GOLGATHA-Schädelstätte und die Begräbnisstätte

10.35 Golgatha

(Bibeltexte: Mt 27,32-56;  Mk 15,21-41;  Lk 23,27-49; Joh 19,17-37)

Hier die videobotschaft von Ulrich Rohmann vom Freitag, 10. April:

Wieder wird Jesus entkleidet – diesmal ziehen sie ihm das Purpurgewand aus (wahrscheinlich auch die Dornenkrone) – und sie ziehen dem wohl stark Geschwächten seine eigene Kleidung an. Nach römischem Recht müssen zwischen Urteil und Vollstreckung zwei Tage liegen – doch diese Regel scheint wie auch manch andere bei diesem Provinzprozess nicht beachtet zu werden. Der Verurteilte wird unter der Leitung von einem Centurion (Hauptmann über 100, bzw. 80 Soldaten), von vier Soldaten, die mit  Hammer, Nägeln, Holz und Nahrung für die Mannschaft zum Hinrichtungsplatz geführt.

 

10.35.1 Und Jesus trug sein Kreuz, oder war es Simon?

Der Ev. Johannes, der den Prozessverlauf am detailliertesten aufgezeichnet hat, schreibt: „Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.“ (Joh 19,16b-17).

Der Text des Ev. Matthäus lautet:

Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. (Mt 27,32). Der Ev. Markus ergänzt:  „(…) Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage (nachtrage).“ (Mk 15,21;  Lk 23,26).

Gelegentlich wird von Kritikern der Evangelienberichte in diesem Abschnitt ein Widerspruch gesehen und hervorgehoben. Dabei ist die Lösung des scheinbaren Widerspruchs so einfach. Zuerst trägt Jesus sein Kreuz selbst, wie es üblich war in solchen Fällen. Der Zug verlässt das Prätorium des Statthalters (ehemalige Residenz von Herodes dem Großen) in nördlicher Richtung. Dann verlassen sie die Stadt entweder im Westen (Genna-Tor) oder im Norden (Damaskus-Tor). Es geht bergauf. Jesus ist körperlich sehr geschwächt, nicht allein wegen der schlaflosen Nacht, sondern auch wegen den vielen körperlichen Misshandlungen. Wahrscheinlich bricht er unter der Last des Kreuzes zusammen. Da kommt es zur Begegnung mit Simon aus Kyrene (heute Libyen). Ungewöhnlicherweise kommt er am Festtag vom Feld her. Der Ev. Markus nennt die Namen seiner Söhne, die später in der Gemeinde bekannt sind (Mk 15,21;  Röm 16,13). Er wird von der Wachmannschaft gezwungen Jesus die Last des Kreuzes abzunehmen und für ihn und hinter ihm nachzutragen. Was für eine einmalige Erfahrung für Simon – das Kreuz von Jesus und für Jesus zu tragen! Eigentlich wäre ein anderer Simon drangewesen dies zu tun. Die Treuebekundung wurde von jenem am Vorabend gemacht: „Er (Simon Petrus) aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ (Lk 22,33).

Diese römische Exekutionsart – Kreuzigung – eigentlich aus Phönizien importiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung) – wird von Juden zutiefst verabscheut (5Mose 21,23;  Gal 3,13). Zwei weitere Verurteilte ebenfalls mit ihrer jeweiligen Wachmannschaft gesellen sich zu diesem traurigen Zug. Die Verurteilten haben üblicherweise das Holzkreuz oder ein Teil davon zu tragen. Es gibt drei Kreuzformen:

– das Andreaskreuz crux decussata (in X-Form)

– das T-Kreuz crux commissa

das Lateinische Kreuz crux immissa (in +-Form)

Wir denken mit Justin dem Märtyrer und Irenäus an die letzte Form. Hier ist dann auch Platz zur Anbringung der Tafel an der Spitze über dem Haupt des Gekreuzigten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Simon – ein Beispiel für unfreiwillige Nachfolge.Was empfindet ein Mensch, wenn er zu etwas beschämendem gezwungen wird?
  2. Was erfahren wir über Simons Familie?
  3. Wofür steht das Kreuz als Symbol?
  4. Was bedeutet es für uns sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus nachzutragen, nachzufolgen, wohin denn? Wie ist es, wenn uns ein fremdes Kreuz auferlegt wird und gibt es so etwas?
  5. Was ist der Unterschied zwischen: das Kreuz auf sich täglich zu nehmen (Lk 9,23) und: das Joch von Jesus auf sich zu nehmen (Mt 11,28-30)?

 

10.35.2 Jesus wendet sich an die weinenden Frauen

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig (glückselig) sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden? (Lk 23,27-31).

Der Evangelist Lukas erwähnt eine Menschenmenge – besonders Frauen, die Jesus klagend und weinend durch die Stadt bis zum Hinrichtungsplatz vor die Stadt hinausbegleiten. Es sind sehr oft gerade Frauen, die in der Geschichte eine viel größere Offenheit gegenüber Jesus und dem Evangelium zeigen. Sie zeigen keine Angst vor den Gegnern Jesu und schreiten mutig weinend und klagend in Hörweite hinter Jesus her. Gerade für sie hat Jesus eine besondere Botschaft. Er bleibt stehen und wendet sich um. Der gesamte Zug kommt ins Stocken. Ungewöhnlich, doch aus seiner Person geht eine Würde und Autorität hervor, der sich die Gegner nicht widersetzen vermögen. Seine Worte haben propherischen Inhalt und korrigieren die falsche Denkweise der Frauen. Nicht er soll bemitleidet werden, sondern sie sind mit ihren Kindern die Beklagenswerten. Wegen der Verwerfung des Messias, kommt nicht nur Zorn über dies Volk, sondern auch die Unbeteiligten werden unter den Folgen leiden müssen. Die Prophetie, die Jesus hier ausspricht, ist in Teilen nicht ganz neu. Schon der Prophet Hosea schrieb ähnliche Worte Gottes für seine Generation auf:

Die Höhen des Frevels werden verwüstet, auf denen sich Israel versündigte; Dornen und Disteln wachsen auf ihren Altären. Dann werden sie sagen zu den Bergen: Bedeckt uns!, und zu den Hügeln: Fallt über uns! Israel, du hast seit den Tagen von Gibea gesündigt; dabei sind sie geblieben. (Hosea 10,8-9).

Die Prophetie von Jesus bezieht vordergründig auf die nähere Zukunft – die Zerstörung Jerusalems und das große Leid, welches insbesondere schwangere und stillende Frauen treffen wird (Mt 24,19). „Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen.“ (Lk 21,23). In der Tat haben die Bürger von Jerusalem ab dem jüdischen Aufstand im Jahre 66 und während der dreijährigen Belagerung und bis zur endgültigen Eroberung durch die Römer im Jahre 70 unbeschreibliche Not erlitten. Die Prophetie, die Jesus hier ausgesprochen hatte, erfüllte sich. Doch der Inhalt ist weitreichender Natur, da sich diese Aussage zu verschiedenen Zeiten immer wieder erfüllt. Wie der Text in Offenbarung 6,14-17 deutlich macht:

Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihren Orten. Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns und wer kann bestehen?

Nach dieser eindringlichen Botschaft schreitet Jesus weiter hinauf zur Felskuppe genannt `Schädel-Stätte`, Hebräisch: `Golgotha`, Griechisch: `Κρανίου Τόπος`, hinter ihm Simon mit dem Kreuz. Der genaue Ort von Golgatha und der Kreuzigung bleibt wohl unbekannt, sicher aber ist er:

  • außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem (Mt 28,11;  Hebr 13,12),
  • in der Nähe der Stadt (Mt 27,38),
  • in der Nähe von Gärten, Gräbern (Joh 19,41),
  • und in der Nähe einer Straße (Mt 27,39).

