3.5 Berufung der ersten vier Jünger und der Fischfang des Petrus

3.5 Berufung der ersten vier Jünger und der Fischfang des Petrus

(Bibeltexte: Mt 4,18-22;  Mk 1,16-20;  Lk 5,1-11)

 

Die Berichte der Evangelisten Matthäus und Markus über die Berufung der ersten vier Jünger ähneln sich sehr. Der sich anschließende Fischfang des Simon Petrus wird nur vom Evangelisten Lukas beschrieben. Letzterer nennt jedoch so viele ergänzende Details, dass der Eindruck sich festigt – es handelt sich um dasselbe Tagesereignis am See Genezaret. In der folgenden Tabelle sind die Texte aller drei Evangelisten aufgeführt:

Matthäus 4,18-22 Markus 1,16-20 LLukas 5,1-11
Als nun Jesus am Galiläischen Meer entlangging, sah er zwei Brüder, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, seinen Bruder; die warfen ihre Netze ins Meer; denn sie waren Fischer. Und er sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!

Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder, Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Boot mit ihrem Vater Zebedäus, wie sie ihre Netze flickten. Und er rief sie. Sogleich verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten ihm nach.

Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen!

Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.

 

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus. Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken. Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen. Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Folgender Ablauf der Ereignisse dieses Tages am Ufer des Sees von Genezaret ist vorstellbar.

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Abbildung 32 Seeufer in der Nähe von Kapernaum (Foto: April  1986).

Jesus geht morgens am See entlang. Da sieht er Simon und Andreas, wie sie ein ihre Wurfnetze in den See werfen, sie waren nämlich Fischer (Mt 4,18). Zum Fischfang wurden verschiedene Netzarten verwendet (Schleppnetze, Stellnetze, Wurfnetze), je nach den Gegebenheiten des Fischens.

Abbildung 33 Mit dem Wurfnetz fischten die Fischer im Uferbereich und im Flachwasser (Zeichnung von J. S. am 4. November 2017).

Mit dem Wurfnetz (gr. αμφιβληστρον amphibl¢stron) konnte man vom Ufer aus oder im flachen Wasser fischen. Es handelte sich dabei um ein kreisrundes Netz, das drei bis fünf Meter im Durchmesser hatte. An den Rändern waren Gewichte angebracht und in der Mitte eine Schnur, mit der man den Netzrand nach dem Wurf ins seichte Wasser, zusammenzog. Somit waren die Fische im Netz eingeschlossen. Die Netze wurden wahrscheinlich mit Seil oder Schnur aus Flachs, Papyrus oder Hanf geflochten. Weil sie (Petrus und Andreas) gerade in dieser Nacht auf offener See nichts fingen (Lk 5,5), ist das morgendliche Fischen am Ufer mit Wurfnetzen verständlich.

Die meisten Menschen im jüdischen Palästina ernährten sich von Weizen, Gerste und Salzfisch, die [regionale] Küche kannte daher viele Fischsoßen. Unter den Fischen im See Gennesaret fand sich eine besonders große Karpfenart; zur Haltbarmachung wurde der Fisch getrocknet oder eingelegt. Die Fischer waren eine der ökonomischen Hauptstützen Galiläas und hatten, gemessen am Durchschnitt, ein gutes Auskommen; jedenfalls ging es ihnen wesentlich besser als den vielen Kleinbauern im riesigen Römischen Reich“ (Keener 1998,67).

Dieses Bruderpaar ruft Jesus in seine Nachfolge. Es fällt auf, dass der Evangelist Matthäus Simons Beinamen `Petrus` hinzufügt. Damit erinnert er an die erste Begegnung von Simon mit Jesus am Jordan. Dort erhielt er ja diesen Bei- oder Zunamen, der seine Identität und seinen Charakter neu prägen sollte (Joh 1,42).

