Der Prozess vor Pontius Pilatus und vor Herodes Antipas

10.34 Der Prozess vor Pontius Pilatus und vor Herodes Antipas

(Bibeltexte: Mt 27,1-30;  Mk 15,1-20;  Lk 23,1-25;  Joh 18,29-19,16)

Hier das Video:

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Der gesamte Gerichtsprozess vor dem römischen Statthalter Pilatus wird, wie der Evangelist Lukas berichtet, durch ein Verhör vor Herodes Antipas unterbrochen. Es ist ein Versuch, den Prozessablauf nach den Texten aller vier Evangelien zu rekonstruieren, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

 

10.34.1 Die Auslieferung an den Statthalter Pilatus

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu:

Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus. (Mt 27,1-2;  Mk 15,1;  Lk 23,1;  Joh 18,29).

Diesen Vorgang hatte Jesus seinen Jüngern bereits vor mehr als einem halben Jahr vorausgesagt. So lesen wir in Markus 10,33:

Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.

Zur Zeit des öffentlichen Wirkens von Jesus, war Pontius Pilatus der Statthalter (Präfekt) von Judäa, Idumäa und Samarien. Er war de facto der oberste Richter in diesen Regionen, war jedoch dem syrischen Legaten unterstellt. Dieses Amt hatte er von 26-36 n. Chr. inne. Der Evangelist Johannes ergänzt die Übergabe, bzw. Auslieferung von Jesus an den Statthalter Pilatus mit den Worten:

Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. (Joh 18,29).

Das Prätorium war der Sitz des römischen Statthalters, wenn er sich in Jerusalem aufhielt. Durch seine Anwesenheit während der Feste war die Gefahr eines bewaffneten Aufstandes gemindert. Im Prätorium wurde auch Gericht gehalten und zwar nach römischem Recht. Dieser Platz war sozusagen heidnisches Territorium und galt den Juden als unrein. Daher warteten die Ankläger draußen. Auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften waren sie  bedacht, nicht jedoch auf das gerechte Urteil im Falle von Jesus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war die Begründung für die Verurteilung Jesu zum Tode?
  2. Warum achteten die Hohenpriester an diesem Tag besonders auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften?
  3. Wer ist Pilatus und warum hält er sich in Jerusalem auf?

 

10.34.2 Judas bereut seine Tat und begeht Selbstmord

Der Evangelist Matthäus berichtet als Einziger der vier Evangelisten über das Ende des Judas Iskatiot, der Jesus ausgeliefert hatte. Doch auch Petrus erwähnt diese traurige Episode in der Apostelgeschichte und zwar im Zusammenhang mit der Wahl des Matthias zum Apostel an Stelle von Judas (Apg 1,15-20). Der Text in Matthäus 27,3-10 liest sich wie ein Einschub. Nach diesem Text ist das Ende des Judas zeitlich nach der Verurteilung Jesu durch den Hohen Rat und vor dem Verhör beim Statthalter einzuordnen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Gotteskasten legen; denn es ist Blutgeld. Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für Fremde. Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie haben die dreißig Silberlinge genommen, den Preis für den Verkauften, der geschätzt wurde bei den Israeliten, und sie haben das Geld für den Töpferacker gegeben, wie mir der Herr befohlen hat« (Jeremia 32,9;  Sacharja 11,12-13).

Besonders dem Evangelisten Matthäus liegt es am Herzen, bestimmte Ereignisse im Leben von Jesus mit entsprechenden Prophetien aus dem Alten Testament zu verknüpfen. Dadurch wird nicht nur die gute Bibelkenntnis des Evangelisten deutlich, sondern in besonderer Weise die Führung durch den Heiligen Geist. Beachten wir, dass Judas Reue empfand und bestimmte Schritte unternahm.

  • Er ging zu den Hohenpriestern
  • Er bekannte vor ihnen: „Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe.
  • Er brachte die dreißig Silberstücke zurück und warf sie in den Tempel

Ihn reute (gr. μεταμεληθείς – metameletheis) seine Tat, weil er mit solch einem Ausgang wahrscheinlich nicht gerechnet hatte. Die Reue  ist ein wichtiger Schritt, doch Judas tat keine Buße. Es tat ihm zwar Leid, er fühlte sich sehr unwohl, aber bis zur echten Buße, der Sinnesänderung (gr. μετανόια – metanoia), kam er nicht.

Die Reaktion der Priester ist verblüffend: „Was geht uns das an? Da sieh du zu!Die Seelsorger des Volkes kümmern sich nicht um die Gewissensnot ihres Komplizen. So kommt Judas in die Verzweiflung und mit dem Teufel/Satan im Herzen beendet er sein Leben (Joh 13,2; 27).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Judas bereute seine Tat, was bewirkte dies?
  2. Warum war er nicht mehr fähig zur echten Buße/Umkehr?
  3. Bewerte das Verhalten der Hohenpriester gegenüber Judas?

10.34.3 Das erste Verhör vor Pilatus

Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. (Joh 18,30).

Die Antwort der jüdischen Führung  ist pauschal und hört sich ziemlich arrogant an. Pilatus hat nach einem klaren und für die Römer nachvollziehbaremn Anklagepunkt gefragt. Als er diesen zunächst nicht bekommt, weist er die Angelegenheit an die Juden zurück.

Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten.

Und der Evangelist Johannes sieht darin einen Zusammenhang:

So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. (Joh 18,31-32; 12,32-33).

Durch die Aussage der Juden: „Wir dürfen niemand töten“, konnte Pilatus merken, dass es sich um eine Anklage zum Tode handelt. Nun werden die Anklagepunkte konkreter. Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

(…) und fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König. (Lk 23,2).

Die Anklagepunkte sind also:

  • Volksaufhetzung,
  • Steuerverweigerung,
  • Selbstbezeichnung als Christus/Messias/Gesalbter,
  • Selbstbezeichnung als König.

 

Pilatus hört Jesus an

Der Evangelist Johannes berichtet im folgenden Text über die Anhörung von Jesus und zwar im Inneren des Prätoriums, das heißt, dass die Juden draußen dieses Gespräch gar nicht mitbekamen.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (Joh 18,33-38a;  Mt 27,11;  Mk 15,2;  Lk 23,3).

Von den vier Anklagepunkten interessiert Pilatus nur einer: „Bist du der König der Juden?“ Die anderen drei Punkte scheint er den Juden nicht abzunehmen. Jesus lässt Pilatus seine Erhabenheit spüren, indem er diesen nach der Informationsquelle fragt. Dies ist in einem Gerichtsprozess ungewöhnlich, denn in der Regel stellte der Angeklagte keine Fragen an den Richter. Dass der Angeklagte sich nicht fürchtet, spürt Pilatus sehr deutlich und diese mutige Haltung von Jesus ärgert und beeindruckt ihn zugleich. So entfaltet sich ein inhaltsvolles Gespräch, Jesus bezeugt seine Souveränität als König, dessen Reich von anderer Beschaffenheit ist als die Reichssysteme dieser Welt. Jesus ist die Wahrheit und er redet Wahrheit. Diese Botschaft trifft Pilatus ins Innere, denn Wahrheit kannte er nicht. Was er kannte, waren Heuchelei, politische Intrigen, Korruption, Selbstsucht, Machtgier. Wahrheit und Gerechtigkeit wurde auch im Römischen Reich allzu oft nach Bedarf definiert und angewendet. Das Ganze erhielt dann eine offizielle und gesetzmäßige Form. Hinter der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ steht die traurige Erfahrung, dass das gesamte Leben in den Reichssystemen dieser Welt (auch in Israel) von Ungerechtigkeit und Lüge durchdrungen war. Doch in diesem Fall kann er eindeutig erkennen, dass von Jesus keine politische Gefahr für die römischen Behörden ausgeht.

 

Pilatus findet keine Schuld an Jesus

 

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh 18,38b). Auch der Evangelist Lukas schreibt: „Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. (Lk 23,4).

Als erfahrener Richter hat Pilatus ein sachlich gutes Empfinden für Schuld oder Unschuld. Wie so oft im Leben ist der erste Eindruck der Richtige. Dachte Pilatus, dass die Angelegenheit damit beendet sei? Aber die Hohenpriester und der Ältestenrat gaben so schnell nicht auf.

 

Jesus schweigt zu den Anklagen der Hohenpriester

Die Juden wiederholen ihre Anklagepunkte. „Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts.“ (Mt 27,12;  Mk 15,3). Jesus macht auch hier keinen Gebrauch von seinem Recht, sich zu verantworten oder zu verteidigen. „Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.“ (Mk 15,4-5). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort.“ (Mt 27,13-14). Es scheint, als ob sein Schweigen sie noch mehr aufbringt. Sie greifen den ersten Anklagepunkt wieder auf und nennen seine Lehrtätigkeit, die sich nicht nur auf Judäa, sondern auch auf Galiläa erstreckte.

Sie aber wurden noch ungestümer und sprachen: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt hier und dort in ganz Judäa, angefangen von Galiläa bis hierher. Als aber Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mensch aus Galiläa wäre. Und als er vernahm, dass er ein Untertan des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. (Lk 23,5-7).

Pilatus konnte aufatmen, denn die Juden haben ihm über Jesus eine Information geliefert, aufgrund derer er die, für ihn ohnehin unangenehme Gerichtsangelegenheit, an Herodes abgeben konnte. Jener war für Jesus, als einen galiläischen Bürger, juristisch zuständig. Die Priesterschaft und der Ältestenrat mitsamt ihrer Dienerschaft machen sich auf den Weg zum Vierfürsten Herodes, um dort ihre Anklagen gegen Jesus vorzutragen.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Welche Anklagepunkte bringen die Hohenpriester gegen Jesus vor? Was ist an ihnen dran?
  2. Für welchen der vier Anklagepunkte interessiert sich Pilatus und warum?
  3. Es erstaunt, dass Jesus den Pilatus in ein tiefes Gespräch hineinführt, warum?
  4. Welche Unterschiede erkennst du zwischen den Reichen dieser Welt und dem Reich Gottes?
  5. Die Frage nach Wahrheit bewegte Pilatus, doch wie ging er in der konkreten Situation damit um?
  6. Wie bewertet Pilatus die Anklagen der Juden gegen Jesus?
  7. Warum ist Pilatus sichtlich erleichtert, als er hört, dass Jesus aus Galiläa kommt?

 

10.34.4 Jesus vor Herodes Antipas

Herodes Antipas bekam einen vierten Teil des Gebietes, welches sein Vater Herodes der Große beherrschte. So unterstand ihm ganz Galiläa, dazu Peräa, ein kleineres Gebiet im Ostjordanland auf der Höhe von Jericho im Nordosten des Toten Meeres. Seine Residenz in Galiläa war Sephoris, etwa acht Kilometer nordwestlich von Nazaret gelegen. Seine Präsenz am Passahfest in Jerusalem war eher religionspolitisch motiviert als aus echter Frömmigkeit. Doch was er seit geraumer Zeit wünschte, erfüllte sich überraschend. Hier ist es wieder nur der Evangelist Lukas, der diese Episode als Ergänzung zu dem gesamten Gerichtsprozess beschreibt.

Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte von ihm gehört und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. (Lk 23,8).

Zunächst freut sich Herodes Jesus endlich zu sehen. Gehört hatte er über ihn schon viel und seine Neugier wurde immer wieder geweckt. Übernahm er doch die Auffassung einiger aus dem Volk: Johannes der Täufer sei von den Toten auferstanden und daher wirkten in ihm solche Kräfte (Lk 9,7;  Mt 14,2). Er scheint wenig an einem rechtsmäßigen und ordentlichen Gerichstprozess interessiert zu sein. Wie auch die Juden aus der Pharisäer- und Sadduzäerpartei, so will auch er Zeichen sehen (Mt 16,1). Doch lässt sich Jesus niemals in selbstsüchtige Wünsche oder gar Vorderungen von Menschen einspannen. Herodes bewegt nicht die Buße zu Gott wegen seines gottlosen und unmoralischem Lebensstils, sondern Neugier, vielleicht sogar gewisse Erwartung auf Rechtfertigung seines Handelns. Und so ungeordnet verläuft auch das Verhör. Der Evangelist Lukas fährt in seinem Bericht fort: „Und er fragte ihn viel. Er aber antwortete ihm nichts.“ (Lk 23,9). Inzwischen ist für uns das Schweigen von Jesus nicht mehr ungewöhnlich. „Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn hart.“ (Lk 23,10). Vermutlich verklagten sie Jesus wegen angeblicher Aufhetzung des Volkes und seines Anspruchs `König zu sein`. Besonders Letzteres wird erkennbar durch die spöttische und verachtende Geste (leuchtendes Gewand) wie Lukas berichtet: „Aber Herodes mit seinen Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes  Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus.“ (Lk 23,11). Herodes hört sich zwar die vorgetragenen Anklagen der Hohenpriester an, doch für ihn sind sie nicht stichhaltig genug um Jesus zu verurteilen. Wäre von Jesus eine Gefahr für Volk und Staat, ja sogar für den Vierfürsten ausgegangen, hätte er dies bereits früher in Galiläa bemerkt (Lk 9,9). Um ihn jedoch wegen mangelnder Beweise zu entlasten und freizusprechen, dafür ist er den Anklägern gegenüber zu feige. Nach der Charakterisierung durch Jesus glich er einem Fuchs (Füchsin), der mit List seinen eigenen Vorteil sucht (Lk 13,32). Und so überspielt er seine innere Zerrissenheit mit verachtenden und spöttischen Äußerungen gegenüber Jesus. Damit erniedrigt und demütigt er Jesus vor seinen Soldaten und der jüdischen Elite. Jesus aber lässt sie jetzt gewähren. So schickt Herodes ihn zu Pilatus zurück mit dem symbolischen Hinweis: „Keinerlei Schuld, die den Tod verdient hätte“. Doch was bewegt den Vierfürsten?

  • Den Hohenpriestern und Schriftgelehrten will er mit einer Verurteilung des Angeklagten keinen Gefallen tun, wusste er nur zu gut um die Unschuld Jesu. Ebenso weiß er aus eigener Erfahrung, wie belastend es für das Gewissen ist, einen Propheten zu töten (Mt 14,9;  Lk 9,9).
  • Um Jesus jedoch freizusprechen, wozu er befugt war und auch Grund gehabt hätte, war er zu feige, zu stolz und ehrgeizig.
  • Wenn er Jesus zu Pilatus zurückschickt, bekundet er seine Anerkennung dem Präfekten gegenüber und seine Loyalität zu Rom. Das nützt ihm persönlich am meisten.

So ziehen die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten mit dem gebundenen Jesus wieder zurück zum Prätorium des römischen Statthalters. Welch eine Ironie: Eigentlich sollte sich die Priesterschaft an diesem Tag mit dem Opfern der Passahlämmer im Tempel beschäftigen. Sie aber sind voller Unruhe und beeilen sich das wahre Opferlamm Gottes zu schlachten (Jes 53;  Joh 1,29;  Mt 20,18).

Und der Evangelist Lukas schließt diese Episode ab mit einem politischen Detail: „An dem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; denn vorher waren sie einander Feind.“ (Lk 23,12). Natürlich handelt es sich hier um politische Freundschaft, nicht um echte und aufrichtige Beziehung.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist der Grund für die Freude des Herodes als er Jesus sieht?
  2. Werden seine Erwartungen erfüllt?
  3. Warum reagiert Jesus auch hier mit Schweigen?
  4. Beschreibe die innere Zerrissenheit des Herodes, welche Motive bewegen ihn?

 

10.34.5 Jesus Barabbas – Aufrührer und Mörder

Bei dem Versuch den Ablauf des Prozesses chronologisch darzustellen, liefert uns der Evangelist Johannes die meisten Informationen. Einen breiten Platz im Prozessverlauf nimmt die Debatte über die Freilassung des Barabbas, der kurioserweise auch den Vornamen Jesus trägt.

In Jerusalem, in der Burg Antonia war eine römische Garnison stationiert, deren Aufgabe es war, das Geschehen in der Stadt und insbesondere auf dem Tempelgelände ununterbrochen zu beobachten. Die Zeloten (Eiferer) nutzten die Zusammenkünfte des Volkes bei den Festen, um Aufstände gegen die römischen Besatzer zu organisieren. Bei solch einem lokalen Aufstand in der Stadt, kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung mit den römischen Legionären. Die Anführer des Aufstandes wurden festgenommen und nun warteten sie auf ihren Prozess mit anschließender Hinrichtung. Der Evangelist Markus schreibt dazu: „Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten.“ (Mk 15,6b-7). Barabbas bedeutet Sohn des Abbas und der Evangelist Matthäus ergänzt dies, indem er noch dessen persönlichen Namen nennt: „(…) der hieß Jesus Barabbas.“ (Mt 27,16 – im griechischen Text des NT ist diese Bemerkung in eckige Klammern gesetzt, weil sic nicht in allen alten Handschriften zu finden ist). Nach den Worten des Evangelisten Lukas könnte man sogar annehmen, dass er bei dem Aufstand den Mord begangen hatte. So schreibt er von ihm: „Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.“ (Lk 23,19 vgl. mit Apg 3,14). Johannes schreibt dem Barabbas auch noch räuberische Tätigkeiten zu: „ (…) Barabbas aber war ein Räuber.“ (Joh 18,40).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie kamen die lokalen Aufstände in Judäa zustande?
  2. Was wurde Barabbas angelastet?

 

10.34.6 Der 1. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten treffen mit dem gebundenen Jesus wieder am Prätorium des Statthalters ein. Auch immer mehr Menschen aus dem Volk versammeln sich vor dem Prätorium. Der Grund ist das Zugeständnis des Präfekten – zum Passahfest einen Gefangenen, den das Volk wünschte, freizulassen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. (Mt 27,15;  Mk 15,7). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und das Volk ging hinauf und bat, dass er tue, wie er zu tun pflegte.“ (Mk 15,8). Viele Schaulustige und Neugierige aus dem Volk wollen sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. „Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt; und siehe, ich habe ihn vor euch verhört und habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden, derentwegen ihr ihn anklagt; Herodes auch nicht, denn er hat ihn uns zurückgesandt. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. Darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben.“ (Lk 23,13b-17). Wir stellen fest, dass dem Pilatus viel daran gelegen war Jesus freizulassen, zumal ihn darin auch seine Frau bestärkte. Und er weiß um die Hintergründe und Motive der Hohenpriester: „Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.“ (Mt 27,18). Ihm ist bestimmt auch nicht entgangen, dass der überwiegende Teil des Volkes mit Jesus sympatisierte. Und so greift er nach der Möglichkeit das Volk für sein Konzept, der Freigabe von Jesus, zu gewinnen. Eindeutig wendet sich Pilatus an das Volk mit den Worten: „Es besteht aber die Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?“ (Joh 18,39). Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) denn er erkannte, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10). Er hegt begründete Hoffnung, dass das Volk sich für die Freilassung von Jesus, dem Messias/König, entscheidet. Womit er nicht rechnet, ist der überaus starke Einfluß der Hohenpriester und Ältesten auf das Volk. Die Hohenpriester wissen um die Sympatie des Volkes gegenüber Jesus und stacheln auf eine freche Art das Volk gegen Jesus auf. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten.“ (Mt 27,20). In Matthäus 27,17 lesen wir: „Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“ Und der Evangelist Markus ergänzt: „Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe.“ (Mk 15,11). Auch nach Matthäus 27,21a-23 wendet sich Pilatus erneut an das Volk mit den Worten:

Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen!“ (vgl. Mk 15,14).

Seit wann fragt ein oberster Richter die Menge des Volkes, was er denn mit einem unschuldigen Gefangenen machen soll? Immerhin fragt er nach stichhaltigen Anklagepunkten, doch außer lautem Geschrei bekommt er nichts zu hören. Der Evangelist Lukas ergänzt: „Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los!“ (Lk 23,18). Und Lukas hebt die erneute Bemühung des Statthalters – Jesus freizulassen – hervor:

Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! Er aber sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe nichts an ihm gefunden, was den Tod verdient; darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben. Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand.“ (Lk 23,20-23).

Auch der erneute Versuch, vom Volk verwertbare Gründe für eine Verurteilung zu bekommen, schlägt fehl. Gegen die geballte Macht der Oberen und der aufgewiegelten Menge kommt Pilatus nicht an. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! (Mt 27,24-25).

Der Sammelbegriff „das ganze Volk“ muß hier in der Relation zu den Zehntausenden nicht daran beteiligten gesehen werden. Auch sind in erster Linie die vielen Knechte und Diener der Priesterschaft und der Ältesten dabei, welche sagen müssen, was ihnen ihre Herren befahlen (Joh 19,6). Trotzdem repräsentieren sie und alle Anwesenden mit den Oberen an diesem Morgen das Volk im Allgemeinen. Hier stellen sich folgende Fragen:

  • Kann ein Richter sich die Hände in Unschuld waschen, wenn er gegen sein besseres Wissen einen unschuldigen Menschen der Willkür der Menge überlässt? Hier kommt Jesus zu Wort und urteilt: „Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.“ (Joh 19,11). Ja, Pilatus trägt Mitschuld an der Verurteilung Jesu.
  • Inwieweit kann sich der Fluch des am Gerichtsprozess beteiligten Volkes auch auf ihre Nachkommen auswirken?

Sicher ist die Sünde nicht übertragbar, doch wenn Eltern auf ihre Kinder einen Fluch aussprechen, hat dies Folgen.

Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.“ (Mt 27,26). Der Evangelist Markus ergänzt: „Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los.“ (Mk 15,15). Der Evangelist Lukas fügt hinzu: „Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt werde, und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen. (Lk 23,24-25).

So gibt er dem Willen des Volkes nach, lässt den frei, um den sie bitten, einen, der in der Tat das Volk gegen die Römer aufhetzte und aller Wahrscheinlichkeit nach einen römischen Legionär tötete (Apg 3,14). Was für ein ungerechtes Urteil!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutete das Zugeständnis des Statthalters an das Volk – zum Passahfest einen Gefangenen auf Wunsch freizulassen? Was erhoffte sich Pilatus davon?
  2. Beschreibe die Taktik des Pilatus in diesem Prozess?
  3. Warum suchte nach Möglichkeiten, um Jesus freizulassen?
  4. Wie ist der starke Einfluss der Hohenpriester auf das Volk zu erklären?
  5. Welche Charakterzüge des Pilatus treten bei diesem Prozess deutlich ans Licht?

 

10.34.7 Jesus wird von den römischen Soldaten verspottet und geschlagen

(Bibeltexte: Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3)

 

Nun beginnt die letzte Phase des Prozesses gegen Jesus. Der Evangelist Johannes schreibt:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. (Joh 19,1).

Ab hier folgen wir nun dem vollständigeren Bericht des Evangelisten Matthäus:

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium in den Palast, und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. (Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3).

Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) fielen auf die Knie und huldigten ihm.“ (Mk 15,19).

 

  • Jesus wird erniedrigt und gedemütigt,
  • verhöhnt und verspottet,
  • geschlagen und bespuckt.

Er erduldete diese Schmach und setzte sich nicht zur Wehr. So sieht seine Herrschaft aus, die Herrschaft über die Sünde, so besiegt er das Böse.

Damit führt er ganz praktisch die Prinzipien des Gottesreiches in dieser Welt ein.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Wenn Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt war, warum ließ er Jesus dennoch geißeln?
  2. Welche Bedeutung hatte die Geißelung der Angeklagten?
  3. Warum wehrt sich Jesus nicht wenigstens mit Worten gegen seine Peiniger?
  4. Was wird in seinem Verhalten offenbar?

 

10.34.8 Der 2. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Nun folgen wir dem detaillierten Bericht des Evangelisten Johannes:

Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch! Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige!  Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. (Joh 19,4-7).

Erst jetzt nennen die Hohenpriester den für sie wichtigsten theologischen Anklagepunkt, wohl wissend oder mindestens ahnend, was er bei Pilatus bewirken kann. Denn für einen loyalen Römer war seit der Zeit des Kaisers Augustus in Rom `υιος του θεου – hyos tou theou – Sohn Gottes `. Der römische Senat hatte den durch Brutus und Cassius im Jahre 44 v. Chr. ermordeten Julius Cäsar `göttlich` gesprochen. Daher galten seine Nachkommen als Söhne des Göttlichen. Es ist eigentlich ein Wahnsinn, doch damit folgten sie dem ägyptischen und babylonischem Vorbild.

 

Pilatus sucht erneut das Gespräch mit Jesus

Dieser Hinweis ruft bei Pilatus große Furcht hervor.

Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde. (Joh 19,8-11).

Große Furcht befällt Pilatus, er kennt den sogenannten `Sohn des Göttlichen` in der Person des Kaisers. Und er weiß, wie diese Herrscher oft willkürlich regieren. Hier jedoch steht einer vor ihm, dessen Herrschaft sich ganz anders ausdrückt. Die Würde, die Selbstbeherrschung, der Blick frei von Hass, Verachtung und Vergeltung, keine Klage gegen seine Feinde und Peiniger. Noch nie hat er solch einen Gefangenen vor sich gehabt. In Jesu Verhalten kommt das wahre Göttliche zum Ausdruck. In der Tat, nicht Jesus fürchtet sich vor diesem Gericht, sondern Pilatus fürchtet sich vor Jesus, welcher der eigentliche Richter in diesem Prozess ist.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum interessiert sich Pilatus für die Herkunft von Jesus?
  2. Wer war nach griechisch-römischer Auffassung der `Sohn Gottes`?
  3. Beachte und beschreibe das Verhalten von Jesus? Was drückt es aus?
  4. Wie bewertet Jesus Sünde und Verantwortung?
  5. Wer ist der eigentliche Richter in diesem Prozess?

 

10.34.9 Der 3. Versuch des Pilatus, Jesus freizulassen

Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. (Joh 19,12-13).

Die Oberen der Juden sind hartnäckig, jede Gottesfurcht ist von ihnen gewichen. Sie greifen zum letzten Argument, dem sich Pilatus schließlich, wenn auch widerwillig, beugt. In ihrem Argument verbirgt sich eine versteckte Drohung. Eine Klage beim Legaten in Syrien hätte möglicherweise Pilatus den Posten gekostet. Dieses Risiko ist er nicht eingehen. Diesen Preis ist er nicht bereit zu zahlen.

 

Pilatus wird von seiner Frau gewarnt

Auch bei den Römern hatten die Frauen in der Öffentlichkeit nicht viel zu sagen, umso mehr jedoch im privaten Bereich. Die Frau des Pilatus brachte den Mut auf, um sich mit ihrem Plädoyer für Jesus in den Prozessverlauf einzumischen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. (Mt 27,19).

Auch wenn sie keine Details ihres Traumes nennt, so wird dadurch doch deutlich, dass Gott sich auf eigenartige Weise Menschen offenbart – hier einer heidnischen Frau, deren Mann als korrupt, machtgierig und wankelmütig charakterisiert werden kann. Trotz ihres Appells bringt Pilatus nicht den Mut auf, gerecht zu urteilen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie stark war der Einfluss der Frauen im Römischen Reich?
  2. Welchen Wert hatte das Plädoyer der Frau des Pilatus im Zusammenhang des Prozesses gegen Jesus?
  3. Wenn ihr Traum von Gott war, was sollte er dann bewirken?

 

10.34.10 Pilatus auf dem Richterstuhl – Jesus wird zum Tode verurteilt

Den Verlust des Titels `Freund des Kaisers` will Pilatus nicht opfern. Letzlich wird doch das Recht und die Wahrheit dem Machterhalt zum Opfer fallen.

Es war aber am Rüsttag für das Passahfest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. (Joh 19,14-16).

Nach außen hin erwecken die Hohenpriester den Eindruck, als wären sie dem Kaiser ergebener als Pilatus. Bis zuletzt versucht dieser Jesus freizubekommen, doch ohne Erfolg. Zu viel und zu oft fragt er als Richter, was er denn tun solle. Bemerkenswert ist aber auch der Tatbestand, dass es letztlich die Hohenpriester waren, die mit Nachdruck den Tod Jesu forderten. Sie waren es letztlich, die den Hohen Rat stark beeinflussten, ihren Knechten befahlen, das Volk überredeten und gegen Jesus aufhetzten.

Das Unfassbare geschieht – die Verurteilung des Gerechten durch die Hand der Heiden wird durchgesetzt. Es kam, wie Jesus es voraussagte (Mt 20,19). Schon nach fünf Wochen nimmt Petrus das Volk und die Oberen der Juden in die Verantwortung mit den Worten:

Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, als der ihn loslassen wollte. Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke. (Apg 3,13-14).

Mit der Aussage: „Wir haben keinen König als den Kaiser.“ verleugneten die Hohenpriester Jesus. Auch der Apostel Paulus hebt im Rückblick die bewusste Verleugnung Jesu durch die Führung Israels hervor:

Und obwohl sie nichts an ihm fanden, das den Tod verdient hätte, baten sie doch Pilatus, ihn zu töten. (Apg 13,28).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie ist es zu erklären, dass die Juden immer wieder neue Argumente gegen Jesus aufbringen?
  2. Was zählte letztlich bei Pilatus? Was beinhaltet die Bezeichnung `Freund des Kaisers`?
  3. Was sagen die Juden mit dem Bekenntnis „Wir haben keinen König als den Kaiser“ aus?
  4. Was bewog letzlich Pilatus Jesus zu verurteilen?

 

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Der Triumph in der Nacht – Jesus vor dem Hohen Rat

Jesus wird von dem Hohenpriester Hannas verhört

(Bibeltexte: Joh 18,12-14; 19-24;  Lk 22,54. 63-65)

Kapitel 2

Kapitel 1
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Abbildung: Ein uralter Olivenbaum im Garten Gethsemane auf dem Westabhang des Ölbergs. Hier verbrachte Jesus die letzte Stunde vor der Gefangennahme im Gebet zu seinem Vater im Himmel (Foto: April 1986).

Abbildung : Das Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit von Jesus. Im südlichen Teil auf dem Tempelgelände tagte seit dem Jahre 30 n.Chr. das Synedrium – der Hohe Rat. (Foto: April 1986).

 

Der Ev. Johannes schreibt: „Die Schar aber und ihr Anführer  und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh  18,12-14; 11,49-52).

Der Ev. Johannes schreibt: „Die Schar aber und ihr Anführer  und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh  18,12-14; 11,49-52).

Der Ev. Lukas ergänzt dazu: „Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. (Lk 22,54). Gemeint ist hier wohl das Haus des Hohenpriesters Hannas, welches sich im Palasthof (gr. αὐλῇ  – aul¢) der Hohenpriesterfamilie befand, so die Zusammenhänge aus Mt 26,58 „Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast (Palasthof) des Hohenpriesters“ (Mt 26,69;  Mk 14,54;  Lk 22,66).

Ausdrücklich betont der Ev. Johannes, dass Jesus zuerst zu dem Hohenpriester Hannas geführt wurde. Dies setzt eine klare Absprache unter den Hohentpiestern voraus. Von diesem inoffiziellen Verhör im Haus bei Hannas berichtet nur der Ev. Johannes. Doch auch im Text des Ev. Lukas ist eine Zweiteilung dieses nächtlichen Prozesses erkennbar. Hannas war der Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters Kaiphas. Durch die Heirat seiner Tochter mit Kaiphas blieb die Macht in der Familie des Hannas. Für dieses bewusst  geplante Vorverhör  gibt es verschiedene Gründe.

  • Zum einen wurde dem Älteren, sozusagen emeritierten Hohenpriester die Ehre erwiesen, sich als Erstem ein Bild über Jesus zu machen;
  • Als erfahrener Richter konnte er dem Prozessverlauf die Richtung angeben;
  • Dadurch wurde Zeit gewonnen für den Hauptprozess, der erst in den frühen Morgenstunden stattfand (Lk 22,66);
  • Dazu suchte man noch in der Nacht händeringend nach Zeugen (Mt 26,59; Mk 14,55).

Die Befragung findet im Haus statt. Petrus aber war draußen im Hof inmitten der Knechte an einem Feuer. Gerade hier und in dieser ersten Phase des Verhörs findet die Verleugnung des Petrus statt (Joh 18,15-18; 25-27).

Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe. (18,19-21).

Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn Hannas bis dahin nicht mitbekommen hätte, wer seine Jünger sind, was er lehrt und tut. Einen seiner Jünger – Johannes, kennt er sogar persönlich. Eigentlich lagen den Hohenpriestern viele Detailinformationen vor über die Tätigkeit von Jesus wie folgender Text bestätigt: „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.,  Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,47-48). Und bereits damals vor etwa 2 Monaten beschlossen sie Jesus (und sogar auch Lazarus) zu töten. Dieses Verhör zielte keineswegs auf einen gerechten Prozessverlauf ab (Mt 26,3; Mk 12,12; Lk 20,19; Mk14,1).

Der Ev. Johannes schreibt nur von zwei Aspekten der Frage des Hannas, nicht jedoch den originalen Wortlaut. Dieser wird in seiner Tiefe erst erkennbar in der Antwort von Jesus. Hannas verfolgt ein Ziel: Er will feststellen, dass Jesus mit seinen Jüngern eine Untergrundtätigkeit ausübt und durch seine Lehre Anhänger um sich sammelt. Dies wäre typisch für die Vorbereitung eines Aufstandes. Genau so lautete später auch eine der Hauptanklagepunkte vor Pilatus: „Sie aber bestanden darauf und sprachen: Er wiegelt das Volk auf, indem er in ganz Judäa lehrt, angefangen in Galiläa bis hierher!“ (Lk 23,5). Dieser Anklagepunkt musste jetzt sorgfältig vorbereitet und später vor Pilatus begründet werden. Das war die Hauptaufgabe von Hannas. Denn später im Hauptprozess wird es vorrangig um theologische Fragen gehen.

Jesus durchschaut die List und Bosheit des Hannas und wert sich entschieden gegen den Verdacht etwas Heimliches im Verborgenen gelehrt oder gemacht zu haben. Dazu. könnte Hannas alle seine Diener befragen, denn jene wurden Zeugen der öffentlichen Lehren von Jesus. So schreibt der Ev. Johannes:„Nun kamen die Diener zu den obersten Priestern und Pharisäern zurück, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch!“ (Joh 7,45-46). Doch jetzt will Hannas diese Zeugen keineswegs zu Wort kommen lassen. Seine Absicht ist klar: Er will Jesus in dessen eigenen Worten fangen. Aber Jesus lässt sich auf sein Konzept nicht ein. Hannas hat sich nun selbst in eine Sackgasse hinein manövriert. In dieser für ihn unangenehmen Situation greift einer seiner Diener ungefragt ein. So berichtet der Ev. Johannes weiter: „Als er so redete, schlug einer von den Knechten (gr. υπερετών – ypereton – Diener), die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten?“ (Joh 18,22).  Will er mit dieser verachtenden Geste seinem Dienstherrn imponieren? Dies nimmt Jesus jedoch keineswegs stillschweigend hin. „Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise (bezeuge), dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich.“ (18,23). Was für eine Antwort von Jesus! Doch an dieser Stelle erinnern wir uns natürlich an die Aussage von Jesus: „Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Lk 6,29; Mt 5,39). Hält sich Jesus selber nicht an das, was er die Jünger lehrte? Nun ist folgendes zu beachten, nicht alles was Jesus sagte, ist immer und in jedem Fall wörtlich oder buchstäblich zu nehmen, weil es die Möglichkeiten der Reaktion einschränken würde. Jene seine Aussage muss in erster Linie von seiner eigenen Anwendung her verstanden werden. Daher beobachten wir genau, wie Jesus hier und in den folgenden extremen Situationen das praktiziert, was er in der Theorie gesagt hat.

Hätte Jesus sein Gesicht zum zweiten Schlag hingehalten, hätte sich der Schläger im Recht gewusst. Mit seiner Gegenfrage schlägt Jesus nicht zurück, er tritt auch nicht einfach nur für sein Recht ein, sondern mit seiner Antwort/Frage gibt er dem Schläger die Möglichkeit sein Verhalten selbst zu beurteilen. Es gibt auch Situationen, in denen Jesus schweigend die Schläge erduldete (Mt 26,67). Auf Gewalt zu reagieren mit angemessenen Worten, ist nicht nur angebracht um seiner selbst willen, sondern auch um das Unrecht des Gewalttäters zu benennen, zu beurteilen und damit dem Gegner die Möglichkeit der Umkehr zu geben. Auf jeden Fall ist hier durch das weise Verhalten von Jesus der Konflikt entschärft worden. Hannas sieht keinen Anlass mehr, die Befragung fortzuführen. Da er den ungerechten Eingriff seines Dieners nicht tadelt, macht er sich zum Mittäter. Doch wer genau hinschaut, stellt fest: Nicht Jesus steht als Angeklagter vor dem Richter, sondern Hannas ist der eigentliche Angeklagte, denn er disqualifiziert sich als Richter (Joh 3,19).  Der Ev. Johannes berocjtet weoter: „Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. (Joh 18,24). Doch bevor Jesus dort ankommt, bzw. bevor der Hohe Rat in den frühen Morgenstunden zusammenkommt, wird Jesus von den Knechten misshandelt (Lk 22,65-66). Der Ev. Lukas ergänzt dazu:  „Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn. (Lk 22,63-65).

Das rauhe und gewalttätige Verhalten des einen Dieners und die stillschweigende Billigung des Hannas, lösten eine ganze Lawine von lästerlichen Schmähungen aus, die von Gewalt begleitet waren. Doch jetzt schweigt Jesus.  Dies bezeugt Petrus Jahre später mit den Worten: „als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder, als er litt, drohte er nicht, sondern übergab es dem, der gerecht richtet.“ (1Petr 2,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. In welchem zeitlichen Rahmen fand dieses nächtliche Verhör statt?
  2. Sammle Informationen zur Leitungsstruktur im Judentum zur Zeit von Jesus und welche Funktionen hatten die beiden, im Text erwähnten Personen – Hannas und Kaiphas?
  3. In welchem Zusammenhang ist die Aussage des Kaiphas: „es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk“ gemacht worden? (vgl. Joh 18, 14b mit 11,49-52).
  4. Erforsche und nenne einige Gründe, warum Jesus zuerst zu Hannas geführt wurde?
  5. Warum interessiet sich Hannas für die Jünger von Jesus und seine Lehre? Hat er darüber keine Kenntnisse? Was für ein Ziel verfolgt er mit seiner Doppelfragen?
  6. Warum beantwortet Jesus nicht die Fragen des Hannas? Warum offenbart Jesus bei dieser besonderen Gelegenheit nicht wer er wirklich ist? Warum sagt Jesus nichts von seinem Evangeliums? Was ist der eigentliche Inhalt seiner Antwort?
  7. Aus welchen Grund schlägt der Diener Jesus ins Gesicht?
  8. Versuche die Reaktion von Jesus zu erklären. Warum verteidigt er sich hier mit Worten, aber bei einer anderen Gelegenheit nimmt er Schläge stillschweigend hin?
  9. Warum stellte Hannas keine weiteren Fragen an Jesus?

 

Jesus vor Kaiphas und dem Hohen Rat

(Bibeltexte: Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65;  Lk 22,66-71)

 

1. Die Informationsquellen

Wir haben  festgestellt, dass nur der Ev. Johannes von dem nächstlichen Verhör Jesu vor dem Hohenpriester Hannas berichtet.  Über den weiteren Verlauf macht er jedoch keine Angaben, lediglich den Hinweiss, dass Jesus zu Kaiphas überstellt wurde.

Die Evangelisten Matthäus und Markus berichten Auszugsweise und einander ergänzend über das  nächtliche Verhör bei Kaiphas (Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65). Der Ev. Lukas schreibt von dem Verhör des Hohen Rates, der erst bei Tagesanbruch stattfand. Damit entsteht der Eindruck, dass es sich um den offiziellen Prozess handelt und zwar im Gerichtsgebäude das sich ab dem Jahre 30 n.Chr. auf dem Tempelgelände befand. „Und als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn vor ihren Rat.“ (Lk 22,66). Der Hohe Rat (Sanhedrin – Synedrion – Synedrium), gehörten parteiübergreifend siebzig (71) Personen an – Hohepriester, Schriftgelehrte und angesehene Älteste des Volkes. Diese Personen waren kurzfristig über die bevorstehende Gefangennahme Jesu informiert worden. Ursprünglich war die Festnahme von Jesus während der Festtage nicht geplant, weil ein Volksaufstand zu befürchten war (Mt 26,4-5; Mk 14,2).  Doch Judas bot den Hohenpriestern seine Dienste an zwei Tage vor dem Fest und darum beschleunigte sich sowohl die Festnahme, als auch der Prozess und schließlich die Hinrichtung am Passatag. (Mt 26,16).  Dazu kommt noch hinzu, dass Jesus den Judas nach dem Passamahl drängte zu gehen und zu tun, was er sich im Herzen vorgenommen hatte (Joh 13,28-29). Hier stellen wir fest, dass letztlich Gott über allem Planen der Menschen steht. Er bestimmt seinen Sohn Jesus Zeit, Tag und sogar Stunde und nicht seine Gegner (Joh 13,1-3). Dadurch bringt er die Pläne der Führung Israels völlig durcheinander. Unter chaotischen Umständen stellt Judas in dieser feierlichen Nacht die gesamte Führung Israels auf die Beine. Die Priesterschaft beruft den Hohen Rat ein, informiert die Tempelwache, bezieht sogar den römischen Oberhauptmann von der Burg Antonia ein und ziehen unter der Führung von Judas zum Garten Gethsemane (Joh 18,1-11). Der Ev. Matthäus schreibt: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.“ (Mt 26,57;  Mk 14,53).  Hier im Haus des Kaiphas wurde Jesus nun zum zweiten Mal verhört.

 

2 Die Begriffe, welche ein Gerichtsverfahren beschreiben

Für Gericht hat die griechische Sprache den Begriff `κρίσις  – krisis`. Durch die verschiedenen Vorsilben zu diesem Wort werden bestimmte Aspekte eines Gerichtsverfahrens beschrieben. Zur Zeit Jesu war das Synedrium-Hohe Rat, sozusagen die oberste Gerichtsinstanz, an dessen Spitze der amtierende Hohepriester als oberster Richter `κριτής – krit¢s` stand.

  1. κατηγορῖα – kat¢goria – Anklage (Lk 23,10; Mk 15,4). Gelegentlich wurde ein ρήτοροςr¢toros – retor als Ankläger beauftragt (Apg 24,1-2) Kein Gerichtsprozess durfte ohne Zeugen geführt werden (5Mose 17,6; 19,15). In der Regel traten die Zeugen als Ankläger auf ((Mt 26,59-61; Mk 14,57).
  1. Ανα-κρισιςana-krisis – Untersuchung des Falles durch Anhörung, das Verhör (Lk 23,14; Apg 26,26). Die Vorsilbe `ana` hebt die Aufklärung des Falles hervor. Es geht um das Aufdecken, ans Licht bringen von tatsächlich Geschehenem. In einer Diskussion der führenden Juden beanstandet Nikodemus mutig eine Vorverurteilung Jesu mit dem Hinweis auf die Vorgaben im Gesetz. „Richtet (κρίνει – krinei) denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ (Joh 7,51).
  2. Απο-κρισιςapo-krisis – Antwort, es geht darum, dass sich der Angeklagte ver-antworten konnte (Mk 15,4). Durch den Begriff `απο-λογία – apo-logia` wird auch die Möglichkeit der Verteidigung ausgedrückt (Apg 25,8).
  3. Υπο-κρισιςypo-krisis, meint Heuchelei, Schauspielerei. In einem Gerichtsprozess wurde häufig geheuchelt, wie es die Schauspieler auf der Bühne taten. Im Judentum zählte die Selbstanklage nicht, man fürchtete zum Beispiel, dass der Angeklagte sich stellvertretend für einen anderen ausgibt. Dafür brauchten die Richter ein gutes Urteilsvermögen, welches durch den folgenden Begriff ausgedrückt wird.
  4. Δια-κρισιςdia-krisis, – meint Unterscheidung, Beurteilung. Es geht um die Trennung der Wahrheit von der Lüge (siehe das weise Urteil Salomos 1Chr).
  5. Κατα-κρισιςkata-krisis ist die Verurteilung, das Verdammungsurteil (Mk 14,64; Mt 27,3).

Welche von diesen Aspekten kommen im Rahmen der nächtlichen Verhöre und des Gerichtsprozesses von Jesus vor und wie wurden sie angewendet?

3. Die Zeugenaussagen

Der offizielle Gerichtsprozess, der (wie der Bericht des Ev. Lukas vernuten lässt) auf dem Tempelgelände im Gebäude des Hohen Rates stattfand,  versuchten die Hohenpriester nun der Vorverurteilung die Legitimität, das heißt, die Rechtsmäßigkeit zu geben. Doch im Grunde könnte dieser Prozess als ein Scheinprozess gewertet werden. Denn die eigentlichen Motive für diesen Prozess zum Tode waren: Neid, Missgunst, Angst um Machtverlust. Diesen Einblick geben uns die Evangelisten:

  • Kaiphas sagte: „Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,48).
  • Und sie beobachteten ihn und sandten Auflauerer aus, die sich stellten, als ob sie fromm seien, um ihn in der Rede zu fangen, damit sie ihn der Obrigkeit und der Macht des Statthalters überliefern könnten.“ (Lk 20,20).
  • Denn er (Pilatus) erkannte/wusste, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10;  Mt 27,18).

