Israel – Gottes Weinberg

Abbildung 1 Rebstöcke wurden in Israel vorzugsweise an den Hängen gepflanzt, da das flache Ackerland für Getreideanbau genutzt wurde. Die Wurzeln der Rebstöcke reichte gelegentlich mehr als zehn Meter tief in den steinigen Untergrund und sorgte für den Ertrag auch in den Dürreperioden (Foto: Weinberg in Würzburg von L.Luft September 2025).
Abbildung 2 Weinberg, Weinstock, die Rebe, die Trauben – frisch oder getrocknet, einschließlich gegorener Traubensaft, als Wein oder Weinessig sind oft vorkommende Themen in der biblischen Offenbarung. Die Hebräische und Griechische Bezeichnung betont nicht das Endprodukt Wein, sondern den Ort, an welchem der Rebstock angebaut wird. (Foto: 11. September 2016).

Zur Zeit des Propheten Jesaja wird Weinberg von Gott wie folgt definiert: „Des Herrn Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung an der er Lust hatte“ (Jes 5,1-7). Der geistliche Zustand des Volkes, besonders in der Führung hatte bereits zur Zeit des Propheten Jesaja (ca. 740-700) einen Tiefpunkt erreicht (Jes 1,1-10; 3,1-14; 5,8ff). Kurz davor lesen wir: „Der HERR wird ins Gericht gehen mit den Ältesten seines Volkes und dessen Obersten: Ihr, ihr habt den Weinberg abgeweidet, das dem Elenden Geraubte ist in euren Häusern. 15 Was ⟨fällt⟩ euch ⟨ein⟩? Mein Volk zertretet ihr, und das Gesicht der Elenden zermalmt ihr! spricht der Herr, der HERR der Heerscharen.“ (Jes 3,14-15).

Die Drohung, den Weinberg zu verwüsten, machte Gott wahr zur Zeit des Propheten Jeremia, der die siebzigjährige Gefangenschaft in Babel ankündigte (Jer 29,10). Nach der Rückkehr folgte ein Wiederaufbau im Lande, wenn auch unter schwierigen Bedingungen. Jahrhunderte vergingen in denen Israel unter Fremdherrschaften litt und auf den Messias wartete. Auch zur Zeit des Wirkens von Jesus lässt sich ein geistlicher Tiefstand im Volk und besonders in der Führung erkennen. Die drei Gleichnisse von Jesus, welche den Weinberg zum Thema haben, stehen zunächst in Bezug zu Israel (Mt 20,1-16; 21,28-32; 33-46). Im ersten Gleichnis wendet sich Jesus an seine Jünger. Im zweiten Gleichnis spricht Jesus die Führung Israels direkt an, ebenso im dritten Gleichnis und sagt eine Wende im Zuständigkeitsbereich voraus.

Als Jesus das erste Gleichnis erzählte, befand er sich mit seinen Jüngern in der Jordanebene und Umgebung von Jericho, bevor er nach Jerusalem zu seinem letzten Passah hinaufging. Doch das Gleichnis steht in einem engen Zusammenhang mit den zwei Vorgeschichten: Dem Gespräch mit dem reichen Jüngling und dem sich anschließenden Gespräch mit seinen Jüngern (Mt 19,16-26; 27-30).

 Im Gegensatz zu dem reichen Jüngling welcher nach Lukas 18,18 auch noch ein Oberster war und somit die reiche Oberschicht repräsentierte, haben die Jünger alles verlassen und sind Jesus nachgefolgt. Auf die Frage des Petrus: „Was wird uns dafür“, macht Jesus drei Zusagen: Was sie verlassen haben wird bereits hier hundertfach kompensiert, dazu erben sie ewiges Leben. Den zwölf versichert Jesus zusätzlich: „bei der Wiedergeburt (Auferstehung), wenn der Sohn des Menschen sitzen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit, auch sitzen auf zwölf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels“ (MT 19,29).

Doch bereits in seiner Dienstzeit versprach Jesus dem Petrus (einschließlich der elf) die Schlüssel des Himmelreiches zu geben (MT 16,19; 18,18; Joh 20,23). Ist uns bewusst, dass keiner der zwölf Jünger einen hohen und im Judentum angesehenen Posten begleitete. Es ist nicht einmal ihre jeweilige Stammeszugehörigkeit bekannt gegeben worden. Und so schließt Jesus das Gespräch mit seinen Jüngern ab mit der Schlussfolgerung: „Aber viele, die die Ersten sind, werden Letzte sein und Letzte werden Erste sein.“ (Mt 19,30).

