3.1 Mit dreißig aus- und weggezogen

3.1 Mit dreißig aus- und weggezogen

 

Warum verlässt Jesus seine Vaterstadt Nazaret?

Als Jesus vom Jordan nach Galiläa zurückkehrt, kommt er in Begleitung seiner ersten Jünger, als erstes nach Nazaret in seine Heimatstadt. Aber dort hält er sich nicht mehr lange auf, Vielleicht ist der Entschluss, von Nazaret wegzuziehen, bereits schon früher gereift und hat sich am Jordan gefestigt. Die Gründe für den Wegzug können vielseitig gewesen sein:

  • Die Stadt Nazaret war ein kleiner, unbedeutender Ort. Er war sehr gut geeignet, dass Jesus dort sozusagen im Verborgenen aufwachsen konnte. Für den Beginn seines öffentlichen Wirkens und als Ausgangsbasis war er ungeeignet.
  • Die Nazarener kannten Jesus von seiner Kindheit und wären ein Hindernis gesesen für seinen Dienst, wie der spätere Besuch in seiner Heimatstadt deutlich macht (Lk 4,16ff).
  • Die Tatsache, dass ein Prophet in seiner Heimatstadt nichts gilt, wurde von Jesus selbst bezeugt (Joh 4,44).
  • Die leiblichen Brüder von Jesus glauben in der Anfangszeit noch nicht an ihn als den Messias (Joh 7,5) und wären in Nazaret für seinen Dienst eher ein Hindernis gewesen (Mk 3,21).
  • Die familiäre und auch räumliche Loslösung von Maria seiner Mutter ist zusätzlich wichtig gewesen, wie die Episode in Kana kurz darauf zeigt (Joh 2,5). Ähnlich der spätere Versuch seiner Familienangehörigen, ihn in Schranken zu weisen (Mk 3,21). Sehr stark war damals der Einfluß der Mutter auf ihren Sohn.
  • Nicht zuletzt war sein Wegzug aus Nazaret heilsgeschichtlich begründet (Mt 4,12-16).

So verlässt Jesus ganz bewusst seine Heimatstadt Nazaret, in der er seine Kindheit und sein Erwachsenwerden erlebte und wird erst viele Monate später hier einen Besuch abstatten (Lk 4). Wie wir aus Johannes 2,1 erfahren, hatte Jesus und seine Familie eine offizielle Einladung zu einer Hochzeit im Galiläischen Kana (Joh 2,1ff). Nachdem wir uns im nächsten Abschnitt mit den zeitlichen Aspekten des Umzugs beschäftigt haben, begleiten wir Jesus nach Kana und anschließend hinab nach Kapernaum.

 

Die zeitliche Einordnung des Umzugs

Aus Matthäus 4,12 und Markus 1,14 geht hervor, dass Johannes der Täufer recht bald nach der Versuchung von Jesus in der Wüste und vor dessen Rückkehr nach Galiläa, gefangen genommen wurde. Der Evangelist Johannes erwähnt die Versuchungsgeschichte von Jesus nicht. Aus Johannes 4,1-3 erfahren wir, dass Johannes der Täufer nach der Versuchung von Jesus noch eine längere Zeit in der Jordangegend in Freiheit wirkte und taufte. Zwischen der Versuchung von Jesus und der Gefangennahme des Täufers liegt also die Zeit der ersten Wirksamkeit von Jesus in Galiläa und Judäa. In dieser Zeit besucht er zum ersten Mal nach seinem öffentlichen Auftreten Jerusalem und wirkt anschließend in Judäa (Joh 2 und 3).

Die Synoptiker berichten insgesamt nur von einem Jerusalembesuch von Jesus und zwar anlässlich seiner Passion.

Das Wort `Synopse` bedeutet Zusammenschau. Die drei Evangelisten, Matthäus, Markus und Lukas haben eine ähnliche Schau und Aufbau ihrer Berichte, deshalb werden sie die `synoptischen` Evangelien bezeichnet – Griechisch: `συνόψις synopsis – das Ganze zusammen sehend`. Johannes hat eine andere Zielsetzung und wiederholt nur selten Ereignisse, welche die Synoptiker aufgezeichnet haben Alle Evangelisten haben Zielgruppen vor Augen; Matthäus: Juden; Markus: Heidenchristen; Lukas: griechisch-römische Bildungsbürger (Theophilus Lk, 1,1-3) und Johannes: Christen aus dem griechischen Kulturkreis.

Entgegen den Synoptikern erwähnt der Evangelist Johannes mindestens drei Passahfeste (Joh 2,13; (5,1?) 6,4; 12,1) und fünf Besuche in Jerusalem (Joh 2: 5: 7: 11: 12). Die Synoptiker berichten von nur einer Rückkehr von Jesus aus Judäa nach Galiläa, Johannes dagegen von drei (Joh 1; 4; 5). Demnach ist der Satz: „Als er aber gehört hatte, dass Johannes überliefert worden war, entwich er nach Galiläa (…)“ (Mt 4,12), chronologisch erst nach dem ersten Jerusalembesuch von Jesus einzuordnen (Joh 4). Da in den synoptischen Berichten Jesus nur einmal von Judäa nach Galiläa kommt, schrieben sie diese Aussage aus thematischen Gründen gleich zu Beginn auf (Mt 4,12; Mk 1,14; Lk 4,14).

Es ist auch für uns, die wir diese Texte verfassen, eine Herausforderung, die relativ vielen synoptischen Berichte und Ereignisse aus der Wirksamkeit von Jesus in Galiläa, in die etwa dreieinhalb Jahre dauernde Wirksamkeit von Jesus, chronologisch einzuordnen. Da Johannes uns keine exakte Chronologie und Dauer der Wirksamkeit von Jesus gibt, kann die Erwähnung von mindestens drei Passahfesten (Joh 2; (5,1?) 6; 12) auch als Mindestzahl angesehen werden.

Die von uns erstellte Chronologie ist darum auch nur ein Vorschlag, wie Texte chronologisch gelesen werden können, um so einen umfassenderen und geordneteren Überblick über das Leben und den Dienst von Jesus zu erhalten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was waren die Gründe für den Wegzug aus Nazaret?
  2. Wie begründen wir, dass der offizielle Umzug von Nazaret nach Kapernaum dem Hinabgehen nach Kapernaum in Lukas 4,31 voranging?

 

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