Als wahrscheinlich wird Golgatha in der Gegend um die sogenannte Grabeskirche lokalisiert. Dieser Ort gilt seit Konstantin dem Großen (1. Hälfte des 4. Jahrhunderts) als der Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung von Jesus. Wahrscheinlich gab es davor auch schon eine lokale Tradition, auf die man sich damals stützte.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was drücken die klagenden Frauen Jerusalems aus? Warum nur Frauen?
  2. Was ist der Inhalt der Botschaft an die Frauen?
  3. Was meint Jesus mit dem „grünen“ und dem „dürren“ Holz?
  4. Wo erfüllten sich die Worte von Jesus in der Geschichte Israels? Wo und wie zu anderen Zeiten?

 

10.35.3 Jesus wird gekreuzigt und verspottet

(Bibeltexte: Mt 27,33-56;  Mk 15,22-41;  Lk 23,33-49;  Joh 19,18-37)

 

Der Ev. Lukas schreibt:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,32-37).

Und der Evangelist Markus hält fest, wann Jesus gekreuzigt wurde: „Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.“ (Mk 15,25; vgl. Vers 33-34. 42). Die dritte Stunde bedeutet bei Markus etwa 9 Uhr morgens. Der Evangelist Johannes bemerkt: „Pilatus aber schrieb eine Aufschrift (gr. τίτλος – titlos) und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.“ (Joh 19,19-20).

 

Es fällt auf, dass die Evangelisten nur wenige Einzelheiten zur Kreuzigung aufgeschrieben haben. In Psalm 22 steht geschrieben: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir.“ (Psalm 22,15-18). Beachten wir auf der einen Seite die verbalen Bemerkungen der Vorübergehenden und anschließend der Obersten aus dem Volk, der Schriftgelehrten, Hohenpriester und der Ratsmitglieder. Durch ihren Spott, Schmähung, Lästerung und Hohn wollen sie absichtlich Jesus weh tun, ihn erniedrigen und verletzen. So schreibt der Evangelist Markus:

Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber (Mt: wenn du Gottes Sohn bist) und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester (Mt: mit den Ältesten) untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der Christus,(Lk: der Auserwählte Gottes) der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. (Mt: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn). Und (Mt: die Räuber) die  mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. (Mk 15,29-32; Mt 27,39-44; Lk 23,35).

Wir werden an die prophetischen Worte aus Psalm 22,8-9 erinnert: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm

Der Apostel Petrus schrieb später im Rückblick über das Verhalten von seinem Herrn am Kreuz folgende Worte:

(…) er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.d. (1Petr 2,22-24).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. An welchem Wochentag und um welche Uhrzeit wurde Jesus gekreuzigt?
  2. Wie verhalten sich die Hohenpriester und Ältesten gegenüber dem leidenden Jesus?
  3. Wie lautete die Aufschrift, welche Pilatus schrieb und über dem Haupt von Jesus anbringen ließ?
  4. Warum lehnt Jesus den von den Soldaten angebotenen Weinessig mit der Myrrhe-Mischung ab?
  5. Warum sind die Evangelisten so zurückhaltend mit Einzelheiten über den Kreuzigungsvorgang? Was bedeutet es für uns?

 

10.35.4 Die Soldaten teilen die Kleider von Jesus unter sich auf

Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,36-37).

Die Soldaten sind ja Zeugen geworden vom Prozess vor Pilatus und waren beteiligt bei der anschließenden Geißelung im Palasthof des Statthalters. Daher auch ihre Verspottung mit diesen Worten. Die Evangelisten halten zwei spezifische Handlungen der Soldaten fest.

Erste Handlung der Soldaten

Sie geben Jesus Wein mit Myrrhe gemischt zu trinken, doch er nimmt es nicht an  (Mk 15,23). Der Evangelist Matthäus schreibt: „gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“ (Mt 27,34). Dies könnte eine Anlehnung an Psalm 69,22 sein, dort heißt es: „Sie geben mir Galle (gr. colh/j –cholès) zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Myrrhe wird von dem Myrrhestrauch gewonnen, hat eine gelb-braune Farbe und bitteren Geschmack, wahrscheinlich auch deswegen von dem Evangelisten Matthäus als Galle bezeichnet. Wemm Markus von Wein und Matthäus von Essig spricht, so wird es sich bei diesem Getränk wohl um Weinessig handeln. Vielleicht war es üblich, dass den Verurteilten dieses Getränk als eine Art Betäubungsmittel angeboten wurde. Doch Jesus lehnt es ab, zum einen will er ein ganz klares Denken bis zum Ende bewahren und zum anderen will er selber festlegen, wann er etwas Trinkbares zu sich nehmen will.

Zweite Handlung der Soldaten

Der Evangelist Johannes, der nahe am Kreuz, an der Seite der Maria stand,  hat weitere Einzelheiten festgehalten, wenn er schreibt:

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider  und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.“ (Joh 19,23-24).

Jesus trug ein Obergewand, welches recht umfangreich gewesen sein musste, da es sich in vier Teile teilen ließ. Dieses Obergewand (gr. imatia) legte er bei der Fußwaschung seiner Jünger ab und umgürtete sich mit einem Lendenschurz (lention Joh 13,4). Den sehr wertvoll gearbeiteten Rock (gr. chitœna) trug Jesus unter dem Obergewand. Sehr wahrscheinlich trugen die Juden auch einen Lendenschurz unter dem Rock. So lesen wir in 2Mose 28,42 von der Bekleidung der Priestersöhne: „Und du sollst ihnen leinene Beinkleider machen, um ihre Blöße zu bedecken, von den Hüften bis an die Schenkel.“ In dem Zusammenhang könnten auch die Aussagen über `Nacktsein` in Markus 14,51-52 und Johannes 21,7 verstanden werden. Der Evangelist Johannes schreibt am Ende dieses Vorgangs: „Das taten die Soldaten“. Sie hatten keine Ahnung, dass ihr Vorgehen bereits eintausend Jahre vorher prophezeit wurde. Gott weiss im voraus, was Menschen tun werden. Und seine Voraussagen haben einen bestimmten Zweck, sie sollen den Glauben und das Vertrauen in Gott stärken. So sagte Jesus in Johannes 13,19: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“

Von den Soldaten heißt es danach: „Und sie saßen da und bewachten ihn.“ (Mt 27,36).

 

Das versammelte Volk aber schaute zu. Ein Großteil des versammelten Volkes war seit den frühen Morgenstunden bereits beim Prozess dabei gewesen. Doch es kamen noch viele hinzu, so lesen wir, dass das Volk zu Pilatus hinaufging, um ihn nach der Freilassung eines Gefangenen zu bitten (Mk 15,8).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was tun die Soldaten und was erfüllte sich durch ihre Handlung?
  2. Wie verhält sich die dabeistehende Volksmenge? Sind es nur Schaulustige und Befürworter der Hinrichtung von Jesus?

 

10.35.5 Jesus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

Von den sogenannten sieben Worten, bzw. Aussagen Jesu am Kreuz lautet das erste: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Für wen tritt er da in seiner Fürbitte ein? Die hier Handelnden sind ja vordergründig die römischen Soldaten, verständlich, dass sie nicht oder vielleicht nur wenig Ahnung von ihrem Unrecht haben. Aber bittet Jesus auch für die Spötter unter der Ältestenschaft Israels und für das schaulustige Volk? Ja, sicher schließt er in seiner Fürbitte niemand aus. Bereits der Prophet Jesaja sagte vom leidenden Messias voraus: „(…) den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“ (Jes 53,12b). Und damit bekräftigt und erfüllt er selbst, was er seinen Nachfolgern bereits zu Beginn seines Dienstes aufgetragen hat zu tun: „segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6,28). Oder in Matthäus 5,44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

  • Damit siegt er über das Böse
  • und bietet den Übeltätern Raum zur Umkehr (1Petr 3,9; Röm 12,21; Röm 2,4).
  • Damit besiegt er auch den Bösen. Welch eine göttliche Einstellung und Haltung?

