutzt Jesus diese Feste?

 

 

  1. In welcher Weise lassen sich Traditionen im Sinne von Jesus füllen?

2. Jesus reinigt den Tempel und macht ihn zum Ort der Anbetung

(Joh 2,14-25;  Mt 21,12-17;  Mk 11,15-19;  Lk 21,45-48)

 

Alle vier Evangelisten beschreiben den gewaltsamen Eingriff von Jesus in die Tempelordnung.

Abbildung: Modell des Herodianischen Tempels, an dem 46 Jahre gebaut wurde und der  von den Römern im Jahre 70 n. Chr. zerstört wurde (Foto: P. S. April 1986).

Die Synoptiker ordnen sie harmonisch in die Passionsgeschichte ein. Dies ist verständlich, denn sie beschreiben nur einmal den letzten Passahbesuch. Der Evangelist Johannes, der mindestens drei Passahfeste erwähnt, versucht dieses Ereignis wahrscheinlich eher chronologisch in seinen Bericht einzubauen. Er berichtet von der Tempelreinigung beim ersten Passahbesuch in Jerusalem (Joh 2,13ff). Der Evangelist macht damit deutlich, dass Jesus schon zu Beginn seines Dienstes auf die Unordnung und die Fehlentwicklung bei den Tempelordnungen reagiert. Dieser Eingriff in die Tempelordnung erfolgt vor dem Passahfest (2Mose 12,1-14). Im Jahr 30 n. Chr. fällt das Fest, also der 14. Nisan (5./6. April) wahrscheinlich auf einen Mittwoch.

 

Wer hat das Sagen im Haus Gottes?

Jesus zögert keinen Augenblick, die Missstände die er im Tempel antrifft offen zu kritisieren. Sie sind auch für andere gottesfürchtige Juden offensichtlich. Manche wie z. B. die Qumran-Gruppe haben sich angesichts der Zustände ganz vom Zentralheiligtum in Jerusalem und besonders von der Priesterschaft gelöst und sind aus religiösen Gründen fern der Dörfer und Städte in eigene klosterähnliche Anlagen gezogen.

Bei diesem Fest sehen wir eine ungewöhnliche Seite von Jesus, besonders die angewandte Gewalt und Strenge erstaunt uns. Wir können sie als Glied folgender Kette sehen:

  • Jakob ordnete in seiner Familie an, sich von den fremden Götzen zu trennen
  • Mose zerschlug angesichts des Goldenen Kalbes im Eifer um den Herrn die ersten zwei Tafeln des Bundes
  • Josia – einer der wenigen frommen Könige – renovierte das Haus Gottes, verbannte den Bilderdienst und führte religiöse Reformen im ganzen Land durch
  • Judas Makkabäus entfernte alle fremden Gegenstände aus dem Tempel im 2. Jh. v. Chr.
  • Der Eifer um das Haus des Herrn (Ps 69,10) ergreift auch Jesus. Mit einer Peitsche aus Binsenstricken treibt er Verkäufer von Ochsen, Schafen und Tauben aus dem Tempel hinaus. Den Geldwechslern stößt er die Tische um. Zwei Vorwürfe spricht er dabei aus:

 

  1. Macht nicht meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus
  2. Ihr habt das Haus meines Vaters zu einer Räuberhöhle gemacht

 

Was Gott selbst angeordnet hatte, wurde auf gewinnbringende Weise missbraucht (5Mose 14,24). Manche vermuten, dass zu diesem Zeitpunkt im Tempel eine organisierte Geschäftsstruktur herrscht, die wir heute als mafia-ähnlich beschreiben würden. Der Hohepriester muss seine Bestätigung im Amt „kaufen“ und kontrolliert daraufhin gewinnbringend das Geschäft mit Opfertieren und dem Geldwechsel (unreines Geld mit Bildprägungen wird gegen Opfergeld ohne Bild getauscht). Religion und Mafia scheinen sich zu vertragen. Nichts Neues unter der Sonne – denn schon die Söhne des Hohenpriesters Eli, missbrauchten schamlos ihre Position als Priester zu ihrem eigenen Vorteil (1Sam 2,12).

Nach der zeitweisen Räumung des Tempels übergibt Jesus ihn wieder seiner eigentlichen Bestimmung: „Mein Haus soll ein Bethaus genannt werden für alle Völker“ (Jes 56,7).

 

Und es traten Blinde und Lahme in dem Tempel zu ihm und er heilte sie“ (Mt 21,14).

Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! Wurden sie unwillig und sprachen zu ihm:Hörst du, was diese sagen“ (Mt 21,15-16a)?

Jesus antwortet ihnen mit dem Wort aus der Schrift:

Ja, habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“ (Vgl. Mt 21,16b mit Ps 8,3). Wie gut steht es um eine Gemeinde, wenn Säuglinge und Unmündige im Gottesdienst zu hören sind!

Auch Markus und Lukas berichten von der Unzufriedenheit und den Mordplänen der Schriftgelehrten nach diesem Eingriff in die Tempelordnung (Mk 11,18;  Lk 19,47-48). Sie fragen Jesus: „Wer hat dir diese Vollmacht gegeben, dass du dies tun darfst“? Oder: „Was tust du für ein Zeichen, dass du dies tun darfst“? Jesus antwortet ihnen: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten“. Jesus redet hier verschlüsselt vom Tempel seines Leibes, weiss aber, dass die aufgestachelten Gegner damit nur den vor ihnen aufragenden Gebäudekomplex meinen können. An dieses verschlüsselte Wort erinnern sich später die Autoren der Briefe:

  • Der Tempel seines Leibes ist die Gemeinde (1Kor 6,16;  Eph 2,21).
  • Wer den Tempel Gottes verdirbt, den wird Gott verderben, denn der Tempel Gottes ist heilig, der seid ihr (1Kor 3,17).

 

Hinweise zur Prüfung:

  • Frömmigkeit kann zum Gewerbe werden – doch unser Einkommen soll dem Reich Gottes dienen, nicht umgekehrt (1Tim 6,5).
  • Habsucht und Gewinnsucht können sich sehr leicht in den frommen Alltag einschleichen (2Petr 2,3; Kol 3,5).
  • Ehrsucht, Stolz, Überheblichkeit, Eigennutz kann sich breit machen.
  • Status und Karriere kann mehr zählen als Gottes Ehre.
  • Die Ellenbogenmetalität oder Ichbezogenheit kann sich auch in unserer Gemeinde ausbreiten und Schwache verdrängen.
  • Neid kann uns blind machen für Gottes wunderbares Wirken an anderen – besonders, wenn sie erfolgreicher sind als wir.

 

Die Stätte der Anbetung ist in erster Linie unser Herz, dann die Familie, dann die Ortsgemeinde, dann die Stadtgemeinde, dann die weltweite Gemeinde. Wahre Anbetung geschieht im Geist und in der Wahrheit

Gottes Haus – ein Bethaus für alle Völker – das motiviert zum Gebet für die lokale, regionale und globale Mission!

 

Fragen:

  1. Warum wird die Tempelreinigung bei den Synoptikern am Ende und bei Johannes am Anfang beschrieben?

 

  1. Warum ergriff Jesus der Eifer um das Haus seines Vaters?

 

  1. Was geschah nach der Reinigung des Tempels?

 

  1. Wie reagierten die Priester und die Schriftgelehrten im Volk auf die Tat von Jesus?

 

  1. Was hat diese Episode mit uns oder unserer Gemeinde heute zu tun?

3. Das Ergebnis seines Dienstes in Jerusalem

(Joh 2,23-25)

 

Jesus bleibt während des ganzen Passahfestes in Jerusalem und viele kommen zum Glauben an ihn. Viele Festpilger bemerken seine Autorität und erkennen ihn als großen Propheten und auch als Messias an. Der Hauptgrund für diesen Glauben sind die Zeichen, welche er tat (Joh 2,23). Doch dieser Glaube ist meist nicht so tief gegründet, dass es ein rettender Glaube wird. Die Worte und Taten von Jesus beeindrucken und stützen den rettenden Glauben (Joh 20,30.31) doch führt er nur bei wenigen Zeitgenossen von Jesus zum ewigen Leben. Auffallend ist hier, dass der Evangelist Johannes kein einziges Zeichen nennt oder ausführt, vielmehr geht es ihm darum, zu zeigen, wie die Menschen darauf reagieren.

Wir lesen weiter, dass Jesus sich ihnen nicht anvertraut. Hier wird auch im griech. Text jeweils das gleiche Wort genutzt: Sie vertrauten ihm evpi,steusan episteusan doch Jesus vertraute sich ihnen nicht an ouvk evpi,steuen auvto.n ouk episteusen auton. Die Menschen vertrauen – doch Jesus vertraut nicht? Jesus hält also zu den begeisterten Massen Distanz. Er betrachtet sie nicht als wahre Gläubige, denen er sich anvertrauen kann. Jesus weiss, wie sich diese gleichen Menschen bald gegen ihn stellen werden. Er sieht dem einzelnen ins Herz und erkennt die tieferen Motive, Absichten und Interessen (=Herzenseinstellung). Jesus ist Menschensohn, doch hier wird auch deutlich, dass er als gesandter Sohn vom Vater die Fähigkeit besitzt, Gedanken und sogar Motive im Herzen vieler Menschen gleichsam zu erkennen. Dort sieht er unaufrichtige und oberflächliche Begeisterung – er sieht wie rasch diese Zustimmung verfliegen wird, wenn seine Leidenszeit anbricht. Jesus ist nicht der Star, der den Beifall seiner Fans benötigt. Sein Dienst ist unabhängig von der Aufnahme oder Ablehnung seiner Person oder Botschaft.

 

Fragen:

  1. Jesus sieht/erkennt Gedanken von Menschen und sogar deren Motive,- tröstet es uns, oder macht es uns vielleicht sogar unruhig?

 

 

  1. Wie können in unserer Gemeinde Beziehungen entstehen, bei der tiefes Vertrauen wachsen kann?

 

 

  1. Wem kann man sich anvertrauen – wem besser nicht?

 

 

  1. Wie können wir in unserer Mitarbeit unabhängiger und beständiger werden, gerade angesichts von Menschen, die schnell Zustimmung oder Ablehnung äußern?

 

  1. Nikodemus besucht Jesus bei Nacht

(Joh 3,1-21)

 

Dieser längere Abschnitt kann in drei Abschnitte eingeteilt werden: Einleitung, drei Fragen und drei Antworten und eine umfangreichere Lehreinheit von Jesus.

Nur der Evangelist Johannes nimmt uns mit in die angenehmere Kühle einer orientalischen Nacht, bei der Jesus den wohlhabenden (Joh 19,39) Mann mit dem griechischen Namen Nikodemus[101] zu einem vertraulichen Gespräch empfängt. Der griechische Name des Gastes muss nicht auf eine griechische Herkunft hinweisen, da seit der Zeit der Makkabäer viele Juden auch griechische Namen tragen.

Nikodemus gehört zur Gruppe der Pharisäer, die wahrscheinlich auch während der Zeit der Makkabäer entstand. Seit dem 2. Jh. v. Chr. lehnten sich gottesfürchtige Juden gegen den um sich greifenden Bilderkult griechischen Ursprungs auf. Während der Verfolgungszeit unter Antiochus Ephiphanes standen die chasidim oder Frommen fest zu ihrem Glauben. Diese waren die Vorläufer der Pharisäer (der Abgesonderten), die sich ab ca. 135 v. Chr. etablierten.

Die positiven Absichten der Pharisäer sind:

  • Betonung von Gottes verbindlicher Torah (Unterweisung, auch Gesetz)
  • Bereitschaft zu einem Leben als Gottes Volk im bewussten Kontrast zu den Völkern der Nachbarschaft
  • moralische Verantwortlichkeit des Menschen
  • Bereitschaft zum vorbildlichen Lebensstil
  • Unsterblichkeit der Seele
  • Auferstehung des Leibes
  • Existenz von Dämonen
  • Hinweis auf Gericht, Strafe und Belohnung am Ende der Tage

 

So gibt es doch auch die negative Seite:

  • Veräußerlichung der Frömmigkeit
  • juristisches Denken
  • Standesdünkel (ich bin frömmer als die dort)
  • Hartherzigkeit gegenüber Leid, Schwäche, Sünde, Stigmatisierte, Ausgegrenzte
  • Tendenz: Gerecht wird der Mensch durch seine guten Werke

 

Jesus findet harte Worte für sie (Mt 5,20; 16,6.11.12; 23,1-39; Lk 18,9-14). Entgegen der heutigen Antipathie sind Pharisäer damals die geachteten Mitbürger eines jeden Ortes. Viel von ihrer Sympathie gewinnen sie durch ihren festen Stand gegen das Herrschaftshaus Herodes. Zu dieser Gruppe gehört Nikodemus – noch dazu zu den leitenden Kreisen, denn er ist ein Mitglied des Hohen Rates (Sanhedrin). Weiter ist er ein professioneller Ausleger und Lehrer des alttestamentlichen Gesetzes. Dieser findet nun angemessen in der Kühle der Nacht, nachdem die Tagesaktivitäten beendet sind, in einer eher ruhigen Stunde seinen Weg zu Jesus.

Nikodemus begrüßt Jesus mit dem Bekenntnis, dass er und andere die ähnlich wie er denken, ihn als wahren Prophet betrachten. Niemand könne schließlich solche Wunder bewirken, als nur ein göttlicher Prophet. Übrigens wissen wir nicht, ob dies Gespräch in Aramäisch oder Griechisch geführt wurde. Wir haben Hinweise, dass beide Gesprächspartner beide Sprachen beherrschen.

Ohne dass Nikodemus irgendein Anliegen vorbringt, berichtet uns der Evangelist Johannes, wie Jesus die Initiative ergreift und die ungestellte Frage beantwortet: „Was muss ich tun um das Reich Gottes zu ererben?“ Diese Frage stellte ja auch der reiche, junge Vorsteher (der Synagoge? Mt 19,16). Die Antwort von Jesus ist ein Rätselwort (mashal), typisch für Rabbis zurzeit von Jesus. Im Griechischen haben wir das Problem, was Jesus mit dem „von oben geboren“ a;nwqen anœthen meint. Es kann „von oben“ bedeuten (Joh 3,31; 19,11; 19,23). Jesus würde damit auf eine „Geburt von oben“ hinweisen. Dennoch hat dieses Wort noch weitere Bedeutungen:  aufs Neue, nochmals (Gal 4,9) oder von Beginn, vom ersten (Lk 1,3; Apg 26,5). Da die letzte Bedeutung wegfällt, so hat Nikodemus – und wir heute – die Wahl zwischen zwei Bedeutungen. Sprechen die beiden Gelehrte Aramäisch, so würde die Doppeldeutigkeit dieses einen Wortes wegfallen – dennoch muss sich dann Nikodemus mit dem Argument beschäftigen, dass jeder noch einmal geboren werden muss. Jesus macht damit deutlich, dass weder die natürliche Abstammung von Abraham, noch die kultische Zugehörigkeit zu Gottes erwähltem Volk oder gar die frommen Leistungen der Abgesonderten zur ewigen Errettung genügen. Menschen müssen von oben neu geboren werden, dh. der Heilige Geist pflanzt in das Leben eines Gläubigen dieses Leben, das seinen Ursprung nicht auf der Erde, sondern im Himmel hat. Diese Wende ist so radikal, dass Jesus sie als eine Geburt bezeichnet.

Im weiteren Gespräch wird deutlich, dass Nikodemus diesen Punkt missversteht. Es ist absurd: Ein Erwachsener soll nochmals geboren werden… Niemand kann das – bestimmt kein Alter! Jesus weist jetzt auf die Geburt aus Wasser und Geist hin.

  • Ein möglicher Schlüssel für dieses Rätselwort finden wir in Joh 1,22. Dort finden wir beides dicht beieinander: Wasser und Geist. Mit Wasser getauft zu sein ist gut, doch reicht nicht. Das reinigende Werk des Heiligen Geistes muss als Siegel hinzukommen. Beides ist wichtig: das Wasser zu Beginn (Taufe) und dann das fortdauernde Werk der Reinigung durch den Heiligen Geist im Prozess der Heiligung.
  • Eine andere Erklärung finden wir in 1Petr 1,23: „Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem Samen, sondern aus unvergänglichem durch das lebendige und bleibende Wort Gottes. Das lebendige und bleibende Wort Gottes bewirkt die Wiedergeburt. Im Zusammenhang von Eph 5,26 lesen wir von dem reinigenden Wasserbad des Wortes: „…um sie zu heiligen, sie reinigend durch das Wasserbad im Wort.“ Das Wasser = Wort bewirkt zusammen mit dem Geist das neue Leben.

Jesus wiederholt seine Worte, daraus können wir schließen, dass diese sehr, sehr fremd in den Ohren von Nikodemus klingen.

Das Beispiel vom Wind macht die Souveränität des Heiligen Geistes beim Prozess der Geburt von oben deutlich – niemand kann die Winde dieser Erde lenken oder gar stoppen. So wirkt auch der Heilige Geist unabhängig von uns – immer überraschend, immer wieder aus einer andere Richtung – ohne die Auswirkungen vorhersagen zu können – immer ein Geheimnis! Was für ein komplett anderer Ansatz ist dies für Nikodemus, dem seit frühester Kindheit eingetrichtert wurde, dass Rettung durch vollkommenen Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz, also Disziplin, Kontrolle und Selbstbeherrschung möglich sei.

Nikodemus kann dieses verinnerlichte System nicht einfach abstreifen – doch gerade diese Art der Selbsterlösung macht ihn immun für das Wirken des Heiligen Geistes. Jesus spricht ihn darauf höflich als respektierten Lehrer in Israel an, der trotz aller seiner Studien, trotz des Predigten von Johannes dem Täufer und den Predigten von Jesus immer noch nichts „versteht“. Doch das eine „Verstehen“ gewinnt man durch menschliches Reflektieren – das andere „Verstehen“ durch die Nähe zum himmlischen Vater. Jesus spricht hier in der 1. Person Plural: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wir reden, was wir wissen, und bezeugen, was wir gesehen haben, und unser Zeugnis nehmt ihr nicht an.“ Sieht er sich hier mit Johannes dem Täufer in einer Linie? Zumindest Joh 3,5 deutet daraufhin – während Joh 1,7.8.34 direkt auf das Zeugnis durch Johannes den Täufer hinweisen. Während der Bußprediger am Jordan schon eine „harte Nuss“ ist – was ist erst der Sohn eines Bauhandwerkers aus Nazaret, wenn dieser von Wiedergeburt spricht? Wenn der aufrichtige Fromme von der Unmöglichkeit der Rettung durch Gehorsam nicht zu überzeugen ist – wie soll Jesus ihm dann den göttlichen Heilsplan von der Sendung seines Sohnes erklären? Nur er, der Sohn, hat darüber Informationen aus erster Hand. Ihm, den Menschensohn allein haben wir in Bezug auf den göttlichen Plan zur ewigen Erlösung zu vertrauen. Hier nimmt Jesus zu einer recht seltsamen Episode bei der Wüstenwanderung des Volkes Israel Bezug: die erhöhte Schlange aus Metall (4Mo 21). Das murrende Volk (nicht genug Wasser und Brot) wusste sich durch tödliche Schlangebissen der göttlichen Strafe ausgesetzt. Hier war die einzige Rettung die erhöhte Schlange aus Metall, die Mose auf Befehl des Herrn herstellen ließ. Jeder mit dem tödlichen Gift in seinem Körper konnte durch einen Blick auf die Schlange gerettet werden (4Mo 21,8.9). Folgende ähnliche Dinge fallen uns zwischen der erhöhten Schlange und dem erst ans Kreuz und dann zum Vater erhöhten Christus auf:

  • der Tod wartet auf die Menschen
  • Gott bietet in seiner Barmherzigkeit einen Ausweg an
  • der Mensch hat zur Hilfe aufzublicken
  • Heilung erfolgt bei jedem mit einem aufrichtigen glaubenden Herzen

Klar geht es im AT um den zeitlichen, bei Jesus dagegen um die Rettung vor dem ewigen Tod; damals ging es um körperliche Heilung, jetzt aber um ewige Heilung; von der Schlange selbst ging keine Kraft aus, dagegen aber von Christus.

 

Über den goldenen Vers Joh 3,16 selbst, sollte man Seiten schreiben – er ist das Evangelium in Kurzform! Wir hören von:

  • Gottes Charakter,
  • von Gott als Urheber des Heils
  • vom göttlichen Objekt: alle Menschen dieser Welt
  • vom göttlichen Geschenk,
  • von dem Ziel des Heilsplans!

In Joh 3,17 wird es nochmals deutlich wiederholt: nicht das von Pharisäer erwartete Gericht über die Heiden ist das Ziel des Heilshandeln Gottes (alle Heiden sind ja letztlich nur Feuerholz für die Hölle), sondern Rettung aller! Schon Amos 5,18-20 weist darauf hin, dass das Gericht besonders Gottes Volk hart treffen wird. Gott will alle auf dieser Welt retten – Gott hat kein Gefallen am Strafurteil.

Jesus geht dann noch einen wesentlichen Schritt weiter und antwortet auf den nicht geäußerten Kommentar: „Na ja, keiner kann Gottes Richterspruch am Ende der Tage im Voraus kennen!“ DOCH, wir können es wissen, wenn wir das nächste Mal ans offene Grab treten: Jeder der an Jesus glaubt ist schon gerichtet; jeder der nicht glauben wollte, ist es aber auch schon! Geht es noch eindeutiger? Jesus macht seinen Anspruch am Bild des Lichtes und der Dunkelheit seinem Gesprächspartner Nikodemus deutlich: Er ist das in die Welt gekommene Licht – doch besonders seine fromme Zeitgenossen, lieben die Finsternis mehr als das Licht. Ihre böse Absichten und Taten wären nicht das Problem – die können alle vergeben werden. Doch genau dies ist die Entscheidung lieber Pharisäer:

  • entweder Jesus und die Vergebung (auf den Knien am Kreuz) annehmen
  • oder aufrecht stehend selbstbewusst die Umkehr ablehnen: Zeige mir was ich falsch gemacht habe!

Die zweite Variante endet in einem fatalen Tunnelblick – das durchaus auch fromme auf den Kopfstellen aller geistlichen Erkenntnis ist die Folge. Die Wahl ist: Selbstrechtfertigung oder Zerbruch am Kreuz. Geht dein Weg zum Licht oder in die Dunkelheit, lieber Pharisäer Nikodemus – so lauten die einladenden Worte von Jesus. Die Antwort muss jeder selbst geben. Für Nikodemus haben wir Hoffnung, da uns sein Verhalten rund um das Kreuzesgeschehen überliefert ist. Nach Joh 19,39 trug er zur ordentlichen Bestattung von Jesus bei. Dies kann in seinem Umfeld als Glaubenstat verstanden werden.

 

 

Fragen:

  1. Nehmen wir uns ausgiebig Zeit für vertraute Gespräche mit Suchenden?

 

 

  1. Wie erkläre ich die Geburt von oben meinem interessierten Zeitgenossen?

 

 

  1. Wie erkläre ich Menschen heute, dass nicht Leistung, sondern ein Geschenk die Heilsgrundlage ist?

 

 

  1. Wie können wir Menschen aus der Dunkelheit ins Licht begleiten?

5. Jesus im judäischen Land

(Joh 3,22-4,3)

 

Jesus verlässt die Stadt Jerusalem und wandert in Judäa umher. Dort bleibt er eine Zeit lang mit seinen Jüngern. Sehr wahrscheinlich ist, dass Jesus Jerusalem in Richtung Osten verlässt. Es ist möglich, dass er sich im Jordantal aufhält. Dort leitet Jesus seine Jünger bei der Taufe an – ohne selbst zu taufen (Joh 4,2). Diese Taufe war wohl im Übergang von der Taufe des Johannes zur späteren „christlichen Taufe“ begriffen – hin zur Taufe auf den dreieinigen Gott (Mt 28,19). Johannes ist parallel zu den Jüngern auch weiterhin in Änon[102] am Jordan aktiv. Da diese Stelle relativ zentral liegt, kommen Menschen aus allen vier Provinzen zu Johannes dem Täufer. Doch der Zustrom wird dünner – mehr und mehr Menschen zieht es zu Jesus. Hier wird deutlich, dass zwischen der Versuchung von Jesus und der Inhaftierung von Johannes dem Täufer, also zwischen Mt 4,11 und 12 (ebenso Mk 1,13 und 14; Lk 4,13 und 14) eine erhebliche Zeitspanne liegt, während der beide aktiv sind.

Die schwindende Popularität bereitet den Johannesjüngern Probleme. Folgendes fällt auf beim Gespräch der Johannesjünger mit ihrem Meister auf:

  • Die von Eifersucht geplagten Jünger vermeiden den Namen Jesus auszusprechen
  • Es klingt so, als seien sie nicht zu begeistert über das Zeugnis des Täufers in Bezug auf Jesus
  • Sie übertreiben wohl ein wenig, wenn sie sagen alle würden zu Jesus gehen.

Der Evangelist Johannes macht seinen Lesern in Kleinasien klar, dass es grundsätzlich falsch ist, Johannes den Täufer über Jesus zu stellen. Er berichtet uns die Antwort des Täufers, dass niemand etwas erhält, es sei denn, es sei ihm von oben gegeben – hier besonders die Gunst des Volkes. Nochmals betont Johannes der Täufer, dass er nur der Vorläufer von Jesus ist – Jesus aber und das Volk vergleicht er mit einem Bräutigam und einer Braut. Bei diesem Bild sieht sich Johannes der Täufer als bester Freund von Jesus, der sich freut die Stimme des Bräutigams zu hören. Richtig – Johannes sagt, dass seine Freude zunimmt, wenn er hört, dass mehr und mehr Menschen sich Jesus zu wenden. Matthias Grünewald hat dies Szene gemalt und im Museum Unter Linden in Colmar kann man das Zentralbild des Isenheimer Altarbildes anschauen: Johannes mit dem überlangen Finger, der auf den gekreuzigten Schmerzensmann Jesus zeigt. Daneben schrieb der Maler in lateinischer Schrift: „Er muss wachsen, ich aber abnehmen (Joh 3,30). Johannes weiß um seine irdische Herkunft im Gegensatz zur himmlischen Herkunft von Jesus. Nur Jesus kann unmittelbar vom Himmel reden – aus eigener Anschauung und Erfahrung. Jeder der den Anspruch von Jesus der Sohn Gottes zu sein im Glauben annimmt, der sagt damit auch, dass Gott im Himmel die Wahrheit sprach, als dieser sagte: „Du bist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“ (Lk 3,22).

Dann macht es der Evangelist mit den Worten des Täufers sehr klar: In Fragen des Heils hängt alles am Sohn! Es gibt seit dem die Wahl zwischen Leben oder Zorn Gottes (Joh 3,35). Diese deutlichen Worte von Johannes dem Täufer, die wachsende Popularität und die zunehmende Ablehnung durch die religiöse Elite in Jerusalem weisen auf die drohende Krise hin. Jesus kennt den Heilsplan seines Vaters und betrachtet diese Krise als vorzeitig – noch ist sein Werk nicht vollendet, um das letzte Mal nach Jerusalem hinaufzugehen. Deshalb verlässt er Judäa und wandert wieder nach Galiläa.

Fragen:

  1. Wie erleben wir Neid oder Eifersucht im Rahmen des Gemeindelebens?

 

 

  1. Wie können wir beweisen, das Eifersucht und/oder Neid im Rahmen der Zusammenarbeit der Kirchen uns nicht plagen?

 

 

  1. Wie erklärst du dir die Freude des Johannes an der eigenen schwindenden Popularität?

6. Gefangennahme des Täufers

(Mt 14,3-5; Mk 6,17-20; Lk 3,19-20)

 

Herodes Antipas ist der Herrscher von Galiläa (westlich des Jordans und des Sees Gennesaret) und dem südöstlichen Peräa von 4 (1) v.Chr. bis 39 n. Chr. Seine Residenz in Peräa hatte er in Machärus, dem Ort der traditionell für den Ort des Martyriums von Johannes dem Täufer gehalten wird.

 

 

An dieser Stelle führt uns er Evangelist Johannes zurück zum tragischen Ende des Täufers. Josephus berichtet uns von der Angst des Vierfürsten[103] seine Macht über das Volk zu verlieren, angesichts des großen Einflusses von Johannes dem Täufer (Ant. XVIII 5,2). Jede Aktion gegen ihn – besonders eine schnelle Hinrichtung – kann in eine Rebellion des Volkes münden. Da Johannes allerdings öffentlich die Eheschließung des Herodes mit Herodias kritisiert, ist die Inhaftierung die mildeste mögliche Reaktion. Herodias war die Tochter von Aristobul und damit eine Enkelin von Herodes dem Großen. Sie hatte ihren Halbonkel (den Halbbruder ihres Vaters) geheiratet: Herodes Philippus I. (Sohn von Herodes dem Großen durch Mariamne II.). Aus der Ehe mit Herodes Philippus ging eine Tochter hervor, die Josephus mit dem Namen Salome benennt (Anti. XVIII.136).[104] Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen: Salomes Mutter Herodias hatte einen Bruder der später König Herodes Agrippa I. wurde.

 

Bei einem Besuch von Herodes Antipas bei Herodes Philippus wurden er und seine Schwägerin Herodias ein illegitimes Liebespaar. Doch die beiden vereinbarten die Trennung von ihren rechtmäßigen Partnern um zu heiraten. Dies gelang ihnen. Als Johannes der Täufer von diesen Vorgängen hörte, schalt er öffentlich seinen Fürsten, denn dies war Blutschande (3Mo 18,16; 20,21) und Ehebruch (Röm 7,2.3). Diese herbe Kritik galt natürlich genauso der Herodias. Diese beschloss daraufhin nach damaliger „Gutsherrenart“ Rache – seinen Tod. Herodes Antipas war hier wohl zurückhaltender (Mk 6,20). Dies erklärt den längeren Gefängnisaufenthalt von Johannes dem Täufer wahrscheinlich in einer tiefen Grube in der Residenz Machärus. Doch dies macht Johannes noch populärer. Das Volk hält Johannes mehr und mehr für einen Propheten – Propheten zu töten hat zwar eine lange Tradition in Israel, aber in unruhigen Zeiten wie Herodes Antipas sie erlebt, ist es unklug Märtyrer zu schaffen. Während der Gefangenschaft suchte Herodes wiederholt das Gespräch mit Johannes (Mk 6,20). Trotz der unerhörten Kritik an seinem Eheleben hörte er gerne auf die Worte des Täufers.

 

Frage:

  1. Warum ist Angst ein schlechter Ratgeber?

 

 

  1. Sollen wir Ungläubige auf ihr ethische Fehlverhalten ansprechen?

 

 

  1. In welchem Bereich sollten Väter und Mütter Vorbilder sein?

7. Jesus in Samarien am Jakobsbrunnen

(Joh 4,4-42)

 

In Joh 4,1 wird beschrieben, wie Jesus und seine Jünger Judäa verlassen – dies wird wohl auch in Mt 4,12 beschrieben. Die Gefangennahme des Johannes kann kurz vorher erfolgt sein und die Rückkehr von Jesus nach Galiläa ausgelöst haben (Mt 4,12; Mk1,14a).

In Joh 4,4 wird betont, dass Jesus durch Samarien reisen muss. Wenn er sich in der Nähe des Jordans, also in der Jerichogegend aufhielt, dann bedeutet das Wort „muss“ eher einen göttlichen Auftrag. Denn eine Reise durch das bergige Samaria war auf dem Weg nach Galiläa ein erheblicher Umweg. Die Samariter sind seit der Eroberung durch die Assyrer im Jahre 722 (721) v. Chr., der Deportation vieler Juden und der Ansiedlung verschiedener besiegter Völker ein Mischvolk. Bis heute ist eine Gruppe der Samariter in Israel erhalten geblieben. Sie haben seit den Tagen von Nehemia und Esra eine eigene religiöse Tradition, besonders hinsichtlich des Gebetsortes – dies ist der Berg Garizim – und der heiligen Bücher, dies sind nur die fünf Bücher Moses.

Der Berg Garizim liegt in der Nähe der Stadt Sychar (Sichem). Die Juden meiden die Samariter und benutzen lieber den längeren Weg durch das Jordantal auf ihren Reisen zwischen Galiläa und Judäa. Auch gab es in den Jahrhunderten vor Christus immer wieder gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Samaritern und Juden. Vor diesem historischen Hintergrund bekommt der Aufenthalt von Jesus am Jakobsbrunnen[105] seine besondere Bedeutung. Übrigens ist es eigentlich falsch von einem Brunnen zu sprechen, es ist eine Quelle. Die Jünger von Jesus gehen alle in die Stadt, um Brot zu kaufen. Ob sie sich aus Angst als ganze Gruppe in eine fremde und feindlich gesonnene Stadt aufmachen? Jesus bleibt allein (wahrscheinlich auf eigenen Wunsch) am Brunnenrand sitzen, denn der Evangelist Johannes fügt hier an, dass Jesus von der Reise müde ist (Joh 4,6). Der Evangelist Johannes will mit seinem Evangelium zum Glauben an den Gottes Sohn führen. Wenn er hier allzu menschliche Details einfügt, ist dies bedeutungsvoll: Gottes Sohn war ein müder Mensch. Die Zeitangabe deutet auf 12 Uhr mittags hin – was vom Frühjahr bis Herbst die Zeit der Mittagshitze und -ruhe ist.

An den Brunnen kommt um diese ungewöhnliche Zeit eine a) samaritische b) Frau – beide erkennen die Gesprächshindernisse sofort. Denn zwei Gründe kommen zusammen, die das Gespräch normalerweise verhindert hätten: a) Samariter und Juden sind nun wirklich nicht für ihre gepflegte gemeinsame Gesprächskultur bekannt; b) ein Rabbi spricht normalerweise eine alleinkommende Frau nur in der Not oder mit zweideutigen Absichten an. Jesus hat wohl kein Schöpfgefäß bei sich und bittet daher diese Frau um Wasser. Doch diese Bitte ist so ungewöhnlich, dass die überraschte Frau eine Begründung für diesen Tabubruch verlangt. Dies führt zu den Erklärungen von Jesus in Bezug auf die Gabe Gottes. Hier und auch in der Apostelgeschichte ist die Gabe (das Geschenk) Gottes immer der heilige Geist. In Apg 7,37-39 finden wir die hier anklingende enge Beziehung zwischen Wasser und Geist wieder. Diesen Geist kann nur Jesus schenken.

Hätte die Frau gewusst, dass ihrem Gesprächspartner die Macht verliehen war, auch ihr solch ein Geschenk zu machen, hätte sie ihn darum gebeten: lebendiges Wasser (im Gegensatz zum Wasser des alten Gesetzes Spr 13,14; Jer 17,13; Sach 14,8). Doch dieses Rätselwort verstehen selbst wir heute nach Pfingsten schwer, wie viel schwerer war es für diese Frau. Im weiteren Gespräch geht es um manches Missverständnis. Zum einen ist das Wasser schwer zu schöpfen, dann geht es um die Bedeutung des Stammvaters Jakob, der diesen Brunnen grub, dann um das Wasser im geistlichen Sinn, dass zum ewigen Leben führt. Jesus sieht mit Scharfblick die geistliche Not der Frau. Doch zunächst versteht sie dies nicht, da sie beim natürlichen Wasser und der Aussicht nie wieder zum Schöpfen kommen zu müssen verbleibt.

Doch Jesus wird in diesem ungewöhnlichen Vieraugengespräch persönlich. Unvermittelt fordert er die Frau auf, ihren Ehemann zu holen. Die bedrückende Realität ihres Alltags wird Gegenstand des Gesprächs. Jesus erkennt das typisch orientalische Geständnis an, obwohl es uns ausweichend erscheint. Die Antwort der Frau ist aber für die Gesprächssituation schon recht mutig. Die Frau war fünf Mal verheiratet und wusste sich von Jesus in der Tiefe ihrer Not erkannt. Jesus konfrontiert sie mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart. Dabei gesteht Jesus ihr zu, dass sie aus tiefen Herzen die Wahrheit spricht: „… ich habe keinen Mann!“ (V. 18). Jesus gibt der Frau recht, dass auch ihre aktuelle Beziehung zu einem Mann ihr keinen Schutzraum und legalen Status gibt. Die Frau merkt jetzt, dass sie nicht einen der üblichen männlichen Ankläger vor sich hat. Die fanden gewöhnlich aus ihrer männlichen Sicht des Lebens viele Anklagepunkte. Doch hier geht es diesem fremden Mann offensichtlich nicht um Spott, Vorurteil, Anklage oder Verurteilung!

Sie kommt zum Schluss, dass er ein Prophet sein muss. Angesichts dieser Erkenntnis kommt sie auf ein weniger persönliches Thema zu sprechen. Da Jesus darauf eingeht, wollen auch wir es nicht als plattes Ausweichmanöver einstufen. Es geht um den alten Streitpunkt zwischen Samariter und Juden. Ist der rechte Gebetsort der Berg Garizim oder Jerusalem. Doch Jesus spricht an diesem Tag viel in Rätselworten. Er verweist auf eine Zeit, wo nicht der Ort, sondern die geistliche Einstellung wesentlich sein wird. Der Evangelist Johannes reflektiert die Worte von Jesus in recht schwieriger Weise, aber dennoch wird klar, dass der Beter mit dem angebeteten Gott wesensmäßig übereinstimmen muss: Gebet ist ein geistliche Sache zu einem geistlichen Gott – nie etwas Äußerliches. Als die Frau von diesem Punkt auf den erwarteten Messias zu sprechen kommt, wird deutlich, dass sie die Schriften der Juden kennt. Denn es ist unklar in wieweit die Samariter auf den Messias hoffen, da dieser in den fünf Mosebücher nicht zu erkennen ist. Ein kommender Prophet ist allerdings aus 5Mo 18,15 erkennbar.

Die einprägsamen Worte von Jesus überliefert uns der Evangelist: evgw, eivmi egœ eimi  „ich bin es…“ (Joh 4,26). Während die Synoptiker noch zurückhaltend vom Messiasanspruch berichten, ist hier Johannes freimütig und berichtet uns von diesen wesentlichen Worten des Vieraugengesprächs, die ja auch ihm nur überliefert worden sind. In Judäa wäre dies eine politische Aussage gewesen, die als Hochverrat gesehen und mit dem Tode bestraft worden wäre. Jesus mutet dieser Frau den Blick in tiefe theologische Zusammenhänge zu. Trotz vieler Missverständnisse, Ausweichargumente und dem Blick in ein bedrückendes Privatleben war diese Frau für das Gespräch vorbereitet.

Die Rückkehr der Jünger von ihrer Shopping-Tour hat sofort eine doppelte Wirkung:

  • die Jünger staunen, als sie ihren Meister in einem tiefsinnigen Gespräch mit einer einzelnen Frau finden und bieten ihm recht verlegen etwas zu essen an.
  • die Frau lässt ihren Krug stehen, eilt in ihre Stadt und berichtet von ihrer Begegnung mit einem Propheten, der ihre Vergangenheit ohne Beichte kannte.

Die Frau formuliert: „Ist dieser nicht der Christus?“ Damit weckt sie das Interesse des Ortes und lädt alle ausdrücklich zu einer Jesusbegegnung ein (V. 29). Jesus ist noch ganz von der Tiefe des Gesprächs angetan, so dass er die verlegene Bitte der Jünger, doch zu essen mit einem tiefsinnigen Gespräch über die geistliche Speise fortsetzt. Der Evangelist betont damit, dass sich Jesus seiner Sendung sehr bewusst ist. Die Ernte seiner Worte zu einer Frau würde bald sichtbar werden. Dies ist auch der Auftrag der Jünger. Andere haben schwer gearbeitet, bevor die Ernte eingefahren werden kann. Hier steht im Grundtext das Verb kopia,w kopiaœ hart arbeiten, sich müde arbeiten. Die anderen sind diejenigen, die Christus und seitdem den Jüngern zu allen Zeiten den Weg bereitet haben. Die Ernte an diesem Tag sind die vielen Samariter aus Sichem/Sychar die an Jesus glauben. Jesus bleibt zwei weitere Tage in dieser geistlich so vorbildlichen Stadt. Der Glaube dieser Menschen richtet sich dabei nicht auf das Glaubenszeugnis einer Frau, sondern auf die Worte von Jesus. So findet Jesus ohne eine spektakuläre Heilung oder durch ein außergewöhnliches Naturwunder Glauben in Samaria.

 

Fragen:

  1. Wie verhalten wir uns in ungewöhnlichen oder peinlichen Gesprächsituationen?

 

 

  1. Wie können wir den rechten Anknüpfungspunkt finden (hier die Bitte um Wasser)? Wie kann das „Eis“ gebrochen werden? Wie können Augen geöffnet werden?

 

 

  1. Wie erfahren wir die Leitung des Heiligen Geistes in einem evangelistischen Gespräch?

 

 

  1. Wie können wollen wir auf Nebenargumente oder gar Ausweichargumente eingehen?

 

 

  1. Wie können wir bewusst machen, dass andere vor uns im geistlichen Ackerfeld hart gearbeitet haben?

 

 

  1. Sind wir als Gemeinde für die geistliche Ernte vorbereitet?

 

 

 

 

 

Kapitel 5: Die dritte Dienstperiode – in Galiläa

 

1. Heilung des Sohnes des königlichen Beamten von Kapernaum

(Joh 4,43-54)

 

Zur zeitlichen Einordnung dieses Zeichen-Wunders. Nach dem Passahfest in Jerusalem hält sich Jesus noch eine Zeitlang in Judäa auf, bevor er durch Samarien wieder zurück nach Galiläa wandert. In Joh 4,35 weist Jesus auf die reifen Felder[106], will aber eigentlich auf die reife geistliche Ernte unter den Samaritern hinweisen. Wollte Jesus mit dem Hinweis: „Sagt ihr nicht: Es sind noch vier Monate, und die Ernte kommt“? auf den Abschluss der Jahresernte Ende September /Anfang Oktober (Laubhüttenfest) hinweisen? Dann wäre es in der Zeit um die Mitte Juni des Jahres 30.

Jesus geht nach Galiläa, da er weiß, dass er im eigenen Vaterland (hier meint er wohl Judäa mit Jerusalem, vgl. auch Joh. 1,11) keine Ehre hat. Im Gegensatz dazu nehmen ihn die Galiläer gerne auf. Die Wunder während des Festes in Jerusalem (Joh 4,45) beeindrucken sie.

a) Die Notsituation

Ausgangspunkt dieses Berichtes ist ein leidender, gequälter Mensch! Jesus und der Notleidende – darauf konzentrieren sich in den Evangelien die Geschichten von Heilungen. Hier ist es wahrscheinlich ein Hofbeamter von Herodes Antipas. Aus Joh 4,48 wird deutlich, dass er zusammen mit den Schaulustigen Jesus anspricht. Ob es der einzige Sohn ist, ob er jung oder alt ist, ja sogar an welcher Krankheit er leidet spielt in der Geschichte keine Rolle. Er war krank und litt an einem hohen Fieber. Es bestand Gefahr. Man sah das Ende schon kommen.

Warum werden Menschen krank, verunglücken, gehen viel zu früh von uns? Paulus bittet viel später um Heilung eines uns unbekannten körperlichen Leidens drei Mal. Er bekam die Antwort:

Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. 2Kor 12,9

 

Auch der Theologe Paulus fand keine andere Antwort. Alle scheinbare Seelsorge, die verborgene Sünden als Grund für Leid aufdecken will ist damit hinfällig – auch alle Selbstprüfungen und Selbstvorwürfe und besonders die selbstauferlegten Qualen.

b) Die Begegnung mit Jesus

Woher auch immer – dieser Mann hatte die entscheidende Info: … der neue Rabbi Jesus soll die Gabe der Krankenheilung haben! Doch der Beamte wohnt in Kapernaum und Jesus ist in Kana. Dort ist Jesus bei den Menschen, erreichbar, nahe – einer der zu Fuß im Dorf unterwegs ist, den man ohne Scheu ansprechen darf.

Was jetzt folgt ist Gottes Programm: Hilfe kommt nicht gönnerhaft von oben her – sondern als Hilfe von unten her. Inkarnation = Fleischwerdung nennt man dies in der theologischen Fachsprache. Gott als der Souverän dieser Welt will von unten her den Menschen begegnen. Darin wird Gottes ds,x chesed Gnade deutlich. Das hebräische Wort, am besten übersetzt mit dem alten deutschen Wort Huld (engl.: lovingkindness). Gott will liebevolle, freundliche Gemeinschaft. Gott sieht sich selbst weniger als ein Richter, der mal ein gnädiges Urteil fällt, sondern als ein Vater der von Anfang an und dann immer wieder die Gemeinschaft will. GOTTES Gemeinschaftssinn ist der Grund, dass er für uns ist – trotz Leid, Not und Krankheit. Ja Gott ist für uns mit oder ohne Heilung! Auch wenn uns das eine viel lieber ist, als das andere!

Typisch Jesus: Er wird vom königlichen Beamten in seiner großen Sorge nicht im Palast, sondern mitten bei den Menschen – bei Ihrer Not angetroffen! Jesus wird also vom Beamten angesprochen, nachdem er von Kapernaum nach Kana geeilt war, um Jesus schnell zu seiner Familientragödie zu rufen! Wir wissen heute nicht genau wo Kana liegt. Der nächste Ort, der in Frage kommt ist wenigstens 20 km Luftlinie von Kapernaum entfernt – allerdings ist dies eine bergige Gegend. Rettungsdienste, Notärzte kennen dass, schnell, schnell kommen Sie zu unserer unendlichen Not! Jede Minute zählt so unendlich viel. Was wird der Vater gerannt sein!

Jesus hört die Bitte bei dieser Begegnung zwei Mal (einmal in indirekter Rede und einmal in direkter Rede): Herr, komm herab, ehe mein Kind stirb!“ (Joh 4,49). Die Antwort von Jesus ist erst einmal seltsam… doch sie ist der eigentliche Schlüssel: Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so werdet ihr nicht glauben (Joh 4,48). Ja, Jesus genau dass ist das Problem – wir wollen Zeichen und Wunder sehen! Hier und heute vor allen! Kann das Jesus? Ja! Doch wie ist mein Verhältnis zu Jesus, wenn ich heute nach Hause gehe und mein Leid wieder mitnehme. Dürfen wir in allem Nichtverstehen dann noch DANKE – sagen – auch wenn dann ein Gemeindeglied Jahrzehnte in unserer Mitte leidet?

Der Vater fasst sich nach diesem Hinweis von Jesus ein Herz und drückt all seinen Glauben in dieser wiederholten Bitte aus: Herr, komm herab, ehe mein Kind stirbt!

c) Das Lösungswort

In Joh 4,50 finden wir die Worte von Jesus: „Geh hin, dein Sohn lebt!“ und dann weiter: „Der Mensch glaubte dem Wort, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.“ Typisch Jesus: Er legt keinen Wert auf Sensation und Reklame. Das wunderschaffende Wort zur Aufhebung dieser menschlicher Not ist im Griechischen und deutschen sogar sehr kurz nur vier Worte: „Geh, dein Sohn lebt!“ Dies ist die Antwort von Jesus auf die Notlage des Hilfesuchenden. Jesus spricht keine magischen Zaubersprüche – es sind ganz schlichte Worte. Jesus sagt nicht: dein Sohn wird irgendwann einmal in Ewigkeit leben… ER LEBT JETZT! Die Allmacht und das Allwissen von Jesus werden in dieser Situation sehr deutlich. Der Sohn wird wieder völlig gesund! Der Vater steht vor dem Rabbi Jesus. Er hat nur dessen Wort. Was soll er machen? Er glaubt und geht!

Auf dem Nachhauseweg wird der Vater die Szene immer wieder reflektieren: So anders ist dieser Jesus! So anders diese angebliche Heilung! Gar nicht wie ich mir das gedacht habe! Keine Berührung des Kranken, kein an die Handfassen, auch keine Medizin – doch der Vater glaubt ohne Beweis. Er glaubt und geht!

Hier kommt etwas in Spiel, was wir nie ganz zusammenbekommen. Während wir noch beten, bitten und Gott sagen, was er bei mir, in meiner Familie, in meiner Region oder in meinem Land noch alles ändern solle, handelt Gott. Die Familie in Kapernaum merkt, dass es dem Sohn rapide sehr viel besser geht. Doch in Kapernaum weiß keiner warum! Also werden Boten gesandt: „Holt den armen verzweifelten Vater von seiner verzweifelten Mission zurück! Alles hat sich „von allein“ gelöst. Wir brauchen keinen Arzt mehr – auch keinen JESUS. Alles ist von allein gut geworden. Klar so dachte die Familie in Kapernaum, weil sie nicht nach Kana schauen können. So treffen die Freuden-Boten und der besorgte glaubende Vater aufeinander: DEIN SOHN LEBT! Schnell wird der Zeitpunkt der Besserung ausgetauscht: ein Uhr nachmittags (die siebte Tagesstunde).

d) Die Wirkung

Der Vater und sein Haushalt (Frau, Kinder, Verwandte, Bedienstete!) glauben. Auch ihr Glauben musste wachsen. Wir sehen die Glaubensschritte hier recht deutlich:

  • verzweifelter Glaube an irgendeinen Wunderheiler (Strohhalmglaube: Kann ja nicht schaden!)
  • Glaube an das Wort von Jesus: Dein Sohn lebt
  • Glaube an die Person Jesus mit der ganzen Familie

Jesus als Gottes Sohn – nichts ist ihm unmöglich! Wunder berichtet uns der Evangelist Johannes als Zeichen für die Gottessohnschaft von Jesus. Er lässt nie den Anschein entstehen, Jesus sei der professionelle Wundermann, der von sich aus Wunder tut, um die Leute in einer Art Show mit seinen Wunderkräften zu beeindrucken.

Die Heilungserzählung von damals möchte aber auch uns heute beteiligen! Im Echo des Wunders fragen wir uns: Wie handelt Jesus bei heutigem Leid, heutiger Not? Greift er ein? Spricht er das Lösungswort?

 

Wie wird Jesus mit deinem Leid verfahren? Darum wollen wir auch heute unsere Not zu ihm rufen – gemeinsam – dann soll er, Jesus, so handeln wie er entscheidet.

 

Wundergeschichten wie diese in den Evangelien machen uns als Nachfolger von Jesus deutlich: Wir können nicht so weiter leben, als seien Krankheit und Not, Gebundenheit und Tod die letzte Wirklichkeit unseres Lebens. Bei Jesus gibt es Befreiung aus unentrinnbarer Gefangenschaft!

Wollen wir uns so sehen: Wir sind in Kapernaum und rufen und beten … Jesus handelt in Kana… Doch wie, dass wissen wir nicht. Wir wollen auf Jesus unser Vertrauen setzen – auch wenn wir Tag für Tag die Not der Menschen sehen. Wir können und wollen uns entscheiden: Wir vertrauen Jesus!

 

Fragen:

  1. Wie können wir dazu beitragen, dass Jesus wieder zur Anlaufstelle in Krisen wird?

 

 

  1. Wie wollen wir die gute Nachricht von Gottes HULD heute praktisch Mitmenschen mitteilen?

 

 

  1. Wie sieht ein „inkarnatorischer“ Lebensstil heute aus?

 

 

  1. Glaube an die Heilung und Kraft zum Tragen einer Krankheit – wie verhalten sich diese beiden Haltungen zueinander?

 

 

  1. Heilungen geschehen ohne dass wir es ahnen – wie kann das unser Gebet verändern?

 

 

2. Das Gleichnis vom Sämann

(Mt 13,1-23; Mk 4,1-20; Lk 8,4-15 )

 

Man kann sich vorstellen, dass Jesus nach Kapernaum hinab geht. Nach den Evangelisten Matthäus und Markus erzählt Jesus im Rahmen seiner Lehrtätigkeit dieses Gleichnis am Ufer des Sees in der Nähe von Kapernaum (Mt. 13,1-2;  Mk 4,1.35). Markus ergänzt, dass Jesus wegen der großen Volksmenge in ein Boot einsteigt und so vom Wasser aus die Menschen lehrt. Nach Abschluss der Gleichnissreden von Jesus sagt Matthäus, dass Jesus von dort weg geht (Mt. 13,53). Markus berichtet präzis: „Und an jenem Tag sagt er zu ihnen, als es Abend geworden war: Lasst uns zum jenseitigen Ufer übersetzen“ (Mk 4,35f). Lukas verbindet das Gleichnis nicht direkt mit dem Übersetzen von Jesus an das andere Ufer (Lk 8, 22). Wir folgen hier der Anordnung des Evangelisten Markus.

 

Wir finden das Gleichnis in allen drei synoptischen Evangelien. In allen Berichten erklärt Jesus (auf ausdrücklichen Wunsch seiner Jünger) die Bedeutung der Details des Gleichnisses. Alle drei Evangelisten ergänzen hier einander.

Die Zuhörer von Jesus, auch seine Jünger, sind mit den alltäglichen Details der Landwirtschaft hinreichend vertraut. Ein Gleichnis vom Säen eignet sich daher für diese Zuhörerschaft gut, um damit göttliche Wahrheiten zu verdeutlichen. Zwar verstanden alle die natürlichen Vorgänge, aber den tiefen Sinn und Wahrheitsgehalt des Gleichnisses verstanden nicht einmal seine Jünger.

In Palästina wird eine hundertfache Ernte als ein hervorragender Ertrag angesehen (1Mo 26,12): „Und Isaak säte in dem Lande und erntete in jenem Jahre hundertfältig; denn der HERR segnete ihn“. Dabei ist unter Umständen schon eine Ernte mit dreißigfachem Ergebnis als eine gute Ernte angesehen worden, verglichen mit den gänzlich fruchtlosen Jahren, in denen das Saatgut ohne jeglichen Ertrag verloren ging.

 

In der folgenden Tabelle sind die Gleichnistexte aller drei Evangelien zur besseren Übersicht parallel aufgelistet.

 

Matthäus 13,3-9. 18-23 Markus 4,3-9. 13-20 Lukas 8,5-8. 11-15
Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen.

Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg; da kamen die Vögel und fraßen’s auf.

Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.

Einiges fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s.

Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach.

Wer Ohren hat, der höre!

Hört zu! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. Und es begab sich, indem er säte, dass einiges auf den Weg fiel; da kamen die Vögel und fraßen’s auf.

Einiges fiel auf felsigen Boden, wo es nicht viel Erde hatte, und ging alsbald auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als nun die Sonne aufging, verwelkte es, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.

Und einiges fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten’s, und es brachte keine Frucht.

Und einiges fiel auf gutes Land, ging auf und wuchs und brachte Frucht, und einiges trug dreißigfach und einiges sechzigfach und einiges hundertfach.

Und er sprach: Wer Ohren hat zu hören, der höre!Es ging ein Sämann aus zu säen seinen Samen.

Und indem er säte, fiel einiges auf den Weg und wurde zertreten, und die Vögel unter dem Himmel fraßen’s auf.

Und einiges fiel auf den Fels; und als es aufging, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte.

Und einiges fiel mitten unter die Dornen; und die Dornen gingen mit auf und erstickten’s.

Und einiges fiel auf gutes Land; und es ging auf und trug hundertfach Frucht.

Als er das sagte, rief er: Wer Ohren hat zu hören, der höre!So hört nun ihr dies Gleichnis von dem Sämann: Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Böse und reißt hinweg, was in sein Herz gesät ist; das ist der, bei dem auf den Weg gesät ist.

Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es gleich mit Freuden aufnimmt; aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so fällt er gleich ab.

Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht.

Bei dem aber auf gutes Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach.

Und er sprach zu ihnen: Versteht ihr dies Gleichnis nicht, wie wollt ihr dann die andern alle verstehen? Der Sämann sät das Wort.

Das aber sind die auf dem Wege: wenn das Wort gesät wird und sie es gehört haben, kommt sogleich der Satan und nimmt das Wort weg, das in sie gesät war.  Desgleichen auch die, bei denen auf felsigen Boden gesät ist: wenn sie das Wort gehört haben, nehmen sie es sogleich mit Freuden auf,  aber sie haben keine Wurzel in sich, sondern sind wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung um des Wortes willen erhebt, so fallen sie sogleich ab.

Und andere sind die, bei denen unter die Dornen gesät ist: die hören das Wort, und die Sorgen der Welt und der betrügerische Reichtum und die Begierden nach allem andern dringen ein und ersticken das Wort, und es bleibt ohne Frucht.

Diese aber sind’s, bei denen auf gutes Land gesät ist: die hören das Wort und nehmen’s an und bringen Frucht, einige dreißigfach und einige sechzigfach und einige hundertfach.Das Gleichnis aber bedeutet dies: Der Same ist das Wort Gottes.

Die aber auf dem Weg, das sind die, die es hören; danach kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und selig werden.

Die aber auf dem Fels sind die: wenn sie es hören, nehmen sie das Wort mit Freuden an. Doch sie haben keine Wurzel; eine Zeit lang glauben sie und zu der Zeit der Anfechtung fallen sie ab.

Was aber unter die Dornen fiel, sind die, die es hören und gehen hin und ersticken unter den Sorgen, dem Reichtum und den Freuden des Lebens und bringen keine Frucht.

Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen und bringen Frucht in Geduld.

 

 

Alle Evangelisten berichten über die verschiedenartigen Saatuntergründe in der gleichen Reihenfolge. Vom Textumfang her fasst sich Lukas am kürzesten. Während Matthäus beim guten Ackerboden mit dem hundertfachen Fruchtbringen beginnt, fängt Markus mit dreißigfachem an und Lukas hat nur das hundertfache Fruchtbringen festgehalten. Während bei Matthäus und Markus diese Staffelung in der gleichen Reihenfolge auch bei der Deutung des Gleichnisses wiederholt wird, unterstreicht Lukas lediglich das Fruchtbringen in Geduld.

 

Abbildung 12 Aus einem Weizenkorn entstehen dutzende Körner (Foto am 14. August 2016).

 

Wichtig und unbedingt notwendig ist also, dass überhaupt Frucht gebracht wird. Es gibt jedoch Unterschiede im Umfang und der Intensität des Fruchtbringens.

 

Wir fragen an dieser Stelle: Was sagen andere Bibelstellen der Schrift über das Fruchtbringen?

 

  • Im Gleichnis vom Weinstock und den Reben spricht Jesus vom Fruchtbringen, von mehr Frucht bringen, von viel Frucht bringen, ebenso von Fruchtlosigkeit – letztlich jedoch, dass unsere Frucht eine bleibende Frucht sein soll (Joh 15,1-16).
  • So wie der Umfang und die Qualität der Frucht von der Beschaffenheit des Bodens abhängt, so hängt auch das „Viel-Frucht-Bringen“ von der Aufnahmebereitschaft unseres Herzens und der Hingabe unseres Lebens an Gott ab (Mt 19,29): „Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben“ (Vgl. auch Mk 10,30). Beim Säen, oder Investieren in das Reich Gottes, verspricht Jesus also hundertfaches Ergebnis, oder eine hundertfache Vermehrung.
  • „Ich will euch aber nicht verschweigen, liebe Brüder, dass ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen – wurde aber bisher gehindert -, damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden“ (Röm 1,13). Durch die Verkündigung des Wortes Gottes, entsteht geistliche Frucht unter den Heiden in Form von Menschen, die für Gott gewonnen werden.
  • Seht zu, bringt rechtschaffene Frucht der Buße (Mt 3,8). Der Mensch wird aufgefordert, das Wort Gottes tief und vertrauensvoll in sein Herz aufzunehmen. Dabei kann niemand sich auf seine Herkunft, gute Werke, fromme Leistungen oder auf eine äußerliche Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinschaft stützen.
  • „Lass aber auch die Unseren lernen, sich hervorzutun mit guten Werken, wo sie nötig sind, damit sie kein fruchtloses Leben führen“ (Tit 3,14). Die Gläubigen, in diesem Fall Mitarbeiter sind aufgerufen, sich keinesfalls ein ruhiges oder faules Leben zu leisten, sondern in allem den jüngeren Christen (auf Kreta) ein nachahmendes Vorbild zu sein.
  • So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen(Hebr 13,15). Kleine, oft unscheinbare Bekenntnisse zu Jesus (stilles Tischgebet in der Öffentlichkeit, oder, andere schlichte Bekenntnisse zu Christus) ehren Gott und werden von Gott als geistliche Frucht angesehen und bewertet.
  • Nicht, dass ich das Geschenk suche, sondern ich suche die Frucht, damit sie euch reichlich angerechnet wird (Phil 4,17). Paulus freut sich über die finanzielle Unterstützung der Philipper (hat er ihnen doch das Evangelium verkündigt), doch in erster Linie lernen sie dabei ihre Einkommen und ihren Besitz zu teilen und dies sieht Gott als geistliche Frucht an.

 

Fragen:

  1. Warum kommt das Gleichnis vom Sämann in allen drei Evangelien vor?

 

  1. Warum erklärt Jesus dieses Gleichnis nur seinen Jüngern?

 

  1. Suche nach Informationen über die optimale Bodenvorreitungen vor der Saat. Erkläre den geistlichen Sinn, der durch die vier verschiedenen Saatuntergründe verdeutlicht wird?
  2. Was sagt das Gleichnis über den säenden Bauer und über das Saatgut aus?
  3. Erkennst du in deinem Leben geistliche Frucht?

3. Jesus stillt den Sturm auf dem See

(Mt 8,23-27; Mk 4,35-41; Lk 8,22-25)

 

Nach dem Ende seiner Gleichnisrede wünscht Jesus, dass seine Jünger eine Überfahrt zur anderen Seite des Sees Gennesaret organisieren (Mk 4,35). Lukas und Matthäus verbinden diese Überfahrt nicht mit den vorhergehenden Gleichnisreden. Daher orientieren wir uns in Bezug auf die Reihenfolge der Darstellung nach dem Bericht des Evangelisten Markus.

 

Die Jünger sind bereit mit Jesus weiter zu wandern – auch wenn die Kosten hoch sind. Im Gegensatz dazu werden im Matthäusevangelium im gleichen Kapitel kurz vorher zwei Jüngeraspiranten erwähnt, denen diese Kosten zu hoch sind. So findet sich bald die ganze Gruppe um Jesus auf mehreren Fischerbooten (Mk 4,36) unterwegs auf dem See – dem vertrauten Arbeitsplatz mancher Jünger. Die Bauweise dieser Boote ist heute recht genau nachvollziehbar, da ein ähnliches Boot am Seeufer ausgegraben wurde: 2000 Jahre alt, 8 Meter lang und mehr als 2 Meter breit.[107] Doch bald geraten alle Passagiere in ein plötzliches Unwetter. Der Evangelist Markus spricht von einem großen Wirbelsturm – Matthäus nennt es eine große seismo.j seismos Erschütterung auf dem See. Am nördlichen Ende des Jordantals liegt der See etwa 209-215m unter N.N. Er ist bis zu 21 km lang, 12 km breit und mit einem Umfang von ca. 53km (Tendenz abnehmend, da in den letzten Jahren mehr Wasser entnommen wurde, als zufloss – 50% des Wasserbedarfs Israels wird von hier gedeckt).

Die Berge an der Ostseite des Sees ragen relativ steil empor. Die kühlen Fallwinde vom Berg Hermon (2814 m) stoßen besonders heftig von Mai bis Juli auf die heiße Luft der Jordansenke, was den schnellen Wetterwechsel mit Sturmwind erklärt. Hinzu kommen die heftigen Winde die entstehen, weil kühlere Luftströme vom Mittelmeer das galiläische Gebirge überwinden und auf die über den See auf steigenden warmen Luftmassen stoßen. Für Boote ohne Kiel sind diese Stürme und die Wellen von bis zu 3 m Höhe eine Gefahr, da die Steuerung sehr schwierig ist und ein Kentern droht. Panik bei den Profis im Boot – doch Jesus schläft auf einem Kissen tief. Jesus hat viel gearbeitet und ist sehr müde. Als der Sturm sie in Lebensgefahr bringt, wecken die Jünger Jesus mit einem Gemisch aus Furcht und Glaube (wir können nicht mehr – kannst du Jesus?). Was die Wellen und der Wind nicht schaffen – die Jünger können es. Jesus wacht auf. Jesus spricht in dieser bedrohlichen Situation seltsamerweise die Jünger auf ihren Kleinglauben an. Woher können die Jünger denn wissen, dass es keinen Grund für eine Panik gibt? Doch mit Jesus im Boot und einem großen Auftrag – wer soll diese Passagiere aus der Hand Gottes reißen? Schließlich sind die Jünger als Apostel berufen und haben in der Zukunft noch viel im Reich Gottes zu tun – noch ist ihr Lebensende nicht da. NUR – wer im Boot weiß dies? Noch ist nichts unter Kontrolle. Doch Jesus steht auf und bedroht Wind und Wellen – und es entstand eine große Stille. Jesus hat Autorität – sogar über die Mächte der Natur. Was uns verwundert ist, dass auch der starke Wellengang sofort aufhört. Die Jünger realisieren: Jesus ist immer noch größer als sie denken können!

 

Fragen:

  1. Nenne Situationen, in denen du in Panik geraten bist?

 

 

  1. Was bedeutet das Schlafen von Jesus – damals… heute?

 

 

  1. Warum trifft uns der Vorwurf des Kleinglaubens heute noch stärker?

 

 

  1. Nenne Erlebnisse mit Jesus, in denen er dich positiv überraschte.

 

 

  1. Warum neigen wir immer wieder zu Kleinglauben?

 

 

4. Jesus heilt dämonisch Belastete im Bereich der Dekapolis

(Mt 8,28-34; Mk 5,1-20; Lk 8, 26-39)

 

Die unterschiedlichen geo- und topographischen Angaben der Evangelisten zu dieser Heilung lassen sich so zusammenfassen:[108]

  • Gebiet der Gerasener (Mk 5,1)
  • Galiläa gegenüber (Lk 8,26)
  • Land der Gadarener (Mt 8,28)
  • in der Nähe von Grabhöhlen (Mt 8,28; Mk 5,5; Lk 8,27).
  • in der Nähe einer Stadt (Mt 8,34.39)
  • in der Nähe einer Stadt und einigen Dörfern (Mk 5,14; Lk 8,34).
  • im Bereich der Dekapolis (Mk 5,20).

Man kann vermuten, dass der Ort des Geschehens in der Nähe der Stadt El Kursi liegt.

 

Weitere Unterschiede in den Berichten:

  1. Nach dem Bericht des Evangelisten Matthäus begegneten ihnen nach dem Landgang zwei Besessene (Mt. 8,28). Die anderen beiden Evangelisten sprechen von einem Belasteten Menschen. Der Evangelist Matthäus hat hier wohl mehr Interesse an der genauen Anzahl, als die anderen beiden Evangelisten. Dies bestätigen seine weitere Berichte z. B. heilte Jesus zwei Blinde bei Jericho (Mt 20,30)
  2. Lukas berichtet, dass der Belastete von der Stadt kam (Lk 8,27). Die anderen Evangelisten berichten, wie er/sie von den Grabhöhlen kam/en.
  3. Matthäus bezeichnet die Belasteten als calepoi chalepoi hart, schwierig, bösartig oder gewalttätig. Sie belästigen Menschen auf der Straße. Markus nennt viele Details des ungewöhnlichen Verhaltens. Lukas nennt den Umstand, dass er kein Obergewand trug (i`ma,tion himation bezeichnet Kleidung allgemein, aber besonders das Obergewand).

 

Jesus und seine Reisegruppe gehen also bewusst in einer heidnischen Gegend an Land. Jesus weicht damit von seinem Dienstprogramm und seiner eigentlichen Zielgruppe den Verlorenen Kindern Israels zeitweise ab und wendet sich bewusst den Heiden zu. Als erstes trafen sie in jener Gegend auf belastete Menschen in einem jämmerlichen Zustand. Der Durcheinanderbringer raubte ihnen jegliche Menschenwürde und quälte sie weiter dadurch, dass sie auch andere in Not und Gefahr brachten. Wird der Fürst der Dunkelheit gerade sie  als Empfangskomitee für den Fürsten des Lichts gesandt haben? Die Menschen werden vom Evangelisten Matthäus als Dämonenbesessene bezeichnet. Im weiteren Bericht wird deutlich, dass diese Menschen einen Kontrollverlust über ihr Denken, Sprechen und Verhalten erlitten haben. Wie zu erwarten werden diese kranken Menschen stigmatisiert und aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Man mied möglichst ihren bekannten Aufenthaltsort: die örtlichen Bestattungshöhlen. Doch genau in dieser bekannt unangenehmen Gegend hält sich Jesus mit seiner Gruppe wohl kaum aus Versehen auf.

Jesus wird aus dem Mund der jämmerlichen Menschen vom geistlich gesehenen Fürsten recht offensiv als Sohn Gottes angesprochen und somit als Feind der bestehenden geistlichen Machtverhältnisse erkannt. Auch wird deutlich, dass diese dunklen Mächte um ihre nur noch begrenzte Macht und Zeit wissen (siehe Eph 2,2; 6,12).

Die dunklen Mächte wissen um das Ende ihrer Zeit als Quälgeister und bitten Jesus um einen Aufenthaltsort in den ca. 2000 Schweinen (Mk 5,13), um diese zu quälen und zu vernichten – natürlich auch um ihren Besitzern großen Schaden zuzufügen. Sollten diese Besitzer so gegen Jesus aufgehetzt werden? Wir finden in den Texten keinen Hinweis darauf, warum Jesus dieser Bitte entspricht – also lassen wir diese Frage bewusst offen.

Doch eines wird klar – geheilte Menschen sind vielmehr wert, als sehr viele Schweine (Mensch oder Besitz). Selbst die wahrscheinlich etwas entfernt zu schauenden Schweinehirten stellen diese Verbindung sofort her: hier endlich Heilung von sehr schwierigen Zeitgenossen und dort der sehr große Verlust von Tieren. Ihr Bericht wird in den angrenzenden Ortschaften als vertrauenswürdig eingestuft und so kommen die geschädigten Bewohner und bitten erstaunlich milde Jesus nur die Region wieder zu verlassen. Es ist wohl die Macht des Aberglaubens, der durch diese Bitte hindurch scheint.

  • Doch wo bleibt die Freude der Familien über die Heilung der beiden Unausstehlichen?
  • Warum bringen sie nicht weitere Belastete und ihre vielen Kranken?

Am Ende ihrer Berichte zeichnen die Evangelisten Markus und Lukas ein sehr differenziertes Jesusbild. Er, der den Bitten der dunklen Mächte und sogar der geschädigten abergläubischen Bewohner jeweils entspricht, widerspricht der Bitte des Geheilten. Die positive oder negative Beantwortung der Anliegen lässt also an sich noch keine weiteren Schlüsse zu. Die beiden Evangelisten berichten von der Sendung des Geheilten zu den Bewohnern der Gegend. Jesus selbst sorgt so für die weitere Verbreitung der Siegesbotschaft. Wahre missionarische Aktivität beginnt zu Hause. Dort muss das Handeln von Jesus berichtet, erklärt und glaubwürdig gelebt werden. Jesus sieht den Widerstand und hört die Bitte zu gehen – doch er unterläuft diese Aufforderung in seiner Art. Heiden hören die siegreiche Botschaft!

 

Fragen:

  1. Wie ist der bewusste Aufenthalt von Missionaren in einer problematischen Gegend (in religiöser, kultureller, politischer Hinsicht) Gegend zu beurteilen?

 

 

  1. Warum sendet der Fürst der Dunkelheit gerne Empfangskomitees? Wo sehen wir heute seine Macht?

 

 

  1. Wie gehen wir mit einem JA oder einem NEIN von Jesus um?

 

 

  1. Verpassen wir den Segen von Jesus auch heute manchmal?

 

 

  1. Wo sehe ich meinen konkreten Missionsauftrag?

 

Gadara: Befreiung zweier Besessener

Mt 8,28 Καὶ ἐλθόντος αὐτοῦ εἰς τὸ πέραν εἰς τὴν χώραν τῶν Γαδαρηνῶν ὑπήντησαν αὐτῷ δύο δαιμονιζόμενοι ἐκ τῶν μνημείων ἐξερχόμενοι, χαλεποὶ λίαν, ὥστε μὴ ἰσχύειν τινὰ παρελθεῖν διὰ τῆς ὁδοῦ ἐκείνης.

29 καὶ ἰδοὺ ἔκραξαν λέγοντες· τί ἡμῖν καὶ σοί, υἱὲ τοῦ θεοῦ; ἦλθες ὧδε πρὸ καιροῦ βασανίσαι ἡμᾶς;

30 ἦν δὲ μακρὰν ἀπ᾽ αὐτῶν ἀγέλη χοίρων πολλῶν βοσκομένη.

31 οἱ δὲ δαίμονες παρεκάλουν αὐτὸν λέγοντες· εἰ ἐκβάλλεις ἡμᾶς, ἀπόστειλον ἡμᾶς εἰς τὴν ἀγέλην τῶν χοίρων.

32 καὶ εἶπεν αὐτοῖς· ὑπάγετε. οἱ δὲ ἐξελθόντες ἀπῆλθον εἰς τοὺς χοίρους· καὶ ἰδοὺ ὥρμησεν πᾶσα ἡ ἀγέλη κατὰ τοῦ κρημνοῦ εἰς τὴν θάλασσαν καὶ ἀπέθανον ἐν τοῖς ὕδασιν.

33 οἱ δὲ βόσκοντες ἔφυγον, καὶ ἀπελθόντες εἰς τὴν πόλιν ἀπήγγειλαν πάντα καὶ τὰ τῶν δαιμονιζομένων.

34 καὶ ἰδοὺ πᾶσα ἡ πόλις ἐξῆλθεν εἰς ὑπάντησιν τῷ Ἰησοῦ καὶ ἰδόντες αὐτὸν παρεκάλεσαν ὅπως μεταβῇ ἀπὸ τῶν ὁρίων αὐτῶν.

 

Mk 5, 1 Καὶ ἦλθον εἰς τὸ πέραν τῆς θαλάσσης εἰς τὴν χώραν τῶν Γερασηνῶν.

2 καὶ ἐξελθόντος αὐτοῦ ἐκ τοῦ πλοίου εὐθὺς ὑπήντησεν αὐτῷ ἐκ τῶν μνημείων ἄνθρωπος ἐν πνεύματι ἀκαθάρτῳ,

3 ὃς τὴν κατοίκησιν εἶχεν ἐν τοῖς μνήμασιν, καὶ οὐδὲ ἁλύσει οὐκέτι οὐδεὶς ἐδύνατο αὐτὸν δῆσαι

4 διὰ τὸ αὐτὸν πολλάκις πέδαις καὶ ἁλύσεσιν δεδέσθαι καὶ διεσπάσθαι ὑπ᾽ αὐτοῦ τὰς ἁλύσεις καὶ τὰς πέδας συντετρῖφθαι, καὶ οὐδεὶς ἴσχυεν αὐτὸν δαμάσαι·

5 καὶ διὰ παντὸς νυκτὸς καὶ ἡμέρας ἐν τοῖς μνήμασιν καὶ ἐν τοῖς ὄρεσιν ἦν κράζων καὶ κατακόπτων ἑαυτὸν λίθοις.

6 καὶ ἰδὼν τὸν Ἰησοῦν ἀπὸ μακρόθεν ἔδραμεν καὶ προσεκύνησεν αὐτῷ

7 καὶ κράξας φωνῇ μεγάλῃ λέγει· τί ἐμοὶ καὶ σοί, Ἰησοῦ υἱὲ τοῦ θεοῦ τοῦ ὑψίστου; ὁρκίζω σε τὸν θεόν, μή με βασανίσῃς.

8 ἔλεγεν γὰρ αὐτῷ· ἔξελθε τὸ πνεῦμα τὸ ἀκάθαρτον ἐκ τοῦ ἀνθρώπου.

9 καὶ ἐπηρώτα αὐτόν· τί ὄνομά σοι; καὶ λέγει αὐτῷ· λεγιὼν ὄνομά μοι, ὅτι πολλοί ἐσμεν.

10 καὶ παρεκάλει αὐτὸν πολλὰ ἵνα μὴ αὐτὰ ἀποστείλῃ ἔξω τῆς χώρας.

11 ἦν δὲ ἐκεῖ πρὸς τῷ ὄρει ἀγέλη χοίρων μεγάλη βοσκομένη·

12 καὶ παρεκάλεσαν αὐτὸν λέγοντες· πέμψον ἡμᾶς εἰς τοὺς χοίρους, ἵνα εἰς αὐτοὺς εἰσέλθωμεν.

13 καὶ ἐπέτρεψεν αὐτοῖς. καὶ ἐξελθόντα τὰ πνεύματα τὰ ἀκάθαρτα εἰσῆλθον εἰς τοὺς χοίρους, καὶ ὥρμησεν ἡ ἀγέλη κατὰ τοῦ κρημνοῦ εἰς τὴν θάλασσαν, ὡς δισχίλιοι, καὶ ἐπνίγοντο ἐν τῇ θαλάσσῃ.

14 Καὶ οἱ βόσκοντες αὐτοὺς ἔφυγον καὶ ἀπήγγειλαν εἰς τὴν πόλιν καὶ εἰς τοὺς ἀγρούς· καὶ ἦλθον ἰδεῖν τί ἐστιν τὸ γεγονὸς

15 καὶ ἔρχονται πρὸς τὸν Ἰησοῦν καὶ θεωροῦσιν τὸν δαιμονιζόμενον καθήμενον ἱματισμένον καὶ σωφρονοῦντα, τὸν ἐσχηκότα τὸν λεγιῶνα, καὶ ἐφοβήθησαν.

16 καὶ διηγήσαντο αὐτοῖς οἱ ἰδόντες πῶς ἐγένετο τῷ δαιμονιζομένῳ καὶ περὶ τῶν χοίρων.

17 καὶ ἤρξαντο παρακαλεῖν αὐτὸν ἀπελθεῖν ἀπὸ τῶν ὁρίων αὐτῶν. 18 Καὶ ἐμβαίνοντος αὐτοῦ εἰς τὸ πλοῖον παρεκάλει αὐτὸν ὁ δαιμονισθεὶς ἵνα μετ᾽ αὐτοῦ ᾖ.

19 καὶ οὐκ ἀφῆκεν αὐτόν, ἀλλὰ λέγει αὐτῷ· ὕπαγε εἰς τὸν οἶκόν σου πρὸς τοὺς σοὺς καὶ ἀπάγγειλον αὐτοῖς ὅσα ὁ κύριός σοι πεποίηκεν καὶ ἠλέησέν σε.

20 καὶ ἀπῆλθεν καὶ ἤρξατο κηρύσσειν ἐν τῇ Δεκαπόλει ὅσα ἐποίησεν αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς, καὶ πάντες ἐθαύμαζον.

 

 

Lk 8,26 Καὶ κατέπλευσαν εἰς τὴν χώραν τῶν Γερασηνῶν, ἥτις ἐστὶν ἀντιπέρα τῆς Γαλιλαίας.

27 ἐξελθόντι δὲ αὐτῷ ἐπὶ τὴν γῆν ὑπήντησεν ἀνήρ τις ἐκ τῆς πόλεως ἔχων δαιμόνια καὶ χρόνῳ ἱκανῷ οὐκ ἐνεδύσατο ἱμάτιον καὶ ἐν οἰκίᾳ οὐκ ἔμενεν ἀλλ᾽ ἐν τοῖς μνήμασιν.

28 ἰδὼν δὲ τὸν Ἰησοῦν ἀνακράξας προσέπεσεν αὐτῷ καὶ φωνῇ μεγάλῃ εἶπεν· τί ἐμοὶ καὶ σοί, Ἰησοῦ υἱὲ τοῦ θεοῦ τοῦ ὑψίστου; δέομαί σου, μή με βασανίσῃς.

29 παρήγγειλεν γὰρ τῷ πνεύματι τῷ ἀκαθάρτῳ ἐξελθεῖν ἀπὸ τοῦ ἀνθρώπου. πολλοῖς γὰρ χρόνοις συνηρπάκει αὐτὸν καὶ ἐδεσμεύετο ἁλύσεσιν καὶ πέδαις φυλασσόμενος καὶ διαρρήσσων τὰ δεσμὰ ἠλαύνετο ὑπὸ τοῦ δαιμονίου εἰς τὰς ἐρήμους.

30 ἐπηρώτησεν δὲ αὐτὸν ὁ Ἰησοῦς· τί σοι ὄνομά ἐστιν; ὁ δὲ εἶπεν· λεγιών, ὅτι εἰσῆλθεν δαιμόνια πολλὰ εἰς αὐτόν.

31 καὶ παρεκάλουν αὐτὸν ἵνα μὴ ἐπιτάξῃ αὐτοῖς εἰς τὴν ἄβυσσον ἀπελθεῖν.

32 ἦν δὲ ἐκεῖ ἀγέλη χοίρων ἱκανῶν βοσκομένη ἐν τῷ ὄρει· καὶ παρεκάλεσαν αὐτὸν ἵνα ἐπιτρέψῃ αὐτοῖς εἰς ἐκείνους εἰσελθεῖν· καὶ ἐπέτρεψεν αὐτοῖς.

33 ἐξελθόντα δὲ τὰ δαιμόνια ἀπὸ τοῦ ἀνθρώπου εἰσῆλθον εἰς τοὺς χοίρους, καὶ ὥρμησεν ἡ ἀγέλη κατὰ τοῦ κρημνοῦ εἰς τὴν λίμνην καὶ ἀπεπνίγη.

34 Ἰδόντες δὲ οἱ βόσκοντες τὸ γεγονὸς ἔφυγον καὶ ἀπήγγειλαν εἰς τὴν πόλιν καὶ εἰς τοὺς ἀγρούς.

35 ἐξῆλθον δὲ ἰδεῖν τὸ γεγονὸς καὶ ἦλθον πρὸς τὸν Ἰησοῦν καὶ εὗρον καθήμενον τὸν ἄνθρωπον ἀφ᾽ οὗ τὰ δαιμόνια ἐξῆλθεν ἱματισμένον καὶ σωφρονοῦντα παρὰ τοὺς πόδας τοῦ Ἰησοῦ, καὶ ἐφοβήθησαν.

36 ἀπήγγειλαν δὲ αὐτοῖς οἱ ἰδόντες πῶς ἐσώθη ὁ δαιμονισθείς.

37 καὶ ἠρώτησεν αὐτὸν ἅπαν τὸ πλῆθος τῆς περιχώρου τῶν Γερασηνῶν ἀπελθεῖν ἀπ᾽ αὐτῶν, ὅτι φόβῳ μεγάλῳ συνείχοντο· αὐτὸς δὲ ἐμβὰς εἰς πλοῖον ὑπέστρεψεν.

38 ἐδεῖτο δὲ αὐτοῦ ὁ ἀνὴρ ἀφ᾽ οὗ ἐξεληλύθει τὰ δαιμόνια εἶναι σὺν αὐτῷ· ἀπέλυσεν δὲ αὐτὸν λέγων·

39 ὑπόστρεφε εἰς τὸν οἶκόν σου καὶ διηγοῦ ὅσα σοι ἐποίησεν ὁ θεός. καὶ ἀπῆλθεν καθ᾽ ὅλην τὴν πόλιν κηρύσσων ὅσα ἐποίησεν αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς.

 

 

 

 

 

 

 

5. Die Frage nach dem Fasten

Mt 9,14-17; Mk 2,18-22; Lk 5,33-39

 

Nach Matthäus 9,18 folgt nach der Frage in Bezug auf das Fasten unmittelbar die Auferweckung der Tochter des Jairus: „Während er dieses zu ihnen redete, siehe, da kam ein Vorsteher herein…“. Nach Mk. 5,21-22 predigt Jesus am Ufer des Sees, als der Synagogenvorsteher Jairus zu ihm kommt. In diese Begegnung platzt eine Frau mit ihrem Heilungswunsch. So haben wir hier die zeitliche und örtliche Einordnung der Geschichte, bzw. der Doppelgeschichte. Details zum Fasten siehe Kap. 3.11.

 

6. Jesus heilt die an Blutfluss leidende Frau

(Mt 9,20-22;  Mk 5,25-34;  Lk 8,43-48)

 

Die Krankheit der Frau wurde durch ihre Familie und Umgebung so eingestuft, als hätte sie seit zwölf Jahren andauernde Menstruationsblutungen. In 3Mo 15,19-33 war geregelt, dass Frauen während dieser Zeit als zeremoniell unrein galten. Diese Frau war somit ständig sozial und religiös diskriminiert, mit einem Makel behaftet und ins Abseits abgeschoben. Es ist nachvollziehbar, dass mit der Regelung in 3Mo 15 Frauen ein Schutzraum während der Menstruation und nach Geburten geboten wurde. Da sie bestimmte Tätigkeiten ihrer hausfraulichen Pflichten nicht durchführen durften und Gesellschaften meiden mussten, Daher mussten andere Verwandte diese Aufgaben zeitweise übernehmen. Doch als diese Frau zu Jesus kommt, wird deutlich, dass Schutzräume des Gesetzes zu einem Werkzeug des Frauenhasses karikiert wurden. Jede Art von Körperausfluss – besonders bei Frauen – wurde mit Abscheu betrachtet. So steht nicht nur eine Frau mit einem gynäkologischen Problem vor Jesus, sondern insgesamt der weibliche Körper und die sehr negative Beziehung der Männer zum weiblichen Körper und zur weiblichen Sexualität. Diese Frau konnte entweder nie heiraten oder war wahrscheinlich inzwischen geschieden worden. Sie lebt in vielfacher Hinsicht am Rand der Gesellschaft. Der Evangelist Markus erwähnt die vielen kostspieligen Arztbesuche – Dr. Lukas stellt fest, dass sie nicht geheilt werden konnte.

Die unbekannte Frau wusste, dass wenn sie einen Mensch berührt, dieser für den Rest des Tages wie sie selbst zeremoniell unrein wird (3Mo 15,26-27). Alle Evangelisten machen klar, dass Jesus von einer Menschenmenge dicht umgeben ist. Die Frau hätte sich nicht in dieser Menschenmenge aufhalten dürfen. „Viele Schriftgelehrte vermieden es grundsätzlich, Frauen zu berühren, um gar nicht erst in Gefahr zu geraten, sich zu verunreinigen“ (Keener 1998, 97). In einem damals als Unverschämtheit empfundenen Glaubensakt berührt sie den Saum des Gewandes[109] von Jesus. Wir können darunter die tciyc ƒiƒit oder ~ylidIG> gedilim Quasten verstehen, die sich gesetzestreue Juden an den vier Enden ihres Obergewandes und später am Gebetsschal anbringen ließen (4Mo 15,38-41 und 5Mo 22,12). Diese Quasten waren aus blauweißer Kordel (Keener 1998, 97). Die Frau nähert sich Jesus von hinten, um so unerkannt geheilt zu werden und sich wieder schnell zu entfernen. Dieser seltsame Wunsch geht in Erfüllung – trotz unserer Bedenken angesichts mancher fast magischer Vorstellungen und Äußerungen in diesem Zusammenhang. Die Heilungskraft scheint bei der Berührung wie eine Energie aus Jesus zu fließen – Jesus scheint dabei passiv zu sein, denn er sagt später, dass eine Kraft von ihm gegangen sei. Die Frau meint, eine Berührung von Jesus sei notwendig und auch, dass Jesus es nicht bemerken würde. Trotz dieser Vorstellung wird sie sofort und vollständig gesund. Jesus äußert sich erst missverständlich (V. 30 …wer hat mein Gewand angerührt?) – doch er lobt dann ihren Glauben, der zwar nicht der Grund aber doch der Kanal für diese Heilung ist. Die Frau fasst sich entgegen der damalige Sitte ein Herz und berichtet öffentlich von ihrer Krankheit und der spontanen Heilung. Petrus versteht den Zusammenhang wie auch viele von uns heute erst einmal nicht und fragt milde lächelnd: Meister das Volk drängt dich und du fragst wer hat mich angerührt? Jesus nennt diese Frau liebevoll Tochter und nimmt sie wieder in die Gesellschaft mit einem umfassenden Schalom auf.

 

Fragen:

  1. Beschreibe den verborgenen Glauben der Frau. Wo kann uns solch ein verborgener Glaube heute begegnen?

 

 

  1. Der Glaube wird trotz ungewöhnlicher Wege belohnt. Geschieht dies auch heute?

 

 

  1. Der Glaube der Frau wird von Jesus öffentlich gemacht – trotz der peinlichen Umstände. Warum ist das öffentliche Bezeugen des Glaubens u.U. hilfreich?

 

 

  1. Wie verhalten wir uns in Gemeinde und Familie gegenüber Frauen verachtenden Tendenzen? Wie sieht ein positiver Umgang mit unser Körperlichkeit aus?

 

Mt 9,18 Ταῦτα αὐτοῦ λαλοῦντος αὐτοῖς, ἰδοὺ ἄρχων εἷς ἐλθὼν προσεκύνει αὐτῷ λέγων ὅτι ἡ θυγάτηρ μου ἄρτι ἐτελεύτησεν· ἀλλὰ ἐλθὼν ἐπίθες τὴν χεῖρά σου ἐπ᾽ αὐτήν, καὶ ζήσεται.

19 καὶ ἐγερθεὶς ὁ Ἰησοῦς ἠκολούθησεν αὐτῷ καὶ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ.

20 Καὶ ἰδοὺ γυνὴ αἱμορροοῦσα δώδεκα ἔτη προσελθοῦσα ὄπισθεν ἥψατο τοῦ κρασπέδου τοῦ ἱματίου αὐτοῦ·

21 ἔλεγεν γὰρ ἐν ἑαυτῇ· ἐὰν μόνον ἅψωμαι τοῦ ἱματίου αὐτοῦ σωθήσομαι.

22 ὁ δὲ Ἰησοῦς στραφεὶς καὶ ἰδὼν αὐτὴν εἶπεν· θάρσει, θύγατερ· ἡ πίστις σου σέσωκέν σε. καὶ ἐσώθη ἡ γυνὴ ἀπὸ τῆς ὥρας ἐκείνης.

 

Mk 5,22 Καὶ ἔρχεται εἷς τῶν ἀρχισυναγώγων, ὀνόματι Ἰάϊρος, καὶ ἰδὼν αὐτὸν πίπτει πρὸς τοὺς πόδας αὐτοῦ

23 καὶ παρακαλεῖ αὐτὸν πολλὰ λέγων ὅτι τὸ θυγάτριόν μου ἐσχάτως ἔχει, ἵνα ἐλθὼν ἐπιθῇς τὰς χεῖρας αὐτῇ ἵνα σωθῇ καὶ ζήσῃ.

24 καὶ ἀπῆλθεν μετ᾽ αὐτοῦ. καὶ ἠκολούθει αὐτῷ ὄχλος πολὺς καὶ συνέθλιβον αὐτόν.

25 Καὶ γυνὴ οὖσα ἐν ῥύσει αἵματος δώδεκα ἔτη

26 καὶ πολλὰ παθοῦσα ὑπὸ πολλῶν ἰατρῶν καὶ δαπανήσασα τὰ παρ᾽ αὐτῆς πάντα καὶ μηδὲν ὠφεληθεῖσα ἀλλὰ μᾶλλον εἰς τὸ χεῖρον ἐλθοῦσα,

27 ἀκούσασα περὶ τοῦ Ἰησοῦ, ἐλθοῦσα ἐν τῷ ὄχλῳ ὄπισθεν ἥψατο τοῦ ἱματίου αὐτοῦ·

28 ἔλεγεν γὰρ ὅτι ἐὰν ἅψωμαι κἂν τῶν ἱματίων αὐτοῦ σωθήσομαι. 29 καὶ εὐθὺς ἐξηράνθη ἡ πηγὴ τοῦ αἵματος αὐτῆς καὶ ἔγνω τῷ σώματι ὅτι ἴαται ἀπὸ τῆς μάστιγος.

30 καὶ εὐθὺς ὁ Ἰησοῦς ἐπιγνοὺς ἐν ἑαυτῷ τὴν ἐξ αὐτοῦ δύναμιν ἐξελθοῦσαν ἐπιστραφεὶς ἐν τῷ ὄχλῳ ἔλεγεν· τίς μου ἥψατο τῶν ἱματίων;

31 καὶ ἔλεγον αὐτῷ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ· βλέπεις τὸν ὄχλον συνθλίβοντά σε καὶ λέγεις· τίς μου ἥψατο;

32 καὶ περιεβλέπετο ἰδεῖν τὴν τοῦτο ποιήσασαν.

33 ἡ δὲ γυνὴ φοβηθεῖσα καὶ τρέμουσα, εἰδυῖα ὃ γέγονεν αὐτῇ, ἦλθεν καὶ προσέπεσεν αὐτῷ καὶ εἶπεν αὐτῷ πᾶσαν τὴν ἀλήθειαν.

34 ὁ δὲ εἶπεν αὐτῇ· θυγάτηρ, ἡ πίστις σου σέσωκέν σε· ὕπαγε εἰς εἰρήνην καὶ ἴσθι ὑγιὴς ἀπὸ τῆς μάστιγός σου.

 

Lk 8, 42 ὅτι θυγάτηρ μονογενὴς ἦν αὐτῷ ὡς ἐτῶν δώδεκα καὶ αὐτὴ ἀπέθνῃσκεν. Ἐν δὲ τῷ ὑπάγειν αὐτὸν οἱ ὄχλοι συνέπνιγον αὐτόν.

43 Καὶ γυνὴ οὖσα ἐν ῥύσει αἵματος ἀπὸ ἐτῶν δώδεκα, ἥτις [ἰατροῖς προσαναλώσασα ὅλον τὸν βίον] οὐκ ἴσχυσεν ἀπ᾽ οὐδενὸς θεραπευθῆναι,

44 προσελθοῦσα ὄπισθεν ἥψατο τοῦ κρασπέδου τοῦ ἱματίου αὐτοῦ καὶ παραχρῆμα ἔστη ἡ ῥύσις τοῦ αἵματος αὐτῆς.

45 καὶ εἶπεν ὁ Ἰησοῦς· τίς ὁ ἁψάμενός μου; ἀρνουμένων δὲ πάντων εἶπεν ὁ Πέτρος· ἐπιστάτα, οἱ ὄχλοι συνέχουσίν σε καὶ ἀποθλίβουσιν.

46 ὁ δὲ Ἰησοῦς εἶπεν· ἥψατό μού τις, ἐγὼ γὰρ ἔγνων δύναμιν ἐξεληλυθυῖαν ἀπ᾽ ἐμοῦ.

47 ἰδοῦσα δὲ ἡ γυνὴ ὅτι οὐκ ἔλαθεν, τρέμουσα ἦλθεν καὶ προσπεσοῦσα αὐτῷ δι᾽ ἣν αἰτίαν ἥψατο αὐτοῦ ἀπήγγειλεν ἐνώπιον παντὸς τοῦ λαοῦ καὶ ὡς ἰάθη παραχρῆμα.

48 ὁ δὲ εἶπεν αὐτῇ· θυγάτηρ, ἡ πίστις σου σέσωκέν σε· πορεύου εἰς εἰρήνην.

49 Ἔτι αὐτοῦ λαλοῦντος ἔρχεταί τις παρὰ τοῦ

7. Jesus weckt die Tochter des Jairus vom Tod auf

(Mt 9,18-19. 23-26; Mk 5,21-24.35-43; Lk 8,40-42.49-56)

 

Der Evangelist Matthäus gibt den Hinweis, dass Jesus Jairus in Kapernaum trifft (Mt. 9,1 seine eigene Stadt). Markus weist uns daraufhin, dass er danach in seine Vaterstadt nach Nazaret geht (Mk 6,1). Markus gibt noch das Detail an, dass die Bitte am Ufer des Sees an Jesus herangetragen wird. Matthäus ist im Vergleich zu Markus und Lukas in seiner Berichterstattung sehr kurz. Er spricht nur von einem Vorsteher, von einem Ältesten, während Lukas neben seinem Namen Jairus[110] auch noch seine Amtsbezeichnung nennt, nämlich: „Vorsteher der Synagoge“ (Lk 8,41). Markus ergänzt, dass Jairus einer der Synagogenvorsteher war (Mk 5,22). Das heißt, dass es einen aus mehreren Personen bestehenden Synagogenvorstand gibt. Lukas erwähnt in Lk 7,5 dass der in Kapernaum stationierte Zenturio das Volk (der Juden) liebte und ihnen die städtische Synagoge erbaut bzw. finanziert hatte. War Jairus in eben dieser Synagoge in verantwortlicher Position? Noch heute können wir in Kapernaum recht gut erhaltene Synagogenreste aus dem 2. Jh. sehen, die mit Wahrscheinlichkeit am selben Ort stehen.

Das Mädchen war nach Lukas die „einziggeborene[111] Tochter des Jairus und ungefähr[112] zwölf Jahre alt. Markus nennt das Alter des Mädchens mit 12 Jahren (5,42).

 

Die Evangelisten Markus und Lukas überliefern uns die Worte des Vaters:

Meine Tochter befindet sich im letzten Zustand, (im Endstadium ihrer Krankheit);Meine Tochter ist eben gestorben“. Wie soll man diese zwei Aussagen zuordnen?

 

Eine mögliche Lösung:

Matthäus fängt mit seiner Erzählung dort an, wo die Diener (Lk. spricht von einem) des Jairus kommen und die Meldung bringen: „Deine Tochter ist soeben gestorben, was bemühst du noch den Meister“ (Mk. 5,35; Lk. 8,49)? Dann ist folgender Gesprächsablauf denkbar:

  • Jairus kommt zu Jesus fällt ihm als Zeichen der Ehrfurcht und Verehrung zu Füßen und bittet ihn inständig: „Meine einziggeborene Tochter von etwa zwölf Jahren befindet sich in den letzten Zügen; komm, in mein Haus, lege ihr die Hände auf, damit sie gerettet wird und lebt!“ Nur einem sehr viel Höherstehenden (etwa einem König) oder Gott werfen sich die Zeitgenossen von Jesus zu Füßen. Hier drückt dieser hochrangige Vorsteher der Synagoge sehr deutlich aus, wie groß in seinen Augen die Macht von Jesus ist (Keener 1998, 97)
  • Jesus ist sofort bereit mit ihm zu gehen, doch während Jesus Jairus folgt, umdrängen ihn viele Menschen. Dann folgt die Geschichte der Heilung der kranken Frau. Während Jesus der Frau Rettung und Frieden zusagt, kommen einige und berichten Jairus:Deine Tochter ist soeben gestorben, was bemühst du noch den Meister?
  • Jesus hört diese Worte nebenbei mit.
  •  Jairus spricht Jesus erneut an und teilt ihm mit (Mt 9,18b):Meine Tochter ist soeben gestorben“.
  • Jesus sagt daraufhin zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht, glaube nur und sie wird gerettet werden“!
  • Jairus, ermutigt durch diese Zusage, sagt: Komm und lege die Hand auf sie, und sie wird leben!“
  • Nach dem Bericht des Markus nimmt Jesus nur Petrus, Jakobus und Johannes mit ins Haus des Jairus. Als er in das Haus des Jairus kommt, findet er schon die Flötenspieler[113] und eine lärmende Menge vor, welche die Tote beweinen und betrauern[114]. Die größere Anzahl der Klagefrauen und Flötenspieler weist auch auf die hohe Stellung und das hohe Vermögen von Jairus hin (Keener 1998, 97).
  • Jesus spricht zu ihnen: „Weint nicht, Geht weg! Denn das Mädchen ist nicht gestorben, sondern es schläft“. Dies ist weniger ein Hinweis auf einen Koma-Zustand (auch nicht bei Lazarus Joh 11,11-14), sondern Worte von Jesus, die nicht wörtlich zu verstehen sind ( so auch: Joh 2,20.21; 3,3.4; 4,14,15.32.33; 6,51.52; 7,34.35; 8,51.52; 11,11.12.23.24; 14,4.5). Nicht die wörtliche Auslegung, sondern die übertragene Aussage von Jesus ist hier wesentlich: Der Tod hat nicht das letzte Sagen (Hendriksen 1974, 433)
  • Die Anwesenden lachen über ihn, wissend, dass das Kind gestorben ist. Jemanden wörtlich: „auslachen“ indem man mal kurz das Klagen unterbricht, zeigt die innere Haltung der bezahlten Klagenden. Zwar gibt es auch ein im Westen weniger bekanntes Lachen um Schamgefühle zu überspielen. Doch hier will man Jesus bewusst demütigen.
  • Jesus treibt alle hinaus und nimmt nur den Vater und die Mutter des Kindes zu sich und geht mit seinen drei Jüngern in das Zimmer in dem das Kind liegt.
  • Jesus ist sich bewusst, dass die schlimmste rituelle Verunreinigung im jüdischen Bewusstsein die Berührung von Toten ist, dennoch ergreift er die Hand[115] des Mädchens und ruft aramäisch: „Talita kum(i), was bedeutet: „Mädchen[116], steh auf!
  • Sogleich kehrt ihr Geist[117] zurück (Lk 8,55), sie steht sofort auf und geht umher.[118]
  • Ihre Eltern geraten außer sich vor Freude. Jesus befiehlt ihnen aber nachdrücklich, diese Heilung für sich zu behalten.
  • Jesus weist sie an, dem Mädchen Essen zu geben. Diese kleine Nebensächlichkeit offenbart die innere Einstellung von Jesus. Er ist besorgt, umsichtig und offensichtlich mitfühlend in seiner Zuwendung zu diesem Mädchen und seinen Eltern.

 

Fragen:

  1. Warum lässt sich Jesus nicht aus der Ruhe bringen? Warum lässt er es zu, dass die Frau ihn aufhält?

 

 

  1. Wie verhält sich Jesus angesichts des Todes? Wie denkt er, wie fühlt er?

 

 

  1. Was können wir daraus lernen?

 

 

  1. Welches Ziel hat Jesus im Auge?

 

 

  1. Wie gehen wir mit außergewöhnlichen Ereignissen in der Seelsorge um?

8. Jesus heilt drei Menschen mit Behinderungen

(Mt 9,27-34)

 

Auch diese Heilungsgeschichte finden wir nur beim Evangelisten Matthäus. Wahrscheinlich ereigneten sie sich am gleichen Tag, wie auch die Auferweckung der Tochter des Jairus und die Heilung der Frau. Matthäus schildert uns diesen arbeits- und ereignisreichen Tag in vielen liebevollen Details. Als Jesus das Haus des Synagogenvorstehers Jairus verlässt, folgen ihm zwei Blinde, die in der Art der Bettler unaufhörlich und störend laut rufen: Erbarme dich unser, Sohn Davids!“ (Mt 9,27). Diese Bettler sprechen Jesus auf ganz besondere Weise an. Obwohl die Details der Geburt von Jesus in Bethlehem zu dieser Zeit in Galiläa wenig bekannt sind, ist es allgemein bekannt, dass Josef und damit auch Jesus aus Bethlehem stammt und ein Nachkomme Davids ist. Weiterhin wird hinter dieser Anrede auch der Messiastitel zu verstehen sein. In 2Sam 7,12.13 lesen wir von der Zusage Gottes, dass er einem leiblichem Nachkommen Davids …den Thron für ewig festigen wird. Der Evangelist Matthäus bekräftig diese Verbindung von Sohn Davids und Messias am Ende seiner Schrift: Mt 21,9 und 22,41-45.

Jesus hat trotz des Rufens und der besonderen Verehrung nicht auf diese beiden Menschen reagiert. Ob ihm die irdischen und zumeist politischen Hoffnungen, die mit diesem Titel verbunden waren, eher zurückhaltend reagieren ließen? Matthäus schreibt nur sehr wage, das Jesus „in das Haus gekommen war.“ Hier fragen wir uns, ob es „sein“ Haus in Kapernaum war. In Mt 4.13 haben wir den Eindruck, dass uns der Evangelist Matthäus mitteilen möchte, dass Jesus einen ständigen Wohnsitz in Kapernaum hat – wir nehmen an das Haus eines seiner Jünger.[119] Wir haben den Eindruck, dass Jesus später dann das Haus von Martha und Maria in Betanien als sein „Zuhause in Juda“ betrachtet. Die blinden Menschen können Jesus ins Haus folgen – im realen und übertragenen Sinn gibt es für behinderte Menschen einen barrierefreien Zugang.

Der Evangelist Matthäus überliefert uns aus dem Gespräch zwischen Jesus und den beiden Blinden nur die Frage von Jesus: „Glaubt ihr, dass ich dies tun kann?“ Nun war der Glaube der Menschen an Jesus als den Messias nicht die Bedingung, dass Jesus an Menschen ein Wunder vollbringen kann (Mt 8,28ff; 11,20-24; und Lk 17,17), doch hier fragt Jesus diese beiden Menschen, ob sie ihm die Heilung der Blindheit zutrauen. Das griechische Wort pisteu,w pisteuœ glauben hat einen weiten Bedeutungsumfang – hier passt recht gut: habt ihr Vertrauen in mir? Doch nicht der Glaube der beiden Blinden bewirkt die Heilung – es war allein das Handeln von Jesus. Die sehr respektvolle Antwort „Ja, Kyrie (Herr)“ weist auf ihre Einschätzung von Jesus hin. So antwortet man nur einer sehr hochstehenden Persönlichkeit. Jesus berührt mitfühlend ihre Augen – so kommt Jesus in einen für Blinde sehr wichtigen Körperkontakt. Sie spüren es ist Jesus, der sie berührt – von ihm geht die Heilung aus. Jesus will rettenden Glauben ermöglichen. Bei den beiden Blinden geschieht dies durch eine spontane vollständige Heilung. Ihre Augen werden aufgetan. Das erste was sie sehen ist Jesus! Das Sehvermögen an sich wiederzuerlangen ist ein gewaltiges Erlebnis. Doch gleichzeitig den Messias, den Erlöser der Welt zu sehen – wirklich umwerfend. Jesus allein zu sehen, nie wieder diesen Jesus zu vergessen und trotz mancher Dunkelheit alle Hoffnung auf ihn zu setzen wird die Lebensaufgabe dieser beiden Männer sein. Dies ist auch unsere Lebensaufgabe. Jesus trägt ihnen vergeblich auf, aus dieser Heilung keine „große öffentliche Sache“ zu machen. Jesus weiß, dass diese beiden Heilungen das öffentliche Interesse noch weiter in falscher Weise auf ihn lenken wird. Er will diese falsche Aufmerksamkeit in keiner Weise. Doch hier erscheint er uns in ganz menschlicher Weise – gegen Neugierde und Sensationslust (nicht nur der Presse) scheint auch Jesus machtlos zu sein.

Doch kaum geht die eine Gruppe kommt schon die nächste. Es scheint fast wie in einem Wartezimmer zuzugehen. Diesmal wird ein Stummer zu Jesus gebracht. Der Evangelist Matthäus teilt uns mit, dass dämonische Mächte die Ursache für diese Behinderung sind. Hier fällt dem Bibelleser auf, dass der Evangelist Matthäus nicht alle Krankheiten und menschlichen Abnormalitäten Dämonen zuschreibt. Trotz sehr ähnlicher Symptome unterscheidet er zwischen Krankheit und Besessenheit (siehe Mt 12,22 im Vergleich mit Mt 15,30). Nach Matthäus reicht auch die Erklärung, dass Besessenheit auf eine multiple Persönlichkeit hinweise nicht aus. Denn gemäß dem Evangelisten können Dämonen Menschen verlassen, in Schweine fahren und seien immer böse und destruktiv. Besessene werden vom Evangelisten in einem Zustand beschrieben, in dem eine unterscheidbare fremde böse Macht Einfluss über ihre Persönlichkeit gewinnt. Diese Macht könne sogar in unterscheidbarer Weise in Kontakt mit der Umwelt des Besessenen treten (Mk 5,7-10; Lk 4,41; Apg 16,18; 19,13-15).