Aus dem folgenden Text wird deutlich, nicht Jesus ist im Zugzwang, sich zu verteidigen, sondern der Hohepriester und die Ältesten des Volkes suchen nach Beweismaterial, um Jesus verurteilen zu können. So schreibt der Ev. Matthäus: „Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.“ (Mt 26,59-61; Mk 14,57). Der Ev. Markus ergänzt: „Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn und sprachen: Wir haben gehört, dass er gesagt hat: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Aber ihr Zeugnis stimmte auch so nicht überein.“ (Mk 14,58-59). Ausdrücklich betonen die Evangelisten, dass die Zeugnisse nicht übereinstimmten. Nach dem Gesetz mussten mindestens zwei Zeugen unabhängig voneinander das Gleiche aussagen (5Mose 17,6; 19,15). Man legte also Wert auf übereinstimmende Aussagen der Zeugen, die getrennt voneinander gehört wurden: „Denn viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein.“ (Mk 14,56). Von den vielen Zeugenaussagen, die gemacht wurden, sind von den Evangelisten zwei aufgezeichnet worden, die zwar an Jesu Worte aus Johannes 2,20-21 erinnern, doch weder der Originalaussage Jesu entsprachen, noch in ihrem Wortlaut einander gleich waren. Die Originalaussage von Jesus lautete: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.“

Der Hohepriester Kaiphas hatte nun ein Problem. Es gab kein einziges verwertbares Zeugnis gegen Jesus. Der Ev. Markus schreibt weiter: „Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? Er aber schwieg still und antwortete nichts.“ (Mk 14,60-61a;  Mt 26,62-63a). Was soll Jesus zu den Falschaussagen auch sagen? Der gesamte Hohe Rat wurde Zeuge dieser Falschaussagen – wie beschämend. Denn alle, von ihnen gefundenen und aufgestellten Zeugen, konnten mit ihren Aussagen Jesus nicht belasten. Es wurde solch ein Aufwand betrieben, um Jesus rechtsmäßig verurteilen zu können und es gab keinen Grund dazu.

4. Der Hohepriester fordert Jesus unter Eid heraus

Das Verhalten von Jesus ist hier ungewöhnlich, da er von seinem Recht, sich zu verantworten (apo-krisis), verteidigen  oder zu rechtfertigen, kein Gebrauch macht. Hier wurde das Recht in höchstem Maße gebeugt und Jesus lässt sie gewähren. Er denkt nicht an sich, sondern an seinen Vater, dessen Willen er nun bereit war zu tun.

Der Ev. Matthäus schreibt weiter: „Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.“  (Mt 26,63b).

Und der Ev. Markus ergänzt: (…) der Sohn des Hochgelobten. (Mk 14,61b)?

Die Doppelfrage des Hohenpristers war sehr bewusst und überlegt vorgetragen worden. Es handelte sich dabei um die zentrale Frage in der Theologie des Judentums. Beide Teile der Frage sind untrennbar miteinander verknüpft:

  1. Bist du der Christus“ (der Messias, der Gesalbte)?
  2. der Sohn Gottes, des Hochgelobten“?

Nach dem `Sch`ma Israel` über den einen Gott (5Mose 6,4) ist die Person des Messias die Wichtigste im Judentum. Die Frage, ob er der Christus sei, wurde Jesus von den Juden bereits vor drei Monaten gestellt zur Zeit der Tempelweihe als er im Tempel lehrte. Das war Ende Dezember des Jahres 32. Der Ev. Johannes schreibt davon: „Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus.“  (Joh 10,24). Damals antwortete Jesus: „Ich habe es euch gesagt und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen.“ (Joh 10,25-26).

Nach dem Text des Ev. Lukas wurde die gleiche Frage des Hohenpriesters von mehreren aus dem Rat gestellt. Ihnen antwortet Jesus: „Sage ich’s euch, so glaubt ihr’s nicht; frage ich aber, so antwortet ihr nicht.“ (Lk 22,67-68;  Mk 11,33). Die Ratsmitglieder waren demnach gar nicht interessiert an einer offenen Debatte. Bei all den früheren öffentlichen Diskussionen über theologische wie auch praktische Fragen war ihnen Jesus immer überlegen (Joh 5,42-45;  Lk 17,20;  Mt 22,17-21. 34. 42-44).

Der zweite Teil der Frage des Hohenpriesters – bist du der Sohn Gottes – ist von den Juden vorher in dieser Form nicht gestellt worden. Jesus aber hat, obwohl er sich meistens als Menschensohn bezeichnete, keinen Hehl daraus gemacht, dass er der Sohn Gottes ist, weil er Gott auch regelmäßig seinen eigenen Vater nannte. So steht in Johannes 5,18: „Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich (ισον θεω – ison the÷).

Dazu einige Stellen aus dem Johannesevangelium:

Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,29-30).

Weit mehr als zwanzig Mal sprach Jesus vor den Juden von seinem Vater (so in Johannes 2; 5; 6; 8; 10; 11; 12). Dies musste auch dem Hohenpriester bekannt gewesen sein. Und das war nach dem Verständnis der Juden über die Personalität Gottes – es ist nur ein Gott – pure Lästerung und verdiente den Tod (3Mose 24,16). Allerdings muß den Juden der Zusammenhang von `Messias – König – Sohn Gottes` bekannt gewesen sein, so der Zusammenhang des Textes in 2Samuel 7,11-14: „Ich will ihm Vater sein und er soll mir Sohn sein (…)“ und dem Text aus Psalm 2,7: „Du bist mein sohn, heute habe ich dich gezeugt.

Und Jesus suchte zu seiner Zeit die theologische Engsicht der Juden zu erweitern mit seiner Frage von der Herkunft und dem Status des Messias und brachte damit die Schriftgelehrten in theologische Erklärungsnot. Seine Frage lautete:

Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie antworteten: Davids Da fragte er sie: Wie kann ihn dann David durch den Geist Herr nennen, wenn er sagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen. (Mt 22,42-46;  2Sam 7,11-14;  Ps 110,1).

Von der Schrift her leiteten die Schriftgelehrten die Herkunft des Messias von David ab. Nach ihrer Erkenntnis sollte der Messias aus Bethlehem kommen (Mt 2,4-6;  Micha 5,1;  Joh 7,41), aber nach ihrem Wissensstand kam Jesus aus dem galiläischen Nazaret (Joh 7,52). Von der natürlichen Herkunft der Person Jesu hatten sie eine völlig falsche Kenntnis (Joh 7,41-42). Niemand aus der Führungsschicht aber auch aus dem Volk, erinnerte sich noch an die Ereignisse vor 33 Jahren in Bethlehem (Lk 2,1-21;  Mt 2,4-6). Oder wussten die Älteren noch davon und hielten diese Informationen für sich zurück, weil diese die Messianität Jesu bestätigt hätten?

 

5. Das Bekenntnis Jesu

Auf die Frage des Hohenpriesters antwortet Jesus mit: „Du sagst es.“ (Mt 26,64a). Der Ev. Martkus ergänzt: „Ich bin`s!“ (Mk 14,62a). „Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Mt 26,64b;  Mk 14,62). Der Ev. Lukas hat noch eine Ergänzung: „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. Da sprachen sie alle: Bist du denn Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es.“ (Lk 22,69-70). Es scheint so als ob Jesus bewusst dieses direkte Bekenntnis bis auf diese entscheidende Stunde aufbewahrt hatte. Die kurze, prägnante Antwort: „Du  sagst es, Ihr sagt es, ich bin`s“, drückt folgendes aus:

  1. Die Frage des Hohenpriesters wertet Jesus als eine Aussage – „Du sagst es.“ Wer so fragt, muß eine Ahnung haben über die Zusammenhänge von Messias und Sohn Gottes. Der Hohepriester und der Hohe Rat sind in der Kenntnis und daher auch in der Verantwortung. Sie sagen etwas in Frageform aus, um damit Jesus in die Falle zu locken. Jesus aber rechnet es ihnen an als eine Zeugenaussage, die dem Schriftzeugnis und der Wirklichkeit entspricht.
  2. Das „Ich bin`s“ erinnert an die Selbstbezeichnung Gottes am brennenden Dornbusch in der Wüste am Fuße des Berges Sinai (2Mose 3,14). Im griechischen Alten Testament, der Septuaginta (LXX) steht an dieser Stelle „ego eimi“ „Ich bin“, so auch im Text des griechischen Neuen Testamentes (Mt 22,32). Sicher hat Jesus im Hohen Rat Hebräisch gesprochen und auch das hebräische Wort für `Ich bin – ani hu` verwendet, das neben der Selbstbezeichnung (Joh 8,58 – „ehe Abraham wurde, bin ich – ego eimi“) von Jesus auch verwendet wird, wenn er sich als das Licht der Welt, die Wahrheit, das Leben oder die Auferstehung bezeichnet (Joh 8,12; 14,6; 11,25). Die Emphörung des Kaiphas ist nur nachzuvollziehen, wenn man annimmt, dass seiner Erkenntnis zufolge das Wesen des Messias nicht über das eines Menschen hinausgeht. Göttlichkeit oder gottgleichsein des Messias fand keinen Platz in ihrer Messiologie (Joh 5,18; 10,30). Wie auch immer der Hohe Rat und Kaiphas das Selbstzeugnis Jesu verstanden oder verstehen wollten, sicher verwendet Jesus das „ani huego eimi – Ich bin es“ im Vollsinn des Wortes.
  3. Die Zusatzaussage: „Des Menschensohn wird sitzen zur Rechten der Kraft Gottes und kommen in den Wolken des Himmels“, erinnert an Daniel 7,13: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht“ und an Psalm 110,1 „Der HERR sprach zu meinem Herrn: / »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« In dem Bekenntnis von Jesus vor dem höchsten Gremium Israels und dem Hohenpriester Kaiphas wird die zentrale `Theologie – Gotteslehre`  offenbart – Gott der Vater sendet seinen Sohn als Messias, er wird Menschensohn – er wird erhöht zur Rechten Gottes – er kommt mit den Wolken des Himmels (zum Gericht).

Wir können feststellen, dass Jesus auch diese Zusatzaussage mit den Schriftgelehrten bereits vor einigen Tagen angesprochen hatte (Mt 22,42-46). Doch sie ließen sich weder in ihrem theologischen Standpunkt, noch in ihrem bereits gefassten Beschluß nicht korrigieren. Der Hohepriester Kaiphas reagiert gesetzeswidrig: „Da zerriss der Hohepriester seine Kleider (das Zerreisen der Kleider war dem Hohenpriester untersagt (3Mose 21,10) „und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig“ (Mt 26,65-66;  Mk 14,63-64). Im Lukastext übernehmen die Ältesten die Worte des Kaiphas und sprechen das Urteil über Jesus gemeinsam oder auch einzeln aus: „Sie aber sprachen: Was bedürfen wir noch eines Zeugnisses? Wir haben’s selbst gehört aus seinem Munde.“ (Lk 22,71).

Die Bermerkung: „(…) der ganze Hohe Rat“, ist hier eine Pauschalaussage, denn mindestens zwei Ratsmitglieder willigten nicht ein in dieses Urteil. Der Ev. Lukas bemerkt später: „Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt.“ (Lk 23,50-51). Das Gleiche kann man auch von Nikodemus sagen, der bereits im Vorfeld das eigentliche Denken der Führenden aufzeigte und zwischendurch für Jesus eintrat und später bei der Grablegung zusammen mit Josef, Jesus einen wertvollen Dienst erwies (Joh 3,1-2; 7,50-51; 19,39). Doch diese zwei  Stimmen wurden von der Mehrheit nicht berücksichtigt.

Das Unfassbare geschieht, der Schuldlose wird der schlimmsten Gotteslästerung beschuldigt. Das Urteil lautet: „Er ist des Todes schuldig“.

Da fingen einige an, ihn anzuspeien und sein Angesicht zu verdecken und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage uns! (Matthäus ergänzt: „Weissage uns, Christus, wer ist’s, der dich schlug?“). Und die Knechte schlugen ihn ins Angesicht. (Mk 14,65; Mt 26,67-68).

Die menschliche Bosheit schwappt hier über alle Ufer. Zügellos und ohne jegliche Hemmungen schlagen die Knechte auf Jesus mit Fäusten ein, speien ihnn ins Angesicht und höhnen ihn.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was waren die eigentlichen Gründe für die Führung der Juden, Jesus zu töten?
  2. Was waren die wesentlichen Elemente im Ablauf eines Gerichtes in Israel?
  3. Warum suchten die Mitglieder des Hohen Rates nach falschen Zeugen?
  4. Warum schweigt Jesus zu den Falschaussagen?
  5. Vor welchem Problem stand der Hohepriester KAiphas?
  6. Was waren die zentralen theologischen Themen bei dieser Gerichtsverhandlung?
  7. Jesus bekennt sich zu seinem Messias-Sein und Gottes Sohn-Sein, was mit den Schriften übereinstimmt. Warum bewertet der Hohepriester es als Gotteslästerung?
  8. durfte der Hohepriester seine Kleider zerreißen?
  9. Nach dem Urteil wird Jesus misshandelt und geschlagen. Wovon zeugt die Brutalität der Knechte mit der sie auf Jesus einschlagen? Lies Jesaja 50,6ff.
  10. Wer stimmte der Verurteilung von Jesus nicht zu? Und was lehrt uns diese mutige Haltung?

 

 

 

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Ist die Seele unsterblich?

Seele – Psyche

 

In dieser Begriffstudie wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, was versteht die Bibel unter der im Deutschen so geläufigen Bezeichnung `Seele`? Es stellen sich Fragen wie:

  • Ist Seele eines der drei Bestandteile der Persönlichkeit des Menschen – Leib, Seele, Geist? Wenn ja, wo ist dann der Sitz der Seele?
  • In welcher Beziehung steht sie zum Leib und Geist?
  • Werden die Begriffe Seele und Geist auch als Synonyme, also austauschbar gebraucht?
  • Ist Seele wie auch der Geist, im Gegensatz zum Körper, unsterblich?
  • Haben Tiere auch eine Seele?
  • Meint Seele etwa das lebendige Wesen des Menschen, sein pulsierendes Leben?

Beeilen wir uns nicht Behauptungen aufzustellen und voreilige Schlüsse zu ziehen, indem wir eine dieser Fragen mit ja oder nein beantworten, sondern machen wir uns auf den mühsamen aber auch lohnenden Weg viele Texte der Bibel zu erforschen, um einer Erkenntis näher zu kommen. Die gewonnene Erkenntnis kann uns helfen, die Zusammenhänge unseres Menschseins besser zu verstehen und der Bereitschaft uns einer Jesusgemäßen Therapie zu unterziehen. Sie kann auch hilfreich werden im Dienstbereich Seelsorge und Gesprächsführung in der Gemeinde.

 

Überall, wo wir in den deutschen Übersetzungen das Wort `Seele` vorfinden, steht im Griechischen `ψυχὴpsych¢`. Davon sind dann die Fachbegriffe wie: Psychologie, Psychiatrie, Psychiater Psychoanalyse, Psychose, Psychotherapie, Psychopharmaka, abgeleitet. Es fällt jedoch auf, dass an vielen Stellen, in denen das griechische Wort `ψυχὴpsych¢` steht, es nicht mit Seele, sondern mit Leben übersetzt wird. Dieser Tatbestand ermutigt uns zum genaueren Betrachten des Wortes `ψυχὴpsych¢`, sowohl im unmittelbaren Text als auch dem Gesamtzusammenhang der Heiligen Schriften.

 

1.  Der Status des Menschen bei seiner Erschaffung

 

In 1Mose 1,26-28 lesen wir: „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über das Vieh und über die ganze Erde und über alle kriechenden Tiere, die auf der Erde kriechen! Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie, und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, und füllt die Erde, und macht sie euch untertan…“ Und aus 1Mose 2,7 erfahren wir bestimmte Details über die Erschaffung des Menschen. „da bildete Gott, der HERR, den Menschen, aus Staub vom Erdboden und hauchte in seine Nase Atem des Lebens (πνοὴς ζωὴςpno¢s ¢s); so wurde der Mensch eine lebende Seele (ψυχὴν ζῶσαν – psych¢n z÷san)“. (vgl. mit Apg 17,25: „Gott gibt Leben und Odem – ζωὴν καὶ πνοὴν – ¢n kai pno¢n“ Joh 20,22: „Er hacute sie an – ἐνεφύσησεν – enefys¢sen“). Zum ersten Mal begegnen wir in diesem Text dem Begriff `ψυχὴ – psych¢`. fGott schuf den Körper des Menschen von dem Staub der Erde und hauchte den Odem des Lebens in das Angesicht des Menschen und dadurch wurde der Mensch zu einer lebenden Seele. Demnach ist die lebende Seele das  Ergebnis der Vereinigung des Lebensodems aus Gott mit dem aus der Erde geschaffenem Körper des Menschen durch Gott. Eine Vereinigung des Himmlischen mit dem Irdischen, des Göttlichen mit dem Menschlichen fand dort statt. Der Umkehrschluss wird uns in dem Schöpfungspsalm 104,29-30 beschrieben. „Du verbirgst dein Angesicht: Sie erschrecken. Du nimmst ihren Lebensatem (LXX: τὸ πνεῦμα αὐτῶν – to pneuma aut÷n – ihren Geist) weg: Sie vergehen und werden wieder zu Staub. Du sendest deinen Lebenshauch (LXX: τὸ πνεῦμά σου,- to pneuma sou – deinen Geist) aus: Sie werden geschaffen; du erneuerst die Flächen des Ackers.“ (Nach LXX: Ps 103,29-30).  Aus diesen Texten geht hervor, dass Lebensoden und Geist als Synonyme verwendet werden. Der Stand und der Zustand des Menschen nach der Erschaffung war sehr gut. Er war ausgestattet mit allen Vollmachten und Fähigkeiten für die Verwaltung der Erde. Für den Fortbestand bekam er den Segen Gottes. Lebensmittel gab es in Hülle und Fülle. Das Klima war sehr angenehm. Und er brauchte sich vor niemand auf dieser Erde fürchten. Scham und Unrecht kannte er nicht. Das war PARADIES auf Erden!

 

2.  Der Zustand des Menschen nach ihrem Ungehorsam

 

Hier gehen wir der Frage nach: Was hat sich nach der Übertretung des Gebotes im menschlichen Wesen geändert? Was bedeuten die Worte Gottes: „denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben (stirbst du) (LXX: θανάτῳ ἀποθανεῖσθε – thanat÷ apothaneisthe werdet ihr des Todes sterben)“. Da der Mensch und seine Frau nicht sofort tot umgefallen sind, stellt sich die Frage: Was Gott mit Sterben gemeint hat? Könnte es sein, dass ihnen `ψυχὴpsych¢ – Seele(irdusches, physisches Leben)` in minderer Qualität  blieb,  aber `ζῶσαν – z÷san – (geistlich/göttliches) Leben`  verloren ging? Sicher ist, dass sich in der Lebensqualität beim Menschen etwas drastisch verschlechtert hatte (1Mose 3,16-19).  Die Folgen des Ungehorsams zeigten sich auch recht bald bei ihnen und den nachfolgenden Generationen. Was nun der Mensch konkret verloren hat geht aus dem Rückschluss  der Worte von Jesus hervor: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat ewiges Leben (ζωὴν αἰώνιον – ῆn ai÷nion) und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod (θανάτῳ – thanat÷) in das Leben (ζωήν – ῆn) übergegangen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dass die Stunde kommt und jetzt da ist, wo die Toten (νεκροὶnekroi) die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie gehört haben, werden leben (ζήσουσινzῆsousin).“ (Joh 5,24-25; vgl. mit Eph 2,1-6). Demnach ist der Mensch (Adam) nicht gestorben im Sinne von nicht mehr existent.  Das Sterben bezog sich auch nicht primär auf seinen Körper, immerhin lebte er insgesamt 930 Jahre. Sondern sie wurden von der Quelle des Lebens aus Gott getrennt und kamen in die Sphäre der (geistlichen) Finsternis und auch unter die Macht der Finsternis, unter die Macht der Sünde und folglich unter die Macht des Todes (Röm 6,23; 7,11; Apg 26,18).

 

3.  Der Begriff  `Psych¢` steht für den ganzen Menschen

 

In 5Mose 10,22 wird der Begriff `psych¢` entsprechend 1Mose 2,7  als Synonym für Personen gebraucht: „Deine Väter zogen hinab nach Ägypten mit siebzig Seelen (ἑβδομήκοντα ψυχαῖς – ebdom¢konta psychais); aber nun hat dich der HERR, dein Gott, zahlreich gemacht wie die Sterne am Himmel.“ Der Verwendung dieses Begriffes bezogen auf Personen begegnen wir in vielen Texten des Alten und Neuen Testamentes. (1Mose 14,21; 36,6; 46,18; 4Mose 9,13;  Apg 2,41; 3,23; 7,14; 27,22.37). Nach diesen Texten umfasst der Begriff `ψυχῆ – psych¢ ` den ganzen Menschen, sein ganzes Wesen.

 

4.  Psych¢ beschreibt das physische Leben des Menschen (aber auch der Tiere)

 

Desweiteren erfahren wir, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem Blut und dem physischen Leben besteht, so dass sogar Blut gelegentlich mit Leben bezeichnet wird. In 1Mose 9,4 steht geschrieben: „Nur Fleisch in dem Blut des Lebens (ἐν αἵματι ψυχῆς – en aimati  psych¢s), sollt ihr nicht essen!“ Dies kann folgendes bedeuten:

  • Der Begriff `ψυχὴpsych¢` wird auch auf das (biologische) Leben im Blut der Tiere angewendet.
  • Daher muss das Blut der Tiere abgelassen werden, bevor das Fleisch zum Verzehr freigegeben wird.
  • Das Blut selbst ist nicht für den Verzehr vorgesehen.

Dieser Gedankengang wird in 3Mose 17,11-14 aufgegriffen und präzisiert: „Denn die Seele (psych¢ – Leben) alles Fleisches ist in seinem Blut, und ich selbst habe es euch auf den Altar gegeben, Sühnung für eure Seelen (psych¢n – Leben) zu erwirken. Denn das Blut ist es, das Sühnung tut durch die Seele (psych¢ – Leben) in ihm.“ Wenn also der reumütige Sünder mit seinem Lamm zum Priester kam, wurde das Lamm geschlachtet. Das Blut wurde auf den Altar gegossen. Damit wurde symbolhaft angedeutet, dass das Leben des unschuldigen Tieres Sühne erwirkte für den Sünder und er frei ausgehen konnte. So ist zu erklären, warum Gott das Blut nicht für den Verzehr sondern für die Sühnung vorgesehen hatte.