Während Jesus am Kreuz hing, erfüllte sich auch, was er bereits zu Beginn seines Dienstes bei seinem ersten Jerusalembesuch gesagt hatte:

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,15-17).

1Und zum Ende seines Dienstes, ebenfalls in Jerusalem, zeigte er dem gesamten Volk an, welchen Todes er sterben würde.

Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? (Joh 12,32-34).

Die Antwort auf ihre Frage bekamen die Menschen nach nur wenigen Tagen. So erkennen wir auch, dass Jesus es mit seinen Voraussagen den Menschen leicht gemacht hat zu glauben. Denn zwischen der Voraussage und der Erfüllung lag nur eine kurze Zeitspanne, so dass die meisten von ihnen die Erfüllung miterleben konnten. Und schon bald werden wir sehen, wie seine Fürbitte geistliche Frucht brachte, indem Menschen umkehrten und ihn als Retter/Erlöser und Christus annahmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie reagiert Jesus auf den Spott und die Schmähungen der Obersten des Volkes und der Soldaten?
  2. Was motiviert ihn so zu reagieren und was erreicht er damit?
  3. Welche Voraussage von Jesus erfüllte sich, als er am Kreuz hing?

 

10.35.6 Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein

(Bibeltexte: Lk 23,39-43; Mt 27,44; Mk 15,32)

 

Der Ev. Lukas schreibt: „Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken (Joh: Jesus aber in der Mitte).“ (Lk 23,33; Joh 19,18). Auch hier setzt sich fort, was Jesus bereits am Vorabend in einem anderen Zusammenhang gesagt hatte: „Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht.“ (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet“ (Lk 22,37). Die Evangelisten Matthäus und Markus schildern die Reaktion der Mitverurteilten nur mit einer pauschalen Bemerkung. „Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ (Mt 27,44;  Mk 15,32). Dies muß wohl am Anfang gewesen sein. Aber nach und nach erkennt der eine Verurteilte, wer Jesus wirklich ist. Und er ändert seine Gesinnung und auch seine Worte. Der Evangelist Lukas berichtet ausführlich vom Gespräch unter den Todeskandidaten, während ihrer extremen Schmerzen.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43).

Der eine schließt sich der Lästerung der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten an (Mt 27,41-44) – wissend, dass sie beide als Mitverurteilte schuldig sind, während Jesus unschuldig ist. Dies bringt der andere Verurteilte zum Ausdruck: „dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lk 23,41). Jesus stirbt nicht für ein Verbrechen, noch für eine politischen Bewegung, sondern weil er die Erfüllung der Verheißungen Israels für sich beansprucht. Dies verstehen Menschen meist nur sehr langsam – doch der andere Verurteilte versteht dies plötzlich glasklar: der mit ihm verurteilte Jesus erträgt die Kreuzigung in dieser Weise – weil er der verheissene Messias/Herr ist! Nur er kann im ersten grausamen Schmerz für die Peiniger beten! Nur er kann die Schmähungen so ertragen! Hier kann er sein Erkennen nur noch in diese kurze Bitte fassen: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

  • Der Mitverurteilte ist sich seiner Schuld bewusst und er bekennt sie auch öffentlich;
  • Der Mitverurteilte erkennt die königliche und göttliche Gestalt von Jesus an, dessen tiefste menschliche Herabsetzung!.
  • Er erkennt Jesus als den König Israels an und zwar nicht auf dem Thron, wie ihn Zeitgenossen erwarteten, sondern am Kreuz.
  • Der Mitverurteilte spricht von dem zukünftigen, doch Jesus antwortet mit dem Heute!
  • Der Mitverurteilte spricht vom Reich – doch Christus spricht vom Paradies in dem beide sein werden. Paradies (gr. παράδισος – paradisos) ist demnach eine auserirdische und zwar göttliche Sphäre in die Jesus bei seinem Tod hineinging und aus der er bei seiner Auferstehung mit einem verklärten Leib hervorging und seinen Jüngern 40 Tage lang erschien bevor er gen Himmel aufgenommen wurde. Es ist demnach auch die Sphäre. in der die verstorbenen Gläubigen die Auferstehung des Leibes erwarten.

Christus lenkt weg von materiellen, diesseitigen Erwartungen, hin zu den tröstenden geistlichen Dimensionen. Nach der Vergebung der Sünden ist für jeden Gläubigen die Tür zum ewigen Himmelreich offen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Erkläre die Unterschiede zwischen den Mitverurteilten? Für welche Gruppen stehen sie heute?
  2. Was ist die „Schächer-Gnade“ – die Gnade kurz vor dem Tod zum Glauben zu kommen?
  3. Welche Botschaft hat Jesus für alle Sünder, die nichts mehr gut machen können?
  4. Was ist die Botschaft für den Mitverurteilten, der seine Schuld einsieht, bekennt und um Gnade bittet?
  5. Was ist wichtig für unsere Seelsorge an Sterbebetten?

 

10.35.7 Jesus: Frau, das ist dein Sohn

Alle vier Evangelisten berichten vom Mut der Frauen, die Jesus bis in die Nähe des Kreuzes begleiten. Der Evangelist Lukas schreibt allgemein: „Es standen aber alle seine Bekannten (Verwandten) von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lk 23,49). Wir müssen bedenken, dass in dieser Phase die Brüder (Halbbrüder) Jesu von dessen besonderer Sendung noch nicht überzeugt waren (Joh 7,1-5). Der Evangelist Johannes schreibt daher über eine kleinere Gruppe von Frauen, die in Begleitung von Johannes in unmittelbarer Nähe zum Kreuz standen: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ (Joh 19,25). Von den vielen Frauen werden vier namentlich genannt:

  1. Die Mutter von Jesus (Joh 19,25;  Mk 15,40). Markus nennt die Mutter Jesu auch als Mutter des Jakobus des kleinen und des Joses (zwei der vier Halbbrüder von Jesus).
  2. Die Schwester seiner Mutter, wahrscheinlich Salome: Ehefrau des Zebedäus und Mutter von Jakobus und Johannes, so der Vergleich von Johannes 19,25 mit Markus 15,40: „(…) unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome.“ (Vgl. auch mit Mt 27,56).
  3. Maria des Kleopas Frau (Joh 19,25). Wahrscheinlich handelt es sich um den Kleopas aus dem Ort Emmaus (Lk 24,18).
  4. Maria aus Magdala ((Joh 19,25;  Mk 15,40;  Mt 27,56).

Wir können uns vorstellen, dass Johannes Jesus in der Nacht (im Gegensatz zu Petrus und den anderen Jüngern) nicht verlassen hat. Dass er noch in der Nacht oder früh am Morgen die Frauen über die Ereignisse während der Nacht informiert hat. Nur so können wir die Präsenz der Frauen am Kreuz erklären. Johannes steht also an der Seite der Frauen, dicht vor dem Kreuz und so erleben sie die besondere Fürsorge des leidenden Jesus. „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,26). Selbstvergessen spricht Jesus aus einer göttlichen Ruhe und ordnet seine Familie neu. Er weiß um die prophetische Aussage des Simeon in Bezug auf Maria – seine Mutter und kennt den Schmerz ihres Herzens (Lk 2,35:  „(…) – und auch durch deine Seele

wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“). Darum befiehlt er seine Mutter der besonderen Pflege und Aufmerksamkeit durch seinen Lieblingsjünger Johannes. Neffe und Tante sollen in einem besonderen Verhältnis stehen.  Dies löst nicht die Pflichten der anderen Geschwister – sondern erweitert die Verantwortung des Johannes. Dieser ist zur bestimmten Zeit am richtigen Ort. Dass Jesus seine Mutter mit `Frau` anredet, soll uns nicht befremden, redete er sie doch schon am Anfang seines öffentlichen Wirkens so an (Joh 2,4). Trug sie für ihn doch nur eine bestimmte Zeit die Verantwortung und zwar für sein irdisches Wohlbefinden. Sie ist begnadet, Mutter des Menschensohnes zu sein. Ihre Seligkeit (Errettung/Erlösung) erhielt sie durch Glauben aufgrund von Gnade (Lk 1,38. 45).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bewegt die vier Frauen Jesus bis ans Kreuz zu begleiten? Was wissen wir von ihnen?
  2. Was bewegt Johannes allein von allen Jüngern Jesus bis ans Kreuz zu begleiten?
  3. Was drückt Jesus aus, als er seine Beziehung zu seiner Mutter neu ordnet?
  4. Was empfand Maria, die Mutter von Jesus in diesen Stunden? Hatte sie schon früher so etwas geahnt?