Der theologischen Führung Israels warf Jesus jedoch vor: „Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließt vor den Menschen! Ihr geht nicht hinein und die hineinwollen, lasst ihr nicht hineingehen“ Und deswegen entließ er sie aus der Verantwortung der geistlichen Leitung und Versorgung seines Volkes, wie aus der Schlussfolgerung im dritten Gleichnis hervorgeht (Mt 21,42-46).

Aber diese Verachteten Galiläer machte Jesus zu den Ersten. In ihre Hände übergab er nun die Schlüsselgewalt für das Reich der Himmel (Mt 28,17-19; Lk 24,44ff; Apg 1,8). Am Pfingsttag bestätigte der Heilige Geist die Zuständigkeit und Verantwortung der Apostel für das neugeborene Volk Gottes (Apg 2,16-42; 3-7; 15,7).

Anmerkung: Die Schlussfolgerung von Jesus in Mt 19,30: „Aber viele der Ersten werden Letzte sein“ fordert zu einer differenzierten Sichtweise heraus. Viele aber nicht alle, denn sowohl Nikodemus (einflussreicher Pharisäer) als auch Josef aus Arimathäa (ein reicher und Einflussreicher Ratsherr) zählten zu den heimlichen Jüngern von Jesus (Joh 3,1ff; 7,50; 19,39; Lk 23,51). Sogar von vielen Priestern ist später die Rede, dass sie dem Glauben gehorchten (Apg 6,7).

Nach der Schlussfolgerung in Mt 19,30  leitet Jesus zum Gleichnis über mit einer Begründung: „Denn das Reich der Himmel ist gleich einem Hausherrn“ (Mt 20,1a). Damit ist ein nahtloser Übergang zu dem ersten Gleichnis festgelegt worden.

Durch dieses Gleichnis gewährt Jesus seinen Jüngern Einblick in die Entwicklung der Heilsgeschichte Gottes mit Israel und den Nationen:

„Denn das Himmelreich gleicht einem Hausherrn, der früh am Morgen ausging, um Arbeiter anzuwerben für seinen Weinberg. Und als er mit den Arbeitern einig wurde über einen Silbergroschen als Tagelohn, sandte er sie in seinen Weinberg. Und er ging aus um die dritte Stunde und sah andere auf dem Markt müßig stehen und sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg; ich will euch geben, was recht ist. Und sie gingen hin. Abermals ging er aus um die sechste und um die neunte Stunde und tat dasselbe. Um die elfte Stunde aber ging er aus und fand andere stehen und sprach zu ihnen: Was steht ihr den ganzen Tag müßig da? Sie sprachen zu ihm: Es hat uns niemand angeworben. Er sprach zu ihnen: Geht ihr auch hin in den Weinberg.

Als es nun Abend wurde, sprach der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und gib ihnen den Lohn und fang an bei den letzten bis zu den ersten. Da kamen, die um die elfte Stunde angeworben waren, und jeder empfing seinen Silbergroschen. Als aber die Ersten kamen, meinten sie, sie würden mehr empfangen; und sie empfingen auch ein jeder seinen Silbergroschen. Und als sie den empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, doch du hast sie uns gleichgestellt, die wir des Tages Last und die Hitze getragen haben. Er antwortete aber und sagte zu einem von ihnen: Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist, und geh! Ich will aber diesem Letzten dasselbe geben wie dir. Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du darum scheel, weil ich so gütig bin? So werden die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein.“ (Mt 20,1-16).

Merkwürdig ist, dass Jesus dieses Gleichnis mit derselben Aussage als Schlussfolgerung abschließt, wie auch nach den zwei Vorgeschichten, wenn auch in umgekehrter Reihenfolge: „So werden Letzte Erste und Erste Letzte sein“.