Durch den Propheten Jesaja klärt Gott die Israeliten darüber auf, dass sein Gesalbter wie ein Lamm für die Schuld der Menschen durch die Hingabe seines Lebens (psych¢) Sühnung erwirken wird.

Aber dem HERRN gefiel es, ihn zu zerschlagen; er ließ ihn leiden. Wenn er sein Leben psych¢) zum Schuldopfer gegeben hat, so wird er Nachkommen sehen und seine Tage verlängern; und das Vorhaben des HERRN wird in seiner Hand gelingen. Nachdem seine Seele psych¢) Mühsal erlitten hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben; durch seine Erkenntnis wird mein Knecht, der Gerechte, viele gerecht machen, und ihre Sünden wird er tragen. Darum will ich ihm die Vielen zum Anteil geben, und er wird Starke zum Raub erhalten, dafür, dass er seine Seele (psych¢) dem Tod preisgegeben hat und sich unter die Übeltäter zählen ließ und die Sünde vieler getragen und für die Übeltäter gebetet hat. (Jes 53,10-12).

Gott schützte zur Zeit der Kindheit das irdische, physische Leben (psych¢n) von Jesus. Und Gott sprach zu Josef im Traum: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel, denn die nach dem Leben (psych¢n) des Kindes trachteten sind gestorben.“ (Mt 2,20). Doch während seines Dienstes sprach Jesus immer wieder von der freiwilligen Hingabe seines Lebens unter dem Aspekt der Sühnung: „Denn der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben (psych¢n) als Lösegeld für die Vielen.“ (Mk 10,45; vgl. mit Mt 20,28; 1Joh 3,16; ähnlich wie in 3Mose 17,11-14 symbolhaft vorgebildet war).

Im Zusammenhang der Lehre über den guten Hirten, sagte Jesus von sich selbst: „Ich bin der gute Hirte, der gute Hirte lässt sein Leben (psych¢n) für die Schafe.“ (Joh 10,11). Gemeint ist hier sein (sündloses) physisches Leben. Genau so auch in 10,15: „Wie der Vater mich kennt, so kenne ich den Vater  und ich gebe mein Leben (psych¢n) für die Schafe.“ Und Joh 10,17: „Deswegen liebt mich der Vater, weil ich mein Leben (psych¢n) hingebe, damit ich es wieder nehme.“ (Vgl. auch mit Joh 15,13). Der Schluss seiner Aussage macht deutlich, dass er aus dem Tod wieder zurückkehren wird. Allerdings ist es bei Jesus nach der Auferweckung, ein Leben in einem verwandelten Körper (vgl. dazu auch Ps 16,8-11 mit Apg 2,31; 13,32-37; Phil 3,20-21).

 

5. „Wer sein Leben liebt, wird es verlieren…“ – was meint Jesus damit?

 

In Johannes 12,23-25 zeigt Jesus die Notwendigkeit auf, wie die Jünger die Prioritäten in ihrem Leben richtig setzen sollen: „Wer sein Leben (psych¢n) liebt, der wird es verlieren, wer aber sein Leben (psych¢n) hasst in dieser Welt, wird es bewahren für das ewige Leben (ζωὴν αἰώνιον – Z÷¢n ai÷nion)).“ (ähnlich auch in Mt 10,39: 16,25-26; Lk 9,24-25; 17,33; 21,19). Mit der Bildrede vom Weizenkorn macht Jesus deutlich, dass er als Erster bereit ist den Weg der Lebenshingabe zu gehen und damit für seine Nachfolger zum Vorbild wurde.

Anmerkung: Jesus schützt das Leben der Menschen (Lk 6,9; 9,56?). Sein ganzer Dienst an Menschen bestätigt seine postitive Einstellung zum physischen Leben des Menschen.

 

Die übermütige Selbsteinschätzung des Petrus: „warum kann ich dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben (psych¢n) für dich lassen“, weist Jesus zu diesem Zeitpunkt zurück (Joh 13,37). Die Motivation stimmt bei Petrus nicht, weil er dem Wort von Jesus nicht glaubt und weil er seinen Willen durchsetzen will, dies kann Jesus nicht gebrauchen. Es wäre oft einfacher, in einem kurzen Prozess den Märtyrertod zu erleiden, als das gesamte Leben in der Hingabe und der Selbstaufopferung zu leben.

An der Einstellung und dem Verhalten des Ap. Paulus erkennen wir, wie er die Prioritäten in seinem Leben richtig gesetzt hatte.  „Aber auf das alles nehme ich keine Rücksicht; mein Leben (psych¢n) ist mir auch selbst nicht teuer, wenn es gilt, meinen Lauf mit Freuden zu vollenden und den Dienst, den ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, nämlich das Evangelium der Gnade Gottes zu bezeugen.“ (Apg 20,24; 15,24-26).

 

Fortsetzung folgt

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Ist es egal wie oder was wir essen? Jesus und die Apostel antworten auf die Fragen über dem Umgang mit Lebensmitteln

7.8 Jesus bezieht Stellung zu den Reinheitsvorschriften der Ältesten und tadelt die Pharisäer wegen der Missachtung der Gebote Gottes

(Bibeltexte: Mt 15,1-20; Mk 7,1-23)

7.8.1 Der Vorwurf der Pharisäer und die Stellungnahme von Jesus

In der Zeit zwischen der bedeutenden Rede von Jesus in der Synagoge zu Kapernaum und dem Ausflug nach Syro-Phönizien, berichtet sowohl Matthäus als auch Markus über eine heftige Diskussion mit den religiösen Leitern des Volkes. Pharisäer und einige Schriftgelehrte waren aus Jerusalem angereist. Diese Diskussion fand in der Öffentlichkeit statt und zwar bei einer Gelegenheit, während Jesus zum Volk redete (Mk 7,14a).Wahrscheinlich befand sich Jesus noch in Kapernaum.

Abbildung 13 Ein Teil der Stadt Kapernaum wurde freigelegt. Hier sind Fundamentreste von Wohnhäusern zu erkennen. In den Evangelien werden die Häuser von: Petrus, Matthäus, Jairus, vom römischen Hauptmanns, dem königlichen Beamten erwähnt und sicher hatte die Familie des Zebedäus dort auch ein Haus (Foto am 23. Januar 2019).

Die pauschale Anklage der Pharisäer lautete: die Jünger von Jesus missachten die Überlieferungen der Ältesten. Der konkrete Punkt ist die Unterlassung der rituellen Waschung der Hände vor dem Essen. So schreibt der Ev. Markus:

Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und einige von den Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren. Und sie sahen, dass einige seiner Jünger mit unreinen, das heißt ungewaschenen Händen das Brot aßen. Denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, wenn sie nicht die Hände mit einer Handvoll Wasser gewaschen haben, und halten so an der Überlieferung der Ältesten fest; und wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, bevor sie sich gewaschen haben. Und es gibt viele andre Dinge, die sie zu halten angenommen haben, wie: Becher und Krüge und Kessel und Bänke zu waschen. Da fragten ihn die Pharisäer und die Schriftgelehrten: Warum wandeln deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Ältesten, sondern essen das Brot mit unreinen (gemeinen) Händen?“ (Mk 7,1-6).

Die Pharisäer wussten sich zuständig für die Einhaltung des Gesetzes (entsprechend der Auslegung der Ältesten) sowie deren genauen Anwendung im Alltag. In diesem Fall haben sie die Jünger von Jesus beim Essen, bzw. vor dem Essen genau beobachtet und gemerkt, dass einige von ihnen ihre Hände nicht gewaschen hatten. Dies nehmen sie zum Anlass, um bei Jesus (der als Rabbi für seine Jünger verantwortlich war) vorzusprechen. „Warum übertreten deine Jünger die Überlieferungen der Ältesten; denn sie waschen ihre Hände nicht wenn sie Brot essen.“ Wir merken sofort, worauf sie ihren Vorwurf gründen. Nicht auf die Vorschriften Gottes im Mosaischen Gesetz, sondern auf die Überlieferungen der Ältesten (gr.  παράδοσιν των πρεσβυτερων paradosin tön presbyterön). Das im Deutschen oft verwendete Wort `Tradition`, kommt aus dem Lateinischen  und meint auch `Überlieferung`. Oft handelte es sich dabei um eine erweiterte Erklärung bestimmter Aussagen aus dem Gesetz Moses.

Der griechische Begriff `κοινόν – koinon – gemein`,

wird in den meisten Übersetzungen mit `unrein` wiedergegeben, dadurch ist der Text einfacher zu verstehen. Doch eigentlich steht dort nicht `un-rein`, sondern `gemein`. womit der absolute Gegensatz von `rein` exakt herausgestellt wird. Natürlich bedarf dieses Wort der Erklärung. Die Kriterien im Gesetz Moses für `rein` oder `gemein` waren für alle Lebensbereiche festgelegt. Sie sind jedoch durch die Überlieferungen der Ältesten erweitert worden. So war etwas oder jemand `gemein`, wenn es (er, sie) dem rituellen Reinheitsstandart nicht entsprach. Wenn es sich außerhalb der für Gott geweihten, geheiligten Sphäre befand und daher unbrauchbar, verwerflich, unrein wurde (3Mose 11,2-22; Apg 10,15.28; 11,3-9; 21,28: „diese Stätte gemein gemacht und daher entweiht“). 

Als nächstes fragen wir, ob der Vorwurf der Pharisäer berechtigt ist? Die Formulierung: „mit unreinen (gemeinen), das heißt mit ungewaschenen Händen“, war laut dem Verständnis der Pharisäer: ungewaschen = gemein/unrein, auch wenn die Hände an sich sauber sind. Die Folge: Wenn die nicht gewaschenen Hände als gemein angesehen werden, dann hat es Auswirkungen auch auf die ansonst reinen Speisen, weil diese mit der Hand in den Mund geführt werden. Denn nach dem Gesetz wurde die Unreinheit durch Berührung übertragen (4Mose 19,22: „Und alles, was der Unreine berührt, wird unrein werden, und wer ihn berührt, soll unrein sein bis zum Abend.“ Es ist jedoch nicht vorstellbar, dass sich Jesus und seine Jünger bewusst und absichtlich mit schmutzigen Händen an den Tisch gesetzt hätten. So bezeugt Petrus noch Jahre später: „O nein, Herr; denn es ist nie etwas Gemeines oder Unreines in meinen Mund gekommen.“ (Apg 11,8). Der Vorwurf an die Jünger traf bei einer anderen Gelegenheit auch Jesus selbst. So lesen wir in Lukas 11,38: „Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er (Jesus) sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte.“ Es bestand demnach für Jesus (und zwar konkret in diesem Fall) nicht die Notwendigkeit zur Waschung, denn bei einer anderen Gelegenheit hätte Jesus sehr gerne eine Waschung (Fußwaschung) in Anspruch genommen, doch dort wurde diese ihm verweigert (Lk 7,44).

Eigentlich deckt der von den Pharisäern ausgesprochene Vorwurf an die Adresse der Jünger, die Oberflächlichkeit der überlieferten Vorschrift auf. Weil dabei nicht die Frage nach der Notwendigkeit des Händewaschens gestellt wurde, sondern, nach der äußeren Befolgung der Vorschrift – eine handvoll Wasser und der Buchstabe ist erfüllt. Die Verordnung `Hände waschen` ist in den Reinheitsvorschriften des Mosaischen Gesetzes explizit für die rituelle Reinheit und Dienstbereitschaft der Priester vorgeschrieben worden (2Mose 30,19-20; 2Mose 40,32 u.a.m.). Ansonsten ist öfters von `Füße waschen` die Rede, aber auch Waschungen zum Zwecke der rituellen Reinheit (1Mose 18,4; 24,32; 3Mose 15,11 u.a.m.). Vielleicht kommt die Verordnung für das Händewaschen nicht so oft vor, weil beim Waschen anderer Körperteile, Kleider oder Gegenstände, die Hände gleichzeitig auch gewaschen wurden. Jedoch ist das Waschen der Hände `vor dem Essen` im Gesetz Moses nicht ausdrücklich vorgeschrieben. Aus rein praktischen, gesundheitlichen Überlegungen und zum Zwecke der Erfrischung, nutzte man gerne die Gelegenheiten für körperliche Hygiene (1Mose 43,31; 2Sam 12,20; Hes 16,9; Joh 2,6).

Es fällt auf, dass Jesus in diesem Fall auf den Vorwurf der Pharisäer zunächst nicht eingeht. Doch bei einer anderen Gelegenheit (bei der Jesus selbst das Händewaschen unterlassen hatte) tadelt er sehr bewusst die Pharisäer mit den Worten: „Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raub und Bosheit. Ihr Narren, hat nicht der, der das Äußere geschaffen hat, auch das Innere geschaffen? Doch gebt als Almosen von dem, was da ist; siehe, dann ist euch alles rein.“(Lk 11,37-41; vgl. auch mit Mt 23,25-26). Mit dem „Äußeren“ meint Jesus sehr wahrscheinlich den Körper, mit dem „Inneren“ das Herz, den inneren Menschen. Der Ev. Markus erläutert im Detail die von Jesus angesprochene Praxis der Pharisäer. „Wenn die Juden vom Einkaufen nach Hause kommen, waschen sie mit einer Hand voll Wasser ihre Hände vor dem Essen. Auch achteten sie sorgfältig darauf, ihre Trinkgefäße, Kessel und Tonkrüge zu waschen (Mk 7,3-4). Auf diese Weise entwickelte sich im Laufe der Zeit aus einer durchaus sinnvollen Waschungspraxis eine feste Tradition, bei der nicht mehr der tiefe Sinn, sondern die äußere Form im Vordergrund stand. Und dies tadelte Jesus, nicht jedoch die Waschung an sich, wenn die Notwendigkeit und auch die Möglichkeit dazu bestand.

 

7.8.2 Jesus tadelt die Pharisäer wegen der Auflösung der Gebote Gottes

Jesus nennt die Pharisäer „Heuchler“ (Schauspieler), weil er ihr Herz sieht und weiß, was sie denken und aus welchem Grund sie seine Jünger anklagen. Denn die Anklage der Jünger ist auch eine Anklage an deren Lehrer. Seine Antwort, die er mit einem Jesajazitat belegt, macht dies deutlich: „Dies Volk ehrt mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts sind als Menschengebote“ (Jes 29,13).

Jesus hat sicherlich nichts gegen persönliche Hygiene einzuwenden, hatte er doch selber beim Besuch des Pharisäers Simon bemängelt, dass jener ihm kein Wasser gegeben hatte, um seine Füße zu waschen (Lk 7,44). Er will aber deutlich machen, dass die Pharisäer die Praxis dieses Rituals nicht wegen der Liebe zu Gott, sondern wegen ihres eigenen Ansehens einhalten und von anderen einfordern (Joh 5,42; Lk 11,46). Durch die penible (legalistische – gesetzliche) Einhaltung dieser äußerlichen Verordnungen, traten die viel wichtigeren Gebote Gottes in den Hintergrund. Durch die einseitige Überbetonung, wurde die Absicht der Gebote Gottes falsch verstanden und sogar verdreht, wie das nächste Beispiel von Jesus zeigt.

Ihr verlasst Gottes Gebot und haltet der Menschen Satzungen“. Und er sprach zu ihnen: „Wie fein hebt ihr Gottes Gebot auf, damit ihr eure Satzungen aufrichtet! Denn Mose hat gesagt (2Mose 20,12; 21,17): »Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren«, und: »Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« Ihr aber lehrt: Wenn einer zu Vater oder Mutter sagt: Korban – das heißt: Opfergabe soll sein, was dir von mir zusteht -, so lasst ihr ihn nichts mehr tun für seinen Vater oder seine Mutter und hebt so Gottes Wort auf durch eure Satzungen, die ihr überliefert habt; und dergleichen tut ihr viel“ (Mk 7,10-13).

Jesus will das die Pharisäer ihr Denken und ihre Lebenspraxis korrigieren, indem er ihre Lehr- und Lebensweise im Lichte der alttestamentlichen Schriftaussagen bewertet. Seit der Zeit von Jesaja hat sich wohl nichts geändert, denn was Gott vor Jahrhunderten durch seinen Propheten dem Volk vorgeworfen hat, bezieht Jesus ebenfalls auf seine Landsleute und Zeitgenossen. Dabei greift er aus der Vielzahl ein konkretes Beispiel heraus und beleuchtet es. Das Stichwort ist `Korban (hebr.)`, so ist es auch in die griechische und deutsche Sprache übernommen worden. Glücklicherweise wird der Begriff entweder durch Jesus selbst oder den Evangelisten erklärt, mit: „Opfergabe ist (soll sein), was ich (euch Eltern) schulde“. Im Gesetz verankert war nicht nur das Verbot, was Kinder niemals tun sollten, nämlich: den Eltern `fluchen`, sondern auch das Gebot `Eltern zu ehren`. Dies schloss nicht nur Unterordnung und Respekt ein, sondern bei Bedarf auch jede Art Hilfeleistung. Ehre und Achtung der Eltern bestand eben auch darin, dass die Kinder (Söhne) ihre Eltern im Alter materiell versorgten. Die `Korban–Opfergabe` wollte Gott nicht, aber die Priester im Tempel nahmen diese gern an, weil dadurch der Tempelschatz zusätzlich aufgefüllt wurde.

Jesus selbst ist im Bereich „Ehre Vater und Mutter“ uns ein Vorbild:

  • Jesus rief Simon zwar von der Familie weg in seine Nachfolge, doch er kümmerte sich für dessen Schwiegermutter, heilte sie und „sie stand auf und diente ihnen“ (Lk 4,39).
  • Dort wo kein Mann und Sohn mehr da war, kümmerte er sich um die Witwe: „Und als der Herr sie (die Witwe) sah, erbarmte er sich über sie und sprach zu ihr: Weine nicht! Und er trat hinzu und rührte den Sarg an; die Träger aber standen still. Und er sprach: Junger Mann, ich sage dir: Steh auf! Und der Tote setzte sich auf und fing an zu reden; und er gab ihn seiner Mutter.“ (Lk 7,13-15).
  • Sorgte er sich noch um seine Mutter, als er sich selbst in großen Schmerzen und Leiden des Todes befand: „Darauf spricht er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,27).
  • In der Situation, in der die Witwen (meist waren es Frauen) von ihren Familienangehörigen (aus welchen Gründen auch immer) nicht versorgt wurden, übernahm die Gemeinde diese Fürsorgepflicht (Apg 6,1ff).
  • Auch der Ap. Paulus hebt die Verantwortung der Kinder und sogar Enkel gegenüber ihren Eltern und Großeltern hervor: „Wenn aber eine Witwe Kinder oder Enkel hat, so sollen diese zuerst lernen, am eigenen Haus gottesfürchtig zu handeln und den Eltern Empfangenes zu vergelten; denn das ist gut und wohlgefällig vor Gott., sich um die verwitwete Mutter zu kümmern“ (1Tim 5,4).

Werden sich die Pharisäer von Jesus überzeugen und korrigieren lassen? Werden sie einsichtig und Jesus recht geben? Werden sie sich demütigen unter das Wort Gottes und die Autorität von Jesus?

 

7.8.3 Jesus wendet sich an das Volk und disqualifiziert die Pharisäer

Bis jetzt hatte sich Jesus den Pharisäern und Schriftgelehrten zugewandt, doch als er merkt, dass sie sich nicht belehren lassen wollen, wendet er sich von ihnen ab und dem Volk wieder zu. So schreibt der Ev. Matthäus:

Und er rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen: Hört zu (Mk: Hört mir alle zu) und begreift: Nicht (Mk: nichts) was zum Mund hineingeht, macht den Menschen unrein (gemein); sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein (gemein). Da traten die Jünger hinzu und sprachen zu ihm: Weißt du auch, dass die Pharisäer an dem Wort Anstoß nahmen, als sie es hörten? Aber er antwortete und sprach: Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen. Lasst sie, sie sind blinde Blindenführer! Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube.“ (Mt 15,10-14).

Wir merken gleich, dass Jesus, wie bereits bei anderen Vergleichen, sehr scharfkantige Aussagen macht. Doch das Volk ist mit der kurzen Aussage herausgefordert nachzudenken und sich darüber selbst ein Urteil zu bilden. Aber wir fragen: meint Jesus wirklich buchstäblich, dass es egal ist, was sich ein Mensch in den Mund steckt? Sicherlich nicht, denn er bewegt sich mit der scheinbar weitreichenden Aussage im Rahmen der angesprochenen Thematik und auch im Rahmen des Gesetzes? An anderer Stelle warnt er eindringlich vor Maßlosigkeit gerade beim Essen und Trinken: „Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen,“ (Lk Lk 12,45).

Doch wer sich laut zu Wort meldet, sind die Pharisäer. Sie tun es aber nicht so offensichtlich vor Jesus, sondern sprechen sich wohl eher untereinander aus. Ihre Reaktion ist `Verärgerung, gr. eskandalisth¢san – sie nahmen Anstoß` an der Aussage  von Jesus. Es wundert darum nicht, dass sie Jesus vorwarfen `Fresser und Weinsäufer` zu sein“ (Mt 11,19). Die Reaktion der Pharisäer als Verärgerung, übermitteln die Jünger ihrem Lehrer. Doch Jesus bleibt gelassen. Menschen, die sich Gott und seinem Wort verschließen und sogar widersetzen, sind gleich dem Unkraut, welches zu seiner Zeit entfernt wird (Mt 13,30). Jesus bezeichnet sie als blinde Blindenführer, das ist ein hartes Wort und ein denkbar schlechtes Zeugnis, damit disqualifiziert er sie ihrer theologischen Kompetenz und ihres Amtes als Hirten des Volkes (Hes 34; Joh 10,1ff; Mt 23).

7.8.4 Jesus erklärt seinen Jüngern den tiefen Sinn dieses Gleichnisses

So schreiben die Evangelisten Markus und Matthäus weiter:

Markus: „Und als er von dem Volk ins Haus ging, fragten ihn seine Jünger nach diesem Gleichnis.“ Matthäus: „Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dies Gleichnis! Er sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr noch immer unverständig? Versteht ihr nicht, dass alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein (gemein). Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein (gemein) machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen macht den Menschen nicht unrein (gemein).“ (Mt 15,15-20).

Als Jesus mit seinen Jüngern allein im Hause ist, meldet sich Petrus (in Absprache mit den anderen Jüngern) bei seinem Lehrer: Deute uns dies Gleichnis. Jesus ist nicht ungeduldig, doch will er schon mal von seinen Jüngern etwas mehr Mitdenken und Verstehen erwarten. Trotzdem wiederholt er seine Sicht, dass alles, was zum Munde eingeht, den Menschen nicht unrein (gemein) macht. Und die Ergänzung bei Markus: „denn es geht nicht in sein Herz, sondern in den Bauch und kommt heraus in die Grube. Damit erklärte er alle Speisen für rein.“ (Mk 7,19). Das griechische Wort: `afedröna` kommt zwar nur in diesem Zusammenhang vor, doch beschreibt es die Grube (den Abort), entsprechend der Vorschrift im Gesetz Moses (5Mose 23,14).