 

10.35.8 Das Phänomen der Finsternis

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mt 27,45; Ähnlich auch der Evangelist Markus: „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mk 15,33). Der Evangelist Lukas ergänzt ein wenig mit der Aussage: „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde und die Sonne verlor ihren Schein.“ (Lk 23,44-45a).

Dieses Ereignis war kein Naturphänomen, welches sich gelegentlich oder in regelmäßigen Abständen in der Natur ereignet. Die sogenannte totale Sonnenfinsternis, wie wir sie in unregelmäßigen Abständen auf der Erde beobachten können, bei der sich der Mond vor die Sonne schiebt, dauert nur etwa 7-8 Minuten. Dabei wird es keineswegs ganz finster. Die Finsternis am Freitag, des 14. Nisan (3. April 33) war die Folge des außerordentlichen Eingreifens Gottes in die Naturgesetze, ähnlich wie es in Ägypten zur Zeit Moses geschehen war (2Mose 10,21-23). Dort dauerte die totale Finsternis drei Tage und war lokal, auf das von den Ägyptern bewohnte Territorium beschränkt.

Der Prophet Joel sagte eine Verfinsterung der Sonne voraus (Joel 3,4). Der Apostel Petrus erwähnt dieses Zitat des Propheten, ohne jedoch einen konkreten Bezug zum Pfingstgeschehen herzustellen (Apg 2,20). Doch auch Jesus selbst spricht von der Verfinsterung der Sonne kurz vor seiner Wiederkunft (Mt 24,29).

Alle drei synoptischen Evangelisten bezeugen, dass es etwa drei Stunden lang finster war über dem ganzen Land. Die Wendung der Evangelisten: „über das ganze Land“ – epi` pa`san th`n gh`n` – epi pasan t¢n g¢n`, beschränkt sich nicht zwingend auf das Land Palästina, sondern kann sich auch auf die gesamte Erde beziehen.

Zeugnisse der frühen Historiker, welche dieses Phänomen zeitlich und räumlich in ihren Schriften erwähnen:

Ereignisse in Rom 33: Tacitus (römischer Historiker – ca. 58-120), Annalen, vi, 20 ff. Die Finsternis bei der Kreuzigung: Dieses Phänomen ist offenbar in Rom, Athen und anderen Städten am Mittelmeer sichtbar gewesen. Nach Tertullian (christlicher Schriftsteller 150 – ca. 220), Apologeticus, xxi, 20 war es  ein „kosmisches“ oder „Weltereignis“. Phlegon, ein griechischer Autor aus Caria, der bald nach 137 eine Chronologie schrieb, berichtete, dass im Jahr 4. der 202. Olympiade (d.h. A.D. 33) die größte Sonnenfinsternis gewesen und es in der sechsten Stunde des Tages, d.h. mittags, stockdunkel geworden sei, so dass selbst die Sterne am Himmel sichtbar wurden. (Paul L. Maier, „ Pilatus, sein Leben und seine Zeit nach Dokumenten“, Seite 363, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Beispiele aus der Schrift, wo von außergewöhnlicher Finsternis die Rede ist?
  2. Welche Bedeutung hat Finsternis in der Bibel?
  3. Warum trat diese dreistündige Finsternis  deiner Meiunung nach ein?
  4. Nenne einige Zeugnisse aus der Weltliteratur, welche dieses besondere Phänomen bezeugen?

 

10.35.9 Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Von dem Einsetzen der Finsternis, etwa um 12 Uhr mittags, bis kurz vor dem Sterben Jesu, gegen 15 Uhr, scheint eine Stille eingetreten zu sein. Bei dieser Finsternis wurde jede Arbeit im Tempel unmöglich und jedes Lästern unter dem Kreuz verstummte.

Vielleicht gegen Ende der Finsternis rief Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! (Mt 27,46-49; Mk 15,34).

Jesus schreit zu Gott. Der, aus dem Hebräischen, ins Griechische übertragene Text des Evangelisten Matthäus lautet: hli hli, lema sabacqani? tou`t` e`stin: qee`, mou qee` mou, inati me e,nkate`lipej – ¢li ¢li, lema sabachthani? touto estin: thee mou, thee mou, inati me enkatelipes`? Markus hat in der Anrede die Schreibweise: elwi elwi, – elöi elöi, gewählt und so auch ins Griechische übertragen. Höchstwahrscheinlich hat Jesus dieses Gebet in Hebräisch gerufen, warum sollte er sich auch an den Vater wenden in einer anderen Sprache, als der, in der sich Gott dem Volk Israel in schriftlicher Form geoffenbart hatte? Allerdings ist er von einigen Dabeistehenden missverstanden worden. Eli hat im Hebräischen die Bedeutung von `mein Gott`, so in den Namen Eli-melech (mein Gott ist König), Eli-ja (mein Gott ist Jachwe) erkennbar. Merkwürdig, dass die Schriftgelehrten oder deren Diener (es waren keineswegs die römischen Soldaten) eher an den Propheten Elia, als Helfer in Not und nicht an Gott selbst denken.

Diese Hinwendung zu Gott erinnert uns an das Gebet Davids aus dem Psalm 22,2a: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum betet Jesus hier so?

  • Hat ihn Gott wirklich verlassen? Hat er nicht kurze Zeit davor seinen Jüngern gesagt: „Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ (Joh 8,29).
  • Hat Jesus sich vielleicht nur verlassen gefühlt – empfindungsmäßige Gottferne?
  • Wenn er aber verlassen wurde, dann für wie lange und warum?

Der griechische Begriff: `enkate`lipej  – enkatelipes `, der auch in Psalm 22,2a (LXX: Ps 21) verwendet wird, kommt auch bei Paulus in 2Timotheus 4,10 und 16 vor. Einmal wurde der Apostel von seinem Mitarbeiter Demas verlassen und bei seinem ersten Verhör verließen in alle. Paulus empfand hier, dass er von seinen Mitarbeitern im Stich gelassen wurde, so ähnlich wie auch Martha empfand, von Maria allein gelassen worden zu sein (Lk 10,40). Das Wort kann auch den Sinn haben von `zurück lassen`, so in Apg 18,19 – Priszilla und Aquila werden in Ephesus zurückgelassen und Paulus wird als Gefangener in Cäsarea zurückgelassen (Apg 24,27).

In Römer 9,29 und 11,4 (mit Bezug auf Jes 1,10; 1Kön 19,10) wird der gleiche Begriff  `me enkate`lipej – me enkatelipesmich verlassen` in der gleichen grammatischen Form gebraucht, allerdings geht hier die Initiative von Gott aus, bzw. es wird aus seiner Sicht gesprochen. „Hätte uns der Herr Zebaoth nicht übriggelassen“ oder „Ich habe mir übrig gelassen siebentausend“. Und da ist der Gedanke von – Gott hat für sich aufbewahrt.

