3.10 Die acht Seligpreisungen

3.10 Die acht Seligpreisungen

(Bibeltexte: Mt 5,1-12;  Lk 6,20-25)

3.10.1 Zeit und Ort der Berglehre (Seligpreisungen)

Der Evangelist Matthäus berichtet über die Berglehre von Jesus ziemlich am Anfang seines Evangelienberichtes. Er beschreibt die Berufung der Jünger nicht wie die Evangelisten Markus und Lukas gesondert, sondern setzt sie einfach voraus. Es wäre schon ungewöhnlich, wenn Jesus seine Grundsatzrede über das Reich Gottes nicht in der Gegenwart seines kompletten Jüngerteams gehalten hätte. So lesen wir in Matthäus 5,1-2: „Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie (…).“

Abbildung 38 Das Nordufer des Sees mit dem Ruinengelände von Kapernaum (Foto: Juli 1994).

Der Evangelist Lukas nennt erst die Details der Berufung der Zwölf und berichtet gleich danach auszugsweise aus der Berglehre. So kann die Berglehre von Jesus zeitlich ungefähr in die erste Hälfte der ersten Dienstperiode in Galiläa eingeordnet werden – das wäre ca. Herbst 29 n. Chr. Die lange kirchliche Tradition im Heiligen Land sieht den Ort der Berglehre im Nordwesten von Kapernaum, an der Stelle, wo heute die Kirche der Seligpreisungen steht. Dort finden wir weniger einen Berg, sondern eher eine flach abfallende Anhöhe, von der man über Kapernaum und dann weit über den See Gennezaret schauen kann.

Abbildung 39 Die Kirche der Seligpreisungen auf einer Anhöhe im Nordwesten von Kapernaum (Foto: April 1986).

Er merkt weiter an, dass Jesus vorher die ganze Nacht betete und am frühen Morgen aus der Vielzahl seiner Jünger, zwölf ausrählte und zu Aposteln berief. Es gibt einige Hinweise, dass Jesus viel mehr Jünger hatte, als uns bekannt sind (Joh 4,1; Lk 6,17; 19,37). Es ist möglich, dass aus dieser Vielzahl später einige zu den siebzig gehörten.

Auf dem vom Evangelisten Lukas beschriebenen ebenem Platz, setzt sich Jesus in die Mitte seines Jüngerkreises und spricht zu ihnen. Doch offensichtlich konnte auch das ganze Volk mithören. Der Evangelist vermerkt auch, dass von verschiedenen Gegenden Menschen gekommen waren, um ihn zu hören und um von ihren Krankheiten geheilt zu werden.

Der Evangelist Matthäus unterbricht die anfängliche Reihenfolge der Taten von Jesus mit den Details aus der Berglehre. In ihr fasst er das geistliche Programm des anbrechenden Reiches Gottes zusammen.

Die Berglehre von Jesus bildet eine Schatzkammer von lauter kostbarer Perlen. Acht davon sind in den sogenannten Seligpreisungen eingefasst. Wir machen uns nun auf die Suche und Entdeckung dieser geistlichen Schätze.

In der folgenden Tabelle sind alle acht Seliogpreisungen aufgelistet wie sie uns die Evangelisten Matthäus und Lukas aufgeschrieben haben. Dabei werden wir feststellen, dass Lukas zu dem auch noch Weherufe aufgeschrieben hat und damit werden die Aussagen von Jesus vollständiger.

Fragen / Aufgaben:

  1. Suche in einem Bibelatlas, wo in etwa die sogenannte Bergpredigt von Jesus gehalten wurde.
  2. An wen richtet Jesus seine Berglehre?
  3. Welche Evangelisten haben in ihren Berichten die Berglehre aufgezeichnet?
  4. Warum beschreibt der Evangelist Matthäus die Zusammenfassung einiger wichtiger Reichsgottesinhalte gleich am Anfang seines Evangelienberichtes?
  5. Aus welchen Lehrbereichen besteht die Berglehre?