Dieser in mehrfacher Weise ausgegrenzte Mensch wird geheilt. Der Evangelist nennt hier keine Details – nur die Tatsache, dass der Dämon ausgetrieben wird. Hier haben Horrorfilme und ungesunde „Sensations-Seelsorge“ ein scheinbar spektakuläres Umfeld geschaffen. Der Evangelist schildert diese Heilung sehr nüchtern, fast in Nebensätzen und vermeidet alle Details. Doch die erstaunte Reaktion der Zeitzeugen beschreibt der Evangelist im Detail. Diese Befreiung zum Leben, zum Sprechen und zur Gemeinschaft ist für sie einzigartig. Dieses Staunen kann sich auf alle Heilungen und Befreiungen dieses besonderen Tages beziehen. Doch wie schon öfter, ist die Reaktion nicht einhellig positiv. Religiöse Eiferer – hier die Pharisäer – leugnen zwar nicht die Befreiung, aber sehr wohl die Quelle. Sie schreiben diesen freisetzenden Einfluss dem Obersten der Dämonen zu. Diese schwerwiegende Auseinandersetzung wird uns noch im Detail beschäftigen, wenn wir zu Mt 12,24 kommen. Aufmerksame Leser der prophetischen Texte dagegen werden an Jes 35,5.6 erinnert:

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jauchzen wird die Zunge des Stummen.“

 

  • Fragen:
  1. Warum hört Jesus nicht auf alle Hilferufe? Wie gehen wir mit den vielen Hilferufen unserer Zeit um?
  1. Als was sehen wir Jesus im normalen Alltag?
  1. Sind unsere Häuser für Hilfesuchende barrierefrei?
  1. Hat uns Jesus seine „neue Sicht“ für unsere Umwelt gegeben?
  1. Wer hinderte damals – wer hindert heute Menschen am mutigen lauten Sprechen der Wahrheit?
  1. Warum ist die Stille und eine verschwiegene umsichtige Seelsorge hier dringend notwendig?
  1. Wollen wir heute auch mutig die Quelle für Heilung und Befreiung nennen?

9. Jesus in der Stadt Nain

(Lk 7,11-17)

 

Der Evangelist Lukas verbindet diesen Bericht eng mit dem Bericht von der Heilung des Knechtes des Hauptmanns (Lk 7,1-10). In der Bibel erwähnt nur der Evangelist Lukas die Ortschaft Nain und nur einmal in diesem Zusammenhang. Man nimmt an, dass der Ort in der Nähe des heutigen Ortes Nein liegt – auf dem nordwestlichen Abhang des Jebel ed-Duchy (Berg Moreh) 10 km südöstlich von Nazareth und 40 km südwestlich von Kapernaum. Anhand der Ruinen und der ausgedehnten Grabanlagen kann man annehmen, dass dies eine wichtige Ortschaft war. Lukas erwähnt besonders ein befestigtes Stadttor war.

Jesus nähert sich diesem Ort mit seinen Jüngern und vielen anderen Begleitern. In der ersten Phase seines Dienstes – in der „Beliebtheitsphase“ zog Jesus Menschenmassen an, die auch weite Wegstrecken nicht scheuten (Joh 6,66). Menschen wollten Jesus sehen und hören, denn seine Botschaft war anders (Mt 7,28.29) und für ihre Kranken und Belasteten war er die Hoffnung (Lk 4,42; 5,29; 6,17-19; 9,37; 14,25).

Gerade als Jesus die Stadt betreten will, fordert uns der Evangelist Lukas als seine Leser auf, eine Szene genau zu betrachten: „Siehe!“ Ein Trauerzug verlässt gerade den Ort. Tote wurden immer außerhalb der Stadt bestattet. Was wie purer Zufall aussieht – war doch ein wichtiger Punkt in Gottes Plan für alle Beteiligten. Bibelleser kennen manche dieser „Zufälle“:

  • Abraham findet sofort ein Ersatzopfer (1Mo 22,13)
  • Abrahams Knecht findet an einer Viehtränke die Braut für Isaak (1Mo 24,15)
  • Gideon hört bei seiner Spionagetour durch das feindliche Lager einen Traum und die für ihn ermutigende Auslegung (Ri 7,9-25)
  • Ruth sammelt Ähren genau auf dem Feld ihres späteren Lösers und Ehemann Boas
  • Jeremia wird gerade noch rechtzeitig durch den afrikanischen Knecht aus einer Zisterne gerettet (Jer 38,7; 39,1ff)

Waren nicht alle diese menschlich gesehen ungeplante Zufälle wichtige Teile des göttlichen Planes, der dennoch die menschliche Verantwortung nicht schmälert.

Der Tote, der aus dem Ort getragen wird, ist der einzige Sohn einer Witwe.[120] Für diese Frau ist neben dem schrecklichen Verlust als Mutter auch die Existenz an sich gefährdet. Ihr Sohn ist Garant für Schutz und Versorgung. Durch ihn allein würde sie Enkelkinder haben, die dann die Familientradition aufrechterhalten würden. Doch nach dem frühen Verlust ihres Ehemanns muss sich diese Frau fragen, ob nicht auch Gott sie verlassen hat. Sie muss sich unaufhörlich die Frage stellen lassen oder sogar selbst stellen, ob nicht ein Fluch Gottes auf ihr liegt. Gab es eine Gesetzesübertretung, ein Handeln, ein Reden… dass Gott erzürnen ließ und sie nun die Strafe bekommt? Die vielen Hinweise im Gesetz (z.B. 2Mo 22,21) und bei den Propheten (z.B. Jer 7,6) zum Schutz der Witwen und Waisen als Zeichen für wahre Frömmigkeit, machen deutlich, das ihr unsicherer Status sich durch die Jahrhunderte zog und auch zurzeit von Jesus noch bestand. Als Einschränkung dieser Aussagen dürfen wir etwas aufatmend vom Evangelisten Lukas zur Kenntnis nehmen, dass die Witwe von einem recht großen Trauerzug auf dem letzten Gang begleitet wird. Es sind Anteilnahme und damit auch soziale Bindungen erkennbar.

Doch der Evangelist Lukas wendet den Fokus zu Jesus – hier nennt ihn Lukas als Autor bewusst HERR – auch über den Tod. Jesus spricht die Witwe an, die mit an der Spitze des Trauerzuges ist. Lukas nennt uns die herzliche innerliche Anteilnahme/Bewegung von Jesus an ihrer Trauer. Doch es muss sehr seltsam klingen, als Jesus zur Witwe die allen Grund zu vielen Tränen hat, die auch berechtigt von vielen anderen Weinenden begleitet wird, spricht: „Weine nicht!“ Solche Worte können nur dann tröstend sein, wenn der eigentliche Grund für die Tränen weggenommen wird – alle anderen Lebensweisheiten sind hier wenig tröstend. Doch die Trostworte von Jesus sind zutiefst aufrichtig – nicht aufgesetzt, gespielt oder gar geheuchelt. Jesus benötigt auch keine hilflosen Opfer um seine Selbstbestätigung als Helfer zu erhalten – noch ist die Not anderer ein Mittel sich selbst und anderen die eigene Unersetzbarkeit („kein anderer sieht die Not und hilft wie ICH!“) zu beweisen. Die Anteilnahme von Jesus ist tief (siehe Jes 53,4 und Mt 8,17), echt und dann auch effektiv.

Im weiteren Bericht des Lukas wird deutlich, dass niemand Jesus etwas bittet, da der Tod schon eingetreten ist – da gibt es absolut keine Hoffnung mehr! Jesus handelt aus eigener Initiative heraus. Doch der HERR über Leben und Tod hält allein die Schlüssel des Todes und des Hades in seinen Händen (Offb 1,18). Mit dem Bewusstsein dieser Autorität tritt Jesus an die Tragbahre heran und stoppt die Träger durch seine Berührung. Wieder sehen wir, wie Jesus sich nicht um die rituelle Verunreinigung kümmert, die damit einhergeht (4Mo 19,11-22; vgl. Tit 1,15). Jesus überwindet nicht nur die Verunreinigung durch den Tod, sondern den Tod selbst. Jesus spricht dann zu dem Toten: Jüngling (neani,ske neaniske) ich sage dir, steh auf!“  In noch zwei weiteren Berichten erfahren wir von den Evangelisten, dass Jesus zu den Toten sprach:

  • Tochter des Jairus (Lk 8,54)
  • Lazarus (Joh 11,43)

Die ausgesprochenen Worte von Jesus gelangen nach dem Bericht des Lukas in wiederbelebte Ohren. Die eigentliche Auferweckung geschah in dem äußerst kurzen Zeitraum zwischen dem Senden und dem Empfangen dieser Lebensbotschaft – dies ist geheimnisvoll und zu groß für unser Verständnis! Doch trotz aller Zweifel – damals wie heute – der Evangelist und Arzt Lukas mutet es uns zu: der junge Mann setzt sich auf und beginnt zu sprechen – er war wirklich und vollständig ins Leben zurück gekehrt. Es fällt uns auf, dass alle Auferweckungsberichte der Evangelien Jesus im Mittelpunkt sehen und in besonderer Hinsicht ein Zurückbringen in die Familie sind. Jesus und sein himmlischer Vater lieben die Familie und wollen sie stärken, schützen und wo möglich wiederherstellen. Während Elia (1Kön 17,20-22) und Elisa (2Kön 4,32-35) lange kämpfen mussten, bis das Leben den Tod verdrängte, spricht der HERR über den Tod ein Wort und die Tochter, der Sohn oder der Freund kehren ins Leben zurück.

Alle Anwesenden sind durch dieses Ereignis tief beeindruckt: „…Furcht ergriff sie und sie verherrlichten Gott und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns erweckt worden, und Gott hat sein Volk besucht.“[121] Die Menschen sehen ganz unerwartet Gottes Kraft aber auch sein liebendes Erbarmen. Gott kommt den Menschen ganz nahe – sein Sorgen, seine praktische Hilfe, seine Liebe zu Menschen wird ganz real. Gott hat sein Volk besucht – dies ist ein Zitat aus dem Alten Testament (Ruth 1,6 z.T. auch 1Sam 2,21). Jesus wird als bevollmächtigter Prophet Gottes gesehen – doch in aller Konsequenz setzt sich diese Einsicht nicht in der Breite des Volkes durch – denn Jesus beansprucht schließlich auch noch mehr. Er weiß von seinem Status als Messias und Gottes Sohn.

Die Nachricht von Jesus – seinen Worten und Taten verbreitet sich überregional, selbst bis nach Judäa und die anderen angrenzenden Regionen.

 

 

Fragen:

  1. Berichte von sogenannten Zufällen, die sich für dich doch als Wirken Gottes entpuppten.

 

 

  1. Berichte von deinen Eindrücken angesichts von einem hoffnungslosen Fall.

 

 

  1. Was empfindest du beim Gang zur „Letzten Ruhestätte“?

 

 

  1. Die Worte von Jesus sind Worte des Lebens! Hast du solche Worte schon gehört?

 

 

  1. Hat Gott deiner Familie Gutes getan? Hat er deinen Wohnort schon mal „besucht“?

10.     Die Frage des Täufers

(Mt 11,1-19;  Lk 7,18-35)

 

Dieser Bericht lässt sich in folgende Abschnitte aufteilen:

  • Jünger des Johannes übermitteln Jesus dessen Zweifel (1-3)
  • Die Antwort von Christus (4-6)
  • Das Lob von Jesus auf Johannes dem Täufer- (7-19)

Der Evangelist Lukas verbindet seinen Bericht mit der Verbreitung der Sensationsmeldungen von Jesus bis hin nach Judäa und Peräa. Dort erreichen sie auch Johannes den Täufer, der im Gefängnis von Herodes Antipas wahrscheinlich in Machärus eingekerkert ist (Mt 4,12; 14,3.4). Der Evangelist Matthäus dagegen verbindet diesen Bericht mit einer Lehreinheit von Jesus in Galiläa (Judäa vor?) nach einem Kurzzeiteinsatz seiner zwölf Jünger. Matthäus leitet seinen Bericht mit dem Hinweis auf die ausgedehnte regionale Lehr- und Predigttätigkeit von Jesus ein.

Der Unterschied zwischen Predigen und Lehren ist zwar u. U. nicht so groß, doch vor dem Hintergrund der benutzten griechischen Worte schon erheblich. Das griechische Wort khru,ssw k¢ryssœ bedeutet laut (wie ein Herold) verkünden, bekannt machen (Öffentlichkeitswirkung). Das griechische Wort dida,skw didaskœ  bezeichnet die detaillierte Information, die einer Ankündigung folgt (Inhaltsvermittlung).

Die Kerkerhaft des Johannes ist hart, aber dennoch darf er Kontakt zu seinen Jüngern halten. Von diesen erhält er aktuelle Nachrichten – auch von den Jesustaten. Doch die Erwartungen und Prophetien von Johannes in Bezug auf Jesus als den „gekommenen“ Messias decken sich nicht mit dessen aktuellen Aktionen. Johannes fragt sich, ob sie jetzt doch auf „einen ANDEREN warten sollen? Johannes hatte damals am Jordan verkündet, dass Jesus gekommen sei zu bestrafen und zu zerstören (Mt 3,7.10; Lk 3,7.9). Diese Worte waren eine göttlich inspirierte Botschaft – doch wie schon die alttestamentlichen Propheten vor ihm, konnte er nicht zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen des Messias unterscheiden. Diese schwierige Unterscheidung zwischen dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen muss auch heute noch der Leser der prophetischen Abschnitte der Bibel treffen. Johannes trifft hier eine gute Entscheidung, er schweigt nicht leidend, schwätzt nicht mit anderen Nichtinformierten darüber, sondern sendet eine Abordnung zur richtigen Person. So hofft Johannes zu Recht, dass sein Problem gelöst wird. Als Jesus von den Gesandten die Frage überbracht bekommt, antwortet er gleich, in dem er sie auffordert zu Johannes mit dem Dienstresümee aus seinem eigenen Mund zurückzukehren. Dies wird Johannes recht vertraut vorkommen, da es unter anderem ein kombiniertes Zitat aus Jes 35,5-6a und 61,1 ist. Im Jesajabuch lesen wir:

„Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jauchzen wird die Zunge des Stummen..“ (Jes 35,5-6a).

„Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir; denn der HERR hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden frohe Botschaft zu bringen“ (Jes 61,1a).

Jesus formuliert von diesen Texten ausgehend: „Blinde werden sehend, und Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt“ Mt 11,5.

 

Zwar wird Johannes von den Taten an sich gehört haben, aber diese heilsgeschichtliche Einordnung durch Jesus eröffnet ihm eine neue Sichtweise. Jesus sieht diese Messiasverheißungen in seinem Dienst erfüllt und damit als Messias-Beweis. Beide Verheißungen beziehen sich auf Heilungen und das Predigen der frohen Botschaft. Jesus erweitert diese Zusammenfassung noch mit dem noch recht aktuellen Fall der Totenauferweckung in Nain. Jesus schließt seine Antwort mit dem Hinweis: „…glückselig ist, wer sich nicht an mir ärgern wird“(Mt 11,6). Man kann fast ahnen, dass in diesen Worten auch ein sanfter Tadel an einen lieben Freund steckt – an einen, der durch den so ganz anderen „Christus“ ins Zweifeln geraten ist (entäusch und verärgert war). Doch der erste Teil dieses Schlusssatzes darf nicht übersehen werden: „Glückselig…!“ Jesus geht mit Johannes genauso liebevoll um, wie mit dem Blindgeborenen, der Ehebrecherin, Petrus, Thomas… letztlich mit jedem der sich an Jesus reibt. Doch bei Johannes war die Situation beengter – er war enttäuscht. Jesus geht auf diese Enttäuschung ein – so korrigiert Jesus in sanfter und offener Art die Messiaserwartung bei seinem Freund (siehe auch Lk 24,25).

Dieser zutiefst sensible und liebevolle Umgang mit dem zweifelnden Johannes wird deutlich, wenn wir das höchste Lob bedenken mit dem Jesus nach diesen Worten Johannes überschüttet. Jesus nimmt Johannes den Täufer vor Kritik in Schutz. Er erinnert seine Zuhörer an ihre begeisterte Wanderung hinab ins Jordantal, um dort Johannes predigen zu hören. Johannes war nicht das vom Zeitgeist hin- und herbewegte Schilfrohr – sondern die standhafte Eiche im Wetter. Jesus wählt dann das Stilmittel der Ironie, als er die weiche (teure) Kleidung des Johannes als Grund für den Andrang der Massen nennt. Johannes ist ja genau für das absolute Gegenteil bekannt: er ist der Mann im sehr kratzigen Kamelhaarmantel, der in offensichtlichen Spannungen mit den weich gekleideten „Bücklingen“ am Königshof steht.

Jesus weiß, dass Johannes als Prophet damals der Volksheld war. Doch in den Augen von Jesus ist er noch mehr. Er ist der Wegbereiter des Messias – sein Wegbereiter, wie er in Mal 3,1 angekündigt wurde. Jesus beschreibt Johannes als den Größten unter uns Menschen. Die Gründe für diese hohe Stellung können sein:

  • Er verkündigt das unmittelbare Kommen des Messias und offenbart seinen Zuhörern, wer dieser Messias ist (Joh 1,29).
  • Er betont die Umkehr (Buße) als notwendigen Schritt, um in das Reich des Messias eintreten zu können (Mt 3,2).
  • Er ist bereit angesichts des gekommenen Messias in den Hintergrund zu treten (Joh 3,30).

Doch im Licht von Mt 13,16.17 ist auch der Geringste, der ins Reich Gottes eingeht, noch größer als dieser Große Johannes. Die Zeitgenossen und Zuhörer sind nicht wie Johannes von Jesus durch Mauern getrennt. Sie können die Zeichen des angebrochenen Gottesreiches mit den eigenen Augen sehen. Auch werden alle Jünger nach Johannes, der im Gefängnis sitzt und dort sterben wird, Golgatha, Ostern und die Himmelfahrt erleben. Weiter beschreibt Jesus den Anteil von Johannes an der Erfüllung seiner eigenen Mission mit respektvollen Worten. Der Dienst von Johannes ist für ihn wesentlich und keineswegs vergeblich.

Der Begriff: dem Reich der Himmel wird Gewalt angetan lässt sich auch so übersetzen: das Reich Gottes (= der Himmel) drängt kräftig vorwärts. Unter Gewalttuenden die es an sich reißen verstehen wir: Männer drängen entschlossen vorwärts, um das Reich anzunehmen. Diese jeweiligen Übersetzungsvarianten unterscheiden sich erheblich. Betrachtet man die sehr frühen Übersetzungen, sieht man, dass auch damals schon diese beiden Sätze kaum verstanden wurden.

Wir wollen unsere Übersetzung begründen: Wir merken beim Lesen, dass eine negative Bedeutung nicht durch den Kontext gestützt wird. Beide Aussagen hängen an dem nur hier und im Paralleltext (Lk 16,16) im Neuen Testamen vorkommenden Verb bia,zw biazœ.  Dieses Verb hat im Passiv und im Medium (griechische Mittelform zwischen Aktiv und Passiv) eine identische Schreibweise. Liest man es im Passiv hat es eine negative Bedeutung (jemandem wird Gewalt angetan), liest man es dagegen im Medium kommt man zu der positiveren Richtung der „Gewalt.“[122] (kraftvoll vordringen). Mit anderen Worten – das Reich breitet sich kraftvoll aus, aber keiner kommt schlafend ins Reich Gottes, sondern es fordert entschlossenes Handeln (Lk 13,24; 16,16; Joh 16,33; Apg 14,22).

Jesus macht weiter deutlich, dass mit Johannes der Paradigmenwechsel begonnen hat. Das Gesetz und die Propheten (= das Alte Testament) kommen zu einem Ende. In Johannes als den Wegbereiter erfüllen sich die Verheißungen für die Wende. Er hält beides zusammen: das Alte und das Neue. Er ist der Volksheld für eine ganze Generation, doch welche Konsequenzen ziehen seine Zuhörer und Zeitgenossen aus seiner Predigt? Jesus weist auf das kindische Verhalten einer spielenden Gruppe von Kindern auf einem leeren Marktplatz. Einige wollen erst Hochzeit und dann eben Beerdigung spielen – doch die Spielkameraden spielen jeweils nicht mit. Da werden natürlich, die Kinder mit den Ideen ärgerlich und beschimpfen die lustlosen Mitspieler. Jesus wirft seinen Zeitgenossen dieses kindische Verhalten vor: den einen ist Johannes ein seltsamer Außenseiter, der noch nicht einmal richtig mit den Menschen feiern kann. Den anderen ist aber ist Jesus der Weinsäufer und Fresser, der Freund der Mafia und anderer Gesetzesloser –  einer der nicht richtig „fromm“ ist und zuviel mit den falschen Menschen herumhängt.

Weisheit ist gerechtfertigt worden aus ihren Werken.“ Die Weisheit von Johannes, der am Bußruf angesichts des anbrechenden Gottesreiches festhält und die Weisheit von Jesus, der die Hoffnung auf das Heil – auch für die Randexistenzen – hoch hält, wird in den Herzen und Leben derer offenbar, die aus tiefem Herzen mit Glauben antworten. „Kinder der Weisheit“(Lk 6,35) sind alle Menschen, die die Botschaft von Johannes und Jesus zu Herzen nehmen. So ist es Gottes Weisheit, dass aus dem Spottnamen: Freund der Zöllner und Sünder die hoffnungsvollste Ehrenbezeichnung für Jesus wurde.

 

Fragen:

  1. Kennst du Zeiten der Enttäuschung? Hast du Mut Gründe für deine Zweifel zu nennen?

 

 

  1. Welche Beweise siehst du heute in deiner Gemeinde für die Realität des angebrochenen Reiches Gottes?

 

 

  1. Was können wir von Jesus im Hinblick auf den enttäuschten Johannes lernen?

 

 

  1. Was bedeutet menschliche „Größe“ in den Augen von Jesus?

 

 

  1. Wie gehen wir mit Menschen um, die meinen „schlafend“ in den Himmel zu kommen?

 

 

  1. Welches kindische Verhalten begegnet uns auch heute noch bei Erwachsenen?

 

 

11.     Jesus im Haus des Simon

(Lk7,36-50)

 

Diesen Bericht überliefert nur der Evangelist Lukas, deshalb ist er zeitlich schwierig einzuordnen. In beiden Werken des Evangelisten Lukas spielt das ´Haus´ eine wesentliche heilsgeschichtliche Rolle – so auch hier. Jesus ist wie so oft zu einem Bankett eingeladen. Gastgeber ist ein nicht näher bezeichneter Simon, einer der am häufigsten im Neuen Testament vorkommenden Namen. Dieser hält sich zur Gruppe der Pharisäer. Die Gründe für diese Einladung werden uns nicht genannt – war es kritische Neugierde? Zurzeit von Jesus legt man sich an einen niedrigen Tisch, bzw. auf den gepolsterten Boden. Es wird zwar im Bericht nicht ausdrücklich betont, aber wir können doch damit rechnen, dass außer Jesus und seinen Jüngern noch viele andere geladen waren. Simon muß ein wohlhabender Pharisäer gewesen sein und entsprechend war dann auch sein Haus groß genug, um viele zum Mahl einzuladen. Bei dieser festlichen Versammlung spielt sich folgende ungewöhnliche Szene ab. Eine Frau, die Simon später als „eine Sünderin“ [123] bezeichnet, betritt den Festraum. Die Bezeichnung Sünderin regte die Phantasie besonders männlicher Leser seit vielen Generationen an. Manche betrachten sie als Prostituierte. Doch wir müssen fair bleiben. Im Text wird diese Frau nicht als solche bezeichnet. Auch muss man die sehr zu Lasten der Frau gehenden Regeln im Umgang der Geschlechter kennen. Junge Frauen wurden nicht selten gegen ihren Willen zu Objekten von sexuellen Handlungen, bei denen sich oft nur der Mann ehrenhaft herauswinden konnte. Frauen dagegen konnte dann lebenslang ein schlechter Ruf angehängt werden, auch wenn sie u. U. nur die Opfer waren. Diese Frau hört von Jesus und eilt zum Haus des Pharisäers. Sie bringt allen Mut auf, um gerade bei diesem Festessen ganz nahe zu Jesus zu gelangen. Wieder weist uns der Autor Lukas mit dem Wort „Siehe!“ auf eine ungewöhnliche Szene – die Frau betritt vor aller Augen das Haus des strikten Pharisäers. Hat sie die rettende Botschaft von Jesus an einem anderen Ort selbst gehört? Wir haben den Eindruck, dass sie die Botschaft der göttlichen Vergebung durch die Jesusworte erlangte und jetzt ein „Liebesopfer“ aus Dank bringen möchte. Dazu hat sie sich einen Plan zurechtgelegt, denn sie bringt ein teures Alabaster-Parfümgefäß mit sich. Dieses gipsartige Gefäß hat einen langen Hals, der zum Öffnen abgebrochen wird.

Trotz aller inneren und äußeren Barrieren findet diese Frau einen Weg zu Jesus, der mit anderen zu Tisch liegt, den Kopf mit der linken Hand abgestützt und die Füße jeweils nach außen gestreckt. So kann die Frau hinter ihn treten und die Füße salben. Ihr sehr teures Parfüm ist Narde aus Indien[124]. Ihr früheres Leben, gerade mit der uns nicht bekannten Not, tut ihr von Herzen leid. Demjenigen, der ihr die Vergebung und Wiedereingliederung in die Gemeinschaft angeboten hat, dem will sie damit die Füße salben. Nichts ist ihr dafür zu kostbar. Ihr Herz scheint von einer Mischung aus Ehrfurcht und überfließender Liebe zu Jesus erfüllt zu sein. Sie kann bei Jesus angekommen nicht mehr anders und bricht in Tränen aus, die auf die Füße von Jesus tropfen. Entgegen aller damaligen Konventionen löst die Frau ihre Haare, versucht damit die Füße zu trocknen, zu küssen und zu salben.

Der Pharisäer Simon fühlt sich als Gastgeber durch dieses ungehörige Verhalten tief beleidigt. Das Verhalten der Frau und die Duldung durch Jesus bringen ihn in ein schlechtes Licht. Er gerät durch diese Szene in noch größere Zweifel, ob dieser Jesus wirklich ein Prophet sei. Als Prophet hätte er die Frau als Sünderin erkennen und von sich stoßen müssen. Interessant ist hier die Frage – woher kannte denn Simon diese Frau und ihr Vergehen so genau. War hier ein kaltherziger Richterspruch gefällt worden, an dem er beteiligt war? Oder sollte er sogar in ehrenrühriger Beziehung zu ihr gestanden haben? Der selbstgerechte Simon kann die gute Nachricht für Sünder – ihre Rettung durch Gnade nicht akzeptieren (Lk 5,31.32; 15,1.2; 18,14).

Doch in den Versen Lk 7,40-48 beweist Jesus,

  • dass er die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Frau kennt;
  • dass er die verborgenen Gedanken von Simon kennt;
  • dass er wirklich ein Prophet ist, der die Regungen des Herzens und des Verstandes unterscheiden kann und
  • dass er selbst der von gottgesandte Retter ist, der die Autorität zur Sündenvergebung hat.

Jesus verdeutlicht diese Selbstoffenbarung durch die Erzählung eines kurzen Gleichnisses aus der Finanzwelt. Ein Schuldner hat eine Schuld von 500 Arbeitstagen bei einem Geldverleiher, der andere von 50 Arbeitstagen. Da beide nicht zurückzahlen können, wirft er sie nicht etwa ins Gefängnis, bis ihn die Verwandten herauslösen, sondern erlässt beiden die Schuld. Vermutlich schaut Jesus Simon in die Augen und fragt dann, wer den Geldverleiher jetzt mehr liebt. Simon kann nicht anders, als zuzugeben, dass es wohl derjenige sein wird, dem die größere Schuld erlassen wurde.

Geduldig erklärt Jesus, dass Simon mit seiner Antwort richtig liege. Doch dann weist Jesus auf die Frau und fragt ihn, ob er sie sehe und ob er ihre Aktion verstünde. Dann beschreibt Jesus, wie er in Simons Haus kam (er lässt weg: auf deine Einladung hin!) und wie alle Regeln des orientalischen Gästeempfangens ignoriert wurden (kein Fußbad, kein Willkommenskuss, keine Salbung). Doch gerade „diese“ Frau habe das verpasste alles wett gemacht. Es war sogar vielmehr als notwendig, statt Olivenöl Nardenöl, statt Wasser Tränen, statt einem Fußtuch die eigenen Haare. Sie liebt viel, weil ihr viel vergeben wurde. Jesus endet in einer indirekten Frage, die das Verhältnis von Simon zur unbekannten Frau auf den Kopf stellt: „Ist der Person, die wenig liebt, wenig vergeben worden?“ Liebe ist also Reaktion auf Vergebung, aber nicht Voraussetzung.

Jesus entlässt die Frau mit der öffentlichen Zusicherung der Sündenvergebung. Dies war die Zusicherung dessen, was sie ja zu Jesus getrieben hatte. Simon und seine Kollegen verharren in ihrer Kritik an den, der sich so unmöglich benimmt und dann noch Sünden vergibt.

DOCH JESUS INGNORIERT SIE!

Nur Menschen die von der Vergebung leben – gehen/leben im Frieden!

 

Fragen:

  1. Welches Stigma wird heute noch Mitmenschen verpasst – von dem sie sich kaum lösen können?

 

 

  1. Welche Liebes-Taten des Dankes für die erlangte Vergebung sind heute vorstellbar?

 

 

  1. In welchen Bereichen sind die bürgerlichen „Benimm-Dich-Regeln“ für das Evangelium ein Hindernis?

 

 

  1. Wie äußert sich heute bei mir der Beginn der Selbstgerechtigkeit?

 

 

  1. Wie kann ich in einem Leben der Vergebung bleiben?

Kapitel 6: Die vierte Dienstperiode – in Judäa

1. Jesus am Teich Bethesda

(Joh 5,1-18)

 

Nach Johannes 5 zieht Jesus erneut hinauf nach Jerusalem zu einem nicht näher beschriebenen Fest.[125] Wenn wir uns an der Wortwahl des Evangelisten Johannes orientieren, müssen wir uns zwischen dem Passah und dem Laubhüttenfest entscheiden. Von dieser Entscheidung hängt ab, ob Jesus 2 ¾ oder 3 ¾ Jahre gewirkt hat. Das Passahfest scheint uns aus zwei Gründen das wahrscheinliche Fest zu sein:

das Passahfest ist das wichtigste religiöse Ereignis des Jahres in Israel

der regelmäßige und gewohnheitsmäßige Besuch von Jesus zum Passahfest wird in Lk 2,41 ausdrücklich betont.

 

Mögliche Festfolge mit möglichen Jahresangaben nach dem Johannesevangelium[126]

 

März April Mai Oktober Dezember
Während des Jahres 30 n. Chr.
Purim Passah/Pessach

Joh 2,13.23Pfingsten

SchavoutLaubhüttenfest

SukkotTempelweihe

ChanukkaWährend des Jahres 31 n. Chr.PurimPassah/Pessach

Joh 5,1?

(„ein Fest“)Pfingsten

SchavoutLaubhüttenfest

SukkotTempelweihe

ChanukkaWährend des Jahres 32 v. Chr.PurimPassah/Pessach

Joh 6,4Pfingsten

SchavoutLaubhüttenfest

Sukkot

Joh 7,2.37Tempelweihe

Chanukka

Joh 10,22,23Während des Jahres 33 n.PurimPassah/Pessach

Joh 12,1; 13,1: 19,14 (Freitag)Pfingsten

Schavout

Apg 2,1

 

Jesus geht hinauf zur Stadt Jerusalem und zum Fest – die Jünger werden seltsamerweise allerdings im ganzen Kapitel nicht erwähnt. Nicht weit vom Schaftor (heute St. Stephanstor?) kommt er zu einem Teich. Volkstümlich hat dieser den Namen Bethesda (Haus der Barmherzigkeit) allerdings wird er in den besten Textzeugen Bethzatha (aramäisch: Haus des Olivenbaums?) genannt. Die genaue Lage wird seit 1888 in der Nähe der Kirche St. Anna(e) angegeben. Dort fand man die Überreste eines Freskos mit einem Engel, der die Wasser bewegt. Zurzeit von Jesus gibt es dort wohl 5 überdachte Säulenhallen für kranke oder behinderte Menschen mit vielerlei Leiden. Wir lesen, dass die Heilung mit der Bewegung des Wassers in Zusammenhang gebracht wurde. Die Erklärung von V. 4, dass ein Engel mit der Bewegung des Wassers den jeweils ersten im Wasser heilte, finden wir nicht in den besten Textzeugen.[127] An diesem Tag findet diese Erklärung auch keine Unterstützung – denn nicht ein Wasser oder Engel oder beides, sondern Jesus heilt.

Ein bestimmter Mann von den vielen Kranken erregt die Aufmerksamkeit von Jesus. Dieser Mensch ist seit 38 Jahren krank – er wird als „verdorrt“ bezeichnet. Jesus sieht den Mann mit innerer Anteilnahme an. Seine lange Krankheitsgeschichte berührt ihn. Woher kennt er diese:

  • jemand erzählt es ihm ganz natürlich
  • der himmlische Vater offenbart es ihm
  • Jesus als der Gottessohn kann selbst in das Verborgene schauen

Alle drei Möglichkeiten sind in Erwägung zu ziehen. Jesus spricht den Kranken an und fragt ihn, ob er gesund werden wolle – so als könne es auch sein, dass sich dieser Kranke mit seinem Schicksal abgefunden hätte und eventuell gar keine Änderung mehr wolle. Der Kranke muss seine hoffnungslose Lage und seine Unfähigkeit sich selbst zu helfen artikulieren. Die Lage an diesem Teich ist wohl von Konkurrenz und vom Verdrängungswettbewerb und so gar nicht von Solidarität gekennzeichnet. Der Kranke gehört wohl zu denen, die schon lange nicht mehr auf der Überholspur leben. Doch die Frage von Jesus weckt Hoffnung – allerdings hört der Kranke nicht das Angebot, ihn bei der nächsten günstigen Gelegenheit ins Wasser zu tragen, sondern die unvergesslichen Worte: Steh auf, nimm dein Bett (Matratze) auf und geh umher! Der Mann gehorcht und ist sofort ganz geheilt.

Doch statt größte Freude der Mitmenschen kommt die kalte Dusche sehr bald: Der Tag seiner Heilung ist ein Sabbattag. Das Sabbatgebot sehr strikt zu halten ist das Bemühen der Frommen Israels, um so das Heil zu erlangen. Doch dieses Bemühen verdeckt die Sicht auf den Heiland/Retter, der vor ihnen steht. Nach der damals üblichen Auslegung von 2Mo 20,10 und Jer 17,19-27 (auch Neh 13,15) ist das Tragen der dünnen Matratze eine verbotene Handlung. Allerdings beziehen sich diese Texte mehr auf das Lastentragen mit dem Ziel Gewinn zu erwerben. Der Geheilte antwortet fast naiv auf die Frage, wer ihm das Wegtragen seiner Matratze geboten habe, dass dies ihm vom Heiler geboten worden sei, den er aber nicht näher kenne. Interessant ist hier, dass die kritischen Fragesteller in keiner Weise Freude über die Heilung mit ihm teilen, sondern nur den angeblichen Gesetzesbruch erforschen wollen. Später trifft Jesus den Geheilten – wahrscheinlich im Vorhof der Heiden – und spricht ihn auf seinen geistlichen Zustand an. Dies geschieht nach der dramatischen Heilung. Jesus spricht hier nicht eine punktuelle spezifische Sünde an – er deutet auch nicht auf eine Sünde die vor 38 Jahren begangen wurde hin. Der Evangelist Johannes wählt die griechische Verbform, die auf die Gegenwart weist: „fahre nicht fort zu sündigen.“ Es ist sein jetziger Zustand den Jesus anspricht – er muss mit Gott versöhnt werden. Doch der Zusatz in V. 14: „Damit dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre“ macht deutlich, dass ein sündiger Lebensstil verschiedene negative Folgen nach sich zieht. In Johannes 9,3 drückt sich Jesus differenzierter aus und macht klar, dass nicht jede Krankheit oder Behinderung eine Folge der Sünde sei.

Der Geheilte berichtet den religiösen Autoritäten nach dieser Jesusbegegnung, dass Jesus ihn geheilt habe (er redet hier nicht davon, wer ihm befohlen habe seine Matzratze wegzutragen). Deren bestehendes spannungsvolles Verhältnis zu Jesus eskaliert weiter. Jesus erkennt ihre Gedanken und entgegnet ihnen mit dem Hinweis auf das Wirken des Vaters und auf sein eigenes Wirken, das er in einen sehr engen Zusammenhang stellt. Jesus sagt mit anderen Worten, dass Gott selbst bis zu diesem Tag wirkt bzw. heilt – auch am Sabbat. Damit unterstellt Jesus seinen Gegnern, dass sie Gott selbst wegen der Sabbatschändung anklagen. Dazu noch Gott als „mein Vater“ zu bezeichnen, hört sich in Ohren von sehr strikten Monotheisten gotteslästerlich an (siehe Joh 1,14). Das Vaterverhältnis Gottes zu Israel wird zwar in Jes 63,16 ausgedrückt, doch ein persönliches Vaterverhältnis zum Schöpfergott wird von den Gegnern vehement abgelehnt. In diesem Fall verstehen wir Leser heute diese Aussagen ja auch als Hinweise auf das Geheimnis der Dreieinigkeit[128]. Der Evangelist Johannes stellt diese Worte heraus, denn dies ist sein Anliegen bei der Niederschrift seines Evangeliums.

 

Das Thema des ganzen Johannesevangeliums finden wir in Joh 20,30-31:

 

Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor den Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind. Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen (Joh 20,30-31).

 

Jesus gerät mit diesen sehr starken Entgegnungen und dem Anspruch göttlichen Ursprungs zu sein, noch stärker ins Fadenkreuz seiner Gegner, die jetzt sogar die Todesstrafe wegen Gotteslästerung anstreben. So scheiden sich an Jesus die „Geister“ – entweder man erkennt nach dieser Heilung seine Göttlichkeit oder man wendet sich ab und beschließt dessen Ende.

 

Fragen:

 

  1. Wie gehen wir mit der Situation am Teich um? Wie beschreiben wir die Heilungshoffnungen? Welche Ursache für Heilungen kann es geben?

 

 

  1. Wie gehen wir mit dem Vorwurf um, dass keiner zur Stelle war, als Hilfe benötigt wurde?

 

 

  1. Gibt es Konkurrenz und Verdrängungswettbewerb in der Gemeinde?

 

 

  1. In welcher Beziehung stehen Sünde und Krankheit?

 

 

  1. Beschreibe die Spannung von Tradition und plötzlichem Jesuserleben. Wie wollen wir im Gemeindeleben damit umgehen?

 

 

  1. Jesus dringt in unser Leben mit seinem göttlichen Anspruch ein – wie werden wir damit umgehen?

 

2.       Die einzigartige Beziehung des Vaters zum Sohn

(Joh 5,19-47)

 

Hebräische und griechische Begriffe im Text:

´Αμην´,- amen – so ist es, wahrlich, wahrhaftig. Der Begriff  bestätigt das was nun gesagt wird, oder das bereits gesagte. Es ist kein Schwur, den ein Schwur ist immer dort, wo das Gesagte mit einem Höheren verbunden wird (Hebr 6,16).

Jesus selbst hat nie geschworen, er hatte es nicht nötig. Als der Hohepriester Kaiphas ihn bei Gott beschwor zu sagen, ob er der Christus, der Sohn des Hochgelobten wäre, sagte Jesus nur: „Du sagst es“ (Mt 26,63-64).

´Φιλια´,- filia – Liebe Freundschaft. In diesem Liebesbegriff ist auch der freundschaftliche Aspekt enthalten.

´Νεκρος´,- nekros – Toter. In folgendem Text sind ´geistlich tote´ Menschen gemeint.

´Ζωη´,- soe – Leben.

´Κρισις´,-krisis – Gericht, Gerichtsprozess.

´Λογος´,- logos – Wort. Der Begriff  ´logos´ unterscheidet sich ein wenig vom Begriff ´rema´, der soviel wie ´Ausspruch´ bedeutet.

´Φωνη´,- fone – Stimme.

´Αναστασις´,- anastasis – Auferstehung.

´Εγω´,- ego – ich.

´Μαρτυρια´,- martyria – Zeugnis.

´Ανθρωπος´,- anthropos – Mensch.

´Κατηγορια´- kategoria – Anklage.

Γραφη (αι) –grafe (ai) –  Schrift (en) (Heilige).

 

a. Die bewusste Abhängigkeit des Sohnes vom Vater

Der Evangelist Johannes berichtet uns im Anschluss an die Heilung am Teich Bethesda, dass Jesus anstatt mit seinen religiösen Gegnern einen moderaten Mittelweg zu finden oder gar seine Ansprüche herunterzufahren oder zu verdecken, bewusst die Wahl trifft, mit sehr kräftigen und deutlichen Worten seine Stellung beim Vater und seine Sendung vom Vater deutlicher auszusprechen. In dieser bedrohlichen und sehr angespannten Situation beschreibt Jesus das ´Vater-Sohn´ Verhältnis. So emotional bewegend Jesus von der liebevollen Abhängigkeit vom Vater spricht: „Der Vater liebt den Sohn und zeigt ihm alles, was er tut“, drücktt er damit zum wiederholten mal unmissverständlich seine göttliche Herkunft aus. So haben es auf jeden Fall seine Gener verstanden, wie schon aus Vers 18 hervorgeht.

Der Vater zeigt dem Sohn alles, was er tut, er verbirgt nichts, er hält nichts zurück von dem, was er weiss und was erkann. Er bezieht seinen Sohn voll und ganz in seine Tätigkeit/Wirksamkeit ein. Dies unterstreicht das vollkommene Vertrauen gegenüber dem Sohn. Es ist eine wahrhaft vollkommene und göttliche Beziehung. Und nach dieser Vorbild-Beziehung sollte sich jede Beziehung zwischen Eltern und Kindern ausrichten.

b. Die erste Auferstehung,- die Auferstehung des Geistes/Seele

Die majestätische Einleitungsformel avmh.n avmh.n le,gw u`mi/n amen, amen legœ hymin Wahrlich, wahrlich, ich sage euch macht deutlich, dass jetzt wesentliche wohl durchdachte und formulierte Worte folgen. Johannes lässt seine Leser ein wenig in die himmlische Hausordnung hineinschauen. Er stellt die liebevolle Abhängigkeit des Sohnes zum Vater in all seinen Aktionen heraus. Der Blick des Lesers wird dann vom Wunder am Teich Bethesda über das Auferstehungswunder zum letzten Gerichtstag geweitet. Dort wird die ewige Zukunft aller Menschen sich an Jesus ausrichten, Doch die Trennung erfolgt schon hier zu Lebzeiten:

  • Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben“ (Joh 5,24-25).

So wie alle Menschen in Adam sterben, so werden sie in Christus wieder lebendig gemacht – geistlich und leiblich (1Kor 15,22). Voraussetzung ist das hören auf Jesus und glauben an Gott. Hören meint hier mehr als nur akustisch die Stimme und Aussagen von Jesus zu hören, es meint hinhören, hinhorchen und auch gehorchen. Das heißt auch, dass schon zu lebzeiten Jesu Menschen durch den Glauben an ihn wiedergeboren werden konnten (vgl. auch Joh 3,3-7). Mit Jesus ist diese neue Zeit, das Königreich Gottes angebrochen.  Vater und Sohn werden auch im Gericht absolut eins sein – keiner kann sie gegeneinander ausspielen. Ehre gebührt darum nur beiden oder keinem – jetzt und am letzten Tag. Jesus erhebt damit im Detail einen göttlichen Anspruch: mit Jesus haben wir das Leben, ohne ihn gar nichts! Diese exklusive Stellung von Jesus und der damit verbundene Anspruch, dass es nur durch Jesus Heil/Rettung gibt, ist zu allen Zeiten ein Stolperstein, den wir im Johannesevangelium und dann auch in der Offenbarung finden:

Johannesevangelium Offenbarung
Erste Auferstehung zum Leben Erste Auferstehung zum Leben
Joh 5,24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben … er ist aus dem Tod in das Leben übergegangen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dass die Stunde kommt und jetzt da ist, wo die Toten die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie gehört haben, werden leben.

 

5,24… und kommt nicht ins GerichtOff 20,4f … ich sah die Seelen derer, die um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen enthauptet worden waren, und die, welche das Tier und sein Bild nicht angebetet und das Malzeichen nicht an ihre Stirn und an ihre Hand angenommen hatten, und sie wurden lebendig und herrschten mit dem Christus tausend Jahre…

Dies ist die erste Auferstehung.

 

Glückselig und heilig, wer teilhat an der ersten Auferstehung! Über diese hat der zweite Tod keine Macht…Zweite Auferstehung zum TodZweite Auferstehung zum TodJoh 5,28f Wundert euch darüber nicht, denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören und hervorkommen werden: die das Gute getan haben zur Auferstehung des Lebens, die aber das Böse verübt haben zur Auferstehung des Gerichts.

Offb 20,11f Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß… Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken… Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuersee geworfen.

 

 

Diese Hinweise zum letzten Gerichtstag lassen sich zusammenfassen:

  • Neben der Offenbarung enthält auch das Johannesevangelium klare Hinweise auf das Endgericht
  • Die erste Auferstehung hat nichts mit dem Körper zu tun, sie bezieht sich auf die Seele/Geist des Menschen. Derjenige, der die Worte von Jesus Christus aufnimmt, der hat ewiges Leben (Joh 1,14 und 3,16) – dies ist seine erste Auferstehung von den Toten (vgl. auch Eph 2,1;  Kol 2,13).
  • Menschen, die Jesus Christus in der „ersten Auferstehung“ erlebten, brauchen die zweite Auferstehung nicht zu fürchten – für sie gibt es kein Verdammungsurteil.
  • Die zweite Auferstehung ist körperlicher Art und universal (Joh 5,28-30).
  • Weder im Johannesevangelium noch in der Offenbarung erfahren wir, dass zwischen der Auferstehung der Gläubigen und der Ungläubigen 1000 Jahre liegen.
  • Die körperliche Auferstehung aller ist zwar ein Ereignis, aber sie hat zwei ganz unterschiedliche Qualitäten: zum LEBEN oder zum TOD!

 

Jesus ist unser Schicksal – im Leben und Sterben. Er hat wie der Vater in sich selbst das LEBEN und ist der Vermittler von Leben für uns – aber auch unser Richter. Kein Mensch hat je diese Funktion oder Autorität – nur Jesus der Mensch und Gott (V. 22. 27).

 

c. Jesus unterstellt sich dem 2/3 Zeugen Prinzip

Nach der majestätischen Einleitung fragt sich natürlich jeder, wer kann so sprechen? Hier zitiert Jesus die gängige Meinung, dass keiner über sich selbst ein objektives Zeugnis geben kann (5Mose 19,15). In V. 32 wird zunächst verschlüsselt festgestellt, dass ein anderer über Jesus ein Zeugnis gibt – gemeint ist wahrscheinlich Johannes der Täufer (1. Zeuge), wie gleich in V. 32 erläutert wird (nach anderer Auffassung ist mit dem „ein anderer“ der Vater gemeint V. 37). Natürlich benötigt Jesus nicht ein Zeugnis eines Menschen (V.34), aber er ordnet sich sozusagen auch diesem Zeugnis unter, eben zu Gunsten der Menschen, nicht weil er es für sich nötig hätte (siehe auch 1,19-28; 3,22ff). Jesus sagt, dass das Zeugnis des Johannes wahr ist – und da es auf ihn weist auch rettend. Jesus bezeichnet sich selbst als Licht und Johannes als Lampe. Vom begrenzten Licht des Johannes waren früher (hier steht bewusst die Vergangenheit, da Johannes der Täufer zu diesem Zeitpunkt im Gefängnis war) viele begeistert angezogen worden – doch waren die gleichen Menschen nicht bereit zum eigentlichen Licht zu kommen.

Die Bestätigung von Jesus durch den Vater geschah u.a. durch Zeichen und Wunderwerke (2. Zeuge). Diese Bestätigung überbietet das Zeugnis von Johannes bei weitem (Joh 5,33-36). Nikodemus bestätigt dies durch seine Äußerung: „Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen, denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ (Joh 3,2). Doch auch der Vater selbst bestätigte Jesus (3. Zeuge):

  • Bei der Taufe durch die himmlische Stimme (Mk 1,11)
  • Als Jesus mit den drei Jüpngern auf dem Heiligen Berg war (Mt 17,5;  Mk 9,7;  Lk 9,35;  2Petr 1,16-18)

Jesus wird dann sehr deutlich und wirft seinen Zeitgenossen vor, dass sie Gott in ihm weder hören noch sehen. Die Gläubigen des Alten Testamentes haben zwar ewiges Leben – auch weisen die alttestamentlichen Berichte auf dieses ewige Leben hin. Doch die Schriftforscher zur Zeit von Jesus verpassen dieses ewige Leben, weil sie Jesus Christus nicht im Alten Testament erkennen können (siehe Joh 5,45-47). Aus unserer heutigen Sicht müssen wir natürlich zugeben, dass dies in der vorösterlichen Situation sehr schwierig war. Christus gab doch auch noch nach seiner Auferstehung den Emmausjüngern Nachhilfe in diesem „Fach“. Dieser Mensch aus Nazareth kann in den Augen seiner Zeitgenossen nie und nimmer der Sohn Gottes sein, der das ewige Leben gibt. Andere wie dann Theudas, Judas von Galiläa (siehe Apg 5,36) und Barkochba (132-135 n. Chr.) kommen in ihrem eigenen Namen und beanspruchen der „Messias“ zu sein, von ihnen sagt Jesus vorher, das die Menschen ihnen gerne glauben werden, auch wenn sie dies nur nach ihrem eigenen Zeugnis tun. Jesus sieht als den eigentlichen Hinderungsgrund ihn als Gottessohn und Messias nicht anzuerkennen: mangelnde Liebe Gottes in deren Herzen. Sonst hätten sie die Stimme Gottes in Bezug auf Jesus ernst genommen. Auch ein Mose (4. Zeuge) weise schließlich auf Jesus hin, also die Lichtgestalt des Alten Testamentes, als dessen Nachfolger sich so viele Zeitgenossen von Jesus so gerne sehen. Wir denken dabei an folgende Stellen aus den fünf Mosebüchern: 1Mose 3,15; 9,26; 22,18; 49,10;  4Mose 24,17; 5Mose 18,15-18). Jesus wirft mit anderen Worten seinen Gegnern vor: Ihr seid Mose Fans, aber ihr glaubt ja noch nicht einmal seinen Schriften – wie viel weniger werdet ihr meinen Worten glauben! Hier wird der Kontrast im Grundtext durch diesen Chiasmus stark herausgearbeitet und auf den Punkt gebracht:

seinen Schriften          glauben

 

 

nicht glauben              meinen Worten?

Wir sehen wie die 4 Begriffe wie mit einem „x“ verbunden sind. Im Griechischen ist das „X“ der griechische Buchstabe Chi.

 

Fragen:

 

  1. Wie verstehen und vermitteln wir heute die Botschaft vom ewigen Tod und der Rettung?

 

 

  1. Warum hat die Ewigkeit für Gläubige nichts Bedrohliches?

 

 

  1. Warum führt Jesus als Zeugen für seine Messianität auch Johannes den Täufer an? Hatte er es nötig?

 

  1. Wie nehmen wir das Zeugnis vom Vater über seinen Sohn heute auf?

 

 

  1. Welche Irrlehren glaubt man heute so gerne?

 

 

  1. Warum sind nur äußerlich fromme Worte sowenig überzeugend?

 

 

  1. Welche Stellung hat das AT heute für uns?

 

Kapitel 7: Die fünfte Dienstperiode – in Galiläa

 

7.1. Jesus besucht Nazaret

(Mt 13,53-58;  Mk 6,1-6a;  Lk 4,16-30)

 

a. Die Zeit, die Umstände und Details des Besuches

  • „Und er ging von dort weg und kommt in seine Vaterstadt..“

Alle drei Evangelisten berichten uns dieses Ereignis. Lukas berichtet ausführlich über diesen Besuch am Anfang seines Evangeliums. Die Berichte des Matthäus und Markus sind sehr kurz und ergänzen sich. Lukas dagegen berichtet uns auch vom Inhalt der Predigt und der Reaktion der Bewohner Nazarets. Markus ergänzt noch, dass die Jünger von Jesus mit dabei waren. Wir folgen hier jedoch der Chronologie des Markus, bei dem sich der Bericht über die Aussendung der Zwölf an den Besuch in Nazaret anschließt. Zeitlich könnte dies im Jahr 32 n. Chr. also etwas 2 ½ Jahre nach Beginn seines öffentlichen Auftretens gewesen sein. Der Evangelist Matthäus jedoch bettet das Geschehen in Nazaret in den Kontext der Gleichnisse über das anbrechende Königreich Gottes ein. Die bitteren Konsequenzen das anbrechende Königreich Gottes zu verpassen – weisen so auf eine Realität hin, die wir auch heute bedenken sollten.

Nach dem Abschluss der Predigten über das anbrechende Königreich verlässt Jesus die Region des Sees Genesaret und wandert nach Nazaret.[129]

Zu Beginn wollen wir einige allgemeine, aber doch interessante Details beachten:

  • Die synoptischen Evangelisten berichten nur von einem Besuch in Nazaret während der Dienstzeit von Jesus.
  • Als Geburtsort wird für Jesus, obwohl in Bethlehem geboren, offiziell Nazareth genannt (πατρίδι patridi Vaterstadt Lk 4,23.24).
  • Lukas betont, dass Jesus dort erzogen worden war (Lk 4,16).
  • Hier erlernte er von Josef seinen Beruf als Bauhandwerker (te,ktwn tektōn Mk 6,3; Mt 13,55; LÜ: Zimmermann).
  • Jesus hielt sich in Nazaret einige Tage auf und wohnte mit aller Wahrscheinlichkeit  bei seinen dort wohnenden Verwandten: seiner Mutter Maria, seinen leiblichen Brüdern Jakobus, Josef (Joses), Simon und Judas und mehreren ungenannten leiblichen Schwestern[130] (Mk 6,3).

Wir können uns vorstellen, dass eine erwartungsvoll-festliche Stimmung im Ort herrscht, besonders bei seiner Mutter Maria. Endlich ist er, den sie schon mal in Kapernaum suchten und zurechtweisen wollten (Mk 3,21) nach Hause gekommen. Doch eine innere Beziehung zu seinen Brüdern ist nicht da – sie glauben nicht an ihn (Joh 7,3). Keine gute Voraussetzung für eine gute Aufnahme seines Dienstes in seiner Heimatstadt.

In Nazaret trifft Jesus auf eine spannungsvolle Enge, viele Vorurteile, Bestrebungen der Mächtigen und Einflussreichen und die „lieben“ Angehörigen – hinzukommt natürlich die erweiterte Sippe. Mittlerweile ist das Ansehen von Jesus erheblich angewachsen. Viele Wundertaten waren auch Gesprächsstoff in den Gassen Nazarets. Nochmals hat der Ort seine letzte große Chance seinen „Sohn“ als Rabbi, Propheten und noch mehr als Messias zu erleben. Wie wenig war noch bekannt von den Worten des Zacharias, der Hirten, des Simeon, der Hanna oder der Mutter Maria – der Sand der Zeit überdeckte die Worte von der göttlichen Herkunft.

 

b. Inhalt der Predigt in der Synagoge von Nazaret

Entsprechend seiner Gewohnheit geht Jesus am Sabbat in die Synagoge. Dieses Versammlungshaus ist ihm sehr vertraut, hatte er doch fast 30 Jahre in Nazaret verbracht. Dort legt Jesus das Wort am Sabbat seinen oft namentlich bekannten Mitbürgern aus – noch einmal haben sie die Chance seine Bestimmung zu erkennen. Rabbis, die auf Besuch in einer Stadt sind, werden nach der damaligen Sitte gerne eingeladen, nach den Schriftlesungen eine Ansprache an die Versammelten zu halten. Zum Lesen des Textes steht ein Jude auf – zur anschließenden Auslegung dagegen setzt er sich. Eine feste Ordnung der im Jahreskreis zu lesenden Texte gibt es zurzeit von Jesus noch nicht. Wahrscheinlich entschied der u`phre,thj hypēretēs (hebr. Chazan) Synagogendiener aus welcher Rolle gelesen wurde. Jesus nahm die Schriftrolle in Empfang und rollte sie bis zur gewünschten Schriftstelle ab. Dann liest er Jes 61,1-2[131] in der Israels Zukunft mit dem Bild des Jubel- oder Erlassjahres aus 3. Mose 25 beschrieben wird (Keener 1998,320):

 

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen; zu verkündigen ein gnädiges Jahr des HERRN“ (Jesaja 61,1-2).

 

Einige Details zum Kontext der Predigt:

  • Die Bewohner Nazarets hatten Erwartungen an ihn „Denn wie große Dinge haben wir gehört, die in Kapernaum geschehen sind! Tu` so auch hier in deiner Vaterstadt“ (Lk 4,23).
  • Es gibt keine besonderen Privilegien für die Bewohner Nazarets, höchstens eine größere Verantwortung. Es fällt geradezu auf, dass Jesus keineswegs versucht sich bei seinen Verwandten oder Heimatgenossen einzuschmeicheln, oder gar sie besonders privilegiert zu behandeln.
  • Die Verwunderung bei den Bewohnern Nazarets über die Weisheit und Wunder von Jesus macht indirekt deutlich, dass Jesus vor seinem Dienstbeginn in Nazaret keine Wunder oder Zeichen wirkte.

 

Einige Hinweise auf inhaltliche Aspekte:

Das angenehme Jahr des Herrn Mt 4,19; Jes 61,1ff; 3Mo 25,8ff wird auch als Erlassjahr, Halljahr oder Jobeljahr[132] bezeichnet. Das Erlassjahr gehört zur sozialen und wirtschaftlichen Ordnung, die der Bundesgott seinem Volk befahl. Im Jahr nach 7 Sabbatjahren (7×7 + 1= 50Jahren) soll Grundbesitz und der Status der Sklaven wieder in den ursprünglichen Zustand zurück versetzt werden. Hier wird Gottes Anspruch deutlich, d.h. Gott verfügt letztlich über Menschen und Land. Darum ist die Verfügungsgewalt des Mitmenschen über Grundstücke und Personen zeitlich begrenzt. Interessant ist hier, dass Jesus sich nur auf die Freiheit von Menschen bezieht. Die Verfügung über den Landbesitz erwähnt er nicht. Während das siebenjährliche Brach- und Erlassjahr in der Kulturgeschichte des Gottesvolkes eine wichtige Rolle spielt, haben wir in Bezug auf das Jobeljahr in der jüdischen Sozialgeschichte der persischen, hellenistischen und römischen Zeit keine Hinweise (Kessler, 2009). Darum sind wir unsicher ob der Brauch des Erlassjahres zurzeit von Jesus noch praktisch umgesetzt wurde. Doch hier in der Synagoge von Nazaret ruft Jesus dieses Erlassjahr aus. Die Aussage über das unmittelbar bevorstehende Hereinbrechen des Verheißenen markiert Jesus deutlich mit dem Wort sh,meron sēmeron heute! Dieses Wort ist der Auslöser für die immer deutlicher werdende Ablehnung von Jesus. Durch seine Person sind die ursprünglichen Absichten Gottes voll zur Entfaltung gekommen (3Mo 25; Jes 61,1ff). Die angesprochenen Inhalte des Erlassjahres sind:

  • Armen/Bettlern gute Botschaft zu bringen
  • Gefangenen Entlassung/Freilassung zu predigen[133]
  • Blinden das Augenlicht wieder herstellen
  • Gebrochene (Misshandelte, Unterdrückte) befreien, entlassen, freilassen;

Jesus weist in seiner prophetischen Rückschau auf Ereignisse während der Dienstzeit der Propheten Elia und Elisa hin. Damals gab es in Israel viele Witwen und viele Aussätzige, doch nur eine heidnische Witwe in Sarepta bei Sidon bekam von Elia Besuch und erhielt die damit verbundenen Segnungen (Speise und die Rückkehr ihres Sohns aus dem Tod). So wurde auch von den vielen Aussätzigen in Israel nur Naeman aus dem heidnischen Syrien gesund. Jesus gibt damit einen deutlichen Hinweis, dass das große Erlassjahr mit all seinen Segnungen Heiden mit einschließt und ungläubige Juden ausschließt.

 

c. Die Reaktion der Nazarener auf die Predigt von Jesus

Die Andeutung in seiner Predigt wird von den Bewohnern Nazarets sofort verstanden. Ihr anfängliches Verwundern und Staunen (Mt 13,54) weicht nach diesen Worten der Abneigung gegenüber Jesus, ja sogar Ärger und Zorn kommen auf. In Mt 13,57 finden wir das Wort skandali,zw skandalizō. Ja das war ein Skandal, der die Bewohner ärgerte, schockierte und sogar in Wut versetzte. Seine Worte lösen ein Erstaunen aus – doch hier in Nazaret ist es ein Erstaunen des Unglaubens über den Sohn der Maria, den Sohn eines örtlich bekannten Bauhandwerkers[134]. Am Ende staunt auch Jesus, allerdings über ihren Unglauben. In ihrem Verstehenshorizont sind die Weisheit und die Kraft zu den berichteten Wundertaten unerklärbar. Damals wie heute lehnen Zuhörer unerklärbare Zusammenhänge schnell und vehement ab. Die Weisheit können sie bei der Wortauslegung erkennen – doch die Kraft zu Heilungen bleibt den meisten verborgen – bleibt für sie nur eine Nachricht vom Hörensagen. Doch beides ist unerklärlich – dieser Sohn des Ortes hatte schließlich keine weiterführende Ausbildung genossen – er kam doch wie alle auch nur aus Nazaret.

Das Ergebnis dieses Besuches fällt sehr ernüchternd aus: Nur wenige Bewohner Nazarets schenken ihr Vertrauen Jesus, die meisten schließen sich dem zornerfüllten Mob an. Diese Menschen sind so verhärtet, dass ihr Ärger in offenen Zorn übergeht und sie beschließen Jesus umzubringen. Das Haus der Versammlung, der Schriftlesung und des Gebetes wird zu einem Haus in dem ein Mord geplant wird. Ein wütender Mob rennt aus der Synagoge und versucht ihn von einer Klippe zu stürzen (Lk 4,29). Heute führt in Nazaret ein so genannter Jesus-Trail zum Berg Kedumim[135], von wo aus man eine gute Aussicht über das Jesreel-Tal hat.

Der Glaube ist zwar oft nicht die Voraussetzung einer erfahrenen Heilung – doch wenigstens soviel kann man hier aussagen: Der Unglaube ist ein wesentliches Hindernis die Kraft von Jesus im eigenen Leben und Leib zu erfahren. Dass man Jesus hier so genau „kennt“, dass man meint über seine Familie Bescheid zu wissen, macht es den Menschen hier „unmöglich“ zu glauben. Offenbar gehört zu dem Menschen, der Gottes Wort ausrichten will und soll, eine gewisse Fremdheit; man will und soll gar nicht so viel über ihn wissen. Wer zu viel weiß, neigt dazu, den Boten Gottes kleiner zu machen, als er ist. Ist das der Grund dafür, weshalb wir im Johannesevangelium und bei Paulus so wenig Persönliches und Biografisches über Jesus erfahren (Berger 2004, 429)?  Hinzu können wir wohl eine Spur von Neid in den Worten: „Ist er denn nicht…“ Mk 6,3 erkennen. Der Unterton könnte sein: „Was macht er auch sich selbst“ (Joh 8,53?

Übrigens wird hier nur Maria als Mutter erwähnt – in einer Gesellschaft, in der Männer im Zentrum aller Überlegungen stehen, ist es schon ungewöhnlich. Die meisten Ausleger schließen aus dieser Lücke, dass Josef schon länger verstorben war. Seine schlichte Herkunft sagt in den Augen der Bürger Nazarets mehr aus, als alle anderen Weisheiten oder Berichte – im Sinne von: „… wir kennen ihn schon länger! Uns macht keiner was vor!“ Nun ist das „Sich wundern“ auf der Seite von Jesus zu finden. Er weist auf den allezeit gültigen Umstand hin, dass ein Prophet überall Ehre, Respekt und Echo erwarten kann, nur nicht in seinem Heimatort. Allerdings dürfen wir wenigstens in Bezug auf seine leiblichen Brüder in die Zukunft schauen: später erkennen sie ihren Bruder als den Messiaskönig und Retter (Apg 1,14). Das Thema des verfolgten, in seiner Heimat abgelehnten Propheten ist im Judentum gut bekannt und eng mit dem Propheten Jeremia verknüpft (Jer 1,1; 11,21-23.

Am Ende des Berichtes steht Jesus mit seinem Heilsangebot den Erwartungen der Bewohner Nazarets sehr konträr gegenüber. Die Reaktion in Nazaret ist aggressiv: Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche. Lukas lässt die Begebenheit mit dem Hinweis enden, dass Jesus nach dem Herauswurf umkehrt und „…mitten durch sie hinweg ging.“ War es seine ruhige und hier wohl auch majestätische Reaktion, die seine potentiellen Mörder erstarren ließ?

 

Fragen:

  1. In welcher Phase seines Dienstes besuchte Jesus Nazaret?

 

  1. Wie bewertest du den Besuch in Nazaret – warum ging Jesus dorthin?

 

  1. Beschreibe die Haltung der Verwandten von Jesus.

 

  1. Bewerte den Inhalt der Predigt von Jesus in der Synagoge von Nazaret.

 

  1. Was war das Ergebnis seines Besuches in Nazaret?

 

  1. Entdecken wir die Gefahr beim Sprechen/Singen über Jesus, wenn wir uns Jesus in verschiedenster Weise distanzlos als „Bruder“ oder gar als „Kumpel“ andienen?

 

7.2. Aussendung der Zwölf Apostel

(Mt 10,5-15;  Mk 6,7-13;  Lk 9,1-6)

 

Alle drei synoptischen Evangelien berichten von der Aussendung der Jünger (Schüler) als Apostel (Gesandte). Für diese Aussendung gibt es mehrere Gründe:

  • Jesu Dienstzeit in Galiläa nähert sich ihrem Ende – Jesus drängt darauf, dass alle galiläischen Städte und Dörfer mit der Frohen Botschaft erreicht werden.
  • Die relativ unerfahrenen Apostel müssen noch unter seiner Anleitung praktische Erfahrungen sammeln.
  • Das ganze Volk Gottes (zunächst die zwölf Stämme Israels Jes 49,1-6) sollen geistlich gesehen gesammelt und unter einem Hirten vereint werden. Ursprünglich war das Volk Gottes nach den Söhnen bzw. Enkeln Jakobs in 12 Stämme eingeteilt. Jesus wählte sich darum auch zwölf Apostel aus.[136] Allerdings kamen im 5. Jahrhundert im wesentlichen nur die Stämme Juda, teilweise Levi und Benjamin aus dem Exil nach Palästina zurück. Dennoch blieb die Zahl 12 – die symbolische Zahl für das ganze Volk Gottes zu dem Jesus sich gesandt weiß.

Jesus betont, dass die Jünger nicht auf die Straßen zu den Heiden gehen sollen, sondern zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Diese Bezeichnung finden wir schon in Jeremia 50,6:

„Mein Volk war eine verlorengehende Schafherde: ihre Hirten leiteten sie irre auf verführerische Berge. Sie gingen von Berg zu Hügel, vergaßen ihre Lagerstätte.“

 

„Und sie zerstreuten sich, weil sie ohne Hirten waren, und wurden allen Tieren des Feldes zum Fraß. So zerstreuten sich und irrten umher meine Schafe. Auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel und über das ganze Land hin sind meine Schafe zerstreut worden, und da ist niemand, der nach ihnen fragt, und niemand, der sie sucht. (Hes 34,5-6).

 

Dies macht deutlich, wie sehr Jesus daran gelegen ist, zuerst das alttestamentliche Gottes Volk geistlich zu sammeln, bevor er dann später zur Heidenmission aufruft (Mt 15,24; Jesaja 49,6; Mt 28,19). Gottes Plan sieht vor: …den Juden zuerst (dann) auch den Griechen (Röm 1,16). Jesus beschränkt die Aufgabe der Apostel auf jüdische Siedlungen in Palästina, wohl wissend dass es viele griechische und samaritische Orte in der Nachbarschaft gibt.

 

Die Namen der Apostel sind:

  1. Simon (Simeon) Petrus (Kephas), Sohn des Johannes (Jonas),
  2. Jakobus des Zebedäus Sohn,
  3. Johannes, Sohn des Zebedäus und Bruder des Jakobus,
  4. Andreas, Bruder des Simon Petrus,
  5. Philippus aus Betsaida,
  6. Bartholomäus (Nathanael aus Kana in Galiläa),
  7. Thomas, genannt Zwilling,
  8. Matthäus (Levi) der Zöllner,
  9. Jakobus der Sohn des Alphäus,
  10. Taddäus, (mit einem weiteren Namen `Judas`, er war Sohn des Jakobus),
  11. Simon der Kanaanäer (der Zelot, Eiferer),
  12. Judas, der Sohn von Simon Iskariot, der Verräter.

Sie alle wurden wohl mehrfach ausgesandt:

Mk 3,14 „Und er setzte zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen

Lk 22,35 „Und er sprach zu ihnen: Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals“.

 

Für den evangelistischen Reisedienst gab Jesus seinen Jüngern den Auftrag:

  • die GUTE NACHRICHT zu predigen ( hier: khru,ssw kēryssō laut proklamieren, öffentlich bekanntmachen, predigen). Dazu gehört das Hingehen, das mutige Auftreten, das laute Reden/Verkünden. Dabei denken wir an die Predigt von Johannes. Die Jünger sollen rufen: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen;“
  • alle Arten von Krankheiten zu heilen; nach dem Motto ihr habt gesehen was ich tat, nun geht und setzt dies Werk fort;
  • Tote aufzuwecken, Aussätzige zu reinigen und
  • in Vollmacht unreine Geister (Dämonen) auszutreiben (Mt 10,1. 8).

 

Jesus gibt bei der Aussendung konkrete Anweisungen und Einschränkungen für ihren Reisedienst:

  • Keine Reisetasche,
  • Kein Gold, Silber, Kupfer (Geld) in den Gürteln,
  • Kein Brot, Lebensmittel,
  • Keinen Stab, (bei Markus jedoch – allein einen Stab – möglicherweise wurde diese Anweisung bei einer nicht erwähnten Aussendung gemacht)
  • Keine Schuhe, (nach Markus – aber Sandalen an euren Füßen – möglich, dass auch  diese Anweisung im Markusevangelium bei einer anderen, nicht erwähnten Aussendung gemacht wurde, vielleicht abhängig von der Jahreszeit.
  • Nicht zwei Hemden

Die Begründung dafür gibt er in Matthäus 10,10 mit den Worten: „Denn ein Arbeiter ist seiner Speise (Lohnes) wert. Die Jünger müssen so lernen täglich in völliger Abhängigkeit von Gott und Menschen zu leben. Jesus möchte sicher gehen, dass seine Jünger sich trennen von Gier, cleveren Geschäften im Zusammenhang mit dem Evangelium, Habsucht und jede Form des Geizes. Alles dürfen sie frei empfangen und alles dürfen sie frei weitergeben. Prediger der Guten Nachricht, die durch ihren Dienst zu relativem Reichtum und Besitz gelangen, sind nach den Worten von Jesus in sich selbst ein Paradoxon.

 

Wir können uns vorstellen, dass die Zweierteams in eine Ortschaft kommen. Dort predigen sie am Tor, an einer Straßenecke, auf einem Platz oder auf Einladung sogar in der Synagoge. Unter den Zuhörern werden die aufrichtig Interessierten bald zu finden sein. Interessant sind hier die weiteren präzisen Anweisungen von Jesus:

  • Forscht nach einem Haus für die Unterkunft, das a;xio,j axios wert, würdig, passend ist und kehrt dort ein (Mt 10.11f). Wahrscheinlich werden dies Menschen sein, die auf den Trost Israels (Luk 2,25) oder auf die Erlösung Jerusalems (Lk 2,38) warten.
  • Bleibt in diesem Haus solange, bis ihr weiterzieht. Das heißt, zieht nicht von Haus zu Haus, um überall die anfänglich große Gastfreundschaft auszunutzen.
  • Sprecht diesem Haus den Frieden zu. Dies war zwar die übliche Begrüßung (shalom alechem = Friede auf euch) doch die Jünger wünschen nicht nur Frieden – sie bringen den Frieden als Abgesandte des Messias Jesus Christus. Darunter können wir auch verstehen: macht dieses Haus zu eurem Hauptquartier und Brückenkopf in die Ortschaft hinein. Von diesem Haus aus soll die GUTE NACHRICHT in die anderen Häuser des Ortes gebracht werden, sodass auch dort der Friede von Jesus Raum gewinnt.
  • Sollte dieser Friede nicht gewünscht werden, d.h. sollten die Jünger nicht aufgenommen werden, so wird dieser Friede auch nicht aktiv wirksam sein können. Die Jünger sollen dann das Haus oder gar den Ort verlassen und den Staub des Ortes von ihren Füssen schütteln und weiterziehen. Diese Geste des Staubabschüttelns hatte sich damals bei gesetzestreuen Juden nach der Durchquerung eines griechischen Ortes eingebürgert. So wollten sie alle unreinen Partikel von sich werfen. Diese Geste nach dem Verlassen eines jüdischen Hauses oder einer jüdischen Ortschaft ist die starke Aussage: die Ablehnung der GUTEN NACHRICHT wird wie die rituelle Unreinheit der Heiden betrachtet.

So ziehen die Jünger als Apostel aus und predigen das Reich Gottes, Buße (Sinnesänderung), heilen die Kranken und befreien viele Menschen von unreinen Geistern. Wenn wir bedenken, dass sie als Zweierteams gleichzeitig an sechs verschiedenen Orten sein können, dann hätten sie bei einer Woche Aufenthalt an jedem Ort, in 6 Wochen insgesamt 36 Städte und Dörfer besucht. Wir können bei Jesus ein strategisches Vorgehen erkennen, darum ist vorstellbar, dass er sich auch mit seinen Jüngern abspricht, wohin die Zweierteams gehen und wo und wann sie sich wieder treffen würden. Jesus sieht die Annahme dieser Botschaft – aber auch die massive Ablehnung voraus. Das klassische und sehr bekannte Beispiel für eine himmelschreiende Bosheit sind für jeden Zeitgenossen der Apostel die untergegangenen Orte Sodom und Gomorra. Jesus sieht die Verantwortung für die evangeliums-resistenten Orte noch gravierender. Ihr Gericht wird noch schrecklicher als das Gericht über Sodom und Gomorra sein (Mt 10,15).

 

Fragen:

 

  1. Wir fragen uns heute: Welche Anweisungen haben eine universale Gültigkeit und welche muss man in dem jeweiligen Kontext verstehen? Wir lesen u. a. Lk 10,7; 1Tim 5,18; 1Kor 9,14; Phil 4,16; Lk 22,26.

 

 

  1. Warum sollten die Jünger zu zweit unterwegs sein?

 

 

  1. Warum sollten sie niemand grüßen auf dem Weg?

 

 

  1. Warum sollten sie nicht zu den Heiden gehen?

 

 

  1. Was sind Häuser des Friedens, die würdig sind, dass die Apostel in ihnen einkehren? (siehe Mt 10,13). Was sind heute „Häuser des Friedens; Männer/Frauen des Friedens die als Brückenköpfe für die Verbreitung des Evangeliums dienen können?

 

 

  1. Was sollten die Apostel tun?

 

7.3. Der Tod Johannes des Täufers

(Mt 14,1-12;  Mk 6,14-29)

 

Die Geburtstagsparty des Herodes Antipas[137] wurde zum Todestag für Johannes den Täufer – welch eine Ironie! Manche Details aus dem Leben des Herodes’ sind uns vom jüdisch-römischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius überliefert (Jüdische Altertümer 18).

Mk 6,21 Und als ein geeigneter Tag kam, als Herodes an seinem Geburtstag seinen Großen und den Obersten und den Vornehmsten von Galiläa ein Gastmahl..“

 

a. Der zeitliche Aspekt

Der Dienst des Johannes kann in drei Abschnitte unterteilt werden.

Die erste Dienstperiode geht bis zur Taufe von Jesus. Damit erreicht seine Dienstzeit ihren Höhepunkt. Seine Aussagen über Jesus sind sein wichtigster und spezieller Auftrag, den er erfüllen muss. Paulus unterstreicht dies in Apg 13,25: „Als aber Johannes seinen Lauf (seinen Auftrag) erfüllte, sagte er: ich bin nicht der, den ihr vermutet …“. Die erste Dienstperiode könnte ein halbes Jahr gedauert haben, was auch dem Altersunterschied zu Jesus entspräche.

 

Die zweite Dienstperiode kann als die Periode des Abnehmens bezeichnet werden, wie er selber in Joh 3,30 sagte: „Jener (Jesus) muss wachsen, ich aber muss abnehmen“. Diese zweite Periode wird etwas weniger als ein Jahr (ca. zehn Monate) gedauert haben[138] (Joh 3,23).

 

Den dritten Abschnitt seines Dienstes, der mit etwa 1 ¾ Jahre auch der längste ist, verbringt er im Gefängnis. So fixieren wir den Tod des Johannes auf die Vorpassahzeit des Jahres 32 n. Chr. (Vgl. Joh 6,1ff mit Mt 14,12. 13ff).

 

b. Wo starb Johannes?

Es kommen hauptsächlich drei Orte in Betracht. Die Könige und Fürsten hielten sich selten an einem Ort lange auf. Sephoris (6-8 km NW von Nazaret) war die eigentliche Residenz des Vierfürsten Herodes. Die Stadt Tiberias am See Genesaret benutzte er als Winterresidenz wegen des milden Klimas. Auch Peräa gehörte zu seinem Herrschaftsgebiet, es lag östlich des Jordan, gegenüber Jericho und erstreckte sich bis etwa zur Mitte des Ostufers vom Toten Meer, Im Süden grenzte Peräa an das Nabatäerreich. In Grenznähe lag die Festung Machärus. Welche Gründe sprechen für den Aufenthalt des Johannes im Gefängnis der Festung Machärus und welche für einen Gefängnisaufenthalt in Galiläa?

  1. Für Galiläa (Sephoris) spräche, dass hier die Hauptresidenz war. Dort konnte Herodes Antipas mit voller Macht und Pracht die große Geburtstagsfeier ausrichten, zu der er alle seine Großen einlud. Dort kann man sich die Anwesenheit von Herodias mit ihrer Tochter als selbstverständlich vorstellen. Was für die abgelegene Festung Machärus nicht so einfach gewesen wäre.
  2. Für Machärus spräche, dass Johannes am Ostufer des Jordan, also in Peräa mit seiner Tauftätigkeit begann und sie später in der Jordangegend fortsetzte. Also eine Tätigkeit oder Aufenthalt in Galiläa nicht ausdrücklich bezeugt ist. Da das Grenzgebiet zu den Nabatäern unruhig war musste Herodes sich oft in jener Gegend aufhalten.
  3. Für Tiberias, der Winterresidenz des Herrschers spräche, dass Johannes einige Wochen vor dem Passahfest (also Februar) enthauptet wurde. In dieser Zeit konnte sich Herodes dort aufgehalten haben.

 

Das Reich nach Herodes dem Großen

 

Herodes Archelaus, nach 6 Provinz Judäa

Herodes Antipas

Herod Philip II

Salome I. (Jabneh, Azotas, Phaesalis)

Römische Provinz Syria

Unabhängige Städte (Dekapolis)

 

 

c. Was war der Auslöser für den Tod von Johannes?

Herodes lebt eine ungesetzliche Beziehung öffentlich aus. Diese Beziehung kann nicht als eine legitime Ehe bezeichnet werden, es war eher eine Ehebruchsbeziehung. Herodias war die Ehefrau von Philippus, dem Halbbruder des Herodes Antipas, der in Rom lebt. Herodes warb ihm dessen Frau anlässlich eines Rombesuchs ab. Herodias brachte dann ihre Tochter Salome in diese neue Beziehung mit.

Herodes ruft häufiger Johannes zu sich ruft, um ihn zu hören. Dabei kommt auch das Thema „Ehe“ zur Sprache. Johannes schmeichelt seinem Fürsten nicht, sondern tadelt offen dessen unverantwortlichen Lebensstil. Da am Fürstenhof kaum etwas verborgen bleibt, kommt dieser Gesprächsinhalt Herodias zu Ohren. Sie kann keine Kritik in dieser Hinsicht vertragen und entschließt sich das Problem nach der Sitte ihres Standes aus der Welt zu schaffen: das Todesurteil für Johannes wird beschlossen (Mk 6,19). Doch Johannes steht noch unter dem direkten Schutz ihres Lebenspartners. Herodes ist hin und her gerissen – die Texte lassen uns diese Labilität deutlich erkennen:

  • Er fürchtete (Ehrfurcht) Johannes, wissend, dass dieser ein gerechter und heiliger Mann war. Auch rief er ihn oftmals und hörte ihn gern,
  • Er hätte ihn gern getötet, fürchtete jedoch das Volk (Mt 14,5),
  • Er war traurig über die Forderung seiner Stieftochter (Mt 14,9).

Die Unentschlossenheit des Herodes ist Teil des Plans der Herodias zur Beseitigung des unbequemen ‚Moralapostels’ Johannes.

In der fortgeschrittenen Feststimmung macht Herodes eine gefährliche Aussage, bzw. ein Versprechen an die tanzende Tochter der Herodias: Bitte von mir, was du willst, bis zur Hälfte meines Königreichs, ich will es dir geben (Mk 6,22-23). Das Versprechen war mit einem Eid bekräftigt worden und deshalb sah Herodes sich gebunden, sein Wort zu halten. Ungewöhnlich, wenn man seine Wankelmütigkeit im Vorfeld betrachtet! Jetzt zeigt er Charakterstärke, er will das Mädchen nicht enttäuschen. War er so verblendet, dass er die Intrige der Herodias nicht mehr durchschauen konnte? Ja, Sünde macht blind und schwach. Menschengunst tritt ins Zentrum und Gottesfurcht in den Hintergrund. Die Festgesellschaft des Herodes lässt sich die reichhaltigen Speisen und Getränke, natürlich auch Wein – gut schmecken. Angeheitert lassen sie sich durch Tänzerinnen weiter aufreizen. Meist haben diese Tänzerinnen keinen besonders guten Ruf – oft sind sie Sklavinnen. Der Auftritt eines Mitglieds des königlichen Hauses bei solch einem Fest ist ungewöhnlich – wir kommen nicht umhin zu vermuten, dass es sich um ein abgesprochenes „Spiel“ handelt.

Hätte Herodes sich von seiner unter Eid ausgesprochenen Zusage an das Mädchen wieder lösen können, oder war er total gebunden? Jemand sagte mal dazu: Herodes hätte Johannes zu der anderen Hälfte seines Reiches zählen können. Fazit: der Buchstabe des Gesetzes: „Du sollst keinen falschen Eid tun und dem Herrn deine Eide einlösen(3Mose 19,12) kann wirklich töten. Doch ließe sich hier auch argumentieren, dass Herodes sein Versprechen (mit einem Eid bekräftigt) an das Mädchen gerichtet hat und nicht an Gott den Herrn. Auf jeden Fall entsprach das Töten eines unschuldigen Menschen wegen eines Eides, nicht dem Geist des Gottesgebotes.

Ein unüberlegtes Versprechen – wahrscheinlich im angetrunkenen Zustand – im Zusammenhang mit einer erotischen Darbietung führte Herodes in eine Falle. Wir werden später sehen, wie er gegen besseres Wissen, Jesus zu Pilatus zurückschickt, anstatt ihn frei zu lassen (was in seiner Vollmacht stand Lk 23,6-12).

Herodes schickt Soldaten ins Gefängnis und lässt Johannes dort enthaupten. So rächt sich Herodias an Johannes. Und was sagt Gott dazu? Schweigt er? Schaut er tatenlos zu? Lässt er zu, dass seine Propheten auf solch grausame Weise ihr Leben verlieren? Was empfand Johannes, als er ahnungslos von einigen Soldaten niedergestreckt wurde? Viele, ja die meisten Fragen bleiben hier unbeantwortet. Das Leben eines Propheten geopfert für eine blutige „Party-Überraschung“ – doch auch hier gilt: Menschen sterben nach Gottes Willen – nicht wegen einer Partylaune.

Das heißt aber keineswegs, dass Gott tatenlos dem Treiben der ungerechten Herrscher zuschaut. Noch wenige Monate oder sogar Wochen vorher hatte sich Jesus klar und eindeutig vor dem Volk zu Johannes gestellt und seinen Freund mit einer persönlichen Botschaft ermutigt (Mt 11,4-19).

In all dem Schrecklichen ist der treue Dienst der Jünger des Täufers bemerkenswert, die auch im Gefängnis ihn besuchen, und nach seiner Enthauptung seinen Leichnam ehrenvoll begraben. Sie kommen später zu Jesus und berichten ihm das Geschehene.

So starb Johannes der Täufer, der größte unter allen Propheten, der Glücklichste, weil er dem Messias den Weg vorbereiten konnte? Er sah das erlösende Lamm Gottes mit eigenen Augen und teilte mutig den Weg und das Los der Propheten: den Tod um des Reiches Gottes willen.

 

Fragen:

 

  1. Johannes, der Täufer, in welche drei Perioden kann seine Dienstzeit eingeteilt werden?

 

 

  1. Wie lange hatten diese Perioden gedauert?

 

 

  1. Nenne einige persönliche Details aus dem Leben von Herodes, seinem Privatleben, seiner Herrschaft, seinem Charakter.

 

 

  1. Was war der Anlass des Todes von Johannes?

 

 

  1. Wie stand es mit einem Versprechen unter Eid? Konnte Herodes sich nicht davon lösen? Hätte er anders handeln können?

 

 

  1. Skizziere die Linie des sündigen Lebens bei Herodes.

 

7.4. Herodes sucht Jesus zu sehen

Mt 14,1-2; Mk 6,14-16; Lk 9,7-9

 

  • Es kam aber vor Herodes, den Landesfürsten[139], alles, was geschah; und er wurde unruhig, weil von einigen gesagt wurde: Johannes ist von den Toten auferstanden; von einigen aber: Elia ist erschienen; von andern aber: Einer von den alten Propheten ist auferstanden. Und Herodes sprach: Johannes, den habe ich enthauptet; wer ist aber dieser, über den ich solches höre? Und er begehrte ihn zu sehen“ (Lk 9,7-9).

 

Matthäus vermerkt (14,1), dass Herodes in jener Zeit[140] mitbekommt, was Jesus tut. Wir können jedoch annehmen, dass schon früher allgemeine Informationen zu Herodes gelangten. So lesen wir in Markus 3,6:

  • Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald Rat über ihn mit den Anhängern[141] des Herodes, wie sie ihn umbrächten.“

Die Initiative für ein Komplott geht in diesem Fall von den Pharisäern aus. Es erscheint uns unwahrscheinlich, dass die Vertreter/Beamten des Herodes eigenmächtig, ohne Wissen ihres Fürsten, ein Todesurteil über Jesus hätten fällen können. Herodes sah in Jesus zunächst keinen Konkurrenten. Johannes der Täufer dagegen war ständig in seinem Blickfeld, weil jener ihn immer wieder auf seine unmoralische Lebensführung hinwies.

Nun aber ist der lästige Mahner nicht mehr da und Jesus ist im dritten Jahr seines Dienstes bereits so bekannt, dass immer mehr Nachrichten von und über seine Taten zum Vierfürsten durchdringen. Über die Person und Identität von Jesus kursieren inzwischen verschiedene Versionen und Meinungen. Lukas vermerkt, dass Herodes „in Verlegenehit geriet, nruhig wurde, weil von einigen gesagt wurde:

  • Johannes der Täufer ist von den Toten auferstanden…“ (Mt 14,2;  Mk 6,14;  Lk 9,7).
  • Er ist Elia“ (Mk 6,15;  Lk 9,8;  Mal 3,23-24)
  • Er ist Jeremia“ (nur bei Mt 16,14)
  • Er ist ein Prophet wie einer der Propheten“ (Mk 6,15;  Lk 9,8).

Bis dahin hört sich Herodes die Meinungen der Leute an. Nun aber fängt er an zu analysieren und zu überlegen: „Johannes, den habe ich enthauptet; wer ist aber dieser, über den ich solches höre“ (Lk 9,9). Dann entschließt er sich zu der Feststellung: „Das ist Johannes der Täufer; er ist von den Toten auferstanden, darum tut er solche Taten“ (Mt 14,2; Mk 6,16). Dann sucht er nach Möglichkeiten, um Jesus zu sehen: „Und er begehrte (suchte) ihn zu sehen“ (Lk 9,9).

Vielleicht hoffte er, sein belastetes Gewissen zu beruhigen, wenn er feststellt, dass Johannes wieder lebt? Wie bewusst er an die Auferstehung der Toten glaubte, ist offen, doch äußerlich steht er der Auferstehungstheologie der Pharisäer nahe (Apg 23,8). Gibt es nicht auch heute Menschen, welche bestimmte theologische Standpunkte bejahen, aber ihr Leben ist voll von Selbstsucht, Wankelmütigkeit und Eitelkeit? Herodes hatte Johannes den Täufer nicht aus eigener Überzeugung enthaupten lassen. Er war wankelmütig und eitel. Nun blieb sein Suchen nach Jesus zunächst erfolglos, denn Jesus wollte keine Begegnung mit dem Landesfürsten. Es war die Zeit, in der er immer wieder weiter entferntere Gegenden aufsuchte.

Im weiteren Verlauf äußert Herodes noch zwei Mal Interesse an Jesus – wenn auch aus unlauteren Motiven (Lk 13,31-32; 23,7-12).

 

Fragen:

  1. In welchen zeitlichen Zusammenhang fällt das Interesse des Herodes an Jesus?

 

  1. Wie bildeten sich damals Meinungen in Bezug auf die Person von Jesus? Wie reagiert Herodes auf die Meinungen des Volkes und warum?

 

  1. Welche Meinungen/Ansichten über die Person von Jesus gibt es heute? Was sagen wir, wer Jesus sei?

 

  1. Welche Meinung des Volkes machte sich Herodes zu seiner eigenen und warum? Haben wir immer eine eigene Meinung?

 

 

  1. Was hältst du von der Aussage: „Die Geschwister meinen …“? Wie kommen wir zu unseren Standpunkten/Überzeugungen?

 

 

  1. Zu welchen Überlegungen kann auch uns das schlechte/belastete Gewissen führen? Sind die Christen heute immer ehrlich?

 

 

  1. Wie sieht Machtmissbrauch in Gesellschaft, Familie und Gemeinde aus? Was sind Manipulationen?

 

7.5. Die Jünger kommen von ihrem Missionsdienst zurück

(Mk 6,30-33; Lk 9,10-11; Mt 11,1;  14,12-13a;  Joh 6,1-4)

 

  • Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten (Vgl. Lk 9,10). Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein“ (Mk 6,30-32).

 

Die zwölf Jünger (in diesem Zusammenhang werden sie Apostel genannt) kehren von ihrem Missionseinsatz zurück (kommen bei Jesus zusammen) und berichten ihrem Lehrer alles, was sie während dieser Zeit getan und gelehrt hatten. Die Evangelisten nennen keine Details, doch wohl sind ihre Erfahrungen ähnlich gewesen wie die der 70, welche Jesus später aussandte (Lk 10,17). Ausdrücklich ermutigt Jesus nun seine Jünger, dass sie sich für sich allein an einen einsamen Ort zurückziehen sollen, um ein wenig auszuruhen. Gründe dafür sind:

  1. Viele Menschen kamen mit ihren Anliegen und Fragen, so dass sie nicht einmal Zeit (Gelegenheit) hatten zu essen (Mk 6,31).
  2. Sie sollten sich ausruhen (´αναπαυσιν – anapausin´) von ihrer Missionstätigkeit (Mk 6,31).
  3. Die Nachricht vom Tod des Johannes (Mt 14,12-13).

Lukas nennt den Ort, wohin Jesus sich mit seinen Jüngern im Boot zurückzieht: Betsaida. Der Ort der Brotvermehrung wird jedoch östlich von Betsaida gesucht, da es sich um eine weithin unbewohnte Gegend gehandelt hatte.[142] Eine mögliche Erklärung kann sein, dass die Jünger während der Bootsfahrt die Richtung änderten und so weiter östlich der Stadt Betsaida an Land gingen (im Herrschaftsgebiet des Herodes Philippus).

Aber schon beim Ablegen am (Nordwestufer) merken sich viele Menschen die Richtung – so berichtet es der Evangelist Markus. Man sieht von hier weit auf den See hinaus. Viele Menschen beeilen sich daher zu Fuß am Nirdufer entlang in Richtung Osten. Einige kommen sogar vor dem Jünger-Team ans andere Ufer. Während der relativ ‚langsamen’ Bootsfahrt (es war Frühling – Vorpassahzeit Joh 6,4) können sich Jesus und seine Jünger nicht nur ausruhen, sondern auch die Erlebnisse der letzten Wochen und Tage in aller Ruhe[143] reflektieren.

Nach dem Landgang steigt Jesus mit seinen Jüngern auf einen nahe gelegenen Berg und setzte sich dort (Joh 6,3).

 

Fragen:

  1. Warum legt Jesus Wert auf Ruhepausen?

 

  1. Wohin zieht sich Jesus mit seinen Jüngern zurück?

 

  1. Wie erleben die Jünger diese Zeit des Rückzugs in die Stille?

 

  1. Wie lange können Jesus und die Jünger allein sein?

 

 

 

7.6. Jesus speist die 5000

(Mt 14,13b-21; Mk 6,33-44; Lk 9,11-17; Joh 6,2-15)

 

Zweimal hat Jesus eine große Menschenmenge mit Brot gespeist. Bei der ersten Speisung waren es ungefähr 5000 Männer, wobei Frauen und Kinder nicht mitgerechnet wurden. Man könnte demnach noch einige Tausend Menschen hinzurechnen. Beim zweiten Mal waren es ungefähr 4000 Männer ohne Frauen und Kinder (Mt 15,29-39; Mk 8,1-10). In Mt 16,1-12.nimmt Jesus noch einmal Bezug auf beide Wunder/Zeichen.

Die Berichte der Evangelisten enthalten manche chronologische, geographische und faktische Details in Bezug auf diese beiden Speisungswunder. Neben diesen mehr äußerlichen Details werden uns besonders die geistliche Botschaft und die Bedeutung dieses Zeichens beschäftigen.

a. Die zeitliche Einordnung

Nach Joh 2,13 und 5,1(?) war Jesus schon zweimal in Jerusalem beim jährlichen Passahfest. Nach Joh 6,4 stand das seit Beginn der Wirksamkeit von Jesus (dritte?) jüdische Passahfest kurz bevor, d.h. Jesus wirkte bereits etwa 2 ¾ Jahre. Vor ihm lag also noch ein Jahr des Dienstes. Übrigens sagt Johannes nichts über den dritten Passahbesuch von Jesus. Es ist durchaus möglich, dass er zu dem Passah, welches in Joh 6,4 genannt wird, nicht gegangen ist. Jesus begann mit seiner Wirksamkeit etwa im Sommer 29 n. Chr. Im Jahr 32 fiel der 14. Nisan auf Montag den 14. April (julianischer Kalender). Das Speisungswunder hätte dann etwa Ende März stattgefunden.

b. Die Details

Bei der Schilderung des Speisungswunders ergänzen sich die Evangelisten, so dass die folgende Reihenfolge der Geschehnisse vorstellbar ist:

  • Jesus steigt mit seinen Jüngern aus dem Boot. Er bemerkt sofort die vielen Menschen, die entlang des Nordostufers zu Fuß zu ihm eilen, einige sind schon da und erwarten ihn. Er geht auf den nahe gelegenen Berg (Joh 6,3) und setzt sich dort mit seinen Jüngern.
  • Er beobachtet, wie viele Menschen zu ihm kommen und empfindet Erbarmen mit ihnen. Für ihn sind sie wie Schafe, die keinen Hirten haben (Mt 14,14b; Mk 6,34b).
  • Er heißt sie willkommen (Lk 9,11a).
  • In einer langen Lehreinheit spricht er zu ihnen über das Reich Gottes und heilt Kranke (Lk 9,11b; Mk 6,34c).
  • Mittlerweile ist es schon spät geworden (Lk 9,12a;  Mk 6,35a). Matthäus beschreibt den Zeitpunkt des Herantretens der Jünger zu Jesus: „Als es aber schon Abend geworden war…“ (Mt 14,15a). Der Evangelist Johannes, nennt den Zeitpunkt des Abschlusses des Mahls: Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger hinab an den See. (Joh. 6,16)
  • Der Tag endet nach damaliger Auffassung mit dem Sonnenuntergang, um diese Jahreszeit ist dies etwa 18.30-19 Uhr.
  • Matthäus berichtet, dass die Zwölf zu Jesus mit der Bitte kommen, die Menschen doch zu entlassen, damit sie in die nahe gelegenen Orte gehen könnten, um sich Speise zu kaufen (Mt 14,15; Mk 6,35-36; Lk. 9,12).
  • Jesus entgegnet ihnen: „Es ist nicht nötig, dass sie hingehen, gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14,16; Mk 6,37a; Lk 9,13a).
  • Jesus fragt Philippus (Joh 6,5): „Woher sollen wir Brote kaufen, damit diese essen können“? „Aber dies sagte er, um ihn zu versuchen (prüfen), denn er wusste, was er tun wollte“ (Joh 6,6).
  • Nun ist Philippus der weitere Sprecher der Jünger, obwohl es heißt, dass sie sich alle am Gespräch beteiligten.
  • In Lukas 9,13 stellen zunächst alle die Frage: „sollen wir denn hingehen und für diese alle Brot kaufen“?
  • Philippus argumentiert (Joh 6,7): „Für zweihundert Denare[144] Brote reichen nicht für sie hin, dass jeder auch nur ein wenig bekomme“. An der Berechnung und vorläufigen Aussage haben alle teilgenommen (Mk 6,37;  Lk 9,13b).
  • Jesus fragt sie: „Wie viele Brote habt ihr hier, geht hin und erkundigt euch“ (Mk 6,38).
  • Nach der Erkundigung übernimmt das Wort Andreas, der Bruder des Simon Petrus: „Es ist ein Junge[145] hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, aber was ist dies für so viele[146] (Joh 6,9; siehe Mt 14,17;  Mk 6,38b)?
  • Jesus aber sagt: „Lasst die Leute sich lagern auf das Gras“[147] (Joh 6,10a). Lukas ergänzt: „In Gruppen zu je fünfzig“ (Lk 9,15). Markus präzisiert: „In Gruppen zu je hundert und je fünfzig“ (Mk 6,40). Jesus legt also großen Wert auf Ordnung.
  • Jesus dankt (Joh 6,11) segnet das Brot und die Fische (Mt 14,19; Mk 6,41; Lk 9,16), bricht sie, gibt sie den Jüngern und diese teilen alles aus.
  • Nach dem Essen ordnet Jesus an, dass die übrigen Brocken[148] eingesammelt werden. Zwölf Körbe[149] voll mit Resten bleiben übrig (Mt 14,20; Mk 6,43; Lk 9,17; Joh 6,13). Diese Zahl Zwölf kann man als ein Hinweis auf das gesamte Gottes Volk verstehen, das ja ursprünglich 12 Stämme hatte. Alle vier Evangelisten verstehen dies wohl als einen besonderen Hinweis darauf, dass mit Jesus die geistliche Sammlung des Gottes Volkes beginnt (siehe auch Jes 49,6).

c. Die Bedeutung des Wunders

Wie wir bereits bei dem Wasser/Wein-Wunder gesehen haben, deutet auch die Brotvermehrung zeichenhaft auf den Messias hin. „Als die Menschen das Zeichen[150] sahen, sprachen sie: „Dies ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll“ (Joh 6,14). Die Menschen erkennen in Jesus den von Gott durch Mose verheißenen Propheten. Dies kann ein Anklang an 5Mo 18,15 sein: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, erstehen lassen. Es folgt eine politische Reaktion der Masse – sie wollen Jesus zu ihrem (Gegen-) König machen. Doch Jesus weicht dieser menschlichen Ehre und Verantwortung aus. Er ist nicht an einem irdischen Königreich interessiert – er will auch mit keinem politischen Würdenträger verglichen werden – auch mit keinem Revolutionsführer.

Jesus gibt der Menge reichlich Brot zum Leben, Darüber hinaus ist er das Brot des Lebens (Joh 6,33-35) – was für eine überreiche Gabe!

 

Fragen:

  1. Durch welche Zeitangabe lässt sich das Speisungswunder im Leben von Jesus einordnen?

 

 

  1. Was steht im Vordergrund, wenn Jesus Menschen dient?

 

 

  1. Welche Jünger von Jesus werden in Johannes 6 namentlich genannt?

 

 

  1. Warum legt Jesus so großen Wert auf Ordnung und was bedeutet es heute für uns?

 

 

  1. Wie viele Körbe mit Brocken wurden aufgehoben und auf was deuten sie hin?

 

 

  1. Wozu dienen die Wunder von Jesus, welchen Zweck haben sie?

 

 

  1. Warum lehnt Jesus ein politisches Amt ab? (selbst die Ehrenbezeichnung!)

 

7.7. Jesus kommt zu seinen Jüngern auf dem See

(Mt 14,22-33; Mk 6,45-52; Joh 6,16-21)

 

Nach dem reichlichen Mahl befiehlt Jesus die übrigen Brocken in Körbe zu sammeln. Danach drängt Jesus seine Jünger ins Boot zu steigen und vor ihm nach Betsaida hinüber zu fahren (Mk 6,45). Anschließend entlässt er das Volk, bzw. verabschiedet sich von ihnen und steigt auf einen Berg um allein zu beten. Er hat das dringende Bedürfnis allein mit seinem Vater Gemeinschaft im Gebet zu pflegen.

In der Nacht sieht Jesus in seinem Geist, wie sich die Jünger auf dem Wasser abmühen, denn der Wind bläst ihnen ungünstig entgegen (Mk 6,48). Nach Mt 14,24 sind sie schon viele Stadien vom Land entfernt. Johannes gibt die Entfernung mit 25-30 Stadien[151] an (Joh 6,19), das sind etwa 4,6-5,5 km. Der See Gennesaret misst an seiner breitesten Stelle ca. 12 km. Zwischen 3 und 6 Uhr morgens (in der vierten Nachtwache Mk 6,48) kommt Jesus zu den Jüngern und stellt sich, als wollte er vorübergehen (Mk 6,49). Im griechischen Text steht: „als sie aber etwa fünfundzwanzig oder dreißig Stadien gerudert hatten“, kommt Jesus auf sie zu – auf dem Wasser. Der stürmische Westwind erschwerte das Vorankommen so stark, dass sie für die 5,5 km 8-9 Stunden[152] benötigten.

Die Jünger sehen Jesus, doch erkennen ihn nicht. So schreien sie vor Furcht, in der Annahme, es sei ein Gespenst: fa,ntasma – phantasma. Auch in den meisten europäischen Sprachen verbindet man mit diesem Wort etwas, was der Fantasie der Menschen entspringt: ein irreales Gebilde oder eine fantasievolle Vorstellung welche den Menschen Schrecken einjagt. Dahinter kann sich auch eine Variante von Aberglauben verbergen.

Man stelle sich in aller Ruhe mal die Situation vor: zwölf starke Männer – einige von ihnen erfahrene Fischer – geraten in solch eine Panik, dass sie vor Furcht schreien. Die übermäßige Anstrengung beim Rudern führte zur physischen Erschöpfung, das Sehen von etwas Ungewöhnlichem, nie Dagewesenem (ein Mensch geht auf dem Wasser) führt zum Erschrecken und Panik (Schreien). Nach alten heidnischen Vorstellungen bedeutet eine stürmische See zugleich einen zornigen Gott z. B. einen zornigen Poseidon, der mit Strafe oder Rache Menschen verfolgt (Vgl. auch Jona 1,5). Doch Jesus lehrt seine Jünger sich in einem Sturm nicht zu fürchten. Wer auf Befehl oder Anordnung Gottes in seinem alltäglichen oft auch gefährlichen Dienst steht, kann sicher sein, dass Gott ihm nahe ist und nicht die Dämonen.

Auf diese Weise befreit Jesus seine Jünger von Aberglauben und lehrt sie mit äußerst schwierigen Situationen richtig umzugehen. Panik und Furcht sind keineswegs hilfreiche Begleiter in Stresssituationen, sondern der Glaube an den gegenwärtigen Herrn. Die Verlegenheit des Menschen ist meistens Gottes Gelegenheit zum ungewöhnlichen Eingreifen. Jesus lässt seine Jünger nicht lange im Ungewissen: „Ich bin’s! Fürchtet euch nicht!“, ruft er ihnen zu.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Fragen:

  1. Warum befielt Jesus seinen Jüngern allein im Boot wegzufahren? Weiß er nicht, dass sie in der Nacht in große Not geraten werden?

 

  1. Warum gönnt Gott (der die Macht hat über Winde und Stürme) den Jüngern keine romantische Bootsfahrt bei Nacht?

 

  1. Woher haben die Jünger die Vorstellung von einem Gespenst?

 

 

  1. Was für ein Ziel verfolgt Jesus mit seiner Zurückhaltung (nicht früher zu Hilfe zu kommen)?

 

 

7.8. Petrus kommt auf dem Wasser zu seinen Jüngern

(Mt 14,28-33)

 

Nur Matthäus hat diese einmalige Episode schriftlich festgehalten. Viele seiner Leser in Palästina konnten sich noch gut an die wundersame und wunderbare Brotvermehrung erinnern. Für diese Leser ist der Bericht über die besondere Erfahrung des Petrus nachts auf dem See wichtig und glaubensstärkend.

Wie schon so oft und auch bei späteren Gelegenheiten ist es Petrus, der wieder einmal etwas Besonderes sagt, fragt, oder wie hier eine ungewöhnliche Idee hat. Kaum hat Jesus seine Jünger im Boot mit den Worten: „Ich bin’s! Fürchtet euch nicht“ beruhigt, da meldet sich schon Petrus zu Wort: „Herr, wenn du es bist, so heiß mich zu dir kommen auf dem Wasser“. Man bedenke dabei, es stürmt unvermindert weiter und die Wellen schlagen ins Boot.

Anhand folgender Fragen wollen wir diese besondere Episode mit Petrus detaillierter betrachten:

 

Fragen:

  1. Wie kam Petrus auf solch eine Idee?

 

  1. Wie lange hielt das Wasser Petrus aus? Wie lange oder wie weit ging Petrus auf dem Wasser?

 

  1. Wann begann er zu sinken?

 

  1. Warum ruft er: „Herr, rette mich“ – konnte er nicht schwimmen?

 

  1. Wie reagiert Jesus auf den Hilferuf von Petrus? Was tut er, was sagt er?

 

  1. Was bedeutet Kleinglaube? Gibt es auch einen großen Glauben oder einen mittleren?

 

  1. Was ist Zweifeln? Wie werden Zweifel formuliert, wie klingt die Stimme, wenn man zweifelt? Was drücken Zweifel aus?

 

  1. Welche Folgen haben Zweifel?

 

  1. Was lernen wir über den Charakter des Petrus? Wer unter uns hat einen ähnlichen Charakter? Hättest du gerne auch solchen Charakter wie Petrus, oder bist du mit deinem zufrieden?