Die Worte von Jesus geben einen tiefen Einblick in das Handeln Gottes in der Geschichte. Aus dem Text lassen sich mindestens vier Beobachtungen ableiten:

1. Dieses himmlische Reich wird mit einem verantwortungsbewussten, gerechten und gütigen Hausherrn verglichen, der Eigentümer und Besitzer eines Weinbergs ist. Durch ihn wird Gott der Vater verglichen, von dem jede Initiative ausgeht, denn er macht sich früh am Morgen auf, um Menschen als Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Diese Charakterzüge zeigen sich auch durch die weiteren Einladungen im Laufe des Tages, besonders bei denen die zur elften Stunde geladen wurden. Er hält sich an die Abmachung mit den Ersten und vergütet großzügig die in der Zwischenzeit berufen wurden.

2. Das Reich der Himmel steht im krassen Gegensatz zu den vielen irdischen Reichen in dieser Welt. Die Bezeichnung `Das Reich Gottes` bei den anderen Evangelisten hebt sich deutlich ab von den menschlichen Reichs- und Herrschaftsstrukturen. Gott hatte sich zu allen Zeiten kundgetan, doch integriert hatte er sein Reich in dieser Welt erst mit dem Kommen von Jesus. Denn in seiner Person als König verkörperte er dieses himmlische Gottesreich (2Sam 7,11-13; Jes 9,5-6; Lk 1,31-34; Joh 1,48f; 18,37). Seine erste öffentliche Predigt beginnt er mit den Worten: „Zu der Zeit fing Jesus an zu predigen und zu sagen: Tut Buße (ändert eure Gesinnung), denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen.“ (Mt 4,17). Und danach veröffentlicht er die neuen Prinzipien für Denken, reden und Handeln in diesem Reich (Mt 5-7: „Ihr habt gehört, dass gesagt wurde, ich aber sage euch“).

3. In diesem Gleichnis kann im zeitlichen Rahmen von einem 12-Stunden-Tag (6h morgens – 6h abends) ein heilsgeschichtlicher Ablauf gesehen werden, in dem durchaus auch die Berufungen von Menschen seit Anfang der Welt gesehen werden können. Er schloss mit Adam, Noah, Abraham und später mit Israel einen Bund und alle stimmten den Bedingungen zu. Dass Israel Größtenteils dem Bund nicht treu blieb, ist zwar historisches Faktum (Jer 31,31-34), doch es änderte nichts an dem Bemühen Gottes, den ganzen Tag nach ihm zu rufen (Jes 65,2; Röm 10,21). Und er sicherte sich den getreuen Rest (1Kön 19,18; Jes 1,10; 10,20-22; Röm 11,1-5; Joh 1,12; 10,27-29).

4. Deutlich betont und hervorgehoben werden die, welche um die elfte Stunde des Tages gerufen wurden. Dies sticht aus der Alltagspraxis heraus und unterstreicht die Güte des Hausherrn , denn er ruft, er lädt ein auch noch zu einer Zeit, in der von Arbeitern vergleichsweise kein nennenswerter Nutzen zu erwarten ist. Doch er will nicht auf die Frucht verzichten, welche jene Arbeiter noch in der letzten Stunde einbringen können und er scheut keine Kosten. Wie später vom Hausherrn angeordnet wird, werden die um die elfte Stunde berufenen den anderen vorgezogen und dies ist neu. Diese neue und auch zentrale Bedeutung und Anwendung verstehen wir besser, wenn wir das Vorgespräch mit dem reichen Jüngling und den zwölf Jüngern miteinbeziehen, wie oben dargelegt wurde. Ebenso die Schlussfolgerungen in den beiden nachfolgenden Gleichnissen über den Weinberg.