Und dann fügt der  Ev. Markus noch hinzu: „Damit erklärte er (Jesus) auch alle Speisen für rein“ (Mk 7,19b). Der griechische Text ist an dieser Stelle sehr kurz und nicht ganz eindeutig: „καθαρίζων πάντα τὰ βρώματα katharizön panta ta brömata – reinigend alle Speisen“.

Diese Deutung haben die meisten deutschen Übersetzungen. Damit hätte Jesus (zumindest andeutungsweise) die Einschränkungen im jüdischen Speiseplan, bzw. Teilung in `rein und gemein`, aufgehoben (3Mose 11,1-47). Dies wäre für die Pharisäer durchaus ein Grund gewesen, sich über Jesus zu ärgern. Aber hat Jesus dies gemeint oder sagen wollen? Wollte er für die Juden diese Begrenzungen aufheben?

Allerdings gibt es auch eine andere Variante der Übersetzung dieses Textes, wie zum Beispiel

  1. Schlachter 2000: „und wird auf dem natürlichen Weg, der alle Speisen reinigt, ausgeworfen“, oder
  2. Menge: „und auf dem natürlichen Wege, der alle Speisen reinigt, wieder ausgeschieden wird“, ähnlich auch
  3. Elberfelder in der Fußnote.

Dies ergibt dann einen anderen Sinn, weil sich der Zusatz ` katharizönreinigend` auf den Verdauungsprozess und die Ausscheidung in die Grube bezieht. Damit hätte Jesus die Vorschriften für reine und unreine Speisen (Tiere, Vögel, Fische aus 3Mose 11,1-47) nicht aufgehoben. Hat er doch erst gerade den Pharisäern vorgeworfen, die Gebote Gottes aufgehoben zu haben. Doch eigentlich geht es Jesus nicht um die Aufhebung der Speiseverordnungen Gottes an Israel, auch nicht um die Frage: was ist für den menschlichen Körper mehr oder weniger bekömmlich, was ist mehr oder weniger gesund oder sogar giftig, sondern es geht um dass Grundprinzip, nämlich: die Speisen, welche den Mund passieren (mit oder ohne Handwäsche) gehen in den Bauch und nicht ins Herz. Damit spielen alle Speisen, im Vergleich zu den Ausscheidungen des Herzens, eine untergeordnete Rolle und können (wie wir später sehen und erkennen werden) in dem jeweiligen zeitlichen und kulturellen Kontext angemessen bewertet und angewandt werden. In dem aktuellen Kontext geht es zunächst um die Waschung der Hände vor einer Mahlzeit und indirekt auch um die vom Gesetz definierten reinen Speisen. Hat sich doch Jesus selbst an alle Vorgaben des Gesetzes gehalten, sicher auch an die Speisevorschriften. Es geht hier in erster Linie und vordergründig um die Frage: Werden Speisen, Körper und sogar das Herz gemein/unrein, wenn jemand seine Hände vor dem Essen nicht gewaschen hat? Und Jesus sagt: „Aber mit ungewaschenen Händen essen, das verunreinigt den Menschen nicht“, oder: „das macht ihn nicht gemein“ (Mt 15,20).

 

Trotzdem wollen wir uns in diesem Zusammenhang mit der Frage beschäftigen, wie sich Christen damals in Bezug auf Speisen verhalten haben? Gibt es in Bezug auf Speisen in der Bibel eine Kontinuität – Festlegung für alle Zeiten und für alle Menschen, oder erkennen wir eine Diskontinuität, eine Vielfalt nach dem Motto: „Alles ist mir erlaubt — aber nicht alles ist nützlich! Alles ist mir erlaubt — aber ich will mich von nichts beherrschen lassen! Die Speisen sind für den Bauch und der Bauch für die Speisen; Gott aber wird diesen und jene wegtun.“ (1Kor 6,12-13). Aber nun der Reihe nach.

Was steht im Anfang, bevor das Gesetz durch Mose gegeben wurde, in Bezug auf die Speisen für den Menschen? Im Garten Eden konnte sich der Mensch (von einer Ausnahme abgesehen) nach Belieben von den Früchten der Bäume ernähren (1Mose 2,15-17). Bei der Aufnahme der Tiere in den Kasten (die Arche) machte Gott einen Unterschied zwischen reinen und unreinen Lebewesen – sieben Paare, bzw. zwei Paare (1Mose 7,2). Nach der Flut brachte Noah Gott Brandopfer (Ganzopfer) dar von reinem Vieh und reinen Vögeln (1Mose 8,20; vgl. 1Mose 4,4). Danach lesen wir  in Bezug auf die Nahrung für den Menschen folgendes: „Alles, was sich regt und lebt, soll euch zur Nahrung dienen; wie das grüne Kraut habe ich es euch alles gegeben. Nur dürft ihr das Fleisch nicht essen, während sein Leben, sein Blut, noch in ihm ist!“ (1Mose 9,3-4). Für die Opferung kamen auch nach der Sintflut nur reine Tiere in Frage (1Mose 8,20; 4,4). Aber für den allgemeinen Verzehr gab der Herr eine große Auswahl an Fleischspeisen frei. Es gab nur eine Einschränkung – kein Blut, bzw. kein Fleisch, in dem noch Blut ist, dies bedeutete auch kein Fleisch erstickter Tiere. Auf dem Speiseplan standen auch allerlei Kräuter.

In 3Mose 11,1-47 jedoch listet Gott Tiere, Vögel und Fische auf und nennt bestimmte Kriterien, anhand derer die Israeliten die reinen von unreinen unterscheiden können. Seit der Zeit gibt es in Israel ein eingeschränktes aber doch ausreichendes Menüangebot für gesunde Ernährung. Diese Einschränkung könnte ihre Begründung im Gesamtkontext der vielseitigen Absonderung des Volkes Israel von den Heiden und deren Gebräuchen, haben (5Mose 18,9-15; Esra 9,11). Dazu gab es in der Geschichte Israels weitere Einschränkungen für Menschen in bestimmten Diensten (Ri 13,1-14; Dan 11,1-14; Lk 1,15). Doch häufig hilten sich die Israeliten nicht an die Vorgaben des Herrn (Jes 65,4; 66,17).

Doch Petrus hat sich noch Jahre später an die jüdischen Speiseeinschränkungen gehalten (Apg 10,14-15; 11,9). Die Stimme aus dem Himmel: „Was Gott gereinigt hat, mache du nicht gemein“ bezog sich im übertragenen Sinne auf Menschen nicht jüdischer Herkunft, wie die Interpretation des Petrus bei Kornelius deutlich macht (vgl. Apg 10,15 mit 10,28.34-35). Aber steckt da vielleicht auch schon ein indirekter Hinweis darauf, dass Gott die Einschränkung (bei den Israeliten) um des Evangeliums willen (den Nationen) nicht auflegen wird? Sicher ist, dass diese Speiseeinschränkungen bei dem Aposteltreffen in Jerusalem im Jahre 48 n.Chr. den Heidenchristen nicht auferlegt wurden (unter Verbot stand weiterhin: Blut oder Fleisch in dem noch das Blut ist und Ersticktes, so wie Götzenopferfleisch und Unzucht Apg 15,5.23-29). Damit haben sich die Apostel und Älteste in Jerusalem sehr wahrscheinlich auf 1Mose 9,3-4 bezogen, also auf die Praxis, die vor dem Mosaischen Gesetz für alle Menschen üblich war. Das Verbot des Verzehrs von Götzenopferfleisch wurde später von dem Ap. Paulus in 1Kor 8,1-13 detailiert erklärt. Er gibt die meisten Erklärungen zu diesem Thema in seinen Briefen (vgl. Röm 14,1-23; 1Tim 4,3-5. In Kolosser 2,16-17 schreibt er: „So lasst euch von niemand richten wegen Speise oder Trank, oder wegen bestimmter Feiertage oder Neumondfeste oder Sabbate, 17 die doch nur ein Schatten der Dinge sind, die kommen sollen, wovon aber der Christus das Wesen hat.“ Ähnlich schreibt auch der Autor des Hebräerbriefes: „allein mit Speise und Trank und verschiedenen Waschungen. Dies sind irdische Satzungen, die bis zu der Zeit der Besserung auferlegt sind.“ (Hebr 9,10).

Fazit: Die Gläubigen an Jesus Christus aus den Nichtjuden bekamen, was die Äußerlichkeiten wie zum Beispiel: (Essen, Trinken, Kleidung, Waschungen, sonstige Rituale) betrafen, große Freiheit. Doch wurden sie angehalten, Rücksicht zu nehmen auf ihre Glaubensgeschwister aus den Juden und ebenso Rücksicht auf die Schwachen im Glauben. Auch für uns heute gilt: weises und rücksichtsvolles Verhalten in dem jeweiligen Kulturkreis um des Evangeliums willen, nach dem Vorbild des Apostels Paulus: „Denn obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht, auf dass ich möglichst viele gewinne. 20 Den Juden bin ich wie ein Jude geworden, damit ich die Juden gewinne. Denen unter dem Gesetz bin ich wie einer unter dem Gesetz geworden – obwohl ich selbst nicht unter dem Gesetz bin –, damit ich die unter dem Gesetz gewinne. 21 Denen ohne Gesetz bin ich wie einer ohne Gesetz geworden – obwohl ich doch nicht ohne Gesetz bin vor Gott, sondern bin im Gesetz vor Christus –, damit ich die ohne Gesetz gewinne. 22 Den Schwachen bin ich ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne. Ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette. 23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, auf dass ich an ihm teilhabe.“ (1Kor 9,19-23).

Jesus geht insbesondere auf die Frage seiner Jünger ein, denn auch sie hatten den Kern der Aussage nicht verstanden. Es geht um das verdorbene Herz des Menschen, aus dem viele böse Dinge durch den Mund herauskommen und den Menschen unrein (gemein) machen. Die Liste bei Markus ist lang und wird von Matthäus noch ergänzt:

Böse Gedanken – οἱ διαλογισμοὶ οἱ κακοὶ – oi dialogismoi oi kakoi (jm Plur., auch bei Mt). An für sich ist dieses Wort `dialogismos` wertneutral. Die Vorsilbe `dia – durch`, hat teilende Wirkung; die Wortwurzel `logis`, erinnert an Logik; die Endung `moi` bezeichnet die Mehrzahl. So kann das griechische Wort besser mit einem `Dialog in Gedanken, Überlegungen` wiedergegeben werden. In diesem Text werden böse Gedanken im Herzen hin und her bewegt, um anschließend eine innere Teilung vorzunehmen und eine bewusste Entscheidung zu treffen. (Beispiele: Lk 2,35; Mk 2,6;  Lk 5,22; 6,8; 9,46; Mt 16,8; Lk 24,38; Röm 1,21). Und nun folgen die einzelnen bösen Dinge, welche Jesus beim Namen nennt:

  1. Unzucht – πορνεῖαι – porneiai (im Plur., auch bei Mt). Sexualität gehört nach Gottes Wort und Willen in die Ehe zwischen Mann und Frau (1Mose 1,26-28; 2,24-25; 4,1). Der Begriff `porneia`, (im Text Plural) umfasst alle Arten und Formen von geschlechtlicher (sexueller) Entgleisungen, immer beginnend in Gedanken des Herzens
    • Mt 5,28-32; 19,9: Fremdgehen in Gedanken ist Ehebruch und Ehebruch ist `porneia – Unzucht`. Und  wenn jemand (ein Ehepartner) eine sexuelle Beziehung mit einer dritten Person eingeht (fremdgeht) begeht er Ehebruch, auch dies bezeichnet Jesus als `porneia – Unzucht`. und fügt hinzu, dass `porneia` ein Grund für Scheidung wäre.
    • Mt 21,31-32: Nach den Worten von Jesus haben die `pornai – Unzüchtigen` eher eine Chance ins Reich Gottes zu kommen, als die widerspenstigen und selbstgerechten Pharisäer, welche Jesus mit Heuchler bezeichnete.  
    • ; Lk 15,30; Joh 4,17-18; 8,41; Apg 15,20; 21,25; Röm 1,27-31; 1Kor 5,1.9.10.11; 6,9.13.15.16.18; 7,2.21; 10,8; 2Kor 12,21; Gal 5,19; Eph 5,3.5; Kol 3,5; 1Thes 4,3; 1Tim 1,10; Hebr 11,31; 12,16; 13,4; Jak 2,25; Offb 2,14.20.21; 9,21; 14,8; 17,1.2.4.5.15.16; 18,3.9; 19,2; 21,8; 22,15).
  2. Diebstähle – κλοπαί – klopai (im Plur., auch bei Mt). Auch dieser Begriff ist umfassen und bezeichnet die verschidenen Arten von `an sich nehmen`, was einem nicht gehört oder `zurückbehalten`, was einem  nicht zusteht (Joh 10,1.8.10; 12,6; Röm 2,21; 1Kor 6,10; Eph 4,28; 1Petr 4,15).
  3. Morde – φόνοι – fonoi (im Plur., auch bei Mt). 2Mose 20,13; Mt 5,21: „töte nicht – οὐ φονεύσεις – ou foneuseis“. Mord ist Tötung mit bewusster und gezielter Absicht (Mk 15,7: Mt 22,7;  Apg 9,1; Der Teufel wird von Jesus `gr. anthropoktonos – Menschenmörder genannt (Joh 8,44); Wer seinen Bruder hasst, ist auch Menschenmörder (1Joh 3,15; 2Petr 4,15).
  4. Ehebruch – μοιχεῖαι – moicheiai (im Plur., auch bei Mt). Ehebruch ist wie Treuebruch mit schwerwiegenden Folgen.
  5. Habgier – πλεονεξίαι – pleonexiai (im Plur.). Lk 12,15: „hütet euch vor jeder Art von Habgier“; Röm 1,29; 1Kor 9,5; Eph 4,19; 5,3; Kol 3,5; 1Thes 2,5: 2Petr 2,3.14.
  6. Bosheit – πονηρίαι – pon¢riai (im Plur.). Auch die Bosheit, gleich Schlechtigkeit äußert sich in verschiedenen Varianten des menschlichen Verhaltens: Mt 5,11.37.39.45; 6,13.23; 7,11.17.18: 9,4; 12,34.35.39.45;13,19.38.49; 16,4; 18,32; 20,15; 22,10.18; 25,26.
  7. Arglist – δόλος – dolos . Arglistig, tückisch, hinterhältig, Falschheit, in den Rücken fallen (Joh 1,47: ohne falsch; Apg 13,10: voller Arglist; Röm 1,29: voller Arglist; 2Kor 4,2: ohne falsch; 1Petr 2,1: voller Arglist; 1Petr 2,22: Jesus war frei davon; 3,10: „der hüte seine Zunge, dass sie nicht Falsches redet“),
  8. Ausschweifung – ἀσέλγεια – aselgeia. Maßlosigkeit, hemmungslose Hingabe an Genüsse: Lk 21,34; 2Kor 12,21; Gal 5,19; Eph 4,19; 2Petr 2,7; 1Kor 15,32-33.
  9. Missgunst – ὀφθαλμὸς πονηρός – ofthalmos pon¢ros (wörtlich – böses Auge. So auch in Mt 20,15). Weitere Beispiele: 1Mose 26,14; 37,4 (Apg 7,9); 1Sam 18,8-9).
  10. Lästerung – βλασφημία – blasf¢mia (auch bei Mt). 3Mose 24,11; Mt 12,31; 26,65; 27,39; Mk 2,7; 3,28-29; 15,29; Lk 12,10; 23,39; Joh 10,33.36; Apg 6,11; 13,45; 18,6; 19,37; 26,11; Röm 2,24; 3,8; 14,16; 1Kor 10,30; Eph 4,31; Kol 3,8; 1Tim 1,13.20; 6,1.4; 2Tim 3,2; Tit 2,5; 3,2; Jak 2,7; 1Petr 4,4; 2Petr 2,2.10.11.12; Jud 8.9.10; Offb 2,9; 13,1.5.6; 17,3.
  11. Hochmut – ὑπερηφανία – yper¢fania. Überheblichkeit, Übermut, Hochmut, Stolz, Die Vorsilbe `ὑπερ – yper`,  überhöht die Wortwurzel `φαν – fan – scheinen`, das heißt: sich auf ein übermäßig hohes und irreales Niveau zu stellen. In unserem Text spricht Jesus von einem Menschen, der über jedes normale Maß hinaus, viel von sich hält, sich über andere erhebt, auf andere herablassend herabschaut und diese Haltung in seinen Überlegungen, seinen Worten und seinem Handeln ausdrückt. Der oben genannte Begriff kommt an folgenden Stellen des AT und NT vor: 2Mose 18,21: Mose soll siebzig Männer zu Ältesten berufen, welche die Überheblichkeit und den Hochmut hassen – μισοῦντας ὑπερηφανίαν“; 3Mose 26,19: „und ich werde den Übermut (die Anmaßung) eures Hochmuts brechen – καὶ συντρίψω τὴν ὕβριν τῆς ὑπερηφανίας ὑμῶν“;  5Mose 17,12: „wenn jener in seinem Hochmut (seinem Übermut, seiner Vermessenheit) dem Pridester nicht gehorcht – ἂν ποιήσῃ ἐν ὑπερηφανίᾳ τοῦ μὴ ὑπακοῦσαι τοῦ ἱερέως“: Ps 101,5: „hochmütiges Auge – ὑπερηφάνῳ ὀφθαλμῷ“; Lk 1,51: „die Hochmütigen im Denken ihres Herzens – ὑπερηφάνους διανοίᾳ καρδίας αὐτῶν“; Röm 1,30: „Übermütige (extreme Ausdrucksform der Selbstüberschätzung), Hochmütige, Prahler – ὑβριστὰς ὑπερηφάνους ἀλαζόνας“; 2Tim 3,2: „prahlerisch, Hochmütig, Lästerer – ἀλαζόνες ὑπερήφανοι βλάσφημοι“; Jak 4,6: „Gott widersteht den Hochmütigen (Übermütigen, Überheblichen), aber den Demürigen gibt er Gnade – ὁ θεὸς ὑπερηφάνοις ἀντιτάσσεται, ταπεινοῖς δὲ δίδωσιν χάριν.“ (So auch in 1Petr 5,5). Sowohl Jakobus als auch Petrus zitieren aus Sprüche 3,34 nach der LXX Übersetzung.
  12. Unvernunft – ἀφροσύνη – afrosyn¢. Unvernünftig, unverständig, unkluug (Mt 6,24; 7,24; 10,16; Lk 11,40; Röm 1,31;; 2Kor 11,1.16.17.19.21; Eph 5,17; 2Petr 2,15). Im Gegenteil dazu steht die Vernunft, die Klugheit, der Kluge, Vernünftige: Mt 24,45; 25,2.4.8.9;  Mk 5,15.
  13. Falsche Zeugnisse – ψευδομαρτυρίαι – pseudomartyriai (im Plur., nur bei Mt). 2Mose 20,16; 1Kön 21,1-20; Mt 19,18; 26,60; Apg 6,13.

Alle diese bösen Dinge kommen aus dem Inneren des menschlichen Herzens heraus und machen den Menschen gemein/unrein (Mk 7,21-23;  Mt 15, 19-20).

Fragen / Aufgaben:

  1. Wo fand diese Diskussion statt und wer war dabei beteiligt?
  2. Was war der Anlass zu dieser Diskussion?
  3. Warum beachtete Jesus und seine Jünger gelegentlich nicht die Waschung ihrer Hände vor einer Mahlzeit? Hat Jesus etwas gegen körperliche Reinheit oder Körperpflege?
  4. Wie ist die Motivation der Pharisäer und Schriftgelehrter bei ihrer Fragestellung einzuschätzen? Um was ging es ihnen eigentlich?
  5. Welche Kenntnisse hast du über die Reinheitsvorschriften im Alten Testament und wozu wurden sie gegeben?
  6. Warum reagiert Jesus mit solch einer Schärfe? In welchen Situationen ist Klarheit und Eindeutigkeit heute gefragt?
  7. Die speisevorschriften, bzw. Einschränkungen nahmen in Israel einen breiten Raum ein. Wurden diese immer eingehalten?
  8. Welche zusätzliche Sonderregelungen gab es in Israel im Bereich essen und trinken?
  9. Hielt sich Jesus selbst an die regulären Einschränkungen aus 3Mose 11,2-22?
  10. Wie verstehst du die Erklärung des Evangelisten Markus: „damit erklärte er alle Speisen für rein“? Wären durch diese Aussage die alttestamentlichen Speisevorschriften aufgehoben? Gibt es auch eine Alternative zu dieser Übersetzung und mit welchem Ergebnis?
  11. Wie wurde dieser Bereich in der neutestamentlichen Gemeinde geregelt? Was blieb, was wurde verändert?
  12. Wie gehen wir heute mit den verschiedenen Ansichten in Bezug auf Speisevorschriften um? Welche Hilfestellung gibt uns der Apostel Paulus dazu?
  13. Erstelle eine Liste von den bösen Dingen, welche Jesus beim Namen nennt und vergleiche diese mit den Sündenlisten bei den Aposteln.
  14. Wie ist es zu erklären, dass im Herzen des Menschen so viele bösen Dinge verborgen sind?
  15. Welche Hilfestellung gibt es, um von diesen Dingen loszukommen?
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JESUS – der Fremdling

 

JESUS – der Fremdling

 

Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht Gottes Kinder zu werden, allen, die an seinen Namen glauben“ (Joh 1,11-12:).

 

 

 

 

 

 

Abbildung 1 Ismailia – die Stadt liegt am Westufer des Suezkanals. Der Verlauf des Suezkanals vom Mittelmeer bis zum Roten Meer markiert den Übergang von der Wüstenlandschaft des nördlichen Sinai zur fruchtbareren Landschaft des östlichen Nildeltagebietes, wo das Land (Landschaft) Gosen zu suchen ist (Foto: Juli 1985).

Im Lande Gosen, einer Art Provinz im Alten Ägypten, lebten die Israeliten lange Zeit als Fremdlinge (2Mose  Kapitel 1-12). So sollte auch Jesus einige Zeit als Fremdling in Ägypten verbringen, weil der damalige König Herodes im Lande Israel aus Angst vor Konkurrenz, Jesus bereits als Kind umbringen wollte (Matthäus Kapitel 2).

Ob Jesus heute in unserem Land und unseren Häusern (Familien) willkommen ist? Doch er hat ein ZUHAUSE, er ist bei seinem Vater im Himmel und er lädt uns zu sich ein wenn er sagt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen“ (Joh 14,1-6).