Könnte es sein, dass Jesus sich als Menschensohn allein gelassen empfand, aber aus Gottes Sicht der Übriggelassene war, der Aufbewahrte, der Geschützte, über den Gott seine Hand gehalten hatte? So in Hebräer 13,5: „Niemals werde ich dich verlassen“.

Vielleicht liegt das Geheimnis des von `Gott verlassen sein` auch in der Anrede: „Mein Gott, mein Gott`. Als göttlicher Sohn des Vaters konnte er nicht verlassen werden, war er doch nach dem Geist unsterblich, aber als Menschensohn in seinem physischen Leben (Psyche/Seele Joh 10,18) sterblich. Er nahm ja die gesamte Schuld der Menschheit auf sich und so mußte es zur Trennung von dem Heiligen Gott kommen, wahrscheinlich die drei Stunden, in denen es Finster war.  Ja, Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, doch in den physischen Tod ging der Sohn Gottes als Menschensohn, ganz allein – der Sohn starb, nicht der Vater. Das war wohl der größte Schmerz, den Jesus jemals empfand. Die gesamte Last der Sünden lag auf ihm: „Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,6).

  • Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5).
  • Er wurde zum Fluch: „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt« (Gal 3,13),
  • Das Kreuz als Symbol des Todes: „der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1Petr 2,24).
  • Er litt und starb stellvertretend für alle: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2Kor 5,21).
  • Es war ein Triumpfzug: „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ (Kol 2,15).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wendet sich Jesus zu seinem Vater mit der Anrede `Gott`?
  2. Was bedeutet der Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
  3. Welche Inhalte birgt das griechische Wort für `verlassen`?
  4. Was empfand Jesus in diesen letzten Minuten seines physischen Lebens?
  5. Hast du dich mal verlassen gefühlt? Wie empfandest du dabei?
  6. Was hilft uns, damit wir aus einer Art Depression wieder herauskommen können?

 

10.35.10 Jesus: Mich dürstet

Der Ev. Johannes schreibt als Einziger von diesem Ausruf:

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied. (Joh 19,28-30).

Wahrscheinlich spricht Jesus hier in Kurzform das aus, was in Psalm 22,15-16 in Bezug auf den leidenden Messias vorausgesagt wurde: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“ (vgl. auch das durstige Verlangen des Leidenden in Psalm 42,3; 63,2; 143,6). Ja, Jesus war ein Mensch, wie alle Menschen und empfand Durst und er gab es auch zu. Den Ausruf: „Mich dürstet“ sprach Jesus sehr wahrscheinlich gleich nach dem Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ aus. So der Zusammenhang in Matthäus 27,46-49 und Markus 15,34 „Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“  Dieser eine, der ihn tränkte war wohl ein Soldat, die anderen eher aus der Gruppe der Führenden Israels, welchen die alttestamentlichen Geschichten über Elia wohl vertraut waren. Einner der Soldaten taucht einen Schwamm in das Gefäß mit Essig (Weinessig) steckt ihn auf einen etwa 50 cm langen Ysopzweig und hält ihn Jesus vor den Mund. Jetzt nimmt Jesus das angebotene Getränk zu sich, am Anfang des Kreuzesleidens hatte er es abgelehnt (Mt 27,34; Mk 15,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet der Ausruf: „Mich dürstet?“ Sagt er dies nur, damit die Schrift erfüllt wird, oder empfand er tatsächlich Durst?
  2. Warum lehnte er das Getränk ab, als es ihm am Anfang angeboten wurde?
  3. Hast du mal wirklichen Durst erlebt? Wie und was empfandest du dabei?
  4. Was löscht am meisten den Durst?

 

10.35.11 Jesus: Es ist vollbracht (vollendet)

Die Evangelisten Matthäus und Markus sind sehr kurz in ihren Berichten über die letzten Minuten des Lebens von Jesus. Sie schreiben: „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“ (Mt 27,50; Mk 15,37). Die Verwandten und Bekannten von Jesus, einschließlich Matthäus und auch Markus, waren zwar Zeugen der Kreuzigung, doch standen sie in einiger Entfernung und hörten demnach Jesus nur laut schreien. Doch dieses laute Schreien war der kulminative Ausdruck seines gesamten Dienstes und die Vollendung des Heilsplanes, welches ihm vom Vater aufgetragen war.

Der Evangelist Johannes jedoch, der in unmittelbarer Nähe zum Kreuz stand, hat genau gehört was Jesus so laut schrie, er schreibt: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht (…).“ (Joh 19,30a-b). Die kurzen Worte „Es ist vollbracht“ sind im Griechischen ein Wort: `tete`lestaitetelestai `. Diesen Begriff gebraucht Johannes in dieser grammatischen Form nur zweimal (Joh 19,28.30). Doch er drückt etwas als abgeschlossen, erfüllt, vollendet aus. Man könnte auch mit `es ist vollendet` oder  „es ist erfüllt“,übersetzen, da ihm die Wortwurzel `telos` als Ende, Erfüllung zugrunde liegt. Um was ging es, was ist denn nun vollendet, was ist erfüllt wordem? In einigen Stellen kommt durch den Gebrauch dieses Wortes zum Ausdruck, was für Jesus der Hauptinhalt seines Dienstes darstellte. So sagt er zu seinen Jüngern am Jakobsbrunnen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende `teleiw`sw teleiösö sein Werk.“  (Joh 4,34). Und zu den Pharisäern in Jerusalem sagt er: „Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende `teleiw`sw teleiösö“, eben diese Werke, die ich tue, zeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.“ (Joh 5,36). Und am Ende seines Dienstes, im Gebet zum Vater sagt er: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet `teleiw`saj teleiösas` das du mir gegeben hast, damit ich es tue.“ (Joh 17,4). Das große und umfassende Werk beinhaltete viele einzelne Taten und Worte – nichts hat Jesus ausgelassen.

Das Kreuz, der Tod von Jesus ist sozusagen der Abschluss und die Zusammenfassung seines Lebenswerkes.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet die Aussage von Jesus: „Es ist vollbracht“?
  2. Welche Auswirkungen für uns Menschen hat das vollbrachte Werk Christi am Kreuz?
  3. Wie und was empfindest du nach einer gelungenen und abgeschlossenen Arbeit?

 

 

10.35.12 Jesus: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

Das sind die eigentlichen letzten Worte von Jesus am Kreuz. Nur der Ev. Lukas hat sie aufgeschrieben. So schreit Jesus noch ein letztesmal laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Da Jesus sich in seinem lauten Rufen „mich dürstet“ und „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ auf Aussagen in den Psalmen stützt, ist anzunehmen, dass auch sein letzter lauter Ausruf ebenfalls den Psalmen entnommen ist. In Psalm 31,6 heißt es: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“

An dieser Stelle ist es angebracht zu betonen, dass der Geist von Jesus Christus nicht in die sogenannten `untersten Örter der Erde` hinabgestiegen ist, sondern in den treuen und allmächtigen Händen des Vaters,  bis zur Auferstehung am dritten Tage, aufbewahrt wurde.

Die Zusage an den bußfertigen Mann am Kreuz: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ bestätigt zusätzlich, dass Jesus (sein Geist) sich während seines physischen Todes in göttlicher Sphäre befand (Lk 23,43).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie lauten die letzten Worte von Jesus am Kreuz und wo kommen diese im Alten Testament vor?
  2. Wie gehen wir mit verschiedenen Spekulationen über den Aufenthalt von Jesus während der drei Tage um?
  3. Was können wir mit Gewissheit zum Aufenthalt des Körpers von Jesus und seinem Geist während der drei Tage sagen?