Zunächst bestand das neutestamentliche Volk Gottes aus Juden, doch Jesus sprach auch von anderen Schafen, welche nicht aus diesem (jüdischem) Gehege sind. Und auch jene wollte er hinzuführen (Joh 10,16). An Pfingsten machte der Heilige Geist durch das Zeichen der Vielsprachigen Redegabe deutlich, dass von nun an das Privileg zu Gottes Volk zu gehören für alle Nationen möglich sein wird (Apg 2,5-15; 8,12ff; 10,148; 11,16-17; 15,7-17). Um mit dem Bild des Paulus zu sprechen, werden die Gläubigen aus den Nationen in den israelitischen Ölbaum eingepfropft und dessen Wurzel teilhaftig (Röm 11,24). Und mit dem Gleichnis gesprochen: Die Müsigstehenden aus den Nationen wurden um die elfte Stunde eingeladen in den Weinberg Israels und bekamen denselben Lohn, die Gabe des ewigen Lebens (Apg 11,18). Sie waren lange Zeit die Letzten, nun räumt Gott ihnen einen Platz ein in seinem Reich. Seitdem wird das Volk Gottes aus Gläubigen aller Nationen gebildet. Dieses Volk Gottes wird von der Welt (nicht glaubende Juden und Heiden) verachtet, ja sogar verfolgt, aber von Gott werden sie als die Ersten angesehen. Unter der Leitung des Heiligen Geistes und auf der Grundlage der Worte Jesu und Lehre der Apostel trägt die Gemeinde als königliches Priestertum die Verantwortung im Reich Gottes in dieser Welt, so der Apostel Petrus mit Bezug auf 2Mose 19,5-6: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk zum Eigentum, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat aus der Finsternis in sein wunderbares Licht; 10 die ihr einst nicht sein Volk wart, nun aber Gottes Volk seid, und einst nicht in Gnaden wart, nun aber in Gnaden seid.“ (1Petr 2,9-10; Vers 10 mit Bezug auf Hosea 2,1ff).

Dies ist bereits das zweite Gleichnis, welches den Weinberg Israels zum Thema hat. Wie aus Jesaja 5,1-8 und Matthäus 20,1-16 deutlich wurde, steht Weinberg für das Volk Israel. Gleichzeitig wird Weinberg in allen drei Gleichnissen mit dem Reich Gottes verglichen. Dieses zweite Gleichnis erzählte Jesus während der Passahwoche auf dem Tempelgeländeeinen Tag nach seinem triumphalen Einzug in Jerusalem. Nach den Berichten der synoptischen Evangelien hatte er am Vortag das Tempelgelände von Händlern und Waren freigemacht und heilte Blinde und Lahme.

Am folgenden Tag lehrte er im Tempel, Da traten die Priester und Ältesten an ihn heran mit der Frage: „Aus welcher Vollmacht tust du das, und wer hat dir diese Macht gegeben?“

(Mt 21,23). Sie waren empört über ihn, weil er in die bestehende Praxis auf dem Tempelgelände eingegriffen hatte. Sie waren entrüstet über den Lobpreis der Kinder und neidisch auf seine Popularität (Mt 21,16; Joh 12,19; Mk 15,10). Jesus merkt ihre verborgenen Gedanken und Motive ihm eine Falle zu stellen. Denn immer wieder stellten sie ihm nach und vor einigen Wochen fassten sie den Beschluss ihn zu töten (Joh 5,18; 10,31; 11,53). Aber Jesus schuldet ihnen keine Antwort, hatte doch Nikodemus bereits im Vorfeld bekannt: „Wir wissen, dass du bist ein Lehrer von Gott gesandt, denn niemand kann die Zeichen tun die du tust, wenn nicht Gott mit ihm“ (Joh 3,1-2). Und daher geht er in die Offensive indem er an sie die Frage nach der Herkunft der Taufe des Johannes stellt. Sie merken sofort, in welch prekäre Situation sie sich durch ihre herausfordernde Frage hineinmanövriert hatten.

Einem Bekenntnis oder Ablehnung des Johannes weichen sie aus. Ihn als von Gott gesandten Propheten anzuerkennen, hätte für sie die Konsequenz, ihm zu glauben und ebenso dem von Johannes angekündigten Messias (Joh 1,19ff). Bei einer öffentlichen Ablehnung des Johannes stünde das Volk gegen sie. Was für eine gestörte Beziehung zwischen der Führung und dem Volk? Mit der lügenhaften Aussage: „Wir wissen es nicht“, stellen sie sich dumm, – wie peinlich vor dem Volk, die es besser wussten. Dies berechtigt Jesus zu der Aussage: „So sage ich euch auch nicht aus welcher Vollmacht ich das tue“. Vielleicht hofften sie, einigermaßen glimpflich aus der peinlichen Lage herausgekommen zu sein, doch Jesus konfrontiert sie mit einem Gleichnis und fordert sie zum Nachdenken heraus. Längst hatte er die Regie übernommen und behält sie bis zum Ende der Konversation (Mt 21,46).