 

Wir wünschen euch als Familie, dass Jesus durch den Glauben in eurer Familie und euren Herzen gegenwärtig sein möge und dass ihr auch in seinem Zuhause zu Hause seid.

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Jona, wohin fliehst du?

JONA bestieg das Schiff – O, WEH!

Die faszinierende Geschichte eines Mannes, der von Gott fliehen wollte und durch den Gott letztlich viele Tausend Menschen rettete. Doch zuerst ging es in die Tiefe der Tiefen. Seit dem wurde bei Stürmischer See auf den Schiffen immer wieder die Frage gestellt: Gibt es einen JONA unter uns?

Hier zum nachlesen:

Abbildung 1 Ein Zweimaster im östlichen Mittelmeer. In der Antike reiste niemand mit dem Schiff zum Vergnügen, zu beschwerlich und gefährlich waren Schiffsreisen. Aber oft kam man mit dem Schiff schneller ans Ziel als über Land. Dies traf besonders auf den Großraum des Mittelmeeres zu  (Foto: 17. April 1011).

Beltexte: Jona 1,14-2,11:

„Da riefen sie (die Schiffsleute) zum HERRN und sagten: Ach, HERR, lass uns doch nicht umkommen um der Seele dieses Mannes willen und bringe nicht unschuldiges Blut über uns! Denn du, HERR, hast getan, wie es dir gefallen hat. 15 Und sie nahmen Jona und warfen ihn ins Meer. Da ließ das Meer ab[ von seinem Wüten. 16 Und die Männer fürchteten den HERRN mit großer Furcht, und sie brachten dem HERRN Schlachtopfer dar und gelobten ihm Gelübde.“

2,1-11: „Aber der Herr bestellte (bestimmte) einen großen Fisch, Jona zu verschlingen. Und Jona war im Leibe des Fisches drei Tage und drei Nächte.

2 Und Jona betete zu dem HERRN, seinem Gott, im Leibe des Fisches

3 und sprach:

„Ich rief zu dem HERRN in meiner Angst, und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme.

4 Du warfst mich in die Tiefe, mitten ins Meer, dass die Fluten mich umgaben. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich,

5 dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen.

6 Wasser umgaben mich bis an die Kehle, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte mein Haupt.

7 Ich sank hinunter zu der Berge Gründen, der Erde Riegel schlossen sich hinter mir ewiglich.

Aber du hast mein Leben aus dem Verderben geführt, HERR, mein Gott!

8 Als meine Seele in mir verzagte, gedachte ich an den HERRN, und mein Gebet kam zu dir in deinen heiligen Tempel.

9 Die sich halten an das Nichtige, verlassen ihre Gnade.

10 Ich aber will mit Dank dir Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen. Hilfe ist bei dem HERRN.

 

11 Und der HERR sprach zu dem Fisch, und der spie Jona aus ans Land.“

Abbildung 2 Zu dieser Jahreszeit kann es im Mittelmeer sehr stürmisch werden. Doch Jona befand sich auf einem Schiff in der Jahreszeit der sicheren Schifffahrt. Doch damals wurde der Sturm vom Herrn geschickt, dem sich Wind und Wellen unterordnen (Auf dem Foto vom 5. Februar 2007 sieht die Südküste auf Zypern sehr bedrohlich aus).

 

Jon 4,2 „und betete zum HERRN und sprach: Ach, HERR, das ist’s ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen.“

 

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Wann kam der Schächer ins Paradies?

 

 

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, lautet: Wie soll die Aussage von Jesus an den Schächer am Kreuz gelesen und verstanden werden?

  1. Wahrlich, ich sage dir: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ Oder:
  2. Wahrlich, ich sage dir heute: „du wirst mit mir im Paradies sein“.

Diese Unsicherheit entsteht zum einen, weil es in den Handschriften des Urtextes und natürlich auch in den Abschriften (Kopien) keinerlei Interpunktionen (Satzzeichen) gab, zum anderen, weil eine vorgefasste Meinung durch eine bestimmte Auslegung zu Grunde gelegt wird.

Die Schriftforscher wurden natürlich vor eine große Herausforderung gestellt. Sie mussten den fortlaufenden Text in einzelne Sätze aufteilen und auch innerhalb eines Satzes entsprechende Satzzeichen setzen.

Im Text des altgriechischen Neuen Testamentes von Nestle Aland wurde ein Komma nach „ich sage dir“ gesetzt. „καὶ εἶπεν αὐτῷ· ἀμήν σοι λέγω, σήμερον μετ᾽ ἐμοῦ ἔσῃ ἐν τῷ παραδείσῳ“. Die zehn gängigen deutschen Bibelübersetzungen haben nach dem „ich sage dir“ einen Doppelpunkt gesetzt. Damit wird betont, dass der Schächer (nach Jesu Wort) noch am selben Tag (heute) zusammen mit Jesus im Paradies sein wird.

 

In Markus 14,30 haben wir eine ähnliche Formulierung: „Und Jesus sprach zu ihm (zu Petrus): Wahrlich, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe denn der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

In beiden Fällen brauchte Jesus ja nicht extra betonen, dass er diese Aussage `heute` macht, wozu denn auch? Wie klingt es denn: „Wahrlich, ich sage dir heute: In dieser Nacht …“. Zwischen der Aussage und der Erfüllung lagen gerade mal 4-5 Stunden, da das `Heute` mit dem Sonnenuntergang begann und in derselben Nacht (Donnerstag auf Freitag) Petrus seinen Herrn nach dem zweiten Hahnenschrei verleugnete.

Ähnlich auch auf Golgatha. Bevor der Tag (Freitag)  mit Sonnenuntergang zu Ende war, starb Jesus und ging ins Paradies (die göttliche Sphäre) ein (Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände). Nach kurzer Zeit, ebenfalls noch am selben Tag vor Sonnenuntergang, wurden den beiden Gekreuzigten die Beine gebrochen, so dass sie starben. Der (erlöste und geistlich auferweckte) Geist des Schächers ging dorthin, wo Jesu Geist war – im Paradies Gottes.

Fazit: Das `Heute` bezieht sich also auf den Inhalt der Aussage von Jesus, auf das, was noch am gleichen Tag mit dem Schächer und der gleichen Nacht mit Petrus geschehen wird.. Dass Jesus diese Aussage `heute` macht, brauchte er nicht extra betonen.

Auch bei allen anderen Aussagen, die Jesus gemacht hat, lässt sich immer nach dem „ich sage dir“ oder: „Ich sage euch“ ein Doppelpunkt setzen, erst danach kommt die inhaltliche Aussage.

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Jesus lehrt in der Synagoge von Kapernaum

7.7 Jesus lehrt in der Synagoge von Kapernaum

(Bibeltext: Joh 6,22-65)

 

7.7.1 Der Zusammenhang zwischen der Brotvermehrung und der Rede über das Brot des Lebens

Nach dem Text des Ev. Markus, ordnet Jesus seinen Jüngern an ins Boot zu steigen und vor ihm nach Bethsaida zu fahren (Mk 6,53-56), Doch dort kamen sie, warum auch immer, nicht an. Nach dem Text des Ev. Matthäus, gehen die Jünger, bereits mit Jesus im Boot, am nächsten Morgen in Gennesaret an Land (Mt 14,34-36, – gemeint ist wahrscheinlich die Gegend im Nordwesten des Sees). Doch letztlich landeten sie in Kapernaum, wie der Ev. Johannes berichtet (Joh 6,24-25.59).

Viele vom Volk, die jenseits des Sees durch die Danksagung des Herrn satt geworden waren, übernachteten dort im Freien. Noch am Abend haben sie beobachtet, dass die Jünger ohne Jesus ins Boot gestiegen und abgefahren waren (Joh 6,22-24). Am nächsten Morgen kamen weitere Boote aus Tiberias und legten in der Nähe der Stelle am Ostufer an.

 

Abbildung 11 Unten am Ufer von Tiberias-Stadt. Der Wasserspiegel könnte mindestens 4 Meter höher sein. Ein Fischerboot mit einigen Fischern schaukelt unweit des Ufers (Foto: 30. Januar 2019).

Diese unscheinbare Bemerkung ist ein deutlicher Hinweis auf einen regen Boots- und Schiffsverkehr auf dem See zur Zeit von Jesus. Tiberias, am Westufer des Sees gelegen, war die Winterresidenz des Vierfürsten Herodes Antipas.

Viele Menschen erlebten für sich oder ihnen Nahestehenden umfassende Zuwendung durch Jesus – Heilung von körperlichen Gebrechen, Lehre vom Reich Gottes und am Ende der Versammlung eine sättigende Mahlzeit mit Brot und Fisch. Doch, das Einzige, was vom Messias Gottes an jenem Tag (zumindest von Einigen) erkannt wurde war, dass es sich um den Propheten aus 5Mose 18,15 handeln könnte, der in die Welt kommen soll. Und als sie am Morgen Jesus nicht fanden, stiegen sie in Boote und fuhren hinüber nach Kapernaum. Dort suchten sie Jesus und fanden ihn in der Synagoge lehrend.

 

7.7.2 Jesus ist das vom Himmel gekommene Brot des ewigen Lebens

Dieser lange Lehrabschnitt ist gekennzeichnet durch Fragen und Antworten. Eine nicht untypische Lehrart im Judentum. Sowohl die Fragen als auch die Antworten sind spontan. Das Ganze fand in der Synagoge zu Kapernaum statt.

 

Erste Frage der Juden:Und als sie ihn fanden am andern Ufer des Meeres, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierhergekommen“? (Joh 6,25). Was sie mit ihrer Frage eigentlich meinen, erfahren wir erst aus der Erklärung von Jesus. Denn hinter ihrer Frage, die nach Neugier aussieht, verbirgt sich das Begehren nach ständiger materieller Versorgung. Daher geht Jesus nicht auf den oberflächlichen Wortlaut ihrer Frage ein, sondern deckt die wahren Absichten und Gedanken ihres Herzens auf.

 

Antwort von Jesus: „Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von dem Brot gegessen habt und satt geworden seid.“ (Joh 6,26). Jesus ist die Wahrheit in Person und er liebt und fördert die Wahrhaftigkeit bei den Menschen. Die Fragesteller müssen überrascht gewesen sein über diese schonungslose Offenlegung ihrer eigentlichen Absichten. Sie wollten nur die natürlichen Vorteile, nicht aber den Geber (Menschensohn) mit  seinem geistlichen Angebot. Sie wollten ihn für ihre Bedürfnisse und ihre Zwecke einspannen, ja, einen König nach ihrer Vorstellung könnten sie gebrauchen, der sie umfassend versorgt und äußere Sicherheit gibt.

 

Aufforderung von Jesus: „Müht euch nicht um Speise, die vergänglich ist, sondern um Speise, die da bleibt zum ewigen Leben. Dies wird euch der Menschensohn geben; denn auf ihm ist das Siegel Gottes des Vaters.“ (Joh 6,27). Doch Jesus nutzt das materielle Begehren der Menschen nach Brot, um auf sein geistliches Angebot hinzuweisen. Mit der Aufforderung: „Speise wirken (aufnehmen, verarbeiten, essen) die da bleibt“ weist Jesus auf eine immaterielle Nahrung hin, welche der Menschensohn ihnen zu geben vermag. Denn auf ihm ist Gottes Siegel, der Heilige Geist, die Salbung, er ist der Bevollmächtigte vom Vater (Jes 61,1-3; Mt 3,17; Joh 1,31-34). Wenn sie am Vortag in ihm den durch Mose verheißenen Propheten erkannten (5Mose 18,15), dann hat er absoluten Anspruch, um gehört zu werden (5Mose 18,19). Und er fordert sie heraus, ihre vom Materiellen durchdrungene Denkweise zugunsten einer wesentlich höheren und geistvollen zu  verändern.

  • Mit Hilfe von Mose auf ihn den wahren Propheten zu hören,
  • Mit Hilfe des materiellen Brotes an die geistliche Speise, das `Wort Gottes`  zu denken.

 

Zweite Frage der Juden: „Da fragten sie ihn: Was sollen wir tun, dass wir Gottes Werke wirken?“ (Joh 6,28). Das gesamte Erlösungskonzept der Juden war fälschlicherweise auf das eigene `Tun, bzw. Lassen` von bestimmten Vorschriften ausgerichtet und nicht auf die gnadenvolle Zuwendung Gottes, die auch  in den alttestamentlichen Ritualen erkennbar war.

 

Antwort von Jesus: „Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Das ist Gottes Werk, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ (Joh 6,29). Jesus kehrt die Dinge um, bzw. er stellt sie wieder richtig – es handelt sich nicht um die Leistung oder Vorleistung des Menschen durch Gott Opfer darbringen nach alter Vorschrift, sondern um Gottes Werk, welches sich im Glauben, also der Annahme dessen, den er gesandt hat, ausdrückt. Der Glaube ist demnach ein demütiges und dankbares ANNEHMEN der Gabe Gottes – Jesus Christus als Lamm Gottes, Retter und Erlöser der Welt. (Joh 1,29; 1,12: „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“, demnach ist glauben gleich aufnehmen).

 

Dritte Frage der Juden: „Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.« (Joh 6,30-31).

 

Abbildung 12 Die Synagoge in Kapernaum (aus dem 4. Jh.) erinnert uns an die Synagoge aus der Zeit von Jesus, welche damals mit Unterstützung des römischen Hauptmanns erbaut wurde. In der Regel baute man die nachfolgenden Synagogen auf den Fundamenten älterer Synagogen. (Foto: 23. Januar 2019).Abbildung 12 Die Synagoge in Kapernaum (aus dem 4. Jh.) erinnert uns an die Synagoge aus der Zeit von Jesus, welche damals mit Unterstützung des römischen Hauptmanns erbaut wurde. In der Regel baute man die nachfolgenden Synagogen auf den Fundamenten älterer Synagogen. (Foto: 23. Januar 2019).

Die Juden in der Synagoge lassen sich auf das Gespräch ein. Sie stellen eine weiterführende Frage, bzw. Doppelfrage. Es ist eine klare Herausforderung, im Sinne von: unsere Väter bekamen das Manna vom Himmel – das war doch ein deutliches Zeichen von Gott in Gegenwart von Mose. Was für ein Zeichen gibst du uns, welches erkennbare Werk vollbringst du, damit wir sehen und dir glauben? Dabei zitieren sie einen Psalm, in dem an das Manna in der Wüste erinnert wird. Ihre dreißte Herausforderung erstaunt schon, wenn man bedenkt, dass sie erst am Tag zuvor bei der Brotvermehrung in Jesus den durch Mose verheißenen Propheten erkannten (vgl. Joh 6,14 mit 5Mose 18,15). Was für Zeichen als Beweis wollen sie noch sehen? 

Antwort von Jesus:Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. (Joh 6,32-33). Jesus bleibt geduldig. Zum einen korrigiert er ihr Verständnis in Bezug darauf, dass damals nicht Mose der Geber des Manna war und zum anderen lenkt er ihren rückwärts gewandten Blick auf das Heute – den Geber des Himmelsbrotes – es ist der Vater von Jesus. Dieses Brot ist für das Leben der Welt bestimmt.

 

Vierte Frage/Bitte der Juden:Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.“ (Joh 6,34). Es scheint, als ob sie nun bereit wären, das von Jesus angebotene Brot des Lebens anzunehmen, doch eigentlich sind sie nicht weiter im Verstehen der Worte Jesu, als zuvor die Samariterin am Jakobsbrunnen (Joh 4,15: „Herr, gib mir von diesem Wasser, damit ich nicht dürste und nicht mehr herkommen muss um zu schöpfen“). Auch sie befinden sich immer noch im materiellen Denken. Ja, die Wundergabe des Brotes, der Brotvermehrung hätten sie gerne angenommen. Paradiesische Zustände: nicht mehr im Schweiße des Angesichts das Brot verdienen zu müssen. Es scheint so, als ob hier in zwei unterschiedlichen Sprachen gesprochen würde.

 

Antwort von Jesus:Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Aber ich habe euch gesagt: Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht. Alles, was mir der Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen. Denn ich bin vom Himmel gekommen, nicht damit ich meinen Willen tue, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat. Das ist aber der Wille dessen, der mich gesandt hat, dass ich nichts verliere von allem, was er mir gegeben hat, sondern dass ich’s auferwecke am Jüngsten Tage. Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.“ (Joh 6,35-40).

Nun folgt eine Lehreinheit mit weiteren Erklärungen zum Thema `Brot des Lebens`, Offenlegung der wahren Haltung der Zuhörer, aber auch der Einblick in Gottes wunderbaren Willen (Ratschluss) und dessen Wirken.

  • Tatbestand: Jesus ist vom Himmel gekommen und in Person das Brot des Lebens!
  • Die Einladung: Wer zu ihm kommt, den wird  nicht hungern, wer an ihn glaubt, den wird nimmermehr dürsten.
  • Der Vorwurf: „Ihr habt mich gesehen und glaubt doch nicht“. Sie sahen die Herrlichkeit Jesu in der einzigartigen Brotvermehrung, aber auch in den vorangegangenen Wundern und Heilungen aller Art. Ja, sie erkannten sogar in der Person von Jesus den durch Mose verheißenen Propheten (5Mose 18,15). Gesehen, erkannt und doch nicht angenommen, doch nicht geglaubt. Welche Härte des Herzens!
  • Hinter den Kulissen: „Alles, was mir der Vater gibt, kommt zu mir“. Welch göttliches, souveränes und auch geheimnisvolles Wirken des Vaters im Hintergrund! Er gibt seinem Sohn Menschen und diese kommen zu ihm. Und wer zu dem Sohn kommt, wird nicht ausgestoßen, sondern aufgenommen.
  • Die wahre Herkunft von Jesus: Im Vergleich zu allen vorangegangenen Propheten ist Jesus von himmlischer, ja, göttlicher Herkunft.
  • Seine Unterordnung unter den Vater: Als Sohn des Vaters hat er zwar die Fähigkeit zu einem eigenen Willen, doch freiwillig und bewusst tut er den Willen seines Vaters. Welch eine Größe, welch ein Vorbild!
  • Gottes Absicht: Der Wille (Ratschluss) des Vaters für seinen Sohn war und ist, dass er nichts verliert von dem was ihm der Vater gegeben hat. Ja, dass er es (diese Menschen) auferwecke am jüngsten Tage.
  • Was will der Vater noch? Eingeschlossen in diesen Vater-Willen ist auch: Wer den Sohn sieht und an ihn glaubt, ewiges Leben habe und der Sohn ihn am jüngsten Tage auferwecke. Das ewige Leben beginnt mit der Aufnahme Jesu durch den Glauben (Joh 1,11-12; 3,16-17; 5,24). Die Auferweckung, bzw. die Gabe des neuen Körpers bekommt der Gläubige bei der Auferstehung der Toten am jüngsten Tage (Joh 5,28-29).

 

Das Murren und die fünfte Frage der Juden: „Da murrten die Juden über ihn, weil er sagte: Ich bin das Brot, das vom Himmel gekommen ist, und sprachen: Ist dieser nicht Jesus, Josefs Sohn, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel gekommen?“ (Joh 6,41-42). Immer wieder rufen die Worte von Jesus bei den Zuhörern nicht nur Erstaunen, sondern wie hier Unzufriedenheit und Empörung aus. Diesmal ist es die Aussage über seine Herkunft. Es macht zum einen deutlich, dass zum damaligen Zeitpunkt die eigentliche Herkunft von Jesus höchstens im kleinen Familienkreis bekannt war, aber es ist fraglich, ob seine eigenen Brüder es geglaubt haben (Lk 1,31-36; Joh 7,6) und zum anderen, dass sich wohl niemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht hat, wo Jesus wirklich geboren wurde. Anstatt Jesus direkt zu fragen, wie er das meint „ich bin vom Himmel gekommen“, murren sie darüber. Zu fest sitzt in ihnen die Vorstellung, dass der Messias nur eine irdische Abstammung hat, nämlich: `Sohn Davids` zu sein.

 

Antwort von Jesus:Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Murrt nicht untereinander. Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage. Es steht geschrieben in den Propheten (Jesaja 54,13): »Sie werden alle von Gott gelehrt sein.« Wer es vom Vater hört und lernt, der kommt zu mir. Nicht dass jemand den Vater gesehen hätte; nur der, der von Gott ist, der hat den Vater gesehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt“ (Joh 6,43-51). Geistliche Rede wirkt anstößig, weil sie sich natürlicher Worte und Redewendungen bedient, die manchmal keinen (logischen) Sinn ergeben. Doch Jesus entschied sich, die menschliche Sprache zu verwenden, auch wenn sie der weiteren Erklärung bedarf. Hätte er sich einer himmlischen Redeweise bedient, wäre es für die Menschen noch schwieriger gewesen ihn zu verstehen (Joh 6,61-63; vgl. dazu auch den Dialog mit Nikodemus und der Bemerkung von Jesus in Joh 3,12). Wenn Jesus seine Zuhörer tadelt und sagt: „Murrt nicht untereinander“, dann hat er das Recht dazu. Denn nichts ist so hinderlich für das Verstehen und das Wirken Gottes, als die sofortige Blokade und ständige Ablehnung ohne ehrliches Nachfragen. Und wieder greift Jesus den Gedanken auf, dass die erste Initiative von Gott dem Vater ausgeht. Und er tut alles, damit niemand sich seiner Verantwortung entziehen kann. Jesus zitiert den Propheten Jesaja: „Sie werden alle von Gott gelehrt (gr. διδακτοὶ, didaktoi – unterrichtet, unterwiesen) sein.“ Und er interpretiert es mit: „Wer es vom Vater hört und lernt, der kommt zu mir.“ Vom Vater hören und lernen ist also die Verantwortung des Menschen. Wie und wann hat Gott seinen Willen (didaktisch) mitgeteilt? Er tat es seit Beginn durch Mose und die Propheten (Joh 5,46-47). Doch seit den Tagen des Zacharias hat Gott auf besondere Weise das Volk Israel auf das Kommen des Messias vorbereitet (Lk 1,76-79). Mit dem Auftreten des Johannes blieb wohl niemand mehr in Unkenntnis darüber, dass das Kommen des Messias kurz bevorsteht. Und Johannes wies alle Israeliten darauf hin, an den (nach ihm) Kommenden zu glauben (Lk 3,4-6;; Jes 40,1-5; Joh 1,7: „Der (Johannes) kam zum Zeugnis, damit er von dem Licht zeuge, auf dass alle durch ihn glaubten“. (lies dazu auch Joh 1,19-34). Damit war das Volk Israel grundsätzlich in Kenntnis gesetzt und herausgefordert zu `lernen` also, hinhörende und aufnehmende Schüler zu sein. Und Jesus sagt: „Wer es vom Vater hört und lernt, der kommt zu mir“.