 

  1. Ging Petrus wieder auf dem Wasser, nachdem Jesus ihn herausgerettet hatte?

 

  1. Als Jesus zusammen mit Petrus ins Boot steigt, legt sich der Wind. Wenn Jesus mit uns im Lebensboot unterwegs ist, ist es dann immer windstill?

 

  1. Wie reagieren die Jünger, als Jesus ins Boot steigt?

 

7.9. Jesus lehrt in der Synagoge Kapernaum

(Joh 6,22-65)

 

Wenn wir den Evangelisten Matthäus folgen, kehrt Jesus nach Gennesaret zurück (Mt 14,34-36, Ort oder Gegend im Nordwesten des Sees). Folgen wir allerdings dem Evangelisten Markus, so ordnet Jesus an nach Betsaida zurückzufahren (Mk 6,53-56), doch letztlich landeten sie in Kapernaum, wie der Evangelist Johannes berichtet (Joh 6,24-25.59).

Viele vom Volk, die jenseits des Sees durch die Danksagung des Herrn satt geworden waren, übernachteten dort im Freien. Noch am Abend haben sie beobachtet, dass die Jünger ohne Jesus ins Boot gestiegen waren (Joh 6,22-24). Am Morgen kamen weitere Boote aus Tiberias[153] und legten in der Nähe an.

 

Viele Menschen setzen für sich oder Nahestehende ihre ganze Hoffnung auf Jesus – doch meist nur in Bezug auf eine Spontanheilung. Gottes Barmherzigkeit ist an diesem Tag so umfassend, dass die Heilungskraft von Jesus geradezu aus jedem „Knopfloch“ fließt. Konkret sind es die Schmuckquasten am Obergewand von Jesus, die typisch für jüdische Kleidung sind (4Mose 15), die auch noch zur Quelle von Heilungen werden. Doch  – was wird vom Messias Gottes an diesem Tag erkannt?

 

Viele aus dem Volk fuhren in Booten hinüber nach Kapernaum. Dort suchten sie Jesus und fanden ihn in der Synagoge lehrend. Auf die Frage: „Rabbi, wann bist du hierhergekommen“, antwortet Jesus nicht, sondern entfaltet ein langes und inhaltsvolles Gespräch. Er kennt ihre Absichten, denn hinter dieser Frage steht das Begehren nach ständiger Versorgung (Joh 6,26). Bedenken wir, dass die Menschen bei der Brotvermehrung in Jesus zwar den durch Mose verheißenen Propheten erkennen (V.14; 5Mo 18,15), aber dennoch sind sie nicht bereit auf ihn zu hören. Sie wollen ihn für sich und ihre materiellen Bedürfnisse in Anspruch nehmen. Nun folgt ein langer Dialog, bei dem es um die Sendung von Jesus durch den Vater, das Brot des Lebens und das ewige Leben geht. Diese Bilder und Worte bergen viele geistliche Wahrheiten in sich.

Das Manna, welches Gott den Israeliten in der Wüste gab, ist ein Vorbild auf das wahrhaftige, lebenspendende Brot aus dem Himmel in der Person von Jesus. Ebenso ist die Brotvermehrung jenseits des Sees ein Zeichen/Hinweis, dass Jesus selbst das lebendig machende Brot Gottes ist. Mit der Aufforderung von Jesus: „Wirkt nicht Speise, die vergänglich ist, sondern Speise, die zum ewigen Leben führt“ (V. 37) ist der Glaube an den vom Vater gesandten Menschensohn Jesus gemeint. Jesus fordert auf:

  • auf ihn hören
  • ihm zu gehorchen
  • ihm zu glauben
  • ihn aufzunehmen
  • ihm nachzufolgen

Dies ist Gottes Wille für uns Menschen, dies ist Gottes Werk in uns – dies ist der einzige Weg zum ewigen Leben.

Dies wird von Jesus noch mal wiederholt und bestätigt, als die Juden ihn fragen (V. 28): „Was sollen wir tun, damit wir Gottes Werke wirken“? Die Antwort lautet: „Dies ist Gottes Werk, dass ihr glaubt an den, welchen Gott gesandt hat“. Wir erkennen nun, dass es um eine ganz andere Zugangsweise geht, als Juden von ihrer Tradition her gewohnt sind. Bei ihnen liegt sehr viel auf dem Tun! Der neue Zugang zu Gott heißt Glaube an Jesus.

Doch die Zeitgenossen von Jesus wollen Beweise sehen (V. 30-31) „Welches Zeichen wirkst du, damit wir sehen und glauben“? Sie nehmen damit Bezug auf die Versorgung des Volkes Gottes während des Exodus mit Manna. Sie schreiben jenes Zeichen allerdings fälschlicherweise Mose zu. Jesus korrigiert sie: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahrhaftige Brot aus dem Himmel“.

Ich bin das Brot des Lebens!

 

Ewiges Leben – wie lange dauert es?

Jesus sagt in Joh 6,40: „Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag.“

 

So fragen wir uns bei der Betrachtung dieses Tages – wie können so großartige Dinge wie Speisung einer großen Menschenmenge und die Heilung von vielen Menschen so wenig im geistlichen Bereich auslösen? Wenn dies bei Jesus geschieht – dann darf scheinbare Erfolglosigkeit alle späteren Nachfolger nicht aus der Bahn werfen.

 

Besondere Aussagen:

Das hebräische `Amen, Amen` = Wahrlich, wahrlich wird ins griechische an allen Stellen unverändert übertragen, auch im deutschen, wenn es am Ende eines Grußes steht. Zu Beginn einer Aussage jedoch wird es überwiegend mit `wahrlich` übersetzt. Es hat die Bedeutung einer betonten Bestätigung. In diesem Text beginnt Jesus viermal einen Abschnitt mit dem doppelten `Amen, amen` (6,26. 6,32. 6,47. 6,53.)

 

Fragen:

  1. Wo und wann lehrte Jesus vom Brot des Lebens?

 

  1. Welche Lehrart benutzt Jesus in dieser Situation?

 

  1. Warum benutzt Jesus Bilder aus dem Alltag und dem Alten Testament? Wie können wir heute Bilder nutzen?

 

  1. In welcher Weise ist Jesus heute mein Brot?

 

  1. Wenn Jesus das Brot ist, was bedeutet dies für Menschen die Jesus ablehnen? Warum verließen viele Jünger Jesus?

 

  1. Was sind die Grenzen bei Auslegung der von Jesus benutzten Bilder (V. 63)?

 

 

Merkverse:

6,40 „Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und glaubt an ihn, ewiges Leben habe, und ich werde ihn auferweckcn am jüngsten Tage.“

 

6,44 „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir zieht und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage“.

 

6,47 „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: der Glaubende hat ewiges Leben.

 

6,48 „Ich bin das Brot des Lebens.“

 

7.10. Die Entscheidung der Jünger

(Joh 6,66-71)

 

Schon bei der vorherigen Brotpredigt  kann man die Zuhörer in drei Gruppen einteilen:

  • Juden (feindlich gesinnte Leiter und ihre Nachfolger)
  • Jünger/Nachfolger im erweiterten Sinn
  • die Zwölf

Die erste Gruppe stellt Fragen, allerdings aus einem feindseligen und ablehnenden Herzen heraus.

Die zweite und dritte Gruppe überschneidet sich, aber dennoch dürfen wir damit rechnen, dass es Hunderte sind, die Jesus in Galiläa folgen. Nach dem Ende der Predigt sind viele mit Jesus unzufrieden. In Bezug auf die Predigt fragen sie: „Wer kann sie hören?“ Sie meinen damit natürlich: Wer kann ihn hören? Sie waren entsetzt! Menschliches Fleisch essen und menschliches Blut trinken?

Jesus fragt daraufhin die Jünger direkt: „Ärgert euch dies?“ Hier lesen wir im Grundtext skandali,zei skandalizei. Dies Wort bedeutet im Griechischen: in eine Falle zu leiten – also: leitet die Predigt zur Falle/Sünde? Doch sind es nicht die harten Worte von Jesus, sondern die harten Herzen, die diese Jünger bewegen die Jesusnachfolge aufzugeben? Der tiefere Sinn der Worte erschließt sich nur wenigen – das buchstäbliche Verständnis ist in der Tat entsetzlich. Ein geistliches Verständnis seiner Worte gibt das Leben – das rein materielle Denken führt in eine Falle (Joh 6,63). Viele verlassen Jesus! Sie sind noch nicht fit für das angebrochene Königreich Gottes. Die Massen gehen – auch viele vom erweiterten Jüngerkreis.

Jesus fragt seine Jünger: „Wollt ihr etwa auch weggehen?“ Aus der Art der Fragestellung können wir schon entnehmen, dass er eine negative Antwort erwartet. Aber die Frage gilt: Wollt ihr Jünger bleiben? Wieder ist es Simon Petrus, der als Sprecher der Zwölf diesmal die äußerst bemerkenswerte prägnante Antwort gibt: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist“ (Joh 6,68.69). Wir Menschen brauchen jemanden, zu dem wir gehen können, jemand der Worte des Lebens hat. Was für ein einzigartiges Bekenntnis: Jesus gehört zu Gott, er ist ausgesondert der Christus zu sein. Jesus weiß allerdings auch, dass sich nicht alle Jünger diesem Bekenntnis des Petrus anschließen. Er gibt hier einen versteckten und warnenden Hinweis auf den Verräter im Jüngerkreis. Einer ist ein dia,bolo,j diabolos Verleumder. Der Evangelist Johannes, der ja so viele Jahre später diesen Bericht niederschreibt, erklärt seinen Lesern, dass Jesus damit den Jünger Judas Iskariot meint. Zwar berichtet uns der Evangelist Johannes keine Reaktion auf diesen Hinweis, aber es treffen wohl alle Zwölf die Entscheidung Jesus weiter zu folgen.

 

Fragen:

  1. Wie verstehen und empfinden wir die Hinweise auf Blut und Fleisch?

 

  1. Was empfinden wir in der Jesusnachfolge als Skandal? Was ist für uns schwierig?

 

  1. Was empfinden Menschen die weggehen und was Jünger die bleiben?

 

  1. Was können wir nach Jahren der Jesusnachfolge rückblickend sagen? Hat es sich gelohnt?

 

  1. Was empfinden wir beim Gedanken, dass ein „schwarzes Schaf“ im Kreis lange geduldet wird?

 

7.10. Jesus bezieht Stellung zu den Reinheitsvorschriften im Judentum

(Mt 15,1-20; Mk 7,1-23)

 

In der Zeit zwischen der bedeutenden Rede von Jesus in der Synagoge zu Kapernaum und dem Ausflug nach Syro-Phönizien, berichtet sowohl Matthäus als auch Markus, dass eine wichtige Diskussion mit den religiösen Leitern des Landes stattfand. Dies kann sich in oder in der Umgebung von Kapernaum ereignet haben. Der Anklagepunkt hat zum Inhalt: die Jünger von Jesus missachten die Reinigungsvorschriften der Ältesten. Der konkrete Punkt ist die rituelle Waschung der Hände vor dem Essen. Pharisäer und einige Schriftgelehrte sind aus Jerusalem angereist, möglicherweise wurden sie von den amtierenden Ältesten des Hohen Rats[154] gesandt. In diesem Fall haben sie die Jünger von Jesus beim Essen, bzw. vor dem Essen genau beobachtet und bemerkt, dass einige ihre Hände nicht gewaschen hatten. Prompt stellen sie die Frage an Jesus: „Warum übertreten deine Jünger die Überlieferungen der Ältesten; denn sie waschen ihre Hände nicht wenn sie Brot essen.“ In Kap 7,3-4 fügt Markus noch einige Details zu den Reinigungsvorschriften der Ältesten an. Wenn die Juden vom Einkaufen nach Hause kommen, waschen sie mit einer Hand voll Wasser ihre Hände vor dem Essen. Auch achteten sie sorgfältig darauf, ihre Trinkgefäße, Kessel und Tonkrüge zu waschen (Vgl. Mt 23,25).

Jesus nennt die Pharisäer „Heuchler“ (Schauspieler), weil er ihr Herz sieht und weiß, was sie denken und aus welchem Grund sie seine Jünger anklagen. Seine Antwort, die er mit einem Jesajazitat belegt, macht dies deutlich: „Dies Volk ehrt mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote“ (Jes 29,13).

Jesus hat sicherlich nichts gegen persönliche Hygiene[155] einzuwenden, er will nur deutlich machen, dass durch die penible (legalistische – gesetzliche) Einhaltung dieser Äußerlichen Verordnungen, die viel wichtigeren Gebote Gottes in den Hintergrund treten. Durch die einseitige Überbetonung, kann die Absicht der Gebote Gottes falsch verstanden und sogar verdreht werden, wie das nächste Beispiel von Jesus zeigt.

Ihr verlasst Gottes Gebot und haltet der Menschen Satzungen“. Und er sprach zu ihnen: „Wie fein hebt ihr Gottes Gebot auf, damit ihr eure Satzungen aufrichtet! Denn Mose hat gesagt (2Mo 20,12; 21,17): »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban – das heißt: Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht -, so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter und hebt so Gottes Wort auf durch eure Satzungen, die ihr überliefert habt; und dergleichen tut ihr viel“ (Mk 7,10-13).

Jesus will das Denken und die Praxis der Pharisäer korrigieren, und dabei verweist er sie auf alttestamentliche Schriftzitate. Werden sie sich belehren lassen? Es scheint nicht der Fall zu sein, deshalb wendet sich Jesus an das Volk und erklärt ihnen: Was in den Mund eingeht, geht in den Bauch und wird nach natürlichen Prozessen wieder ausgeschieden. Damit erklärte er auch alle Speisen für rein (Mk 7,19b vgl. 1Tim 4,4; Kol 2,16; Hebr 9,10).

Jesus geht insbesondere auf die Frage seiner Jünger ein, denn auch sie hatten den Kern der Aussage nicht verstanden. Es geht um das verdorbene Herz des Menschen, aus dem viele böse Dinge herauskommen und den Menschen unrein machen. Die Liste bei Markus ist lang und wird von Matthäus noch ergänzt:

  • böse Gedanken,  (auch bei Mt)
  • Unzucht, (auch bei Mt)
  • Diebstahl, (auch bei Mt)
  • Mord, (auch bei Mt)
  • Ehebruch, (auch bei Mt)
  • Habgier,
  • Bosheit,
  • Arglist,
  • Ausschweifung,
  • Missgunst, (wörtlich – böses Auge)
  • Lästerung, (auch bei Mt)
  • Hochmut,
  • Unvernunft.
  • Falsches Zeugnis (nur bei Mt)

Alle diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein“ (Mk 7,21-23;  Mt 15, 19-20).

 

Fragen:

  1. Hat Jesus etwas gegen körperliche Reinheit oder Körperpflege?

 

 

  1. Wie ist die Motivation der Pharisäer und Schriftgelehrter bei ihrer Fragestellung einzuschätzen?

 

 

  1. Warum reagiert Jesus mit solch einer Schärfe? In welchen Situationen ist Klarheit und Eindeutigkeit heute gefragt?

 

 

  1. Wie ist es zu erklären, dass im Herzen des Menschen so viele böse Dinge verborgen sind?

 

 

  1. Sind durch die Aussage von Jesus (damit erklärte er alle Speisen für rein) die alttestamentlichen Speisevorschriften aufgehoben? Wie wurde dieser Bereich in der neutestamentlichen Gemeinde geregelt?

 

 

7.11. Jesus heilt die Tochter einer griechischen Frau bei Tyrus

(Mt 15,21-28; Mk 7,24-31)

 

Jesus sucht sich für eine Klausur mit seinen Jüngern bemerkenswerter Weise das benachbarte Syro-Phönizien aus (die Gegend bei Tyrus und Sidon im Südwesten des heutigen Libanon). Jesus selbst beschließt Galiläa zu verlassen, ohne dass ihn ein Nichtjude darum bittet. Jesus sucht die Abgeschiedenheit – doch selbst dort ist es nicht möglich unerkannt zu bleiben (Mk 7,24). So mancher alttestamentliche Bericht hat seine Parallele im Neuen Testament. Im Alten Testament lesen wir, dass Menschen den Propheten eine Not vortrugen und sich trotz eines Neins nicht wegschicken ließen. Manche erlebten, wie ihre Bitten erhört wurden. Hier sind besonders die Frauen aus Sidon (1Kön 17,18-19) und Schunem (2Kön 4,28) zu nennen, die die Propheten Elia und Elisa zu Gast hatten und eine Wende in ihrer großen Not erlebten, indem sie ihre Kinder wiederbekamen.

Eine kanaanäische Frau aus jener Gegend schreit immer wieder[156] aus größter Not Jesus nach und bittet um die Heilung/Befreiung für ihre Tochter, die von einem bösen Geist geplagt wird. Die Evangelisten nennen hier keine Details – ebenso keine Details von der Heilung. Kanaanäer waren im Alten Testament die Feinde des Volkes Gottes. Viele Kanaanäer hatten sich in Phönizien niedergelassen. Indem der Evangelist Matthäus die Frau, als kanaanäische Frau bezeichnet, nimmt er bewusst rassistische Vorurteile strenger Juden in Kauf. Da die Frau Jesus jedoch ehrfurchtsvoll als Herrn und Sohn Davids und damit als Messias anerkennt, wird offenbar, dass der Evangelist Matthäus in seinem literarischen Kontext (siehe Mt 15,1-20) diese Frau den Juden als vorbildliche Gläubige darstellen möchte. Markus bezeichnet die Frau als eine Griechin, die von Geburt her aus dem syro-phönizischen Kulturkreis stammt. Jesus gibt ihr zunächst keine Antwort. Für die Jünger war das Schreien eine nicht auszuhaltende Störung, deshalb bitten sie Jesus diese Frau zu entlassen. Ob die Jünger mit dem ´entlassen´ meinten, dass Jesus doch endlich ihrer Bitte entspäche? Die Antwort von Jesus ließe solch eine Deitung zumindest zu: „Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Mt 15,24). Doch Jesus macht Ausnahmen:

  • Er führt ein langes evangelistisches Gespräch mit einer Samariterin (Joh 4,1-42) was zu einer Öffnung des ganzen Ortes führt.
  • Er heilt den gelähmten Burschen eines römischen Hauptmanns, wobei der Glaube dieses Römers hervorgehoben wird (Mt 8,5-13)
  • Jesus wirkt und heilt im Bereich der Dekapolis (Mk 7,31-37)

Der Hinweis von Jesus schließt die spätere Mission bis an die Enden der Erde nicht aus. Doch es gibt eine bestimmte Reihenfolge in der Ausbreitung der Heilsbotschaft. Der Knecht Gottes in Jes 53,6-8 leidet für die verlorenen Schafe seines Volkes (vgl. 40,11), doch sein Leiden und Sterben gilt allen Menschen (Jes 42,6; 49,6-7).

Auch wenn die Worte harsch und unhöflich klingen – immerhin spricht Jesus mit ihr. Die Frau wirft sich zu den Füßen von Jesus nieder und spricht die kurze Bitte aus: „Herr, hilf mir!“ Ihre große Mutterliebe zu ihrer Tochter wird damit allen Umstehenden überdeutlich vor Augen geführt. Die Belastung der Tochter und die Not der Mutter sind eins! Jesus fährt fort mit dem Hinweis: „Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hündchen hinzuwerfen.“ Gemeint sind hier nicht die Straßenhunde, sondern eher mit der Verniedlichungsform das Schoßhündchen im Haus. Immerhin schwingt hier die Vorstellung mit, dass Griechen von den Frommen Israels gerne als Hunde bezeichnet wurden.[157]

Wir fragen uns hier natürlich, warum hilft Jesus nicht sofort? Warum muss die Frau solange warten? Oft wurde daraufhin gewiesen, dass Jesus ihren Glauben prüfen wollte. Schien es nicht oft so, dass Gott im Alten Testament oder Jesus im Neuen Testament zu spät kam?

  • Isaak wurde beinahe durch Abraham geopfert 1Mo 22,1-19.
  • Die Tochter des Jairus verstarb, während Jesus auf dem Weg zu ihr war Mk 5,35).
  • Ging Jesus nicht scheinbar unberührt an den beiden blinden Hilferufenden vorbei (Mt 9,27-29).
  • Ließ er nicht auch die zwei Schwestern von Lazarus warten, bis deren Bruder gestorben war (Joh 11,7)?

Auf der anderen Seite, wird uns kein Fall im Neuen Testament berichtet, in dem Jesus einer in tiefer Not geäußerten Bitte nicht nachkam. In diesem Fall ist es die Frau, die ihren tiefen Glauben (Vertrauen) trotz widriger Umstände ausdrückt.

Der Glaube der Frau besteht in ihrer schlagfertigen, optimistischen, aber dennoch demütigen Art, in einer eigentlich negativen Antwort einen Hoffungsschimmer für sich zu entdecken. Es sind die unter den Tisch fallenden Krumen/Brotkrümel auf die sie ihre Hoffnung bezieht. Das Brot reicht für alle am Tisch und sogar für die Hündchen. Die Frau hat keine Scheu, wenn sie schon nicht zu den Kindern am Tisch gerechnet werden darf, sich dann wenigstens zu den Hündchen unter dem Tisch zu rechnen. Sie geht davon aus, dass der Hausherr selbst das Hündchen unter dem Tisch gut versorgen wird. Sie nimmt diese eigentlich diskriminierende Stellung in Kauf, da sie darin Hoffnung auf die Heilung ihrer Tochter hat. So dreht diese Frau die peinliche Ablehnung ihrer Bitte in einen freudigen Sieg ihres Glaubens um. Zu ihrem momentanen Glauben kommt Ausdauer und ihr Durchhaltevermögen!

An dieser Stelle bricht aus dem scheinbaren kühlen Jesus tiefe göttliche Liebe hervor. Mit einer tiefen Anerkennung ruft er aus: „Oh, Frau!“ Wie damals beim Hauptmann von Kapernaum (Mt 8,10.11) preist Jesus den Glauben der Heiden. So bekommen Mutter und Tochter ihren tiefen Wunsch erfüllt: die vollständige und bleibende Heilung/Befreiung aus der Distanz.

 

Fragen:

  1. Warum sucht Jesus eine Auszeit? Ist dies ein Hinweis für uns heute?

 

  1. Wie bewerten wir Ruhestörungen?

 

  1. Warum antwortet Jesus damals und heute nicht immer sofort auf dringende Bitten? Wie gehen wir mit Wartezeiten um?

 

  1. Woraus dürfen wir Hoffnung schöpfen?

 

  1. Wie können wir Ausdauer im Gebet üben?

 

  1. Welche Botschaft steckt in der Annahme der Position des Hündchens durch die Frau?

 

  1. Warum preist Jesus besonders den Glauben von Nichtjuden?

7.12. Jesus heilt einen Taubstummen im Gebiet der Dekapolis

(Mk 7,31-37)

 

Und wieder verlässt er die Gegend von Tyrus und kommt über Sidon an den See von Galiläa inmitten des Gebiets der Zehnstädte“ (Mk 7,31).

Nach dem Aufenthalt in der Gegend von Tyrus, macht sich Jesus auf und reist über die etwa 27km nördlich gelegene Stadt Sidon zurück an das Galiläische Meer und zwar in die Mitte des Zehnstädtegebiets, welches an das Ostufer des Sees grenzte. Dies war eine mehrtägige Reise, bei der Jesus viel Zeit für seine Jünger hatte. Eine war eine Strecke (Luftlinie) von ca.130km – im Straßenverlauf allerdings könnte es fast das Doppelte gewesen sein. Es ist das letzte laufende Dienstjahr von Jesus (etwa Frühsommer-Mai 32 n. Chr.). Er sucht die Einöde, die Stille, meidet nach Möglichkeit bekannte Städte und Orte, geht immer öfters ins benachbarte Ausland.[158]

Im Zehnstädtegebiet ist Jesus nicht zum ersten Mal. In der Anfangszeit machte er schon mal einen Ausflug über den See und heilte zwei von Dämonen besessene Gerasener (Mt 8,28-34). Auf die Bitte der Einwohner verließ er damals recht schnell wieder jene Gegend. Doch durch das Zeugnis der beiden Freigewordenen wurde Jesus in dem gesamten Gebiet bekannt. Mit dem erneuten Besuch von Jesus, bekommen nun diese Menschen eine zweite Chance. Matthäus ergänzt, dass Jesus auf einen Berg gegangen war und sich dort setzte (Mt 15,29). Recht bald hat es sich herumgesprochen, dass der Prophet aus Israel wieder da ist.

Der Evangelist Markus berichtet uns von der Heilung eines Taubstummen Mannes. Diese Begebenheit wird oft und leicht übersehen, weil gleich im Anschluss die offensichtlich bekanntere Speisung der Viertausend berichtet wird.

Um so mehr erstaunt es uns, dass Jesus sich Zeit für einen Einzelnen und dessen Not nimmt. Markus schreibt: „Und sie bringen zu ihm einen Taubstummen und bitten ihn, damit er ihm die Hand auflege“ (Mk 7,32). Der Gehör- und Sprachbehinderte kann nicht für sich selbst reden, er hätte auch keine Antwort gehört und so finden sich Menschen, die ihn zu Jesus bringen und für ihn Fürbitte tun. Inzwischen kommen immer mehr Menschen zusammen. Da jedoch die Befreuung/Heilung der zwei Besessenen am Ostufer in der Gegend der Gadarener, sich weit herumgesprochen hatte, ist es kein Wunder, dass nun viele Menschen ihre Abneigung gegenüber Jesus in Zuneigung und Staunen verändert haben. Was Jesus hier tut ist ungewöhnlich, er geht mit diesen Menschen allein zur Seite. Steckt seine Finger in die Ohren und berührt mit Speichel die Zunge des Behinderten, sieht auf gen Himmel, seufzt und spricht: „hefata“, das heißt: „tu` dich auf“! „Und sofort öffneten sich sein Gehör und die Bande der Zunge löste sich und er redete richtig“ (Mk 7,34-35).

Wir bemerken das einfühlsame Vorgehen von Jesus bei dieser Heilung. Danach untersagt Jesus dem Geheilten und seinen Begleitern jede Art von Werbung oder Publizität, – natürlich vergeblich, denn sie konnten nicht schweigen – schon gar nicht der Geheilte. Endlich kann er sprechen und zwar vollkommen richtig. Er muss also nicht erst das Sprechen lernen wie ein Kind, sondern ist sofort imstande richtige Sätze zu bilden und zu formulieren.

Gott wurde die Ehre gegeben, indem die Menschen sagten: Er hat alles wohl gemacht, die Tauben macht er hörend, die Sprachlosen redend. Dieser letzte Satz ist auf folgendem Hintergrund zu sehen. Matthäus berichtet von vielen Heilungen an demselben Ort, bevor er die Speisung der 4000 erzählt. Mt 15,30-31:„Und es kam eine große Menge zu ihm; die hatten bei sich Gelähmte, Verkrüppelte, Blinde, Stumme und viele andere Kranke und legten sie Jesus vor die Füße, und er heilte sie, so dass sich das Volk verwunderte, als sie sahen, dass die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Gelähmten gingen, die Blinden sahen; und sie priesen den Gott Israels.“

Der letzte Satz unterstreicht zusätzlich, dass es sich hier um nichtjüdische Menschen handelte. Es ist wie so oft, hier bei den Fremden bekommt Jesus mehr Anerkennung und Annahme, als bei den Seinen. Hierzu passt die prophetische Aussage des Jesaja (Jes 42,1-4), welche Jesus schon früher zitierte (Mt 12,18-21): »Siehe, das ist mein Knecht, den ich erwählt habe, und mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Er wird nicht streiten noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen; das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Recht hinausführt zum Sieg; und die Heiden werden auf seinen Namen hoffen.« So wird schon zu Lebzeiten von Jesus das Heil unter den Heiden verkündigt und Heiden beginnen auf den Namen des Herrn zu hoffen und zu vertrauen.

 

Fragen:

  1. Skizziere die Reiseroute von Jesus.

 

 

  1. Wie kann man die Tatsache erklären, dass Jesus öfters ins benachbarte Ausland geht?

 

 

  1. Wie ist es zu erklären, dass schon kurz nach der Ankunft von Jesus im Zehnstädtegebiet so viele Menschen ihn aufsuchten? Welche Vorgeschichten sind dir bekannt?

 

 

  1. Erzähle diese besondere Heilungsgeschichte mit den Ergänzungen von Matthäus. Wo sind heute die Menschen, welche Kranke und in Notgeratene zu Jesus bringen?

 

 

  1. Wie drückten die Menschen ihre Anerkennung aus?

 

 

  1. Können wir schon hier den Beginn der Erfüllung der Jesajaprophetie (Jes 42,1-4; Mt 12,18-21) sehen?

7.13. Jesus speist die 4000 im Gebiet der Dekapolis

(Mt 15,29-39; Mt 16,9.10; Mk 8,1-9; Mk 8,18-21)

 

Nach dem Aufenthalt in der Gegend von Tyrus und Sidon folgt eine lange Reise quer durch das nördliche Galiläa an das Ostufer des Sees Gennesaret. Die Orts- und Zeitangaben der Evangelisten sind vage. Wir nehmen an, dass Jesus sich im weniger besiedelten Gebiet im Bereich der Dekapolis (Gebiet der Zehn-Städte) aufhält (Mt 15,33; Mk 8,4). Jesus weiß um seinen  Auftrag für das Volk Israel. Doch in dieser Phase seines Dienstes nimmt er bewusst die heidnische Bevölkerung ins Auge. Nach seiner Ankunft steigt Jesus auf einen Berg und setzt sich. Die Nachricht über seine Anwesenheit breitet sich rasch im Gebiet der Dekapolis aus. Wieder strömen die Menschenmassen mit unterschiedlichsten Nöten zu ihm. Jesus heilt die Kranken, die sich ihm zu Füßen werfen. Heilungen dieser Art und in solcher Zahl sind damals wie heute etwas Außergewöhnliches und führen ins Staunen. Diese Art der Zusammenfassung durch den Evangelisten Matthäus erinnert an Jes 35,5-6:

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jauchzen wird die Zunge des Stummen. Denn in der Wüste brechen Wasser hervor und Bäche in der Steppe“

und Jes 29,18.19.23:

An jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Demütigen werden mehr Freude im HERRN haben, und die Armen unter den Menschen werden jubeln über den Heiligen Israels. Denn wenn er, wenn seine Kinder das Werk meiner Hände in seiner Mitte sehen, werden sie meinen Namen heiligen; und sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.“

 

Das erste Speisungswunder sollte kein Einzelfall bleiben. Jesus ist vielmehr imstande, es jederzeit zu wiederholen (Keener 1998, 129). Menschen in Not berühren Jesus – besonders wenn sie in großer Zahl zu ihm strömen (Mt 9,36; 14,14; 20,34). Jesus möchte das auch seine Nachfolger sich in ihren Herzen berühren lassen (Mt 14,16.18.19; Joh 6,5). So findet eine Unterweisung mitten im arbeitsreichen Alltag statt. Die Menschen, zu denen Jesus diesmal drei Tage lang spricht sind vorwiegend Heiden. Sie wollen jedes Wort hören – jede Heilung sehen – da bleibt man gerne!

Als die Nahrungsmittelvorräte aufgebraucht sind, erkennt Jesus, dass die Masse nicht mehr in der Lage sein wird den Weg zu den nächsten Einkaufsmöglichkeiten zurückzulegen. In vertrauter Weise bespricht Jesus diese Not mit seinen Jüngern. Diese wissen keinen Ausweg aus dieser Lage – denn woher sollen sie an diesem einsamen Flecken Nahrung für Tausende beschaffen. Wieder mal wird unser „Unmöglich“ zum Anfang des wunderbaren Eingreifens von Jesus. Doch die Jünger müssen das bringen, was vorhanden ist – zusammen mit der göttlichen Kraft kann vielen geholfen werden. Dies bezeichnen Theologen als den göttlichen Synergismus. Gottes unendliche Kraft und Weisheit bindet die menschlichen Möglichkeiten mit ein. Diesmal sind es sieben Brote und wenige kleine Fische (Mt 15,34) bzw. einige kleine Fische (Mk 8,7). Wie viel wir Menschen Gott bringen ist nicht ausschlaggebend für den Segen den er wirken kann. Ob fünf oder sieben Brote – Jesus kann damit mehr als 5000 oder 4000 Menschen sättigen. Wieder möchte Jesus, dass sich die Masse in Gruppen organisiert und dann auf der Erde niederläßt. Entsprechend der vorangeschrittenen Jahreszeit, kann man jetzt nicht mehr von Gras reden, auf dem man sich ausbreiten kann – dies ist wahrscheinlich schon wieder verdorrt. Jesus segnet die Speise in der Art des jüdischen Hausvaters. Dieses Gebet ist ein Segen über die Speisen, aber auch ein Dank, der meist zu Beginn der Mahlzeit an Gott gerichtet wird. Und du wirst essen und satt werden, und du sollst den HERRN, deinen Gott, für das gute Land preisen, das er dir gegeben hat“ (5Mo 8,10). Danach lesen wir nur noch wie ständig alle mit dem Geben beschäftigt sind. Die griechische Verbform unterstreicht dieses ständig wiederholte Geben. Alle werden an diesem Tag satt – Brot und Fisch scheinen so wie immer sehr gut geschmeckt zu haben. Die Reste werden in 7 großen Körben eingesammelt. Im Gegensatz zu Mt 14,20-21 sind es nicht Handkörbe (ko,finoj kophinos), sondern große für die Gegend typische Körbe spuri,j spyris in der später in Damaskus Paulus in großer Not an der Stadtmauer heruntergelassen wurde (Apg 9,25).

Nach dieser Speisung verabschiedet sich Jesus recht rasch. Ob er eine Wiederholung der Reaktion der Massen verhindern wollte? Jesus hat kein Interesse nochmals zum König der Hungrigen gekürt zu werden. Der Evangelist Matthäus beschreibt seine Abreise mit dem Boot nach Magadan dem Heimatort von Maria Magdalena. Es wurde mit Taricheä  identifiziert, einem Fischerstädtchen. Markus nennt als Ziel der Bootsreise Dalmanuta am Westufer des Sees. Südlich der Ebene Gennesaret ist eine Höhle mit dem traditionellen Namen Talmanutha bekannt.

 

Fragen:

  1. Wie beurteilen wir (Massen-) Heilungen damals wie heute?

 

 

  1. Wie steht es mit dem Glauben der Einzelnen? Welche Erkenntnis war zu einer erfahrenen Heilung notwendig?

 

 

  1. Was darf heute unser Herz berühren? Welche Not ist zeitlich – welche ewig?

 

 

  1. Wie kann Jüngerschaft heute praktisch eingeübt werden?

 

 

  1. Was können wir Jesus bringen – was kann er daraus machen? Werden unsere Mitmenschen es dankbar annehmen?

 

 

  1. Wie halten wir es mit dem Tischgebet?

 

 

  1. Sind wir unzufrieden, wenn wir im Gemeindeleben ständig mit dem Geben beschäftigt sind?

 

 

  1. Wie ist es mit dem Danken, den Ehrenbeweisungen nach guten Erfolgen?

7.14 Die Pharisäer und Sadduzäer fordern ein Zeichen von Jesus

(Mt 16,1-4; Mk 8,10-13)

 

  1. Nur das Zeichen des Jona

 

  • Und die Pharisäer1 und Sadduzäer kamen herbei; und um ihn zu versuchen, baten sie ihn, er möge ihnen ein Zeichen aus dem Himmel zeigen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Wenn es Abend geworden ist, so sagt ihr: Heiteres Wetter, denn der Himmel ist feuerrot; und frühmorgens: Heute stürmisches Wetter, denn der Himmel ist feuerrot und trübe. Das Aussehen des Himmels wisst ihr zwar zu beurteilen3, aber die Zeichen der Zeiten könnt ihr nicht beurteilen. Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt nach einem Zeichen; und kein Zeichen wird ihm gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas. Und er verließ sie und ging weg“ (Mt 16,1-4).

 

Nach der Überfahrt über den See Genezaret, kommen Jesus und seine Jünger in der Gegend von Magadan[159] (nach Markus Dalmanutha) an. Diese Ortschaft, bzw. Gegend liegt am Westufer des Sees Genezaret. Da man mit den Fischerbooten überall an Land gehen konnte und Jesus zu dieser Zeit Städte mied, ist es verständlich, dass er außerhalb dieser Ortschaft an Land ging. Dennoch blieb seine Ankunft nicht unbemerkt.

Dort entfachen Pharisäer und Sadduzäer eine Diskussion mit Jesus und fordern, wie schon bei einer anderen Gelegenheit (Mt 12,38ff ;  Lk 11,29-30) ein Zeichen vom Himmel.

Woran denken sie?

  • Etwa an das Manna in der Wüste (2Mose 16,31)?
  • An den Donner und Regen zur Zeit der Weizenernte unter Samuel (1Sam 12,1)
  • An das Feuer vom Himmel durch Elia (1Kön 18,38)?

Markus vermerkt, dass Jesus in seinem Geist aufseufzt (Mk 8,12). Er durchschaut sie, denn es ging ihnen nicht um ehrliches Suchen und erkennen wer Jesus ist, sondern sie suchten einen Anknüpfungspunkt und eine Ursache, ihn in eine Falle zu locken (Mk 8,11).

Nach Matthäus weißt Jesus sie auf die Zeichen der Natur im Bereich der Wettervorhersage hin.[160] Die Zeichen der Zeit, auf die Jesus die Pharisäer hinweist, sind offensichtlich in seiner Person und seinem sichtbaren und wahrnehmbaren Dienst deutlich zu erkennen. Das Reich Gottes ist angebrochen und die Zeichen dafür sind offensichtlich. Den griechischen Zeitbegriff, welchen Jesus hier gebraucht ist nicht „chronos“, sondern „kairos“, was auf den Inhalt hinweist, also wie die Zeit ist oder womit diese Zeit ausgefüllt ist. Gott wendet sich seinem Volk offensichtlich in sehr unterschiedlicher Weise zu:

  • durch Heilungen,
  • durch Wunderkräfte,
  • durch Befreiungen aus der Gewalt böser Mächte,
  • durch Totenauferweckungen,
  • durch vollmächtige Verkündigung.

Doch niemals lässt sich Jesus herausfordern. Niemals befriedigt er die Neugier der Menschen und er lässt sich schon gar nicht von Gegnern missbrauchen. Stattdessen deckt er den Grund der Herzen seiner Herausforderer auf. Er meint ihre Heuchelei, ihre Boshaftigkeit und ihren Unglauben, wenn er sagt: „Dies böse und ehebrecherische Geschlecht (gr. γενέα – genea) sucht ein Zeichen und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, als nur das Zeichen des Propheten Jona“.

Nach Matthäus erklärt Jesus noch, was er unter dem Zeichen des Jona verstanden haben will, nämlich seinen Tod, sein Begräbnis und seine Auferstehung nach drei Tagen (Mt 16,4; 12,39-40; Lk 11,30). Hätten die Pharisäer damals genauer hingehört, hätten sie den göttlichen Plan mit seinem Messias aus der alttestamentlichen Geschichte erkennen können.

Hier wird auch deutlich, wie Jesus die Geschichte oder Teile der Geschichte Israels interpretiert und anwendet. Mit dem „bösen und ehebrecherischen Geschlecht ist nicht das gesamte Volk oder ein einzelner Stamm gemeint, sondern der ungläubige Teil des Volkes mit ihren Führern. Auch beschränkt sich die Aussage von Jesus nicht allein auf jene Menschen, die vordergründig vor ihm standen, sondern diese Bezeichnung umfasst alle Gegner zu allen Zeiten, die sich in gleicher Opposition zur der Gnade Gottes befinden und bewusst Jesus ablehnen. Die Haltung und Position der Pharisäer und Sadduzäer gegen Jesus steht im krassen Gegensatz zu der Haltung der Menschen im Zehnstädtegebiet, wo Jesus sich am Vortag aufhielt (Mt 15,31). Die Bemerkung des Markus: „Und er ließ sie stehen, stieg wieder ein und fuhr an das jenseitige Ufer“ (Mk 8,13), unterstreicht auch, dass Jesus manchmal mit seinen Kritikern nicht gerade zimperlich umging

Auch heute sind die Neugier und das Begehren nach Wundern und Zeichen bei vielen Menschen größer als die Bereitschaft kindlich zu glauben.

 

Fragen:

  1. Warum erwarten die Pharisäer und Sadduzäer ein Zeichen vom Himmel, was bewegt sie und an was denken sie?

 

  1. Wie empfindet Jesus und warum lässt er sich nicht auf die Forderung und Versuchung der Pharisäer ein?

 

 

  1. Welches einzige Zeichen gewährt Jesus seinen Gegnern?

 

 

  1. Auf was oder wen deutet das Zeichen des Jona hin?

 

  1. Was meint Jesus mit dem Ausdruck „Dieses böse und ehebrecherische Geschlecht?

 

  1. Jesus warnt vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer

 

  • Und er verließ sie und stieg wieder in das Boot und fuhr hinüber über den See an das jenseitige Ufer, nach Betsaida“ ().

Unterwegs greift Jesus das Thema wieder auf und fordert seine Jünger heraus, sich vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer zu hüten (Markus ergänzt noch: „hütet euch vor dem Sauerteig des Herodes“ Mk 8,15). Einige Male bezog sich Jesus auf Herodes und bewertete damit dessen Charakter und Lebensweise. Diese Bewertung fiel leider immer negativ aus.

Die Jünger sind jedoch so sehr mit den Gedanken an Brot beschäftigt, dass sie die Bildrede von Jesus nicht verstehen. Sie hatten nämlich nur ein einziges Brot mit sich im Boot und dachten, dass Jesus sie auf ihre Nachlässigkeit oder Sorglosigkeit anspricht. Einige Male hatten sie nicht ausreichend Proviant mit sich und daher allein bei dem Wort „Brot“ schalteten sie schon ab und machten sich weiter keine Gedanken über den tiefen Sinn der Bildrede ihres Meisters.

Etwas vorwurfsvoll fragt Jesus sie, ob sie sich noch erinnern können an die zwei wunderbaren Speisungen? Und er wiederholt diese Erfahrungen in Kurzfassung (Mk 8,19-20). Ja, das wussten sie noch und so erklärt Jesus ihnen mit Geduld den wichtigen Sachverhalt seiner Bildrede. Unter dem Sauerteig[161] versteht Jesus in diesem Zusammenhang die Lehren und die Heuchelei der Pharisäer und Sadduzäer, ebenso die heuchlerische oder scheinheilige Lebensweise von Herodes (Lk 12,1; 13,32). Die Heuchelei, griechisch u`po,krisij- hypokrisis hat mit „richten“ zu tun und zwar mit verdecktem Richten oder Urteilen:

  • nicht das wahre Gesicht zeigen, nur eine Rolle spielen, schauspielern
  • als Scheinheiliger sein Gesicht verstellen,
  • auf andere zeigen, um von sich abzulenken,
  • von anderen fordern, es selber aber nicht tun,
  • andere verurteilen, um sich zu rechtfertigen, oder ins bessere Licht zu stellen.

 

Diese Verhaltensweise zeichnete manche Pharisäer und Sadduzäer aus, bei manchen ist es zum Lebensstil geworden. Daher deckt Jesus diese Sünde schonungslos auf und warnt seine Jünger eindringlich davor.

Nun verwendet Jesus das Bild vom Sauerteig, weil es die Wirkung solch einer Lebensweise sehr deutlich macht. Der Wert der bildhaften Rede liegt auch noch in der Dauerhaftigkeit der Erinnerung, sobald man mit diesem Bild (Sauerteig/Brot) konfrontiert wird, erinnert man sich sofort an den Inhalt und die damit verbundene Wahrheit. So nutzt Jesus jene Bootsfahrt zur Reflexion der vorangegangenen Auseinandersetzung mit den Pharisäern und zugleich zur Stärkung des Glaubens seiner Jünger.

Merke: Mit Jesus im Boot (auch im Boot des Lebens) ist das Wenige (hier nur ein Brot) ausreichend.

 

Fragen:

  1. Warum erwarten die Pharisäer und Schriftgelehrte ein Zeichen vom Himmel, was bewegt sie und an was denken sie?

 

  1. Warum lässt sich Jesus nicht auf die Forderung und Versuchung der Pharisäer ein?

 

 

  1. Welches einzige Zeichen gewährt Jesus seinen Kritikern?

 

 

  1. Auf was deutet das Zeichen des Jona hin?

 

  1. Was meint Jesus mit dem Ausdruck „Dieses böse und ehebrecherische Geschlecht?

 

 

  1. Jesus spricht oft in Bildern, so auch hier, er vergleicht die Lehren der Pharisäer und Sadduzäer mit einem Sauerteig. Was ist damit gemeint (Mt 23,28; Lk 12,1)?

 

 

  1. Ist das Bild vom Sauerteig immer nur negativ verwendet worden? Lies dazu 2Mose 12,15; 13,7; 1Kor 5,6-8 und vergleiche es mit Mt 13,33 und Lk 13,21.

 

 

  1. Wie weit verbreitet ist heute Heuchelei, als Lebensstil unter Christen?

 

7.14. Die Pharisäer und Sadduzäer fordern ein Zeichen von Jesus

(Mt 16,1-4; Mk 8,10-13)

 

  1. Nur das Zeichen des Jona

 

  • Und die Pharisäer1 und Sadduzäer kamen herbei; und um ihn zu versuchen, baten sie ihn, er möge ihnen ein Zeichen aus dem Himmel zeigen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Wenn es Abend geworden ist, so sagt ihr: Heiteres Wetter, denn der Himmel ist feuerrot; und frühmorgens: Heute stürmisches Wetter, denn der Himmel ist feuerrot und trübe. Das Aussehen des Himmels wisst ihr zwar zu beurteilen3, aber die Zeichen der Zeiten könnt ihr nicht beurteilen. Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht verlangt nach einem Zeichen; und kein Zeichen wird ihm gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas. Und er verließ sie und ging weg“ (Mt 16,1-4).

 

Nach der Überfahrt über den See Genezaret, kommen Jesus und seine Jünger in der Gegend von Magadan[162] (nach Markus Dalmanutha) an. Diese Ortschaft, bzw. Gegend liegt am Westufer des Sees Genezaret. Da man mit den Fischerbooten überall an Land gehen konnte und Jesus zu dieser Zeit Städte mied, ist es verständlich, dass er außerhalb dieser Ortschaft an Land ging. Dennoch blieb seine Ankunft nicht unbemerkt.

Dort entfachen Pharisäer und Sadduzäer eine Diskussion mit Jesus und fordern, wie schon bei einer anderen Gelegenheit (Mt 12,38ff ;  Lk 11,29-30) ein Zeichen vom Himmel.

Woran denken sie?

  • Etwa an das Manna in der Wüste (2Mose 16,31)?
  • An den Donner und Regen zur Zeit der Weizenernte unter Samuel (1Sam 12,1)
  • An das Feuer vom Himmel durch Elia (1Kön 18,38)?

Markus vermerkt, dass Jesus in seinem Geist aufseufzt (Mk 8,12). Er durchschaut sie, denn es ging ihnen nicht um ehrliches Suchen und erkennen wer Jesus ist, sondern sie suchten einen Anknüpfungspunkt und eine Ursache, ihn in eine Falle zu locken (Mk 8,11).

Nach Matthäus weißt Jesus sie auf die Zeichen der Natur im Bereich der Wettervorhersage hin.[163] Die Zeichen der Zeit, auf die Jesus die Pharisäer hinweist, sind offensichtlich in seiner Person und seinem sichtbar und wahrnehmbaren Dienst deutlich zu erkennen. Das Reich Gottes ist angebrochen und die Zeichen dafür sind offensichtlich. Den griechischen Zeitbegriff, welchen Jesus hier gebraucht ist nicht „chronos“, sondern „kairos“, was auf den Inhalt hinweist, also wie die Zeit ist oder womit diese Zeit ausgefüllt ist. Gott wendet sich seinem Volk offensichtlich in sehr unterschiedlicher Weise zu:

  • durch Heilungen,
  • durch Wunderkräfte,
  • durch Befreiungen aus der Gewalt böser Mächte,
  • durch Totenauferweckungen,
  • durch vollmächtige Verkündigung.

Doch niemals lässt sich Jesus herausfordern. Niemals befriedigt er die Neugier der Menschen und er lässt sich schon gar nicht von Gegnern missbrauchen. Stattdessen deckt er den Grund der Herzen seiner Herausforderer auf. Er meint ihre Heuchelei, ihre Boshaftigkeit und ihren Unglauben, wenn er sagt: „Dies böse und ehebrecherische Geschlecht (gr. γενέα – genea) sucht ein Zeichen und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden, als nur das Zeichen des Propheten Jona“.

Nach Matthäus erklärt Jesus noch, was er unter dem Zeichen des Jona verstanden haben will, nämlich seinen Tod, sein Begräbnis und seine Auferstehung nach drei Tagen (Mt 16,4; 12,39-40; Lk 11,30). Hätten die Pharisäer damals genauer hingehört, hätten sie den göttlichen Plan mit seinem Messias aus der alttestamentlichen Geschichte erkennen können.

Hier wird auch deutlich, wie Jesus die Geschichte oder Teile der Geschichte Israels interpretiert und anwendet. Mit dem „bösen und ehebrecherischen Geschlecht ist nicht das gesamte Volk oder ein einzelner Stamm gemeint, sondern der ungläubige Teil des Volkes mit ihren Führern. Auch beschränkt sich die Aussage von Jesus nicht allein auf jene Menschen, die vordergründig vor ihm standen, sondern diese Bezeichnung umfasst alle Gegner zu allen Zeiten, die sich in gleicher Opposition zur der Gnade Gottes befinden und bewusst Jesus ablehnen. Die Haltung und Position der Pharisäer und Sadduzäer gegen Jesus steht im krassen Gegensatz zu der Haltung der Menschen im Zehnstädtegebiet, wo Jesus sich am Vortag aufhielt (Mt 15,31). Die Bemerkung des Markus: „Und er ließ sie stehen, stieg wieder ein und fuhr an das jenseitige Ufer“ (Mk 8,13), unterstreicht auch, dass Jesus manchmal mit seinen Kritikern nicht gerade zimperlich umging

Auch heute sind die Neugier und das Begehren nach Wundern und Zeichen bei vielen Menschen größer als die Bereitschaft kindlich zu glauben.

 

Fragen:

  1. Warum erwarten die Pharisäer und Sadduzäer ein Zeichen vom Himmel, was bewegt sie und an was denken sie?

 

  1. Wie empfindet Jesus und warum lässt er sich nicht auf die Forderung und Versuchung der Pharisäer ein?

 

 

  1. Welches einzige Zeichen gewährt Jesus seinen Gegnern?

 

 

  1. Auf was oder wen deutet das Zeichen des Jona hin?

 

  1. Was meint Jesus mit dem Ausdruck „Dieses böse und ehebrecherische Geschlecht?

 

 

7.15. Jesus heilt einen Blinden in Bethsaida

(Mk 8,22-26)

 

Von dieser Heilung berichtet uns nur der Evangelist Markus.

Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre. Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas? Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen. Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurecht gebracht, sodass er alles scharf sehen konnte (Mk 8,22-25).

 

Als Jesus mit seinen Jüngern aus dem Boot steigt, warten auf ihn schon wieder einige Menschen. Sie bringen einen Blinden zu ihm. Klar, der Blinde kann nicht von sich aus zu Jesus kommen. Es gibt also Menschen, denen es wichtig ist, Hilflose zu unterstützen. Auch hier fällt auf, dass Jesus nicht sofort öffentlich eingreift, sondern den Behinderten an der Hand nimmt und ihn vor das Dorf hinausführt – abseits der Menge. Es ist eine ähnliche Vorgehensweise, wie bei dem Taubstummen im Bereich der Dekapolis (Mk 7,31-36). Jesus verzichtet oft ganz bewusst auf die Öffentlichkeitswirkung seiner Heilungen. Er stellt niemals seine Macht zur Schau. Wie schwer fällt es uns dagegen über unsere Erfolge zu schweigen, ja es anderen zu überlassen, darüber zu berichten oder zu schreiben.

Das Bild, wie Jesus den Blinden bei der Hand ergreift und ihn zum Dorf hinausführt, hat etwas Geheimnisvolles aber auch sehr persönliches an sich. In der Sichtweite der Menge und doch abseits trägt er Speichel auf dessen Augen (wörtlich: spuckte auf seine Augen), legt ihm die Hände auf und fragt: „Siehst du etwas?“ „Ich sehe Menschen wie Bäume umhergehen,“ antwortet der ehemals Blinde. Er sieht also zunächst alles in viel größerem Maßstab und undeutlich. Danach legt Jesus ihm wieder die Hände auf seine Augen und er kann alles richtig sehen. Nun gibt Jesus ihm eine klare Anweisung: Geh nicht in das Dorf hinein, sondern nach Hause. Seine Familie soll Gottes Zuwendung als erste erfahren. Er soll nun seinen Pflichten als Mann oder Vater neu und zuerst nachkommen. Ein Hinweis für uns, wo und wie wir mit unserem Zeugnis beginnen sollten.

 

Fragen:

  1. Wo heilt Jesus diesen Blinden?

 

 

  1. Wie verfährt Jesus hier mit der Heilung, was macht er?

 

 

  1. Warum schickt Jesus den Geheilten nach Hause?

 

 

  1. Was will Jesus vermeiden?

 

 

  1. Wie behutsam gehen wir mit unseren Gaben und Erfolgen um?

 

 

  1. Wo beginnt unser Zeugnis für Jesus?

7.16. Jesus besucht die Gegend von Cäsarea Philippi

(Mt 16,13-20; Mk 8,27-30; Lk 9,18-21)

 

Die Evangelisten berichten, dass Jesus einen besonderen Ort, bzw. eine ungewöhnliche Gegend aussucht, um dort die letzte Phase seines Dienstes einzuleiten. Er weiß, dass seine Leidenszeit gekommen ist und dass er seine Jünger darauf vorzubereiten hat. Doch muss die wichtige Frage geklärt werden: Wer ist Jesus wirklich?

Lukas vermerkt, dass Jesus sich zurückzog um zu beten (Lk 9,18). Nach Lukas erfolgte diese Aussprache nach der Speisung der 5000. Markus hat zwischen der Speisung der 5000 und dem Bekenntnis des Petrus noch eine Reihe von Ereignissen berichtet, einschließlich der Speisung der 4000. Das letzte handelt von der Heilung des Blinden in Betsaida (Mk 8,22-26). In diesem Fall geben uns die Evangelisten Matthäus und Markus die genauen geographischen Angaben zum Ort des Bekenntnisses von Petrus.

Cäsarea Philippi darf nicht mit dem am Mittelmeer gelegenen im Neuen Testament oft erwähnten Cäsarea verwechselt werden. Cäsarea Philippi liegt an der nördlichen Grenze in der Nähe der Jordanquelle im alten Stammesgebiet von Dan. Die Entfernung zum See Genezaret beträgt etwa 40 km – allerdings beträgt der Höhenunterschied 562 m, da der See Genezaret 212 m unter dem Meeresspiegel und Caesarea Philippi 350 m über dem Meeresspiegel liegt. In der Nähe der Stadt liegt eine Grotte, die dem griechischen Gott Pan geweiht ist. Dort gab es zur Zeit von Jesus in Nischen bildliche Darstellungen aus der griechischen Götterwelt. Dies Heiligtum ist an die Stelle einer früheren Verehrungsstätte des Baal getreten. Herodes hatte in der Stadt einen Tempel für den Kaiserkult bauen lassen. Der Hermon ist ein 2814 m hoher meist schneebedeckter Berg an dessen Süd- bzw. Westseite die drei Jordanquellen Hazbani, Dan und Banyas (auch Hermonfluss genannt) entspringen. Der genaue Ort des Bekenntnisses ist jedoch nicht genannt, lediglich die Gegend „bei Cäsarea Philippi“.

Nachdem Jesus durch seinen Vater in der Stille gestärkt wurde, kommt er zu der schlichten – aber zentralen Frage für alle Menschen: „Wer sagen die Leute, dass des Menschen Sohn[164] sei?“

Erste Meinung: Du bist Johannes der Täufer! Und zwar, dass Johannes von den Toten auferstanden sei (diese Meinung hat später auch Herodes Antipas übernommen).

Zweite Meinung: Du bist Elia!

Dritte Meinung: Du bist Jeremia!

Vierte Meinung: Du bist einer der alten Propheten, der auferstanden ist!

Die Jünger verschweigen hier immerhin ihrem Meister die Auffassung, dass es auch Menschen gibt, die ihn mit Beelzebub (dem obersten Dämonen) identifizieren (Mt 10,25).

Obwohl die meisten Schriftgelehrten zurzeit von Jesus der Meinung sind, dass die Zeit der Propheten vorbei sei, rechnet das Volk mit der Neubelegung der Prophetie .Wie bildet sich solch ein Gerücht?

 

  1. a) Zu Johannes dem Täufer:

Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden aus Jerusalem Priester und Leviten zu ihm sandten, damit sie ihn fragen sollten: Wer bist du? Und er bekannte und leugnete nicht, und er bekannte: Ich bin nicht der Christus. Und sie fragten ihn: Was denn? Bist du Elia? Und er sagt: Ich bin’s nicht. Bist du der Prophet? Und er antwortete: Nein. Sie sprachen nun zu ihm: Wer bist du? Damit wir Antwort geben denen, die uns gesandt haben. Was sagst du von dir selbst? Er sprach: Ich bin die «Stimme eines Rufenden in der Wüste: Macht gerade den Weg des Herrn», wie Jesaja, der Prophet, gesagt hat. Und sie waren abgesandt von den Pharisäern. Und sie fragten ihn und sprachen zu ihm: Was taufst du denn, wenn du nicht der Christus bist, noch Elia, noch der Prophet? Johannes antwortete ihnen und sprach: Ich taufe mit Wasser; mitten unter euch steht, den ihr nicht kennt, der nach mir kommt, vor dem ich nicht würdig bin, den Riemen seiner Sandale zu lösen. (Joh 1,19-27)

 

  1. b) Zu Elia:

 Siehe, ich sende euch den Propheten Elia, bevor der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare. (Mal 3,23)

 

Und die Jünger fragten ihn und sprachen: Was sagen denn die Schriftgelehrten, dass Elia zuerst kommen müsse? Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Elia kommt zwar und wird alle Dinge wiederherstellen. Ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern an ihm getan, was sie wollten. Ebenso wird auch der Sohn des Menschen von ihnen leiden. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach. (Mt 17,10-13)

 

Und er wird vor ihm hergehen in dem Geist und der Kraft des Elia, um der Väter Herzen zu bekehren zu den Kindern und Ungehorsame zur Gesinnung von Gerechten, um dem Herrn ein zugerüstetes Volk zu bereiten (Lk 1,17).

Manche der Wunder von Jesus erinnern auch an die Wunder des Propheten Elia.

 

  1. c) Zu Jeremia:

Die Bannsprüche von Jesus über die Städte Galiläas erinnern an die Verkündigung des Jeremia.

Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten: Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als euch. Und du, Kapernaum, meinst du, du werdest etwa bis zum Himmel erhöht werden? Bis zum Hades wirst du hinab gestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Doch ich sage euch: Dem Land Sodoms wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als dir. (Mt 11,20-24)

 

Flieht, ihr Söhne Benjamin, aus Jerusalem hinaus, in Tekoa stoßt ins Horn und richtet ein Signal auf über Bet-Kerem! Denn Unheil erhebt sich drohend von Norden: ein großer Zusammenbruch. Die Schöne und die Verzärtelte vernichte ich – die Tochter Zion. Über sie kommen Hirten mit ihren Herden. Sie schlagen rings um sie her Zelte auf, weiden sie ab, jeder seinen Bereich. «Heiligt einen Krieg gegen sie! Macht euch auf und lasst uns noch am Mittag hinaufziehen!» – «Wehe uns! Denn der Tag hat sich geneigt, schon strecken sich die Abendschatten.» «Macht euch auf und lasst uns in der Nacht hinaufziehen und ihre Paläste zerstören!» Denn so hat der HERR der Heerscharen gesprochen: Fällt Bäume und schüttet einen Wall gegen Jerusalem auf! Sie ist die Stadt, die heimgesucht werden soll; sie ist voll Unterdrückung in ihrem Innern (Jer 6,1-6).

Auch die Relativierung der Bedeutung des Tempels erinnert an Jeremia

Ich sage euch aber: Größeres als der Tempel ist hier. (Mt 12,6)

Und verlaßt euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies! (Jer 7,4)

 

  1. d) Zu „einer der Propheten“:

Als nun die Leute das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. (Joh 6,14).

 

Einen Propheten wie dich will ich ihnen aus der Mitte ihrer Brüder erstehen lassen. Ich will meine Worte in seinen Mund legen, und er wird zu ihnen alles reden, was ich ihm befehlen werde. (5Mo 18,18)

 

Schon vorher hatte Jesus von seinen Jüngern auf seine Frage im Boot eine Antwort gehört, kurz nachdem Petrus ins Boot zurückkehrte riefen sie: „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn“ (Mt 14,33). Schon zu Beginn bei der Taufe am Jordan sagte Andreas seinem Bruder Simon: „Wir haben den Messias gefunden, was bedeutet, den Christus“ (Joh 1,41). Auch der Samariterin stellt sich Jesus als der Christus vor (Joh 4). Doch jetzt fragt Jesus seine Nachfolger ausdrücklich nach ihrer Meinung: „Ihr aber, was sagt ihr, wer ich bin?“ (Mt 16,15). Hier geht es um eine sehr persönliche Haltung zu Jesus, die jeder Mensch finden darf. Petrus ruft hier wohl als Sprecher für alle Jünger:

Evangelist Markus: Du bist Christus![165] (Mk 8,29).

Evangelist Matthäus: Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16)

Petrus glaubt dies, seit er es von seinem Bruder Andreas am Jordan hörte (siehe Joh 1,41). Er geriet durch die enttäuschenden Umstände nicht ins Wanken. Sofort antwortet Jesus entschlossen, warmherzig und lobend: „Glückselig bist du, Simon, Bar (Sohn des) Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“ Simon wird einerseits von Jesus deutlich auf seinen irdischen Vater Jona hingewiesen, aber andererseits verdeutlicht er ihm, das ihm diese Erkenntnis der himmlische Vater offenbart hat. Nicht durch menschliches Forschen, Erkennen, Ahnen oder auf Grund irgendeiner menschlichen Tradition kann Petrus zu dieser Erkenntnis kommen – nur der Vater im Himmel kann dies einem sterblichen Menschen bis heute offenbaren. Hier fällt uns Lesern auch das liebevolle: „mein Vater“ auf – offenbart es nicht die herzliche Liebe zwischen Vater und Sohn im Rahmen der Dreieinigkeit.

Jesus fährt dann fort und sagt: „Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen“ (Mt 16,18). Die Auslegung dieses Verses fiel im Laufe der Jahrhunderte sehr unterschiedlich aus. Oft wurde darauf hingewiesen, dass Jesus Petrus und den Fels auf dem die Gemeinde gebaut wird in einen engen Zusammenhang bringt. Einmal wird im griechischen Neuen Testament das Wort petros (männlich – da der Eigenname eines Mannes) gebraucht und dann petra (weiblich – da das Wort „Fels“ im griechischen weiblich ist). Wir müssen allerdings in diesem Zusammenhang daran denken, dass Jesus aramäisch sprach – im Aramäischen wird beides Mal das gleiche Wort gebraucht Kepha. Damit sagt Jesus: Und ich sage zu dir, du bist Kepha und auf diesem kepha will ich bauen meine Gemeinde.  Hierzu wollen wir anmerken:

  • von Natur aus war Kephas = Simon Petrus sicherlich kein verlässlicher Fels – er war eher der Wackelmann
  • Jesus sieht hier nicht Petrus allein, da das Binden und Lösen in Mt 16,19 dem Petrus gesagt wird, aber in Mt 18,18 ein Auftrag an alle Jünger ist. Jesus, die anderen Jünger und auch Petrus selbst haben diese Worte nie so verstanden, dass Simon Petrus eine besondere Schlüsselstellung oder gar Schlüsselgewalt habe (Mt 18,1; 20,20-28; 1Petr 5,2-4)
  • Kephas = Simon Petrus ist nicht das eigentliche Fundament der Gemeinde, sondern Petrus steht genau wie alle anderen Jünger auf dem Grund JESUS CHRISTUS (lies 1Kor 3,11; Eph 2,20-22; Mt 7,24-29; siehe besonders auch: 1Petr 2,5-8). Petrus gehört somit zusammen mit den anderen Aposteln zum Fundament gebaut auf dem Fels bzw. mit dem Eckstein JESUS CHRISTUS. Diese erste und wichtige Schicht im Gemeindebauwerk wird auch in Apg 2,42 beschrieben.
  • Jesus sagt in diesem Zusammenhang ausdrücklich: „Ich will bauen meine Gemeinde…“ Es ist immer seine Gemeinde. Es ist nie Petrus noch ein angeblicher Nachfolger (manche meinen der Papst in Rom) der die Autorität über die Gemeinde hat.
  • Beim Durchblättern der Apg 1-12 fällt auf, dass der Name Simon über 50-mal erscheint. Er war ein nützliches Werkzeug in der Hand seines Meisters. Doch im weiteren Verlauf der Apg 13-28 wird er von Paulus abgelöst.

 

Jesus fährt fort „…und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen.“ Hades (hebr. scheol) steht hier wie in Mt 11,23 im scharfen Kontrast zu Himmel, bedeutet also Hölle. Dies ist ein Ort der in den Bildworten von Jesus mit den Begriffen: Leid und Flammen umschrieben wird. Der Begriff Hades ist hier ein Metonym, d.h. ein Begriff der für etwas Ähnliches steht = hier steht Hades natürlich für Satan und seine Legionen, die in diesem Bildwort aus den Toren der begrenzten Hölle drängen mit dem Versuch die Gemeinde zu überwältigen. Hier ist nicht die Gemeinde die von satanischen Legionen umzingelte und bedrohte Stadt, sondern die Hölle wird als umfasst und mit Toren versehen dargestellt – doch durch diese Tore darf nur hindurch, was letztlich die Gemeinde nicht überwältigt. Christus und die Gemeinde wird letztendlich siegen (Joh 16,33; Röm 16,20; Eph 6,10-13; Offb 17,14; 20,7-10).

 

Jesus gibt dann das Gebot des Bindens und Lösens und verbindet dies mit den „Schlüsseln“ (Bruce 1985, 122). Schlüssel eines königlichen oder sonst vornehmen Hauses wurden einem Verwalter oder Haushofmeister anvertraut. Früher trug er sie an seiner Schulter Dort dienten sie zugleich als Zeichen der ihm anvertrauten Autorität. Um 700 v. Chr. gab ein Spruch Gottes bekannt, dass diese Autorität im königlichen Palast von Jerusalem einem Mann namens Eljakim anvertraut werden sollte: „Ich will Schlüssel des Hauses Davids auf seine Schulter legen, dass er auftue und niemand zuschließe, dass er zuschließe und niemand auftue“ (Jes 22,22). So würde Petrus in der neuen Gemeinschaft, die Jesus bauen sollte, sozusagen der Verwalter sein. Wie wir oben erwähnten, erfüllte Petrus besonders am Pfingsttag (Apg 2,14f) und bei der Überwindung der Grenze zu den griechischen Heiden diese Schlüsselrolle (Apg 15,7)..

„Binden“ und „Lösen“ waren im rabbinischen Judentum Ausdrücke für die Festlegung von Regelungen, die bestimmte Aktivitäten (z.B. rund um die Sabbatgebote) verboten oder erlaubten. Die Vollmacht zu binden und zu lösen, die hier dem Petrus gegeben wird, erhalten wie oben erwähnt in Matthäus 18,18 alle Jünger. Auch hier bietet die Apostelgeschichte eine Illustration. Als es um Gemeindezucht ging, wurde die mündliche Zurechtweisung von Ananias und Saphira durch Petrus dramatisch vom Himmel her bestätigt (Apg 5,1-11). Durch die Verkündigung der Frohen Botschaft durch Jünger wird Sünde ans Licht gebracht und Vergebung angeboten (Joh 20,22.23). Durch den Glauben nehmen Menschen das Heil in Christus an und werden erlöst und gelöst von Bindungen und dem Sklavenleben der Sünde. Dieser Auftrag zum Binden und Lösen erstreckt sich auf Dienst wie Heilung und Befreiung von bösen, unreinen Geistern. Paulus und seinem Missionsteam besaßen die Vollmacht des Lösens und Bindens (Apg 13,6ff; 16,18). Aufgrund dieses Auftrages dürfen auch Jesusnachfolger heute mutig die Macht der Finsternis binden und durch Zuspruch des Wortes Gottes und des Heiligen Geistes in Freiheit führen.

 

Fragen:

  1. Warum könnte Jesus diesen „seltsamen“ Ort gewählt haben, um hier die entscheidende Frage zustellen? Was wissen wir aus der Bibel von Baal?

 

 

  1. Wie bewerten wir die Tatsache, dass Jesus mit verschiedenen alttestamentlichen Propheten identifiziert wurde?

 

 

  1. Warum muss jeder Mensch selbst ein Bekenntnis zu Jesus finden?

 

 

  1. Wie empfinden wir das Bekenntnis des Petrus? Warum war er für die erste Gemeinde so wichtig?

 

 

  1. Wer ist der Fels und wer hat die Schlüssel für das Himmelreich?

 

 

  1. Was könnte das Binden und Lösen heute sein?

 

 

7.17. Hinweise auf das Leiden von Jesus

 

Nach dem Auftrag zum Lösen und Binden nimmt Jesus seine Jünger unter strengste Schweigepflicht. Sie sollen niemandem sagen, dass er der Christus ist (Mt 16,20). Eine ähnliche Schweigepflicht legte er später den drei Jüngern auf dem Berg der Verklärung auch auf (Mt 17,9). Dieses Verbot konnte zum einen in der falschen Erwartung des jüdischen Volkes begründet sein (Lk 24,21), aber auch in der prinzipiellen Vorgehensweise von Jesus nach dem Motto: alles zu seiner Zeit.

 

Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen“ (Mt 16,21).

 

Hier in Cäsarea Philippi ist also eine deutliche zeitliche Markierung zu erkennen. Hier wird von Jesus seine letzte entscheidende Etappe, nämlich die Leidenszeit eingeleitet. Alle drei Evangelisten unterstreichen diesen Zeitpunkt. Viermal hat Jesus seine Jünger mit seinem kommenden Leiden konfrontiert:

  1. Leidensankündigung (Mt 16,21; Mk 8,31; Lk 9,23)
  2. Leidensankündigung (Mt 17,12b; Mk 9,12b)
  3. Leidensankündigung (Mt 17,22-23; Mk 9,30-32; Lk 9,44-45)
  4. Leidensankündigung (Mt 20,17-19; Mk 10,32-34; Lk 18,31-34)

 

Wir beachten auch die Rückblenden:

  1. Erfüllte Prophetie zum Leiden von Jesus: (Mt 26,67; Mk 14,65; Mt 27,27-30; Mk 15,16-19)
  2. Prophetische Rückblende (Lk 24,44-47; Apg 2,23-24; 17,2-3; 18,5)

Markus vermerkt, dass Jesus in aller Offenheit mit ihnen darüber redet bzw. darüber lehrt (Mk 8,31-32). Ausdrücklich grenzt Jesus die Gruppe derer, die ihn überantworten werden auf die Ältesten, Hohenpriester und Schriftgelehrten ein – jedoch nicht das ganze Volk. Die Ablehnung von Jesus ging also keineswegs vom Volk aus, sondern von der Führung des Volkes, wie wir später sehen werden.

 

Fragen:

  1. Warum hat Jesus nicht schon früher seine Jünger auf sein Leiden vorbereitet, sondern erst jetzt?

 

 

  1. Wie oft wiederholte Jesus diese Ankündigung und warum so oft?

 

 

  1. Wer ist Hauptverantwortlich für den Tod von Jesus? Wird dies in der Schrift differenziert beurteilt?

 

 

  1. Ist die These, dass die Juden die Christusmörder sind, haltbar?

7.18. Petrus – ein Ärgernis für Jesus?

 

Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht! Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist (Mt 16,22-23).

Petrus, der nun beflügelt ist von all den Autoritäten und Privilegien, welche ihm Christus übertragen hat, meint hier energisch eingreifen zu müssen. Dieses: „Er fuhr ihn an“ klingt bedrohlich. Dieses griechische Wort benutzen die Evangelisten an den Stellen, wo Jesus einigen Geheilten mit scharfen Worten verbietet, von der Heilung zu reden. Der Ton macht die Musik, so auch in diesem Fall.

Mit der gleichen Schärfe des Ausdrucks wendet sich Jesus dem Petrus zu. Aber wenn Jesus Petrus auch „Satan“ nennt, ist hier nicht der Teufel in Person gemeint. Dieser hebräische Begriff meint in diesem Textzusammenhang ‚Gegner`. Also Gegner des göttlichen Willens und Planes. Der Inhalt dieser Gegnerschaft ist in der menschlich gut gemeinten Aussage enthalten: „Erbarmen dir, Herr, keinesfalls möge dir dieses widerfahren“. Petrus denkt menschlich nicht göttlich, Jesus weiß genau, aus welcher Quelle solches Denken hervorkommt. Damit macht er eine klare Unterscheidung zu den direkten Versuchungen des Teufels (Mt 4,4ff boshaft, hinterlistig) und den Versuchungen, welche im Herzen eines menschlich (fleischlich) denkenden Menschen hervorgehen. Petrus denkt typisch menschlich – Leben bewahren, schützen, sich nicht in Gefahr begeben. Natürlich tut er dies mit guter Absicht. Er will seinen geliebten Meister vor Leid bewahren. Doch die deutliche und scharfe Kritik von Jesus ist angebracht. Die Jünger sich wollen sich noch immer nicht von der typischen jüdischen Erwartung eines materiellen, irdischen Königreiches Israel abbringen lassen. Sie erwarten zu Lebzeiten wie der Messias als König auf dieser Erde sein ewiges Reich aufrichtet.

 

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? Joh 12,34 (Vgl. Ps 16,8-11; 2Sam 7,12-16).

 

Ist die Aussage des Petrus tatsächlich eine gefährliche Versuchung für Jesus, weil es heißt: „Du bist mir ein Ärgernis?“ Ärgernis, griechisch ska,ndalon skandalon, und meint hier einen Anstoß zum Fall geben. Wenn Jesus noch in Gethsemane den Vater bittet, dass dieser Leidenskelch an ihm vorübergehen möge (Mt 26,42f), dann liegt in dem Anstoß des Petrus eine reale und schmerzliche Versuchung für Jesus. Mit den Worten: „Gehe hinter mich“, macht Jesus sehr deutlich, wer wem nachzufolgen hat.

 

Fragen:

  1. Warum will Petrus seinen Meister schützen?

 

  1. Was für ein Verständnis von Christus hatten die Jünger?

 

  1. Wie erklärst du die sehr direkte Reaktion von Jesus?

 

  1. War Petrus mit seiner Argumentation für Jesus wirklich eine Versuchung? Wenn ja, wie lässt sich dies begründen?

 

  1. Was bedeutet der griechische Begriff `skandalon` heute?

 

  1. Wer geht voran und wer hat zu folgen?

7.19. Der Preis der Nachfolge

 

Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird’s erhalten.

(Mk 8,35; Mt 16,25; Lk 9,24)

 

Nun wendet sich Jesus zu seinen Jüngern (nach Markus bezieht er auch das Volk ein) und erklärt ihnen, was der Preis der Nachfolge ist. Das heutige Zeichen oder Symbol des Kreuzes hatte damals ausdrücklich die Bedeutung des schmerzlichen Sterbens und des Todes. Das Leben zu verlieren um des Namens von Jesus und um des Evangeliums willen heißt:

  • in aufopfernder Hingabe die Kosten der Nachfolge auf sich zu nehmen;
  • um Jesu willen sich selbst in den Hintergrund zu stellen;
  • sich für Jesus nicht zu schämen;
  • materielle Einbußen und Verluste bereit sein einzustecken und
  • den Vorteil des Nächsten zu suchen.

Auch hier trifft zu, was Jesus in Matthäus 6,33 gesagt hat: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit …“. Matthäus ergänzt noch mit den Worten: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele“ (LÜ84 Mt 16,26).

Das Leben des Einzelnen in der Nachfolge wird von Jesus bei seiner Wiederkunft bewertet und beurteilt:

Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun.“ (Mt 16,27)

 

Jesus denkt umfassend bis zum Ziel und bis zum Ende. Dieser Ausblick gibt uns Mut, die vor uns liegende Wegstrecke im Vertrauen auf ihn zu gehen. Die letzte Aussage in Mt 16,28 bereitet vielen Kopfzerbrechen, da sie in der Tat nicht einfach zu verstehen ist.

 

Wahrlich, ich sage euch: Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich

(Mt 16,28; Mk 9,1; Lk 9,27).

 

Der Evangelist Markus notiert: „bis sie das Reich Gottes in Kraft werden kommen sehen.“ Beim Vergleich der Aussage von Jesus bei allen drei Evangelisten liegt die Einsicht nahe, dass es sich beim hier angesprochenen Kommen von Jesus um das Kommen des Heiligen Geistes handelt. Die Wendung „in Kraft“ verwendet Jesus auch in Apg 1,8 „…sondern ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“ Dies wurde am Pfingsttag Realität. Diese Auslegung wird gestützt von:

 

„Aber der Tröster, der heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe…Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch.“ (Joh 14,26.28a)

 

„…als die Jünger zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her ? …aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde“ (Apg 1,6.8).

 

Durch das Hingehen von Jesus (zum Vater) und das Wiederkommen im Heiligen Geist bricht das Reich Gottes an.

Folgende Etappen beim Offenbarwerden des Reiches Gottes sind erkennbar:

  • Johannes der Täufer und auch Jesus verkündeten: „…das Reich Gottes ist nahe gekommen.“ (Johannes: Mt 3,2; Jesus Mt 4,17)
  • Die Pharisäer fragten Jesus, wann das Reich Gottes komme. Doch Jesus antwortete ihnen, dass das Reich Gottes in seiner Person mitten unter ihnen gegenwärtig ist (Lk 12,20-21).
  • Als kurz vor der Passionszeit die Naherwartungen in Bezug auf das anbrechende Reich Gottes überbrodelten, wies Jesus mit einem Gleichnis daraufhin, dass seine Zeitgenossen in falscher Haltung auf die Aufrichtung des Königreiches warten       (Lk 19,12ff)

 

Vorher wurde verkündet: das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen – doch mit dem Kommen des Heiligen Geistes ist der Anbruch des Reiches für alle Jünger sichtbar markiert.

 

Fragen:

  1. Wie hoch ist der Preis der Nachfolge hier und heute? Beschreibe dann die Situation von dir bekannten verfolgten Christen.

 

 

  1. Was bedeutet es im Detail Jesus nachzufolgen und sich selbst zu verleugnen?

 

 

  1. Wie lässt sich die Aussage von Jesus in Matthäus 16,28 und Parallelen verstehen?

 

 

7.20. Die Verklärung von Jesus auf dem Berg

(Mt 17,1-13;  Mk 9,2-13;  Lk 9,28-36;  2Petr 1,16-18)

 

Dieser Abschnitt nimmt in gewisser Weise die Auferstehung und Himmelfahrt von Jesus vorweg. Jesus und drei Jünger: Petrus, Johannes und Jakobus werden durch dieses Gipfelerlebnis auf das Leiden vorbereitet – denn nach dem Leid kommt die Herrlichkeit (Hebr 12,2). Diese Passage enthält so viele Anspielungen auf die Offenbarung Gottes vor Mose am Sinai, dass die meisten jüdischen Leser gar nicht umhin konnten, den Hinweis zu verstehen. (Keener 1998, 134).

Der Evangelist Matthäus beginnt mit dem Hinweis, dass das Ereignis sechs Tage später statt fand (siehe auch 2Mo 24,6). Dies muss nicht im Gegensatz zu Lk 9,28 stehen, da dort der Evangelist Lukas von etwa acht Tagen nach diesen Worten spricht. Lukas will keine präzise Angabe machen – auch kann er einen anderen Anfangspunkt oder Endpunkt im Auge haben.

Jesus teilt dieses Erlebnis mit seinem engsten Jüngerkreis, wie auch:

  • die Auferweckung der Tochter des Jairus (Mk 5,37; Lk 8,51);
  • den Gebetskampf in Gethsemane (Mt 26,37; Mk 14,33.

Für die Begrenzung auf drei Begleiter finden wir keinen biblischen Hinweis – außer dass Jesus hier an das Prinzip der 2 oder 3 Zeugen denkt (), die dieses Ereignis nach seiner Auferstehung glaubhaft bezeugen können.

 

Für den Berg der Verklärung kommt kaum der Berg Tabor in Frage,

  • da er nicht nördlich, sondern südwestlich von Cäsarea Philippi liegt;
  • da der Berg Tabor kein hoher Berg ist, wie Matthäus und Markus uns berichten;
  • da dort zurzeit von Jesus eine Festung war.

Andere Vorschläge sind der Jebel Jermuk/Jermak, die höchste Erhebung im nördlichen Galiläa. Man wählt diesen Berg in einer jüdisch besiedelten Gegend, da Jesus nach dem Abstieg vom Berg von einer großen Menschenmenge inklusive Schriftgelehrte begrüßt wird. In der maronitischen Kirche Libanons gibt es eine lange Tradition, dass dieser „hohe“ Berg weit nördlich von Cäsarea Philippi in den Bergen des Libanons zu suchen sei. Dies könne nur der Berg Hermon sein.[166] Im Alten Testament wird dieser hohe Berg oft positiven Zusammenhängen erwähnt (Ps 89,13; 133,3). Da auch hier keine konkreten biblischen Angaben zur Verfügung stehen, muss der genaue Ort offen bleiben.

Der Evangelist Lukas berichtet, dass Petrus und seine Kollegen beschwert vom Schlaf sind, dann aber völlig aufwachen. Sie sehen, wie sich das Aussehen von Jesus verändert. Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht (siehe auch 2Mo 34,29). Der Text gibt uns keine Erklärung für diese Erscheinung, somit haben wir unsere Wissbegierde zu begrenzen. Dann erscheinen sichtbar zwei Männer aus der anderen Welt: Mose und Elia – wahrscheinlich als Repräsentanten für das Gesetz und die Propheten. Wieder teilt uns die Schrift nicht mit wie, sondern nur, dass die drei Jünger diese beiden erkennen können. Jesus, Mose und Elia sind in einem Zustand der Herrlichkeit und besprechen nach Lukas den ´exodos´- Ausgang, Auszug, Weggang, das heißt, sie besprachen den Tod, die Auferstehung und die Erhöhung von Jesus. Die Zeitgenossen von Jesus erwarten die Rückkehr von Mose und Elia erst am Ende der Zeit. Beiden war Gott am Sinai oder Horeb erschienen (2Mo 24,15.16; 1Kön 19,8).

Petrus hat sofort eine geniale Idee, die er ohne weitere, tiefere Überlegungen äußert: Er will drei temporäre Übernachtungsplätze errichten (nicht vier: eine für sich selbst; auch nicht 6 für jeden eine!). Doch brauchen diese drei Gesprächspartner solch einen Schutz vor der Kälte und dem Wetter? Petrus will diese „himmlische Szene“ verlängern und damit auch das „Tal“ mit den bitteren Aussichten des Todes verdrängen. Petrus erhält von Jesus keine Antwort. Doch wie zur Antwort wird das Überschatten durch eine Wolke (siehe 2Mo 25,15 und 40,34). Die Gegenwart Gottes wird in der Bibel oft mit einer Wolke verbunden: 2Mo 13,21; 16,10; 40,35; 1Kön 8,10.11, Neh 9,19; Ps 78,14; Hes 1,4: Offb 14,14-16. Diese Wolke verdeckt die drei „himmlischen“ Personen und alle hören eine himmlische Stimme: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Ihn hört! Wir erinnern uns an die Worte der himmlischen Stimme bei der Taufe von Jesus am Jordan Mt 3,17: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Die drei Jünger werden dringend aufgefordert auf die Worte des geliebten Sohnes zu hören (siehe auch 5 Mo 18,15). Dieses Worte finden ihren Niederschlag bei Petrus 2Petr 1,16-18:

 

Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, nicht indem wir ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern weil wir Augenzeugen seiner herrlichen Größe gewesen sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der erhabenen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: «Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.» Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren.

 

Dieses erhebende und stärkende „Gipfelerlebnis“ offenbart die liebende und fürsorgende Art des himmlischen Vaters, der seinen Sohn und auch die Jünger auf die kommende Leidenszeit vorbereitet. Zwar ist die erste Reaktion der Jünger Furcht – sie fallen auf den Boden und verdecken ihr Gesicht. Doch diese Reaktion hat viele biblische Vorbilder: 1Mo 3,10; Ri 6,22; 13,22; Jes 6,5; Dan 8,17; 10,9; Hab 3,16; Offb 1,17. Eine liebevolle Berührung durch Jesus erlöst die Drei aus ihrem Schrecken. Jesus spricht dabei die für ihn so typischen Worte: …fürchtet euch nicht! Als die drei Jünger dann wieder aufblicken sehen sie nur Jesus – alles war wieder wie üblich! Auf dem Weg zum Tal erklärt Jesus, dass dieses Erleben vorerst nicht weiter verbreitet werden soll. Das vorzeitige öffentliche Verkünden seines Anspruchs und seines Auftrags soll so vermieden werden. Doch später – zum richtigen Zeitpunkt: nach der Auferstehung, dann soll dieses Ereignis verkündet werden.

Der Evangelist Matthäus rundet diesen eindrücklichen Bericht mit den Erklärungen ab, warum Johannes der Täufer der im Alten Testament verheißene wiederkommende Elia sei (Mal 3,23.24). Im Gegensatz zu den Schriftgelehrten seiner Zeit ordnet Jesus diese Prophezeiung als in Johannes dem Täufer erfüllt ein. Jesus lehrt hier die symbolische Erfüllung der Prophezeiung – nicht die wörtliche. Deutlich fordert Jesus in seinen Worten die Jünger auf sowohl Johannes, als auch ihn selbst als von Gott gesandt anzunehmen. In diesem Zusammenhang findet sich die zweite Leidensankündigung (Mt.17,12b; Mk.9,12b).

 

Fragen:

  1. Wie empfinden wir die Ausgrenzung der 9 und die Bevorzugung der 3 Jünger?

 

 

  1. Warum sucht Jesus einen hohen Berg auf?

 

 

  1. Welche „Gipfelerlebnisse“ prägen dein Leben?

 

 

  1. Was für ein Kontrast – hier schläfrige Müdigkeit – dort die schönste Herrlichkeit!
  2. Warum liegt das Alltägliche oft so nah am Göttlichen?

 

 

  1. Jesus in Gemeinschaft von Mose und Elia – was wird uns hier deutlich?

 

 

  1. Warum können wir Gipfelerlebnisse nicht fest betonieren?

 

 

  1. Nach dem Gipfelerlebnis kommt der Abstieg ins Tal der menschlichen Not – können wir auch darin Gottes Fürsorge erkennen?

 

 7.21. Die Heilung eines mehrfach belasteten Jungen

(Mt 17,14-21; Mk 9,14-29; Lk 9,37-43)

 

Gipfelerlebnisse und unsere Nöte, Ängste und Sorgen gehören zusammen – Jesus erfuhr auf dem Berg die besondere Fürsorge seines Vaters im Himmel. Im Tal trifft er auf einen hilfesuchenden Vater in der Mitte einer Menschenmenge. Sein einziges Kind leidet an Epilepsie[167]. Seine Bitte beginnt mit dem verzweifelten Schrei: „Herr, erbarme dich meines Sohnes!“ Jesus erfährt die Details: Fallen ins Wasser oder gar Feuer, Zähneknirschen, Schaum vor dem Mund und Krämpfe. Als Erschwernis kommt hier noch hinzu, dass der Junge taub und stumm ist (Mk 9,25). Allerdings gipfelt dieser Krankenbericht darin, dass der Junge nach dem Bericht aller drei Evangelisten von einem unreinen Geist geplagt wird. Dieser Fall überfordert die zurückgebliebenen neun Jünger – sucht doch der Vater schon von vornherein die Hilfe von Jesus – nicht von den Jüngern (Mk 9,25). Dieser Vorfall zeigt auch, dass die Jünger zu diesem Zeitpunkt in den Heilungs- und Befreiungsdienst miteingebunden sind (Mt 10,11; Mk 6,13; Lk 9,6f). Der Vater spricht Jesus respektvoll mit Lehrer (Mk und Lk) und HERR (Mt) an. „Ich habe meinen Sohn zu dir gebracht“, sagt der Vater sorgenvoll nach dem missglückten Heilungsversuch der Jünger. Jesus beginnt seine Antwort mit einem tief bewegt „Oh!“ Darin liegt das Mitleiden und die Empörung des Gottes Sohnes angesichts dieses menschlichen Leidens. Jesus richtet seine Worte nicht an die zurückgebliebenen neun Jünger, sondern an seine Zeitgenossen: …ungläubiges Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen? Jesus sieht den wankenden Glauben des Vaters (wenn du das kannst), die streitenden Schriftgelehrten, denen der Misserfolg Wasser auf ihren Mühlen ist (Mk 9,14), die selbstsüchtige Menschenmenge (Joh 6,22) und die im Gebet versagenden Jünger (Mk 9,29). Doch sind nicht alle Generationen gebetsarm, glaubenslos… angesichts eines solchen Falles? Hier spricht der leidende Gottessohn zu uns sterblichen Menschen – sehnt er sich nach seinem Ende in diesem Erdenleid?

Jesus reagiert vorbildlich in dieser stressgeladenen Atmosphäre angesichts der streitsüchtigen glaubensschwachen Mitmenschen: Er wendet sich dem unglücklichen Jungen in seiner liebevollen Art zu. Doch diese Zuwendung wird sofort mit einem der häufigen Anfälle erwidert. Alle Evangelisten arbeiten bewusst den Zusammenhang zwischen der Begegnung mit Jesus, dem Anfall und der dämonischen Belastung heraus. Jesus erkundigt sich wie ein mitfühlender Arzt nach dem Beginn dieser Zustände – der Vater offenbart allen Umstehenden das lange Leid in der Familie – er erklärt mit seinen Worten, dass der böse Geist seit früher Kindheit immer wieder versuchte den Jungen und damit die Familie zu zerstören. Der Vater ist überzeugt, dass Jesus helfen will – doch kann er auch? Die Bitte ist der Form nach eine intensive Bitte um rasche Hilfe für die ganze Familie – achte: hilf uns! Jesus verweist auf den Glauben, durch den alles möglich sei. Die sehr überraschende Antwort weist auf unser menschliches Dilemma: wir würden gerne… können aber nicht in dieser Tiefe glauben! Wir alle kennen unsere Zweifel und Befürchtungen. Ich glaube und hilf (immer wieder ständig) meinen Unglauben. Die etwas weiter entfernt zuschauende Volksmenge beginnt sich ihnen wieder zu nähern, da es wohl jetzt bald etwas zu sehen gab. Wir wissen, dass Jesus keine Heilungsshows anbot. So hat er auch angesichts dieses sehr komplexen Krankheitsbildes und den vielen Zuschauern den Überblick und bringt die Heilung rasch und vollständig. Er bedroht mit seiner einzigartigen Autorität den unreinen Geist als stummen und tauben Geist und befiehlt ihn den Jungen zu verlassen und nicht wieder zu belästigen. Ein letzter schwerer Anfall wirft den Jungen zu Boden… manche befürchten gar sein Ende. Wieder stellt der Evangelist Markus den Zusammenhang zwischen den Jesusworten und dem Anfall klar heraus. Er muss Petrus oder den anderen Aposteln sehr sorgfältig zugehört haben, so dass er diese Details wiedergeben kann. Jesus kommt dem Jungen sehr nahe, ergreift ihn wie auch bei vielen anderen Heilungen (Mk 1,31; 5,41) an der Hand und stellt ihn auf seine Füße. Der Junge gewinnt seine Kräfte wieder und stellt sich mit eigener Kraft auf und beginnt sein Leben. Lukas beschreibt in seiner feinen Art, wie Jesus den Jungen seinem Vater zurückgibt.

Nach dieser Heilung geht Jesus mit seinen Jüngern (nach Kapernaum?) in ein Haus und wird dort dann im engsten Kreis nach dem Grund für den Misserfolg der neun Jünger befragt. Wir finden folgende Antworten:

  • Evangelist Matthäus – Kleinglauben ist der Grund (Mt 17,20)[168]
  • Evangelist Markus – Gebetslosigkeit ist der Grund (Mk 9,29)

Natürlich gehören beide Hinweise zusammen, da eins das andere bedingt. Es wird auch deutlich, dass es im Bereich der dämonischen Belastungen erheblich Unterschiede gibt. Der Schlüssel ist das Gebet – nie das Aufsehen oder gar die Show.

 

Fragen:

  1. Warum gehören im Glaubensleben „Gipfel und Tal“ unbedingt zusammen?

 

 

  1. Wie wollen wir auf die Not reagieren – bereitet die spirituelle Reise, das Erleben
  • des Geistes uns auf die Not vor?

 

 

  1. Worin bestand das Leid a) bei Jesus, b) beim Sohn und c) beim Vater?

 

 

  1. Wie können wir heute Notleidende zu Jesus bringen?

 

 

  1. Wie sieht heute Glaube, Kleinglaube und Unglaube aus?

 

 

  1. Wie wollen wir bei Belastungen beten?

 

 

22. Jesus wieder in Kapernaum – die Frage nach der Tempelsteuer

(Mt 17,24-27)

 

Jesus und die zwölf Jünger sind schon eine längere Zeit nicht mehr in Kapernaum gewesen. Doch jetzt sind sie wieder zurück in ihrem ´Hauptquartier´. Hier werden sie in finanzielle Angelegenheiten verwickelt – nicht in das übliche Problem zur Zeit der römischen Besatzung: die leidigen Steuern – sondern in Bezug auf die Tempelsteuer. Die Tempelsteuer war für Juden in Palästina und in der Diaspora eine feste Institution und ein Symbol jüdischer Identität und Einheit. Das Geld war für Opfer und Arbeiten im Tempel bestimmt und hatte daher auch einen hohen religiösen Symbolwert. Die Steuer galt als heiliges Geld oder als Lösegeld. Die Abgabenhöhe betrug einen halben Silberschekel (siehe auch 2Mo 30,13) bzw. eine tyrische Doppeldrachme. Dies entspricht zwei römischen Dinar – also den üblichen Lohn für zwei Arbeitstage. Jeder männliche Israelit älter als zwanzig Jahre bis zum fünfzigsten Lebensjahr hat regelmäßig zum Betrieb und Erhalt des Tempels einen festgesetzten Betrag zu zahlen (2Mo 30,12-14; 38,26; 2Chr 24,6.9).[169] In fast jeder Ortschaft gibt es zurzeit von Jesus eine Kasse für die heiligen Gelder, in die man einzahlt. Zu festgesetzten Zeiten wird das Geld von zuverlässigen Leuten nach Jerusalem überbracht.[170] Da die Tempelsteuer nur in jüdischen Münzen gezahlt werden kann, verdienen Geldwechsler auch ihren Teil an dieser Steuer.

Da weder Petrus noch Jesus diese Steuer entrichtet hatten – eventuell weil sie außerhalb von Kapernaum unterwegs waren, wird Petrus wohl auf der Straße nach der Steuer gefragt. War es Respekt, der sie hinderte den Rabbi Jesus direkt mit ihrer Forderung zu konfrontieren? Auf jeden Fall wird Petrus als Ansprechpartner aus den vielen Nachfolgern identifiziert. Zahlt euer Lehrer nicht die Doppeldrachmen?“ (Mt 17,24). In dieser Frage muss keine Kritik mitschwingen, wahrscheinlich ist es nur das Nachfragen nach der Steuerzahlung. Petrus bestätigt, dass Jesus ein ganz normaler steuerzahlender Bürger ist. Petrus setzt seinen Weg fort und folgt Jesus samt den anderen Jüngern in „ihr“ Haus (Mt 9,28). Dort spricht ihn Jesus auf dies Thema an, noch bevor Petrus vom Gespräch berichten kann: „Was meinst du, Simon? Von wem erheben die Könige der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden?“ Jesus macht damit deutlich, dass er im engeren Sinn eigentlich als Sohn Gottes nicht tempelsteuerpflichtig sein kann. Diesem Gedankengang muss auch Petrus zustimmen. War nicht Jesus in „seines Vaters Haus?“ (Lk 2,49; Joh 2,16). War er nicht sogar größer als der Tempel (Mt 12,6). Doch Jesus will aus dieser Sichtweise keine neue Schwierigkeit entwickeln – eine Weigerung die Tempelsteuer zu entrichten, musste von den Zeitgenossen falsch interpretiert werden. Petrus erhält von Jesus den Auftrag zum See zum Angel zu gehen. Dort würde der erste anbeißende Fisch die erforderliche Münze im Maul haben, um damit die Steuer für Petrus und Jesus zahlen zu können (wörtlich: stathera stat¢ra = vier Drachmen = ein Schekel). Es ist fast überflüssig zu erwähnen, dass es genauso geschieht.

 

 

 

 

 

 

Fragen:

  1. Wie verstehen wir die Kenntnis von Jesus in Bezug auf das Gespräch des Petrus mit den Steuereintreibern?

 

  1. Welche Lehre wollen wir als steuerzahlende Bürger aus diesem Bericht ziehen? Welchen Schluss können wir in Bezug auf unseren Beitrag zum Haus Gottes ziehen?

 

 

  1. In welcher Weise wird hier deutlich, dass gemäß dem Evangelisten Matthäus Jesus deutlich beansprucht, der Sohn Gottes zu sein.

 

 

  1. Was zeigt uns die Episode mit der Münze im Maul des Fisches?

 

23. Wahre Größe im Reich der Himmel

(Mt 18,1-5; Mk 9,33-37; Lk 9, 46-48)

 

Zwischen dem vorangegangen Abschnitt und diesem besteht ein enger Zusammenhang. Besonders Matthäus stellt diese Berichte mit einem Interesse an Petrus zusammen, da er diesen öfter als die anderen Jünger erwähnt – so als hätte Jesus ihn hervorgehoben.

Folgender Ablauf ist vorstellbar:

  • Lk 9,46 Die Jünger denken unterwegs über die Rangfolge nach
  • Mk 9,33 Ein offener Rangfolgestreit entsteht
  • Petrus wird zwischenzeitlich von den Steuereintreibern in Kapernaum aufgehalten
  • Jesus spricht Petrus im Haus daraufhin an
  • Jesus schickt Petrus zum Angeln an den See
  • Jesus fragt nach dem Thema der Diskussion auf dem Weg
  • Mk 9, 34 Die Jünger schweigen zunächst
  • Lk 9,47 Jesus kannte allerdings die Motive der Diskussion
  • Mt 18,1 Die herausgeforderten Jünger sprechen offen mit Jesus über das Streitthema

 

Denn die Frage der Jünger nach der Rangfolge ist weder kindisch noch unschuldig – eher politisch zu bedenken. Ihre Vorstellungen vom anbrechenden Reich sind zwar verschwommen und widersprüchlich, doch sie sind sich einig, dass es wesentlich sein wird, wer in der Rangfolge als erster in der Öffentlichkeit auftreten darf. Aus unserer Sicht ist dieser Wettstreit angesichts der nahen Leidenszeit von Jesus mehr als ärgerlich! Wie wenig rücksichtsvoll und sensibel sind hier die Jünger gegenüber Jesus.

Jesus antwortet mit dem Hinweis auf ein Kind – mindestens eins ist sogar in ihrer Nähe – denn Kinder sind bei allen öffentlichen und häuslichen Ereignissen zugegen. Im Umfeld der Tätigkeit von Jesus werden Kinder bei folgender Gelegenheit erwähnt: Mt 14,21; 15,38; 18,3; 19,13; 21,15.16; 23,37 (auch: Mk 10,13.14; Lk 18,15.16). Kinder liefen gerne zu Jesus und Kinder werden im Jüngerkreis (= wie viel mehr in der Gemeinde!) besonders beachtet und wertgeschätzt. Jesus hat ein herzliches Verhältnis zu ihnen. Wann immer Jesus ein Kind herbeirufen wollte, war auch schnell eins in der Nähe. Jesus stellt das Kind in den Kreis der „GROSSEN.“ Wir können annehmen, dass das Kind angesichts der beruhigenden Gegenwart von Jesus auch im Kreis der rauen bärtigen Jünger nicht verängstigt ist. Es stand nahe bei Jesus (Lk 9,47) und wurde von ihm schützend in den Arm genommen (Mk 9,36) und war so sicher und in ihm ruhend – wir können uns sogar vorstellen, dass es erwartungsvoll in das Gesicht des Meisters schaut, als dieser zu den Erwachsenen spricht: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt (στραφήτε) und werdet wie die Kinder, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen. Darum, wenn jemand sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel..“ (Mt 18,2-4). Jesus sagt damit: Ihr streitet darüber wer der Größte im Reich sein wird, so als wäret ihr schon sicher drin. Doch wenn ihr weiterhin nur versucht euch gegenseitig zu übertrumpfen und einer den anderen zu beherrschen, dann werdet ihr gar nicht dabei sein.“

Jesus spricht den menschlichen Hang zur selbstsüchtigen Machtausübung und Unterdrückung anderer an. Im Reich Gottes kann keiner Verantwortung und Leitung übernehmen, der nicht gründlich davon abgekehrt ist. Hier sei an das Gebet „Ephraims“ in Jer 31,18 erinnert: …Lass mich umkehren, dass ich umkehre, denn du, HERR, bist mein Gott“. Diese Wende vom ICH zu Gott, von Sünde zum Retter ist die tiefere Schicht des Werden wie die Kinder. Dazu kommen die Eigenschaften, die wir bei Kinder schätzen:

  • Einfach, einfältig, direkt, – Gedanken, Worte und Gestik, Emotion stimmen überein,
  • Unverstellte ehrliche Anhänglichkeit,
  • und das sehr große Vertrauen in die Fähigkeit des Erwachsenen,
  • Die starke Einschränkung in Bezug auf das eigene Wissen und die körperliche Kraft sind der Motor dieses tiefen Vertrauens.

Jeder Erwachsene, der sich in dieser Weise auf die kindliche (nicht kindische!) Ebene begibt/erniedrigt, darf viel vom himmlischen Vater erwarten und erhalten. Errettung zu erhalten und zu behalten ist also eine Gabe des Vaters an seine vertrauensvollen Kinder. Leiten und Verantwortung im Reich Gottes können Jünger nur als Kinder des Vaters übernehmen – nicht MANAGEMENT-Gaben werden hier in erster Linie gebraucht, sondern Nähe und Vertrauen zum großen Vater. Diese Aussagen erinnern uns an die Worte von Jesus:

  • in den Seligpreisungen Mt 5,3-6
  • über den Glauben des römischen Hauptmannes Mt 8,5-13
  • über den Glauben der Frau aus Tyros/Sidon Mt 15,27.28

Doch auch der Glaubensalltag von Jesus war geprägt von diesem tiefen Vertrauen aus einer erniedrigten Stellung (Mt 12,15-21; Mt 20,28; 21,5; Lk 22,27; Joh 13,1-20 auch 2Kor 8,9; Phil 2,5-8). Seit Jesus gilt in Gottes Volk: Leiter wissen um ihre geringe Stellung – haben aber ein großes Vertrauen zum Vater! Das Streben nach Verantwortung ist gut, geht aber einher mit der Bereitschaft sich zu erniedrigen, sich belasten zu lassen und anderen uneigennützig zu dienen. Bei der Suche nach Leitern ist darum an jene zu denken, die nach den bürgerlichen Maßstäben leicht übersehen werden.

 

Fragen:

  1. Warum ist die Idee der vorrangigen Stellung von Petrus wenig überzeugend?

 

 

  1. Was ist vorbildlich bei einem kindlichen Vertrauen?

 

 

  1. Welche Aspekte sind bei der Übertragung von Verantwortung in der Gemeinde wesentlich, welche hilfreich und welche hinderlich?

 

 

  1. Wie passen Selbstwertgefühl, Selbsterniedrigung und Dienstbereitschaft zusammen?

 

24. Der unbekannte Exorzist

(Mk 9,38-41; Lk 9,49-50)

 

Da fing Johannes an und sprach: Meister, wir sahen einen, der trieb böse Geister aus in deinem Namen; und wir wehrten ihm, denn er folgt dir nicht nach mit uns. Und Jesus sprach zu ihm: Wehrt ihm nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch“ (Lk 9,49-50; Vgl. Mk 9,38-41).

 

Die Bemerkung des Johannes ist auffällig. Es scheint als wolle er Jesus auf ein Problem aufmerksam machen oder von dem Streit um Rangfolge abzulenken. Im Grunde ist dieser Hinweis eng verknüpft mit dem Autoritätsanspruch der Jünger. Nach der Meinung der Jünger ist es unzulässig, dass jemand, der nicht zu dem bekannten Jüngerkreis von Jesus gehört Dienste wie das Austreiben „Böser Geister“ ausübt. Es entsteht der Eindruck, dass die Jünger diese Vollmachten als ihr Monopol in Anspruch nehmen. Ja, sie maßen sich an, jenem unbekannten Zeitgenossen diesen Dienst zu verbieten. Doch Jesus fühlt sich weder überrascht noch übergangen und reagiert sehr ruhig darauf. Er sieht das Problem nicht in jenem Unbekannten. Jesus hat ein weites Herz für solch einen Menschen. Er sieht das Problem eher bei seinen Jüngern. Ihre Reaktion und Verhalten möchte er korrigieren: „Ihr sollt es ihm nicht verbieten“. Im Gerangel um die Vorrangstellung im Jüngerkreis wurde ihr Denken getrübt, so dass Neid und Autoritätsansprüche ihr Denken erfüllt. Ein angeblich unkontrollierter Dienste für Jesus gerät in den Vordergrund, anstatt die Freude über Menschen, die Dienste im Namen Jesu mit Erfolg versahen, wo sie sie selbst früher versagten. Wir erinnern uns an ihren Misserfolg bei der Heilung des mehrfach belasteten Jungen(Mt 17,14-21; Mk 9,14-29; Lk 9,37-43).

Dazu gibt Jesus den Jüngern eine grundsätzliche Antwort mit zwei Aussagen: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns“ (Lk 9,50)und “Es ist niemand, der in meinem Namen eine gute Tat tut und bald schlecht von mir redet“ (Mk 9,39b). Anstatt der negativen Unterstellung und Misstrauen steht bei Jesus Freude im Vordergrund. In sogenannten frommen Kreisen kann es leider auch leicht geschehen, dass auf den geistlichen Erfolg von Geschwistern mit Missgunst und Neid reagiert wird. Können wir das Wirken des Heiligen Geistes einschränken auf unsere kleine Gemeinde oder unsere Denomination? Wir dürfen uns über jede gute und gerechte Tat im Dienst an Menschen freuen – noch viel mehr, wenn dies im Namen von Jesus geschieht. Wir bedenken folgende biblische Parallelen:

  • Mose war zu seiner Zeit frei von einem engen, persönlichen Autoritätsanspruch (4Mose 11,27-30).
  • Paulus konnte sich neidlos über die vielfältige Verkündigung der Frohbotschaft freuen; sogar dann noch, wenn die Motivation jener Verkündiger nicht immer geistlich war (Phil 1,15-20).
  • Jesus geht sogar noch weiter, wenn er betont, dass sogar ein Becher kalten Wassers einem Jünger gereicht in seinem Namen, nicht unbelohnt bleibt (Mk 9,41).