Der Ruf in die Nachfolge unterscheidet sich erheblich vom Jüngerleben der anderen Rabbis. Es ging nicht um die korrekte Überlieferung von Schrifttexten, ihre Auslegung oder die viel diskutierten Lehren der Schrift! Auch sollte nicht ein schon erwählter Lebensstil verfeinert werden, sondern der Ruf bedeutete ein völlig neues Lebenskonzept. Die Jünger der Rabbiner und auch des Johannes des Täufers folgten ihren Meistern, um zu lernen. Jesus wollte Jünger der Tat – Jünger die sich aktiv an seinem Werk beteiligten = als Menschenfischer arbeiten (Edersheim 1979, 475).

Die sofortige Nachfolge ist nicht so ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass die Beteiligten

  • sich am Jordan kennen lernten
  • Jesus nach Galiläa begleiteten
  • Jesus bei dessen Umzug von Nazaret nach Kapernaum begleiteten,
  • Das erste Wunder in Kana erlebten und Jesus deshalb schon ihr Vertrauen genoss (Joh 1,35-41; 2,1.12).

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Seeufer in der Nähe von Kapernaum (Foto: April 1986).

Αuch dieses Bruderpaar ruft Jesus in seine Nachfolge. Auffallend dabei ist, dass nach der jüdischen Tradition sich junge Männer einen bestimmten Rabbi aussuchten um dann von ihm zu lernen und seiner Schriftauslegung zu folgen – nicht so bei Jesus, er ruft, bzw. beruft, wen er will (Joh 15,16). Die Annahme, dass die von Jesus Berufenen von so niedriger sozialer Rangstufe waren, so dass sie von keinem Rabbi angenommen wurden, findet kaum eine Bestätigung in der Schrift. Petrus, Andreas, Johannes und Jakobus waren mit ihren Familie wirtschaftlich so gut gestellt, dass sie Tagelöhner anstellen konnten (Mk 1,20). Sie hatten also einen einträglichen Beruf und ihr festes soziales Netz (der Vater wird verlassen!) aufgegeben. Die sofortige Bereitschaft dieser Brüder lässt sich ebenfalls damit erklären, dass sie Jesus bereits von den Erlebnissen am Jordan her kennen und ihm vertrauen. Johannes und Andreas waren schon dort Jünger vom Täufer (Joh 1,35ff). Übrigens gehört Andreas und Johannes zu den ersten zwei, welche Jesus „nachgelaufen“ sind (Joh 1,37-40). Das offensichtlich gewachsene Vertrauen der ersten berufenen Jünger zeigt ihre Messiaserwartung und ihre Schlichtheit im Glauben. Dennoch stand dieser Glaube in einem auffälligen Gegensatz zur Kultur und Denkweise der Zeitgenossen, die immer betonten, dass das Gebot Vater und Mutter zu ehren, einen so drastischen plötzlichen Wechsel verbieten würde. Doch auch Gideon, Elisa und Jeremia wurden in einer beschäftigten Phase ihres Lebens von Gott in den Dienst gerufen – Gott hat ein besonderes Augenmerk für fleißige und eigentlich ausgelastete Menschen!

 

Der Evangelist Lukas unterstreicht, dass sich viele Menschen zu Jesus am Seeufer versammeln und er in Simons Boot steigt und ihn auf seine Bitte hin ein wenig vom Lande wegrudert (Lk 5,3-4). Jesus lehrt sitzend im Boot, die Menschen stehen am Ufer aneinander gedrängt. Die Lehre des Rabbi Jesus ist vollmächtig und alle können ihn gut hören, denn die Akustik ist im ansteigenden Gelände des Uferbereichs besonders gut. Nach der Botschaft von Jesus kommt die Tat, oder der Beweis des vollmächtigen Redens. Gott hat seine Pläne und dazu nutzt er die Verlegenheit der Fischer und ihren Misserfolg. Unsere menschlichen Grenzen sind sehr oft der Beginn des Handelns Gottes.

Jesus sagt zu Petrus: „Fahre hinaus auf die Tiefe des Sees und lasst eure Netze hinunter, oder: werft eure Netze aus“. In der Reaktion des Petrus schwingen Töne des Unverständnisses, der Besserwisserei, aber auch des Vertrauens mit: „Meister, wir haben die ganze Nacht gefischt (gearbeitet) und nichts gefangen, aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen.“ (Lk 5,5). Einige Wunder wirkt Gott, ohne dass ihn jemand darum bittet, da sie ein unbedingter Teil seines souveränen Planes sind. Diese Wunder sind notwendig für das Reich Gottes.