Dann fügt Jesus noch eine wichtige Bemerkung hinzu. Niemand hat den Vater gesehen, nur der Sohn (vgl. dazu auch Joh 1,18; 5,37). Damit wird seine einzigartige Beziehung zu Gott dem Vater hervorgehoben.

Nochmal erinnert Jesus an das Manna in der Wüste und daran, dass jene die das Manna gegessen haben gestorben sind. Im gegensätzlichen Vergleich dazu gibt es keinen Tod für die, welche von dem Brot des Lebens essen werden. Dann eröffnet er eine weitere Seite der geistlichen Rede. Das Brot, welches er geben will, bezieht er auf sein Fleisch (Körper), den er für das Leben der Welt hingeben wird. Es ist ein Hinweis auf sein stellvertretendes Sterben als Lamm Gottes (Joh 1,29. 36). Wenn Jesus vom essen seines Fleisches spricht, dann tut er dies in Anlehnung auf das Opferlamm in Ägypten, welches von den Israeliten (jedem Haus) ganz aufgegessen werden musste. Dies diente zur Errettung des Volkes Israels (2Mose 12,1-10).

 

Sechste Frage der Juden: „Da stritten die Juden untereinander und sprachen: Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben?“ (Joh 6,52).

Immer verwirrter scheinen die Juden zu reagieren, weil sie nur auf der Ebene des natürlich/physischen denken.

 

Antwort von Jesus:Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr nicht esst das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch. Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank. Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm. Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen. Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.“ (Joh 6,53-59). Was für eine Rede! Nicht genug mit „sein Fleisch essen“, nun bietet er auch noch an „sein Blut zu trinken“. Die Schere zwischen der bildhaften Rede von Jesus und dem Missverstehen der Menschen, ging immer weiter auseinander. Dabei führt Jesus seine Zuhörer in die tiefsten Geheimnisse des Erlösungsplanes ein, Sie jedoch werden ihm gegenüber immer ärgerlicher und ablehnender.

  • Im Vergleich zu „Fleisch essen“, gibt es zu „Blut trinken“ in der Passageschichte nur einen indirekten Bezug. Insgesamt war das `Blut trinken` ein absolutes Tabu (3Mose 7,26; 3Mose 17,12; 5Mose 19,26). Dafür gab Gott zwei Gründe an: „Denn des Leibes Leben ist im Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, dass ihr damit entsühnt werdet. Denn das Blut wirkt Entsühnung, weil das Leben in ihm ist.“ (3Mose 17,11). Der Gedanke dabei könnte sein: Die Trennung des Blutes vom Körper hat im allgemeinen gesehen, den Tod zur Folge. Wenn aber das Blut des Opfertieres nach Anordnung Gottes auf den Altar kam, bewirkte es Sühnung. Diese Gesetzmäßigkeit hatte ihre Wirkung im endgültigen Sinne bei Jesus. So lesen wir in Hebräer 9,12: „Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erlangt.“ Und die Teilhabe am Leib und Blut Christi (im Brot und Kelch vorgebildet Mt 26,26) wirkt Leben – EWIGES LEBEN!
  • Das Manna, welches Gott den Israeliten in der Wüste gab, kam von oben und ist ein deutlicher Hinweis, dass das physische Überleben der Israeliten nur durch die spezielle Brotgabe aus dem Jimmel, möglich war.
  • Die Brotvermehrung jenseits des Sees ist ein Zeichen/Hinweis darauf, dass in der Person von Jesus die Leben spendende Quelle verborgen liegt. Er ist der LOGOS aus Gott, das Wort Gottes. Denn „der Mensch lebt nicht vom Brot allein …“ (5Mose 8,3; Mt 4,4).
  • Allein in diesem Text betont Jesus mindestens sechs Mal, dass er aus dem Himmel gekommen ist. Durch die Erklärung über seine Herkunft und Bestimmung, bekommen die Ereignisse wie `das Manna` und `die Brotvermehrung` ihre endgültige Bedeutung – sie weisen auf den von Gott vom Himmel her gesandten Messias als Lamm Gottes.

Jesus fordert die Menschen heraus:

  • auf ihn zu hören
  • ihm zu gehorchen
  • ihm zu glauben
  • ihn aufzunehmen
  • ihm nachzufolgen
  • in ihm zu bleiben.

Dies ist Gottes Wille für uns Menschen, dies ist Gottes Werk in uns – dies ist der einzige Weg zum ewigen Leben.

 

Besondere Aussagen und Merkverse:

  • Brot“ kommt 15 Mal vor, überwiegend im übertragenen Sinne auf den Menschensohn bezogen (6,26. 32; 43-51; 53 und weitere). Später verbindet Jesus die geistliche Speise „Brot“ mit seinem Körper, seinem „Fleisch – gr. „sarx“, welches er dahingeben wird für das Leben der Welt.
  • Vom „Manna“ ist mindestens viermal die Rede
  • Das Verb „glauben“ an den Menschensohn kommt häufig vor
  • Das hebräische `Amen, Amen` = „Wahrlich, wahrlich“ wird an allen Stellen unverändert ins Griechische übertragen (ἀμὴν ἀμὴν – am¢n), auch im Deutschen, wenn es am Ende eines Ausrufsatzes oder Grußes steht. Zu Beginn einer Aussage jedoch wird es überwiegend mit `wahrlich` übersetzt. Es hat die Bedeutung einer betonten Bestätigung. In diesem Text beginnt Jesus viermal einen Abschnitt mit dem doppelten `Amen, amen` (6,26. 32. 47. 53).
  • Viermal „Auferwecke am Jüngsten Tage“ (Joh 6,39. 40. 44. 54)
  • 6,40: „Denn dies ist der Wille meines Vaters, dass jeder, der den Sohn sieht und glaubt an ihn, ewiges Leben habe, und ich werde ihn auferweckcn am jüngsten Tage.“
  • 6,44 „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zu mir zieht und ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage“.
  • 6,47 „Wahrlich, wahrlich ich sage euch: der Glaubende hat ewiges Leben.
  • 6,48 „Ich bin das Brot des Lebens.“

Fragen / Aufgaben:

  1. Wo und wann lehrte Jesus vom Brot des Lebens?
  2. Was war der Auslöser für diese lange Lehreinheit?
  3. Welche Lehrart benutzt Jesus in dieser Situation?
  4. Warum benutzt Jesus Bilder aus dem Alltag und dem Alten Testament? Wie können wir heute Bilder nutzen?
  5. Was ist das Anstößige bei den Bildern, die Jesus benutzte? Was geschieht, wenn bestimmte Worte und Bildreden von Jesus buchstäblich ausgelegt und angewendet werden (V. 61-63)?
  6. Woran denken wir heute beim Brot essen? In welcher Weise ist Jesus heute unser Brot?
  7. Wie verstehen und empfinden wir die Hinweise auf Blut und Fleisch?
  8. Wenn Jesus das Brot des (ewigen) Lebens ist, was bedeutet dies für Menschen die Jesus ablehnen?
  9. Wie konnten so großartige Dinge wie Speisung einer großen Menschenmenge und die Heilung von vielen Menschen so wenig im geistlichen Bereich auslösen? Wenn dies bei Jesus geschieht – dann darf scheinbare Erfolglosigkeit alle späteren Nachfolger nicht aus der Bahn werfen.
  10. Warum verließen viele Jünger Jesus?

 

7.7.3 Die Entscheidung der Jünger und das Bekenntnis zu Jesus

(Bibeltext: Joh 6,63-71)

Der Ev. Johannes beschreibt die Reaktion im erweiterten jüngerkreis und das Bekenntnis des Petrus:

Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören? Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß? Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war? Der Geist ist’s, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben. Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht. Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten würde. Und er sprach: Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben. Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da sprach Jesus zu den Zwölfen: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes. Jesus antwortete ihnen: Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel. Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet ihn hernach und war einer der Zwölf.“ (Joh 6,60-71).

Schon bei der vorherigen Brotpredigt  kann man die Zuhörer in mindestens drei Gruppen einteilen:

  • Menschen mit falschen Erwartungen und unlauteren Motiven
  • Jünger/Nachfolger im erweiterten Sinne
  • die Zwölf
  • Im Text nicht ausdrücklich genannte Bürger von Kapernaum und Umgebung, Menschen unterschiedlicher Einstellungen zu Jesus. Da waren Sympathisanten, Hilfesuchende und Unbußfertige.

Die erste Gruppe ist diskussionsfreudig und stellt Fragen, allerdings aus einem materialistischen Denken heraus. Die zweite und dritte Gruppe überschneidet sich, aber dennoch dürfen wir damit rechnen, dass es Hunderte sind, die Jesus in Galiläa folgen. Nach dem Ende der Lehreinheit sind viele Jünger aus dem erweiterten Kreis (wahrscheinlich sogar auch Judas Iskariot) mit Jesus unzufrieden und murren. In Bezug auf die Rede sagen und fragen sie: „Es ist eine harte (gr. σκληρός skl¢ros) Rede, wer kann sie hören?Hart im Sinne von, nicht verständlich, nicht verdaulich, sogar im Widerspruch zu bestimmten Aussage Gottes in Bezug auf die Unantastbarkeit des menschlichen Körpers (1Mose 9,4-5). Natürlich war ihnen nicht nur die Rede von Jesus, sondern er selbst anstößig. Sie waren entsetzt! Mit dem `Brot essen`, konnten sie noch was anfangen, aber menschliches Fleisch essen und menschliches Blut trinken? Welche Sprache spricht dieser Rabbi, woher bezieht er seine Theologie?

Jesus fragt daraufhin die Jünger direkt: „Ärgert euch dies?“ Hier lesen wir im Grundtext `(σκανδαλίζει  skandalizei`. Dies Wort bedeutet im Griechischen: sich ärgern, anstoßen, in eine Falle zu leiten – also: verärgert diese Rede die Menschen, ist sie anstößig, leitet sie  zur Falle/Sünde? Doch sind es nicht die harten Worte von Jesus, sondern die harten Herzen, die diese Jünger bewegen, die Jesusnachfolge aufzugeben? Der tiefere Sinn der Worte erschließt sich nur wenigen – das buchstäbliche Verständnis ist in der Tat entsetzlich. Ein geistliches Verständnis seiner Worte gibt das Leben – das rein materielle Denken führt in eine Falle (Joh 6,63). Viele verlassen Jesus! Sie sind noch nicht reif für das angebrochene Königreich Gottes. Die Massen gehen – auch viele vom erweiterten Jüngerkreis.

Folgende Aussage von Jesus wird leicht übersehen und überlesen: „Wie, wenn ihr nun sehen werdet den Menschensohn auffahren dahin, wo er zuvor war?“ Das noch Kommende ist für Jesus gegenwärtig. Er ist nicht gekommen, um hier zu bleiben.  Nach Vollendung seines Werkes – wenn er sein Leben hingegeben hat – will und wird  er zu seinem Vater wieder zurückgehen – hinaufsteigen. Damit enttäuscht er noch mehr die Jünger, welche auf seine irdische Thronbesteigung hofften. Eine weitere Bemerkung des Ev. Johannes über Jesus lautet: „Er kannte die, welche nicht glaubten“. Welche Tragkraft, Geduld und Langmut, trotz der Ablehnung, sich weiter diesen Menschen zuzuwenden.

Jesus fragt nun die zwölf: „Wollt ihr etwa auch weggehen?“ Aus der Art der Fragestellung können wir entnehmen, dass er seine Jünger sehr direkt herausfordert, eine erneute und bewusste Entscheidung zu treffen. Wieder ist es Simon Petrus, der als Sprecher der Zwölf, diesmal die äußerst bemerkenswerte prägnante Antwort gibt: „Herr, zu wem sollten wir gehen? Du hast Worte (Aussprüche) ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Heilige Gottes bist“ (Joh 6,68-69). Wir Menschen brauchen jemanden, zu dem wir gehen können, jemand der Worte des Lebens hat. Was für ein einzigartiges Bekenntnis: Jesus gehört zu Gott, er ist der Heilige, der Ausgesonderte, der Gesalbte. Jesus weiß allerdings auch, dass sich nicht alle Jünger diesem Bekenntnis des Petrus anschließen. Und so sagt er: „Habe ich nicht euch zwölf auserwählt (gr. ἐξελεξάμην exelexam¢n?“ Dieses Verb, drückt die souveräne Willensentscheidung von Jesus aus, bestimmte Menschen für bestimmte Dienste auszuwählen und zu berufen. Doch auch diese, für bersondere Dienste ausgewählte Personen werden immer wieder  herausgefordert, sich bewusst für Jesus zu entscheiden.

Jesus fährt fort: „und einer von euch ist ein (διάβολός diabolos Verleumder“. Verborgen bleibt uns, wieso Jesus in den Kreis der Auserwählten einen Verräter beruft und aufnimmt? Er gibt hier einen versteckten und warnenden Hinweis auf den Verräter im Jüngerkreis. Der Ev. Johannes, der ja so viele Jahre später diesen Bericht niederschreibt, erklärt seinen Lesern, dass Jesus damit den Jünger Judas Iskariot meint. Zwar berichtet uns der Ev. Johannes keine Reaktion auf diesen Hinweis, aber es treffen wohl alle Zwölf die Entscheidung Jesus weiter zu folgen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist für uns im Worte Gottes anstö0jg? Was empfinden wir in der Jesusnachfolge als Skandal? Was ist für uns schwierig zu verstehen und zu verdauen?
  2. Was empfinden Menschen, die weggehen und was empfinden Jünger die bleiben?
  3. Was können wir nach Jahren der Jesusnachfolge rückblickend sagen? Hat es sich gelohnt?
  4. Was empfinden wir beim Gedanken, dass ein „schwarzes Schaf“ im Kreis lange geduldet wird?
  5. Können auch Auserwählte fallen, ausbrechen?
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Nur fünf Brote und zwei Fische

7.5 Jesus speist die Fünftausend (+Frauen und Kinder)

(Bibeltexte: Mt 14,13b-21; Mk 6,33-44; Lk 9,11-17; Joh 6,2-15)

Zweimal hat Jesus eine große Menschenmenge mit Brot und Fisch gespeist. Bei der ersten Speisung waren es ungefähr 5000 Männer. Man könnte demnach noch einige Tausend Menschen hinzurechnen. Es war nicht üblich in Israel, dass Frauen und Kinder bei Zählungen mitgerechnet wurden (2Mose 12,37). Beim zweiten Mal waren es ungefähr 4000 Männer ohne Frauen und Kinder (Mt 15,29-39; Mk 8,1-10). In Matthäus 16,6-12 und Markus 8,17-21.nimmt Jesus noch einmal Bezug auf beide Wunder/Zeichen.

Im Vordergrund der Geschichte steht die Stillung des natürlichen Bedürfnisses – der Hunger der vielen Menschen. Neben diesen mehr äußerlichen Details werden uns besonders die geistliche Botschaft und die Bedeutung dieses Zeichens beschäftigen.

 

7.5.1 Der Ort der ersten Brotvermehrung

Der Ev. Johannes schreibt: „Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißtUnd es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.“ (Joh 6,1-2) (Joh 6,1-2).

Abbildung 7 Der Nordostabsschnitt des Sees vom sogenannten Berg der Seligpreisungen aus gesehen. Bethsaida lag zur Zeit Jesu westlich der Jordanmündung, also noch in Galiläa. Heute liegen die Ruinenreste von Bethsaida  östlich des Jordan, weil der Fluss im Mündungsbereich seinen Lauf geändert hat. Das dahinter liegende Land im Nordosten des Sees war auch schon im Altertum wenig besiedelt (Foto: Juli 1994)

Jesus befand sich vor der Abfahrt irgendwo am Nordwestufer des Sees, entweder in Kapernaum oder westlich davon. Viele Menschen, die das Wunder der Brotvermehrung erlebten, waren Bürger aus der Stadt Kapernaum, so die Hinweise aus Johannes 6,24.59. Das Volk, welches ihm daraufhin nachfolgte, war nicht mit Booten, sondern zu Fuß unterwegs. Das heißt, sie gingen am Ufer entlang in die gleiche Richtung, wohin auch das Boot mit Jesus fuhr, so die Bemerkung des Ev. Matthäus: „Und als das Volk das hörte, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten.“ (Mt 14,13). Der Ev. Markus ergänzt: „Und man sah sie wegfahren, und viele hörten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor.“ (Mk 6,31-33). Die Menschen hatten eine gute Übersicht über den See und die Richtung, in welcher das Boot mit Jesus fuhr. Sie machten sich also zu Fuß auf den Weg und viele von ihnen kamen dort vor Jesus an. Der Ev. Lukas nennt den Ort in dessen Nähe dieses Speisungswunder geschah: „Und er (Jesus) nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida..“ (Lk 9,10). Die Evangelisten betonen, dass es ein einsamer Ort, bzw. unbewohnte Gegend war, in der Jesus das Volk speiste. Aus all diesen Hinweisen können wir mit einiger Sicherheit sagen, dass sich der Ort der Brot- und Fischvermehrung in der Gegend südöstlich von Bethsaida befand. Dies wäre in der Trachonitis, also im Herrschaftsgebiet des Herodes Philippus (Lk 3,1; vgl. dazu auch Joh 6,16).

Abbildung 8 Das Mosaik mit Brot und Fisch in der Kapelle bei Tabgha, westlich von Kapernaum gelegen. Es oll an die wunderbare Brot- und Fischvermehrung für die 5000 erinnern (Foto: April 1986).

Bereits im 4./5. Jh. entstand eine Tradition, der zufolge die Brot- und Fischvermehrung für die 5000 am Nordwestufer des Sees stattgefunden haben soll. Dort wurde über den Resten frühchristlicher Bauten eine neue Kirche erbaut. Seit 1888 gehört das Gelände der Deutschen Katholischen Palästinamission. Für die Verlegung der Tradtion vom Nordostufer auf das Nordwestufer könnten folgende Gründe angeführt werden:

  • Unzureichende Textkenntnisse der Evangelienberichte.
  • Der Bau einer Kirche mitten im Niemandsland in unbewohnter Gegend wäre aufwendig gewesen.
  • Praktische Überlegungen in Bezug auf die Pilger, welche mit dem beginnenden 4. Jh. vermehrt nach Palästina strömten, um die Stätten, die mit dem Wirken von Jesus in Verbindung gebracht wurden, aufzusuchen. So wurde hier in unmittelbarer Nähe zu Kapernaum, Tabgha, dem Berg der Seligpreisungen, auch der Brotvermehrungstradition ein Denkmal gestiftet. Auf dem Weg ans Nordostufer musste man das Joprdandelta überqueren oder die weiter oben gelegene Brücke benutzen. So ähnlich geschah es auch mit der Taufstelle von Jesus, die in den späteren Jahrhunderten auf das Westufer des unteren Jordan verlegt wurde (Siehe 3. Kapitel, Abschnitt: „Die Taufe von Jesus im Jordan“).

 

7.5.2 Die zeitliche Einordnung

Nach Johannes 2,13 und 5,1(?) war Jesus bereits zweimal in Jerusalem beim jährlichen Passafest gewesen. Nach Johannes 6,4 stand das seit Beginn der Wirksamkeit von Jesus (dritte ?) jüdische Passafest kurz bevor, d.h. Jesus wirkte bereits etwa 2 ¾ (2 ¼) Jahre. Vor ihm lag also noch ein Jahr des Dienstes. Übrigens sagt Johannes nichts über den dritten Passabesuch von Jesus (Joh 6,4). Es ist durchaus möglich, dass er zu diesem Passa nicht gegangen ist, sondern erst im Herbst zum Laubhüttenfest (Joh 7,1ff). Jesus begann mit seiner Wirksamkeit etwa im Sommer 29 des 1. Jh.. Im Jahr 32 fiel der 14. Nisan auf Montag den 14. April. Das Speisungswunder hatte damit etwa Ende März, Anfang April stattgefunden.

 

7.5.3 Die Details des Wunders

Bei der Schilderung des Speisungswunders ergänzen sich die Evangelisten, so dass die folgende Reihenfolge der Geschehnisse vorstellbar wäre:

  • Jesus steigt mit seinen Jüngern am Nordostufer des Sees aus dem Boot. Doch bereits davor konnte man Menschen sehen, die am Nordostufer entlang gingen. Eigentlich wollte er sich mit seinen Jüngern an einem einsamen Ort ein wenig ausruhen. Doch er nimmt die vielen Menschen wahr, die zu Fuß zu ihm geeilt waren. Einige sind bereits schon da und erwarten ihn. Er geht auf den nahe gelegenen Berg/Anhöhe (Joh 6,3) und setzt sich dort mit seinen Jüngern.
  • Er beobachtet, wie viele Menschen sich ihm nahen und empfindet Erbarmen mit ihnen. Für ihn sind sie wie Schafe, die keinen Hirten haben (Mt 14,14b; Mk 6,34b).
  • Er heißt sie willkommen (Lk 9,11a).
  • In einer langen Lehreinheit spricht er zu ihnen über das Reich Gottes und heilt Kranke (Lk 9,11b; Mk 6,34c).
  • Mittlerweile ist es schon spät geworden (Lk 9,12a; Mk 6,35a). Matthäus beschreibt den Zeitpunkt des Herantretens der Jünger zu Jesus: „Als es aber schon Abend geworden war (…)“ (Mt 14,15a). Der Ev. Johannes, nennt den Zeitpunkt des Abschlusses des Mahls: „Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger hinab an den See.“ (Joh. 6,16).
  • Der lichte Tag endet nach damaliger Auffassung mit dem Sonnenuntergang, um diese Jahreszeit ist dies etwa 18.30-19 Uhr.
  • Matthäus berichtet, dass die Zwölf mit der Bitte zu Jesus kommen, die Menschen doch zu entlassen, damit sie in die nahe gelegenen Orte gehen könnten, um sich Speise zu kaufen (Mt 14,15; Mk 6,35-36; Lk. 9,12).
  • Jesus entgegnet ihnen: „Es ist nicht nötig, dass sie hingehen, gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14,16; Mk 6,37a; Lk 9,13a).
  • Jesus fragt Philippus, der aus dem benachbarten Bethsaida stammte (Joh 6,5; 1,44; 12,21): „Woher sollen wir Brote kaufen, damit diese essen können“? „Aber dies sagte er, um ihn zu versuchen (prüfen), denn er wusste, was er tun wollte“ (Joh 6,6).
  • Nun ist Philippus der weitere Sprecher der Jünger, obwohl es heißt, dass sie sich alle am Gespräch beteiligten.
  • In Lukas 9,13 stellen zunächst alle die Frage: „sollen wir denn hingehen und für diese alle Brot kaufen“?