 

So weitherzig und großzügig ist Jesus!

 

Fragen:

  1. Vor welchem Hintergrund ist die Bemerkung des Johannes zu verstehen?

 

 

  1. Wie reagiert Jesus auf die eigenmächtige und selbstbewusste Position der Jünger gegenüber dem unbekannten Exorzisten?

 

 

  1. Wo können wir das Prinzip von Jesus Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns ganz praktisch anwenden?

 

 

  1. Wie können wir uns neidlos über die Gaben und Erfolge anderer Christen in anderen Gemeinden und Bewegungen freuen? Wie können wir diese Freude ausdrücken?

25. Jesus warnt vor Anstößen zum Abfall

(Mt 18,6-11; Mk 9,42-50; Lk 17,1-2)

 

Jesus unterscheidet zwei Richtungen aus denen Angriffe auf den Glauben zu kommen können:

a. Verführung von außen.

Nahtlos setzt Jesus seine Lehre von der wahren Größe, durch Erniedrigung und Dienst fort und sagt:

 

Wer aber einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Abfall verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft würde im Meer, wo es am tiefsten ist. Wehe der Welt, weil sie Fallen stellt! Es müssen ja Verführungen kommen; doch weh dem Menschen, der zum Abfall verführt (Mt 18,6-7; Mk 9,42; Lk 17,1-2).

 

Jesus verwendet den Begriff ska,ndalon skandalon und bezeichnet damit Menschen die Fallen stellen, legen oder zu Fall bringen, bzw. zum Abfall vom Glauben veranlassen. Das Bild vom Mühlstein um den Hals hängen und den Anstoßgebenden im tiefsten Meer zu ersäufen, ist sehr zugespitzt und im wörtlichen Sinne eine schreckliche Übertreibung. Hier nutzt Jesus dieses eindrückliche und übertreibende Bild, um deutlich zu machen, für wie viel größer er den Schaden für den Schwachen im Glauben einschätzt. An die Adresse der Schriftgelehrten sagt er an anderer Stelle mit der gleichen Schärfe:

Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen (Mt 23,13; Mt 16,23).

 

b. Verführung von innen

 

Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dich zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass du lahm oder verkrüppelt zum Leben eingehst, als dass du zwei Hände oder zwei Füße hast und wirst in das ewige Feuer geworfen. Und wenn dich dein Auge zum Abfall verführt, reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass du einäugig zum Leben eingehst, als dass du zwei Augen hast und wirst in das höllische Feuer geworfen.

(Mt 18,8-9;  Mk 9,43-44).

 

Jesus verwendet hier Glieder des menschlichen Körpers und deren Abtrennung so zugespitzt, wie er dies nie in buchstäblicher Form fordern würde. Er macht deutlich, dass die Versuchungen von innen genau so gefährlich sind, wie die von außen. Nur in diesem Fall ist der Mensch selbst für seinen Glauben verantwortlich. Jesus spricht bewusst den Einzelnen an und fordert ihn zur klaren Grenzziehung, zum Verzicht, zur Selbstbeherrschung und zur Selbstverleugnung auf. In diesem Zusammenhang weist Jesus auch unmissverständlich auf die Folgen hin, wenn bei Versuchungen von innen nicht mit Entschlossenheit auf Verzicht reagiert wird. Die letzte Konsequenz wäre dann das unauslöschliche Feuer bzw. die Gehenna = Hölle[171]. Jesus weiß um die ewige Verdammnis und Gottferne und nennt einige Details in diesem Zusammenhang:

das ewige Feuer (Mk 9,44)

da ihr Wurm nicht stirbt und ihr Feuer nicht verlöscht (Mk 9,48)[172]

Auffallend ist, dass Jesus deutlich über den ewigen Verdammungsort (Zustand) spricht und dieses Thema in verschiedenen Situationen seines Lehrdienstes anspricht (Mt 25,41; Mk 9,48; Lk 12,5; 16,23-25).

 

Jesus tröstet alle Angefochtenen mit dem Hinweis auf den Dienst der Engel.

Seht zu, dass ihr nicht einen von diesen Kleinen verachtet. Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen allezeit das Angesicht meines Vaters im Himmel

(Mt 18,10-11; Hebr 1,14).

Jesus gibt uns hier einen Einblick in eine uns sonst verborgene, jenseitige, himmlische Welt; die Welt der Engel. Im Hebräerbrief lesen wir:

Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die das Heil ererben sollen“ (Hebr 1,14)?

In der Bibel finden wir keine umfassende und systematische Lehre von den Engeln. Wir sollten zurückhaltend sein, außerbiblische Beschreibungen aus Tradition, Literatur und Kunst in die Bibel hineinzulesen. Dennoch bleibt hier festzuhalten, dass diese Boten Gottes ausgesandt werden, um die Kinder Gottes zu dienen.

Hier sei hingewiesen auf dem einprägsamen Merkvers:

 

Das Salz ist gut; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit wird man’s würzen? Habt Salz bei euch und habt Frieden untereinander! (Mk 9.50)

 

Als Trost für alle Gefallenen fährt der Evangelist Matthäus an dieser Stelle mit der Gleichnisrede von Jesus über das Verlorene Schaf fort:

 

Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins unter ihnen sich verirrte: lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen, geht hin und sucht das verirrte? Und wenn es geschieht, dass er’s findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich darüber mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So ist’s auch nicht der Wille bei eurem Vater im Himmel, dass auch nur eines von diesen Kleinen verloren werde“ (Mt 18,12-14).

 

Jesus möchte seine Lehre anschaulich machen und zeigen, wie wertvoll für ihn jeder Einzelne ist. Wie der Hirte im Gleichnis scheut Jesus keine Mühe, um einen vom Glaubensweg abgekommenen Menschen wieder zurückzuholen. Matthäus betont das Suchen des Hirten. Der Evangelist Lukas ordnet ein gleiches Gleichnis in einen anderen Zusammenhang ein. Lukas betont die Last der Wiederherstellung und Freude bei der Wiedereingliederung.

 

Fragen:

  1. Was bedeutet das Wort „Skandalon?“

 

 

  1. Welche Verführungsarten gibt es? In welcher Gestalt erleben wir sie heute?

 

 

  1. Welche Anstöße sind gefährlicher, die von innen oder die von außen?

 

 

  1. Welche Aussagen macht Jesus in Bezug auf das ewige Feuer bzw. „Gehenna“?

 

 

  1. Welche Bedeutung haben Engel für Gläubige?

 

 

  1. Jesus der Hirte sucht! In welcher Weise dürfen wir heute verirrten Glaubensgeschwistern nachgehen?

 

 

26. Zurechtweisung und Vergebung

 

  1. Zurechtweisung des Bruders

Mt 18,15- 20; Lk 17,3-4

Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner (Mt 18,15-17).

 

Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt 18,19-20).

 

  1. Begegne deinem Bruder in Gnade

Mt 18,21-22;  Lk 17,3-4

Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzig mal siebenmal. (Vgl. Lk 17,3-4; Eph 4,32).

 

  1. Herr, stärke uns den Glauben

Mt 17,18-21: Lk 17,5-6

 

Und die Apostel sprachen zu dem Herrn: Stärke uns den Glauben!

Der Herr aber sprach: Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: Reiß dich aus und versetze dich ins Meer!, und er würde euch gehorchen. (Lk 17,5-6 auch Mt 17,19-21; Mt 21,21

 

Es wird offensichtlich klar, dass Jesus den vergleich mit dem Senfkorn öffters erwähnt hat, eben immer dann, wenn die Situation oder die Thematik es erforderte.

 

  1. Wir sind unnütze Knechte

Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,7-10).

 

 

  1. Der König erlässt großzügig die Schuld

Mt 18,23-35

 

Merkvers:

So wird auch mein himmlischer Vater an euch tun, wenn ihr einander nicht von Herzen vergebt, ein jeder seinem Bruder (Mt 18.35).

Mit diesem Gleichnis schließt Jesus dieses große und so vielschichtige Thema ab.

 Kapitel 8: Die sechste Dienstperiode – Aufbruch nach Judäa

8.1. Jesus verlässt endgültig Kapernaum und durchzieht zum letzten Mal Galiläa und Samarien

(Mt 19,1;  Mk 10,1; Lk 9,51)

 

Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte begab er sich von Galiläa hinweg und kam in das Gebiet von Judäa“ (Mt 19,1).

„Und er brach von dort auf und kommt in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordan“ (Mk 10,1).

Es geschah aber, als sich die Tage seiner Aufnahme erfüllten, da richtete er sein Angesicht fest darauf nach Jerusalem zu gehen“ (Lk 9,51).

Jesus nimmt Abschied von Kapernaum und der Gegend um das Galiläische Meer bzw. See Gennesaret. Schon seit ihrem Besuch in Cesaräa Philippi hat er seine Jünger daraufeingestimmt, dass sie nach Jerusalem gehen werden. Den Weg dorthin nutzt er um noch mal viele galiläische Dörfer und Städte zu besuchen. Auch diesen Wegabschnitt bereitet er sorgfältig vor, indem er 70/72[173] weitere Jünger zu je zwei und zwei vor sich her sendet. Bis er jedoch die Grenze von Galiläa nach Samarien überschreitet, geschehen noch eine Reihe von Dingen, von denen besonders Lukas in den Kapitel 10 – 16 berichtet.

8.2. Jesus sucht Mitarbeiter

(Lk 9,57-62)

 

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege. Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.  Aber Jesus sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Haus sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes (Lk 9,57-62).

Der Evangelist Lukas hat diesen Bericht wahrscheinlich chronologisch und auch thematisch treffend eingeordnet. Wir lesen in Joh 6,60.66 von vielen Menschen, die neben den zwölf Jüngern Jesus nachfolgen – wohin und wie lange bleibt hier aber offen. Bei der Auswahl und Berufung der Siebzig fallen einige Details auf, die wir als Kriterien für heutige missionarische Dienste übertragen können. Zurzeit von Jesus suchten sich Schüler ihre Lehrer selbst aus. Manche versuchten ihre künftigen Schüler = Jünger durch überzogene Anforderungen abzuschrecken, um so nur die würdigsten Kandidaten in ihren Schülerkreis aufzunehmen. Folgende drei Beispiele machen aber auch deutlich, dass sich sogar bei Jesus die Auswahl und Berufung weiterer Jünger nicht leicht gestaltet.

  • Im ersten Fall meldet sich ein Kandidat selbst bei Jesus mit den Worten: „Ich will dir folgen, wohin du gehst.“ Doch Jesus gibt ihm zu bedenken, dass die Nachfolge mit Verzicht und einem sehr einfachen Lebensstil verbunden ist. Jesus hat dabei insbesondere die häufigen Reisen und die schlichten bis nicht vorhandenen Übernachtungsmöglichkeiten im Sinn. Dieser unregelmäßige und anstrengende Lebensstil im Tages- und Wochenrhythmus war zudem auch mit Gefahren verbunden (vgl. 2Kor 11,26; siehe auch Mt 8,18-22; Mk 5,18-20). Das Wort weist hin auf die Mühe und die Einsamkeit, die dazugehören, wenn man dem Menschensohn nachfolgt (Bruce 1985, 136).
  • Im zweiten Fall spricht Jesus selbst einen Kandidaten an. Doch dieser erwidert: „Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.“ Diesem macht Jesus jedoch deutlich, dass der momentane Auftrag zum Verkündigungsdienst dringender ist, als der erbetene Aufschub. Söhne würden sich angesichts eines todkranken Vaters oder gar kurz nach dem Tod ihres Vaters nicht draußen auf der Straße aufhalten und mit einem Rabbi plaudern. Der Kandidat möchte also mit der Nachfolge warten, bis der wahrscheinlich jetzt noch gesunde Vater Hilfe und dann auch eine ordentliche Bestattung von Seiten seines Sohnes erfährt. Es ist gut möglich, dass dieser Kandidat nur eine Ausrede suchte.[174] Man kann die hinweisenden Worte von Jesus so verstehen: „Lass die geistlich Toten die körperlich Toten begraben – es gibt Leute, die keinerlei Antenne für das Reich Gottes haben, und sie können sich um Routineangelegenheiten wie Beerdigungen kümmern; aber die, die offen sind für die Forderungen des Reiches Gottes, müssen dessen Ansprüchen den ersten Platz einräumen“ (Bruce 1985,138)
  • Den dritten Kandidaten spricht Jesus ebenfalls von sich aus an. Der Angesprochene ist grundsätzlich zur Nachfolge bereit, will sich jedoch zuerst von seinen Familienangehörigen verabschieden. Doch dies könnte unter Umständen länger dauern – vielleicht sogar Tage. Jesus sucht aber Nachfolger, die bereit sind sofort in den Verkündigungsdienst zu treten. Aus dem Kontext wird deutlich, dass dieser Auftrag zunächst zeitlich und räumlich begrenzt war. Jesus prägt in diesem Zusammenhang folgendes Wort: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist nicht geschickt (geeignet) für das Reich Gottes.“ Beim Pflügen muss man bis heute vorausschauend arbeiten, damit die Furchen nicht krumm werden. Damals war der hölzerne Pflug relativ leicht und hatte eine Spitze aus Eisen. Diese Begebenheit erinnert uns an die Berufung Elisas, der doch seinen Abschied richtig feiern durfte (1Kön 19,19-21).

 

Fragen:

  1. Wann bricht Jesus endgültig von Kapernaum auf in Richtung Judäa?

 

  1. Warum war es so schwierig Menschen zu finden, die für den Verkündigungsdienst bereit waren?

 

  1. Warum geht Jesus auf die verschiedenen Ausreden der Menschen ein?

 

  1. Welche Ausreden nutzen wir, um einen bestimmten Dienst nicht tun zu müssen? Was versäumen wir dabei?

 

  1. Hat Jesus etwas gegen Fürsorge und Pflege von Eltern im Alter?

 

  1. Erlebten wir Situationen in denen wir einen gewünschten Auftrag/Dienst nicht bekamen, sondern etwas ganz anderes machen mussten?

 

  1. Welche Aufgaben im Reich Gottes hast du bewusst gemacht und wie zeitintensiv/kraftintensiv waren sie?

 

  1. Magst du lieber kleine/kurze Projekte oder liebst du es an Langzeitaufgaben dran zu bleiben?

 

8.3.  Die Aussendung der 70/72

(Lk 10,1-12)

  • Danach setzte der Herr weitere zweiundsiebzig[175] Jünger ein und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte, und sprach zu ihnen: Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte. Geht hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe (Lk 10,1-3).

 

Wie gut, dass der Evangelist Lukas uns von diesem wichtigen Detail aus dem Dienst von Jesus berichtet. Nach der Reduzierung der Jünger in Joh 6,66 entsteht der Eindruck, dass um Jesus nur noch die zwölf Jünger geblieben sind. Dieser Bericht macht jedoch deutlich, dass es Jesus wichtig ist, ständig nach fähigen Menschen Ausschau zu halten, sie zu seinen Nachfolgern zu machen und auch zu gegebener Zeit einzusetzen.

Wir haben schon zu Beginn des Dienstes von Jesus sein planmäßiges Vorgehen festgestellt. Mit der Aussendung dieser 70 Jünger kann Jesus mehrere Ziele gleichzeitig erreichen.

1) Die Städte und Dörfer auf seiner geplanten Reiseroute werden auf sein Kommen vorbereitet – oder durch seine Jünger schon erreicht.

2) Die 70 haben eine einzigartige Gelegenheit ihre Gaben und Befähigungen während der Dienstzeit von Jesus einzusetzen und damit die Möglichkeit ihre Erfahrungen mit ihm zu reflektieren, zu analysieren und somit korrigieren zu lassen.

3) Jesus kann durch die Vorarbeit der Siebzig eventuell einige an Zeit gewinnen.

4) Jesus kann den Zwölf zeigen, wie sie in Zukunft Jünger werben, ausbilden und auch einsetzen können, denn „Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter“ (Lk 10,2). Diese Aussage stimmt zu allen Zeiten!

5) Es scheint so, dass Jesus flächendeckend evangelisieren möchte und dabei keine Ortschaft auslassen will.

 

Die Anweisungen, welche er den Siebzig mit auf den Weg gibt, sind sehr ähnlich wie bei der Aussendung der Zwölf (Mt 10,1ff):

  • Ihr seid gesandt als Lämmer mitten unter die Wölfe

Auf Nachfolger von Jesus wartet nicht ein Ruhebett – es wird Gefahren geben. Doch der Gute Hirte selbst sendet – auch angesichts scheinbar hoffnungsloser Situationen.

  • Keinen Geldbeutel

Sie konnten auf ihren Geldbeutel verzichten, denn die Versorgung durch den himmlischen Vater wurde ihnen von Jesus zugesichert. Im Rahmen dieser Sendung, sollten sie weder Geld ausgeben, noch Geld einnehmen.

  • Keine Tasche

Eine Tasche weckt Begehrlichkeiten bei Räubern, die es damals viele gab.

  • Keine Schuhe

Um diese warme Jahreszeit[176] konnten sie auf Schuhe verzichten und barfuss gehen – dies war im Orient keine Seltenheit. Doch denken wir daran, dass Jesus selbst Sandalen trug (Mt 3,11;  Joh 1,27).

  • Grüßt niemand unterwegs

Diese Anweisung steht im krassen Gegensatz zu den Gepflogenheiten in Palästina. So konnte es sich hier hauptsächlich um den Faktor Zeit handeln. Denn Begrüßungen nahmen oft viel Zeit in Anspruch und waren auch oft mit einem Essen und Übernachtung verbunden. Sie sollten jedoch zielstrebig in den Ort gehen, den ihnen der Herr aufgetragen hatte.

  • Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: „Friede sei diesem Haus.

Der hebräische Friedensgruß „Schalom“ darf ganzheitlich verstanden werden und umfasst Geist, Seele und Leib (siehe 1Mose 43,23; Ri 6,23; 19,20; 1Sam 25,6 u.v.m.). Jesus legte in diesen Gruß weitere Elemente des angebrochenen Friedensreiches hinein (Joh 14,27). In jedem Ort gibt es solche Häuser und Menschen des Friedens. Diese Häuser und Menschen können Brücken für das Evangelium sein – so sollte der Einstieg für das Evangelium in einem Ort gut gewählt werden (siehe Mt 10,13)

  • Zieht nicht von Haus zu Haus, sondern bleibt dort, wo ihr zuerst einkehrt

Da die erste Gastfreundschaft, ausgedrückt durch üppiges Essen, bald der alltäglichen oft auch ärmlichen Routine weicht, dürfen sich die Gesandten auch mit kargen Verhältnissen begnügen. Später hat sowohl Petrus als auch Paulus sich danach gerichtet (Apg 9,43; 16,15).

  • Esst und trinkt, was euch vorgesetzt wird, denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert

Stellt keinerlei Ansprüche, fügt euch in die Möglichkeiten der gastgebenden Familie. Seid nicht wählerisch! Da die Möglichkeit besteht, dass sie in Dörfer mit mehrheitlich nicht jüdischer Bevölkerung kommen, bedeutetet dies auch, dass die jüdischen Speisegesetze keine bindende Kraft für diese Missionare haben konnten.

  • Heilt die Kranken, die in jener Stadt oder Dorf sind

Dieser Dienst war Teil ihrer Verkündigung vom angebrochenen Gottesreich. Die Jünger vollbrachten die Werke ihres Meisters.

  • Sprecht dort zu den Bewohnern: „Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen

Diese Verkündigung schloss die Aufforderung zur Umkehr zu Gott ein, so wie der Glaube an den Menschensohn, in dessen Vollmacht die Jünger auftraten und handelten.

  • Wenn ihr abgelehnt werdet, so geht heraus auf ihre Straßen und schüttelt den Staub von euren Füßen ab über sie und sprecht:  „Auch den Staub aus eurer Stadt, der sich an unsre Füße gehängt hat, schütteln wir ab auf euch. Doch sollt ihr wissen: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Ich sage euch: Es wird Sodom erträglicher ergehen an jenem Tage als dieser Stadt“ (Lk 10,11-12;  Vgl. Apg 13,51).

 

Die Schlußaussage von Jesus an die siebzig gilt für alle Zeiten und unter allen Umständen:

  • Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat“ (Lk 10,16).

 

Fragen:

  1. In welcher Periode seines Dienstes beruft Jesus die siebzig Jünger?

 

  1. Nenne den Grund dafür, dass Jesus noch weitere siebzig Jünger beruft und ausgesendet?

 

  1. Warum sollen sie immer zu zweit losziehen? Entdeckst du ein Prinzip?

 

  1. Was bedeutet die Aussage: „Siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe“ (Lk 10,3) heute?

 

  1. Welches Detail von den Dienstanweisungen fällt dir besonders auf?

 

  1. Können diese Dienstanweisungen ohne weiteres auf heute übertragen werden? Was gilt immer und was ist nur im damaligen Kontext anwendbar?

 

  1. Nach welchem Maßstab misst Jesus unsere Verantwortung für die Menschen, die seine Boten und seine Botschaft ablehnen werden?

 

  1. Wenn Jesus die Stadt Sodom nennt, was wird damit indirekt unterstrichen?

 

  1. Was drückt die Handlung „Staub von den Kleidern oder Füßen abschütteln“ aus? Wo und von wem wurde diese Anweisung von Jesus buchstäblich ausgeführt? (Siehe Kap 7,2)

 

 

8.4.  Das Urteil von Jesus über die unbußfertigen Städte

(Lk 10,13-16; Vgl. Mt 11,20-24 und Mt 10,1)

Etwa drei Jahre sind seit dem Dienstbeginn von Jesus in Kapernaum vergangen (Mt 4,17). Es ist etwa Spätsommer des Jahres 32 n.Chr. und Jesus zieht Resüme, nicht über seine Tätigkeit, sondern über die Reaktion und geistlichen Stand derer, die Zeugen von vielen  wunderbaren Machttaten (gr. Δυναμεις – dynameis) wurden.

  • Weh dir, Chorazin! Weh dir, Betsaida! Denn wären solche Taten in Tyrus und Sidon geschehen, wie sie bei euch geschehen sind, sie hätten längst in Sack und Asche gesessen und Buße getan. Doch es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen im Gericht als euch. Und du, Kapernaum, wirst du bis zum Himmel erhoben werden? Du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden“ (Lk 10,13-15).

Am Ende war es eine Minderheit, die von Herzen umgekehrt ist, die Mehrheit blieb verhärtet in ihrem Herzen. Die meisten haben die Gaben Gottes in Anspruch genommen, ohne den Geber anzuerkennen und ihm zu glauben. Hier war die Reaktion auf seinen Bußruf ähnlich wie auch später in Jerusalem, denn in Johannes 12,37 lesen wir: „Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn,“

 

Drei Städte nennt Jesus, – Chorazin, Bethsaida und Kapernaum[177], dort geschahen die meisten seiner Taten. Und Gottes Prinzip lautet: Wem viel anvertraut wurde, von dem wird auch viel erwartet oder gefordert werden (Lk 12,47-48). Dies unterstreicht Jesus, indem er  als Beispiele die Städte Tyrus und Sidon nennt, welche im Vergleich weniger Kenntnis von Gott hatten und die auch ein geringeres Maß von Gottes Handeln zu ihrer Zeit erlebten. Zu seiner Zeit sagte Gott durch den Propheten Hesekiel den Sidoniern eine düstere Zukunft voraus (Hes 32,30), doch im Endgericht wird es sie nicht so hart treffen, wie die oben genannten Städte und solche, welche die Frohe Botschaft des Evangeliums abgelehnt haben.

Kapernaum wird in den Evangelien als `seine Stadt`, d.h. die Stadt von Jesus genannt (Mt 9,1). Ihr hat er sich am intensivsten zugewandt. Mindestens 5 Jünger stammten aus dieser Stadt.Die Aussage von Jesus über Kapernaum „bist du bis zum Himmel erhoben, bis zur Hölle (gr. αδης – Hadesch) wirst du hinabgestoßen werden“, bezieht sich zum einen auf ihre Einwohner und zum anderen auch auf ihren Wohnort. Und die einst so bedeutende und blühende Handelstadt Kapernaum wurde bei dem Arabersturm 640 erobert, zerstört und verlassen. Erst im 19. Jh wurde die Stadt von Archäologen wiederentdeckt und später teilweise ausgegraben. Ab dem Ende des 19 Jh kümmerten sich die Franziskaner um die Ausgrabungsstätte und umzäunten sie. Bis heute ist dieser Ort nicht mehr besiedelt worden. Auch die Städte Bethsaida und Chorazin sind seit langem nur noch unbedeutende Ruinenfelder.

Anmerkung: Auch im Text in Matthäus 11,20-24 finden wir die gleichen Weherufe von Jesus über die genannten drei Städte. Matthäus fügt diese Aussage von Jesus bewusst in einen früheren Kontext und zwar zeitlich nach der Aussendung der zwölf Jünger. Lukas jedoch lässt den Bericht über die Aussendung der zwölf Jünger völlig aus, hat dafür die Aussendung der 70 aufgezeichnet, nach welche er auch die Weherufe einfügt. Dadurch  wird von den Evangelisten ein thematischer Zusammenhang deutlich gemacht. Auch ist es gut möglich, dass Jesus diese Aussage zweimal gemacht hat. Schon in Matthäus 10,15 im Zusammenhang der Aussendung der 12 Jünger belegte Jesus jene Städte mit einem ähnlichen `Wehe`, welche das Zeugnis der Jünger nicht annehmen werden. Auch bei der Aussendung der 70 widerholt er die gleiche Aussage (Lk 10,16).

Wie an vielen anderen Stellen, kommt der Dienst von Jesus als Prophet hier zum tragen. Ebenso hat auch nur er das Recht und die Vollmacht ein Urteil im voraus auszusprechen, denn nach seiner eigenen Aussage hat der Vater das gesamte Gericht dem Sohn übergeben (Joh 5,22-23).

 

Fragen:

  1. Bedenke die besondere und vielzählige Zuwendung von Jesus den Menschen in den drei genannten Städten und versuche herauszufinden, warum bei ihnen so wenig Bereitschaft zur Buße und Glauben war?

 

 

  1. Was ist die Folge, wenn Menschen in besonderen Zeiten der gnädigen Zuwendung Gottes nicht umkehren?

 

3.Was geschieht, wenn Menschen unser Zeugnis ablehnen?

 

  1. Auf welcher Grundlage kann Jesus ein so weitreichendes Urteil über die Menschen dieser Städte aussprechen?

 

8.5. Die siebzig (72) kehren mit Freuden zurück

Lk 10,17-20

 

  • Die Zweiundsiebzig (70) aber kamen zurück voll Freude und sprachen: Herr, auch die bösen Geister sind uns untertan in deinem Namen. Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz. Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden. Doch darüber freut euch nicht, dass euch die Geister untertan sind. Freut euch aber, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind“ (Lk 10,17-20).

Wir gehen zunächst davon aus, dass Jesus die 70 Jünger im Bereich Galiläa einsetzte. Und an einen bestimmten Ort kehrten sie auch wieder zurück. Vorstellbar wäre, dass sie zwei bis drei Wochen unterwegs waren. Es war also ein zeitlich und räumlich begrenzter Missionseinsatz. Übervoll von Freude, erzählen sie nun Jesus über ihre Erfolge. Die Wendung: „auch die Dämonen sind uns untertan …“ schließt auch andere wundervolle Erfahrungen wie Heilungen von Kranken, mit ein. Auch Heute würden die meisten Christen danach fragen, wer und wie viele Menschen haben sich denn bekehrt bei der Evangelisation?

Jesus reagiert auf die Freude der Jünger über deren Missionserfolg mit einem Hinweis auf Veränderungen in der himmlischen Sphäre und einer Korrektur in der Wahrnehmung des sogenannten `Erfolges`. Von der Welt Gottes ist uns nur soviel bekannt, wie der Vater und der Sohn uns geoffenbart hat. Die hebr. Bezeichnung `Satanas` meint den Feind und Gegner, den Widersacher, der sich entgegen stellt und entgegen handelt. Es gibt noch weitere ähnliche Anspielungen auf den sogenannten `Fall Satans`, so zum Beispiel in Hesekiel 28,14-17 und Jes 14,12-15. Obwohl dort im Vordergrund von den Königen Tyrus und Babel die Rede ist, scheint doch noch ein weiterer tieferer Sinn darin verborgen zu sein, nämlich der Vorgang in der Sphäre der Engel (hebr. Cherubim). Die Bezeichnung `glänzender Cherub, Morgenstern[178]` (Jes 14,1 und Hes 28,14) sind Umschreibungen des Wesens und Charakters dieses Fürstenengels vor dem Fall. Ein Teil der Engel, welche gesündigt haben (2Petr 2,4) wurden von Gott in die Finsternis hinaus zur Hölle verstoßen.

  • Denn Gott hat selbst die Engel, die gesündigt haben, nicht verschont, sondern hat sie mit Ketten der Finsternis in die Hölle gestoßen und übergeben, damit sie für das Gericht festgehalten werden.“

Dieses Ereignis liegt in der Vergangenheit und hat sich vor dem Sündenfall des Menschen zugetragen[179]. Auch Jesus spricht in der Vergangenheisform vom Fall Satans aus dem Himmel. Dies war ein plötzliches und blitzschnelles Ereignis.

Wenn Jesus in Johannes 12,31 sagt: “Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun (jetzt) wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden (nach draußen)“, weißt er auf eine weitere Einschränkung der Machtbefugnisse des Satans hin (vergl auch Joh 14,30 und 16,11). Diese Entmachtung des Satans ist offensichtlich im Werk Christi, in seinem Tod und Auferstehung begründet. Weitere Stellen zu diesem Thema: Offb 12,1-18 Wie auch immer die Symbolik dieses Textes gedeutet wird, gibt er uns doch einen Hinweis in die Sphäre, die Wirksamkeit und ebenso die Machteinschränkung des Feindes. „Ja, unser Widersacher der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlingen kann“ (1Petr 5,8-9). Doch die Macht des siegreichen Christus ist größer als alle Mächte der Finsternis zusammengenommen. Das ist eine gute Nachricht für alle angefochtenen Gläubigen. Doch gibt uns Jesus nicht nur die Macht Widerstand zu leisten, sondern auch die Vollmacht in seinem Namen die Werke des Teufels zu zerstören (1Joh 3,8).

 

Die Vergleiche mit bestimmten Tieren macht Jesus öfters in seinen Reden, das haben die Alttestamentlichen Schreiber auch schon gemacht, so in Psalm 91,13

  • Über Löwen und Ottern wirst du gehen und junge Löwen und Drachen niedertreten“ (Vgl. Mk 16,18).

Schlangen und Skorpione sind Kriechtiere, die tödliches Gift in sich tragen und wer ihnen zu nahe kommt, riskiert sein Leben. Mit der Vollmacht über diese Art von Feinden sind die Jünger von Jesus ausgestattet worden. Er erklärt gleichsam auch, dass mit diesen Feinden nicht Menschen gemeint sind, sondern es geht um Mächte der Finsternis, wie auch Paulus später in Eph 6,12ff weiter ausführt. Beachten wir auch, dass diese Vollmacht immer nur an den Namen von Jesus gebunden ist und nur in Übereinstimmung mit seinem Willen wirksam und zu Gottes Ehre eingesetzt werden kann.

 

Die Korrektur, welche Jesus bei den siebzig anbringt ist sehr wichtig für alle seine Nachfolger. Er legt den Schwerpunkt nicht auf das emotionale Hoch welches durch den Erfolg hervorgerufen wird, sondern ganz deutlich auf die Grund-Tatsache der himmlischen Bürgerschaft seiner Jünger. Beachten wir hier die Gegensätze,- der Satan wurde aus dem Himmel ausgestrichen, die Namen der Jünger sind dort eingeschrieben, eingraviert.

Weitere Stellen, die diese Realität beschreiben, finden wir in:

  • Phil 4,3 „Ja, ich bitte auch dich, mein treuer Gefährte, steh ihnen bei; sie haben mit mir für das Evangelium gekämpft, zusammen mit Klemens und meinen andern Mitarbeitern, deren Namen im Buch des Lebens stehen“ (2Mose 32,32-33; Ps 69,29;  Offb 3,5; 12,11; 17,8; 20,12. 13).

 

 

Fragen:

  1. Womit sind die siebzig bei ihrer Rückkehr beschäftigt, – was erfüllt sie?

 

  1. Wie reagiert Jesus auf das emotionale Hoch der Jünger?

 

  1. Was bewegt uns Heute nach einer Evangelisation oder Missionseinsatz?

 

 

  1. Welchen Einblick gibt uns Jesus über die Welt des Satans, über seinen Stand, seine Entmachtung, bzw. seine Machteinschränkung?

 

  1. Warum werden in der biblischen Offenbarung und auch besonders in den Reden von Jesus bestimmte Tiere als Anschaungsmaterial benutzt?

 

  1. Wie und in welche Richtung korrigiert Jesus seine Jünger?

 

 

8.6. Jesus jubelt und lobt seinen Vater im Himmel

Lk 10,21-24 (Mt 11,25-27)

  • In dieser Stunde jubelte Jesus im (Heiligen) Geist und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir. 22 Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand erkennt, wer der Sohn ist, als nur der Vater, und wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem der Sohn ihn offenbaren will. 23 Und er wandte sich zu den Jüngern allein und sprach: Glückselig (μακάριοι) die Augen, die sehen, was ihr seht! 24 Denn ich sage euch, dass viele Propheten und Könige begehrt haben, zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (L 1,21-24; Vgl. ‚Mt 11,25-27).

 

Matthäus ordnet dieses Gebet von Jesus (Mt 11,25-27) nach den Weherufen über die unbußfertigen Städte ein. Lukas etwas später, als die siebzig zurückgekehrt waren. Beide Evangelisten überliefern das Gebet fast wortgenau. Der kleine Unterschied liegt in der Zeitbestimmung. Lukas leitet ein mit: In jener Stunde` – gr. ωρα[180] – ora, Matthäus mit : Ìn jener Zeit`- gr. καιρος[181] – kairos. Dies lässt den Schluß zu, dass Jesus dieses Gebet direkt nach der Rückkehr der siebzig sprach.

Wir lernen Jesus kennen in seiner vielseitigen Gebetspaxis. Er betet bei Nacht, bei besonderen Anlässen und wie hier ganz spontan, wahrscheinlich mit erhobenem Haupt zum Himmel gerichtet. Jesus, als den Jubelnden zu erleben in seinem Dienst, ist schon etwas Besonderes. Dass er aber seine tiefe Freude und Begeisterung in die Adresse seines himmlischen Vaters zum Ausdruck bringt, ist beispielhaft. Für die Wendung `er freute sich`(so Lutherübersetzung), steht im griechischen `ηγαλλιασατο – igalliasato`, was genauer mit `er jubelte` übersetzt werden könnte. Jubel ist ein intensiver emotionaler Ausdruck und hier bei Jesus mit konkreten Worten gefüllt. Es ist ein Lobpreis auf den Vater im Himmel, den Allherrscher, der in seiner Souveränität anders oder entgegengesetzt den Gepflogenheiten dieser Welt handelt. Die `Weisen und Klugen` in dieser Welt sind Menschen, welche den Zugang zur Erkenntnis und Wissen außerhalb göttlicher Offenbarung suchen. Die Unmündigen in Gottes Augen sind Menschen, welche sich in kindlicher Abhängigkeit von Gott erkennen. Der Grund und Auslößer der Freude bei Jesus ist die Erkenntnis und Erfahrung, dass Gottes Willen und Wohlgefallen (gr. ευδοκία – eudokia) offenbar geworden sind. Einfacher ausgedrückt: der Sohn freut sich über das Handeln seines Vaters im Himmel und bejubelt ihn (Vgl. 1Kor 2,7).

Durch diese Zwiesprache mit seinem Vater zeigt Jesus auch den göttlichen Offenbarungsweg, eben wie und durch wen sich Gott mitteilt. Jesus ist allein der Wissende um die Person des Vaters und durch ihn kommt jegliche Offenbarung und Erkenntnis über den Vater im Himmel. Dies ermutigt uns um so mehr, Jesus, durch die Schriften der vier Evangelien, näher kennenzulernen.

Nach dem Gebet zum Vater, wendet sich Jesus direkt an seine Jünger, wahrscheinlich einschließlich der siebzig. Jesus kannte die Sehnsucht der Propheten und Könige in der Zeit des alten Bundes, doch mussten sich jene begnügen mit der Vorfreude, die Jünger erleben die Erfüllung aller Gottesverheißungen (Vgl. Mt 13,16;  1Petr 1,10-12). Dies ist genug Grund für ihre Glückseligkeit. Somit wird deutlich, dass die Erkenntnis um Gott und sein Handeln die wahren Grunde zur Freude und Jubel sind, nicht unsere Leistungen, unsere Erfolge oder sogar Dienste.

 

Fragen:

  1. Worüber freut sich Jesus und wie und wem gegenüber drückt er seinen Jubel aus?

 

  1. Wen meint Jesus unter dem Begriff `Weise und Kluge` und wer sind im Gegensatz dazu `Unmündige`?

 

  1. Wo liegt die Begrenzung für unser `Erkennen` und wodurch oder durch wen gelangen wir zur Gotteserkenntnis?

 

  1. Warum haben die Jünger von Jesus einen Vorteil gegenüber vielen Propheten und Königen des Alten Bundes?

 

 

8.7.  Jesus lehrt beten und bitten

(Lk 11,1-13;  Mt 6,9-15)

a. Jesus lehrt seine Jünger beten

  • Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Unser tägliches Brot gib uns Tag für Tag und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben allen, die an uns schuldig werden. Und führe uns nicht in Versuchung“ (Lk 11,1-4; Vgl. Mt 6,9-15).

Der Evangelist Matthäus hat bekanntlich das `Vaterunser` Gebet in die Sammlung der Berglehre eingefügt. Aus dem Text des Lukas wird jedoch deutlich, dass Jesus seine Jünger das Beten lehrte auf eine konkrete Anfrage seitens eines der Jünger (Lk 11,1). Allerdings hat Lukas den Inhalt des `Vaterunser` Gebets in kekürzter Form widergegeben. In Kapitel 3, Abschnitt 7c sind wir auf den Inhalt dieses Gebets von Jesus schon eingegangen. Im Text bei Lukas erklärt Jesus durch eine nachfolgende Geschichte den Wert und Erfolg des dringlichen Bittens.

 

b. Mein Freund, leihe mir drei Brote

(Lk 11,5-8)

 

  • Und er sprach zu ihnen: Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote; denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann“ (Lk 11,5-6).

Jesus ist Meister in Geschichten erzählen, in Geschichten bestimmte Aspekte zuspitzen, damit die zu mitteilende Wahrheit besser verstanden wird und im Gedächtnis haften bleibt. Diese Geschichte erzählt Jesus im Konjuktiv, nach dem Muster: stellt euch mal folgende Situation vor. Einige Details zum Kontext dieser Geschichte:

  • Brot wurde damals täglich frisch gebacken und es lag an der Einstellung der Hausfrau oder anderen Umstände, ob nach dem Abendessen noch etwas übrig geblieben ist oder nicht.
  • Geschlafen haben die Orientalen damals meist in einem Raum (Schlafraum) der mit Polstern oder Teppichen ausgelegt war. Nur die Reicheren hatten große Häuser mit mehreren getrennten Räumen und meistens auch mit einem großen Innenhof.
  • Es ist Mitternacht und da man meist früh aufstand, war eine Schlafunterbrechung sehr unwillkommen. Obwohl der Freund diese Gepflogenheiten kennt, unternimmt er den ungewönlichen Versuch bei seinem Nachbarfreund Brote zu bekommen.
  • Es fällt auf, dass er nicht für sich bittet, er hat also keinerlei direkten Vorteile.
  • Die Gastfreundschaft im Orient war damals (wie heute) eine Ehrensache. Bei wem der Reisende einkehrte, dessen Namen erwähnte man im Stadttor. Und eher riskierte jemand die Freundschaft mit dem Nachbarn, als dass er seinen Gast hungrig schlafen gehen ließe.

Auf diesem Hintergrund ist auch seine dringliche, ja gar unablässige Bitte zu verstehen.

Jesus bleibt aber nicht hängen an den Gepflogenheiten seiner Landsleute, sondern zieht seine eigene Schlussfolgerung. Dabei verwendet er den Ausdruck `αναιδειαν – anaideian`, was mit Unverschämtheit oder Aufdringlichkeit übersetzt werden kann. Das Ergebnis ist eindeutig, der Freund will endlich den Ruhestörer los haben und gibt ihm die gewünschten drei Brote.

 

c. Bittet, sucht, klopft an

(Lk 11,9-13;  Mt 7,7-11)

 

  • Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.  Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan“.(Lk 11,9-10).

 

Es erstaunt schon, dass Jesus soviel Wert auf unsere Aktivität legt. Dabei geht es um die Dinge, welche wir uns selber nicht erarbeiten und nicht nehmen können. Es geht also um Gaben, die uns zwar zur Verfügung stehen, doch werden sie uns nicht automatisch zufallen.  Wer bittet,- empfängt, wer zu faul oder stolz zum Bitten ist, geht leer aus.

Bittet, sucht, klopft an, alle drei Aufforderungen stehen im Imperativ, also in der Befehlsform. Jesus sagt nicht, probiert es mal auf diese oder jene Weise aus. Auch die Reihenfolge ist bewußt gewählt und auf allen drei aktiven Schritten liegt eine konkrete Verheißung.

Und wieder fügt Jesus einen Vergleich an, diesmal aus der Vater-Sohn-Beziehung. Bezieht man den Text aus Matthäus mit ein, ergibt sich ein dreifacher Vergleich, denn welcher Vater gibt seinem Sohn anstatt:

  1. Brot – Stein
  2. Fisch – Schlange
  3. Ei – Skorpion

Und auf dem Hintergrund der normalen fürsorglichen Beziehung von Vätern (Eltern) zu ihren Kindern hebt er die alles überragende Güte und Fürsorge des himmlischen Vaters hervor Der Vater im Himmel gibt nur gute Gaben, denn schlechte hat er nicht. Dieses Gute vom Vater ist jedoch nicht immer dass, was wir erbitten oder erwarten. Der Schwerpunkt liegt auch nicht auf den natürlichen oder materiellen Gaben, sondern es geht ihm dabei um die Gabe des Heiligen Geistes, den Gott reichlich und ohne Maß geben will:

  • Denn der, den Gott gesandt hat (Jesus), redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß“ (Joh 3,34).

Auch hier gilt:

  • Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, so wird euch dieses alles zufallen“ (Mt 6,33).

 

Fragen:

  1. Lerne das Gebet `Vater unser` auswendig. Merke dir die Ergänzungen bei Lukas.

 

  1. Bist du mal mitten in der Nacht geweckt worden, weil jemand an der Tür klingelte oder dich am Telefon sprechen wollte?

 

 

  1. Hast du mal einen Engpass gehabt an Lebensmitteln und dabei festgestellt, dass der Supermarkt schon geschlossen hatte?

 

 

  1. Wie reagierst du auf Absagen deiner Bitten?

 

 

  1. Kennst du Gott als einen, der zurückhaltend ist im Geben oder der großzügig gibt?

 

  1. Bittest du um die Fülle und Leitung des Heiligen Geistes?

 

 

8.8. Jesus besiegt die Macht der Dämonen

(Lk 11,14-26)

a. Jesus befreit einen dämonisch belasteten Menschen

  • Und er trieb einen bösen Geist aus, der war stumm. Und es geschah, als der Geist ausfuhr, da redete der Stumme. Und die Menge verwunderte sich“ (Lk 11,14).

Wie kurz sind oft die Berichte über Heilungen oder Befreuungen von dämonischer Belastung. Da wird wieder mal deutlich, es geht Jesus und auch den Evangelisten nicht um Sensationelle und detailierte Bschreibungen der Vorgänge, sondern um Tatsachen und dann auch um die Anwendung, bzw. die daraus resultierende Lehre für die Geheilten. Dabei entstehen oft auch kritische Nachfragen und spannende Diskussionen.

Der Textzusammenhang macht deutlich, dass es sich nicht um einen Stummen Geist handelt, sondern, dass der Mensch in seiner Sprache von diesem unreinen Geist gelämt wurde. Denn nachdem der Geist ausgefahren war, redete der Mensch, so dass sich das Volk verwunderte. Doch es gab etliche, die suchten eine theologische Erklärung zu der Befreiungstat von Jesus. Es war wohl der Neid, der sie hinderte Jesu Vollmacht als von Gott gegeben anzuerkennen. Stattdessen schreiben sie diese dem Beelzebul zu, dem Obersten der Dämonen. Es ist hilfreich in diesem Zusammenhang die Befreiungsgeschichte aus Matthäus 12,22-37 zu lesen. Nach der Befreiung folgen dann die gleichen Schilderungen und Erklärungen. Auch hier wird deutlich, dass Jesus in unterschiedlichen Situationen die gleichen Lehren verkündigte und oft die gleichen Beispiele verwendete.

 

Fragen:

  1. Kennst du Menschen in deinem Umfeld, die Sprachbehindert sind?

 

  1. Weist du um den Grund/Ursache dieser Behinderung?

 

  1. Wie gehst du mit diesen Menschen um?

b. Wer hat die vollmacht zum Befreiungsdienst?

  • Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten. Andere aber versuchten ihn und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel. (Mk 8,11) Er aber erkannte ihre Gedanken und sprach zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst uneins ist, wird verwüstet und ein Haus fällt über das andre. Ist aber der Satan auch mit sich selbst uneins, wie kann sein Reich bestehen?“ (Lk 11,15-18; vgl. Mt 12,25)

In der Volksmenge gab es fast immer Menschen, welche Jesus bewusst ablehnten und offen kritisierten. Nach Mt 12,22ff kommen diese Kritiker aus der Gruppe der Schriftgelehrten. Aus dem Text erfahren wir, dass Jesus die Überlegungen in ihren Gedanken sah, oder erkannte. Es fällt immer wieder auf, dass Jesus auch die Entstehung und Formung der Worte sieht und aus welchen Motiven sie dann ausgesprochen werden. Lukas erwähnt in einem Zug zwei auf den ersten Blick unterschiedliche Anfragen. In diesem Fall wird deutlich, sie versuchten ihn, indem sie ein Zeichen fordern und das Motiv ist keinesfalls ehrliches suchen nach Wahrheit, sondern eher der Neid, denn ihnen fehlt offensichtlich diese Vollmacht. Zunächst geht Jesus auf den Urheber der Vollmacht über die bösen Geister ein und erst später auf die Zeichenforderung.

In ihrer Feststellung schreiben die Kritiker die Befreiungsmacht von Jesus dem Obersten der Dämonen – Beelzebul[182] zu. Dies nimmt Jesus zum Anlass, um auf eine sehr sachliche Weise die Unsinninkeit solcher Behauptungen zu entlarfen.

Für die Juden war Beelzebul der Oberste Satan und Jesus lässt diese Bezeichnung so gelten, weil er sie kurz danach auch verwendet. Die Stärke von Jesu Argumentation liegt in den treffenden Beispielen, Gleichnissen und Geschichten. Folgende Realitäten der dämonischen Welt offenbart Jesus:

  • Es gibt ein Reich oder Herrschaftsbereich Satans
  • In diesem Herrschaftsbereich gibt es auch ein bestimmtes Regierungssystem in dem eine gewisse Einigkeit praktiziert wird, welche für das Bestehen unerlässlich ist
  • Konkret heißt es, dass ein Dämon niemals einen anderen austreiben wird, auch wenn er stärker oder höher im Rang ist

Die Gegenfrage von Jesus: „Durch wen treiben eure Söhne sie (die Dämonen) aus?“ ist nicht einfach zu verstehen. Es gab wohl im Judentum die Praxis der Dämonenaustreibung (Exorzismus[183]). Ein Beispiel aus der Apostelgeschichte belegt diese Praxis, in diesem Fall jedoch war es Unfug und Missbrauch des Namens von Jesus (Apg 19,13-16).

Jesus lässt seine Kritiker nicht im Unklaren – er treibt die Dämonen durch den `Geist Gottes` oder den `Finger Gottes` aus (Mt 12,28; Lk 11,20). Seinen Jüngern hat er schon zuvor diese Vollmacht gegeben, dass sie in seinem (Jesu) Namen handeln sollen.

Mit einem einprägsamen Spruch hebt Jesus das entweder oder im Dienst für ihn hervor: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Lk 11,23).

 

Fragen:

  1. Jesus sieht oder kennt die Gedanken der Menschen, was bedeutet dies für uns?

 

  1. Welchen realen Einblick gibt uns Jesus über die Sphäre der unreinen Geister-Dämonen?

 

  1. Durch wen treibt Jesus die bösen Geister aus?

 

  1. Wie sollen wir mit solch schwierigen oft undurchsichtigen Fällen umgehen?

 

  1. Lerne den Merkvers, den Jesus verwendet bei diesen Wahrheiten auswendig.

 

 

c. Die Gefahr nach der Befreiung

Lk 11,24-26

 

  • Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchstreift er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht; dann spricht er: Ich will wieder zurückkehren in mein Haus, aus dem ich fortgegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er’s gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben andre Geister mit sich, die böser sind als er selbst; und wenn sie hineinkommen, wohnen sie darin, und es wird mit diesem Menschen hernach ärger als zuvor“ (Lk 11,24-26).

Niemand weiß so gut Bescheid über die ‚Welt der Dämonen wie Jesus. Und daher kann er auch Einblick geben in das Denken und Handeln dieser menschenfeindlicher Geister. Die Betonung `wasserlose Gegenden` macht deutlich, dass jene unreinen Geister sich in der Sphäre der Ruhelosigkeit, Heimatlosigkeit und ungestillter Sehnsucht befinden. Für den Menschen, der von solchen Mächten frei wurde, ist nun die Gefahr groß, dass er wieder unter die Macht und Einflussbereich unreiner Geister kommt, es sei denn sein Lebenshaus wird vom Geist Gottes ausgefüllt. Diese Warnung galt wohl dem Menschen, der frei wurde, doch ist diese Folgeentwicklung nicht nur auf Einzelne Menschen, sondern auch auf ganze Gruppen zu beziehen (Mt 12,45). In etwas abgewandelter Form geschieht es auch bei einzelnen Personen, welche die ihnen erwiesene Gnade nicht schätzen.(2Petr 2,20-22).

Einen weiteren Einblick gibt Jesus uns in die Welt und das Reich der Dämonen: Es gibt unterschiedliche Größen und Stärken in der boßhaften und unreinen Geisterwelt.

  • Es gibt eine Art Zusammenarbeit zwischen den Geistern
  • Sie suchen und finden einander
  • Sie einigen und unterstützen sich gegenseitig, um sich das Menschenopfer gefügig zu machen

Kurz davor hat Jesus erklärt, dass der Satan mit sich selbst nicht uneins wird, weil so seine Herrschaft nicht bestehen würde (Lk 11,18).  Es ist also unärlässlich für die, welche solchen Befreiungsdienst ausüben, dafür zu sorgen, dass dem Befreiten das Evangelium nahegelegt und verständlich gemacht wird, damit er durch Buße und Vergebung Gottes Kind wird und der Heilige Geist in ihm Wohnung bezieht.

 

Fragen:

  1. Welchen Einblick gibt uns Jesus in die Sphäre der unreinen Geister?

 

 

  1. Auf welche Gefahr nach der Befreiung macht Jesus aufmerksam?

 

 

  1. Auf was ist beim Befreiungsdienst insbesondere zu achten?

 

  1. Auf welche Menschengruppe bezieht Jesus im weiteren Sinne die Folgeerscheinung: „Das letztere wird schlimmer als das Erste gewesen ist“?

 

 

d. Glückselig wer Gottes Wort hört und bewahrt

Lk 11,27-28

 

  • Und es begab sich, als er so redete, da erhob eine Frau im Volk ihre Stimme und sprach zu ihm: Selig ist der Leib, der dich getragen hat, und die Brüste, an denen du gesogen hast. (Lk 1,28)  Er aber sprach: Ja, selig sind, die das Wort Gottes hören und bewahren“ (Lk 11,27-28).

Jesus lässt sich auch mal unterbrechen in seiner Rede von einer Frau aus der Volksmenge und geht auf deren Bemerkung ein. Das Motiv dieser Frau bleibt unklar, doch empfindet sie durchaus positiv sowohl in Bezug auf Jesus als auch auf dessen Mutter – Maria. Vielleicht wird hier auch die Verbindung von Lukas 1,48 hergestellt, wenn auch unbewusst. Auffällig auch besonders für uns im Abendland die orientalische Offenheit und Gelöstheit in Bezug auf den menschlichen Körper, die Beziehung von Säugling und Mutter, Mann und Frau.  Jesus ignoriert diese Bemerkung nicht, lässt sie sozusagen im Raum stehen und lenkt die Gedanken der Zuhörer auf das Wesentlichere, nämlich: „Gottes Wort hören und bewahren“. Auch Maria ist Glückselig nicht in erster Linie weil sie Jesus geboren und gestillt hat, sondern weil es auch von ihr heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen“ (Lk 2,19). Damit ist sie in dieser Beziehung Vorbild und bekommt, wenn auch indirekt, Lob von Jesus.

 

 

Fragen:

  1. Wie gehst du damit um, wenn du in deiner Erzählung oder Rede unterbrochen wirst?

 

  1. Wie ordnest du Lob ein, das dir oder deiner Familie ausgesprochen wird?

 

  1. Welche Prioritäten setzt Jesus?

 

 

e. Jesus antwortet auf die Zeichenforderung

Lk 11,29-32

  • Die Menge aber drängte herzu. Da fing er an und sagte: Dies Geschlecht ist ein böses Geschlecht; es fordert ein Zeichen, aber es wird ihm kein Zeichen gegeben werden als nur das Zeichen des Jona. Denn wie Jona ein Zeichen war für die Leute von Ninive, so wird es auch der Menschensohn sein für dieses Geschlecht“ (Lk 11,29-30).

Mit der Antwort auf die Zeichenforderung (Lk 11,15) fällt Jesus auch ein klares Urteil über den ungläubigen und verhärteten Teil der Juden in Israel. Dies ist sehr auffällig und wird an mehreren Stellen wiederholt und bekräftigt ((Mt 12,38-45; 16,4 (Vgl. Mk 8,11-12; Lk 11,32) Mt 17,17 (Vgl. Mk 9,19; Lk 9,41) Mt 24,34 (Vgl. Mk 13,30; Lk 21,32) Mk 8,38;   Apg 2,40)).

Aus dem Kontext wird deutlich, dass diese Anfrage/Forderung aus den Reihen der Pharisäer und Schriftgelehrten (Gesetzeskundigen) kam (Lk 11,42+44). Somit wjrd klar, wen Jesus mit der Bezeichnung `Arges/böses Geschlecht` in erster Linie meint. Im griechischen steht dafür die Bezeichnung `γενεα[184] πονηρα – genea ponira`. Die Glaubenden an Jesus sind aus der Gruppe des `Bösen Geschlechts`ausgenommen. Doch nicht nur viele Schriftgelehrte aus der Pharisäerpartei, sondern auch aus den Reihen der Sadduzäer und dem Kreis um Herodes, gehören zu den Zeichenforderern (Mt 12,39; Lk 23,8) und damit zu diesem `argen Geschlecht`. Bei den vielen und verschiedenen Wundern von Jesus, welche immer auch Zeichen seiner Messianität waren, drängt sich schon die Frage auf: Wie viel und was soll Jesus noch tun zum Beweis seiner göttlichen Sendung?

  • Alle Arten von Krankheiten heilte er,
  • Aussätzige reinigte er vollständig,
  • Tote weckte er wieder zum Leben auf,
  • Wasser verwandelte er in Wein (eindeutiges messianisches Zeichen),
  • Brot vermehrte er (eindeutig das Zeichen des verheißenen Propheten),
  • Auf dem Wasser ging er einher, wie auf festem Boden,
  • Den Sturmwind stillte er plotzlich,
  • Gedanken der Menschen sah und erkannte er vollkommen,
  • Prophetische Aussagen wurden in seinem Leben erfüllt,

Wer damals wie heute gegen besseres Wissen sich Jesus verweigert, gehört zu diesem `argen Geschlecht`.

Jesus geht niemals auf die selbstsüchtigen und unlauteren Forderungen oder Erwartungen der Menschen ein. Vielmehr tut er das, was sein himmlischer Vater ihn anwies. Und immer wieder greift er zur Schrift zurück, so auch hier (Jona 3,3-10). Dieser ungläubigen Generation soll das Zeichen des Propheten Jona gegeben werden, also etwas, was Gott für richtig und notwendig hält und auch in seinem Plan eingeschlossen ist.

Die Menschen in Ninive (Heiden und zeitweise Feinde des Volkes Israel) taten geschlossen Buße auf die Wortpredigt des Jona. Jesus bekräftigt ständig seine Lehre mit den Wunderwerken des Vaters und ihm wird nicht geglaubt. Daraus folgt ein höheres Maß an Verantwortung. In zweierlei Hinsich ist Jona ein Zeichen, welches auf Jesus hinweist (Mt 12,38-41). Zum einen seine scheinbare Niederlage (drei Tage in des Fisches Bauch) und zum anderen sein Erfolg (Tagespredigt und die Niniviten bekehrten sich zu Gott). Mit den Worten: „Hier ist mehr als Jona“ wird die überragende Person von Jesus und auch sein unübertroffener, vollmächtiger Verkündigungs,- und Heilungsdienst hervorgehoben.

Sehen wir uns einmal die Parallelen, Unterschiede und Gegensätze von Jona und Jesus näher an:

Jona Jesus
Jona bekommt von Gott den Auftrag nach Ninive zu gehen

 Jesus wird von seinem Vater in diese Welt gesandtJona ist ungehorsam und fliehtJesus gehorcht und gehtJona ist drei Tage/Nächte im Bauch des großen FischesJesus ist drei Tage/Nächte mitten in der ErdeJona wird auf Gottes Geheiß wieder zum natürlichen Leben befreitJesus wird von seinem Vater von dem körperlichen Tod zum geistlich/köperlichen ewigen Leben auferwecktJona predigt Untergang, die Niniviten bekehren sich geschlossen zu GottJesus predigt Rettung, der größte Teil des Volkes lehnt ihn jedoch abJona erfüllt einen lokalen Auftrag (Stadt Ninive)  mit zeitlichem ErfolgJesus erfüllt den allumfassenden Auftrag seines Vaters (Rettungsbotschaft für die ganze Welt) mit Langzeitauswirkungen

 

Zur Bekräftigung führt Jesus noch ein weiteres Ereignis aus der Geschichte Israels an. Den Besuch der Königin von Saba, die vom äußersten der Erde kam, um Salomos Weisheit zu hören (1Kön 10,1ff; 2Chron 9,3ff). Und damit legt er eine große Verantwortung auf die Menschen (Generation) seiner Zeit, welche trotz besseres Wissen sich ihm und seiner Rettung größtenteils verweigerten.

 

Fragen:

  1. Wer sind die Menschen, welche immer wieder ein besonderes Zeichen von Jesus fordern und wie nennt Jesus sie?

 

  1. Wo erkennen wir auch in unserer Zeit, dass traditionelle Religiosität Eifersucht, Neid und Status, einer echten Buße und kindlichem Glauben im Wege stehen?

 

  1. Warum geht Jesus nicht auf die Zeichenforderung ein?

 

  1. Woran wird Jesus die Verantwortung des Menschen messen am Jüngsten Tag?

 

  1. Nenne einige Vergleiche und Unterschiede zwischen Jona und Jesus.

 

f. Das Gleichnis vom Licht

Lk 11,33-36

  • „Niemand zündet ein Licht an und setzt es in einen Winkel, auch nicht unter einen Scheffel, sondern auf den Leuchter, damit, wer hineingeht, das Licht sehe.  Dein Auge ist das Licht des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so ist dein ganzer Leib licht; wenn es aber böse ist, so ist auch dein Leib finster.  So schaue darauf, dass nicht das Licht in dir Finsternis sei. Wenn nun dein Leib ganz licht ist und kein Teil an ihm finster ist, dann wird er ganz licht sein, wie wenn dich das Licht (der Blitz) erleuchtet mit hellem Schein“ (Lk 11,33-36).

Schon in Matthäus 5,15-16 und Lukas 8,16 verwendet Jesus das Bild/Gleichnis vom Licht und wendet es dort im Kontext an. Der griechische Begriff für Licht heißt `φως[185], φοτεινος – fos, foteinos` und wird grundsätzlich positiv verwendet. Licht ist bis in unsere Zeit eins der am schwierigsten erklärbaren Elemente. Bis heute haben die Wissenschaftler keine eindeutige und umfassende Definition für Licht gefunden. Doch Licht hat Auswirkungen und daraus können wir einiges ableiten:

  • Licht, wenn es auch noch so gering ist, vertreibt die Finsternis,
  • Licht erzeugt, oder durch Licht entsteht Leben,
  • Licht wärmt,
  • Licht macht Gegenstände erkenntlich,
  • Licht ist immer der Finsternis überlegen,

8.9.  Ein Pharisäer lädt Jesus zum Essen ein

Lk 11,37-54

 

  • Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte“ (Lk 11,37-38).

Mitten in das Gespräch fragt ein Pharisäer, ob Jesus mit ihm essen würde? Und Jesus willigt ein, obwohl er weiß, dass ihm unangenehme Gespräche bevorstehen. Auslöser dafür war die Verwunderung des Pharisäers über den Umstand, dass Jesus vor dem Essen das Waschen der Hände unterlassen hatte. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Jesus aus provozierender Absicht dieses Ritual unterlassen hatte. Eher ist der Umstand, dass er gar keine schmutigen Hände hatte und kein Bedarf am waschen bestand. Kaum vorstellbar, dass Jesus absichtlich mit schmutzigen Händen jemand berührt hätte oder sich an den gedeckten Tisch gesetzt hätte.Denn auch bei anderen Gelegenheiten ignorierte er die jüdischen Vorschriften der Ältesten, so bei Heilungen am Sabbat.

Wie auch in anderen Fällen so auch hier kommt es Jesus nicht darauf an nur wegen Einhaltung von Sitten, Gebräuchen oder Tradiditon, ein Ritual ohne Grund einzuhalten.

Der Pharisäer konnte jedoch seinen Unwillen nicht verbergen und hat es Jesus spüren lassen. Dies nimmt Jesus zum Anlaß, um auf die eigentlichen Missstände jener Gruppe hinzuweisen.

Folgende Bereiche nennt Jesus hier:

  • Einforderung des Zehnten von Gräßern und Gewürzen – Dill und Kümmel
  • Das äußere der Becher (Kelche) und Schüsseln (Schalen, Tablets) wird peinlich genau rein gehalten. Was aber Jesus beanstandet, ist das Innere des Herzens bei den Pharisäern – es ist nämlich voll Raubes und Schlechtigkeit (Bosheit). Nur Jesus kennt das ganze Ausmaß an Bösen Gedanken, Neid, Eifersucht, Besserwisserei, Stolz und Überheblichkeit des menschlichen Herzens.

Doch wie stellt Jesus fest, dass die Pharisäer voll von Raub sind?

  • Sie Raubten die Armen aus, indem jenen Abgabe-Lasten aufgezwungen werden (Zehnter von allerlei Gewürzgräßern und Kräutern), am Gericht (rechtes Urteil) und an der Liebe Gottes (die sich immer auch dem Nächsten zuwendet) gehen sie kaltherzig vorbei (Lk 11,42).
  • Durch falsche Interpretation der Schrift leiteten sie Zuwendungen der Kinder welche für die Eltern bestimmt waren, an den Tempel um (der sogenannte Korban) – und dies war Raub (Mk 7,11),
  • Sie raubten Gott die Ehre und eigneten diese sich selber an (Joh 5,44),
  • Auf den Marktplätzen nahmen sie gerne die ehrenvollen Begrüßungen der Leute an, so lenkten sie die Ehrerbietung der Menschen auf sich anstatt auf Gott (Lk 11,43) – auch dies ist Raub.
  • In den Synagogen wetteiferten sie um die ehrenvollen ersten Sitzplätze, auch wenn jene ihnen nicht zustanden – Ehrsucht – Ellbogenmentalität (Lk 11,43).
  • Ferner deckt Jesus die Heuchelei der Pharisäer auf (Vergleich mit den verdeckten Gräbern Lk 11,44).
  • Auch die sogenannten Gesetzeskundigen spricht Jesus an: Mit unerträglichen Lasten belastet ihr die Menschen, selber jedoch rührt ihr diese nicht mit einem Finger (Lk 11,46).
  • Ihr baut (schmückt) die Gräber der Propheten (Lk 11,47).
  • Die Schlüssel zum Himmelreich (die Erkenntnis Gottes) haben sie weggenommen (Lk 11,52) – auch dies ist Raub.

Fragen:

  1. Aus welchen Motiven lädt dieser Pharisäer Jesus zum Essen ein?
  2. Warum lässt sich Jesus ohne weiteres einladen, obwohl er um die Brisanz der Fragen und Gespräche am Tisch im voraus ahnen kann oder einfach weiss?
  3. Warum hält sich Jesus nicht an die vorgeschriebenen Rituale der Ältesten?
  4. Warum deckt Jesus so schonungslos die innere verborgene Welt der Pharisäer und Schriftgelehrten auf?
  5. Was sind unsere Tischgespräche? Fragen zur Herstellung vom Essen, Austausch von Rezepten? Kommt es auch zu tieferen Gesprächen über die innere Welt der Gedanken und Motive?

 

 

8.10.  Ermutigung zu einem ehrlichen Bekenntnis zu Gott

Lk 12,1-12

a. Sein oder Schein – Verborgenes wird offenbar

  • Unterdessen kamen einige tausend Menschen zusammen, sodass sie sich untereinander traten. Da fing er an und sagte zuerst zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das ist die Heuchelei. 2 Es ist aber nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 3 Darum, was ihr in der Finsternis sagt, das wird man im Licht hören; und was ihr ins Ohr flüstert in der Kammer, das wird man auf den Dächern predigen“ (Lk 12,1-3).

Die folgenden Abschnitte scheinen eine zeitliche und thematische Fortsetzung des Vorhergehenden zu sein. Nach dem Besuch im Haus des Pharisäers, wendet sich Jesus nun zunächst wieder an seine Jünger, obwohl eine große Menschenmenge auf ihn wartet. Es ist eine Art Reflexion dessen, was sie bei jenem Besuch hörten und erlebten.

Lukas vermerkt hier die Vielzahl der Menschen, die zusammenkamen, nämlich `μυριαδων – myriadon`, das sind zehntausende[186] (hier im Plural). Dabei gehen sie miteinander keineswegs zimperlich um, im Text steht: „sie traten einander“. Jeder drängte nach vorne, dabei wurden Menschen verletzt. Doch Jesus zeigt sich hier nicht zuständig für die öffentliche Ordnung, er wendet sich zuerst an seine Jünger. Zu sehr bewegt ihn der Virus der Heuchelei, besonders deutlich erkennbar bei den gesetzestreuen Pharisäern und Schriftgelehrten. Das Bild vom Sauerteig[187] verwendet Jesus in diesem Zusammenhang, um auf die rasche und gänzliche Durchdringung des Viruses der Heuchelei in alle Lebensbereiche des Menschen hervorzuheben. Für Heuchelei benutzen die Evangelisten den Begriff `υποκρισις – ypokrisis`. Der Heuchler war dann der `υποκριτης – ypokritis`, also jemand der unter dem Richter stand, bzw. unter Gericht, oder der dem Gerichtsurteil nicht standthalten konnte. Die Heuchelei bei Bileam ist ein deutliches Beispiel dafür (Vgl. 4Mose 22,7-18; mit 2Petr 2,15-16). Mit seinen Worten lehnte Bileam den Wahrsagerlohn ab, doch in seinem Herzen begerhte er ihn und das ist Heuchelei, deshalb stand er unter dem Urteil Gottes.

Im Alltag wurde dieser Begriff im griechischen Kulturraum für die Schauspieler im Theater auf der Bühne gebraucht. Es sind Menschen, die ihr wahres Gesicht unter einer Maske verdecken und mit Stimme, Worten und Gestik die zu spielende Rolle einer Person zu immitieren versuchen. Dadurch bleibt meistens der Schauspieler in seiner eigentlichen Identität unerkannt.

Mit dieser verderblichen Unart geht Jesus sehr offen ins Gericht. Dazu verwendet er Bilder mit Gegensätzen. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde und nichst Heimliches, was man nicht wissen werde. Ein deutlicher Hinweiss, dass alles Verborgene des Menschen und im Menschen entweder noch zu seinen lebteiten oder spätestens im Endgericht offengelegt wird. Paulus greift später diesen Gedanken in 1Tim 5,24 auf:

  • Bei einigen Menschen sind die Sünden offenbar und gehen ihnen zum Gericht voran; bei einigen aber werden sie hernach offenbar.“

Dieser sündige Hang des Menschen zum Schein (Heiligen) ist keineswegs auf die Kultur und das Leben im Judentum zur Zeit von Jesus beschränkt, sondern findet sich in allen Kulturen, besonders in religiösen Systemen und frommen Kreisen.

 

 

 

Fragen:

  1. Lukas der Arzt und Geschichtsschreiber geht grundsätzlich sehr genau mit Zahlen um. Doch hier wird es schwierig mit dem zählen. Wie gehen wir mit Zahlen um, übertreiben wir gern, oder untertreiben wir lieber, wie nahe sind wir der Wahrheit?

 

 

  1. Warum kümmert sich Jesus hier nicht um die öffentliche Ordnung? Ist es ihm egal, dass Menschen einander wegdrängen, oder sieht er darin nicht seinen Auftrag? Wo und wann haben wir öffentlich in eine chaotische Situation eingegriffen mit oder ohne Erfolg?

 

 

  1. Warum wendet sich Jesus an seine Jünger, obwohl die Gelegenheit da ist, zu einer großen Menschenmenge zu sprechen? Was unterscheidet ihn von den religiösen Führern unserer Zeit?

 

 

  1. Erkläre den Begriff Heuchelei anhand eines konkreten Beispiels. Wie und wodurch können wir heute diesen Virus erkennen und erfolgreich bekämpfen?

 

  1. Nenne Beispiele von Dingen, die streng geheim waren oder lange geheim gehalten wurden, aber am Ende doch an die Öffentlichkeit gelangten? Wie reagieren die Menschen darauf?

b. Wer ist zu fürchten? Wer kann den Leib töten? Wer hat die Vollmacht Leib und Seele in der Hölle verderben?

 

  • Ich sage aber euch, meinen Freunden: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts mehr tun können. Ich will euch aber zeigen, vor wem ihr euch fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch“ (Lk 12,4-5).

Folgende Fragen stellen wir an den Text:

  1. Wer kann den Leib (Körper) töten, aber danach nichts mehr tun? Warum sollen die Jünger diese Töter/Täter nicht fürchten?

Antworten auf diese Frage bekommen wir aus folgenden Texten, welche auch über die Erfahrungen der ersten Christen berichten.

  • Joh 16,2 „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt aber die Zeit, dass, wer euch tötet, meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.“
  • Apg 12,1-2 „Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.“
  • Apg 26,10 „Das habe ich in Jerusalem auch getan; dort brachte ich viele Heilige ins Gefängnis, wozu ich Vollmacht von den Hohenpriestern empfangen hatte. Und wenn sie getötet werden sollten, gab ich meine Stimme dazu.“
  • Apg 7,59 „und sie steinigten Stephanus; der rief den Herrn an und sprach: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!“

Die Beispiele in diesen Texten machen deutlich,- Menschen werden von und durch Menschen getötet. Dahinter steht der Einfluß und das Wirken Satans von dem Jesus sagt, dass er von Anfang an ein Lügner und Menschenmörder ist.

  • Joh 8,44 „Ihr habt den Teufel zum Vater, und nach eures Vaters Gelüste wollt ihr tun. Der ist ein Mörder von Anfang an und steht nicht in der Wahrheit; denn die Wahrheit ist nicht in ihm. Wenn er Lügen redet, so spricht er aus dem Eigenen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge.“

 

  1. Wer besitzt die Vollmacht über das Leben, den Tod, die Hölle, die Verdammnis?

Wen meint Jesus mit den Worten: „Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt“?

Wir haben bereits festgestellt, dass es nicht Menschen sind, die wir zu fürchten haben, auch wenn diese töten/morden. Wer ist also dann hier als der Vollmächtige gemeint, der unbedingt zu fürchten ist? Ist es der Teufel oder Gott?

Das der Teufel als Urheber von Lüge und Mord von Jesus selbst als solcher bezeichnet wird, gibt uns zunächst das Recht zu sagen, dass alles Böse letztlich in ihm wurzelt und obwohl er selbst im Hintergrund bleibt, doch offensichtlich den Menschen instrumentalisiert für seine Zwecke. Ist daraus der Schluss zu ziehen, dass er auch das legare Recht und die Vollmacht bekommen hat, nach dem töten auch zu verderben in die Hölle?

Zunächst der altgriechische Text:

  • „ὑποδείξω δὲ ὑμῖν τίνα φοβηθῆτε· φοβήθητε τὸν μετὰ τὸ ἀποκτεῖναι ἔχοντα ἐξουσίαν ἐμβαλεῖν εἰς τὴν γέενναν. ναὶ λέγω ὑμῖν, τοῦτον φοβήθητε.“

Der griechische Begriff ´αποκτειναι – apokteinai´ wird mit ´töten-umbringen´ übersetzt, so in Lk 13,31; Apg 21,31;  Joh 5,18; 7,1. 19. 20; 8,31. 40). In all diesen Stellen in denen dieser Begriff vorkommt,  geht es um ein aktives Töten/umbringen und es ist gegen Jesus und seine Nachfolger gerichtet.

Hier die unterschiedlichen Übersetzungsvarianten:

Elberfelder ÜS: „der nach dem Töten die Vollmacht hat.“ Hier ist nicht eindeutig, wer der Tötende ist.

Neues Leben ÜS:Aber ich sage euch, wen ihr wirklich fürchten sollt: Fürchtet Gott, der die Macht hat, Menschen zu töten und sie danach in die Hölle zu werfen.“

In dieser Übersetzung ist Gott der allein Handelnde.

Neue Genfer ÜS: „Fürchtet den, der nicht nur töten kann, sondern auch die Macht hat, in die Hölle zu werfen.“ Hier sind beide Aktionen in einer Person vereint, doch nicht eindeutig in welcher Person.

Luther ÜS. 84: „Fürchtet euch vor dem, der, nachdem er getötet hat, auch Macht hat, in die Hölle zu werfen. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.“ Auch hier bleibt offen, wer getötet hat. Doch der Tötende ist gleichsam auch der Vollmächtige, um in die Hölle zu werfen.

Die Neugriechische ÜS: „Να σας πω ποιον να φοβηθειτε, το Θεο, που εχει την εξουσια να σας ριξει στην κολαση μετα το φυσικα θανατο“. Gott hat die Vollmacht nach dem physischen Tod in die Hölle zu werfen. Bei dieser Übersetzung wird Gott nicht zwangsläufig als ´Töter´des Leibes gesehen. Menschen sterben, oder werden getötet, doch nur Gott hat die Vollmacht nach eintreten des physischen Todes jemand in die Verdammnis zu werfen. Diese bunte Vielfalt bei den Übersetzungen zeigt, dass wir es nicht nur mit einem schwierigen Text zu tun haben, sondern auch, dass es unterschiedliche Sichtweisen über Gottes Wesen gibt (auch unterschiedliche Sichtweisen über das Wesen Satans und seiner Kompetenzen).

In Psalm 90,3 sagt Mose von Gott:

  • Der du die Menschen lässest sterben und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!

Doch gibt es auch viele Texte und Aussagen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass Gott die Vollmacht besitzt und das legale Recht hat aufgrund seiner Heiligkeit und Gerechtigkeit, das physische Leben von Menschen zu beenden. Und diese Vollmacht hat er auch unter konkreten und klaren Voraussetzungen an bestimmte Institutionen übertragen. Doch Gott ist ein Gott des Lebens und nicht des Todes und Tötens.

 

Schauen wir uns noch den Pralleltext aus Matthäus 10,28 an:

  • Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben (απολεσαι-apolesai) kann in der Hölle.“

In diesem Text ist der Bezug auf das ´Verderben in die Hölle´ als Schwerpunkt hervorgehoben. Und dieser Vollmachthabende ist zu fürchten. Der gr.Begriff  ´απολεσαι-apolesai´ wird mit ´verderben´ übersetzt (Mk 1,24: „Bist du gekommen uns zu verderben?“;   Jak 4,12 „Einer ist Gesetzgeber und Richter, der kann retten und verdammen“) und bezieht sich auf die vollmächtige und richterliche Vollmacht Gottes und der Person Jesu.

 

Fazit: Der Teufel ist also der Verursacher und der Veranlasser des tötens/Mordens. Die  Menschen als seine Diener, sind Handlanger der Tötungs oder Mordtaten. Niemals hat Gott ihm dem Satan die Vollmacht erteilt über das körperliche oder auch geistliche Leben der Menschen, dies hat er sich mit List und Betrug angeeignet. Es wäre graußam und schrecklich, hätte der Teufel dieselbe Vollmacht wie Gott, er würde sie nur zu seinem eigenen Vorteil einsetzen. Es gibt keinen Hinweis im Neuen Testament, dass die Gläubigen den Teufel/Satan oder gar seine Dämonen fürchten sollen (Angst haben), schon gar nicht ehr-fürchten.

  • Lk 10,18-19 „Er sprach aber zu ihnen: Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz (Joh 12,31). Seht, ich habe euch Macht gegeben, zu treten auf Schlangen und Skorpione, und Macht über alle Gewalt des Feindes; und nichts wird euch schaden“ (1Petr 5,8-9; Joh 14,1 „Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!).

Immer forderte Jesus seine Jünger auf: „fürchtet euch nicht“, weil ihre Furcht/Erschrecken ausgelöst wurde durch Konzentration auf ein angebliches Gespenst (Mt 14,26; Mk 6,49). Gerade in diesem Fall will Jesus seinen Jüngern die Angst/Furcht vor dämonischen Geistern nehmen und auf den gerechten und fürsorgenden Gott ausrichten.

  • Hebr 2,14-15 „Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er’s gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel“ (2Tim 1,10).

Der Teufel ist entmachtet durch den Tod und die Auferstehung von Jesus Christus. Dagegen gibt es viele Hinweise und Aufforderungen in der Heiligen Schrift zur Furcht Gottes (sowohl Erfurcht vor Gott als auch ein Erzittern in seiner Gegenwart: 2Mose 1,17+21; Hebr 12,21; 2Kor 5,11;  Offb 14,7).

 

Wenn also der Teufel seiner Macht über den Tod durch Christus beraubt (entmachtet) wurde, dann hat er auch keine Vollmacht Menschen nach dem physischen Tod (wie auch immer derselbe eingetreten ist) in die Hölle zu werfen. Diese Vollmacht steht allein Gott zu, wie folgende Textaussagen deutlich machen: Mt 25,41+46;  2Thes 2,8;  2Thes 1,8-9;  Offb 19,20;  Joh 16,8-11; Mt 22,13; Offb 11,18.

Daher muß unser Text nicht zwingend mit: „Nachdem er getötet hat“ übersetzt werden, sondern einfach: „Nachdem getötet worden ist“, es kann hier offengelassen werden, wer den Leib getötet hat.

 

Fragen:

  1. Vor wem sollen sich die Jünger von Jesus nicht fürchten und warum?

 

  1. Vor wem ist Furcht/Erzittern und auch Ehrfurcht geboten?

 

  1. Daß der Teufel ein Lügner und Mörder ist von Anfang an ist bekannt, doch warum fällt es Christen so schwer anzunehmen, dass Gott nicht nur Leben ist, Leben geschaffen hat, sondern auch Leben beenden kann, ja auch nach dem Ende dieses Lebens freisprechen oder verdammen kann?

 

Das Thema wird von Jesus weitergeführt unter dem Aspekt der kindlichen Vertrauensbeziehung zum Vater im Himmel. Und wieder spricht Jesus in einem Vergleich.

  • Verkauft man nicht fünf Sperlinge für zwei Groschen? Dennoch ist vor Gott nicht einer von ihnen vergessen. Aber auch die Haare auf eurem Haupt sind alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge“ (Lk 12,6-7).

Gott kümmert sich um seine Geschöpfe und ergreift lebenserhaltende Maßnahmen. Während wir uns wenig darum kümmern, wenn uns beim waschen oder kämmen einige Haare vom Haupt fallen, sind sie bei Gott gezählt. Welche Aufmerksamkeit, was für eine Fürsorge! Darum sollen wir uns nicht fürchten vor denen, welche uns physische Gewalt antun können. Er wird dafür sorgen, dass wir von seinem Geist mit Weisheit beschenkt werden (Lk 21,15;  Mk 13,11) und über uns seine Gnade wie einen Schirm ausbreiten (1Petr 4,14).

 

c. Das klare Bekenntnis zu Jesus

Die Nachfolge der Jünger von Jesus ist immer mit einer Herausforderung verknüpft.

  • Ich sage euch aber: Wer mich bekennt vor den Menschen, den wird auch der Menschensohn bekennen vor den Engeln Gottes. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes“ (Lk 12,8-9).

Irgendwann müssen sie, die Jünger, Farbe bekennen. Sich zu Gott im allgemeinen zu bekennen, ist fast in allen Religionen und sogar weltlichen Systemen akzeptiert, doch das Bekenntnis zur Person von Jesus Christus aus Nazaret, wird immer wieder auf Widerstand, Verachtung und sogar Verfolgung stoßen.

 

Fragen:

  1. Warum ist der allgemeinde Glaube und Bekenntnis zu Gott fast überall akzeptiert?

 

  1. Nenne Beispiele, wo und wann du zu einem Bekenntnis zu Jesus herausgefordert wurdest?

 

 

d. Jesus warnt vor der Lästerung des Heiligen Geistes

Lk 12,

 

Die Frage nach der Sünde, die zum Tode führt wird hier gestellt und beantwortet (1Joh 5,16).

  • Wenn jemand seinen Bruder sündigen sieht, eine Sünde nicht zum Tode, so mag er bitten und Gott wird ihm das Leben geben – denen, die nicht sündigen zum Tode. Es gibt aber eine Sünde zum Tode; bei der sage ich nicht, dass jemand bitten soll.

1Joh 5,17

  • Jede Ungerechtigkeit ist Sünde; aber es gibt Sünde nicht zum Tode.“

 

  • Und wer ein Wort gegen den Menschensohn sagt, dem soll es vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem soll es nicht vergeben werden. (Mt 12,32; Mk 3,28) Wenn sie euch aber führen werden in die Synagogen und vor die Machthaber und die Obrigkeit, so sorgt nicht, wie oder womit ihr euch verantworten oder was ihr sagen sollt; denn der Heilige Geist wird euch in dieser Stunde lehren, was ihr sagen sollt“ (Lk 12,10-12).

 

Mt 12,28

  • „Wenn ich aber die bösen Geister durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen.

 

Mt 12,31-32

  • Darum sage ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Und wer etwas redet gegen den Menschensohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet gegen den Heiligen Geist, dem wird’s nicht vergeben, weder in dieser noch in jener Welt.

 

Mt 9,34

  • „Aber die Pharisäer sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.

Mt 12,24

  • „Aber als die Pharisäer das hörten, sprachen sie: Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten.

Mk 3,22

  • „Die Schriftgelehrten aber, die von Jerusalem herabgekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul, und: Er treibt die bösen Geister aus durch ihren Obersten.

Lk 11,15

  • „Einige aber unter ihnen sprachen: Er treibt die bösen Geister aus durch Beelzebul, ihren Obersten.

 

Hebr 6,4-6

  • „Denn es ist unmöglich, die, die einmal erleuchtet worden sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und Anteil bekommen haben am Heiligen Geist und geschmeckt haben (Hebr 10,26; 2Petr 2,20 das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Welt  und dann doch abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Buße, da sie für sich selbst den Sohn Gottes abermals kreuzigen und zum Spott machen.

 

Hebr 10,26-29

  • denn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, haben wir hinfort kein andres Opfer mehr für die Sünden, (Hebr 6,4) sondern nichts als ein schreckliches Warten auf das Gericht und das gierige Feuer, das die Widersacher verzehren wird. Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, muss er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Eine wie viel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht?

 

Hebr 12,25

  • Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der da redet. Denn wenn jene nicht entronnen sind, die den abwiesen, der auf Erden redete, wie viel weniger werden wir entrinnen, wenn wir den abweisen, der vom Himmel redet. (Hebr 2,2; Hebr 10,28)

 

 

 

1Kor 6,18

  • Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.

 

Joh 16,9

  • über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;

 

Kol 3,5

  • So tötet nun die Glieder, die auf Erden sind, Unzucht, Unreinheit, schändliche Leidenschaft, böse Begierde und die Habsucht, die Götzendienst ist.

1Tim 6,1

  • Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Übels; danach hat einige gelüstet und sie sind vom Glauben abgeirrt und machen sich selbst viel Schmerzen.

1Johannes 1,5-2,2

 

Fragen:

  1. Was sagt uns die Bibel über die verschiedenen Sündenarten? Gibt es Unterschiede zwischen den Sünden?

 

  1. Warum ist die Lästerung des Heiligen Geistes mit so einem strengen Urteil bemessen?

 

  1. Kann ein Christ, der den Heiligen Geist hat, diesen lästern?

 

  1. Wie können wir uns vor Sünden schützen? Und was ist zu tun, wenn wir gesündigt haben?

8.11.  Jesus warnt vor Habgier

Lk 12,13-21 (HUL)

a. Herr, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teile

  • Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt? Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat“ (Lk 12,13-15).

Jesus lässt sich immer wieder unterbrechen in seiner Rede, oder es gab mal eine Redepause und ein Zuhörer fordert Jesus heraus ihm in seinem Problem beizustehen. Es gab eine gesetzliche Regelung in der Frage des Erbrechts (5Mose 21,17) obwohl in der Anfangszeit der Geschichte Israels damit sehr individuell umgegangen wurde (1Mose 29,30; 49,3;  5Mose 21,17). Jesus hätte hier die Möglichkeit und auch Fähigkeit diese Streitsache gerecht zu klären, was er jedoch nicht tut. Nicht dass es ihm die soziale Gerechtigkeit gleichgültig wäre, sondern weil er ein neues Prinzip einführen will, dass für die Lösungen von solcherart Problemen geeigneter ist. Warum will dieser Mensch seine Sache vor dem Lehrer Jesus verhandeln? Was geht in seinem Herzen vor?

 

Fragen:

  1. Fordert er seinen Anteil von seinem Bruder aus der Not, dem Bedarf heraus, weil er darauf angewiesen ist?

 

  1. Fordert er seinen Anteil, weil dieser ihm vom Gesetz zusteht?

 

  1. Fordert er seinen Anteil aus Habgier?

 

Jesus wendet sich an alle Umherstehenden mit der Herausforderung: „Hütet euch von  jeder Art von Habgier“. Verzichte auf dein Recht. Begnüg dich mit dem, was du hast. Denk an die Beziehung zu deinem Bruder. Was habt ihr davon, wenn ihr das Recht bekommt, aber die Beziehung verliert?

 

 

Fragen:

  1. Warum geht Jesus nicht auf das Anliegen dieses Menschen ein? Ist ihm die soziale Gerechtigkeit nicht wichtig?

 

  1. Was ist Habgier, durch welche weiteren Begriffe wird diese sündhafte Neigung des Menschen beschrieben?

 

  1. Welche Lösung für dieses Problem (Teilung des Erbes) bietet Jesus an?

 

 

b. Das Gleichnis vom reichen Ertrag des Feldes eines Grundbesitzers

Lk 12,16-21

 

Fragen:

  1. Der Grundbesitzer, was besaß er und welches Glück hatte er? Ist es so schlimm, wenn jemand viel Erfolg hat, ein gutes Gehalt bekommt, oder mal eine besondere Premie?

 

2.Was dachte der Grundbesitzer in seinem Herzen, welche Überlegungen stellte er an? Was für Pläne machte er? An was denken wir, wenn wir Erfolg haben?

 

3.Was hatte er in seinen Überlegungen falsch gemacht? Welche weiteren Möglichkeiten standen ihm offen? Was hättest du an seiner Stelle gemacht?

  1. Welches Urteil trifft ihn? Warum lässt Gott ihn nicht genießen, was er erwirtschaftet hat?

Wer fordert die Seele des Menschen? Wer hat Recht auf sie oder Vollmacht über Tod und Leben?

 

Merkspruch: So geht es dem, der Schätze sammelt für sich selbst und ist nicht reich in Gott

 

8.12.  Sucht Gottes Reich

Lk 12,22-34 (PS)

 

In diesem Abschnitt kommt Jesus auf grundlegende menschliche Bedürfnisse zurück. Es fallen die vielen parallelen Aussagen zu Mt 6,21-34 auf. Viele satte Konsumbürger fragen sich heute: Was ist lebensnotwendig? In der damaligen philosophischen Welt der Griechen gab es wie heute Denker, die Streben nach Privatbesitz als verwerflich brandmarkten. Die Kyniker versuchten das Ideal der Armut zu leben. Im Bereich des Judentums versuchten die Essener ihren gesamten Besitz brüderlich miteinander zu teilen (siehe auch Qumran-Klöster). Wie schon im Gesetz (Gen 15,7.8; Gen 49,29-32) und bei den Propheten (Obad 1,17) deutlich wird, ist Besitz auch bei Jesus nichts Verwerfliches. Jesus setzt allerdings Prioritäten, die eine Kritik an der Lebensweise seiner Jünger zu allen Zeiten enthält. Menschen und ihre Bedürfnisse sind zwar wichtig, doch Besitz über das Lebensnotwendige hinaus anzuhäufen ist sinnlos. (Keener 1998, 366)

Jüdische Weisheitslehrer veranschaulichen ihre Lehren oft anhand von Bildern aus der Natur.

Zur übermäßigen Sorge um die tägliche Nahrung

Schneller empfiehlt durch das Heilige Land zu wandern und die Versorgung der Vögel zu beobachten: „Da sieht man die Vögel unter dem Himmel hochüber fliegen, jeder ein Bild schrankenloser Freiheit und sorgloser Lebensfreude, ein fröhliches, sangreiches Geschlecht. Zumal die Sperlinge scheinen ein mächtiges Volk zu sein, zahlreich wie der Sand am Meere. Wenn ein Mensch dafür zu sorgen hätte, daß diese durch ihren notorischen Appetit berühmte Gesellschaft jahraus jahrein anständig gekleidet und selbst im dürren Sommer, wenn alle Halme verbrannt, alle Bäche versiegt sind, gespeist und getränkt werde, der würde bald in schwere Sorgen geraten und die Bevölkerungszahl dieser leichtsinnigen Freiherren des Himmels würde bedenklich zurückgehen. Der Herr Jesus mag sie auf seinen Reisen von Kind auf oft beobachtet haben. Bewundernd erkannte er die weise Hand des himmlischen Vaters, welcher keinen von ihnen vergißt… (Schneller 1925, 218

Seid nicht in Unruhe in der Suche nach immer feineren Genuss. Hier ist weniger die notwendige Unruhe gemeint, die mich bewegt Garten und Feld zu bebauen, damit ich ernten und essen kann, sondern die Unruhe nach immer feineren kulinarischen Vorlieben – wie sie typisch für eine griechisch-römische Lebensweise ist. Darüber hinaus haben Raben wie die meisten Vögel keine Möglichkeit Vorräte zu sammeln. Ihre gute Versorgung durch ihren Schöpfer darf auch Menschen hoffnungsfroh stimmen.

 

Zur übermäßigen Sorge um gute Kleidung

Die Sorge um schöne Gewänder betrifft natürlich den einfachen Landbewohner in anderer Weise als den verwöhnten Stadtbewohner. Viele einfache Bauern kämpfen im 1. Jahrhundert ums Überleben – weniger um schicke Kleidung. Dennoch ist Eitelkeit wohl bei allen Menschen anzutreffen. Jesus spricht besonders zu reichen Mitbürgern seiner Zeit und verweist auf die Schönheit der Lilien (griech.) – wahrscheinlich im Frühjahr. Bei der Suche nach der entsprechenden Pflanze, kann allerdings auch die weit verbreitete Anemone (anemone coronaria) in Betracht kommen (Malina 2003, 278). Die Pracht des salomonischen Hofes in einer Zeit, die später als eine nie mehr erreichte Blütezeit verstanden wurde, war nach den damaligen Maßstäben höchst eindrucksvoll.

 

Jesus lässt seine Aussagen über die Sorgen des Alltags in ein jüdisches Standardargument münden: Wie viel mehr! Wenn Gott dir das Gottesreich schenkt, wie viel mehr wird er dir alles zum Leben Notwendige geben. Der Segen des angebrochenen Gottesreiches schließt die Fürsorge Gottes in unserem Alltag mit ein. Jesus erwartet in den alltäglichen Dingen der Sorge um Nahrung und Kleidung einen klaren Unterschied zur Umgebungskultur. Jesus setzt voraus, dass seine Nachfolger anderen Zielen folgen. Ihr Denken, Hoffen und Planen ist von ganz anderen Dingen erfüllt. Die Liebe zu etwas deutlich Anderem ist typisch für sie. Wenn Jesusnachfolger hier nicht unterscheidbar sind – dann ist er nach seinen Worten gründlich missverstanden worden. Zum deutlich unterscheidbaren Lebensstil und Lebensinhalt lesen wir: 4Mo 23,9; 1Kön 18,21; 2Kor 6,14. Jünger Jesus sehnen sich danach, dass die Herrschaft Gottes in ihrem Leben, in ihrer Gemeinde und in ihrem Volk mehr und mehr aufgerichtet wird. Die geistlichen Segnungen sind der Inhalt des Hoffens – doch dabei werden auch die irdischen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen.

Jesus spricht die Schar seiner Nachfolger nur hier als „kleine Herde“ an. Gott hat ein besonderes Wohlgefallen am Kleinen, Geringen, Verachteten – hier sind in besonderer Weise seine Segnungen zu erwarten. Diese geringe Schar soll einerseits das Reich suchen und doch wird sie das Reich als Gabe erhalten. Dies ist kein Wiederspruch, denn so vieles im Leben der Nachfolger ist Geschenk und doch auch höchste Aktivität. Gott gibt beides das Geschenk und das Wirken (Phil 2,12-14; siehe auch Mt 7,13). Jesus nennt seinen Vater hier „eurem Vater“. Dieser Vater ist nicht geizig – sondern ein Gott der überreichen Fülle. Hier folgt ein Rat an uns heute – angesichts unserer vollen Häuser, Wohnungen, Garagen und Gemeindehäuser – verkaufe, reduziere und investiere in einen unvergänglichen Schatz. Viele Generationen von Christen haben in Deutschland mit diesen Worten gerungen – doch selten haben so wenige Christen wie in der Gegenwart diese Worte umgesetzt – kommen uns die Exzesse kommunistischer, sozialistischer oder von Kommune zu schnell in den Sinn um als Entschuldigung für einen materialistischen Lebensstil herzuhalten? Paulus merkt hierzu einiges an: 1Kor 16,2; 2Kor 8,1-9; Gal 6,10.

 

Fragen:

  1. Ist uns heute die Sorge um das ewige Leben wichtig? Wird diese Sorge von meinem Besitz verdrängt?

 

  1. Nenne Beispiele für übermäßiges Sorgen um Nahrung! Welche Lösung siehst du?

 

  1. Nenne Beispiele für übermäßiges Sorgen um Kleidung! Welche Lösung siehst du?

 

  1. Nenne biblische Beispiele für Gottes Wohlgefallen am „Kleinen“!

 

  1. Nenne himmlische Schätze (Ps 89,33; Joh 3,16; Joh 4,14; Joh 6,37; Joh 10,28; Röm 8,29.30; Röm 8,39; Röm 11,29; 2Tim 2,19; 1Petr 1,4.5)

 

8.13. Vom Warten auf das Kommen des Menschensohnes

Lk 12,35-48

 

Jesus hatte in Lk 12,13-21 das Gleichnis vom Reichen Narren erzählt. Er schloss seine Hinweise zum irdischen Sorgen an. Der Reiche hatte sein Herz und Verstand an diese Erde gehängt. Jetzt kommt Jesus mit einem starken Kontrast auf Menschen zu sprechen, die ihr Herz auf den Himmel richten. In 12,35-40 lesen wir das Gleichnis vom wachsamen Knecht und 12,41-48 vom Treuen und Untreuen Knecht. Im zweiten Gleichnis ist die Frage von Petrus eingeschlossen.

 

  1. a) Gerüstet für sein Kommen

Der Kontext lehrt uns, dass nur Nachfolger von Jesus mit leichtem Gepäck dem Meister folgen können. Sie können sich auf ihn und auf die immer neue Situation besser einstellen. Viele Zeitgenossen von Jesus sehnen sich zwar nach der Erlösung und beteten täglich darum, dass sie so bald wie möglich kommen solle – doch auf der anderen Seite sind sie mit ihren alltäglichen Pflichten und Plänen so beschäftigt, dass sie jegliche Vorkehrungen für das kommende Gericht aus dem Blick verloren haben.

Wie Soldaten auf ihrem Wachposten sollen die Jesusnachfolger jederzeit zum Handeln bereit sein (2Mo 12,11). Die Lampen brennen lassen, setzte voraus, dass der Wächter wach blieb, um ständig Öl nachzugießen – auch dies ist ein Bild für das Gerüstet sein (Mt 25,3-10).

Wohlhabende Hausherren haben zurzeit von Jesus oft einen Sklaven der als Türhüter dient (Security-Personal). Dieser sorgt dafür, dass unerwünschte Personen draußen blieben. Natürlich hat dieser Türhüter zu wachen. Doch wie sollen wir warten? Nervös wie die Gemeindeglieder in Thessaloniki (2Thess 2,1.2; 3,6-12); lauwarm wie die Gemeindeglieder in Laodicea (Offb 3,14-22)  oder aktiv und vertrauensvoll wie die Gemeindeglieder in Symrna (Offb 2,8-11)? Jesus verdeutlicht seine Aussage, indem er in seinem Gleichnis fortfährt. Gastmähler dauern oft bis in die Nacht hinein, doch dann bleibt man über Nacht als Gast im Haus. Dass ein wohlhabender Hausherr in der Nacht zurückreist, ist ungewöhnlich. Straßenräuber warten gerade auf solch einen Reisenden. In der Nacht den Türsklaven wach vorzufinden ist eine gute und Sicherheit vermittelnde Erfahrung (lies auch 2Petr 3,4). Diese plötzliche Prüfung ist der Kern des Gleichnisses. Den damaligen Zuhörern ist aus dem Alten Testament die Bezeichnung Knecht für die führenden Männer des Volkes wie Könige, Propheten und Gottes Männer geläufig. Sie werden von Jesus dazu gedrängt, an die mit der Aufsicht betrauten religiösen Führer ihrer Zeit zu denken (Jeremias 1998, 55). Dieser Weckruf wird auch in der ersten Gemeinde erklungen sein. Doch dann berichtet Jesus von einem Verhalten, dass sehr ungewöhnlich ist. Dass ein Herr mit seinem Sklaven isst – gut das hatte man gehört: Doch dass der Herr dem Sklaven dient – dass war ein großer Stein des Anstoßes für alle Zuhörer. Doch für Jesus ist dies eine passende Metapher, wie er die Nachfolger behandeln wird, die ihm bis zum Ende treu bleiben (Keener 1998, 367).  Lukas überliefert uns hier übrigens hier im Gegensatz zu Markus die jüdische Zeiteinteilung der Nacht.

 

  1. b) Leiten heißt Dienen

Leiter von Hauskreisen, Gruppen und Gemeinden müssen erkennen, dass ihre Berufung darin besteht Glaubensgeschwister zu dienen. Petrus will an dieser Stelle wissen, ob Jesus hier zu allen spricht oder nur zu den Nachfolgern. Jesus antwortet mit diesem Gleichnis. Wohlhabende Hausherren haben oft einen Sklaven als Verwalter eingesetzt. Dieser hochrangige Sklave ist dafür verantwortlich, dass die anderen Sklaven ihren rechtmäßigen Teil bekommen. Ein solcher privilegierter Sklave missbraucht seine Vollmacht in Abwesenheit seines Herrn. Völlerei und Trunkenheit gelten als schändliches Verhalten, nicht nur weil dies auf Kosten des Hausherrn geht. Auch Gewaltmissbrauch wird hier deutlich angeprangert. Jesus nennt eine für alle Zuhörer und Leser abstoßende Strafe mit Schändung des Leichnams. Das Gleichnis will alle Leitern zeigen, dass größeres Wissen größere Verantwortung mit sich bringt (Lies 3Mo 26,18; Amos 3,1-2; Keener 1998, 368).

 

 

Fragen:

  1. Wie drückt sich das Wachsam sein heute im Alltag aus?

 

  1. Auf was Warten wir als Gemeinde kurz-, mittel- und langfristig?

 

  1. Was macht uns so müde?

 

  1. In welcher Weise dient der HERR seinen wachsamen Nachfolgern?

 

  1. Welche Fallen lauern auf Leiter? Wie können sie so blind werden?

 

  1. Warum haben Leiter mehr Verantwortung? Wie können wir sie rechtzeitig daran erinnern?

 

 

Fragen:

  1. Der Text ist voller Bildersprache. Liste alle Bilder, Gleichnisse oder Gegenstände auf.

 

  1. Was ist der Hauptgedanke in diesen Texten?

 

  1. Welche Details-Handlungen scheinen hier ungewönlich zu sein?

 

  1. Woran, an welchen Aussagen erkennt man Gerechtes Urteil?

 

  1. Warum ist es überflüssig, ja sogar hinderlich für uns Menschen, die Zeit der Wiederkunft des Menschensohnes zu wissen?

 

  1. Worin ist wahres Glücklichsein zu finden, oder zu erleben?

 

  1. Griechische Begriffe lernen: Kardia-Herz, oikodespotis-Hausherr, oikonomos-Hausverwalter, doulos-Sklave, diakonia-Tischdienst, kyrios-HERR, aber auch Herr, amin-Amen-eine Art Schwur, anthropos-Mensch, makarios-glückselig.
  2. Bild: Er wird sich umgürten und ihnen dienen.
  3. Bild: Haus, Hausherr, Dieb, Bewachung des Hauses

Petrus mit seiner Frage,- der Herr macht deutlich, es geht alle was an.

 

Verantwortung für die Aufgabe, Treue, Zuverlässigkeit.

8.14.  Entzweiungen um Jesu willen

Lk 12, 49-53

 

Diese Jesusworte sind hart, weil sie schwer zu verstehen sind. Bei den Worten ist der Zusammenhang schwer zu erkennen. Darum müssen die Worte über das Feuer, die Taufe und die Entzweiung zuerst separat untersucht werden.

a) Feuer

Feuer auf die Erde zu werfen, ist Jesus gekommen – was meint er damit?

 

Wie bei fast allen in der Bibel verwendeten Gegenständen und Bildern lassen sich mit dem Begriff Feuer positive und negative Bedeutungen oder Anwendungen verbinden. In den meisten Texten weist das Bild vom Feuer auf: Vernichtung, Strafe, Qualen (Jes 33,11-16;  Zef 3,8;  Mt 3,12; 1Kor 3,1ff. Es wird auch für Prüfung (Läuterung durch Leid) verwendet (Jes 48,10;  Petr 1,6).

Es liegt nahe, den Begriff Feuer in diesem Wort mit dem Feuer in Verbindung zu bringen, von dem Johannes der Täufer in seiner Beschreibung seines Werkes spricht. Er soll den Weg einem bereiten der mit Feuer tauft (lies Lk 3,16). Feuer und Heiliger Geist stehen hier als eng beieinander. Jesus wünscht die baldige und rasche Verbreitung der Frohen Botschaft – so eine mögliche Auslegung dieses Wortes. Die andere Möglichkeit weist daraufhin, dass nun bald das Gericht über diese Welt ergeht, wie Jesus es in Joh 12,31 erklärt (Vgl. dazu auch Joh 3,19; 9,39). Beide Auslegungsmöglichkeiten weisen daraufhin, dass Jesus sieht, wie das angebrochene Reich Gottes noch Begrenzungen unterworfen ist. Das Reich ist jetzt schon angebrochen, aber noch nicht in ihrer vollendeten Form sichtbar.

b) Taufe

Im direkten Anschluss fügt Lukas das Wort von der Taufe ba,ptisma baptisma an, mit der Jesus sich taufen lassen muss.

 

Zwei Fragen stellen sich uns:

  1. Was war die Taufe, mit der Jesus getauft werden muss?
  2. Was war die Begrenzung, unter der er zu wirken hatte, bis seine Taufe stattfinden würde?

 

Zu 1.

Es gibt wenig Zweifel, dass Jesus in diesem Zusammenhang an seinen Tod durch die Kreuzigung denkt. Nicht allein ein schmachvoller Tod, sondern ein Tod, der die Belastung der Sünde der gesamten Menschheit trägt. Jesus schaut nach vorne und wünscht das Ende – wünscht sich ganz menschlich endlich am Ziel anzukommen. Doch – warum nennt er diesen Tod eine Taufe? Schon zu Beginn seines Dienstes war er ja am Jordan von Johannes getauft worden. Bei dieser Taufe war deutlich geworden, dass Jesus bereit ist, sich uns Sündern zu identifizieren, denn er hätte diese Taufe nicht benötigt. Jesus wollte auch gegen das Zögern von Johannes getauft werden, damit „…damit alle Gerechtigkeit erfüllt werde! (Mt 3,15). Seine Taufe im Jordan war der sichtbare Ausdruck seiner Entschlossenheit, den Willen Gottes zu erfüllen. Schon der Dienstbeginn zeigt seine uneingeschränkte Hingabe an den Willen Gottes und seine ungeteilte Freundschaft mit den Sündern. Sein Tod, die Krönung dieses Dienstes, vollendet das Tun des Willen Gottes in seinem Leben. In 1Joh 5,6 lesen wir: „Dieser ist es, der gekommen ist durch Wasser und Blut, Jesus Christus; nicht im Wasser allein, sondern im Wasser und im Blut.“ Hier hören wir, dass er nicht durch die Wassertaufe, sondern auch die Blutstaufe/Todestaufe gekommen ist. Die Wassertaufe war nur der schwache Schatten der Todestaufe, die seinen Dienst krönt (Bruce 1985, 108).

Zu 2.

Jesus ist mit dem Geist Gottes völlig ausreichend für seinen messianischen Dienst von der Taufe bis zum Kreuz ausgestattet. Doch sein Tod und seine Auferstehung setzt eine bisher nicht dagewesene Kraft frei. Die Begrenzung, deren er sich während seines Dienstes bewusst ist, beruht darauf, dass „…der Geist noch nicht da war; denn Jesus war noch nicht verherrlicht“ (Joh 7,39).

c) Schwert

Lukas ordnet die Jesusworte recht überraschend an. Wir lesen die Aussage, Jesus sei nicht gekommen, um Frieden auf Erden zu bringen oder zu geben, sondern Entzweiung, Zerteilung. Das griechische Wort diamerismo,j diamerismos hat etwas mit teilen, durchschneiden, zerteilen, zu tun. Der Evangelist Matthäus fügt hier das Bildwort vom Schwert ma,caira machaira ein (Mt 10,34). Dies ist ein hartes Wort für uns, wenn wir an die Botschaft der Engel von Bethlehem denken: „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden in den Menschen des Wohlgefallens“ (Lk 2,14). Lukas und Matthäus zitieren dann Jesus. Es wird Entzweiungen in den Familien geben. Erinnert dies nicht an Micha 7,6

Denn der Sohn behandelt den Vater verächtlich, die Tochter erhebt sich gegen ihre Mutter, die Schwiegertochter gegen ihre Schwiegermutter; die Feinde eines Mannes sind seine eigenen Hausgenossen.