„Was meint ihr aber ⟨hierzu⟩? Ein Mensch hatte zwei Kinder, und er trat hin zu dem ersten und sprach: Kind, geh heute hin, arbeite im Weinberg! 29 Der aber antwortete und sprach: Ich will nicht. Danach aber gereute es ihn, und er ging hin. 30 Und er trat hin zu dem zweiten und sprach ebenso. Der aber antwortete und sprach: Ich ⟨gehe⟩, Herr; und er ging nicht. 31 Wer von den beiden hat den Willen des Vaters getan? Sie sagen: Der erste. Jesus spricht zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, dass die Zöllner und die Huren euch vorangehen in das Reich Gottes. 32 Denn Johannes kam zu euch im Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; die Zöllner aber und die Huren glaubten ihm; euch aber, als ihr es saht, gereute es auch danach nicht, sodass ihr ihm geglaubt hättet.“ Mt 21,28-32). 

Zuerst fällt auf, dass die Initiative vom Vater ausgeht. Er hat Fürsorgepflicht und übernimmt die Verantwortung. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir als Kinder gefragt hätten: Papa, was können wir heute für das Wohl der Familie machen? Er hatte für uns den Tagesplan festgelegt. Dass es im Gleichnis um den Vater im Himmel geht, steht hier außer Frage. Er bestimmt wann wer dran ist und was in seinem Reich  gemacht werden muss.    

Der erste ist ein Nein-Sager, seine Antwort war: „ich will nicht“. Vermutlich ist er mit anderen Dingen beschäftigt, die er für wichtiger hält als im Weinberg des Vaters zu arbeiten und damit für das Wohl der Familiengemeinschaft beizutragen. Im Kontext jener Kultur ist es höchst frech seinem Vater so zu antworten. Doch dann besinnt er sich und geht hin in den Weinberg. Beachten wir die Beziehung des Mannes zu seinen Söhnen, die im Text als „Kinder“ bezeichnet werden. Es handelt sich dabei keineswegs um kleine Kinder, vielmehr unterstreicht diese Bezeichnung die zärtliche Beziehung des Vaters zu seinen Söhnen (dieselbe Anrede auch in Lukas 15,31. Der erste Sohn erkennt seine falsche Einstellung zum Vater und dies bewegt ihn zur Reue und Umkehr.

Unter diesem ersten Sohn ordnet Jesus die Gruppe der Zöllner und Huren ein. Sie gehörten zu denen im Volk, welche nicht viel auf Religion hielten, warum auch, sind sie doch von der theologischen Elite stigmatisiert und gemieden worden. in den Bereich derer, welche Jesus hier in der Mehrzahl als Huren nennt, bekommen wir wenig Einblick. Die Stadtbekannte Sünderin wird nicht als Prostituierte bezeichnet, obwohl es auch nicht ausgeschlossen ist, dass sie zu jener Gruppe gehörte (Lk 7,39). Die namentlich nicht genannte Samariterin aus Sychar könnte zu dieser Gruppe gezählt werden (Joh 4,4-24). Jesus geht sehr behutsam mit Frauen um, welche in solcher Art Situationen hineingeraten waren. Nebenbei bemerkt, diese unmoralischen und vom Gesetz verbotenen Handlungen taten Frauen nicht ohne Beteiligung der Männer. Denn auch ein Mann, der fremd ging hat gehurt (Mt 12,39; 19,3ff; Joh 8,1ff). Und Jesus wusste, wer alles zu Johannes an den Jordan kam und seine Sünden bekannte.

Im Vergleich dazu ist die Gruppe der Zöllner in den Berichten der Evangelien zahlreich vertreten:

  • Zöllner kamen zu Johannes an den Jordan, um sich von ihm taufen zu lassen (Lk 3,12-13).
  • Einen Zollbeamten Namens Matthäus-Levi berief Jesus in seine Nachfolge. Bei dem anschließenden Mahl nahmen viele Zöllner und Sünder Teil, von denen Jesus bezeugt, dass sie einen Arzt brauchen  (Mk 2,14ff; Lk 5,27ff).
  • Zachäus ein Oberzöllner nahm Jesus in seinem Hause gastlich auf und änderte radikal sein Leben (Lk 19,1-10).
  • In Lukas 15,1 ließ Jesus viele Zöllner und Sünder zu sich nahen, die Gottes Wort wünschten zu hören.
  • Jesus erzählt von einem Zöllner, der in den Tempel ging um zu beten und weil sein Gebet aufrichtig war, kehrte er gerechtgesprochen in sein Haus zurück (Lk 18,13f).