 

10.35.13 Der Tod von Jesus am Kreuz – wie und warum starb Jesus?

Der Tod von Jesus am Kreuz ist eine historische Tatsache, die von den meisten neutestamentlichen Autoren vielfach und detailliert beschrieben wird. Wie wir bereits gesehen haben, geben die Texte der Evangelien in ihrer Zusammenfassung und Reihenfolge Aufschluß über die letzten Minuten im Leiden von Jesus. Nachdem er seinen Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte, heißt es bei Johannes: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh 19,30). Und der Evangelist Lukas ergänzt: „Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Bis dahin hielt Jesus sein Haupt aufrecht, er konnte alle und alles sehen und er nahm auch alles bewusst wahr was gesagt wurde. Doch reagierte er nicht auf die vielfältigen Schmähungen und Lästerungen von Menschen, sondern konzentrierte sich in seinen letzten Stunden allein auf die Erfüllung der Schriften enstsprechend dem Willen seines Vaters. Er erkannte, dass nun alles erfüllt war, was über ihn und von ihm vorausgesagt wurde. Sein physischer Tod tritt nicht vorrangig wegen körperlichem Versagen ein. Diese Beobachtung wird durch folgende Aussagen bestätigt:

  1. Die Soldaten waren über den schnellen Tod von Jesus überrascht. „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht (…).“ (Joh 19,33).
  2. Als Josef von Arimathäa den Statthalter um den Leichnam von Jesus bittet, ist dieser über dessen schnellen Tod sehr erstaunt. „Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei?“ (Mk 15,44).
  3. Über sein physisches Leben (gr. yuch` – psych¢) sagt Jesus: „Niemand nimmt es  von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ (Joh 10,18).

Warum Jesus letztlich gestorben ist, war die Sündenschuld aller Menschen, die er auf sich nahm, wie es schon der Prophet Jasaja vorausgesagt hatte:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. (Jes 53,4-8).

In diesem Text werden acht Aussagen, die das stellvertretende Leiden und Sterben von Jesus für sein Volk, hervorgehoben. Auch die Apostel bestätigen in ihren Predigten und Schriften den freiwilligen und  stellvertretenden Tod von Jesus als das Lamm Gottes (Joh 1,29;  Gal 1,4;  Röm 5,6. 8;  1Kor 15,3;  1Petr 1,18-21;  1Joh 2,2).

Bemerkenswert ist auch die letzte Aussage von Jesus: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Sein Leib wird von treuen Menschen in ein Felsengrab gelegt, seinen Geist jedoch übergibt er in die Hände des Vaters. Diese klare Übergabe des Geistes in die Hände (Obhut) seines himmlischen Vaters steht im krassen Gegensatz zu den vielfältigen Spekulationen über den Verbleib oder die Tätigkeiten von Jesus während der drei Tage.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum ist die Verkündigung des physischen Todes von Jesus als historische Tatsache so wichtig? Von welchen Menschen wird diese Tatsache angezweifelt oder gar abgelehnt?
  2. Wo und wie ist das Sterben des Messias im Alten Testament vorausgesagt oder vorausgebildet worden?
  3. Warum und wodurch unterscheidet sich das Sterben Jesu vom Sterben aller anderen Menschen?
  4. Welche positiven Auswirkungen hat der Tod Christi für uns?

 

 

10.36 Zwischen Tod und Auferstehung

(Bibeltexte: Mt 27,50-66; Mk 15,37-47; Lk 23,46-56; Joh 19,30-42)

In der Zeit zwischen dem Tod von Jesus am Freitagnachmittag und seiner Auferstehung am frühen Morgen des ersten jüdischen Wochentages hat sich vieles ereignet. Diese einzelnen Ereignisse wollen wir in diesem Abschnit der Reihe nach kennenlernen.

 

10.36.1 Die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus

Es scheint, als ob die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus nicht genug Beachtung bekommen. Dabei geht es nicht nur um das Naturereignis – Erdbeben, sondern auch um die Reaktionen der Menschen, sowohl unter den Juden als auch unter den Heiden.

 

Der Vorhang im Tempel zerreist und die Erde erbebt

So Berichtet der Evangelist Markus: „Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“ (Mk 15,38; Lk 23,45). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen (…).“ (Mt 27,51).

Die Naturkräfte sind dem Willen Gottes unterworfen und er kann sie so präzise einsetzen und lenken, dass sie als Zeichen für die Menschen offensichtliche Wirkung zeigen, aber auch in Grenzen tätig sind. Während Felsen zerbarsten, blieben die drei Kreuze stehen (vgl. dazu auch Apg 16,26). Dieses Ereignis blieb nicht ohne Wirkung auf die Menschen. So schreibt Matthäus: „Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 27,54). Beachten wir, dass nicht nur der Hauptmann, sondern auch seine Soldaten dieses Bekenntnis aussprechen. Der Evangelist Markus formuliert etwas differenzierter, indem der Hauptmann den Tod von Jesus bestätigt, was in seiner Verantwortung lag (Mk 15,44): „Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mk 15,39). Der Evangelist Lukas hebt hervor, das der Hauptmann mit seinem Bekenntnis Gott verherrlichte: „Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries (verherrlichte) er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“ (Lk 23,47). Somit erkannte und bekannte der Hauptmann:

  1. Dass Jesus ein gerechter Mensch war und
  2. Dass Jesus Gottes Sohn war.

 

Die Hohenpriester, welche zu der Zeit im Tempel den Opferdienst für das Passahfest versahen, wurden Augen- und Ohrenzeugen eines Ereignisses, das sie in großes Erstaunen, vielleicht sogar in Erschrecken versetzt haben muss. Der kunstvoll gewebte Vorhang, der im Tempel das sogenannte `Heilige` von dem `Allerheiligsten` trennte, zerriss in zwei Stücke und zwar von oben nach unten (Mt 27,51; vgl. dazu auch 2Mose 26,31-33; 40,21; 1Kön 6,2-31). Dies zeigt an:

  1. Dass es nicht von Menschenhand geschah
  2. Dass der Zugang zum Allerheiligsten, der bis dahin nur dem Hohenpriester vorbehalten war, nun frei ist für alle
  3. Dass die Gegenwart Gottes nicht mehr in dem sogenannten `Allerheiligsten` zu finden ist

Genau genommen, endete in diesem Augenblick die Bestimmung des von Menschenhand gebauten Tempels mit seinem Opferdienst. So schreibt der Hebräerbriefschreiber: „Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen.“ (Hebr 9,24). Auch heißt es dort von Jesus: „Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben.“ (Hebr 9,12).

Doch die Führung Israels erkannte dieses offensichtliche Zeichen nicht und so lief der Opferdienst im Tempel durch die Priester weiter, jedoch ohne die ursprüngliche Wirkung – der Vergebung der Sünden und Versöhnung des Volkes mit Gott.

 

Die Reaktion des Volkes

Der Evangelist Lukas schreibt als Einziger: „Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.“ (Lk 23,48). Mit diesen knappen Worten beschreibt der Evangelist die Reaktion des Volkes, das zuschaute und alles mitbekam was geschah. Das sich ´an die Brust schlagen` drückt mindestens `Einsicht und Reue` aus, wenn man dazu das Verhalten des Zöllners vergleicht (Lk 18,13).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Sind Erdbeben (oder auch andere Naturereignisse) immer ein Zeichen Gottes an die Menschen?
  2. Wie reagieren Menschen heute auf Naturkatastrophen?
  3. Warum waren gerade Nichtjuden oft empfänglicher für Wahrheit und Glauben?
  4. Welche Bedeutung und Maße hatte der innere Vorhang im Tempel und warum ließ Gott ihn zerreisen?
  5. Wie lässt sich die Reaktion des Volkes bewerten?

 

10.36.2 Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen

Der Evangelist Johannes, der in unmittelbarer Nähe des Kreuzes stand und somit Augenzeuge folgender Ereignisse wurde, schreibt dazu:

Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.« (Joh 19,32-37).