Jesus selbst suchte nicht den Konflikt. Er lehrte seinen Nachfolgern, sich nicht zu wehren oder zu rächen, wenn sie angegriffen werden (Mt 5,9). Wenn Jesus von Spannungen und Konflikten innerhalb der Familie spricht, dann aus eigener Erfahrung. Seine Familie versuchte seinen Dienst beenden, da sie dachten, er sei „…von Sinnen“ (Mk 3,21). In Joh 7,5 lesen, wir dass seine Brüder nicht an ihm glaubten. Jesus spricht hier nicht vom Zweck seines Kommens, sondern von der Wirkung. Damit wird deutlich, es geht um Zerteilen, klare Fronten schaffen, sogar durch die Familien hindurch. In keinem Fall meint Jesus ein buchstäbliches Schwert zum Blutvergießen. An anderer Stelle sagt er deutlich: “Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52). Schwert ist auch ein Bild für Gottes Wort (Eph 6,12ff und Hebr 4,12) welches die Kraft besitzt, Gedanken und sogar Motive klar voneinander zu trennen, zu teilen, zu klären und zu sortieren. Es ist gut, dass Jesus seine Nachfolger warnte, welchen Preis die Nachfolge kostet.

 

Fragen:

  1. Welche Bedeutungen hat das Feuer in der Bibel?

 

  1. Was könnte Jesus in unserem Text mit Feuer gemeint haben?

 

  1. Auf was weist uns das Wort von der Taufe hin. In welcher Weise hängen Taufe heute bis heute mit Leiden und dem Tod zusammen.

 

  1. Zu welchen Missverständnissen und verwerflichen Handlungen hat das Bild vom Schwert in der Kirchengeschichte geführt?

 

  1. Warum ist es so wichtig, Aussagen und Bilder der Heiligen Schrift immer im Kontext und Gesamtzusammenhang zu betrachten? Was könnte der Gesamtzusammenhang von Feuer, Taufe und Entzweiung sein?

 

 

Feuer auf die Erde zu werfen, ist Jesus gekommen, was meint er damit?

 

So wie fast bei allen, in der Bibel verwendeten Gegenständen und Bildern, so auch bei dem Element Feuer lassen sich positive wie auch negative Bedeutungen, oder Anwendungen ausdrücken. In den meisten Texten, in denen das Element Feuer als Bildmaterial genutzt wird, meint die Schrift ein Gericht, ja sogar Vernichtung, Strafe, Qualen (Jes 33,11-16;  Zef 3,8;  Mt 3,12; 1Kor 3,1ff;

Es wird aber auch für Prüfung (Leuterung) durch Leiden und Elend verwendet Jes 48,10;  1Petr 1,6).

Was bedeutet es aber in unserem Text? Wünscht Jesus die baldige und rasche Verbreitung der Frohen Botschaft, so eine Variante der Auslegung? Oder ist der Gedanke dabei, dass nun bald das Gericht über diese Welt ergeht, wie er es in Johannes 12,31 erklärt (Vgl.dazu auch Joh 3,19; 9,39)?

 

Kaum eine Wahrheit durch das Bild vom Feuer gegeben, kommt schon das nächste Bild mit einer Art von Taufe (βαπτισμα – baptisma), mit der Jesus sich taufen lassen muß. In diesem Zusammenhang ist es ihm bange, wenn er an den Tod durch Kreuzigung denkt. Nicht einfach den schmachvollen Tod, sondern den Tod wegen der Belastung mit der Sünde der gesamten Menschheit. Auch Jesus schaut nach vorne und wünscht Vollendung, wünscht am Ziel anzukommen.

Und gleich setzt er noch was drauf und überrascht seine Jünger mit einer weiteren scheinbar wiedersprüchlichen Behauptung. Er sei nicht gekommen, um Frieden auf Erden zu bringen oder zu geben, sondern Entzweiung, Zerteilung. Das griechische Wort ´διαμερισμον – diamerismon´ hat etwas mit teilen, durchschneiden, zerteilen, zu tun. Der Evangelist Matthäus gibt diese Stelle mit ´μαχαιραν – machairan, Schwert´, wieder (Mt 10,34). Damit wird deutlich, es geht um Zerteilen, klare Fronten schaffen, sogar durch die Familien hindurch. In keinem Fall meint Jesus ein buchstäbliches Schwert zum Blutvergießen. An anderer Stelle sagt er deutlich: “Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“ (Mt 26,52). Schwert ist auch ein Bild für Gottes Wort (Eph 6,12ff und Hebr 4,12) welches die Kraft besitzt, Gedanken und sogar Motive klar von einander zu trennen, zu teilen, zu klären und zu sortieren.

 

Fragen:

  1. Welche bedeutungen hat das Element Feuer in der Bibel?

 

  1. Was könnte Jesus in unserem Text mit Feuer gemeint haben?

 

  1. Zu welchen Missverständnissen und verwerflichen Handlungen hat das Bild vom Schwert in der Kirchengeschichte geführt?

 

  1. Warum ist es so wichtig, die Aussagen und Bilder der Heiligen Schrift immer im Kontext und Gesamtzusammenhang zu verstehen?
    8.15. Beurteilung der Zeit

Lk 12,54 – 59 (PS)

 

(Lk 12,54 – 59; siehe Mt 5,25.26)

 

Diese Worte von Jesus beziehen sich vordergründig auf die Allerweltsthemen: Wetter und Gerichtsverfahren. Jesus knüpft an folgendes Allgemeinwissen an: Eine Wolke aus dem Westen kommt von Mittelmeer und bringt häufig Regen. Ein Wind aus dem Süden bringt heiße Luft aus der Wüste. Derartige Wettervorhersagen sind nicht weiter schwierig. Jesus meint also, dass die Wahrheit seiner Botschaft vom anbrechenden Reich Gottes ebenso auf der Hand liegt, wie die Wettervorhersagen. Recht aggressiv weist Jesus seine mehr und mehr ablehnende Zuhörerschaft zu Recht: „…ihr Heuchler! Sie sehen die Machttaten des Menschensohns und lehnen ihn trotzdem ab. Der Messias steht vor ihnen und sie scheinen völlig blind zu sein – sie reden lieber vom Wetter als vom RETTER im bevorstehenden Weltgericht!

Lukas fügt in seiner Sammlung von Reden, hier den Hinweis auf Gerichtsverfahren an. Er fordert seine Zuhörer auf selbst nachzudenken (V. 57) und den gesunden Menschenverstand zu nutzen. Jesus bezieht sich dazu auf die Praxis, Gläubiger, die ihre Schulden nicht zurückzahlen können, ins Gefängnis werfen zu lassen. Wer im Gefängnis sitzt, ist ganz und gar auf seine Sippe und seinen Freunden abhängig, wenn sie die Schulden nicht bezahlen ist der Gläubiger wirklich in einer schwierigen Lage. Aus V. 41ff haben wir noch die Frage im Sinn, die sich jeder Zuhörer stellen muss: Bin ich ein treuer oder untreuer Knecht der Rückkehr des Herrn? Diese Frage muss jetzt beantwortet werden – bevor es zu spät ist. Die Gerichtsmetapher weist hier im Wesentlichen auf die drängende Zeit hin. Jetzt bist du noch auf dem Weg. Auch wenn wir die Botschaft heute nicht gerne hören: Gott ist ein Richter. Wir lesen: Ps 7,12; 50,6; 58,12; Jer 11,20; Apg 10,42; Hebr 12,22.23; Jak 5,9; Offb 20,4a. Die Frage angesichts des anbrechenden Reiches Gottes ist: Bist du mit Gott versöhnt? Zu allen Zeiten waren Gerichtsverfahren unangenehme und für nicht so Einflussreiche unvorhersehbar im Ausgang. In dieser Metapher geht Jesus von einer Niederlage vor Gericht aus – wirklich ich kann nicht die kleinste Münze zu meinem Freispruch beitragen – es wird pure Gnade geschehen. Aber ich kann so viel beitragen um diesen Freispruch zu verpassen – vom Wetter zu reden, statt von der Notwendigkeit einer Entscheidung. Hier ist besonders auch Jes 1,18 mit dem ähnlichen Gerichtskontext zu beachten:

Kommt denn und lasst uns miteinander rechten! spricht der HERR. Wenn eure Sünden rot wie Karmesin sind, wie Schnee sollen sie weiß werden. Wenn sie rot sind wie Purpur, wie Wolle sollen sie werden.

 

Fragen:

  1. Warum ist im Leben das Gesetz von Ursache und Wirkung oft so verschleiert?

 

  1. Gott als Richter – warum ist dies Bild heute so unpopulär?

 

  1. Warum ist Jesus so fest von unserer Chancenlosigkeit im Gerichtsverfahren vor Gott überzeugt? Tun wir nicht oft so, als hätten wir durch unsere frommen Taten doch Chancen?

 

  1. Wie können wir in Alltagsgesprächen von Allerweltsthemen zum wesentlichsten Thema: Endgericht kommen? Welche Erfahrungen hast du?

 

  1. Beschreibe deine Erfahrungen vor Gericht!

 

  1. Warum ist der Gerichtsausgang nicht eine ungewisse Hoffnung?

8.16. Pilatus, der Turm und der Feigenbaum

Lk 13,1-9 (HUL)

 

  • Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. 2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? (Joh 9,23 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen“ (Lk 13,1-3).

 

Jesus befindet sich noch in Galiläa (wahrscheinlich im südlichen Galiläa). Und zu dieser Zeit/kairos[188] wird ihm eine Nachricht übermittelt, die unter damaligen Umständen jeden Galiläer-Eiferer herausgefordert hätte bestimmte Maßnahmen zu ergreifen. Maßnahmen im Sinne von Racheaktionen gegen die römische Besatzung. Wir stellen auch fest, dass zur Zeit von Jesus Gewalt mit Blutvergießen an der Tagesordnung waren. Möglich, dass die Informanten von Jesus eine Art Aufforderung zum bewaffneten Widerstand oder Aufstand gegen die Römer erwarteten. Dies entspräche sowohl ihrer als auch der gesamt jüdischen Erwartung vom Messias ihrer Tage. Wenn solch eine Erwartung schon die Jünger von Jesus hatten (Lk 24,21) wie viel mehr dann die übrigen Juden, ganz zu schweigen von den sogenannten Zeloten, den jüdischen Eiferern, von denen viele aus Galiläa kamen und die sich in den oft unzugänglichen Bergschluchten und Hölen von Galiläa aufhielten, um von dort Blitzaktionen, wie Überfälle auf römische Legionäre zu verüben.

Nun, wie geht Jesus mit solchen Nachrichten um, wie reagiert er darauf? Jesus reagiert ganz anders darauf als von ihnen erwartet wurde. Nicht nur, dass er dieses Verbrechen nicht tadelt, sondern dass er die Überbringer der Nachricht mit aller Ernsthaftigkeit auf die Notwendigkeit der Buße (Sinnesveränderung) hinweist. Fast entsteht der Eindruck, dass Jesus diese Gräueltat verharmlost. Doch wenn er sie vordergründig nicht offen tadelt, bedeutet dies noch lange nicht, dass er diese bagatelisiert. Aber er benutzt sie, um bei dieser besonderen Gelegenheit auf ein ganz anderes, viel wichtigeres Problem der Informanten hinzuweisen.

Zum gewissen Ausgleich muss gesagt werden, dass sich die römischen Statthalter normalerweise zurückhielten, was den jüdischen Opfergottesdienst betraf. Dass sie in der Regel nicht ohne Grund in die religiößen Angelegenheiten der Juden eingriffen. Auf dem Hintergrund dieser generellen Haltung der römischen Besatzer kann vermutet werden, dass es irgendeine Provokation gegeben haben musste, die für Pilatus Anlass gab zu solch grausamer Tat.[189]

 

Die unbedingte Sinneswandlung, von der Jesus hier spricht, bezieht sich nicht nur auf eine bestimmte Lebensanschauung, einen Lebensbereich oder einer bestimmten Sünde. Die von Jesus geforderte Sinnesveränderung betraf alle Lebensbereiche. Mit dem „Ich aber sage euch“ (Mt 5,22. 32) schärft er den Blick für den tiefen und vollkommenen Sinn des göttlichen Willens. Dieser göttliche Wille ist im Gesetz verankert, durch die Propheten vorausgesagt und in der Person von Jesus sichtbar und fassbar geworden. Dies heißt, alles was Jesus sagt und tut, ist Maßstab und Richtung für Lehre und Leben (Denken und Handeln). Auch das, was Jesus nicht tut, ist ebenfalls Richtlinie für das Verhalten seiner Jünger. Zum Beispiel fordert er nicht auf zum Aufstand gegen die Obrigkeit, zur Rebellion, sondern für die Obrigkeit zu beten und die erforderliche Steuer zu zahlen (Mt  22,21;  Röm 13,1ff).

Mit der Aussage: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auf die gleiche Weise umkommen“ meint Jesus nicht einfach gleicher Tod unter gleichen Umständen. Mit dem ´umkommen´ ist hier das ewige und endgültige Verlorengehen gemeint (2Petr 2,12; 3,9; Mt 25,46).

Und als ob es nicht schon genug wäre, setzt Jesus noch eins drauf, indem er eine andere leidvolle Geschichte erzählt.[190]

  • Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen“ (Lk 13,4-5).

Immer wieder stellt sich die Frage nach den Ursachen von Katastrophen und nach der Schuld des Menschen. Inwieweit stehen Naturkatastrophen im Zusammenhang mit der Schuld und Sünde von Menschen? Bei wem ist die Schuld zu suchen, wenn ein Turm einstürzt, oder das Dach einer Halle einbricht. Wer hat mehr Schuld, wer weniger, welche Sünden sind größer, welche geringer? In diesen Texten will Jesus ausdrücklich den Blick und die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf die Perspektive, den Ausweg aus jeglicher Schuld und ewiger Verlorenheit aufzeigen. Und dieser Ausweg heißt Buße-Veränderung des Denkens und dies zieht eine Veränderung des Lebens nach sich.

 

Mit dem Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum wird Gottes Langmut in seinem Bemühen um den unbußfertigen Menschen deutlich.

  • Er sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine.  7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft? 8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; 9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab“ (Lk 13,6-9; vgl. auch Lk 3,9Mt 21,19;  2Petr 3,9).

Ein unfruchtbarer, also geistlich toter Christ ist einerseits im Blickfeld der Gnade und Güte Gottes, langfristig jedoch gesehen ein Hindernis im Reiche Gottes. Es fällt jedoch auf, dass Gott diese Nachteile in Kauf nimmt, um dem Menschen immer noch und immer wieder eine weitere Chance zur Umkehr zu geben (vgl. dazu auch Offb 2-3).

 

Fragen:

  1. Gewalt und Verbrechen gab es zur Zeit von Jesus. Wie geht er damit um, wie ordnet er sie ein, wie reagiert er darauf? Womit reagieren wir auf die Ungerechtigkeiten in der Welt, besonders in unserer unmittelbaren Umgebung?

 

  1. Was war die Erwartung der Informanten zur Zeit von Jesus? Haben wir den Mut den düsteren Ereignissen unserer Zeit mit dem Evangelium zu begegnen?

 

  1. Gott ist gütig, geduldig und voller Erbarmen, doch gibt es bei ihm auch Grenzen? Wie lange hat es gedauert bis zu deiner Buße und Glauben an Jesus Christus? Welche bestimmte Früchte des Heiligen Geistes sind bei dir erkennbar?

 

Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen:

 

  1. Meint ihr, dass diese Galiläer

            mehr gesündigt haben

                        als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben?

 

  1. Ich sage euch: Nein;

                                               sondern wenn ihr nicht Buße tut,

                                                           werdet ihr alle auch so umkommen.

 

  1. Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie,

             schuldiger gewesen sind

                        als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?

 

  1. Ich sage euch: Nein;

                                    sondern wenn ihr nicht Buße tut,

                                               werdet ihr alle auch so umkommen

 

Unser Textabschnitt teilt sich in zwei parallele Prosa-Einheiten V. 1-5 und V. 6-9. Beide behandeln das Thema: Politik und Sinnesänderung/Buße. Beide Einheiten beziehen sich auf konkrete tragische Ereignisse, die in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Wir sehen wie 1-2 und 3-4 stufenartig erzählt wurden. 2 und 4 sind identisch und enden mit dem angekündigten Unheil.

Jesus befindet sich wahrscheinlich noch im südlichen Galiläa. Zu dieser Zeit[191] wird ihm eine außergewöhnliche Nachricht übermittelt, die unter damaligen Umständen jeden Nationalisten herausgefordert hätten, extreme Maßnahmen zu ergreifen: Pilatus habe eine Delegation mit den lokalen Opfergaben auf dem Weg zum Tempel überfallen und töten lassen. Spontane Racheaktionen gegen die römische Besatzung sind somit zu erwarten. Nachrichten über Gewalt mit Blutvergießen gehören damit leider auch zur Tagesordnung von Jesus. Für jeden der im Nahen Osten (selbst heute noch) lebt, ist nur vorstellbar, dass die Informanten von Jesus eine Aufforderung zum bewaffneten Widerstand oder gar zum Aufstand gegen die Römer erwarten. Vorstellbar wären Worte wie: „Genug ist Genug! Auf zu den Waffen und brecht die Vorherschaft der HEIDEN, der Hunde![192] Dies entspricht der Erwartung vieler Juden – da der Messias nach der Meinung vieler vor der Tür stehe. Solch eine Erwartung haben auch die eigentlich recht bürgerlichen Jünger von Jesus (Lk 24,21). Wie viel mehr werden jüdischen Aktivisten (siehe Klosterbewohner in Qumran) und die sogenannten Zeloten, die jüdischen Eiferern, zum Kampf agitiert haben. Die Nachricht von einem Massaker wird in solchen aufgeheizten Gerüchteküchen schnell zu zehn Massakern gesteigert, um Menschen zum Krieg aufzustacheln. Wehe, wer in solch einer Situation fragt: „Hast du deine Quelle gut geprüft!“ Es scheint so, dass der Evangelist Lukas uns mitteilt, dass es sich um solch ein Gerücht handelt – zumal Josephus, der ja gerne Pilatus in ein schlechtes – Licht stellt, uns nichts von diesem Vorfall berichtet. Von den Zeloten kommen viele aus Galiläa. Sie halten sich zurzeit von Jesus in den oft unzugänglichen Bergschluchten und Höhlen von Galiläa auf, um von dort nach Guerilla-Taktik Blitzaktionen auf römische Legionäre zu verüben.

Wie geht Jesus mit solchen Nachrichten um – wie reagiert er darauf? Sicher hat auch er dies als Test für seine Treue zum Nationalen Anliegen gesehen. Jesus reagiert auf diese Versuchung anders als erwartet. Nicht nur, dass er dieses Verbrechen nicht tadelt, sondern dass er die Überbringer der Nachricht mit aller Ernsthaftigkeit auf die Notwendigkeit der Buße (Sinnesveränderung) hinweist. Fast entsteht der Eindruck, dass Jesus diese Gräueltat verharmlost. Doch auch wenn er sie nicht offen tadelt, bedeutet dies noch lange nicht, dass er diese bagatellisiert. Aber er benutzt die Sensationsmeldung, um bei dieser besonderen Gelegenheit auf ein ganz anderes, viel wichtigeres Problem der Informanten hinzuweisen.

Die Täter dieser Mordtaten sollen nicht entschuldigt werden. Eigentlich hielten sich die römischen Statthalter meist aus allen Angelegenheiten des jüdischen Kultus heraus. Wir können sogar vermuten, dass es irgendeine Provokation vorlag, die Pilatus den Anlass zu solch grausamer Tat gab.[193]

Der unbedingte Sinneswandel, von dem Jesus hier spricht, bezieht sich nicht nur auf eine bestimmte Lebensanschauung, einen Lebensbereich oder angesichts einer bestimmten Sünde. Die von Jesus geforderte Sinnesveränderung betraf alle Lebensbereiche. Mit dem „Ich aber sage euch“ (Mt 5,22. 32) schärft er den Blick für den tiefen und vollkommenen Sinn des göttlichen Willens. Dieser göttliche Wille ist im Gesetz verankert, durch die Propheten vorausgesagt und in der Person von Jesus sichtbar und fassbar geworden. Dies heißt, alles was Jesus sagt und tut, ist Maßstab und Richtung für Lehre und Leben (Denken und Handeln). Auch das, was Jesus nicht tut, ist ebenfalls Richtlinie für das Verhalten seiner Jünger. Zum Beispiel fordert er nicht zum Aufstand gegen die Obrigkeit, zur Rebellion auf, sondern für die Obrigkeit zu beten und die erforderliche Steuer zu zahlen (Mt 22,21; Röm 13,1ff).

Die Aussage: „Wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr auf die gleiche Weise umkommen“ wurde während der Eroberungen unter römischen Oberbefehlshaber und späteren Kaiser Titus 70 n. Chr. in tragischer Weise erfüllt. Doch Jesus meint hier nicht einfach den gleichen Tod unter gleichen Umständen. Mit dem umkommen ist hier das ewige und endgültige Verlorengehen gemeint (2Petr 2,12; 3,9; Mt 25,46).

 

Und als ob diese Aussage nicht schon genug wäre, erweitert Jesus die traurige Betrachtung noch weiter, indem er auf die zweite leidvolle Geschichte hinweist.[194]

Edersheim macht den Vorschlag, ob der in Frage kommende Turm nicht Teil des von Pilatus errichteten Aquädukts gewesen könnte. Pilatus hatte das Geld für dieses Bauprojekt aus dem Tempelschatz genommen (Edersheim 1979, 222). Zwar ist dies unsicher – aber dann wären die Opfer jeweils die „nationalen Helden.“ Jesus stellt ihnen gegenüber die „Sünder“ und die „Schuldner“.

Immer wieder stellt sich die Frage nach den Ursachen von Katastrophen und nach der Schuld des Menschen. Inwieweit stehen Naturkatastrophen im Zusammenhang mit der Schuld und Sünde von Menschen? Bei wem ist die Schuld zu suchen, wenn ein Turm einstürzt, oder das Dach einer Halle einbricht. Wer hat mehr Schuld, wer weniger, welche Sünden sind größer, welche geringer? In diesen Texten will Jesus mutig die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf den Ausweg aus Schuld und ewiger Verlorenheit lenken. Dieser Ausweg heißt Buße – Veränderung des Denkens und des Lebens. Bis heute wundern sich Leser im Nahen Osten, warum Jesus nicht sofort von den Zuhörern gewaltsam angegriffen wurde… wie konnte einer ,der so deutlich ein Verräter am Nationalen Anliegen ist, noch weiterreden? Der Kampf ist doch gerecht – jeder der andere Antworten hat ist doch ein VERRÄTER! Jesus attackiert damit die „gerechte Gewalt“ der Freiheitskämpfer, der Nationalisten.[195] Jesus scheint um das geistliche Wohl „der nationalen Helden“ besorgt zu sein. Ihr Heil ist ohne Umkehr in Frage gestellt. Mit dem Gleichnis vom unfruchtbaren Feigenbaum wird Gottes Langmut in seinem Bemühen um Menschen deutlich, die noch nicht zur Sinnesänderung bereit sind.

 

Er sagte ihnen aber dies Gleichnis:

 

1. Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg,

        und er kam und suchte Frucht darauf

              und fand keine.

(das Problem)

     2. Da sprach er zu dem Weingärtner:

        Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen

           und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum

              und finde keine.

 

          3. Hau ihn ab!

              Was nimmt er dem Boden die Kraft?

 

(die Lösung)

     4. Er aber antwortete und sprach zu ihm:

        Herr, lass ihn noch dies Jahr,

            bis ich um ihn grabe

                und ihn dünge;

5. vielleicht bringt er doch noch Frucht;

        wenn aber nicht,

           so grab ihn aus.pflanzen

 

Frucht suchen

keine Frucht finden

 

Meister spricht

drei Jahre

Frucht suchen

keine Frucht finden

 

ABHAUEN

BODEN SCHONEN

 

 

Weingärtner spricht

ein Jahr

Hilfe zur Frucht

Hilfe zur Frucht

Frucht finden?

keine Frucht

ausgraben

 

(Lk 13,6-9; vgl. auch Lk 3,9Mt 21,19; 2Petr 3,9).

 

Zu 1.

Schon in Joel 1,7 und 1,12 werden der Feigenbaum und der Weinstock zusammen betrachtet. Feigenbäume sind in Weinbergen keine Seltenheit. Weinstock und Feigenbaum sind Symbole des Schalom / Friedens (Micha 4,4; Sach 3,10). In Jes 5,7 finden wir den tiefen Hinweis auf diesen Text. Der HERR ist der Weinbergbesitzer und sein Volk Israel der Weinberg (nicht der Baum!). Die Zuhörer von Jesus werden diesen Bezug sofort hergestellt haben, auch wenn Jesus selbst ihn hier nicht ausdrücklich herstellt. Der Feigenbaum trägt in Nahen Osten bis zu 10 Monate im Jahre Früchte. Allerdings verliert er im Winter kurz seine Blätter. Im Gegensatz zum Olivenbaum, Zum Johannisbrotbaum oder zur Steineiche fällt er dann durch seine kahlen, hervorstechenden Zweige auf. Die Wiederkehr des Saftes ist besonders deutlich zu sehen. Sein Sprossen und Durchbruch des Lebens ist Vorbote des Frühlings. Der Evangelist Lukas macht auch an anderer Stelle deutlich, dass Jesus Gleichnisse zur Offensive gegen Schriftgelehrte und die Priesterschaft nutzt (Lk 20,19) – allerdings nicht allgemein gegen das Volk. Der Besitzer des Weingartens ist besorgt über den Ertrag, er will den Weinberg erhalten, gute Früchte genießen – ihn aber nicht zerstören (anders als in Jes 5,5.6). Das Gleichnis bezieht sich also auf die Krise der Verantwortlichen im Volk Gottes und nicht auf das Volk allgemein. Somit ist das Problem in schlichter und knapper Weise umrissen.

 

 

Zu 2.

Normallerweise wartet man bei einem Feigenbaum einige Jahre bis zur ersten Ernte. Die Frucht, die im 4. Jahr wuchs brachte man dem HERRN dar (Lev 19,24). Es ist also genug Zeit vergangen, doch die Erwartungen sind enttäuscht. In der Übertragung heißt dies, dass die Leiterschaft des Volkes Gottes genug Zeit hatte, gute Früchte hervorzubringen – wohl nach Lk 3,8 die Früchte der Umkehr/Buße. Der Weinbergbesitzer war geduldig.

 

Zu 3.

Der Feigenbaum hatte nicht nur keine Frucht gebracht – er hatte auch gute Erde, Wasser und Nährstoffe beansprucht, die für andere Pflanzen von Nutzen gewesen wäre. Der Besitzer sieht die Verschwendung der Ressourcen und ordnet an, dass der Baum ausgegraben wird. Nach westlichem Verständnis wird ein Baum so abgehackt, dass ein Stumpf stehen bleibt – im Nahen Osten wird er ausgegraben. Der Baum fällt mitsamt seinem Stumpf und den Hauptwurzeln. Dies sehen wir auch in Lk 3,9, wo ja Johannes der Täufer das kommende Gericht mit folgendem Bild beschreibt: „Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt..“ Dies weist auf die Beseitigung des unfruchtbaren Baumes und damit der Leiterschaft des Volkes.

 

Zu 4.

An dieser Stelle finden wir eine radikale Wende. Anders als im Prototyp für dieses Gleichnis in Jes 5,5.6 finden wir hier nicht die Zerstörung, sondern ein Angebot der Gnade. Wir finden hier den in jeder Gemeindeleitung so bekannten Dialog zwischen Gericht und Gnade – was hat Vorrang? Die Barmherzigkeit bittet um Aufschub – um eine 2. Chance.

Auch der Weingärtner hat noch eine Hoffnung. Noch gibt es einen Aufschub des Gerichts – ja sogar besondere Aufmerksamkeit für den unfruchtbaren Baum (= die unfruchtbare Leiterschaft des Volkes). Der Baum soll gepflegt werden, indem die Erde bearbeitet und gedüngt wird. Der Zustand der Leiterschaft ist in den Augen von Jesus nicht hoffnungslos! Das Thema der Gnade leuchtet auf! Wir sind gar nicht so falsch, wenn wir in diesem Bild eine humorvolle Beleidung sehen: alles was die Leiter des Volkes brauchen ist Dünger (damals wie heute Biodünger: der Mist von Tieren). Noch deutlicher: Alles was sie brauchen ist ein wenig Sch…. Dies wird auch damals zum Schmunzeln angeregt haben.

 

Zu 5.

Wie lange währt Gnade und Barmherzigkeit? Die hier benutzte griechische Wendung eivj to. me,llon\ eis to mellon wird wie in 1Tim 6,9 am besten mit: zukünftig“ übersetzt. Es wird also zwischen dem Besitzer und der Weingärtner keine begrenzte Zeitspanne vereinbart. Doch eins ist klar – der Baum muss Frucht bringen, sonst wird er samt und sonders entfernt. Der Baum selbst kann sich nicht retten – die Aktionen der Gnade erfolgen von außen – der Weingärtner muss aktiv werden und den Baum retten. Doch auch der Baum muss aktiv werden – Frucht bringen. Hier die Frucht der Sinnesänderung, der Umkehr, der Buße. Das Ende dieses Gleichnisses bleibt offen – sind Früchte gewachsen? Der Zuhörer bzw. der Leser muss die Antwort geben – doch eins ist sicher: das kommende Gericht ist unausweichlich.

 

So ist auch ein unfruchtbarer, also geistlich toter Nachfolger von Jesus einerseits im Blickfeld der Gnade und Güte Gottes, andererseits langfristig jedoch ein Hindernis im Reich Gottes – besonders wenn er wie im Kontext des Gleichnisses ein Leiter ist. Es fällt auf, dass Gott diese Nachteile in Kauf nimmt, um Menschen immer noch und immer wieder eine weitere Chance zur Umkehr zu geben (vgl. dazu auch Offb 2-3).

 

Fragen:

  1. Gewalt und Verbrechen gab es zurzeit von Jesus. Wie geht er damit um, wie ordnet er sie ein, wie reagiert er darauf (Beachte auch seine Predigten!)? Wie reagieren wir auf die Ungerechtigkeiten in der Welt, besonders in unserer unmittelbaren Umgebung?

 

 

  1. Was war die Erwartung der Informanten zurzeit von Jesus? Haben wir den Mut den düsteren Ereignissen unserer Zeit mit dem Evangelium (Wort) und mutigen Hoffnungszeichen der Nächstenliebe (Tat) zu begegnen?

 

  1. Gott ist gütig, geduldig und voller Erbarmen, doch gibt es bei ihm auch Grenzen? Wie lange hat es gedauert, bis zu deiner Umkehr und zum Glauben an Jesus Christus gefunden hast?

 

  1. Welche Früchte der Umkehr sind in deinem Alltag/deinem Leben erkennbar?

 

 

 

8.17. Heilung der verkrümten Frau am Sabbat

Lk 13,10-17

 

  • Und er lehrte in einer Synagoge am Sabbat.Und siehe, eine Frau war da, die hatte seit achtzehn Jahren einen Geist, der sie krank machte; und sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten. Als aber Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sprach zu ihr: Frau, sei frei von deiner Krankheit! Und legte die Hände auf sie; und sogleich richtete sie sich auf und pries Gott. Da antwortete der Vorsteher der Synagoge, denn er war unwillig, dass Jesus am Sabbat heilte, und sprach zu dem Volk: Es sind sechs Tage, an denen man arbeiten soll; an denen kommt und lasst euch heilen, aber nicht am Sabbattag. Da antwortete ihm der Herr und sprach: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Sollte dann nicht diese, die doch Abrahams Tochter ist, die der Satan schon achtzehn Jahre gebunden hatte, am Sabbat von dieser Fessel gelöst werden? Und als er das sagte, mussten sich schämen alle, die gegen ihn gewesen waren. Und alles Volk freute sich über alle herrlichen Taten, die durch ihn geschahen“ (Lk 13,10-17).

Jesus ist wieder mal an einem Sabbat in einer der Synagogen der Juden. Es wird nicht erwähnt an welchem Ort oder Stadt er war, doch seine Tätigkeit als Lehrer wird betont.

Es wird auch mit keinem Wort erwähnt, was das Thema oder der Schwerpunkt dieser Lehreinheit war. Doch die nachfolgende Geschichte enthält eine wichtige Lektion. Zuerst bemerkt Lukas, dass Jesus aufmerksam wird auf eine Frau, die ungewöhnlich tief gebeugt stand und ihn wohl nicht ansehen konnte. Bemerkenswert ist auch, dass Frauen damals freien Zugang in die Synagoge hatten und es wohl keine Raumunterteilung zwischen Männern und Frauen gab.

Hier sehen wir  Jesus, als der aktiv Handelnde, er sieht die Frau und er ruft sie zu sich, vor den Augen aller Anwesenden. Welche Aufmerksamkeit schenkt Jesus einer einzelnen Frau? Welchen Mut hat Jesus, das er den Ablauf des Gottesdienstes einfach unterbricht. Wir würden heute eher sagen oder empfehlen – warte bis der Gottesdienst zu Ende ist, dann sprechen oder beten wir mit dir. Jesus hingegen ist hier der mit Vollmacht auftritt, auch gegen die Synagogenordnung und das Gottesdienstliche Programm.

Von der Frau wird gesagt, dass sie seit achtzehn Jahren einen Geist der Krankheit hatte und dass der Satan sie solange gebunden hielt. Die meisten Krankheiten zur Zeit von Jesus waren physischer Natur, oder hatten natürliche Ursachen. Aber auch oft wird eine Krankheit oder Behinderung  als vom Satan verursacht beschrieben, so war es auch hier bei der Frau, obwohl weder die Ursache noch sonstige Details dieser Krankheit erwähnt werden. Doch für uns ist es heute sehr wichtig, die Ursachen einer Krankheit herauszufinden, bevor man vorschnell jemand die Hände auflegt. Jesus kann jedoch ohne jegliche Nachfrage die Krankheit und deren Ursache erkennen und somit auch spontan und in Vollmacht handeln.

Er legt der Frau vor allen Anwesenden die Hände auf und spricht die befreienden Worte: „Frau, sei gelöst von deiner Krankheit“. Und sofort richtet sie sich auf und preist Gott.

 

Die Reaktion des Synagogenvorstehers ist verblüffend. Als dass er sich direkt an Jesus, den Verursacher der ´Sabbatübertretung´ gewendet hätte, tadelt er die gesamte Synagogenversammlung und weist diese auf das Sabbatgebot, bzw. die Interpretation dieses Gebotes hin. Dass er das Volk und nicht Jesus direkt anspricht ist auf dem Hintergrund der orientalischen Verhaltensweise zu erklären. Man vermied oft, besonders gegenüber hochgestellten Personen den direkten Tadel. Ein Hinweis wurde indirekt gemacht, oder durch eine Bildrede.[196]

Doch Jesus ist offen und direkt, er kümmert sich wenig oder gar nicht um die sogenannte Etikette in jener Kultur, sondern nennt dieses Verhalten eindeutig ´Heuchelei´ und den Synagogenvorsteher mit seinen Gesinnungsgenossen ´Heuchler´. Damit versucht er mit aller Deutlichkeit das grobe Missverständnis der Sabbatbestimmung bei seinen Landsleuten zu korrigieren. Deutlich macht er dies an einem Vergleich aus dem Alltag eines normalen Haushaltes. Dabei erkennen wir, dass man in jener Zeit gegenüber den Haustieren oft mehr Aufmerksamkeit, Nachsicht und Fürsorge gezeigt hat, als Menschen in Krankheit und Not (vgl. 2Mose 23,5;  Lk 14,5).

Ja, Jesus richtet auf was gebeugt ist durch Sünde und Satan (auch durch eigenes Verschulden) und er stellt etwas wieder richtig, was verbogen ist.an Erkenntnis über Gott und Verständnis seines Wortes. So ist JESUS!

Das Ergebnis war schließlich doch ein wahrer Lobpreis zu Gottes Ehren.

 

Fragen:

  1. Wo und an welch einem Tag trug sich diese Geschichte zu?

 

  1. Was war die Hautptätigkeit von Jesus wenn er die Synagogengottesdienste besuchte?

 

  1. Warum unterbricht Jesus seine Lehrtätigkeit, hätte er nicht auch noch nach dem offiziellen Gottesdienstende handeln können?

 

  1. Schildere die Position/Verantwortung und religiöse Einstellung des Synagogenvorstehers und seine Reaktion auf das Handeln von Jesus?

 

  1. Welcher wichtige Hinweis oder Lehre/Wahrheit offenbart sich bei der Heilung am Sabbat?

 

  1. Welches sind die Kriterien zur Unterscheidung von Ursachen einer Krankheit oder geistigen Belastung eines Menschen? Welche Hilfestellung können wir heute Menschen geben in ähnlichen Situationen?
    8.18. Gleichnis vom Senfkorn und Sauerteig

Lk 13,18-21

 

Diese beiden Gleichnisse fügt der Evangelist Lukas sozusagen zwischen sein Sondergut (Kapitel 13-16), während Matthäus sie in seine Gleichnissammlung in Kapitel 13 einfügt. Auch in diesem Fall können wir annehmen, dass Jesus diese Gleichnisse zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten erzählt hat.

a. Das Reich Gottes gleicht einem Senfkorn

  • Er aber sprach: Wem gleicht das Reich Gottes, und womit soll ich’s vergleichen? Es gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und in seinen Garten säte; und es wuchs und wurde ein Baum, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen“ (Lk 13,18-19). Und Matthäus ergänzt: „… das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter…“ (Mt 13,32).

Der Hauptgedanke in diesem Gleichnis,- Gott macht aus etwas kleinem Großes und aus wenig viel. Das Senfkorn gebraucht Jesus an anderer Stelle zum Vergleich mit der Kraft des Glaubens (Mt 17,20 – Berg; Lk 17,6 – Maulbeerbaum). „Das Samenkorn des Schwarzen Senf, einer einjährigen Pflanze mit holzigem Stamm, die sehr schnell aufschießt und eine Höhe von  zweieinhalb-drei Meter erreicht. Dieser ´Baum´ ist ein beliebter Aufenthalt der Distel,- und Goldfinke, die seine ölhaltigen Samenkörer besonders gern fressen“.[197]

Der Samen des schwarzen Senfs (Brassica nigra) ist viel kleiner als der Samen des uns hier bekannten weisen oder hellen Senfsamens. Er hat einen Durchmeeser von ca. einem Millimeter, ist nur ein hundertstel Gramm schwer.

Dieser Strauch ist einjährig, wird also nicht wirklich zu einem Baum. Doch vielleicht ist hier eine Anlehnung an Hesekiel 17,22-23 und im negativen Gegensatz dazu Hes 31 und Daniel 4, wo die jeweiligen Herrscher (Pharao und Nebukadnezar) und ihre Weltreiche mit großen Bäumen vergliechen werden, die aber letztlich gefällt werden.

Das Nisten der Vögel in den Zweigen dieses Baumes deutet auf die Möglichkeiten, die  schon hier im Reiche Gottes zum Schutz und Zuhause ausgebaut werden (Schutzräume). Es sind einzelne Menschen, Ehepaare, Familien, Kleingruppen und ganze Gemeinden, welche dem Suchenden Schutz und Geborgenheit bieten, ja einen Nistplatz, um sich zu entfalten und auszubreiten.

b. Das Reich Gottes gleicht dem Sauerteig

  •  „Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war“ (Lk 13,20-21).

Die Substanz[198] Sauerteig (Hefe) wird von Jesus in diesem Vergleich positiv verwendet. So wie Sauerteig die Fähigkeit hat eine große Menge Teig unter bestimmten Voraussetzungen schnell zu durchsäuern, so hat das Evangelium die Kradt unter der Voraussetzung, dass es verkündigt wird, ebenso die Kraft zum Durchdringen in das Bewusstsein der Menschen und sie zu verändern im Denken und Handeln. Die Formulierung: „Bis dass es ganz durchsäuert war“, deckt sich mit den Worten von Jesus aus Matthäus 24,14: „Und das Evangelium muss gepredigt werden unter allen Völkern und dann wird das Ende kommen.“

Das Evangelium hat die Kraft das Leben des Einzelnen Christen in alle seine Lebensbereiche zu durchdringen.

 

Fragen:

  1. Was will Jesus durch das Gleichnis mit dem Senfkorn deutlich machen?

 

  1. Erkläre die natürliche Wirkung des Sauerteigs und die Wahrheit dahinter.

 

  1. Nenne Beispiele, aus denen hervorgeht, dass die Bibel verschiedene Elemente, Gegenstände und Bilder für negative als auch positive Übertragungen verwendet.

8.19. Die Bildrede über die enge Pforte und verschlossene Tür

Lk 13,22-30

 

  • Und er ging durch Städte und Dörfer und lehrte und nahm seinen Weg nach Jerusalem. Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen: 24 Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden’s nicht können“ (Lk 13,22-24; Vgl. mit Mt 7,13-14;  Joh 10,1-10).

Das Thema von der schmalen Tür hat auch Matthäus im Rahmen der Berglehre  aufgeschrieben. Er gebraucht jedoch das Bild vom schmalen Tor (Mt 7,13-14). Der Evangelist Lukas vermerkt, dass Jesus das Bild über die schmale Tür auf dem Weg nach Jerusalem verwendete, wahrscheinlich hält er sich noch im Grenzgebiet von Galiläa/Samarien auf. Diese Bildrede von Jesus ist eine Antwort auf die Frage eines Zuhörers. Fragen waren für Jesus immer Anlass zur Unterweisung, Klärung oder Korrektur, so auch in diesem Fall. Jesus gibt wie so oft keine direkte Antwort auf die gestellte Frage, weil damit lediglich  die Neugier befriedigt worden wäre. Dafür will Jesus über das ´wie´ und ´wodurch´ ein Mensch gerettet wird, Auskunft geben.

Das Bild von der engen Pforte ist möglicherweise aus der Bauweise mancher Toreingänge in Palästina entnommen. So hatten nicht selten die Stadt,- und Hoftore noch ein kleines Törchen, welches nur von einer Person in etwas gebückter Haltung durchschritten werden konnte. Durch das Bild macht Jesus deutlich,- es bedarf der Mühe, Anstrengung, ja der Beugung, um in das Reich Gottes hineinzukommen. Ohne echte Buße und loswerden der Schuld durch Vergebung kommt niemand in das Reich Gottes hinein. Wer auf dem Weg der Frömmigkeit, Selbstgerechtigkeit und Einhaltung der Gebote Gottes versucht hineinzukommen, wird es nicht schaffen (Röm 9,32).

Im ausführlicheren Paralleltext des Mathäus kommt nach dem schmalen Tor die Fortsetzung im Bilde eines eingeengten, schmalen Weges. Auf diesem eingeschränkten Weg gibt es Bedrängnisse, ddoch er ist nicht eine Linie, sondern ein gut begrenzter und markierter Weg auf dem ein Christ sicher gehen kann. Ja, dieser Weg ist eingeschränkt, doch dies geschieht zum Vorteil des Pilgers. Er weist auf einen Lebensstil hin, der Selbssucht, Besserwisserei, Stolz und dergleichen ausschließt und von Selbstverleugnung, Selbstbeherrschung und Liebe zu Christus und seinem Wort bestimmt wird.

Nach Johannes 10,1-10 ist Jesus selbst die Tür (Tor (Pforte) als Eingang und auch der Weg (Joh 14,6) der zum ewigen Leben führt. Auf diese Weise gibt Jesus eine klare Antwort über das ´wie´ ein Mensch für das ewige Leben gerettet werden kann. Doch sagt er auch deutlich, dass es wenige sind, die es schaffen durch die schmale Tür in das Reich Gottes hineinzukommen und damit zur Rettung zu gelangen. Demgegenüber sind es viele, die mit falscher Anstrengung diesen Eingang in das Reich Gottes nicht schaffen werden.

 

  •  „Wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen[199] hat und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu` uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? 26 Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken und auf unsern Straßen hast du gelehrt. Und er wird zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen. 29 Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. 30 Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein“ (Lk 13,25-30;  vgl. auch Mt 25,11-12).

Auch bei dieser Bildrede muß beachtet werden, dass Jesu Aussage zuerst die Menschen betraf, die direkt um ihn herum standen, also seine Zeitgenossen. An diese ergeht die ernste Mahnung, denn sie haben ihn leibhaftig gesehen und gehört und die meisten von ihnen haben doch nicht geglaubt. So kann sich die Aussage: „Die Ersten werden Letze sein und Letzte die Ersten“ zuerst auf jene Menschen beziehen, die seine Zeitgenossen waren. Auch bezieht Jesus diese Aussage auf die Einladung an alle Mühseligen und Beladenen (Zöllner und Sünder) die damals in der jüdischen religiösen Gesellschaft ausgeschlossen waren. Von ihnen sagt Jesus selbst: „Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr“ (Mt 21,31; vgl. auch Mt 21,32).

Natürlich bezieht sich diese Aussage auch auf alle Menschen aus späteren Generationen, die auf verschiedene Weise immer Erste waren, vorne standen, bessere Chancen hatten, oder zum Beispiel schon in jungen Jahren die rettende Botschaft gehört, sie jedoch nicht angenommen haben. Jemand anders ist alt geworden, ohne von Jesus etwas gehört zu haben und kurz vor seinem Tod bekommt er noch die Chance zur Rettung, so war er im Leben immer der Letzte, nun aber ist er Erster geworden.

Die Aussage Jesu enthält aber auch eine prophetische Vorausschau wenn er sagt: „viele werden von Ost, West, Süd und Nord kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Reich Gottes ihren Platz bekommen“. Es ist ein klarer Hinweiss auf die Ausbreitung des Evangeliums unter allen Völkern. Und dass aus diesen verschiedenen Nationen Menschen  den Weg ins Reich Gottes finden werden. Und daher werden die, welche ganz vorne standen und Erste waren, hinten stehen, oder gar ausgeschlossen bleiben, weil sie die Zeit (καιρος – kairos[200]) der Gnade nicht genutzt haben (vgl. auch mit Lk 19,41-42;  Apg 13,46). Jesus bestätigt auch in prophetischer Rückschau die Seligkeit/Errettung der Patriarchen, der Propheten und damit auch aller Glaubenden zur Zeit des Alten Bundes (V.28).

Es ist also Faktum, dass es einmal ein ´nicht mehr möglich´ geben wird. Mit der  Wendung: „Heulen und zähneknirschen“ unterstreicht Jesus den Zustand der Menschen, welche sich dann selber geißeln werden wegen der verpassten Gelegenheiten zur Rettung und denen nun das volle Ausmaß des ´keine Chance mehr´ bewusst werden wird.

 

 

Fragen:

  1. Warum gibt Jesus hier keine direkte Antwort?

 

  1. Erkläre die Bildrede Jesu von der schmalen Tür, welche allein zur Rettung führt.

 

  1. Wie lange ist diese Tür offen, wer macht sie zu und ab wann bleibt sie verschlossen?

 

  1. Wer sind die Ersten, wer die Letzten? Wo wird diese Redewendung noch heute im Gebrauch?

 

  1. Was bedeutet die Redewendung „Heulen und Zähneknirschen“?

 

 

8.20. Die Feindschaft des Herodes – Jesus klagt über Jerusalem

Lk 13,31-35

a. Ist Jesus ein Untertan von Herodes Antipas?

Da Jesus in Galiläa/Nazaret aufgewachsen ist, war er formal gesehen ein Untertan des Herodes Antipas. Jesus befindet sich noch im Grenzgebiet von Galiläa/Samarien. Die Kunde von seiner Tätigkeit ist dem Vierfürsten nicht verborgen geblieben (Mt 14,1ff;  Lk 9,7-9; Mk 6,14-16).

  • Zu dieser Stunde kamen einige Pharisäer und sprachen zu ihm: Mach dich auf und geh weg von hier; denn Herodes will dich töten. 32 Und er sprach zu ihnen: Geht hin und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe böse Geister aus und mache gesund heute und morgen, und am dritten Tage werde ich vollendet sein. 33 Doch muss ich heute und morgen und am folgenden Tage noch wandern; denn es geht nicht an, dass ein Prophet umkomme außerhalb von Jerusalem“ (Lk 13,31-33).

Zunächst stellt sich hier die Frage nach der Motivation der Pharisäer? Sie sind nicht von Herodes gesandt worden, sondern handeln aus eigener Initiative. Kann es sein, dass diese kleine Gruppe von Pharisäern gegenüber Jesus gute Absichten hat und liegt ihnen wirklich daran, Jesus vor drohender Gefahr zu schützen? Denn die meisten Pharisäer hatten sich als religiöse Partei von Anfang an gegen Jesus gestellt. Schon in Kapernaum machten sie eine Verschwörung mit den Herodianern gegen Jesus (Mk 3,6). Dort ging die Initiative nicht von Herodes aus, sondern von den Pharisäern, welche ihrerseits die weltliche Macht für sich ausnutzen wollten (dies war auch später ihre Praxis).

Die bedrohliche Information „Herodes will dich töten“ birgt in sich mehr als auf den ersten Blick zu erkennen ist. Aus den Textstellen über Herodes ist nicht ersichtlich, dass er beabsichtigte Jesus zu töten. Traf er sich doch früher des öfteren mit Johannes dem Täufer und unterhielt sich mit ihm gern, schützte ihn sogar vor den Nachstellungen seiner Frau Herodias. Und als ihn die Kunde über Jesu Tätigkeit erreicht (Mt 14,1ff;  Lk 9,7-9;  Mk 6,14-16) eignet er sich die These an: „Dieser ist Johannes der Täufer, er ist von den Toten auferstanden[201], darum wirken in ihm solche Kräfte.“ Solch eine Annahme beruhigte  möglicherweise ein wenig sein belastetes Gewissen, legt aber auch nahe, dass er nicht die Absicht hat erneut gegen diesen mächtigen Propheten vorzugehen. Auch die Bemerkung: „Er begehrte (suchte) ihn zu sehen“ birgt in sich nicht zwingend eine Lebensbedrohliche Einstellung zu Jesus. Sollte er dennoch Böses beabsichtigt haben, dann wäre dies seinem wankelmütigen Charakter zuzuschreiben, bescheinigt ihm doch Jesus ein heuchlerisches Verhalten (Mk 8,15). Wie die Sache auch immer stand, Jesus durchschaut sowohl Herodes als auch die Gruppe der Pharisäer und er lässt sich nicht aus seinem Konzept bringen. Die Anweisung Jesu: „Geht hin und sagt diesem Fuchs (Füchsin-Fem.)“, ist eine starke Herausforderung an die Informanten. Jesus konnte sicher sein, dass sie niemals mit solch einer Aussage vor Herodes treten würden. Damit hätten sie sich blamiert und wahrscheinlich auch selbst geschadet. Darum gilt die Aussage von Jesus in erster Linie ihnen und erst dann auch Herodes. Bemerken wir auch den Tatbestand, dass Jesus sich mit keinem Wort bei den Pharisäern bedankt für ihre Fürsorge um seine Sicherheit, wurden doch die Informanten in solchen Fällen belohnt. Doch er lobt sie nicht, bedankt sich auch nicht bei ihnen, was unter anderen Umständen das Normale gewesen wäre. Dagegen beauftragt er sie mit einer Botschaft an den Vierfürsten. Aus diesem Verhalten können folgende Überlegungen abgeleitet werden:

  1. In erster Linie ist Jesus seinem Vater im Himmel unterstellt, dessen Plan er erfüllt. Nicht einmal von seiner eigenen Mutter Maria oder seinen Brüdern lies er sich dreinreden, was er zu tun hat, auch nicht von seinen Jüngern (Joh 2,4; 7, 3-6; Mt 16,23).
  2. Die Pharisäer werden auf ihren Mut und ihre Motivation hin geprüft. Wahrscheinlich werden sie sich hüten zu Herodes zu gehen und ihm von Jesu Reaktion berichten. Müssen sie doch mit der Missbilligung des Herodes rechnen, dass sie seine Pläne verraten haben. Und sie müssen sich selbst die ehrliche Antwort geben, wozu und aus welcher Motivation sie solche Informationen an Jesus weiterleiten.
  3. Alle Umherstehenden bekommen mit, wie Jesus unverholen und unerschrocken den galiläischen Herrscher charakterisiert. Herodes kann ruhig erfahren, was Jesus von ihm (und seiner Frau) denkt. Es gehörte immer auch zum Dienst der Propheten, die Herrscher auf ihren sündigen Lebensstil aufmerksam zu machen.
  4. Und natürlich denkt Jesus an die vielen bedürfrigen Menschen, welche in diesen drei Tagen seine Hilfe benötigen. Es sind die letzten Tage seines Dienstes in Galiläa.

Herodes bekommt noch Gelegenheit Jesus zu sehen und jene Begegnung soll in Jerusalem stattfinden.

  1. Es geht nicht an, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umkomme“. Was wann mit Jesus zu geschehen hat, liegt nicht im Ermessen und auch nicht in der Vollmacht des Herodes. Auch nicht in der Beeinflussung durch die Pharisäer. Jesus selbst legt fest, wo, wann und was geschehen soll und geschehen wird.

b. Jesu klaggeruf über Jerusalem

  •  „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt werden, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel und ihr habt nicht gewollt! Seht, »euer Haus soll euch wüst gelassen werden.  Aber ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, da ihr sagen werdet: Gelobt ist, der da kommt in dem Namen des Herrn!“ (Lk 13,34-35).

Es ist Spätsommer des Jahres 32, Noch wenige Tage verbringt Jesus in Galiläa um dann heimlich (nicht offen) auf dem Weg über Samarien nach Jerusalem zu gehen. Dort wird er plötzlich und unerwartet auf dem Laubhüttenfest auftreten (Joh 7).

Es fällt auf, dass Jesus die gleiche Aussage während seines letzten Jerusalemaufenthaltes gemacht hat und zwar im Zusammenhang mit den Weherufen gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer (Mt 23,37-39). Auf welche Zeit sich jedoch die prophetische Aussage bezieht: „Siehe, euer Haus soll euch wüst gelassen werden …“ ist verschlüsselt. Doch wir werden später noch auf diese Frage eingehen.

Danach setzte Jesus seinen Dienst mit Verkündugung und Heilung in dem Grenzgebiet unerschrocken fort.

 

Fragen;

  1. In welcher Zeit und welcher Gegend wird Jesus von den Pharisäern über die Drohung des Herodes informiert?

 

  1. Welche Motivation könnte hinter jener Informationsweitergabe durch die Pharisäer stehen? Wie gehen wir mit Informationen um die wir bekommen und die wir weitergeben?

 

  1. Nenne Zusammenhänge, Gegensätze und auch Ähnlichkeiten zwischen den Pharisäern und Herodes.

 

  1. Warum bleibt Jesus so gut wie ungerührt von der Drohung des Herodes? Was wollte er mit seiner Reaktion aussagen?

 

  1. Haben die Wehe,- und Klagerufe über Jerusalem uns auch heute etwas zu sagen?
    8.21. Jesus zu Gast bei einem Obersten der Pharisäer

Lk 14,1-6

a. Jesus heilt am Sabbat einen Menschen von Wassersucht

  • Und es begab sich, dass er an einem Sabbat in das Haus eines Oberen der Pharisäer kam, das Brot zu essen, und sie belauerten ihn. Und siehe, da war ein Mensch vor ihm, der war wassersüchtig. Und Jesus fing an und sagte zu den Schriftgelehrten und Pharisäern: Ist’s erlaubt, am Sabbat zu heilen oder nicht? Sie aber schwiegen still. Und er fasste ihn an und heilte ihn und ließ ihn gehen. Und er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, dem sein Sohn oder sein Ochse in den Brunnen fällt und der ihn nicht alsbald herauszieht, auch am Sabbat Und sie konnten ihm darauf keine Antwort geben“ (Lk 14,1-6).

Wieder folgt Jesus einer Einladung zum Essen bei einem Pharisäer, dazu noch einem ihrer Obersten. Mit am Tisch sitzen auch Gesetzeskundige und andere Pharisäer. Gegenüber von Jesus ist ein Mensch, der an Wassersucht[202] leidet. Mehrere Aspekte werden in dieser Geschichte deutlich:

  • Wie bei vorhergehenden Einladungen nach Hause zum Essen, ist Jesus auch hier der Ehrengast.
  • Bei dieser Gelegenheit wird Jesus besonders genau beobachtet „Sie belauerten ihn“. Im Vergleich mit Lk 11,54 und 20,20 drückt der gr. Begriff ´παρατηρουμενοι´ eine auflauernde Haltung aus. Sie sind also von vornherein negativ und kritisch auf Jesus eingestellt.
  • Obwohl Jesus diese Einladungen gerne annimmt, schmeichelt er nie weder den Gastgebern, noch anderen ehrwürdigen Gästen (was damals wie heute nicht nur im Orient üblich war und ist.
  • Immer wieder wird deutlich, dass auch kranke Personen freien Zugang hatten zu solchen Festmählern. Es könnte sich hier aber auch um einen Verwandten des Hauses gehandelt haben.
  • Bei solchen Mahlzeiten nutzt Jesus jedes Mal die Gelegenheit, um tätig zu werden (heilen) und zu lehren.
  • Meistens finden diese Festmahle am Sabbat statt. Da es der Ruhetag ist, hat man genügend Zeit zum Essen und zur Gemeinschaft.
  • Jesus liegt viel daran, die wahre Bedeutung des Sabbats immer wieder deutlich zu machen, nämlich ganzheitliche Widerherstellung der Beziehung des Menschen zu Gott.

Beachten wir auch, wie Jesus vorgeht. Zuerst fragt er die Anwesenden Pharisäer und Gesetzeskundigen, ob  es denn erlaubt wäre am Sabbat zu heilen. Er fragt nicht weil er ihre Meinung und Einstellung nicht kennen würde, sondern um sie herauszufordern zur Korrektur ihres Denkens. Wie oft haben sie schon Jesus erlebt, dass er am Sabbat heilte und doch blieben sie unnachgiebig in ihrer Einstellung und Haltung zur Sabbatfrage. Ihr Schweigen bedeutet keineswegs, dass sie mit Jesus einverstanden sind (nach dem Motto: Schweigen bedeutet Zustimmung). Durch anfassen heilt Jesus aus eigener Initiative den Kranken und lässt ihn gehen. Damit erkennen alle, dass eine plötzliche Heilung geschehen ist. Und bevor sie irgendwie darauf reagieren konnten, führt Jesus den Vergleich an mit dem Sohn oder Ochsen eines der Anwesenden und sagt voraus, was sie in solch einer Notsitustion auch am Sabbat tun würden. Wieder folgt Schweigen, doch dieses Schweigen ist ausdrücklich ein Zeichen ihrer Unfähigkeit dem Handeln und Argumentieren Jesu etwas entgegenzusetzen. Konnte Jesus sie von ihrer Hartherzigkeit und Buchstabentöterei überzeugen? Möglich, dass sie tief in ihrem Inneren Jesus zustimmten, doch keiner hat den Mut sich offen auf die Seite von Jesus zu stellen. Auch hier gilt:

  • Sie hatten lieber die Ehre bei den Menschen, als die Ehre bei Gott“ (Joh 12,43).

 

Fragen:

  1. Durch welche Besonderheiten zeichnen sich die Festmahle mit Jesu Beteiligung aus?

 

  1. Welchen Stellenwert haben bei uns heute die gemeinsamen Mahlzeiten?

 

  1. Was waren die Gesprächsthemen am Tisch? Was sind heute unsere Themen beim Essen?

 

  1. Ließen sich die Pharisäer von Jesus in ihrer Einstellung korrigieren? Wo müssen bei uns alte verhärtete Ansichten aufgegeben werden?

 

b. Wer sich selbst erhöht, der soll ernidrigt werden

Lk 14,7-11

 

Jesus ist immer noch im Haus des angesehenen Pharisäers. Nun ist er es, der genau hinschaut auf das Verhalten der Gäste. Jesus stellt durch seine Beobachtung fest, dass viele der Anwesenden sich nach einem bestimmten Denk,- und Verhaltensmuster aufführen.

Dieses Verhalten enspringt der Ehrsucht, Selbsgefälligkeit, Selbsterhöhung und Selbstdarstellung, ja sogar mangelndem oder fehlendem Selbstwertgefühl.

  • Er sagte aber ein Gleichnis zu den Gästen, als er merkte, wie sie suchten, obenan zu sitzen, und sprach zu ihnen: Wenn du von jemandem zur Hochzeit geladen bist, so setze dich nicht obenan; denn es könnte einer eingeladen sein, der vornehmer ist als du,  und dann kommt der, der dich und ihn eingeladen hat, und sagt zu dir: Weiche diesem!, und du musst dann beschämt untenan sitzen.  Sondern wenn du eingeladen bist, so geh hin und setz dich untenan, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor allen, die mit dir zu Tisch sitzen. Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden“ (Lk 14,7-11;  Vgl. auch Spr 25,6-7;  Mt 23,6; 23,12; Lk 18,14)

Jesus nutzt in dieser Situation die Gelegenheit und lehrt aus der Praxis für die Praxis. Er kennt die natürliche Neigungen der Menschen.

  • Menschen suchen ihre eigene Ehre,
  • Menschen suchen ihren eigenen Vorteil,
  • Menschen wollen sich ins Rampenlicht stellen oder setzen.

Doch Jesus liegt viel daran, das Denken der Menschen zu verändern. Die Grundaussage seiner Botschaft lautete: „Tut Buße“, das heißt verändert euer Denken. Und diese Aufforderung bezieht er nun auf die konkrete falsche Denk,- und Verhaltensweise seiner Zuhörer. Auch die Apostel haben zu einer Erneuerung des Denkens aufgerufen (Apg 2,37ff;  Röm 12,1-2;  Jak 4,6).

 

Fragen:

  1. Beachten wir den kulturellen Kontext und stellen fest, was war damals (ist auch heute noch) Normalität im Verhalten der Menschen?

 

  1. Wie sieht unser heutiger Kontext aus? Haben wir den Mut, missstände in Familie oder einer Gruppe offen anzusprechen?

 

  1. Welche Erfahrungen haben wir gemacht mit erniedrigt oder erhöht worden sein?

 

Berühmte Lehrer pflegen zurzeit von Jesus auf Festmählern häufig eine Art Vorlesung zu halten. Anschließende Diskussionen wurden von den Gästen spannend erwartet. Auch bei den antiken Schriftstellern finden wir Monologe oder Dialoge, die im Kontext von Festmählern gehalten wurden. Die soziale Rangordnung spielt während eines solchen orientalischen Banketts eine wesentliche Rolle (siehe 1Kor 11,21; Keener 1998, 375).    Hinten anstellen! Solange man noch nicht weiß, wo man sitzen wird, soll man sich nicht gleich den besten Platz aussuchen, sondern den niedrigsten. Diesen Rat erteilt Jesus vor dem Hintergrund von Spr 25,6-7.[203]

Brüste dich nicht vor dem König und an den Platz der Großen stelle dich nicht! Denn besser man sagt zu dir: Komm hier herauf! – als dass man dich heruntersetzt vor einem Edlen…

Umso beglückender, wenn man dann den Ehrenplatz einnehmen darf. Gerade so, sagt Jesus ist es auch bei Gott. Wer sich niedrig einstuft, kommt zu Ehren. Der Hochmütige kommt zu Fall.

Es gab drei Lager aus Matten oder Kissen von rechts nach links in der Abstufung und jeweils in jedem Lager wieder die Abstufung. Jeder Gast liegt auf seiner linken Seite den Kopf mit der linken Hand abgestützt. Der Kopf schaute Richtung Tisch und alle Füße nach außen. Der Höchste hatte alle im Blick und keinem im Rücken. Diese Art der Tischgemeinschaft ist für die reichen Bürger der griechisch-römischen Antike belegt. Wir haben guten Grund zur Annahme, dass diese Art der Tischgemeinschaft auch in Palästina bei einflussreichen Juden üblich war. Hier eine mögliche Liegeordnung rekonstruiert nach den Aussagen aus dem 1. Jahrhundert gemäß Pliny dem Jüngeren (Malina 2003, 285)

Summo/us = höchster

Medio/us = mittlerer

Imo/us = geringster;

Mensa = Tisch

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

hier saß der Geringste;                                     hier saß der Höchste

In Jesu Sirach 3,17-20 lesen wir: Mein Sohn, bei all deinem Tun bleibe bescheiden, und du wirst mehr geliebt werden als einer, der Gaben verteilt. Je größer du bist, um so mehr bescheide dich, dann wirst du Gnade finden bei Gott. Denn groß ist die Macht Gottes, und von den Demütigen wird er verherrlicht.

In Lk 14,11 wiederholt Jesus eine bekannte und eindrückliche alttestamentliche Verheißung, die vor allem mit dem Tag des Gerichts in Zusammenhang gebracht wurde:

Jes 2,12 „Denn der HERR der Heerscharen hat sich einen Tag vorbehalten über alles Hoffärtige und Hohe und über alles Erhabene, dass es erniedrigt werde.“

Hes 17,24 „Und alle Bäume des Feldes werden erkennen, dass ich, der HERR, den hohen Baum erniedrige, den niedrigen Baum erhöhe, dass ich den grünen Baum vertrocknen lasse und den dürren Baum zum Blühen bringe. Ich, der HERR, habe geredet und werde es tun.“

Hes 21,31 „Das Niedrige soll erhöht und das Hohe erniedrigt werden!“

 

Der Lehrer Jesus wird im weiteren Verlauf seiner Rede unhöflich, provozierend und sogar ätzend unangenehm für den Gastgeber. Er fordert den Gastgeber auf, die sozial Gleichgestellten zu übergehen und stattdessen in einem Akt der Barmherzigkeit die Bedürftigkeit und nicht den sozialen Status zu berücksichtigen. Keiner soll Gäste einladen, um sich von ihnen feiern zu lassen oder gar auf eine Rückeinladung zu spekulieren (Lies Spr 19,17).

 

Fragen:

  1. Welche Rolle spielt der soziale Status damals und heute? Aus welchem Milieu kommen deine Gäste oder die Gäste der Gemeinde?

 

  1. Warum störte Jesus diese feine Gesellschaft? Wo würde er heute stören und provozieren?

 

  1. Wie halten wir es heute mit der Sitzordnung bei Festmählern?

 

  1. Wie beurteilst du den Drang zur Gemeinschaft mit den „Schönen und Reichen?“ Gibt es so etwas auch in der Gemeinde?

 

  1. Welche Konsequenzen willst du für dich aus diesen Jesusworten ziehen? Sollen wir nicht mehr unsere Freunde einladen?

 

c. Wenn du ein Mittag oder Abendessen machst

Lk 14,12-14

 

Nun wird Jesus ganz persönlich, er wendet sich an den Gastgeber mit einer konkreten Aufforderung:

  • Er sprach aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird.  Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein,  dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten“ (Lk 14,12-14).

Es fällt geradezu auf, dass Jesus die Prinzipien Gottes aus dem AT hier in ein neues Licht stellt und zur Umsetzung im Alltag auffordert. So heißt es schon bei dem Propheten Jesaja:

  • „… sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag“ (Jes 58,10).

Wie weit weg entfernten sich doch die Pharisäer in ihrem Lebensstil von dem, wie Gott sich ein gerechtes und soziales Miteinander vorgestellt hatte. Wenn diese göttlichen Prinzipien nicht gelehrt und praktiziert werden, bricht sich das menschliche sündige Herz wieder seine Bahn.

  • Gastfreundschaft aus Gründen des persönlichen Nutzens. Menschen erwarten und erhoffen Belohnung oder Gegenleistung für ihre Gastfreundschaft, Dies ist nicht nur orientalische Verhaltensweise. In erster Linie werden die nächsten Familienangehörigen zu Feiern oder Festen mit üppigen Mahlzeiten eingelden. Dann sind es die Freunde, dann die bekannten, welche unserem sozialen Status entsprechen. Die Behinderten fehlen gänzlich auf der Gästeliste der Pharisäer.
  • Statuserhalt,- Menschen sind von sich aus nicht geneigt, mit sozial niederen Ständen Gemeinschaft zu suchen oder gar sie in ihre Häuser einzuladen. Sie suchen in der Regel immer Ihresgleichen oder auch solche, die höheren Ranges sind,
  • Bequemlichkeit,- es erfordert viel Zeit und Aufwand  sich mit Armen, Krüppeln, Gelähmten oder Blinden abzugeben[204]. Die Gemeinsamkeiten mit solchen behinderten Menschen sind auf den ersten Blick sehr gering. Man übersieht jedoch, dass gerade solche Menschen haben andere den gesunden Menschen unbekannte Eigenschaften oder Fähigkeiten, die für das Miteinander wertvoll sind.
  • Materiell abhängiger Lebensstil raubt dem Menschen schon hier die Glückseligkeit[205] und die Belohnung in der Gotteswelt bei der Auferstehung der Gerechten.

Es wird auch deutlich, dass Jesus sich um die soziale Gerechtigkeit in seinem Volk kümmert. Und er tut etwas dafür, er prangert nicht nur unerschrocken die Missstände an, sondern zeigt deutlich auf, wie es richtig zu machen ist. Und er lenkt den Blick der Zuhörer immer wieder auf das Ende und das Ziel hin, nämlich auf die ewige Gotteswelt zu der er gerade und besonders die hier benachteiligten einlädt.

 

Fragen:

  1. Lassen wir uns von Jesus auf unsere falschen Gewohnheiten auch ganz persönlich ansprechen, oder ärgert es uns, wenn wir zur Veränderung aufgerufen werden?

 

 

  1. Ladest du gerne zu dir nach Hause ein? Nach welchen Kriterien (Gesichtspunkten) suchst du dir deine Gäste aus?

 

  1. Welche Erfahrungen hast du mit behinderten Menschen gemacht?

 

  1. Machst du dir Gedanken über die Belohnung bei der Auferstehung der Gerechten?

 

d.  Das große Abendmahl

Lk 14,15-24

 

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! (Lk 13,29) 16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit! 18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.

20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen. (1Kor 7,33)  21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein. 22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde. 24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

 

Fragen:

 

  1. Welche Vorstellung hatten die Pharisäer in Bezug auf das zu erwartende Reich Gottes?

 

  1. Jesus reagiert auf die theologische Bemerkung mit einem Vergleich. Was ist so ungewöhnlich bei diesem Gleichnis? Beachte den Kontext zur Zeit Jesu.
  2. Welche zuerst geladene Gruppe von Menschen ist gemeint? Warum bekommen sie keine weitere Chance mehr?
  3. Warum wendet sich Gott besonders Behinderten, Schwachen, ja sogar Verachteten Menschen zu? Von diesen Gruppen von Menschen scheint niemand die Einladung abgelehnt zu haben. Heißt es, dass alle Behinderten Gottes Einladung zum Heil annehmen werden?

 

  1. Du hat nun Jesus begleitet an einem Sabbat und hast ihn erlebt. Was willst du in deinem Leben verändern?

(Lk 14,15-24[206] lies auch Mt 22,1-14)

 

Lukas 14 und 15 sind theologische und literarische Meisterstücke der Darstellung von Gottes bedingungsloser Gnade. Der Evangelist Lukas verbindet das Zentrum seiner theologischen Absicht mit einem orientalischen Bankett. Denn so wie für Johannes dem Täufer die feurige Bußpredigt typisch war, so ist für das Jesus die provokative Ansprache während eines üppigen Abendessens typisch.

Vers 15 Als aber einer von denen, die mit zum Mahl lagen

Mit diesen knappen einführenden Worten führt uns Lukas mitten in ein abendfüllendes orientalisches Diner. Jesus liegt mit den anderen auf Kissen. Einen Tisch erwähnt der Text nicht, wäre aber vorstellbar. Der Tisch wird zwar nur viermal im Neuen Testament erwähnt – ist aber typisch für die reichere Oberschicht zu dem der gastgebende Pharisäer gehört. Einer der anwesenden Gäste eröffnet das theologische Thema, mit dem zum guten Mahl passenden Hinweis auf das große messianische Freudenmahl, wie es im Prophetenbuch Jesaja Kapitel 25,6-9 beschrieben wird.

 

Vers 15 …(als er) dies hörte, sprach er zu ihm: „Glückselig, wer das Brot essen wird im Reich Gottes!“

 

Im Jesajabuch wird das anbrechende messianische Heilszeitalter als ein großes fettes Mahl mit internationalen Gästen beschrieben. Alle werden Trost und Heil finden und gemeinsam beste Speisen essen (Hinweis für heute: endlich ohne auf Diäten achten zu müssen!). In der frühen jüdischen Literatur (z. B. 1Hennoch 62,1-16) hatte man Probleme mit Texten, die solch ein universales Heilsangebot zum Inhalt hatten. Diese Lehrer waren sich einig: die internationalen Gäste werden eingeladen, aber nur um mal so richtig abgewatscht zu werden. Keinesfalls würden sie dieses Mahl genießen. Aber die Frommen des Gottes Volkes – sicherlich die anwesenden Herren – würden zu den Genießern gehören. Jesus antwortet, ohne im Geringsten auf die strengen orientalischen Regeln der Gastfreundschaft zu achten, mit einem Gleichnis:

Vers 16 Er (Jesus) aber sprach zu ihm:

Wir haben guten Grund zur Annahme, dass der Evangelist Lukas uns hier in Form und Inhalt nahe an den unvergleichlichen Prediger Jesus heranführt. Wir lesen die Antwort von Jesus in einem Gleichnis, bestehend aus einer Einleitung, 7 kurzen Reden und dem Schluss.1

Einleitung:

Ein Mensch machte ein großes Gastmahl               GASTMAHL

und lud viele ein.                   EINGELADENE

Jesus eröffnet, indem er eine Szene beschreibt, die seinem aktuelle Kontext sehr nahe kommt. Ein reicher, wichtiger Mann lädt Kollegen und Gleichgestellte zu einem Festmahl ein. Nach dieser ersten Einladung konnte der Gastgeber anhand der zu erwarteten Gäste bestimmen, welches Tier er zu diesem Fest schlachtet: ein Huhn für 2-4 Gäste, eine Ente für 5-8 Gäste, ein Lamm für 10-15 Gäste, einen Hammel für 15 bis 35 Gäste und ein Kalb für 35-75 Gäste. In dem Vorkühlschrankzeitalter musste natürlich alles am gleichen Tag verzehrt werden. Alle anderen Speisen – besonders die vielen Gemüsesorten – wurden vorbereitet, um dann kurz vor Beginn des Festmahles einen Diener mit der zweiten Einladung loszuschicken (so eine Art Glocke kurz vor Eröffnung des Banketts).

 

 

  1. Rede

Und er sandte seinen Knecht zur Stunde des Gastmahls,   TUT DIES

um den Eingeladenen zu sagen: Kommt!

Denn schon ist alles bereit.                                      AUF GRUND

Und sie fingen alle ohne Ausnahme an,             ENTSCHULDIGE

sich zu entschuldigen.

Alles ist zubereitet. Ihr habt die erste Einladung akzeptiert. Die die Sonne ist untergegangen – ran an die herrlichen Speisen! Jesus legt das messianische Mahl am Ende der Tage aus – soviel ist allen Zuhörern klar. So gilt für die Zuhörer: Der Messias ist gekommen. Alles ist bereit für das anbrechende Heil. Liebe jüdischen Zeitgenossen kommt zum Mahl! Kommt zum Heil! – Doch hier kommt die unerwartete Wende.

 

  1. Rede

Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft          ICH TAT DIES

und muss unbedingt hinausgehen und ihn besehen;   JETZT MUSS ICH

ich bitte dich, halte mich für entschuldigt.       ENTSCHULDIGE

Der Landexperte hat Land gekauft (haben viele der anwesenden Zuhörer auch getan) – jetzt will er hingehen und es besehen. Jeder Großstadtneurotiker kann hier durchblicken – wenn das nicht eine glatte Lüge ist. Nicht nur in unseren Großstädten ist gutes Land knapp – auch im Orient. Vor dem Kauf wurde jeder Quadratmeter begutachtet. Quellen, Wege, Steinwälle, Bäume wurden im Vertrag aufgenommen. Sogar der Ertrag wurde über Generationen zurück verfolgt. Heute würde so ein Typ sagen: Ich habe gerade ein Haus am Telefon gekauft und muss es jetzt am Abend noch anschauen (Da wird er aber viel sehen!) Die Aussage lautet: „Meine Immobilie ist mir wichtiger als das Fest – der Gastgeber ist mir gleichgültig!“ Auch die dürftigen Worte der Entschuldigung ändern daran nichts.

 

  1. Rede

Und ein anderer sprach: Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft,    ICH TAT DIES

und ich gehe hin, sie zu erproben;                                     JETZT MUSS ICH

ich bitte dich, halte mich für entschuldigt.           ENTSCHULDIGE

Der Viehzuchtexperte muss reichlich Bargeld haben. Darüber hinaus muss ein Mensch der zur Feldbearbeitung 10 Tiere benötigt, einen ungewöhnlich großen Landbesitz haben. Er hat zehn Hornochsen gekauft, wahrscheinlich als Paar gut am Joch trainiert und will diese jetzt am Abend testen. (Da wird er aber noch viel testen!) Selbst Menschen mit einer ausgesprochen Tierphobie ahnen es – der Experte hat doch sicherlich schon viele 100m Testpflügen hinter sich – denn erst danach begann die Preisverhandlung. Heute würde so ein Typ sagen: Ich habe gerade fünf Gebrauchtwagen am Telefon gekauft, jetzt will mal hingehen und schauen ob die überhaupt anspringen. Auch seine Aussage lautet: „Mein Hornvieh ist mir wichtiger als deine Party, ja sogar wichtiger als eine Beziehung mit dem Gastgeber.“ Die Entschuldigungsfloskel ändert auch daran nichts.

 

 

  1. Rede

Und ein anderer sprach: Ich habe eine Frau geheiratet,      ICH TAT DIES

und darum ???                                                             JETZT MUSS ICH

kann ich nicht kommen.                                  ICH KOMME NICHT

Der leidenschaftliche Bräutigam beendet seine 2. Zeile nicht! Er hat – wie wahrscheinlich alle anwesenden Zuhörer – geheiratet. Irgendwann – denn niemals gab es zwei Feste im Dorf am gleichen Abend. Wahrscheinlich war auch schon seine Honeymoon-Zeit verstrichen. Was er jetzt am Abend so dringendes tun muss, wird gemäß der orientalischen Schamkultur verschwiegen. Zumal er doch sich doch nachts wieder bei seiner Ehefrau wärmen kann. Auch die höfliche Entschuldigung fehlt. Wir gehen von einer zweimaligen Einladung aus. Da fragt man sich doch zu Recht, warum dieser Zeitgenosse die erste Einladung annahm. In der damaligen patriarchalen Gesellschaft sprachen Männer ungern über die weiblichen Glieder ihrer Familie. Seine Aussage lautet: „Mein Beschäftigung mit meiner Frau ist mir wichtiger als dein Bankett – ich komm nicht, auch wenn der Gastgeber fortan der erbittertste Feind im Dorf ist. Ja im Gegenteil, ich tue alles, damit dieses Fest der größte Reinfall wird.“

Die damaligen Zuhörer konnten die theologischen Implikationen leicht nachvollziehen: Jesus der Messias lädt ein und die Leiter der jüdischen Gemeinschaft weisen ihn mit glatten Lügen und dummen Sprüchen zurück (z. B. er isst mit den Sündern!) Dieses Fest ist keine Armenspeisung – sondern das Endzeitliche Mahl, das über Heil oder Unheil entscheidet. Es werden keine Essenspakete an die Verhinderten versandt werden. Sie müssen kommen oder alles verpassen.

 

  1. Rede

Und der Knecht kam herbei und berichtete dies seinem Herrn.

Da wurde der Hausherr zornig und

sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus                    HAUSHERR GEH!

auf die Straßen und Gassen der Stadt                      AUF DIE STRASSE

und bringe die Armen und Krüppel MACH VOLL

und Blinden und Lahmen hier herein!

Der Zorn des Gastgebers ist selbst in unserer heutigen Individual-Gesellschaft nachvollziehbar. Er ist öffentlich beleidigt worden. Aber er reagiert mit Gnade und Barmherzigkeit – nicht mit Rache. Er wendet sich an die Marginalisierten, die am Rand der Dorfgesellschaft geduldet wurden und bricht damit seine Beziehung zur Elite. Die Zöllner und Sünder Israels sind damals gemeint. Solche Menschen würden nach der Meinung vieler Zuhörer weder im Tempel und sicher auch nicht am Tisch des Messias willkommen geheißen werden. Weder der Gastgeber noch die Betroffenen verbanden soziale Verpflichtungen. Diese Eingeladenen würden sich auch nie mit einer Gegeneinladung revanchieren können. Blinde können damals nicht erst ihre Immobilie besehen, Körperbehinderte nicht erst Probepflügen, Verkrüppelte durften nicht heiraten – sie nehmen die Einladung an. Es ist diese unerwartete Demonstration der Liebe in Demut die Menschen zur Annahme der Einladung bewog – wie im Gleichnis von den verlorenen Söhnen. Diese Sünder saßen doch so oft mit Jesus beim Essen – sie sind dabei – auch wenn sich die Frommen Israels über diesen Jesus und seine Gesellschaft heftig beschweren.

 

 

  1. Rede

Und der Knecht sprach:                                                       KNECHT

Herr, es ist geschehen, wie du befohlen hast,         ICH GING

und es ist noch Raum.                                   NICHT VOLL

  1. Rede

Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus              MEISTER – GEH!

auf die Wege und an die Zäune                               ZU DEN WEGEN

und nötige sie hereinzukommen,                  MACH VOLL

Hiermit sind wir mitten in bei der Diskussion über heutige Gemeindekonzepte angekommen. Wir sehen beides: die zentrifugale Bewegung: Kommt! – aber auch die zentripetale Bewegung: Geh! Neben den am Rande der Gemeinschaft geduldeten Zeitgenossen kommen jetzt die verachteten Heiden (= alle Nichtjuden) ins Blickfeld, die schon in der Vorlage im Jesajatext genannt waren. Sie waren die Mitmenschen jenseits der Gemeinschaft, die nicht im nähren Lebensumfeld geduldet wurden und darum außerhalb der Stadtmauern leben mussten. Die Frommen lehnten die Einladung ab, die am Rande lebenden nahmen sie an – ob die sogenannten Heiden sie annehmen bleibt offen! Dieser Ruf zur Heidenmission wurde damals in der ersten Gemeinde vom Evangelisten Lukas gehört und in dieser herausfordernden Weise wiedergegeben. Dies ist auch der bis heute offene Auftrag unseres Herrn. Es ist noch Raum für Fernstehende – wirklich auch in meiner Gemeinde, in meinem Hauskreis? Nötigen meint hier freundlich am Arm schüchterne Mitmenschen herein geleiten – nie kann dies die Belegstelle für z.B. die spanische Inquisition sein.

Gnade ist unglaublich! Meint sie mich? Kann ich sie zurückzahlen? Ja, sie meint jeden der kommt – nicht nur die ursprünglich Erwählten. Jesus ist der Gedanke einer mechanischen Erwählung fremd. Wirklich ich kann nichts für das Heil tun, aber so viel um es zu verpassen!

Schluss

Denn ich sage euch,

dass nicht einer jener Männer, die eingeladen waren,             EINGELADENE

mein Gastmahl schmecken wird.                              GASTMAHL

Jesus ruft an Gottes Stelle zum Heil. Jeder der hereinkommt wird es genießen! Lieber Frommer Teilnehmer, wenn du dich nur bekehrt und gerettet fühlst, aber nicht zur großen Party des Heils in der Gemeinschaft mit all den seltsamen Gästen kommst –

das große messianische Mahl wird ohne dich stattfinden!

 

Die Schlichtheit dieser Logik ist eine Form geradezu verzweifelter Hoffnung auf Gerechtigkeit. Sie lässt Raum für Gottes Handeln, Helfen und Heilen auch für den, der hier nicht schon alles hat, genießt, verbraucht und der so seine Sehnsucht lebendig erhalten kann oder auch muss (Berger 2004, 487). Das ähnliche Gleichnis endet bei Matthäus mit der angefügten Frage nach dem Festgewand. Damit wird die Frage aufgegriffen, ob es auf das Verhalten der Menschen, die gerufen werden, überhaupt nicht ankomme. Hier finden wir das Prinzip der Würdigkeit und der Umkehr für das Bestehen im Gericht (Jeremias 1998, 63).

 

Fragen:

  1. Was können wir Menschen tun, um beim letzten Mahl teilzunehmen? Was nicht? Was können wir tun, um es zu verpassen?

 

  1. An welchen Worten von Jesus machst du das universale Heilsangebot von Jesus fest? Gibt es eine Vorsortierung, Erwählung zum Heil oder Unheil an der ein Mensch nichts mehr ändern kann?

 

  1. Beschreibe die Komm-Struktur und die Geh-Struktur im Reich Gottes. An welche Zielgruppe richtet sich das „Komm!“ und welche das „Geht hin!“?

 

  1. Wie erreichen wir Fernstehende? Was heißt, sie zum Hereinkommen nötigen?

 

  1. Der Auftrag ist noch offen – noch ist Raum! Was tun wir als Hauskreis, als Gemeinde und auch als Gemeindebund, um diesen Auftrag zu erfüllen.

8.22  Selbstverleugnung und Nachfolge

Lk 14,25-35

 

Jesus lenkt den Blick seiner großen Schar von Nachfolgern weg von der Sorge um den eigenen guten Ruf hin zu den Gottesfernen (Lk 14,7-24). Wenn Jesus hier mit dem Wort „hassen“ eine Hyperbel, als eine rhetorische Übertreibung nutzt, dann weist er darauf hin, dass wir jemanden oder etwas weniger lieben sollen (Mt 10,37). Doch auch so sind seine Aussagen in einer absolut familiendominierten Gemeinschaft anstößig. Die erweiterte Familie war Lebensinhalt und größte Freude der Menschen (Keener 1998, 377). Der Bruch mit den sozialen Netzwerken und die Hinwendung zur Ersatzfamilie, d.h. der Gemeinschaft der Nachfolger von Jesus ist und bleibt ein Ärgernis für alle Generationen von Bibellesern. Es hat den Anschein, dass Jesus hier bei seiner Anhängerschaft die Spreu vom Weizen trennen will (Fans oder Nachfolger). Die Versorgung dieser Ersatzfamilien wird weiter unten geregelt.

Jesus kommt dann auf die vielfach öffentlich vollzogenen Hinrichtungen zu sprechen. Ein verurteilter Verbrecher musste den Querbalken des Kreuzes vorbei an einer johlenden Menge zur Hinrichtungsstelle tragen. Dort ragte schon der vertikale Balken empor an dem er gekreuzigt werden sollte. Ein solches Schicksal nahm niemand freiwillig auf sich. Doch Jesus provoziert hier in extremer Form, wenn er seine Nachfolger zum „Kreuztragen“ auffordert. Das bedeutet, dass sie im Vergleich zwischen Hingabe und persönlichem Wohlfühlen, ihr eigenes Leben hassen sollen. Wenn es um die Nachfolge geht, darf die Billigung der eigenen Familie (14,26) oder den Besitz (14,33) nicht über den Ruf Gottes gestellt werden.

Erst denken und dann handeln! Wer bestehen will, muss Kräfte und Größenverhältnisse richtig einschätzen. Voll Einsicht in katastrophal missglückte Unternehmungen warnt Jesus vor Bauruinen aufgrund von Geldmangel. Hier wird der Bau eines Wachturms oder eines Turms zur Speicherung der Vorräte erwähnt – was kann hier alles schief gehen! So war ein fehlerhaft konstruiertes Amphitheater für Gladiatorenkämpfe in Fidenae in der Nähe Roms 27 n. Chr. eingestürzt und hatte den Tod von (Tacitus Annalen 4,62-63) 50.000 oder (Sueton Tiberius 40) 20.000 Menschen gefordert. Die Fundamente und Holzbalken-verbindungen waren wohl mangelhaft gewesen. Selbst der Kaiser kam aus Capri herbeigeeilt, um die Rettungsmaßnahmen zu koordinieren. Hier geht es um die Schande des Architekten oder Bauherrn in einer Gesellschaft, die von Ehre geradezu besessen war (Keener 1998, 377).

Jesus stellt weiter vor Augen, das es den Tod ungezählter Soldaten bedeutet, wenn sich ein Feldherr in der Truppenstärke des Gegners verschätzt hat. Ist der Gegner weitaus stärker, dann ist nur ein Massaker zu erwarten. Wenn man Größenverhältnisse nicht richtig einschätzen kann, führt das zu Quälerei und Grausamkeit. Herodes Antipas hatte kurz vorher einen Krieg gegen einen benachbarten römischen Vasallenkönig verloren. Die bitteren Konsequenzen kannten die Zuhörer. So, sagt Jesus, müsst ihr auch bei der Entscheidung für das Reich Gottes wissen, wie es um eure Kräfte bestellt ist. Seid ihr dem Risiko gewachsen? Im Grunde genommen wirbt Jesus hier geschickt für das Reich – denn nur eine anspruchsvolle Sache ist interessant. Andererseits soll man auch nichts unnütz riskieren (Berger 2004, 208).

Jesus fordert dann in V. 33 zu einem radikalen Verzicht auf. Die jüdische Gemeinschaft der Essener stellte ihren Besitz der Bruderschaft zur Verfügung. Die Jünger von Jesus waren nicht völlig besitzlos, aber sie teilten alles was sie besaßen (Apg 2,44-45. Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass jemand, der angesichts der Not von Mitmenschen seinen Besitz für wichtiger hält, nicht sein Jünger sein kann.

Salz ist ein lebensnotwendiges Lebensmittel – mit diesem Vergleichspunkt fordert Jesus sein Nachfolger heraus. Nachfolger die nicht wie Nachfolger leben, sind so viel wert wie geschmackloses, verunreinigtes Salz[207] – gut für den Mist! (Lies Mk 9,50; Mt 5,13, Kol 4,6 nach versch. Übersetzungen).

 

Fragen

  1. Was sind die Kosten der Jesusnachfolge (lies: Mt 7,14; Lk 13,24; Joh 16,33; 2Tim 3,12)?

 

 

  1. Warum kann keiner der von Jesus gerufen wird, neutral abwarten? Was sagt uns das Gleichnis vom König der Krieg führt in dieser Hinsicht? Warum kann das Leben des Nachfolgers als ein Kampf beschrieben werden (siehe auch 1Petr 5,8; 1Joh 2,16)?

 

 

  1. Welche Stellung haben soziale Netzwerke im Leben der Nachfolger? Wo ist der Bruch notwendig? Wo sind sie für die Ausbreitung des Reiches Gottes notwendig? Wohin sandte Jesus Geheilte? Wie verhielten sich die Zwölf?

 

 

  1. Was hindert Nachfolger einen einfachen Lebensstil und das großzügige Teilen im Alltag umzusetzen?

 

Fragen:

  1. Jesus ist unterwegs nach Jerusalem, viele Menschen folgen ihm nach, gehen mit ihm. Warum freut es denn ihn nicht? Dagegen erhebt er hohe Ansprüche an die Nachfolger. Wie soll man dies einordnen? Verlangt er nicht zu viel, sind nicht seine Erwartungen zu hoch`Was heißt es die Kosten überschlagen?

 

Frage:

Wir sind wie Salz, dass nur in seiner Wirksamkeit einen Wert hat. Wann sind Menschen fade, also  nicht mehr würzig?
8.23  Verloren und gefunden

Lk 15,1-32

Die einleitenden Worte beschreiben die Umstände unter denen Jesus diese drei Gleichnisse erzählte. Diese Umstände beschreiben  „moderne“ Theologen als den „Sitz im Leben“. In unserem Fall wird der Sitz im Leben von diesen Theologen als glaubwürdig und historisch zuverlässig beschrieben. Die Gleichnisse sind also als Verteidigungs- und Rechtfertigungsreden zu verstehen. Jesus hat seine Tischgemeinschaft mit den jüdischen Sündern, den Verlorenen die wissentlich das Gesetz missachten (nicht mit dem Volk des Landes = den Durchschnittsbürgern) zu rechtfertigen. Damit sind wir bei einer wesentlichen kulturellen Frage des Nahen Ostens.

Zu Tisch geladen zu werden, war und ist eine besondere Ehre. Dies war ein Angebot des Friedens, des Vertrauens, der Brüderlichkeit und Vergebung. Das gemeinsame Mahl bedeutet: gemeinsam zu leben.  Darum waren die gemeinsamen Mahlzeiten Jesu mit Zöllnern und Sündern ein Ausdruck von Jesu Mission und Botschaft. Es waren eschatologische Mahlzeiten in Erwartung des letzten großen Abendmahles, wobei jetzt schon die teilnehmenden Heiligen repräsentiert wurden. Die Teilnahme von Sündern an diesem Mahl war ein Ausdruck der Botschaft von der vergebenden Liebe Gottes (Jeremias 1971, 115).

Im Nahen Osten ist es heute wie damals üblich, dass ein Vornehmer eine Anzahl von niedrigeren Bedürftigen als Anzeichen seiner Großzügigkeit, speist. Aber nie würde er mit ihnen essen. Wenn jemand die „Sünder“ aufnimmt, d.h. sie empfängt, bedeutet dies, dass er mit ihnen isst und sie in einer besonderen Weise akzeptiert. Kein Wunder: die anwesenden Pharisäer waren entsetzt!

Hinzu kommt noch die Möglichkeit, dass sich das Wort Sünder „aufnehmen“ darauf bezieht, dass Jesus als Gastgeber selbst Sünder in „sein“ Haus einlud. Wir lesen davon in Mk 2,15f. Das griechische Verb prosde,cetai prosdechotai hat als eine mögliche Bedeutung: „jemanden als Gast aufnehmen.“ Wenn Jesus der Gastgeber wäre, würde dies eine weitere wesentliche Schlussfolgerungen zulassen. Zu einem orientalischen Bankett werden Gäste eingeladen, die zur Ehre des Gastgebers beitragen. Der Gastgeber würde das Bankett eröffnen, indem er den Gästen Komplimente macht, über die Ehre die ihr Besuch für sein Haus darstelle. Die Gäste würden dann antworten, indem sie entweder die Ehre Gottes für den Gastgeber erflehen, oder betonen, was für eine Ehre es ebenfalls für sie sei, im Hause des Gastgebers eingeladen zu sein. Wir verstehen: für die meisten Pharisäer war es ein gröberer Verstoß Sünder als Gastgeber einzuladen, als bei anderer Gelegenheit mit ihnen zu essen oder sich von einem Zachäus aus Jericho einladen zu lassen. Dennoch war beides ein herausfordernder Verstoß, der die kulturellen und theologischen Empfindlichkeiten der Pharisäer verletzte. Jesu Verteidigungsrede lesen wir dann Lk 15,4-32.

 

Fragen

  1. Wie hängen die Begriffe „Ehre“ und „Mahlgemeinschaft“ für einen Orientalen des 1. Jahrhunderts zusammen?

 

 

  1. Suche andere Beispiele für Jesu absichtliche Provokationen der „Frommen!“

 

 

a. Das wiedergefundene Schaf

Lk 15,4-7

 

Wir erkennen in diesem Gleichnis wieder eine auffallende Literaturstruktur. Wir können das Gleichnis in drei Strophen einteilen, wobei die 1. und die 3. Strophe enge Verbindungen auf weisen. Die 2.Strophe hat einen deutlichen anderen Aufbau als die beiden äußeren.

Die Struktur

A         Welcher Mensch unter euch, der hundert Schafe hat

B         und eines von ihnen verloren hat,

C         lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste

1          und geht dem verlorenen nach,

2          bis er es findet, und wenn er es gefunden hat,

3          so legt er es mit Freuden auf seine Schultern;

4          und wenn er nach Hause kommt,

ruft er die Freunde und die Nachbarn zusammen

3′         und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir,

2′         denn ich habe mein Schaf gefunden,

1′         das verloren war.

A‘        Ich sage euch: Also wird Freude im Himmel sein

B‘         über einen Sünder, der Buße tut,

C‘         mehr als über neunundneunzig Gerechte, welche der Buße nicht bedürfen.

 

Die semantischen Entsprechungen wären folgende:

A         wer von euch

B         eines

C         neunundneunzig

1          das Verlorene

2          finden

3          Freude

4          die Heimkehr, die Wiederherstellung

3′         Freude

2′         finden

1′         das Verlorene

A‘        Ich sage euch

B’`       einer

C‘         neunundneunzig

In den beiden äußeren Strophen finden wir einen Stufenparallelismus in drei Schritten. In der mittleren Strophe finden einen nach innen gekehrten (inversen) Parallelismus mit der „freudigen Heimkehr zu Freunden“ (der Wiederherstellung) als Höhepunkt.

 

Die kulturellen Hintergründe

Das Gleichnis vom verlorenen Schaf einem Pharisäer zu erzählen ist eine direkte Herausforderung.[208] Die Hirten, die mit ihren Herden zurzeit von Jesus umherwanderten, wurden zum unreinen „Volk des Landes“ (‚am ha ‚aretz) gerechnet. Im Programm der Pharisäer war ein Sünder, entweder eine unmoralische Person, die sich nicht an das Gesetz hielt oder eine Person, die einen verachteten Beruf ausübte – der Beruf des Hirten gehörte dazu. Zu beachten ist der Unterschied zwischen unrein (bedarf einer Reinigungszeremonie) und sündig (bedarf eines Schuld-/ Sündopfers). Der Umstand, dass ihre Tiere oft illegal auf Privatland grasten und dass die Berufsausübung eher schlecht mit den Regeln der jüdischen Tradition in Einklang zu bringen war, führten zu einem schizophrenem Verhältnis gegenüber den Hirten. Einerseits waren sie in literarisch-allegorischer Form geachtet, doch als Menschen sehr verachtet.

Jesus beginnt das Gleichnis mit einem Schock. Er verletzt bewusst die Empfindlichkeiten der pharisäischen Zuhörer mit seinen Worten: „Wer unter euch hat 100 Schafe…..“ Jesus greift ihre Vorurteile und verächtlichen Urteile direkt an. So als würde heute jemand eine Frauenstunde mit den Worten eröffnen: „Wer unter euch, der als Prostituierte wie Rahab arbeitet könnte sich vorstellen, dass…..“ Einige Pharisäer haben ernsthaft diskutiert, ob sie jemals unter irgendwelchen hypothetischen Bedingungen, die Aufgaben eines Hirten ausüben könnten. Jesus spricht sie direkt als Hirten an.

Unser Text liest: „Welcher Mensch unter euch, der 100 Schafe hat.“ Eine normale Familie hatte 5-15 Schafe. Ein wohlhabender Mensch, der 100 Schafe sein eigen nennen konnte, heuerte sicherlich einen „Mietling“ an. In unserem Fall könnte man sich eine erweiterte Sippe vorstellen, die einem Mitglied der erweiterten Sippe alle Schafe anvertraute. Der Hirte versorgte dann eigene Schafe und die der erweiterten Sippe. Die Freude bei der erweiterten Sippe bei seiner Heimkehr mit dem verlorenen Schaf, würde diese Konstellation stützen.

Das Gleichnis macht klar, dass sich der Hirte zweimal freut. Einmal in (3) beim Fund des Schafes und dann wieder im Dorf (3′). Beim ersten Mal freut sich der Hirte, obwohl die ganze Arbeit der „Wiederherstellung“ des Schafes noch vor ihm liegt. Das erschöpfte Tier muss geborgen und dann nach Hause getragen werden – auch über eine weite Entfernung – und da soll sich einer freuen? Der arabische Ausleger Said betont hier: „Der Hirte legt das Schaf auf seine Schulter wissend, dass die harte Arbeit noch vor ihm liegt!“ Das Thema der schweren Last, die der Wiederherstellung vorausgeht ist wichtig zu notieren. Nach dem Finden des Tieres muss es gepflegt, wiederhergestellt werden. Die Freude über das zurückgebrachte Tier wird in (3′) beschrieben. Damit umrahmt die Freude die Heimkehr, die Wiederherstellung.

Interessant ist auch noch die Ausdrucksweise: „…und eins von ihnen verloren hat“ Wann immer in der heutigen orientalischen Gesellschaft ein Missgeschick passiert, wird die Schuld nicht der Person, sondern dem Gegenstand des Missgeschickes gegeben. So hat nicht der Hirte das Schaf verloren, sondern das Schaf hat sich verirrt. In Mt 18,13 (lies!) finden wir diese Aussage. Hier bei Lukas gewinnt die Aussage an Schärfe, da dem Hirten die Schuld gegeben wird: er hat „aktiv“ verloren, hier steht noch nicht einmal das mildere Passiv.

Das nächste Problem, ist die Tatsache, dass der Hirte seine Herde in der Wüste, Steppe oder Einöde zurücklässt, aber mit dem verlorenen Schaf zum Haus zurückkehrt. Levison bemerkt zu diesem Umstand:

Ich sah nie in Syrien, Palästina oder Mesopotamien eine große Herde, die nur von einer Person begleitet wurde. Zwei oder drei Hirten wurden im Allgemeinen angestellt. Wenn ein Schaf verloren ging, würde einer sich auf die Suche machen, während der andere die Herde nach Hause bringt. Beim Nachhause kommen würde gleich die ganze Sippe das Fehlen des einen Hirten bemerken und um seine Sicherheit besorgt sein. Gerade wenn der Hirte nur eine Hand frei hat und dann noch ein verletztes Tier trägt, kann er sich schlecht gegen wilde Tiere zur Wehr setzen. Das Finden und Nachhause bringen des verlorenen Schafes, wird sicher Anlass zum freudigen Dank im Dorf (Levinson 1926, 152f).

Der Text kann darum auch bedeuten, dass der Hirte die Herde verließ, als diese noch in der Wildnis war. Der zweite Hirte hätte dann die große Herde verantwortlich übernommen. Wir werden allerdings tatsächlich im Unklaren darüber gelassen, ob die 99 auch nach Hause gebracht wurden.

Der Hirte freut sich mit seiner Sippe über seine sichere Rückkehr und das wiedergefundene Schaf, das evtl. einem anderen Sippenmitglied gehörte. Sollte sich nicht ein Dorf genauso über die Wiederherstellung eines verlorenen Sünders freuen, anstatt zu murren, wie in V.2 beschrieben?

 

Das theologische Bündel des Gleichnisses

Wir finden in diesem Gleichnis eine Serie von mindestens vier Themenbereichen, die alle in Beziehung zu einander betrachtet werden müssen. Kein Thema sollte hier herausgehoben werden, da jedes gleich wichtig ist.

 

Freude:

Die Freude des Hirten wird deutlich ausgedrückt. „Kommt nehmt Teil an der Freude über die Umkehr eines Sünders!“ Diese Freude wird ausgedrückt und mit der ganzen Gemeinde geteilt.

 

Last der Wiedergutmachung:

Der Hirte freut sich auch angesichts der kommenden, beschwerlichen Lasten, die das gefundene Schaf verursacht. Jesus verteidigt seine Haltung, dass er Sünder willkommen heißt. Dieses willkommen heißen beinhaltet auch die Wiedereingliederung in die Gemeinschaft. Das verirrte Schaf muss zur Herde zurückgebracht werden, die jetzt im Dorf ist. Dafür muss der Hirte einen Preis zahlen. Die Suche hat ihren Preis, aber die Wiederherstellung hat ihn genauso. Hier liegt ein Hinweis auf den Preis vor, den Jesus für die Wiederherstellung des verirrten Sünders zu zahlen bereit ist. Der Schafhirte trägt die Last des verirrten Schafes auf seiner Schulter – ohne die „Aufschulterung“ keine Wiederherstellung. Diese Aufgabe übernimmt der Schafhirte mit Freuden.

 

Gnädige Liebe:

Diese Liebe sucht den Sünder. „Welche Mühe machen sich sowohl der Hirte, als auch die Hausfrau im folgenden Gleichnis, um ihren Besitz wiederzufinden und welch tiefe Befriedigung erfahren beide, als sie erfolgreich waren. Die Schlussfolgerung wäre dann: Zöllner und Sünder gehören wirklich zu Gott, auch wenn es äußerlich so anders aussehen mag, und Gott selbst will sie zurückhaben, er nimmt Schwierigkeiten auf sich um sie wieder zu gewinnen…..Darum ist neben der Freude über die einen umkehrwilligen Sünder, die göttliche Liebe, die hinausgeht und den Sünder sucht, bevor er Buße tut, charakteristisch für beide Gleichnisse.“ (Mason, T.W. 1937. Sayings of Jesus. London: SCM, S. 283f)

 

Fragen:

  1. Was war die Provokation von Jesus in diesem Gleichnis?

 

 

  1. Mache einige Aussagen über die Lehre der Errettung des Menschen (Soteriologie), die in diesem Gleichnis ausgedrückt werden.

 

 

  1. Was bedeuten dir Freude, die Last der Wiederherstellung und gnädige, suchende Liebe?

 

 

L

k 15,1-7

b. Der wiedergefundene Groschen

15,8-10

 

 

Das Gleichnis vom „Verlorenen Schaf“ und von der „Verlorenen Münze“ kann man als ein Doppelgleichnis betrachten. Das zweite Gleichnis hat eine einfachere, nicht so präzise Struktur wie das vorhergehende Gleichnis.

 

Die Struktur

Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat,

A         wenn sie eine Drachme verliert,

B         zündet nicht, eine Lampe an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet? Und wenn sie sie gefunden hat,

C         ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und spricht: Freuet     euch mit mir,

B‘         denn ich habe die Drachme gefunden,

A‘        die ich verloren hatte.

Also, sage ich euch, ist/wird Freude vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

 

Folgendes Muster bildet die obenstehende Struktur:

 

Einleitung: eine Frau mit 10 Münzen

A         eine ist verloren

            B         sucht bis sie findet

C         Freude im Dorf über die Wiederherstellung

B‘         weil gefunden hat,

A‘        was verloren war

Anwendung: Freude über einen der umkehrt

 

Allein der Umstand, ein Gleichnis zu erzählen, in dem eine Frau die Hauptperson ist, war im Palästina des 1 Jahrhunderts eine mutige Entscheidung. Jesus weist damit alle pharisäischen Vorurteile gegenüber den Frauen genauso zurück, wie er ja auch schon die Vorurteile gegenüber den Schafhirten zurückwies.

  1. Rihbany, der christliche Syrer, weist auf folgende Tatsache hin: „Die Seltenheit Bargeld im Besitz eines ländlichen Kleinbauern zu finden, macht den Verlust einer Münze … zu einem traurigen Ereignis“ (Rihbany 1916, 153). Er beschreibt wie Kleinbauern damals weitgehend autark leben. Nahrung und Kleidung werden selbst produziert. Darum ist Bargeld etwas Seltenes. Der Verlust ist darum noch größer, als der Lohn eines Tages für einen Tagelöhner, der ja einen Drachme ausmacht.

Es wurde in manchen Kommentaren und Predigten oft darauf hingewiesen, dass die Münze zum Schmuck oder zur Brautgabe der Frau gehörte. Hier muss allerdings daraufhin gewiesen werden, dass Beduinenfrauen wohl ihre Brautgabe als Schmuck verarbeitet öffentlich trugen. Frauen aus ländlichen Gegenden taten dies jedoch kaum. Dennoch kann die Münze Bestandteil einer Halskette gewesen sein, die alle Frauen trugen und heute noch tragen. Der ägyptische Ausleger Said betont, dass der Verlust einer Münze die Schönheit des Schmuckstückes zerstörte. Auch hier wäre der Verlust wesentlich größer, als der Wert „nur“ einer Münze (Sa’id, I. 1970/1935. Sharh Bisharit Luqa, 394).