Aus der Sicht der Pharisäer war Jesus ein Freund der Zöllner und Sünder, weil er mit ihnen sogar am Tisch saß und mit ihnen aß (Mt 11,19). Diese Menschen spürten seine Liebe und Fürsorge und dies bewegte viele zur Umkehr.

der zweite Sohn ist ein Ja-Sager – wörtlich sagt er: „Ich gehe Herr“. Merken wir seine schnelle Reaktion und die Anrede seines Vaters als „Herr“. Ihm fehlte die freimütige Sohn-Vater Beziehung. Und darunter ordnet Jesus die Führung ein. Sie standen in einer jahrhundertelangen Tradition und selbstverständlich erfüllten sie sorgfältig ihren Priesterdienst. Damit glichen sie dem ältesten Sohn aus Lukas 15 der zwar von seinem Vater als „mein Kind“ angeredet wird, doch er selbst betrachtete sich als Angestellter (ich diene dir) und nicht als Sohn.

 Als die Priester und Leviten zu Johannes an den Jordan kamen mit der Frage: „Wer bist du“, wurden sie in Kenntnis gesetzt über dessen Auftrag und Zeugnis über den Messias, doch sie zogen keine positiven Konsequenzen für sich (Joh 1,19; Mt 3,7f). Wenn Jesus Aussätzige reinigte, schickte er sie (wie vom Gesetz vorgeschrieben) zu den Priestern in den Tempel ihnen zum Zeugnis (Mt 8,4f). Dies geschah so oft, dass es ihnen hätte auffallen müssen, von wem diese Menschen gereinigt wurden (3Mose 13; Lk 17,12ff).  

Anmerkung: Die Formulierung: „Die Zöllner und Huren werden eher ins Reich der Himmel kommen als ihr“, fordert zu einer differenzierten Betrachtung. Zu jenem Zeitpunkt waren sie verblendet und verstockt. Doch mit seiner Formulierung schließt Jesus nicht generell aus, dass auch aus der Führung später welche zur Einsicht kommen werden. Seine Bitte am Kreuz zum Vater um Vergebung für seine Feinde (und dies schloss auch die Priesterschaft und den Ältestenrat ein)bestätigen diese Annahme (Lk 23,34). Ebenso die Tatsache, dass später viele Priester dem Glauben gehorchten (Apg 6,7).

Anwendung für heute: Natürlich wäre dieses Gleichnis für die hohen Würdeträgern in den christlichen Organisationen zutreffend, wenn sie nach Traditionen und Überlieferungen kirchlicher Standpunkte leben und nicht nach der Lehre Jesu und seiner Apostel. Die Kooperation mit weltlichen Machtsystemen ist ebenso wenig Jesuskonform. Doch diese sind nicht da. Wenn wir aber zum Beispiel Kriegsführung gutheißen, verlassen wir die Gesinnung von Jesus und die Prinzipien seines Reiches.

Aber auch die unter uns sind angesprochen, welche in einer christlichen Tradition aufgewachsen sind. Die von Kind an christlich geprägt und wohl erzogen wurden. Sie hatten immer ein JA auf den Lippen, waren Gemeindekonform und dem Anschein nach moralisch-ethisch in einem relativ gutem Stand. Ihnen fiel es nicht schwer zu sagen „Herr, ich gehe“.  Doch ob es eine Kind-Vater-Beziehung war`, die nicht von Selbstgerechtigkeit oder Angst, sondern durch Liebe im Dienst geprägt war? In Teilen traf das auf meine eigene Lebensgeschichte zu.

Wen unter uns der Vater im Himmel auffordert: „Kind, geh heute in den Weinberg“, der nutze diese Chance.

Aktualisiert am 24. Oktober 2025

Nahtlos geht Jesus über zu einem weiteren Gleichnis, welches wiederum den Weinberg zum Thema hat. Und auch dieses Gleichnis wird eindeutig auf die Führung Israels bezogen.