Philippus argumentiert (Joh 6,7): „Für zweihundert Denare Brote reichen nicht für sie hin, dass jeder auch nur ein wenig bekomme“. Ein ´δημαριος – d¢narios – Denarius/Denar/Dinar (röm. Währung) entsprach dem Tageslohn eines Tagelöhners (Mt 20,2. 9). Zweihundert Tageslöhne (bei Leiharbeiter) würden heute (pro Tag 60,- €) ca. 12.000 € ausmachen. Ein Kilo Brot kostet heute zwischen 2,50 bis 4,00 €. Demnach könnte man heute für zweihundert Tageslöhne rund 4000 kg Brot kaufen. Laut Berechnung der Jünger konnte man damals für zweihundert Denare bei weitem nicht so viele Brote kaufen, dass ein jeder nur ein wenig davon bekommen hätte. An der Berechnung und vorläufigen Aussage haben alle teilgenommen (Mk 6,37;  Lk 9,13b).

  • Jesus fragt sie: „Wie viele Brote habt ihr hier, geht hin und erkundigt euch“ (Mk 6,38).
  • Nach der Erkundigung übernimmt das Wort Andreas, der Bruder des Simon Petrus: „Es ist ein Junge hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, aber was ist dies für so viele“ (Joh 6,9; siehe Mt 14,17;  Mk 6,38b)? Rechnet man pro Person etwa ein ½ kg Brot, dann sind die fünf Brote von Jesus mehr als tausendfach vermehrt worden. Die griechische Bezeichnung `’παιδάριον – paidarion`  meint einen kleinen Jungen zwischen acht und zehn Jahren.
  • Jesus aber sagt: „Lasst die Leute sich lagern auf das Gras“ (Joh 6,10a). Ende März ist noch Regenzeit in Israel. Darum ist besonders diese Region rund um den See Gennesaret mit einem grünen Grasteppich und bunten Feldblumen übersät. Fern vom Lärm der Städte, mitten in Gottes wunderschöner Natur erleben Tausende durch den Dienst von Jesus und seinen Jüngern Erquickung an Leib und Seele. Lukas ergänzt: „In Gruppen zu je fünfzig“ (Lk 9,15). Markus präzisiert: „In Gruppen zu je hundert und je fünfzig“ (Mk 6,40). Jesus legt also großen Wert auf Ordnung durch Übersicht.
  • Jesus dankt (Joh 6,11) segnet das Brot und die Fische (Mt 14,19; Mk 6,41; Lk 9,16), bricht sie, gibt sie den Jüngern und diese teilen alles aus.
  • Nach dem Essen ordnet Jesus an, dass die übrigen Brocken eingesammelt werden. Der Vergleich von Mt 15,27 mit 14,20 macht deutlich, dass hier die übriggebliebenen Brocken gemeint sind,- gr.´κλάσματων – klasmaton´, nicht ´Brohsamen gr. ´πσιχιων – psichion´.Zwölf Körbe voll mit Resten bleiben übrig (Mt 14,20; Mk 6,43; Lk 9,17; Joh 6,13). Die griechische Bezeichnung `κόφινοςkophinos` für Handkorb, nutzte man in Galiläa. Dagegen bezeichnete man diese Art von Körben im Osten des Sees `σπύρις – spyris`, was bei der Speisung der viertausend eine Bedeutung hat (Mk8,8). Diese Zahl Zwölf kann man zunächst als einen Hinweis auf die zwölf Stämme Israels verstehen, welche Jesus auf eine neue und geistliche Weise zusammenführen wollte (Mt 15,24). Vielleicht auch auf die zwölf Apostel des Herrn, sozusagen, jeder hatte am Ende einen Korb in der Hand, was aus einer vorhergehenden Aussage von Jesus „gebt ihr ihnen zu essen“ abzuleiten wäre. Alle vier Evangelisten verstehen dies wohl als einen besonderen Hinweis darauf, dass mit Jesus die geistliche Sammlung des Gottes Volkes beginnt (siehe auch Jes 49,6).

 

7.5.4 Die Bedeutung des Speisungswunders

Wie wir bereits bei dem Wasser/Wein-Wunder gesehen haben, deutet auch die Brotvermehrung zeichenhaft auf den Messias hin. „Als die Menschen das Zeichen sahen, sprachen sie: „Dies ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.“ (Joh 6,14). Das griechische Wort `shmei/on s¢meion` übersetzen wir als Hinweis. Die Taten von Jesus weisen darauf hin, dass er der von Gott gesandte Gesalbte/Messias ist. Die Menschen erkennen in Jesus den von Gott durch Mose verheißenen Propheten. Dies kann ein Anklang an 5Mose 18,15 sein: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, erstehen lassen“. Doch wie setzen die Menschen ihre Erkenntnis um? Es folgt eine politische Reaktion der Masse – sie wollen Jesus zu ihrem (Gegen-) König machen. Doch Jesus weicht dieser menschlichen Ehre und Verantwortung aus. Er ist nicht an einem irdischen Königreich interessiert – er will auch mit keinem politischen Würdenträger verglichen werden – auch mit keinem Revolutionsführer.

Jesus gibt der Menge reichlich Brot zum Leben, Darüber hinaus ist er in Person das Brot des Lebens (Joh 6,33-35) – was für eine überreiche Gabe!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Durch welche Zeitangaben im Johannesevangelium lässt sich das Speisungswunder im Leben von Jesus einordnen und zu welcher Jahreszeit fand es statt?
  2. Wo fand diese Speisung statt? Aufgrund welcher Textaussagen können wir den ungefähren Ort, bzw. Gegend des Geschehens feststellen?
  3. Wer waren die vielen Menschen, woher kamen sie? Warum wurden damals die Frauen und Kinder nicht mitgezählt?
  4. An welche alttestamentlichen Geschichten erinnert uns diese Brotvermehrung (2Mose 16,31; 5Mose 8,3.16; 1Kön 17,12-16)?
  5. Was steht im Vordergrund, wenn Jesus Menschen dient?
  6. Was beschäftigte die Jünger gegen Abend in erster Linie?
  7. Welche Jünger von Jesus werden in Johannes 6 namentlich genannt?
  8. Was denken wir über den nicht namentlich genannte Jungen mit seinen fünf Broten und zwei Fischen?
  9. Löse die Rechenaufgaben in dieser Geschichte. Wie viele Gerstenbrote hätte man gebraucht, wie viel Geld wäre dafür nötig gewesen? Wie viel Brot stand am Ende dem Einzelnen zur Verfügung?
  10. Warum legt Jesus so großen Wert auf Sitzordnung und sorgfältigen Umgang mit Übriggebliebenem, was bedeutet es heute für uns?
  11. Wie viele Körbe mit Brocken wurden aufgehoben und auf was könnten sie hindeuten?
  12. Wozu dienen die Wunder von Jesus, welchen Zweck erfüllen sie?
  13. Wo nimmt Jesus noch Bezug auf das Brot? Welche geistliche Bedeutung kommt dem Brot zu?
  14. Warum lehnt Jesus ein politisches Amt ab? (selbst die Ehrenbezeichnung!)
  15. Wie schließt Jesus diese Tagesversammlung ab?
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Als aber die Leute das Wunder-Zeichen sahen

7.5 Jesus speist die Fünftausend (+ Frauen und Kinder)

(Bibeltexte: Mt 14,13b-21; Mk 6,33-44; Lk 9,11-17; Joh 6,2-15)

 

Zweimal hat Jesus eine große Menschenmenge mit Brot und Fisch gespeist. Bei der ersten Speisung waren es ungefähr 5000 Männer, wobei Frauen und Kinder nicht mitgerechnet wurden. Man könnte demnach noch einige Tausend Menschen hinzurechnen. Beim zweiten Mal waren es ungefähr 4000 Männer ohne Frauen und Kinder (Mt 15,29-39; Mk 8,1-10). In Matthäus 16,6-12 und Markus 8,17-21.nimmt Jesus noch einmal Bezug auf beide Wunder/Zeichen.

Im Vordergrund steht die Stillung des natürlichen Bedürfnisses – der Hunger der vielen Menschen. Neben diesen mehr äußerlichen Details werden uns besonders die geistliche Botschaft und die Bedeutung dieses Zeichens beschäftigen.

 

7.5.1 Der Ort der ersten Brotvermehrung

Der Evangelist Johannes schreibt: „Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißtUnd es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.“ (Joh 6,1-2).

 

 

Abbildung:  Der Nordostabsschnitt des Sees vom sogenannten Berg der Seligpreisungen aus gesehen. Bethsaida lag zur Zeit Jesu westlich der Jordanmündung, also noch in Galiläa. Heute liegen die Ruinenreste von Bethsaida östlich des Jordan, weil der Fluss seinen Lauf geändert hat. Das dahinter liegende Land im Nordosten des Sees war auch schon im Altertum wenig besiedelt. (Foto: Juli 1994)..

Jesus befand sich vor der Abfahrt irgendwo am Nordwestufer des Sees, entweder in Kapernaum oder westlich davon. Viele Menschen, die das Wunder der Brotvermehrung erlebten, waren Bürger aus der Stadt Kapernaum, so die Hinweise aus Johannes 6,24.59. Das Volk, welches ihm daraufhin nachfolgte, war nicht mit Booten, sondern zu Fuß unterwegs. Das heißt, sie gingen am Ufer entlang in die gleiche Richtung, wohin auch das Boot mit Jesus fuhr, so die Bemerkung des Ev. Matthäus: „Und als das Volk das hörte, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten.“ (Mt 14,13). Der Ev. Markus ergänzt: „Und man sah sie wegfahren, und viele hörten es und liefen aus allen Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor.“ (Mk 6,31-33). Die Menschen hatten eine gute Übersicht über den See und die Richtung, in welcher das Boot mit Jesus fuhr. Sie machten sich also zu Fuß auf den Weg und viele von ihnen kamen dort vor Jesus an. Der Ev. Lukas nennt den Ort in dessen Nähe dieses Speisungswunder geschah: „Und er (Jesus) nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida..“ (Lk 9,10). Die Evangelisten betonen, dass es ein einsamer Ort, bzw. unbewohnte Gegend war, in der Jesus das Volk speiste. Aus all diesen Hinweisen können wir mit einiger Sicherheit sagen, dass sich der Ort der Brot- und Fischvermehrung in der Gegend südöstlich von Bethsaida befand. Dies wäre in der Trachonitis, also im Herrschaftsgebiet des Herodes Philippus (Lk 3,1; vgl. dazu auch Joh 6,16).

Abbildung 8 Das Mosaik mit Brot und Fisch in der Kapelle bei Tabgha, westlich von Kapernaum gelegen. Es oll an die wunderbare Brot- und Fischvermehrung für die 5000 erinnern (Foto: April 1986).

Abbildung 8 Das Mosaik mit Brot und Fisch in der Kapelle bei Tabgha, westlich von Kapernaum gelegen. Es oll an die wunderbare Brot- und Fischvermehrung für die 5000 erinnern (Foto: April 1986).

 

Bereits im 4./5. Jh. entstand eine Tradition, der zufolge die Brot- und Fischvermehrung für die Fünftausend am Nordwestufer des Sees stattgefunden haben soll. Dort wurde über den Resten frühchristlicher Bauten eine neue Kirche erbaut. Seit 1888 gehört das Gelände der Deutschen Katholischen Palästinamission. Für die Verlegung der Tradtion vom Nordostufer auf das Nordwestufer könnten folgende Gründe angeführt werden:

  1. Unzureichende Textkenntnisse der Evangelienberichte
  2. Der Bau einer Kirche mitten im Niemandsland in unbewohnter Gegend wäre aufwendig gewesen
  3. Praktische Überlegungen in Bezug auf die Pilger, welche mit dem beginnenden 4. Jh. vermehrt nach Palästina strömten, um die Stätten, die mit dem Wirken von Jesus in Verbindung gebracht wurden, aufzusuchen. So wurde hier in unmittelbarer Nähe zu Kapernaum, Tabgha, dem Berg der Seligpreisungen, auch der Brotvermehrungstradition ein Denkmal gestiftet. Auf dem Weg ans Nordostufer musste man das Joprdandelta überqueren oder die weiter oben gelegene Brücke benutzen. So ähnlich geschah es auch mit der Taufstelle von Jesus, die in den späteren Jahrhunderten auf das Westufer des unteren Jordan verlegt wurde (Siehe 3. Kapitel, Abschnitt: „Die Taufe von Jesus im Jordan“).

 

7.5.2 Die zeitliche Einordnung

Nach Johannes 2,13 und 5,1(?) war Jesus bereits zweimal in Jerusalem beim jährlichen Passahfest gewesen. Nach Johannes 6,4 stand das seit Beginn der Wirksamkeit von Jesus (dritte ?) jüdische Passahfest kurz bevor, d.h. Jesus wirkte bereits etwa 2 ¾ (2 ¼) Jahre. Vor ihm lag also noch ein Jahr des Dienstes. Übrigens sagt Johannes nichts über den dritten Passahbesuch von Jesus. Es ist durchaus möglich, dass er zu diesem Passah, welches in Johannes 6,4 genannt wird, nicht gegangen ist, sondern erst im Herbst zum Laubhüttenfest (Joh 7,1ff). Jesus begann mit seiner Wirksamkeit etwa im Sommer 29 des 1. Jh.. Im Jahr 32 fiel der 14. Nisan auf Montag den 14. April. Das Speisungswunder hatte damit etwa Ende März, Anfang April stattgefunden.

 

7.5.3 Die Details des Wunders

Bei der Schilderung des Speisungswunders ergänzen sich die Evangelisten, so dass die folgende Reihenfolge der Geschehnisse vorstellbar wäre:

  • Jesus steigt mit seinen Jüngern am Nordostufer des Sees aus dem Boot. Noch vom Boot aus konnte man Menschen sehen, die am Nordostufer entlang gingen. Eigentlich wollten er sich mit seinen Jüngern an einem einsamen Ort ein wenig ausruhen. Doch er nimmt die vielen Menschen wahr, die zu Fuß zu ihm geeilt waren. Einige sind bereits schon da und erwarten ihn. Er geht auf den nahe gelegenen Berg/Anhöhe (Joh 6,3) und setzt sich dort mit seinen Jüngern.
  • Er beobachtet, wie viele Menschen sich ihm nahen und empfindet Erbarmen mit ihnen. Für ihn sind sie wie Schafe, die keinen Hirten haben (Mt 14,14b; Mk 6,34b).
  • Er heißt sie willkommen (Lk 9,11a).
  • In einer langen Lehreinheit spricht er zu ihnen über das Reich Gottes und heilt Kranke (Lk 9,11b; Mk 6,34c).
  • Mittlerweile ist es schon spät geworden (Lk 9,12a; Mk 6,35a). Matthäus beschreibt den Zeitpunkt des Herantretens der Jünger zu Jesus: „Als es aber schon Abend geworden war (…)“ (Mt 14,15a). Der Evangelist Johannes, nennt den Zeitpunkt des Abschlusses des Mahls: „Als es aber Abend geworden war, gingen seine Jünger hinab an den See.“ (Joh. 6,16).
  • Der lichte Tag endet nach damaliger Auffassung mit dem Sonnenuntergang, um diese Jahreszeit ist dies etwa 18.30-19 Uhr.
  • Matthäus berichtet, dass die Zwölf zu Jesus mit der Bitte kommen, die Menschen doch zu entlassen, damit sie in die nahe gelegenen Orte gehen könnten, um sich Speise zu kaufen (Mt 14,15; Mk 6,35-36; Lk. 9,12).
  • Jesus entgegnet ihnen: „Es ist nicht nötig, dass sie hingehen, gebt ihr ihnen zu essen“ (Mt 14,16; Mk 6,37a; Lk 9,13a).
  • Jesus fragt Philippus, der aus dem benachbarten Bethsaida stammte (Joh 6,5; 1,44; 12,21): „Woher sollen wir Brote kaufen, damit diese essen können“? „Aber dies sagte er, um ihn zu versuchen (prüfen), denn er wusste, was er tun wollte“ (Joh 6,6).
  • Nun ist Philippus der weitere Sprecher der Jünger, obwohl es heißt, dass sie sich alle am Gespräch beteiligten.
  • In Lukas 9,13 stellen zunächst alle die Frage: „sollen wir denn hingehen und für diese alle Brot kaufen“?
  • Philippus argumentiert (Joh 6,7): „Für zweihundert Denare Brote reichen nicht für sie hin, dass jeder auch nur ein wenig bekomme“. Ein ´dhna,riojd¢narios – Denarius/Denar/Dinar (röm. Währung) entsprach dem Tageslohn eines Tagelöhners (Mt 20,2.9). Zweihundert Tageslöhne (bei Leiharbeiter) würden heute (pro Tag 60,- €) ca. 12.000 € ausmachen. Ein Kilo Brot kostet heute zwischen 2,50 bis 4,00 €. Demnach könnte man heute für zweihundert Tageslöhne rund 4000 kg Brot kaufen. Laut Berechnung der Jünger konnte man damals für zweihundert Denare bei weitem nicht so viele Brote kaufen, dass ein jeder nur ein wenig davon bekommen hätte. An der Berechnung und vorläufigen Aussage haben alle teilgenommen (Mk 6,37;  Lk 9,13b).
  • Jesus fragt sie: „Wie viele Brote habt ihr hier, geht hin und erkundigt euch“ (Mk 6,38).
  • Nach der Erkundigung übernimmt das Wort Andreas, der Bruder des Simon Petrus: „Es ist ein Junge hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische, aber was ist dies für so viele“ (Joh 6,9; siehe Mt 14,17;  Mk 6,38b)? Rechnet man pro Person etwa ein ½ kg Brot, dann sind die fünf Brote von Jesus mehr als tausendfach vermehrt worden. Die griechische Bezeichnung `paida,rionpaidarion`  meint einen kleinen Jungen zwischen acht und zehn Jahren.
  • Jesus aber sagt: „Lasst die Leute sich lagern auf das Gras“ (Joh 6,10a). Ende März ist noch Regenzeit in jener Gegend. Darum ist besonders diese Region rund um den See Gennesaret mit einem grünen Grasteppich und bunten Feldblumen übersät. Fern vom Lärm der Städte, mitten in Gottes wunderschöner Natur erleben Tausende durch den Dienst von Jesus und seinen Jüngern Erquickung an Leib und Seele. Lukas ergänzt: „In Gruppen zu je fünfzig“ (Lk 9,15). Markus präzisiert: „In Gruppen zu je hundert und je fünfzig“ (Mk 6,40). Jesus legt also großen Wert auf Ordnung.
  • Jesus dankt (Joh 6,11) segnet das Brot und die Fische (Mt 14,19; Mk 6,41; Lk 9,16), bricht sie, gibt sie den Jüngern und diese teilen alles aus.
  • Nach dem Essen ordnet Jesus an, dass die übrigen Brocken eingesammelt werden. Der Vergleich von Mt 15,27 mit 14,20 macht deutlich, dass hier die übriggebliebenen Brocken gemeint sind,- gr.´κλάσματων – klasmaton´, nicht die ´Brohsamen gr. ´psiciw?n – psichion´. Zwölf Körbe voll mit Resten bleiben übrig (Mt 14,20; Mk 6,43; Lk 9,17; Joh 6,13). Die griechische Bezeichnung `ko,finoj – kophinos` für Handkorb, nutzte man in Galiläa. Dagegen bezeichnete man diese Art von Körben im Osten des Sees (der Dekapolis) `spuri,j spyris`, was bei der Speisung der viertausend eine Bedeutung hat (Mk 8,8). Diese Zahl Zwölf kann man zunächst als einen Hinweis auf die zwölf Stämme Israels verstehen, welche Jesus auf eine neue und geistliche Weise zusammenführen wollte (Mt 15,24). Alle vier Evangelisten verstehen dies wohl als einen besonderen Hinweis darauf, dass mit Jesus die geistliche Sammlung des Gottes Volkes beginnt (siehe auch Jes 49,6).

 

7.5.4 Die Bedeutung des Wunders

Wie wir bereits bei dem Wasser/Wein-Wunder gesehen haben, deutet auch die Brotvermehrung zeichenhaft auf den Messias hin. „Als die Menschen das Zeichen sahen, sprachen sie: „Dies ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll.“ (Joh 6,14). Das griechische Wort `shmei/on s¢meion` übersetzen wir als Hinweis. Die Taten von Jesus weisen darauf hin, dass er der von Gott gesandte Gesalbte/Messias ist. Die Menschen erkennen in Jesus den von Gott durch Mose verheißenen Propheten. Dies kann ein Anklang an 5Mose 18,15 sein: „Einen Propheten wie mich wird dir der HERR, dein Gott, aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, erstehen lassen“.

Es folgt eine politische Reaktion der Masse – sie wollen Jesus zu ihrem (Gegen-) König machen. Doch Jesus weicht dieser menschlichen Ehre und Verantwortung aus. Er ist nicht an einem irdischen Königreich interessiert – er will auch mit keinem politischen Würdenträger verglichen werden – auch mit keinem Revolutionsführer.

Jesus gibt der Menge reichlich Brot zum Leben, Darüber hinaus ist er in Person das Brot des Lebens (Joh 6,33-35) – was für eine überreiche Gabe!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Durch welche Zeitangaben im Johannesevangelium lässt sich das Speisungswunder im Leben von Jesus einordnen und zu welcher Jahreszeit fand es statt?
  2. Wo fand diese Speisung statt? Aufgrund welcher Textaussagen können wir den ungefähren Ort, bzw. Gegend des Geschehens feststellen?
  3. Wer waren die vielen Menschen, woher kamen sie?
  4. An welche alttestamentlichen Geschichten erinnert uns diese Brotvermehrung (2Mose 16,31; 5Mose 8,3.16; 1Kön 17,12-16)?
  5. Was steht im Vordergrund, wenn Jesus Menschen dient?
  6. Was beschäftigte die Jünger gegen Abend in erster Linie?
  7. Welche Jünger von Jesus werden in Johannes 6 namentlich genannt?
  8. Wie kommt bei uns der nicht namentlich genannte Junge mit seinen fünf Broten und zwei Fischen an?
  9. Löse die Rechenaufgaben in dieser Geschichte. Wie viele (Fladen)Brote hätte man gebraucht, wie viel Geld wäre dafür nötig gewesen? Wie viel Brot stand am Ende dem Einzelnen zur Verfügung?
  10. Warum legt Jesus so großen Wert auf Sitzordnung und sorgfältigen Umgang mit Übriggebliebenem, was bedeutet es heute für uns?
  11. Wie viele Körbe mit Brocken wurden aufgehoben und auf was deuten sie hin?
  12. Wozu dienen die Wunder von Jesus, welchen Zweck erfüllen sie?
  13. Wo nimmt Jesus noch Bezug auf das Brot? Welche geistliche Bedeutung kommt dem Brot zu?
  14. Warum lehnt Jesus ein politisches Amt ab? (selbst die Ehrenbezeichnung!)
  15. Wie schließt Jesus diese Tagesversammlung ab?

 

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