Der Evangelist betont die Bedeutung des auf den Freitag (Rüsttag, Vorbereitungstag) folgenden großen Sabbat, der sozusagen entheiligt würde, wenn Leichname Gekreuzigter an den Kreuzen hängen blieben. Wir sehen, auf was damals die frommen Juden geachtet haben. Auf die Einhaltung äußerer Reinmheitsvorschriften legten sie großen Wert. Das Recht, die Barmherzigkeit, die Liebe und der Glaube blieben dabei sehr oft auf der Strecke (Joh 18,28; Hosea 6,6; Mt 12,7; 23,23). Doch auch diesen menschlichen Eingriff in das Geschehen um den Tod von Jesus, wendet Gott dahin, dass die prophetischen Voraussagen auf  den Christus zu ihrer Erfüllung kommen. Denn bereits in Ägypten, etwa 1500 Jahre zuvor, ordnete Gott durch Mose an, dass dem Passahlamm keine Knochen gebrochen werden dürfen (2Mose 12,46). Ging es Gott damals um die Opferlämmer, oder vielmehr um seinen Sohn, der als das wahre Lamm Gottes zu seiner Zeit sterben ürde? Was für eine weise Vorausschau Gottes. Übrigens heißt es bei der Einsetzung des Bundesmahls durch Jesus: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, also nicht gebrochen wird. Das Brot jedoch wurde gebrochen (Mt 26,26-28).

An diesem Tag kommt Pilatus nicht zur Ruhe, ständig wird er von den Hohenpriestern um etwas angegangen.

  • Bereits am frühen Morgen wegen dem Prozess und der Verurteilung von Jesus.
  • Kurz danach wegen der Aufschrift „Jesus von Nazaret, der Juden König“, die sie geändert haben wollten.
  • Jetzt am Spätnachmittag: Lass ihnen die Beine brechen, damit sie sterben und von den Kreuzen abgenommen werden können.
  • Am nächsten Tag: Lass das Grrab bewachen, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen.

Die Soldaten führen den Befehl aus und brechen beiden Verurteilten die Beine, als sie jedoch zu Jesus kommen, überzeugen sie sich, dass er bereits gestorben war. Der eine Soldat, der ihn mit einem Speer in die Seite stößt, weiss nicht, dass damit eine prophetische Schriftaussage, welche bereits etwa 450 Jahre zuvor gemacht wurde, erfüllt wird (Sacharia 12,10). Johannes, der nahe am Kreuz steht, wird Augenzeuge von all dem, was mit Jesus gemacht wird – Blut und Wasser fließt aus dem Körper von Jesus heraus. Er wird Augenzeuge, wie Schriftaussagen in solch einer Dichte an Jesus in Erfüllung gehen. Er bestätigt in schriftlicher Form die Wahrheit des Geschehens, damit Glauben geweckt und gestärkt wird.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Worum sind die Hohenpriester bemüht, was ist ihnen wichtig?
  2. Was geschieht (oder geschieht nicht) wenn sich Christen in verschiedene Äußerlichkeiten verfangen?
  3. Wie oder wodurch erfüllt Gott, was er durch Propheten vorausgesagt hat?
  4. Wozu dienen die Prophetien, was ist ihr Zweck und Ziel?
  5. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Brechen von Beinen (was bei Jesus nicht gemacht wurde) und dem Abendmahlsbrot?

 

10.36.3 Die Grablegung von Jesus

Der Evangelist Lukas schreibt über die Grablegung von Jesus folgendes:

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte.“ (Lk 23,50-53).

Pilatus erreicht ein seltsames Eilanliegen: ein wohlbekannter, reicher Ratsherr: Josef aus dem Ort Arimathäa bittet um eine würdige Bestattung des gehenkten Jesus von Nazaret. Josef wird uns als ein frommer aber heimlicher Jünger von Jesus geschildert, der von Furcht erfüllt, sich noch bis vor kurzem im Verborgenen hielt. Doch in dem nächtlichen Prozess stimmt er (wahrscheinlich zusammen mit Nikodemus) offen gegen den Beschluß des Hohen Rates. Höchstwahrscheinlich war er Zeuge der Kreuzigung geworden. An diesem Abend trifft er eine weitere mutige Entscheidung und entschließt sich Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen, um ihn nach jüdischer Sitte möglichst schnell aber auch würdevoll zu bestatten. Damit bekennt sich jetzt Josef vor Heiden und Juden öffentlich zu Jesus! Keine Zeit ist nun zu verlieren, denn der Tag neigt sich dem Ende zu. Pilatus ist erstaunt über den schnellen Tod von Jesus und lässt sich diesen vom herbeigerufenem Hauptmann bestätigen. Dann erteilt er die Erlaubnis zur Herausgabe des Leichnams (Mk 15,44). In der angesagten Eile vor dem anbrechenden Sabbat entschließt sich Josef zur Bestattung in seine, eigentlich für ihn selbst, vorgesehene Grabhöhle in der niemand zuvor bestattet war. So schreibt der Evangelist Matthäus: „(…) und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.“ (Mt 27,60).

 

Diese Grabhöhlen sind dem Leser dieser Ausarbeitung schon von der Bestattung des Lazarus bekannt. Der Evangelist Johannes ergänzt dazu: „Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.“ (Joh 19,39). So eilt Josef und wahrscheinlich auch Nikodemus zum Kreuz, nehmen den Leichnam von Jesus ab indem sie die  Nägel aus den Händen und den Füßen herausziehen. Dann wickeln sie  ihn wie üblich in ein Leinentuch und tragen ihn zur Grabhöhle. Dort wird er wahrscheinlich in einem Eilverfahren gereinigt und gesalbt und anschließend in Leinentücher eingewickelt. Das Haupt wird mit einem besonderen Tuch umbunden, wie später der Evangelist Johannes beschreibt (Joh 20,7). Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch Johannes der Jünger an der Abnahme des Leichnams vom Kreuz und der Bestattung beteiligte, hatte er sich bis jetzt nicht geschämt für seinen Meister, warum hätte er bei diesem Dienst tatenlos den anderen nur zugeschaut? Aber auch die Frauen sind Josef und Nikodemus zur Grabhöhle gefolgt. Ja, wieder sind es die Frauen, die Jesus treu auch auf der letzten Strecke begleiten. Maria aus Magdala und Maria, Mutter des Joses, und andere Frauen beobachten aus nächster Nähe, wo und wie der Leichnam bestattet wird. So schreibt der Evangelist: „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an (strahlte auf). Es folgten aber die Frauen nach, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa, und beschauten das Grab und wie sein Leib hineingelegt wurde. Sie kehrten aber um und bereiteten wohlriechende Öle und Salben. Und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.“ (Lk 23,54-56). Auch hier fällt auf, dass über die Jünger nichts gesagt wird, wohl aber über die Frauen, die nicht einfach in ihrer Traurigkeit versanken, sondern aus Ergebenheit und Liebe, von ganz pragmatischen Überlegungen her Jesus bis zur Bestattung begleiteten. Sie beschließen schon dort, später zu einer ordentlichen Salbung des Körpers hierher zurück zu kommen.

Abbildung 13 Grabstein im sogenannten Gartengrab in Jerusalem (Foto: April 1986)

Eilig rollt Josef einen großer Stein vor den Eingang des Grabes. Dann eilen alle zurück in die Stadt und in ihre Unterkünfte. Sie ruhten nach dem Gesetz am Sabbat.