Bibeltext und Auslegung des Gleichnisses

Jesus lässt nicht locker, er will der Führung mitteilen, was Gott mit seinem Weinberg (Reich Gottes) vorhat. „Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der einen Weinberg pflanzte und einen Zaun darum setzte und eine Kelter darin grub und einen Turm baute; und er verpachtete ihn an Weingärtner und reiste außer Landes.“ (Mt 21,33). Es ist ein anderes Gleichnis, durch welches eine andere Perspektive des Reiches Gottes aufgezeigt wird. Doch treffen wir darin bereits bekannte Elemente und Aspekte, welche uns aus den vorhergehenden Gleichnissen vertraut sind. Dieses Gleichnis erinnert an einige Passagen aus Jesaja 5: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. 2 Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte“ (Jes 5,1b-2).

Die Bezeichnung „Hausherr“ ist uns aus dem ersten Gleichnis bekannt. Die griechische Bezeichnung `despota` kann besser mit Hausbesitzer oder Hauseigentümer übersetzt werden. Dieser legt einen Weinberg an und schafft alle Voraussetzungen für dessen Gedeihen (Zaun, Turm, Kelter). Diesen sorgfältig angelegten Weinberg verpachtete er an Weingärtner (gr. georgoi-Landarbeiter als allgemeine Bezeichnung für die Berufsgruppe, welche auf irgendeine Weise in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Diese Arbeiter sind Pächter, haben bestimmte Pflichten aber auch Rechte, sie schulden Rechenschaft ihrem Weinbergbesitzer (Eigentümer). Unausgesprochen ist in diesem Text, dass sie sich vom Weinberg ernähren können, so Gottes Prinzip (5Mose 25,4; 1Kor 9,7).

„Als aber die Zeit der Früchte nahte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, um seine Früchte zu empfangen.“ (Mt 21,34). Von Anfang an ist es Gottes Absicht, seinen Garten (diese Erde) Menschen anzuvertrauen, diese zu verwalten (1Mose 2,15). Für „die Zeit der Früchte“ steht im Griechischen die Bezeichnung `kairos` nicht Chronos. Die Reifung der Früchte ist nicht an ein Datum gebunden, vielmehr an die jahreszeitlichen klimatischen Bedingungen. Und rechtzeitig schickt der Herr (hier steht kyrios) seine Knechte, um von den Pächtern die Ernte zu empfangen.

“Und die Weingärtner nahmen seine Knechte, einen schlugen sie, einen anderen töteten sie, einen anderen steinigten sie. 36 Wiederum sandte er andere Knechte, mehr als die ersten; und sie taten ihnen ebenso.“ (21,35-36). Damit deutet Jesus auf die Propheten, welche im Laufe der Geschichte im Namen und Auftrag Gottes die Früchte der Gerechtigkeit Gottes einforderten sowohl bei dem Volk als auch den Verantwortlichen Priestern, Königen, Ratsherren und Richtern (Sach 1,4; Jer 7,25). Gott erwartete aber auch ehrliche Früchte der Umkehr (Jes 1,16-17).

Im Gleichnis gibt es eine Steigerung, denn im zweiten Anlauf schickt der Hausherr eine zahlenmäßig größere Abordnung. Doch die Pächter verlassen den anfangs eingeschlagenen Weg nicht mehr. Ihre Ablehnung des Weinbergbesitzers bekommen die Abgesandten voll ab (Lk 11,47-51; Apg 7,52).An dieser Stelle wären wir herausgefordert zusammenzutragen, welche Propheten und Gerechte im Laufe der Geschichte Israels verschiedenen Repressalien ausgesetzt waren?

„Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen, indem er sagte: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen! 38 Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: Dieser ist der Erbe. Kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbe in Besitz nehmen! 39 Und sie  nahmen ihn, warfen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.“ (21,37-39). Zuletzt wird der Sohn gesandt. Das ihn der Hausherr allein losschickt ist verwunderlich entspricht jedoch dem realen Verlauf, blieb er (Jesus) doch am Ende seiner Laufbahn ganz allein (Joh 16,32). Doch die Weingärtner haben keinen Respekt vor dem Sohn. Der Beschluss zur Tötung und grobe Ausdruck: sie warfen ihn zum Weinberg hinaus“, ist so krass, ja er entbehrt jegliches menschliche Mitgefühl. Was für Verblendung, doch Geschichte wiederholt sich, denken wir an Naboth und seinen Weinberg in Jesreel (1Kön 21,1ff). Ja, Jesus wurde draußen vor den Toren der Stadt Jerusalem hingerichtet (Joh 19,17; Hebr 13,11-12).