  • Gott zeigt durch sie seine Überlegenheit im Vergleich zur menschlichen Begrenztheit
  • Durch diese Wunder wird die Messianität von Jesus bekr#ftigt
  • Gott zeigt dadurch seine Güte und Fürsorge, Jesus übernimmt die Verantwortung für seine Diener – sie müssen mit ihren Familien nicht ohne Brot und Fisch bleiben.

Der Evangelist berichtet weiter, dass durch den reichen Fang beide Boote mit Fischen gefüllt wurden (Lk 5,7b). Wer Jesus nachfolgt, kann die Sorge um die tägliche Nahrung ihm überlassen. Jesus braucht Menschen, die bereit sind ihre Routine für ihn zu verlassen und das Evangelium zu allen Menschengruppen zu bringen. Der Glaubensgehorsam von Simon Petrus ist geradezu beispielhaft. Gilt dies nicht auch für Jünger heute!

Ein Fischer vertraut einem Rabbi zwar in religiösen Dingen, aber sicher nicht in seinem eigenen Erfahrungsbereich, der Fischerei“ (Keener 1998, 324).

Doch mit Jesus im Boot und auf seinen Befehl hin, müssen viele Fische gefangen werden“ (Edersheim 1979, 476).

Am Ende der Begebenheit sind nicht nur die Junger, sondern auch die ganze Volksmenge Zeugen der göttlichen Vollmacht von Jesus. Petrus ist überwältigt – seine Aussage: „Herr, gehe von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch (Mann)“, macht deutlich, dass er erst hier seinen menschlichen Zerbruch und geistlichen Aufbruch erlebt. Der Ruf zur Nachfolge wird erst hier von Jesus ausdrücklich ausgesprochen. Menschen mit dieser Selbsterkenntnis und Selbsteinschätzung sind brauchbar für Jesus – andere mögen begabter und hoffnungsvoller sein – doch Menschen nach einem Bruch, einer Krise, einem ehrlichen und offenem Bekenntnis sind die „ersten“ im Mitarbeiterteam.

Im Text heißt es: „Und als sie die Boote an Land zogen, verließen sie alles und folgten ihm nach“. Diese Lebensentscheidung ist so wichtig und herausragend, dass die Evangelisten mühelos den weiteren Verbleib der vielen gefangenen Fische übergehen. Ihre Absicht war nicht der jeweils lückenlose und detaillierte Bericht der Wunder und Heilungen von Jesus, sondern die Darstellung der Wirkung die jeweils davon ausgingen. Nicht das Wunder steht im Vordergrund, sondern die Auswirkung: was Gott damit erreicht hat. So offenbarte sich das Reich, die Herrschaft Gottes in und durch die Person von Jesus.

Die Vermehrung von Nahrung und Tieren, die Jesus hier vollbringt, hat alttestamentliche Vorbilder“ (Nahrung: 2Mose 16,13; 2Kön 4,1-7.42-44; Tiere 2Mose 8,3.13.20; 10,13; Keener 1998, 324).

Die Wendung „von nun an wirst du Menschen fangen“ ist eine prophetische Voraussage auf den bevorstehenden  Dienst als Apostel und Evangelist, beginnend noch unter der Leitung und Begleitung von Jesus (Mt 10; Joh 21,1-15) und später am Pfingsttag in Jerusalem (Apg 2-6), der sich fortgesetzt hatte in Judäa (Apg 10-11), Samarien (Apg 8) und über die Landesgrenzen hinweg (Gal 2,11).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum verbindet Jesus die Berufung der ersten Jünger mit einem Fischfangwunder?
  2. Wie erklärst du die sofortige Bereitschaft der ersten vier Jünger, Jesus nachzufolgen?
  3. Was erlebt Petrus bei dieser Begegnung?
  4. Wie reagierst du, wenn du in deinem Beruf Misserfolge hast?
  5. Wie und wann bist du Jesus nachgefolgt?

 

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