Der Bewegungsfreiraum der Frauen in den ländlichen Dörfern ist begrenzt. Die Frau weiß darum, dass die Münze im Haus sein muss. Die Münze kann gefunden werden, wenn man nur lang genug fegt. In diesem mühsamen Fegen des festgetretenen Lehmbodens, über den oft einfache Binsenmatten ausgebreitet sind, das noch dazu im Halbdunkeln geschieht (kleine Fenster- und Türöffnungen), kann man die „Last der Wiederherstellung“ sehen. Interessant sind in diesem Zusammenhang die die überall im östlichen Mittelmeerraum verbreiteten „Handfeger“ aus Schilf oder Reisstroh. Mit ihnen kann man nur in gebückter Haltung fegen, da sie keinen Besenstiel haben.

 

Zwei Aspekte werden im 2.Gleichnis intensiviert:

  • Der Wert des Verlorenen ist nicht mehr 1 aus 100, sondern 1 aus 10. Wobei der Wert als Bestandteil eines Schmuckstückes noch wesentlich höher gewesen sein mag.
  • Der Ort der Suche ist wesentlich eingegrenzter: das Haus und nicht die weite Wüste. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit des Gefundenwerdens größer.

Theologisch ragen natürlich die Themen Gnade, Freude und Wiederherstellung des Verlorenen heraus.

 

Frage:

  1. Beschreibe das Münzwesen im Palästina des 1. Jahrhunderts!

 

  1. Begründe die Freude der Frauen nach dem Fund der Münze!

 

  1. Welche Last der Wiederherstellung hat die Frau auf sich genommen? (Wenn du beim nächsten Gemeindeputz dabei bist – bitte ansprechen!)

 

  1. Das Schaf konnte meckern – dies Münze nichts zum Finden beitragen. Was sagt dies über unser Gefundenwerden aus?

 

 

c. Wiedergefundene Söhne

15,11-32

Der jüngere Sohn

Lk 15,11-24

 

Die Struktur

Die vorhergehenden Verse 4-10 waren ein Doppelgleichnis. Jedes hatte eine ähnliche und doch andere Struktur. Dies gilt auch für die Verse 11-32. Hier haben wir auch eine Doppelparabel mit zwei unterschiedlichen Strukturen. Wie in allen Gleichnissen werden uns die dahinterstehende Kultur und die Literaturstruktur des Gleichnisses Hinweise für eine angemessene Interpretation des Gleichnisses liefern. Hier die Struktur:

 

A     Ein gewisser Mensch hatte zwei Söhne;

1     und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater,                                    gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt.                                               Und er teilte ihnen das Leben (den Lebensunterhalt, die Habe).

2     Und nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles

zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und daselbst vergeudete er sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte.

3     Als er aber alles verzehrt hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden.

4     Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes; der {W. und er} schickte ihn auf seine Äcker, Schweine zu füttern.

5     Und er begehrte, seinen Bauch zu füllen mit den Schoten, welche die Schweine fraßen; und niemand gab ihm.

6     Als er aber zu sich selbst kam, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger.

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen,

6′    und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner.

5′     Und er machte sich auf und ging zu seinem eigenen Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn sehr vielmals.

4′    Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen.

3′     Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Bringt die beste Robe her und zieht sie ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße;

2′   und bringet das gemästete Kalb her und schlachtet es, und lasset uns essen und fröhlich sein;

1′    denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an fröhlich zu sein.

Ein Sohn ist verloren

 

Güter durch Ausschweifungen verschleudert

Alles verloren

 

 

Die große Sünde

(Schweine für Heiden füttern)

Totale Ablehnung

 

 

Sinneswandel

 

 

 

 

Höhepunkt

 

 

erste Buße

 

 

 

 

Totale Annahme

 

 

 

 

die große Buße

 

 

Alles gewonnen

 

 

Güter sinnvoll verschwendet

Ein Sohn ist gefunden

 

Die Struktur ist eine parabolische Ballade mit zwölf Strophen, wobei sich jeweils 6 Strophen einander in einem nach innen gekehrten (inversen) Parallelismus entsprechen. Die ersten 6 Strophen handeln von den materiellen Bedürfnissen, Nöten und Verlusten (siehe Kursivschrift). Die Strophen 6′ bis 1′  handeln fortschreitend von der Wiedereinsetzung des Sohnes. Eine weitere bemerkenswerte parallele Struktur kann man aufzeigen:

 

Die Strophen 1-6

Rede 1

er verlässt

in Nöten, aber nicht bereit zur Buße

wird ein Schweinehirt

hat nichts  zu essen

stirbt fast

Die Strophen 1′-6′

Rede 2

er kehrt zurück

in Nöten, aber bereit zur Buße

isst vom fetten Kalb

lebt wieder

 

Die kulturellen Aspekte des Gleichnisses

 

  1. a) Die Eröffnungsstrophe (15,11-12)

In dieser Strophe wird die Bühne für das gesamte Gleichnis vorbereitet. Nach der Festlegung, dass ein gewisser Vater zwei Söhne hatte, beginnt die Parabel mit der Bitte des jüngeren offensichtlich unverheirateten Sohnes[209]: „Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt.“ Das normale Heiratsalter war 18-20 Jahre – wir haben also wahrscheinlich einen Jugendlichen vor uns. Überall in den ländlichen Gebieten des Mittleren Ostens könnten wir Kleinbauern fragen, welche Implikationen diese Bitte an einen lebenden Vater mit sich bringt. Wir würden überall ungefähr folgendes Gespräch entfachen:

  • Hat jemand irgendwann in eurem Dorf solch eine Bitte geäußert?
  • Nie!
  • Könnte jemand irgendwann solch eine Bitte äußeren?
  • Unmöglich!
  • Wenn es aber trotzdem jemand wagen würde, was würde geschehen?
  • Sein Vater würde ihn selbstverständlich auf den Kopf schlagen!
  • Warum?
  • Diese Bitte bedeutet – der Sohn wünscht den Tod des Vaters herbei!

 

In der Zeit zwischen den Testamenten finden wir bei Sirach einen bedeutungsvollen Abschnitt, in dem vehement gegen die Weitergabe des eigenen Besitzes während der Lebzeit argumentiert wird Sirach 33:20-24:

Lass den Sohn, die Frau, den Bruder, den Freund nicht über dich verfügen, solange du lebst; und übergib niemand dein Hab und Gut, damit es dich nicht reut und du sie darum bitten musst. Solange du lebst und atmen kannst, überaß deinen Platz keinem andern Menschen. Es ist besser, dass deine Kinder dich brauchen, als dass du aus ihren Händen nehmen musst.

33:23   Bei allem, was du tust, behalte die Entscheidung in der Hand, und lass dir deine Ehre nicht nehmen. Wenn dein Ende kommt, dass du davon musst, dann teile dein Erbe aus.

In der Mischna finden wir folgende Schlüsselangabe, auf die wir im weiteren Verlauf immer wieder stoßen werden Baba Bathra 13,7: Wenn jemand beabsichtigt seinen Besitz seinen Kindern zu überschreiben, schreibe er: ‚Von heute an und nach (meinem) Tod gelte

Im Talmud kann man lesen (Baba Mezia): „Unsere Rabbis lehrten: Drei Rufe werden nicht beantwortet: der, der Geld ohne Zeugen verliehen hat…..der, der seinen Besitz während seiner Lebzeit  seinen Kindern übergab….

Die Aktionen des jüngeren Sohnes sind umso mehr bemerkenswert, da seine Bitte zweierlei beinhaltet. Er verlangt die Teilung des Erbes. Diese Bitte wird ihm erfüllt. Allerdings gibt ihm das Besitzerrecht nicht automatisch das freie Verfügungsrecht über den Familienbesitz. Die Grundstücke gehören zwar ihm, aber verkaufen darf er sie nicht. Der junge Herr möchte mehr, so drängt er seinen Vater ihm sofort das volle Verfügungsrecht zu geben. In der Mischna haben wir oben erfahren, dass ein Vater immer bis zum Lebensende über seine Güter verfügen konnte, auch nach einer bekundeten Erbteilung unter seinen Erben. Der Sohn bekommt sofort das volle Verfügungsrecht, wohl weil er es gefordert hat, obwohl er das Recht dazu ausdrücklich erst nach dem Tod des Vaters hatte. Hinter beiden Aspekte der Bitte kann nur folgende Implikation liegen: „Vater, ich kann nicht warten bis du endlich stirbst!“

Im Lichte dieser Hinweise ist das Verhalten des Vaters umso erstaunlicher. Im Milieu des Mittleren Ostens würde man erwarten, dass der Vater explodiert und seinen Sohn  für dessen unmögliches Benehmen diszipliniert. Was für eine dramatische Demonstration der Liebe liegt im Verhalten des Vaters, als er die Bitten seines Sohnes erfüllt! Er gibt ihm eine Freiheit, die sich sogar gegen seine Liebe zum Sohn wenden darf. Der Vater musste doch auch an seine Altersversorgung denken – würde der jüngere Sohn seinen Pflichten nachkommen? Der Vater gefährdet mit seinem Handeln wissentlich seine Altersrente, dennoch gibt er dem Sohn Besitz- und Verfügungsrechte.  Der ägyptische Ausleger und Patriarch Said fügt hier an:

Der Hirte und die Frau taten nichts Außergewöhnliches als sie nach Schaf und Münze suchten. Die Handlungsweise des Vaters im dritten Gleichnis ist allerdings einzigartig, bewundernswert und letztlich göttlich, da noch nie ein Vater in der Vergangenheit ähnlich handelte.

Die Frage was der Vater dem Sohn nun gab, lässt sich beantworten. Es war die Auszahlung des Erbes und damit der Verlust aller weiteren Ansprüche: „…und er teilte ihnen das Leben (den Lebensunterhalt, die Habe)“. Sagte der Vater doch am Schluss in V. 31 zum Älteren: „..und alles, was mein ist, das ist dein. Rechtlich handelte der Vater so, als wäre es vollkommen seine Idee, schon jetzt das Erbe zu teilen. Der Vater demütigt sich so weit, dass er den wahren Sachverhalt unerwähnt lässt.

Rengstorf (NTD 1949, Lukas) weist ausführlich auf die übliche QesasahZeremonie im Palästina des 1. Jahrhunderts hin. In der Midrasch Rabbah, Ruth Rabba 12,11 von 4,7 lesen wir: Was ist ‚qesasah’? Rabbi Jose ben Abin antwortete: Wenn ein Mann sein Feld einem Heiden verkaufte, war es üblich, dass seine Verwandte Gefäße mit gerösteten Nüssen und Körnern brachten, diese vor den Kindern öffneten und diese anstifteten laut aus zu rufen: „So-und-so ist von seinem Erbe abgetrennt“. Wenn es ihm zurückgegeben wurde , riefen sie :“So-und-so ist zu seinem Erbe zurückgekehrt!“ Genauso wurde verfahren, wenn ein Mann eine nicht zu ihm passende Frau heiratete, wobei die Kinder dann riefen: „So-und-so ist seiner Familie verloren gegangen!“. Wenn er sich dann von ihr scheiden ließ, riefen die Kinder: „So-und-so ist zur seiner Familie zurückgekehrt!“

Andere rabbinische Quellen weisen daraufhin, dass bei einer solchen Gelegenheit ein Topf zerbrochen wurde. Rengstorf weist daraufhin, dass diese Zeremonie Ende des 1. Jahrhunderts erlosch, doch zur Lebzeit Jesu noch gebräuchlich war. Er bezieht diese Zeremonie des „Abgeschnitten seins“ und des „Wiedereingesetzt werdens“(Reinvestitur) auf unser Gleichnis. Diese Zeremonie bezieht sich zwar in erster Linie auf einen Landverkäufer, der einem Heiden verkauft oder auf einen Bräutigam, der „falsch“ gewählt hatte. Dennoch gibt uns diese Zeremonie wichtige Einsichten in das dörfliche Leben, des 1. Jahrhunderts. Zeigt sich hier doch die enge Solidarität der erweiterten Familie und des Dorfes. Familienbesitz (Anteil am verheißenen Land = Segen Gottes) an Heiden zu verlieren, war eine ernsthafte Angelegenheit. Einer der hier gegen die Familienregeln verstieß, bekam die radikale „Familiensolidarität“ zu spüren. Als der jüngere Sohn ins Dorf zurückkehrte, hatte er ja in der Tat den Familienbesitz unter den Heiden verschwendet. Dies würde sehr schnell im Dorf bekannt werden. Vorstellbar wäre darum, dass bei seiner Ankunft im Dorf, ein Topf auf der Straße zerbrochen wird. Er wäre damit von der erweiterten Familie und dem ganzen Dorf abgeschnitten. An dieser Stelle wird deutlich, dass es nicht nur um die zerbrochene Beziehung zwischen Vater und Sohn geht, sondern um die Beziehung zum ganzen Dorf.

Der ältere Sohn wird zweimal in dieser Eröffnungsszene erwähnt. In V.11 wird uns gesagt, dass der Vater zwei Söhne hatte. In V.12 erfahren wir, dass auch der ältere sein Erbteil erhielt. Eigentlich müsste er doch in dreierlei Weise reagieren:

  • Lauter Protest müsste von ihm zu hören sein. Sein Schweigen kann darauf hindeuten, dass auch sein Verhältnis zum Vater nicht ungetrübt war.
  • Er müsste als Sohn und Bruder unbedingt als verbaler Schlichter auftreten. Sein Schweigen bedeutet, dass er sich weigert diese Rolle anzunehmen. Sein Schweigen deutet wieder eine belastete Beziehung zum Vater an.
  • Als schließlich das „Leben“ (bi,oj, bios das Leben, die Habe) des Vaters aufgeteilt wurde, weiß er doch, dass hier Unrecht geschieht. Er müsste sich laut und deutlich gegen das Unrecht des jüngeren Bruder wehren und sich vorbehaltlos loyal gegenüber dem Vater  zeigen. Hier wird die Geschwister-Typologie der Rabbis voll bestätigt. (siehe Fußnote über „Jüngere Brüder“)

 

In Ps.133,1 lesen wir: Siehe, wie gut und wie lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Dieser idealistische Vers bezieht sich gerade auf die Situation, dass Brüder nach dem Ableben ihres Vaters alle Erbangelegenheiten einträchtig regeln und beieinander leben.

In der nächsten Strophe wird festgestellt, dass nach „nicht vielen Tagen“ sein Erbteil in „Cash“ umwandelt. Die nötige Eile ist leicht erklärbar, da im Verlauf der Verkaufsverhandlungen die Stimmung des Dorfes immer unfreundlicher und feindseliger wird. An jeder Dorfecke begegnet ihm Abscheu, Ablehnung und Hass. Der normale Kleinbauer in Palästina hängt bis heute so sehr an Grund und Boden, wie Nabot in seinen Tagen einen Weinberg liebte (siehe Situation der Palästinenser nach 1948). Normalerweise dauerte eine Transaktion von Immobilien Monate, doch die unhaltbare Stellung des Jüngeren im Dorf drängte zur Eile.

 

  1. b) Die Strophen 2-6 Das ferne Land (15,13b-17)

In diesem Abschnitt sehen wir, wie der junge Herr graduell in seine persönliche Hölle hinabsteigt. Die Auswanderung in ein fernes Land, war zur Zeit von Jesus allgegenwärtig. In Palästina leben ca. 500.000 in der Zerstreuung (Diaspora) dagegen ca. 4 Millionen Juden (Jeremias 1998, 129). Aus der Strukturanalyse sind die Schritte zur Verzweiflung sichtbar geworden.

Das Verprassen wird in der Grundsprache als zw/n avsw,twj zœn asœtœs = extravagantes Leben beschrieben. Dieser Ausdruck ist wertungsfrei, weist einfach nur auf das sorgenfreie und spendable Leben in der Fremde hin – der absolute Kontrast zur nahen Dürre. In keiner Weise kann von diesem Ausdruck eine unmoralische Lebensweise abgeleitet werden. Die Peschitta und arabischen Übersetzungen bestätigen diese Aussage, wobei allerdings die altsyrische Übersetzung hinzufügte: …er verschleuderte seinen Besitz in Nahrung die unpassend war, und weil er verschwenderisch mit Huren lebte…  Doch halten wir fest, im Grundtext wird die Art der Verschwendung nicht als unmoralisch eingestuft. Dies wird noch wichtig sein, wenn wir die Kommentare des Älteren in V.30 bewerten wollen.

Jeremias hat für den Zeitraum 169 v. Chr. bis 70 n. Chr. 10 Hungernöte nachgewiesen, ausgenommen die durch Krieg verursachten. Eine Hungersnot war darum der Zuhörerschaft des 1.Jhd in Palästina durchaus geläufig (Jeremias 1969, 140f). Weiter war auch klar, dass ein Jude mittellos allein in der Fremde, besonders den Härten solch einer „großen“ Notzeit ausgesetzt war. Im Text wird dies recht dramatisch durch den Infinitiv Passiv ausgedrückt: „…er begann Mangel zu erleiden.“ Wirklich er litt mehr als andere!

Der Text erzählt uns dann bildlich, wie er sich selbst an einen Bürger des fremden Landes „klebte/hängte.“ Dieser junge Mann war doch in der dortigen Gesellschaft bekannt, als derjenige der mit viel Geld in Tasche angereist war. Von ihm wird ein gewisser Rest an Selbstachtung erwartet. Eine höfliche Art wie ein Orientale solche „Schleicher,“ die sicher zahlreich vor der Tür lungerten, loswerden kann, ist ihnen eine Aufgabe zu übertragen, die diese einfach ablehnen müssen. Doch der Stolz des jüngeren Sohnes ist noch nicht vollkommen gebrochen, und so muss der erstaunte Hörer/Leser zur Kenntnis nehmen, wie diese versuchte „Abwimmelung“ fehlschlägt. Der spendable Herr nimmt den Job eines Schweinehirten an.

Der „Bürger“ des fremden Landes ist wahrscheinlich ein freier Grundbesitzer. Das „Anhängen an die Heiden“ beziehen manche Ausleger auf das gleiche Verhalten der Zöllner. Andere weisen daraufhin, dass er als Hirte unreiner Tiere, alle Elemente seiner Religion verleugnen muss, besonders die Sabbatheiligung.

Der Sohn wird beschrieben, wie er ein Verlangen entwickelt seinen Bauch mit Schoten zu füllen, die die Schweine fraßen. Einig ist man sich in der Identifizierung dieser Schoten, sie stammen vom ceratonia siliqua, dem Johannisbrotbaum oder Carob-Baum. Rabbi Hanina ben Dosa konnte dank der Carob-Schoten in Notzeiten gar überleben. In der Lutherübersetzung von 1914 finden wir hier das Wort: Treber, was den Gedanken an ekelhafte Tiernahrung hervorruft. Dies war also nicht der Grund, warum der heruntergekommene Exiljude nicht vom Tierfutter aß.

„Niemand gab ihm…“ – ist das abschließende Wort zu diesem eindrücklichen Bild. Er bekam zwar regelmäßig Schweinefutter doch in Hungerszeiten mit dem Überangebot an billigen Arbeitskräften, konnte es sich der Arbeitgeber leisten, seinem Hirten weniger als das Existenzminimum zu geben. Selbst auf seinem Pflichtanteil von einem Schlachtschwein wird der jüdische Schweinehirt verzichtet haben, zu groß war seine Abneigung gegenüber dem unreinen Tier.

Damit kommen wir zur ersten Buße im fremden Land. Wir lesen: „Aber er kam zu sich selbst.“ Dieser Ausdruck kann in gewisser Weise als „Buße tun“ übersetzt werden. Doch ist die Art dieser ersten Umkehr ganz anders als die Buße, die vor dem Vater ausgedrückt wird. Die erste Buße ist von der Intention her eine Umkehr, ein In-sich-Gehen, das deutlich von der eigentlichen Buße unterschieden werden kann.

 

  1. c) Die Strophen 6′-1′ Die Heimkehr (15,18-24)

Wir kommen zur eigentlichen Buße. Wie in Lukas 16 der Verwalter hat auch der verschwenderische Sohn keine Entschuldigung zu bieten. Er tut Buße, aber für was? War er nicht schlicht und einfach am Ende der Fahnenstange seiner Selbstverwirklichungsversuche angekommen? War seine Sünde nur der Verlust des Geldes?

Wir wollen hier die Beziehung zum Vater, zum Bruder und zur Dorfgemeinschaft untersuchen. Die Beziehung zum Vater nimmt natürlich eine Schlüsselrolle ein. In 6′ finden wir den „Gesichtsrettungsplan“ des Sohnes. Dort strebt der jüngere Sohn die Anstellung als Tagelöhner an. In der damaligen Arbeitswelt gab es drei Klassen von Arbeitern:

  • die Sklaven (dou/loj doulos) die zum Landbesitz gehörten und als ein Teil der Familie betrachtet wurden
  • die untersten Sklaven (pai/j pais auch: Knabe), die den Haussklaven unterstellt waren
  • die bezahlten Knechte/Tagelöhner  (mi,sqioj misthios)

Der bezahlte Knecht war ein Außenseiter, er gehörte nicht zu einem speziellen Landbesitz. Er hatte keine besonderen Interessen in die persönlichen Verhältnisse seines zeitweiligen Meisters. Er war nur ein Gelegenheitsarbeiter, der bei Bedarf angeheuert wurde. Seine Lage war unsicher, obwohl er ein freier unabhängiger Mann war. Der jüngere Sohn malt sich also aus, welches zukünftige Verhältnis er zu seinem Vaterhaus haben könnte. Als ein bezahlter Knecht könnte er als freier Mann von seinem eigenen Einkommen im Dorf leben. Sein Status wäre nicht wesentlich schlechter als der seines Vaters und Bruders. Als unabhängiger Knecht wäre er in der Lage einen Teil des verschleuderten Gutes als eine Art Alterspension seinem Vater zurückzuzahlen. Der junge Herr wollte arbeiten und seine moralischen Verpflichtungen gegenüber seinem Vater erfüllen. Er will sich selbst retten – er will keine Gnade.

Als bezahlter Knecht würde der jüngere nicht das „Brot“ des älteren Bruders essen, da er doch zu genau weiß, dass alles, was der Vater übriglässt, legal dem Älteren gehört. Der Jüngere könnte nur zu Hause leben, wenn er sich mit seinem Bruder versöhnen würde. Dies scheint dem Jüngeren unmöglich zu sein, darum entwickelt er seinen Alternativplan, so dass diese Versöhnung überflüssig wird.

Das letzte Problem des heimkommenden Sohnes würde die Dorfgemeinschaft sein. Jeglicher Status im Dorf wäre schwer zu erreichen. In der Ferne ist er jämmerlich gescheitert – welcher Emigrant könnte zurückkommen – doch wohl nur der Erfolgreiche! Die Rückkehr wird weiter wesentlich durch die Art seines Auszuges erschwert. Er hatte die gesamte Dorfgemeinschaft gekränkt, als er vom lebenden Vater das Erbe forderte, es vor allen Augen verkaufte und dann offensichtlich das ganze Erbe bei den Heiden verschleuderte. Er hatte die oben beschriebene übliche Qesasah-Zeremonie zu erwarten. Spott und Feindseligkeiten würden seiner warten. Hier gab es keinen Ausweg!

Der jüngere Sohn breitet hiermit seine „Reparationshandlungen“ vor, um seine Ernsthaftigkeit unter Beweis zu stellen. Auch sein Bekenntnis ist in diesem Licht ein Werk der Sühne für seine „Sünden.“ Jesus gerät mit dem Ansatz – Menschen würden ohne die von Mose vorgeschriebenen Reparationshandlungen wieder Teil der Heilsgemeinschaft – in eine deutliche Opposition zu allen damaligen religiösen Gruppen. Doch in allen drei Gleichnissen wird die Last der Wiederherstellung beschrieben – allerdings so ganz anders als Mose es tat.

Der Vater in unserem Gleichnis lebte in einer Dorfgemeinschaft. Er erwartete wahrscheinlich das unrühmliche Ende des Ausflugs seines jüngeren Sohnes. Vielleicht haben manche im Dorf seinen Spross schon für tot erklärt. Wenn er jemals zurückkommen würde, dann als Bettler. Wie oft hatte der Vater die Vorwürfe der Dorfgemeinschaft gehört, er hätte nie die Bitte des Sohnes erfüllen dürfen. Das Verhalten der Dorfgemeinschaft beim Eintreffen des Sohnes konnte der Vater auch schon vorhersehen. In Sirach 26,5f lesen wir: „Vor drei Dingen scheut sich mein Herz, und vor dem vierten graut mir: böse Gerüchte in der Stadt, Volksauflauf, Verleumdung – alles ärger als der Tod.“ Das Zusammenlaufen des Straßenmobs hatte der heimkommende Sohn zu befürchten. Demütigungen, Spott und vielleicht sogar körperliche Gewalt würden ihm begegnen. Von all dem wusste der Vater. Er wusste wie sehr sein Sohn von der Dorfgemeinschaft zurückgestoßen werden würde. Was der Vater in der „Heimkehrszene“ tat, verstehen wir am besten als eine Serie von dramatischen Aktionen, die den Sohn vor den feindlichen Aktionen der Dorfgemeinschaft bewahren sollte.

Diese Aktionen begannen mit dem öffentlichen „Rennen“ auf der Dorfstraße. Ein ehrenwerter Orientale rennt nie – es ist einfach ehrenrührig: Sirach 19,30: Denn Kleidung, Lachen und Gang zeigen, was an ihm ist. Selbst der Heide Aristoteles sagte: „Große Männer rennen nie in der Öffentlichkeit!“ Der Vater wurde innerlich bewegt. Dies bezieht sich wohl auf den erwarteten Empfang im Dorf. Doch der Vater vollzieht das erwartete Spießrutenlaufen für ihn. Sicher folgten dem rennenden Vater so mancher Dorfbewohner.

Der Vater vollzieht dann die Versöhnung öffentlich am Rande des Dorfes. Der Sohn kann so unter dem sorgenden Schutz des Vaters das Dorf betreten. Der Sohn der schon entnervt sich auf den Spot des Dorfes gefasst machte, muss in seiner großen Verwunderung sehen, wie ihm sein Vater entgegen gerannt kommt. Anstatt nun sein „Fett“ am Rande des Dorfes abzubekommen, anstatt der berechtigten Feindseligkeiten, erwartet ihm eine unerwartete sichtbare Demonstration der Liebe in Demut. Die Handlungen des Vaters ersetzen alle Worte. So gibt es keine Worte der Annahme und keine Willkommensgrüße. Der ägyptische Ausleger Said bemerkt an dieser Stelle: „Christus berichtet uns von den Worten des Sohnes, allerdings nichts von Worten des Vaters. In Wirklichkeit ersetzt der Vater Worte mit Küsse, Erklärungen durch Gefühlsausbrüche und seine Augen sprechen für seine Zunge.“

Die Strophe 5 ist der Ausdruck für die totale Ablehnung – 5′ dagegen die Beschreibung der totalen Annahme. In seiner öffentlichen Demonstration der unerwarteten Liebe steht der Vater mit dem Schafhirten und der Hausfrau aus Lukas 15 in einer Reihe. Der bußbereite Sohn hätte dem Vater die Hand, wahrscheinlicher sogar die Füße geküsst, doch der Vater hindert ihn daran. Der griechische Text weist hier auf einen herzhaften Kuss hin, der bis heute kultureller Standard ist.

Der Sohn kommt nun zum 1.Teil seiner vorbereiteten Rede. Wir merken sofort, dass er gar nicht zu seiner Bitte kommt, nun als ein bezahlter Knecht eingestellt zu werden. Wurde er nur vom Vater unterbrochen? Dann hätte er ja später seine Rede vorsetzen können. War es die innere Erkenntnis: „Dieser Empfang gestaltet sich ja besser, als ich mir in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können!“ die ihn, von der Vollendung seiner kleinen Rede abhielt? Doch die Annahme der Rolle eines Sohnes hatte entscheidende Nachteile. Er muss fortan mit und von seinem Bruder leben. Er muss unter die totale Autorität des Vaters zurückkehren. Er müsste seinen Plan, sich seinen eigenen Weg erkämpft zu haben, aufgeben. Was trieb den jüngeren Sohn, zu einer Entscheidung mit so vielen Konsequenzen? Denn er hat doch offensichtlich seine Meinung geändert – sein Ego gegen die Gnade eingetauscht!

Wie wir sahen, kam der Jüngere mit seinem rabbinischen Verständnis von Buße zurück ins Heimatdorf. Er ist natürlich erschüttert durch den außergewöhnlichen Liebesbeweis seines Vaters. In diesem Zustand der Verzagtheit und Furcht erlebt er diese Rettung als ein überwältigendes Erlebnis. Jetzt muss er einsehen, dass er überhaupt keine Lösung für weitergehende Beziehung anzubieten hat. In diesem Moment sieht er nicht mehr das verschleudert Erbe, sondern die zerbrochene Beziehung, die er nicht mehr heilen kann. Jetzt versteht er, dass eine neue Beziehung eine alleinige Gabe des Vaters ist. Der Sohn kann überhaupt keinen Ausweg anbieten. Ja mehr noch, jedes Angebot den Schaden durch Arbeit wiedergutmachen zu wollen, wäre eine Beleidigung des Vaters. Die einzig passende Antwort des Sohnes ist darum: „Ich bin unwürdig!“

In 3′ wendet sich der Vater an seine Sklaven, die mit ihm auf der Straße stehen. Sie sollen den Sohn einkleiden, wie es sonst die Sklaven des Königs tun. Dem Sohn wird nicht gesagt: „Geh hin, bade dich und wechsle deine Kleider!“ Diese Anweisung sorgte dafür, dass der junge Herr wieder den gehörigen Respekt von den Haussklaven erwarten durfte. Diese hatten die ganze Zeit auf einen Hinweis ihres Herrn gewartet, wie sie den heimkehrenden Bettler behandeln sollten. Hätte der Vater von der Ferne nur gleichgültig mit der Schulter gezuckt, hätten sie nie etwas für den heimkehrenden Sohn getan. Das beste Gewand, ist wahrscheinlich das beste Festgewand des Vaters. Alle später kommende Gäste und Neugierige würden sofort das Festgewand des Vaters am jüngeren Sohn bemerken. Alle würden von der stattgefundenen Versöhnung sofort Notiz nehmen. Dies würde auch die Versöhnung mit der Dorfgemeinschaft einleiten. Diese Szene erinnert an 1Mo 41,42. Dort wird Joseph zum Herrscher eingesetzt. Dort finden wir einen Fingerring, ein kostbares Gewand und eine goldene Kette. Jes.61,10 weist auf die messianische Zeit, als einem neuen Gewand hin EÜ:

Hoch erfreue ich mich in Jahwe; meine Seele soll frohlocken in meinem Gott!

Denn er hat mich bekleidet mit Kleidern des Heils,

den Mantel der Gerechtigkeit mir umgetan,

wie ein Bräutigam den Kopfschmuck nach Priesterart anlegt,

und wie eine Braut sich schmückt mit ihrem Geschmeide.

In die gleiche Richtung würde auch Mt. 22,11-13 weisen.

Der Ring ist wahrscheinlich ein Siegelring. Er deutet daraufhin, dass ihm sofort wieder auf bemerkenswerte Art und Weise in alle geschäftlichen Bereichen vertraut wird. Die Schuhe weisen daraufhin, dass er ein freier Mann im Hause ist – kein Sklave. Die erkennen ihren neuen Herrn durch das Anziehen der Sandalen an.

Schließlich ordnet der Vater die Schlachtung des gemästeten Kalbes an. Die Schlachtung eines gemästeten Kalbes deutet daraufhin, dass der größte Teil, wenn nicht das ganze Dorf zum abendlichen Bankett eingeladen wird. Wie beim Schafhirten und der Frau, muss die Freude mit vielen geteilt werden.

Hier sei noch auf den „Bund-des-Blutes“ hingewiesen, der im Orient allgemein verstanden. Der Gastgeber schlachtet auf der Schwelle seines Hauses ein Tier, sodass der Gast über das Blut in das Haus tritt.[210] Dies trifft besonders für die Einweihung eines Hauses bis heute zu. Diese Willkommenszeremonie, heute oft nur verbal ausgedrückt, macht Gastgeber und Gast zu einer Einheit. Der Vater im Gleichnis heißt seinen jüngeren Sohn, wie einen sehr hochgeehrten Gast willkommen. Diese Ehre erfuhr sonst nur der örtliche Regierungsvertreter oder ein Bräutigam. Die ganze Dorfgemeinschaft soll so wieder mit dem heimkommenden Sohn versöhnt werden.

In 1′ hören wir die abschließende Rede des Vaters. Der Sohn könnte ja noch immer die Freiheit und Unabhängigkeit vorziehen, weit entfernt von Komplikationen des Lebens mit seinem Vater und Bruder unter einem Dach. Pervertierter Stolz könnte ihn darauf bestehen lassen, dass er zu demütig für die Wiederaufnahme als Sohn sei. Nein, der Sohn nimmt die reine Gnade an. Gnade gewinnt. Er lässt den abschließenden Vorschlag in seiner kleinen vorbereiteten Rede weg. Er macht den entscheidenden Schritt von der Unverantwortlichkeit zur Freiheit in Grenzen. Jetzt können Vater und Sohn wieder fröhlich sein.

 

Christologische Implikationen

Die Zuhörer von Jesus werden natürlich zuerst den Vater als Symbol für Gott verstehen. Als dann in der dramatischen Entwicklung des Gleichnisses der Vater sein Haus verlässt, demonstriert er in aller Demut unerwartete Liebe in der Öffentlichkeit (wie auch später beim älteren Sohn). Diese Liebesdemonstration wollte Jesus als sein Willkommenheißen für alle Sünder verstanden wissen. Wenn der Vater sein Haus verlässt, um in Demut und Liebe heraus zu seinem Sohn zu kommen, will Jesus doch zumindest teilweise auf seine Fleischwerdung und sein Versöhnungswerk hinweisen. Der Vater wollte einen Sohn – keinen Sklaven (Hatte er solch einen Sklaventyp schon im Hause?). Der Vater liebte immer tief und fortdauernd, nur der jüngere Sohn verstand dies nicht. Er verstand es erst, als der Vater mit wehenden Kleidern ihm entgegenkam. Jetzt hatte der Vater wieder einen Sohn – einen Sohn der in Liebe an ihm hang.

 

Fragen:

  1. Beschreibe die die übliche Qesasah-Zeremonie. Warum wurde sie dem jüngeren Sohn erspart?

 

 

  1. Fasse die Aussagen dieses Gleichnisses über die Lehre von Gott zusammen!

 

 

  1. Fasse die Aussagen dieses Gleichnisses über die Lehre der Errettung des Menschen zusammen!

 

 

  1. Was wird dir für unsere Evangelisationsarbeit wichtig?

 

 

Der Ältere Sohn

Lk 15,25-32

 

Der ältere Sohn erscheint auf der Bühne, als er auf dem Felde war. Er ist außerhalb des Hauses. Sein Weg hinein zum Bankett wird Schritt für Schritt parallel zum Weg seines Bruders gezeigt. Die Literatur Struktur erhellt dies:

 

B Es war aber sein älterer Sohn auf dem Felde;

1    und als er kam und sich dem Hause näherte,

hörte er Musik und Reigen.

Und er rief einen der Knechte herzu und erkundigte sich, was das  wäre.          2    Der aber sprach zu ihm: Dein Bruder ist gekommen,

und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet,

weil er ihn gesund wieder erhalten hat.

3    Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen.

Sein Vater aber ging hinaus

und drang in ihn.

4′      Er aber antwortete und sprach zu dem Vater: Siehe, so

viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot

von dir übertreten; und mir hast du niemals ein Böcklein

gegeben, auf dass ich mit meinen Freunden fröhlich wäre;

4′     da aber dieser dein Sohn gekommen ist,

der deine Habe mit Huren verschlungen hat,

hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.

3′    Er aber sprach zu ihm: Kind,

du bist allezeit bei mir,

und all das Meinige ist dein.

2    Es geziemte sich aber fröhlich zu sein und sich zu freuen;

denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden

und verloren und ist gefunden worden.

[Und er kam und betrat das Haus

nahm teil an der Musik und am Tanz

und begann fröhlich zu sein

 

Und die beiden Söhne wurden mit ihrem Vater versöhnt]

Er kommt

 

 

Dein Bruder ist da -ein Fest

 

 

Ein Vater kommt um zu versöhnen

 

Beschwerden I.

(Wie hast du mich behandelt)

 

Beschwerden II.

 

 

Ein Vater versucht zu versöhnen

Dein Bruder ist da – ein Fest

 

fehlt

 

 

Wieder haben wir es mit einer parabolischen Ballade zu tun. Die einzelnen Strophen haben jeweils drei Zeilen. Die nach innen gekehrte Struktur tritt deutlich hervor. Die Entsprechungen sind klar und ausgeprägt. 4 und 4′ bilden den Höhepunkt des Stufenparallelismus. In 3 kommt der Vater, während er in 3′ durch seine Rede versucht zu versöhnen. In 2 wird vom Fest berichtet, während in 2′ der Vater dieses Fest begründet. Natürlich haben wir schon früher bemerkt, das 1′  im Gleichnis fehlt. Ein mögliches Happyend haben wir einfach mal in Klammern dazugesetzt.

Der ältere Sohn kommt vom Feld und nähert sich dem Haus und hört eine Symphonie (sumfwni,a symphonia) und Tanzen (coro,j choros). Das Wort Symphonie deutet hier wohl auf eine Doppelflöte hin. Die alten orientalischen Versionen des Neuen Testamentes schließen hier noch das Singen mit ein. Eins war von weitem klar: Hier war ein komplettes orientalisches Fest im Gange. Warum wurde der ältere Sohn nicht sofort nach der Heimkehr benachrichtigt? Liegt es nur am szenischen Aufbau der Geschichte? Oder war zu befürchten, dass er versuchen würde, den Lauf der Dinge zu Ungunsten seines jüngeren Bruders zu beeinflussen? Auf jeden Fall erscheint der Altere erst, als der Gegensatz zwischen ihm und dem Heimkehrer nicht mehr krasser sein könnte.

Der Vater hatte eine Menge zu organisieren. Das Schlachten und Braten des Kalbes war schon ein Aufwand. Alles musste am frühen Abend, nach der Heimkehr der Landarbeiter, fertig zubereitet sein. Die Musik würde anfangen zu spielen, sobald die ersten Speisen gereicht würden. Dieses Versammlungssignal lockt in einem bunten Treiben das ganze Dorf an. Einen offiziellen Anfang und ein offizielles Ende gibt es nicht – alles ist in Bewegung: Kommen und Gehen, Alte und Säuglinge, Männer und Frauen, Weintrinken und Bratenessen. Alles wird die halbe Nacht dauern. Die absolute Eintönigkeit des Dorflebens musste durch ein fröhliches Chaos durchbrochen werden. Der ältere Sohn näherte sich seinem Vaterhaus als das Fest im Gange war, die Musik spielte, die Gäste ankamen und das Essen serviert wurde.

Gemäß seinem Charakter ist er zuerst misstrauisch. Ein „normaler“ Sohn würde sofort das Haus betreten und neugierig am Fest teilnehmen – was immer auch der Anlass des Festes sein würde. Der Rhythmus der Musik machte jedem doch sofort deutlich, dass hier ein freudiger Anlass gefeiert wurde. Der ältere Sohn verlangt zuerst eine Erklärung von einem pai/j pais = Junge/Sklave. Normalerweise übersetzen wir dies Wort als Sklave, doch immer hatte es auch die Bedeutung: Junge, Bursche. Die alten orientalischen Übersetzungen, auch die arabischen Übersetzungen lesen hier: Junge, Bursche. War es einer der Teenager, die sich üblicherweise vor dem Haus in Gruppen sammelten? Im weiteren Verlauf des Gleichnisses wird deutlich, dass der ältere Sohn alle für ihn wesentlichen Fakten von diesem Jungen erfahren hatte.

Der Ältere reflektiert über den Gang der Dinge und entschließt sich, nicht am Fest teilzunehmen. Die Sitte verlangt natürlich seine Teilnahme: er müsste die Gäste mit Komplimenten begrüßen, den Sklaven Aufträge erteilen, die reichliche Versorgung der Gäste mit Wein und Braten sichern und so folgende Aussage des Vaters durch Taten unterstreichen: „Mein ältester Sohn sei euer Knecht!“ Muss er als Bruder sich über die Rückkehr des Jüngeren nicht freuen, die Komplimente und Glückwünsche der Gäste entgegennehmen und seinen Bruder in besonderer Weise öffentlich ehren?   Wenn alle gegangen sind, dann könnte er sich unter vier Augen bei seinem Vater beschweren. Doch der Ältere entschließt sich seinen Vater öffentlich zu demütigen, indem er versucht in Gegenwart der Gäste einen Streit vom Zaun zu brechen.

Die Sitten Palästinas gehen von einer recht hohen Autorität des älteren Vaters über seine erwachsenen Söhne aus. Darum sind die Aktionen des Sohnes so beleidigend für das Familienoberhaupt. Nie würde man vor den Gästen einen Streit ausfechten. Hier wird uns geschildert, wie die Beziehung zwischen dem älteren Sohn und dem Vater zerstört wird. Was für eine Parallele zum Beginn des Gleichnisses! Erinnern wir uns an Esther 1,12? König Ahasveros bestellte seine Gemahlin zum abendlichen Bankett: Aber die Königin Wasti wollte nicht kommen, wie der König durch seine Kämmerer geboten hatte. Da wurde der König sehr zornig, und sein Grimm entbrannte in ihm. Ihre Verweigerung war eine sehr ernste Angelegenheit – sie wurde wenig später entfernt. In der orientalischen Erzählkunst existiert manche Geschichte über einen Sohn, der seinen Vater anlässlich eines Banketts demütigte. Der Hörer nahm die schrecklichen Konsequenzen freudig zur Kenntnis.

Vom Vater erwartet jeder Zuhörer mächtigen Ärger, der sich im Ignorieren es Sohnes oder in drastischer Zurückweisung von dessen Handlungsweise zeigen sollte. Doch zum zweiten Mal an diesem schicksalsreichen Tag kommt der Vater aus seinem Haus, geht die Straße hinab seinem Sohn entgegen. Wieder demonstriert er seine Liebe unerwartet in der Öffentlichkeit. Wieder ist der Vater besorgt um seinen Sohn. Er kommt um den Sohn anzuflehen, nicht um ihn zurechtzuweisen, zu strafen. Was wird die Antwort sein?

In 4 und 4′  nähern wir uns dem Höhepunkt des Gleichnisses. Selten hat sich ein Mensch so sehr mit seinen eigenen Worten angeklagt, wie der ältere Sohn an diesem Punkt des Gleichnisses. Der jüngere Bruder wurde so sehr ins Erstaunen versetzt, als er die öffentliche, unerwartete Demonstration der Vaterliebe erlebte, dass seine ganze innere Haltung zum Vater, zur eigenen Schuld  sofort radikal verändert wurde. Der Ältere hatte durch seine Unverschämtheit eine ernsthafte Bestrafung heraufbeschworen. Doch der Vater verlässt das Haus, die Festgesellschaft und kommt seinem älteren Sohn flehend und bittend entgegen. Welche Auswirkung sollte dieser unerwartete öffentliche Liebesbeweis auf das Verhalten des Älteren haben? Sind nicht ähnliche Gesinnungsänderungen wie beim jüngeren Bruder zu erwarten? Leider geschieht gerade dies nicht.

 

Anstatt eines doppelten Bekenntnisses hören wir eine doppelte Beschwerde.

  • Auffällig ist schon, dass der Sohn die Rede (sie wird vom Erzähler {= Jesus} in direkte Rede gefasst) ohne die notwendige Anrede beginnt.
  • Der ältere Sohn offenbart seine sklavische Haltung gegenüber seinem Vater, indem er seinem Vater sagt: „So viele Jahre diene (douleu,w douleuœ) ich dir.“ Nichts von einer familiären Atmosphäre ist zu spüren. So kann der Ältere auch nicht verstehen, dass das Fest nicht der Gradmesser für die väterliche Wertschätzung ist, sondern für die väterliche Freude. Die Haltung des Älteren ist klar: „Ich habe gedient, wo bleibt die Knete!?!“ Er vermittelt die Atmosphäre einer Lohnverhandlungsrunde zwischen DGB und Arbeitgeberverband.
  • Der Ältere hat gerade seinen Vater ernsthaft gedemütigt und bringt doch die Unverschämtheit auf, zu sagen, dass er nie das Gebot des Vaters übertreten habe. Hier wird die pharisäische Haltung deutlich. Hier zählt sich einer zu den „99“, die der Buße nicht bedürfen, ohne zu merken, dass man im gleichen Moment das Gebot der Liebe bricht.

Der ägyptische Ausleger Sa’id vergleicht an dieser Stelle die beiden Söhne:

Der Unterschied zwischen ihm und seinem jüngeren Bruder war der, dass der Jüngere in der Ferne rebellisch war und sich vom Vater entfremdete, während der Ältere sich vom Vater entfremdete und rebellisch war, während er im Vaterhaus blieb. Die Entfremdung und Rebellion des Jüngeren waren durch das Verlassen des Vaterhauses offensichtlich. Die Entfremdung und Rebellion des Älteren wurden offensichtlich in dessen Ärger und in seiner Weigerung das Haus zu betreten (Sa’id 1970, 403).

  • Der Ältere beschuldigte seinem Vater sehr egozentrisch, er würde den Jüngeren ungerechterweise begünstigen: und du hast mir nie einen Bock gegeben, dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre. Er beschwert sich also: Der da bekommt ein Kalb, ich noch nicht einmal einen Ziegenbock. Sarkasmus ist kein Stilmittel der nahöstlichen Kulturen – Ironie schon – und kann deshalb hier ausgeschlossen werden. Der Vorwurf der ungerechten Begünstigung, die Forderung nach einem Bock bleibt im Raum. Doch für wen wurde das Kalb zubereitet? War es nicht für alle?
  • Der Ältere Sohn erklärt öffentlich, dass er nicht Teil der Familie ist. Sa’id bemerkt hierzu:

Er zeigt  Abscheu gegenüber sein Vaterhaus, durch die Betonung: ‚dass ich mit meinen Freunden fröhlich gewesen wäre‚. Dadurch zeigt er, dass er nicht besser ist als der verschwenderische Sohn, der sein Erbteil nahm und in die Ferne zog. Der Unterschied zwischen ihnen war, dass der verschwenderische Sohn ein ‚ehrenwerter Sünder‘ war, da er sich ganz dem Vater öffnete. Er sagte seinem Vater alles was auf seinem Herz war. Der ältere Bruder aber war der ‚heuchlerische Heilige‘, weil er seine Gefühle im Herzen verbarg. Er blieb im Hause und hasste doch den Vater. Er verleugnet jede Beziehung zum Bruder und damit auch zum Vater. Er sagt: ‚dieser dein Sohn‘ anstatt: ‚mein Bruder‘. …Mit dieser Aussage hat sich der Ältere außerhalb der heiligen Familie gestellt – er hat das Urteil eines Ausgestoßenen über sich gesprochen.

  • Der Ältere lässt durchscheinen, was für ihn Freude ist. Für ihn ist ein gutes Mahl mit seinen Kumpanen ein freudiger Anlass. Die Auferstehung des jüngeren Bruders von den „Toten“ ist kein freudiger Anlass für ihn, darum will er auch nicht am Bankett teilnehmen. Gib ihm einen Bock und lass ihn abseits der Familie „fressen und saufen“ und er wird hoch zufrieden sein. Für den Vater ist das Kalb das Symbol für die bereits vorhandene Freude. Der Sohn braucht „Bock“ um eine andere Art von Freude zu schaffen.
  • Der Ältere greift seinen jüngeren Bruder an. Er wirft dem Jüngeren vor, dieser habe das Leben (bi,oj bios) des Vaters mit Pornos/Prostituierten (po,rnh porn¢ = Huren) durchgebracht. Die Lebensgrundlage, d.h. die Pension des älteren  Vaters verschwendet zu haben, ist schlimm, doch dass dies auch noch im Rotlichtviertel geschah, ist viel schlimmer. In der Entwicklung des Gleichnisses ist dieser Umstand nicht erwähnt worden. Sa’id bemerkt hier: „.. er gibt diese Übertreibung zum Besten um seinen Bruder mit seinen verseuchten Anschuldigungen zu etikettieren.“ Er will seinen Bruder als einen rebellischen Sohn darstellen. Warum? Will er dessen Verhalten im Lichte von 5.M.21,18-21 sehen?

Wenn jemand einen widerspenstigen und ungehorsamen Sohn hat, der der Stimme seines Vaters und seiner Mutter nicht gehorcht und auch, wenn sie ihn züchtigen, ihnen nicht gehorchen will, so sollen ihn Vater und Mutter ergreifen und zu den Ältesten der Stadt führen und zu dem Tor des Ortes und zu den Ältesten der Stadt sagen: Dieser unser Sohn ist widerspenstig und ungehorsam und gehorcht unserer Stimme nicht und ist ein Prasser und Trunkenbold. So sollen ihn steinigen alle Leute seiner Stadt, dass er sterbe, und du sollst so das Böse aus deiner Mitte wegtun, dass ganz Israel aufhorche und sich fürchte.

Die Rede des Älteren ist ein brillanter Kontrast von 4 und 4′. Wir sehen einen Sohn dessen Lebenseinstellungen und Beziehungen traurig pervertiert sind. Als mildernde Umstände konnte er vorbringen, dass er bereit ist Befehle auszuführen.

Wie wird der Vater nach diesen Angriffen, die seine moralische Integrität mehr als in Frage stellten, reagieren? Schon im ersten Teil des Gleichnisses hatten wir bemerkt, dass nach dem Höhepunkt des Gleichnisses eine wesentliche neue Komponente zum Gleichnis hinzukam. Der Hörer erwartet einen explodierenden Vater, doch wieder scheint die Liebe des Vaters durch all seine Worte. Sicher er könnte seinem Sohn befehlen, die Pflichten eines ältesten Sohnes auf dem Bankett zu übernehmen. Der Sohn würde auch gehorchen. Aber was wäre gewonnen? Der Vater will keinen weiteren Sklaven – er will einen Sohn!  Der Vater übersieht die fehlende Anrede, die Bitterkeit, die Arroganz, die Beleidigung, das Durcheinanderbringen der Fakten und die ungerechten Beschuldigungen. Wir vernehmen kein Urteil, keine Kritik, keine Zurückweisung – nur das Ausströmen der Liebe.

Der Vater beginnt seine Rede mit einer gefühlvollen Anrede: „Kind“ (te,knon teknon). Er sagt nicht Sohn (ui`o,j huios), sondern Kind. Ist dies nicht bemerkenswert angesichts der Qualen, die der zurückgewiesene Vater erleiden musste? Im Fall des jüngeren Sohnes führte der öffentliche Liebesbeweis zu einer grundsätzlichen Gesinnungsänderung, zu einem demütigen Schuldbekenntnis – doch hier begegnet ihm nur Arroganz!

Die Rede in 3′ ist die verbale Entsprechung zur Aktion des Vater in 3. Folgende Punkte enthält diese Rede:

  • Die Worte des Vaters sind eine Ermahnung an seinen Sohn doch an dem Fest zum Anlass der Rückkehr seines Bruders teilzunehmen. Das Problem des älteren Sohnes bleibt auf jeden Fall: Wie kann man ein Fest feiern, wenn der verschwenderische Bruder mittellos nach solch einem Familienkrach nach Hause kommt und weder Reparationen zahlte, noch seine Ernsthaftigkeit unter Beweis stellte? Die Gleichnisse in Lk 15 haben alle das Thema Freude als Themenschwerpunkt. Hier fehlt es in dramatischer Weise. Da das Ende fehlt, wissen wir nicht, ob der Vater zum Schluss doch noch seinen 1. Sohn in Freunde „fand.“
  • Der Vater versichert seinem Erstgeborenen, dass alle seine (Erb-)Rechte auch mit der Rückkehr seines Bruders gesichert sind, trotz der väterlichen Gnade gegenüber dem Verschwender.
  • Der Vater macht seinem Sohn einfühlsam deutlich, dass er keinen Sohn in der Sklavengesinnung wünscht. Der Sohn stellt sein Dienen heraus, doch der Vater betont dessen „Allein-Erbe-Sein.“ Was will der Sohn denn noch mehr? Wartet er etwa auch darauf, dass er als Alleinerbe endlich über jeden „Bock“ frei verfügen kann? Wartet er auf den Tod des Vaters? Mit diesen unausgesprochenen, aber doch zwischen den Zeilen stehenden Aussagen nimmt der Verlauf des Gleichnisses eine Kreisform an: Wir sind wieder am Ausgangspunkt!
  • Die Rede des Vaters ist weder eine Verteidigungsrede für das Bankett, noch ein Angriff gegen den Älteren, sondern in erster Linie der Herzensschrei des Vaters, doch endlich die Gnade zu verstehen. Sicher ist die Rede der Vaters keine Entschuldigung für sein Verhalten, dies wäre kulturell sehr unüblich, aber doch verspüren wir den leidenschaftlichen Appell zur Versöhnung mit Vater und Bruder. Ist nicht der ältere Sohn in gleicher Weise wie der jüngere in Vergangenheit tot? Wird er wieder zum „Leben“ kommen?

 

Es ist sicherlich richtig, nicht einfach den Älteren mit den Pharisäern und den Jüngeren mit den Zöllnern gleichzusetzen. Nein, Jesus erläutert seinen Zuhörern zwei Klassen von Menschen. Einer ist ein Gesetzesbrecher ohne Gesetz und der andere ist ein Gesetzesbrecher mit Gesetz. Beide rebellieren. Beide brechen das Herz des Vaters. Beide enden in der Ferne, der eine physisch, der andere geistlich. Beiden wird diese unerwartete Vaterliebe in Demut offenbart. Für beide ist diese Liebe wesentlich, um von Sklaven zu Söhnen zu werden.

 

Der Patriarch Sa’id schreibt zum fehlenden Schluss (Said 1935, 404): … es ist bedauernswert, dass der Vorhang im Schlussdrama an der Stelle fällt, als der ältere Sohn immer noch draußen ist. Konnte ihn der Vater noch überzeugen? Oder blieb er am Ende draußen? Die Pharisäer selbst mussten die Antwort geben:

 

Der Zuhörer damals wie heute findet sich in der Person des älteren Sohnes wieder. Jeder Hörer/Leser muss an dieser Stelle eine persönliche Antwort geben.

 

Das theologische Bündel des Gleichnisses umfasst wenigstens folgende Themen:

  • Sünde Das Gleichnis charakterisiert beide „Sündertypen,“ die mit und die ohne Gesetz
  • Buße Die beiden Arten der Buße werden illustriert, die eine baut auf Werkgerechtigkeit die andere auf Gnade
  • Gnade Das Gleichnis beschreibt Gottes Natur, insbesondere seine freie Gnade. Die Kosten der Gnade werden genannt. Es ist eine liebende Gnade, die sucht und leidet um zu retten
  • Freude Sie wird im Finden des Sohnes und in den Feiern des Dorfes bei der „Wiedereinsetzung“ des Sohnes ausgedrückt
  • Sohnschaft Ein Sohn ist aus „Sklaverei und Tod“ wiederhergestellt. Der zweite Sohn beharrt wohl darauf, ein Sklave bleiben zu wollen.

 

Wirklich, das Gleichnis ist ein „Evangelium in Evangelio

 

Fragen:

  1. Warum blieb der ältere Sohn draußen?

 

  1. Was können wir aus der Rede des Vaters an den älteren Sohn schließen?

 

  1. Zeige auf
  2. a) welche theologischen Aussagen wir
  3. b) an welcher Stelle des Gleichnisses

zur Sünde, Buße, Gnade, Freude und Sohnschaft finden.

 

  1. Wie bringen wir diesen Botschaft zu denen, die nie weg gingen – aber dennoch weit von der Familie Gottes entfernt sind?

 

 

 

8.25 Der ungerechte Verwalter (HUL)

Lk 16,1-18

Meist wird das Gleichnis und die anschließende Rede über dem Umgang mit Geld in engem Zusammenhang gebracht. Doch wir wollen diese beiden Teile bewusst getrennt betrachten.

a) Der ungerechte Verwalter

Lk 16,1-8

 

Die Form, die Adressaten

Das Gleichnis ist in Form einer „parabolischen Ballade“ ausgearbeitet. Die theologischen Bündel geben uns Einsichten in die Natur Gottes, die Krise, die das angebrochene Reich Gottes für Sünder bringt und in die einzige Hoffnung für die Errettung des Menschen.

Nach V.1 und V.14 sprach Jesus auch zu den Jüngern, aber die Pharisäer waren ganz eindeutig mit in den Kreis der Jünger eingeschlossen („Dies alles aber hörten auch die Pharisäer“). Im Text wird dieses Gleichnis nicht ausdrücklich als eine Parabel erwähnt, doch steht es wohl in einer Linie mit dem einleitenden Satz von Lk.15,3.

 

Der reiche Mann/Herr

Alles deutet darauf hin, dass der reiche Mann ein aufrichtiger Mann ist. In dem unmittelbar vorausgehendem Gleichnis von den verlorenen Söhnen, ist der Vater auch klar eine noble Persönlichkeit; die beiden Söhne sind im Gegenteil dazu weniger ehrbar. Im Gleichnis vom „Armen Lazarus“ ist der Reiche, derjenige der getadelt wird, aber Lazarus erweist sich als würdig für das ewige Leben. Schon beim oberflächlichen Durchgehen des Lukasevangeliums erwartet man auch in unserem Gleichnis den gleichen Charaktergegensatz. Weiter wird der Verwalter eindeutig als ungerecht klassifiziert – allerdings wird der „reiche Mann / Herr“ mit keinem Attribut versehen. Wäre dieser genauso ungerecht, wäre er dann nicht auch eindeutig so bezeichnet worden? Außerdem lesen wir, dass der Verwalter entlassen werden sollte, er wurde aber nicht gescholten, bestraft, misshandelt oder gar inhaftiert – was für dessen ehrenwerten Vorgesetzten spricht.

 

Die Machenschaften des Verwalters

Jeder Verwalter erhielt von den Pächtern seines Herrn eine Zuwendung. In der Mischna[211] wird das Entgelt geregelt, das ein Pächter an den legalen Verwalter zu zahlen hat. Vorstellbar sind weitere Zahlungsforderungen, die „unter dem Tisch“ vorgenommen wurden. Dies ist bis heute im Orient nicht anstößig und sogar ehrenhaft. So konnte der Verwalter an Festtagen, am Ende der Erntezeit oder anderen wichtigen sozialen Gelegenheiten kleine Extragaben erwarten. Solange seine Erwartungen nicht ausuferten, würde der Verwalter auch von keinem im Dorf kritisiert werden. Wenn ein Verwalter betrügt, dann sicherlich nicht in der Art, dass er Verträge manipuliert. Viel eher würde er Gewichte, Preise etc. manipulieren.

Zum anderen regelte die Mischna (Baba Bathra X 4.) die Ausstellung der Pachtverträge: „Es dürfen keine Pachtverträge mit ertragsabhängigem oder festem Pachtzins abgeschlossen werden, es sei denn mit dem Wissen von beiden Parteien…“ Die Pachtverträge waren im Übrigen öffentlich und wurden auch intensiv in der Dorfgemeinschaft besprochen. Hätte der Verwalter die Verträge  zu seinen Gunsten verändert, hätten die Pächter immer die Gelegenheit wahrgenommen, sich beim Grundbesitzer zu beschweren, es sei denn, er würde mit ihm unter einer Decke stecken. Wenn der Verwalter tatsächlich die Pächter bis zu dem Ausmaß von 20-50% betrogen hätte, würde er von allen in der Dorfgemeinschaft so gehasst werden, dass er nach seiner Entlassung sofort die Gegend verlasen müsste, um nicht ständig gedemütigt zu werden. Kein ökonomischer Vorteil irgendwelcher Art würde ihm noch die Türen zur Dorfgemeinschaft öffnen.

Der Grundbesitzer wiederum scheint doch soweit in die Dorfgemeinschaft integriert zu sein, dass sich ein Ankläger aus dieser Gemeinschaft fand, der genug Vertrauen auf seine gute Beziehung zum Landbesitzer hatte und es wagte, dessen legalen Vertreter anzuschwärzen. Der wohlhabende, fremde, entfernt lebende und gnadenlose Landbesitzer taucht in den synoptischen Evangelien nicht auf – er war im Nahen Osten das Bild des türkischen Paschas während der vielen Jahrhunderte der Besatzung.

 

Die Funktion des Verwalters

Hier finden wir wieder im Talmud klar definierte Begriffe und Funktionen (Horrowitz 1953, 538-568):

  • Der Verwalter wurde als shaluaµ / shaliaµ Er war der bezahlte legale Vertreter des Grundbesitzers
  • Die Pächter waren µakir£n, die einen festgelegten Pachtzins jährlich in Naturalien zahlen mussten.

Das griechische Wort für Verwalter oivkono,moj oikonomos. Das hebräische Wort das dem griechischen Wort entsprechen würde ist: ‚asher ‚al habbayit, auch hier wäre ein leitender Hausangestellter gemeint. Alle orientalischen Quellen sprechen also von einem angestellten, bezahlten Verwalter.

Die Mischna (Baba Metzia IX.1-10) regelt, wie der Pachtzins vereinbart werden konnte:

  • Der Pächter zahlt in Naturalien einen Anteil der jährlichen Ernte als Pacht
  • Der Pächter zahlt in Naturalien einen festen Betrag jährlich, unabhängig vom Ernteertrag
  • Der Pächter zahlt eine festgesetzte Geldsumme

Wir merken wie die zweite Regelung genau in unser Gleichnis passt. In diesem Fall schuldete der Pächter das ganze Jahr über dem Grundbesitzer seinen Pachtzins – doch am Ende der Ernte wurde er dann fällig. Darum wurde in unserem Gleichnis auch nicht sofort der Pachtzins angeschleppt und bezahlt, sondern er war dann ja erst am Ende der Ernte fällig.

Zum Schluss soll noch festgestellt werden, dass Jesus dies Gleichnis in einer ländlichen Umgebung erzählte. Es war vor diesem Hintergrund unnötig den reichen Mann/Herrn und dessen Schuldner näher zu definieren.

 

Die Struktur des Gleichnisses

Lukas 16,1-8 ist eine sorgfältig strukturierte parabolische Ballade LÜ:

 

A         Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der

hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er

verschleudere ihm seinen Besitz.Reicher Mann – Verwalter,

Verwalter ist ein Verschwender

B1       Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da

von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn

du kannst hinfort nicht Verwalter sein.Was tun? gefeuert als Verwalter, ohne Amt            B2       Der Verwalter sprach bei sich selbst: Was soll ich tun?

Mein Herrn nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht,

auch schäme ich mich zu bettelnWas tun? gefeuert als Verwalter, ohne Amt                        C         Ich weiß, was ich tun will, wenn ich von dem Amt

abgesetzt werde, damit sie mich in ihre Häuser

                                    aufnehmen.

Tu dies! gefeuert als Verwalter, Aufnahme in die GEMEIN-SCHAFT            B1′       Und er rief zu sich die Schuldiger seines Herrn, einen

jeden für sich, und fragte den ersten: Wie viel bist du

meinem Herrn schuldig? Er sprach: Hundert Eimer Öl.

Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz

dich hin und schreib flugs fünfzigTu etwas, handle wie  ein Verwalter,

(ändere die Pachtverträge)gewinne Ansehen            B2′       Danach fragte er den zweiten: Du aber, wie viel bist du

schuldig? Er sprach: Hundert Sack Weizen. Und er sprach

zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.Tu etwas! handle wie  ein Verwalter, gewinne AnsehenA‘        Und der Herr lobte den ungetreuen Verwalter, weil er klug

gehandelt hatte; denn die Kinder dieser Welt sind unter ihres-

gleichen klüger als die Kinder des Lichts.Reicher Mann – Verwalter, der Verwalter ein „weiser“ Verschwender

 

Wir beobachten sieben Strophen, mit jeweils drei Zeilen, wobei die Strophe B‘ eine zusätzliche Zeile zur Erklärung aufweist. Wir können die einzelnen Strophen auch wie folgt zusammenfassen:

Reicher Mann – Verwalter

Problem

Problem

Idee

Lösung

Lösung

Reicher Mann – Verwalter

 

Der neue Plan und die erhoffte Aufnahme in die Dorfgemeinschaft bilden den Wendepunkt des Gleichnisses, während die Probleme und die Lösungen neben dem Verhältnissen Reicher Mann – Verwalter den Rahmen bilden.

Hinweise

Zu B1: Der Verwalter wird zur Verantwortung gerufen mit den Worten (wörtlich). Was dies ich höre über dich? Dies ist eine typisch semitische Ausdrucksweise, durch das Fehlen des Hilfsverbs „ist“, wird die kurze kraftvolle Ausdrucksweise des Reichen Mannes deutlich. Diese Ausdrucksweise impliziert: Mein lieber Bursche, ich höre schon eine ganze Weile und jetzt immer noch von deinen Machenschaften!  Der Verwalter weiß natürlich jetzt nicht, über was der Vorgesetzte schon alles informiert wurde, so sagt er besser nichts über seine Verschwendungen. Er schweigt, wohl auch um nicht die Lage durch die Preisgabe weiterer Informationen zu verschlimmern.

An dieser Stelle ergeben sich zwei Fragen:

  1. Ist der Verschwender auf der Stelle gefeuert worden?
  2. Was geschieht nach der Kündigung?

 

Ist der Verschwender auf der Stelle gefeuert worden?

Als der Verwalter mit den Pächtern verhandelt, tut er ja so, als sein er noch im Amt. In V.3 spricht der Verwalter zu sich selber EÜ: „…mein Herr nimmt mir die Verwaltung….“ Weiter äußert sich der Verwalter in V.4 EÜ: „….wenn ich der Verwaltung enthoben bin…“

Auf der anderen Seite lesen wir in V.28 (eigene Übers.): „…du kannst nicht mehr Verwalter sein …“. Wir wollen hier bei der normalen Gegenwartsform bleiben.[212] Die bis heute übliche Praxis – nicht nur im Orient – ist natürlich, dass der Verwalter auf der Stelle gefeuert wird, weil sonst genau das geschieht, was in unserem Gleichnis geschildert wird. Er hat nur noch die Buchführung[213] zu übergeben und zu gehen, weil ein geschickter Buchhalter so manche Verschwendung in seinen Büchern geschickt tarnen kann. Die aramäischen Versionen unterstreichen diese Aussagen, in dem sie an dieser Stelle übersetzen: „…du wirst nie mehr  Verwalter sein können…

In unserem Fall, war es wohl so, dass der Verwalter auf der Stelle gefeuert wurde, doch hatte er bis zur Übergabe der Buchführung noch eine kurze Zeitspanne zur Verfügung. Von dieser wohl sehr kurzen Zeitspanne, in der die Entlassung des Verwalters noch nicht öffentlich bekannt war, handelt unser Gleichnis.

 

Was geschieht nach der Kündigung?

Nach der Aufforderung die Rechungsbücher zu übergeben, würde jeder Orientale ein lautes und beständiges Geschrei des Verwalters erwarten, der auch entgegen sein schlechten Gewissens, versuchen würde, auf seine Unschuld hinzuweisen. Normal wäre an dieser Stelle, dass der Verwalter allen Umständen, Personen und sogar dem Grundbesitzer selber die Schuld zuweisen würde. Doch zum Erstaunen aller Zuhörer ist der Verwalter wieder still. Dieses Schweigen nach solch einem drastischen Gesichtsverlust muss zumindest folgendes bedeuten:

Ich bin schuldig.

Der Herr kennt die Wahrheit, er weiß von meiner Schuld.

Der Herr erwartet Gehorsam, Ungehorsam zieht nur weiteres Urteil nach sich.

Ich kann meinen Job nie mehr zurückgewinnen, soviel Entschuldigungen ich auch bringen  würde.

Dies ist die kürzeste Form für einen Orientalen seine Schuld zu gestehen. So konzentriert sich der Verwalter nicht auf die Vergangenheit, sondern nur noch auf seine ungewisse Zukunft.

Etwas fällt in diesem Zusammenhang noch auf. Die Regeln der Mischna stellen klar, dass der Verwalter für alle Verluste seines Herrn haftbar gemacht werden kann. Ein Prozess und eine sofortige Untersuchungshaft wäre normal gewesen. Der Verwalter wird nicht gescholten, geschlagen – noch nicht einmal gedemütigt. Der Grundbesitzer erwartet eindeutig Gehorsam, dennoch ist er ungewöhnlich barmherzig und großzügig zu dem überführten Schuft!!

 

Zu B2: In seiner tiefsten persönlichen Krise sucht der Verwalter nun nach einer Lösung. Interessanterweise erwägt er das Graben. Klar, dass ein gebildeter Mensch mit einem guten Status, dies nicht EÜ: „kann“. Das griech. Wort weist eindeutig auf seine körperliche Schwäche als Hinderungsgrund hin. Für unseren Verwalter spricht, dass er das Betteln auch ablehnt, obwohl dies in der Gesellschaft eine, wenn auch verachtete, Einkommensquelle war. Das wirkliche Problem des Verwalters ist nicht die nächste Mahlzeit. Was er braucht ist eine Zukunft im Dorf – einen neuen Job! Er kann nie und nimmer ein Dauergast egal in welchem Dorf sein.(lies Jesu Sirach 29,28-35) Wer würde einen Verwalter einstellen, der wegen Verschwendung gefeuert wurde? Wie könnte er die Dorfgemeinschaft zu einem Gesinnungswandel bringen?

 

Zu C: Hier wird der Plan angekündigt, der sich dann vor dem Hörer/Leser entfaltet. Der Verwalter beschließt alles in Bezug auf die Barmherzigkeit seines Meisters zu riskieren. Klar, wenn das nicht gelingt landet er im Knast – doch wenn sein Plan gelingt, wird er der Held des ganzen Dorfes sein. Hinter dem dramatischen „ich weiß“, steckt der letzte Plan seines verzweifelten Hirnes. Wie oben angedeutet, liegt der Schlüssel für das Handeln des Verwalters, in dem Umstand, dass noch kein Pächter von seiner Entlassung weis. Er hat bis zur endgültigen Übergabe der Buchführung eine sehr kurze Zeitspanne zur Verfügung – die will er absolut nutzen.

Er lässt die Pächter rufen; die kommen zu ihrem „Verwalter“, wohl in der Annahme der Grundbesitzer habe ihnen durch seine Person etwas Außerordentliches mitzuteilen. Im Übrigen: die Höhe des Pachtzinses lässt vermuten, dass diese Pächter relativ wohlhabende Pächter waren. Es war keine Erntezeit – bei niemand war eine Rechnung fällig-, also musste der Landbesitzer schon was besonderes auf seinem „Herzen“ haben. Genau diesen Schein wollte der Verwalter erwecken.

 

Zu B1′: Der Verwalter ruft jeden der Pächter einzeln zu sich, so dass die sich nicht zu viel untereinander bereden und dann womöglich noch Fragen stellen. Der Verwalter ist in verzweifelter Eile, grüßt die Pächter nicht vernünftig, stellt seine Frage und sagt dem Ersten dann ausdrücklich: „Setz dich schnell und schreibe…“ Die Eile wird aus jedem Wort deutlich. Der Verwalter muss handeln so lange der Grundbesitzer noch nichts bemerkt hat, aber auch die Pächter würden nie mitmachen, wenn sie wüssten, dass sie nur einen „Ex“ vor sich haben. Das Risiko des Verwalters war, dass irgendein anderer niedrigerer Knecht den Raum betreten und laut bekannt geben würde, dass der Verwalter gefeuert wurde. Nie würden sich die Pächter, deren Lebensunterhalt von dem Verhältnis zum Grundbesitzer abhängig ist, auf eine Intrige mit einem machtlosen „Ex“ einlassen und so ihr Verhältnis zum „Boss“ verspielen. An keiner Stelle haben wir im Gleichnis einen Hinweis, dass die Pächter Schurken sind. Sie sind aufrichtige Dorfbewohner, die auf Treu und Glauben gehandelt haben. Für sie sind die plötzlichen Vertragsänderungen legal, solange es für sie noch keinen „Ex-Verwalter“ gibt. Sagt nicht auch der Verwalter EÜ:Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?“

Die Pächter haben den Eindruck, der Verwalter habe ihren Grundbesitzer zu dieser Pachtzinsreduzierung überredet, so dass sie sofort freudig einwilligen, als dieser sie auffordert mit ihrer Handschrift die Pachtverträge zu ändern. Immerhin betragen die Reduzierungen bis zu 50%, die plötzlich aus „dem Blauen heraus“ auf sie zu kommen.

Sie wissen ganz genau, dies haben sie ihrem Verwalter zu verdanken, der hat dies schließlich dem „alten Herrn“ aufgeschwatzt. Er ist doch einer, der mit ihnen erlebte, dass der Regen schlecht, die Sonne heiß und die Schädlinge wieder aktiv waren. Plötzlich gerät der Verwalter in die Position eines Vorarbeiters, der beim „Alten“ einen Extra „Weihnachtsbonus“ herausholt. Klar der Bonus kommt vom „Alten“, doch das Lob bekommt der Verwalter, weil er so ein schlauer Kerl ist.

 

Die Problemlösung

Nach diesem kulturellen Vorspann, finden alle weiteren Aktionen schnell ihre Berechtigung. Der Verwalter holt die Verträge aus seiner „Schublade / Schrank / Ordner / Datei / Archiv“ prüft den Pachtzins, lässt sich diesen vom Pächter bestätigen und verkündet dann die Pachtzinsreduzierung, die in jedem Fall den damaligen Wert von 500 Denare ausmacht (diese gleichen Beträge weisen auch auf die Hast des Verwalters hin). Es war einfach leichter kurzerhand in jedem Vertrag die gleiche Pachtzinssenkung zugewähren, als lange über die Gerechtigkeit einer prozentualen Kürzung zu verhandeln. Übrigens muss in beiden Fällen nur jeweils ein Buchstabe, sie haben immer auch einen Zahlenwert, geändert werden: ein Qôf (=100) in ein Nun (=50) und ein Qôf in ein Pe (=80).

B1 und B2 präsentieren uns das Problem des Verwalters, dessen Lösung in B1′ und B2′ entwickelt wird. Wir erwarten an dieser Stelle, dass sich A und A‘ spiegelbildlich zueinander verhalten. Der Verwalter beendet seinen gewagten Plan, indem er die frisch veränderten Pachtverträge zusammenrafft und seinem Vorgesetzten übergibt. Der Grundbesitzer schaut sich die Unterlagen an und reflektiert über seine möglichen Reaktionen. In aller Deutlichkeit sieht er die Reaktion der Pächter, ja des ganzen Dorfes, vor sich. Überall geraten einzelne Pächter und deren Familien aus dem Häuschen über solch einen noch nie gehörten Anfall von Großzügigkeit eines Gutsbesitzers. Überall würde er als nobler (arabisch = nab£l) Ehrenbürger gefeiert werden. Dem Grundbesitzer stehen jetzt eigentlich nur noch zwei Möglichkeiten offen:

Er geht zu seinen Pächtern und erklärt ihnen allen, dass dies nur ein Missverständnis sei, der Verwalter schon aus seinem Amt entlassen gewesen wäre und darum die Pachtzinsreduzierungen durch ihn, eine illegale Aktion sei. Auf diese doch sehr kalte Dusche würden die Dorfbewohner natürlich sehr verärgert reagieren. So manches hässliche Wort, ob seines unermesslichen Geizes, würde hinter ihm hergerufen werden. – Oder er bleibt ruhig und nimmt das freudige Lob seiner Pächter entgegen und erlaubt damit seinem gewieften Verwalter auf einer Popularitätswelle durch das Dorf zu reiten.

Der Grundbesitzer in unserem Gleichnis ist ein freigiebiger, hochherziger, orientalischer Edelmann. Er hatte seinen Verwalter nach der Aufdeckung der Verschwendung weder misshandelt, geschmäht noch sofort inhaftiert. Nach seiner kurzen Reflektion wendet er sich an seinen Verwalter und lobt dessen kluges Handeln (froni,mwj phronimœs verständig, klug, einsichtsvoll). Auf eine sehr indirekte Weise bezieht sich das Lob des klugen Verwalters auf die Qualitäten seines Herrn. Der Verwalter wusste um die Barmherzigkeit und Großherzigkeit seines Vorgesetzten. Er setzte darum sein ganzes weiteres Schicksal auf diese eine Karte, also auf diese Charaktereigenschaften seines Herrn. Er gewann!! Weil der Grundbesitzer wirklich großherzig war, zahlte er den vollen Preis für die Rettung seines Exverwalters.

 

Schlussbemerkungen

Wir gehen davon aus, dass der „Herr“ von V. 8a der Grundbesitzer ist, damit ist dieser Vers der Schlusspunkt des Gleichnisses. Der Beginn von Vers 9a: „Und ich sage euch“ verstehen wir als eine Erweiterung durch Jesus zu der Aussage des Grundbesitzers. Viele Kommentatoren haben hier die große Schwierigkeit: wie kann ein Grundherr, der seinen Verwalter in V.2 fristlos entlässt, diesen dann in V.8 loben? Nach der bisherigen Entwicklung unserer Exegese, würde gerade dieser Widerspruch zum Kern des Gleichnisses gehören.

Eine Reihe von Gleichnissen Jesu haben bei genauerer Betrachtung diesen unangenehmen Beigeschmack: der hartherzige Richter, der Nachbar der in der Nacht nicht gestört werden will und dann noch dieser Gauner, der ein Feld kauft, um den Schatz seines Nachbarn einzusacken. In drei von diesen vier Fällen benutzt Jesus das rabbinische Prinzip: „vom Leichteren zum Schwereren“, was im Allgemeinen bedeutet: „wie viel mehr“. Wenn die Witwe vom ungerechten Richter bekam, was sie wollte, wie viel mehr wirst du etwas durch Gebet von Gott erhalten (18,1-9)! Wenn der Nachbar mitten in der Nacht sein Brot erhielt (11,5-7), wie viel mehr Du von Gott? Wenn der unehrliche Verwalter sein Lebensproblem durch die Barmherzigkeit seines Meisters löste, wie viel mehr wird Gott helfen, wenn du in einer Lebenskrise seiner Barmherzigkeit vertraust.

Jetzt wollen wir noch die Worte klug und loben von V.8 betrachten. Klug wird in den alten orientalischen Versionen mit µokmah = Weisheit übersetzt. In Spr.30,24-28 wird die „Weisheit“ der Ameisen, Klippdachse und Eidechsen gerühmt. Ihre Weisheit bezieht sich ja gerade auf ihr ausgeklügeltes Selbsterhaltungssystem. Diese Art von „Weisheit“ passt doch genau auf den unehrlichen Haushalter. Hat Jesus hier das aramäische Wort µokmah benutzt, dass dann später von Lukas (?) nicht mit sofi,a sophia = Weisheit übersetzt wurde, sondern mit Klugheit?

Was meinte der Herr in V.8 mit loben? Das griechische Wort evpaine,w epaineœ wird in den altsyrischen Versionen mit shabaµ (loben, preisen) übersetzt. Das altsyrische Wort hat allerdings noch die zusätzliche Bedeutung: in gutem Ruf bleiben, Anerkennung erhalten von. Gerade die letzte Bedeutungsvariante weist uns auf die Situation des unehrlichen Verwalters hin. Das griechische Wort an dieser Stelle wird im Neuen Testament oft in endzeitlichen Zusammenhängen benutzt. Das Loben bezieht sich auf das letzte Gericht. Das Lob wird der Gerechtgesprochene vom himmlischen Vater hören (1.Kor.4,5)

 

Das theologische Bündel des Gleichnisses:

Gott (der Meister) ist ein Gott des Gerichtes und der Barmherzigkeit. Wegen des Bösen, ist der Mensch (Verwalter) angesichts des kommenden Gottesreiches in eine tiefe Krise geraten. Entschuldigungen werden dem Menschen nichts nützen. Die einzige Möglichkeit besteht für den Menschen darin, alles auf die unwandelbare Barmherzigkeit Gottes zu setzen. Der Mensch darf sicher sein, Gott wird den Preis für diese Barmherzigkeit zahlen. Dieser Art von Weisheit bedarf ein Jünger von Jesus. Durch die Einteilung in „Kinder der Welt“ und „Kinder des Lichts“ wird eindeutig klar gestellt, dass nicht die Unehrlichkeit gelobt wird.

 

Fragen:

  1. Wer ist mit Wort „Herr“ in V.8a gemeint?

 

  1. Welche Aussage macht Jesus in diesem Gleichnis über den „Reichen Herrn“ und damit über Gott?
  2. Wie beurteilst du die Problemlösung des Verwalters

 

  1. Nenne ähnliche Aussagen, die sowohl im Gleichnis von den Verlorenen Söhnen als auch im Gleichnis vom Unehrlichen Verwalter zu finden sind.

b) Der Umgang mit Geld

Lk 16,9-13

 

Nach beiden Texten in Lk 16,1-13 und Lk 11,5-13 folgt eine Lehreinheit, die im engen Zusammenhang steht und doch einen ganz anderen literarischen Stil aufweist. Beide Teile sind verbunden mit der für Lukas typischen Phrase EÜ: „Und ich sage euch.“

 

Literaturstruktur des Gedichtes

Lk 19,9-13:

  1. Mammon und Gott

Und ich sage euch:

A         Macht euch

B         Freunde

C         mit dem ungerechten Mammon,

C‘         damit, wenn er zu Ende geht,

B‘         sie aufnehmen

A‘        euch in die ewigen Zelte.

 

  1. Mammon und Wahrheit

 

D         Wer im Geringsten treu ist,

der ist auch in vielem treu;

E         und wer im Geringsten ungerecht ist,

der ist auch in vielem ungerecht.

F          Wenn nun ihr mit dem ungerechten Mammon

nicht treu seid,

F‘         wer wird euch das Wahrhaftige

anvertrauen?

E‘         Und wenn ihr mit dem fremden Gut

nicht treu seid,

D‘        wer wird geben euch das Eurige?

 

III. Mammon und Gott

 

G         Kein Haussklave kann zwei Herren dienen;

H         entweder er wird den einen hassen

I           und den andern lieben,

I‘          oder er wird an dem einen anhangen

H‘        und den andern verachten.

G‘        Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

 

Dieses Gedicht bildet eine kraftvolle und feine gedankliche Einheit, wobei es trotz der Schlichtheit im Ausdruck, auf einer komplexen poetischen Struktur ruht.

 

Mammon und Gott

Der inverse (nach innen gekehrte) Parallelismus ist offensichtlich.

 

Ihr

sie (die Freunde)

Mammon

Mammon (er)

sie

ihr

 

In A und A‘ geht es um die 2. Person Plural: Ihr. Auch könnte man das machen mit den ewigen Zelten in Verbindung bringen. Bis heute denkt doch jeder Durchschnittsmensch, dass der Besitz, der Mammon, zum Bau und zur Ausschmückung der irdischen Zelte, der persönlichen Absicherung nötig ist. In dem Jesus A und A‘ gegenübersetzt, bekräftigt er seine Aussage, dass gerade dies ein Trugschluss ist. B‘ könnte auf die Engel hinweisen, die die Gläubigen im Jenseits empfangen, dann könnte man auch B die Freunde mit ihnen gleichsetzen.

 

Mammon und die Wahrheit

Die Verse 10-12 bilden die zweite Strophe. Hier finden wir sechs Gedankeneinheiten, wie auch in der dritten Strophe. Im Gegensatz zu I. besteht jeder Gedanke aus einer Doppelzeile. Im Zentrum F‘ finden wir das Wort: das Wahrhaftige. Im Aramäischen lauten sie: treu sein, das Wahrhaftige, anvertrauen  immer die gleiche semitische Wurzel.

 

Mammon und Gott

Der inverse Parallelismus in diesen sechs Zeilen ist deutlich: Zwei Herren, Hass, Liebe – Liebe, Hass, Zwei Herren.

 

Wir merken I. und III. entsprechen einander recht deutlich. Es geht in diesem Gedicht um Gott, dem Mammon und die Wahrhaftigkeit. Den Rahmen bilden die Strophen I. und III. mit ihrer Aussage, dass man mit dem Mammon Schätze im Himmel sammeln darf und man nie beidem dienen kann: Gott und dem Mammon. Der Höhepunkt in der Mitte warnt den Hörer, dass ihm die Wahrheit nicht anvertraut wird, ehe er sich nicht als vertrauenswürdig im Umgang mit dem Mammon erwiesen hat. Der Dichter fragt seine Zuhörer, ob irgendeinem unehrlichen Menschen die Wahrheit Gottes anvertraut werden kann.

 

Über die Ursprünge des Gedichtes

Was können wir über die Ursprünge dieses Gedichtes sagen? Folgende Aussagen können wir wohl mit einiger Gewissheit machen:

  • Das Gedicht ist eine Einheit und muss in seiner gegenwärtigen Form durch eine Person mit bemerkenswerten Fähigkeiten geschaffen worden sein.
  • Der hier benutzte inverse Parallelismus war bei den schreibenden Propheten weit verbreitet.
  • Das aramäische Wortspiel im Zentrum weist auf die früheste Ebene der Überlieferung hin.
  • Da es ein Gedicht ist, ist die korrekte mündliche Überlieferung wahrscheinlich. Die Prophetensprüche des Amos werden auf dieser Grundlage auch von der historisch-kritischen Wissenschaft als korrekt überliefert akzeptiert.
  • Der V. 9 ist so überraschend anders, dass niemand ihn Jesus fälschlicherweise angehängt hätte.
  • Lukas schreibt unser Material direkt Jesus zu – es bleibt wohl keine andere realistische Alternative!

Das Gedicht steht dem Gleichnis vom Armen Lazarus und dem reichen Man sehr nahe (V.19ff). Vielleicht bildet es sogar die Einleitung zu diesem Gleichnis

 

Fragen:

  1. Welchen besonderen Reiz hat Geld (viel Geld)? Was verspricht Geld angeblich?

 

  1. Was erwartet Gott von uns hinsichtlich unseres Umgangs mit Geld?

 

  1. Wie können das Geld und unser Glaube an Gott den richtigen Platz bekommen?

 

  1. Wie können wir dem „Geld“ den „Reichtum“ für uns und unsere Kinder die Maske herunterreißen? Welche Konsequenzen hat das?

8.26 Der reiche Mann und arme Lazarus

Lk 16,19-31

 

Lazarus ist die einzige Gestalt eines Gleichnisses, die einen Namen erhält; der Name (Gott hilft) hat also besondere Bedeutung. Lazarus ist ein Gelähmter, von einer Hautkrankheit heimgesuchter Bettler, der auf der Straße vor dem Eingangstor zum Palast des Reichen seinen Bettelplatz hat, von dem aus er die Vorübergehenden um eine Gabe anruft. Für das Vergeltungsdenken des Judentums ist er durch sein Geschick als von Gott gestrafter Sünder gekennzeichnet.

 

Es kann also übersetzt werden, das was von denen, die an der Tafel des Reichen saßen, auf den Boden geworfen wurde. Gemeint sind damit nicht die zu Boden fallenden Krümel, sonder Stücke der Brotfladen, die man zu Löffel formte und damit das Essen zum Mund führte. Nach dem Eintreten der Sättigung, aber angesichts weiterer Köstlichkeiten warfen sie die dekadenten Gäste unter den Tisch den Hunden zu.

 

Weil Jesus nicht einen frommen Schriftgelehrten beschreibt, ist das Folgende für seine Zuhörer unerwartet… Ehrenplatz beim Hausvater Abraham. Dieser Ehrenplatz ist das höchste Ziel der Hoffnung der Zeitgenossen von Jesus. Lazarus steht an der Spitze aller Gerechten. Er erlebt eine Umkehrung der Verhältnisse. Er erfährt das Gott der Gott der Ärmsten und Verlassenen ist (Jeremias 1998, 183).

 

Die Abrahamskindschaft wird anerkannt, nicht aber ihr Heilswert.

 

Die Kluft bringt die Unwiderruflichkeit der Entscheidung Gottes zum Ausdruck.

 

  1. 26 zeigt das Jesus keine Purgatoriumslehre kennt.

 

Selbst eine leibliche Auferstehung als der Gipfel der Bezeugung der Macht Gottes, bliebe ohne Eindruck auf Menschen, die nicht auf Mose und die Propheten hören – dh. ihnen gehorchen.

Dieses Gleichnis hat zwei Höhepunkte: die Umkehrung der Verhältnisse und die Abweisung der Bitten des Reichen. Jesus will nicht zum Problem Arm-Reich Stellung beziehen, auch keine Belehrung über das Leben nach dem Tod geben, sondern er erzählt das Gleichnis, um Menschen, die dem Reichen und seinen Brüdern gleichen, vor dem drohenden Verhängnis zu warnen. Der arme Lazarus ist eine Nebengestalt – die Kontrastfigur. Es geht eigentlich um die fünf Brüder des verstorbenen Reichen. Wir können darum das Gleichnis auch Von den sechs Brüdern nennen (Jeremias 1998, 185).

Begriffserklärung:

Hadesch, gr. `αδης` – Gehenna (hebr. Scheol) Ort oder Zustand ohne Rückkehr, oder Veränderung zum Besseren.

χάσμα μέγ – große Kluft, die unüberbrückbar ist.

τόπον τοῦτον τῆς βασάνου – ein Ort (Zustand) der Qual

 

  • Und wie den Menschen bestimmt ist, „einmal“ zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus „einmal“ geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil“ (Hebr 9,27-28).

 

Fragen:

  1. Nenne die verschiedenen Kontraste in diesem Gleichnis?

 

  1. Kommen nach diesem Gleichnis die Reichen in die Hölle und die Armen in den Himmel?

 

  1. Wo landen beide Männer nach ihrem Tod? Was wird durch die Begriffe Hölle, Abrahams Schoß angedeutet?

 

  1. Warum gibt Jesus dem armen Mann einen Namen, dem Reichen jedoch nicht?

 

  1. Haben die Rückkehrer aus dem leiblichen Tod für die Lebenden ein legitimes Zeugnis-Mandat (Jüngling von Nain, die 12 jährige Tochter des Jairus, Lazarus, Tabita-Rehe, Auf wen oder was ist zu hören, um gerettet zu werden?

 

  1. Was war die Botschaft Jesu in den 40 Tagen nach seiner Auferstehung?

 

 

27.  Die Ungeduld und Unglaube der Brüder von Jesus

Joh 7,1-10

 

  • 1 Danach zog Jesus umher in Galiläa; denn er wollte nicht in Judäa umherziehen, weil ihm die Juden nach dem Leben trachtete. 2 Es war aber nahe das Laubhüttenfest der Juden. (3Mo 23,34) 3 Da sprachen seine Brüder zu ihm: Mach dich auf von hier und geh nach Judäa, damit auch deine Jünger die Werke sehen, die du tust. (Mt 12,46; Joh 2,12; Apg 1,14) 4 Niemand tut etwas im Verborgenen und will doch öffentlich etwas gelten. Willst du das, so offenbare dich vor der Welt. 5 Denn auch seine Brüder glaubten nicht an ihn.

6 Da spricht Jesus zu ihnen: Meine Zeit ist noch nicht da, eure Zeit ist allewege. (Joh 2,4) 7 Die Welt kann euch nicht hassen. Mich aber hasst sie, denn ich bezeuge von ihr, dass ihre Werke böse sind. (Joh 15,18) 8 Geht ihr hinauf zum Fest! Ich will nicht hinaufgehen zu diesem Fest, denn meine Zeit ist noch nicht erfüllt.

9 Das sagte er und blieb in Galiläa“ (Joh 7,1-10).

 

Kapernaum hat Jesus  ja endgültig verlassen und befand sich, wie der Text aus Johannes 7,1ff nahelegt in Nazaret oder dessen Umgebung. Ganz überraschend treten seine Brüder (Halbbrüder) an dieser Stelle auf. Vielleicht war Jesus zu dieser Zeit in Nazaret oder zumindest in dessen Nähe. Die Argumentation der Brüder von Jesus zeigt, dass er wohl längere Zeit nicht mehr in Judäa bzw. Jerusalem war. Bis dahin hat sich Jesus mehr oder weniger verborgen gehalten in Galiläa und Umgebung (Joh 7,4). Die Zurückhaltung von Jesus zusammen mit der Pilgergruppe zum Laubhüttenfest zu gehen, macht deutlich, dass er sich nicht von Menschen bestimmen lassen wollte, sondern auf den Befehl von seinem Vater wartete. Er begründet sein Verhalten mit den Worten: „Meine Zeit (καιρος-kairos[214]) ist noch nicht da, eure Zeit ist allewege“ (Joh 7,6. 8).

So blieb er in Galiläa bis die allgemeine Reisegesellschaft schon unterwegs war.

 

 

Fragen:

  1. An welche Ereignisse in der Geschichte Israels erinnert das sogenannte Laubhüttenfest?
  2. Beschreibe die familiäre und auch geistliche Situation der Brüder von Jesus zu diesem Zeitpunkt?

 

  1. Was meint Jesus mit der Aussage: „Meine Zeit ist noch nicht da, eure Zeit aber ist allewege?

 

  1. Müssen wir nicht auch in unseren Familien und Verwandschaften feststellen, dass nicht alle zur gleichen Zeit einheitliche Erkenntnisse haben und die einen entsprechend früher, andere später oder gar nicht zum Glauben an Jesus kommen?

 

8.28 Auf dem Weg durch Samaria

(Lk 9,51-56)

 

a. Wisst ihr nicht wessen Geistes Kinder ihr seid?

Auf dem Weg von Galiläa nach Jerusalem wählt Jesus die Route über Samaria. Diese Region hatte ihren Namen nach der Hauptstadt des ehemaligen Nordreiches welches 722 v. Chr. unterging. Herodes der Große und dann Archelaus regierten diese Region. Nach der Verbannung von Archelaus wurde Samaria Teil der römischen Provinz Syria. Dieser Weg ist im Vergleich zu der Pilgerroute entlang des Jordantals wesentlich kürzer. Jesus kann durch Samaria relativ unbeobachtet vom allgemeinen Pilgerstrom schnell nach Jerusalem reisen. Die zeitliche Parallele zu diesem Jerusalembesuch finden wir in Johannes 7,2-10. Der zeitliche Rahmen dieser Jerusalemreise durch Samaria wäre etwa Mitte bis Ende September 32.n.Chr.

 

Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er hinweggenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern. Und er sandte Boten vor sich her; die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, ihm Herberge zu bereiten. Und sie nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusalem zu wandern. Als aber das seine Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre. (2Kön 1,10)  Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht. Und sie gingen in ein andres Dorf (Lk 9,51-56).

 

Jesus sendet Boten (a;ggeloj angelos) vor sich her, um eine Übernachtung in einem Dorf Samarias vorzubereiten, doch die Dorfbewohner lehnen ab. Man kann vermuten, dass sie nichts dagegen hätten, wenn Jesus bei ihnen bleiben würde, doch die geplante Weiterreise nach Jerusalem ist für sie ein Ärgernis (Lk 9,53). Bei der ablehnenden Haltung der Samariter muss der Kontext der Beziehung von Juden und Samaritern berücksichtigt werden (Joh 4,9). Weniger nachvollziehbar ist die menschenverachtende Reaktion der Zebedäussöhne Jakobus und Johannes – wäre nicht mehr von der barmherzigen Art ihres Meisters zu erwarten gewesen? Feuer vom Himmel als Vergeltungsschlag zu erbitten, so wie Elia es tat, ist unsere menschlich zornige Art. Bis heute ist diese Reaktion eher die Regel als die Ausnahme. Wir haben solche Sätze im Ohr: „Dies lasse ich mir nicht bieten!“ Oft bleibt es nicht bei Worten und Ablehnung. Ausgrenzung wird zu oft mit Gewalt beantwortet.

Jesus hat da mehr Verständnis für die Samariter, da ihn doch so oft seine eigenen Landsleute abgelehnt und ausgegrenzt haben (zum Beispiel die Nararener Lk 4,16ff). Hier erteilt Jesus Vergeltung, Rache und menschlichem Zorn (Lk 4,28-29) eine klare Absage. Jesus begegnet seinen zwei Jüngern sehr streng und konsequent und weist sie scharf zurecht. Der griechische Begriff evpitima,w epitimaœ kann auch mit „er bedrohte[215] sie“ übersetzt werden.

Wer Jesus nicht aufnimmt, beraubt sich des Segens, den er vielleicht nie wieder erfahren kann. „Und sie gingen in ein anderes Dorf“, – man kann mit Sicherheit davon ausgehen, dass sie dort aufgenommen wurden.

 

Fragen:

  1. In welche Zeit fällt dieser Jerusalembesuch?

 

  1. Warum entscheidet sich Jesus durch Samarien zu reisen, anstatt die von den Juden vorgezogene Jordanroute zu benutzen?

 

  1. Jesus bittet um gastliche Aufnahme in einem Dorf der Samariter, warum zieht er es nicht vor im Freien zu Übernachten, es ist ja erst Spätsommer und warm?

 

  1. Warum reagieren die Samariter so ablehnend? Was ist ihnen dabei entgangen?

 

  1. Bewerte den geistlichen Stand von Johannes und Jakobus nach drei Jahren in der Jesusnachfolge?

 

  1. Wie lange folge ich Jesus nach – habe ich die Lektion in Bezug auf Jähzorn, Rachsucht schon gelernt?

 

  1. Wann dürfen wir zu einem „anderen Dorf“ bei unserem lokalen Auftrag ziehen?

b. Jesus reinigt zehn Aussätzige Männer

Lk 17,11-19

 

 

Jesus befindet sich immer noch im Grenzgebiet Galiläa/Samarien (V.11). Er hat es also nicht so eilig wie seine Brüder um nach Jerusalem zu kommen.

  • 11 Und es geschah, als er nach Jerusalem reiste, dass er mitten durch Samaria und Galiläa ging. 12 Und als er in ein Dorf einzog, begegneten ihm zehn aussätzige4 Männer, die von fern standen. 13 Und sie erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, Meister, erbarme dich unser!  14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie gereinigt. 15 Einer aber von ihnen kehrte zurück, als er sah, dass er geheilt war, und verherrlichte Gott mit lauter Stimme; 16 und er fiel aufs Angesicht zu seinen Füßen und dankte ihm; und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die Zehn gereinigt worden? Wo sind die Neun? 18 Haben sich sonst keine gefunden, die zurückkehrten, um Gott Ehre zu geben, außer diesem Fremdling? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf und geh hin! Dein Glaube hat dich gerettet“ (Lk 17,11-19).

Jesus geht von Dorf zu Dorf im Grenzggebiet von Galiläa und Samarien, denn aus der Zusammensetzung der zehn Aussätzigen geht hervor, dass einer ein Samariter ist, die anderen aber Juden wahrscheinlich aus dem südlichen Galiläa.

 

Die Aussätzigen stehen von Ferne, das heißt außerhalb der Siedlung. Dies entspricht der Anordnung für das Verhalten, bzw. den Aufenthalt von Unreinen durch Aussatz (3Mose 13,45).

Anders als bei der Reinigung eines Aussätzigen in der Nähe von Kapernaum, wo Jesus den Kranken berührt, halten sich die zehn auf Distanz zu Jesus. Hier heilt Jesus auf Distanz, nur mit der Aufforderung: „Geht hin und zeigt euch den Priestern“. Gemeint ist, sie sollen nach Jerusalem gehen und sich dort die Heilung von Priestern bescheinigen lassen. Damit hält Jesus sich an die Vorschriften des Gesetzes (3Mose 14,1ff). Gleichzeitig ist dies auch ein Zeugnis für die Priesterschaft (Lk 5,14).

 

Und es geschah, während sie hingingen, wurden sie gereinigt“ – die Reinigung vollzieht sich plötzlich als sie noch gar nicht weit gegangen sind. So hätten alle die Möglichkeit gehabt umzukehren und Jesus zu danken, um sich anschließend auf den weiten Weg nach Jerusalem zu machen. Jesus fordert zwar nicht den Dank, er erwartet ihn jedoch. Einer von zehn kehrt um, als er sieht, dass er rein wurde, preist Gott mit lauter Stimme, kommt zu Jesus fällt auf sein Angesicht zu den Füßen von Jesus nieder und dankt ihm. Typisch für den Evangelisten Lukas ist, dass er die Herkunft des Dankbaren als Samariter betont. Im Evangelium Lukas finden wir die ähnliche Betonung im Zusammenhang der Frage, wer ist mein Nächster (Lk 10,29. 33).

Die Frage von Jesus ist berechtigt: „Sind ihrer nicht zehn rein geworden, …, wo sind denn die neun?“ Doch hat Jesus nicht ihnen aufgetragen sich den Priestern zu zeigen –  warum ist er über die neun enttäuscht? Nun, die neun sind Juden, entweder sind sie dem Buchstaben des Gesetzes so sehr ergeben, dass sie nach Jerusalem eilen, oder aber sie sind so undankbar, dass sie weder nach Jerusalem gehen noch zu Jesus zurückkehren, sondern mit der wiedergewonnenen Gesundheit ihre Familien aufsuchen. Die Enttäuschung in den Worten Jesu lässt sogar das letztere zu. Durch den versäumten Dank für die Reinigung ihres Körpers verpassen sie die Rettung ihrer Seele. Dem Samariter spricht Jesus das Heil zu und zwar durch den Glauben an Jesus als den Messias (auf den auch die Samariter warteten, so im Textzusammenhang aus Johannes 4).

 

Fragen:

  1. Wo begegnet Jesus diesen zehn Aussätzigen?

 

  1. Welches Los teilten diese Männer?

 

  1. Wie reagiert Jesus auf ihre Bitte?

 

  1. Warum ist gerade Gehorsam so wichtig, ja sogar Voraussetzung, um unsere Bitten erfüllt zu bekommen?

 

  1. Was zeichnet den einen geheilten Samariter aus? Welcher Segen liegt in der Dankbarkeit?

 

  1. Warum liegt es besonders Lukas nahe, die Nichtjuden in seinen Geschichten hervorzuheben?

 

  1. Warum ist Jesus über die neun Männer enttäuscht, hat er nicht selber angeordnet, dass sie sich den Priestern zeigen sollen?

 

  1. Wo liegt der Unterschied zwischen dem Glauben an die Heilung des Körpers und dem Glauben, der umfassende Rettung für den gesamten Menschen zur Folge hat?

 

Kapitel 9: Die siebte Dienstperiode – Jesus in Jerusalem und Judäa

9.1 Jesus kommt auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem an

(Joh 7,10-53)

 

Im Herbst des Jahres 32, als das Laubhüttenfest (3Mose 23,34) schon im Gange war, es ging eine Woche lang, kommt Jesus auf dem Weg durch Samarien mit seinen Jüngenr in Jerusalem an und geht sofort in den Tenpel (Joh 7,10f). Jesus kommt sozusagen in der Mitte des Festes ganz überraschend an. Im folgenden Text fällt auf, das das Hauptgesprächsthema auf dem Fest die Person Jesu ist. Die Menge der Festpilger setzt sich aus Menschen zusammen, die unterschiedliche, ja zum Teil gegensätzliche Positionen in Bezug auf die Person Jesu beziehen. Folgende Gruppen werden im Text genannt:

  • Die Juden allgemein,
  • Die Schriftgelehrten,, die kamen meist aus der Partei der Pharisäer,
  • Die Pharisäer,- fromme und strenggläubige Juden,
  • Die Ältesten aus dem Rat der siebzig,
  • Die Hohenpriester,- sie waren haptsächlich aus der Partei der Sadduzäer, also mehr eine politische und theologisch diesseits bezogene liberale Gruppeierung,
  • Die Diener oder Tempelwache,- sie unterstanden dem Hohenpriester,
  • Die Gruppe der Beführworter Jesu aus dem Volk,
  • Die Gruppe der Gegner Jesu aus dem Volk,
  • Nikodemus, frommer Pfarisäer und Ratsmitglied, der für Jesus eintritt,
  • Die Jünger Jesu und seine Brüder treten nicht in Erscheinung, bzw. beteiligen sich nicht an der Diskussion, werden gar nicht genannt, sie sind jedoch dabei.

 

Dass dieser Auftritt von Jesus während eines jüdischen Festes und dazu noch im Tempel in Jerusalem stattfindet, macht das Ganze zu einer öffentlichen und sogar offiziellen Veranstaltung.

Im Grunde geht es um die Frage: Wer ist dieser Jesus von Nazaret? Weil Jesus in Nazaret aufgewachsen ist, bestand die allgemeine Ansicht im Volk, er wäre auch dort geboren worden. Es gab wohl niemand, der sich noch an die Geburt dieses Jesus in Betlehem vor 32 Jahren erinnern konnte, oder wollte. Es gibt auch keinen Hinweiss in den Evangelien darüber, dass Jesus seinen Geburtsort aufgesucht hätte. Und auch Jesus selbst unternimmt keinen Versuch, seine (Geburtsurkunde) vorzuzeigen um vor aller Augen den Beweiß seiner messianischen Herkunft aus Betlehem zu belegen.

 

So endet die Debatte im höchsten jüdischen Gremium mit der Unklarheit über die Herkunft von Jesus sozusagen ergebnislos (Joh 7,53).

 

Bei diesem öffentlichem Auftreten von Jesus heißt es, dass Jesus lehrte. Und er lehrte aus den Schriften des Alten Testamentes. Damit löste er Verwunderung beim Volk aus über seine Kenntnisse, Erkenntnisse und die Weisheit, welche bei der Deutung der Schriften deutlich wurden (Joh 7,15).

Während er lehrt, unterhalten sich die Leute, stellen Fragen, reagieren, kurzum es geht sehr lebhaft zu. Jesus muss sich zum Teil laut rufend Gehör verschaffen (Joh 7,37).

 

Folgende Fragen helfen uns bei der Betrachtung des Textes:

  1. Warum suchten die Juden Jesus auf dem Fest (Vers 11)?
  2. Welche Meinungen vertraten die Menschen über Jesus (Vers 12)?
  3. Wie wird die Furcht der Menschen vor den Juden begründet (Vers 13)? Ist freie Menungsbildung nicht erlaubt?
  4. Warum geht Jesus erst zur Mitte der Festtage in den Tempel hinauf (Vers 14)?
  5. Auch wir fragen, woher hat Jesus solche Weisheit, wo hat er gelernt (Vers 15)?
  6. Jesu Lehre ist eng mit dem Verbunden, der ihn gesandt hat (Verse 16-17).
  7. Warum ist das Erkennen vom Tun des Willens Gottes abhängig?
  8. Wer sucht seine eigene Ehre, wer die Ehre dessen, der ihn gesandt hat? Welches Prinzip liegt dem Zugrunde (Vers 18)?

Jesus steht in einer Diskussion mit den Juden. Er bleibt beim Thema und geht zum Angriff über. Die Juden selbst, als Gesetzestreue (Bibeltreue) übertreten ständig das Gesetz mit dem sie sich rühmen. Ja, Jesus bescheinigt ihnen sogar, dass sie alle Gesetzesübertreter sind. Doch sie sind keine fäire Diskussionspartner, sie werden ausfällig mit ihrem groben und unberechtigtem Vorwurf. Doch Jesus bleibt ruhig, er lässt sich nicht provozieren (Vers 20). Es fällt auf, dass diese unbegründete Behauptung vom Volk ausgesprochen wird (du hast einen Dämon).