3.10.2 Liste der Seligpreisungen

Matthäus Lukas
1. Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer gehört das Reich der Himmel Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes

Aber wehe euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost dahin

2. Glückselig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden Glückselig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen

Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und weinen

3. Glückselig die Sanftmütigen, denn sie sollen das Erdreich besitzen
4. Glückselig die Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden Glückselig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden

Wehe euch, die ihr voll seid, denn ihr werdet hungern

5. Glückselig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
6. Glückselig die Reinen im Herzen, denn sie werden Gott schauen
7. Glückselig die Friedfertigen, denn sie sollen Gottes Kinder heißen
8. Glückselig die Verfolgten wegen Gerechtigkeit, denn ihnen gehört das Reich der Himmel

Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.

Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren

Glückselig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen werden und wenn sie euch absondern und schmähen und euren Namen als böse verwerfen werden um des Sohnes des Menschen willen.

Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden, denn ebenso taten ihre Väter den falschen Propheten

Freut euch an jenem Tag und hüpft! Denn siehe, euer Lohn ist groß in dem Himmel; denn ebenso taten ihre Väter den Propheten

In den nächsten Abschnitten werden wir die acht Seligpreisungen näher betrachten.

Fragen Aufgaben:

  1. Stelle die Ähnlichkeiten, bzw. Ergänzungen und Unterschiede bei den Evangelisten fest.
  2. Welche Seligpreisung fällt dir positiv und welche evtl. negativ auf?
  3. Bewerte die Verschiedenheit in den Berichten.
  4. Warum waren und sind diese Seligpreisungen in jedem Kulturkreis immer irgendwie störend?
  5. Welche Seligpreisung würde in der Umsetzung deinen Alltag in Familie, Beruf und Gemeinde stark verändern?
  6. Welche Seligpreisung könnte für dich Priorität in der Umsetzung gewinnen?

3.10.3 Die 1. Seligpreisung

(Bibeltexte: Mt 5,3; Lk 6,20)

 

Nach dem Text des Evangelisten Matthäus beginnt Jesus seine Lehre mit: Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer gehört das Reich der Himmel.“ (Mt 5,3). Nach dem Text des Evangelisten Lukas: Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.“ (Lk 6,20). „Aber wehe euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost dahin.“ (Lk 6,24).

Wir entdecken zunächst gewisse Unterschiede in den Vormulierungen der beiden Evangelisten. Während im Text des Evangelisten Lukas nur allgemein die `Armen` glückselig gepriesen werden, ergänzt der Text des Evangelisten Matthäus mit `Armen im Geist`. Nach der Formulierung des Lukas wendet sich Jesus direkt an seine Jünger. Nach Matthäus sind allgemein alle angesprochen, welche die Voraussetzungen für solche Seligpreisung erfüllen oder erfüllen werden. Nach dem Text des Evangelisten Lukas hat Jesus noch als deuitlichen Kontrast einen Weheruf über die Reichen ausgesprochen.

Hätten wir nur den Bericht des Lukas, würden wir einseitig an die materiell Armen und Reichen denken. Und diese Einseitigkeit würde auch verschiedenen Aussagen der Schrift widersprechen, denn weder sind die materiell Armen automatisch glückselig oder glücklich, noch sind die Reichen wegen ihres Reichseins automatisch unglückselig. Einige der Jünger konnte man keineswegs zu den materiell Armen zählen. Doch auch die vollständigere Aussage des Matthäus „Glückselig die Armen im Geiste“ meint auch nicht einfach die geistig Schwachen oder gar geistig behinderten Menschen. Waren doch auch die zwölf Jünger geistig gesehen weder hochintelligent, noch geistig unterentwickelt.

Der griechische Begriff `πνεύμα – pneuma` wird sowohl für den Geist Gottes, als auch den Geist des Menschen verwendet. Im Text des Matthäusevangeliums geht es eindeutig nicht um den Geist Gottes, denn arm sein im `Geiste Gottes`, oder `geistlich` arm sein, wäre nicht im Sinne von Jesus. Doch was meint Jesus denn mit `arm im Geiste`? Unserer Erkenntnis nach geht es hier um eine bewusste und reale, auf Gott bezogene oder von Gott her definierte Einschätzung des wahren Zustandes eines Menschen. Wie so oft, füllt Jesus ganz natürtliche Worte mit geistlichem Inhalt. (Joh 6,63: „Die Worte die ich zu euch rede sind Geist und sind Leben). Ein Blick in die Psalmen und Propheten, so wie neutestamentliche Aussagen und Beispiele aus dem Erleben mit Jesus, macht es uns leicht diese Seligpreisung zu verstehen.

Der Prophet Jesaja schreibt: Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen.“ (Jesaja 57,15). Oder: „Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.“ (Jes 61,2). Der Psalmist David schreibt: Denn du hast keine Lust am Schlachtopfer, sonst gäbe ich es; Brandopfer gefällt dir nicht. Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist (pneuma); ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ (Psalm 51,18-19). Der König David erkannte, bekannte, beugte und demütigte sich vor Gott in seinem Herzen wegen seiner Sünden (Ehebruch, Mord). Im Gegensatz dazu war die religiöse Elite zur Zeit von Jesus reich im Geiste – selbstbewusst, selbstsicher, selbstgerecht, stolz auf ihre detailierten Kenntnisse der Überlieferungen der Ältesten.

Bei dieser Seligpreisung geht es um Menschen, von denen es heißt: „Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ (Mt 18,4).

Abbildung 40 Der See Genezaret bei Kapernaum, in dessen Nähe Jesus die sogenannte Bergpredigt gehalten hat (Foto: April 1986).

Es geht also darum, sich vor Gott in seinem realen Zusatand (arm, bloß, ungelehrt, unmündig, unfähig, sündig) zu erkennen, zugeben  und auch bekennen. Es geht auch darum, sich vor Gott zu demütigen und in der Gegenwart der Heilgkeit Gottes den eigenen Stolz und Besserwisserei zerbrechen zu lassen. Diesen Menschen spricht Jesus Glückseligkeit zu. Beispiele: Der Zöllner: Lukas 18,13-14; Simon/Petrus: Lk 5,8. Es geht dabei nicht um angenehme Befindlichkeit oder äußeres Wohlgefühl, sondern um eine Zusage, einen Zuspruch von Jesus – er nennt solche Menschen  glückselig.

Es fällt auf, dass diese Armut im Geiste von Gott nicht mit Reichtum oder anderen irdischen Werten belohnt wird. Es geht um das Teilhaben am Reich Gottes. Matthäus verwendet mit Vorliebe die Bezeichnung `Reich der Himmel`, man kann auch übersetzen mit: Königreich der Himmel (gr. `βασιλεία των ουρανών – basileia tön ouranön`). Womöglich ist diese Bezeichnung eine Anlehnung an Daniel 7,14. Offensichtlich führt Jesus in seiner Verkündigung diese Bezeichnung bewusst ein um deutlich zu machen, dass es sich dabei nicht mehr um das alttestamentliche, irdische, territoiell- und zeitlich begrenzte Reich Israel oder Reich Juda geht. Diese Menschen sind Bürger, Teilhaber und Mitgestalter dieses göttlichen Reiches.  

Fragen / Aufgaben:

  1. Jesus spricht eine Sprache, die sich von der, der Schriftgelehrten unterscheidet. Verstehen die Menschen ihn in seiner Lehre?
  2. Was ist zu beachten bei der Auslegung der Worte von Jesus? Wie kann man feststellen, wann etwas wörtlich gemeint ist und wann die Bedeutung des Wortes oder der Aussage im übertragenen Sinne zu verstehen sind?
  3. Wen meint Jesus mit den `Armen im Geiste`?
  4. Jesus spricht oft vom Reich Gottes oder dem Reich der Himmel. Was meint er damit? Worin unterscheidet sich das Reich Gottes, welches von Jesus gepredigt und ausgebreitet wurde, vom Reich in dem er als galiläischer Bürger lebte?
  5. Was bedeutet der Begriff `Glückselig`?
  6. Welchen Anteil können Menschen `arm im Geist` am Reich Gottes haben?
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