Doch der Sohn kann nicht enterbt werden, dies wissen die Führenden in Israel. Jesus fährt fort: „Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er jenen Weingärtnern tun? 41 Sie sagen zu ihm: Er wird jene Übeltäter übel umbringen, und den Weinberg wird er an andere Weingärtner verpachten, die ihm die Früchte abgeben werden zu ihrer Zeit.“ (21,40-41). Nun sprechen die Angeredeten das Urteil über sich indem sie logischerweise jene bösen Weingärtner verurteilen, denn noch begreifen sie nicht, dass sie über sich selbst das Urteil fällten.

„42 Jesus spricht zu ihnen: Habt ihr nie in den Schriften gelesen: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, dieser ist zum Eckstein geworden; von dem Herrn her ist er dies geworden, und er ist wunderbar in unseren Augen«.?“ (Psalm 118,22). Für diese Aussage gibt es keine historische Schilderung. Es ist aber gut möglich, dass ein für das Fundament des Tempels vorgesehener Stein aus irgendeinem Grund bereits im Steinbruch oder spätestens bei der Grundlegung auf dem Berg Zion von den Bauleuten Salomos verworfen wurde (1Kön 7,11). Damit wäre die Aussage in Psalm 118,22 als eine Prophetie auf die Verwerfung des kommenden Messias zu werten, so die Deutung von Jesus. Der Stein und der Fels werden als Synonyme verwendet, wie der Vergleich von Jesaja 8,16 mit der Zuordnung auf Jesus in 1Petr 2,4-8 deutlich macht. Und die, welche ihn als den Messias-Retter verworfen haben, war die damalige Führung Israels, so Petrus in Apg 4,11-12.

„43 Deswegen sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, die seine Früchte bringen wird.“ (21,43). Ist uns die Tragweite dieser Aussage bewusst? Jesus spricht ja mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, ihnen wird die Verantwortung die Gnadengaben Gottes zu verwalten weggenommen. Die Voraussage von Jesus begann sich zu erfüllen mit dem Kommen des Heiligen Geistes in ein Haus außerhalb des Tempels. Dabei bezog der Heilige Geist Wohnung in den dort zum Gebet versammelten etwa hundertzwanzig Nachfolgern von Jesus. Und ab diesem Zeitpunkt übergab Gott die Verwaltung seines Reiches hier auf Erden in die Verantwortung der Apostel. Mit dem anderen Volk ist hier zunächst der gläubige Teil aus Israel, zu dem später die Gläubigen aus den Nationen hinzu kamen gemeint, siehe die Erklärung von Jesus in Johannes 10,16 (diese Entwicklung wird auch von Petrus, Jakobus und Paulus bestätigt: Apg 11,18; 15,7-17; Eph 2,11-21).   

„45 Und als die Hohen Priester und die Pharisäer seine Gleichnisse gehört hatten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. 46 Und als sie ihn zu greifen suchten, fürchteten sie die Volksmengen, denn sie hielten ihn für einen Propheten.“ (Mt21,46). Die Bemerkung des Matthäus macht deutlich, dass die beiden letzten Gleichnisse im Zusammenhang gelesen und verstanden werden müssen. Wenn nicht die Massen des Volkes, hätten die Führenden Jesus auf der Stelle gefangen genommen. Wie  unterschiedlich man im Volk auch über Jesus dachte, für einen Propheten wurde er von der großen Mehrheit gehalten und anerkannt. Vom Volk selbst ging nie eine Lebensgefahr für Jesus aus, außer die Episode in Nazareth (Lk 4,29).

Anwendung:

1.     Lasst uns nach dem Vorbild von Jesus und Paulus Fürbitte tun für den Rest Israels, der gerettet werden soll (Jes 1,9-10; 10,21-22; Röm 11,5; Lk 23,34; Röm 10,1ff).

2.     Lasst uns wo immer wir Gelegenheit bekommen, einstehen für die geistliche Einheit zwischen messianischen Juden und Christen aus den Nationen (Gal 3,28; Eph 2,11-21).

Aktualisiert am 6. Dezember 2025

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