 

Vers 21 – Jesus wird nun konkret. Er verweist auf die Heilung eines Menschen (am Sabbat) und betont, dass eieser Mensch ganzheitlich gesund wurde. Die Juden beschneiden aber jeden Jungen wenn er acht Tage alt ist, ohne Rücksicht auf den Sabbat, an dem doch keine Arbeit erlaubt ist. Und Jesus fragt mit Recht, wo bleibt die Logik, wo bleibt das gerechte Urteil. Warum werden zweierlei Maß angelegt.

 

Nun wirkt sich diese offene Diskusion für Jesus positiv aus, denn einige Jerusalemer-Bürger fragen sich untereinander, warum denn die Oberen nicht eingreifen, kommt vielleicht doch die Erkenntnis durch, dass dieser der Christus sei? Doch sie geben sich selbst die Antwort: „Woher dieser ist, wissen wir, wenn aber der Christus kommen wird, wird niemand wissen, woher er kommt“.

Welche Vorstellung von Christus hatten diese Jerusalemer? Kannten sie nicht die Schriften über den Messias? Warum haben sie nicht nachgeforscht?

Jesus wird laut, er rief laut: „ihr kennt mich und wisst woher ich komme.? Und von mir selber bin ich nicht gekommen, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der mich gesandt hat, den ihr nicht kennt.“ Was! Die Menschen, die vor ihm stehen kennen Gott nicht?

Ein weiterer Versuch ihn zu greifen misslingt, vielleicht weil seine Stunde noch nicht gekommen war. Gott wacht über das Geschehen, es entgleitet ihm nichts aus der Hand.

 

Vers 31 Die Reaktion auf die Lehre (in Form eines Dialoges, Diskussion und Argumentation) bleibt nicht aus, sie fällt positiv aus, viele aus dem Volk öffnen sich und glauben an ihn als den Messias trotz der Gefahr von den Ältesten der Juden in den Bann getan zu werden. Die Wunderwerke Jesu und seine überzeugende Art in der Lehre weckte Glauben in ihnen.

 

Die Priester bekommen es mit, dass sich das Blatt wendet und viele vom Volk sich zu Jesus bekennen. Dies wollen sie mit allen Mitteln verhindern. Die Hohenpriester  schicken Diener mit dem klaren Auftrag Jesus zu ergreifen. Doch Jesus flieht nicht, er zieht sie in weitere geheimnisvolle Äußerungen ein. „Es dauert nicht mehr lange (kleine Zeit) dann gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat.“ „Ihr werdet mich suchen und nicht finden“.

Mit ihrem natürlichen Denken begreifen sie nicht, was Jesus meint. Es fällt geradezu auf, dass Jesus immer wieder rätzelhaft redet, für seine Zuhörer nicht eindeutig klar, verständlich. Sie müssen nachdenken, überlegen, was sagt er, wie meint er das, wie soll man ihn verstehen?

Nun wendet sich Jesus dieser neuen Gruppe von Gläubigen zu

 

Ich will Wasserbäche auf den Höhen öffnen und Quellen mitten auf den Feldern und will die Wüste zu Wasserstellen machen und das dürre Land zu Wasserquellen“ (Jes 41,18). „Denn ich will Wasser gießen auf das Durstige und Ströme auf das Dürre: ich will meinen Geist auf deine Kinder gießen und meinen Segen auf deine Nachkommen“ (Jes 44,3),

 

9.2 Ein Gesetzeskundiger versucht Jesus

(Lk 10,25 – 28)

 

Diese Geschichte ist nicht zu verwechseln mit der aus Lukas 18,18 in der ebenfalls die Frage nach dem ewigen Leben gestellt wurde

a) Was muß ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? Er antwortete und sprach: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst« (5.Mose 6,5; 3.Mose 19,18).

Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet; tu das, so wirst du leben“ (Lk 10,25-30).

 

b) Wer ist denn mein Nächster?

Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesus: Wer ist denn mein Nächster?

30 Da antwortete Jesus und sprach: Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab nach Jericho und fiel unter die Räuber; die zogen ihn aus und schlugen ihn und machten sich davon und ließen ihn halb tot liegen.

31 Es traf sich aber, dass ein Priester dieselbe Straße hinabzog; und als er ihn sah, ging er vorüber.

32 Desgleichen auch ein Levit: Als er zu der Stelle kam und ihn sah, ging er vorüber.

33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam dahin; und als er ihn sah, jammerte er ihn;

34 und er ging zu ihm, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie ihm, hob ihn auf sein Tier und brachte ihn in eine Herberge und pflegte ihn.

35 Am nächsten Tag zog er zwei Silbergroschen heraus, gab sie dem Wirt und sprach: Pflege ihn; und wenn du mehr ausgibst, will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme.

36 Wer von diesen dreien, meinst du, ist der Nächste gewesen dem, der unter die Räuber gefallen war?

37 Er sprach: Der die Barmherzigkeit an ihm tat. Da sprach Jesus zu ihm: So geh hin und tu desgleichen!

 

Fragen:

2.dd

3.

4.

5.

 

9.3 Jesus im Haus der Martha in Betanien

(Lk 10,38-42)

 

  • Es geschah aber, als sie ihres Weges zogen, dass er in ein Dorf kam; und eine Frau mit Namen Marta nahm ihn auf. Und diese hatte eine Schwester, genannt Maria, die sich auch zu den Füßen Jesu niedersetzte und seinem Wort zuhörte. Marta aber war sehr beschäftigt mit vielem Dienen; sie trat aber hinzu und sprach: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester mich allein gelassen hat zu dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfe! Jesus aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta! Du bist besorgt und beunruhigt um viele Dinge; eins aber ist nötig. Maria aber hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird“ (Lk 10,38-42)

 

Diese Begebenheit berichtet uns nur der Evangelist Lukas, sie zählt also zu dem sogenannten Sondergut des Lukas. Während Matthäus, Markus und Johannes auch noch von der Salbung durch Maria in Betanien berichten, hat Letzterer auch noch das Wunder der Auferweckung des Lazarus in seinem Evangeliumsbericht aufgezeichnet. Auch in diesem Fall ergänzen die Evangelisten einander so dass wir einen guten Einblick in deren Familiensituation bekommen.

 

Wir ordnen diesen ersten Besuch in Betanien in den Herbst 32 n. Chr. ein, also nach dem Laubhüttenfest (Joh 7,1ff), obwohl diese Geschichte sich auch bei einem der früheren Jerusalembesuche ereignet haben konnte.

Von dem familiären Kontext der drei Geschwister in Betanien erfahren wir recht wenig. Folgende Details jedoch sind erkennbar:

  • Die Familie hatte wohl keine Bediensteten im Haus, ihr sozialer Status erlaubte es ihnen nicht eine Magd als Haushaltshilfe anzustellen. Martha ist wohl die Älteste der drei Geschwister und organisiert den Haushalt.
  • Möglich oder sogar wahrscheinlich ist, dass Martha verheiratet war, denn Lukas bezeichnet sie als Frau gr. ´γυνη-gyne´.
  • Die Evangelisten Matthäus und Markus notieren, dass die Salbung durch Maria im Hause Simons des Aussätzigen stattfand. Dieser Simon war früher aussätzig, den hat Jesus gesund gemacht/gereinigt[216] und nun stellt er sein Haus Jesus zur Verfügung (Mt 26,6;  Mk 14,3).
  • Es besteht also ein enger Zusammenhang zwischen dem Simon, der in Betanien ein Haus besitzt und Martha, die bei den Jesusbesuchen in Betanien immer die Dienende[217] Hausfrau ist (Vgl. Mt 26,6; Mk 14,3 mit Joh 12,1-2;  Lk 10,38-40). Vielleicht war Martha mit Simon sogar verheiratet? Überhaupt kam es eher selten vor, dass eine Frau in Israel unverheiratet blieb.

Maria ist wohl die jüngere Schwester, doch auch sie wird von Johannes als Frau bezeichnet. Es geht aber Lukas nicht so sehr um die gesamte familiäre Verknüpfung, sondern vorrangig um die beiden Schwestern und deren Beziehung zu Jesus. Dabei geht es ihm keineswegs darum, die eine gegen die andere auszuspielen. Folgende Aspekte können genannt werden:

  • Jesus ist mit seinen Jüngern und anderen Männern der Familie im Gastzimmer. Sie sitzen (liegen) im Kreis auf Polstern und Jesus spricht, erzählt oder lehrt.
  • Maria setzt sich sozusagen im zweiten äußeren Kreis zu den Füßen von Jesus. Sie sitzt also nicht vor ihm zu seinen Füßen, wie es der westeuropäischen Sitzkulrur entsprochen hätte, sondern hinter ihm, denn die Füße der zu Tisch Liegenden im damaligen Kontext sind nicht nach innen, sondern nach außen gerichtet. Und doch ist das Verhalten der Maria ungewöhnlich im kulturellen Kontext der jüdischen Gesellschaft. Für Jesus hingegen stellt die Nähe der Frauen zu ihm kein Problem dar, im Gegenteil, es gibt mehrere Berichte, die davon sprechen, dass er Frauen, die bei ihm Hilfe suchten, in ihrer Würde stärkte und dies meist im Beisein von Männern. Damit stellt er auch ganz bewusst die Weichen für die zukünftige Kultur des Verhaltens und Vertrauens zwischen Männern und Frauen in der Gemeinde. In seiner Versammlung dürfen Männer und Frauen gemeinsam auf Gottes Wort hören. Maria tut es unauffällig, ihre Motive sind lauter/rein, frei von jeder Ichbezogenheit. Jesus bescheinigt Maria das gute Teil erwählt zu haben, welches von ihr nicht weggenommen werden soll. Beachten wir die Betonung auf: „Sie hat das gute Teil erwählt“. Im neutestamentlichen Konzept von Jesus können Frauen ebenso wie Männer wählen, auswählen, sie haben die Fähigkeit und den freien Willen in Eigenverantwortung für sich selbst Entscheidungen zu treffen.
  • Im Gegensatz zu Marias Zurückhaltung, setzt sich ihre (ältere) Schwester Martha sozusagen in Szene und offenbart damit einige ihrer Charakterschwächen.

Martha: „Herr, bemerkst du nicht (macht es dir nichts aus) dass meine Schwester mich allein gelassen hat mit dem dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll.“ Was offenbart sie durch ihr Verhalten, ihre Aussagen und sogar durch den Ton?

  • Sie unterbricht Jesus in seiner Rede, – das ist unanständig.
  • Indem sie nicht ihre Schwester direkt und unaufällig anspricht, sondern sich laut und vorwurfsvoll an Jesus wendet, lenkt sie die gesamte Aufmerksamkeit, die Jesus galt, nun ganz auf  sich, – das ist Egoismus und Überheblichkeit.
  • Sie demütigt vorwurfsvoll ihre eigene Schwester vor allen Anwesenden Männern, damit verletzt sie zutiefst ihre Schwester.
  • Sie stellt ihren Dienst der Verpflegung über den Dienst von Jesus mit dem Wort Gottes, – falsche Priorität.
  • In ihrem Beschäftigtsein übersieht sie völlig den heilsamen (therapeutischen) Dienst von Jesus durch das Wort an den Anwesenden, – mindere Wertschätzung des Wortes Gottes.
  • Es mangelt ihr an gesundem Selbstbewustsein, sie fühlt sich übersehen, damit zeigt sie (für Jesus offensichtlich) ihre inneren wunden Stellen.

Und Jesus nutzt diese Situation zur Korrektur und damit zur Therapie (Heilung). Dies tut er aus Liebe und er tut es mit Nachdruck. Er schiebt das Problem nicht auf später nach der Stubenversammlung (Gottesdienst). Was öffentlich falsch gesagt oder getan wird, soll auch öffentlich geklärt werden. Er bescheinigt ihr ein übertriebenes Maß an Sorge und Mühe mit ihrem Dienen. Jesus hat nichts gegen gutes Essen einzuwenden, doch es muß nicht übertrieben werden. Wenn der Aufwand für die natürlichen Mahlzeiten so hoch ist und einen so breiten Raum einnimmt, dass das Geistliche zu kurz kommt, dann meldet sich Jesus und bringt seine Korrektur an. Hier stellt sich die Frage nach der Priorität und der Ausgewogenheit der Versorgung von Leib und Geist.

Dass Jesus Martha zweimal[218] bei ihrem Namen nennt, ist nicht ohne Grund und macht den Ernst der Lage deutlich. Sie hat ein grundsätzliches Problem und Jesus will ihr helfen, die Schwachpunkte in ihrem Charakter und ihrem Verhalten zu erkennen und zu beheben.

 

Hat Martha Jesus verstanden, hat sie von ihm gelernt und sich verändern lassen? Ganz gewiß ja, denn später als Jesus sich ihrem Ort nähert wegen Lazarus, ist sie die erste, die unbemerkt und unaufgefordert Jesus entgegen geht (Joh 11,21f). Die theologischen Erkenntnisse und Einsichten, die sie dort äußert, machen deutlich, dass sie sehr genau hinhörte, was Jesus lehrte. dagegen blieb Maria bei dieser Gelegenheit in ihre Trauer gehüllt und vielleicht auch von Jesus enttäuscht, zu Hause sitzen. Jesus musste sie ausdrücklich rufen, ja sogar herausrufen aus ihrer Verzagtheit. Aber auch sie hat es gelernt, Jesus zu vertrauen, denn die Salbung bei einem weiteren Besuch Jesu in Betanien, macht dies sehr deutlich.

So hat Jesus durch seine Anwesenheit, sein heilsames Wort und die konkreten Korrekturen, der ganzen Familie zu einer gesunden Glaubensbeziehung verholfen.

 

Fragen:

  1. Warum besucht Jesus bestimmte Orte, Häuser und Familien besonders gerne?

 

  1. Trage zusammen, was die vier Evangelisten über diese Familie berichten.

 

  1. Wie sind die Aufgaben (Rollen) in dieser Familie verteilt, beachte dabei den Kontext der damaligen Kultur? Inwieweit konnten sie sich selbst aussuchen, was sie gerne machen würden? Ist es für uns heute sinnvoll, dass jeder sich vielseitig ausprobiert und entfaltet?

 

 

  1. Bist du mehr Martha oder Maria, oder gar Lazarus? Welche dieser Rollen passt mehr auf dich? Oder hast du von allen etwas? Bist du mit deiner Rolle zufrieden?

 

  1. Neigen auch wir dazu wie Martha, andere in unsere Aufgabe hineinzuzwängen und dies nicht immer aus lauteren Motiven?

 

  1. Wie sind die Prioritäten bei den zwei Schwestern gesetzt? Was ist wichtiger, was kommt zuerst dran, was danach, was könnte man auf ein sinnvolles Maß reduzieren? Wie werten und ordnen wir sogenannte geistliche und natürliche Bereiche in unserem Alltag ein?

 

  1. Die Aufgaben in der Gemeinde, – sind sie gut und richtig den jeweiligen Personen zugeordnet?

 

  1. Wie greifen wir ein oder welche Hilfestellung geben wir Mitarbeitern bei deren  Unzufriedenheit in ihren Diensten?

 

9.4 Jesus macht frei (PS)

         (Joh 7,31-36)

ddddddddddddddddd

9.5. Jesus ist das Wasser des Lebens

Joh 7,37-53

 

9.6. Jesus vergibt der Ehebrecherin

(Joh 8,1-11)

 

Es ist Herbst in Jerusalem, etwa Oktober 32 n.Chr. Die Feierlichkeiten zum Laubhüttenfest sind vorüber, aber in Jerusalem und besonders auf dem Tempelgelände versammeln sich täglich viele Menschen. Einige sind mit ihren Opfern beschäftigt und suchen die Nähe zu den Pristern, andere sind da weil sie hoffen Jesus anzutreffne, der seit dem Fest sich in Jerusalem und Umgebung aufhält.

Zu dieser Jahreszeit sucht Jesus mit seinen Jüngern den Ölberg a zur Übernachtung auf. Noch später heißt es, dass sich Jesus oft mit seinen Jüngern dort aufhielt (Joh 18,2). Am nächsten Morgen kommt Jesus wieder in den Tempel und setzte sich hin um zu lehren. Das Volk zu lehren empfand er als eine seiner wichtigen Aufgaben. Doch dann wird er  unterbrochen, denn schon aus der Ferne hört man wie eine Gruppe von Pharisäern und Schriftgelehrter eine Frau vor sich her führen. Sie kommen zu Jesus, stellen die Frau in die Mitte und tragen ihre Anklage vor:

  • Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du? Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. Und wieder bückte er sich nieder und schrieb auf die Erde. Als sie aber dies hörten, gingen sie, einer nach dem anderen, hinaus, angefangen von den Älteren; und er wurde allein gelassen mit der Frau, die in der Mitte stand. Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat niemand dich verurteilt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr“ (Joh 8,4-11)!

 

Nach dem Buchstaben des Gesetzes waren die Kriterien zu einer Verurteilung der Frau nicht erfüllt.

  1. Der mitbeteiligte Mann fehlte,
  2. Wo waren die Zeugen? Eventuell der rechtmäßige Ehemann dieser Frau?

Der Wortlaut des Gesetzes war: „Wenn ein Mann mit einer Frau Ehebruch treibt, wenn ein Mann Ehebruch treibt mit der Frau seines Nächsten, müssen der Ehebrecher und die Ehebrecherin getötet werden“ (3Mose 20,10).

Doch wurde solch ein Urteil in der Geschichte Israels selten vollstreckt. In dem Zusammenhang werden wir erinnert an den so tückischen Sündenfall von König David (2Sam 12,5-10). Die Tat war schlimm Genug und auch mit Folgen für die Nachkommen des Königs, doch wie handelte Gott mit David?

 

Fragen:

  1. Wo übernachtet Jesus am liebsten mit seinen Jüngern in der Zeit seiner Jerusalemaufenthalte?

 

  1. Was ist seine Hauptbeschäftigung am Tag, wenn er sich im Tempel in Jerusalem aufhält? Welchen Stellenwert hat für uns gesunde, biblische Lehre heute?

 

  1. Welche Gruppe von Menschen kümmerten sich um die Einhaltung des Mosaischen Gesetzes und der Aufsätze der Ältesten?

 

  1. Wie haben oder konnten sie die frische Tat des Ehebruchs bei dieser Frau feststellen? Und warum führen sie nicht auch den an der Tat beteilgten Mann vor Jesus?

 

  1. Welches Maß an Strafe ordnet das Gesetz Moses an für solche sexuellen Vergehenl?

 

  1. Worin bestand die Versuchung der Pharisäer?

 

  1. Was schrieb Jesus auf die Erde mit dem Finger? Von wem lesen wir im AT, der auch mit dem Finger geschrieben hat (2Mose 31,18; 5Mose 9,10)

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der …. Wer unter euch noch nie die Ehe gebrochen hat …

 

  1. Alle hatten ein belastetes Gewissen, keiner war ohne Sünde. Wie steht es heute mit den Christen?.

 

  1. Warum verurteilte Jesus nicht. Wie geht er vor? Was ist wirksamer, Gesetz oder Gnade, um den Menschen zur Buße und Umkehr zu bewegen?

 

  1. Sündige nicht mehr, heißt hier – gib deinen sündigen Lebensstil auf, ändere deine Gesinnung und dein Verhalten.

 

9.7. Jesus  – das Licht der Welt

(Joh 8,12-30)

ffffffffffffff

 

9.8 Die wahre Freiheit – Wer sind Abrahams Kinder? (Noch in Arbeit)

(Bibeltext: Joh 8,31-59)

9.9 Jesus heilt den Blindgeborenen

(Joh 9,1-41)

 

9.9.1 Meister, wer hat gesündigt?

(Bibeltext: Joh 9,39-41)

Auch diese Heilungstat Jesu beschreibt nur der Evangelist Johannes. Es gehört zu den sogenannten 7 Wunder-Zeichen des Messias im Johannesevangelium. Dafür verwendet der Evangelist ein ganzes Kapitel. Viele Personen sind in die Geschichte einbezogen:

  • Jesus und seine Jünger,
  • der Blindgeborene,
  • die Nachbarn und Bekannten,
  • die Eltern des Geheilten,
  • die Pharisäer.
  • Das Volk, welches jedoch nicht aktiv an der Geschichte teilnimmt,

Wenn wir bedenken, dass an diesem Tag Sabbat war (V. 14), wird uns einiges leichter verständlich, denn nicht zum erstenmal vollbringt er am Sabbat Heilungen, nein er tut dies bewusst oft und immer öffentlich. Damit will er bestimmte Zeichen setzen. Doch später gehen wir noch näher darauf ein.

Jesus ist immer sehr aufmerksam in seiner Umgebung und merkt Dinge oder Personen, die anderen entgehen oder nicht so wichtig erscheinen. Für viele Jerusalemer ist der Bettkler ein alltäglicher und daher gewohnter Anblick (V. 8). Doch für Jesus gehört er zu denen, die Gott in seinen Plan als aktiven Teilnehmer und Zeugen einbezogen hat.

Das Schicksal eines Blindgeborenen damals war von sehr vielen äußeren Einschränkungen gezeichnet. Aus der Frage der Jünger und auch der Beurteilung der Pharisäer geht ferner hervor, dass Menschen mit Behinderungen dazu noch unter dem Urteil standen von Gott bestraft worden zu sein (V. 2. 34). Doch der Mann konnte überleben, denn das Gesetz forderte auch die soziale Fürsorge von den Menschen gegenüber Schwachen und so konnte er täglich mit Almosen rechnen. Jesus verfolgt mehrere Ziele bei seiner Handlung:

  1. Er hat Erbarmen mit dem Blindgeborenen. Beim Vorübergehen sieht Jesus diesen Menschen. Sicher konnte er im Heiligen Geist die Geschichte des Bettlers wissen, doch genau so gut möglich ist auch, dass er nachgefragt hat (Vgl. dazu Joh 5,6).

 

  1. Daneben bietet sich für Jesus die Gelegenheit, eine einseitige Bewertung der Jünger in Bezug auf Krankheit zu korrigieren.

 

  1. Da er an einem Sabbat in aller Öffentlichkeit nicht nur heilt, sondern auch noch eine Arbeit verrichtet, ist ihm die Aufmerksamkeit und Konfrontation der Pharisäer sicher. Nicht dass er Konfrontation sucht, sondern er will bei ihnen konsequent das falsche Verständnis der Sabbatbestimmung korrigieren. Und gibt ihnen damit die Chance ihn als den Messias zu erkennen.

 

  1. Die gleiche Chance bekommen an diesem Tag die Eltern des Geheilten, die Nachbarn, die Bekannten und das übrige Volk.

Der Geheilte ist der Einzige, der bewusst Jesus als den Menschensohn und damit als den Messias angenommen hat. Welch ein Aufwand und was für ein Ergebnis!

 

9.9.2 Jesus das Licht (Gericht) der Welt. (Noch in Arbeit)

(Bibeltext: Joh 9,39-41)

 

Noch in Arbeit

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war das Schicksal eines Blindgeborenen damals?

 

  1. Jesus wird aufmerksam auf einen Bettler. Wohin schaut er, was fällt ihm auf?

 

  1. Welche Zusammenhänge sahen die Jünger zwischen Krankheit und Sünde?

 

  1. Wie lautet Jesu Bewertung hier? Warum sagt Jesus in Joh 5,14 was anderes?

 

  1. Warum macht Jesus die Heilung so umständlich und nicht wie zum Beispiel in Lk 18,42.einfach durch ein machtvolles Wort?

 

  1. Welche Rolle spielen die Nachbarn und Bekannte in dieser Geschichte?

 

  1. Wie bewerten die Pharisäer diese Heilung? Zu welchem Ergebnis kommen sie? Sind alle Pharisäer der gleichen Meinung?

 

  1. Es handelt sich um eine Art geistlichen Gerichtsprozess. Welche Position nehmen die Eltern des Geheilten ein und warum?

 

  1. Welchen theologischen Standpunkt nimmt der Geheilte ein?

 

  1. Welches Ziel erreicht Jesus durch diese Heilungstat8?

 

9.10  Jesus ist der gute und wahre Hirte

(Bibeltext: Joh 10,1-39)

 

Gott hatte es vorausgesehen, dass Jesus, sein Sohn als der gute Hirte (gr. ο ποιμένος) sein Volk weiden wird. Diese Gedanken Gottes werden verständlich auf dem Hintergrund der Tatsache, dass der Hirtenberuf, das Hirte-Sein sich wie ein roter Faden durch die Heilige Schrift und die Geschichte des Volkes Gottes im Alten Testament hindurchzieht.

Abel war Hirte (1Mose 4,2),

Die Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob waren Hirten,

Die Israeliten, alle 12 Stämme waren ein Hirtenvolk (1Mose 46,34; 47,3),

Mose weidete die Schafe seines Schwiegervaters in Midian 40 Jahre lang, bevor er das Volk Israel ebenfalls vierzig Jahre lang anführte (2Mose 3,1),

David war Hirte, bevor ihn Gott von der Schafherde wegholte, um sein Volk Israel zu weiden (2Samuel 7,8),

  • In Psalm 23 bezeichnet David seinerseits den Herrn als seinen fürsorgenden Hirten.

Die Nachfolger Davids auf dem Thron sollten das Volk Israel weiden, führen, schützen, bewahren, für sie sorgen, doch die meisten von ihnen haben sozusagen sich selbst geweidet, also ihren eigenen Vorteil gesucht und die ihnen anvertrauten Menschen vernachlässigt.

 

Auf dem Hintergrund der vielen falschen und treulosen Hirten des Volkes Israels zu seiner Zeit, verspricht Gott durch den Propheten Hesekiel einen einzigartigen guten Hirten zu erwecken (Hesekiel 34,1-31):

  • Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen ´Knecht David´. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, und ich, der HERR, will ihr Gott sein, aber mein Knecht David soll der Fürst unter ihnen sein; das sage ich, der HERR“ (Hes 34,23-24).

 

Doch dieser Hirte muß durch das Leiden des Todes gehen, wie durch Sacharia vorausgesagt wurde:

  • Schwert, mach dich auf über meinen Hirten, über den Mann, der mir der nächste ist!, spricht der HERR Zebaoth. Schlage den Hirten, dass sich die Herde zerstreue“ (Sacharia 13,7).

In seiner Rede an die Juden in Jerusalem nennt Jesus das Hauptmerkmal des wahren und guten Hirten:

  • Der aber zur Tür hineingeht, der ist der Hirte der Schafe“ (Joh 10,2).

Und was es bedeutet, zur ´Tür hineingehen´, erklärt er mit den folgenden Worten:

  • Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe“ (Joh 10,11.14.15).

Was nun Gott durch den Propheten Sacharia in Bezug auf den wahren Hirten vorausgesagt hatte, wendet Jesus auf sich an:

  • Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Denn es steht geschrieben“ (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« (Mt 26,31).

 

In Anlehnung an Hesekiel 34 will Jesus als der wahre Hirte alle Zerstreuten Schafe aus dem Volk Israel und auch die aus den Völkern sammeln:

  • Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird „eine“ Herde und „ein“ Hirte werden“ (Joh 10,16).

Jesus als Hirte, hat Vollmacht vom Vater sein Leben für die Schafe hinzugeben und auch die Vollmacht es wieder zu nehmen:

  • Niemand nimmt es von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater“ (Joh 10,18).

Im Hebräerbrief wird Jesus als der `große Hirte der Schafe` bezeichnet:

  • Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes“ (Hebr 13,20).

 

Und dieser Jesus als ´der Erzhirte´ (gr. o άρχιποιμένος), erscheint bei seiner Wiederkunft um seine Herde (sein Volk) zu sich in sein herrliches Reich zu nehmen.

  • So werdet ihr, wenn erscheinen wird ´der Erzhirte´, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen“ (1Petr 5,4;  vgl. dazu auch Mt 25,31ff).

 

Sogar in der Ewigkeit bleibt Jesus unser guter und treuer fürsorgender Hirte:

  • Denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen“ (Offb 7,17; vgl. auch Psalm 23,2).

 

Wie wunderbar und einzigartig, – Jesus ist Hirte und Lamm zugleich und dies für alle Ewigkeit !

 

 

Nun, was Jesus ist und was er tut trifft in gewissem begrenzten Maß auch auf seine Jünger zu.

Sie sollen nun in seinem Namen und Auftrag sein Werk fortsetzen.

Dafür hat er sie ausgerüstet

  1. mit seinem Wort,
  2. seinem Geist und
  3. mit seiner Zusage bei ihnen zu sein alle Tage.

Er hat gelehrt, gepredigt, Korrigiert, aufgeklärt, getadelt, unterwiesen, erklärt, getröstet, ermutigt, geheilt, befreit, geeinigt, Wiederhergestellt, Aufgebaut – jetzt sind seine Jünger dran, dasselbe weltweit zu tun.

 

Und dies alles in seinem Auftrag, seinem Namen, durch die Autorität seines Wortes und durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Nicht alle alles, sondern jeder nach seiner Berufung und seiner Befähigung.

  • Die Ältesten für ganze Ortsgemeinden,
  • Die Diakone – Gruppenleiter für ihre Gruppen,
  • Die Eltern für ihre Kinder,
  • Die Älteren für die Jüngeren,
  • Die Geistlichen für die Schwachen.

Doch zuerst gilt – achte auf dich selbst !

 

 

9.11 Jesus zieht an den Jordan

(Joh 10,40-42)

 

Jesus geht hinüber über den Jordan, an den Ort wo Johannes zuvor taufte.

Hier an dieser Stelle knüpfen die Evangelisten Matthäus und Markus an, wenn sie schreiben:

  • Jesus kam nach Judäa, jenseits des Jordan Mk. 10,1
  • Und es geschah, als Jesus diese Reden beendet hatte, begab er sich von Galiläa hinweg und kam in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordan“ (Mt. 19,1)

Nun folgen wir wieder den Berichten von den Synoptikern:

 

9.11 Jesus weckt Lazarus von den Toten auf

(Joh 11,1-46)

 

Hier folgen wir wieder der Erzählung von Johannes. Gut, dass er viele Details beschreibt, welche die synoptischen Evangelisten nicht erwähnen. Dieser Abschnitt ist sehr lang und daher soll er bewusst in Form von Fragen und kurzen Anmerkungen erhellt werden.

 

Fragen:

  1. In welcher Beziehung standen das Geschwister-Trio zu Jesus?
  2. Es war eine Beziehung der Liebe/Freundschaft,
  3. Beziehung des Vertrauens,
  4. Beziehung des Glaubens.

 

  1. Von wem ging die Liebe aus? Wer liebte wen?

 

  1. Wo hält sich Jesus auf, als der Hilferuf aus Betanien kommt?

 

  1. Warum geht Jesus nicht sofort los als er den Hilferuf hört? Zögert er immer so, oder handelt er individuell situationsbezogen?

 

  1. Warum verstehen die Jünger ihren Meister nicht in seiner Sprache/Bildrede?
  2. Lazarus schläft,
  3. Wer des Tages wandelt …

 

  1. Was drückt die Denkweise des Thomas, der Zwilling genannt wurde: „Lasst uns mit ihm gehen, damit wir mit ihm sterben“, aus?

 

  1. Nach der Meinung der Schwestern Martha und Maria kommt Jesus nicht nur zu spät, sondern er war nicht da, als sie ihn gebraucht hätten?

 

  1. Welche theologischen Kenntnisse hat Martha über Jesus? Woher hat sie diese Erkenntnisse? Hat sie nicht das Teil als Diakonin (Tischdienst) erwählt?

 

  1. Aber wo ist jetzt Maria, die doch das Gute Teil (zu den Füßen Jesu sitzen) erwählt hatte?
  2. Sind ihr die Tröster im Haus lieber?
  3. Ist sie von Jesus enttäuscht?
  4. Ist sie vielleicht sogar auf ihn beleidigt, oder verärgert, wie Johannes der Täufer im Gefängnis?
  5. Wäre sie zu Hause bei den hilflosen Tröstern sitzen gebliebne, wenn Jesus sie nicht gerufen hätte?
  6. War sie in der Gefahr ihr Gutes Teil zu verlieren? Ist Jesus schuld daran?

 

  1. Wie geht Jesus vor bei der Therapie der Schwestern?
  2. Für Jede und Jeden einen besonderen individuellen Zugang.
  3. Er kommt nie zu spät.
  4. Er will das Maximum an Möglichem erreichen.
  5. Er hat immer die Verherrlichung des Vaters im Auge.
  6. Er will Glauben und Vertrauen fördern, nicht nur bei seinen Jüngern.
  7. Die Wunder, die er tut, sind Zeichen.

 

  1. Wie reagieren die Menschen auf das einzigartige Zeichen der Auferweckung des Lazarus?

 

  1. Wohin geht Jesus anschließend zu seiner Sicherheit?

9.12. Der Beschluss der Hohenpriester Jesus zu töten (PS)

(Joh 11,47-57)

Jesus verlässt Bethanien (Jerusalem) in Richtung judäische Wüste nach Efraim

11,55 Das Passah der Juden naht und viele gehen hinauf nach Jerusalem um sich vor dem Fest reinigen zu lassen. Die Leute reden untereinander: Wird er sohl kommen auf das Fest? Die Hohenpriester haben eine Anordnung erlassen, dass, wer es weiß, wo er ist es melden solle.

 

 

9.13. Ehescheidung und Eheverzicht (HUL)

(Mt. 19,2-12; Mk. 10,2-12)

 

Sowohl Matthäus als auch Markus berichten, dass Jesus Galiläa endgültig verlassen hat und nach Judäa zog. Nach Johannes geht er zunähst zum Laubhütenfest, dort in Jerusalem bleibt und wirkt er bis zum Winter 32, danach zieht er wegen immer stärker werdenem Druck und Nachstellungen der Oberen des Volkes, hinab an den Jordan und zwar zum Ostufer,an den Platz, an dem Johannes zuerst taufte. Dieses Gebiet unterstand der Herrschaft des Herodes Antipas. Somit war Jesus hier weit weg vom direkten Zugriff der Juden, welche ihm nach dem Leben trachteten.

Doch dem Volk allgemein konnte sich Jesus keineswegs entziehen. Immer wieder waren darunter auch Pharisäer, die Jesus mit ihren Fragen eine Falle stellen wollten, so auch bei dieser Gelegenheit. Die Frage wird sehr gewählt mehrdeutig formuliert: „Ist es einem Menschen erlaubt, seine Frau zu entlassen wegen jeder Ursache“. Die Antwort Jesu ist zunächst eine Gegenfrage und zwar: „Was hat euch Mose geboten“? Diese Mosaische Regelung ist besonders den Männern bekannt: „Mose hat angeordnet, der Frau einen Scheidebrief in die Hand drücken und sie zu entlassen (Mk 10,3-4; 5Mose 24,1-3; Mt 5,31). Jesus als Gesetzgeber, kennt den Grund, warum diese Regelung gegeben wurde – nämlich die wegen der Hartherzigkeit der Männer.

Doch dann lenkt Jesus das Denken und die Überlegungsfähigkeit der Pharisäer auf die Anfänge der Schöpfung Gottes. Gott hat den Menschen als männlich und weiblich geschaffen und vorgesehen, dass diese sich von ihren Eltern loslösen und eine vollständig neue Einheit bilden sollen und zwar fürs ganze Leben (Verse 4-6; Vgl. 1Mose 2,24; Mt 19,5; Mk 10,8; Eph 5,31). Die Begründung, welche Jesus anführt ist logisch und beeindruckend zugleich: „Was nun Gott zusammengefüht hat, soll der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,6). Die Betonung liegt also nicht darauf, wie kann ein Mann sich lösen, sondern wie kann er zusammenhalten, was zusammengehört.

 

  1. Frage: Wie schätzen wir die Situation in Bezug auf Ehe (Ein-Ehe) heute in unserer Gesellschaft ein?
  2. Frage: Welche Ausnahmeregelung macht Jesus bei der Frage der Ehescheidung?
  3. Frage: Was sollen wir von Eheverzicht halten? Unter welchen Umständen ist es besser nicht zu heiraten?

9.14. Das Gleichnis vom Richter und der Witwe

           (Lk 18,1-8)

 

Fragen:

 

  1. Was ist der Grund, warum Jesus dieses Gleichnis erzählt?

 

  1. Wofür wr der Richter i dr Stadt bkann?
  2. d

 

9.15. Das Gleichnis vom Gebet des Pharisäers und Zöllners (HUL)

(Lk 18,9-14)

 

Fragen:

 

  1. Jesus ist aufmerksam sowohl beim sehen, als auch beim hinhören. Was lehrt es uns?

 

  1. Die Lehrmethode durch Gleichnisse Wahrheiten ausdrücken, wie wirksam ist sie?

 

  1. Der Kontrast kann nicht größer sein – Pharisäer und Zöllner, welchen Status und Aufgaben hatten sie in der Bevölkerung?

 

  1. Beide gehen hinauf zum Hause des Herrn, nebeneinander, hintereinander und mit welchem Ziel?

 

  1. Die Gebetshaltung der Juden damals, was sagt sie aus über unser Gebetsanliegen?

 

  1. Der Inhalt der Gebete, was war die Motivation dabei?

 

  1. Wie bewertet Gott beide Gebete, wo erkennen wir uns?

 

  1. Schlussfolgerung, was ist die Kernaussage des Gleichnisses?

9.16. Jesus segnet die Kinder (PS)

(Mt. Mt 19,13-15; Mk 10,13-16; Lk 18,15-17)

 

Alle drei Evangelisten (Matthäus, Markus, Lukas) berichten von der Segnung der Kinder durch Jesus. Hier zunächst die Evangelientexte:

Matthäus 19,13-15                                                       

Darauf wurden Kinder[219] zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflege und bete, aber seine Jünger fuhren sie an. Aber Jesus sagte: „Lasst die Kinder und hindert sie nicht, zu mir zu kommen. Denn solchen gehört das Reich der Himmel.“ Und als er ihnen die Hände aufgelegt hatte, ging er weg von dort.“

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Markus 10,13 – 16                                                              

Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie berühre; aber die Jünger fuhren sie an. Als Jesus aber dies hörte, wurde er unwillig und sagte zu ihnen: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht! Denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage Euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird keinesfalls hineinkommen.“ Und er schloss sie in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.“

Lukas 18,15 – 17                                                                    

Sie brachten aber auch zu ihm die Kinder[220]  damit er sie berühre; als aber die Jünger dies sahen, fuhren sie sie an. Aber Jesus rief sie zu sich und sagte: „Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht! Denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage Euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, wird keinesfalls hineinkommen!“

Mehrere wichtige Wahrheiten werden in diesen Texten angesprochen und auf die soll hier eingegangen werden, doch zunächst der Kontext. In der Regel waren es die Mütter, die ihre Kinder oder Säuglinge zu Jesus brachten. Es waren Mehrere Kinder und zwar in verschiedenem Alter. Jesus war immer umringt von seinen Jüngern und weiteren Zuhörern, so dass der Zugang versperrt war. Jesus befand sich wahrscheinlich im Gespräch oder Lehre, so dass wir uns in diesem Fall eine Unterbrechung derselben durch die Mütter vorstellen können, was die Jünger an völlig unangebracht ansahen.

1. Die Kinder stehen unter besonderer Beachtung von Jesus

Verwehrt den Kindern nicht den Weg zu Jesus! Er hat nicht nur Interesse an Kindern, sondern er nimmt sich auch Zeit für sie. Er ist sogar unwillig über das Verhalten seiner Jünger. Alles andere und auch alle anderen müssen warten – jetzt sind die Kinder dran. Eine wichtige Lektion für die Erwachsenen. Aussagen wie: „Geh weg, lass mich jetzt in Ruhe, beschäftige Dich selbst!“, rächen sich zu oft zu einem späteren Zeitpunkt  und decken sich nicht mit Jesu´ Verhalten.

2. Das Reich Gottes gehört den Kindern

Bei Kindern, die noch nicht selbst zwischen Gut und Böse unterscheiden und somit noch nicht zur vollen Verantwortung für ihre Taten herangezogen werden können, die also selbst noch nicht fähig sind, ihren sündigen und damit verlorenen Zustand zu erkennen, legt Jesus andere Maßstäbe an, als bei Erwachsenen.

Jesus nimmt die Kinder an. Er freut sich über ihren Gesang im Tempel und rügt die Hartherzigkeit und den Stolz der Schriftgelehrten und Pharisäer. Sie erfüllten mit ihrem Singen und Rufen damals im Tempel, die Prophetie über Jesus und sollten vermehrt auch heute in den Gottesdienst mit einbezogen werden.

3. Erwachsene müssen werden wie die Kinder

Kinder werden naturgemäß wie Erwachsene. Jesus fordert die Erwachsenen auf gegen die menschliche Natur wie Kinder zu werden. Sicher meint Jesus es nicht im physisch-buchatäblichen Sinne.

„Wer das Reich Gottes nicht annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Mit dem „wie ein Kind“ ist die Art und Weise der Annahme des Reiches Gottes gemeint. Wer das Reich Gottes sucht, soll nicht altersmäßig wie die Kinder werden, sondern nach deren Art und Weise (vgl. dazu auch Nikodemus´ falschen Denkansatz in Johannes 3,4:„Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er zum zweiten Mal in seiner Mutter Leib hineingehen, um geboren zu werden?“)

Zu werden wie ein Kind, heißt also:

  • so klein,
  • so niedrig,
  • so hilflos,
  • so abhängig,
  • so führungsbedürftig,
  • so schutzbedürftig und
  • so vertrauensvoll zu werden.

Der Erwachsene jedoch lebt gewöhnlich in der Einstellung, er wüsste alles, er könne alles, er wäre jemand, er käme allein zurecht und bräuchte keine Hilfe, er schaffe es allein. In der Sache geht es um die Erniedrigung seiner Selbst, um einen Zerbruch von Geist und Seele und um das Bekenntnis, es doch nicht allein zu schaffen, sich nicht selbst retten zu können. Letztlich geht es um eine eigene Bankrott – erklärung vor Gott.

4. Jesus nimmt die Kinder in den Arm, legt ihnen die Hände auf, betet und segnet sie

Wir praktizieren die Kindersegnung im Gottesdienst und auch zu Hause einfach deshalb, weil Jesus dies auch getan hat und weil wir zum Segnen berufen und beauftragt sind. Bei solchen Handlungen werden besonders die Eltern in die Pflicht genommen. Altlasten wie Beschwörungen durch Wahrsagerei, magische Heilungen u.ä. müssen bei und von den Eltern    offengelegt werden, damit die Kinder unter den Segen und Schutz Gottes kommen können.

In Hebräer 7,7 wird ein uraltes biblisches Prinzip für das Segnen deutlich gemacht: das/der Geringere wird von dem Höheren gesegnet.

  • Melchisedek segnete Abraham,
  • Die Priester sollten im Auftrag Gottes das Volk segnen,
  • Die Eltern sollen die Kinder segnen.

Wenn das gesamte Volk Gottes beauftragt wird, seine Feinde zu segnen, wieviel mehr gilt dies dann für die eigenen Hausgenossen!

In der Regel legt ein Stellvertreter aus der Leiterschaft der   Ortsgemeinde im Auftrag der Eltern dem entsprechenden Kind die Hände auf, betet und segnet das Kind im Namen Jesu. Auf Wunsch der Eltern werden auch Freunde der Familie, bzw. Vertrauenspersonen in das Segnungsgebet mit einbezogen.

Wir sehen die Praxis der Kindersegnung als eine in sich eigenständige und sowohl von der Bibel als auch durch das Handeln Jesu gedeckte Vorgehensweise an. Die Kinder gläubiger Eltern haben bestimmte Vorteile (siehe 1. Kor. 7,14: „Der ungläubige Mann ist jedoch geheiligt durch die gläubige Frau und die ungläubige Frau ist geheiligt durch den Bruder, denn sonst wären ja Eure Kinder unrein, nun aber sind sie heilig.“)

9.17. Der reiche Jüngling

           (Mt 19,16-30; Mk 10,17-27; Lk 18,18-30) (HUL)

 

Mt 19,16-26; Mk 10,17-27; Lukas 18,18-27)

 

Diese Geschichte erzählen alle drei Evangelisten. Jesus befindet sich noch in Peräa (östlich des Jordan) oder auf dem Weg nach Jericho. Der Mann, welcher auf Jesus zukommt, wird in den Texten als Jüngling, aber auch als Oberster bezeichnet.

 

Fragen:

  1. Wie bezeichnen die Evangelisten den Mann, der diese wichtige Frage stellt?

 

  1. Wie redet dieser Mann Jesus an? Warum weißt Jesus diese Anrede zurück?

 

  1. Kann ein Mensch ewiges Leben ererben durch das Halten des Gesetzes?

 

  1. Wie gut schneidet der Junge Mann ab? Ist Jesus mit ihm zufrieden?

 

  1. Warum stellt der Jüngling die Frage: „Was fehlt mir noch?“ Hat er ein schuldiges Gewissen, oder erwartet er noch eine Steigerung der Anerkennug?

 

  1. Warum fordert Jesus gerade in diesem Fall so viel?

 

  1. Warum nutzt der Jüngling nicht diese einzigartige Chance – EWIGES LEBEN IST GREIFBAR NAHE!

 

  1. Beschreibe das Entsetzen der Jünger. Wie viel haben sie verlassen?

 

  1. Was bedeutet dies alles für uns heute?

9.18. Der Lohn der Nachfolge (HUL)

(Mt.19,27-30; Mk. 10,28-31)

 

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9.19. Die Arbeiter im Weinberg (HUL)

(Mt 20,1-16)

 

1 Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg einzustellen.

2 Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg.

3 Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere müßig auf dem Markt stehen

4 und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist.

5 Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe.

6 Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da?

7 Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand eingestellt. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

8 Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten.

9 Da kamen, die um die elfte Stunde eingestellt waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen.

10 Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und auch sie empfingen ein jeder seinen Silbergroschen.

11 Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn

12 und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und Hitze getragen haben.

13 Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen?

14 Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir.

15 Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?

16 So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.

9.20. Vierte Leidensankündungung (PS)

(Mt 20,17-19; Mk 10,32-34; Lk 18,31-34)

 

Jesus und seine Jünger werden von vielen Menschen auf dem Weg in Richtung Jericho begleitet. Er kennt die Gedanken seiner Jünger und wiederholt den Ausgang seines Dienstes in Jerusalem – es ist die vierte Leidensankündigung.

  • Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. Sie aber begriffen nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie verstanden nicht, was damit gesagt war“ (Lk 18,31-34).
  1. Leidensankündigung: Mt 16,21-22;
  2. Leidensankündigung: Mt 17,9-12;
  3. Leidensankündigung: Mt 17,22-23;
  4. Leidensankündigung: Mt 20,17-19;
  5. Leidensankündigung: Mt 26,2

 

Lukas betont, das die Jünger ihn nicht verstanden haben und der Sinn der Rede ihnen verborgen war.

 

Fragen:

  1. Wo befand sich Jesus und seine Jünger?

 

  1. Warum spricht Jesus so oft von seinem Leiden?

 

  1. Warum verstehen die Jünger ihren Meister nicht?

 

  1. Warum wollen bis heute viele Menschen keinen leidenden Messias?

 

9.21. Johannes und Jakobus bitten Jesus um Ehrenplätze (HUL)

(Mt 20,20-28; Mk 10,35-45)

 

  • Da trat zu ihm die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen, fiel vor ihm nieder und wollte ihn um etwas bitten. Und er sprach zu ihr: Was willst du? Sie sprach zu ihm: Lass diese meine beiden Söhne sitzen in deinem Reich, einen zu deiner Rechten und den andern zu deiner Linken. Aber Jesus antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?2 Sie antworteten ihm: Ja, das können wir“ (Mt 20,20-22).

 

Zwei der zwölf Jünger, Jakobus und Johannes, machten sich ihre eigenen Gedanken über ihre Zukunft im Reiche Gottes. Sie haben ein bestimmtes, vom Alten Testament geprägtes Verständnis über das kommende Königreich Gottes. Und da sie alles um Jesu Willen aufgegeben haben, meinten sie Anspruch zu haben auf gute und ehrenvolle Posten. Dazu kommt noch hinzu, dass ihre Mutter (Salome) Jesus ebenfalls nachfolgte und diente, vom verwandschaftlichem Bezug ganz zu schweigen, der bei ihnen eventuell auch eine Rolle gespielt hat. Erhellen wir die Geschichte anhand von folgenden Fragen.

 

Fragen:

  1. Woher kommt das Streben der Menschen (auch der Jesusnachfolger) nach oben, nach

Position, nach Ehrenplätzen?

 

  1. Welche Rolle spielte die Mutter in dieser Geschichte?

 

  1. Wie geht Jesus mit diesem Bruderpaar um? Welche Zusage macht er ihnen und wie hat sie sich in deren Leben erfüllt?

 

  1. Wie schätzt du die Reaktion der zehn übrigen Jünger ein?

 

  1. Welche Lektion erteilt Jesus seinen Nachfolgern? Er stelt sich uns als Vorbild, was bedeutet es für uns, kommen wir heute damit klar?

 

 

9.22 Jesus besucht Zachäus den Zöllner in Jericho (HUL)

(Bibeltext: Lk 19,1-10)

 

Die folgende Geschichte der Begegnung Jesu mit Zachäus in Jericho wird nur von dem Evangelisten Lukas beschrieben. Sie gehört also zu dem sogenannten Sondergut des Autors.

Abbildung 13 Ein Maulbeerbaum in Jericho, der die Besucher des Ausgrabungsgeländes an die Geschichte mit Zachäus erinnert (Foto: V. Auinger 13. Juni 2016).

 

Und er (Jesus) ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen.“ (Lk 19,1-3).

 

Lukas hat erzählt von der Heilung des Blinden vor Jericho, Matthääus und Markus berichten davon als Jesus Jericho verlässt. Wir folgen in diesem Fall der Chronologie des Matthäus, da dieser Jünger selbst Augenzeuge der Ereignisse um Jericho war, während Lukas es von anderen gehört hat und aus, für uns unbekannten Gründen, die Blindenheilung des Bartimäus voranstellt.

Jesus zieht also vom Jordan kommend in Jericho ein. Es folgen ihm, wie so oft, viele Menschen. Auch in der Stadt wird er schon von vielen erwartet, bot doch die Lage der Stadt Jericho einen freien und weiten Blick in Richtung Osten zum Jordantal hin. Die Stadt war die erste Bastion beim Einzug der Israeliten im Gelobten Land. Auch sie kamen damals aus dem Ostjordanland. Die Stadt, auch als Palmenstadt bekannt (5Mose 34,3), hatte eine lange und bewegende Geschichte. Auch Jesus wird des öfteren hier vorbeigekommen sein. Dieses Mal bleibt er in Jericho zwei Tage, denn der folgende Tag ist ein Sabbat und so wird er erst am dritten Tag weiterreisen können. In Jericho wird er von allen Seiten von Menschen umdrängt, so dass ein offener Zugang zu ihm oder in seine Nähe nicht möglich ist.

Nun berichtet Lukas von einem Mann Namens Zachäus, dieser ist ein Oberzöllner und daher reich. Was ihm jedoch äußerlich fehlt, ist die übliche Mannesgröße. Lukas betont es ausdrücklich, um seinen Einfallsreichtum zu begründen. Der hier im Text erwähnte Baum (gr. `συκομορέαν – sykomorean`) ist eine sehr große, dichte und verzweigte Maulbeerfeigenbaumart. Auf diesem Baum kann sich Zachäus vor neugierigen Menschenaugen gut versteckt halten. Doch Jesus sieht nicht nur das Äußere, sondern bis tief in die Gedanken des Menschlichen Herzens hinein. Er bleibt unter dem Baum stehen, schaut hoch und ruft mit lauter Stimme: „Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren“ (Lk 19,5).

Damit lädt Jesus sich selbst ein, nicht ganz ungewöhnlich für die Kultur jenes Volkes, bedeutete es doch für den Gastgeber eine große Ehre. Die Reaktion von vielen im Volk ist nicht zu überhören, denn eine Welle der Entrüstung macht sich breit: „Bei einem Sünder ist er eingekehrt“ (Lk 19,7). Vermutlich kam die Unzufriedenheit auch diesmal aus den Reihen der Pharisäer, hatten sie sich doch auch an anderen Stellen ähnlich verhalten (Lk 15,2). Doch Jesus lässt sich niemals von der Meinung oder Stimmung von Menschen leiten oder beeiflussen. Er ist wie er selber sagte, auf der Suche nach Menschen, die gerettet werden können (Lk 19,10). Zachäus freut sich sehr, denn sein Verlangen (Begehren, Suchen) nach Jesus wird nun voll befriedigt werden (Lk 19,3).

Ferner fällt geradezu auf, dass Zachäus gleich zu Beginn vor Jesus seine Angelegenheit, welche ihn belastete regelte, oder klärte und dann erst das Gastmahl für Jesus und seine Jünger zubereitete. Das Gesetz über die Erstattung von Gestohlenem oder Veruntreutem forderte ein `Zweifaches` des Wertes: 2Mose 22,3. 6. 8;, Doch Zachäus stützt sich wohl auf die Festlegung des Königs David, wonach ein `Vierfaches` erstattet werden sollte: 2Sam 12,6.

Zachäus bekommt von Jesus Heil (gr. `σωτηρία – soteria – Rettung`) zugesprochen: „Heute ist diesem Haus (Familie) Rettung geworden denn auch er ist Abrahams Sohn.  Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen (retten), was verloren ist“ (Lk 19,9-10).

 

Fragen:

  1. In welchem lokalen Umfeld spielt sich diese Begegnung ab? Was ist dir über die Stadt Jericho bekannt?

 

  1. Beschreibe die Situation des Zachäus, wer ist er und was bewegt ihn?

 

  1. Jesus sieht tief in das Innere des Menschen, was bedeutet es für uns?

 

  1. Wie ist die Reaktion der (Pharisäer?), der Frommen, warum nehmen sie Anstoß am Verhalten von Jesus? Welche Menschengruppen sind uns heute unsympatisch?

 

  1. Jesus lädt sich selbst ein, ist dies normal? Gibt es in unserem Leben Situationen, bei denen wir ähnlich handeln würden?

 

  1. Was ist hier unter dem Begriff `Haus` gemeint? Was geschieht im Hause des Zachäus? Eine Predigt von Jesus, eine Ermahnung, ließt Jesus ihm die Leviten? Was können wir vom Verhalten Jesu für unsere Besuche und Gespräche mit Menschen lernen?

 

  1. Warum ist Zachäus auch ohne Aufforderung bereit die Hälfte seiner Güter den Armen zu geben und sogar eine vierfache Erstattung des Geraubten (Gestohlenen)? Was bewegt ihn? Merkst du den Kontrast zum Reichen Jüngling?

 

  1. Was bekommt Zachäus und seine Familie an diesem Tag?

 

  1. Wie und wo ist Jesus heute auf der Suche, um Verlorene zu retten?

 

9.23. Der blinde Bartimäus und sein Freund (HUL)

(Mt 20,29-34; Mk 10,46-52; Lk 18,35-43)

 

Mt Herr, Sohn Davids, erbarme dich unser

Mk- Sohn Davids, erbarme dich mein

Lk Jesus du Sohn Davids erbarme dich mein

 

Fragen:

  1. Wo und wann ereignete sich die Heilung des Blinden Bartimäus und seines Freundes?

 

  1. Wie ordnen wir es ein, dass Markus und Lukas nur von Bartimäus, Matthäus jedoch von zweien Blinden schreibt?

 

  1. Woher weiss der Blinde, dass Jesus der Sohn Davids ist und was bedeutete oder beinhaltete diese Anrede?

 

  1. Jesus ist unterwegs nach Jerusalem, doch er wird aufgehalten, was sagt es aus über die Person Jesu?

 

  1. Sucht Jesus Anhänger oder Jünger?

 

9.24 Das Gleichnis vom König, der sein Reich einnimmt (HUL)

(Lk 19,11-27)

 

Jesus verlässt die Palmenstadt Jericho am ersten Tag der jüdischen Arbeitswoche (Sonntag) und begibt sich nach Jerusalem. Sicher legen sie unterwegs auch Pausen ein. Und bei solch einer Gelegenheit, nicht weit von Jerusalem entfernt hält es Jesus für wichtig, auf die falschen Erwartungen der Menschen, die ihm nachfolgten, einzugehen.

  • „Während sie aber dies hörten, fügte er noch ein Gleichnis hinzu, weil er nahe bei Jerusalem war, und sie meinten, dass das Reich Gottes sogleich erscheinen sollte. Er sprach nun: Ein hochgeborener (edler) Mann zog in ein fernes Land, um ein Reich4 für sich zu empfangen und wiederzukommen. Er berief aber zehn seiner Knechte und gab ihnen zehn Pfunde und sprach zu ihnen: Handelt damit, bis ich wiederkomme! Seine Bürger aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser über uns König sei! Und es geschah, als er zurückkam, nachdem er das Reich empfangen hatte, da sagte er, man solle diese Knechte, denen er das Geld gegeben hatte, zu ihm rufen, damit er erfahre, was ein jeder erhandelt habe. Der erste aber kam herbei und sagte: Herr, dein Pfund hat zehn Pfunde hinzugewonnen. Und er sprach zu ihm: Recht so, du guter Knecht! Weil du im Geringsten treu warst, sollst du Vollmacht über zehn Städte haben. Und der zweite kam und sagte: Herr, dein Pfund hat fünf Pfunde eingetragen. Er sprach aber auch zu diesem: Und du, sei über fünf Städte! Und der andere kam und sagte: Herr, siehe, hier ist dein Pfund, das ich in einem Schweißtuch verwahrt hielt; denn ich fürchtete dich, weil du ein strenger Mann bist; du nimmst, was du nicht hingelegt, und du erntest, was du nicht gesät hast. Er spricht zu ihm: Aus deinem Mund werde ich dich richten, du böser Knecht! Du wusstest, dass ich ein strenger Mann bin, der ich nehme, was ich nicht hingelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe? Und warum hast du mein Geld nicht auf eine Bank gegeben, und wenn ich kam, hätte ich es mit Zinsen eingefordert? Und er sprach zu den Dabeistehenden: Nehmt das Pfund von ihm und gebt es dem, der die zehn Pfunde hat! Und sie sprachen zu ihm: Herr, er hat ja schon zehn Pfunde! Ich sage euch: Jedem, der da hat, wird gegeben werden; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst, was er hat, weggenommen werden. Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie König würde, bringt her und erschlagt sie vor mir“ (Lk1,11-27)!

 

Mehr als drei Jahre verkündigte Jesus das Hereinbrechen des Gottesreiches, doch vermochten seine Nachfolger, einschließlich seiner zwölf Jünger nicht begreifen, dass es sich um ein Reich handelt, welches von seiner Bschaffenheit nicht den Reichen dieser Welt entsprach, auch nicht dem von David errichteten Reich für Israel.

 

Fragen:

1 Wo befand sich Jesus, als er dieses Gleichnis erzählte und warum gerade hier?

 

  1. Wie viele Pfunde bekam jeder der zehn Knechte und mit welchem Auftrag und Verantwortung? Wie verlief die Abrechnung?

 

  1. Wo und wann hat sich die Aussage: „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ über Jesus als dem König Israels ausgesprochen worden?

 

  1. Wen spricht Jesus mit diesem Gleichnis an?

 

  1. Wer ist mit den Feinden im Gleichnis gemeint?

Kapitel 10: Die Passionswoche

10.1 Maria aus Betanien salbt Jesus zum Begräbnis

(Joh 12,1-11; 11,1-2;  Mt 26,6-16;  Mk 14,3-9)

 

Die Passionswoche dauerte gerade mal sechs Tage, so Johanns 12,1. Den Sabbat davor verbrachte Jesus in Jericho. Am ersten Tag der Woche, also an einem Sonntag zieht er mit seinen Jüngern und in Begleitung vieler Menschen den steilen und beschwerlichen Weg hinauf nach Jerusalem, bzw. nach Betanien, wo er bei seinen Freunden einkehrt und auch  übernachtet. Nach dem Bericht des Markus (Mk 11,11) schaut er sich am gleichen Abend in Jerusalem noch um, bevor er nach Betanien zum Abendessen und Übernachtung hinausgeht. Wir sehen diese Bemerkung als eine kleine Ergänzung an.

Die Salbung durch Maria geschah sechs Tage vor dem Passah (Joh 12,1). Bei den Synoptikern gibt es keine eindeutige zeitliche Angabe dafür, lediglich, dass es in der Passahwoche geschah (Mt 26,2; Mk 14,1). Wie die Gegenüberstellungen in der Tabelle zeigen, gibt es zwei zeitlich voneinander liegende Salbungen. Die eine in Lukas 7,36-50 beschriebene und die andere aus Johannes 12,1-11, um die es in diesem Abschnitt geht. Die nicht leicht zu beantwortende Frage ist nun, handelt es sich bei der Geschichte aus Lukas 7 auch um Maria (als ehemaligen stadtbekannten Sünderin), oder sind es ganz verschiedene Frauen, mit unterschiedlichen Anliegen? Ausgehend von Johannes 11,1-2 wo es heißt: „Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte“, könnte der Eindruck entstehen, dass,Johannes auf die Salbungsgeschichte in Lukas 7 beschriebene Bezug nimmt. Doch warum sollte er nicht die von ihm selbst im darauffolgenden 12 Kapitel beschriebenen gemeint haben? Es ist also dem Bibelleser nicht ganz leicht festzustellen, ob Maria, die Schwester von Martha und Lazarus aus Joh 12,1-11; 11,1-2 dieselbe Frau ist, von der uns Lukas in Kapitel 7,36-50 berichtet und die dort nicht beim Namen, sondern nur als Sünderin bezeichnet wird. Die Gegenüberstellungen in der Tabelle können zur Klärung beitragen.

 

Die Salbung aus dem Bericht des Lukas Die Salbung aus dem Bericht des Johannes
– Simon der Pharisäer ist kein Jünger von Jesus.

– Dieser Simon wohnt in einer Stadt (vermutlich in der Galiläagegend).

 

– Die Sünderin wohnte in der Stadt und Simon kannte sie.

 

 

– Die Frau weinte und benetzte die (nicht gewaschenen) Füße Jesu mit ihren Tränen (sie wusch sie sozusagen).

 

– Die Frau goß das Salböl nur auf die Füße Jesu.

 

– Bei Lukas steht die Vergebung der Sünden der Frau im Mittelpunkt der Geschichte.- Simon der ehemals Aussätzige ist ein Jesusnachfolger.

– Dieser Simon wohnt in einem Dorf Namens Betanien (nahe bei Jerusalem).

 

– Maria wohnt im Dorf Betanien und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Verwandt mit Simon.

 

– Maria salbte die (bereits gewaschenen) Füße Jesu.

 

 

– Maria goß das Salböl auf das Haupt und die Füße Jesu.

 

– Bei Johannes steht die Salbung Jesu zum Begräbnis im Mittelpunkt.

Das diese Salbungen

  • zu verschiedenen Zeiten,
  • an verschiedenen Orten,
  • aus unterschiedlichen Gründen durchgeführt wurden ist eindeutig.

Handelt es sich bei der Frau in Lukas 7,37-50 (stadtbekannte Sünderin) auch um Maria aus Betanien, oder handelt es sich dort um eine andere Frau?

– Für die erste Annahme spräche: Jedesmal wagt sich eine einzelne Frau unter die Männer,

zweimal salbt sie die Füße von Jesus und einmal sitzt sie zu seinen Füßen (eine gewisse Kontinuität im Verhalten einer Person wäre erkennbar).

Für die zweite Annahme spräche: Bei der Salbung aus Lukas 7,37-50 hätte Maria aus Betanien in die Stadt des Pharisäers Simon gehen müssen, dort durch ihr sündiges Verhalten einen negativen Bekanntheitsgrad erlangen. Dies wäre aber sehr unwahrscheinlich für ein Mädchen, dass in einem Dorf nahe bei Jerusalem aufgewachsen ist.

Dass Jesus während seiner früheren Jerusalembesuche nach Betanien kam, ist belegt (Lk 10,38-42). Hier bei seinen Freunden findet er jedes Mal gastliche Aufnahme mit seinen zwölf Jüngern. Zu den drei namentlich genannten Personen seiner Freunde (Lazarus, Martha, Maria), die er liebte, kommt noch eine weitere Person dazu, es ist Simon mit dem Beinamen `der Aussätzige`. Simon ist nach Matthäus und Markus der eigentliche Gastgeber dieses Abends. Martha ist, wie auch schon bei einem früheren Besuch (Lk 10,38f), für den Tischdienst (Diakonie) zuständig. Simon – Hausherr und Gastgeber, Martha in der Küche, hier scheint eine Verwandtschaftsbeziehung erkennbar zu sein. Sicher scheint jedoch, dass Simon von Jesus bereits bei dessen erstem Besuch in Betanien vom Aussatz gereinigt wurde. Lazarus, den Jesus vor wenigen Wochen von den Toten auferweckte, ist natürlich mit in der trauten Runde der Männer. Da macht sich wieder mal Maria bemerkbar, sie öffnet ein Alabastergefäß, bzw. bricht es auf, es ist gefüllt mit sehr wervollem, unverfällschtem Nardenöl. Sie gießt es Jesus auf sein Haupt, so Matthäus und Markus und auf die Füße, so Johannes. Damit ist der ganze Leib (Mt 26,112) gesalbt und das ganze Haus wurde erfüllt vom Duft des Salböls. Wegen der erwiesenen Güte, Liebe und Treue für die Familie, bringt sie ein vollkommenes Dankopfer dar. Doch von einem wird diese Tat völlig falsch bewertet. Nach Matthäus und Markus sind es etliche/einige Jünger (nicht alle) die sich zum Handeln von Maria unzufrieden äußern. Doch Johannes nennt den eigentlichen Verursacher des Murrens, es ist Judas, der Sohn des Iskariot, der als Kassenverwalter eine andere Beziehung zum Geld und sonstigen Wertsachen hatte. „Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben? Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war“ (Joh 12,5-6; vgl. Joh 6,70). Einige Jünger schließen sich ihm an. Hier wird mal wieder deutlich, wie schnell sich negative Stimmung ausbreitet auch unter den ehrlichen Jesusnachfolgern. Es ist ein Angriff auf Maria, die sich nach ihrer Meinung wieder mal ungehörig benimmt und es ist eine Lieblosigkeit gegenüber ihrem eigenen Meister. Hat er nicht viel mehr verdient, stünde ihm nicht viel mehr Ehre zu? Als Frau kann sich Maria selber nicht wehren, doch der Meister tritt für sie und auch für sich ein: „Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan“ (Mk 14,6). „Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit“ (Mk 14,7). Doch soll nicht Judas die Atmosphäre und den Inhalt des Abends  bestimmen. Und es soll schon gar nicht seine habgierige Art die Denkweise der Jünger bestimmen. Diese falsche Denkweise korrigiert Jesus bei seinen Jüngern. Er deutet diese Salbung als eine Voraussalbung zur Bestattung: „Da sprach Jesus: Lass sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses“ (Joh 12,7). Matthäus und Markus ergänzen dazu: „Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat“ (Mt 26,13). Jesus sieht bis tief in die Herzen der Menschen und erkennt deren Gedanken, Abwägungen und Motive für ihre Worte und Handlungen. Er ist die Wahrheit er spricht die Wahrheit, er tut die Wahrheit und durch diese Wahrheit bietet er den einen Hilfe zu Denkkorrekturen und den anderen Trost und Ermutigung.

 

Fragen:

  1. Wann, an welchem Wochentag kommt Jesus nach Betanien?
  1. Wieviel Geschichten über die Salbung Jesu gibt es? Wie oft wurde er insgesamt gesalbt?
  1. Was wissen wir über die Freunde von Jesus aus Betanien?
  1. Warum salbte Maria Jesus, was wusste sie oder was ahnte sie voraus?
  1. Wie reagieren die Jünger auf diese Handlung? Wie schnell macht sich eine Stimmung breit?
  1. Denkt Jesus nicht auch an die Armen, warum schließt er sich nicht der Meinung seiner Jünger an, sondern tadelt sie?
  1. Welche Verheißung bekommt Maria für ihre Einstellung und Haltung zu Jesus?
  1. Lassen sich die Jünger von Jesus korrigieren?

 

10.2. Jesus reitet auf einem Esel-Fohlen in Jerusalem ein

(Joh 12,13-19; Mt 21,1-11;  Mk 11,1-11; Lk 19,28-44; Sach 9,9; Psalm 118,26)

 

Alle vier Evangelisten berichten von dem Einzug Jesu in Jerusalem auf einem Esel-Fohlen.

Da die Synoptiker nur von einem Passahbesuch Jesu berichten, mussten sie zwangsläufig die Episode der Wiederherstellung der Tempelordnung in ihrem Evangelienbericht in die Passionswoche legen. Wir haben festgestellt, dass Jesus schon zu Beginn seines Dienstes die Tempelordnung wiederherstellte. Dies geschah nach Johannes 2,13-22 bei seinem ersten Jerusalembesuch (siehe die Anmerkung in Kap. 4.1).

Der Einzug von Jesus in Jerusalem auf einem Esel bildet einen  Höhepunkt in seiner Laufbahn. Es markiert auch den Beginn der letzten Etappe seines Dienstes. Bis jetzt lehnte er für sich jede Ehrung als König ab (Joh 6,15). Jetzt aber leitet er diesen Höhepunkt selber ein. Johannes berichtet uns: „Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen“ (Joh 12,13). Am nächsten oder folgenden Tag ist in diesem Textzusammenhang der zweite Tag der Woche, also unser Montag gemeint. Der Hauptgrund, warum so viel Volk ihm entgegen kam, war das Wunder der Auferweckung des Lazarus vor wenigen Wochen. Diese Nachricht sprach sich schnell herum, weil sehr viele Menschen Zeugen dieses Wunderzeichens wurden. Auch hier erkennen wir, wie Jesus planmäßig vorgegangen war und den Höhepunkt seines Dienstes vorbereitete. Bei den Jüngern, dem Volk und bei der Führung sollten keine Zweifel bleiben in Bezug auf seine Messianität, auch wenn sie dies erst nach seiner Auferstehung erkennen würden. Er wollte zum Ende seines Dienstes ganz bewusst als Messias-König auftreten, wie durch die Schriften des Alten Testamentes deutlich vorausgesagt wurde (2Sam 7,11-15; Sach 9,9 Nachkomme Davids – König Israels).

Als Jesus und seine Jünger in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte er zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet sie (beide) los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: „Der Herr bedarf ihrer“. Sogleich wird er (der Herr) sie euch zurücksenden“ (Zusammengesetzt aus den Evangelientexten).

Das Dorf Betfage befand sich wahrscheinlich gegenüber von Betanien, ebenfalls in der Nähe des Ölbergs. Jede Handlung von Jesus hat seinen tiefen Sinn, auch wenn die Menschen ihn nicht immer verstanden haben. Er wählt sich als Gefährt ein noch unverbrauchtes und auch unerfahrenes Esel-Fohlen.

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Abbildung 14 Eselin und ihr Fohlen im Gehege am Wegrand östlich der Stadt Kos auf der Ägäischen Insel Kos (Foto am 16.Mai 2015).

 

Und sie gingen hin und fanden das Fohlen angebunden an einer Tür draußen am Weg und banden’s los. Als sie aber das Fohlen losbanden, sprachen die Besitzer zu ihnen: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie aber sprachen: „Der Herr bedarf ihrer“. und die ließen’s zu. Und sie brachten die Eselin und das Fohlen und legten ihre Kleider darauf und Jesus setzte sich darauf“ (aus den Evangelien zusammengesetzter Text).

 

Welch ein Kontrast zu dem Siegeseinzug der Weltherrscher, die hoch zu Ros in die von ihnen eroberten Städte einzogen. „Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Fohlen, dem Jungen eines LasttiersDas verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte“ (aus den Evangelien zusammengesetzter Text). Es ist nicht das eine Mal, dass die Jünger ihr eigenes Tun oder das Tun ihres Meisters nicht gleich verstehen, auch später bei der Fußwaschung soll Petrus im Vertrauen gehorchen/tun, was Jesus anordnet, das nennt man Glaubensgehorsam. Umso größer ist die Freude danach, wenn das Geheimnis gelüftet wird. Die Zusammenhänge zwischen den Aussagen der Propheten, den Aussagen  Jesu und seinem Werk der Erlösung verstanden die Jünger erst nach seiner Auferstehung und zwar erst dann, als Jesus ihnen ihr Verständnis öffnete. „Da öffnete er ihnen das Verständnis, sodass sie die Schrift verstanden“ Lk 24,45).

Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: „Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!“ (aus den Evangelien zusammengesetzter Text). Natürlich hatten alle eine falsche, bzw. materialistische Vorstellung, wie dieses Davidische Königreich aussehen wird. Und trotzdem lässt Jesus das Volk und seine Jünger gewähren, ihm in vollem Maß die Ehre zu geben. „Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten“. Das gefiel nicht allen, Neid kam bei den Pharisäern auf. Der von der Führung Israels gesuchte `Aufrührer` wird so offen als König Israels geehrt. „Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ Er antwortete und sprach: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“ Bis dahin verbot er seinen Jüngern strengstens, dass sie Niemandem sagen sollten, dass er der Messias/Christus wäre (Mt 16,20; Mk 7,36; 8,29-30; 9,9; Lk 9,20) jetzt aber dürfen sie es hinausrufen.

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was dir zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.Denn es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du (gnädig) heimgesucht worden bist“ (Lk 19,41-44).

Welch ein Kontrast! Jesus wird bejubelt, er aber weint, denn er sieht die Herzenseinstellung der großen Menge und der Einzelnen. Er weiß um die falschen Erwartungen des Volkes und deren Enttäuschung danach. Er sieht die Kurz- und Langzeitfolgen, welche diese Blindheit und Verhärtung nach sich ziehen wird.

Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: „Wer ist der?“ Die Menge aber sprach: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa.“ 

Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.“ Es war eine große Stunde für Jesus, das gesamte Volk stand hinter ihm. Und im sogenannten Schutz des Volkes konnte er noch einige Tage ganz frei im Tempel öffentlich auftreten. „Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach“ (Joh 12,19). Am Fuß der Tempelstufen steigt Jesus vom Esel-Fohlen, schickt es zurück, geht in den Tempel hinauf und lehrt, was seiner Haupttätigkeit entsprach.

 

Fragen:

  1. Wer begleitete Jesus auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem?
  2. Wann kam Jesus in Jerusalem an? Nenne den Wochentag und Tageszeit, begründe deine Aussagen.
  3. Was geschah noch an diesem Abend?
  4. Wo übernachtete er von Sonntag auf Montag?
  5. Montagmorgen – Mit welchem Auftrag schickt Jesus zwei von seinen Jüngern in das Dorf Betfage? Welche Details nennt Jesus in Bezug auf die Besitzer der Eselin?
  6. Was steht hinter dieser Handlung? Nenne Eigenschaften von Jesus, die hier sehr deutlich hervortreten?
  7. Begründe, warum lässt Jesus es an diesem Tag zu, dass seine Jünger und das Volk ihn als den David-Sohn (König Israels) ehren?
  8. Doch wer freut sich nicht, dass Jesus geehrt wird und warum?
  9. Was steckt hinter dem emotionalen Ausbruch (weinen) bei Jesus, als er die Stadt und deren Menschen vor sich sieht?
  10. Die Krönung im Tempel bleibt aus, womit beschäftigt sich Jesus?

10.3. Jesus lehrt im Tempel

(Joh 12,20-50)

 

Nachdem Jesus das Kidrontal in Begleitung der vielen Menschen durchritten hatte, nähert er sich dem Tempeleingang von Süden her. Die Eselin mit dem Fohlen werden wie versprochen an die Eigentümer zurückgesandt. Jesus steigt die Treppen hinauf zum Tempelgelände. In einer der Tempelhallen beginnt er seinen Lehrdienst. Die vom Volk erwartete Krönung bleibt aus, doch Johannes berichtet uns von weiteren wichtigen Ereignissen während dieses Tages.

a. Griechische Pilger wollen Jesus sehen

Der Tempelbezirk war in verschiedene Bereiche unterteilt. Es gab nach dem Eingang einen Vorhof, in dem sich auch Heiden aufhalten konnten. Schrifttafeln wiesen in mehreren Sprachen darauf hin, dass der weitere Zugang für Ungläubige unter Todesstrafe steht.

  • Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.  Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. (Joh 12,20-23).

Nur der Evangelist Johannes berichtet uns von dem Besuch der Griechen (gr. Ελληνες – Ellines) zum Passahfest. Auf dem Hintergrund der zahllosen griechisch/römischen  Götterkulte, zog es viele Heiden zu dem Monotheismus der Juden. Es war also nichts Ungewöhnliches, dass gottesfürchtige Heiden zu den jüdischen Festen nach Jerusalem kamen um anzubeten (Apg 8,27 – äthiopischer Kämmerer). Entweder hielten sie sich im Vorhof der Heiden auf oder sie waren Proselyten – Heiden, die durch den Ritus der Beschneidung zum Judentum konvertierten mit allen Pflichten und Rechten. Diese konnten sich dann frei und ungehindert im Tempel aufhalten. Wieder sind es Ausländer, Fremde, die großes Interesse an Jesus zeigen. Interessant ist ihr Zugang zu Jesus, anscheinend trauen sie sich nicht zu Jesus vorzudringen. Sie sprechen Philippus an, den Jünger von Jesus, der neben seinem griechischen Namen auch noch aus dem galiläischen Betsaida kommt. Ihre Bitte lautet: „Herr, wir wollten Jesus gerne sehen“. Vielleicht aus Sicherheitsgründen, informiert Philippus den Andreas, welcher ebenfalls aus Betsaida stammte und wahrscheinlich eine nähere Beziehung zu Jesus hate, da er zu den zwei ersten Jüngern von Jesus gehört (Joh 1,40). Jesus nimmt diese Nachricht und das große Interesse der Fremden sehr ernst. In den Evangelienberichten wird von keiner Begegnung mit Nichtjuden berichtet, bei der Jesus abgelehnt worden wäre, außer von den Bewohnern der Dekapolis, die vor lauter Schreck über das Geschehene, Jesus baten ihre Gegend zu verlassen (Mk 5,17) und  Pilatus, aber auch dieser suchte nach einer Möglichkeit, um Jesus freizulassen (Joh 19,12). Nun wendet Jesus sich an seine Jünger und wohl auch an die Griechen mit den Worten: „Die Zeit (Sunde) ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde“. Für Zeit steht im Griechischen `Stunde`. Erinnern wir uns an die Episode bei der Hochzeit in Kana zu Beginn seines Dienstes? Dort sagt er zu Maria seiner Mutter: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4). Doch nun ist sie da, die Stunde der Offenbarung seiner Herrlichkeit. Wenn Jesus von seiner Verherrlichung spricht, dann schließt es neben seiner Auferstehung auch sein Leiden und Sterben mit ein. Und nun werden diese Griechen Zeugen von einer Bildrede, die im Kern das Werk Christi – seinen bevorstehenden Tod – zum Inhalt hat. Sie sind gerade zur richtigen Zeit gekommen. In den nächsten Tagen werden sie Jesus sehen und erleben, wer er wirklich ist. Gott weiß also die aufrichtig suchenden Menschen zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu führen.

 

b. Leben entsteht durch Sterben

Jesus spricht gerne und oft in Bildern und zwar aus den verschiedensten Lebensbereichen. Hier nimmt er ein Bild aus der Landwirtschaft und füllt es mit einem tiefen geistlichen Sinn. Er bezieht es zuerst auf sich und dann auch auf seine Nachfolger.

Abbildung 15 Weizenähre (Foto: V. Auinger am 14. August 2016).

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben (ψυχην – psychen) lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben (ψυχην) auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben (αιωνιον ζωην). Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ (Joh 12,24-26).

 

 

Ein Weizenkorn kann Jahre in einem trockenen Raum liegen, ohne sich in seiner Substanz zu verändern. Doch sobald es in die feuchte Erde gelangt, beginnt ein Prozess des Sterbens der verschiedenen Schichten über dem Kern, Und dieser innere Kern, welchen Gott mit Lebensfähigkeit geschaffen hat, beginnt zu keimen. Dies ist uns bekannt aus der Landwirtschaft und die Biochemiker geben die Erklärung dazu. Doch was versteht Jesus unter dem Sterben, was meint er mit „Wer sein Leben (ψυχην – psychen) verliert, oder hasst, der wird’s finden“? In erster Linie spricht Jesus von der Hingabe seines eigenen Lebens als Lösegeld wegen der Sünden zur Erlösung Vieler. Den griechischen Begriff `ψυχη – psyche` verwendet Johannes in diesem Zusammenhang für die körperliche/physische, irdische Existenz von Jesus (im Deutschen mit `Leben` übersetzt), so auch in Kapitel 10,11. 15. 17 wo Jesus ebenfalls dreimal von der Hingabe seines körperlichen Lebens (ψυχη – psyche) spricht. So auch in 1Mose 9,4 und 3Mose 17,14 wo für das physisch/körperliche Leben ebenfalls `ψυχη – psyche` steht. Mit diesem, für diese irdische Zeit bestimmten Leben (körperliche Existenz) soll der Mensch sorgfältig umgehen, es pflegen und versorgen, denn es ist die Behausung des menschlichen Geistes und auch die Behausung des Heiligen Geistes im Gläubigen (1Kor 2,11; 6,19). Das Leben in den Tod zu geben wie Jesus es meint, hat nichts mit der Selbstgeißelung und übertriebenen körperlichen Askese zu tun. Doch sich selbst schonen, den eigenen irdischen Vorteil zu suchen oder bewahren gegen Gottes Willen und gegen die Prinzipien seines Reiches, ist Egoismus und verhindert das Entstehen von geistlichem Leben. Daher bleibt der Mensch ohne geistliche Frucht des ewigen Lebens. Erinnern wir uns an die Episode, bei der Jesus  zum erstenmal von seinem Leiden und Sterben spricht und wo Petrus sich vor den Herrn stellt und auf ihn hefrig einredet: „Der Herr sei dir gnädig, es soll nicht so geschehen“ (sinngemäß übersetzt aus Mt 16,22). Auch dort antwortete Jesus mit ähnlichen Worten: „Wer sein Leben (ψυχην) retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben (ψυχην) verliert um meinetwillen, der wird es finden“ (Mt 16,25). So erkennen wir eine Kontinuität in der Lebenseinstellung von Jesus, die auch schon durch den Propheten Jesaja vorausgesagt wurde, dass der Messias leiden und sterben würde: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat1 willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben (ψυχην) zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“ (Jes 53,4-12). Wie ein einzelnes Weizenkorn gibt Jesus sein Leben in den Tod und erwirkt damit geistliches ewiges Leben für die Vielen.

Doch was in erster Linie in so vollkommener Weise Jesus durchlebt, mutet er auch seinen Nachfolgern zu. Sie werden zum neuen, geistlichen Leben erweckt und zu viel geistlicher Frucht befähigt, wenn sie ihr vergängliches Leben zugunsten des geistlichen ewigen Lebens hinten anstellen. Auch hier gilt es, klar den geistlichen Gehalt hinter dem Buchstaben der Worte Jesu zu erkennen.

  • Es gilt, die durch die Sünde durchtränkte Natur des verdorbenen menschllichen Herzens zu erkennen,
  • Sich zu trennen von der Sünde des Unglaubens, des Egoismus, des Stolzes, des  Neides, der Habgier, der Rechthaberei und sonstigen abgöttischen Lebensweise. Dies kann in einer Grundsatzentscheidung geschehen und dann beständig im alltäglichen Kampf gegen die Sünde fortgesetzt werden.

Jesus verspricht seinen Nachfolgern, die ihm dienen, dass sie bei ihm in der Herrlichkeit seines Vaters, die Ewigkeit verbringen werden (Joh 12,26; 14,1-3). Aber auch schon für diese Zeit sagt er uns die Zuneigung und Würdigung seines Vaters zu – welch eine Ehrung!

 

  1. Jesus wird vom Vater verherrlicht

Es ist erstaunlich, wie Jesus immer wieder in der Öffentlichkeit seine inneren Empfindungen offenbart. „Jetzt ist meine Seele (ψυχη) betrübt (erschüttert). Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen“ (Joh 12,27). Und dann folgt ein öffentliches kurzes Gebet zu Gott, eine Bitte in vier Worten: „Vater, verherrliche deinen Namen“! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen“ (Joh 12,28). Haben wir richtig gelesen? Bittet Jesus um die Verherrlichung des Vater-Namens? Hat er nicht kurz zuvor gesagt, dass die Stunde gekommen sei, wo der Menschensohn verherrlicht werde (Joh 12,23)? Doch indem der Vater vom Himmel mit hörbarer Stimme seinen Namen verherrlicht, bekennt er sich öffentlich zu seinem Sohn. Was für eine Schönheit in der Beziehung – der Sohn verherrlicht den Vater und der Vater verherrlicht den Sohn. Keine Spur von Egoismus, Ichbezogenheit bei Jesus. Doch was hört das Volk? „Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel hat mit ihm geredet“ (Joh 12,29). Es ist eine gewaltige Stimme vom Himmel geschehen. Sie erinnert an die Offenbarung Gottes in der Wüste am Horeb, wo Gott akustisch hörbar zu ganz Israel redete (2Mose 19,19). Ein unüberhörbares Zeichen vom Himmel, das nicht auf Bestellung von Menschen, sondern auf die ausdrückliche Bitte des Sohnes geschah. Und Jesus adressiert, kommentiert, erklärt diese Stimme sowie deren Gehalt und Auswirkung. „Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen“ (V. 30). Jesus ringt um das Volk, um in ihnen Glauben zu wecken auch durch dieses Zeichen. Und er fährt fort mit der Offenbarung dessen, was hinter den Kulissen dieser Welt nun vor sich geht: „Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen; das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde“ (V. 30-32). Jesus spricht hier vom Gericht über die Welt und das Gericht über den Fürsten dieser Welt, so seine Erklärung in Kapitel 16,11 „über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“ Das Gerichtsurteil über den Feind Gottes ist gefällt, wie auch Paulus später im Brief an die Kolosser hervorhebt: „Er (Gott) hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus“ (Kol 2,15). Jesus spricht im voraus von den gewaltigen Auswirkungen seines Todes und seiner Auferstehung. Es ist die Art des Vaters und auch des Sohnes, die reale Erfüllung seines Planes vorauszusagen. Mit dem Kreuzestod und der Auferstehung von Jesus, verliert der Fürst dieser Welt (der Teufel und sein Gefolge) die Macht. Denn ausgestoßen werden nach draußen (wohin auch immer) bedeutet Entfernung und daher auch Machtverlust. Ob das von Johannes geschaute und aufgeschriebene Ereignis in Offenbarung 12,10-11 identisch ist mit dem, was Jesus hier sagt: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger (gr. κατηγορ – kategor) unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“

Bis jetzt hat Jesus immer nur seinen Jüngern von seinem Kreuzestod gesagt, nun aber offenbart er es dem Volk, so dass auch sie nach wenigen Tagen die Realität der Erfüllung mit Jesu Voraussage vergleichen könnten – auch dies ist eine Glaubenshilfe.

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn“ (V. 34)? Typisch für Johannes ist, dass er zweimal die Aussagen von Jesus über dessen Erhöhung aufgeschrieben hat und jedes Mal deutet er es auf seinen Kreuzestod. „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“ (Joh 3,14-15). Auf die Frage des Volkes: „Wer ist dieser Menschensohn“, gibt Jesus keine direkte Antwort, sondern spricht wieder in der schon gewohnten Bildersprache: „Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.

Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet“ (Joh 12,35-36). Nicht nur hier, sondern in den meisten Fällen spricht Jesus von sich in der 3. Person. Das Element Licht verwendet Jesus öfters in seinen Bildreden und deutet es auf seine Person (Joh 1,5. 7. 9; 8,12 – „Ich bin das Licht der Welt“). Noch eine kleine Zeit, nur noch wenige Tage ist er leibhaftig unter den Menschen. Wiederum ein herzliches, fast bittendes Werben um Nachfolge. Er wirbt um den Glauben des Volkes, der große Auswirkungen haben könnte. Im Licht wandeln oder bleiben bedeutet bei der Wahrheit, wie sie Jesus lebte und verkündigte, zu bleiben. An das Licht glauben, bedeutet Jesus und seinem Wort völlig vertrauen. Kinder/Söhne des Lichts zu sein war für die Juden wohl bekannte Bezeichnung aus der Glaubensgemeinschaft der Essener am Nordwestufer des Toten Meeres. Doch hier ist der Licht-Bezug zur Person Jesu, als Messias für die meisten seiner Zuhörer neu.

 

d. Das Ergebnis dieses Tages

Das Ergebnis dieses Tages (aber auch der Gesamttätigkeit Jesu in Jerusalem) beschreibt Johannes in zweierlei Richtungen.

  1. Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn“ (Joh 12,37). Das Volk ist hin- und hergerissen, mal erwartungsvoll begeistert, dann begierig auf Zeichen, wiederum unschlüssig, es fehlt die Bereitschaft zur letzten Konsequenz – dem offenen und mutigen Bekenntnis zu Jesus als dem Messias Israels.

Johannes fügt noch etwas Wichtiges hinzu, was gewisse Fragen in Bezug auf die Glaubensfähigkeit des Menschen aufwirft: „Damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?«  Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt (Jesaja 6,9-10): »Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich ihnen helfe.« ´Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm“ (Joh 12,38-41). Es gibt also Zeiten, in denen Gott den Menschen zugewandt ist und es gibt Zeiten, in denen Gott sich abwendet. Das hat natürlich zum einen mit der Souveränität Gottes zu tun, aber auch mit der Verstocktheit des Menschen, wenn er die sogenannten Zeiten in denen er von Gott gnädig angesehen ist, nicht erkennt, bzw. nicht nutzt, so Jesus in Lukas 19,44: „weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist“. Zu vergleichen auch mit dem „Heute“ aus dem Nazaretbesuch (Lk 4,21) oder dem: „Heute, so ihr seine Stimme hört …“ aus dem Psalm 95,7; Hebr 3,7. 15; 4,7).

 

  1. Zum Ergebnis des Wirkens Jesu gehört auch folgende Feststellung des Evangelisten Johannes: „Doch auch von den Oberen glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. Denn sie hatten lieber Ehre bei den Menschen als Ehre bei Gott“ (Joh 12,42-43). Mangelnde oder unklare Gotteserkenntnis, religiöser Traditionalismus, der eine halbherzige Gottesbeziehung zur Folge hat, Menschenfurcht, Ansehen in dieser Welt, Gruppendynamische Zwänge sind die Hindernisse oder Barrieren zu einem klaren und mutigen Jesus-Bekenntnis.

Doch Jesus gibt nicht auf, er winkt nicht ab, er dreht sich nicht weg, sondern wirbt unermüdlich für den Glauben, denn er will retten, erlösen, befreien. Er weiß, dass nach seinem Tod viele an ihre Brust schlagen werden als Zeichen der Reue, er weiß, dass nach etwa zwei Monaten tausende vom Volk und viele der Oberen sich öffentlich zu ihm wenden und ihn als Messias/Christus anerkennen werden. Er predigt, ruft wie ein Herold, wendet sich an den Einzelnen mit Vollmacht und Kraft des Wortes, welches Früchte tragen wird: „Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben. Darum: was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat“ (Joh 12,44-50). Was für eine Intensität, was für eine Tiefe Ergebenheit dem Vater und dessen Auftrag!

Auch dieser zweite Tag der Woche neigte sich dem Ende zu und Jesus ging zum Tempel hinaus und: „Er verbarg sich vor ihnen“, dieser Ausdruck verrät die angespannte Situation – Jesus war lebensgefärdet. Er geht hinaus vor die Stadt nach Betanien, denn am nächsten Morgen bricht er von dort auf, um wieder nach Jerusalem zu gehen (Mk 11,12).

 

Fragen:

  1. Wo befindet sich Jesus und was ist seine Haupttätigkeit an diesem zweiten Tag der Woche?
  2. Wer umgibt ihn und wer ist ganz besonders an ihm interessiert?
  3. Was waren die einzelnen Themen in seiner Lehrtätigkeit?
  4. Welche Bilder verwendet Jesus und welchen Sinn legt er in diese hinein?
  5. Wie intensiv ist die Beteiligung des Volkes – Anmerkungen, Fragen?
  6. Welches Ereignis/Zeichen der Herrlichkeit Gottes geschah an diesem Tag und warum?
  7. Beschreibe die Einstellung Jesu zu Gott seinem Vater und zu dem Volk.
  8. Nenne die Kurz- und Langzeitergebnisse des Dientes von Jesus.

 

 

10.4. Jesus verflucht einen fruchtlosen Feigenbaum

(Mt 22,18-22; Mk 11,12-14; 19-24)

 

Das Ereignis mit dem Feigenbaum, den Jesus verdorren lässt, haben Matthäus und Markus aufgeschrieben. Beide ordnen es in die Passionswoche ein. Da der Evangelist Markus diese Geschichte in zwei Teilen beschreibt, gehen wir zunächst von seinem Text aus. „Und am nächsten Tag, als sie von Betanien weggingen, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum von ferne, der Blätter hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit für Feigen. Da fing Jesus an und sprach zu ihm: Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das“ (Mk 11,12-14).

Beachten wir zunächst einige äußere Details dieser einmaligen und einzigartigen Geschichte. Jesus bricht mit seinen Jüngern von Betanien früh am Morgen auf, um in das nur drei Kilometer entfernte Jerusalem zu gehen. Wir zählen diesen Morgen dem 3. Wochentag zu – das wäre unser Dienstag. Gut möglich, dass seine Jünger im Haus der Martha gefrühstückt hatten, Jesus aber die frühen Morgenstunde zum Gebet nutzte und später auf dem Weg auch etwas essen wollte. Auf jeden Fall betont Markus, dass Jesus hungrig war. Wie real menschlich war doch der Menschensohn Jesus. Von Betanien her kommend, geht Jesus an Bethfage vorbei, dem Haus der Feigen, so die Bedeutung des Ortsnamens. Seine Aufmerksamkeit wird auf einen üppig grünenden Feigenbaum gelenkt der am Wegesrand oder etwas abseits des Weges wuchs. Aus der Entfernung ist nicht zu erkennen, ob sich unter dem dichten Laub Feigen verbergen. Der Feigenbaum kommt in biblischen Erzählungen häufig vor. Er ist die einzige Baumart, die im Garten Eden erwähnt wird, wenn auch nur indirekt (1Mose 3,7).

Abbildung 16 Ein riesengroßer Feigenbaum auf der Insel Kos im Ägäischen Meer. Aus dieser Entfernung ist es wegen dem dichten Blätterlaub nicht  auszumachen ob sich darunter Früchte verbergen (Foto am 14. Mai 2015).

Jesus geht zu ihm hin und erst aus der Nähe stellt er fest, dass der Baum fruchtlos ist. Sofort und ohne auf die Ankunft der Jünger zu warten, spricht er spontan die Worte aus: „Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das“ (Mk 11,14). Die Jünger befinden sich zwar in einiger Entfernung hinter Jesus, hören aber was er ausspricht. Nach dem Bericht des Markus wenden sich die Jünger (Petrus) nicht sofort an Jesus, sondern erst am folgenden Morgen. Nach Matthäus 21,20b verwunderten sich die Jünger und sagten (nicht zu Jesus, sondern zu einander): „wie ist der Feigenbaum sofort verdorrt“? Markus fährt knapp fort mit den Worten: „Und sie kamen nach Jerusalem und Jesus ging in den Tempel“ (Mk 11,15a). Hier stellen sich mehrere Fragen:

  1. Warum sucht und erwartet Jesus Feigen, wenn er doch geneu weiß, dass es noch nicht Erntezeit für reife Früchte ist (Mk 11,13)?

Der eigentliche Grund für die Verfluchung des Feigenbaumes war der: „Jesus fand darauf keine Frucht, nur Blätter“. An dieser Stelle ist es sinnvoll, einiges über die Beschaffenheit des Feigenbaumes zu erfahren. Obwohl die Zeit für (reife) Früchte noch nicht da war, hätte es bei einem fruchtbaren Baum Zeichen der Früchte gegeben haben müssen. Häufig zeigen sich die kleinen  Früchteknospen (die Blühte ist innerhalb der Frucht) schon bevor Blätter spriesen. Dies gilt besonders für die milden klimatischen Verhältnisse am Osthang des Ölbergs, wo Bethfage und Betanien lagen.

Oft reifen die Spätfeigen vom Vorjahr (November/Dezember) erst in den Frühlingsmonaten voll aus und sind sehr begehrt wegen ihrer besonderen Süße (Jes 28,4). Ludwig Schneller, evangelischer Pastor in Bethlehem zählte im Frühjahr 1888 in seinem Garten etwa 1500 solcher Spät- bzw. Frühfeigen (1994, 282).

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Abbildung 17 Es ist Februar auf Zypern, die Blätter kommen erst gegen Anfang März, doch vom Vorjahr sind viele Feigen in unterschiedlicher Größe und Reife zu sehen  (Foto am 7. Februar 2007).

Auch solche fand Jesus nicht auf dem besagten Feigenbaum vor. Dies ist ebenfalls ein Hinweis für die Fruchtlosigkeit des Baumes.

Wenn dieser Feigenbaum gegen Ende März/Anfang April noch gar keine Anzeichen von Jungfrüchten hatte, dann war er fruchtlos. Nicht vorstellbar wäre eine Deutung, wonach Jesus nur aus einer Laune heraus und weil er Hunger hatte, seinem Ärger Luft gemacht hätte, sein Urteil war berechtigt und begründet. Übrigens lässt sich im gesamten östlichen Mittelmeerraum beobachten, dass häufig Früchte (nicht nur Feigen) in noch unreifem Zustand mit besonderer Vorliebe gegessen werden,

Trotz diesen plausiblen Erklärungen stellt sich die 2. Frage: Warum verflucht Jesus den Feigenbaum und gibt ihm keine weitere Chance mehr, wo er doch in einem Gleichnis  einem Feigenbaum sogar nach drei fruchtlosen Jahren ein weiteres Jahr einräumt (Lk 13,6-9)? Gelegentlich wird die totale Verdorrung des Feigenbaumes in der Nähe Jerusalems und zum Ende des Dienstes von Jesus, auf das gesamte Volk Israel bezogen. Doch im Text und den Erklärungen, die Jesus selbst seinen Jüngern gibt, deutet nichts darauf hin. Daher ist mit dieser Deutung größte Zurückhaltung geboten, denn es soll mit Israel nicht ganz aus sein, sondern der Überrest soll gerettet werden (Jes 10,21-23; Lk 12,32; Joh 10,16; Röm 9,27) und durch diesen geretteten Überrest soll die Frohe Botschaft zu den Völkern kommen, wie es später nach Pfingsten auch eingetroffen ist (Apg 2-12; Röm 9-11). Allerdings kann dieses totale und endgültige Verdorren des Baumes auf einzelne Menschen gedeutet werden, die offensichtlich Gottes Gnade dauerhaft ablehnen, oder gar Missbrauchen (Mt 11,21-wegen Lästerung des Geistes; 27,4-5-Judas; Apg 5,1ff-Ananias und Saphira).

Und als sie am Morgen an dem Feigenbaum vorbeigingen, sahen sie, dass er verdorrt war bis zur Wurzel. Und Petrus dachte daran und sprach zu ihm: Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt“ (Mk 11,20-21). Dieser Morgen war bereits der Morgen des 4. Wochentages, also der Mittwoch. Und wieder ist es Petrus, der das was die Jünger am Vortag untereinander mit Verwunderung aussprachen, jetzt direkt vor Jesus ausspricht. „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer!, und zweifelte nicht in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen werde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen. Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteil werden“ (Mk 11,22-24).

Es fällt geradezu auf, dass Jesus sehr stark auf die Kraft und Macht des Glaubens hinweist, durch den die Jünger Berge versetzen vermögen. Doch dieser Glaube muß auf Gott ausgerichtet sein. Eine wichtige Voraussetzung für erhörliches Beten liegt in den Worten Jesu: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen“ (Mk 11,25-26). Doch im Grunde geht es bei der gesamten Geschichte um den geordneten Glaubensbezug zu Gott und dieser Glaube war bei den Jüngern in anbetracht des bevorstehenden Leidensweges Jesu mangelhaft und fehlte bei Judas gänzlich.

 

Fragen:

  1. Beschreibe die zeitlichen und örtlichen Details dieser Geschichte.
    1. Forsche nach, wo der Feigenbaum in der Bibel genannt wird und in welchem Zusammenhang?
    2. Beschreibe die Besonderheiten des Feigenbaumes und seiner Früchte.
    3. Welches ist der Hauptgedanke oder die Lehre aus dieser Geschichte? Was will Jesus seinen Jüngern dadurch nahe bringen?

 

 

Ausdrücklich in der Bibel genannt ist die Frühfeige. Die sogenannte Frühfeige. „Und die welke Blume ihrer lieblichen Herrlichkeit, die da prangt hoch über dem fetten Tal, wird sein wie eine Frühfeige vor dem Sommer, die einer erspäht und flugs aus der Hand verschlingt“ (Jes 28,4).

 

 

Mt 24,32 An dem Feigenbaum lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige jetzt saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.

Mk 13,28 An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn jetzt seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist.

 

10.5. Die Frage nach der Vollmacht und woher ist die Taufe des Johannes?

(Mt 21,23-27; Mk 11,27-33)

 

Jesus geht seiner wichtigsten Tätigkeit nach und lehrt öffentlich im Tempel. Immer wieder lässt er sich unterbrechen durch die Fragen der Zuhörer. Viel Zeit investiert Jesus in die Diskussionen mit den führenden Gruppen im Judentum, den Schriftgelehrten, Pharisäern, Sadduzäern, Ältesten und Hohenpriestern. Ständig fordern sie ihn mit ihren kritischen Fragen oder Versuchungen heraus. Er nutzt diese Herausforderungen, um seine Gegner aus ihrer Verhärtung herauszubringen. Matthäus schreibt: „Und als er in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten …“ (Mt 21,23). Nun folgt der Text des Markus, welcher etwas ausführlicher ist. „Aus welcher Vollmacht tust du das? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben, dass du das tust (Mk 11,29)? Eigentlich ist es eine Doppelfrage von den Führenden Juden. Dies drückt aus, dass sie von Jesus eine genaue und detaillierte Antwort  erwarten. Die Frage nach der Vollmacht wurde Jesus mehrmals gestellt, wenn auch unterschiedlich formuliert. Zum ersten Mal bei seinem ersten Jerusalembesuch. So lesen wir in Johannes 2,18: „Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst?“ Damals betraf es die Aktion mit der Vertreibung der Händler und Geldwechsler vom Tempelgelände. Vergleicht man den Text des Matthäus (21) sowie Markus (11) könnte sich diese Doppelfrage auch auf die Aktion mit der Vertreibung der Händler vom Tempüelgelände beziehen, denn beide Evangelisten berichten darüber kurz davor. Da wir aber der Chronologie des Johannes folgen, wäre diese Fragestellung zu Beginn des Dienstes von Jesus einzuordnen. Doch wahrscheinlicher ist, dass diese Frage die führenden Juden die ganze Zeit über beschäftigte und zum Ende seines Dienstes immer dringlicher wurde. Bei diesem letzten Jerusalembesuch bezog sich die Frage der führenden Juden auf die Wunder und Zeichen, die er täglich im Tempel vollbrachte (Mt 21,15). Schon Nikodemus bemerkte bei seinem Besuch in der Nacht: „Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm“ (Joh 3,2). Mit anderen Worten, an deinen Wundern sehen wir deutlich, dass du von Gott bist, oder Gott mit dir ist. Schon in Galiläa positionierten sich einige Pharisäer auf: „Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten“ (Mt 12,24). Auch bei der Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,16) stellte sich die Frage nach der Vollmacht Jesu. Und diese Frage stellte sich natürlich auch besonders bei der Auferweckung des Lazarus. Die Ratlosigkeit der Führer im Volk war offensichtlich: „Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen …“ (Joh 11,47-48).

Es fällt immer wieder auf, dass Jesus sich nicht einfangen lässt, sondern die Menschen durchschaut und sie in sein eigenes Konzept einbezieht – das ist göttliche Weisheit. Er sagt nicht einfach Ja oder Nein, er befriedigt nicht ihre Neugier, ihm liegt auch nicht daran, sie zu beschämen oder bloßzustellen, er will das wahre Problem seiner Gegner lösen. Damit bietet er ihnen eine weitere Chance zur Umkehr. Und daher verbindet Jesus ihre Frage mit einer Gegenfrage, welche sich mit der Taufe des Johannes befasste, die bereits drei Jahre zurück lag. Merken wir, dass Jesus hier in der Vergangenheitsform spricht. „Jesus aber sprach zu ihnen: Ich will euch auch eine Sache fragen; antwortet mir, so will ich euch sagen, aus welcher Vollmacht ich das tue. Die Taufe des Johannes – war (ην – en) sie vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir! Und sie bedachten bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie war vom Himmel, so wird er sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? Oder sollen wir sagen, sie war von Menschen? – da fürchteten sie sich vor dem Volk. Denn sie hielten alle Johannes wirklich für einen Propheten. Und sie antworteten und sprachen zu Jesus: Wir wissen’s nicht. Und Jesus sprach zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue“ (Mk 11,29-33). Mit dieser Reaktion haben die Führer des Volkes nicht gerechnet. Jetzt müssen sie Farbe bekennen und ihre Position zu der Johannestaufe offen legen. Sie werden sich erinnert haben an die Antwort der von den Juden/Pharisäern Abgesandten Hohenpriester und Leviten zu Johannes mit der Frage: „Wer bist du“ (Joh 1,19)? Ihnen wird schnell bewusst, dass sie sich mit ihrer Frage selber eine Falle gestellt haben. Nun geht es ihnen nicht mehr um die Wahrheit, sondern darum wie sie aus der peinlichen, ja sogar gefährlichen Situation herauskommen könnten. „Sie bedachten bei sich selbst und sprachen“ (Mk 11,31), sie wissen sehr gut, was nach was kommt. Ihre gedanklichen Überlegungen und Abwägungen werden dann im Flüsterton untereinander ausgesprochen und man einigt sich auf eine theologisch sehr naive und ausweichende Antwort: „wir wissen es nicht“ – wie peinlich, was für eine Blamage vor dem ganzen Volk. Doch lieber stellen sie sich dumm, als die Wahrheit zuzulassen. Gott offenbart sich den Glaubenden, den Kritikern und Ungläubigen vorenthält er das Heilige und die Perlen (Mt 7,6). Die Beziehung zwischen Führung und Volk ist gestört, nicht Vertrauen zu einander, sondern Furcht und Angst bestimmen das Miteinander. In Wahrheit ist nicht Jesus ihnen, sondern sie sind ihm eine Antwort schuldig geblieben.

 

Fragen:

  1. Wo, wann und unter welchen Umständen wurde die Frage nach der Vollmacht Jesus gestellt?

 

  1. Warum interressierte sich die Führung Israels nach der Vollmacht Jesu?

 

  1. Jesu Anweisung an seine Jünger latete: „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein“, warum gibt er dann in diesem Fall keine eindeutige Antwort?

 

  1. Warum fällt es den Pharisäer, Hohenpriestern und Ältesten des Volkes so schwer, sich vor Jesus zu beugen?
  2. Wie lässt sich die Beziehung der Hirten des Volkes Israel zu ihren Untergebenen beschreiben?