Auch über die Bestattung des Messias hat der Prophet Jesaja eine Aussage gemacht: „Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“ (Jes 53,9). Allerdings stellen wir zwischen der Prophetie des Jesaja und der Erfüllung eine Schwierigkeit fest, denn Josef war zu diesem Zeitpunkt nicht gottlos und auch kein Übeltäter. Es sei denn, dass damit die allgemeine Sündhaftigkeit und Gottferne aller Menschen (auch des Josef) hervorgehoben wird. „Bei Gottlosen“ (im Plural) meint vielleicht auch das allgemeine Umfeld der Begräbnisstätte und nicht den Josef als Einzelnen, der mit seiner Tat seine Glaubensbeziehung zu Jesus bezeugte.

Auch der Apostel Paulus bestätigt später, dass Jesus begraben wurde gemäß den Schriften (1Kor 15,4). Jesus hat bereits während seines Dienstes in Galiläa den kritisch eingestellten Pharisäern von seiner Grablegung vorausgesagt und erinnert an die einmalige Geschichte des Jona (Mt 12,40; Jona 2,1). Dann erklärte er, dass der Menschensohn ebenso drei Tage und drei Nächte inmitten der Erde sein wird. Die Wendung „drei Tage und drei Nächte“ bedeutet nicht zwingend volle 72 Stunden. Jeder noch nicht zu Ende gegangener Nacht/Tag sowie gerade begonnener Nacht/Tag werden als volle Nacht/Tage gerechnet (der Vergleich von Mt 16,21 mit Mk 8,31 sowie Mt 27,63 macht dies deutlich).

 

10.36.4 Tage-Tabelle (Hebräisch)

Für den Bibelleser kann es etwas verwirrend sein, wenn es um die Tageszeiten geht, welche die Evangelöisten angeben. Folgende Erklärung kann eine Orientierung geben.

Der jüdische Tag beginnt (auch heute noch) mit dem Sonnenuntergang. So lesen wir in 1Mose 1,2ff: „Da war aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Den lichten Teil des Tages zählte man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, was etwa 12 Stunden ausmachte. So sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Hat nicht der Tag zwölf Stunden?“  (Joh 11,9). Daher geben die meisten Autoren der neutestamentlichen Schriften diese lichte Tageszeiten an. So ist die dritte Stunde des Tages = ca. 9 Uhr morgens, die elfte Stunde ca. 17 Uhr (Mt 20,3-9; Apg 2,15). Ähnlich rechnete man auch für die zwölf Stunden der Nacht, so in Apostelgeschichte 23,23: „dritte Stunde der Nacht“ = zwischen 21-22 Uhr. Nur der Evangelist Johannes scheint gelegentlich von dieser Tageszählweise wegzukommen (Joh 19,14).

 

Demnach war Jesus nur ca. 38 Stunden Tot und verbrachte ca. 35 Stunden im Grab. Schon der Psalmist David sagte durch den Heiligen Geist voraus dass der Messias nicht wie andere Menschen der Verwesung überlassen wird: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (verwese).“ (Psalm 16,9-10; Apg 2,25; 13,35).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was halten wir von heimlichen Nachfolgern/Gläubigen?
  2. Was bewegt die beiden Ratsherren an Karfreitag?
  3. Was bedeutet es, etwas weertvolles, das man für sich bereitet hatte, an einen anderen abzutreten? Josef ahnte ja nicht, dass er sein Felsengrab wieder zurückbekommen wird.
  4. Wie bewerten wir die Treue der Frauen – besonders der Maria aus Magdala?
  5. Wo und was wurde über die Bestattung von dem Messias vorhergesagt?
  6. Was ist über den Körper des Messias vorausgesagt worden?

 

10.36.5 Die Versiegelung und Bewachung des Grabes

(Bibeltexte: Mt 27,62-66)

Bei dieser Geschichte kommt nur der Evangelist Matthäus zu Wort, er schreibt:

Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.“ (Mt 27,62-66).

Am folgenden Tag (das heißt am Sabbat) melden sich noch mal die jüdischen Leiter (Hohepriester und Pharisäer) bei Pilatus. Sie erinnern sich an Worte des getöteten Rabbis Jesus: „Ich will nach drei Tagen auferstehen.“ (Mt 27,63). Woher haben sie diese Information? Wenn Jesus über seinen Tod und Auferstehung sprach, tat er es meistens im Kreis seiner Jünger. Seine bildhafte Rede in Bezug auf seinen Tod und Auferstehung aus Johannes 2,19 haben sie ja nicht verstanden. Doch bei einer anderen Gelegenheit bekamen sie von Jesus selbst (wenn auch nur einen indirekten) Hinweis zu seinem Begräbnis und seiner Auferstehung: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein“ (Mt 12,39-40; 16,1. 4;  Mk 8,11-12;  Lk 11,29-30). Natürlich glaubten sie nicht daran, doch aus der Verdorbenheit ihres eigenen Herzens lasten sie den arglosen und völlig verängstigten Jüngern etwas an, was sie wahrscheinlich in deren Situation selber tun würden. Sie wollen damit einer für sie bösen Überraschung vorbeugen. Dass sich ihre Vorsorge und Sicherheitsmaßnahme gegen sie selbst als Falle heraustellen wird, kam ihnen zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn.

Für die Bewachung des Grabes hätten sie genug eigenes Wachpersonal von der Tempelwache beauftragen können, doch die Gekreuzigten sind von den Römern verurteilt worden und somit waren diese auch für deren Leichname zuständig. Pilatus zeigt sich auch hier großzügig, lässt sich nicht auf Diskussionen ein und stellt den jüdischen Führern eine Wachmannschaft zur Verfügung. Die Soldaten werden vor dem Grab postiert und zusätzlich wird der Stein am Eingang zum Grab versiegelt. Die ganze Aktion, einschließlich der Versiegelung des Grabes, ist eigentlich Arbeit am Sabbat, doch gegenüber sich selbst sind die Pharisäer und Hohenpriester nachsichtig, nicht so gegen andere (Joh 5,10). Im Gegensatz zu ihnen ist das Verhalten der Frauen gesetzeskonform (Lk 23,56).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was wurde in alttestamentlichen Schriften über die Bestattung des Messias und die Dauer seines Todes gesagt?
  2. Was war die Sorge der Hohenpriester und Pharisäer? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten (Apg 23,8)?
  3. Pilatus geht auf die Bitte der jüdischen ´Führung anscheinend sofort ein. Wie lässt sich das erklären?

 

10.36.6 Die Tage der Trauer für die Jünger von Jesus

Für die Juden ist dieser Sabbat ein großer Festtag, nicht so für die Jünger von Jesus. Was diese in der Zeit empfinden, wissen wir  aus den Worten von Jesus, die er am Vorabend seiner Hinrichtung den Jüngern sagte:

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh 16,16-22).

Die Begriffe: weinen, klagen und trauern, drücken sehr deutlich den emotionalen Zustand der Jünger aus während dieser drei Tage. Auch der Evangelist Markus bestätigt das Weinen und Leid tragen der Jünger: „Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.“ (Mk 16,10; dazu auch Lk 24,17). Eine große Traurigkeit legte sich auf die Jünger, denn ihre Erwartungen und Hoffnungen dass „er Israel erlösen wird“ haben sich so nicht erfüllt (Lk 24,21). Nicht Unglaube insgesamt, aber doch mangelnder Glaube waren für diese Verzagtheit der Grund und die Ursache. So sagte Jesus fast vorwurfsvoll den zwei Jüngern unterwegs nach Emmaus: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!“ (Lk 24,25). Doch soll dieser Glaubensmangel und der daraus entstandene Zustand der Traurigkeit nicht lange andauern. Ihre Traurigkeit wird bald von der immerwährenden Freude abgelöst werden, welche niemand von ihnen mehr wegnehmen kann.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe den emotionalen Zustand der Jünger von Jesus während der drei Tage.
  2. Was war der Hauptgrund, die Hauptursache für ihre Verzagtheit?

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Abbildung 13 Grabstein im sogenannten Gartengrab in Jerusalem (Foto: April 1986)

 

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