 

  1. Wer fürchtet wen mehr? Die Führung das Volk, oder das Volk die Führung (Mt 21,46; Joh 7,13; 9,22; 19,38)?

 

10.6. Das Gleichnis von den zwei Söhnen

(Mt 21,28-32)

 

Nur Matthäus hat dieses Gleichnis überliefert. Es steht auch in direktem Zusammenhang zu der Thematik des Gespräches um die Vollmacht Jesu und der Frage nach der Taufe des Johannes. Jesus entlässt die Fragesteller nicht so einfach aus deren Verantwortung, sind sie doch ihm eine Antwort schuldig geblieben. Er setzt das Gespräch mit ihnen fort, diesmal durch einen Vergleich. Er weiß ganz gewiss, was sie wirklich benötigen, darum versucht er mit einem Gleichnis sie in ihrer Haltung zum Umdenken zu bewegen. Er fordert sie nicht nur heraus ihr logisches Denkvermögen einzusetzen, sondern auch die im Gleichnis  verborgene Wahrheit zu erkennen. Dadurch bekommen sie eine weitere Chance zur Umkehr. Nun stellt er ihnen eine Frage: „Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Soweit das Gleichnis mit der dazugehörenden Frage. Die Aufgabe ist nicht schwierig und die Antwort kommt prommt: .Sie antworteten: „Der erste“. Ob ihnen gleich bewusst wurde, dass es ihnen gilt und sie mit ihrer Antwort über sich selbst ein Urteil fällten? „Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet“ (Mt 21,28-32). Zunächst fällt im Gleichnis auf, dass es der Vater ist, der zu seinen Söhnen hingeht. Dem Menschen liegt es nicht, von sich aus zu Gott zu kommen und zu fragen: „Herr, was willst du, das ich tun soll“? Durch den ersten Sohn im Gleichnis, der mit „nein, ich will nicht“ geantwortet hatte werden die Zöllner und Huren vergliechen – die offensichtlichen Sünder. Sie lebten den ersten Teil ihres Lebens mit einem klaren und offensichtlichen `NEIN` zu Gott. „Ich will jetzt noch nicht“ oder: „lass mich in Ruhe, ich will zuerst mein Leben genießen“. Sie wussten genau dass sie Sünder sind und was sie dabei zu erwarten haben. Sicher haben summarisch nicht alle diese Menschen durch Buße und Umkehr ihr Leben verändert. Doch ihre Offenheit den Predigten des Johannes und auch Jesus gegenüber, ist vielfach belegt. „Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören“ (Lk 15,1; vgl. auch Mt 9,10-11; 11,19;  Lk 3,12; 5,27-30: 17,1-10; 18,10-13).

Durch den zweiten Sohn im Gleichnis, der ohne viel nachzudenken mit „Ja, Herr“ geantwortet hatte, werden die nach der Tradition erzogene und auch theologisch ausgebildete Oberschicht der Juden vergliechen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Nikodemus und Josef), verweigerten sie mehrheitlich den Glauben und Gehorsam Gott gegenüber. Seit Beginn der Wirksamkeit des Johannes ließen diese Menschen jede ihnen angebotene Gelegenheit zur Umkehr bewusst verstreichen. „Aber die Pharisäer und Schriftgelehrten verachteten, was Gott ihnen zugedacht hatte, und ließen sich nicht von ihm taufen.“ (Lk 7,30; vgl. auch Mt 2,5; 3,7-8; Mk 3,6; 16,1; Lk 7,30; 11,53; Joh 7,49; 12,10-11. 31). Und bis zum Schluß änderten sie ihren Standpunkt nicht (Mt 26,59; Mk 15,10).

Gerade durch diesen Vergleich gab Jesus eine (wenn auch nur indirekte) Antwort auf die Frage der Juden zu seiner Vollmacht. Hätten sie Johannes geglaubt, wäre diese ihre Frage an Jesus überflüssig geworden.

 

Fragen:

  1. Wie sah die Vater-Söhne-Beziehung in diesem Gleichnis aus?

 

  1. Welche Gruppe von Menschen repräsentiert der erste Sohn?

 

  1. Welche Gruppe von Menschen repräsentiert der zweite Sohn?

 

  1. Was ist die Voraussetzung, um in das Reich Gottes zu kommen?

 

  1. Warum fällt es Menschen mit einem guten angesehenen Lebensstandart so schwer sich vor der Autorität Jesu zu beugen und Buße zu tun?

 

  1. Wo finden wir heute diese zwei Gruppen oder Arten von Menschen?

10.7. Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern

(Mt 21,33-46)

Jesus reiht ein Gleichnis an das andere, denn die Zeit drängt, es bleiben nur noch wenige Tage bis er zum Vater zurück geht. Sein Werben um Israel wird noch intensiver. Das folgende Gleichnis erzählt Jesus höchstwahrscheinlich im Tempel. Wie in der Passahwoche zu erwarten ist, sind tausende Pilger schon frühzeitig in Jerusalem eingetroffen, Treffpunkt ist – Tempelgelände. Jesus ist bei seiner Lieblingstätigkeit, dem Lehren: „Hört ein anderes Gleichnis: (Jesus ist Meister in Geschichten erzählen, sehr oft benutzt er in seiner Lehrtätigkeit Gleichnisse, Vergleichsgeschichten).

„Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes.“ Das ist der erste Teil der Geschichte, die von Jesus verwendeten Bilder sind den Zuhörern wohl vertraut. Die Traube, der Traubensaft, der Wein, der Weinstock, die Rebe, der Weinberg, der Weingärtner, sind beliebte Bilder in der Bibel (5Mose 6,11; Hohelied; Jesaja 5,1-7; Joh 15,1-6). 1. Frage: Welche Bedeutungen haben diese einzelnen, aus der Landwirtschaft stammenden Bilder in biblischen Erzählungen, auch im aktuellen Gleichnis?

„Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte holten. Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie. 2. Frage: Warum reagiert der Weinbergbesitzer nicht sofort mit einer Strafaktion?

Abermals sandte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; und sie taten mit ihnen dasselbe. 3. Frage: Warum reagiert der Weinbergbesitzer auch diesmal nicht mit einer Strafaktion, was sagt seine Zurückhaltung aus über seinen Charakter, seine Ziele?

„Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 4. Frage: Macht der Weinbergeigentümer sich was vor, kennt er die Weingärtner so wenig, glaubt er wirklich an deren respektvolles Verhalten gegenüber dem Sohn, oder denkt er weiter?

„Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen! 5. Frage: Welche Überlegungen stehen hinter solch einer Denkweise, ist es realistisch zu hoffen, dass der Hausherr das Ganze nun auf sich beruhen lässt? Fällt uns dabei eine alttestamentliche Geschichte ein (1Kön 21,1-29; 2Kön 9,25-26)?

„Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? 6. Frage: Wohin zielt die Frage von Jesus, warum sollen seine Zuhörern selbst die Antwort geben?

„Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben. 7. Frage: Merken die Hohenpriester und Pharisäer nicht, dass sie mit dieser Antwort sich selbst das Urteil aussprechen? Sünde blendet und macht unfähig wichtige geistliche Zusammenhänge klar zu erkennen, denn wahre Weisheit kommt von Gott.  

„Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 8. Frage: Was ist die Besonderheit eines Ecksteins, seine Bestimmung, auf wen deutet Jesus diesen Eckstein?

„Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. 9. Frage: Was versteht Jesus unter der Bezeichnung „Reich Gottes“ und wer ist dieses andere Volk? Nehmen später auch die Apostel Bezug auf diese Worte von Jesus (Röm 10)?

„Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen. 10. Frage: Was bedeutet diese Aussage?

„Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. Erst jetzt wird ihnen klar, was Jesus mit seinen Gleichnissen erreichen wollte. Wie werden sie nun darauf reagieren, nutzen sie diese Chance zur Umkehr, oder werden sie ihre Herzen noch mehr verhärten?

„Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten.“ 11. Frage: Warum sind sie so verhärtet, konnten sie nicht mehr zurück, oder wollten sie nicht? Das Volk steht hinter Jesus, will sein Leben, sein Bleiben, doch die Entscheidungsträger sind die Priester aus der Sadduzäerpartei und die Mehrheit der Schriftgelehrten aus der Pharisäerpartei. Letztlich wird Gottes vorhergesehener Plan werwirklicht und dadurch kommt Gott zu seinem Ziel, nämlich der Erlösungsmöglichkeit der verlorenen Menschen, auch derer, die ihn verurteilt haben. Noch am Kreuz betet Jesus für seine Feinde: „Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34)! Petrus stellt nach Pfingsten fest: „Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen. Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: dass sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden“ (Apg 3,17-19).

 

 

10.8. Das Gleichnis von der königlichen Hochzeit

(Mt 22,1-14)

 

Und Jesus fing an und redete abermals in Gleichnissen zu ihnen und sprach:

Das Himmelreich gleicht einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. 

Und er sandte seine Knechte aus, die Gäste zur Hochzeit zu laden; doch sie wollten nicht kommen.

Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit!

Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft.

Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie.

7 Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.

Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert.

Darum geht hinaus auf die Straßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. 10 Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Tische wurden alle voll.

11 Da ging der König hinein, sich die Gäste anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte.

13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. 14 Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt“ (Mt 22,1-14).

 

Lk 14,15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!

16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein.

17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!

18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen. Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.

19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich.

20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.

21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.

22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da.

23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.

24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

 

Fragen:

  1. Wo und in welcher Umgebung erzählte Jesus diese Gleichnisse?
  2. Was haben diese Gleichnisse gemeinsam?
  3. Was ist der Hauptgedanke bei dem jeweiligen Gleichnis?

 

Heulen uind Zähneklappern

Mt 8,10 Als das Jesus hörte, wunderte er sich und sprach zu denen, die ihm nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch: Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden!

11 Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 12 aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

 

Mt 13,36 „Da ließ Jesus das Volk gehen und kam heim. Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker.

37 Er antwortete und sprach zu ihnen: Der Menschensohn ist’s, der den guten Samen sät.

38 Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder des Bösen.

39 Der Feind, der es sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel.

40 Wie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende der Welt gehen.

41 Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alles, was zum Abfall verführt, und die da Unrecht tun,

42 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein.

43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, der höre!

 

Mt 13,47 „Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt.

48 Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg.

49 So wird es auch am Ende der Welt gehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden

50 und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein.

51 Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja.

 

Mt 22,13 Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein.

 

Mt 24,48 Wenn aber jener als ein böser Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht,

49 und fängt an, seine Mitknechte zu schlagen, isst und trinkt mit den Betrunkenen:

50 dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er’s nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt,  und er wird ihn in Stücke hauen lassen und ihm sein Teil geben bei den Heuchlern; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

 

Mt 25,28 „Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat.

29 Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.

30 Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.

 

Lk 13,23 „Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen:

24 Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden’s nicht können.

25 Wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her?

26 Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken und auf unsern Straßen hast du gelehrt.

27 Und er wird zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter! 28 Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen.

 

10.9. Die Frage nach der Steuerzahlung (HUL)

(Mt 22,15-22; Mk 12,13-17; Lk 20,20-26)
Dann gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch fangen könnten.

(a) Ps 56,7;

(b) Kap. 19,3; Lk 11,54; Joh 8,6

Mt 22,16 „Und sie senden ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und sagen: Lehrer, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person der Menschen“.

(1) Anhänger des Herodes Antipas; vgl. Anm. zu Kap.14,1  (a) 3Mo 19,15; Apg 10,34

Mt 22,17         Sage uns nun, was denkst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben, oder nicht?

Mt 22,18         Da aber Jesus ihre Bosheit erkannte, sprach er: Was versucht ihr mich, Heuchler?

(a) Kap. 9,4; Mk 2,8

Mt 22,19         Zeigt mir die Steuermünze! Sie aber überreichten ihm einen Denar.

Mt 22,20         Und er spricht zu ihnen: Wessen Bild und Aufschrift ist das?

Mt 22,21         Sie sagen zu ihm: Des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ista, und Gott, was Gottes ist.

(a) Röm 13,7; 1Petr 2,13

Mt 22,22         Und als sie <das> hörten, wunderten sie sich und ließen ihn und gingen weg.

Mk 12,13        Die Frage nach der Steuer

Und sie senden einige der Pharisäer und der Herodianer zu ihm, um ihn in der Rede zu fangen.
Mk 12,14        Und sie kommen und sagen zu ihm: Lehrer, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und dich um niemand kümmerst; denn du siehst nicht auf die Person der Menschena, sondern lehrst den Weg Gottes in Wahrheit. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht? Sollen wir sie geben oder nicht geben?   (a) Apg 10,34

Mk 12,15        Da er aber ihre Heuchelei kanntea, sprach er zu ihnen: Was versucht ihr mich? Bringt mir einen Denar, damit ich ihn sehe!  (a) Spr 26,24

Mk 12,16        Sie aber brachten ihn. Und er spricht zu ihnen: Wessen ist dieses Bild und die Aufschrift? Sie aber sagten zu ihm: Des Kaisers.

Mk 12,17        Jesus aber sprach zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ista, und Gott, was Gottes ist! Und sie verwunderten sich über ihn.  (a) Röm 13,7

 

Lk 20,20         Die Frage nach der Steuer

 

Und sie beobachteten <ihn> und sandten Auflauerer ausa, die sich stellten, als ob sie fromm seien, um ihn in der Rede zu fangen, damit sie ihn der Obrigkeit und der Macht des Statthalters überliefern könntenc.
(1) o. gerecht    (a) Kap. 6,7; (b) Ps 12,3; (c) Joh 8,6

Lk 20,21         Und sie fragten ihn und sagten: Lehrer, wir wissen, daß du recht redest und lehrst und die Person nicht ansiehst, sondern den Weg Gottes in Wahrheit lehrst.

(a) Apg 10,34

Lk 20,22         Ist es uns erlaubt, dem Kaiser Steuer zu geben oder nicht?

Lk 20,23         Aber er nahm ihre Arglist wahr und sprach zu ihnen:
(1) Andere Handschr. fügen hier ein: Was versucht ihr mich?

Lk 20,24         Zeigt mir einen Denar! Wessen Bild und Aufschrift hat er? Sie aber antworteten und sprachen: Des Kaisers.

Lk 20,25         Er aber sprach zu ihnen: Gebt daher dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!

(a) Kap. 23,2

Lk 20,26         Und sie konnten ihn in <seinem> Wort vor dem Volk nicht fangen; und sie verwunderten sich über seine Antwort und schwiegen.

(a) Ps 31,19

 

Lk 23,2           Sie fingen aber an, ihn zu verklagen, und sagten: Diesen haben wir befunden als einen, der unsere Nation verführt und <sie davon> abhält, dem Kaiser Steuer zu gebena, indem er sagt, daß er selbst Christus, ein König, seib.  (a) Kap. 20,20-25; (b) Mt 27,42; Joh 19,12; Apg 17,7

Joh 19,12        Daraufhin suchte Pilatus ihn loszugeben. Die Juden aber schrien und sagten: Wenn du diesen losgibst, bist du des Kaisers Freund1 nicht; jeder, der sich selbst zum König macht, widersetzt sich dem Kaiser.
(1) Der Ausdruck «Freund des Kaisers» bezeichnet eine besondere Stellung beim Kaiser. (a

Röm 13,1        Verhalten gegenüber der Obrigkeit
Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten <staatlichen> Mächtena! Denn es ist keine <staatliche> Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnetb.  (a) Tit 3,1; 1Petr 2,13; (b) Spr 8,15; Jer 27,5; Dan 4,29

Röm 13,2        Wer sich daher der <staatlichen> Macht widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil1 empfangena.
(1) o. Gericht  (a) Spr 24,21.22; Jer 27,8

 

Röm 13,6        Denn deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn es sind Gottes Diener1, die eben hierzu fortwährend beschäftigt sind.
(1) griech. leitourgos; das Wort wurde auch für geistliche und weltliche Amtsträger verwendet

Röm 13,7        Gebt allen, was ihnen gebührta: die Steuer, dem die Steuer, den Zoll, dem der Zoll, die Furcht, dem die Furcht, die Ehre, dem die Ehre <gebührt>b!
(a) Mt 22,21; (b) 1Petr 2,17

1Petr 2,17       Erweist allen Ehrea; liebt die Bruderschaft; fürchtet Gottb; ehrt den Königc!
(a) Spr 24,21; (b) Röm 12,10; 13,7; (c) Pred 12,13

 

 

 

 

 

10.10 Jesus bestätigt aus der Schrift die Auferstehung der Toten

(Mt 22,23-33; Mk 12,18-27; Lk 20,27-39)

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10.11. Jesus erklärt das höchste Gebot (HUL)

(Mt 22,34-40; Mk 12,28-34)

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10,12. Jesus bezeugt seine Gottessohnschaft

(Mt 22,41-44; Ps 110,1)

Wessen Sohn ist der Christus?

Matt. 22,41-46  „Als aber die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus und

                      sagte: Was meint ihr über den Christus? Wessen Sohn ist er?

                  Sie sagten zu ihm: – Davids.

              Er sagte zu ihnen: Wie nennt ihn denn David im Geist Herr, wenn er    

         sagt: Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten,

    bis ich deine Feinde unter deine Füße lege. Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er denn sein Sohn?

Und niemand konnte ihm ein Wort antworten und seit jenem Tag wagte niemand mehr ihn zu fragen“.

 

Mark.12,35-37 „Und während Jesus im Tempel lehrte, hob er an und sagte: 

                     Wieso sagen die Schriftgelehrten, daß der Christus Davids Sohn ist? 

                  Er selbst, David, hat im Heiligen Geist gesagt: Der Herr hat gesagt zu

               meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde

           unter deine Füße lege! Er selbst David, nennt ihn Herr, und woher ist er 

        sein Sohn?

    Und die zahlreiche Menge hörte ihn gern“.

 

Luk. 20,41-44  „Er sagte aber zu ihnen: Wieso sagen sie, daß Christus Davids

                       Sohn sei?

                    Denn er selbst, David, sagt im Buch der Psalmen: (Ps.110,1)

                 Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten,

              bis ich deine Feine hinlege als Fußschemel deiner Füße!

           David nennt ihn also Herr, und wieso ist er sein Sohn?

 

Hebr. 1,8-9 ( Psalm 45 (44), 7-8) „In Bezug auf den Sohn heißt es: Dein Thron

o Gott steht in die Ewigkeit der Ewigkeit, und der

Stab (das Zepter) der Geradheit (Gerechtigkeit), ist der

Stab deines Reiches.

Du hast geliebt Gerechtigkeit und hast gehaßt die

Gesetzlosigkeit; deswegen hat dich o Gott gesalbt dein Gott mit Öl

der Freude statt deine Genossen“.

 

Matt. 16,16 „Er (Jesus) sagte zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, daß ich bin?

Simon Petrus antwortete aber und sagte: Du bist der Gesalbte,

der Sohn des lebendigen Gottes“

 

Joh.10,36   „Ich bin Gottes Sohn“

5,17-20   „Mein Vater wirkt und ich wirke auch…“

 

Joh. 3,36 „Wer an den Sohn glaubt, der hat ewiges Leben, wer aber dem Sohn

nicht gehorcht, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn

Gottes bleibt auf ihm“.

 

 

10.13.  Weherufe über die Schriftgelehrten (HUL)

(Mt 23,1-39)

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10,14. Die Ankündigung der Zerstörung Jerusalems (HUL)

(Mt 24,1-36)

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10.15. Das Gleichnis von der Wachsamkeit (HUL)

(Mt 24,44-51)

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10.16. Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (HUL)

Mt 25,1-13

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10.17. Das Gleichnis vom  anvertrautem  Geld (HUL)

Mt 25,14-30

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10.18. Der wiederkommende König

(Bibeltext: Mt 25,31-46)

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10.19. Zwei Tage vor Passah (Mittwoch)

(Mt 26,1-)

a. Die 5. Leidensankündigung

Und es begab sich, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, dass er zu seinen Jüngern sprach: Ihr wisst, dass in zwei Tagen Passa ist; und der Menschensohn wird überantwortet werden, dass er gekreuzigt werde“ (Mt 26,1-2).

 

Zwei Tage vor dem Passahfest bedeutet, es war Mittwoch. Jesus hat alle seine öffentlichen Reden vor dem Volk Israel abgeschlossen, beendet. Nun konzentriert er sich ganz auf seine Jünger und das bevorstehende Leiden. Jesus wiederholt nun zum fünften Mal die Voraussage über seinen bevorstehenden Tod. Er spricht von Überlieferung, Auslieferung (gr. παραδιδοται – paradidotai) an den römischen Stattthalter durch die Führung der Juden.

 b. Die Führung Israels beschließt den Tod ‚jesu

 

Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas,

und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten.

Sie sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk“ (Mt 26,3-5).

c. Judas verräterrisches Angebot (PS)

 

Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohenpriestern

und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete“ (Mt 26,14-16).

Markus ergänzt, dass die Priester sich freuten über das Angebot des Judas und boten ihm Geld an (Mk 14,11).

Judas fragte: „Was wollt ihr mir geben“? Sie boten dreißig silberlinge an.

Man muss schon etwas genauer hinschauen, um festzustellen, wann Judas zu den Hohenpriestern ging, um ihnen  das Angebot zum Verrat unterbreiten.

10.20. Jesus wäscht seinen jüngern die Füße

(Joh 13,1-19)

a). Wann, wo und unter welchen Umständen wusch Jesus seinen Jüngern die Füße?

Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende. Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging“ (Joh 13,1-3). Der letzte Tag des physischen Lebens Jesu beginnt mit dem (Donnerstag) Abend. Jesus ist bewusst, dass seine Stunde gekommen war um zum Vater zurückzukehren. Wie schlicht klingt diese Aussage, welche Beziehung wird dadurch ausgedrückt. „Zurück zum Vater“, er wusste woher er kam und wo sein Zuhause war.

Alles, was er aktiv bewirkt und auch alles, was seine Gegner im Rahmen der göttlichen Zulassung tun, trägt zu Erfüllung des Heilsplanes Gottes bei. Der Ausdruck `αυτου η ωρα – seine Stunde` ist auf seine Person bezogen und ist außerhalb der matematischen Zeiteinheit von sechzig Minuten. Diese `seine Stunde` beinhaltet die letzten Abläufe in seinem Erlösungswerk. Jetzt konzentriert sich das ganze Universum auf ihn. Er ist Derjenige, in dessen Händen das Geschick der ganzen Welt liegt (13,3). Zu keiner anderen Zeit war die Aufmerksamkeit und Konzentration der Himmelswelt, aber auch der Macht der Finsternis so groß, wie in den letzten Lebensstunden Jesu hier auf Erden (Joh 12,30; Kol 2,15; Lk 22,53 – und es nahte die Stunde und Macht der Finsternis). Die besonders ausdrucksvolle Handlung Jesu, die Fußwaschung, findet zu Beginn des Festes der ungesäuerten Brote statt, welches Passah genannt wird.

  • Die Liebe Jesu zu den Seinen ist ungemindert (13,2),
  • Schon am Abend der Salbung in Betanien, entschloss sich Judas Jesus an die Tempelbehörde zu verraten (Mt 26,16; Joh 12,1-4), Das Gift der Verärgerung, ja des Hasses, welches der Teufel (diabolos) in das Herz des Judas gespritzt hatte, wirkte vollends (13,3b).
  • Der Vater hatte seinem Sohn die absolute Vollmacht gegeben. In seinen Händen lag nun das Geschick der gesamten Welt (13,3a).
  • Jesus gestaltet  sehr bewusst diesen Abend mit seinen Jüngern (Lk 22,15).

Alle drei symoptischen Evangelien berichten im Rahmen des Passahmahls, das besondere und neue Mahl des Herrn mit Bundesstiftung. Johannes, der mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Evangelienbericht später verfasste, beschreibt im Detail die besondere Handlung Jesu an seinen Jüngern, die sogenannte Fußwaschung. In den folgenden Abschnitten wollen wir den Fragen nach dem warum, wozu und der Bedeutung dieser Handlung nachgehen.

 

b). Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße

Und beim Abendessen, …, stand er vom Mahl auf, legte sein Obergewand ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen, und trocknete sie mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war“ (13,4-5). Es gibt eindeutige Gründe für die Handlung der Fußwaschung. Lukas berichtet im Rahmen des letzten Abends in Kapitel 22,24-27 dass ein Streit unter den Jüngern entstand zum Thema: „Wer denn für den Größeren unter ihnen gehalten werden sollte“. Dieses Thema beschäftigte die Jünger aber auch schon früher in Galiläa (Mt 18,1-3; Lk 9, 46-48). Noch einige Wochen zuvor strebten zwei seiner Jünger nach hohen Posten in seinem Reich. Gegen diese weltliche Haltung der Jünger setzte Jesus durch die Fußwaschung ein sichtbares und spürbares Zeichen.

Jedes Detail der Handlung drückt etwas Besonderes aus. Jesus legte seine Kleider (im griechischen in der Mehrzahl) ab (13,4). Auch nach Johannes 19,23-24 bestand die Bekleidung von Jesus aus mehreren Teilen. Das Obergewamd (gr. chitona) war von oben bis unten ein Ganzes. Es war von guter Qualität und zeichnete ihn auch als Lehrer (hebr. Rabbi) aus. Er löst den meist mehrfach gefalteten langen Gürtel, legt das Obergewand ab, entblöst sich teilweise. Johannes präzisiert weiter: Er nahm einen Schurz (gr. lention) und umgürtete sich damit. Jetzt sieht er auch äußerlich einem Hausdiener/Sklaven in Aktion gleich.

Er besorgt sich eine Waschschüssel, gießt dort Wasser hinein und beginnt gebeugt oder kniehend seinen Jüngern die Füße zu waschen und sie mit dem Lendentuch abzutrocknen.

  • Was für ein Akt der Selbsterniedrigung vor den Jüngern, auch vor denen, die noch vor Kurzem nach der Führerschaft strebten (Lk 9,46; 22,24),
  • Welch bewusste Bereitschaft zu dienen!

Wie die anderen Jünger, so lässt auch Judas stillschweigend  die Waschung an sich vollziehen, welch Gnade in Jesu Verhalten. Judas bekommt vollen Anteil an der Zuwendung durch Jesus, umso größer fällt die Verantwortung hernach aus.

Gelegentlich wird zu diesem Text gesagt, dass Jesus den Staub der Strasse von den Füßen der Jünger abgewaschen hatte. Ganz ausgeschlossen ist dies nicht, doch wie wahrscheinlich ist diese Annahme? Jesus tat dies während des Abends, denn er stand vom Abendessen auf (13,4a). Wenn es ihm um die Reinheit der Füße und des gepolsterten Raumes gelegen hätte, dann würde das waschen der Füße vor Betreten des Raumes mehr Sinn gemacht haben. Sind die Jünger zu diesem besonderen Abend mit Festessen (das höchste und bedeutendste Fest des Jahres) in das Oberzimmer eines fremden Hauses, das dazu auch noch mit Polstern ausgestattet war, mit ungewaschenen Füßen hineingetreten? Nun, das waschen der Füße vor betreten eines Wohnraumes war damals übliche Praxis, wie aus der Bemerkung Jesu an den Gastgeber und Pharisäer Simon hervorgeht (Lk 7,44; indirekt auch aus Joh 12,1-4 – Salbung in Betanien). An Wasser hatte es ja in dem Haus, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Passahlamm aß, nicht gemangelt, trug doch der Mann, dem Petrus und Johannes nachfolgen sollten, einen Tonkrug mit Wasser ins Haus seines Hausherrn (Lk 22,8; Mk 14,13-14). Deshalb ist anzunehmen, dass es Jesus bei dieser Handlung nicht um die äußere Reinheit der Füße geht, sondern um eine oder mehrere tiefere Wahrheiten, die er seinen Jüngern und damit allen seinen Nachfolgern für allezeit mit auf den Lebensweg geben wollte.

 

c). Jesus und Petrus – wer dient wem?

Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren“ (13,6). Auf die Frage des Petrus reagiert Jesus wie ein guter vorausschauender Lehrer, der genau weiß, wann welche Lektion dran ist und in welcher Reihenfolge sie dargelegt wird. Mal spricht Jesus zuerst, dann handelt er, hier handelt er zuerst, dann gibt er die Erklärung zu seiner Handlung. Eine wahrhaft gute Lektion für Eltern, Erzieher und Lehrer. Jesus kennt das Fassungsvermögen seiner Jünger sehr gut. „Da sprach Petrus zu ihm: Nimmermehr sollst du mir die Füße waschen!“. Wieder ist es Simon Petrus, der sich mit Jesu ungewöhnlicher Handlung auseinandersetzt. Die anfängliche Weigerung des Petrus ist von der Sicht eines anständigen Menschen verständlich. Status, Rang, Alter sind in allen Kulturen fester Bestandteil, welche das Zusammenleben erst möglich machen und in ein gewisses Gleichgewicht bringen. „Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein“ (Joh 13,7-11). Wieder gebraucht Johannes ein selten verwendetes Wort „Wer gewaschen ist“, dass nur noch einmal in Hebräer 10,22 vorkommt und dort eindeutig das waschen oder baden des Herzens mit reinem Wasser beschreibt. Dieses reine Wasser ist zweifellos das Wort Gottes, wie auch Epheser 5,26 deutlich macht.

Auch hebt Jesus mit seinem Handeln keineswegs die Rangordnung an sich auf, sondern zeigt, wer wofür und für wen im Reich Gottes verantwortlich ist. Wenn also Petrus den Dienst Jesu ablehnt, schließt er sich aus der Gemeinschaft mit seinem Herrn aus. Alle Religionen zielen darauf ab, dass der Mensch einer Gottheit Dienst erweist. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus zeigt den umgekehrten Weg. Wer Jesu Dienst im Bewusstsein der Hilfsbedürftigkeit annimmt, bekommt Anteil an ihm, wer seinen Dienst ablehnt, schließt sich selbst aus der Reichsgottesgemeinschaft aus.

Dass Petrus von einem Extrem ins andere verfällt, zeigt seine Unsicherheit in Bezug auf seinen Stand: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt“. Doch Jesus macht deutlich, dass das waschen des Körpers mit Wasser die bereits gewonnene Reinheit (des Herzens) nicht vervollständigen vermag. Wirkliche innere Reinheit wird durch das Wort Gottes gewirkt, so sagte Jesus am gleichen Abend zu seinen Jüngern: „Ihr seid schon rein um des Wortes Wilen, das ich zu euch geredet habe“ (Joh 15,3). Umgekehrt gilt auch, die Inanspruchnahme des Dienstes Jesu durch sein Wort, führt nicht automatisch zur Herzensreinheit oder Teilnahme an der Gemeinschaft mit dem Herrn. Jesus schließt offensichtlich den Judas von dieser Gemeinschaft der Reinen aus. Simon Petrus jedoch, der sich belehren lässt, bekommt seinen Anteil an seinem Meister und Herrn.

Nur die Füße waschen“ – was bedeutet es?

Fortsetzung folgt

d). Die Bedeutung der Fußwaschung durch Jesus und die Verordnung an seine Jünger

 

Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch. Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel (υποδειγμα – ypodeigma) habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig (μακαριοι – makarioi – glückselig) seid ihr, wenn ihr’s tut“ (13,12-17). Jesus zieht wieder seine Kleider an, setzt sich wieder an seinen Platz und nun beginnt der theologische Teil seiner Handlung. Er stellt die Frage und beantwortet sie gleich danach selber. „Ihr nennt mich Meister und Herr“ und das stimmt auch „denn ich bin es“. Nochmal macht Jesus deutlich, dass es sich bei seiner Handlung nicht um Reinigung geht, sondern um die Dienstordnung Gottes. Diese neue Ordnung zerbricht die Herrschsucht und Machtmßbrauch dieser Welt und stellt das neue Selbstbewusstsein (den Status) der Jünger her. Jesus hat ein absolut gesundes Selbstbewusstsein, er weiß wer er ist „ich bin`s“. Status und Dienstgrad werden also von ihm weder aufgehoben, noch vertauscht. Nun folgt mit allem Nachdruck das Gebot, die Verordnung mit der entsprechenden Begründung.

Wir konnten feststellen, dass das waschen der Füße durch Jesus

    1. nicht die körperliche Reinheit zum Inhalt hatte,
    2. ja, nicht mal die Reinigung des Herzens ausdrücken sollte.

Was bedeutet dann diese Handlung? Ab dieser Stelle ist es wichtig, den Begriff, welchen Jesus gebraucht, seinem Inhalt nach zu verstehen. Es geht um das griechische Wort `υποδειγμα – ypodeigma`. Bei Johannes kommt er nur an dieser Stelle vor. Doch im Hebräerbrief kommt er gleich viermal vor. Zwei Stellen davon sind aufschlussreich und zwar in Kapitel 8,5 und 9,23 beschreibt dieser Begriff (in der Einzahl und Mehrzahl) Gegenstände, bzw. Einrichtungen und Handlungen des Gottesdienstes in der Stiftshüte als Abbilder, oder Vorbilder der himmlischen Wirklichkeiten.

`ypo-deigma` ist demnach etwas, das hinter oder unterhalb einer sichtbaren Darstellung (Gegenstand, Handlung) eine tiefer liegende Sinnfülle (Wahrheit und Realität) verbirgt.

(Weitere Stellen zu diesem Begriff: Hebr 4,11; 6,6;  Jak 5,10; 2Petr 2,6; Judas 7).

Die sichtbare und spürbare Handlung der Fußwaschung ist eine Art Zusammenfassung der ganzen Tiefe der göttlichen Erniedrigung zugunsten der Rettung und Erlösung der Menschen, die durch „sein wollen wie Gott“ (Hochmut, Unglauben und Ungehorsam) verloren waren. Jesus sagte seinen Jüngern, die nach hohen Posten strebten: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zur Erlsöung für viele“ (Mk 10,45). Diese Selbsterniedrigung und Dienst des Herrn und Meisters als Vorbild, ist auch den Jüngern verordnet. Mehrmals spricht Jesus im Johannestext von Tun:

damit ihr tut, wie ich euch getan habe“.

„so sollt (schuldet) auch ihr euch untereinander die Füße waschen

„Wenn ihr dies wisst – glückselig) seid ihr, wenn ihr’s tut“.

Dabei ist es zu wenig, allein das Beispiel, die Handlung der Fußwaschung in ihrer buchstäblichen Form zu praktizieren. Doch damit die Dienstordnung Gottes durch Herrschsucht und Machtmissbrauch nicht außer Kraft gesetzt wird, ist es sehr sinnvoll das Beispiel Jesu auch in seiner buchstäblichen Form zu praktizieren.

Nur bei der Neuordnung, bzw. wiederhergestellten göttlichen Dienstordnung in der Jüngerschaft, kann sich der Leib Jesu Christi, die Gemeinde, gesund entfalten.

 

 

10.21. Jesus stiftet den Neuen Bund

((Mt 26,17-27; Mk 14,17-25; Lk 22,10-20; Joh 13,1-17)

 

a). Wann, wo und mit wem fand das erste Abendmahl statt?

Von Josef und Maria heißt es, dass sie jedes Jahr zum Passahfest nach Jerusalem gingen (Lk 2,41). Zumindest ab dem zwölften Lebensjahr war Jesus bei dem jährlich vorgeschriebenem Passahfest in Jerusalem dabei (Lk 2,42ff). Nicht nur die nächsten 18 Jahre, sondern auch während seiner etwa 3 ¾  Jahre dauernden öffentlichen Dienstes hielt Jesus gundsätzlich das jährliche Passahfest (Joh 2,12: 5,1(?); 6,4; 12,1). Das letzte Passahfest, welches Jesus mit seinen 12 Jüngern feierte, wird in allen vier Evangelien bis in die Details genau beschrieben (Mt 26,17-27; Mk 14,17-25; Lk 22,10-20; Joh 13,1-17,24). Nach der Anordnung Gottes an das Volk Israel, war der Monat und der Tag, an dem das Passahlamm geschlachtet werden mußte festgelegt. So steht in 3Mose 23,5: „Am vierzehnten Tage des ersten Monats gegen Abend ist des HERRN Passa.“ Das Passahlamm (männlich, einjährig und fehlerlos) wurde also am 14. Tag des ersten Monats gegen Abend geschlachtet (2Mose 12,1-14; 4Mose 9,3). Und dieser 1. Monat sollte in Israel den Beginn des Jahres markieren. Gleichzeitig war die 1. Passahfeier in Ägypten nach der ausdrücklichen Anordnung Gottes auch der Beginn des israelitischen Kalenders (2Mose 19,1; 4Mose 33,38; 1Kön.6,1). Die Monate des Jahres wurden zunächst nach Zahlen 1 – 12 (13) gezählt, zur Zeit des Exils bekamen sie auch Namen.

b). Tabelle und Übersicht des jüdischen Jahreskalenders

 

1. Monat Nisan/Abib

März – AprilEsther 3,7Am 14. Tag das Monats war Passah 2Mose 12,182. MonatSiw1Kön 6,1 3. MonatSiwanEsther 8,9 4. Monat Jer 39,2 5. Monat Jer 28,1 6. Monat Hes 8,1 7. MonatEtanim/Tischri

September – Oktober1Kön 8,2; 3Mose 25,9Am 10. Tag – Versöhnungstag – Yom Kippur8. MonatBul1Kön 6,38 9. MonatKislewSach 7,1 10. Monat 1Mose 8,5 11.MonatSchebatSach 1,7 12. MonatAdarEsther 3,7

 

c). Passahfeste in den Jahren 26-35 des 1. Jh.

 

Julianischer Kalender Nach dem Jüdischen Kalender war am 14. Tag des 1. Monats ´Nisan´ Passah)
Im Jahr 26 fiel der 14. Nisan auf den Freitag,  22. März
Im Jahr 27 fiel der 14. Nisan auf den Mittwoch, 9. April
Im Jahr 28 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 29. März
Im Jahr 29 fiel der 14. Nisan auf den Samstag, 16. April
Im Jahr 30 fiel der 14. Nisan auf den Mittwoch, 5. April
Im Jahr 31 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 26. März
Im Jahr 32 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 14. April
Im Jahr 33 fiel der 14. Nisan auf den Freitag, 3. April
Im Jahr 34 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 22. März
Im Jahr 35 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 11. April

Diese Tabelle zu den Passahfesten der Jahre 26-35 (1. Jh.) ist erstellt aufgrund des jüdischen Kalenders Kaluach. (Web site: http:/www.kaluach.org/).

 

Nach diesen Berechnungen wäre als Todesjahr Jesu das Jahr 33 (1. Jh.) anzusetzen, weil in dem Jahr der 14. Nisan auf einen Freitag fiel (Lk 23,54) „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.“ (dazu auch: Mk 15,42:  Joh 19,31). Rüsttag (gr. παρασκευής – paraskeues – Freitag). Demnach fand die letzte Passahfeier Jesu mit seinen Jüngern am Vorabend, also am Abend des fünften, bzw. Beginn des sechsten Tages der Woche (Donnerstagabend auf Freitag) statt und zwar nach Sonnenuntergang, so in Matthäus 26,20: „Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch.“

Zum besseren Tageszeitlichen Verständnis: Der Vorbereitungstag auf den kommenden Sabbat im Jahr 33, also der Freitag – Jesu Todestag, begann bereits mit Sonnenuntergang des Vorabends (unser Donnerstagabend). Nach hebräischer Tageseinteilung hat  das Passahmahl, das Abendmahl, die Festnahme, das Verhör, die Verurteilung und Kreuzigung an einem Tag, bzw. am gleichen Nacht/Tag  stattgefunden.

Diese Passahfeier fand in einem Haus in Jerusalem statt, so lesen wir in Markus 14,12-16: „Und am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote, als man das Passahlamm schlachtete, sagen seine Jünger zu ihm: Wohin willst du, dass wir gehen und bereiten, damit du das Passahmahl essen kannst?“ Und Jesus gab den zwei Jüngern genaue Anweisungen: „Und er sendet zwei seiner Jünger und spricht zu ihnen: Geht hin in die Stadt (Jerusalem), und es wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt. Folgt ihm! Und wo er hineingeht, sprecht zu dem Hausherrn: Der Lehrer sagt: Wo ist mein Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passahmahl essen kann? Und er wird euch einen großen Obersaal zeigen, mit Polstern ausgelegt und fertig. Und dort bereitet es für uns! Und die Jünger gingen hinaus und kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte; und sie bereiteten das Passahmahl.“ (ähnlich auch Mt 26,17). Und Lukas ergänzt, dass die beiden Jünger Petrus und Johannes waren (Lk 22,8). Im Text ist von einem großen, gepolsterten Obersaal die Rede (auch bei Lukas 22,12). Aus der Detailbemerkung großer`Obersaal – gr. αναγάιον`, kann man auf ein großes, aus zwei Stockwerken bestehendes Haus schließen. Im Erdgeschoß befanden sich die Wirtschaftsräume. Das Passahlamm musste geschlachtet werden und am Feuer gebraten, ebenso die ungesäuerten Brote, Wein, und bittere Kräuter mussten vorbereitet werden.

Da wo im Luthertext steht: „Am Abend aber setzte er sich mit seinen Jünger zu Tisch“ übersetzt die Elberfelder Bibel genauer mit: „sie legten sich zu Tisch“. Man saß nicht auf Stühlen hinter einem Tisch, wie in Europa, sondern lag auf Polstern/Teppichen seitlich gestützt mit den Ellbogen auf ein Kissen, die Füße nach außen gerichtet im Kreis. Es waren alle 12 Jünger dabei, auch Judas Iskariot. Weil es für Jesus das letzte Passahmahl dieser Art war, bewertete er es auch ganz besonders mit den Worten: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passahmahl mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es gewiss nicht mehr essen werde, bis es erfüllt sein wird im Reich Gottes“ (Lk 22,14-16).

d) Welche Elemente mit Symbolkraft übernimmt Jesus für den Neuen Bund?

Der neue Bundeschluß, der am Kreuz durch den Tod Jesu (sein Blut) besiegelt wurde, ist bereits am Vorabend im Brotbrechen und dem Kelch symbolhaft vorgebildet und gestiftet worden. So lesen wir im Bericht des Matthäus: „Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot und segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst, dies ist mein Leib! (Lukas ergänzt: „der für euch gegeben wird“). Und er nahm einen Kelch und dankte und gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,26-27; ähnlich auch bei Markus 14,22-24). Jesus und seine Jünger sind mit dem Essen des geschlachteten und am Feuer gebratenem Passahlamm beschäftigt, denn es heißt: „Während sie aber aßen“. Nun führt Jesus durch konkrete Handlung, begleitet mit besonderen Worten, eine neue Bundesordnung, bzw. den Neuen Bundesschluß ein. Das Passahlamm, als Vorbild der Rettung, findet seine Entsprechung in Jesus, dem Lamm Gottes (Jes 53,4-12; Joh 1,29. 36). Für die Wirklichkeit des Gotteslammes in der Person Jesu wird wiederum ein Symbolelement mit Aussagekraft benötigt – es ist das ungesäuerte Brot, so die neue Sinnfülle der Worte: „Nehmt, esst, dies ist mein Leib! (Lukas ergänzt: „der für euch gegeben wird“ (Mt 26,26; Lk 22,19). Ein kleines und doch wichtiges Detail, welches leicht übersehen werden kann, wird durch die Bemerkung: „dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, präzisiert. Das Brot wird gebrochen, der Leib Christi jedoch wird ungebrochen also ganzheitlich gegeben. Johannes der Evangelist hebt ganz besonders dieses Detail hervor: „Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Dies erinnert an die Anordnung Gottes zur Schlachtung des Passahlammes in Ägypten. Und der Jünger Johannes, der unter dem Kreuz stand und den Lebensabschluß des Gotteslammes aus nächster Nähe beobachtete, sah, wie die Soldaten beiden Gekreuzigten die Beine brachen, Jesus aber wegen seines früheren Todes verschonten.

 

Die Einsetzung der beiden Elemente an diesem letzten Abend markiert auch das Ende des ersten Bundes durch Mose in Ägypten und am Sinai. Das Trinken (des Weins) aus dem Kelch findet seine Entsprechung im Blut Christi, so die Sinnfülle der Worte: „Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,27). Das es sich um ein Getränk vom Weinstock handelte, ist in den Texten ausdrücklich erwähnt (Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Von der Jahreszeit ausgehend, wird es sich wohl um einen ausgegorenen Traubensaft, sprich Wein gehandelt haben. Doch nicht die Substanz selbst steht hier im Vordergrund (ist sie doch gar nicht ausdrücklich erwähnt), sondern in welchen Bezug sie Jesus bringt ist wichtig, nämlich: „Das ist mein Blut des Bundes“ – trinkt alle daraus. Nach dem Gesetz war jegliches Blut zu essen/trinken absolut verboten (1Mose 9,4; 3Mose 17,12-13). Daher nimmt Jesus das in Israel allgemein bekannte rotfarbene Getränk vom Weinstock als Element, welches am besten sein Blut symbolisiert.

Die beiden Elemente sind uns noch aus der Zeit Abrahams vertraut. „Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten“ (1Mose 14,18; Hebr 7,1). Auch beim täglichen Morgen- und Abendopfer waren Brot und Wein als Gaben vorgeschrieben. „Und zu dem einen Schaf einen Krug feinsten Mehls, vermengt mit einer viertel Kanne zerstoßener Oliven, und eine viertel Kanne Wein zum Trankopfer“ (2Mose 29,40). Nach Nehemia 10,38 brachte man den Priestern und Leviten für ihren Dienst die Erstlinge von den Früchten des Feldes einschließlich Brot und Wein. Mit Ausnahme wärend der Wüstenwanderung (5Mose 29,5) waren Brot als Hauptspeise und der Wein als Getränk, regulärer Bestandtteil auf der Speiseliste in Israel (1Sam 10,3; 16,20; 25,18; Ps 104,15). Dass Jesus gerade diese zwei Elemente aus dem täglichen Lebensmittelsortiment durch ein Wunder vermehrte (Joh 2,1-11; 6,1-15) ist kaum zuvällig, zeigte er doch dadurch seine Herrlichkeit (Joh 2,11; 6,14-15). Mit der Aufnahme dieser zwei Elemente und ihrem klaren Bezug zu Jesus, sind die Jünger in diesen Neuen Bund eingetreten, bzw. aufgenommen worden.

An dieser Stelle werden die Leser des Johannesevangeliums an die sehr unästetische, ja für viele sogar anstößige Aussage Jesu in der Synagoge zu Kapernaum erinnert. Dort sagt Jesus in Bezug auf sich selbst: „Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh 6,51-52). Oder „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken“ (Joh 6,54). Fällt uns doch spätestens jetzt auf, dass Jesus viele der wichtigen Inhalte der Heilsbotschaft mehrmals erwähnt.

  • Es gibt nichts Wichtiges, von dem was er sagt, das er nicht schon mal gesagt hätte;
  • Und es gibt nichts Wichtiges von dem was er zum ersten Mal sagt, das er nicht irgendwann wiederholen würde.

Das ist die göttliche Kunst unseres Lehrmeisters Jesus, um seinen Jüngern das Bewusstsein für die Kontinuität Gottes in der Heilsgeschichte zu schärfen. Leben und Überleben hing und hängt zuerst:

  • Von der Bereitschaft sich vom Blut getränkte Tierfelle als Kleider anlegen zu lassen (Adam und Evan);
  • Von der persönlichen Teilnahme am Passahlamm (Israel in Ägypten);
  • Dann von der Teilnahme am Manna, dem Himmelsbrot (Israel in der Wüste);
  • Dann von der persönlichen Teilnahme am vom Himmel gekommenem Brot des Lebens in der Person des menschgewordenen Gottessohnes Jesus Christus.

Die Bestimmung, der Inhalt und die Wirkung des realen Passahlammes, des realen Manna  geht voll und ganz auf die Person Jesu Christi über. Der Zeitpunkt des Übergangs ist an dem Abend des fünften/sechsten Wochentages (Donnerstagabend/Freitagbeginn) durch die Worte Jesu „Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“ markiert, und bereits am gleichen Tag, nach etwa 12 Stunden mit seinem Blut am Kreuz besiegelt worden.

e). Der Bund vom Sinai durch Mose den Knecht und der Neue Bund durch Jesus den Sohn

Der Bundesschluß am Sinai bedeutete die formal-juristische Stiftung, doch eingeführt in diesen Bund wurde das Volk Israel bereits in Ägypten. Dies geschah am Abend des 14. Tages im ersten Monat als auf Gottes Anweisung hin jede Familie das Passahlamm schlachten mußte.

Vorgeschrieben war:

  1. Ein 1-jähriges Lamm (oder Ziege), männlich, fehlerlos, es musste vier Tage lang verwahrt werden, am Abend des 14. Tages geschlachtet und am Feuer gebraten und in der Regel von jeder Familie bis zum Morgen ganz aufgegessen werden.
  2. Mit dem Blut des Lammes mussten die Türpfosten bestrichen werden zum Zeichen der Annahme der göttlichen Anweisung, dies bedeutete gleichzeitig Lebenserhalt der Erstgeburt in Israel.
  3. Zum Passahmahl gehörten ungesäuertes Brot und zwar für die gesamte folgende Woche (14 . bis 21. Tag des 1. Monats).
  4. Zu diesem Mahl gehörten ebenso bittere Kräuter.

Der Bundesschluß am Sinai mit öffentlicher Annahme und Einwilligung des gesamten Volkes Israel erfolgte bald nach der Ankunft am Berg Gottes, also etwa zwei Monate nach dem Auszug aus Ägypten. Der Bundesschluß wird vom Hebräerbriefschreiber wie folgt beschrieben: „Und er (Mose) nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören.“Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte“ ((2Mose 19,5; 24,7-8; Hebr 9,19). Bei dem Bund am Sinai werden zwei besondere Elemente deutlich hervorgehoben:

  1. Mose nahm das Buch des Bundes und las es vor. Das Volk nahm den Inhalt des Buches an. Die Parallele zum Abendmahl wäre: Jesus nahm das Brot, brach es und gab den Jüngern, sie nahmens und aßen.
  2. Mose nahm das Blut des Bundes und besprengte damit das Volk. Die Parallele beim Abendmahl wäre: Jesus nahm den Kelch und gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus.

Abbildung; Die beiden Elemente – Brot und der Kelch mit Wein – übernimmt Jesus als Zeichen für den Neuen Bund (Foto am 6. Februar 2016).

Da gibt es also gewisse Parallelen zum zweiten, Neuen Bund, den Jesus gestiftet hatte. In Römer 9,4 erwähnt der Apostel Paulus, dass den Israeliten „die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen“ gehören. Doch warum musste ein Neues Testament gemacht werden? In der Zeit um etwa 600 v. Chr. tadelt Gott die Israeliten wegen ihrer Untreue (Jer 31,31-34). Der Schreiber des Hebräerbriefes zitiert diese Stelle aus dem Propheten Jeremia in Kapitel 8,9-12):

  • Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund: 
  • nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern (den 12 Stämmen) geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen – diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war, spricht der HERR. 
  • Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR:
  • Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben.
  • Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 
  • Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder einer seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den HERRN! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der HERR.
  • Denn ich werde ihre Schuld (Ungerechtigkeiten) vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken“ (Jer 31,31-34; Zitat aus Hebr 8,9-12; ähnlich auch Hebr 10,15-17).

Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr“ (Hebr 10,18). Der Bund am Sinai barg jedoch in sich Elemente und Symbole, die auf tiefere, geistliche Realitäten in Gottes Heilsplan hinweisen (Mose als Mittler, Passahlamm, die zwei steinerne Tafeln des Zeugnisses, die Stiftshütte, der Priesterdienst mit all den Opfern, das Manna, die eherne Schlange etc.). „Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer vollkommen machen“ (Hebr 10,1). Es ist also eindeutig eine vorläufige Einrichtung und daher wird eine bessere Ordnung eingeführt. wie es auch weiter im Text heißt: „dann sprach er (der Sohn): „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ – er nimmt das Erste weg, um das Zweite aufzurichten. In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Hebr 10,9-10).

Jesus, als der einzig wahre und vollkommene Mittler  des Neuen Testamentes (1Tim 2,5; Hebr 9,15; 12,24), stiftet den von Gott durch Jeremia (31,31-34) verheißenen Neuen Bund an seine zweölf Apostel (das neutestamentliche- und Gesamte Israel – Mt 26,26-28) und besiegelte diesen mit seinem Blut durch den Tod am Kreuz (Hebr 9,16 – „Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat“).

Zwischen der Stiftung des ersten Bundes am Sinai und des zweiten Bundes beim letzten Passahmahl, sind nicht nur deutliche Prallelen, sondern auch wesentliche Unterschiede zu erkennen, wie die Gegenüberstellungen in der folgenden Tabelle zeigen:

 

Der erste Bundesschluss mit Israel – den 12 Stämmen Der zweite Bundesschluss mit Israel – den 12 Aposteln
Der erste Bund wurde bei dem ersten Passahmahl in Ägypten gestiftet und am Sinai mit Tierblut besiegelt Der zweite Bund wurde während des letzten Passahmahls in Jerusalem gestiftet und am Kreuz mit dem Blut Jesu Christi besiegelt
Der erste Bund wurde mit der gesamten Gemeinde Israel durch Blutbesprengung geschlossen Der zweite Bund wurde mit den 12 Jüngern als Repräsentanten des NT Volkes Israel durch den Kelch des neuen Bundes – (mit dem Blut Jesu) geschlossen
Das Gesetz des Buchstabens war mit Gottes Finger auf steinerne Tafeln geschrieben Das Gesetz Gottes (des Geistes) wird ins Herz des Gläubigen und sein Denken (Sinn) geschrieben
Wiederholte Tieropfer für die Sünden waren nötig Einmaliges und gültiges Opfer des Lammes Jesus Christus genügt um für immer die Sünden wegzunehmen (Hebr 9,9-10; 1Petr 1,22-23)
Durch die vielen und verschiedenen Opfer geschieht nur eine Erinnerung an die Sünden Durch das eine Opfer wird an die Sünden nicht mehr gedacht
Das Aaronitische Priestertum war zeitlich begrenzt und schwach Der Hohepriester Jesus gemäß der Ordnung Melchisedeks bleibt ewig (Hebr 8,1)
Mose als Mittler – treuer Knecht in Gottes Haus Jesus als Mittler – Sohn und Herr über das Haus Gottes
Der erste Bund schloß nur das Volk Israel ein – ausschließlicher Bund Der zweite Bund schließt alle Glaubenden an Jesus ein, Juden und Nichthuden – universeller Bund

 

Der zweite und Neue Bund schließt laut Verheißung zwar auch das ganze Israel (Haus Israel und Juda) mit ein, doch nicht automatisch, sondern durch persönliche Annahme und Einwilligung in die Bedingung des Bundes. Und diese Bedingung oder Voraussetzung ist:

  • Jesus, als den von Gott gesandten und gesalbten Messias/Retter,
  • der sich als Passahlamm für die Sünden aller Menschen opferte,
  • im Glauben annehmen,
  • Vergebung der Sünden erlangen
  • und zum neutestamentlichen Volk Gottes hinzugeordnet werden.

Das ist der Neue Bund, das Neue Testament, Gottes Vermächtnis – zugänglich für alle Menschen. Denn letztlich fließen die geistlichen Inhalte aller Bünde, die Gott noch vor Mose gestiftet hatte in den einen Neuen Bund ein und finden da ihre Erfüllung.

 

f). Inhalt des Neuen Bundes – Vergebung der Sünden

Das größte Problem das der Mensch hat, ist seine Sünde. Im Grunde ist Sünde alles, was mit Gottes Willen und Wesen nicht übereinstimmt. Der Begriff selbst bedeutet sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen soviel wie – Verfehlung, oder Zielverfehlung (4Mose 18,1). Sünde wird sehr oft mit bewusster Übertretung des Gebotes Gottes gleichgesetzt. Allerdings wird Sünde von Gott erst angerechnet, wenn ein Bewusstsein dafür vorhanden ist. So schreibt Paulus: „Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam (gemeint ist das Gesetz Moses); aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet“  (Röm 5,13; ähnlich auch 4,15). Sehr großzügig außert sich Jesus gegenüber den Juden: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, um ihre Sünde zu entschuldigen“ (Joh 15,22). Gott ist absolut heilig, gerecht, aber auch gütig, gnädig und barmherzig. Doch ganz gleich, ob ein Mensch bewusst oder unbewusst, viel oder weniger gesündigt hat, nach dem Sündenfall Adams gerieten alle Menschen unter den Fluch und die Folgen der Sünde, Paulus schreibt dazu: „Denn sie sind allzumal Sünder“ und:  „Denn der Sünde Sold ist der Tod“ (Röm 3,23; 6,23). Sünde ist nicht einfach nur etwas Negatives, Schlechtes, Sünde ist tödlich. „Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!“ (1Mose 2,16-17). Gottes Anweisung bestand aus zweierlei: dem Gebot und dem Verbot – du darfst (sollst) und du darfst (sollst) nicht. Und wie der Text in 1Mose 3,1-7 berichtet, vernachlässigten beide – Eva und Adam – das Gebot und taten das Verbotene. Durch Zweifel, Unglauben und Ungehorsam gerieten sie in die Sündenfalle. Nun bedeutete damals Sterben nicht gleich physischer Tod verbunden mit plötzlichem umfallen. Aber die innere geistliche Beziehung zu Gott wurde unterbrochen (ist gestorben) und damit setzte auch das physische (wenn auch langsame) Sterben ein. Zu dem Verlust des Lebens kam noch die Schuld gegenüber Gott dazu. Im sogenannten Gebet `Vaterunser` verwendet Jesus in Matthäus 6,12 den Begriff Schuld (gr. οφειληιμα – ofeilema). Die größte Schuld des Menschen ist demnach seine Sündenschuld, denn er ist vor Gott schuldig geworden. Und er ist nicht imstande diese Schuld loszuwerden durch  Eigenleistung, bzw. durch gute Taten. Denn das Gute und Richtige zu tun gehörte zu seiner normalen Pflicht, es ist eigentlich seine Berufung und Lebensaufgabe. Bei jedem Versuch durch gute Taten eine Sünde abzumildern oder gar zu tilgen, versäumt er gleichzeitig seinen eigentlichen Pflichten nachzukommen und lädt neue Versäumnisssünden auf sich. Nehmen wir als Beispiel Adam und Eva nachdem sie durch Ungehorsam, das Gebot Gottes übertraten und damit Schuld auf sich luden. „und sie (Eva) nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten die Stimme Gottes, des HERRN, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Gottes, des HERRN, mitten zwischen den Bäumen des Gartens“ (1Mose 3,7-8). Folgendes wird hier deutlich:

  1. Adam und Eva kannten den Willen Gottes,
  2. Anstatt ihren eigentlichen Pflichten nachzukommen (1Mose 1,27-28), wendeten sie sich dem Verbotenen zu,
  3. Dann erkannten sie ihre Nacktheit (Veränderte Beziehung zu einander und zu Gott – es stellte sich Schamgefühl ein, das durch Schuldbewusstsein hervorgerugen wurde). Nun bleiben sie nicht untätig, sie verdecken sich voreinander mit selbstgemachter Bekleidung und verstecken sich vor dem Herrn unter den Bäumen des Gartens. Mit diesen eigenständigen Aktivitäten wollten sie etwas gegen ihr Verschulden machen, versäumen dabei ihren von Gott aufgetragenen Pflichten nachzukommen (1Mose 2,15). Beim Sündigen verschuldet sich der Mensch immer doppelt. Das Bemühen, ihre Schuld irgendwie zuzudecken misslang, sie mussten sich schließlich Gott stellen (1Mose 3,9-10). Nach der Klärung der völlig neuen Sachlage mußten Beide ihre Selbstgemachte Bekleidung ablegen. Was danach geschah, ist für sie völlig neu und musste sie in Staunen und Schrecken versetzt haben.
    • Unbeteiligte Tiere (wahrscheinlich Lämmer) die mit den verwerflichen Handlungen der Menschen nichts zu tun hatten, müssen geschlachtet werden,
    • Dabei wird unschuldiges Tierblut vergossen,
    • Aus Tierfellen werden Röcke gemacht, um die Blöse der Menschen zu bedecken – Handlungen voller Symbolkraft.

Schön war der Anblick dieser Bekleidung keineswegs, wohl aber heilsam. Nicht dass die Tierfelle im Vergleich zu den Feigenblättern von längerer Dauer sind, sondern damit deutete Gott zum erstenmal an, wie und wodurch der Mensch von seiner Sündenschuld loswerden kann und erneut Gemeinschaft mit Gott erleben kann. Die unzähligen Tieropfer des Alten Bundes erinnern aber nicht nur an die erste Sünde des Menschen, sondern weisen auch in die Zukunft, auf die noch ausstehende Rettung/Erlösung durch das wahre Lamm Gottes, das die Sünden auf sich nimmt und durch seinen stellvertretenden Tod hinwegnimmt. Um etwa 700 v. Chr. schreibt der Prophet Jesaja von dem kommenden Messias: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten. Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet. Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen eigenen Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld. Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf“ (Jes 53,2-8). Dieser Text bildet das Kernstück des Evangeliums, wie es schon Jahrhunderte zuvor dem Volk Israel in Schriftform als neue Perspektive der Erlösung von Sünden verkündigt wurde. Kurz vor dem öffentlichen Auftreten des von Gott verheißenen und dem Volk Israel ersehnten Messias/Retter bezeugt der Pristersohn Johannes der Täufer von der Ankunft dieses Gotteslammes. „Siehe, dies ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde hinwegträgt“ (Joh 1,29. 36). Mindestens viermal sagte Jesus seinen Jüngern voraus, dass er viel leiden müsse und zur Kreuzigung an die Heiden überantwortet wird. Am letzten Abend während des Passahmahls, so schreibt Matthäus der Evangelist und Augenzeugen: „Und er (Jesus) nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung (Erlassung) der Sünden“ (Mt 26,27-28). Der wesentlichste Inhalt des Neuen Bundes ist die Vergebung der Sündenschuld der Welt. Das Blut Jesu Christi, sein menschliches, physisches Leben (gr. ψυχη – psyche) als unschuldigen Gotteslammes ist der höchste Preis dafür (Joh 10,11. 17-18). Und wie Petrus Jahre später schreibt: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel,

19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken. Er ist zwar im Voraus vor Grundlegung der Welt erkannt, aber am Ende der Zeiten offenbart worden um euretwillen“,(1Petr 1,18-20). Auch der Apostel Paulus hebt hervor: „Auch wir haben ein Passahlamm – das ist Christus – für uns geopfert“ (1Kor 5,7b).

 

g). Das Herrenmahl – ein Gedächtnismahl

Der Apostel Paulus gibt den Gläubigen in Korinth klare Anweisungen in Bezug auf das Abendmahl und begründet diese mit: „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis“ (1Kor 11,23-25). Auch im Lukasevangelium wird die wiederholte Praxis des Abendmahls mit den Worten begründet: „das tut zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19b). Mit der Anordnung `εις την αναμνησιν – eis ten anamnesin – zu meinem Gedächtnis` (im Akkusativ), stellt Jesus selbst den ständigen Bezug zu sich her. Die in dem Wort Gedächtnis vorangestellte Vorsilbe `ana-mnesin`, will das im Gedächtnis Abgelagerte an die Oberfläche hervorholen. So könnte anstelle `zu meinem Gedächtnis` auch `zu meiner Erinnerung` übersetzt werden. Der Hebräerbriefschreiber benutzt das gleiche Wort `ana-mnesis – Er-innerung` (im Nominativ) für die Praxis der jährlichen Opfer, welche an das Vorhandensein der Sünden erinnern soll (Hebr 10,3). Durch die Klarheit dieses Begriffes fällt es uns leichter zu verstehen, dass in der wiederholten Praxis des Abendmahls (Brot und Kelch) das gesamte Werk der Erlösung durch Jesus Christus hervorgehoben werden soll. Die nachfolgenden Worte des Apostels Paulus unterstreichen dies zusätzlich: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,26). Gott verordnete den Israeliten, die jährliche Opferung des Passahlammes am 14. Tag des ersten Monats und ebenso das jährliche Versöhnungsopfer am 10. Tag des siebten Monats als eine ewige Ordnung (2Mose 12,14. 17; 3Mose 16,29. 31. 34).

  • Die erste Etappe dieser wiederholten Praxis der Opferdarbringung endete mit dem Tod Jesu am Kreuz.
  • Die zweite Etappe, in der das einmalige Opfer Jesu Christi in der wiederholten  Erinnerungpraxis durch Brot und Kelch symbolhaft dargestellt ist, hat ihre Gültigkeit bis er wieder kommt.
  • Auch im ewigen Reich Gottes, welches vollends bei der Wiederkunft Christi offenbart wird, setzt sich die ewige Ordnung Gottes in einer geistlichen Dimension fort. Dies wird durch die Worte Jesu angedeutet: „Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.(Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Dadurch wird für alle Ewigkeit die Erinnerung (ana-mnesis) an das Erlösungswerk Jesu Christi wachgehalten (Offb 5,6. 8. 12. 13; 7,10. 17; 14,1. 4; 15,3 – das Lamm). Jesus selbst verheißt seinen Jüngern in Lukas 22,30: „dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.“ Bis diese Verheißung erfüllt sein wird, gilt für uns die Erinnerung, das Gedenken an Jesu Versönungswerk durch die regelmäßige Feier des Abendmahls wach zu halten.

 

 

10.22 Judas missachtet Gottes Gnade

Er mißachtet bewußt die Liebe und Langmut Gottes. Dies führt zu einer totalen Verblendung, Verhärtung und Verstockung des Herzens. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig seid ihr, wenn ihr’s tut. Das sage ich nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot isst, tritt mich mit Füßen.« (Joh 13,17-18).

Immer noch redet Jesus verdeckt, er spricht den Judas nicht offen an. Doch auch diese Warnung hatte Judas bewußt nicht beachtet. Jesus fuhr weiter fort mit den Worten: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat“. Als Jesus das gesagt hatte, wurde er betrübt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und als der den Bissen nahm, fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! Aber niemand am Tisch wusste, wozu er ihm das sagte. Einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht. (Joh 13,19-30).

Nun leitet Jesus selbst die Klärung der Fronten ein mit einem zweifachen „Wahrlich, wahrlich ich sage euch“. Die Jünger müssen sich ständig entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen. „Wer mich aufnimmt …“. Die Jünger sind gefragt. Werden sie zu ihm stehen? Die Spannung wächst zusehends als Jesus die deutliche und klare Aussage macht: „Einer unter euch wird mich verraten“. Den Jüngern wurde bange und jeder fragt: „Bin ich es? Bin ich es“? Petrus, der wohl etwas weiter weg saß, hält es nicht aus und winkt dem Johannes, der am nächsten bei Jesus dran war, dass er fragen sollte, wer denn der Verräter wäre? Daß ihnen das ungeistliche Verhalten des Judas bis dahin nicht aufgefallen ist, spricht für dessen  perfekte Tarnung. Judas war ein sehr guter Schauspieler, Heuchler, Maskenträger.

Eine weitere Aussage macht Jesus an diesem Abend:„Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre“ (Mt 26,24). Laut Jesu Wort, ist es für einen Menschen besser nicht existent zu haben, als solch einen Lebensweg zu wählen. Dem Johannes antwortet Jesus: Wem ich den Bissen eintauche und gebe, der wird mich verraten. Und er tauchte den Bissen ein und gab ihn Judas mit den Worten: „Was du tust, tue bald“. Wir müssen deutlich erkennen, es ist nicht Jesus, der Judas zu dem Verrat drämgt, denn Judas hat sich schon Tage vorher dafür entschieden. Wahrscheinlich will Jesus ihn jetzt loshaben, denn er hat noch einige Reden, ein Art Vermächtnis an seine Jünger und dies gilt dem Judas nicht mehr. Doch die anderen Jünger sind immer noch ahnungslos. Wieder verstehen sie nicht, was Jesus damit meinte, „Einige meinten, weil Judas den Beutel (Kasse) hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte“ (Joh 13,29).

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Jesus offen den Namen des Judas als Verräter vor allen ausgesprochen hätte. Jesus vermeidet den frontal Zusammenstoß und auch eine direkte Auseinandersetzung der übrigen Jünger mit Judas.

Matthäus überliefert noch: „Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich’s, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es“ (Mt 26,25). Judas ist also der letzte, der die Frage stellt „Bin ich`s, Rabbi“? Und Jesus bejaht es, doch in dem lebhaften Tischgespräch wird wohl nur Judas diese Bemerkung Jesu bewußt gehört haben, galt sie doch nur ihm. Danach taucht Jesus ein Brot in die Schüssel und gibt den Bissen Judas mit den Worten: „was du tust, tue bald“. Judas steht auf und geht mit seinem Geldbeutel einschließlich der 30 Silberstücke, er verläßt seinen Herrn und die Gemeinschaft der Jünger, diesmal für immer. „Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht“ (Joh 13,30). Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. Es gibt kein Zurück mehr für ihn. Jesus hat ihn entlassen. Er ist nun fest im Besitz des Teufels. Wer zu lange und bewußt mit der Sünde kompromitiert, begibt sich in die Fänge des Satans. Und es kommt die Stunde, der Augenblick, wo es kein Zurück mehr gibt, so auch bei Judas. Nun ist er auf dem Weg zu den Hohenpriestern. Das sage ich nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot isst, tritt mich mit Füßen.« Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin“ (Joh 13,18-19). So sehr sich Jesus gesehnt hatte mit seinen Jüngern dieses für ihn letzte Passah zu halten, war er doch sehr betrübt über den Entschluß des Judas ihn zu verraten. Wie konnte einer, der so viele ungewöhnliche Kraftwirkungen Gottes erlebt, ja sogar mitgewirkt hatte, sein Herz derart verhärten?

 

10.23 Das Neue Gebot – einander lieben

(Joh 13,31-35)

 

Als Judas nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. 32 Ist Gott verherrlicht in ihm, so wird Gott ihn auch verherrlichen in sich und wird ihn bald verherrlichen. 33 Liebe Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen“ (Joh 13,31-33). Die Worte Jesu klingen geheimnisvoll, weil er von Vorgängen spricht, die sich außerhalb des intelektuellen Fassungsvermögens der Jünger , also in der göttlichen Sphäre vollziehen. Verherrlichung Gottes im Menschensohn schließt eben auch die gesamte Passion des Christus mit ein. Diese letzte Etappe wird Jesus allein, ohne Begleitung seiner Jünger gehen müssen. Ja, noch mehr, sie alle werden sich an ihm ärgern und ihn verlassen (Mt 26,31; Mk 14,27).

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34-35). Was ist an diesem Gebot neu im Vergleich zu dem Gebot der Nächstenliebe? Neu ist daran der Vergleich zur Bezugsperson. Im Gebot der Nächstenliebe heißt es: „wie dich selbst“ in dem neuen Gebot heißt es: „wie ich euch geliebt habe“. Die Eigen- oder Selbstliebe ist menschlich und begrenzt, die Liebe Jesu ist göttlich und grenzenlos. Es ist die Liebe, in welcher sich Jesus hingibt (bis in den Tod) zum Heil für seine Gemeinde. Die Auswirkung solchen Liebens ist gravierend, weil es das deutlichste Erkennungszeichen für die Jünger Jesu ist. Doch gerade diese Liebe wird in dieser Nacht auf die Probe gestellt.

 

10.24 Die Ankündigung der Verleugnung des Petrus

(Mt 26,31-35; Mk 14,27-31; Lk 22,31-38; Joh 13,36-38)

 

Jesus sagt das Versagen der Jünger in den kommenden Stunden dieser entscheidenden Nacht voraus. In einer Tabelle sind die sich ergänzenden Paralleltexte der vier Evangelien aufgelistet.

 

Matthäus 26,31-35 Markus 14,27-31 Lukas 22,31-38 Johannes 13,36-38
Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen (σκανδαλισθήσεσθε –  skandalisthesesthe) an mir. Denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa. Und Jesus sprach zu ihnen: Ihr werdet alle Ärgernis nehmen; denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.«

Wenn ich aber auferstanden bin, will ich vor euch hingehen nach Galiläa.    Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen.

Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn sie auch alle Ärgernis nehmen, so will ich doch niemals Ärgernis nehmen an dir.Petrus aber sagte zu ihm: Und wenn sie alle Ärgernis nehmen, so doch ich nicht!Er aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.Spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen.

Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen.Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.Er aber sprach: Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast.Petrus sprach zu ihm: Und wenn ich mit dir sterben müsste, will ich dich nicht verleugnen.Er aber redete noch weiter: Auch wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen!  Das Gleiche sagten auch alle Jünger.Das Gleiche sagten sie alle.     Und er sprach zu ihnen: Als ich euch ausgesandt habe ohne Geldbeutel, ohne Tasche und ohne Schuhe, habt ihr da je Mangel gehabt? Sie sprachen: Niemals.

Da sprach er zu ihnen: Aber nun, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, desgleichen auch die Tasche, und wer’s nicht hat, verkaufe seinen Mantel und kaufe ein Schwert.

Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet.

Sie sprachen aber: Herr, siehe, hier sind zwei Schwerter. Er aber sprach zu ihnen: Es ist genug.

 

Diese letzte Aufforderung von Jesus haben die Jünger missverstanden. Immer dann wenn es um Aktionen ging, waren sie hell wach und dabei. Jetzt waren sie bereit zu kämpfen. Insgesamt ist diese Aktion nicht leicht in das Evangeliumskonzept der Gewaltlosigkeit einzuordnen. Es macht aber auch deutlich, wie offen die Jünger Jesu sind, wenn es darum geht das Reich Gottes mit weltlichen Mittlen zu verteidigen oder auszubauen. Leider hat auch ein Teil der späteren Kirche auf diesem Gebiet kläglich versagt.

 

10.25 Das Vermächtnis Jesu an seine Jünger (PS)

(Joh 14,1-17,24)

 

a). 14,1-

14,1-

b). Johannes 14

(Joh 14,1-)

 

 

c). Das Gleichnis vom Weingärtner, dem dem Weinstock und den Reben (Ps)

Joh 15,1-16

 

  • Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. (Ps 80,9; Jes 5,1; Jer 2,21).  Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. (Joh 13,10; 1Petr 1,23) . Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (2Kor 3,5).  Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. (Mk 11,24). Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“ (Joh 15,1-8).  (Mt 5,16).

 

Abbildung 5 Die Mosaikaufschrift in der Pauluskirche in Paphos lautet: „Ich bin der Weinstock der wahre“ (Foto: P. S. ).

 

Zeitlich hat Jesus dieses Gleichnis bei den letzten, sogenannten Abschiedsreden erzählt, also nach dem Abendmahl und der Fußwaschung. Und auch nach dem Judas den Jüngerkreis verlassen hatte. Darum hat Jesus mit Sicherheit im Textzusammenhang auch   diesen gedacht.

Auf den ersten Blick scheint der Text ganz klar und verständlich zu sein, doch schon in Vers zwei macht Jesus eine Aussage, die sich scheinbar widerspricht. Dort heißt es: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen“. Dass eine Rebe, welche nicht am Weinstock bleibt, keine Frucht tragen kann (V. 3) ist verständlich, genauso jede Rebe, die am Weinstock bleibt, eben auch Frucht trägt. Doch wie kann jemand in Jesus sein, oder bleiben und dabei doch fruchtlos sein, so dass er von dem Weingärtner, dem Vater weggenommen wird?

Vielleicht sind hier Menschen gemeint, die nur ein äußeres Bekenntnis und Zugehörigkeit zu Jesus haben, aber in ihrem Herzen sind sie nicht bei Jesus und mit ihren Werken verleugnen sie ihn anstatt zu ehren? Zu dieser Annahme gibt uns Johannes in seinem ersten Brief einen Anhaltspunkt.

  • Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat“ (1Joh 2,4-6).

So ein offensichtlicher Fall war eben mit Judas, der zwar äußerlich dabei war, doch sein Herz war weit weg, ja sogar gegen Jesus. Solchen Menschen droht eine Entfernung, ein Weggenommenwerden durch den Vater. Das griechische Tatwort ´αιρει – airei´ in der 3. Person bedeutet ´niemand nimmt es (das Leben) von mir weg (Joh 10,18), ´eure Freude wird niemand von euch wegnehmen´ (Joh 16,22)  ´losreisen´ (Mt 9,16 und Mk 2,21) ´der Teufel nimmt das Wort weg (Mk 4,15 und Lk 8,12) ´der Stärkere nimmt die Rüstung weg´ (Lk 11,22).

d). Johannes 16

(Joh 16,1-)

 

e). Jesus betet für seine Nachfolger (PS)

Joh 17,1-24

Dddddddddddddddddd

 

10.26 Jesus im Garten Gethsemane

(Mk 14,32-42; Lk 22,39-53; Joh 18,1-12)

 

a). Der Ort des Gebets und der Gefangennahme

Der letzte Hymnus nach der Passahfeier und den Abschiedsreden ist gesungen – dies könnte einer der Psalmen gewesen sein (z.B. Ps 65-68; Mt 26,30). Jesus und seine Jünger verlassen die Stadt wahrscheinlich durch das Nordtor hinunter ins Kidrontal in Richtung Ölberg. dDer Evangelist Johannes schreibt: „Als Jesus das geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger. Judas aber, der ihn verriet, kannte den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft dort mit seinen Jüngern“ (Joh 18,1-2).

Matthäus berichtet: „Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete“ (Mt 26,46; Mk 14,32).

Lukas ergänzt: „Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger“ (Lk 22,39).

 

Abbildung 18 Einer der Uralten Olivenbäume im Garten Gethsemane (Foto: April 1986).

 

Der Garten Gethsemane liegt demnach oberhalb vom linken Ufer des Baches Kidron. Der Bach Kidron verläuft von Nord nach Süd unterhalb der Ostmauer der Stadt Jerusalem. Gethsemane lag somit am Westhang des Ölbergs.

Abbildung 19 Der Westhang des Ölbergs mit dem Garten Gethsemane. Im linken unteren Rand ist die sogenannte Kirche aller Nationen zu erkennen (Foto : April 1986).

Der Name des Gartens oder Gehöftes `Gethsemane`, den nur Matthäus und Markus namentlich erwähnen, bedeutet `Ölpresse`. Damit ist auch der Zusammenhang mit dem Berg der Ölbäume hergestellt. Bestimmte Orte suchte Jesus gerne und oft auf, so dass es zu seiner Gewohnheit wurde. Hier übernachtete er öfters während seines Aufenthaltes in Jerusalem (Lk 21,37). Er suchte immer wieder Distanz zu dem lauten und hektischen Treiben in Jerusalem. Noch heute zeugen Jahrtausendealte Olivenbäume am Westhang des Ölbergs von den Ereignissen jener Zeit.

 

b). Jesus betet und siegt in der Versuchung

 

Die Gebetsstunde im Garten Gethsemane ist von großer Tragweite. Obwohl die elf Jünger in seiner Nähe sind, bleibt er dennoch allein, ganz auf sich gestellt. Johannes, der seinen Evangelienbericht später schrieb, lässt das Gebet Jesu aus, hat aber mehr Details bei der Gefangennahme aufgeschrieben. Lukas ist hier kürzer als Matthäus und Markus, hat jedoch ergänzende Details. Im Folgenden sind die Texte der drei Evangelien zum Teil zusammengefasst, um einen etwas vollständigeren Überblick und Einblick in die Gebetsstunde von Jesus zu bekommen.

 

Erste Phase der Gebetsstunde: „Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete. Und er sprach zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus Jakobus und Johannes und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, warf sich auf die Erde und kniete nieder  fiel auf sein Angesicht, betete und sprach:

Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen. Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, „eine“ Stunde zu wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

 

Zweite Phase der Gebetsstunde: „Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach dieselben Worte: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf  und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.“

 

Dritte Phase der Gebetsstunde: „Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte. Und er kam zu seinen Jüngern und sprach; Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät“ (Mt 26,36-46; Mk 14,32-42; Lk 22,40-46 LÜ).

 

Die Gebetsstunde von Jesus in Gethsemane ist in drei von einander getrennten Phasen eingeteilt, obwohl er jedes Mal das gleiche betet. Diese Gebetseinheiten unterbricht er durch Aufsuchen seiner drei Jünger – Petrus, Jakobus und Johannes. Er bittet, ja, fordert seine Jünger auf zu wachen und zu beten. Von dem griechischen Verb `wacht – gregoreite – γρηγορείτε` wurde in den späteren Jahrhunderten der Personennamen `Gregori` abgeleitet. Die Begründung zum wachen und beten lautet: „Damit ihr nicht in Versuchung (hinein) fallet“.  Das griechische Wort `πειρασμός – peirasmos` hat die Bedeutung sowohl von Prüfung (positiver Aspekt) als auch Versuchung (negativer Aspekt). Die Jünger werden hier im Garten Gethsemane vor eine herausfordernde Prüfung gestellt, welche sie nur durch Gebet in Wachsamkeit bestehen können. Dabei geht es nicht einfach nur um das natürliche Wachsein, sondern um das verharren im Wort und Willen Gottes. Doch sie schlafen ein und versäumen dadurch das Gebet, die Ausrüstung und Vorbereitung auf die schwere Prüfung, welche ihnen bevorstand. Und so fehlt ihnen die Ausrüstung gegen die schwere Versuchung und sie fallen.

Gelegentlich wird gefragt, was Jesus mit der Aussage „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ gemeint haben könnte? Blut wird immer mit dem gleichen Begriff bezeichnet, nämlich – αιμα(τος)– aima(tos). Für das deutsche Wort Fleisch gibt es im Griechischen zwei Begriffe, `σαρξ – sarx` und `κρεας – kreas`.  Letzteres ist das Fleisch der Tiere, die zum Verzehr bestimmt sind (1Kor 8,13). In unserem Text wird der Begriff `sarx` verwendet und gemeint ist die physische, vergängliche Existenz des Menschen. Wie auch der Apostel Paulus später schreibt: „Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, sodass ihr nicht tut, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Jesus bezeichnet den Geist als willig, mutig, gegenüber dem Fleisch, das besonders wegen Müdigkeit des Körpers und Traurigkeit schwach ist und zum Schlaf neigt. Auch Jesus wünscht sich aus seiner menschlichen Existenz heraus (seinem Fleisch) das der Kelch des Leidens und des Todes an ihm vorübergehen möge. Doch in seinem Geist siegt er über das Fleisch durch bewusste Unterordnung unter den Willen Gottes seines Vaters. Hier stellt sich eine weitere Frage, – wogegen rang und kämpfte Jesus an? Er kommt in `agonia – άγωνία` (Lk 22,44). Nur der Evangelist Lukas beschreibt dieses Detail, das im griechischen Neuen Testament in Doppelklammern gesetzt ist, also nicht in allen Handschriften enthalten ist. Agonia ist bei Lukas (Lk 13,24) und an allen weiteren Stellen des Neuen Testamentes mit Ringen und Kämpfen übersetzt und meint einen kraftvollen Einsatz (1Kor 9,25; Kol 1,29; 1Thes 2,2; 1Tim 4,10). Besonders in Kolosser 4,12 wird das Ringen von Epaphras in seinen Gebeten für die Gläubigen in Kolossä hervorgehoben. Die von Gläubigen oft verwendete Bezeichnung `Gebetskampf„ ist inhaltlich nicht ganz klar definiert. Jesus kommt ins kämpfen und daraufhin betet er heftiger, intensiver (Lk 22,44). Er kämpft jedoch nicht mit dem Gebet, oder gegen die Gebetsschwäche, auch nicht gegen den Schlaf, sondern sein Kampf richtet sich gegen die Mächte der Finsternis, welche ihn durch sein Fleisch zum Abbruch des Heilsplanes verführen wollen. Die Luther Übersetzung: „es geschah aber dass er mit dem Tode rang“, drückt zwar sehr anschaulich die Intensität des Kampfes aus, doch das Wort `Tod` steht nicht im Text, auch nicht bei den Übersetzungen: Elbf, NGÜ oder Schlachter. Den Tod bekämpft und besiegt hat Jesus durch sein Sterben und Auferstehen. In Gethsemane ist Jesus eher versucht gewesen dem Leidenstod zu entgehen. Sagte er doch selbst in seinem Gebet: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke“? Hier ist der Kelch des Leidens und Todes gemeint. Auch in Lukas 12,50 sagt Jesus: „Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Es geht auch hier um die Leidens- und Todestaufe, die Jesus nach seinem Fleisch lieber umgangen wäre. Das war die Versuchung und dagegen richtete sich sein Kampf, seine agonia.

Weitere auffällige Details sind:

  • Dreimal betet er das gleiche Gebet;
  • Dreimal weckt er seine Jünger vom Schlaf auf;
  • In seinem Ringen/Kampf fallen Schweiß wie Blutstropfen auf die Erde;
  • In seinem Kampf wird er durch das Erscheinen eines Engels gestärkt.

Nach ausgefochtenem Kampf, nach der Entscheidung, sich dem Willen seines Vaters unterzuordnen, steht  Jesus wieder vor seinen Jüngern, jetzt zittert und zagt er nicht mehr. Mutig und entschlossen fordert er sie auf aufzustehen, weil die Stunde, der Augenblick der Auslieferung gekommen ist.

Er ist nun bereit und gewappnet:

  • die Demütigung der Gefangennahme,
  • die Anschuldigungen durch die falschen Zeugen,
  • die Verspottung und Verhönung durch den Hohen Rat,
  • die Schläge ins Gesicht begleitet von spöttischen Fragen,
  • die Verspottung durch Herodes Antipas und dessen Untertanen,
  • die Geißelung und Kreuzigung durch die Römer auf sich zu nehmen.

 Wie bei der ersten Versuchung in der Wüste, so auch hier, sagte er JA, zum Willen seines Vaters im Himmel!

 

Fragen:

  1. Fürchtet sich Jesus vor Leiden und TOD?

 

  1. Warum ist für einen Sündlosen der Tod soviel schrecklicher?

 

  1. Wogegen Kämpft Jesus an?

 

  1. Was bedeutet die Bitte um ein Mit-Wachen, ein Mit-Beten?

 

  1. Wie hätte diese Gebetsstunde von den Jüngern gestaltet werden können?

 

  1. Schlafen oder Beten – warum beten wir selten und schlafen soviel?

 

  1. Wie wollen wir den nächsten Gebetsabend, die nächste Gebetsnacht gestalten?

c). Jesus lässt sich gefangen nehmen

Aus  Furcht vor einem Volksaufstand zugunsten von Jesus, nehmen die Führer des Volkes den sehr bekannten Propheten Jesus bei einer nächtlichen Aktion gefangen. Dabei spielte Judas eine entscheidende Rolle. Ohne ihn wäre die Gefangennahme in dieser Nacht nicht zustande gekommen. Zunächst lernen wir die Evangelientexte über die Gefangennahme  Jesu im Garten Gethsemane kennen.

Abbildung 20 Eine Schafherde weidet friedlich in einem Olivenhain (Foto am 17. August 2011).

 

Dabei werden wir feststellen, dass sich die drei sogenannten synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) sowohl einandern ähneln als auch ergänzen.  Johannes hat eine etwas andere Reihenfolge und hält ungewöhnliche Aspekte im Ablauf der Gefangennahme fest.

Der Evangelist Johannes schreibt: „Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen.“ (Joh 18,6). Die Bezeichnung `Schar`, (gr. σπείρα – speira), ist eine militärische Abteilung der Römer, welche in Jerusalem stationiert war. Diese wird von einem Oberst über Tausend `gr.  χιλίαρχος – chiliarchos` befehligt. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die gesamte Abteilung an der Gefangennahme teilnahm. Doch lässt dies erkennen, dass die Tempelbehörde (die Priesterschaft) ab diesem Zeitpunkt den römischen Kommandanten in ihre Pläne einbezogen hat.Der Evangelist Markus schreibt über das Verhaftungskomande folgendes: „Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten.“ (Mk 14,43). ().

 

Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin’s! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen“ (18,3-5). „Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin’s!, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Da fragte er sie abermals: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Sucht ihr mich, so lasst diese gehen! Damit sollte das Wort erfüllt werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast“ (18,7-9).

Matthäus: „Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes“ (Mt 26,47). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab“ (Mk 14,44). Der Evangelist Lukas ergänzt, dass Judas der Schar voranging, auf Jesus hinzuging um ihn zu küssen (Lk 22.47). Der Evangelist Matthäus fährt fort: „Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Mein Freund, dazu bist du gekommen?“ (Mt 26,49-50). Der Evangelist Lukas: „Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Lk 22,48). Matthäus: „Da traten sie heran und legten Hand an Jesus und ergriffen ihn“ (Mt 26,51). Johannes ergänzt mit den Worten: „Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn“ (Joh 18,12). Lukas: „Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“ (22,49). Johannes macht weiter detailierte Angaben: „Simon Petrus aber hatte ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus“ (18,10). Lukas: „Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn“ (22,51). Johannes: „Da sprach Jesus zu Petrus: Steck dein Schwert in die Scheide!“ (18,11). Matthäus ergänzt: „Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“. Johannes: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ (18,11). Matthäus: „Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (26,53-54). Matthäus: „Zu der Stunde sprach Jesus zu der Schar: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Habe ich doch täglich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen.

56 Aber das ist alles geschehen, damit erfüllt würden die Schriften der Propheten“ (26,55-56). Markus: „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen.

49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden“ (14,48). Lukas: „Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis“ (22,52-53). Matthäus: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“ (). Markus: „Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon“ (14,51-52). Matthäus: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten“ (26,57). Und Johannes ergänzt: „und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war“ (18,13).

 

Fragen:

  1. Welcher Unterschied fällt dir beim Verhalten von Jesus im Vergleich zum Erlebnis seiner Jünger im Garten Gethsemane auf?

 

  1. Welche Hinweise aus dem Alten Testament sehen die Evangelisten erfüllt?

 

  1. Warum fällt das Verhaftungskommando ersteinmal auf den Boden?

 

  1. Wie ist das Verhältnis von Jesus zum Schwert (= Umgang mit Gewalt)? Was finden wir sonst im Neuen Testament zu diesem Thema?

 

  1. Warum ist Jesus hier so wehrlos?

 

  1. Woran erkennen wir den in Gethsemane errungenen Sieg?

 

An diesem ruhigen Ort will Jesus mit seinen Jüngern die letzten gemeinsamen Stunden vor den schwersten Stunden verbringen. Judas weiß wohin Jesus geht – der Evangelist Lukas spricht von einer Gewohnheit der ganzen Gruppe sich in diesen Garten zurückzuziehen. Es ist bereits Nacht geworden. Acht Jünger werden im Bereich des Eingangs zurückgelassen. Mit den drei engsten Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes geht Jesus weiter in den Garten hinein um zu beten. Jesus sucht sich Beistand bei seiner letzten Prüfung bei seinen drei liebsten Jüngern: Werden sie mit seiner Taufe getauft werden? Werden sie seinen Becher trinken? Mit jedem weiteren Schritt steigt in Jesus Angst und Verzagen. Seine Seele ist zu Tode betrübt. Ein Zittern wird bei ihm sichtbar. Doch dies ist nur der Anfang, den die Drei noch mitbekommen als Jesus sie bittet mit ihm zu wachen und zu beten – denn der Schlaf übermannt sie bald. Allein – wie am Anfang des Dienstes – muss Jesus diesen Kampf aufnehmen. Dies geschieht im Gebet (Hebr 5,7). Jesus kniet, fällt auf die Erde nieder – sogar mit dem Angesicht. Hier berichten alle drei Evangelisten, dass Jesus Gott als seinen Vater im persönlichen Gebet anspricht. Jesus bitte um das Vorübergehen des leidgefüllten Bechers. Doch Jesus begrenzt diese Bitte: …doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lk 22,41). Der Wille des Vaters soll geschehen, darin birgt sich auch der Wille von Jesus. Hier sind wir sehr nahe am Geheimnis von Jesus: so menschlich und doch so nah beim Vater! Lukas markiert dieses tiefe Geheimnis mit dem Erscheinen eines Engels, um Jesus zu stärken. Jesus rang mit dem Tod in einer Tiefe, die wieder Lukas beschreibt: …sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen“ (Lk 22,44).

Als Jesus zu seinen drei Jüngern zurück kommt, findet er sie schlafend. Er sieht den mit allem Leid dieser Welt gefüllten Becher – doch die Apostel schlafen! Jesus reißt alle drei, aber Simon Petrus im Besonderen, aus dem Schlaf – doch wachen und beten können sie in dieser Nacht nicht. So geht Jesus wieder und betet weiter schon mit mehr Zuversicht:

Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! (Mt 26,42)

Doch die Jünger werden in dieser entscheidenden Nacht nicht zu Helden des Gebets – wieder findet Jesus sie schlafend. Nach einer weiteren Gebetsrunde  kommt er siegreich wieder zu seinen Jüngern zurück und findet sie wieder schlafend. Doch die Versuchung ist von Jesus gewichen – Jesus hat im Geist den Sieg über den Tod errungen, den er dann später im Leib am Kreuz erringen wird. Jetzt ruft er den Jüngern zu, sich auszuruhen – die Erlebnisse der nächsten Stunden werden sie auf härteste beanspruchen.

 

  1. Jesus lässt sich gefangen nehmen

(Mt 26,47-56; Mk 14,43-52; Lk 22,47-53; Joh 18,1-11)

 

Die Jünger finden nur wenig Ruhe, denn bald fordert Jesus sie auf zurück zu den anderen Jüngern zu gehen, um von dort aus dem Verhaftungskommando entgegenzugehen. Wahrscheinlich hören und sehen die Jünger die bunte Schar zusammengesetzt aus der jüdischen Tempelwache, einer Abteilung römischer Soldaten von der Burg Antonia (so Joh 18,3: Schar der Kriegsknechte) und weitere Begleiter/Vertreter aus den Reihen der Pharisäer schon näher kommen. Ihr vertrauter Judas hat die Seiten gewechselt und findet sich bei ihnen in der vordersten Reihe. Der Hohe Rat (Sanhedrin) konnte zwar kein Todesurteil aussprechen, aber er durfte Pilatus mit teilen, dass Jesus nach jüdischem Recht des Todes würdig sei. Diese bewaffnete und gut ausgeleuchtete Schar – wahrscheinlich angereichert durch Schaulustige – nähert sich den zwölf unbewaffneten eher schlichten Zeitgenossen. Das Erkennungszeichen war mit Judas verabredet – ein üblicher Begrüßungskuss wird die Person Jesus markieren. Judas geht auf Jesus zu, grüßt ihn mit den Worten „Rabbi, Rabbi!“ (Mk 14,45) und markiert ihn. Jesus grüßt Judas entspannt mit dem Begriff: „Mein Freund…“(Mt 26,50) Hier wird deutlich, dass Jesus in tiefem Frieden auf Menschen zugehen kann, die ihn ans Kreuz bringen. Jesus nimmt die Begrüßung und den Kuss arglos an – wissend um Verrat und Heuchelei. Hier finden wir weitere Hinweise vom Evangelisten Johannes, der schildert wie Jesus offensiv auf das Verhaftungskommando zu geht und sich selbst ihnen stellt. Damit wird selbst die verabredete Kussszene völlig überflüssig. Diese ruhige und doch offensive Wehrlosigkeit und damit eine sehr eindrückliche Majestät überrascht alle. Sie weichen zurück und fallen zu Boden. Wieder fragt Jesus, wen sie suchen und wieder gibt er sich zu erkennen. Hier folgen wir wieder den Evangelisten Matthäus und Markus, die beschreiben wie die Kriegsknechte Jesus festnehmen. Petrus kann dies nicht zulassen und zieht plötzlich ein Schwert und schlägt dem Knecht Malchus damit das rechte Ohr ab. Diese überraschende Szene nutzt Jesus souverän zu einer Heilung und zum entschiedenen Votum gegen Gewaltanwendung und dem Hinweis auf seine himmlische Unterstützung. Jesus umgibt ein tiefer Frieden. Er weis um den Becher des Leids, den der Vater für ihn vorsieht und er ist bereit ihn zu trinken. Darum lässt Jesus sich festnehmen und fragt dabei, warum sie ihn wie einen Räuber zu nächtlicher Stunde in einem Garten festnehmen, da er doch immer in ihrer Mitte gewesen sei. Doch Jesus weis um „(…) ihre Stunde und die Macht der Finsternis“ (Lk 22,53).

 

d). Die Jünger fliehen

(Mt 26,56;  Mk 14,50-52)

 

Als die Reihen der Kriegsknechte sich um Jesus schließen, wagt es keiner seiner Nachfolger mehr in dessen Nähe zu bleiben. Sie fürchten zu Recht auch ihre Verhaftung. So lassen alle Jesus allein und fliehen. Der Evangelist Matthäus schreibt: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“ (Mt 26,56). Dies hat Jesus ihnen vorausgesagt und es mit einer Prophetie unterstrichen: „Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« (Mt 26,31). Und wenige Stunden vor seiner Verhaftung sagte er seinen Jüngern: „Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.“ (Joh 16,32).

Der Evangelist Markus berichtet ein in der damaligen und heutigen Kultur sehr peinliches Ereignis. Ein junger Nachfolger hat den Mut und hält sich selbst noch in dieser Situation zu Jesus. Manche Ausleger nehmen an, das hier Johannes Markus der spätere Evangelist sein eigenes Erleben verhüllt berichtet. „Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.“ (Mk 14,51-52). Er folgt dem Verhaftungskommando nur sehr leicht bekleidet. Wahrscheinlich ist er kurzentschlossen dem Verhaftungskommando besorgt gefolgt. Als einer der nicht zum Kreis der Jünger gehört und auch nicht im Garten mit Jesus war, denkt er nicht an eine unmittelbare Gefahr für ihn. Doch er wird bemerkt und man will auch ihn festnehmen. Doch der junge Mann entwindet sich und flieht nackt.

 

Fragen:

  1. Warum wird die Flucht der Jünger hier geschildert? Sie lässt doch auf alle Apostel für alle Zeit ein schlechtes Licht fallen?

 

  1. Welche Worte besonders von Petrus sind uns noch im Ohr?

 

  1. Verrat des Judas und Flucht aller anderer Jünger – welche Lehre ziehen wir daraus für uns als Nachfolger? Als Gemeindeleiter?

 

  1. Auf was kann uns dieser mutige und dennoch nackt wegrennende junge Mann hinweisen?

10.27 Jesus wird vor Hannas verhört

(Bibeltexte: Joh 18,12-14; 19-24;  Lk 22,54. 63-65)

 

Der Evangelist Johannes schreibt:

Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh 11,49-52; 18,12-14).

Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. (Lk 22,54).

Gemeint ist hier wohl das Haus (oikos) des Hohenpriesters Hannas, welches sich im Palasthof (aule) des Hohenpriesters befand, so die Zusammenhänge aus Mt 26,58 „Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast (Palasthof) des Hohenpriesters“ (Mt 26,69;  Mk 14,54;  Lk 22,66).

Von diesem inoffiziellen Verhör im Haus bei Hannas berichtet ausdrücklich nur der Evangelist Johannes. Doch auch im Text des Evangelisten Lukas ist eine Zweiteilung des Prozesses erkennbar. Hannas war der Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters Kaiphas. Dieses Vorverhör wurde höchstwahrscheinlich bewusst geplant. Zum einen wurde dem Älteren, sozusagen emeritierten Hohenpriester die Ehre erwiesen und zum anderen wurde dadurch Zeit gewonnen für den Hauptprozess, der erst in den frühen Morgenstunden stattfand (Lk 22,66). Man suchte noch in der Nacht händeringend nach Zeugen (Mt 26,59;  Mk 14,55). Gerade hier und in dieser ersten Phase des Verhörs findet die Verleugnung des Petrus statt (Joh 18,15-18; 25-27; siehe nächster Abschnitt).

Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe. (18,19-21).

Das Verhalten von Jesus fällt hier auf, denn auf die Fragen des Hohenpriesters Hannas geht er nicht ein, bzw. gibt darauf keine Antworten. Für dieses Verhalten können folgende Gründe angeführt werden:

  • Bei diesem Verhör handelt es sich nicht um einen offiziellen Gerichtsprozess. Jesus ist dem Hannas nicht verpflichtet zu antworten oder sich vor ihm zu verteidigen. Im Gegemteil, der Hohepriester selbst wäre in der Pflicht die Gründe für die nächtliche Verhaftung zu nennen.
  • Es scheint, dass Jesus dem Hannas keine Autorität zollt, da er gar nicht der zuständige Richter ist. Jesus amtwortet ihm auch deswegen nicht, weil es sich bei diesem vorgeschobenem Verhör um allgemein bekannte Inhalte handelt. Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn Hannas bis dahin nicht mitbekommen hätte, wer seine Jünger sind, was er lehrt und tut. So lesen wir in Johannes 11,47-18 „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.
  • Jesus geht auf seine Fragen auch nicht ein, weil es sich bei diesem Verhör um eine Schmeichelei des Schwiegersohnes dem Schwiegervater gegenüber handelt. Eine Art politisches Kalkül bei Kaiphas (typische orientalische Gepflogenheiten – den Älteren, dem gegenüber man sich verpflichtet fühlt, nicht zu übergehen).

Die Missachtung der Gepflogenheit von Ehrerbietung gegenüber einem ehemaligen Amtsträger führte bei einem der Diener zu einer bewussten frechen Reaktion.

Als er so redete, schlug einer von den Knechten (gr. υπερετών – ypereton – Diener), die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? (Joh 18,22).

Will er mit dieser verachtenden Geste seinem Dienstherrn imponieren? Dies nimmt Jesus jedoch keineswegs stillschweigend hin.

Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich.“ (18,23).

An dieser Stelle erinnern wir uns natürlich an die Aussage von Jesus:

Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. (Lk 6,29).

Hält sich Jesus selber nicht an das, was er die Jünger lehrte? Nun, hätte Jesus sein Gesicht zum zweiten Schlag hingehalten, hätte sich der Schläger im Recht gewusst. Mit seiner Gegenfrage schlägt Jesus nicht zurück, er tritt auch nicht einfach nur für sein Recht ein, sondern mit seiner Antwort/Frage gibt er dem Schläger die Möglichkeit sein Verhalten selbst zu beurteilen. Es gibt auch Situationen, in denen Jesus schweigend die Schläge erduldete (Mt 26,67). Auf Gewalt zu reagieren mit angemessenen Worten, ist nicht nur angebracht um seiner selbst willen, sondern auch um das Unrecht des Gewalttäters zu benennen und verurteilen.

Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. (Joh 18,24).

Doch bevor Jesus dort ankommt, bzw. bevor der Hohe Rat in den frühen Morgenstunden zusammenkommt, wird Jesus von den Knechten misshandelt (Lk 22,65-66). Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn. (Lk 22,63-65).

Das rauhe und gewalttätige Verhalten des einen Dieners und die stillschweigende Billigung des Hannas, lösten eine ganze Lawine von lästerlichen Schmähungen aus, die von Gewalt begleitet waren.

 

10.27.1 Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Gründe, warum Jesus zuerst zu Hannas geführt wurde?

 

  1. Warum interessiet sich Hannas für die Jünger von Jesus und seine Lehre? Hat er darüber keine Kenntnisse? Was steckt hinter seinen Fragen?

 

  1. Was könnte die Motivation bei dem Diener gewesen sein, dass er Jesus ins Gesicht schlug?

 

  1. Versuche die Reaktion von Jesus zu erklären. Warum verteidigt er sich hier mit Worten, aber bei einer anderen Gelegenheit nimmt er Schläge stillschweigend hin?

 

10.28 Petrus verleugnet seinen Herrn

10.28.1 Hochmut (Selbstüberschätzung) kommt vor dem Fall

Spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen. Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ch dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen. Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast. (Joh 13,36-38).

 

Abbildung 21 Ein krähender Hahn im Hohlraum eines Olivenbaumes auf der Insel Thassos in Griechenland. Seit der Verleugnung Jesu durch Petrus im Palasthof des Hohenpriesters in Jerusalem, ist der Hahn zum  Symbol für Wachsamkeit geworden und ziert so manchen Kirchturm (Foto am 17. August 2010).

Simon Petrus fällt wieder mal aus dem Gleichgewicht, eigen ist ihm die Selbstüberschätzung. Der Grund dafür liegt:

  • Im mangelndem Hinhören auf das, was Jesus gesagt hat;
  • Im mangelndem Vertrauen darauf, dass Jesus es besser weiß, was für Petrus gut ist;
  • In der Unzufriedenheit des Petrus über die Einschränkung des Verantwortungsbereiches, welchen Jesus ihm aufzeigt.

Die Prophetie von Gott und die Wahrsagerei durch Menschen ist äußerlich manchmal ähnlich, in der Motivation und der Zielsetzung  jedoch völlig verschieden. Jesus sagt konkrete geschichtliche Abläufe im individuellen Bereich bei Petrus voraus, weil er weiß, dass es so kommen wird. Und genau so wird es kommen, nicht weil Gott es bestimmt oder festgelegt hätte, sondern weil Petrus sich entschieden hatte in seiner Selbstüberschätzung zu verharren. Natürlich hätte Gott dem Petrus diese Blamage ersparen können, er lässt ihn aber laufen und diese peinliche und auch sehr  einprägsame Erfahrung machen.

 

10.28.2 Begriffserklärung

 

Da manchmal ´Verleugnen´ und ´Verraten´ gleichgesetzt wird, sei hier darauf hingewiesen, dass es dafür im Griechischen zwei ganz unterschiedliche Begriffe gibt. Durch diese Begriffe wird zwischen Verleugnung oder Leugnung und dem Verrat, also einer bewussten Auslieferung, deutlich unterschieden. Petrus hat seinen Herrn nicht ausgeliefert (wie Judas) sondern verleugnet. Er hat sich von ihm bewusst losgesagt und distanziert. Für Verleugnen benutzen die Evangelisten den Begriff: ´άπ-αρνήσή – ap-arnese – ver-leugnen´ oder ´ηρνήσατο – ernesato – er leugnete´.

Für Verraten wird der Begriff  ´παραδώσει – paradosei – er verrät´ oder ´ο παραδιδούς αυτόν – der Verratende ihn´ verwendet. Petrus hat also seinen Herrn nicht verraten, wie es Judas tat, sondern verleugnet, oder geleugnet ihn zu kennen. Dies ist schlimm genug, doch Verrat bedeutet – jemanden ausliefern, bewusst überliefern in die Hände der Feinde. Dies tat Judas und dasselbe taten die Hohenpriester, indem sie Jesus an den Statthalter Pilatus auslieferten.

10.28.3 Chronologische Zusammenstellung der Texte aller vier Evangelien

 

Matthäus 26,58-75 Markus 14,54. 66-72 Lukas 22,54-62 Johannes 18,15-16. 18. 17. 25-27
58 Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, um zu sehen, worauf es hinauswollte.

54 Petrus aber folgte ihm nach von ferne, bis hinein in den Palast des Hohenpriesters, und saß da bei den Knechten und wärmte sich am Feuer.

54 Petrus aber folgte von ferne.15 Simon Petrus aber folgte Jesus nach und ein anderer Jünger. Dieser Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Palast des Hohenpriesters.

16 Petrus aber stand draußen vor der Tür. Da kam der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, heraus und redete mit der Türhüterin und führte Petrus hinein.Petrus aber saß draußen im Hof;66 Und Petrus war unten im Hof.55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie.18 Es standen aber die Knechte und Diener und hatten ein Kohlenfeuer gemacht, denn es war kalt und sie wärmten sich.[221]69  da trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa.Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters;

67 und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth.56 Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm.17 Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen?70 Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst (1).68 Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst (1).57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht (1).

Er sprach: Ich bin’s nicht (1).

71 Als er aber hinausging in die Torhalle,Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte (zum erstenmal).   (es) sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.

69 Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Das ist einer von denen.58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen.25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie (die Knechte) zu ihm: Bist du nicht einer seiner Jünger?72 Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht  (2).70 Und er leugnete abermals (2).Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht (2).Er leugnete und sprach: Ich bin’s nicht (2).73 Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich.Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden, abermals zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer.59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer.26 Spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm?74 Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht (3).71 Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet (3).60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst (3)

27 Da leugnete Petrus abermals (3).Und alsbald krähte der Hahn.72 Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal.Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn.

und alsbald krähte der Hahn.  61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. 75 Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich d