UNTERWEGS MIT JESUS

Jesus, wohin gehst du?

„Ich muss wandern heute und morgen und am dritten Tag werde ich vollendet.“

Kapitel 1 : Die Geburt und Kindheit von Jesu

Abbildung 1 Kapernaum am Nordufer des Sees von Genezaret. Von dem Ausgrabungsgelände ist wegen dem vielen Grün nicht viel zu sehen, dafür aber sticht die, östlich der alten Hafenstadt gelegene, griechisch-orthodoxe Kirche mit ihrer roten Kuppel deutlich hervor (Foto: Juli 1994).

 

Abbildung 2 Das Nordost- und Ostufer des Sees von Genezaret. Der dichte Baumbestand markiert den Verlauf des Jordan unmittelbar vor seiner Mündung in den See. Im Osten des Sees steigt das Gelände steil aufwärts zum Gebiet der ehemaligen Dekapolis (heute Golanhöhen) (Foto: Juli 1994).

Eine Bibelstudienreihe über das Leben und den Dienst von Jesus Christus für Hauskreise von Paul Schüle und Hans-Ulrich Linke 

Vorwort

Die vorliegende Bibelstudienreihe zum Leben und dem Dienst von Jesus Christus für Hauskreise von Paul Schüle und Hans-Ulrich Linke ist in 12 Kapitel unterteilt. Damit der Leser schnell zu den gewünschten Stellen findet, sind die Kapitel in Haupt- und Unterabschnitte aufgeteilt. Die Fragen bzw. Aufgaben am Ende von jedem Abschnitt sind eine Hilfe zur Vertiefung der Themen und regen zum Eigenstudium an. Die Zeichnungen sind signiert, die Fotos von den Urhebern genehmigt, bei weiterer Verwendung nur mit Quellenangabe bzw. Angabe der Webseite. Da die vorliegende Arbeit noch nicht abgeschlossen ist, werden die einzelnen Kapitel nach und nach hochgeladen und veröffentlicht.

Einleitung

Paul Schüle, Pforzheim, und Hans-Ulrich Linke, Biebesheim, stehen im Gespräch über manche Details des folgenden Textes. Oft erstellte Paul eine Vorlage, die dann bearbeitet wurde.

Die Bibelzitate sind direkt übersetzt oder stammen aus der Elberfelder Übersetzung (1985/1991), Lutherübersetzung (1984/85 und 2017) oder anderen am Ort genannten Bibelübersetzungen.

Die Bibelzitate (fett und kursiv) sind im Text bewusst eingefügt worden, um die Heilige Schrift selbst sprechen zu lassen.

Diese Ausarbeitung wurde geschrieben, da sich die beiden Autoren an der Debatte über die Bedeutung des historischen Jesus für unsere Theologie heute beteiligen wollen. Unser Projekt besteht darin, dass Leben und Werk unseres Herrn und Erlösers Jesus geordnet – wenn möglich – chronologisch wiederzugeben. Dabei gehen wir von der kanonischen Form der Heiligen Schrift aus und nehmen die vier Evangelien in gleichberechtigter Weise zur Grundlage. Während die synoptischen Evangelien vom irdischen Jesus geprägt einen Bericht geben, ist das Evangelium nach Johannes stark vom himmlischen Jesus her geprägt. Alle vier Berichte jedoch gehen nach unserer Erkenntnis als Bekenntnistexte auf Augenzeugen zurück. Ein gebräuchliches Wort für Augenzeugen, „Beobachter“, ist in der griechischen Literatur `έπόπται – epoptai`. Es wird in 2Petr 1,16 benutzt (Thiede 2006, 60). Diese sind wahrscheinlich in der 2. Hälfte des 1. Jahrhunderts verfasst worden und sind von der frühen Kirche gemeinsam in den Kanon aufgenommen worden. Carsten Peter Thiede merkt an: „Kenner der antiken Literatur und vor allem der Geschichte bevorzugen inzwischen frühe Datierungen, nämlich vor der Zerstörung des Tempels im Jahr 70 nach Christus.“ (Thiede 2006, 50)

Uns ist bewusst, dass es nicht „die Biographie” von Jesus geben kann, da Geschichte immer nur interpretierte Geschichte ist. Die Evangelisten hatten den Freiraum aus den ihnen vorliegenden Informationen bestimmte Aspekte hervorzuheben oder andere wegzulassen. Die so entstandenen unterschiedlichen Darstellungen bestärken unser Vertrauen in die Historizität dieser Berichte. Bei dieser Interpretation helfen uns in besonderer Weise Prophetien und Verheißungen des Alten Testaments und die daraus abgeleiteten jüdischen Endzeiterwartungen.

Zu beachten ist dabei die zweifache Art der jüdischen Textüberlieferung. Die strikte Textüberlieferung finden wir bei der Textüberlieferung für den Gottesdienstgebrauch, Studium und bei der Arbeit des Abschreibens. Wir kennen aber auch die freiere Textüberlieferung, wie wir sie in den Lehrschriften (Haggada der Midraschim) und in den Übersetzungen (Targumim) finden. Die freiere Überlieferung lässt Raum für die theologische Arbeit der Evangelisten in Bezug auf Anordnung und Gestaltung des Rahmens. Die Harmonisierung der Evangelien ist an vielen Stellen nicht möglich, da dies auch nicht das Ziel der Autoren und der frühen Gemeinden war. Darum sehen wir dies auch nicht als unseren Auftrag an. Bei der Einarbeitung der Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschung interessieren uns besonders die literarischen Hinweise aus dem 1. Jahrhundert vor und nach der Geburt von Jesus, sowie die kulturellen Hinweise aus dieser Zeit. Uns ist dabei bewusst, dass die Evangelien für Gemeindeglieder verfasst wurden, die schon reichlich durch mündliche Berichte informiert waren. Doch genau diese mündliche – oft apostolische – Tradition als Hintergrundinformation (siehe Apg 10,36-43) fehlt uns heute. Im Vordergrund stehen das Kennen lernen der biblischen Informationen und eine vergleichende Bestandsaufnahme der vom Heiligen Geist inspirierten vier Evangelien. Diese sind jedoch Gelegenheitsschriften an jeweils eine besondere Zielgruppe. Wir sind uns dabei bewusst, dass auch das Lesen der Evangelien eine soziale Angelegenheit ist: Wir wollen uns immer wieder fragen: Wie dachte, empfand und handelte man damals im 1. Jahrhundert in Israel und wie wir Mitteleuropäer im 21. Jahrhundert. Die Unterschiede sind wesentlich zum Verständnis der Texte. Dazu konsultieren wir literarische und kulturelle Quellen, deren Ursprung sich mit diesem Raum und dieser Zeit verbinden lassen. Uns interessieren dabei insbesondere die vielen Details im Verhältnis des Juden Jesus zu seinen Zeitgenossen – ohne gleich die späteren theologischen Streitfragen der frühen Kirchengeschichte zu reflektieren. Jesus wurde schließlich von seinen gelehrten jüdischen Zeitgenossen weder als ein alles überragender Prophet noch als ein geachteter Schriftgelehrter betrachtet. Wir sehen unseren Schwerpunkt in der Darlegung seines Verhaltens (liebt die Gesellschaft mit „Sündern“) und seiner Taten (Heilungen) und schließen von dort auf seine Reden. Wir wollen also im Auge behalten: Wo erkennen wir Jesus als einen Juden in Harmonie mit seinen Zeitgenossen und wo war Jesus ganz anders, sodass er eine Bewegung gründete, die schließlich mit dem traditionellem Judentum brach.

Die Gliederung lässt sich von geographischen und folgenden chronologischen Gesichtspunkten leiten. Jesus war wie jeder gesetzestreue Jude verpflichtet, dreimal im Jahr zu den drei großen Festen nach Jerusalem zu reisen (2Mose 34,23-24). Besonders im Johannesevangelium finden wir einige Hinweise zu seinen regelmäßigen Jerusalembesuchen (Joh 2; 5; (6); 7; 12). So ist er mindestens einmal im Jahr nach Jerusalem zum Passahfest (Lk 2,41) hinaufgegangen. Daher ist es sinnvoll, seinen Dienst während seiner über drei Jahre dauernden Wirksamkeit nach seinen Aufenthalten anlässlich der Passahfeste in Jerusalem zu gliedern. Die erarbeitete Reihenfolge verstehen wir als einen möglichen Vorschlag, wobei wir manche Schwächen erkennen. Diese Arbeit ist ein gemeinsames Werk aller Beteiligten der Studiengruppen in Pforzheim und Biebesheim, da Anregungen fortlaufend einfließen. Das erarbeitete Material richtet sich darum an Studiengruppen und Hauskreise. 

Abbildung 3 Der See Genezaret – auch See von Tiberias – und Galiläisches Meer genannt. Das Wirken von Jesus erstreckte sich auf das gesamte umliegende Land und sogar auf den See. In seiner Länge von etwa 22 km und Breite von etwa 12 km liegt er mehr als 200 Meter unter dem NN. Dieser fischreiche Süßwassersee bildet eine einzigartige Landschaft. Der Blick von Gadara (heute: Umm Qais) reicht bis zum Libanongebirge im Norden. Links des Sees erstreckt sich Galiläa und rechts das Gebiet der biblischen Dekapolis (heute Golanhöhen) (Foto: 3. November 2014).

1.1 Jesus – seine menschliche Abstammung

(Bibeltexte: Mt 1,1-17; Lk 3,23-38; 1Chr 1-3; 1Mose 5,1-32)

1.1.1 Der Stammbaum von Jesus

Der Evangelist Matthäus schreibt seinen Bericht an eine judenchristliche Leserschaft, passend mit einem Stammbaum der Hauptperson in der Form, wie wir sie auch im Alten Testament finden: von den Wurzeln hin zum Spross. Er beschreibt die Biografie über Jesus unter thematischen Gesichtspunkten. Der Evangelist Lukas dagegen ist mehr an einer chronologischen Reihenfolge interessiert. Dieser schreibt einen Stammbaum nach griechisch-römischer Tradition: vom jüngsten Namen zurück bis auf Adam; und „der war Gottes.“

0004-5-2-2014_024

Abbildung 4 Im Inneren dieses Bauwerkes in Hebron befindet sich laut jüdischer Tradition das Grab Abrahams (Foto: April 1986).


Der Evangelist Matthäus beginnt seinen Bericht mit den Worten: „Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ (Mt 1,1).

Und er ordnet dann den Stammbaum in drei Reihen mit je 14 Namen, evtl. weil der Zahlwert der hebräischen Schreibweise von David „14“ ist. Der am Beginn des Matthäusevangeliums verwendete griechische Begriff  `gene,sewj – geneseös` enthält mehrere Aspekte: Die Entstehung, den Ursprung, die Abkunft, die Geburt, die Geschichte. Matthäus 1,1 kann in Anlehnung an 1Mose 2,4 und 5,1 auch mit „Das Buch der Abstammung” übersetzt werden. Durch diese Stammtafel werden folgende Aspekte unterstrichen:

  • Jesus ist der verheißene und damit wahre Nachkomme Abrahams, durch den alle Völker auf Erden gesegnet werden (vgl. 1Mose 22,18 mit Gal 3,16).

HINWEIS: Frauen und Ausländer werden eher schamvoll in einem Stammbaum verschwiegen. Während in früherer Zeit offenbar keine Bedenken bestanden, dass Israeliten Frauen aus anderen Völkern nahmen (1Mose 41,45 – Josef; 2Mose 2,21; 4Mose 12,1 – Mose; vgl. auch Ri 14,1; 2Sam 11,3), wobei sich diese Frauen selbstverständlich dem israelitischen Glauben anschlossen, wird später die Ehe mit fremdstämmigen und heidnischen Frauen wegen der Gefahr des Abfalls vom Glauben verboten (vgl. 5Mose 7,1-4; 20,16ff; 21,10ff;  Esra 9.)Bewusst nennt Matthäus im Stammbaum vier Frauen, davon drei Nichtjüdinnen.

– Rahab, eine Prostituierte aus Jericho;

– Ruth, eine gottesfürchtige Moabiterin;

– Tamar, von Judas geschwängert, da er seine Schwiegertochter für eine Prostituierte hielt;

– Bathseba, von König David zur Ehefrau genommen (Kontext: Ehebruch, List und Mord).

  • Als Davids Nachkomme ist Jesus der Gesalbte (hebr.: משיח mashiach, : Χριστός – Christos, lat.: Christus; deutsch: Gesalbter), also der wahre und ewige König, dessen Reich ebenso ewig ist (vgl. 2Sam 7,11-16 mit Lk 1,31-33).

Diese Abstammungslinie führt Matthäus von Abraham über David bis Josef. Dabei nennt er insgesamt 42(41) Generationen. Der Evangelist Lukas wählt den umgekehrten Weg und führt die Abstammungslinie von Jesus zurück über David und Abraham bis Adam. Er nennt insgesamt 77 Generationen/Glieder.

Im Vergleich zu Matthäus (42) hat Lukas von Abraham bis Christus 57 Generationen genannt, also 15 mehr für den gleichen Zeitraum. Von Adam an bis Noah scheinen in den Stammeslisten keine Lücken zu sein. Von Noah bis Abraham gibt Lukas zusätzlich “Kenan” an, den Sohn des Arpachsad. Von Abraham bis zum König David lässt Lukas “Ram” aus, hat dafür zwei andere Namen (Admin und Arni), welche in den übrigen Stammeslisten nicht vorkommen. Von David an gibt es die Königslisten, wie in den Königs- und Chronikbüchern beschrieben. Auf diese stützt sich größtenteils Matthäus, wobei er einige Könige auslässt. Er folgt einem bestimmten Muster, bei dem dreimal je 14 Generationen von Abraham bis Jesus genannt werden.

Anmerkung: Bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass es nur 41 Generationen sind. Da wir jedoch dem Zöllner Matthäus nicht unterstellen können, dass er sich verrechnet hätte, suchen wir nach einer plausiblen Erklärung für diese mathematische Ungereimtheit. Die Lösung  könnte sein: David wird zweimal genannt, einmal am Ende der ersten Gruppe und das zweite Mal am Anfang der zweiten Gruppe (Mt 1,17). Die Zählung bei der ersten Vierzehnergruppe endet mit David und die zweite Vierzehnergruppe beginnt wieder mit David. Die zweite Vierzehnergruppe endet mit dem letzten rechtmäßigen König von Juda – Jechonia / Jojachin, der in die Babylonische Gefangenschaft kam (2Kön 24,8-15; 25,27-29). Die dritte Vierzehnergruppe beginnt mit Schealtiel dem Sohn Jojachins und endet mit Jesus. Dass in dieser Stammesliste einige Könige ausgelassen wurden, war wohl aus bestimmtem Grund so gewollt.

Lukas muss wohl eine uns unbekannte Stammesliste genutzt haben. Sie führt nicht über Salomo, den rechtmäßigen Thronfolger Davids, sondern über Nathan, einen wenig bekannten Sohn Davids. Nathan war ein leiblicher Bruder von Salomo (1Chr 3,5; 14,4), seine Mutter hieß Bathseba (Bath Sua). Im 1. Chronikbuch, in den Kapiteln 1-12 gibt es eine umfassende Stammesliste von Adam über die zwölf Stämme bis zur babylonischen Gefangenschaft. Die Stammesliste von Adam bis Noah ist in allen Aufzeichnungen gleich (1Mose 5; 1Chr 1,1; Lk 3,36-38). Mit allen Orts- und Zeitangaben vor 1Mose 12 ist vorsichtig umzugehen. In der folgenden Tabelle sind die verschiedenen Stammeslisten zum Teil parallel aufgelistet. Dabei stellen wir fest, dass die Bibel für die Anfangszeit genauere Angaben macht, als für den Zeitraum nach der babylonischen Gefangenschaft. Die Stammeslisten geben keine lückenlose Abfolge der Generationen und daher sind die Jahreszahlen auch nicht geeignet für eine genaue Datierung. Manche Fragen bleiben unbeantwortet in Bezug auf die Unterschiede und Auslassungen in den Stammeslisten. Die Tatsache jedoch, dass es sie überhaupt gibt, unterstreicht die Geschichtlichkeit der Verwirklichung des Heilsplans Gottes mit seinem Sohn Jesus Christus in Raum und Zeit.

HINWEIS: durch Adoption und durch Stamm- bzw. Erbtöchter, die evtl. nicht genannt werden und auch durch Leviratsehen (natürlicher Vater und gesetzlicher Vater differieren, da ein Bruder dem anderen Nachkommen „erweckt“ – 5Mose 25,5-6) werden Stammbäume recht kompliziert. Vaterschaft wurde im Judentum oft mehr unter gesetzlichen Gesichtspunkten und weniger nach der natürlichen Abstammung beurteilt. Dies trifft in besonderer Weise auf Jesus zu.

Solche Stammbäume erinnerten das Volk daran, dass es Gott selbst war der Ehen stiftete und Nachkommen schenkte.

 1.1.2 Stammesliste von Adam bis Jakob

Name Geboren Erstgeborener Lebte danach Gestorben
Adam 1   800 930
Set 130 105 807 912
Enosch 235 90 815 905
Kenan 325 70 840 910
Mahalalel 395 65 830 895
Jered 460 162 800 962
Henoch  (nach Judas 14 war er der siebte von Adam an) 622 65 300 365
Metuschelach 687 187 782 969
Lamech 874 182 595 777
Noah 1056 500 450 950
Sem 1559 100 500 600
Sintflut – Anfang

Dauer

Sinflut Ende

1656

370 Tage

1657

     
Arpachschad 1659 35 403 438
Kenan (ist nur in der Stammesliste bei Lukas genannt) ?      
Schelach 1694 30 403 433
Eber 1724 34 430 464
Peleg (sein Name steht in Verbindung mit der Teilung der Erde – 1Mose 10,25) 1758 30 209 239
Regu 1788 32 207 239
Serug 1820 30 200 230
Nahor 1850 29 119 148
Terach 1879 70 135 205
Abraham 1949 100 75 175
Isaak 2049 60 120 180
Jakob 2109 ? ? 147

1.1.3 Stammesliste von Juda bis Jesus

Die Königslinie 1. Chronik 1-3 Matthäus Lukas
Juda Juda Juda Juda
Perez Perez Perez (von der Thamar) Perez
Hezron Hezron Hezron Hezron
Ram Ram Ram  
? ? ? Arni
? ? ? Admin
Amminadab Amminadab Amminadab Amminadab
Nachschon Nachschon Nachschon Nachschon
Salmon Salmon Salmon Salmon
Boas Boas Boas (von der Rahab) Boas
Obed Obed Obed (von der Ruth) Obed
Isai/Jesse (die gr. Schreibweise ist Jessai) Isai Isai Isai
David David David David
Salomo Salomo Salomo (von der Bathseba) Nathan (von der Bathseba)
Rehabeam Rehabeam Rehabeam Mattatas
Abija Abia Abia Mennas
Asa Asa Asa Meleas
Joschafat Joschafat Joschafat Eliakim
Joram Joram Joram Joram
Ahasia Ahasia   Josef
Joasch Joasch   Judas
Amazia Amazia   Simeon
Asarja/Usia (es ist dieselbe Person, vgl. 2Kön 14,21 mit 2Chr 26,1) Asaria Usia Levi
Jotam Jotam Jotam Mattat
Ahas Ahas Ahas Jorim
Hiskia Hiskia Hiskia Elieser
Manasse Manasse Manasse Joschua
Amon Amon Amon Ers
Josia Josia Josia Elmadan
Joahas (2Chr 36,1;  2Kön 23,31)     Kosam
Eljakim/Jojakim (der Sohn Josias wurde von Pharao Necho als König in Jerusalem eingesetzt und bekam den Namen Jojakim 2Kön 23,34) Jojakim   Abdi
Jojachin/Jechonia Jechonia Jojachin Melchi
Mattanija/Zedekia (der König Nebukadnezar nahm Jojachin gefangen und setzte seinen Onkel Mattanja als König in Jerusalem ein und änderte seinen Namen in Zedekia 2Kön 24,17) Zedekia   Neri
Schealtiel Schealtiel Schealtiel Schealtiel
Serubbabel (war nach 1Chr 3,17-19 der Sohn von Pedajas, dem Bruder Sealtiels. Möglich, dass Pedaja gestorben war und Sealtiel seinen Neffen adoptierte, denn auch nach Esra 3,2, 8, ist Serubbabel der Sohn von Sealtiel. In Esra 1,8 wird er als Fürst Judas bei seinem chaldäischen Namen „Scheschbazar“ genannt. Er führte die Heimkehrer nach Juda an im Jahre 538/537 v. Chr.) Serubbabel Serubbabel Serubbabel (hier kreuzen sich die Stammeslisten)
  Hanania   Resa
  Sechania Abihud Johanan
Nehemia (457-444 v. Chr.) Semaja   Joda
  Nearja Eliakim Josech
  Elienai   Schimi
  Hodavia ? Azor Mattitias
      Mahat
      Naggat
    Zadok Hesli
    Achim Nahum
      Amos
    Eliud Mattitias
      Josef
    Elieser Jamnai
      Melchi
    Mattan Levi
      Mattat
    Jakob Eli
    Josef Josef
    Jesus Jesus

1.1.4 Die Zuordnung der Stammbäume

Der Evangelist Matthäus formuliert in seinem Stammbaum: „Jakob aber zeugte (gr. εγέννησεν – egenn¢sen) Josef den Mann Marias, von welcher ist geboren (gr. εγεννήθη – egenn¢th¢) Jesus, der genannt wird Christus.“ (Mt 1,16). Während in allen Stammbäumen immer der Mann als aktiv Beteiligter/Zeugender hervorgehoben wird, betont Matthäus im Falle von Jesus, dass er von Maria geboren wurde und zwar ohne die Mitwirkung von Josef. Der Evangelist Lukas formuliert in seinem Stammbaum: „Er, Jesus war beginnend, etwa (ungefähr) dreißigjährig, (und) war Sohn, wie man dachte Josefs, des Eli, des Maththat, des Levi des Melchi (…).“ (Lk 3,23-24). Jesus wurde allgemein für einen Sohn Josefs gehalten (Joh 1,45; Lk 4,22), was rein formal-juristisch auch stimmte. Der klärende Einschub des Lukas: „(Jesus) war Sohn, wie man dachte Josefs“, macht jedoch  auch deutlich, dass Jesus de facto nicht Sohn des Josef, sondern Sohn der Maria war (vgl. dazu auch Lk 1,31-33). Da man jedoch Frauen (Töchter) in die Stammeslinie nicht einzufügen pflegte, liegt es nahe, dass Lukas die Stammeslinie von Jesus zurück, nicht über Maria, sondern über Josef, den gesetzlichen Vater von Jesus, mit Eli verbindet und weiter zurück über Nathan, den leiblichen Bruder von Salomo bis David  und schließlich bis Adam zurückführt (1Chr 3,5; 14,4; Lk 3,23-36). Nach Lukas 1,5 und 1,36 war Maria eine Verwandte von Elisabeth, der Frau des Priesters Zacharias und Mutter von Johannes dem Täufer. Da Elisabeth eine, wie es im Text heißt „aus den Töchtern Aarons“ war, kann angenommen werden, dass Maria ebenfalls aus priesterlichem Hause stammte. Aber müsste Maria nicht auch aus dem Hause Davids und dem Stamm Juda herkommen? Der Autor des Hebräerbriefes bestätigt die menschliche Herkunft von Jesus aus dem Stamm Juda, wenn er schreibt: „Denn es ist ja offenbar, dass unser Herr aus Juda hervorgegangen ist“ (Hebr 7,14). Und der Apostel Paulus engt die menschliche Herkunft von Jesus noch mehr ein, wenn er in Römer 1,3 schreibt: „der geworden ist (γενομένου – genomenou) aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“. Damit wird (wenn auch nur indirekt) die blutsmäßige Herkunft von Maria aus dem Hause David hervorgehoben. So dass wir zum Ergebnis kommen, dass Maria auch aus dem Hause David stammte eben über die Stammeslinie ihres Vaters „Eli“.

Wir stellen fest, dass Lukas im Gegensatz zu Matthäus, den von ihm beschriebenen Stammbaum in umgekehrter Richtung aufschrieb. Er muss dabei nicht wie Matthäus formulieren: „Eli zeugte Josef (den Mann Marias)“, sondern nur: „der (Josef) des Eli, des Maththat (…)“. In der Regel wurde darunter auch die blutsmäßige Abstammung verstanden, doch bei der Formulierung des Lukas wird der Moment der ausdrücklichen Zeugung durch den Mann vermieden und sie bietet Raum zu einer nicht blutsmäßigen Zuordnung – von Josef (als Schwiegersohn) zum Vater der Maria (dem Eli). Auffallend ist auch, dass sich beide Stammeslinien um die Zeit nach der Babylonischen Gefangenschaft durch die Personen Schealtiel und Serubbabel kreuzen (Mt 1,12; Lk 3,27). Beide Linien liegen demnach eng beeinander und gehen auf David zurück.

Wir kommen daher zu dem Ergebnis, dass die Zuordnung der Lukanischen Stammesliste den Vorfahren der Maria, durch die oben genannten Textaussagen unterstützt wird. Somit war Jesus als `Mensch` leiblicher Sohn der Maria und gesetzlicher Sohn von Josef in jeder Hinsicht Nachkomme und Sohn Davids (Lk 1,31-33; Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 21,15).

Fragen / Aufgaben:

  1. Lies die Texte der Stammbäume von Jesus (Mt 1,1-17; Lk 3,23-38; zum Vergleich 1Chr 1-3 (bis 12); 1Mose 5,1-32).
  2. Was fällt dir bei den Unterschieden und Übereinstimmungen in den Stammeslisten auf?
  3. Nenne die Besonderheiten und auffällige Details in den Stammeslisten und erkläre sie? (z.B. Mt 1,1. 3. 5-6).
  4. Kannst du den relativen Wert eines natürlichen Stammbaumes gerade im Hinblick auf den Stammbaum von Jesus erkennen – wer war ein rechtsmäßiger Sohn nach jüdischem Recht?
  5. Welche geistliche Bedeutung oder Nutzanwendung haben die Stammbäume in der Bibel?
  6. Hast du einen Stammbaum von deinen Vorfahren? Wenn ja, was bedeutet er dir?
  7. Warum rät der Apostel Paulus in seinem Brief, sich nicht mit Geschlechtsregistern zu befassen (1Timotheus 1,4)?
  8. Erforsche Details und Zusammenhänge aus den vorgegebenen Texten, die in der Vorlage nicht berücksichtigt wurden?
 

1.2 Jesus Christus – sein göttlicher Ursprung

(Bibeltexte: Mt 1,18-25;  Lk 1,26-38;  Joh 1,1-18)

Nach dem Betrachten der `menschlichen` Abstammung von Jesus Christus machen wir uns auf die Suche nach Textaussagen über seinen göttlichen Ursprung. Dieser ist besonders in seiner Menschwerdung sowie in seinem besonderen Dienst durch Wort und Tat zu erkennen.

Schon der Prophet Micha sagt über den Ursprung des Messias folgendes:

Und du Bethlehem Efrata, das du klein unter den Tausendschaften von Juda bist, aus dir wird mir der hervorgehen, der Herrscher über Israel sein soll, und seine Ursprünge sind von der Urzeit, von den Tagen der Ewigkeit her. (Micha 5,1).

Der Evangelist Lukas ist der Einzige, der die Botschaften des Engels Gabriel aufgeschrieben hat. Der Engel Gabriel wird außer in Lukas Kapitel 1 nur in Daniel 8,16-17; 9,21 erwähnt. Der Engel Gabriel erklärt dem Propheten Daniel die Visionen sowie deren Bedeutung und überbringt dem Priester Zacharias die Botschaft von der Geburt des Johannes (Lk 1,19). Zu Maria wird er von Gott gesandt, um ihr die Menschwerdung des Sohnes Gottes zu übermitteln.

Nazaret-Verkündigungskirche-39027

Abbildung 5 Die römisch-katholische Verkündigungskirche in Nazaret. Die Ursprünge des Kirchenbaus an dieser Stelle gehen in das 4. Jh. zurück in Erinnerung an die Verkündigung der Geburt Jesu durch den Engel Gabriel an die Jungfrau Maria. Die früheren Kirchengebäude wurden durch Eroberungen und auch Erdbeben immer wieder zerstört und wieder aufgebaut. Die heutige Kirche stammt aus dem Jahre 1955 (Foto: Juli 1994).

Und so lesen wir in Lukas 1,31-32 von der Botschaft Gottes an Maria durch den Engel Gabriel:

Und siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.

Die verständliche Nachfrage der Maria: „Wie wird dies zugehen, da ich von keinem Mann weiß“ (Lk 1,34) gibt uns nicht nur einen Einblick in ihr korrektes Verhalten als Verlobte, sondern unterstreicht gleichzeitig, wenn auch nur indirekt, den göttlichen Ursprung von Jesus Christus. Natürlich kennt Maria Josef, ihren Verlobten, aber sie haben als Verlobte keinen geschlechtlichen Umgang miteinander. Aus der großen Perspektive Gottes ist es nicht vorgesehen, dass zwei junge Menschen, auch wenn sie schon verlobt sind, sexuell miteinander verkehren. Wenn Gott dies in die Beliebigkeit der Einzelnen gestellt hätte, wäre der biblische Hinweis auf die Jungfrauengeburt noch schwieriger nachzuvollziehen. Hier sollten wir die Hinweise Gottes aus 5Mose 22,16 kennenlernen (wir denken dabei  an den polygamen Hintergrund des Kapitels). Das Zeichen der Jungfräulichkeit der Frau war das Laken/Decke, das in der Hochzeitsnacht genutzt wurde. Wenige biblische Hinweise finden wir für die Jungfräulichkeit des Mannes vor der Ehe. Als Grundtext für dieses Thema gilt: Epheser 5,23f (der reine Christus und seine reine Braut = die Gemeinde).

Gott hatte von Beginn an die Geburt seines Sohnes durch eine Jungfrau geplant, so bekommt auch die Ordnung für Verlobte einen Sinn (siehe 5Mose 22,14).

Der Engel Gabriel lässt Maria natürlich nicht in Unwissenheit über die Art und Weise der Zeugung, er erklärt: „Der Heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten (= Gott) wird dich überschatten, darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden.“ (Lk 1,35)

Abbildung 6 Das unendliche Blau des Himmels, die Wolken und Berggipfel erinnern an die himmlische Sphäre, von der aus sich Gott im Laufe der Geschichte den Patriarchen, den Propheten Mose, Samuel, David, aber auch der Maria in Nazareth offenbart hat (Foto: Petra im Süden von Jordanien 5. November 2014).

P. Thiede bemerkt hierzu: „Sie (Maria) muss genauso verwirrt gewesen sein, wie die Leser es seither sind, und die Erklärung, die der Engel gibt, zielt nicht darauf ab, Gynäkologen zufrieden zu stellen.“

Ob Maria es verstanden hat, ist nicht sicher, geglaubt hat sie es, denn ihre Antwort lautet: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; es geschehe mir nach deinem Wort.“ (Lk 1,38).

Kritiker des Neuen Testamentes behaupten, dass Götter und Söhne von Göttern in der heidnischen Antike auf ähnliche Weise geboren wurden. Doch wir weisen auf den unübersehbaren Unterschied zu den so genannten religionsgeschichtlichen „Parallelen“ hin. Der biblische Bericht ist zurückhaltend, nüchtern und beschreibt nicht den Vorgang der Empfängnis im Detail. Mit knappen Worten wird die Empfängnis aus der Gottesperspektive beschrieben. In der heidnischen Mythologie werden die Vorgänge aus menschlicher Perspektive, oft in pervertierter Ausschmückung beschrieben. Somit ist die Jungfrauengeburt tatsächlich ohne jegliche biblische oder gar religionsgeschichtliche Ähnlichkeit. Vergleichbar mit der jungfräulichen Empfängnis ist lediglich der alttestamentliche Gedanke des Wohnens (yTin>k;v; – scha½anti ich wohne = Schechinah, die Einwohnung) Jahwes bei den Menschen z. B. in der Stiftshütte (2Mose 25,8-9).

Der Engel Gabriel hat noch eine wichtige Zusatzbotschaft an Maria zu verkünden, nämlich:

Und der Herr, Gott, wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird über das Haus Jakob herrschen in Ewigkeit und seines Königtums wird kein Ende sein. (Lk 1,32b-33).

Diese Prophezeiung ist nicht neu, sie wurde schon rund eintausend Jahre vorher dem König David gegeben (2Sam 7,13b-16) und sie lautet:

Und ich werde den Thron seines Königtums festigen für ewig.  Ich will ihm Vater sein, und er soll mir Sohn sein. (…) Dein Haus aber und dein Königtum sollen vor dir Bestand haben für ewig, dein Thron soll feststehen für ewig.

Gott hielt seine Zusage – „als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau (…).“ (Gal 4,4).

Der Evangelist Matthäus schreibt:

Mit der Geburt Jesu Christi verhielt es sich so; Als nämlich Maria, seine Mutter, dem Josef verlobt war, wurde sie, ehe sie zusammengekommen waren, schwanger gefunden von dem Heiligen Geist. (Mt 1,18).

Das Ungewöhnliche, das Besondere, das Einmalige wird hier betont. Maria wurde schwanger, „(…) ehe sie (Maria und Josef) zusammenkamen“. Hier betont auch der Evangelist Matthäus, dass Geschlechtsverkehr vor der Ehe nicht üblich war – Jesus also nicht natürlich gezeugt wurde. Für diese ungewöhnliche Zeugung fand er eine alttestamentliche Prophezeiung aus dem Buch des Propheten Jesaja:

Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen. (Jes 7,14).

Diese Prophezeiung ist, wie viele alttestamentliche Aussagen, mehrschichtig. Das Zeichen, dass eine junge Frau (auf natürliche Weise) schwanger würde, bezog sich zuerst auf Jesajas Zeitgenossen Ahas und das Volk Juda. Der hebräische Begriff `hm’l.[;h‘ ha±almah` bedeutet allgemein: die junge Frau im heiratsfähigen Alter, kann aber auch die weibliche Person bezeichnen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte (was in Israel die Regel war). Aber wie viele andere Verheißungen des Alten Testamentes barg auch diese eine noch in der Zukunft liegende Erfüllung. Bei der Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes in die griechische Sprache wurde an dieser Stelle der Begriff `parqe,noj parthenos – Jungfrau` gewählt.

HINWEIS: Die griechische Übersetzung des Alten Testamentes aus dem 2. Jh. vor Chr. wird Septuaginta/LXX (=Siebzig/lateinische Zahlen für 70) genannt, da angeblich 72 Übersetzer nach 72 Tagen diese Übersetzung im 2Jhd. v. Chr. anfertigten (Aristeasbrief 9-11.41.46.50.121.301f.307-311).

Dieser griechische Begriff meint im Neuen Testament an den meisten Stellen eine junge Frau, die noch nie Geschlechtsverkehr hatte (wörtlich/buchstäblich Lk 1,27; 2,36; Apg 21,9; 1Kor 7,25.28.34.36.37.38; im übertragenen Sinne; 2Kor 11,2; Offb 14,3-4). Der Evangelist Matthäus (aber auch Lukas) heben mit diesem Begriff die Jungfräulichkeit Marias hervor. So wie damals der Herr durch eine junge Frau mit ihrem Sohn den Zeitgenossen Jesajas ein Zeichen gegeben hatte, so wurde Maria von Gott auserkoren als `Jungfrau` schwanger zu werden und einen Sohn zu gebären als Zeichen zu ihrer Zeit.

Der Evangelist Johannes beginnt sein Evangelium mit den Worten:

Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir haben seine Herrlichkeit angeschaut, eine Herrlichkeit als eines Einziggeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.” Johannes (der Täufer) zeugt von ihm und rief und sprach: Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mir kommt, ist vor mir, denn er war eher als ich. (Joh 1,1.14-15). Johannes der Täufer ruft aus: „Und ich habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist. (Joh 1,34).

Der Evangelist Markus beginnt sein Evangelium mit den Worten: „Anfang des Evangeliums Jesu Christi (des Sohnes Gottes).“ (Mk 1,1).

Weitere Bibelstellen zum göttlichen Ursprung von Jesus Christus: vgl. Ps 110,1 mit Mt 22,42-44; Joh 1,18; 3,16; 5,17-19; 8,58; 10,30-36; 20,28; 1Joh 5,20; Röm 1,1-3; 9,5; vgl. Ps 2,7 und 2Sam 7,14 mit Hebr 1,3-5ff.

In den folgenden Abschnitten unserer Bibelstudien wollen wir die verschiedenen Details der Menschwerdung und Geburt von Jesus zeitlich-chronologisch betrachten und zwar in dem historischen, geographischen und kulturellen Kontext der damaligen Zeit.

Fragen / Aufgaben:

  1. Lies zu Mt.1,18-25; Lk.1,26-38; Joh.1,1-18 in Ruhe die angegebenen Parallelstellen deiner Arbeitsbibel.
  2. Stelle den göttlichen Ursprung von Jesus Christus aufgrund der einzelnen Aussagen dar.
  3. Welche Aussagen betonen die Jungfräulichkeit Marias? War sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe damals allgemeine Norm im Judentum? Worauf wurde dieses Verhalten gegründet?
  4. Welche Meinung herrschte unter dem Volk in Bezug auf den Ursprung/die Herkunft von Jesus?
  5. Warum ist es so wichtig am göttlichen Ursprung von Jesus Christus festzuhalten?

1.3 Gott spricht zu Josef im Traum

(Bibeltext: Mt 1,18-25)

Gott sucht sich einen Mann namens Josef, als Adoptivvater für seinen Mensch gewordenen Sohn. Dieser übernimmt die Fürsorgepflicht und die Verantwortung für die leibliche und materielle Versorgung von Jesus. Josef,- der Name bedeutet: Gott möge hinzufügen. Markus und Johannes erwähnen Josef nicht. Es könnte sein, dass der Evangelist Matthäus seine Information über Josef von Jakobus, dem Bruder von Jesus erhielt. Lukas könnte Jakobus selbst befragt haben.

0006-Nazaret-5-1-2014_019

Abbildung 7 Die heutige Stadt Nazaret in Südgaliläa mit überwiegend arabisch-christlicher Bevölkerung ist Anziehungspunkt für die meisten Pilger, welche aus aller Welt nach Israel kommen (Foto: Juli 1994).

Josef stammt vom Hause David ab, hat aber irgendwann die Heimatstadt Bethlehem, wahrscheinlich aus beruflichen Gründen, verlassen. So wohnt und arbeitet er in Nazaret, einer Kleinstadt im südlichen Galiläa.

Dort geht er seinem Beruf nach und baut Häuser (Mt 13,55; Mk 6,3). Der griechische Begriff für diesen Beruf ist `te,ktwn – tekt÷n` und beschreibt „einen, der Häuser baut“. Die Wortwurzel ist noch im deutschen `Archi-tekt` herauszuhören.

Der Evangelische Pastor Ludwig Schneller lebte und arbeitete Ende des 19. Jh. in Bethlehem und weist darauf hin, dass die Bewohner Bethlehems unter anderem gute Meister im Häuser bauen waren. Er nimmt an, dass es in Bethlehem nicht genug Arbeit gab und Josef mit anderen Berufskollegen außerhalb Bethlehems Arbeit suchte (Schneller 1890, 58ff).

Die nordeuropäische Vorstellung, dass er Zimmermann war und mit Holz arbeitete, ist vor dem Hintergrund des Waldreichtums in Nordeuropa zu sehen. Zur Zeit Martin Luthers baute man Häuser zum größten Teil aus Holz. In Palästina gab es allerdings bereits im Altertum wenige Wälder und damit wenig Holz. Schon der König David und sein Sohn Salomo ließen für den Bau des Tempels in Jerusalem Holz aus dem Libanon importieren (1Kön 5,15).  

Josef wird von den Evangelisten Matthäus und Lukas als `di,kaioj –dikaios – gerecht` charakterisiert (Mt 1,19; Lk 1,27). Gerecht bedeutet im Neuen Testament grundsätzlich: dem Standard, Willen und Charakter Gottes entsprechend. Hier dürfen wir wenigstens feststellen: Josef lebt in einer aufrichtigen Beziehung zu Gott. Maria ist mit ihm verlobt und sie warten auf den geeigneten oder auch schon bestimmten Termin für ihre Hochzeit. Der Begriff Hochzeit oder Heirat, griechisch `ga,moj – gamos`, kommt zwar in diesen Texten nicht vor, wird aber umschrieben mit: `sunelqei,n – synelthein` zusammenkommen; andere Übersetzer weniger passend: heimholen. Der Satz: „ehe sie zusammengekommen waren” (Mt 1,18) lässt sogar die Vermutung zu, dass der Hochzeitstermin schon feststand. Dem Evangelisten Matthäus liegt viel daran zu betonen, dass die Schwangerschaft ohne Zutun des Josef zustande kam.

Es gibt nur eine Möglichkeit, wie Josef von der Schwangerschaft Marias erfährt. Nur sie selbst kann es ihm gesagt haben. Es entsteht der Eindruck, dass er ihr erst nicht glaubt und sie entlassen will, natürlich ohne Aufsehen und ohne sie bloß zu stellen (Mt 1,19).

HINWEIS: „Eine Verlobung aufzulösen, wurde wie eine Scheidung betrachtet = eine rechtlich wirksame Entlassung geschah meist schriftlich. Nach dem Gesetz hätte Maria bei ungenauer Untersuchung des Falles im Extremfall die Todesstrafe durch Steinigung gedroht (5Mose 22,20-27). Im 1. Jahrhundert wurde allerdings dieses Extrem meist vermieden“ (Strack 1982, 45f).

Josef hat das Recht Maria anzuzeigen, da sie seine Verlobte ist. In dieser, für Josef und Maria schwierigen Situation, greift Gott ein. Ein Engel erscheint Josef im Traum und nimmt ihm Furcht und Zweifel: „Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau zu dir zu nehmen, denn das in ihr gezeugte ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären und du sollst seinen Namen Jesus nennen, denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden.“ (Mt 1,20b-21). Mehrfach offenbaren sich Josef Engel: Mt 1,20.24; Mt 2,13.19. Gut möglich, dass derselbe Engel Gabriel auch die Botschaft für Josef überbrachte. Auch er bekommt den Hinweis, dass die Empfängnis durch den Heiligen Geist geschehen ist. Gleichzeitig bekommt er den Auftrag, dem Kind den Namen Jesus zu geben. Josef, vom Schlaf erwacht, ändert sofort seine Einstellung und Meinung in Bezug auf Maria, seine Frau. Warum bezeichnet der Engel die Maria bereits als Frau von Josef (Mt. 1,20)?

„Diese Bezeichnung für eine Verlobte entspricht der Aussage in 5Mose 22,24. Niemand konnte ihnen etwas tun, da Josef das Kind Jesus legitimiert hatte, indem er Maria geheiratet und ihren Sohn adoptiert hatte“ (Thiede 2006, 67).

Josef zeigt sofortigen Gehorsam dem Wort des Herrn gegenüber. „Josef aber, vom Schlaf erwacht, tat, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.“ (Mt 1,25a). Dem Evangelisten Matthäus war noch wichtig zu betonen, dass Josef seine „Frau nicht erkannte, bis sie ihren erstgeborenen Sohn geboren hatte.“ (Mt 1,25b). Das griechische Wort `egi,nwsken – eginösken – erkannte` meint auf dem Gebiet der Ehe den Geschlechtsverkehr, das Ein-Fleisch-Werden (so in 1Mose 4,1: „Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger (…).“). Vielleicht hat der Evangelist Matthäus dies deswegen betont, damit bei den Lesern keine unnötigen Fragen oder Zweifel in Bezug auf die übernatürliche Schwangerschaft der Maria aufkommen. Zwei Menschen mit einem großen Geheimnis! Es sieht nicht danach aus, als hätten sie das Erlebte nun allen erzählt. Denn auch später herrscht die Meinung, dass Jesus der Sohn Josefs sei. In Lukas 3,23 (auch Joh 1,45; 6,42) heißt es: „Und er selbst, Jesus, (…) war, wie man meinte, ein Sohn des Josef.“

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Aussagen über Josef fielen dir auf? Beachte die Herkunft Josefs, seinen Beruf.
  2. Jede Empfängnis und Geburt ist ein „Wunder.“ Wo gibt es die großen Unterschiede zur Situation von Maria und Josef? Was ist ähnlich?
  3. Beschreibe das rücksichtsvolle Verhalten Josefs zu Maria im kulturellen Umfeld des Judentums. Was können Männer heute von ihm lernen?
  4. Wie reagierte Josef vor und nach dem Besuch des Engels?
  5. Was bedeuten „Engelbesuche“ – damals und heute? (170 mal im NT erwähnt; Hebr 13,2; 2Kor 11,14).
  6. Wie deuten wir den „blinden“ Gehorsam des Josef?
  7. In welchen Bereichen können wir das Verhalten Josefs als „gerecht“ beschreiben?
  8. Können wir Geheimnisse über die Herkunft von Kindern bewahren? Sollten wir es?   

1.4 Maria besucht Elisabeth auf dem Gebirge Juda

(Bibeltext: Lk 1,39-56)

1.4.1 Die Umstände des Besuches

Der Evangelist Lukas macht hier eine Zeitangabe: „In diesen Tagen“ (Lk 1,39), d.h. nicht lange nach Beginn der Schwangerschaft reist Maria hinauf in das Gebirge Juda zu ihrer Verwandten Elisabeth. Dies ist ungewöhnlich,  doch geschieht es wohl mit der Einwilligung Josefs. Ob er beruflich unabkömmlich war? Der Evangelist Lukas unterstreicht, dass Maria die Reise in Eile antritt. Dieser Besuch ist für Maria wichtig, da der Engel Gabriel ihr von Elisabeth und deren ungewöhnlichen Schwangerschaft im hohen Alter berichtet hatte (Lk 1,36). Elisabeth, die Frau von Zacharias, war aus dem Stamm Levi, wie wir aus Lk 1,5 erfahren. Nach Lukas 1,36 ist Maria Elisabeths Verwandte. Somit wäre Maria ebenfalls aus dem Stamm Levi. Rechtlich musste Jesus ja aus dem Hause David kommen und dies ist aufgrund der Adoption durch Josef gegeben. Doch scheint hier noch die Komponente der priesterlichen Herkunft (Stamm Levi) rechtlich gegeben. Demnach wäre der Status ‚Priester/König‘ bei Jesus damit indirekt angedeutet. Wahrscheinlich hat sich Maria nicht ganz allein auf den mühsamen Weg hinauf auf das Gebirge Judäa gemacht. Meist reiste man nicht allein (hier wenigstens 4-5 Tage), ohne dazu einen wichtigen Grund zu haben; schon gar nicht als junge, schwangere Frau. Entweder schließt man sich einer Karawane an oder Pilger tun sich in Gruppen zusammen (Lk 2,44). Wahrscheinlich wohnten Zacharias und Elisabeth nicht in Jerusalem, sondern in einer der Städte oder Ortschaften Judas. Den Priestern, Aarons Nachkommen waren Städte verteilt im Land und durch das Los zugeteilt worden. So lesen wir im 1. Chronikbuch:

Und sie gaben den Söhnen Aarons die Zufluchtstadt Hebron und Libna und seine Weideflächen und Jattir und Eschtemoa und seine Weideflächen und Holon und seine Weideflächen, Debir und seine Weideflächen und Aschan und seine Weideflächen und Bet-Schemesch und seine Weideflächen. (1Chron 6,42-43).

0008-Juda-Landschaft-5-2-2014_033

Abbildung 8 Landschaft auf einer Hochebene zwischen Bethlehem und Hebron, das zum Gebirgesland von Juda gerechnet wurde (Foto: April 1986).

Wahrscheinlich wohnten Zacharias und Elisabeth nicht in Jerusalem, sondern in einer der oben im Text genannten Städte im Stammesgebiet von Juda, welche speziell für Priester und Leviten vorgesehen waren. Die Begrüßung ist sehr herzlich, so dass Elisabeth spürt, wie ihr Kind im sechsten Monat sich heftig regt.

Der ganze Abschnitt konzentriert sich auf zwei Frauen, von denen die eine von keinem Mann „weiß“, während der Mann der enderen verstummt war. Sie begrüßen als erste Menschen in der Kraft des Geistes den kommenden Herrn. Darum ist alles vom Jubel erfüllt.

1.4.2 Der Segens- und Jubelhymnus der Elisabeth

Und Elisabeth wurde mit Heiligem Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme und sprach: Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Und woher geschieht mir dies, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn siehe, wie die Stimme deines Grußes mir in die Ohren drang, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Und glückselig, die geglaubt hat, denn es wird zur Erfüllung kommen, was von dem Herrn zu ihr geredet ist. (Lk 1,41b-45).

Bemerken wir die Freude über das Glück des anderen? Der Geist Gottes hat immer wieder gerade Frauen erfüllt und sie empfindsam gemacht für sein Wirken. Menschen unter der Leitung des Geistes Gottes werden sehr ehrlich und offen zueinander. Persönliche tiefe Empfindungen werden mit Freuden ausgesprochen. Die wunderbaren Führungen Gottes werden in der kleinen Hausgemeinde des Zacharias gerühmt. Elisabeths und noch mehr Marias Lobpreis wirken fast unheimlich, doch die allererste Christus-Erkenntnis ist schon eine Gabe des Geistes Gottes.

1.4.3 Marias Lobpreis (Magnificat)

Wir finden vier Lobgesänge im Lukasevangelium: von Elisabeth, Maria, Zacharias und Simeon. Nach ihrem lateinischen Beginn werden sie als Benedictat (benedicta tu inter mulieres = Elisabeth Lk 1,42-45), als Magnificat (Maria Lk 1,46-55), als Benidictus (Zacharias Lk 1,68-79) und als Nunc dimittis (Simeon Lk 2,29-35) bezeichnet. Seit Thomas Müntzer, Luthers Gegner, verstehen manche Marias Worte als eine Ermutigung zu einer Neuordnung der irdischen Verhältnisse, ja zum Umsturz und zur Revolution (auch Befreiungstheologie heute). Doch nicht der Mensch (auch nicht Maria!), sondern Gott ist der Adressat dieses Lobpreises. Maria preist den Herrn im Hause des Zacharias:

Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist hat frohlockt in Gott, meinem Heiland. Denn er hat hingeblickt auf die Niedrigkeit seiner Magd, denn siehe, von nun an werden mich glückselig preisen alle Geschlechter. Denn Großes hat der Mächtige an mir getan, und heilig ist sein Name. Und seine Barmherzigkeit ist von Geschlecht zu Geschlecht über die, welche ihn fürchten. Er hat Macht geübt mit seinem Arm, er hat zerstreut, die in der Gesinnung ihres Herzens hochmütig sind. (Lk 1,46-51).

Marias Lobpreis kann für unseren heutigen Lobpreis eine praktische Anleitung sein:

  • Es preist meine Seele den Herrn,
  • Gott ist mein Retter (hier wird dasselbe Wort für »Retter« benutzt, welches später Jesus bezeichnet (vgl. Mt 1,21!) – im Deutschen früher als »Heiland« wiedergegeben. »Mein Retter« heißt: Gott erlöst mich aus Sünde und Finsternis, er hilft mir ganz umfassend auf allen Gebieten meines Lebens, vor allem aber bringt er mich in sein ewiges Reich. Hier spiegeln sich Jes 63,16 und Hab 3,18 ganz deutlich wider, aber auch Ps 24,5; Ps 25,5; Ps 35,9. Die zweite Hälfte von Lk 1,47 stimmt sogar wörtlich mit dem Schluss von Hab 3,18 in der griechischen Bibel überein.
  • In Jubel geraten ist mein Geist über Gott, meinen Retter,
  • Er hat auf die Niedrigkeit seiner Dienerin hingesehen, (wörtlich auch: seine Aufmerksamkeit zuwenden)
  • Von nun an werden mich glücklich preisen alle Generationen,
  • Der Mächtige hat mir Großes getan, heilig ist sein Name,
  • Seine Barmherzigkeit erfahren Generationen nach Generationen, wenn sie ihn fürchten; (wie oft wurde im AT diese Barmherzigkeit Gottes besungen! Vor allem gilt dies für Ps 103, an den sich Maria vielleicht angelehnt hat),
  • Er übt Macht aus mit seinem Arm (2Mose 15,6; Ps 89,11; Ps 118,15),
  • Er zerstreut die Übermütigen im Denken ihres Herzens,
  • Die Mächtigen holt er herunter von den Thronen und erhöht Niedrige,
  • Hungernde bekommen Gutes in Fülle, Reiche dagegen schickt er leer weg, (das Bild dieser Reichen hat Jesus im reichen Mann und armen Lazarus und im reichen Kornbauern eindrücklich gezeichnet (Lk 16,19ff.; 12,16ff),
  • Er hat sich seines Volkes angenommen und will sich an die Barmherzigkeit erinnern, die er den Vätern, Abraham und seinem Nachkommen (im Singular – welcher ist Christus) für ewig in Aussicht gestellt hatte (Vgl. V. 55 mit Gal 3,16),

Wir beobachten hier:

  • den Glauben einer, Gott aufrichtig dienenden jüdischen Frau
  • eine ganze Linie von alttestamentlichen Frauen, die uns bis heute als Glaubensvorbilder dienen können: Lea, Rebekka, Hanna, Elisabeth, Maria;
  • einen Lobpreis, der tatsächlich Gott und sein Wort in die Mitte stellt, und nicht etwa einen Aufruf an Menschen, die bestehenden Verhältnisse umzustürzen;
  • eine echte Prophetie der Maria, worauf schon die Lehrer der Alten Kirche (z. B. Irenäus) hinwiesen;
  • eine erstaunliche Bibelkenntnis der Maria, die sich auf die prophetischen Aussagen des Alten Testaments beziehen;
  • eine nicht weniger erstaunliche Verwandtschaft mit der Verkündigung von Jesus, z. B. im Vaterunser und in der Bergpredigt (vgl. Mt 6,9.10; Mt 5,3.4. 6; Lk 6,20.21.22, aber auch Mt 23,12; Joh 8,56).

In Elisabeth hat Maria nicht nur eine Verwandte, sondern auch eine Freundin. In Nazaret kann Maria diese Freude nur mit Josef teilen. Hier im Haus des frommen Priesters Zacharias und seiner Frau kann offen darüber gesprochen werden. Das erfahrene Heil, belegt durch alttestamentliche Verheißungen, führt zu einem geistlichen Aufblühen von Elisabeth und Maria. Ihre Erfahrungen drängen sie, sich einander mitzuteilen.

            Maria ist eine längere Zeit bei Elisabeth. Lukas, der nicht gerade sparsam mit Zeitangaben ist, schreibt in Kapitel 1,56: “Und Maria blieb ungefähr drei Monate bei ihr, und sie kehrte zu ihrem Haus zurück.” (Lk 1,56). So kehrt Maria nach etwa drei Monaten, noch vor der Geburt des Johannes, nach Nazaret zurück.

1.4.4 Der Lobpreis des Zacharias

Nach der Geburt seines Sohnes stimmt Zacharias einen Lobpreis an (Benedictus Lk 1,67-79). In diesem Hymnus/Lobpreis kehren gleiche Wörter in chiastischer (umkehrender) Reihenfolge wieder: a) besuchen (68b) – b) Volk (68b) – c) Heil (69) – d) Propheten (70) – e) Feinde (71) – f) Hand (71) – g) unsere Väter (72); dann umgekehrt g‘) unser Vater (73) – f‘) Hand (74) – e‘) Feinde (74) – d‘) Prophet (76) – c‘) Heil (77a) – b‘) Volk (77a) – a‘) besuchen (78b). Verheißungen, Bilder und feststehende Begriffe aus dem Alten Testament kann Zacharias auf seinen Sohn Johannes als Wegbereiter des HERRN beziehen:

Erlösung schaffen `gr. lu,trwsij – lytrösis` Vergebung, Befreiung; vgl. Ps 111,9 tWdP. pedût Loskauf, Auslösung, Lösegeld.

  1. „Das Horn des Heils wird die Feinde zerstreuen“ ist ein Beispiel für die Zerstörung durch das „Horn“ Dan 8,5-7: Das Horn des Gesalbten (1Sam 2,10) wird als Messias-Verheißung verstanden. Bis heute betet der gläubige Jude im sog. Achtzehngebet (Schemone Esre aus dem 9. Jh.): »Den Spross Davids lass bald sprießen, und sein Horn sei erhöht durch deine Hilfe. Gepriesen seist du, Jahwe. der du sprießen lässest das Horn des Heils«.
  2. Befreiung von allen, die uns hassen: Jesus wird die Festungen Satans zerstören! Siehe besonders Ps 68,2 und Offb 17,14!
  3. Erkenntnis des Heils und Vergebung: siehe hier Dan 9,9.
  4. Die herzliche Barmherzigkeit Gottes (dia, spla,gcna ele,ouj qeou, – dia splagxna eleous theou) besucht uns: hier werden die innersten Gefühle Gottes (innere Organe des Erbarmens unseres Gottes) offenbart.
  5. Zacharias spricht vom Aufgehen (LXX: hier Spross) eines Gestirns, des „großen Lichtes“ (Jes 9,1), der „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20) oder des „Sterns aus Jakob“ (4Mose 24,17; auch Jes 9,1; 60,1-2). Allerdings geht dieses Licht nicht über dem Horizont auf, sondern in der „Höhe“, wie das plötzliche Aufstrahlen eines Meteors. A. Schlatter sagt: „Er ist ein Ewiger, der von oben her aus Gottes Nähe heraus in die menschliche Gemeinschaft herab gesandt wird.“ Es ist auch nicht allgemeine Erhellung, sondern Licht, das „uns“ besucht, auf „uns“ hinschaut (s. zu V.68) und so allen Todesschatten aufhebt und die Menschen auf den richtigen Weg weist. Zacharias sieht in Christus Gott, der wieder in das Leben der Menschen eintritt und jenen, die in Finsternis leben, das Licht schenkt.

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum zog es Maria zu Elisabeth?
  2. Welche Auswirkung hat das Verhalten einer schwangeren Frau auf ihr Kind? Stimmt es, dass Kinder im Mutterleib vieles von ihrer Umwelt wahrnehmen können?
  3. Welche Abschnitte im Lobpreis Marias sprechen dich an? Erläutere warum!
  4. Zeitangaben stehen nicht willkürlich in der Bibel. Vorschlag beim Lesen der vier Evangelien: Markiere die Zeitangaben zum Leben von Jesus in deiner Arbeitsbibel. Notiere sie weiter in einer Tabelle. So hast Du sie alle zusammen auf einen Blick.
  5. Wie würdest du aus diesem Text begründen, dass Abtreibung nie Gottes Wille, sondern Mord ist? Welche Hilfestellung können wir Frauen und Männern geben, die mit dieser Fragestellung als Betroffene kämpfen?
  6. Beschreibe deine persönliche Haltung zu Maria, der Mutter von Jesus? Kann es sein, dass wir hier etwas korrigieren müssen?
  7. In der kleinen Hausgemeinde des Zacharias florierte der Lobpreis! Wie können wir in unseren Hauskreisen, in unserer Gemeinde das Dichten und Komponieren von Lobpreis anregen?

1.5 Josef und Maria ziehen nach Bethlehem um

(Bibeltext: Lk 2,1-6)

Als Maria von Elisabeth nach Nazaret zurückkehrt, ist sie schon im vierten Monat schwanger. Josef wird durch seine Arbeit zuverlässig für den Lebensunterhalt gesorgt haben. Nach außen hin eine ganz normale junge Familie, die sich in froher Erwartung ihres ersten Kindes befindet. Womöglich wurden ihre Pläne durchkreuzt, denn:

Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung (δόγμα – dogma) vom Kaiser Augustus ausging, die ganze Ökumene (in Listen) einschreiben zu lassen. Diese Einschreibung (in Listen) war die erste während (der Zeit), da Quirinius Statthalter von Syrien war. (Lk 2,1-2).

„In jenen Tagen“ bedeutet in diesem Zusammenhang, in dem Zeitraum nach der Rückkehr der Maria nach Nazaret. Nur der Evangelist Lukas verbindet das Jesus-Evangelium mit der allg. Weltgeschichte. Das gr. Wort `οικουμενη – oikoumen¢` kommt im Neuen Testament 15 mal vor und meint meist die ganze Welt/den ganzen Erdkreis/alle Bewohner der Erde. In diesem Zusammenhang jedoch ist es auf alle Bewohner des römischen Reiches begrenzt (Vgl. dazu auch Apg 17,5; 24,1f).

Unser heutiger Text sagt aus, dass Josef seine Verlobte nahm um nach Bethlehem zu ziehen. In einem überlieferten Dokument aus Ägypten lesen wir, dass ein Ehepaar mit Grundbesitz bei der Einschreibung persönlich anwesend sein musste (Aalders 1938, 34.35). Hatte Josef Grundbesitz in Bethlehem? Maria wird hier die Verlobte (Anvertraute) genannt – doch nach Matthäus 1,24b.25 war sie bereits seine rechtmäßige Ehefrau. Warum diese Unterscheidung? Der Grund kann darin gesucht werden, dass die Ehe noch nicht durch Geschlechtsverkehr vollzogen war. So war Maria nach allen Rechten und nach dem Gesetz (sozusagen nach außen hin) die Frau von Josef, biologisch war sie jedoch noch Jungfrau und daher seine Verlobte.

Josef und Maria haben die Strecke zu Fuß zu bewältigen, was in der Antike etwa vier bis fünf Reisetagen entspricht. Zur Zeit des Augustus gab es im Römischen Reich auch im Osten bereits ein gut ausgebautes Straßensystem. Seit dem Bau der Via Appia von Rom nach Capua im Jahre 312 v. Chr. waren viele neue Staatsstraßen in Italien und in den Provinzen gebaut worden. Die Meilen (1,6 km) waren durch Meilensteine markiert, auf denen auch die Entfernungen zu den nächsten Städten eingemeißelt waren. Die Straßen sind hauptsächlich von Staatsdienern und Militärs benutzt wurden, dann auch von Kaufleuten, Pilgern und Privatreisenden. Es sind von Staats wegen alle va. 30 km Raststationen, Ställe und Wechselstationen für die Pferde errichtet worden, in denen auch Josef und Maria hätten einkehren können.

Beim Umzug von Nazaret nach Bethlehem müssen die beiden 110-150 km je nach Route zurücklegen. Nazaret liegt etwa 98 km nördlich von Jerusalem auf der Höhe des Sees Gennesaret, während Bethlehem etwa 8 km südlich von Jerusalem liegt.

0007-Tabor-5-1-2014_012

Abbildung 9 Von Nazaret aus ging der Weg nach Osten am Berg Tabor vorbei, dann nördlich vom Gebirge Gilboa an der Stadt Bethschean, von dort in südlicher Richtung im Jordantal bis Jericho (Foto: April 1986).

0007-Bethschan-5-1-2014_030

Abbildung 10 Das antike Theater in Bethschean. Diese Stadt gehörte zu der sogenannten Dekapolis (Zehnstädtebund) und lag auf der Strecke von Tiberias am See Genezaret nach Jericho (Foto: April 1986).

Der Umzug wird vordergründig durch den kaiserlichen Erlass veranlasst. Doch hinter dem weltpolitischen Geschehen steht der Plan Gottes: der Messias soll aus Bethlehem kommen. Ob Josef an die Prophetie aus Micha 5,1 denkt, wird in diesem Zusammenhang nicht erwähnt, möglich ist es jedoch, da später die Schriftgelehrten diesen Vers auf den Messias beziehen (Mt 2,4-6; Joh 7,42). Die Tatsache, dass Josef und Maria nach der Geburt des Kindes noch längere Zeit in Bethlehem bleiben und nach der Rückkehr aus Ägypten zunächst wieder dorthin gehen wollen, spricht für eine gewisse Kenntnis dieser Schriftstelle. Doch nach dem Lukastext ist die kaiserliche Verordnung der Hauptgrund für den Umzug nach Bethlehem. Gott wählt hier ein weltpolitisches Ereignis um den Geburtsort von Jesus nach Bethlehem zu verlegen. Dieses politische Ereignis  kann nebenbei auch noch über die Zeitbestimmung der Geburt von Jesus gewisse Auskunft geben (näheres dazu im nächsten Abschnitt „Die Geburt von Jesus in Bethlehem“).

Was die Umstände und die Zeit des Umzugs nach Bethlehem betrifft, so können wir Josef wesentlich mehr Verantwortung zugestehen, als in den üblichen Weihnachtserzählungen oft geschildert wird. Die beiden sind keineswegs wenige Tage vor der Entbindung von Nazaret aufgebrochen und am Vorabend der Geburt in Bethlehem angekommen, um dann festzustellen, dass alle Gasträume bereits überfüllt waren. Von früherer Zeit war das Grab Rahels, der Lieblingsfrau von Jakob nördlich von Bethlehem ein Mahnmal für die Reisenden im hochwangeren Zustand (1Mose 35,16-20). Josef ist ein besonnener, gottesfürchtiger und dazu noch praktisch veranlagter Mann. Der Satz: „Als sie dort waren, wurden ihre Tage erfüllt, dass sie gebären soll (…).“ (Lk 2,7), deutet an, dass Maria und Josef sich bereits einige Zeit in Bethlehem befanden. Dort wohnten sie entweder im Elternhaus oder bei einem seiner Verwandten. Josef kommt keineswegs als Fremder nach Bethlehem zurück. Der Evangelist Lukas vermerkt, „Und alle gingen hin, um sich einschreiben zu lassen, ein jeder in seine (Vater-) Stadt.“ (Lk 2,3). Die Eintragung in Listen setzt voraus, dass Josef in Bethlehem gemeldet ist und sehr wahrscheinlich von seinen Vorfahren her hier Grundbesitz hat. So hat er genug Zeit, um die geforderte Eintragung in die amtlichen Listen vorzunehmen, und auch Maria kann sich in aller Ruhe auf die Entbindung vorbereiten.

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne den Grund des Umzugs von Josef und Maria nach Bethlehem? Beschreibe auch die Reisebedingungen damals (Schau mal ans Ende deiner Bibel/Arbeitsbibel in die Karten oder forsche im Bibelatlas/Bibellexikon).
  2. Kamen Josef und Maria wirklich erst am Vorabend der Geburt ihres Sohnes in Bethlehem an, wie oft in den Weihnachtsgeschichten zu hören ist? Passt dies zu Josef? Beachte den genauen Wortlaut des Textes in Lukas 2,7.
  3. Nenne mindestens drei Bereiche aus unserem bürgerlichen Leben, bei denen das Gebot der Unterordnung unter die Obrigkeit (Röm 13,1-8) auch für uns bindend ist, also Geltung hat.
  4. Können wir Gottes Hand in den Daten und Orten unserer Lebensgeschichte erkennen?
  5. Ärgert es dich, wenn unsere Regierung immer wieder neue Steuergesetze erlässt?

1.6 Bethlehem – der Geburtsort von Jesus

Im Jahr 33, etwas mehr als 30 Jahre nach der Geburt von Jesus, war das Wissen über seinen Geburtsort allgemein nicht mehr bekannt (Joh 7,41-42). Und heute: Jedes Kind weiß, dass Jesus nicht nur in der Stadt Bethlehem, sondern auch noch in einem „Stall in Bethlehem“ zur Welt kam, weil Maria ihn nach der Geburt in eine Futterkrippe legt. In der Weihnachtszeit zeigen die Krippenspiele meistens auch noch einige Haustiere (Schafe, Esel, Ochsen), die daneben stehen und neugierig das Jesuskind in der Krippe beäugen.

0009-Bethlechem-40022

Abbildung 11 Bethlehem – der Geburtsort von Jesus Christus. Blick von West nach Ost (Foto: Juli 1994).

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und es geschah, als sie dort waren, wurden ihre Tage erfüllt, dass sie gebären sollte, und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in dem Raum (gr. καταλυμα – katalyma) für sie kein Platz war.“ (Lk 2,6-7).

Beachten wir zunächst die Wendung: „während sie dort waren (gr. εν τω είναι αυτούς εκει – en tö einai autous ekei) erfüllte sich die Zeit (…)“ dass sie (Maria) gebären sollte. Das heißt, sie sind schon eine Zeitlang in Bethlehem. Die Formulierung: „während sie dort waren (sind)“ ist im gleichen Sinne wie „als sie dort verweilten“ oder „sich dort aufhielten“. So ähnlich wie es später von Jesus heißt:

  • Es geschah aber während er in einer Stadt war – Lk 5,12); oder,
  • Es geschah aber während er an einem Ort war und betete (Lk 11,1; 9,18).

Die gleiche Formulierung hat Lukas auch in Kapitel 2,6. Auch hier ist nicht das Ankommen betont, sondern die Handlung oder das Ereignis während des Aufenthaltes an einem bestimmten Ort. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wohnen sie in einem Haus ihrer Verwandten und nicht in einer Herberge oder Gaststätte. Denn das Handwerk, Häuser zu bauen, war wohl Tradition in der Familie von Josef. Und dass seine Vorfahren als Baumeister für die eigene Familie ein ordentliches Haus gebaut hatten, ist auch nahe liegend. Übrigens ist im Text auch keine Rede von einem Stall.

0010-Geburtskirche-40023

Abbildung 12 Die Geburtskirche in Bethlehem zählt zu den ältesten christlichen Bauwerken aus der Antike – Anfang des 4. Jahrhunderts (Foto: Juli 1994).

Heute steht mit vielfältigem Glanz die Geburtskirche über einer Felsgrotte.

Es war also nicht im Haus als Ganzes, sondern nur im üblichen Gästeraum (Wohnraum) kein Platz, für die Entbindung und wo man hätte das neugeborene Kind hinlegen können. Dieser übliche Raum wird vom Evangelisten Lukas als ´καταλυμα – katalyma´ bezeichnet. Er verwendet diesen Begriff noch einmal für ein Oberzimmer in einem Haus in Jerusalem, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Passahlamm essen wollte. Dort heißt es:

Und ihr sollt zu dem Herrn des Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir: Wo ist der Raum (καταλυμα – katalyma), wo ich mit meinen Jüngern das Passah essen kann? Und jener wird euch einen großen, mit Polstern belegten Obersaal zeigen, dort bereitet (Lk 22,11-12, vgl. dazu auch den Paralleltext aus Mk 14,14 wo der Evangelist Markus für den angefragten Raum den gleichen Begriff verwendet).

Diese Aussagen geben uns sogar einen gewissen Einblick in die Architektur eines Hauses in Jerusalem. Diese Bauweise ist heute noch überall im Mittelmeerraum gegenwärtig. Die Pontus-Griechen nahmen diese Bauweise sogar nach Mittelasien mit. Wenn es also einen Obersaal, oder Oberzimmer (durch αναγαιον – anagaion, der „obere“ angedeutet) im Hause gibt, dann gibt es eben auch Räume im Erdgeschoss, die wohl eher als Wirtschafsträume genutzt werden. Dort wohnen die regulären Hausbewohner während der Zeit der vielen Gäste – während die Gäste selbst im besseren oberen Raum unterkommen. Für die Entbindung und das neugeborene Kind ist in diesem Raum kein Platz. Sie wohnen also mit den regulären Bewohnern in den unteren Räumen.

Anmerkung: Allerdings muss diese Aussage vor dem Hintergrund der LXX eingeschränkt werden. Das griechische Wort steht dort für vier verschiede hebräische Worte, darunter definitiv auch für eine öffentliche Herberge (2Mose 24,4). Doch hier geben wir Lukas und Markus Vorrang mit der Zuordnung dieses Begriffes.

Darum ist die Übersetzung „Herberge“ in Lukas 2,7 missverständlich, weil er dafür ein anderes griechisches Wort verwendet, und zwar `πανδοχειον – pandocheion` (Lk 10,34), was so viel wie Khan, Karawanserei bedeutet. Dort geht es tatsächlich nur um eine Übernachtungsmöglichkeit für Pilger oder Geschäftsleute mit ihren Pferden, Eseln oder Kamelen. Aber Josef und Maria sind mit Jesus auch später noch, als die Weisen ankamen, in einem Haus (Mt 2,11). Dem sogenannten abweisenden „Gastwirt“ in Bethlehem wird häufig in den  Weihnachtsanspielen Unrecht getan, zumal auch er im Text gar nicht vorkommt.

Wie kommt dann eine Krippe in den unteren Raum des Hauses? Wenn nach Lukas 22,11 καταλυμα – katalyma ein Oberzimmer beschreibt, kann es sich im Falle der Geburt von Jesus um einen im Erdgeschoss befindlichen Vielzweckraum des Hauses handeln, wo gelegentlich oder bei schlechtem Wetter, Jungtiere oder Kleinvieh zusammen mit den Hausbewohnern Unterschlupf finden und wo zu diesem Zweck selbstverständlich auch eine Futterkrippe steht.

Ludwig Schneller beschreibt die innere Ausstattung eines arabischen Hauses in Bethlehem aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Die Araber (überwiegend christliche Bewohner der Stadt) hatten zu der Zeit höchstwahrscheinlich eine andere Bauweise, doch gibt es auch Ähnllichkeiten zu der Zeit von Jesus:

„Die meisten Häuser in Bethlehem bestehen aus einem einzigen Raum. Im Winter und in der Regenzeit wird dieser nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren bevölkert. Es ist keine Seltenheit, dass in diesem Raum eine Krippe steht. Da es keinerlei Möbel, wie Betten und Schränke gibt, kann eine Futterkrippe als sehr günstiges Bettchen für einen Säugling dienen“ (Schneller 1890, 31).

Wer nun die beschriebenen unteren Räume eines Hauses in Bethlehem als Stall bezeichnen will, kann es tun, dieses Wort steht jedoch nicht im Text. Das griechische Wort αυλη, – aul¢ , welches Luther in Johammes 10,1.16 mit ‚Stall‘ übersetzt, kommt noch an folgenden Stellen des Neuen Testamentes vor:

  • es beschreibt in Lk 22,55 und Paralleltexten den Hof (Palasthof) des Hohenpriesters;
  • in Offb 11,2 den Vorhof des Tempels;
  • und in Johannes 10,1.16 eben das Schafgehege.

Wenn also Josef und Maria schon rechtzeitig vor der Geburt des Kindes in Bethlehem wohnen und nach der Geburt nicht nur bis zur Darstellung im Tempel, 40 Tage danach (Lk 2,22), sondern auch noch als die Weisen aus dem Morgenland viele Monate später ankamen, in Bethlehem sind (Mt 2,1.7.16), dann passt die Vorstellung der Geburt von Jesus in einem Gehege (Schafstall) überhaupt nicht in den Zusammenhang. Viel einfacher ist die Vorstellung, dass Jesus in einem Haus bzw. in einem unteren Raum des Hauses, wo bei Kälte und regnerischem Wetter auch Haustiere Unterschlupf finden, zur Welt kommt und Maria ihn in eine sich dort befindliche Futterkrippe legt.

5-2-2014_036

Abbildung 13 Die sogenannte Geburtsgrotte in der Geburtskirche, in welche die Pilger über eine Treppe hinabsteigen können (Foto: April 1986).

Seit dem 2. Jh. gibt es eine Tradition, dass Jesus in einer Felsgrotte, an die das Wohnhaus angebaut war, geboren sei. Doch auch dies passt in das Bild, das Jesus in dem Nebenraum eines Hauses geboren wurde – weil es im Hauptraum, den man Gästen anbieten würde, keinen Platz gab.

ANMERKUNG: Die Tatsache, dass die Hirten auf freiem Felde mit ihren Herden übernachten, lässt nicht auf das Vorhandensein von Tieren in den Häusern Bethlehems schließen. Dezember und Januar sind die niederschlagreichsten Monate des Jahres. Das sonst graue Land erstrahlt in frischem Grün und viele Hirten nutzen die zwar ungemütliche „Winterzeit“ und wandern mit ihren Herden über die näheren Winterweiden, während sie im Sommer wieder zu den weiter entfernt gelegenen Sommerweiden ziehen. Das Übernachten auf dem Felde weist eher auf eine Zeit von April bis November hin. Das Jesus mitten im Winter geboren wurde ist unsicher und eher unwahrscheinlich –  siehe nächster Abschnitt: Der Zeitpunkt der Geburt von Jesus. Doch es bleibt dabei, niemand kann nach so langer Zeit mit Sicherheit den genauen Ort und den genauen Zeitpunkt für die Geburt von Jesus nennen.

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist das Besondere an dem kleinen Ort Bethlehem?
  2. Was könnte Josef empfunden haben beim Anblick und Einzug in seine Vaerstadt Bethlehem?
  3. Was schließen wir aus dem Umstand, dass Jesus im Vielzweckraum geboren wurde?
  4. Bewerte die Argumente, welche für die Geburt von Jesus in einem unteren Raum des Hauses sprechen.
  5. Hast du Informationen über die Umstände deiner Geburt?

1.7 Geburt von Jesus in Bethlehem

(Bibeltexte: Gal 4,4;  Lk 2,7;  Mt 1,25. 2,1;  Hes 16,4.5)

1.7.1 Wann wurde Jesus geboren?

Jesus wurde geboren als „die Zeit (gr. χρόνος – chronos) erfüllt war.“ (Gal 4,4). Das konkrete Handeln Gottes wurde in unserer Geschichte offenbar. So gesehen ist es auffällig, dass im Neuen Testament wenig Wert auf konkrete Angaben zum Geburts- und Todesjahr gelegt wird. Thiede merkt an: „(…) in der Antike wurde Einzelheiten der Geburt, des Geburtsorts, der Kindheit und Jugend nicht als wesentliche Informationen betrachtet“ (Thiede 2006, 65). Die Ereignisse selbst stehen im Mittelpunkt der Berichterstattung. Es gibt jedoch eine Reihe von erwähnten Personen und anderer Details, die mehr Licht auf unsere Fragestellung werfen könnten. Diese sollen der Reihe nach untersucht werden.

Im Wesentlichen sind es fünf mögliche Schlüssel, die zum Geburtsjahr von Jesus führen könnten.

Der Tod des Herodes (des Großen)

Der Stern des Königs

Die Statthalterschaft des Quirinius

Die Einschreibung in Listen

Das Jahr des öffentlichen Auftretens von Jesus, minus ungefähr (knapp) dreißig Jahre

  1. Das Todesjahr des Herodes

Werner Papke kommt in seiner wenig beachteten Ausarbeitung („Der Stern des Messias“ 1995) zu dem Schluss, dass Jesus im Spätsommer des Jahres 2 v. Chr. geboren wurde. Wenn wir uns im Folgenden seinen Gedanken anschließen, soll deutlich werden, dass er seine Berechnungen plausibel begründet. In den gängigen Chronologien zum Leben Jesu wird das Jahr 4 v. Chr. als das Todesjahr des Herodes angegeben.

Diese Berechnung beruht auf der Aussage des Josephus in seinen „Jüdischen Altertümern“, Herodes sei nicht lange vor dem jüdischen Passafest gestorben. In dem Zusammenhang berichtet er von vielen Ereignissen und Tätigkeiten des Herodes (geboren 74 v. Chr., König seit 37 v. Chr.) unter anderem, dass er zwei namhafte Priester verbrennen ließ, während in der Nacht eine Mondfinsternis stattfand. Diese (parzielle, kaum bemerkbare) Mondfinsternis fand in der Nacht vom 12 auf den 13 März (Julianisch) 4 v. Chr. statt. Von 4 v, Chr. bis 1 v. Chr. fand jedoch keine totale Mondfinsternis statt, außer der vom 9./10. Januar 1 v. Chr.. Sie ist demnach als diejenige zu betrachten, die vor dem Tod des Herodes eintrat, so dass Jesus im Jahre 2 v. Chr. noch zu Lebzeiten des Königs Herodes geboren wurde, wie Matthäus berichtet (Papke, 1995, 94-99 auszugsweise).

In den Texten der Evangelien gibt es nur indirekte Hinweise zum Datum der Geburt von Jesus.

„Eins müssen wir allerdings feststellen: Keine Aussage von Lukas dem Arzt als Historiker konnte widerlegt werden“ (Hendriksen 1978, 141).

  1. Der Stern des Königs

Leider hat Herodes die Kenntnis über das „wann der Stern erschienen sei“ (Mt 2,7), nicht veröffentlicht. Die Weisen aus dem Osten haben höchstwahrscheinlich das Datum dieser Beobachtung in ihrem Heimatland weitererzählt oder sogar aufgezeichnet. In den letzten Jahrzehnten ist auch das Jahr 7 v. Chr. als das Geburtsjahr von Jesus favorisiert worden. Zu diesem Schluss kam man, weil es im Jahr 7 eine größere Planetenkonjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische gegeben hat (Kroll. G. 1988, 65-66).

Diese Planetenkonjunktionstheorie (wie auch andere Konjuktionen um die Zeitenwende) widersprehen jedoch den Aussagen des Evangelisten Matthäus, der dreimal von einem Stern `αστόρ –ast¢r` spricht (Mt 2,2.9.10). Wir täten gut, diesem ausgebildeten Zöllner und Evangelisten mehr Kompetenz in der Astronomie zuzugestehen. Der Schluss, er könne nicht zwischen Stern und Planet unterscheiden ist vorschnell und im Kontext nicht haltbar.

Das Neue Testament erwähnt `αστέρες πλανέται –asteres plan¢tai` also Planeten und nennt sie „irrende Sterne“ (Judas 13). ‚Irrend‘ heißt, sie sind in ständiger Bewegung. Sie haben selbst keine Leuchtfähigkeit, sondern scheinen nur, wenn sie von einem Stern (Sonne) angestrahlt werden. Die oben genannte Planetenkonjunktion wiederholt sich im Laufe von Jahrhunderten – ist also kein so einmaliges Ereignis wie es in den Evangelien dargestellt wird. Da die Geburt (Menschwerdung) von Jesus jedoch einmalig ist, wäre die logische Folgerung, dass es sich bei dem Stern des Königs um ein einmaliges Ereigmis handelt. Das hieße auch, es kann durch astronomische Nachberechnungen nicht erfasst werden.

Das Jahr 7 v. Chr. als das Geburtsjahr von Jesus ist auch noch deswegen zu früh, weil der Beginn der Wirksamkeit von Jesus dann im Jahre 24 zu datieren wäre, doch zu diesem Zeitpunkt war Tiberius erst 10 Jahre im Amt. Nach Lukas 3,1 begann Johannes (Jesus kurze Zeit später) seinen Dienst jedoch im fünfzehnten Jahr des Tiberius. Tiberius trat seine Herrschaft am 19. August des Jahres 14 n. Chr. an.

  1. Die Zeit der Statthalterschaft des Quirinius

Der Evangelist Lukas liefert uns einige Angaben über die zeitlichen Umstände und Personen, welche im Zusammenhang der Geburt von Jesus bedeutend sind.

In Lukas 2,1-2 wird berichtet:

  1. Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung (gr. δόγμα – dogma)

vom Kaiser Augustus ausging, die ganze Ökumene (in Listen) einschreiben zu lassen. Diese Einschreibung (in Listen) war die erste während (der Zeit), da Kyrenius Statthalter von Syrien war.

Wüssten wir die Daten der Statthalterschaft des Quirinius, könnten wir das Geburtsjahr von Jesus leicht feststellen. Publius Sulpicius Quirinius (so sein vollständiger Name) wurde um das Jahr 45 v. Chr. in Lanuvium geboren, einer Stadt in der Nähe Roms. Seine Familie war wohlhabend, hatte aber weder Senatoren noch Magistrate hervorgebracht. Nach außerbiblischen Quellen nahm Quirinius in dem Jahrzehnt vor und dem Jahrzehnt nach der Zeitenwende eine hervorragende Stellung ein. Doch außer dem Evangelisten Lukas erwähnt niemand seine Statthalterschaft in Syrien zur Zeit der Geburt von Jesus. Wir kennen eine durchgehende Liste der Statthalter von Syrien für den Zeitraum 13/12 v. Chr. bis 6/7 n. Chr.. Nach diesen Angaben bleibt der Statthalterposten nur für den Zeitraum von Frühjahr 2 v. Chr. bis Herbst 2 v. Chr. unbesetzt. Könnte es sein, dass gerade in diesem Zeitraum Quirinius Statthalter von Syrien war und den von Saturninus begonnenen Zensus zu Ende geführt hatte? (Papke 1995, 99 – auszugsweise. Siehe auch Anhang – Quirinius, Statthalter von Syrien).

  1. Die Einschreibung in Listen

Kaiser Augustus regierte von 30 (31) v. Chr. – 14 n. Chr. (Andere Quellen: 27 v. Chr. bis 14 n. Chr.). Unter seiner Herrschaft erlebte das Römische Reich eine Festigung. Die verschiedenen Völker lebten in relativem Frieden. Zur Zeitenwende wurde das Wort Caesar = Kaiser als Beiname des Herrschers gebraucht. Erst später wurde „Kaiser“ zur Titulatur der römischen Herrscher. Im Jahre 27 v. Chr. erlangte er auf legalem Wege die Alleinherrschaft im römischen Reich, als ihn der Senat zum Princeps ernannte.

„Am 5. Februar des Jahres 2 v. Chr. wurde Augustus vom römischen Senat offiziell die höchste Auszeichnung des Staates verliehen: Augustus wurde zum Pater patriae ‚Vater des Vaterlandes’ ernannt, was den Höhepunkt in der politischen Laufbahn des Augustus bedeutete und ihm unumschränkte Macht im Römischen Reich einbrachte“ (Papke 1995, 98).

Das Jahr 2 v. Chr. war gleichzeitig auch das 25-jährige Jubiläum der Alleinherrschaft des Augustus. Dieses Jahr wurde dadurch auch mit Feiern im ganzen Reich begangen. Josephus spricht von einem Treueid, den Augustus etwa ein Jahr vor dem Tode des Herodes veranlasste. Und er ergänzt, dass 6000 Pharisäer den Treueid verweigerten, während die ganze jüdische Bevölkerung einen Eid ablegte, dem Kaiser treu zu sein (Josephus, Altertümer XVII 2,4). Sicher wissen wir über Pharisäer im Zeitraum vor 70 n. Chr.: eifrig im Studium und der Erkenntnis des Gesetzes, Glaube an die Auferstehung und Akzeptanz der Überlieferung der Ältesten. Josephus berichtet, dass Essener nie das Essen anderer anrühren (BJ II. 143f) – er sagt allerdings nichts dergleichen über Pharisäer aus (Sanders 1985, 188).

Das hier von dem Evangelisten Lukas gebrauchte Verb   ,απογράφεσθαι – apografesthai  – eingeschrieben werde` (in Listen) entspricht in etwa dem uns aus der römischen Geschichte wohl vertrauten „census civium“, der mit einer Volkszählung verglichen werden kann. Lukas schreibt, dass es die „erste“ Einschreibung war. Wohl die erste in ihrer Art, weil sie alle im Römischen Reich umfasste, denn auch vorher ist der römische Staat nicht ohne Steuern ausgekommen. Inschriftlich belegt ist ein „Zensus“ jeweils für das Jahr 9/8 v. Chr., 6/7 n. Chr. und 13/14 n. Chr. Der Zensus wurde gewöhnlich im Sieben-Jahresturnus durchgeführt. Dies würde einen Zensus im Jahre 2 v. Chr. bestätigen. Nach Gerhard Kroll umfasste der römische Provinzialzensus zwei administrative Akte:

– „Die `απόγραφη – apograf¢` – Aufschreibung und Aufnahme des Personalstandes, die Eintragung in die amtlichen Steuerlisten und die Erfassung des Grund und Hauseigentums“ (Kroll 1990, 12).

– „Die `αποτιμέσις – apotimesis` – Schätzung der Vermögenswerte und die Festlegung des jeweiligen Steuersolls.“

Der Evangelist Lukas verwendet nur den Begriff „apograf¢“ und präzisiert, dass es die „erste Einschreibung“ war. Die erste, in ihrer Art, weil sie das gesamte Römische Reich `πάσαν την οικουμένην – pasan t¢n oikoumen¢n` umfasste. Und er fügt hinzu, dass diese Einschreibung während der Statthalterschaft des Quirinius stattfand. Die Aussagen dieser genannten Quellen führen uns in das Jahr 2 v. Chr. für das angenommene Geburtsjahr von Jesus.

  1. Vom Zeitpunkt des Beginns der Wirksamkeit Jesu minus 30 Jahre

Es gibt jedoch noch einen weiteren Ansatz, um das Geburtsjahr von Jesus näher zu bestimmen. Dieser Ansatz ist so einfach und plausibel, dass er selten in Betracht gezogen wird. Rechnen wir vom Jahr des Beginns der Wirksamkeit von Johannes dem Täufer und von Jesus knapp 30 Jahre  zurück (Lk 3,23), kommen wir in das Geburtsjahr von Jesus. Wenn Johannes im 15. Jahr des Tiberius Kaisers öffentlich auftrat, dann ist es die Zeit zwischen dem 19. August 28 und dem 18. August 29 n. Chr. Vielleicht hat Johannes schon im Herbst 28, spätestens jedoch im Frühjahr 29 seinen Dienst  begonnen. Jesus kam etwa ein halbes Jahr später (entsprechend dem Altersunterschied zu Johannes) zu ihm an den Jordan. So könnte der Beginn des öffentlichen Wirkens von Jesus auf etwa Frühjahr bis Sommer des Jahres 29 datiert werden. Rechnen wir von Sommer 29 etwa 30 Jahre zurück, so kommen wir in den Sommer oder Spätsommer des Jahres 2 vor der Zeitenwende als dem Geburtsjahr von Jesus.

Unter zusätzlicher Einbeziehung der Daten der Wirksamkeit von Jesus so wie seines Todesjahres (3. April 33  unserer Zeitrechnung), scheint die Fixierung der Geburt von Jesus auf das Jahr 2 vor der Zeitenwende gut begründet zu sein.

Die uns ganz vertraute Rechnung der Jahre „nach Christus“, genauer: „nach Christi Geburt“, geht auf den römischen Mönch Dionysius mit dem bescheidenen Namen Exigus, der „ganz Kleine“, zurück. Dionysius führte im Jahre 525 n. Chr. die „christliche Ära“ ein, wobei er die Geburt Jesu ins Jahr Null setzte und das folgende Jahr als das erste „nach der Menschwerdung des Herrn“ (ab incarnatione Domini) zählte.

Der englische Benediktiner-Mönch Beda (ca. 672-735), Venerabilis, der „Ehrwürdige“, genannt, hat das Jahr 1 „nach Menschwerdung“ Christi bei Dionysius als das Jahr der Geburt Jesu selbst missverstanden; seinem Einfluss ist es zu verdanken, dass seitdem irrtümlich ein Jahr weniger gerechnet wird; das Jahr 1999 n. Chr. ist also eigentlich das Jahr 2000 n. Chr. Für die Zeitenwende gelten demnach folgende Entsprechungen:

Das Jahr 2 v. Chr. entspricht dem Jahr „Null“ des Dionysius,

das Jahr  1 v. Chr. entspricht dem Jahr 1 des Dionysius,

das Jahr  1 n. Chr. entspricht dem Jahr 2 des Dionysius.

(Beachte: auf das Jahr 1 v. Chr. folgt das Jahr 1 n. Chr.; es gibt kein Jahr „0“ in der seit Beda üblichen Bezeichnungsweise.)

Dieser bescheidene Mönch hat bezüglich des Geburts-Jahres des Erlösers sich nicht, wie allgemein zu lesen ist geirrt, sondern im Gegenteil genau richtig gerechnet! (Papke, 1995, 93).

1.7.2 Tabelle zum möglichen Datum der Geburt Christi

nach Lk 3,1 und 3,23

Zunächst müssen wir beachten, dass es kein Jahr 0 (im Sinne von 12 Monate-Dauer) gibt, wie der Mönch Dionisius in seinem Kalender festgelegt hatte. Null bildet de facto eine Linie zwischen dem Jahr eins vor und dem Jahr eins nach unserer Zeitrechnung.

Spätsommer 2 v. – 1 v. Das erste Lebensjahr (Darstellung im Tempel – Lk 2,22ff; Besuch der Weisen – Mt 2,1-12; Flucht nach Ägypten (Mt 2,13ff;, Rückkehr und Niederlassung in Nazaret – Mt 2,22-23)
 1 v. – 1 n. Das zweite Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade – Lk 2,52)
 1 n. – 2 n. Das dritte Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 2 n. – 3 n. Das vierte Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 3 n. – 4 n. Das fünfte Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 4 n. – 5 n. Das sechste Lebensjahr (Er nahm zu an Alter, Weisheit und Gnade)
 5 n. – 6 n. Das siebte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 6 n. -7 n. Das achte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 7 n. – 8 n. Das neute Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 8 n. – 9 n. Das zehnte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 9 n. – 10 n. Das elfte Lebensjahr (Schulzeit – Synagogenbesuch)
 10 n. – 11 n. Das 12. Lebensjahr (Jesus bleibt drei Tage allein im Tempel in Jerusalem – Lk 2,41ff)
 11 n. – 12 n. Das 13. Lebensjahr (als 13-jähriger übernimmt Jesus mehr Verantwortung)
 12 n. – 13 n. Das 14. Lebensjahr
 13 n. – 14 n. Das 15. Lebensjahr (Berufsausbildung)
 14 n. – 15 n. Das 16. Lebensjahr (Berufsausbildung)
 15 n. – 16 n. Das 17. Lebensjahr (Berufsausbildung)
 16 n. – 17 n. Das 18. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 17 n. – 18 n. Das 19. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 18 n. – 19 n. Das 20. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 19 n. – 20 n. Das 21. Lebensjahr (Berufsjahre)
 20 n. – 21 n. Das 22. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 21 n. – 22 n. Das 23. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 22 n. – 23 n. Das 24. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 23 n. – 24 n. Das 25. Lebensjahr (Beruf/Handwerk)
 24 n. – 25 n. Das 26. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 25 n. – 26 n. Das 27. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 26 n. – 27 n. Das 28. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 27 n. – 28 n. Das 29. Lebensjahr (Verantwortung als Erstgeborener in Familie und Berufsleben)
 28 n. – 29 n. Das 30. Lebensjahr
 29 n. (Sommer)  Jesus ist knapp 30 Jahre alt (Er lässt sich von Johannes im Jordan taufen, siegt in den Versuchungen in der Wüste, zieht anschließend von Nazaret nach Kapernaum um und beginnt mit seinem Dienst – (Lk 3,23;  Mt 4,17).

Dass wir heute die Geburt von Jesus am 24./25. Dezember feiern, ist eine Tradition der Westkirche. In Palästina wurde das Weihnachtsfest am 24./25. Dezember erst zu Beginn des 6. Jahrhunderts auf Drängen der Westkirche eingeführt. Das Kommen von Jesus in diese Welt ist zentraler Inhalt der Evangeliumsbotschaft, die ununterbrochen verkündigt werden soll. Doch tun wir gut, wenn wir uns an  einem bestimmten Tag im Jahr an die Geburt von Jesus Christus im Besonderen erinnern.

1.7.3 Die Umstände der Geburt von Jesus

Die Geburt eines Kindes, speziell des ersten Sohnes, war ein freudiges, sehr bedeutsames Ereignis im Leben der orientalischen Familie. Die Geburt selbst war meist nicht so schwierig – die heute üblichen Zivilisationskrankheiten trugen hoffentlich nicht zur Erschwerung bei. Nur wenige Texte der Bibel machen Detailangaben über die Geburt eines Kindes. Wir lesen im Buch des Propheten Hesekiel von einigen Details, die nach der Geburt nicht beachtet wurden. Aus dieser recht leidvollen Beschreibung geht dennoch hervor, was das normale war.

Bei deiner Geburt war es so: Am Tag, als du geboren wurdest, wurde deine Nabelschnur nicht abgeschnitten; auch hat man dich nicht mit Wasser gebadet, damit du sauber würdest, dich nicht mit Salz abgerieben und nicht in Windeln gewickelt. Denn niemand sah mitleidig auf dich und erbarmte sich, dass er etwas von all dem an dir getan hätte, sondern du wurdest aufs Feld geworfen. So verachtet war dein Leben, als du geboren wurdest. (Hes 16,4-5).

Dennoch beschreibt der Hesekiel-Text die Details, die bei der Geburt zu beachten waren.

Was für ein Kontrast zum liebevollen Verhalten von Josef und Maria gegenüber ihrem Kind! Wir können also annehmen, dass nach der Geburt von Jesus:

  • Die Nabelschnur behutsam abgetrannt wurde,
  • Das Neugeborene mit oder im Wasser gebadet wurde,
  • Danach (wohl zur Desinfektion) mit Salz abgerieben,
  • Danach in Windeln gewickelt,
  • Anschließend in eine mit Stroh und weichen Tüchern gepolsterte Futterkrippe gelegt.
  • Beide, Maria und Josef wachten über dem Kind.

Nach 1Mose 35,17; 38,28, 2Mose 1,15-22 und 1Sam 4,20 waren immer andere weibliche Personen bei der Geburt als Hilfe anwesend. Dies waren Freundinnen der Mutter oder ältere Verwandte. Auch gab es wohl einen Geburtsstuhl 2Mose 1,16 wörtlich: „(…) wenn ihr sie auf dem Geburtsstuhl  al ha‚obnajim seht (…)“ Über die Anwesenheit von anderen Frauen wird in den biblischen Texten nichts erwähnt (…) dennoch wäre es sehr außergewöhnlich, wenn nicht Frauen der erweiterten Sippe – auch bei sehr losen Beziehungen – hilfreich einer Erstgebärenden zur Seite gestanden hätten. Bei den Windeln handelt es sich um lange Stoffstreife n, mit den üblicher Weise die Glieder der Säuglinge festgebunden werden, damit sie „gerade“ wachsen.

So ist Jesus, wie auch viele andere Kinder in einem der unteren Wirtschaftsräume des Hauses zur Welt gekommen und weil es für sie oben in der guten Stube keinen Platz gab, legten sie ihn in Windeln gewickelt in die dort befindliche Futterkrippe.

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist dir über den Zeitpunkt, bzw. das Jahr der Geburt von Jesus bekannt?  Wie kamen die Forscher zu den unterschiedlichen Ergebnissen?
  2. Ist Weihnachten (24/25. Dezember) wirklich der Geburtstag von Jesus?
  3. Suche auf einer Karte Bethlehem (Mt 2,1), beschreibe die geographische Lage der Stadt. Wo in der Bibel wird Bethlehem zum ersten Mal erwähnt? Welcher Prophet sagt etwas  über den Geburtsort und den Messias voraus? Als wessen Stadt wird Bethlehem bezeichnet?
  4. Wenn du die Möglichkeit hättest in Bethlehem einen Tag zu verbringen, was würdest du dort machen?
  5. Kann es sein, dass Maria und Josef gerne Nazaret verließen und die Geburt im fernen Bethlehem ihnen eigentlich willkommen war? Wie war Marias Situation in Nazaret?
  6. Was fällt bei der Geburt von Jesus auf?
  7. In welcher Weise war die „Fülle der Zeit“ gekommen, als Jesus in Bethlehem geboren wurde? Welche politischen, kulturellen und religiösen Faktoren könnten es gewesen sein?

1.8 Gott offenbart sich den Hirten

(Bibeltexte: Lk 2,8-20;  2Kön 7,9)

1.8.1 Die Frohe Botschaft der Engel an die Hirten

Nicht an den Palästen der Herrscher und Großen dieser Welt offenbart sich Gott, sondern bei den Geringen, bei den Unbeachteten. Die Geschichte mit den Hirten berichtet uns nur der Evangelist Lukas.

0012-Hirtenfelder-5-2-2014_025

Abbildung 14 Die sogenannten Hirtenfelder in der Umgebung von Bethlehem. Die Tafel weist auf Überreste einer byzantinischen Kirche hin (Foto: April 1986).

,„Und es waren Hirten in derselben Gegend, die auf freiem Feld blieben und des Nachts Wache hielten über ihre Herde.“ (Lk 2,8 Elf.).

Hirten finden in Gottes Heilsgeschichte eine besondere Beachtung. Abel, die Patriarchen Abraham, Isaak, Jakob mit seinen Söhnen, Mose, David, Amos waren Hirten. Ja, selbst Jesus bezeichnet sich als den „guten Hirten“ (Joh 10,1). Gott scheint eine besondere Beziehung zu den Hirten zu haben.

In Palästina mussten Hirten besonders in der Nacht Wache halten, denn es gab in dieser Region wilde, reißende Tiere: Wölfe, Hyänen, Leoparden, Löwen und sogar Bären. Entweder trieb man die Schafe für die Nacht in die Gehege (Pferche) oder auch in die Höhlen, wo sie leichter zu bewachen und zu beschützen waren. Dass die Herde und die Hirten nachts draußen auf freiem Felde waren, deutet evtl. darauf hin, dass keine winterlichen Temperaturen herrschten. Der Evangelist Lukas schreibt: „Und ein Engel des Herrn stellte sich zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umleuchtete sie.“ Es fällt hier gleich auf, dass der Engel des Herrn sich zu ihnen stellt. Paul Schüle: „Meine frühere Vorstellung, dass er über ihnen schwebte, ist damit verflogen!“ Die Reaktion der ansonsten furchtlosen Hirten ist große Furcht. Die Herrlichkeit des Herrn ist oft mit Licht, Feuer und wunderschönen Farben verbunden (siehe 2Mose 24,17; Mt 17,2; Offb 4,2ff). Durch die Botschaft des Engels werden uns ewige Wahrheiten von Gott offenbart.

Die Einleitung des Engels: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“, ist zweiteilig. Die Hirten sollen aus ihrer Furcht heraus und in die Freude hinein geführt werden. Den Hirten wird „gute Nachricht” verkündigt (Jes 52,7). Höchstwahrscheinlich sprach der Engel mit den Hirten Hebräisch. Im Griechischen verband man damals mit dem Verb euangeli, zomai – euangelizomai die Verkündigung guter Nachricht; im griechisch-römischen Kontext auch die Bekanntgabe der Feiern des Kaiserkults – besonders an dessen Geburtstag.

Der Inhalt der Freude ist dreiteilig und wird am Ende auch noch lokalisiert.

  1. „Denn euch ist heute der Retter (swth,r –söt¢r) geboren (1Mose 3,15),
  2. welcher ist (der) Gesalbte (cristo,j – christos) (Jes 61,1),
  3. (der) Herr (ku,rioj – kyrios) (2Sam 7,12-14; Ps 110,1;  Mt 22,42-44) in der Stadt Davids.“

Man sollte die Bildung bzw. Kenntnis der sonst einfachen Hirten-Menschen über Gott und seine Geschichte in Israel nicht unterschätzen. Wir werden in dem Zusammenhang an all die Hirten in der Geschichte Israels erinnert. Gerade diese standen Gott oft näher als die typischen Stadtbewohner. So ist es nicht verwunderlich, dass der Engel ihnen solche theologischen Inhalte vermitteln kann und sie diese sofort begreifen.

Die Botschaft des Engels lautete: „Und das ist für euch das Zeichen: Ihr werdet ein Kind (einen Säugling) finden in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“ (Lk 2,12) Begriff  `βρέφος – brefos`  bezeichnet entweder ein Neugeborenes oder auch ein noch nicht geborenes Kind im Mutterleib (1Petr 2,2;  Lk 1,41.44).

  1. IMG_1087

    Abbildung 15 Das Zeichen der Krippe bekamen die Hirten vom Engel, damit sie das Kind Identifizieren konnten. Anscheinend war es bis dahin nicht übliche Praxis, Neugeborene in Futterkrippen zu legen. Doch die Idee ist genial – das Leben der Welt liegt in einer Futterkrippe.

    Der Engel macht die Hirten auf zwei Äußerlichkeiten aufmerksam: das Kind ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe. Windeln werden im Alten Testament nur zwei Mal erwähnt (Hiob 38,9: im übertragenen Sinne auf die Wolken des Himmels bezogen und in Hesekiel 16,4-5 wird indirekt die gewöhnliche Praxis im Umgang mit Neugeborenen nach der Geburt beschrieben).

    Das Zeichen der Krippe zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die Krippe selbst wird in der Bibel nur selten erwähnt (hebr. ¢büs, gr. φάτνη – fatn¢). Im Alten Testament wird die Krippe nur vier Mal genannt (Hiob 6,5: LXX; 39,9; Spr 14,4; Jes 1,3). Die bekannteste Stelle ist in Jesaja 1,3: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, (…).“ Dies ist der einzige sehr indirekte Hinweis aus dem Alten Testament, aufgrund dessen angenommen wird, dass bei der Geburt von Jesus Ochsen und Esel anwesend waren. Im NT finden wir keinen Hinweis auf die so beliebten Figuren in Weihnachtsanspielen. Im Neuen Testament ist Lukas der Einzige, der außer bei der Geburt von Jesus (drei Mal: 2,7.12.16) noch in Kapitel 13,15 eine futterkrippe erwähnt. Maria und Josef legen das neugeborene Jesus-Kind in eine Futterkrippe. Dies war eventuell nicht die gängigste und beliebteste Praxis gewesen. Mit Nachdruck betont der Engel, dass die Krippe „das Zeichen“ sei (gr. σημείον s¢meion),

    m den Retter zu identifizieren. Ein Zeichen steht nicht für sich da, sondern weist auf etwas Höheres oder jemand Höheren hin. Anhand dieses (besonderen) Zeichens konnten die Hirten, nachdem sie das Kind in einem der Häuser Bethlehems fanden, genau identifizieren.

    Ludwig Schneller merkt an, dass er diese Praxis in Bethlehem viel später bei den Arabern Ende des 19. Jahrhunderts oft beobachtete – so mag sie eine Fortsetzung dessen sein, was damals mit Jesus noch etwas Besonderes war.

    Der Hinweis des Engels auf die Windeln dagegen, könnte nicht als Zeichen (etwas Ungewöhnliches) bezeichnet werden, denn diese werden als gewöhnlicher Bestandteil bei Neugeborenen in Hesekiel 16,4 beschrieben (siehe weiter oben). Die Futterkrippe wird im Gegensatz zu den Windeln immer nur als Versorgungseinrichtung für das Vieh in Verbindung gebracht. Hier in der Krippe also liegt das Leben der Welt. Das „Lamm” beginnt seinen Weg in der Krippe aus Holz und beendet ihn am Holz-Kreuz auf Golgatha. Was für ein Zeichen!

    Und nun kommt eine weitere Überraschung. Plötzlich ist bei dem Engel eine Menge der himmlischen Heerscharen (πλήθος στρατας – pl¢thos stratias), die lobsingen Gott: „Herrlichkeit Gott in den Höhen und Frieden auf Erden bei den Menschen des (seines) Wohlgefallens.“ (Lk 2,14). Nach welcher Melodie und in welcher Stimmlage sie wohl singen und so ganz ohne Instrumentalbegleitung? Doch eines verstehen wir sofort: Hier begegnet uns Lobpreis auf höchstem Niveau. Was für eine Anbetung angesichts solcher schlichter Umstände! Die Engel selbst waren wohl zu keinem Zeitpunkt der Weltgeschichte so gespannt und erstaunt.

    1. Zu beachten ist in diesem Satz der Genitiv (des Wohlgefallens), welcher im Griechischen untypisch ist und darum in einigen Handschriften nicht überliefert wurde. Hier geht es um ein kleines „s” = also ob hier ευδοκία eudokia oder ευδοκίας eudokias zu lesen ist. Dieses „s” macht den Unterschied bei den Übersetzungen und führt zu verschiedenen Interpretationen.

    Hier die Versionen der Übersetzer des Textes in Lukas 2,14:

    Griechisch

    ALTE LUTHER

    LUTHER 1984/2017

    ALTE ELBERFELDER

    ELBERFELDER 1987

    EINHEITSÜBERSETZUNG

    SCHLACHTER 2000

    NGÜ

    HfA

    Gute Nachricht

    „δόξα έν υψίστοις θεώ καί έπί γής είρήνη έν άνθρώποις εύδοκίας.“

    „Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“

    „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“

    „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!“

    „Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Friede auf Erden in den Menschen des Wohlgefallens!“

    „Verherrlicht ist Gott in der Höhe, und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“

    „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden, an den Menschen ein Wohlgefallen!“

    »Ehre und Herrlichkeit Gott in der Höhe, und Frieden auf der Erde für die Menschen, auf denen sein Wohlgefallen ruht.«

    »Ehre sei Gott im Himme! Denn er bringt der Welt Frieden und wendet sich den Menschen in Liebe zu.«

    »Groß ist von jetzt an Gottes Herrlichkeit im Himmel; denn sein Frieden ist herabgekommen auf die Erde zu den Menschen, die er erwählt hat und liebt!«

    Dieses Beispiel macht deutlich, wie wichtig es für das sorgfältige Bibelstudium sein kann, verschiedene Übersetzungen heranzuziehen und nach Möglichkeit auch den griechischen Text beachten.
    Die ältere Lutherübersetzung formuliert: „Frieden auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen.“ Doch es gab schon damals keinen Frieden auf Erden. Der Friede Gottes kann sich nur auf die Menschen beziehen, die seines (Gottes) Wohlgefallens sind. Es geht um den Frieden, den Jesus persönlich verkörpert und den er seinen Jüngern später gegeben, bzw. gelassen hatte (Eph 2,14; Joh 14,27) und es ist auch der Friede, der nur auf die Menschen kommt, welche die Botschaft Gottes annehmen und durch Vergebung ihrer Sünden mit Gott versöhnt werden (Mk 5,34; Lk 7,50; 10,5-6; siehe auch Röm 5,1.2; 2Kor 5,18-21). Trotz aller bedenklicher Gemeindeerfahrungen: je mehr Menschen mit Jesus Frieden vor Gott und Mitmenschen finden, desto mehr haben wir auch Frieden in den Strukturen dieser Welt.

    1.8.2 Der Besuch der Hirten in Bethlehem

    Der Evangelist Lukas schreibt weiter:

    Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte (gr. τήμα –r¢ma – den Ausspruch, das Gesagte) sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind (βρέφος – brefos – Säugling) in der Krippe liegen. Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort (ρήματος –r¢matos – den Ausspruch, das Gesagte) aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. (Lk 2,15-18).

    Dies ist immer ein kritischer Moment. Was die Hirten tun sollen ist klar – Gottes Auftrag ist oft zu klar! Doch jetzt kommt die Umsetzung, die Disziplin, der Gehorsam! Wie nach einer Predigt kommt nach dem Hören das Tun! Lukas drückt durch den Gebrauch einer griechischen Verbform die Spannung aus: `ευρήσετε –eur¢sete – ihr werdet finden`. Die Hirten können gar nicht anders als alles liegen zu lassen, um das Gehörte zu prüfen. Schnell machen sie sich auf nach Bethlehem um nach einem Neugeborenen zu suchen und sie finden alles so vor, wie ihnen der Engel gesagt hatte. Das kleine Städtchen Bethlehem kommt in dieser Nacht in freudige Bewegung. Diese Männer haben sich vor nichts zurückschrecken lassen – weder vor fragenden Blicken der einwohner Bethlehems, noch vor der vermeintlichen Ruhestörung bei einer jungen Frau kurz nach der Entbindung.

    Auch Maria wird durch den Besuch und die gute Nachricht der Hirten erneut in Staunen versetzt. Von ihr heißt: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“ (Lk 2,19). Sie sammelt sozusagen alle Informationen und bekommt immer mehr Einblick in den Heilsplan Gottes mit seinem Sohn. Wir wissen wenig von dem Glaubensleben Marias. Doch nach Johannes 2,5; Apostelgeschichte 1,14 können wir erkennen, dass sie von der Mutter zur Gläubigen heranwuchs. Wenn Maria hier auch an erster Stelle noch vor ihrem Mann genannt wird, so ist es auch für Josef eine weitere Bestätigung dass Gott seine Verheißung erfüllt hat (Mt 1,20-21). Und er bekommt auch die Anerkennung für seine treue Fürsorge und disziplinierte Zurückhaltung in der Ehe (Mt 1,24-25).

    Es wird schon deutlich, dass sich diese Ereignisse damals in jener Gegend rasch herumgesprochen haben. Der Text erweckt den Eindruck, dass die Hirten noch in der Nacht mit der Ausbreitung dieser `Frohen Botschaft` begannen. Die Reaktionen der Menschen waren: Staunen und Verwunderung.

    Die Hirten – kräftige, mutige, gestandene Männer reden begeistert von Engeln, von einem himmlischen Chor und einem Säugling in der Krippe. Sie lobpreisen Gott, das ist wahre Anbetung, die angemessene Antwort auf die Kundgebung und das Reden Gottes.

    Fragen /Aufgaben:

    1. Siehst du einen Grund, warum Gott die Geburt seines Sohnes zuerst den Hirten verkündigt hat?

  2.  2Kön 7,9 wird von der guten Nachricht zweier Leprakranker berichtet. Sie können nicht anders (…), sie müssen die Botschaft verkünden! Gibt es diese Dringlichkeit auch heute noch?
  3. Wie nimmst du den Lobpreis der Engel auf? Was könnte daraus für deinen Alltag folgen?
  4. Lerne den Lobeshymnus der Engel aus Lk 2,14 auswendig und zwar nach der revidierten Lutherübersetzung.
  5. Was fällt uns bei Maria besonders auf?
  6. Was ist mit Josef? Wie oder was konnte er in all diesem Geschehen empfunden haben?
  7. Was können wir aus der Reaktion der Hirten lernen (Lk 2,16-20)?

1.9 Die Beschneidung und Namensgebung

1.9.1 Die Beschneidung von Jesus am achten Tag

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und als acht Tage um waren und er beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, welcher genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.“ (Lk 2,21). Für Jesus gab es keine Sonderbehandlung, er wurde unter das Gesetz gestellt, wie es im Judentum seit etwa 2 Jahrtausende Tradition war. Dies bestätigt später auch der Apostel Paulus: (…) als aber die Fülle der Zeit (το πλήρωμα του χρόνου – to pl¢röma tou chronou) kam, sandte Gott seinen Sohn aus, geboren von einer Frau, geboren unter Gesetz. (Gal 4,4).

Damit hatte Jesus alle Pflichten des mosaischen Gesetzes zu erfüllen. Hierzu gehörte die rituelle Beschneidung als Zeichen der Zugehörigkeit zum Bund Gottes mit Abraham. Dies war zugleich ein unterscheidbares körperliches Merkmal aller männlichen Glieder des Volkes Israel. Im Nahen Osten ist die männliche Beschneidung bei Juden (am 8.Tag), Christen (kurz nach der Geburt) und Muslimen – ohne koranisches Gebot – (im Alter von 7-10 Jahren) verbreitet.

Die Beschneidung am achten Tag hat ihren Ursprung in Abrahams Handlungen nach dem Bundesschluss (1Mose 17,11) und wurde im Gesetz am Sinai verankert (3Mose 12,3). Bei der Beschneidung wird die Vorhaut des männlichen Gliedes entfernt.

Wenn der entsprechende achte Tag auf einen Sabbat fiel, dann stand Gebot gegen Gebot (Joh 7,21-23). In diesem Fall stand das Gebot “am achten Tag soll alles Männliche beschnitten werden”, dem Gebot “am Sabbattag sollst du keinerlei Arbeit tun”, entgegen. Bei Einhaltung des Beschneidungsgebotes übertraten die Juden das Sabbatgebot (natürlich nur dem Buchstaben nach).

Im Neuen Testament bekommt die Beschneidung eine tiefe, geistliche Bedeutung. Denn in Christus Jesus ist die natürliche Beschneidung belanglos und nutzlos geworden (Gal 6,15), Es geht nun

  • um die Beschneidung des Herzens (Röm 2,29),
  • oder die Beschneidung durch Christus (Kol 2,11).

Nach dem Beschluss der Apostel und Ältesten in Jerusalem im Jahre 48 n.Chr., werden die Heidenchristen befreit von der alttestamentlichen Beschneidungsvorschrift und somit auch von allen anderen rituellen Vorschriften (Apg 15,1-6; 19f). Zur Beschneidung heute siehe Anhänge.

1.9.2 Die Namensgebung von Jesus

In alttestamentlicher Zeit und auch zur Zeit von Jesus fiel die Namensgebung bei Knaben mit der Beschneidung am achten Tag zusammen (Lk 1,59; 2,21;  1Mose 21,1ff). Die Namen hatten in der Regel eine Bedeutung. Deshalb wird er auch schon in der himmlischen Geburtsankündigung erwähnt. In Lukas 1,26 erscheint der Engel Gabriel der Maria und verkündet ihr die Geburt eines Sohnes an, den sie ‚Jesus‘ nennen soll.

Die Herkunft des Namens Jehoschua und der abgeleiteten Form Jeschua ist nicht endgültig geklärt. Ältere Lexika der hebräischen Sprache weisen auf eine mögliche Abstammung aus der Zusammensetzung von J H W (Kurzform von JHWH, dem Gottesnamen der hebräischen Bibel) und schua΄ („edel“, „freigiebig“, „vornehm sein“) hin oder erkennen eine Ableitung aus dem Verb jascha΄ („retten“) wie in dem Namen Hosche΄a. Für eine Herleitung aus der Wurzel „retten, befreien“ spricht auch eine Aussage des Matthäusevangeliums zur Bedeutung des Namens: Jesus. Dort heißt es in Mt 1,21 ELB: „und Du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk retten von seinen Sünden.“

Hier eine Aufstellung der verschiedenen Variationen dieses Namens

Sprache Schreibweise(n)
Masoretischer Text יְהוֹשׁוּעַ‎; יְהוֹשֻׁעַ‎ (lehöschü ±a); יֵשׁוּעַ‎ (l¢schü΄a)
Syrische Versionen Jeschua
Septuaginta und Neues Testament griechisch (russisch)  Ιησους – I¢sous (I¢süs); Ωσηε (Ös¢e);[1] Ιασων (Iasön) Иисус
Vulgata Iosue; Iesus
Deutsche Übersetzungen Josua; Jesua; Jesus
Englische Übersetzungen Joshua; Jehoshua; Jesus

Gottes Auftrag für Jesus war die Rettung der Menschheit von ihren Sünden. In diesem Fall wurden sowohl Maria als auch Josef beauftragt, ihrem Sohn diesen Namen zu geben. Der Evangelist Lukas unterstreicht außerdem die Tatsache, dass der Name gegeben wurde, bevor Jesus im Mutterleib empfangen wurde (Lk 2,21).

Der Name Jesus kommt schon im Alten Testament vor und mehrere Menschen tragen ihn auch zur Zeit des Neuen Testamentes (Jesus – Barabbas Mt 27,16-17, Bar Jesus Apg 13,6-12, Jesus – Justus Kol 4,11).

Eine Namensgebung hatte immer weit reichende Bedeutung. Wir erinnern uns, dass Jesus selbst seinen Jüngern Zunamen oder Beinamen gegeben hat. Er legte damit in deren Leben ein bestimmtes Konzept hinein (Joh 1,40ff;  Mk 3,16). An diese Praxis lehnten sich auch die Apostel an (Apg 4,36).

Jesus spricht nicht nur von den Namen derer, die im Himmel angeschrieben werden (Lk 10,20), sondern auch davon, dass diese einen neuen Namen bekommen werden (Offb 2,17; 3,12). Es entsteht der Eindruck, dass im Himmel jeder einen individuellen Namen tragen wird, der in völliger Übereinstimmung mit der jeweiligen Person sein wird.

Fragen / Aufgaben:

  1. Auf welche Anordnung geht das Ritual der Beschneidung am achten Tag zurück? Welchen geistlichen Sinn wird der Beschneidung im Neuen Testament zugemessen? Siehe: Kol 2,11; Phil 3,3; Gal 5,6; Gal 6,15; 1Kor 7,19; Röm 2,25-29.
  2. Was bedeutet der Name ‚Jesus‘? In welcher Weise war er wirklich das Programm Gottes?
  3. Legst du Wert auf die Bedeutung der Namen, deines Namens, heute? Warum gibt man den Menschen oft noch einen Beinamen?
  4. Weißt du, dass dein Name im Himmel bekannt ist und es für dich einen neuen Namen gibt im Himmel? Siehe Offb 2,17 und 3,5.

1.10 Darstellung von Jesus im Tempel

(Bibeltexte: Lk 2,22-40;  2Mose 13,1-8. 12-16;  4Mose 3,39-51; 18,5-7)

1.10.1 Reinigungsopfer der Maria

Jüdische Familien hatten drei Pflichten nach der Geburt des Erstgeborenen zu beachten:

  • Beschneidung und die damit verbundene Namensgebung
  • Darstellung / Auslösung im Tempel
  • Reinigungsopfer der Mutter (nach 40 Tagen für Söhne und 80 Tagen für Mädchen).

Der Evangelist Lukas schreibt dazu: „Und als die Tage ihrer Reinigung nach dem Gesetz des Mose um waren, brachten sie ihn hinauf nach Jerusalem, um ihn dem Herrn darzustellen,

wie geschrieben steht im Gesetz des Herrn (2. Mose 13,2; 13,15): »Alles Männliche, das zuerst den Mutterschoß durchbricht, soll dem Herrn geheiligt heißen«, und um das Opfer arzubringen, wie es gesagt ist im Gesetz des Herrn: »ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben« (3. Mose 12,6-8). Josef erfüllt alle drei Pflichten und bringt mit Maria 40 Tage nach der Geburt das Kind Jesus in den Tempel. Hier stellen sie ihren Erstgeborenen dem Herrn dar und bringen das Brandopfer und Sündopfer, wie es Gott im Gesetz durch Mose angeordnet hatte (3Mose 12,1-8)..

Abbildung 16 Modell des Herodianischen Tempels in Jerusalem zur Zeit Jesu (Foto: April 1986).

Diese Vorschrift hatte ihre Wurzel zunächst in der wunderbaren Befreiung Israels aus der ägyptischen Knechtschaft (2Mose 13,1-8). Dort wurde die männliche Erstgeburt bei den Israeliten durch das Blut eines Lammes, mit dem die Türpfosten angestrichen wurden, vom Tod bewahrt, während alle Erstgeborenen der Ägypter starben. Später in der Wüste Sinai hatte Gott anstelle aller Erstgeborener in Israel den gesamten Stamm Levi für sich ausgesondert. Dabei wurde bei der Zählung der Erstgeburten unter den elf Stämmen Israels 22273 männliche Erstgeburten (ab einem Monat) gezählt. Dies ergab einen Überhang von 273 männliche Personen im Vergleich zur Zahl der Leviten welche 22000 (ab einem Monat) zählten. Die restlichen 273 mussten nun mit einer Zahlung von 5 Schekeln ausgelöst werden. Gott sagte, dass alle Erstgeburt sein Eigentum ist. Dieser Anspruch gründete sich auf Jakobs Erstgeburtsrecht, nachdem Esau seine Erstgeburt verkaufte. So wurde Jakob der von Gott begnadete und geliebte Stammvater und mit ihm wurde das gesamte Volk Israel gesegnet. Vor Pharao bekennt und bezeichnet Gott das gesamte Volk Israel als seinen erstgeborenen Sohn: „Israel ist mein erstgeborener Sohn.” (2Mose 4,22;  Hos 11,1;  Mt 2,14). Im Neuen Bund sind alle an Christus Gläubigen Erstgeborene, wobei Christus selbst der Erstgeborene und auch Einziggeborene vom Vater ist (Joh 1,18;  Hebr 1,6; 12,23). Weitere Hinweise zum Recht des Erstgeborenen finden wir in 5Mose 21,16ff.

Zum Brandopfer benötigten Maria und Josef ein Lamm oder wenn sie nicht genug Geld hatten auch eine Taube oder Turteltaube (3Mose 12,6-8) und für das Sündopfer eine Taube. Die Turteltaube ist ein Zugvogel (Jer 8,7). Opfertauben konnten im Tempel gekauft werden (Mt 21,12). Der Evangelist Lukas schreibt nicht, was für ein Opfer Josef und Maria dem Herrn dargebracht haben. Auch hier wird wieder unterstrichen, dass Jesus unter das Gesetz gestellt wurde (Gal 4,4). Weiter fällt auf, dass Josef alle seine Vaterpflichten vorbildlich erfüllt (wohl wissend, dass er nur der Adoptivvater ist).

Der Erlöser der Welt wird „ausgelöst”!

1.10.2 Lobpreis Simeons „Nunc dimittis”

(Bibeltexte: Lk 2,25-35;  Jes 40,1; 39,13)

Simeon war gerecht, gottesfürchtig und er wartete auf den Trost für Israel. Der Name Simeon hat mit dem hebr. „hören” zu tun. Auffällig dann, dass er die Stimme des Heiligen Geistes gehört und verstanden hatte, der sagte:

Du wirst den Tod nicht schmecken, bevor du den Christus des Herrn gesehen hast (Lk 2,26).

Er als „Laie” hatte gelernt auf die Stimme des Geistes zu hören. Dieser Geist Gottes regt ihn an, in den Tempel zu gehen und gerade in dieser Zeit befinden sich Josef und Maria mit dem Jesuskind im Tempel. Nachdem er Jesus auf die Arme nahm, spricht er, bzw. lobpreist er Gott:

Nun entlässt du, Herr, deinen Diener (Sklaven) gemäß deinem Wort in Frieden, denn meine Augen haben dein Heil gesehen, (…). (Lk 2,29).

In der Prophetie Simeons wird die Dimension und das Konzept des Dienstes von Jesus verdeutlicht: alle Völker sind in diese Rettung eingeschlossen.

(…) das du bereitet hast im Angesicht aller Nationen ein Licht zur Offenbarung für die Nationen und zur Herrlichkeit deines Volkes Israel. (Lk 2,31.32).

An dieser Stelle darf die alttestamentliche Universalität des Heilsangebots Gottes beleuchtet werden. So lesen wir im Jesajabuch:

Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten Israels zurückzubringen. So mache ich dich auch zum Licht der Nationen, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde. (Jes 49,6).

 

Siehe, du wirst eine Nation herbeirufen, die du nicht kennst; und eine Nation, die dich nicht kannte, wird zu dir laufen um des HERRN willen, deines Gottes, und wegen des Heiligen Israels. Denn er hat dich herrlich gemacht. (Jes 55,5).

So spricht der HERR: Wahret das Recht und übt Gerechtigkeit! Denn mein Heil ist nahe, dass es kommt, und meine Gerechtigkeit, dass sie geoffenbart wird.

 Glücklich der Mensch, der dies tut, und das Menschenkind, das daran festhält: der den Sabbat bewahrt, ihn nicht zu entweihen, und seine Hand davor bewahrt, irgend etwas Böses zu tun!

 Und der Sohn der Fremde, der sich dem HERRN angeschlossen hat, soll nicht sagen: Der HERR wird mich sicher von seinem Volk ausschließen. Und der Verschnittene sage nicht: Siehe, ich bin ein dürrer Baum!

 Denn so spricht der HERR: Den Verschnittenen, die meine Sabbate bewahren und das erwählen, woran ich Gefallen habe, und festhalten an meinem Bund,

 denen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern einen Platz und einen Namen, besser als Söhne und Töchter. Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht ausgelöscht werden soll.

 Und die Söhne der Fremde, die sich dem HERRN angeschlossen haben, um ihm zu dienen und den Namen des HERRN zu lieben, ihm zu Knechten zu sein, jeden, der den Sabbat bewahrt, ihn nicht zu entweihen, und alle, die an meinem Bund festhalten:

 die werde ich zu meinem heiligen Berg bringen und sie erfreuen in meinem Bethaus. Ihre Brandopfer und ihre Schlachtopfer sollen mir ein Wohlgefallen sein auf meinem Altar. Denn mein Haus wird ein Bethaus genannt werden für alle Völker. (Jes 56,1-7).

 Ich aber, ich kenne ihre Taten und ihre Gedanken, und ich bin gekommen, alle Nationen und Sprachen zu versammeln. Und sie werden kommen und meine Herrlichkeit sehen.

 Ich richte unter ihnen ein Zeichen auf und sende Entkommene von ihnen zu den Nationen, nach Tarsis, Put und Lud, zu denen, die den Bogen spannen, nach Tubal und Jawan, zu den fernen Inseln, die die Kunde von mir nicht gehört und meine Herrlichkeit nicht gesehen haben. Und sie verkünden meine Herrlichkeit unter den Nationen. (Jes 66,18-19).

Im Alten Testament sehen wir also neben Fluchworten über die Fremdvölker auch folgendes Bild: Völker ziehen nach Jerusalem, werden dort aber von Jahwe nicht unterworfen, sondern bekehren sich zu ihm und dürfen sogar am Gottesdienst teilnehmen. Am deutlichsten findet sich diese Vorstellung von der Bekehrung der Völker bei Jesaja. Durch Jahwes Handeln an Israel werden die Völker zu der Erkenntnis kommen, dass Jahwe ein machtvoll handelnder Gott ist (Jes 45,14; 42,10-12; 56,3-8; 66,18-22). Auffällig ist, dass Jesaja 66,18-22 mit der Ankündigung der Pilger nach Zion Jesaja 2,2-5 entspricht und mit diesem Text eine Klammer um das ganze Jesajabuch legt. Das Jesaja-Buch hat somit einen fremdenfreundlichen Rahmen und darf deswegen trotz anderer Aussagen in Jesaja 13-27 als ein äußerst fremdenfreundliches Buch gelten.

Nach Jesaja 56,3-8 wird Jahwe selbst Ausländer, die ihm dienen und die Gebote beachten, zum Tempel führen, der ein Bethaus für alle Völker sein soll. Anders als in der Aufnahme dieser Zusage in der neutestamentlichen Erzählung von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel (Mt 21,13;  Mk 11,17;  Lk 19,46), liegt der Akzent hier nicht darauf, dass der Tempel ein Bethaus ist, sondern dass er ein Bethaus für alle Völker sein wird. Nach Jesaja 66,18ff wird Jahwe auch Ausländer zu Priestern machen. Micha 4,3-4a beschreibt ein umfassendes Friedensreich. Jahwe wird die Konflikte zwischen den Völkern schlichten und allen zu ihrem Recht verhelfen. Dann werden die Völker nicht mehr den Krieg, sondern die Tora erlernen und ihre Waffen zu Werkzeugen schmieden, Schwerter zu Pflugscharen und Speere zu Winzermessern. Jesaja 19,18-25 kündigt Ägypten und Assur (gemeint sind die Weltmächte) das Heil an.

An jenem Tag werden fünf Städte im Land Ägypten sein, die die Sprache Kanaans reden und dem HERRN der Heerscharen schwören werden. Eine wird Ir-Heres heißen.

 An jenem Tag wird mitten im Land Ägypten dem HERRN ein Altar geweiht sein und ein Gedenkstein für den HERRN nahe an seiner Grenze.

 Und er wird zu einem Zeichen und zu einem Zeugnis für den HERRN der Heerscharen im Land Ägypten werden: Wenn sie zum HERRN schreien werden wegen der Unterdrücker, dann wird er ihnen einen Retter senden; der wird den Streit führen und sie erretten.

 Und der HERR wird sich den Ägyptern zu erkennen geben, und die Ägypter werden an jenem Tag den HERRN erkennen. Dann werden sie dienen mit Schlachtopfern und Speisopfern und werden dem HERRN Gelübde tun und sie erfüllen.

 Und der HERR wird die Ägypter schlagen, schlagen und heilen. Und sie werden sich zum HERRN wenden, und er wird sich von ihnen erbitten lassen und sie heilen.

 An jenem Tag wird es eine Straße von Ägypten nach Assur geben. Assur wird nach Ägypten und die Ägypter nach Assur kommen, und die Ägypter werden mit Assur dem HERRN dienen.

 An jenem Tag wird Israel der Dritte sein mit Ägypten und mit Assur, ein Segen inmitten der Erde.

 Denn der HERR der Heerscharen segnet es und spricht: Gesegnet sei Ägypten, mein Volk, und Assur, meiner Hände Werk, und Israel, mein Erbteil. (Jes 19,18-25)!

Sie werden also Jahwe verehren, aber nicht am Zion, sondern – das ist neu – in ihren Heimatländern. Von der zentralen Bedeutung Jerusalems ist hier nichts zu spüren. Dieser Zukunftsentwurf war so provozierend, dass schon die griechische (Septuaginta) und die aramäische Übersetzung (Peschitta) den Text nicht wörtlich wiedergegeben haben. Die Septuaginta überträgt in Jesaja 19,25 die Segnung Ägyptens und Assurs auf die dort lebenden Israeliten: „Gesegnet ist mein Volk, das in Ägypten weilt und unter den Assyrern.“

Ferner sagt Simeon die paradoxe Reaktion des Volkes Israel auf diesen Retter voraus: Einige werden sich an Jesus stoßen und fallen, andere werden durch ihn auferstehen. Ähnlich klingt es dann im Johannesevangelium:

Er kam zu den Seinen und die Seinen nahmen ihn nicht auf, wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden. (Joh 1,11-12).

Bis heute entscheiden sich Menschen für oder gegen Jesus. Jesus ist bis heute das Zeichen, dem widersprochen wird. Sollte es uns als seinen Nachfolgern anders ergehen?

Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, seiner Mutter: Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und Aufstehen vieler in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird – aber auch deine eigene Seele wird ein Schwert durchdringen – damit Überlegungen aus vielen Herzen offenbar werden. (Lk 2,34-35).

Auch Maria muss wie viele andere Mütter den ganzen Schmerz einer Mutter, die ihren Erstgeborenen liebt und doch verliert, erfahren. Schon hier finden wir einen Hinweis auf die schweren Stunden/Tage, die sie zwischen der Verhaftung Jesu im Garten Gethsemane und der Auferstehung am ersten Tag der Woche durchlitten hat. Es ist auch ein Hinweis auf die unterschiedlichen Gedanken und Überlegungen der Schriftgelehrten, der Ältesten, der Jünger, des römischen Offiziers, der Mitverurteilten, des Volkes, weil diese gerade im Hinblick auf die Person von Jesus ins wahre Gotteslicht gerückt werden.

1.10.3 Das Zeugnis der Prophetin Hanna

Hanna, eine Prophetin, Tochter Penuels, aus dem Stamm Asser, ist eine Witwe. Asser war der Sohn Jakobs von Leas Leibmagd Silpa (1Mose 30,13). Sein Name bedeutet:  Glück. Dieser Stamm gehört zu den verlorenen 10 Stämmen des Nordreiches die 722 v. Chr. unwiderruflich zerstreut wurden. Dies ist einer der sehr wenigen Hinweise, dass Menschen ihre Herkunft auf einen dieser Stämme noch nachweisen konnten. Nur sieben Jahre lebte Hanna mit ihrem Mann, doch jetzt ist sie in einem hohen Alter. Entweder war sie 84 Jahre alt oder seit 84 Jahre eine Witwe (damit mindestens: 14+7+84=105 Jahre alt). Bei Simeon wissen wir das Alter nicht! Doch bei Hanna ist das hohe Alter in der damaligen Kultur der Grund für besonderen Respekt. Ihr Dienst und ihre Worte haben somit ein besonderes Gewicht. Fasten und Beten ist ihre tägliche Aufgabe. Sie verlässt den Tempel nicht … dies kann buchstäblich oder auch im übertragenen Sinne gemeint sein – sie ist also zumeist im Tempel anzutreffen. Man bedenke, dass es bei dem häufig nur noch formalen Gottesdienst zu jener Zeit, doch Menschen gibt, die Gott ergeben einen wahren Gottesdienst „leben.” Gott beschenkt Hanna mit der besondern Gabe der Prophetie. Die prophetische Gabe bei Frauen und der damit verbundene prophetische Dienst war zur Zeit des Alten Testaments nicht selten und wird im Neuen Testament bestätigt (siehe Apg 21,9). Dies geschieht in einer Zeit, die wir meist als eine Zeit des Schweigens betrachten, da Gott keine Propheten mehr berief. Doch Hanna hält die Hoffnung Israels auf den Messias wach. Sie spricht zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warten. Es gibt deutliche Parallelen zu den Aussagen Simeons (Lk 2,25). Zur rechten Zeit ist sie (wahrscheinlich im Vorhof der Frauen) an der Stelle, wo auch Josef und Maria zum Gottesdienst kommen. Wahrscheinlich sieht und hört auch sie die Handlung und die Worte Simeons. Sie schließt sich diesen Worten an und lobt Gott! So dienen Simeon und Hanna Gott zu ihrer Zeit – als Teil des gottesfürchtigen Überrestes im Volk Gottes. Gott bereitet sie zu ihrer Hauptaufgabe zu, die dann nur wenige Minuten dauert. Doch Gott bringt alles sehr präzise zur richtigen Zeit am richtigen Ort zusammen.

Wohl uns, wenn wir zur rechten Zeit an der richtigen Stelle das Richtige tun.

1.10.4 Βerichtslücke bei Lukas

Der Evangelist Lukas lässt die Geschichten mit den Weisen und der damit verbundenen Flucht nach Ägypten völlig aus. Diese sogenannten Lücken bemerken wir bei allen Evangelisten, da jeder von ihnen sein eigenes Ziel mit jeweils unterschiedlichem literarischem Stil verfolgt. Keiner der Evangelisten erhebt den Anspruch auf lückenlose Berichterstattung. Nicht einmal alle vier Evangelien zusammengenommen ergeben eine lückenlose Beschreibung des Lebens von Jesus. Auch diese Bibelstudienreihe ist nur ein Versuch aufgrund der uns vorliegenden Berichte eine vermutete Chronologie herzustellen, die sich nicht widerspricht und in der alle wichtigen inhaltlichen Details ihren Platz einnehmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe die alttestamentliche Verordnung in Bezug auf den Erstgeborenen Sohn. Womit war die Darstellung verbunden? Lies auch: 3Mose 12,4-8:  2Mose 13,2.12. 15;  4Mose 3,40ff; 18,5f.
  2. Was ist mit dem Trost Israels gemeint (Lk 2,25;  Jes 40,1f)?
  3. Suche nach Beispielen aus den Evangelien, wo der Fall und das Auferstehen in Israel deutlich werden (siehe auch Joh 1,11-12).
  4. Die Witwe Hanna, aus dem Stamm Asser versieht besondere Dienste in schwierigen Zeiten. Was können wir von ihr lernen?
  5. Kannst du dir vorstellen, dass Gott für dich eine besondere Aufgabe vorgesehen hat?
  6. Warum ist es wichtig, dass wir die Evangelienberichte miteinander vergleichen?
  7. Beschreibe den Lobpreis des Simeon. Was fällt im Vergleich mit dem Lobpreis der Elisabeth, Maria und des Zacharias auf?

1.11 Besuch der Weisen aus dem Morgenland

(Bibeltext: Mt 2,1-12)

1.11.1 Wer sind sie, wann und woher kamen sie?

Die Geschichte vom Besuch der Weisen in Bethlehem berichtet uns nur der Evangelist Matthäus. Er schreibt: „Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem (…).“ (Mt 2,1). Der griechische Begriff `μάγοι – magoi `  mit dem die Weisen (im Plural)  bezeichnet werden, wirft dem aufmerksamen Bibelleser einige Fragen auf. Von einem Magos berichtet auch der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte 13,8ff, doch dort ist der Begriff eindeutig negativ besetzt: Elymas ist „Zauberer.” So hat der Begriff zwar einen negativen Sinn, doch ursprünglich hatte er auch die Bedeutung von „weiser” Mensch, z.B. als Ratgeber für einen Herrscher. Auffallend ist, dass diese Begriffsbezeichnung in 5Mose 18,10-14 nicht vorkommt. In Jesaja 47,13 (LXX) werden die Sterngucker/Sternseher `αστρόλογοι – astrologoi ` genannt. Für unser Verständnis ist es eher unwahrscheinlich, dass Gott Sterndeuter im Sinne von Astrologen, berufen hätte, seinem Sohn zu huldigen. Im Gesetz und den Propheten geht Gott mit jeglicher Art der Sterndeuterei und ähnlichen abgöttischen Praktiken ins Gericht (Jes 47,13; 5Mose 18,10-14). Die Weisen aus dem Osten (Morgenland) sind auf jeden Fall auch sternkundige Menschen.

Thiede verweist auf ein berühmtes Sternobservatorium in Sippar bei Babylon (Thiede 2006, 74). Dort wurden Tontafeln mit Keilschrift gefunden, auf denen Sternberechnungen verzeichnet sind.

Das griechische Wort `ανατολών – anatolön` steht im Plural, ist also ein geographischer Terminus  und meint das Morgenland, oder den Osten allgemein (1Mose 25,6). Es wird angenommen, dass es sich dabei um das Gebiet im Zweistromland (heute Irak/Iran) handelt. Hinweis: den Osten der Türkei bezeichnen wir bis heute als „Anatolien.” Der Evangelist Matthäus nennt allerdings nicht die Zahl der Weisen.

„Da die Weisen in Jerusalem großes Aufsehen erregten, wird allgemein angenommen, es sei eine Gruppe gewesen. Fresken in den Katakomben in Rom zeigen 4 Könige. Johannes Chrysostomos nimmt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium an, dass es 14 Magier waren. Andere Varianten sind, zwölf oder acht Magier. Einer der ersten, der von drei Magiern sprach, war Origenes – vielleicht aufgrund der drei genannten sehr kostbaren Gaben“ (Papke 1995,127.128). Die westliche Kirche hat fälschlicherweise das Fest der Erscheinung von Jesus, welches in der Ostkirche am 6. Januar gefeiert wurde, zum Fest der Erscheinung des Sterns von Bethlehem, bzw. zum Dreikönigstag gemacht. „Das Fest der Erscheinung „Epiphanie”, am 6. Januar, wurde nachweislich schon 311 als Tag der Geburt von Jesus gefeiert. Als dann seit 354 der Geburtstag von Jesus nach und nach auf den 25, Dezember vorverlegt wurde, musste der 6. Januar zwangsläufig als der Tag, an dem die Magier nach Bethlehem gekommen waren, umgedeutet werden (Papke Werner 1995, 125).

Natürlich stimmen dann die zeitlichen Einordnungen nicht. Denn wäre Jesus gemäß der Auffassung der Westkirche am 24/25. Dezember geboren worden, könnten die Weisen nicht schon zwölf Tage später in Bethlehem angekommen sein. Der Besuch der Weisen ist deshalb nach unserer Auffassung keine Weihnachstlektüre im engeren Sinne. Ausgehend von den Zeitangaben des Textes kommen die Weisen mindestens mehrere Monate nach der Geburt von Jesus in Jerusalem bzw. Bethlehem an. Wir geben zu bedenken: die Darstellung im Tempel erfolgte 40 Tage nach der Geburt, danach kehrten Josef und Maria wieder (nicht nach Nazaret, wie Lukas in seiner Kurzfassung sagt-Lk 2,39) sondern nach Bethlehem zurück. Die Weisen kommen wohl erst danach nach Jerusalem bzw. Bethlehem. Zur Feststellung der Reisegeschwindigkeit kann die Reisezeit der jüdischen Rückwanderer unter Esra dienen. Das Volk benötigte fast vier Monate von Babylon nach Jerusalem (Vgl. Esra 7,9 mit 8,31)

1.11.2 Die Weisen bei Herodes in Jerusalem 

Die Weisen planen wie selbstverständlich als Reiseziel Jerusalem. Dort angekommen fragen sie: „Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten. Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,“ (Mt 2,2-3). Uns würde interessieren wie die Weisen auf den Gedanken kommen, dass im Volk der Juden ein neuer, ja ein besonderer König geboren wurde? Welche mündliche oder sogar schriftliche Informationen lagen ihnen vor? Gab es noch von der Zeit des Exils (Daniel, Nehemia) Aufzeichnungen in den Staatsarchiven über die besondere Geschichte des Volkes Israels? Jerusalem war sowohl der Sitz der politischen Verwaltung (Regierungssitz des Königs Herodes und des römischen Prokurators Pilatus) als auch der wesentlichsten religiösen Institutionen des Judentums: des Tempels mit allen bedeutenden Gelehrten und Priestern. Die Frage der Weisen „Wo ist der (neu)geborene König der Juden?“ versetzt jedoch die Einwohner Jerusalems und besonders Herodes in Schrecken. Jerusalem hatte damals ca. 35.000 Einwohner (Malina 2003,7). Herodes ist zu der Zeit ängstlich bemüht seine begrenzte Macht zu sichern und schreckt auch nicht vor der Ermordung seiner Söhne zurück. Seine argwöhnische Reaktion passt also gut in das Bild, welches uns außerbiblische Berichte überliefern. So beginnt Herodes ein weiteres Doppelspiel. Äußerlich lässt er sich nichts anmerken – wohl wissend auf wen die Frage nach einem neugeborenen König der Juden aus königlichem Geschlecht sich beziehen muss. Außerdem fürchteten viele Herrscher der Antike astronomische Sondererscheinungen als astrologische Vorzeichen ihres Untergangs. Matthäus schreibt über Herodes: „und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1): »Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.« (Mt 2,4-6). Die Hohenpriester und Schriftgelehrten sind bestens informiert über die Herkunft und den Ort, aus dem der Christus hervorgehen soll und können darüber dem König genaue Auskunft geben. Damals gab es so gut wie kein Privatleben – fast alles geschah öffentlich. Heimlichkeiten waren an sich schon wenig ehrenhafte Angelegenheiten. Anhand der Frage des Herodes lässt sich seine relativ gute Kenntnis des Themenkreises: „Jüdische Messiaserwartung” erkennen. Aus eigenem Interesse hat er sich Detailkenntnisse über diese brodelnden Messiaserwartungen des jüdischen Volkes verschafft. Dieser Retter war die Hoffnung Israels im Gegensatz zum Haus des Herodes. Der König kann dieser „Messias-Gefahr” nur mit einem hinterlistigen Doppelspiel begegnen. Der Evangelist Matthäus arbeitet durch die Schilderung seiner Fragen den unehrlichen und bösen Charakter des Königs deutlich heraus.

Die Frage der Weisen wird mit dem Aufgehen des besonderen Sterns in Verbindung gebracht. „Wir haben seinen Stern beim Aufgehen gesehen”. Der griechische Begriff `ανατολή, – anatol¢` (im Singular) ist ein astronomischer Terminus und bedeutet soviel wie `aufgehen, aufleuchten, aufstrahlen, erscheinen`, wie auch 2Petrus 1,19 nahe legt – „und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht“. Deswegen lautet die Begründung der Weisen nicht: „Wir haben seinen Stern im Osten gesehen”, sondern genauer: „wir haben seinen Stern beim Aufgehen gesehen” – also bei der Ersterscheinung. Deutlich wird hier auch die Bezeichnung Stern `τον αστέρα – ton astera` (Akk.) im Gegensatz zu Planeten `αστέρες πλανήται – asteres plan¢tai` hervorgehoben (Judas 13). Planeten sind irrende Sterne, die ständig in Bewegung sind und so nie auf einem Platz sich befinden. Die vielfach vertretene Theorie, dass die Planetenkonjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der ‚Fische’ im Jahre 7 v. Chr., der Stern des Messias sein muss, entspricht nicht dem biblischen Befund. Gleiches kann auch von anderen Planetenkonjuktionen, die um die Zeitenwende beobachtet wurden, gesagt werden. Gerne wollen wir dem gebildeten Zöllner und späterem Evangelisten Matthäus die Fachkompetenz bei der richtigen Wortwahl in diesem Zusammenhang zubilligen. Die genaue Erklärung für diese Himmelserscheinung bleibt jedoch offen. Gott, der Schöpfer des Universums  war durchaus imstande einen einmaligen Stern zu schaffen, der die einmalige Geburt seines menschgewordenen Sohnes zeichenhaft ankündigte (1Mose 1,14-16).

Die Schriftgelehrten können auf das Nachforschen des Herodes antworten und anhand von Micha 5,1 den Hinweis auf den Geburtsort des Messias geben. Zwar können die Gelehrten hier mit ihrem Wissen glänzen, doch sie selber wollen daraus keine klaren Konsequenzen ziehen. Im Text deutet nichts daraufhin, dass sie sich öffentlich oder heimlich selbst nach dem verheißenen Kind erkundigen. Sie reagieren äußerlich neutral – weder positiv noch negativ. Doch streng genommen, gibt es keine neutrale Haltung zu Gott. Hier verpassen sie schon ihre dritte Chance.

  • Die erste hatten sie, als die Kunde über die Geburt von Jesus von den Hirten überall erzählt wurde. Es wäre eher unwahrscheinlich, dass diese Botschaft, welche in der gesamten Umgebung verbreitet wurde, nicht auch das nur 8 Kilometer entfernte Jerusalem erreicht hätte (Lk 2,17-18).
  • Die zweite, als Jesus im Tempel dargestellt wurde und sowohl Simeon, als auch die allen bekannte und anerkannte Prophetin Hanna über das Jesuskind öffentlich Zeugnis gaben (Lk 2,21-38).
  • Und nun auch hier, als sie durch die Fremden auf ihren Messias aufmerksam gemacht werden (Mt 2,1-5).

Indirekt lehnen sie ihn, den Messias schon gleich zu Beginn durch ihr Verhalten ab. Wider besseres Wissen und wohl auch aus Furcht vor Herodes, bringen sie nicht die erforderliche Huldigung ihrem Messias entgegen. Es bleibt also den weisen Heiden aus dem Osten überlassen, dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Übrigens spricht die Huldigung dem Messias/König durch die Repräsentanten aus den Heiden für die Universalität des Heilsangebotes Gottes.

Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. (Mt 2,7-8).

Folgende Reihenfolge der Ereignisse ist laut dem Textinhalt erkennbar:

  • Die Weisen haben eine öffentliche (wahrscheinlich mit einem Dolmetscher) Audienz beim König Herodes. Nach dem Treffen werden sie entsprechend dem Gastrecht untergebracht.
  • Danach ruft Herodes die Oberen aus dem Volk zu sich und erkundigt sich bei ihnen über den Geburtsort des Christus.
  • Nachdem diese wieder weg sind, ruft er erneut die Weisen zu sich, diesmal zu einer heimlichen Unterredung.
  • Anschließend schickt er die Weisen nach Bethlehem mit dem heimtückischen Auftrag.

Der Evangelist Matthäus setzt seinen Bericht fort mit den Worten: „Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin.“ (Mt 2,9a).

Aus dem späteren Bericht des Evangelisten erfahren wir, dass Herodes sich sehr genau (gr. ακριβώς – akribös) nach der Ersterscheinung des Sterns erkundigt hatte (Mt 2,16). Schon jetzt hegt er einen heimtückischen Plan in seinem Herzen. Womit er nicht rechnet ist: – »Der Herr kennt die Gedanken der Weisen, dass sie nichtig sind.« (Ps 84,11; 1Kor 3,20).

Sicher hätte Gott die Weisen durch den Lauf des Sterns auch direkt nach Bethlehem führen können, doch dann wäre ihr Zeugnis in Jerusalem sehr wahrscheinlich nicht bekannt geworden. So bindet Gott sie mit ein, um die Führung Israels zu einer Stellungnahme herauszufordern. Auf diese Weise werden Gedanken und Motive der Menschen offenbar.

1.11.3 Die Weisen in Bethlehem

Der Evangelist Matthäus berichtet weiter:

Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort  stand, wo das Kindlein war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. (Mt 2,9-11).

Als die Weisen sich auf ihren Kamelen (wahrscheinlich) frühmorgens auf den Weg nach dem nur zwei Stunden entfernten Bethlehem machen, sehen sie wieder den Stern, den sie bereits beim Aufgehen/Erscheinen gesehen hatten. Im Text heißt es, dass der Stern ihnen voranging. Nun haben sie zwei Wegweiser – die Schriftaussage und den Stern. Für den letzten Wegabschnitt sind sie  auf den Stern angewiesen, da dieser exakt über dem (Ort/Stelle/Haus) stehen bleibt, wo das Kind war (Mt 2,9). Die Pilger erfüllt eine überaus große Freude – endlich haben sie das Ziel ihrer Reise erreicht. Sie gehen in das Haus und sehen das Kind mit  Maria seiner Mutter. Dies ist eine beachtliche Reihenfolge in der orientalischen Kultur, in der eher Männer zuerst genannt werden, seltener Frauen und Kinder. Die Weisen bringen ihre Huldigung zum Ausdruck, indem sie vor dem Kind Jesus knien oder niederfallen. Danach öffnen sie ihre Schätze und beschenken das Kind. Drei verschiedene Geschenkarten werden genannt. Gold, Weihrauch und Myrrhe (χρυςόν, λίβανον, σμύρναν – chyson, libanon, smyrnan). Origenes deutete die Geschenke so: Gold für den König; Myrrhe für den Sterblichen und Weihrauch für Gott. Was auch immer die Weisen zu diesen Gaben bewog – unwissend werden hier Eigenschaften des Kindes verehrt. Im Orient kennt man diese Huldigungsform nur für Götter oder Könige. Beides trifft auf den Gottessohn und König Jesus von Nazaret zu. Man kann sich weiter vorstellen, dass die Weisen zwar Heiden waren, aber im Gegensatz zu den meisten Mittelmeervölkern keine Anhänger des Polytheismus, sondern möglicherweise waren sie Anhänger der altiranischen Religion Zoroasters (Zarathustras). Weihrauch und Myrrhe waren typische orientalische Kostbarkeiten, die weit in den Mittelmeerraum hinein exportiert wurden.

Wir können uns das Staunen von Josef und Maria über diesen besonderen Besuch und die Huldigung vorstellen, denn auch bei den vorhergehenden Begegnungen und Bekundungen über ihr Kind hat Maria alles sorgfältig aufgenommen und in ihrem Herzen bewegt.

Abbildung 17 Dromedare im Jordantal nordöstlich des Toten Meeres. Höchstwahrscheinlich benutzten die Weisen aus dem Morgenland für ihre Überlandreise solche Dromedare (Foto: 9. November 2014).

Die Weisen bekommen von Gott im Traum die Anweisung, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren. Daher ziehen sie auf einem anderen Weg wieder zurück in ihr Land (Mt 2,12). Die Hauptstraße in Richtung Norden führt von Bethlehem direkt nach Jerusalem und dann über Syrien weiter nach Osten. Angesichts ihres umfangreichen Reisetrosses können die Weisen sich Jerusalem nicht unbemerkt nähern.

Es gibt überhaupt keine größere Straße, auf der sie hätten nach Hause reisen können, ohne die relative Nähe von Jerusalem zu passieren. Deshalb ziehen sie wahrscheinlich zunächst nach Hebron und dann auf der sehr schlechten Straße an der Küste nach Gaza, von wo aus sie eine andere Route nach Norden nehmen können. (Craig 1998, Bd. 1; 58). Eine Alternativroute wäre über die Aravasenke nach Petra und dann weiter nach Nordosten durch die Syrische Wüste. Der Ausdruck „in ihr Land”, weist eher darauf hin, dass sie aus einem Land kamen und nicht wie in der Tradition über die so genannten „Drei Könige” aus drei verschiedenen Ländern.

Herodes hatte sie zwar bei einem zweiten geheimen Treffen im Detail über Zeitpunkt der Himmelserscheinung befragt und dann in die Pflicht genommen zu ihm zurück zukehren, doch erscheint es ihnen in diesem Fall legitim, für die Rettung oder Erhaltung des Lebens eine solche Verpflichtung zu missachten, zumal sie im Traum von Gott eine klare Anweisung erhielten – zu Herodes nicht mehr zurückzukehren. Hier gilt damals wie heute: man muss dem rettenden Gott mehr gehorchen als den offensichtlich unehrlichen Menschen (Apg 5,29). Die meisten Könige reagierten extrem feindselig auf Gerüchte über etwaige „Thronräuber” und astrologische Weissagungen über ihren Untergang. Der Text sagt jedoch nichts, dass die Weisen Herodes ein Versprechen gaben, lediglich: „als sie den König gehört hatten, zogen sie hin“. Doch wird schon hier deutlich – Matthäus offenbart seine Absicht: Die Darstellung von Jesus als den Retter für Juden und Heiden.

Fragen / Aufgaben:

  1. Woher haben die Weisen Kenntnis über Israel und den erwarteten König der Juden?
  2. Wenn Gott die Astrologie und andere abgöttische Praktiken verboten hat (5Mose 18; Jes 47,13), warum werden die Weisen (Magier) von Matthäus so positiv dargestellt? Oder sind die Weisen gar keine Astrologen?
  3. Charakterisiere Herodes, nenne und begründe mindestens vier Charakterzüge des Herrschers.
  4. Herodes berief die Schriftgelehrten und Ältesten, um von ihnen den Geburtsort des Christus zu erfahren. Haben sie den Test bestanden?
  5. Information (Wissen) berpflichtet. Was haben die drei Gruppen (Herodes, Schriftgelehrte, Weise) mit diesen Erkenntnissen gemacht?
  6. Was für eine Bedeutung hat für dich die Schrift im Vergleich mit Zeichen/Wundern, persönlichen oder gehörten Erfahrungen?
  7. Was tun wir, wenn sich Gottes Gebot zur Barmherzigkeit/Rettung Unschuldiger mit den Anliegen hinterlistiger Menschen nicht vereinbaren lassen?

1.12 Flucht nach Ägypten

(Bibeltext: Mt 2,13-15)

Die Weisen aus dem Morgenland sind sicher von der „himmlischen Anweisung”, nicht den Rückweg über Jerusalem zu nehmen, überrascht. Wir können annehmen, dass sie auch Josef und Maria diese Anweisung mitteilen. Ob sie etwas von den heimtückischen Gedanken des Herodes ahnen und damit auch, dass ihr Besuch nicht ohne Folgen für das Neugeborene Kind in Bethlehem bleiben wird? Wir können weiter annehmen, dass auch Josef und Maria in dieser Atmosphäre vorsichtiger werden. Sie können von den Weisen die Details der Nachforschungen des Herodes erfahren haben. Schon hier wird etwas Typisches für das weitere Leben von Jesus sichtbar: die Herrlichkeit (königliche Geschenke, besondere Ehrerbietung) und das Leid (die Flucht) liegen so nah beieinander. So gibt Gott Josef im Traum eine deutliche Anweisung:

Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten und bleibe dort,  bis ich dir sage, denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. (Mt 2,13).

Hier beginnt das „Schwert” von dem Simeon in Lukas 2,34.35 sprach, durch Marias Seele zu dringen.

Später wird Jesus an diesen Umstand erinnern (Mt 23,37;  Lk 13,34): „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt sind (…).” Und noch später stellt der Apostel Paulus in Galater 4,29 fest, dass der nach dem Fleisch gezeugte den verfolgte, der nach dem Geist gezeugt wurde. Auch Jesus ergeht es so schon in sehr jungen Jahren und erinnert an:

  • Abel, der von Kain;
  • Isaak, der von Ismael;
  • Jakob, der von Esau;
  • David, der von Saul und eben
  • Jesus, der von Herodes verfolgt wird.

Was Jesus hier trifft, trifft später auch seine Gemeinde. Denn Jesus sagte in Johannes 15,20: „Haben sie mich verfolgt, werden sie auch euch verfolgen (…).” Jünger von Jesus müssen wie ihr Meister mit Verfolgung rechnen!

Gott offenbart sich Josef in der immer überraschenden Form – durch einen Engel im Traum (Mt 1,20; 2,13; 2,19-20; 2,22). Engel sind „dienstbare Geister, welche Gott ausgesandt hat für den Dienst derer, die die Seligkeit ererben sollen.” (Hebr 1,14). Ein Traum von Gott hat Bedeutung für eine Person, eine Familie oder ein ganzes Volk. Gott redete zu verschiedenen Zeiten durch Träume und verhieß seinem Volk Träume zu bekommen (vgl. Apg 2 mit Joel 3). Doch wir werden auch zur Vorsicht vor undefinierbaren Träumen aufgerufen (Jer 23,28).

Josef ist der Stimme des HERRN gehorsam, die er, trotz aller Überraschung, bereits kennt. Natürlich hat er zu dieser Zeit noch keine Ahnung von der Erfüllung einer alttestamentlichen Prophetie. Eher dachte er an die Erfahrung so mancher Israeliten, die bei Verfolgung im eigenen Land eben nach Ägypten flohen und dort in der Regel Asyl fanden.

Später sagte Jesus seinen Jüngern: „Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, flieht in die  andere.” (Mt 10,23). Wieder sehen wir einen Ausschnitt aus Gottes Heilsplan und finden auch in diesem Detail ein biblisches Prinzip, an dem sich Christen in ähnlichen Situationen orientieren können.

Warum soll Josef nach Ägypten fliehen, in das Land der Knechtschaft? Hat Gott nicht andere Möglichkeiten? Wir hören von der Erfüllung einer Prophetie, die ihre Wurzeln in der Geschichte Israels hat (Vgl. 1Mose 25,29ff mit Hosea 11,1 und  2Mose 4,22 – zur Ergänzung lesen wir noch  Jer 31,1-3). Im Kontext der Hoseastelle lesen wir vom Propheten und seiner untreuen Frau, die dennoch umsorgt, geliebt und sogar zurückgekauft wird. In gleicher Weise liebt und umsorgt der HERR sein untreues Volk und befreit es aus dem Land der Sklaverei. Wir wollen jedoch hier bei der Hoseastelle weniger nach dem Kontext fragen… sondern dem inspirierten Evangelisten folgen und fragen, was bedeutete diese alttestamentliche Stelle für das Leben von Jesus? In welcher Weise fand diese Aussage eine Erfüllung?

So wie Jakob und die wenigen Stammväter damals nach Ägypten (in das östliche Nildelta, in eine Art „Brutkasten” mussten, um zu überleben und sich stark zu mehren) und später von Gott als seinem „Erstgeborenem” wieder herausgerufen wurde, so soll Jesus um zu überleben nach Ägypten fliehen. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Weil Jesus viel später nach Ägypten muss, um dort zu überleben, musste schon viel früher auch Jakob/Israel nach Ägypten ziehen. So wird Ägypten zuerst Zufluchtstätte für die Nachkommen Jakobs und dann für den Retter Jesus. Für das alttestamentliche Gottesvolk wurde Ägypten später zum Land der Sklaverei und der unerträglichen Unterdrückung. Hier finden wir das widersprüchliche biblische Bild in Bezug auf das Land und Volk der Ägypter:

Abbildung 18 Ismailia – die Stadt liegt am Westufer des Suezkanals. Der Verlauf des Suezkanals vom Mittelmeer bis zum Roten Meer markiert den Übergang von der Wüstenlandschaft des nördlichen Sinai zur fruchtbareren Landschaft des östlichen Nildeltagebietes, wo das Land (Landschaft) Gosen zu suchen ist (Foto: Juli 1985).

Einerseits ist es der Ort des Überlebens, der Zuflucht – doch dann wieder das Land der Sklaverei, der Unterdrückung – Feindesland.

Josef zögert nicht, den Befehl Gottes auszuführen. Auch Maria hat keine Zweifel, Josef zu folgen, hat er doch ihr ganzes Vertrauen gewonnen durch seine Gottesfurcht und seinen Gehorsam gegenüber Gott und seine treue Fürsorge ihr gegenüber. Mit den nötigen Mitteln ausgestattet, müssen sie eine beschwerliche Reise unternehmen. Es bleibt keine Zeit, sie müssen noch bei Nacht aufbrechen.

Abbildung 19 Kairo – die ehemalige Pharaonenstadt am Nil. Dieser Fluß ist seit Jahrtausenden die Lebensader von Ägypten  (Foto: Juli 1985).

Die Strecke nach Ägypten, mehr als 500 km, bedeutete viele Gefahren, und war mit einem kleinen Kind ein hohes Risiko.

Der Zufluchtsort in Ägypten ist nicht bekannt, doch nach einer alten Überlieferung fanden sie in der Stadt Heliopolis Zuflucht. Heliopolis,- griechisch `Sonnenstadt`. Zurzeit von Jesus lebten in Ägypten etwa eine Million Juden. Etwa ein Drittel der Einwohner Alexandrias waren Juden – größtenteils wohlhabend und griechisch gebildet. In Elephantine existierte schon seit ca. 650 v. Chr. auf einer Nilinsel im Bereich der heutigen Stadt Assuan eine jüdische Kolonie (Schriftstücke aus der Zeit 495-399 v. Chr. sind erhalten geblieben). Dort gab es zu jener Zeit mehrere jüdische Synagogen, was für ein reges jüdisches Leben in dieser Stadt spricht und eben auch geeignet war für den Aufenthalt Josefs und Marias mit Jesus.

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne alle Situationen in denen Gott sich Josef offenbarte und beauftragte! War dies typisch oder eher ungewöhnlich? Nenne einige andere Beispiele aus der Schrift.
  2. Auf welchen geschichtlichen Zusammenhang will uns Matthäus aufmerksam machen, wenn er schreibt: „Damit erfüllt wird (…)”?
  3. Wodurch wird der Glaube und Gehorsam von Josef unterstrichen?
  4. Warum schreibt Matthäus immer wieder in folgender Reihenfolge: „Nimm das Kind und dessen Mutter”?
  5. In einer Nacht eine Auswanderung vorzubereiten und umzusetzen… kann Gott so etwas verlangen? Gibt Gott auch heute noch „seltsame” Aufträge?

 

1.13 Kindermord in Bethlehem durch Herodes

(Bibeltexte: Mt 2,16-18;  Jer 31,15)

Die zornige Reaktion von Herodes ist verständlich, da sein heimtückischer Plan misslungen ist. Wahrscheinlich wollte er das Kind Jesus ohne Aufsehen töten. Doch er hat noch weitere Mittel zur Verfügung. Der Evangelist Matthäus berichtet:

Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig  und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jeremia 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«

Mit den Informationen der Weisen, kann er den Geburtstermin und damit auch das Alter des Kindes ermitteln. Allerdings hält der Evangelist Matthäus diese Informationen nicht fest und so ist es für uns schwierig, das Alter von Jesus zu diesem Zeitpunkt zu bestimmen. Damit verbunden ist dann auch die traurige Vielzahl der später getöteten Knaben in Bethlehem.

  • Herodes setzt aufgrund der Zeitangaben der Weisen einen Altersstichtag von oben nach unten fest, Die Frage ist hier, wo ist dieser Stichtag zu suchen? Die Altersangabe im Griechischen: από διετούς και κατωτέρω – apo dietous kai katöterö, wird in der Interlinearübersetzung mit „von ab einem Zweijährigen und darunter” übersetzt. Diese Angabe ist typisch orientalisch unklar. Sie kann bedeuten:
  • Alle Knaben, die sich bereits im zweiten Lebensjahr befinden und einschließlich die Einjährigen.
  • Alle Knaben, die sich unterhalb der Grenze (dem Übergang) zum zweiten Lebensjahr befinden, also nur Einjährige.

Anmerkung: In unserem Sprachgebrauch sind Zweijährige, die sich bereits im dritten Lebensjahr befinden. Diese Zählweise schließen wir auf in diesem Fall (weil nicht orientalisch) aus.

Trotzdem bleibt der Stichtag also verworren offen: „von ab“ dem Übergang vom ersten zum zweiten oder zweiten zum dritten Lebensjahr? Bibelleser haben bemerkt, dass im Alten Testament jedes begonnene Jahr als Ganzes gerechnet wurde (so der Vergleich von 1Kön 15,25 mit 15,33). Ähnlich zählt man auch die Tage, so sagte Jesus: „am dritten Tag oder nach drei Tagen werde ich wieder auferstehen”. Tatsache ist, dass Jesus keine drei volle Tage mit 24 Stunden im Grab blieb, aber jeder noch nicht zu Ende gegangener und schon begonnener Tag wurde als voller Tag gerechnet. Damit wäre nach unserer Zählweise ein Kind im Alter von einem Jahr und einem Monat in der damaligen Zeit bereits zweijährig (bei uns sagt man in diesem Fall – ein Jahr alt). Es ist eher wahrscheinlich, dass die Weisen sich schon bald nach der Erscheinung des Sternes auf den Weg gemacht haben. Warum sollten sie auch warten? War doch dieses Ereignis die größte Erfahrung ihres Lebens. Wenn wir weiter annehmen, dass mit dem Morgenland oder Osten in der Bibel das Gebiet bis einschließlich das Zweistromland bezeichnet wird (4Mose 23,7), würden für die Reise bis Jerusalem etwas mehr als drei Monate benötigt werden (siehe Esra 7,9; 8,31).

Nach den Vorschlägen von Werner Papke (Papke 1995, 125f), ist Jesus im Spätsommer des Jahres 2 vor unserer Zeitrechnung geboren und Herodes im Frühjahr des Jahres 1 vor unserer Zeitrechnung gestorben. So lägen zwischen der Geburt von Jesus und dem Tod des Herodes etwa 7 Monate. Ausreichend Zeit für die Weisen, sich für die Reise vorzubereiten und noch einige Monate vor dem Tod des Herodes in Bethlehem dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Herodes will also sicher gehen und setzt das Alter der infrage kommenden Knaben auf unter zwei Jahren (von ab einem zweijährigen und darunter) fest und meint damit, den neugeborenen König getötet zu haben. Ist Herodes ein besonders grausamer Herrscher?

„Einer der Konkurrenten, ein beim Volk sehr beliebter junger Hoher Priester, erlitt in einem nur einen Meter tiefen Brunnen einen „tödlichen Unfall”; seine Lieblingsfrau ließ er umbringen, weil er sich geärgert hatte; zwei seiner Söhne ließ er auf Grund eines Täuschungsmanövers – unschuldig – hinrichten; einen anderen Sohn der allerdings wirklich schuldig war – ließ er noch vom Sterbebett aus exekutieren.“ (Keener 1998, Bd. 1, 59).

Doch Herodes ist keine Ausnahme, die meisten vor und nach ihm handelten gleichermaßen. Eigentlich müsste Herodes sich wenig Sorgen um seinen Thron machen, doch gerade in dieser Situation wird sein aktiver Unglaube deutlich. Heimtückisch missbraucht er die Heilige Schrift und die arglosen Magier, um seine boshaften Pläne auszuführen. Er zeigt äußerlich keine Gottesfurcht und schreckt nicht davor zurück seine Hand an den Gesalbten Gottes zu legen. Es wird mindestens dreimal im Text festgestellt, dass Herodes „genau” (im Griechischen: `akribisch` Mt 2,7.8.16) erkundete. Dies betont die bewusste, berechnende Schlauheit und Bosheit des Herrschers. In Sachen Kindermord ist er zuverlässig gewissenhaft. Bei den Rabbinern lesen wir zum Tode Herodes:

„(…) das ist der Tag, an welchem Herodes der Hasser der Gelehrten starb; denn es ist Freude vor Gott, wenn die Gottlosen von der Welt scheiden;… Und an demselben Tage, an welchem Herodes starb, machten sie ihn zu einem Festtag… (Strack 1982, 90).

Leider reiht sich auch dieses traurige Ereignis ein in die grausamen Verlustgeschichten Israels. Auch viele Könige, aus den eigenen Reihen des Volkes erwählt, handelten ähnlich.

Abbildung 20 Rahels Grab bei Bethlehem, das sowohl von Juden als auch Muslimen verehrt wird (Foto: April 1986).

Solch eine erste Verlustgeschichte wird uns in 1Mose 35,16-20 erzählt. Rahel die Lieblingsfrau Jakobs/Israels stirbt bei oder nach der Geburt ihres Sohnes Benjamin und wird in Bethlehem, bzw. in dessen Nähe begraben.

Von einer weiteren Verlustgeschichte berichtet uns der Prophet Jeremia (Jer 31,15ff). Dort geht es um das Weinen und Trauern wegen der Kinder Israels, die in die babylonische Gefangenschaft weggeführt wurden. Auch dieses traurige Ereignis ist lokalisiert. Die Stadt Rama, im Grenzgebiet zwischen Benjamin und Ephraim, hatte in alttestamentlicher Zeit eine strategisch wichtige Bedeutung.

Es ist überhaupt auffallend, wie alttestamentliche Geschichten von Propheten aufgegriffen und als Prophetenwort erweitert werden, um sich dann in einer späteren Phase heilsgeschichtlich zu erfüllen. So wird von der Identifikation des Leidens der Mütter Bethlehems mit Rahel, welche ihrerseits durch den eigenen frühen Tod sozusagen ihre Kinder verlor, berichtet. Rahel, die Lieblingsfrau Jakobs wird so zum Sinnbild für die weinenden Mütter Israels. So wird auch der Verlust der Kinder in Bethlehem sinnbildlich durch Rahel (Mutter Israels) beweint.

Doch sind die Leiden der Schuldlosen bei Gott keineswegs vergessen. Er wird für sie eintreten und die Gewalttäter bestrafen, wenn seine Zeit kommt. Für Irenäus (ca. 135-202 n. Chr.) sind die Kinder eigentlich die ersten Märtyrer, die zwar noch nichts von Christus wussten, und ihn noch nicht durch Worte rühmen konnten, aber die Christus durch ihr stellvertretendes Sterben verherrlichen konnten.

Während die griechische Liturgie 14.000 ermordete Knaben nennt und mittelalterliche Autoren bis zu 144.000 Opfer annahmen, sprachen spätere Theologen (Joseph Knabenbauer, August Bisping) auf Grund der anzunehmenden Größe des Ortes Bethlehem (max. 1000 Einwohner) zu biblischen Zeiten immerhin noch von etwa sechs bis zwanzig erschlagenen Kindern.

Nur als kuriose Information: Die Gesamtzahl der Einwohner der Region Bethlehem wird 2006 von Pastor Mitri Raheb mit 184.000 angegeben. Die Stadtverwaltung Bethlehems kennt angeblich 164.000 registrierte Einwohner, doch Bürgermeister Victor Batarseh redet von nur 28.000 Bürgern. In deutschen Medien schwanken die Zahlen zwischen 140.000 beim Bayrischen Rundfunk, 130.000 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 50.000 beim Deutschen Verein des Heiligen Landes, 38.000 oder 27.000 nach Angaben des Caritas Babyhospital, je nachdem, wer interviewt wurde. Die Palästinensische Generaldelegation in Bonn, die offizielle Vertretung der PLO in Deutschland, bildet mit nur 22.000 Einwohnern Bethlehems das Schlusslicht).

Bis heute hören wir vom Leiden, Unrecht und der brutalen Gewalt, denen die Kinder `Bethlehems` in Palästina und weltweit ausgesetzt sind. Sind wir über Herodes oder einen der neuzeitlichen Herrscher und Diktatoren wegen ihrer Grausamkeiten erbost? Doch was ist mit den millionen Kindern, die noch vor ihrer Geburt von Müttern (oft unter dem Druck der Väter oder Erzeuger) mit Hilfe von Ärzten, ermordert werden?  Wollen wir die Tränen der Kinder und Mütter zur Kenntnis nehmen?

Jesus entkam ähnlich wie Mose diesem Schicksal. Die Gründe für das Leid sind damals wie heute vielschichtig und kaum einsichtig. Viele fragen sich nach dem Heil oder Unheil für diese Kinder. Doch die Kinder Bethlehems selbst stehen unter der Gnade Gottes und seinem Rechtsspruch – dieser Rechtsspruch wird gerecht und gut sein.

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum hatte Herodes von den Weisen den genauen Zeitpunkt des Aufgangs (das Erscheinen) des Sternes erforscht (Mt 2,7-8)? Schlussfolgerung: Herodes war nicht anders, als die Könige und Herrscher vor und nach ihm. Nenne einige Beispiele. vergleiche diese Einstellung und Praxis mit dem Reich Gottes. Informationen verpflichten. Wie gehen wir mit göttlichen Informationen um? Welche Motive bewegen uns, wenn wir Menschen fragen/befragen/ausfragen?
  2. Wir haben den Eindruck, dass Herodes in Rage gerät und „fürchterlich wütet.” Seine mangelnde Selbstkontrolle war berüchtigt. Er sollte über sich selbst verärgert sein, da er doch als Erster die Weisen hinterging – nicht sie ihn. Wie gehen wir am besten mit ausrastenden Mitmenschen um?
  3. Warum oder wozu müssen Unschuldige/Unbeteiligte sterben… damals… heute? Wie wollen wir antworten?
  4. Beschreibe die prophetischen und geschichtlichen Zusammenhänge der oben angegebenen Bibelstellen aus Jer 31,15 und 1Mose 35,19?
  5. Wie lassen sich Geschichten und Prophetien der Bibel auf Situationen heute anwenden?
  6. Herodes konnte oder wollte das Wirken Gottes nicht erkennen – und bäumt sich wild dagegen auf! Was waren die Folgen? Was Geschieht, wenn Menschen heute Gottes erkennbare Zeichen nicht beachten?

Gott kommt zu seinem Ziel. Sind wir bereit, den Leidensweg mit Christus zu gehen?

1.14 Rückkehr aus Ägypten und Niederlassung in Nazaret

(Bibeltexte: Mt 2,19-23;  Lk 2,39-40)

Der Evangelist Matthäus leitet einen neuen Abschnitt mit den Worten ein:: „Als aber Herodes gestorben war (…).” (Mt 2,19). Nach dem Tode des Herodes befiehlt Gott Josef im Traum, ins Land Israel zurückzukehren.  Das Todesjahr des Herodes, 4 v. Chr. (seit Jahrzehnten allgemein angenommenes Datum) ist nicht eindeutig belegt. Werner Papke (wie bereits erwähnt) kommt aufgrund seiner historischen Forschungen auf das Jahr 1 v. Chr. Dies würde in unseren angenommenen zeitlichen Rahmen passen. Wieder ist es der Engel des Herrn, der Josef im Traum erscheint und ihn auffordert:

Nimm das Kind und seine Mutter und ziehe wieder in das Land Israel, denn sie sind gestorben, die dem Kind nach dem Leben trachteten. (Mt 2,20).

Archelaus einer der Söhne des Herodes führt zunächst den Titel König (gr. βασιλεύς – basileus). Doch er muss diesen, von seinem Vater Herodes übernommenen Titel zunächst vom Kaiser Augustus gegen die Ansprüche seines Bruders Antipas bestätigen lassen. Nach dem Willen des Vaters sollte er nur den Titel Volksfürst (gr. έθναρχ – ethnarch) führen. Auch Augustus verweigerte ihm den Königstitel und ernannte ihn nur zum `Ethnarchen` über Judäa, Samaria und Idumäa, versprach ihm aber den Königstitel, wenn er gut regiere. Im Jahr 6 n. Chr. wurde Archelaus allerdings nach massiven Beschwerden aus Samaria und Judäa wieder abgesetzt und nach Vienna in Gallien verbannt. Sein Herrschaftsgebiet wurde in eine römische Provinz umgewandelt.

Für Josef war es selbstverständlich, dass seine Rückreise wieder nach Judäa, also nach Bethlehem in die Stadt Davids führen würde. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und er stand auf und nahm das Kind und seine Mutter zu sich, und er kam in das Land Israel. Als er aber hörte, dass Archelaus über Judäa herrschte anstelle seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dahin zu gehen; und als er im Traum eine göttliche Weisung empfangen hatte, zog er hin in die Gegenden von Galiläa  und kam und wohnte in einer Stadt, genannt Nazareth; damit erfüllt würde, was durch die Propheten geredet ist: „Er wird Nazoräer genannt werden. (Mt 2,21-23).

Josef hat erhebliche Bedenken nach Bethlehem zurückzukehren, herrscht doch über Judäa Archelaus, dem nicht zu trauen ist. Gott kennt seine Bedenken und offenbart ihm, was er zu tun hat. So geht er auf den Befehl Gottes in seine (zweite) Heimatregion zurück und wählt Nazaret als Wohnort. Dies ist nahe liegend, ist es doch seine bzw. ihre gemeinsame Stadt (Lk 2,39). Auch wurde Jesus als Menschensohn vom Heiligen Geist hier in Nazaret empfangen. Nazaret war ein kleines Städtchen, ohne besondere Bedeutung. Und hätte Jesus nicht dort seine Kindheit und Jugendjahre verbracht, wäre dieser Ort nie in die Weltgeschichte eingegangen. Heute liegt Nazaret im palästinensischen Teil und dort leben überwiegend arabischsprechende Menschen, unter ihnen viele Christen.

Nazaret-Strassenszenen-39028

Abbildung 21 Das Städchen Nazaret liegt in einer Mulde und ist von Hügeln umgeben, die zum Teil an ihren Hängen überbaut sind. Das Strassenbild im heutigen Nazaret. Verschiedene Handwerkstätten und Souvenirläden sind ganz auf Pilger und Touristen ausgerichtet. Neben der alles überragenden Verkündigungsbasilika ist auch das Brunnenhaus eine Atraktion, sowie der vermutete Hügel, von dem die Nazarener Jesus hinabstürzen wollten (Foto: Juli 1994).

In diesem Abschnitt verbindet der Evangelist Matthäus den Städtenamen Nazaret mit einer bestimmten Bedeutung in Bezug auf die Person von Jesus. Im Neuen Testament kommen diese Bezeichnungen 18 mal vor und im Griechischen gibt es dafür zwei Schreibweisen, die hier in einer Tabelle aufgelistet sind und deren Bedeutung untersucht werden soll.  

 

Ναζωραίος – Nazöraios

– Mt 2,23

– Lk 18,37.

– Joh 18,5  .

– Joh 18,7.

– Mt 26,71

– Joh  19,19.

– Apg  2,22

– Apg 3,6

– Apg 4,10

– Apg 6,14

– Apg 22,8

– Apg 26,9

Ναζαρήνος – Nazar¢nos

– Mk  1,24

– Lk 4,34

– Mk 10,47

– Mk 14,67.

– Mk  16,6

– Lk 24,19

 

 

Zwölf Mal wird also der Begriff `Ναζωραίος – Nazöraios ` verwendet:

(Matthäus, das Volk, die Wache, die Magd, Pilatus, Petrus, Jesus, Paulus).

Sechs mal wird der Begriff `Ναζαρήνος – Nazar¢nos ` verwendet:

(die Dämonen, das Volk, die Magd, die Engel am Grab, die Emmausjünger).

Beide Begriffe sind Synonyme, wie der Vergleich von Mk 10,47 mit Lk 18, 37  und  Mk 14,67 mit Mt 26,71 zeigt. In Johannes 1,45 und Apostelgeschichte 10,38 wird Jesus „der von Nazaret” bezeichnet, also aus Nazaret kommend.

Der bestimmte Artikel betont die Besonderheit der Person von Jesus. Im Laufe seiner Wirksamkeit hat sich dann der Beiname ` Ναζωραίος – Nazöraios bzw. Ναζαρήνος– Nazar¢nos ` mehr und mehr verbreitet. Da Nazaret im Alten Testament nicht erwähnt wird und somit mit keiner Person von Bedeutung in Verbindung gebracht werden konnte, war es schon etwas besonderes, dass gerade aus solch einem verachteten Ort (Joh 1,46) eine solche Persönlichkeit kommt, wie Jesus. Da auch Jesus selbst sich mit diesem Beinamen identifiziert (Apg 22,8), ist es als ob Gott damit einen tieferen Sinn verbindet, als nur eine Herkunftsbezeichnung. Nicht in Jerusalem wächst er auf, ja nicht einmal in Bethlehem, wo man an die Davidstradition so gut anknüpfen konnte (dass hätte ihm mehr Anerkennung eingebracht Joh 7,41f +52). Mit den Galiläern, die einen schlechten Ruf bei denen in Jerusalem hatten, will er sich identifizieren. Nazaret liegt übrigens in Sichtweite zur griechischen Stadt Sephoris.

Der Evangelist Matthäus sieht in der Niederlassung in Nazaret die Erfüllung einer Prophetie, ohne jedoch diese aus dem AT konkret zu nennen. Maier erklärt diesen Begriff:

Mt 2,23 geht zurück auf Jes 11,1 „und es Wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen”. Der “Zweig/Spross” heißt hebräisch “nezer”. Im Hebräischen schreibt man jedoch für gewöhnlich nur die Konsonanten. Lässt man bei „Nazoräer” die Endung weg und schreibt man nur die Konsonanten: n-z-r, dann hat man eben den “Zweig”, den n-z-r von Jes. 11,1. (Vgl. Jes 53,2; Jer 23,5; 33,15; Sach 3,8; 6,12) (Maier 2007, 44).

Keener merkt an:

„Die Schriftsteller seiner Zeit mischten manchmal Texte miteinander, und Juden wie Griechen hatten eine Vorliebe für Wortspiele. Der Ausspruch könnte also ein Wortspiel mit dem hebräischen Wort nezer Spross sein – das ist ein Messiastitel (Jer 23,5; Sach 3,8; 6,12; vgl. Jes 11,1)” (Keener 1998, Bd. 1, 61).

Der Evangelist Lukas fügt noch hinzu: „Aber das Kind wuchs und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und die Gnade Gottes war über ihm.“ (Lk 2,40). Er betont, dass Jesus in diesem Kindesalter an Weisheit zunahm. In ähnlicher Weise wird in der Bibel von Samuel und Johannes dem Täufer gesprochen. Der Umstand, dass Jesus als Kind überdurchschnittlich gute Fortschritte machte, wird durch die anderen Beispiele nur noch unterstrichen.

Fragen / Aufgaben:

  1. Woraus können wir schließen, dass Josef davon ausging nach Bethlehem zurückkehren zu müssen/wollen? Stelle daher den Zusammenhang zu Lk 2,3 her, wo von “seiner Stadt” die Rede ist.
  2. Nazaret wird zum Wohnort mit Bedeutung. Jesus identifizierte sich gerne mit den „Verachteten”! Nenne Beispiele! Wie können wir heute unsere Solidarität mit ihnen zeigen?
  3. Bist du schon öfters umgezogen? Was für eine Bedeutung hat der Wohnort  für dein Leben?

Was heißt es zu „wachsen“, „mit Weisheit erfüllt zu sein“ und „die Gnade Gottes“ über sich zu wissen?

Veröffentlicht unter UNTERWEGS MIT JESUS | Verschlagwortet mit , | Kommentare deaktiviert für UNTERWEGS MIT JESUS

Exodus – Auszug des Volkes Israel aus Ägypten

Exodus – Auszug

des Volkes Israel aus Ägypten

 

 

 

0026-IMG_9907

Abbildung 1: Sand, Felsen und Berge – Gott bahnte dem Volk Israel einen für sie unbekannten neuen Weg durch die weite Wüste. Das Bild zeigt eine typische Wüstenlandschaft im Wadi Rum (Foto: P. Schüle 6. November 2014).

 

 

 Bibelstudie über den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten

von Paul Schüle


 


Einleitung

 

Wer sich mit dem Auszug Israels aus Ägypten beschäftigt, wird bald mit mehreren Fragen konfrontiert:

  • Wo lag das Land Goschen, das Aufenthaltsgebiet der Israeliten im ägyptischen Pharaonenreich?
  • Wie lange waren die Israeliten in Ägypten?
  • Wie groß (zahlenmäßig) waren die Israeliten in Ägypten?
  • Wo lag das Land Midian, wohin Mose vor dem Pharao floh?
  • Wo ist der Berg Gottes – Sinai/Horeb zu suchen?
  • Wo befand sich der wichtige Lagerplatz der Israeliten – Kadesch Barnea?
  • Welches Gewässer ist unter der Bezeichnung Schilfmeer oder Rotes Meer gemeint?
  • Wo verliefen die Wanderrouten der Israeliten von Goschen bis Horeb, vom Horeb bis Kadesch Barnea und von Kadesch Barnea bis zum Jordantal gegenüber Jericho?

 

 

Anhand biblischer Texte wollen wir die Fragen aufgreifen und nach möglichen Antworten suchen. Bis heute sind einige dieser Fragen nicht eindeutig beantwortet. Diese Bibelarbeit ist keine wissenschaftliche Studie, sondern lediglich eine Beschäftigung mit vorhandenen Texten zu den oben gestellten Fragen. Trotzdem fließen Erkenntnisse aus verschiedenen Quellen der Forschung, Bibellexika, Publikationen im Internet, biblischen Karten und Google Earth in diese bibelstudie mit ein.

Reisen nach Ägypten, auf die Sinaihalbinsel, Israel, Syrien und Jordanien motivieren zusätzlich zu diesen Studien. Es wird vorausgesetzt, dass der Auszug tatsächlich stattgefunden hat. Diese Geschichte nimmt wie keine andere einen breiten Platz in den alttestamentlichen Schriften ein und auch Jesus und die Apostel setzen sie, als zentrales Ereignis in der Frühgeschichte Israels, voraus.

 

 

1. Wo lag Goschen – Wohngebiet der Israeliten in Ägypten?

 

Bei der Ankunft in Ägypten machten die Israeliten im Lande Goschen Halt. Dieses Gebiet lag also auf dem Weg zur Residenzstadt des Pharao.

Da kam Josef und sagte es dem Pharao an und sprach: Mein Vater und meine Brüder, ihr Kleinvieh und Großvieh und alles, was sie haben, sind gekommen aus dem Lande Kanaan, und siehe, sie sind im Lande Goschen. (1Mose 47,1).

Jakob zog also nach Ägypten hinab mit seinem ganzen Hause – 70/75 Seelen, die Dienerschaft (Knechte und Mägde) nicht mitgerechnet.

Die meisten Bibelübersetzungen geben in 2Mose 1,1 die Zahl ‚siebzig’ an. Sie stützen sich dabei auf die Hebräische Fassung des Alten Testamentes. Die Hebräische Fassung des Alten Testamentes, die sich nach 70 n. Chr. (Fall Jerusalems) durch die Pharisäer im Judentum durchgesetzt hatte und die auch M. Luther für seine Übersetzung benutzte, gibt die Zahl `siebzig Seelen` an (2Mose 1,1). Die Septuaginta (LXX – griechische Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes) gibt die Zahl ‚fünfundsiebzig’ an. Warum gibt es diese Unterschiede? Die in Qumran gefundene Schriftrolle aus dem 2Buch Mose gibt ebenfalls wie die LXX die Zahl ‚fünfundsiebzig Seelen` an. Der Grund liegt darin, dass es zur Zeit Jesu und der ersten Christen verschiedene Varianten des Hebräischen Alten Testamentes gab. Bemerkenswert jedoch ist, dass weder Jesus noch die Apostel sich daran störten. Zahlen werden uns auch noch im weiteren Verlauf beschäftigen und dabei so manches Rätzel aufwerfen.

Das war die Familie, aus der in den folgenden Jahrhunderten ein großes Volk wurde.

Dieser Text macht zudem auch recht deutlich, dass Josef ein geschickter Staatsmann war, der als Berater des Pharao dafür Sorge trug, dass im Land Ägypten der soziale Friede gewahrt blieb, indem er die unterschiedlichen Wirtschaftszweige an den für sie geeigneten Plätzen im Land ansiedelte. Und der Pharao sprach zu Josef:

Das Land Ägypten steht dir offen, lass sie am besten Ort des Landes wohnen, lass sie im Lande Goschen wohnen, und wenn du weißt, dass Leute unter ihnen sind, die tüchtig sind, so setze sie über mein Vieh.  (1Mose 47,6).

Josef überließ nichts dem Zufall, sondern bereitete ganz konkret seine Brüder auf die Begegnung mit dem Pharao vor, indem er ihnen einschärfte:

So sollt ihr (zu Pharao) sagen: Deine Knechte sind Leute, die Vieh haben, von unserer Jugend an bis jetzt, wir und unsere Väter -, damit ihr wohnen dürft im Lande Goschen. Denn alle Viehhirten sind den Ägyptern ein Gräuel. (1Mose 46,34).

Aus dem Text geht weiter auch hervor, dass Viehzucht in Ägypten ein vernachlässigter Landwirtschaftszweig war, weil der Hirtenberuf verachtet wurde. Die Israeliten konnten ihrerseits gerade diesen Schwachpunkt in der heimischen Wirtschaft der Ägypter ausfüllen. Und als die Brüder Josefs vor den Pharao traten und von ihrer Tätigkeit erzählten, wies ihnen Pharao das Land (das Wohngebiet) Goschen als Wohnsitz zu.

Sehr wahrscheinlich ist, dass Josef die Aufforderung Pharaos, tüchtige Leute aus Israel über sein Vieh zu setzen, zu gegebener Zeit auch umsetzte. Und so wird es wohl schon in der Frühzeit des Ägyptenaufenthaltes zur Förderung dieses so verachteten  Wirtschaftszweiges durch die Israeliten gekommen sein. Dies könnte mit dazu beigetragen haben, dass es längere Zeit eine friedliche Koexistenz zwischen Ägyptern und Israeliten gegeben hat.

Die von Josef ausgesuchte und von Pharao zugewiesene Wohngegend für die Israeliten war also sehr gutes Weideland.

Aus dem Text 1Mose 45,10 geht auch hervor, dass sich der Wohnbereich der Israeliten bis in die Nähe von Josefs Regierungssitz erstreckte.

Du (Vater Jakob) sollst im Lande Goschen wohnen und nahe bei mir sein, du und deine Kinder und deine Kindeskinder, dein Kleinvieh und Großvieh und alles, was du hast. (1Mose 45,10).

`Im Lande Goschen’ heißt hier ein bestimmter Ort oder Gebiet von Ägypten. Das Gebiet oder Land Goschen lag nicht direkt im Nahbereich des zentralen Nil oder gar im Nildelta, wo Landwirtschaft als Hauptwirtschaftszweig betrieben wurde, sondern eher östlich und nordöstlich[1] davon und bildete so den Übergang von landwirtschaftlich genutzter Region hin zur Steppe (Weideland). So konnten die Israeliten in der Nähe der ägyptischen Wohnsiedlungen ihre Zelte aufschlagen, während die Hirten mit den Herden im weiter ostwärts anschließenden Weideland Viehzucht betreiben konnten. Später wohnten viele  Israeliten ebenfalls in festen Lehmhäusern, zum Teil in nächster Nachbarschaft zu den Ägyptern (2Mose 3,22; 11,2).

 

Hier in Goschen lebten die Israeliten etwa 400[2] Jahre, so dass ihre Zahl sehr wuchs.

So wohnte Israel in Ägypten im Lande Goschen, und sie hatten es inne und wuchsen und mehrten sich sehr. (1Mose 47,27).

Auch folgender Text betont die starke Vermehrung der Israeliten in Ägypten:

(…) wuchsen die Nachkommen Israels und zeugten Kinder und mehrten sich und wurden überaus stark, sodass von ihnen das Land voll ward. (2Mose 1,7; vgl. auch die Verse 8-12).

Gemeint ist hier das Land Goschen (nicht ganz Ägypten), welches nun von den Israeliten voll besiedelt wurde.Nach den Worten des neuen Königs waren die Israeliten zu diesem Zeitpunkt zahlenmäßig stärker als die Ägypter. Es erfüllte sich also, was Gott dem Jakob als Verheißung auf den Weg nach Ägypten mitgegeben hatte: „Und er sprach: Ich bin Gott, der Gott deines Vaters; fürchte dich nicht, nach Ägypten hinabzuziehen; denn daselbst will ich dich zum großen Volk machen“ (1Mose 46,3; Vgl. 1Mose 22,17; 26,4; 32,13).

Auch wenn der Pharao mit seinem Vergleich aus politischen Überlegungen deutlich übertrieben hatte, bleibt doch der Eindruck, dass die Israeliten keineswegs mehr eine überschaubare Volksgruppe waren, empfanden doch die Ägypter sie als echte Bedrohung. Zum Vergleich – um 1900 v. Chr. wird die Einwohnerzahl Ägyptens auf ca. 12,5 Millionen geschätzt (Ägypten – Wickipedia).

Wie sollman denn die zahlenmäßige Schätzung aus 5Mose1,10 erklären: „denn der HERR, euer Gott, hat euch so zahlreich werden lassen, dass ihr heute seid wie die Menge der Sterne am Himmel“ (Ist dies nicht die Erfüllung der Verheißung an Abraham aus 1Mose 15,5)? Und bereits am Sinai (5Mose 10,22) zieht Gott einen Vergleich: „Deine Väter zogen hinab nach Ägypten mit siebzig Seelen; aber nun hat dich der HERR, dein Gott, zahlreich gemacht wie die Sterne am Himmel“.

Es kann auch in Betracht gezogen werden, dass zum Volk Israel ebenso die vielen Bediensteten dazugezählt wurden, die schon zu Abrahams und Isaaks Zeiten mit zu deren Haushalt gehörten und durch Beschneidung (aller männlichen Bediensteten) einen Status der Zugehörigkeit zum Volk innehatten (1Mose 17,12-13. Schon in der Anfangszeit in Kanaan zälten zu Abrahams Haushalt mindestens 318 Knechte (1Mose 14,14). Weitere Hinweise zu dem zahlenmäßig großen Haushalt der Patriarchen finden wir in1Mose 20,14 „Da nahm Abimelech Schafe und Rinder, Knechte und Mägde und gab sie Abraham“. Und in 1Mose 25,5 lesen wir „Und Abraham gab all sein Gut Isaak“; In Haran brachte es Jakob zu nicht geringem Reichtung: „Daher wurde der Mann über die Maßen reich, sodass er viele Schafe, Mägde und Knechte, Kamele und Esel hatte“ (1Mose 30,43). Zu dem eigens erworbenem kam noch das gesamte Erbe seines Vaters Isaak hinzu (1Mose 35,27-28) und später ging das Ganze Hab und Gut auf  die 12 Stämme über. So dass sich Israels Gesamthaushalt bei der Ankunft in Goschen möglicherweise auf viele Hundert Personen belief.

Solange nun Josef lebte und eine geraume Zeit danach ging es den Israeliten gut. Doch nach einem Dynastiewechsel veränderte sich die Beziehung der ägyptischen Verwaltung zu den Israeliten zum schlechteren hin und es kam zu deren Unterdrückung (2Mose 1,8). Dies ist der Beginn des Leidensweges für Israel in Ägypten.

Nun stellt sich die Frage nach dem Gesamtzeitraum des Ägyptenaufenthaltes? Dazu gibt es zwei unterschiedliche Zahlenvarianten sowohl im Alten als auch im Neuen Testament.

  1. In 1Mose 15,13.16 gibt Gott den Aufenthalt in Ägypten mit ´400 Jahren oder vier Mannesaltern´ an. Auch Stefanus gibt die Zeit des Aufenthaltes der Israeliten in Ägypten mit vierhundert (400) Jahren an (Apg 7,6).
  2. In 2Mose 12,40 gibt Mose den Aufenthaltszeitraum der Jsraeliten jedoch mit vierhundertdreißig (430) Jahren an. Auch Paulus gibt in Gal 3,17 einen Zeitraum von vierhundertdreißig (430) Jahren an:  „Dies aber sage ich: Einen vorher von Gott bestätigten Bund macht das vierhundertdreißig Jahre später entstandene Gesetz nicht ungültig, so dass die Verheißung unwirksam geworden wäre“. Den Beginn dieses Zeitraumes setzt er (so hier die Vermutung) vom Zeitpunkt der Bestätigung  der Verheißung an Jakob (1Mose 35,9-15) bis zur Gesetzgebung am Sinai (2Mose 24,7). Die Bestätigung der Verheißung, von der Paulus in Gal 3,17 spricht wurde dem Jakob in El-Beth-El gegeben (1Mose 35,9-15). Zu diesem Zeitpunkt war Josef ca. neun (9) Jahre alt (zum Vergleich dazu 1Mose 29,27 mit 30,22-25 und 1Mose 37,2 mit 41,46; 41,29; 45,6). Die Israeliten kamen also nach Ägypten als Josef genau 39 Jahre alt war. So könnten diese 430 Jahre ihre Erklärung finden. So bleibt eine gewisse Unklarheit bezüglich der Differenz von dreißig Jahren.

Paulus liefert uns in der Apostelgeschichte 13,20 noch eine weitere Zahlenangabe von etwa vierhundertfünfzig (ca. 450) Jahren: „Das geschah in etwa vierhundertfünfzig Jahren. Danach gab er ihnen Richter bis zur Zeit des Propheten Samuel“. Diese ungefähre Angabe kann zu dem Ägyptenaufenthalt (400) Jahre der Wüstenwanderung (40) und sogar die Jahre der Landnahme, vielleicht bis zum Tod Josuas einschließen. Wir müssen also erkennen, dass es in Bezug auf die Berechnung für den Aufenthalt der Israeliten in Ägypten wahrscheinlich verschiedene Berechnungsansätze gab und beide (Paulus und Lukas) keinen Anlass sahen sie zu harmnisiern.

 

Zeittafel von Sem über Abraham bis zum König Salomo

 

Name/Ereignis Alter/Zeitraum Jahr
Sem war 100 Jahre alt und zeugte Arpachschad zwei Jahre nach der Sintflut 600 Jahre alt
Arpachschad war 35 Jahre alt und zeugte Schelach 438 Jahre alt
Schelach war 30 Jahre alt und zeugte Eber 433 Jahre alt
 Eber war 34 Jahre alt und zeugte Peleg 464 Jahre alt
 Peleg war 30 Jahre alt und zeugte Regu 239 Jahre alt
Regu war 32 Jahre alt und zeugte Serug 239 Jahre alt
Serug war 30 Jahre alt und zeugte Nahor 230 Jahre alt
Nahor war 29 Jahre alt und zeugte Terach 148 Jahre alt
Terach war 70 Jahre alt und zeugte Abram, Nahor und Haran 205 Jahre alt
Abrahams Geburt in Ur (Chaldäa) 2136
Terach stirbt
Abraham kommt mit 75 Jahren in Kanaan an 2061
Geburt Isaaks (Abraham ist 100 Jahre alt) 2036
Geburt Jakobs (Isaak ist 60 Jahre alt) 1976
Tod Abrahams (Isaak ist 75 Jahre alt) 175 Jahre alt 1961
Tod Isaaks 180 Jahre alt 1856
Geburt Josefs (Jakob ist 91 Jahr alt) 1865
Verheißung an die Väter (Gal 3,16-17) 1876 ?
Ankuft in Ägypten 1846
Tod Jakobs in Ägypten 147 Jahre alt 1829
Tod Josefs 110 Jahre alt 1775
Aufenthalt der Israeliten in Ägypten 400 (430)
Auszug aus Ägypten 1446 (1416)
Gesetzgebung am Sinai 1 Jahr 1446 (1416)
Wüstenwanderung 40 Jahre 1406 (1376)
Einzug nach Kanaan 1406 (1376)
Vom Verlassen Kanaans bis zur Landnahme 450 Jahre 1396 (1366)
Richterzeit 346 (316)
Saul regiert 40 Jahre über Israel (!pg 13,21) 1050
David regiert 40 Jahre lang 1010
„Im vierhundertundachtzigsten Jahr nach dem Auszug Israels aus Ägyptenland, im vierten Jahr der Herrschaft Salomos über Israel, im Monat Siw, das ist der zweite Monat, wurde das Haus dem HERRN gebaut“ (1Kön 6,1). 966

 

 

 

2. Wo lag Midian, wohin Mose vor dem Pharao floh?

 

Diese Frage ist wichtig, weil von der Lokalisierung dieses Landes oder wenigstens der Region in gewissem Sinne auch die nähere Ortsbestimmung des Berges Sinai (Horeb) abhängt. Ebenso würde die Reiseroute der Israeliten vom Auszug aus Ägypten bis zur Ankunft am Sinai leichter zu bestimmen sein.

 

Gelegentlich sieht man auf biblischen Karten ´Midian´ im Bereich der Sinaihalbinsel eingetragen. Doch auch das Gebiet im Nordwesten von Saudi Arabien wird als das Midian der Bibel angesehen.

Die erste Erwähnung des Landes  Midian finden wir in 2Mose 2,15:

  • „Und es kam vor den Pharao; der trachtete danach, Mose zu töten. Aber Mose floh vor dem Pharao und hielt sich auf im Lande Midian. Und er setzte sich nieder bei einem Brunnen“ (vgl. auch Apg 7,29).
  • „Der Priester aber in Midian hatte sieben Töchter; die kamen, Wasser zu schöpfen, und füllten die Rinnen, um die Schafe ihres Vaters zu tränken. Da kamen Hirten und stießen sie weg. Mose aber stand auf und half ihnen und tränkte ihre Schafe.Und als sie zu ihrem Vater Reguël kamen, sprach er: Warum seid ihr heute so bald gekommen? Sie sprachen: Ein ägyptischer Mann stand uns bei gegen die Hirten und schöpfte für uns und tränkte die Schafe. Er sprach zu seinen Töchtern: Wo ist er? Warum habt ihr den Mann draußen gelassen? Ladet ihn doch ein, mit uns zu essen. Und Mose willigte ein, bei dem Mann zu bleiben. Und er gab Mose seine Tochter Zippora zur Frau. Die gebar einen Sohn und er nannte ihn Gerschom; denn, sprach er, ich bin ein Fremdling geworden im fremden Lande“ (2Mose 2,16-22).

Die Lokalisierung „im Lande Midian“ und das Vorhandensein eines Priesters scheinen auf den ersten Blick auf ein mehr oder weniger klar umrissenes Wohngebiet hinzuweisen. Doch damals waren die Grenzen der verschiedenen Stämme oft sehr fließend.

Dass die Priesterfamilie Schafzucht betrieb, sowie die Bemerkung über die Anwesenheit anderer Hirten, lässt zudem erkennen, dass der Wohnbereich von Reguel (Jetro) weniger Agrarland als vielmehr Weideland war, zumindest jedoch in dessen Umland. Weiter wird indirekt bemerkt, dass die dortigen Hirten vor der Priesterfamilie nicht allzu viel Respekt hatten. Reguel gehörte zum Stamm der Keniter. Die Schikanen seitens der Hirten an den Töchtern Jetros waren, wie der Kontext vermuten lässt,  deren tägliche Erfahrungen.

Dort heiratete Mose Zippora, eine Tochter Jetros des Priesters. Der Name seines erstgeborenen Sohnes ‚Gerschom’ unterstreicht ebenfalls, dass er nun als Fremdling weit weg von Ägypten war, in einem fremden Lande.

Dieses Midian muss sich also deutlich außerhalb der Grenzen und des Einflussbereiches von Ägypten befunden haben, damit Mose seines Lebens absolut sicher sein konnte. Denn als Prinz am Hof des Pharao muss er jedem Ägypter bekannt gewesen sein und wäre im nahen Grenzbereich des Landes (Südsinai) recht bald aufgefallen und verraten worden. Die Sinaihalbinsel mit dem traditionellen Mosesberg, gehörte schon seit der frühdynastischen Zeit zum Einfluss,- oder gar Machtbereich des Alten Ägypten. Dazu kann auch das Gebiet des heutigen Nordwestsinai gerechnet werden, da dort die 12 Ismaelitischen Stämme wohnten, die ebenfalls Ägypten verwandschaftlich nahe standen.

Der Name des Landes Midian geht auf einen der sechs Söhne Abrahams zurück, die ihm Ketura nach dem Tod von Sara gebar. In 1Mose 25,2 lesen wir:

  • „Die (Ketura) gebar ihm Simran und Jokschan, Medan und Midian, Jischbak und Schuach.“

Wir erfahren weiter, dass Abraham die Söhne seiner Nebenfrauen mit Geschenken versah und sie nach Osten schickte.

  • „Aber den Söhnen[3], die er von den Nebenfrauen hatte, gab er Geschenke und schickte sie noch zu seinen Lebzeiten fort von seinem Sohn Isaak, nach Osten hin ins Morgenland“ (1Mose 25,6). „πρὸς ἀνατολὰς εἰς γῆν ἀνατολῶν“ (LXX).

Die Bezeichnung Morgenland oder Land des Ostens (Sonnenaufgang) ist sehr weit gefasst und schließt geographisch einen weiten Raum ein, der sich östlich des Toten Meeres ausdehnte. In dieser Zeit wohnte Abraham bei Hebron, oder zwischen Hebron und Beer Scheba. Isaak wohnte in dieser Zeit im Südland (1Mose 24,62). Das Gebiet östlich des Toten Meeres war damals auch schon besiedelt, dort wohnten bereits die Emiter, Amoriter und weiter südlich die Horiter. Die Nachkommen Lots waren zur Zeit der Patriarchen zahlenmäßig noch klein.

Jokschan, der Bruder von Midian, hatte zwei Söhne, Saba und Dedan, beide sind uns bekannt aus der späteren Israelgeschichte und deren Nachkommen befanden sich in Arabien (Jes 21,13); Saba im Süden (Lk 11,31), Dedan vermutlich im Nordwesten Arabiens. In Jesaja 60,6 werden Midian und Saba nebeneinander genannt, deren Bewohner aus einer Richtung, nämlich aus Arabien, nach Jerusalem kommen.

Meistens wurden Personennamen zu Städtenamen oder sogar Landesnamen, so auch im Falle von Midian. Zur Zeit des Auszugs hatten sich die Nachkommen Lots, nämlich Ammon (Ammoniter) und Moab (Moabiter) im Nordosten und Osten des Toten Meeres ausgebreitet. Das Kernland der Moabiter erstreckte sich zwischen den Bächen Sered im Süden und dem Arnon im Norden und breitete sich nach Osten hin aus bis zur Wüste. Auch das Gebiet nördlich des Arnonflusses war zeitweise von den Moabitern bewohnt.

Weitere Hinweise auf die Siedlungsgebiete der Nachkommen Abrahams finden wir in 1Mose 25,18, dort wird der Wohnsitz Ismaels des ältesten Sohnes von Abraham beschrieben. Auch diese Beobachtung und Studie über den Wohnsitz Ismaels ist wichtig, weil dadurch eine bessere Differenzierung und Eingrenzung des Landes Midian möglich wird.

  • „Und sie (die Ismaeliten) wohnten von Hawila an bis nach Schur östlich von Ägypten nach Assyrien hin. So ließ er sich nieder all seinen Brüdern zum Trotz.“

Die Wüste Schur lag östlich von Ägypten (zwischen Ägypten und Kanaan), also im Bereich des heutigen Nordwestsinai.

Da sie aber ein Nomadenleben führten, dehnte sich ihr Einzugsgebiet bis weit nach Osten hin aus. Weitere Details über die Nachkommen Ismaels und ihre Wohngebiete werden in 1Mose 21,13-21 beschrieben:

  • „Aber auch den Sohn der Magd will ich zu einem Volk machen, weil er dein Sohn ist. Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf ihre Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort. Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba. Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, warf sie den Knaben unter einen Strauch und ging hin und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben, der dort liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum großen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und tränkte den Knaben. Und Gott war mit dem Knaben. Der wuchs heran und wohnte in der Wüste und wurde ein guter Schütze. Und er wohnte in der Wüste Paran und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus Ägyptenland.“

Folgende geographische Details werden aus diesem Text erkennbar.

Hagar zog mit Ismael von der Gegend von Hebron aus in Richtung Süden und irrte bei dem (späteren) Beer Scheba umher.

Dann heißt es, dass Ismael in der Wüste wohnte, das ist das Gebiet des heutigen Negev, südlich von Beer Scheba. Er wuchs heran und seine Mutter nahm ihm eine Frau aus Ägypten. Dies ist verständlich, da auch sie selbst Ägypterin war, bestand ein Verwandtschaftsbezug zu Ägypten.

Als nächstes wird für Ismael die Wüste Paran als konkretes Wohngebiet genannt. In 1Mo 14,6 wird Paran zum ersten Mal erwähnt als ‚El Paran’, das an die Wüste stößt. Gemeint ist dort der Beginn der großen Negev-Wüste, welche sich vom Westen des Gebirges Seir bis zum Bach Ägyptens. Die Wüste Paran dehnte sich auch nach Westen zur Wüste Schur hin, die sich wiederum östlich von Ägypten ausdehnte, so ist der Verwandtschaftsbezug auch durch die Nachbarschaft unterstrichen. Da er aber zwölf Fürsten zeugte, dehnte er sein Wohngebiet sogar bis nach Osten in Richtung Assyrien aus (1Mose 25,18). Hier kann man also feststellen, dass die Ismaeliten hauptsächlich südlich von Kanaan Land in Besitz nahmen, teilweise sogar auch östlich der Aravasenke, vielleicht wegen Verwanschaftsbindungen zu seinem Neffen Edom (Esau). Nach 1Mose 28,9 und 36,3  heiratete Esau zwei der Töchter von Ismael, so ergibt sich auch eine weitere verwandtschaftliche Nähe (vgl. auch 1Chr 27,30, wo die Nähe von Esaus und Ismaels Nachkommen unterstrichen wird). Auffallend ist auch, dass es zwischen Ismaeliten und Israeliten keine Streitigkeiten gab im Gegensatz zu den Edomitern, Moabitern, Ammonitern, Amalekitern und Midianitern. Anscheinend wachte Gott über seiner Verheißung, Ismael zu segnen. So ist das Gebiet der Sinaihalbinsel von Israel nie beansprucht oder bekämpft worden. Erst im 20. Jh. besetzten israelische Truppen die Sinaihalbinsel, welche jedoch schon nach 15 Jahren wieder an Ägypten zurückgegeben wurde.

 

Die Wohngebiete Midians und seiner Nachkommen sind dementsprechend nicht im gleichen Gebiet zu suchen, sondern eher noch weiter östlich der Aravasenke.

Einige Hinweise zu der Wüste Paran, dem frühen Wohngebiet Ismaels.

Von Kadesch Barnea aus, das an die Wüste Paran grenzte, sandte Mose zwölf Kundschafter aus, um das Land Kanaan zu erkunden. Später zur Zeit Davids (1Kön 11,15-18) lag die Wüste Paran auf dem Weg von Midian nach Ägypten, also im Negev. Zu Davids Zeit war Midian in Nachbarschaft zu Edom, wie folgender Text deutlich macht.

  • „Und sie (der Edomiter Hadad und seine Leute) machten sich auf von Midian und kamen nach Paran und nahmen Leute mit sich aus Paran und kamen nach Ägypten zum Pharao, dem König von Ägypten. Der gab ihm ein Haus und Nahrung und wies ihm Land an.“

Der Prophet Habakuk erwähnt das Gebirge Paran (Hab 3,3) und heute noch wird dieses Gebiet im Negev ‚Paran’ genannt.

 

In 1Mose 17,20 verspricht Gott dem Abraham Ismael zu segnen:

  • „Und für Ismael habe ich dich auch erhört. Siehe, ich habe ihn gesegnet und will ihn fruchtbar machen und über alle Maßen mehren. Zwölf Fürsten wird er zeugen und ich will ihn zum großen Volk machen.“

Kein Wunder also, dass die Ismaeliten ein sehr weites Gebiet besiedelten, ein Gebiet, das von der Ostgrenze Ägyptens über die Sinaiwüste (heute at Tih) in Richtung Osten und südöstlich, also in Richtung nördliches Ende des Roten Meeres (Golf von Agaba) und sogar weiter ostwärts reichte. Aus 1Mose 25,14 erfahren wir, dass einer der Söhne Ismaels Duma genannt wird. Später findet sich ein Ort im Gebiet östlich der Aravasenke und auch östlich von Edom mit dem Namen Duma, was auf die Verwandtschafts- und Wohnnähe von Esaus und Ismaels Nachkommen schließen lässt (Vgl. auch Jes 21,11).

Demnach muss das Siedlungsgebiet der midianitischen Stämme östlich von Ismael gelegen haben. Wenn also die Nachkommen Abrahams von der Ketura (Midian) nach Osten gingen, die Nachkommen Abrahams von Hagar (Ismael) nach Süden, dann ist es sehr unwahrscheinlich, das Siedlungsgebiet der Midianiter auf der heutigen Sinaihalbinsel zu suchen. Sollte sich bestätigen, dass Midian niemals in der Mitte oder auf der Südhälfte der Sinaihalbinsel lag, dann wäre die christliche Tradition der Lokalisierung des Horeb (aus dem 4.Jh.) in jener Gegend, hinfällig.

 

Ein weiterer Beleg für diese Annahme geht aus dem Zusammenhang von 4Mose 22,4 hervor. Dort lesen wir, dass die Moabiter und Midianiter miteinander kooperierten, weil sie in  unmittelbarer Nachbarschaft wohnten, nänlich östlich des Toten Meeres. Die folgenden Aussagen beziehen sich auf die Zeit kurz vor der Landnahme durch die Israeliten. 40 Jahre zuvor war Mose im Lande Midian, in dieser Zeit wird sich das Wohngebiet der Midianiter nicht verändert haben.

  • „Und sie (die Ältesten der Moabiter) sprachen zu den Ältesten der Midianiter: Nun wird dieser Haufe auffressen, was um uns herum ist, wie ein Rind das Gras auf dem Felde abfrisst. Balak aber, der Sohn Zippors, war zu der Zeit König der Moabiter.“

Diese Aussage macht deutlich, dass diese beiden Volksgruppen um den Verlust ihres gesamtes Territoriums, welches in der Nachbarschaft östlich des Toten Meeres lag, bangten,

Und sie kooperierten miteinander gegen die Israeliten, wie folgender Hinweis in 4Mose 22,7 deutlich macht.

  •  „Und die Ältesten der Moabiter gingen hin mit den Ältesten der Midianiter und hatten den Lohn für das Wahrsagen in ihren Händen und kamen zu Bileam und sagten ihm die Worte Balaks.“

Auch dieser Zusammenhang lässt die Vermutung zu, dass Midian in unmittelbarer Nachbarschaft zu Moab lag. Denn die Moabiter gingen zu den Midianitern und dann weiter in Richtung Osten an den Euphrat, wo Bileam wohnte. Im Rückblick schreibt Josua die Anwesenheit der midianitischen Fürsten im Herrschaftsbereich des mächtigen Amoriterkönigs Sihon aus Heschbon, welcher mit seinem ganzen Volk von Israel geschlagen wurde:. „ … und alle Städte der Ebene und das ganze Reich Sihons, des Königs der Amoriter, der in Heschbon herrschte und den Mose schlug samt den Fürsten Midians – Ewi, Rekem, Zur, Hur und Reba -, den Gewaltigen des Königs Sihon, die im Lande wohnten“ (Josua 13,21). Diese Stelle ist sehr aufschlussreich, da aus ihr hervorgeht, dass die Midianiter im Gebiet der Amoriter wohnten. Belegt ist auch der Wohnbereich eines der Stämme der Amoriter, der auf dem Gebirge westlich des Toten Meeres wohnten (1Mose 14,13; 4Mose 13,29). Weitere Stellen, welche über die unmittelbare Nähe der Midianiter zu Israels Wanderrouten und deren Aufenthalten Aufschluss geben, finden wir in 4Mose 25,6. 15. 17-18; 31,2-3. 7-9.

So kann man vorläufig festhalten, dass Midian sich als eigenständiges Land in seinen Grenzen nicht genau lokalisieren lässt, doch ihre Wohngebiete befanden sich im großen und mächtigen Amoriterreich, östlich des Toten Meeres in Nachbarschaft der Moabiter und auch in Nachbarschaft Edoms, deren Landesgrenzen recht gut gesichert zu sein scheinen.

Nach der entscheidenden Niederlage der midianitischen Stämme auf dem Gefilde der Moabiter durch Israel werden die Midianiter in diesem Bereich später noch einmal erwähnt und zwar, dass sie von einem edomitischen Fürsten besiegt wurden (dies war in der Richterzeit und lässt ihr Wohngebiet in unmittelbaren Nachbarschaft zu Edom vermuten).

  • „Als Huscham starb, wurde König an seiner statt Hadad, ein Sohn Bedads, der die Midianiter schlug auf dem Felde der Moabiter; und seine Stadt hieß Awit“ (1Mose 36,35).

Dies macht auch deutlich, dass bei kriegerischen Auseinandersetzungen keineswegs die gesamte Stammesbevölkerung ums Leben kam. Und so treffen wir etwas später im Osten (Gilead) auf einen midianitischen Stamm. Nach Richter 6,33 kamen diese Midianiter, Amalekiter und andere Stämme aus östlicher Richtung und lagerten sich in der Jesreel Ebene (später Südostgaliläa). Wieder kann man erkennen, dass die midianitische Streitmacht aus der Gegend kam in der sie schon zur Zeit der Landnahme erwähnt werden.

Und bereits zur Zeit Jakobs kamen Midianitische Kaufleute aus Gilead (Gegend in der der Fluß Arnon entspringt), durchzogen Kanaan in Richtung Ägypten (1Mose 37,26-28). Die biblischen Texte lassen erkennen, dass die Nachkommen Midians seit der Patriarchenzeit bis zur Richterzeit (also mindestens 500 Jahre) im besagten Gebiet östlich oder südöstlich von Moab siedelten.

Es ist aber unklar, in welcher Beziehung die Keniter (in 1Mose 15,19 erstmals erwähnter Stamm zu dem Reguel und seine Familie gehörten) zu den Midianitern standen. Die wenigen Anmerkungen zu diesem Stamm geben aber einigen Aufschluss. Die Keniter sind in der zahlreichen Stammesliste aufgeführt, deren Land Gott Abram und seinen Nachkommen versprochen hatte (1Mose 15,19). In 4Mose 24,21 beschreibt Bileam in poetischer Form den Wohnsitz der Keniter:

  • „Und als er die Keniter sah, hob er an mit seinem Spruch und sprach: Fest ist deine Wohnung, und du hast dein Nest in einen Fels gebaut.“

Diese Beschreibung erinnert uns lebhaft an Felsbewohner. Südöstlich des Toten Meeres gibt es Gegenden, auf die eine solche Beschreibung zutrifft. Die bekannte Nabatäerstadt Petra wäre ein Beispiel für solchen Wohnstil. Hobab der Keniter, Moses Schwager, nahm doch letztlich die Einladung des Mose an, mit Israel nach Kanaan zu ziehen (4Mose 10,29ff), wie folgender Text deutlich macht:

  • „Und die Nachkommen des Keniters Hobab, mit dem Mose verschwägert war, zogen herauf aus der Palmenstadt mit den Männern von Juda in die Wüste Juda, die im Süden von Arad liegt, und gingen hin und wohnten mitten unter dem Volk“ (Ri 1,16).

Weitere positive Informationen über das Geschlecht Hobabs im Zusammenhang der Geschichte Israels finden wir in den Texten: Ri 5,24 (Jael) 1Sam 15,6 (Saul verschont die Keniter)  1Sam 27,10; 30,29.

Diese Texte geben Anlass zur Annahme, dass Jetro und sein Haus zwar in dem Gebiet (Land) von Midian wohnten, doch wahrscheinlich gar keine Midianiter waren und dass ihre Gotteserkenntnis und Gottesbeziehung der von Israel nahe stand (2Mose 18,1-12). Geben doch auch diese Textzusammenhänge Anlass zur Annahme, dass der Berg Horeb eher östlich der Aravasenke zu suchen ist und nicht auf dem heutigen Südsinai.

 

Die Frage ist nun, wohnte der Priester Reguel aus dem Stamm der Keniter, mit seiner Familie in diesem Land Midian, oder gab es einen weiteren midianitischen Stamm, der weiter südlich im heutigen NW von Saudi Arabien siedelte?

Viele Jahrhunderte nach der Landnahme erwähnt Jesaja in einer Prophetie Saba und Midian, die in friedlicher Absicht nach Israel pilgern:

  • „Denn die Menge der Kamele wird dich bedecken, die jungen Kamele aus Midian und Efa. Sie werden aus Saba alle kommen, Gold und Weihrauch bringen und des HERRN Lob verkündigen“ (Jes  60,6).

Wahrscheinlich ist dies eine Anspielung auf das geschichtliche Ereignis zur Zeit Salomos (2Chr 9,1-9) und vielleicht sogar eine zukunftsgerichtete Aussage, welche nach den Worten von Jesus sich auf das Ende der Zeit bezieht (Mt 12,42;  Lk 11,31).

 

 

3. Wo liegt der Berg Horeb oder Sinai?

 

Warum interessiert uns der Ort und die Lage des Berges Sinai oder Horeb so sehr?

  • Am Fuß des Berges begegnete Gott dem Mose durch Vermittlung eines Engels im Brennenden Busch; 2Mose 3,2-6; Mt 22,32
  • Ebenfalls am Fuß des Berges Horeb ließ Gott Wasser aus dem Felsen sprudeln; 2Mose 17,6.
  • Am Fuß des Berges lagerte Israel knapp ein Jahr lang und baute dort die Hütte der Begegnung; 2Mose 25-40.
  • Die Herrlichkeit Gottes erschien auf dem Berg und Mose empfing dort die Zehn Gebote; 2Mose 19,19; 20,1-21: Apg 7,38.
  • In der Königszeit wanderte der Prophet Elia zu diesem Berg. Damals wusste man noch genau, wo dieser sich befand; 1Kön 19,8.

Durch die lokalisierung des Berges ließe sich leichter die tatsächliche Route des Volkes Israel beim Auszug aus Ägypten bestimmen, ebenso die Lokalisierung des Durchzugs durch das Schilfmeer (Rotes Meer).

 

3.1 Merkmale des Berges Horeb und seiner Umgebung

  • Vor dem Berg oder Gebirge erstreckt sich eine Wüste, die Wüste Sinai (2Mose 19,2; 1Kön 19,15).
  • Der Berg weist oben eine Spitze (Gipfel 2Mose 19,20) und unten eine Art Fuß auf („am Fuße des Berges“), also einen deutlichen Übergang vom Flachland zum Bergsockel, damit er umzäunt werden konnte (2Mose 19,10-23).
  • 2Mose 19,18.
  • Das Vorhandensein einer Höhle kann sogar mit ein Kriterium sein (1Kön 19,9).
  • Vom Berg floß ein Bach herab 5Mose 9,21. Dies weist auf ein fruchtbares Bergtal hin.
  • Auch im Umfeld muss es genug Wasser gegeben haben, damit so eine große Anzahl von Menschen (einschließlich ihrer zahlreichen Herden 2Mose 12,38) die Versorgung über ein ganzes Jahr hindurch gesichert war. Denn in dem Jahr des Aufenthaltes am Berg Sinai wird nichts von Wassermangel geschrieben.
  • Es muss keineswegs ein schwer zugänglicher Berg sein, denn Mose stieg immer wieder innerhalb kürzerer Zeit den Berg hinauf und hinunter, einmal auch mit den Ältesten Israels (2Mose 34,4; 19,24; 2Mose 32,30; 2Mose 24,9-11).

Für diesen besonderen Berg gibt es zwei deutliche Namen: ‚Horeb’ und ‚Sinai’. Oft wird er einfach auch ‚Berg Gottes’ und ‚Berg des Herrn’ genannt. Die Bezeichnung ‚Horeb’ hat die Bedeutung von ‚Ödland’ oder ‚Wüstengebiet’ und ist eher hebräisch, vielleicht weil Gott ihn so nannte (2Mose 17,6).

  • „Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe (Wüste) hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb“ (2Mose 3,1).

Dort gab Gott Mose ein Zeichen in prophetischer Voraussage:

  • „Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge“ (2Mose 3,12).

Der genannte Berg ist also in unmittelbarer Nähe der Gottesoffenbarungsstelle am Brennenden Busch. Sogar Jesus nimmt Bezug auf diese besondere

Offenbarung Gottes in der Wüste Sinai und zwar in der Diskussion mit den Sadduzäern über die Realität der Totenauferstehung:

  • „Habt ihr denn nicht gelesen von der Auferstehung der Toten, was euch gesagt ist von Gott, der da spricht (2.Mose 3,6): „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“? Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden“ (Mt 2,31-32). Und Lukas ergänzt:„Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden; denn ihm leben sie alle“ (Lk 20,38). Auch Markus hat eine wichtige Ergänzug: „Habt ihr nicht im Buch Moses gelesen, wie Gott beim Dornbusch zu ihm redete und sprach“ (Mk 12,36).

Damit bestätigt Jesus, wenn auch indirekt,  die Historizität der Gottesbegegnung des Mose beim Dornbusch am Berg Horeb.

 

3.2 Hinweise zur Lage des Berges Horeb

 

Der Berg Horeb müsste sich irgendwo auf dem Weg, bzw unweit der Route von Midian nach Ägypten befunden haben, wie folgender Text indirekt nahelegt:

  • „Und der HERR sprach zu Aaron: Geh hin Mose entgegen in die Wüste. Und er ging hin und begegnete ihm am Berge Gottes und küsste ihn“ (2Mose 4,27).

Zu diesem Zeitpunkt wäre es unlogisch gewesen, wenn Mose nicht auf dem direktesten Wege (Karawanenroute) von Midian nach Ägypten  gegangen wäre. Dem Aaron dagegen muss wohl der Herr selber den Weg gewiesen haben, damit er Mose an dieser Stelle (Berg Gottes) treffen konnte.

 

Es besteht auch ein geographischer Zusammenhang zwischen dem Lande Midian und dem Berg Sinai. In der Aussage: „(Mose) trieb die Schafe über die Steppe hinaus[4] und kam an den Berg Gottes, den Horeb“, könnte ein Hinweis darauf enthalten sein, dass Mose die Grenze des eigentlichen Territoriums der Midianiter überschritten hatte und somit der Berg Gottes Horeb, streng genommen, sich außerhalb der Grenzen des Landes[5] Midian befand. Diese Annahme wird auch durch folgenden Text gestützt:

  • „Und Mose ließ seinen Schwiegervater wieder in sein Land ziehen“ (2Mose 18,27; vgl. 4Mose 10,30).

Jetro, der die Lage des Berges Horeb kannte, kam aus seinem Land (Midian). Der Berg Sinai und die vorgelagerte gleichnamige Wüste könnten demnach sozusagen Niemandsland[6] gewesen sein:

  • „Als nun Jitro, Moses Schwiegervater, und seine Söhne und seine Frau zu ihm in die Wüste kamen, an den Berg Gottes, wo er sich gelagert hatte…“ (2Mose 18,5).

Dass Jetro zu Mose in die Wüste hinausging, unterstreicht noch einmal, dass der Priester in einer bewohnten Gegend lebte. Aufschlussreich könnte auch die Wendung: „er trieb die Schafe über die Wüste hinaus …“. Hier stellt sich die Frage der Grnzenmarkierungen im Altertum. So wie Meere, Bergketten und Flüsse natürliche Grenzen zwischen Stämmen und sogar ganzen Völkern bildeten, so bildeten auch Wüsten natürliche Grenzen zwischen den einzelnen Stammesverbänden. Mose überquerte also eine bestimmte Wüste, in der Hoffnung, am anderen Ende, das sichtbar von gegenüberliegenden Bergen flankiert war, neue oder bessere Weideplätze für die Schafe zu finden. Diese Wüste erstreckte sich zwischen dem Wohngebiet des Jetro (Midian) und der Bergregion Sinai[7].

 

In Galater 4,21-25 spricht Paulus vom Berg Sinai und lokalisiert ihn in Arabien:

  • „Denn es steht geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, den einen von der Magd, den andern von der Freien. Aber der von der Magd ist nach dem Fleisch gezeugt worden, der von der Freien aber kraft der Verheißung.Diese Worte haben tiefere Bedeutung. Denn die beiden Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse: einen vom Berg Sinai, der zur Knechtschaft gebiert, das ist Hagar; denn Hagar bedeutet den Berg Sinai in Arabien (τὸ δὲ Ἁγὰρ Σινᾶ ὄρος ἐστὶν ἐν τῇ Ἀραβίᾳ) und ist ein Gleichnis für das jetzige Jerusalem, das mit seinen Kindern in der Knechtschaft lebt“ (Vgl. dazu Joh 8,33-34).

Hier stellt sich also die Frage, bis wohin sich zur Zeit von  Paulus Arabien nach Norden hin erstreckte. Seit Jahrhunderten war Petra Hauptstadt des Nabatäerreiches, welches sich zeitweise nach Norden hin bis Damaskus erstreckte. König Aretas IV herrschte von 8 v. bis 40 n. Chr. Auch über Damaskus.  Die Nabatäer kamen aus Zentralarabien, verdrängten mehr oder weniger die Edomiter und erweiterten sozusagen den arabischen Einfluss und Territorium nach Norden hin. Somit könnte der Berg Sinai auch in diesem Bereich gesucht werden.

Gut möglich, dass Paulus selber am Berg Horeb war, denn im gleichen Brief schreibt er über einen Rückzug nach Arabien von Damaskus aus:

  • „(Ich) ging auch nicht hinauf nach Jerusalem zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte wieder zurück nach Damaskus“ (Gal 1,17).

Was liegt da näher, als anzunehmen, dass er nicht einfach irgendwohin nach Arabien ging, sondern in Anlehnung an Mose und den Propheten Elia eben zum Berg Sinai. Und anscheinend war es für ihn wichtig, am Ort des ersten Bundes Gottes mit Israel durch Mose gewesen zu sein, um von nun an im Neuen Bund mit Gott durch Jesus Christus seine Zukunft zu gestalten. Auf jeden Fall  machen die  beiden Aussagen des Apostels deutlich, dass er sich in Geographie gut auskannte und es zu jener Zeit keine Zweifel über die Lage dieses Berges gab. Daher wäre es hier an der Reihe, die Zeitgenossen des Paulus in Bezug auf die Lage des Berges Sinai zu fragen. Josephus, der jüdische Historiker, der den Auszug der Israeliten sehr bunt beschreibt, macht zum Standort von Sinai keine Angaben. Dagegen berichtet der jüdische Philosoph Philon davon, dass der Berg Gottes östlich der Sinai-Halbinsel und südlich von Palästina lag (Philon aus Alexandrien, der jüdische Philosoph lebte von 15/10 v. bis 40 n. Chr). Aus der römischen Geschichte ist bekannt, dass im Jahre 64 des ersten vorchristlichen Jahrhunderts die Nabatäer (Petra) durch römische Legionäre besiegt wurden, doch erst im Jahr 106 n. Chr. wurde auch der heutige Sinai in die römische Provinz ‚Arabica-Petrae’ eingegliedert. Dieses Detail ist im Zusammenhang der Bemerkung des Paulus wichtig, dass der Berg Sinai sich in Arabien befindet. In der Zeit der Wirksamkeit des Paulus (ca. 34 – 65 n. Chr.) konnte Petra und Umgebung seit langem zu Arabien gezählt werden, jedoch noch nicht die gesamte Sinaihalbinsel. Ist also der Berg Horeb tatsächlich östlich der Aravasenke im nördlichen Arabien zu suchen?

 

3.3 Wo lag Kadesch Barnea?

Die Lokalisierung von Kadesch Barnea ist aus folgenden Gründen wichtig:

  • Vn Kadesch Barnea sandte Mose die zwölf Kundschafter aus, um das Land Kanaan zu erkunden;
  • Das Volk Israel lagerte dort eine lange Zeit;
  • Wichtig ist die Lokalisierung auch, weil es von dort aus zeitliche Entfernungsangaben zum Berg Horeb hin gibt.

Die erste Erwähnung von Kadesch finden wir in 1Mose 14,7 im Zusammenhang einer kriegerischen Auseinandersetzung:

  • „Danach wandten sie um und kamen nach En[8]-Mischpat, das ist Kadesch, und schlugen das ganze Land der Amalekiter, dazu die Amoriter, die zu Hazezon-Tamar wohnten.“

Kadesch wurde früher auch En Mischpat genannt, das heißt Quelle Mischpat. Eine erste Orientierung der Lage von Kadesch bekommen wir durch die Angabe der besiegten Volksgruppen, nämlich der Amalekiter und Amoriter. Das Wohngebiet von beiden lag im Süden Kanaans[9].

Einen weiteren wichtigen Hinweis zu diesem Ort finden wir in den südöstlichen und südlichen Grenzmarkierungen des Gebietes, welches Gott dem Volk Israel zugedacht hatte.

  • „Der Südzipfel eures Gebietes soll sich erstrecken von der Wüste Zin an Edom entlang. Eure Grenze im Süden soll ausgehen vom Ende des Salzmeers, das im Osten liegt. Und sie soll südlich vom Skorpionensteig sich hinaufziehen und hinübergehen nach Zin und weitergehen südlich von Kadesch-Barnea und gelangen nach Hazar-Addar und hinübergehen nach Azmon und sich von Azmon ziehen an den Bach Ägyptens und ihr Ende sei an dem Meer“ (4Mose 34,3-5).

Ähnlich, aber auch etwas ergänzend beschreibt Josua die Südgrenze des Stammes Juda:

  • „Das Los des Stammes „Juda“ für seine Geschlechter lag gegen die Grenze Edoms hin, nach der Wüste Zin zu im äußersten Süden. Seine Südgrenze ging vom Ende des Salzmeers[10], von seiner südlichen Spitze,und geht dann südwärts vom Skorpionensteig und geht weiter nach Zin[11] und führt hinauf südlich von Kadesch-Barnea bis hinüber nach Hezron und führt hinauf nach Addar und biegt um nach Karka  und berührt Azmon und läuft aus am Bach Ägyptens[12], sodass das Ende der Grenze das Meer wird“ (Josua 15,1-4).

Der Vergleich mit dem Text aus 4Mose 20,16 ergibt den Anhaltspunkt, dass Kadesch Barnea an der Süd, bzw. Südostgrenze des Stammes Juda und des Landes Israel lag und eine gemeinsame Grenze im Südosten mit Edom[13] hatte.

  • „Und siehe, wir sind in Kadesch, einer Stadt an deiner (Edoms) Grenze.“

Es bleibt festzustellen, wo heute der Ort Kadesch Barnea[14] zu suchen ist. Denn von hier aus versuchen wir erneut an den Berg Horeb zu gelangen. In 5Mose 1,2 lesen wir:

  • „Elf Tagereisen weit ist es vom Horeb bis Kadesch-Barnea auf dem Wege zum Gebirge Seïr.“ „ἕνδεκα ἡμερῶν ἐν χωρηβ ὁδὸς ἐπ‘ ὄρος σηιρ ἕως καδης βαρνη.“

Es fällt auf, dass das Volk Israel vom Horeb her kommend, das Gebirge Seir überqueren, wahrscheinlicher jedoch südlich davon umgehen musste. Die Wendung: „Auf dem Wege über das Gebirge Seir“ könnte auch verstanden werden, dass zwischen Horeb und Kadesch das Edomgebirge lag.

Diese Strecke jedoch in elf Tagen zu Fuß zu bewältigen, ist keineswegs einfach und in der Tat benötigten die Israeliten dafür nicht elf Tage, sondern etwa zwei

Monate, eingeschlossen sind natürlich alle für das große Volk notwendigen Aufenthalte (siehe Abschnitt „Wanderung der Israeliten vom Horeb bis Kadesch Barnea“).

  • „Da brachen wir auf vom Horeb und zogen durch die ganze Wüste, die groß und furchtbar ist, wie ihr gesehen habt, auf der Straße zum Gebirge der Amoriter[15], wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte, und kamen bis nach Kadesch-Barnea“ (5Mose 1,19).

 

Diese Wanderung vom Horeb bis Kadesch Barnea erfolgte im zweiten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten (5Mose 1,22). Auch wird hier vermerkt, dass die Wüste, welche zwischen Horeb und Kadesch Barnea lag, „groß und furchtbar war“. Hier wäre also die Topographie von Kadesch Barnea aus in Richtung Ost bis Süd zu erkunden. Denn es gibt hauptsächlich zwei Gegenden, welche den Anspruch erheben, den Berg Horeb zu beheimaten, das ist die Region des Süd-Sinai (christliche Tradition) und die Region in Nordwestarabien.

 

In 1Kön 9,7-9 lesen wir von Elia, der aus der Gegend südlich von Beerscheba in Richtung Horeb aufbrach.

  • „Und der Engel des HERRN kam zum zweiten Mal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir.Und er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft der Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis zum Berg Gottes, dem Horeb.  Und er kam dort in eine Höhle und blieb dort über Nacht“ (1Kön 19,7-9).

Auf den ersten Blick scheint es, dass Elia nur bis zum Horeb 40 Tage und Nächte zu Fuß unterwegs war, doch im Text ist nicht die Distanz von Beerscheba bis zum Horeb betont, sondern, dass Elia durch die Kraft dieser Speise (insgesamt) 40 Tag/Nächte, ohne eine weitere Mahlzeit zu sich zu nehmen, unterwegs war. Dies wird auch noch durch die Tatsache unterstrichen, dass  gerade bei besonderen Personen wie Mose, Elia und ebenso bei Jesus die vierzig Tage und Nächte ohne zu essen besonders betont werden (2Mose 34,28;  Mt 4,1ff). Das heißt, dass Elia für den Weg bis zum Horeb und dann weiter bis Abel Mehola (dem Geburtsort Elisas (1Kön 19,16), welches in Gilead auf dem Weg nach Damaskus lag, wohin Elia nun gehen sollte) 40 Tage benötigte, und zwar ohne zu essen (1Kön 19,15ff).

Daher kann diese Zeitangabe nicht als Bemessungsgrundlage für die Entfernung Horeb – Kadesch Barnea[16] genutzt werden, wohl aber die Zeitangabe in 5Mose 1,2 wo es heißt: „Elf Tagereisen sind es vom Horeb bis Kadesch Barnea“ und wahrscheinlich im gewöhnlichen Karawanentempo und auf der Karawanenroute durch das Gebirge Seir.
Es bleibt festzustellen, wie viele Kilometer zum Beispiel Kaufleute damals in der Wüste an einem Tag gehen oder reiten konnten. Eine vorsichtige und vorläufige Schätzung ergäbe hier bei 25/30 km/Tag, mal 11 Tage  275 – 330 km Entfernung.

 

3.4 Das Wohngebiet Seir/Edom

 

Edom oder Esau siedelte auf dem Gebirge Seir. Die erste Erwähnung dieser Gebirgsregion ist in 1Mose 14,6-7:

  • „Darum kamen Kedor-Laomer und die Könige, die mit ihm waren, im vierzehnten Jahr und schlugen die Refaïter zu Aschterot-Karnajim und die Susiter zu Ham und die Emiter in der Ebene Kirjatajim und die Horiter auf ihrem Gebirge Seïr bis El-Paran, das an die Wüste stößt.Danach wandten sie um und kamen nach En-Mischpat, das ist Kadesch, und schlugen das ganze Land der Amalekiter, dazu die Amoriter, die zu Hazezon-Tamar wohnten.“

Dies ereignete sich zur Zeit Abrahams, als er noch keine Kinder hatte. Das Gebirge Seir wurde also noch  vor der Patriarchenzeit von den Horitern bewohnt. Doch weit nicht alle Horiter fielen in diesem Kampf, die meisten lebten dort weiter und vermehrten sich wieder. In 1Mose 36,20-21 lesen wir:

  • „Die Söhne aber von Seïr, dem Horiter, die im Lande wohnten, sind diese: Lotan, Schobal, Zibon, Ana. Dischon, Ezer und Dischan. Das sind die Stammesfürsten der Horiter, Söhne des Seïr, im Lande Edom.“

So erkennen wir, dass dieses Gebirge den Namen von einem bekannten Horiter-Fürsten ‚Seir’ bekommen hatte. Später wurde es nach Esau/Edom Edomgebirge genannt.

 

Weiter geht aus dem Text hervor, dass einer der Enkel von Seir Ana[17] hieß.

  • „Esau nahm sich Frauen von den Töchtern Kanaans: Ada, die Tochter Elons, des Hetiters, und Oholibama, die Tochter des Ana, des Sohnes Zibons, des Horiters“ (1Mose 36,2).

Auf diese Weise lässt sich auch erklären, warum sich Esau nach seinem Wegzug von Isaak in Seir niedergelassen hatte (1Mose 36,6). Auch wird dieser Stamm der Horiter geographisch indirekt zu Kanaan gerechnet.

Im Rückblick (5Mose 2,12) hebt Mose hervor, dass die Nachkommen Esaus die Horiter vertrieben, ja sogar vertilgten und an ihrer Statt auf dem Gebirge Seir wohnten.

 

Zur Zeit Davids erstreckte sich Edoms[18] Gebiet sogar bis an das Nordende des Schilfmeeres (Golf von Agaba).

  • „Und Salomo baute auch Schiffe in Ezjon-Geber, das bei Elat liegt am Ufer des Schilfmeers im Lande der Edomiter“ (1Kön 9,26).

Doch zur Zeit des Auszuges war das Gebiet von Edom noch nicht so weit ausgedehnt. Auf manchen Bibelkarten wird das Gebirge Edom östlich der Arawasenke verzeichnet. Die Stadt Sela und Bozra gehen auf die Edomiter zurück.

Doch in der Patriarchenzeit waren diese Stämme zahlenmäßig noch recht überschaubar[19] (1Mose 32,7) und sie waren nicht die einzigen Stämme, die in jenen Gegenden  siedelten. Darum kam es auch schon in jener Zeit zu Streit, Wohngebietswechsel oder auch Grenzverschiebungen.

Unter Esaus Nachkommen werden 12 Fürsten genannt (1Mose 36), daher verwundert es nicht, dass sie sich sehr rasch vermehrten und ihr Siedlungsgebiet nach Süden und Osten hin ausdehnten.

 

 

3.5 Das Volk der Amalekiter

 

Amalek war ein Enkel Esaus, so in 1Mose 36,12:

  • „Und Timna war eine Nebenfrau des Elifas, des Sohnes Esaus; die gebar ihm Amalek.“

Die Amalekiter sind also Nachkommen von Esau und waren einer von den 12 bedeutenden  edomitischen Stämme. Ihr Wohngebiet war zur Zeit der Wüstenwanderung Israels nördlich von Kadesch Barnea.

Die Amalekiter griffen die Nachhut Israels auf dem Weg zum Horeb an, und zwar in Refidim. Refidim war jedoch in der Nähe des Horeb, wahrscheinlich an der Westseite des Gebirges. Dies war auch der Ort, in dessen Nähe Mose auf Gottes Geheiß den Felsen schlug, so dass Wasser herauskam und das Volk und ihr Vieh trinken konnten (2Mose 16, 22ff).

 

Die erste Erwähnung der Amalekiter finden wir in 1Mose 14,7:

  • „Danach wandten sie um und kamen nach En-Mischpat, das ist Kadesch[20], und schlugen das ganze Land der Amalekiter, dazu die Amoriter, die zu Hazezon-Tamar wohnten.“

Zur Patriarchenzeit gab es die Amalekiter natürlich noch nicht[21], doch in seinem schriftlichen Rückblick nennt Mose dieses Land so, wie es dann zur Zeit der Niederschrift besiedelt war.

Ihr Wohngebiet wird im folgenden Text ziemlich genau beschrieben, obwohl sie als Nomadenvolk auch sehr beweglich waren.

  • „Es wohnen die Amalekiter im Südland, die Hetiter und Jebusiter und Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaaniter aber wohnen am Meer und am Jordan“ (4Mose 13,29;  1Sam 15,5:  27,8).

Seit ihrer Frühzeit also und auch noch zur Zeit Davids und Sauls wohnten und operierten die Amalekiter im Südland (Negev). Zur Zeit des Aufenthaltes der Israeliten  in Kadesch Barnea wohnten Amalekiter auch nördlich davon, nämlich auf dem Weg hinauf ins Bergland von Kanaan (4Mose 14,43).

 

Vom Südland aus greift dieser kriegerische Nomadenstamm Israels Nachhut an, als diese noch auf dem Weg zum Horeb sind. Im Rückblick erinnert Mose seinen Nachfolger Josua und das Volk Israel daran, wie heimtückisch Amalek vorging.

  • „Denke daran, was dir die Amalekiter taten auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt: wie sie dich unterwegs angriffen und deine Nachzügler erschlugen, alle die Schwachen, die hinter dir zurückgeblieben waren, als du müde und matt warst, und wie sie Gott nicht fürchteten“ (5Mose 25,17-18).
  • „Da kam Amalek und kämpfte gegen Israel in Refidim“ (2Mose 17,8).

Die erste Aussage wirft Licht auf die tückische und listige Taktik, welche die Amalekiter auf dem Wegabschnitt vom Schilfmeer bis Refidim angewandt hatten. Die zweite Aussage spricht von einem konkreten Kriegsüberfall der Amalekiter, als Israel in Refidim, kurz vor seinem Ziel, lagerte.

Geographisch gesehen kamen die Amalekiter von ihrem Stammesgebiet im sogenannten Südland, und von dort aus unternahmen sie ihre Raubzüge hinter den Israeliten her, die durch die Wüste weiter südlich in Richtung Osten zogen.

Nach geographischen Gesichtspunkten wäre es eher unwahrscheinlich, dass die Amalekiter weit in den südlichen Teil des Sinai vorgedrungen wären (die wasserreichste Oase des Südsinai ´Feiran´, 40 km nw vom Katharinenkloster, wird von einigen Forschern für das biblische Refidim gehalten). Von der Entfernung her für solche Angriffe wäre eher der Bereich im Osten der Sinaiwüste. Auch unter diesem Gesichtspunkt müßte der Berg Horeb eher östlich der Aravasenke gesucht werden.

 

4. Welches Gewässer ist mit dem Schilfmeer gemeint?

 

Der Hebräische Begriff  `Yam Suph` wird in den deutschen Bibeln häufig mit Schilfmeer` oder ´Rotes Meer´übersetzt. Wie folgende Texte deutlich machen, bezieht sich diese Bezeichnung mal auf den Golf von Suez, mal auf den Golf von Agaba. Diese Tatsache erleichtert nicht gerade die Suche nach der Stelle des Durchzugs. Zunächst listen wir die Texte auf, die direkt und eindeutig mit der Bezeichnung Schilfmeer den Golf von Agaba meinen.

Die Israeliten mussten von Kadesch Barnea wegen ihres Ungehorsams und Unglaubens zurückkehren auf dem Weg, auf dem sie nach Kadesch gekommen waren.

  • „Morgen wendet euch und zieht in die Wüste auf dem Wege zum Schilfmeer“ (4Mose 14,25).

Hier ist der Golf von Agaba gemeint, ebenso in den folgenden Paralelltexten:

  •  „Ihr aber, wendet euch und zieht wieder in die Wüste den Weg zum Schilfmeer“ (5Mose 1,40).
  •  „Dann wandten wir uns und zogen wieder in die Wüste auf der Straße zum Schilfmeer, wie der HERR zu mir gesagt hatte, und umzogen das Gebirge Seïr eine lange Zeit“ (5Mo 2,1).

Aus dem Kontext ist ersichtlich, dass das Volk Israel von Kadesch aus in Richtung Schilfmeer zog und zwar, dem Schilfmeer, welches sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gebirge Seir (Edom) befand, also dem Golf von Agaba.

 

  • „Und ich will deine Grenze festsetzen von dem Schilfmeer bis an das Philistermeer und von der Wüste bis an den Euphratstrom. Denn ich will dir in deine Hand geben die Bewohner des Landes, dass du sie ausstoßen sollst vor dir her“ (2Mose 23,31).

Die Angaben dieser Außengrenzen für Israel geben einen Hinweiß, dass mit dem Schilfmeer in diesem Zusammenhang ebenfalls der Golf von Agaba gemeint ist. Die Südgrenze des Landes wird vom Nordwestende des Schilfmeeres[1] bis zum Philistermeer (Mittelmeer) am biblischen `Bach Ägypten` oder El Arisch markiert. Somit wird auch deutlich, dass die Sinaihalbinsel mit dem Golf von Suez nicht zum späteren Territorium Israels gehörte (vgl. dazu auch Josua 15,1-5).

Unvorstellbar, dass Gott das Volk Israel wieder zurück Richtung Ägypten zum  Schilfmeer-Golf von Suez geschickt hätte, oder zu einem der Seen im Gebiet des heutigen Suezkanals. Dies wäre ja direkt in der Grenznähe der Ägypter gewesen. Nein, vielmehr ist hier der Golf von Agaba gemeint, der weit weg von dem ägyptischen Kernland liegt.

Jeftah erinnert den König der Ammoniter an die Zeit der Landnahme und erwähnt ebenfalls die Station am Schilfmeer bevor Israel zum Abschluß seiner Wanderung nach Kadesch kam. Auch in diesem Textzusammenhang ist der Golf von Agaba gemeint.

  • „Denn als sie aus Ägypten heraufkamen, zog Israel durch die Wüste bis ans Schilfmeer und kam nach Kadesch“ (Ri 11,16).

 

Die wohl deutlichste Textstelle in Bezug auf das Schilfmeer, gleich Golf von Agaba, finden wir in 1Kön 9,26:

  • „Und Salomo baute auch Schiffe in Ezjon-Geber, das bei Elat liegt am Ufer des Schilfmeers im Lande der Edomiter.“

Durch diese Texte wird sehr deutlich, dass mit dem hebr. Yam Suph – Schilfmeer, oder dem gr. erythra thalassa – Rotes Meer, sehr oft der Golf von Agaba gemeint ist.

 

Nun kommen wir zu den Texten, die mehr oder weniger offensichtlich den Golf von Suez meinen.

  • „… und was er an der Heeresmacht der Ägypter getan hat, an ihren Rossen und Wagen, wie er das Wasser des Schilfmeers über sie brachte, als sie euch nachjagten und sie der HERR umkommen ließ, bis auf diesen Tag“ (5Mose 11,4).

Diese Stelle gibt zwar keinen eindeutigen Anhaltspunkt, dass hier der (verlängerte?) Golf von Suez gemeint ist, doch er ist das nächste Gewässer, das nach dem Auszug erwähnt wird. Ähnlich auch die folgende Stelle:

  • „Danach führte ich euch und eure Väter aus Ägypten. Und als ihr ans Meer kamt und die Ägypter euren Vätern nachjagten mit Wagen und Gespannen ans Schilfmeer“ (Jos 24,6).

In all diesen Texten wird auch deutlich, dass es sich nicht um einen See (limni), sondern um ein Meer (thalassa) handelt. Die Annahme, dass die Seen nördlich des Suez damals mit dem Roten Meer verbunden waren hat etwas in sich.

 

Auch im Neuen Testament wird einige male auf die Geschichte vom Durchzug durchs Rote Meer Bezug genommen und an zwei Stellen wird in Anlehnung an die LXX dieses Meer (gr. ἐρυθρὰν θάλασσαν) `Rotes Meer` genannt.

  • Apg 7,36 „οὗτοςἐξήγαγεναὐτοὺςποιήσαςτέρατακαὶσημεῖαἐνγῇΑἰγύπτῳκαὶἐνἐρυθρᾷ θαλάσσῃ καὶ ἐν τῇ ἐρήμῳ ἔτη τεσσεράκοντα. „Dieser (Mose) führte sie heraus und tat Wunder und Zeichen im Land Ägypten, am Roten Meer und in der Wüste vierzig Jahre.“
  • Hebr 11,29 „Πίστειδιέβησαντὴνἐρυθρὰν θάλασσαν ὡς διὰ ξηρᾶς γῆς, ἧς πεῖραν λαβόντες οἱ Αἰγύπτιοι κατεπόθησαν.“ „Duch den Glauben durchzogen sie das Rote Meer wie durch trockenes Land, was die Ägypter auch versuchten und ertranken.“

Im Korintherbrief nimmt Paulus Bezug auf den Durchzug durchs (Rote) Meer:

  • „Denn ich will nicht, dass ihr in Unkenntnis darüber seid, Brüder, dass unsere Väter alle unter der Wolke waren und alle durch das Meer (thalassa) hindurchgegangen sind.und alle in der Wolke und im Meer auf Mose getauft wurden“ (1Kor 10,1-2).

Sowohl Stefanus als auch Paulus und der Hebräerbriefschreiber sprechen mit einer Selbstverständlichkeit von dem Durchzug Israels durch das Meer (Rotes Meer), jedoch ohne irgendwelchen Hinweiss zur Lokalität des Durchzuges zu machen.

 

In 2Mose 10,19 lesen wir: „καὶ μετέβαλεν κύριος ἄνεμον ἀπὸ θαλάσσης σφοδρόν καὶ ἀνέλαβεν τὴν ἀκρίδα καὶ ἐνέβαλεν αὐτὴν εἰς τὴν ἐρυθρὰν θάλασσαν καὶ οὐχ ὑπελείφθη ἀκρὶς μία ἐν πάσῃ γῇ αἰγύπτου“- „Da wendete der HERR den Wind, sodass er sehr stark aus Westen kam; der hob die Heuschrecken auf und warf sie ins Schilfmeer, dass nicht eine übrig blieb in ganz Ägypten.“

Hier wird beschrieben wie der Herr einen starken Wind vom Meer kommen ließ (gemeint ist in der LXX wahrscheinlich das Mittelmeer) der alle Heuschrecken aufhob und ins Rote Meer warf. Es kann sich also um einen sehr starken NW Wind gehandelt haben.der die Heuschrecken in Richtung Südost wegblies, also in den Golf von Suez.

 

Die Einwohner von Jericho haben es damals auch mitbekommen „wie der HERR das Wasser im Schilfmeer ausgetrocknet hat vor euch her, als ihr aus Ägypten zogt“ (Josua 2,10).

 

Weitere Stellen, die vom Schilfmeer (Golf von Suez?) sprechen: Nehemia 9,9; Ps 106,7; Ps 106,9; Ps 106,22; Ps 136,13; Ps 136,15.

Damit kann festgehalten werden, dass beide Arme des Roten Meeres (Golf von Suez und Golf von Agaba) in der Bibel die gleiche Bezeichnung haben und daher lässt sich nur im Kontext feststellen, ob es sich um den Golf von Agaba oder den Golf von Suez handelt.

 

5. Die Reiserouten der Istaeliten

 

Die gesamte Route der Israeliten von Ägypten bis Kanaan kann in sechs unterschiedliche Etappen eingeteilt werden:

  1. Von Goschen bis zum Schilfmeer (diese Etappe dauerte nur enige Tage).
  2. Vom Schilfmeer bis zum Berg Sinai (diese Etappe dauerte etwa 44/45 Tage).
  3. Vom Berg Sinai bis Kadesch Barnea (diese Etappe dauerte etwa zweieinhalb Monate).
  4. Von Kadesch Barnea bis Kadesch Barnea (diese Etappe dauerte etwa achtunddreißig Jahre).
  5. Von Kadesch Barnea bis zum Jordantal (diese Etappe dauerte etwa acht Monate).
  6. Vom Jordfantal der Moabiter bis Gilgal bei Jerico (diese letzte Etappe dauerte knapp eine Woche).

 

Der Herr selbst befahl Mose die Wanderrouten der Israeliten nach deren Lagerplätzen aufzuschreiben.

  • „Und Mose schrieb auf nach dem Befehl des HERRN ihre Wanderungen nach ihren Lagerplätzen. Dies sind ihre Lagerplätze auf ihren Wanderungen“ (4Mose 33,2ff).

5.1. Erste Etappe: Goschen (Ägypten) – Schilfmeer

Der Auszug geschah am 15. Abib/Nisan (das jüdische Kalenderjahr beginnt mit dem 1. Monat Abib. Dies entspricht in etwa unserem Ende März/Anfang April).

  • „Sie zogen aus von Ramses am fünfzehnten Tag des ersten Monats, dem zweiten Tage des Passa, durch eine starke Hand, dass es alle Ägypter sahen“ (2Mose 12,2).

Der Auszug der Israeliten erfolgte aus der Stadt Ramses ´Pi Ramese´ – Stadt des Ramses. Diese Stadt war eine der Vorratsstädten, welche die Kinder Israel dem Pharao ausbauten. Sie lag, so die vorläufigen Ergebnisse der Forschung, im süd/östlichen Nildelta und geht auf das Jahr 1278 v. u. Z. zurück (Wikipedia). Von hier aus startete Mose mit den Israeliten, die im Stadtgebiet und Umgebung wohnten. Weil auch in 2Mose 13,20 als Ausgangort ´Sukkot´ erwähnt wird, könnte man annehmen, dass die Israeliten, welche in der Gegend oder Stadt Sukkot wohnten und arbeiteten, sich hier dem Hauptzug der von Ramses kommenden Israeliten anschlossen und somit ab hier das gesamte Volk aufbrach.

  • „Und es geschah, als der Pharao das Volk ziehen ließ, führte Gott sie nicht den Weg durch das Land der Philister, obwohl er der nächste war. Denn Gott sagte: Damit es das Volk nicht gereut, wenn sie Kampf vor sich sehen, und sie nicht nach Ägypten zurückkehren (gr. αποατρεψη)“ (2Mose 13,17 Elbf Üs).

Die sogenannte Via Maris führte von Unterägypten in Richtung NO entlang des Mittelmeeres durch das Gebiet der Philister. Dies wäre auch die kürzeste Strecke gewesen – 350-400 km bis Hebron.

Als die Israeliten von Ramses auszogen, lagerten sie sich in Sukkot (2Mose 12,37) und sie machten hier Halt. Dann zogen sie aus „von Sukkot und lagerten sich in Etam, das am Rande der Wüste liegt.  „ἐξάραντες δὲ οἱ υἱοὶ Ισραηλ ἐκ Σοκχωθ ἐστρατοπέδευσαν ἐν Οθομ παρὰ τὴν ἐρημον“ (2Mose 13,20). Bis Etam war wohl noch mehr oder weniger bewohntes Gebiet (wahrscheinlich Weideland), denn erst von hier an begann der Übergang zur Wüste. Ein neuer Wanderabschnitt für die Israeliten, der Vertrauen erforderte.

  • „Darum ließ er das Volk einen Umweg machen und führte es durch die Wüste zum Schilfmeer“ – „καὶ ἐκύκλωσεν ὁ θεὸς τὸν λαὸν ὁδὸν τὴν εἰς τὴν ἐρημον εἰς τὴν ἐρυθρὰν θάλασσαν“ (2Mose 13,18 LXX).

Die gr. Bezeichnung der Routenänderung (ἐκύκλωσεν) kann folgende Bedeutungen haben: ´umgehen´, ´umrunden´, ´um (ein Gebiet) herumziehen´, ´einen Umweg machen´, ´von der Route abzweigen´ (vgl. 4Mose 21,4; 5Mose 2,1; Ri 11,18). Die kürzere Route über das Philisterland kam auch deswegen nicht in Frage, weil Gott dem Mose am Dornbusch zugesagt hatte: „… Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.“ Und dieser Berg (Horeb) befand sich nicht auf dem Weg durch das Philisterland, sondern wie schon im Abschnitt B dargelegt, im näheren Umfeld des Landes Midian, welches im Osten der Arawasenke lag. Gott führte das Volk auch nicht den direkten Weg (übliche Karawanenroute) nach Osten, sondern einen nicht gebahnten Weg durch die Wüste (Ps 107,4-9; eh 9,19). Die Karawanenroute nach Midian kannte Mose. Bei dieser Routenvariante hätte das Volk keine Wolken- und Feuersäule benötigt. Gott wollte das Volk einen Umweg nehmen lassen, damit sie ihre Abhängigkeit von ihm lernten und ihm durch die sichtbare Gegenwart (Wolken- und Feuersäule) folgten. Gott wollte Israel also einen für sie unbekannten Weg führen, damit sie lernten Gottes Führung zu vertrauen und Mose zu gehorchen (2Mose 14,31). Die Vormulierung „Gott führte das Volk einen Umweg“ bezieht sich zunächst auf die erste Etappe, aber auch auf die gesamte Wanderroute. Aus dem Text geht hervor, dass die Routenänderung bei Etam angeordnet wurde. Etam lag am westlichen Rande der gleichnamigen Wüste, welche sich östlich des Schilfmeeres erstreckte (4Mose 33,8).

Als Gott dem Mose am brennenden Busch erschien (2Mose 3,18) gab er ihm Anweisung an Pharao in Bezug auf die Mindestentfernung vom Ausgangsort: „Danach sollst du mit den Ältesten Israels hineingehen zum König von Ägypten und zu ihm sagen: Der HERR, der Gott der Hebräer, ist uns erschienen. So lass uns nun gehen drei Tagereisen weit in die Wüste, dass wir opfern dem HERRN, unserm Gott.“ Mose hält sich an diese zeitliche Bemessung der Distanz, die unbedingt notwendig war, um nicht die Ägypter in ihrem eigenen Land durch einen Hebräischen Opferritus zu provozieren (2Mose 5,3; 8,22-23). Gut möglich, dass die Entfernung von ´drei Tagesreisen´ ausreichte, um von Goschen aus die östliche Landesgrenze Ägyptens zu überqueren.

Gott kennt das Herz des Pharao, er kennt dessen geographische und  topographische Kenntnisse ebenso gut wie sein strategisches Denken. Darum sagte der Herr zu Mose: „Rede zu den Israeliten und sprich, dass sie umkehren (ἀποστρέψαντες) und sich lagern bei Pi-Hahirot zwischen Migdol und dem Meer, vor Baal-Zefon; diesem gegenüber sollt ihr euch lagern. Der Pharao aber wird sagen von den Israeliten: Sie haben sich verirrt im Lande; die Wüste hat sie eingeschlossen.  Und ich will sein Herz verstocken, dass er ihnen nachjage, und will meine Herrlichkeit erweisen an dem Pharao und aller seiner Macht, und die Ägypter sollen innewerden, dass ich der HERR bin. – Und sie taten so.“ „λάλησον τοι̃ς υἱοι̃ς Ισραηλ καὶ ἀποστρέψαντες στρατοπεδευσάτωσαν ἀπέναντι τη̃ς ἐπαύλεως ἀνὰ μέσον Μαγδώλου καὶ ἀνὰ μέσον τη̃ς θαλάσσης ἐξ ἐναντίας Βεελσεπφων ἐνώπιον αὐτω̃ν στρατοπεδεύσεις ἐπὶ τη̃ς θαλάσσης“ (2Mose 14,1-2 – LXX). Der gr, Begriff  ´ἀποστρέψαντες´ wird in der Regel mit ´umkehren´ übersetzt (2Mose 13,17),  allerdings ist in diesem Textzusammenhang nicht gemeint zum Ausgangspunkt (nach Ägypten) zurückzukehren, wie auch die Stelle aus  1Mose 18,22 deutlich macht „καὶ ἀποστρέψαντες ἐκεῖθεν οἱ ἄνδρες ἦλθον εἰς σοδομα“ – und die Männer (Engel) kehrten um von dort und kamen nach Sodom“. Wahrscheinlich sind die Israeliten schon eine Wegstrecke in Richtung Osten auf der Karawanenroute nach Arabien unterwegs gewesen, eben am Beginn der Wüste Etam/Schur, als Gott ihnen die Umkehr befahl. Da jedoch die Richtungsänderung mit einem klaren Ziel verbunden war (Pi Hachirot am Schilfmeer) deshalb ging es hier nicht einfach um ein Umkehren in Richtung Ausgangspunkt, sondern den bereits beschrittenen Weg verlassen und in Richtung Süden ausweichen zum Westufer des damaligen Schilfmeeres.

Trotz oder gerade wegen der Staatstrauer (Tod aller Erstgeborener) ließ Pharao sich über den Verlauf der Wanderung der Israeliten auf dem Laufenden halten (2Mose 14,5). Und nicht nur dies, sondern er erfährt, dass das Volk geflohen war. Dies konnte man erkennen an:

  1. dem Verhalten der Israeliten, die alles mitnahmen, was ihnen gehörte an beweglicher Habe;
  2. Und darüber hinaus noch Wertgegenstände von ihren ägyptischen Nachbarn gefordert hatten.
  3. Möglich ist auch, dass die eigentliche Zielsetzung der Israeliten – auszuwandern (nicht mehr zurückzukehren) – auch bis zu ihm kam. So lesen wir in 2Mose 14,5: „Als es dem König von Ägypten angesagt wurde, dass das Volk geflohen war, wurde sein Herz verwandelt und das Herz seiner Großen gegen das Volk und sie sprachen: Warum haben wir das getan und haben Israel ziehen lassen, sodass sie uns nicht mehr dienen?“

Während am Hof des Pharao über das weitere Vorgehen beratschlagt wird, bringen seine Späher ungewöhnliche Informationen über die oben beschriebene Routenänderung der Israeliten. Diese überraschende Änderung der Route hat beim Pharao die Schlußfolgerung ausgelöst: „Sie haben sich im Lande verirrt“ und weil sie in eine Art Sackgasse gerieten, sagte er: „Die Wüste hat sie eingeschlossen“. Zu beachten ist auch, dass die Israeliten sich noch oder wieder auf ägyptischem Territorium befanden. Die Routenänderung (Umkehr mit neuer Zielangabe) muss also bei Etam erfolgt sein (2Mose 14,1-4).

  •  „Von Etam zogen sie aus und blieben in Pi-Hahirot[2], das vor Baal-Zefon[3] liegt, und lagerten sich vor Migdol“ (4Mose 33,7; vgl. 2Mose 14,2).

Obwohl es bis heute noch keine übereinstimmende Erkenntnis gibt, wo genau der Durchzug der Israeliten stattfand, spricht doch einiges für den Bereich des heutigen Bittersee oder Timsahsee, welche aller wahrscheinlichkeit  nach im Altertum mit dem heutigen Golf von Suez verbunden waren (Heinrich Graetz). „Die Söhne Israel aber waren auf trockenem Land mitten durch das Meer gegangen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken gewesen. So rettete der HERR an jenem Tag Israel aus der Hand der Ägypter, und Israel sah die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen“ (2Mose 14,29-30).

Es ist hier nicht das Anliegen, die Details des Durchzugs zu kommentieren. Am östlichen Ufer des Schilfmeeres lagerte sich Israel. Es konnte durchaus zwei bis drei Tage gedauert haben, bis sie weiterzogen, denn nun hatten sie keine Eile mehr. Freude und Dankbarkeit erfüllte das Lager und es wurden zu Gottes Ehren Loblieder gesungen.

 

Tabelle der Lagerplätze während der ersten Etappe

 

Zeitangabe Ortsangabe Ortsangabe Textstelle
15. Abib/Nisan Goschen/Ramses Goschen/Ramses 2Mose 12,2
Sukkot Sukkot 2Mose 12,37
Etam Etam am Rande der Wüste 2Mose 13,20
Zug durch die Wüste zum Meer 2Mose 13,18
Pi-Hahirot bei Migdol gegenüber von Baal Zephon Pi-Hahirot bei Migdol gegenüber von Baal Zephon 2Mose 14,2; 4Mose 33,7
Schilfmeer Schilfmeer 2Mose 14,14ff

 

5.2 Zweite Etappe: Schilfmeer – Horeb/Sinai

Auf der Ostseite des Schilfmeeres lagerten die Israeliten, dankten Gott, lobten ihn für die wunderbare Errettung, die Frauen sangen unter der Führung von Miriam im Reigentanz zu seiner Ehre. „Als nun Israel die große Macht sah, die der HERR an den Ägyptern ausgeübt hatte, da fürchtete das Volk den HERRN, und sie glaubten an den HERRN und an seinen Knecht Mose“ (2Mose 14,31). In 4Mose 33,8 lesen wir die Kurzfassung des Durchzugs:

  • „Von Pi-Hahirot zogen sie aus und gingen mitten durchs Meer in die Wüste und zogen drei Tagereisen in der Wüste (Etam/Schur) und lagerten sich in Mara“ (bitteres Wasser) vgl. mit 2Mose 14,22). „καὶ διέβησαν μέσον τῆς θαλάσσης εἰς τὴν ἔρημον καὶ ἐπορεύθησαν ὁδὸν τριῶν ἡμερῶν διὰ τῆς ἐρήμου αὐτοὶ καὶ παρενέβαλον ἐν πικρίαις“ (4Mose 33,8 LXX).

Hier muss vermerkt werden, dass nach 4Mose 33,8 (Elf. Üs) östlich des Schilfmeeres die Wüste Etam begann, in 2Mose 15,22 (Elf. Üs und LXX) steht „Wüste Schur“. Es kann also sein, dass beide Bezeichnungen für die gleiche Wüste verwendet wurden, denn aus ägyptischer Perspektive konnte diese Wüste Etam heißen, aus kanaanitischer Perspektive jedoch Schur wie folgender Text nahe legt: „Und sie (die Ismaeliten) wohnten von Hawila an bis nach Schur östlich von Ägypten“ (1Mose 25,18; vgl. dazu auch 1Mose 16,7; 20,1). Die Wüste Schur erstreckte sich also östlich des heutigen Suezkanals und zog sich vermutlich bis zum Bach Ägypten (El Arisch), dort schloss sich die Wüste Paran an. In 4Mose 33,9 wird dieser Dreitagewegabschnitt mit folgenden Worten beschrieben: „Mose ließ Israel ziehen vom Schilfmeer hinaus zu der Wüste Schur. Und sie wanderten drei Tage in der Wüste und fanden kein Wasser“ (4Mose 33,9; vgl. 2Mose 15,22). Der Text legt nahe, dass die Israeliten nicht am Schilfmeer entlang Richtung Süden zogen, sondern „hinaus in die Wüste, oder hinein in die Wüste“ also in Richtung Osten. Mara war kein Ort, sondern diese Bezeichnung bekam der Lagerplatz wegen der bitteren Wasserquelle (2Mose 15,23). Mara lag also in der Wüste Schur. Nach dem Durchzug durchs Schilfmeer zogen die Israeliten  hochmotiviert in die Wüste hinein, immer der Wolken,- und Feuersäule nach – es war also keine bekannte Karawanenstrasse, die sie in diesem Abschnitt zogen. Auf dieser Seite des Meeres brauchten sie sich auch nicht mehr zu fürchten, denn keiner jagte ihnen mehr nach. Es heißt im Text, dass das Volk in Mara lagerte, doch die Wasserquelle war ungenießbar, sehr bitter. „Da murrte das Volk wider Mose und sprach: Was sollen wir trinken“ (2Mose 15,24)? Zum zweitenmal murrt das Volk und diese Art ihre Unzufriedenheit auszudrücken werden sie noch öfters wiederholen. Diese Reaktion auf die ungünstigen Umstände drückt ihren Unglauben, ja Misstrauen gegen Gott aus. Nachdem Mose durch göttliche Anweisung die Quelle mit Hilfe eines bestimmten Holzes, das Gott ihm gezeigt hatte, trinkbar gemacht hatte, konnten die Israeliten dort ausruhen, ihre Wasservorräte auffüllen und schließlich weiterziehen. „Dort gab er ihnen Gesetz und Recht und versuchte (prüfte) sie und sprach: Wirst du der Stimme des HERRN, deines Gottes, gehorchen und tun, was recht ist vor ihm, und merken auf seine Gebote und halten alle seine Gesetze, so will ich dir keine der Krankheiten auferlegen, die ich den Ägyptern auferlegt habe; denn ich bin der HERR, dein Arzt“ (2Mose 15,25b-27).

  •  „Von Mara zogen sie aus und kamen nach Elim; da waren zwölf Wasserquellen und siebzig Palmen und sie lagerten sich dort“ (4Mose 33,9;  vgl. mit 2Mose 15,27)

Auch die Oase Elim lag in der Wüste. Für die Etappe Mara – Elim können wir ebenfalls drei Tagereisen ansetzen. Die zwölf Wasserquellen und siebzig Palmbäume können auch als symbolische Hinweise auf die zwölf Stämme Israels und ihre siebzig späteren Ältesten bezogen werden. Die Lage dieser Oase ist nicht leicht zu ermitteln, doch eine Wüstenoase wird immer in einer Niederung, einer Senke gebildet, oder sie ist von Bergen umgeben unterhalb derer sich Wasserguellen bilden. Eine Oase kann auch in einem Wadi entstehen, in dem nach den winterlichen Regenfällen genug Grundwasser gespeichert wird. In Elim handelte es sich nämlich um naturquellen (gr. πηγαι – pegai), nicht um von Menschen gegrabene Brunnen gr. φρέατα – freata). In dieser natürlichen Oase machten die Israeliten Rast, erholten sich von den Strapazen der mehrtätigen Wanderung, füllten ihre Wasservorräte auf und zogen weiter.

  • „Von Elim zogen sie aus und lagerten sich am Schilfmeer“ (4Mose 33,10).

Entsprechend dieser Alternativroute, die weiter nach Osten verlief, kamen sie nun nach weiteren Tagereisen am Schilfmeer (Golf von Agaba) an. Im Abschnitt ´D´ konnte festgestellt werden, dass mit der Bezeichnung ´Schilfmeer´ häufig der heutige Golf von Agaba gemeint ist. Der Lagerplatz könnte demnach am Nordufer des Golfes bei Elat (Ezion Geber 1Kön 9,26) gesucht werden (auf ihren Wanderungen werden sie noch einige Male in dieser Gegend vorbeikommen, bzw. lagern – 4Mose 14,25; 5Mose 2,8). Auch diese Etappe könnte mit drei Tagereisen bemessen werden. Es sei denn, dass es zwischen Elim und dem Schilfmeer eine weitere, im Text nicht genannte, Station gab. Die Distanz vom Ostufer der südlichen Seen (Bittersee und Timsahsee) am heutigen Suezkanal bis zum Nordende des Golfes von Agaba beträgt etwa 220 km Luftlinie. Da angenommenwerden muss, dass die Israeliten nicht immer auf einer geraden Strecke wandern konnten, erhöht sich diese Distanz noch mehr. Entweder gab es auf dieser Wegstrecke

  1. noch weitere nicht genannte Rastplätze,
  2. oder die Tagesetappen waren größer als 70 km,
  3. oder sie gingen auch nachts, was durch die Aussage in Nehenia 9,19 als reale Möglichkeit angenommen werden kann, denn dort heißt es:
    • „… Verließest du sie doch nicht in der Wüste nach deiner großen Barmherzigkeit, und die Wolkensäule wich nicht von ihnen am Tage, um sie auf dem Wege zu führen, noch die Feuersäule in der Nacht, um ihnen auf dem Wege zu leuchten, den sie zogen.“ Der nächtliche Durchzug durch das Schilfmeer (2Mose 13,22) und der Text in 4Mose 14,14b „und dass du, HERR, vor ihnen hergehst in der Wolkensäule am Tage und in der Feuersäule bei Nacht“, bestätigen die Variante der Wanderung auch bei Nacht. So konnten sie durchaus die weite Distanz durch den mittleren Sinai in drei Dreitag/nacht-Etappen geschafft haben.

Hier am Nord und Ostufer des Golfes von Agaba konnten die Israeliten Rast machen, da es ausreichend Süßwasserquellen gab. Wenn sie bis jetzt auf ungebahntem Weg durch die weite Wüste gegangen waren, so mussten sie hier auf eine Karawanenkreuzung gekommen sein.

 

  • „Vom Schilfmeer zogen sie aus und lagerten sich in der Wüste Sin“ (4Mose 33,11).

Der Parallelbericht in 2Mose 16 nennt die Station am Schilfmeer nicht, macht aber die Bemerkung, dass die Wüste Sin zwischen Elim und Sinai sich erstreckt, dort lesen wir: „Von Elim zogen sie aus und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und Sinai liegt, am fünfzehnten Tage des zweiten Monats, nachdem sie von Ägypten ausgezogen waren“  (2Mose 16,1). Seit dem Auszug ist ein Monat vergangen. Hier in der Wüste Sin gingen den Israeliten die letzten Vorräte an Brot aus, denn nach ihrem Murren gab Gott ihnen das Manna und dazu auch noch Fleisch (2Mose 16,1ff). Dieser Ort oder Rastplatz in der „Wüste Sin“ bekommt keinen Namen, dafür jedoch sowohl eine inhaltliche (Massa und Meriba) als auch eine zeitliche Markierung.

Der inhaltliche Aspekt:

„Und es murrte die ganze Gemeinde der Israeliten wider Mose und Aaron in der Wüste. Und sie sprachen: Wollte Gott, wir wären in Ägypten gestorben durch des HERRN Hand, als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Denn ihr habt uns dazu herausgeführt in diese Wüste, dass ihr diese ganze Gemeinde an Hunger sterben lasst. Da sprach der HERR zu Mose: Siehe, ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen, und das Volk soll hinausgehen und täglich sammeln, was es für den Tag bedarf, dass ich’s prüfe, ob es in meinem Gesetz wandle oder nicht“ (2Mose 16,2-4). Wir stellen hier fest, dass die Israeliten schon zum dritten Mal ihre Unzufriedenheit durch Murren ausdrücken – es drückt ihren Mangel an Glauben und Gottvertrauen aus. Aber Gott kannte ihren Bedürfnisse und gab ihnen das Manna (Brot vom Himmel) vierzig Jahre lang. Erst in Gilgal (Kanaan) hörte das Manna auf (Josua 5,12). Wieder wird im Text betont, dass Gott das Volk Israel durch diese Situation prüft. Die Zugabe an Fleisch durch die Wachteln sollte sich im darauffolgenden Jahr wiederholen (4Mose 11,31). Es handelte sich dabei um Zugvögel, die um diese Frühlingszeit (Ende April/Anfang Mai) von Afrika aus in den nördlichen Sommer unterwegs waren. „Und am Abend kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager. Und am Morgen lag Tau rings um das Lager. Und als der Tau weg war, siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israeliten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu1? Denn sie wussten nicht, was es war. Mose aber sprach zu ihnen: Es ist das Brot, das euch der HERR zu essen gegeben hat“ (2Mose 16,13-15). Im Zusammenhang der sogenannten Brotrede in der Synagoge von Kapernaum bestätigt Jesus dieses dieses Wüstenerlebnis und deutet es auf sich, das wahre Brot vom Himmel (Joh 6,32).

 

Der zeitliche und räumliche Aspekt:

Wie weit konnten also die Israeliten in einem Monat (29-30 Tage) gekommen sein? Die Wüste Sin (nicht zu verwechseln mit der Wüste Zin (die in der LXX die gleiche Schreibweise hat) lag also zwischen Elim und der Wüste Sinai. Sie lag hinter (nach) dem Rastplatz am Schilfmeer. Ausgehend von dieser Alternativroute könnte sie in nordöstlicher, östlicher oder südöstlicher Richtung von Agaba gesucht werden. Östlich von Agaba auf einem Hochplateau (800 Meter über dem Meeresspiegel) erstreckt sich die Sandwüste des Wadi Rum (100×60 km), die von zahlreichen Felsen und Bergen durchsetzt ist und hier gibt es genug Wasserquellen. Beachten wir, dass sich die Israeliten in der Wüste Sin nicht über Wassermangel beklagen, sondern über den Mangel an Brot. Wir wissen, dass zum überleben Wasser wichtiger ist als Brot. Also muss es in dieser Wüste Wasser gegeben haben. Und diese Wüste muss sich in Reichweite der Zugvögel-Route (Rotes Meer-Araba-Jordantal) befunden haben, was laut dem Kontext der Fall war. Auch in Richtung Südosten von Agaba erstreckt sich auf einer Hochebene eine weite Wüstenlandschaft, die sich im heutigen Grenzgebiet zwischen Jordanien und Saudiarabien erstreckt.

Vom Auszug aus Ägypten am 15. Tag des ersten Monats bis zum Rastplatz in der Wüste Sin (15. Tag des zweiten Monats) ist ein Monat (29-30 Tage) vergangen. Nach vorläufiger und vorsichtiger Schätzung haben sie sich etwa 400 km von ihrem Ausgangsort entfernt.

  • „Von der Wüste Sin zogen sie aus und lagerten sich in Dofka“ (4Mose 33,12). Zum Lagerplatz Dofka gibt es keine weiteren Hinweise im biblischen Text.
  • „Von Dofka zogen sie aus und lagerten sich in Alusch“ (4Mose 33,13). Auch über diesen Ort geben uns biblische Texte keine weiteren Auskünfte.
  • „Von Alusch zogen sie aus und lagerten sich in Refidim; dort hatte das Volk kein Wasser zu trinken“ (4Mose 33,14). Der Paralellbericht aus 2Mose 17,1-3 ergänzt:

„Und die ganze Gemeinde der Israeliten zog aus der Wüste Sin weiter ihre Tagereisen, wie ihnen der HERR befahl, und sie lagerten sich in Refidim. Da hatte das Volk kein Wasser zu trinken. Und sie haderten mit Mose und sprachen: Gib uns Wasser, dass wir trinken. Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Warum versucht ihr den HERRN? Als aber dort das Volk nach Wasser dürstete, murrten sie wider Mose und sprachen: Warum hast du uns aus Ägypten ziehen lassen, dass du uns, unsere Kinder und unser Vieh vor Durst sterben lässt“ (2Mose 17,1-4)? Es ist nun das vierte Mal, dass das Volk gegen Gott murrt. Dieser Ort wird daher Massa und Meriba genannt, weil das Volk dort gemurrt hatte.

 

Der Durst ist eine schreckliche körperliche Entbehrung. Erst hier in Refidim wird also ausdrücklich hervorgehoben, dass es kein Wasser zum Trinken gab, dagegen muss es an den vorherigen Rastplätzen (Dofka, Alusch) genügend Wasser gegeben haben.

Der Südroute (Wanderung der Israeliten über den Südsinai) entsprechend wird Refidim mit dem heutigen Wadi Feiran in Verbindung gebracht und betont, dass diese Oase damals besiedelt war und zwar von den Amalekitern. Doch im biblischen Bericht heißt es ausdrücklich, dass das Volk dort kein Wasser hatte. Demnach gab es dort weder eine Oase mit Ansiedlungen von Stämmen, noch ansässige Amalekiter, deren Stammesgebiet eher im südlichen Negev zu suchen ist. Refidim war also vorher keine Oase, sie wurde es möglicherweise durch das Wasser, welches nun aus oder unterhalb des Felsens herausfloss durch Gottes Eingreifen. „Mose schrie zum HERRN und sprach: Was soll ich mit dem Volk tun? Es fehlt nicht viel, so werden sie mich noch steinigen. Der HERR sprach zu ihm: Tritt hin vor das Volk und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel“ (2Mose 17,4-6). Dieser Felsen, aus dem Wasser hervosprudelte wird nun zu einem Hinweiss auf Christus, welcher im Neuen Testament als  `η πετρα – der Fels` bezeichnet wird, auf dem er seine Gemeinde baut und der schon damals das Volk in der Wüste geleitete (Mt 7,24; 16,18; 1Kor 10,4). In Refidim geschah noch etwas sehr Einschneidendes für Israel. Die Amalekiter verfolgten die Israeliten seit geraumer Zeit auf dem Weg durch die Wüste, wie Mose in seiner Erinnerung festhält: „Denke daran, was dir die Amalekiter taten auf dem Wege, als ihr aus Ägypten zogt: wie sie dich unterwegs angriffen und deine Nachzügler erschlugen, alle die Schwachen, die hinter dir zurückgeblieben waren, als du müde und matt warst, und wie sie Gott nicht fürchteten“ (5Mose 25,17-19). Aber erst in Refidim überfielen sie Israel in einem offenen Kampf welchen die Israeliten unter der Führung Josuas und dem Gottvertrauen des Mose letztlich gewannen (2Mose 17,13).

Geographisch gesehen ist Refidimmit seinem Felsen in mittelbarer Nähe des Horeb und bildetedie letzte Station vor ihrem Ziel. In Refidim lagerten die Israeliten wohl mehrere Tage, bevor sie sich zu ihrer letzten Wegstrecke aufmachten.

  • „Von Refidim zogen sie aus und lagerten sich in der Wüste Sinai“ (4Mose 33,15).

Refidim muss sich also noch in der Wüste Sin befunden haben, während der Lagerplatz am Sinai sich eindeutig in der Wüste Sinai befand. Vorstellbar wäre, dass Refidim an einer Seite (eventuell Westseite) des Gebirges Horeb gelegen hatte und die Sinaiwüste auf der anderen Seite (Ostseite?), wo der Zugang zum Berg oder auf den Berg geeigneter war.

Dafür gibt es folgende Begründungen: Erstens kamen die Israeliten vom Westen her und zweitens blickte die spätere Stiftshütte und auch der Tempel mit dem Eingang nach Osten hin, so könnte man ableiten, dass Gott sich vom Berge Horeb zum Volk in Richtung Osten wendete. Unterhalb vom heutigen Jebel Musa (Mosesberg) in Richtung Osten gibt es keine flache Wüstenebene, wo das Volk hätte lagern können. Dort sind nur steile und unzugängliche Abhänge, die das Lagern eines so großen Volkes unmöglich gemacht hätten. Nur im Nordwesten etwa 2-3 km weit unterhalb des niedrigeren Berges Safsafe gibt es eine Flache von hohen Bergen umgebene Ebene in etwa 1500 m Höhe. In den Wintermonaten Januar/Februar können die Temperaturen bis unter den Gefrierpunkt fallen, was für eine Überwinterung von so vielen Menschen an diesem Ort nicht einfach gewesen wäre. Auch ist von dieser Ebene aus, der sogenannte Mosesberg in 2285 m Höhe, gar nicht zu sehen, was jedoch in den biblischen Berichten deutlich hervorgehoben wird (z.B. 4Mose 3,38).

  • „Am ersten Tag des dritten Monats nach dem Auszug der Israeliten aus Ägyptenland, genau auf den Tag, kamen sie in die Wüste Sinai.  Denn sie waren ausgezogen von Refidim und kamen in die Wüste Sinai und lagerten sich dort in der Wüste gegenüber dem Berge. Und Mose stieg hinauf zu Gott. Und der HERR rief ihm vom Berge zu und sprach“ (2Mose 19,1-3).

Auf den Tag genau sechs Wochen waren die Israeliten unterwegs bis zum Berg Horeb. Hier blieben sie nun fast ein ganzes Jahr und hier schloss Gott  mit Israel den Bund. Hier wurde auf Befehl Gottes und nach genauen Anweisungen die Stiftshütte gebaut.

 

Lagerpätze der Israeliten während der zweiten Etappe

 

Nach drei Tagen Wüste Schur Wüste (Etam?) 2Mose 15,224Mose 33,8
Mara Mara 2Mose 15,22; 4Mose 33,8
Oase Elim Oase Elim 2Mose 15,274Mose 33,9
Schilfmeer (Golf v. Agaba?) 4Mose 33,10-11
15. Tag des zweiten Monats n. Auszug aus Äg. Ankunft in der Wüste Sin Wüste Sin 2Mose 16,14Mose 33,11
Dofka 4Mose 33,12
Alusch 4Mose 33,13
Refidim Refidim 2Mose 17,14Mose 33,14
Am 1. Tag des 3. Monats n.  Auszug aus Ägypten In der Wüste Sinai gegenüber dem Berge Horeb Wüste Sinai 2Mose 19,1-34Mose 33,15
 

[1] Die Annahme, dass mit dem Schilfmeer einer der Seen zwischen Suez und Port-Said gemeint wäre, macht bei der obigen Grenzbeschreibung aus 2Mose 23,31wenig Sinn, da es sich dort nur um einen kurzen Abschnitt handelt und auch in späterer Geschichte Israels niemals als Grenze zu Ägypten beschrieben wird.

5.3 Dritte Etappe: Berg Sinai – Kadesch Barnea

(4Mose 10,28-13,3; 1Kor 10,10-13)

In 4Mose 10,11-12 wird sozusagen der Ausgangspunkt und Endpunkt der Route vom Sinai bis Kadesch Barnea beschrieben:

  • „Am zwanzigsten Tage im zweiten Monat des zweiten Jahres erhob sich die Wolke von der Wohnung des Gesetzes. Und die Israeliten brachen auf aus der Wüste Sinai und die Wolke machte Halt in der Wüste Paran.“

In 5Mose 33,2-3 beschreibt Mose gewissermaßen sprunghaft die Stationen der Gottesbegleitung vom Sinai bis Kadesch.

  • „Er sprach: Der HERR ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Er ist erschienen vom Berge Paran her und ist gezogen nach Meribat-Kadesch; in seiner Rechten ist ein feuriges Gesetz für sie.“

Eine weitere Kurzfassung dieser Reiseetappe wird wie folgt besschrieben:

  • „Da brachen wir auf vom Horeb und zogen durch die ganze Wüste, die groß und furchtbar ist, wie ihr gesehen habt, auf der Straße zum Gebirge der Amoriter, wie uns der HERR, unser Gott, geboten hatte, und kamen bis nach Kadesch-Barnea“ (5Mose 1,19).

Und in 4Mose 33 wird diese Wanderung mit der Nennung einiger weiterer Stationen und Ereignisse beschrieben:

  • „Von der Wüste Sinai zogen sie aus und lagerten sich bei den Lustgräbern“ (4Mose 33,16).
  • “So zogen sie von dem Berge des HERRN drei Tagereisen weit, und die Lade des Bundes des HERRN zog vor ihnen her die drei Tagereisen, um ihnen zu zeigen, wo sie ruhen sollten. Und die Wolke des HERRN war bei Tage über ihnen, wenn sie aus dem Lager zogen“ (4Mose 10,33-34).

Nach drei Tagen machten sie Halt, weil unter dem Volk einige anfingen zu murren, dass es ihnen so schlecht ginge. Gott versorgte sie mit Fleisch (Wachteln) und strafte sie, so dass viele vom Volk starben.

  • „Daher heißt die Stätte »Lustgräber«, weil man dort das lüsterne Volk begrub.  Von den »Lustgräbern« aber zog das Volk weiter nach Hazerot und sie blieben in Hazerot“ (4Mose 11,34-35; 4Mose 33,17).

In Hazerot machten Miriam und Aaron einen Aufstand gegen Mose mit der Folge, dass Miriam aussätzig wurde. Da blieb die Gemeinde Israel mindestens sieben Tage, bis Miriam wieder in die Gemeinschaft aufgenommen werden konnte.

  • „So wurde Mirjam sieben Tage abgesondert außerhalb des Lagers. Und das Volk zog nicht weiter, bis Mirjam wieder aufgenommen wurde.“
  • „Von Hazerot zogen sie aus und lagerten sich in Ritma“ (4Mose 33,18).
  • Danach brach das Volk von Hazerot auf und lagerte sich in der Wüste Paran“ (4Mose 33,18; 4Mose 12,15-16).

Auf dem Weg nach Kadesch durchzogen oder umgingen die Israeliten Edom, denn so wird es angedeutet in 5Mose 33,2-3:

  • „Er sprach: Der HERR ist vom Sinai gekommen und ist ihnen aufgeleuchtet von Seïr her. Er ist erschienen vom Berge Paran her und ist gezogen nach Meribat-Kadesch“.

Das heißt, dass zwischen Sinai und Kadesch lagen auf ihrer Wanderroute das Gebirge Seir, danach der Berg Paran (in der Wüste Paran) danach kamen sie nach Kadesch. Kadesch Barnea lag wahrscheinlich am nördlichen Rand der Wüste Paran.

Nach 4Mose 13,20 sandte Mose die Kundschafter aus zur Zeit der frühen Weinlese.

  • „Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben“.

Somit lässt sich eine ungefähre Wanderzeit der Israeliten vom Horeb bis Kadesch Barnea ausrechnen. Aufbruch vom Horeb am zwanzigsten Tag des zweiten Monats (av Mitte Mai) Beginn der frühen Traubenernte etwa Mitte Juli, das ergäbe eine Wanderzeit von etwa acht Wochen (sechsundfünfzig  Tage) einschließlich der Aufenthalte.

Von hier sandte Mose auf Anordnung Gottes zwölf Kundschafter aus, um das Land Kanaan zu erkunden.

 

Tabelle der Lagerplätze während der dritten Etappe

 

20. Tag des 2. Monats im 2. Jahr n. Ausz. aus Äg. Aufbruch vom Horeb Nach Kadesch Barnea 5Mose 33,2-3
Drei Tagereisen in der Wüste Sinai 4Mose 10,33-34
Tabeera – Feuer bricht aus 4Mose 11,3
Lustgräber – das Volk murrt, die Strafe-folgt Lustgräber 4Mose 11,4-344Mose 33,16
7 Tage Aufenthalt HazerotMiriam wird aussätzig Hazerot 4Mose 11,34-354Mose 33,17
Gebirge Seir 5Mose 33,2-3
Wüste Paran 4Mose 12,164Mose 33,18
Berg Paran 5Mose 33,2-3
Zur Zeit der frühen Traubenernte – ab Mitte Juli Meribat-Kadesch Ritma 5Mose 33,2-34Mose 33,18
Aufenthalt in Kadesch etwa 2 Monate Aussendung der Kundschafter

 

Fragen:

    1. Wann brachen die Israeliten vom Berg Horeb auf?
    2. Wie lange dauerte die Wanderung der Israeliten vom Horeb bis nach Kadesch Barnea?
    3. Welche beiden Berge oder Bergregionen werden auf dieser Reiseetappe ausdrücklich erwähnt?
    4. Wie wird die große Wüste, welche die Israeliten durchquerten charakterisiert?
    5. Welche Ereignisse werden uns auf dieser Etappe beschrieben und mit welchen Konsegquenzen/Folgen?
    6. Wo lag der Ort, oder die Gegend von Kadesch Barnea?
    7. Warum hat Kadesch eine so große Bedeutung in der Geschichte Israels?

 

4Mose 13,1-33 -5Aussendung und Rückkehr der Kundschafter

1 1Und der HERR redete mit Mose und sprach:

2 Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will, aus jedem Stamm ihrer Väter je einen Mann, lauter Älteste.

3 Da entsandte Mose aus der Wüste Paran nach dem Wort des HERRN lauter Männer, die Häupter waren unter den Israeliten.

4 Und sie hießen: Schammua, der Sohn Sakkurs, vom Stamme Ruben;

5 Schafat, der Sohn Horis, vom Stamme Simeon;

6 Kaleb, der Sohn Jefunnes, vom Stamme Juda;

7 Jigal, der Sohn Josefs, vom Stamme Issachar;

8 Hoschea, der Sohn Nuns, vom Stamme Ephraim;

9 Palti, der Sohn Rafus, vom Stamme Benjamin;

10 Gaddiël, der Sohn Sodis, vom Stamme Sebulon;

11 Gaddi, der Sohn Susis, vom Stamme Josef, von Manasse;

12 Ammiël, der Sohn Gemallis, vom Stamme Dan;

13 Setur, der Sohn Michaels, vom Stamme Asser;

14 Nachbi, der Sohn Wofsis, vom Stamme Naftali;

15 Gëuël, der Sohn Machis, vom Stamme Gad.

16 Das sind die Namen der Männer, die Mose aussandte, um das Land zu erkunden. Aber Hoschea, den Sohn Nuns, nannte Mose Josua.

17 Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge

18 und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist;

19 und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen;

20 und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes. Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben.

21 Und sie gingen hinauf und erkundeten das Land von der Wüste Zin bis nach Rehob, von wo man nach Hamat geht.

22 Sie gingen hinauf ins Südland und kamen bis nach Hebron; da lebten Ahiman, Scheschai und Talmai, die Söhne Anaks. Hebron aber war erbaut worden sieben Jahre vor Zoan in Ägypten.

23 Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Rebe ab mit „einer“ Weintraube und trugen sie zu zweien auf einer Stange, dazu auch Granatäpfel und Feigen.

24 Der Ort heißt Bach Eschkol2 nach der Traube, die die Israeliten dort abgeschnitten hatten.

25 Und nach vierzig Tagen, als sie das Land erkundet hatten, kehrten sie um,

26 gingen hin und kamen zu Mose und Aaron und zu der ganzen Gemeinde der Israeliten in die Wüste Paran nach Kadesch und brachten ihnen und der ganzen Gemeinde Kunde, wie es stand, und ließen sie die Früchte des Landes sehen.

27 Und sie erzählten ihnen und sprachen: Wir sind in das Land gekommen, in das ihr uns sandtet; es fließt wirklich Milch und Honig darin und dies sind seine Früchte.

28 Aber stark ist das Volk, das darin wohnt, und die Städte sind befestigt und sehr groß; und wir sahen dort auch Anaks Söhne.

29 Es wohnen die Amalekiter im Südland, die Hetiter und Jebusiter und Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaaniter aber wohnen am Meer und am Jordan.

30 Kaleb aber beschwichtigte das Volk, das gegen Mose murrte, und sprach: Lasst uns hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir können es überwältigen.

31 Aber die Männer, die mit ihm hinaufgezogen waren, sprachen: Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dies Volk, denn sie sind uns zu stark.

32 Und sie brachten über das Land, das sie erkundet hatten, ein böses Gerücht auf unter den Israeliten und sprachen: Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frisst seine Bewohner und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von großer Länge.

33 Wir sahen dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unsern Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen.

 

4Mose 14,1-45

Da fuhr die ganze Gemeinde auf und schrie, und das Volk weinte die ganze Nacht.

2 Und alle Israeliten murrten gegen Mose und Aaron und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Ach dass wir in Ägyptenland gestorben wären oder noch in dieser Wüste stürben!

3 Warum führt uns der HERR in dies Land, damit wir durchs Schwert fallen und unsere Frauen und unsere Kinder ein Raub werden? Ist’s nicht besser, wir ziehen wieder nach Ägypten?

4 Und einer sprach zu dem andern: Lasst uns einen Hauptmann über uns setzen und wieder nach Ägypten ziehen!

5 Mose aber und Aaron fielen auf ihr Angesicht vor der ganzen Versammlung der Gemeinde der Israeliten.

6 Und Josua, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, die auch das Land erkundet hatten, zerrissen ihre Kleider

7 und sprachen zu der ganzen Gemeinde der Israeliten: Das Land, das wir durchzogen haben, um es zu erkunden, ist sehr gut.

8 Wenn der HERR uns gnädig ist, so wird er uns in dies Land bringen und es uns geben, ein Land, darin Milch und Honig fließt.

9 Fallt nur nicht ab vom HERRN und fürchtet euch vor dem Volk dieses Landes nicht, denn wir wollen sie wie Brot auffressen. Es ist ihr Schutz von ihnen gewichen, der HERR aber ist mit uns. Fürchtet euch nicht vor ihnen!

10 Aber das ganze Volk sprach, man sollte sie steinigen. Da erschien die Herrlichkeit des HERRN über der Stiftshütte allen Israeliten.

11 Und der HERR sprach zu Mose: Wie lange lästert mich dies Volk? Und wie lange wollen sie nicht an mich glauben trotz all der Zeichen, die ich unter ihnen getan habe?

12 Ich will sie mit der Pest schlagen und sie vertilgen und dich zu einem größeren und mächtigeren Volk machen als dieses.

13 Mose aber sprach zu dem HERRN: Dann werden’s die Ägypter hören; denn du hast dies Volk mit deiner Kraft aus ihrer Mitte herausgeführt.

14 Auch wird man es sagen zu den Bewohnern dieses Landes, die da gehört haben, dass du, HERR, unter diesem Volk bist, dass du von Angesicht gesehen wirst und deine Wolke über ihnen steht und dass du, HERR, vor ihnen hergehst in der Wolkensäule am Tage und in der Feuersäule bei Nacht.

15 Würdest du nun dies Volk töten wie „einen“ Mann, so würden die Völker, die solch ein Gerücht über dich hören, sagen:

16 Der HERR vermochte es nicht, dies Volk in das Land zu bringen, das er ihnen zu geben geschworen hatte; darum hat er sie hingeschlachtet in der Wüste.

17 So lass nun deine Kraft, o Herr, groß werden, wie du gesagt hast:

18 »Der HERR ist geduldig und von großer Barmherzigkeit und vergibt Missetat und Übertretung, aber er lässt niemand ungestraft, sondern sucht heim die Missetat der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.«

19 So vergib nun die Missetat dieses Volks nach deiner großen Barmherzigkeit, wie du auch diesem Volk vergeben hast von Ägypten an bis hierher.

20 Und der HERR sprach: Ich habe vergeben, wie du es erbeten hast.

21 Aber so wahr ich lebe und alle Welt der Herrlichkeit des HERRN voll werden soll:

22 Alle die Männer, die meine Herrlichkeit und meine Zeichen gesehen haben, die ich getan habe in Ägypten und in der Wüste, und mich nun zehnmal versucht und meiner Stimme nicht gehorcht haben,

23 von denen soll keiner das Land sehen, das ich ihren Vätern zu geben geschworen habe; auch keiner soll es sehen, der mich gelästert hat.

24 Nur meinen Knecht Kaleb, weil ein anderer Geist in ihm ist und er mir treu nachgefolgt ist, den will ich in das Land bringen, in das er gekommen ist, und seine Nachkommen sollen es einnehmen,

25 während die Amalekiter und Kanaaniter in der Ebene wohnen bleiben. Morgen wendet euch und zieht in die Wüste auf dem Wege zum Schilfmeer!

26 Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach:

27 Wie lange murrt diese böse Gemeinde gegen mich? Ich habe das Murren der Israeliten, womit sie gegen mich gemurrt haben, gehört.

28 Darum sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht der HERR: ich will mit euch tun, wie ihr vor meinen Ohren gesagt habt.

29 Eure Leiber sollen in dieser Wüste verfallen. Alle, die ihr gezählt seid von zwanzig Jahren an und darüber, die ihr gegen mich gemurrt habt,

30 wahrlich, ihr sollt nicht in das Land kommen, über das ich meine Hand zum Schwur erhoben habe, euch darin wohnen zu lassen, außer Kaleb, dem Sohn Jefunnes, und Josua, dem Sohn Nuns.

31 Eure Kinder aber, von denen ihr sagtet: Sie werden ein Raub sein, die will ich hineinbringen, dass sie das Land kennen lernen, das ihr verwerft.

32 Aber eure eigenen Leiber sollen in dieser Wüste verfallen.

33 Und eure Kinder sollen Hirten sein in der Wüste vierzig Jahre und eure Untreue tragen, bis eure Leiber aufgerieben sind in der Wüste.

34 Nach der Zahl der vierzig Tage, in denen ihr das Land erkundet habt – je ein Tag soll ein Jahr gelten -, sollt ihr vierzig Jahre eure Schuld tragen, auf dass ihr innewerdet, was es sei, wenn ich die Hand abziehe.

35 Ich, der HERR, habe es gesagt und wahrlich, das will ich auch tun mit dieser ganzen bösen Gemeinde, die sich gegen mich empört hat. In dieser Wüste sollen sie aufgerieben werden und dort sterben.

36 So starben vor dem HERRN durch eine Plage alle die Männer, die Mose ausgesandt hatte, um das Land zu erkunden, und die zurückgekommen waren und die ganze Gemeinde gegen ihn zum Murren verleitet hatten,

37 dadurch dass sie über das Land ein böses Gerücht aufbrachten.

38 Aber Josua, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, blieben am Leben von den Männern, die gegangen waren, um das Land zu erkunden.

39 Als Mose diese Worte allen Israeliten sagte, da trauerte das Volk sehr.

40 Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen auf die Höhe des Gebirges und sprachen: Hier sind wir und wollen hinaufziehen in das Land, von dem der HERR geredet hat; denn wir haben gesündigt.

41 Mose aber sprach: Warum wollt ihr das Wort des HERRN übertreten? Es wird euch nicht gelingen.

42 Zieht nicht hinauf – denn der HERR ist nicht unter euch -, dass ihr nicht geschlagen werdet vor euren Feinden.

43 Denn die Amalekiter und Kanaaniter stehen euch dort gegenüber und ihr werdet durchs Schwert fallen, weil ihr euch vom HERRN abgekehrt habt, und der HERR wird nicht mit euch sein.

44 Aber sie waren so vermessen und zogen hinauf auf die Höhe des Gebirges; aber die Lade des Bundes des HERRN und Mose wichen nicht aus dem Lager.

45 Da kamen die Amalekiter und Kanaaniter, die auf dem Gebirge wohnten, herab und schlugen und zersprengten sie bis nach Horma.

 

„Da kamen die Amalekiter und Kanaaniter, die auf dem Gebirge wohnten, herab und schlugen und zersprengten sie bis nach Horma“ (4Mose 14,45).

 

5.4 Vierte Etappe: Kadesch Barnea – Bach Sered

 

Bereits nach  eineinviertel Jahr hätte Israel mit der Landnahme beginnen können, doch nun sind sie verurteilt weitere 38 Jahre in der Wüste umherziehen.

 

Folgende Stationen und Ereignisse sind in den Texten aufgeführt:

Zunächst ordnet Gott an, dass das Volk umkehren soll und sich in Richtung Schilfmeer ziehen.

  • „Morgen wendet euch und zieht in die Wüste auf dem Wege zum Schilfmeer“ (4Mose 14,25).

Hier in diesem Zusammenhang ist das Schilfmeer – Golf von Agaba gemeint, denn es wäre höchst ungewöhnlich, würde Gott das Volk zurück an die ägyptische Grenze (Golf von Suez) lenken. „αὔριον ἐπιστράφητε ὑμεῖς καὶ ἀπάρατε εἰς τὴν ἔρημον ὁδὸν θάλασσαν ἐρυθράν

  •  „Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen auf die Höhe des Gebirges und sprachen: Hier sind wir und wollen hinaufziehen in das Land, von dem der HERR geredet hat; denn wir haben gesündigt“ (4Mose 14,40; Vgl. 5Mose 1,41-42)
  • „Als ihr nun wiederkamt und vor dem HERRN weintet, wollte der HERR eure Stimme nicht hören und neigte seine Ohren nicht zu euch. So bliebt ihr in Kadesch eine lange Zeit“ (5Mose 1,45-46).

Demnach sind die Israeliten nicht am nächsten Morgen aufgebrochen, wie der Herr ihnen geboten hatte, sondern sind nach der Niederlage noch lange in Kadesch Barnea geblieben.

 

  • „Von Ritma zogen sie aus und lagerten sich in Rimmon-Perez“ (4Mose 33,19).

 

Lagerplätze der Israeliten von Ritma – Gebirge der Moabiter

 

Ritma 4Mose 33,18
Rimmon-Perez 4Mose 33,19
Libna 4Mose 33,20
Rissa 4Mose 33,21
Kehelata 4Mose 33,22
Gebirge Schefer 4Mose 33,23
Harada 4Mose 33,24
Makhelot 4Mose 33,25
Tahat 4Mose 33,26
Tarach 4Mose 33,27
Mitka 4Mose 33,28
Haschmona 4Mose 33,29
Moserot 4Mose 33,30
Bene-Jaakan 4Mose 33,31 Beerot-Bene-Jaakan 5Mose 10,6
Hor-Gidgad 4Mose 33,32 Moser (Aarons Tod) 5Mose 10,6
Gudgoda 5Mose 10,7
Jotbata 4Mose 33,33 Jotbata (Land mit vielen Wasserbächen) 5Mose 10,7
Abrona 4Mose 33,34  
Ezjon-Geber“ 4Mose 33,35  
Wüste Zin, das ist Kadesch 4Mose 33,36 Wüste Zin im ersten Monat (39 Jahres) Lagerplatz in KadeschMiriams Tod 4Mose 20,1
Berge HorAarons Tod 4Mose 33,37-39 Berg Hor[1]im 40. Jahr am ersten Tag des fünften Monats 4Mose 20,22-29
Zalmona 4Mose 33,41  
Punon 4Mose 33,42  
Obot 4Mose 33,43   4Mose 21,10
Ije-Abarim, im Gebiet der Moabiter 4Mose 33,44  
   
   
  •  „Von Hor-Gidgad zogen sie aus und lagerten sich in Jotbata“ (4Mose 33,33).
  • „Von Jotbata zogen sie aus und lagerten sich in Abrona“ (4Mose 33,34).
  • „Von Abrona zogen sie aus und lagerten sich in Ezjon-Geber“ (4Mose 33,35; 1Kön 9,26; 1Kön 22,49).
  • „Von Ezjon-Geber zogen sie aus und lagerten sich in der Wüste Zin, das ist Kadesch. (4Mo 20,1

36 Von Ezjon-Geber zogen sie aus und lagerten sich in der Wüste Zin, das ist Kadesch.

374Mose 33,36

 

  • „Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat und das Volk lagerte sich in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben. Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron“ (4Mose 20,1-2).

 

Nun sind sie zum zweitenmal schon in Kadesch (Barnea) Seit ihrem ersten Aufenthalt hier sind bereits 38 Jahre vergangen.

 

  • „Von Kadesch zogen sie aus und lagerten sich an dem Berge Hor, an der Grenze des Landes Edom“ (4Mose 33,37; 4Mo 20,22; 5Mo 34,1).

22 Und die Israeliten brachen auf von Kadesch und kamen mit der ganzen Gemeinde an den Berg Hor.

23 Und der HERR redete mit Mose und Aaron am Berge Hor an der Grenze des Landes der Edomiter und sprach:

24 Aaron soll versammelt werden zu seinen Vätern; denn er soll nicht in das Land kommen, das ich den Israeliten gegeben habe, weil ihr meinem Munde ungehorsam gewesen seid bei dem Haderwasser.

25 Nimm aber Aaron und seinen Sohn Eleasar und führe sie auf den Berg Hor

26

 

  • Da ging der Priester Aaron auf den Berg Hor nach dem Befehl des HERRN und starb dort im vierzigsten Jahr des Auszugs der Israeliten aus Ägyptenland am ersten Tag des fünften Monats als er hundertdreiundzwanzig Jahre alt war“ (4Mose 33,38-39),

 

4Mose 20,29 Und als die ganze Gemeinde sah, dass Aaron tot war, beweinten sie ihn dreißig Tage, das ganze Haus Israel.

40 Und der König der Kanaaniter zu Arad, der da wohnte im Süden des Landes Kanaan, hörte, dass die Israeliten kamen. (4Mo 21,1)

41 Und von dem Berge Hor zogen sie aus und lagerten sich in Zalmona.

42 Von Zalmona zogen sie aus und lagerten sich in Punon.

43 Von Punon zogen sie aus und lagerten sich in Obot. (4Mo 21,10)

44 Von Obot zogen sie aus und lagerten sich in Ije-Abarim, im Gebiet der Moabiter.

Richter 11,17-22

 

17 Da sandte Israel Boten zum König der Edomiter und sprach: Lass mich durch dein Land ziehen. Aber der König der Edomiter hörte nicht auf sie. Auch sandten sie zum König der Moabiter; der wollte auch nicht. So blieb Israel in Kadesch

18 und zog in der Wüste umher. Und sie umgingen das Land der Edomiter und Moabiter und kamen von Sonnenaufgang her an das Land der Moabiter und lagerten sich jenseits des Arnon, aber sie kamen nicht ins Gebiet der Moabiter; denn der Arnon ist die Grenze von Moab.

19 Und Israel sandte Boten zu Sihon, dem König der Amoriter zu Heschbon, und ließ ihm sagen: Lass uns durch dein Land ziehen bis an unsern Ort.

20 Aber Sihon traute Israel nicht und ließ es nicht durch sein Gebiet ziehen, sondern versammelte sein ganzes Kriegsvolk und lagerte sich bei Jahaz und kämpfte mit Israel.

21 Der HERR aber, der Gott Israels, gab Sihon mit seinem ganzen Kriegsvolk in die Hände Israels und sie erschlugen sie. So nahm Israel das ganze Land der Amoriter ein, die in jenem Land wohnten.

22 Sie nahmen das ganze Gebiet der Amoriter ein vom Arnon bis an den Jabbok und von der Wüste bis an den Jordan.

 

45 Von Ije-Abarim zogen sie aus und lagerten sich in Dibon-Gad. (4Mo 32,34)

46 Von Dibon-Gad zogen sie aus und lagerten sich in Almon-Diblatajim.

47 Von Almon-Diblatajim zogen sie aus und lagerten sich in dem Gebirge Abarim östlich vom Nebo. (4Mo 21,20

Dies macht deutlich, dass die Israeliten in einem weiten Bogen das gebirge und Territorium von Edom umgingen und schließlich auf der Höhe des Gebirges NEbo ankamen.

 

48Von dem Gebirge Abarim zogen sie aus und lagerten sich im Jordantal der Moabiter gegenüber Jericho. (4Mo 22,1; 5Mo 32,49)

49 Sie lagerten sich aber am Jordan von Bet-Jeschimot bis Abel-Schittim im Jordantal der Moabiter. (4Mo 25,1)

[1] Der biblische Berg Hor (Gebel Harun 1336 m) auf dem Aaron starb, wird seit der Antike 3,5 km südwestlich der Nabatäischen Stadt Petra lokalisiert. Diese Lokalisierung ist jedoch zweifelhaft, da dieser Berg erstens sehr hoch ist für die damaligen Verhältnisse und zweitens, befand er sich im Kernland von Edom, wo die Israeliten bekanntlich keinen Zugang hatten.

d

Abbildung Blick hinab in das Jordantal der Moabiter, wo das Volk Israel nach 40- jähriger Wüstenwanderung lagerte, bevbor sie in das gelobte Lnd einzogen (Foto: April 1986).

d

d

d

d

d

d

d

d

d

d

d

d

d

d

dd

 

 

 

IMG_0410

Richtung Agaba und Saudi

 

IMG_0547

Jordanien

 

IMG_0136

Wadi Rum

0233-IMG_9994

Veröffentlicht unter ISRAEL | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Ein Kommentar

Der Zehnte – wem gehört er und warum?

Eine Bibelstudie  über das Prinzip und die Praxis des Zehnten von Paul Schüle

1-Berglandschaft-Wadi Rum-IMG_0178

Wüsten- und Berglandschaft im Wadi Rum -(Foto: 6. November 2014).

In der Wüste Sinai gab Gott dem Mose Gebote und Ordnungen für das Volk Israel, so zum Beispiel die Verordnung des Zehnten. „Alle Zehnten im Lande, vom Ertrag des Landes und von den Früchten der Bäume, gehören dem HERRN und sollen dem HERRN heilig sein“ (3Mose 27,30). Dieses Gebot hat auch im Reich Gottes seine                                       Gültigkeit und Zweckbestimmung, allerdings nicht mehr eingeschränkt auf den Buchstaben und die Zahl. Weiterlesen →

Veröffentlicht unter Fragen und Antworten, Sonderthemen | Verschlagwortet mit , | Schreib einen Kommentar

Patmos – Insel der Offenbarung

(Zwei Tage auf der  Insel Patmos)

Der Evangelist Johannes schreibt: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi, die ihm Gott gegeben hat, seinen Knechten zu zeigen, was in Kürze geschehen soll; und er hat sie durch seinen Engel gesandt und seinem Knecht Johannes kundgetan, der bezeugt hat das Wort Gottes und das Zeugnis von Jesus Christus, alles, was er gesehen hat“ (Offb 1,1-2). Johannes, der Sohn des Zebedäus, von Beruf Fischer, später Jünger und Apostel Jesu Christi, hatte eine ganz andere Lebensgeschichte als sein Bruder Jakobus. Weiterlesen →

Veröffentlicht unter Reiseberichte | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Bulgarien – ein Land zwischen Orient und Okzident

Dieses kleine Land mit seinen Bergzügen, Flüssen, Seen und fruchtbarem Boden liegt im  Südosten des Balkan. Die Hauptstadt Sofia liegt auf der alten Route, die von Byzanz aus über den Balkan nach Nordwesteuropa führte.

IMG_6836

Sofia – die Hauptstadt von Bulgarien, diesen Panoramablick erhält man von den Höhen des Witoscha-Gebirges (Foto: Oktober 2013).

Die Stadt liegt auf einer von Bergen eingerahmten Hochebene. Der Fluß Iskra, der seinen Ursprung vom Witoscha-Gebirge nimmt, zieht am Ostrand der Hauptstadt vorbei in Richtung Norden, durchschneidet den nördlichen Gebirgszug des Balkan-Gebirges und mündet in die Donau.

Das Stadtzentrum ist geprägt von historischen Gebäuden, davon mehrere christlich-orthodoxe Kirchen. Die älteste davon wird in das Jahgr 313 datiert. Die vielen Stadtteile mit Hochhäusern umgeben den inneren Kern von allen Seiten.

Heute zählt die Stadt etwa eineinhalb Millionen Einwohner, Tendenz steigend. Seit Jahrzehnten zieht es besonders die junge Generation in die Hauptstadt. Die meisten von ihnen wollen studieren, ein kleinerer Teil lernt handwerkliche Berufe.

 

Sandanski – Medius – Desudava

Wie kam das Evangelium in das Gebiet des heutigen Bulgarien? Bekanntlich fließt das Wasser bergab.

IMG_5369

Der Fluß Strimon entspringt im Westen des Rilagebirges und fließt in einem Bogen nach Süden, streift im Westen die Stadt Sandanski, den Grenzübergang nach Griechenland Kulata, dann weiter durch Serres, umschliengt die antike Stadt Amphipolis und mündet schließlich ins Ägäische Meer.

Das Evangelium, welches der Apostel Paulus und seine Mitarbeiter nach Nordgriechenland (damals Mazedonien) brachten, wurde jedoch zunächst in Hafenstädten, bzw. in küstennahen Städten verkündigt und  aufgenommen. Somit floß es durch das Zeugnis der Christen weiter nach oben in die höhergelegenen Orte der Umgebung. Der Evangelist Lukas berichtet in seinem zweiten Werk (der Apostelgeschichte) von Gemeindegründung in Philippi und Thessalonich um die Mitte des 1. Jh. (Apg 16,10-17,9). Von Philippi aus durchzogen die Missionare die Bezirksstadt Amphipolis am Unterlauf des Strimon-Flußes in Richtung Thessalonich. So konnte das Evangelium sowohl von Philippi aus, als auch von Amphipoli  nach Desudava (Sandanski) getragen worden sein. Auf jeden Fall aber durch die Thessalonicher, von denen der Apostel Paulus in seinem Brief schreibt: „Denn von euch aus ist das Wort des Herrn erschollen nicht allein in Mazedonien und Achaja, sondern an allen Orten ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir es nicht nötig haben, etwas darüber zu sagen“ (1Thes 1,8).

Philippi – Desudava = ca. 135 km,

Amphipoli – Desudava = ca. 85 km,

Thessaloniki – Desudava = ca. 140 km

Somit ist es höchstwahrscheinlich, dass das Evangelium schon wenige Jahre nach der 2. Missionsreise des Apostels Paulus die römiscvhe Stadt Desudava im Mittellauf des Striumon erreichte.

IMG_5159

Die Gebäudereste von zwei christlichen Basiliken aus dem 4. und 6. Jh. legen Zeugnis ab von

der Präsenz einer großen Zahl von Christen in dieser Gegend.

IMG_5177

Das große kreuzförmige Taufbecken, das von einer Quelle gespeist wurde, gibt Zeugnis, dass in jener Zeit die Gläubiggewordenen sich bewusst taufen ließen. Die gesamte Umgebung im Grenzbereich zu Nordgriechenland ist voller Zeugnisse alter und mittelalterlicher Gotteshäuser und Klöster. Im Stadtkern gibt es neben vielen bulgarisch-orthodoxen Kirchen auch eine evangelische  Baptistengemeinde.

IMG_8477

Vom Baustil sieht sie sehr  imposant aus und liegt günstig an einer Straßenecke. Die Infotafel gibt Auskunft über viele unterschiedliche Angebote im Laufe der Woche.

Sofia – wann kam das Evangelium nach Serdika?

Sofia, die heutige Hauptstadt Bulgariens zählt etwa eineinhalb Millionen Einwohner und zeigt sich nicht nur modern, europa zugewandt, sondern auch, zumindest nach außen hin, tolerant anderen Religionen gegenüber. Die Sofianer weisen gerne darauf hin, dass sich die jüdische Synagoge, die islamische Moschee und die christlich-orthodoxen Kathedrale in unmittelbarer Nähe zueinander im Zentrum der Stadt befinden.

In der Antike hieß die heutige Hauptstadt Bulgariens – Serdica. Ein Stadtteil im Zentrum trägt immer noch diesen Namen.

Taufstelle in Sofia

Erstaunlich gut erhalten ist die Georgskirche, Rotunde genannt. Sie gilt als das älteste Bauwerk aus römischer Zeit und wurde unter Kaiser Konstantin (306-337) in eine christliche Taufkirche umgewandelt. Auffallend ist das sich das  Taufbecken innerhalb der Kirche befindet, weil in den früheren Jahrhunderten sich das Taufbecken (gr. baptisterion genannt) immer außerhalb der Kirche befand. Die Kirchendienerin behauptete, dass nur eine Taufe innerhalb des Kirchengebäudes gültig wäre. Vergeblich versuchte mein Begleiter sie davon zu überzeugen, dass gläubige Menschen bereits vom 1. bis 4. Jahrhundert außerhalb von Kirchengebäuden getauft wurden, weil es diese zu jener Zeit gar nicht gab. In der Regel bestand das Baptisterion aus mindestens drei Räumen – der Auskleideraum, der Raum mit dem Taufbecken, danach der Raum wo der Getaufte mit Öl gesalbt wurde und neu eingekleidet wurde. Erst danach durfte er durch einen Nebeneingang den Kirchenteil betreten, der für Vollmitglieder bestimmt war. So brachte die Architektur auch symbolhaft den Weg in die Gemeinde zum Ausdruck.

Früh-chr. Basilika-Ende 4.Jh.-IMG_5081

Beschreibung der Chr. Basilika -IMG_5083

Immer mehr Zeugnisse aus thrakischer, römischer und byzantinischer Zeit kommen durch Ausgrabungen ans Tageslicht. Im Zentrum der Stadt wurde ein ganzes Areal ausgegraben und teilweise den Besuchern zugänglich gemacht. Es handelt sich dabei um Gegenstände und Ausrüstung aus thrakischer Zeit, die im Museum auf dem Gelände ausgestellt sind. Ebenso Reste der römischen Thermen, sowie einer frühchristlichen Basilika aus dem Ende des 4. Jahrhuinderts. Diese christliche Kirche wurde jedoch schon Mitte des 5. Jahrhunderts durch den Einfall der Hunnen zerstört und vermutlich nicht mehr aufgebaut.

Heute sind in Sofia neben der offiziellen bulgarisch-orthodoxen Kirche alle christlichen Denomenationen vertreten. Die verschiedenen freien evangelikalen Gemeinden arbeiten auf der Basis der evangelischen Allianz relativ gut zusammen.

Es gibt noch eine weitere frühchristliche Kirche in Sofia aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts, die der hk Sofia geweiht.

Dies alles spricht von einer großen Zahl an Christen in Sedika und Umgebung bereits in der vorkonstantinischen Zeit. Es ist wahrscheinlich, dass das Evangelium bereits Ende des 1. Jahrhunderts von der damaligen römischen Provinz Mazedonien über Desudava (heute Sandanski) nach Serdika gebracht wurde.

Plovdiv – das ehemalige Philippopolis in der Thrakischen Ebene

In Römischer Zeit hieß Plovdiv Trimontium, die „Drei-Hügel-Stadt“. Sie lag auf der Via Militaris, die Byzantion mit Rom auf dem Landweg verband. Die Stadt liegt heute auf beiden Seiten der Mariza ausgebreitet. Der größte Fluß Bulgariens nimmt seinen Anfang im Osten des Rilagebirges, macht einen starken Knick nach Süden bei Edirne (Adrianoupoli) und mündet östlich von Alexandroupoli in die Ägäis. Die uralte thrakische Stadt erlebte in römischer Zeit ihre volle Blüte. Aus der Zeit sind auch verschiedene Bauwerke ausgegraben worden – Theater, Forum, Stadion, Villen reicher Bewohner.

Apsis-in Kleine Basilika-IMG_5123

Der christliche Glaube verbreitete sich in der 2. Hälfte des 1. Jahrhundert rasch auf der südlichen Balkanhalbinsel und erreichte so auch Philippopolis. Bis zu Beginn des 4. Jahrhunderts gab es in der Stadt und Umgebung viele Christen, unter ihnen auch Märthyrer. Gleich zu Beginn der Anerkennung des Christenrums unter Konstantin wurden auch in dieser Stadt christliche Gotteshäuser gebaut.

Bild:

Taufbecken in Kleine Basilika-IMG_5134

Im Jahre 1988 entdeckte man bei Bauarbeiten im Osten der Altstadt die Reste der sogenannten Kleinen Basilika. Laut Inschrift wird sie in das Jahr 471-475 datiert. Einige Jahre später brannte sie aus und wurde wieder aufgebaut und mit einem Baptisterion am Nordschiff versehen. Der Fußboden des kreuzförmigen Tauffbeckens war mit Mosaiken verziert. Die christlichen Symbole – Taube und Hirsch – weisen auf den Heiligen Geist und die dürstende Seele des Menschen hin. Das Haus grenzte an der damaligen Stadtmauer und liegt heute etwa 3 ½ Meter unter dem heutigen Stadtniveau. Nur etwas mehr als einhundert Jahre diente sie als christliche Versammlungsstätte.

Kirche-St. Konstantin und Elena-IMG_3635

Zu den ältesten christlichen Kirchen von Plovdiv gehört auch die sogenannte Kirche `St.  Konstantin und Elena` auf einem Hügel in der Altstadt aus dem Anfang des 4. Jahrhubderts. Diese christliche Kirche wurde an der Stelle erbaut, an der früher viele Christen das Märtyrium erlitten. Sie wurde durchgehend benutzt, auch immer wieder erneuert und ist bis heute in Funktion.

Neben vielen christlich-orthodoxen Kirchen der Stadt gibt es heute auch viele evangelikale Gemeinden von allen christlichen Denominationen. In den letzten Jahrzehnten sind auch viele türkisch sprechende Gemeindegruppen entstanden. Die Zusammenarbeit all dieser zahlenmäßig recht überschaubaren Gruppen geht langsam voran. Zur Zeit leidet das Wachstum der evangelikalen Christen unter der Auswanderungswelle auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen.

Veröffentlicht unter Reiseberichte | Verschlagwortet mit , , | Schreib einen Kommentar

Georgien – Land der Ein- und Auswanderung

(Reisebericht und Fotos von Paul Schüle, 28.April – 1. Mai 2016)

Ankunft in Tiflis

Die Sonne ging über dem Schwarzen Meer unter, als wir uns am Abend des 28. April Georgien näherten.

IMG_4727

Das Abendrot über dem Schwarzen Meer (Foto:  am 28. April 2016).

Der Flug mit der Türkisch Airline von Stuttgart nach Tiflis via Istanbul war sowohl angenehm (gutes Essen) als auch sehr spannend. Wegen der Verspätung erreichten wir in der letzten Minute vor Gateschluß unseren Anschlussflug von Istanbul nach Tiflis. Bei der Ankunft am Flughafen in Tiflis warteten wir vergeblich auf unsere drei Gepäckstücke. Ein freundlicher Bediensteter, der unsere Verlegenheit bemerkte, kam auf uns zu und half die entsprechenden Formulare auszufüllen. Weiterlesen →

Veröffentlicht unter Reiseberichte | Verschlagwortet mit , , , , , , | Ein Kommentar

Die Fußwaschung – der Einblick in das Wesen und Handeln Gottes

10.21 Die Fußwaschung – Einblick in das Wesen und Handeln Gottes

(Bibeltexte: Joh 13,1-17; Lk 22,24-27)

Aus sachlichen und logischen Überlegungen folgt nun die Handlung der Fußwaschung von Jesus an seinen Jüngern. Erst danach die Äußerungen über den Verräter und anschließend die Bundesstiftung in der Einsetzung des Herrnemahls.

10.21.1 Die Fußwaschung – eine Jahrtausende alte Praxis im Orient

Die ungewöhnliche Handlung der Fußwaschung durch Jesus Christus an seinen Jüngern hat die Christen über die Jahrhunderte beschäftigt. Dabei wurden in ihr zum Teil unterschiedliche inhaltliche Akzente erkannt und dementsprechend fanden sie ihren Niederschlag in dem Miteinander der Gläubigen.

Fußwaschung war (und ist teilweise noch) fester Bestandteil im häuslichen Alltag der Orientalen und zwar nicht nur in Israel.

  • 1Mose 18,4-5: Abraham sagte:„Man hole doch ein wenig Wasser, dann wascht eure Füße, und ruht euch aus unter dem Baum! Ich will indessen einen Bissen Brot holen, dass ihr euer Herz stärkt; danach mögt ihr weitergehen; wozu wäret ihr sonst bei eurem Knecht vorbeigekommen? Und sie sprachen: Tu so, wie du geredet hast!“
  • 1Mose 19,1-2: „Und als Lot sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen und verneigte sich mit dem Gesicht zur Erde; und er sprach: Ach, siehe, meine Herren! Kehrt doch ein in das Haus eures Knechtes, und übernachtet, und wascht eure Füße; morgen früh mögt ihr dann eures Weges ziehen!“
  • 1Mose 24,32: „Da kam der Mann ins Haus; und man sattelte die Kamele ab und gab den Kamelen Stroh und Futter, ihm aber Wasser, um seine Füße zu waschen und die Füße der Männer, die bei ihm waren. Dann wurde ihm zu essen vorgesetzt.“
  • 1Mose 43,24: „Und der Mann führte die Männer in das Haus Josephs und gab ihnen Wasser, dass sie ihre Füße waschen konnten, und gab ihren Eseln Futter.“
  • Richter 19,21: „Und er führte ihn in sein Haus und gab den Eseln Futter; und sie wuschen ihre Füße, aßen und tranken.“

In all diesen Geschichten wurde den beteiligten Personen Wasser zur Verfügung gestellt, die Füße haben sie jedoch sich selber gewaschen.

  • 1Samuel 25,39-41: „Und David sandte hin und warb um Abigajil, um sie sich zur Frau zu nehmen. Und die Knechte Davids kamen zu Abigajil nach Karmel und redeten mit ihr: David hat uns zu dir gesandt, um dich zu seiner Frau zu nehmen. Da stand sie auf, beugte sich nieder, das Gesicht zur Erde, und sagte: Siehe, deine Magd ist bereit, den Knechten meines Herrn zu dienen und ihnen die Füße zu waschen.“

Abigajil ist bereit nicht nur Frau von David zu werden, sondern in dessen Haus auch Fußwaschungsdienst zu übernehmen. Diese Geschichte macht deutlich, dass Frauen zumindest gelegentlich den Dienst der Fußwaschung versahen.

  • Lukas 7,43-44: „Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.“

Der Kontext macht deutlich, dass es auch zur Zeit von Jesus in Israel üblich war, vor Betreten des Hauses, bzw. Wohnraumes, die Füße zu waschen. In diesem Fall wurde Jesus ein wichtiges Element der Gastfreundschaft versagt.

  • 1Timotheus 5,9-10: „Eine Witwe soll ins Verzeichnis eingetragen werden, wenn sie wenigstens sechzig Jahre alt ist, eines Mannes Frau war, ein Zeugnis in guten Werken hat, wenn sie Kinder auferzogen, wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie der Heiligen Füße gewaschen, wenn sie Bedrängten Hilfe geleistet hat, wenn sie jedem guten Werk nachgegangen ist.“

In diesem Fall geht es wohl eher um die alltägliche Praxis der Fußwaschung durch Frauen, welche bei sich Gäste aufgenommen haben,- „wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie der Heiligen Füße gewaschen“. Man kann davon ausgehen, dass auch Sklaven und Hausdiener den Dienst der Fußwaschung an ihren Herren oder den Gästen des Hauses versahen, auch wenn wir in der Bibel kein ausdrückliches Beispiel dafür finden.

Die Waschung der Füße spielte auch eine wichtige Rolle im liturgischen Bereich. So ordnete Gott den Priestern an: „Und Aaron und seine Söhne sollen aus ihm (dem Becken) ihre Hände und Füße waschen.“ „Und zwar sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Das soll eine ewig gültige Ordnung für sie sein, für ihn und seinen Samen, für ihre [künftigen] Geschlechter.“ (2Mose 30,19-21; ebenso 2Mose 40,31-32).

-Es gibt Hinweise, wonach auch zur Zeit von Jesus rituelle Waschungen im Alltag der Juden üblich waren, so zum Beispiel in einem Haus im Galiläischen Kana: „Es waren aber sechs steinerne Wasserkrüge dort aufgestellt nach der Reinigungssitte der Juden, wovon jeder zwei oder drei Maß fasste.“ (Joh 2,6). Sicher nutzte man dieses Wasser auch um Hände und Füße zu waschen (vgl. dazu auch Mk 7,4; Hebr 9,10).

Neben den bereits bekannten Aspekten für körperliche und gottesdienstliche Reinheit lassen sich in der Handlung der Fußwaschung durch Jesus mehrere geistliche Inhalte erkennen, die im Laufe der nächsten Abschnitte benannt und begründet werden sollen.

Was der Evangelist Johannes ab jetzt beschreibt, spielte sich während des Passamahles ab. „Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging.“ (Joh 13,2-3). Die besonders ausdrucksvolle Handlung von Jesus, die Fußwaschung, findet im Rahmen des Passamahls statt. Die Liebe von Jesus zu den Seinen ist ungemindert. Doch bereits am Abend bei der Salbung in Bethanien, entschloss sich Judas Iskariot, Jesus an die Tempelbehörde zu verraten (vgl. Joh 12,3-6 mit Mt 26,14-16; Mk 14,10-11; Lk 22,3-6). Das Gift der Verärgerung, der Geldgier und innerer Rebellion, welches der Teufel (diabolos) in das Herz des Judas gespritzt hatte, wirkte vollends (Joh 13,3b). Der Gegensatz im Denken und Verhalten des Judas und Jesus kann nicht krasser sein. Der eine liebt, obwohl er alle Vollmachten in der Hand hat, der andere (gefangen vom Teufel) liefert den Liebenden an die Feinde aus.

Jesus gestaltet diesen letzten Abend mit seinen Jüngern sehr bewusst (Lk 22,15). Alle drei synoptischen Evangelien berichten im Rahmen des Passamahls, das besondere und neue Mahl des Herrn mit der Stiftung des Neuen Bundes. Johannes, der mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Evangelienbericht später verfasste, beschreibt im Detail die besondere Handlung von Jesus an seinen Jüngern, die sogenannte Fußwaschung. In den folgenden Abschnitten wollen wir den Fragen nach dem warum, wozu und der Bedeutung dieser Handlung nachgehen.

 

10.21.2 Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße

Der Evangelist Johannes schreibt weiter: „(…) da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.“ (Joh 13,4-5).

Abbildung 8 Diese Zeichnung macht deutlich, wie eine Tischgemeinschaft  zur Zeit von Jesus in etwa ausgesehen haben konnte (Zeichnung am 7. Februar 2016).

Gelegentlich wird zu diesem Text gesagt, dass Jesus den Staub der Strasse von den Füßen seiner Jünger abgewaschen hatte. Dies würde voraussetzen, dass die Jünger trotz üblicher Sitte, ihre Füße vor Betreten des Festraumes nicht gewaschen haben. Auch in diesem Falle würde es dem inneren Gehalt der Handlung keinen Abbruch tun, ihn möglicherweise noch verstärken. Doch wie wahrscheinlich ist diese Annahme? Jesus tat dies während der Mahlzeit, denn er stand vom Abendessen auf (Joh 13,4a). Wenn es ihm an der Reinheit der Füße bei seinen Jüngern und des gepolsterten Raumes gelegen hätte, dann hätte das Waschen der Füße vor dem Betreten des Raumes mehr Sinn gemacht. Sind die Jünger zu diesem besonderen Abend mit Festessen (das höchste und bedeutendste Fest des Jahres) in das Oberzimmer eines fremden Hauses, das dazu auch noch mit Polstern ausgestattet war, mit ungewaschenen Füßen hineingetreten? Wie wir bereits festgestellt haben, war das Waschen der Füße vor betreten eines Wohnraumes übliche Praxis. Die Bemerkung von Jesus an den Gastgeber und Pharisäer Simon über die versäumte Geste der Gastfreundschaft „du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben“; bestätigt diese übliche Praxis (Lk 7,44). An Wasser hatte es ja in dem Haus, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Passalamm aß, nicht gemangelt, trug doch der Mann, dem Petrus und Johannes nachfolgen sollten, einen Tonkrug mit Wasser ins Haus seines Hausherrn (Lk 22,10;  Mk 14,13-14). Deshalb ist anzunehmen, dass es Jesus bei dieser Handlung nicht um die äußere Reinheit der Füße ging, sondern um mehrere tiefere Gründe/Wahrheiten, die er seinen Jüngern und damit allen seinen Nachfolgern für allezeit mit auf den Lebensweg geben wollte.

Es gibt eindeutige Gründe für die Handlung der Fußwaschung an diesem letzten Abend. Um diese herauszufinden ist es wichtig und notwendig, diese Handlung (wie bereits oben begonnen) im näheren aber auch weiteren Kontext zu betrachten.

Der Evangelist Lukas berichtet im Rahmen des letzten Abends in Kapitel 22,24-27 über erhebliche Spannungen im Jüngerkreis wenn er schreibt:

Es entstand aber auch ein Streit (gr. φιλονεικεία – filoneikeia – Streit, Zank, Wettstreit) unter ihnen, wer von ihnen für den Größten zu halten sei. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die Gewalt über sie üben, lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.

Dieser Text von Lukas steht gleich nach der Bundesstiftung. Ist es möglich, dass die Jünger auch noch nach der eindrucksvollen Handlung der Fußwaschung miteinander über den Vorsitz streiten konnten? Es ist auffallend, dass Teile dieses Textes wörtlich auch bei Matthäus und Markus zu finden sind, allerdings in einem Kontext der sich bereits etwa sieben Tage vorher abgespielt hatte. Tatsächlich beschäftigte die Jünger die Frage: „Wer ist der Größte“ nicht erst an diesem Abend. Sie beschäftigte die Jünger auch schon früher in Galiläa (Mt 18,1-3; Mk 9,33-35; Lk 9,46-48).

Dort fragte sie Jesus: „Worüber diskutiertet (gr. διαλογίζεσθε – dielogizesthe – Wortstreit, Wortgefecht (als Verb)) ihr auf dem Wege untereinander?“

Sie diskutierten und stritten untereinander, wer von ihnen für den Größten gehalten werden sollte? Die Lektion mit dem Kind, welche Jesus ihnen damals gab, war sehr anschaulich, doch in ihrem Herzen hatten sie sich nicht verändert. Monate später, bereits auf dem Weg hinauf nach Jerusalem (etwa eine Woche vor seinem Leiden) strebten zwei seiner Jünger mit Hilfe ihrer Mutter nach hohen Posten in seinem Reich (Mk 10,35-45; Mt 20,20-28). Dadurch entstand bei den anderen zehn Jüngern Unwille bzw. Unzufriedenheit gegenüber den Zweien (Mk 10,41). Dort weist Jesus auf den Leidenskelch hin, welcher ihm, aber auch ihnen bevorsteht und tadelt sie offen für ihr Machtstreben und indirekt ihren Übermut. Anschließend ruft er alle zusammen und erteilt ihnen eine weitere Lektion (Mk 10,41-45). Übrigens besteht zwischen dem Text des Lukas in Kapitel 22,24-27 und den Texten des Matthäus (Kap. 20,25-28) und Markus (Kap. 10,42-44) eine große Übereinstimmung. Wenn bei den Jüngern am letzten Abend zum dritten Mal ein Wettstreit über die Rangordnung entstand, wie Lukas es beschreibt, dann besteht ein unmittelbarer Zusammenhang mit der Fußwaschung. Wenn Lukas Inhalte aus dem, vor einer Woche entstandenem Machtstreben in das Geschehen dieses letzten Abends eingefügt hat, dann wird deutlich, dass die Jünger die Prinzipien der Dienstordnung im Reiche Gottes immer noch nicht verstehen oder übernehmen wollten. Daher besteht auf jeden Fall ein Zusammenhang zur Fußwaschung.

Und nun setzt Jesus an diesem Abend durch die Handlung der Fußwaschung einen deutlichen Akzent gegenüber dem Machtstreben unter seinen Jüngern. Jedes Detail der Handlung drückt etwas Besonderes aus:

  • Jesus legte seine Kleider ((gr. τα ιμάτια – ta imatia – die Oberbekleidung, der Mantel) ab (Joh 13,4). Nach Johannes 19,23-24 bestand die Bekleidung von Jesus aus mehreren Teilen. Das Obergewand, oft auch mit Mantel übersetzt (Mt 5,40), bestand aus viel Stoff und konnte an den Nahtstellen in Teile zerlegt werden. Das gewebte Untergewand (gr. χιτώνα – chitöna) war durchgehend ein Ganzes. Er löste den meist mehrfach gefalteten langen Gürtel, legte das Obergewand ab.
  • Johannes präzisiert weiter: Er nahm einen Schurz (gr. λέντιον – lention) und umgürtete sich damit. Jetzt sieht er auch äußerlich einem Hausdiener/Sklaven in Aktion gleich.
  • Er besorgt sich eine Waschschüssel, gießt dort Wasser hinein und beginnt gebeugt oder kniend seinen Jüngern die Füße zu waschen und sie mit dem Lendenschurz abzutrocknen. Was für ein Akt der Selbsterniedrigung vor den Jüngern, auch vor denen, die nach der Führerschaft strebten (Lk 22,24). Welch bewusste Bereitschaft zu dienen!

Wie die anderen Jünger, so lässt auch Judas die Waschung an sich stillschweigend vollziehen, welch Gnade im Verhalten von Jesus. Judas bekommt vollen Anteil an der Zuwendung durch Jesus, doch umso größer fällt die Verantwortung hernach aus.

 

10.21.3 Jesus und Petrus – wer dient wem?

Der Evangelist Johannes schreibt weiter: „Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.“ (Joh 13,6). Bis dahin hatte sich keiner der Jünger zu der Handlung von Jesus geäußert. Anscheinend ließen sie alle Jesus gewähren. Doch dann kommt Simon Petrus an die Reihe und dieser hat sich in seinem Standpunkt bereits festgelegt und beginnt mit einer Frage. Aus menschlicher Sicht und alltäglicher Erfahrung wäre es normal, dass ein Niedergestellter einem Höhergestellten einen Dienst erweist. Auf die Frage des Petrus reagiert Jesus wie ein guter vorausschauender Lehrer, der genau weiß, wann welche Lektion dran ist und in welcher Reihenfolge sie dargelegt wird. Mal spricht Jesus zuerst, dann handelt er, hier handelt er zuerst, dann gibt er die Erklärung zu seiner Handlung. Eine wahrhaft gute Lektion für Eltern, Erzieher und Lehrer. Jesus kennt das Fassungsvermögen im Verstehen und Begreifen einer Wahrheit bei seinen Jüngern sehr gut.

Doch Petrus blockiert weiter und verharrt in seiner festgefassten Position: „Nimmermehr (wörtlich: in Ewigkeit) sollst du mir die Füße waschen!“. Dank dieser grotesken Auflehnung des Petrus bekommen wir tieferen Einblick in die Bedeutung der Handlung von Jesus. Die anfängliche Weigerung des Petrus ist von der Sicht eines anständigen Menschen verständlich. Status, Rang, Alter sind in allen Kulturen feste Bestandteile, welche das Zusammenleben erst möglich machen und in ein gewisses Gleichgewicht bringen. Die ganz am Anfang ausgesprochene Aufforderung von Jesus in Matthäus 4,17: „Denkt um, verändert euer Denken, eure Gesinnung“, hat sich bei den Jüngern noch nicht in allen Bereichen durchgesetzt.

Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. (Joh 13,7-11).

Wir haben festgestellt, dass es Jesus nicht (vorrangig) um die Reinheit der Füße von den Jüngern ging. Auch bescheinigt er seinen Jüngern, dass sie bereits gewaschen sind und dementsprechend ganz rein seien. Wieder gebraucht Johannes ein selten verwendetes Wort – „Wer gewaschen ist“, dieser Ausdruck kommt nur noch einmal in Hebräer 10,22 vor und dort wird durch ihn eindeutig das Waschen oder Baden des Herzens mit reinem Wasser beschrieben. Dieses reine Wasser ist zweifellos das Wort Gottes, wie auch Paulus in Epheser 5,26 deutlich macht. Diese Waschung des Herzens erlebten die Jünger (mit Ausnahme von Judas) bereits durch sein Wort, so Jesus: „er ist ganz rein“, oder: „ihr seid rein um des Wortes Willen, das ich zu euch geredet habe.“ (Joh 15,3). Wenn es nicht um die physische Reinheit der Jünger ging, ja nicht mal um die innere Reinheit ihrer Herzen, um was ging es dann, was fehlte den Jüngern noch?

Es geht um die Teilhabe mit Jesus oder an Jesus und zwar nicht nur an seiner Herrlichkeit, sondern auch an seinem Leiden. Was setzt diese Teilhabe an Jesus voraus? Es ist die ANNAHME seines DIENSTES!

Daher deutet der Dienst von Jesus in seiner Erniedrigung als Fußwäscher auf seinen Dienst in der Hingabe seines Lebens hin. So sagte er seinen Jüngern, die nach Größe strebten: „gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“  (Mt 20,28; Mk 10,45).

Alle Religionen zielen darauf ab, dass der Mensch einer Gottheit Dienst erweist. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus zeigt den umgekehrten Weg. Wer den Dienst von Jesus im Bewusstsein der Hilfsbedürftigkeit annimmt, bekommt Anteil an ihm, wer seinen Dienst ablehnt, schließt sich selbst von der Reichsgottesgemeinschaft aus.

Dass Petrus von einem Extrem ins andere verfällt, zeigt seine Unsicherheit in Bezug auf seinen Stand: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt“. Doch Jesus macht deutlich, dass das Waschen des Körpers mit Wasser die bereits gewonnene Reinheit (des Herzens) nicht zu vervollständigen vermag. Umgekehrt gilt auch: die Inanspruchnahme des Dienstes von Jesus durch sein Wort, führt nicht automatisch zur Herzensreinheit, wie im Falle von Judas deutlich wird. Daran änderte auch seine widerspruchslose Annahme des Dienstes der Fußwaschung nichts. Weil er die Gesinnung von Jesus ablehnte, blieb er ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit dem Herrn. Jesus bestätigt dem Judas dessen Ausschluss aus der Gemeinschaft der Reinen (Joh 13,10-11). Simon Petrus jedoch, der sich belehren und korrigieren lässt, bekommt seinen Anteil an seinem Meister und Herrn.

10.21.4 Der Lehrer und der Herr im Dienst! Und was ist mit den Schülern und Knechten?

Der Evangelist Johannes schreibt weiter: „Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.“ (Joh 13,12-13).

Jesus legt den Lendenschurz ab und zieht wieder seine Kleider an, setzt sich (bzw. legt sich) wieder an seinen Platz und nun erklärt und begründet er sein ungewöhnliches Handeln an seinen Jüngern. Er beginnt mit der Frage: „Wisst (erkennt, versteht) ihr, was ich euch getan habe?“ – dies schärft die Denkweise der Jünger. Und dann nutzt er die Feststellung: „Ihr nennt mich Lehrer und Herr“ und bestätigt diese mit den Worten: „ihr sagt es mit recht, denn ich bin es“. Jesus hat ein absolutes und vollkommen gesundes Selbstbewusstsein und die Jünger erkennen seinen hohen Stand an.

Alle Religionen zielen darauf ab, dass der Mensch einer Gottheit Dienst erweist. Die Einstellung, dass ein im Rang Niederer dem im Rang Höheren Dienst erweist, um dessen Gunst zu gewinnen, hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und wurde zum Standard in der menschlichen Zivilisation. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus zeigt den umgekehrten Weg. Gott macht sich auf, um dem Menschen zu dienen, ihm seine Gunst (Gnade) zu erweisen und zwar ohne Vorbedingung oder Vorleistung.

Nochmal, es geht Jesus nicht (vordergründig) um Reinigung bestimmter Körperteile, sondern um die offensichtliche Darstellung der prinzipiellen Diensteinstellung Gottes in der Selbsterniedrigung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes . Durch die Handlung der Fußwaschung konnte diese Einstellung optimal verdeutlicht werden. Diese neue Ordnung zerbricht die Herrschsucht, das Machtstreben und den Machtmissbrauch dieser Welt und stellt das neue Selbstbewusstsein (den Stand, den Status) der Jünger auf eine völlig neue Grundlage. Jesus selbst hat ein absolut gesundes Selbstbewusstsein, seine Aussage: „ich bin`s“ macht sehr deutlich, dass er weiß wer er ist. Status und Dienst werden von ihm in ein rechtes Verhältnis gebracht.

10.21.5 Die Verordnung an seine Jünger

Nun folgt mit allem Nachdruck das Gebot, die Verordnung mit der entsprechenden Begründung: Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel (gr. υπόδειγμα – ypodeigma) habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig (glückselig) seid ihr, wenn ihr’s tut.  (Joh 13,14-17).

Hier stellen sich einige Fragen:

  • Was will Jesus mit dieser Anordnung bei seinen Jüngern erreichen?
  • Meint er, dass diese Verordnung auch in buchstäblicher Form praktiziert werden soll? Wenn ja, wie oft, bei welchen Gelegenheiten und in welchem Zusammenhang?
  • Sind auch Frauen in diese Verordnung eingeschlossen?
  • Gilt diese Verordnung nur den Gläubigen? Dürfen auch Interressierte und Kinder daran teilnehmen?

An dieser Stelle ist es wichtig, dass wir zunächst den Begriff, welchen Jesus für seine Handlung gebraucht, seinem Inhalt nach untersuchen. Es geht um das griechische Wort `υπόδειγμα – ypodeigma`. Da es bei Johannes nur an dieser Stelle vorkommt, müssen wir bei den anderen Autoren des Neuen Testamentes danach suchen. Dieser Begriff kommt in folgenden Texten vor:

  • Matthäus 1,19: μη δειγματίσαι – m¢ deigmatisai – nicht bloßstellen;
  • Kolosser 2,15: έδειγμάτισεν – edeigmatisen – er hat bloßgestellt, zur Schau gestellt;
  • 2Thessalonicher 1,5: ένδειγμα – endeigma – Anzeichen, Beweis, Hinweis;
  • Hebräer 4,11: μη υποδείγματι πεση – m¢ ypodeigmati pes¢ – nicht in das Beispiel fallen;
  • Hebräer 6,6: παραδειγματίσοντας – paradeigmatizontas – bloßstellen, dem Spott aussetzen, beschämeni;
  • Hebräer 8,5: υποδείγματι – ypodeigmati – (die) dem Abbild (und Schatten der himmlischen Dinge dienen);
  • Hebräer 9,23: υποδείγματα – ypodeigmata – die Abbilder (der himmlischen Dinge hierdurch gereinigt werden);
  • Jakobus 5,10: υπόδειγμα – ypodeigma – als Beispiel, Vorbild (nehmt euch das Leiden und die Geduld der Propheten);
  • Weitere Stellen: 2Petrus 2,6; Judas 7 (beide negative Beispiele, die man meiden soll).

Wie wir feststellen können, ist der Begriff an für sich neutral und kann sowohl als Beispiel zur Nachahmung wie auch als Beispiel das vermieden werden soll, gebraucht werden. Da Jesus es in positivem Sinne gebraucht, ziehen wir zum besseren Verständnis dieses Wortes die beiden Stellen aus dem Hebräerbrief Kapitel 8,5 und 9,23 heran. Dort beschreibt dieser Begriff (in der Einzahl und Mehrzahl) Gegenstände, bzw. Einrichtungen und Handlungen des Gottesdienstes in der Stiftshüte als Abbilder, Vorbilder, Schattenbilder der himmlischen Wirklichkeiten. Die Vorsilbe `υπο – ypo` macht deutlich, dass sich unter oder hinter diesen sichtbaren Gegenständen eine unsichtbare Wahrheit und Wirklichkeit verbirgt. Solche Vorbilder oder Abbilder sind: Stiftshütte mit Altar, Waschbecken, Schaubrottisch, siebenarmiger Leuchter, Räucheraltar, Bundeslade mit dem Sühnedeckel). Demnach ist das `upo,deigma – ypodeigma – Beispiel` in Johannes 13,15 eine sichtbare Darstellung einer himmlischen, göttlichen Wirklichkeit und dient den Jüngern als Beispiel zur unbedingten Nachahmung.

 

Die sichtbare und fassbare Handlung der Fußwaschung birgt in sich:

  • Die Erniedrigung des Christus in der Knechtsgestalt des Menschensohnes, seine Diensteinstellung zu Gunsten der Menschen. Dies durchzieht sein ganzes Leben und gipfelt in der Hingabe seines Lebens „als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28; Mk 10,45).
  • Es birgt in sich das Angebot der Versönung mit Gott und untereinander.

Diese Selbsterniedrigung und der Dienst des Herrn und Meisters, ist auch den Jüngern verordnet. Mehrmals spricht Jesus im Johannestext vom `Tun`:

  • „damit ihr tut, wie ich euch getan habe“;
  • „so sollt (schuldet) auch ihr euch untereinander die Füße waschen“;
  • „Wenn ihr dies wisst – glückselig) seid ihr, wenn ihr’s tut“.

Dabei wäre es zu wenig allein das Beispiel, die Handlung der Fußwaschung in ihrer buchstäblichen Form, zu praktizieren. Doch damit die Dienstordnung Gottes in seiner Gemeinde durch Herrschsucht, das Streben nach Macht und  Machtmissbrauch nicht untergraben wird, ist es sehr sinnvoll das Beispiel von Jesus auch in seiner buchstäblichen Form zu praktizieren. Jesus sagte: „So sollt auch ihr einander die Füße waschen“. Beim letzten Abend kamen die Jünger noch nicht dazu oder waren noch nicht bereit, einander die Füße zu waschen. Sie sollten zuerst den faktischen Dienst von Jesus am darauffolgenden Tag sehen und erkennen. Erst danach waren sie imstande, mit Aufrichtigkeit einander die Füße zu waschen. Vor dem Eintreten in diesen Raum hatte wohl jeder sich selbst die Füße gewaschen. Die Evangelisten berichten nicht über die Praxis der Fußwaschung unter den Jüngern im Rahmen der Hausversammlungen, doch das Argument des Schweigens bedeutet noch nicht, dass diese Verordnung nicht praktiziert worden wäre. Vorstellbar wäre auch, dass die Jünger bei ihren häufigen Besuchen in den Häusern einander die Füße wuschen und somit ihre Dienstbereitschaft in der Beugung voreinander bekundeten. Zumindest in einer Stelle nimmt der Apostel Paulus darauf Bezug. So schreibt er in 1Timotheus 5,9-10 über die Voraussetzungen bei der Versorgung von Witwen durch die Gemeinde: „Es soll keine als rechte Witwe anerkannt werden unter sechzig Jahren; sie soll eines einzigen Mannes Frau gewesen sein. Und ein Zeugnis guter Werke haben: wenn sie Kinder aufgezogen hat, wenn sie gastfrei gewesen ist, wenn sie den Heiligen die Füße gewaschen hat, wenn sie den Bedrängten beigestanden hat, wenn sie allem guten Werk nachgekommen ist.“ Hier geht es wohl um Füße waschen beim Eintreten in ein Haus und nicht im Rahmen einer Versammlung. Daher sollte es uns nicht in erster Linie um das Feiern der Fußwaschung gehen, denn diese Handlung ist nur ein Abbild, sondern um die öffentliche Bekundung der beständigen Bereitschaft zur Selbsterniedrigung vor dem Nächsten und zum täglichen, praktischen Dienst am Nächsten.

Nur bei der Neuordnung bzw. wiederhergestellten göttlichen Dienstordnung in der Jüngerschaft, kann sich der Leib von Jesus Christus (die Gemeinde) gesund entfalten. Die verantwortlichen Leiter von Gemeinden und Gemeindeverbänden, auch die Familienvorsteher müssen sich an diesem Maßstab messen lassen.

 

Es gehen heilsame Impulse aus von der ehrlichen Teilnahme an dieser Praxis:

  • Sie fördert das Ablegen des menschlichen Stolzes und der Überheblichkeit,
  • Sie überwindet die Rechthaberei und Zänkerei,
  • Sie festigt vorhandene Beziehungen,
  • Sie fördert die Versöhnung und Wiederherstellung von geschwächten Beziehungen,
  • Sie fördert ein friedliches Miteinander,
  • Sie fördert die Gleichheit, bzw. Gleichwertigkeit der Gläubigen,
  • Sie fördert Einheit der Gläubigen,
  • Sie fördert das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Christus.

Fragen / Aufgaben: 

  1. Wann, wo und unter welchen Umständen wusch Jesus seinen Jüngern die Füße?
  2. Beschreibe den Kontext der Fußwaschungspraxis in Israel in alttestamentlicher Zeit, aber auch zur Zeit von Jesus.
  3. Warum wollte Simon sich zunächst nicht die Füße waschen lassen? Was sagt seine spätere Reaktion „nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt“ über seinen Charakter und die Beziehung zu Jesus aus?
  4. Was ist der tiefere Inhalt dieser Handlung? Was bedeutet der von Jesus dort verwendete griechische Begriff `ypodeigma`, der mit `Beispiel` übersetzt wird?
  5. Wie oft sollte sie in ihrer buchstäblichen Form praktiziert werden? Welche Erfahrungswerte gibt es?
  6. Ist es sinnvoll, dass sie mit dem Herrenmahl zusammen durchgeführt wird oder getrennt davon?
  7. Welche heilsamen Auswirkungen hat sie auf das Miteinander in der Gemeinschaft?
  8. Beschreibe deine persönlichen Erfahrungen mit dieser ungewöhnlichen Handlung?
  9. Wie begründen wir unsere Gemeindepraxis? Gibt es in unserem Kulturkreis eine Alternative für diese Handlung?
  10. Die individuelle und ehrliche Beschäftigung mit diesem Thema wird sich positiv und festigend in deiner Beziehung zu Christus auswirken.

 

10.22 Jesus: Einer von euch zwölf wird mich verraten

(Bibeltexte: Mt 26,21-25; Mk 14,18-21; Lk 22,21-23; Joh 13,18-30)

 

Der Evangelist Johannes hat die meisten Aussagen von Jesus über den Verräter aufgeschrieben. Diese stehen in seinem Bericht gleich im Anschluß an die Fußwaschung. Nach den Berichten des Matthäus und Markus beginnt das Gespräch über den Verrat bereits vor der Stiftung des Neuen Bundes. Der Evangelist Lukas leitet das Gespräch über den Verräter zeitlich nach dem Brotbrechen und zusammen mit dem letzten Kelch ein. Wir ordnen das Gespräch über den Verräter zeitlich nach der Fußwaschung und vor der Einsetzung des Herrenmahls ein.

Nach den erklärenden Worten von Jesus über seine ungewöhnliche Handlung der Fußwaschung, leitet er fließend über zum Thema Verrat. „Das sage ich nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot isst, tritt mich mit Füßen.« (Joh 13,18). Jesus kennt die Schriften und die Geschichten in denen sich Menschen der Bosheit, Hinterlist und dem Verrat verschrieben haben. Auch an ihm wird diese verräterische Bosheit verübt werden. Doch er ist von Anfang an sicher gewesen über die Erwählung der 12 Jünger, so sagte er bereits in der Synagoge zu Kapernaum: „Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel (diabolos).“ Und Johannes erklärt im Rückblick die Aussage des Herrn mit: „Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet (gr. παραδιδόναι – paradidonai – überlieferte) ihn hernach und war einer der Zwölf.“ (Joh 6,70-71). Oder wir denken an die Aussage des Johannes: „Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten (gr. paradw,swn – paradösön – überliefern) würde.“ (Joh 6,64). Doch erst jetzt beginnt er die innere Einstellung des Verräters zu offenbaren. Er weiss natürlich um die Abmachung des Judas mit den Hohenpriestern. Denn bereits nach dem Abend in Bethanien ging jener zu der Tempelbehörde und bot gegen Bezahlung seine Dienste an. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Dann ging einer von den Zwölfen, Judas Iskariot mit Namen, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben, und ich werde ihn euch überliefern (gr. παραδώσω – paradösö – überliefern)? Sie aber setzten ihm dreißig Silberlinge fest. Und von da an suchte er Gelegenheit, ihn zu überliefern (gr. παραδώ – paradö – überliefern).“ (Mt 26,14-16; Mk 14,10-11; Lk 22,3-6). Der Evangelist Lukas ergänzt: „Aber Satan fuhr in Judas (…).“ (Lk 22,3a).

Nun verbringt er den Abend mit Jesus und den Mitjüngern, obwohl er keiner mehr war. Auch Johannes bestätigt, dass der Entschluß zum Verrat bei Judas bereits vor dem letzten Abend feststand. So schreibt er in Kapitel 13,2: „Und während des Mahls, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Ischariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten (gr. παραδοί, – paradoi – zu überliefern),“ Seit Tagen suchte Judas eine gute Gelegenheit um Jesus an die Tempelbehörde zu überliefern. „Sie (die Hohenpriester) sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk.“ (Mt 26,5; Mk 14,2). Wir werden sehen, dass ihre Pläne indirekt durch Jesus selbst vereitelt werden.

Wie so oft vorher, so auch jetzt, sagt Jesus mit bestimmter Absicht Geschehnisse voraus und die Jünger hören ihn sagen: „Schon jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“ (Joh 13,19). Es sind Hilfestellungen für den Glauben an die Person von Jesus als den Messias.

Die folgende Aussage scheint wenig mit dem Thema des Verrats zu tun haben, aber sie steht da mitten drin und wird von Jesus mit dem zweimaligen hebräischen Wort `amen, amen`, welches die absolute Wahrheit und Bestimmtheit hervorhebt, eingeleitet. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Joh 13,20). Es klingt ähnlich wie bei der Aussendung der zwölf, dort heißt es: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Mt 10,40; ähnlich Lk 10,16). Die Jünger werden sich an jene Aussage erinnert haben, sicher auch Judas, der nun dabei ist seinen Herrn und damit Gott abzulehnen. Im deutlichen Kontrast zu ihm steht der Eigentümer des Hauses und Gastgeber, dieser gehört bereits zu denen, die Jesus aufgenommen haben. Er ging das Risiko ein von der Synagoge ausgeschlossen zu werden (Joh 9,22; 11,57; 12,42).

Und nun spricht Jesus aus, was ihn selbst sehr in Erregung bringt. Auch diese Aussage leitet er mit dem doppelten `amen, amen` ein: „Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer (Zahlwort) unter euch wird mich verraten (gr. παραδώσει με – paradösei me – wird mich überliefern).“ (Joh 13, 21).

Das griechische Verb und Substantiv, mit dem die Evangelisten die verräterische Handlung von Judas beschreiben, ist an für sich wertneutral und erst der Kontext macht deutlich was der `Übergabe` zu Grunde liegt. Hier einige Beispiele:

  • Jesus sag:  „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden“ (Mt 11,27).
  • Das übergeben, bzw. das überliefern der von Christus empfangenen Inhalte (1Kor 11,2.23).
  • Mit demselben Begriff werden auch die Überlieferungen der Ältesten der Juden beschrieben (Mt 15,2.3.6).
  • Dieser Begriff steht auch für die `Übergabe` von Jesus an Pilatus duch die Priesterschaft und nach der Verurteilung durch den Statthalter Pilatus an die exekutive (Mt 27,18; Mk 15,10; Mt 27,26; Mk 15,15; Lk 23,25).
  • Die Überlieferung, die Tradition – `η παράδοση – ¢ parados¢ – wörtlich: die Übergabe, das Übergebene, das Überlieferte` (1Kor 11,2; Gal 1,14; 2Thes 2,15).
  • Der Verräter: `ο προδότης – o prodot¢s` bezogen auf Judas in der Jüngerliste (Lk 6,16); Verräter und Mörder: `προδόται και φονείς – prodotai kai foneis`  bezogen auf die Führenden in Israel (Apg 7,52);
  • Judas im Garten Gethsemane: „der ihn Verratende (ο παραδιδούς αυτόν – o paradidous auton)“ (Joh 18,5).

Durch den Kontext erkennt man sofort, um was für eine Übergabe es sich handelt. Und wir stellen fest, dass das Thema des Verrats durch Judas einen breiten Platz in den Evangelien und sogar der Apostelgeschichte einnimmt. Mindestens 15 Mal wird die Person des Judas im Zusammenhang seiner verräterischen Einstellung und Handlung von den Evangelisten genannt. Demnach war der Verrat des Judas, eine bewusste und vorsätzliche Übergabe (Überlieferung, Auslieferung) an die Gegner und Feinde von Jesus. In diesem Fall auch noch ein Verrat ums Geld, er verkaufte seinen Herrn für 30 Silberstücke (Mt 26,15).

So sehr sich Jesus gesehnt hatte mit seinen Jüngern dieses für ihn letzte Passa zu halten, war er doch sehr betrübt (erregt im Geist) über den Entschluß des Judas, ihn zu verraten. Wie konnte einer, der so viele ungewöhnliche Kraftwirkungen Gottes erlebt, ja sogar mitgewirkt hatte, sein Herz derart verhärten? „Wer mich aufnimmt (…)“, die Jünger müssen sich ständig entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen. Sie sind immer wieder gefragt, werden sie zu ihrem Herrn und Meister stehen (Joh 6,67; 15,1-7)?

Ähnlich wie Johannes schreibt auch Matthäus mit einiger Ergänzung: „Und während sie zu Tisch lagen und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer (Zahlwort) von euch wird mich überliefern, der, welcher mit mir isst.“ (Mt 26,21). Ebenso Markus: „Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer (Zahlwort) unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“ (Mk 14,18). Lukas drückt es anders aus: „Doch siehe, die Hand meines Verräters (wörtlich: του παραδιδόντος με – tou paradidontos me – (die Hand) des mich Verratenden) ist mit mir am Tisch.“ (Lk 22,21).

Bei Johames sagt Jesus weiter: „Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“ (Joh 13,22).

Lukas ergänzt: „Und sie fingen an, sich untereinander zu befragen, wer es wohl von ihnen sein möchte, der dies tun werde.“ (Lk 22,23).

Matthäus ergänzt in 26,22-23: „Und sie wurden sehr betrübt, und jeder von ihnen fing an, zu ihm zu sagen: Ich bin es doch nicht, Herr? Er aber antwortete und sprach: Der mit mir die Hand (Mk: das Brot) in die Schüssel eintaucht, der wird mich überliefern.“ Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Jesus offen den Namen des Judas als Verräter vor allen ausgesprochen hätte. Jesus vermeidet den frontal Zusammenstoß und auch eine direkte Auseinandersetzung der übrigen Jünger mit Judas.

Dann fährt Jesus fort mit den Worten: Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht (Lukas: „wie es beschlossen ist). „Wehe aber jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre.“ (Mt 26,24 ähnlich auch Mk 14,21 und Lk 22,22). Diese Worte von Jesus sind sehr geheimnisvoll, weil er von den Abläufen hinter den Kulissen spricht. Bei Matthäus steht die Begründung für das Sterben von Jesus: „wie geschrieben ist“, bei Lukas: „wie beschlossen ist“. So ist auch die Reihenfolge: zuerst wurde bei Gott der Beschluß gefasst, dann ließ er ihn schriftlich festhalten. Den selten verwendeten Begriff `ωρισμένον –örismenon` finden wir noch in Apostelgeschichte 2,23 und 10,42 und in beiden Texten wird sehr deutlich: das mit dem Leiden und Sterben von Jesus ist keine Panne gewesen, sondern von Gott durch Beschluß vorherbestimmt. Im Falle des Verräters jedoch kann man sagen: auch ohne das Eingreifen von Judas wäre Gottes Plan zur Erfüllung gekommen. Der Verrat an Jesus ist zwar vorausgesagt worden durch den Heiligen Geist in der Schrift (Ps 41,10), aber nicht vorausbestimmt durch Gott, es war eindeutig Satans Werk.

„Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre“. Jesus weiß über das `was wäre wenn“ Bescheid.

Matthäus 26,25: „Judas aber, der ihn überlieferte, antwortete und sprach: Ich bin es doch nicht, Rabbi? Er spricht zu ihm: Du hast es gesagt.“ Judas ist also der letzte, der die Frage stellt „Bin ich`s, Rabbi“? Und Jesus bejaht es, doch in dem lebhaften Tischgespräch wird wohl nur Judas diese Bemerkung von Jesus bewußt gehört haben, galt sie doch nur ihm.

Johannes 13,23-30: „Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.  Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Aus dem Text ist zu erkennen, dass die Frage an Jesus mit leiser Stimme gestellt wurde, ebenso die Antwort. Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!“ Diese Aussage hörten zwar alle Jünger.  „Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ (Joh 18,23-30).

Die anderen Jünger sind immer noch ahnungslos. Wieder verstehen sie nicht, was Jesus mit der Anweisung an Judas meinte. Mindestens Johannes, wahrscheinlich auch Petrus wussten nun um Judas Vorhaben, doch auch ihnen blieb verborgen, wann es geschehen würde. Daß den übrigen Jüngern das ungeistliche Verhalten des Judas bis dahin nicht aufgefallen ist, spricht für dessen  perfekte Tarnung. Judas war ein sehr guter Schauspieler, Heuchler, Maskenträger. Wir müssen deutlich erkennen, es ist nicht Jesus, der Judas zu dem Verrat drängt, denn jener hat sich schon Tage vorher dafür entschieden. Einige mögliche Gründe für das indirekte Eingreifen von Jesus in den Lauf der Dinge:

  • Es ist von Gott vorgesehen, dass Jesus am Passatag sterben sollte und nicht davor oder danach wie es sich die Obersten im Volk erhofften;
  • Jesus trennt sich bewusst von Judas, in dem nun der Satan (Gegner) das Sagen hat;
  • Jesus hat noch einige Reden, eine Art Vermächtnis an seine Jünger zu richten und dies gilt dem Judas nicht mehr.

Das Egebnis für Judas: Er mißachtet bewußt die Liebe und Langmut Gottes. Dies führt zu einer totalen Verblendung, Verhärtung und Verstockung des Herzens und Jesus lässt ihn gehen.

Bis auf die Episode bei der Salbung von Jesus in Bethanien durch die Maria, ist Judas nicht weiter negativ aufgefallen. Anscheinend hat außer Jesus selbst, keiner der Jünger diesen Mann durchschauen können. Jesus sagte den Verrat voraus und zwar mit der Begründung, dass die Jünger beim Eintreffen der Voraussage glauben an seine Person als den Messias.

Judas steht auf und geht mit seinem Geldbeutel einschließlich der 30 Silberstücke, er verlässt seinen Herrn und die Gemeinschaft der Jünger, diesmal für immer. „Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ (Joh 13,30). Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. Es gibt kein Zurück mehr für ihn. Jesus hat ihn entlassen. Er ist nun fest im Besitz des Teufels. Wer zu lange und bewusst mit der Sünde umgeht, begibt sich in die Fänge des Satans. Und es kommt die Stunde, der Augenblick, wo es kein Zurück mehr gibt, so auch bei Judas. Nun ist er auf dem Weg zu den Hohenpriestern, er weis, dass Jesus mit seinen Jüngern nicht in diesem Haus zur Übernachtung bleiben, sondern wie so oft an den Ölberg hinaus gehen werden (Joh 18,2).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist uns über den Judas bekannt? Wer ist sein Vater, woher kommt er?
  2. Was war sein Problem?
  3. Ist er irgendwie negativ aufgefallen?
  4. Warum haben die Jünger ihn nicht durchschaut?
  5. Was bedeutet das Wort Verrat, Verräter?
  6. Was bedeutet es: „Damit die Schrift erfüllt würde“.
  7. Ab wann konnte Judas nicht mehr zurück?
  8. Warum griff Jesus indirekt in den Lauf der Dinge ein?

 

Veröffentlicht unter Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Tansania – das Land am Viktoriasee

Flug/Fahrt und Ankunft in Kemondo

Wir haben uns bereits schon nach zwei Tagen eingelebt, immerhin ist uns noch vieles vertraut von unserem letzten Besuch vor zwei Jahren.

Wir genießen das warme Klima etwa 130 km südlich vom Equator. Die Geräusche sind anders bei Tag und auch bei Nacht. Es hat schon einmal kräftig geregnet und ohrenbetäubend laut gedonnert, bei offenem Fenster haut es einen fast aus dem Bett. Die ganze Nacht hindurch sind alle Fenster geöffnet und es lässt sich gut schlafen, natürlich unter dem Moskitonetz, das über dem gesamten Bett ausgespannt ist.

Auf dem Gelände des Kinderdorfes `Children home – Kemondo Bay` konnten wir eine Zweizimmer-Gästewohnung beziehen, die mit Bad/WC und einer Terrasse ausgestattet ist. So haben wir auch ein wenig Rückzugsmöglichkeit und sind anderen Mitarbeitern nicht zur Last. Weiterlesen →

Veröffentlicht unter Reiseberichte | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Das Abendmahl

A b e n d m a h l

 

 

 

 

 

 

 

Die Zeichnung macht deutlich, wie eine Tischgemeinschaft  im palästinischen Raum in etwa ausgesehen haben konnte (Zeichnung von Joela Schüle am 7. Februar 2016).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Bibelstudie über das Abendmahl von Paul Schüle

 

 

I

 

 

Abendmahl – Einleitung

In nächster Zeit wollen wir uns intensiv mit dem Thema, bzw. der Verordnung unseres Herrn Jesus bezüglich des Abendmahls beschäftigen.

Folgende Fragen oder Themen stehen im Raum und warten auf Beantwortung:

  1. Wann, wo und mit wem fand das erste Abendmahl statt?
  2. Welche Elemente mit Symbolkraft übernimmt Jesus für den Neuen Bund?
  3. Die Testamente von Adam bis Mose
  4. Der Bund am Sinai durch Mose und der Neue Bund durch Jesus
  5. Inhalte des Neuen Bundes – die Vergebung der Sünden
  6. Inhalte des Neuen Bundes – das Gesetz ins Herz geschrieben
  7. Warum setzte Jesus das Abendmahl ein bevor er gestorben war?
  8. Abendmahl – eine Verordnung zum Gedächtnis
  9. Das Brotbrechen in der Zeit der Apostel (Jerusalem, Troja, Korinth)
  10. Wer kann und soll am Abendmahl teilnehmen? Welche Voraussetzungen sind dazu notwendig?
  11. Wie oft soll Abendmahl gehalten werden?
  12. Wer kann das Abendmahl austeilen?
  13. Ab welchem Alter ist die Teilnahme am Abendmahl zu empfehlen?
  14. Kann das Abendmahl auch in einem Hauskreis ausgeteilt werden?
  15. Ist das Abendmahl an die Fußwaschung gekoppelt, wie in Johannes 13,1-17 beschrieben und praktiziert?
  16. Die Symbolelemente von Brot und Wein: Muß das Brot ungesäuert sein? Kann man anstatt Wein auch Traubensaft nehmen?

Durch Kommentare und begründete Hinweise können sie an dieser Bibelstudie mitwirken.

 

1. Teil: Wann, wo und mit wem fand das erste Abendmahl statt?

 

Von Josef und Maria heißt es, dass sie jedes Jahr zum Passahfest nach Jerusalem gingen (Lk 2,41). Zumindest ab dem zwölften Lebensjahr war Jesus bei dem jährlich vorgeschriebenem Passahfest in Jerusalem dabei (Lk 2,42ff). Nicht nur die nächsten 18 Jahre, sondern auch während seiner etwa 3 ¾  Jahre dauernden öffentlichen Dienstes hielt Jesus das jährliche Passahfest (Joh 2,12: 5,1(?); 6,4; 12,1). Das letzte Passahfest, welches Jesus mit seinen 12 Jüngern feierte, wird in allen vier Evangelien bis in die Details genau beschrieben (Mt 26,17-27; Mk 14,17-25; Lk 22,10-20; Joh 13,1-17,24). Nach der Anordnung Gottes an das Volk Israel, war der Monat und der Tag, an dem das Passahlamm geschlachtet werden mußte festgelegt. So steht in 3Mose 23,5: „Am vierzehnten Tage des ersten Monats gegen Abend ist des HERRN Passa.“ Das Passahlamm (männlich, einjährig und fehlerlos) wurde also am 14. Tag des ersten Monats gegen Abend geschlachtet (2Mose 12,1-14; 4Mose 9,3). Und dieser 1. Monat sollte in Israel den Beginn des Jahres markieren. Gleichzeitig war die 1. Passahfeier in Ägypten nach der ausdrücklichen Anordnung Gottes auch der Beginn des israelitischen Kalenders (2Mose 19,1; 4Mose 33,38; 1Kön.6,1). Die Monate des Jahres wurden zunächst nach Zahlen 1 – 12 gezählt, zur Zeit des Exils bekamen sie auch Namen.

Tabelle und Übersicht des jüdischen Jahreskalenders

 

1. Monat Nisan/AbibMärz – April Esther 3,7 Am 14. Tag das Monats war Passah 2Mose 12,18
2. Monat Siw 1Kön 6,1
3. Monat Siwan Esther 8,9
4. Monat Jer 39,2
5. Monat Jer 28,1
6. Monat Hes 8,1
7. Monat Etanim/TischriSeptember – Oktober 1Kön 8,2; 3Mose 25,9 Am 10. Tag – Versöhnungstag – Yom Kippur
8. Monat Bul 1Kön 6,38
9. Monat Kislew Sach 7,1
10. Monat 1Mose 8,5
11.Monat Schebat Sach 1,7
12. Monat Adar Esther 3,7

 

Passahfeste in den Jahren 26-35 des 1. Jh. unserer Zeitrechnung

 

Julianischer Kalender Nach dem Jüdischen Kalender war am 14. Tag des 1. Monats ´Nisan´ Passah)
Im Jahr 26 fiel der 14. Nisan auf den Freitag,  22. März
Im Jahr 27 fiel der 14. Nisan auf den Mittwoch, 9. April
Im Jahr 28 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 29. März
Im Jahr 29 fiel der 14. Nisan auf den Samstag, 16. April
Im Jahr 30 fiel der 14. Nisan auf den Mittwoch, 5. April
Im Jahr 31 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 26. März
Im Jahr 32 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 14. April
Im Jahr 33 fiel der 14. Nisan auf den Freitag, 3. April
Im Jahr 34 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 22. März
Im Jahr 35 fiel der 14. Nisan auf den Montag, 11. April

Diese Tabelle zu den Passahfesten der Jahre 26-35 (1. Jh.) ist erstellt aufgrund des jüdischen Kalenders Kaluach. (Web site: http:/www.kaluach.org/).

 

Nach diesen Berechnungen wäre als Todesjahr Jesu das Jahr 33 (1. Jh.) anzusetzen, weil in dem Jahr der 14. Nisan auf einen Freitag fiel (Lk 23,54) „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.“ (dazu auch: Mk 15,42:  Joh 19,31). Rüsttag (gr. παρασκευής – paraskeues – Freitag). Demnach fand die letzte Passahfeier Jesu mit seinen Jüngern am Vorabend, also am Abend des fünften, bzw. Beginn des sechsten Tages der Woche (Donnerstagabend auf Freitag) statt und zwar nach Sonnenuntergang, so in Matthäus 26,20: „Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch.“

Zum besseren Tageszeitlichen Verständnis: Der Vorbereitungstag auf den kommenden Sabbat im Jahr 33, also der Freitag – Jesu Todestag, begann bereits mit Sonnenuntergang des Vorabends (unser Donnerstagabend). Nach hebräischer Tageseinteilung hat  das Passahmahl/Abendmahl, die Festnahme, das Verhör, die Verurteilung und Kreuzigung an einem Tag, bzw. am gleichen Nacht/Tag  stattgefunden. So ging Gottes Zeitplan, den er in Ägypten eingeführt hatte, nach einer zeitlichen Periode von etwa 1500 Jahren, auf den Tag genau auf.

Diese Passahfeier fand in einem Haus in Jerusalem statt, so lesen wir in Markus 14,12-16: „Und am ersten Tag des Festes der ungesäuerten Brote, als man das Passahlamm schlachtete, sagen seine Jünger zu ihm: Wohin willst du, dass wir gehen und bereiten, damit du das Passahmahl essen kannst?“ Und Jesus gab den zwei Jüngern genaue Anweisungen: „Und er sendet zwei seiner Jünger und spricht zu ihnen: Geht hin in die Stadt (Jerusalem), und es wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt. Folgt ihm! Und wo er hineingeht, sprecht zu dem Hausherrn: Der Lehrer sagt: Wo ist mein Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passahmahl essen kann? Und er wird euch einen großen Obersaal zeigen, mit Polstern ausgelegt und fertig. Und dort bereitet es für uns! Und die Jünger gingen hinaus und kamen in die Stadt und fanden es, wie er ihnen gesagt hatte; und sie bereiteten das Passahmahl.“ (ähnlich auch Mt 26,17). Und Lukas ergänzt, dass die beiden Jünger Petrus und Johannes waren (Lk 22,8). Im Text ist von einem großen, gepolsterten Obersaal die Rede (auch bei Lukas 22,12). Aus der Detailbemerkung großer`Obersaal – gr. αναγάιον`, kann man auf ein großes, aus zwei Stockwerken bestehendes Haus schließen. Im Erdgeschoß befanden sich die Wirtschaftsräume. Das Passahlamm musste geschlachtet werden und am Feuer gebraten, ebenso die ungesäuerten Brote, Wein, und bittere Kräuter mussten vorbereitet werden.

Da wo im Luthertext steht: „Am Abend aber setzte er sich mit seinen Jünger zu Tisch“ übersetzt die Elberfelder Bibel genauer mit: „sie legten sich zu Tisch“. Man saß nicht auf Stühlen hinter einem Tisch, wie in Europa, sondern lag auf Polstern/Teppichen seitlich gestützt mit den Ellbogen auf ein Kissen, die Füße nach außen gerichtet im Kreis. Es waren alle 12 Jünger dabei, auch Judas Iskariot, der jedoch nicht bis zum Schluß der Abendmahlsfeier geblieben war (Joh 13,30). Weil es für Jesus das letzte Passahmahl dieser Art war, bewertete er es auch ganz besonders mit den Worten: „Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt, dieses Passahmahl mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es gewiss nicht mehr essen werde, bis es erfüllt sein wird im Reich Gottes“ (Lk 22,14-16).

 

 

2. Teil: Welche Elemente mit Symbolkraft übernimmt Jesus für den Neuen Bund?

 

Der neue Bundeschluß, der am Kreuz durch den Tod Jesu (sein Blut) besiegelt wurde, ist bereits am Vorabend im Brotbrechen und dem Kelch symbolhaft vorgebildet und gestiftet worden. So lesen wir im Bericht des Matthäus: „Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot und segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst, dies ist mein Leib! (Lukas ergänzt: „der für euch gegeben wird“). Und er nahm einen Kelch und dankte und gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,26-27; ähnlich auch bei Markus 14,22-24). Jesus und seine Jünger sind mit dem Essen des geschlachteten und am Feuer gebratenem Passahlamm beschäftigt, denn es heißt: „Während sie aber aßen“. Nun führt Jesus durch konkrete Handlung, begleitet mit besonderen Worten, eine neue Bundesordnung, bzw. den Neuen Bundesschluß ein. Das Passahlamm, als Vorbild der Rettung, findet seine Entsprechung in Jesus, dem Lamm Gottes (Jes 53,4-12; Joh 1,29. 36). Für die Wirklichkeit des Gotteslammes in der Person Jesu wird wiederum ein Symbolelement mit Aussagekraft benötigt – es ist das ungesäuerte Brot, so die neue Sinnfülle der Worte: „Nehmt, esst, dies ist mein Leib! (Lukas ergänzt: „der für euch gegeben wird“ (Mt 26,26; Lk 22,19). Ein kleines und doch wichtiges Detail, welches leicht übersehen werden kann, wird durch die Bemerkung: „dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, präzisiert. Das Brot wird gebrochen, der Leib Christi jedoch wird ungebrochen also ganzheitlich gegeben. Johannes der Evangelist hebt ganz besonders dieses Detail hervor: „Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Dies erinnert an die Anordnung Gottes zur Schlachtung des Passahlammes in Ägypten. Und der Jünger Johannes, der unter dem Kreuz stand und den Lebensabschluß des Gotteslammes aus nächster Nähe beobachtete, sah, wie die Soldaten beiden Gekreuzigten die Beine brachen, Jesus aber wegen seines früheren Todes verschonten.

 

Die Einsetzung der beiden Elemente an diesem letzten Abend markiert auch das Ende des ersten Bundes durch Mose in Ägypten und am Sinai. Das Trinken (des Weins) aus dem Kelch findet seine Entsprechung im Blut Christi, so die Sinnfülle der Worte: „Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,27). Das es sich um ein Getränk vom Weinstock handelte, ist in den Texten ausdrücklich erwähnt (Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Von der Jahreszeit ausgehend, wird es sich wohl um einen ausgegorenen Traubensaft, sprich Wein gehandelt haben. Doch nicht die Substanz selbst steht hier im Vordergrund (ist sie doch gar nicht ausdrücklich erwähnt), sondern in welchen Bezug sie Jesus bringt ist wichtig, nämlich: „Das ist mein Blut des Bundes“ – trinkt alle daraus. Nach dem Gesetz war jegliches Blut zu essen/trinken absolut verboten (1Mose 9,4; 3Mose 17,12-13). Daher nimmt Jesus das in Israel allgemein bekannte rotfarbene Getränk vom Weinstock als Element, welches am besten sein Blut symbolisiert.

Die beiden Elemente sind uns noch aus der Zeit Abrahams vertraut. „Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten“ (1Mose 14,18; Hebr 7,1). Auch beim täglichen Morgen- und Abendopfer waren Brot und Wein als Gaben vorgeschrieben. „Und zu dem einen Schaf einen Krug feinsten Mehls, vermengt mit einer viertel Kanne zerstoßener Oliven, und eine viertel Kanne Wein zum Trankopfer“ (2Mose 29,40). Nach Nehemia 10,38 brachte man den Priestern und Leviten für ihren Dienst die Erstlinge von den Früchten des Feldes einschließlich Brot und Wein. Mit Ausnahme wärend der Wüstenwanderung (5Mose 29,5) waren Brot als Hauptspeise und der Wein als Getränk, regulärer Bestandtteil auf der Speiseliste in Israel (1Sam 10,3; 16,20; 25,18; Ps 104,15). Dass Jesus gerade diese zwei Elemente aus dem täglichen Lebensmittelsortiment durch ein Wunder vermehrte (Joh 2,1-11; 6,1-15) ist kaum zuvällig, zeigte er doch dadurch seine Herrlichkeit (Joh 2,11; 6,14-15). Mit der Aufnahme dieser zwei Elemente und ihrem klaren Bezug zu Jesus, sind die Jünger in diesen Neuen Bund eingetreten, bzw. aufgenommen worden.

An dieser Stelle werden die Leser des Johannesevangeliums an die sehr unästetische, ja für viele sogar anstößige Aussage Jesu in der Synagoge zu Kapernaum erinnert. Dort sagt Jesus in Bezug auf sich selbst: „Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh 6,51-52). Oder „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken“ (Joh 6,54). Fällt uns doch spätestens jetzt auf, dass Jesus viele der wichtigen Inhalte der Heilsbotschaft mehrmals erwähnt.

  • Es gibt nichts Wichtiges, von dem was er sagt, das er nicht schon mal gesagt hätte;
  • Und es gibt nichts Wichtiges von dem was er zum ersten Mal sagt, das er nicht irgendwann wiederholen würde.

Das ist die göttliche Kunst unseres Lehrmeisters Jesus, um seinen Jüngern das Bewusstsein für die Kontinuität Gottes in der Heilsgeschichte zu schärfen. Leben und Überleben hing und hängt zuerst:

  • Von der Bereitschaft sich vom Blut getränkte Tierfelle als Kleider anlegen zu lassen (Adam und Evan);
  • Von der persönlichen Teilnahme am Passahlamm (Israel in Ägypten);
  • Dann von der Teilnahme am Manna, dem Himmelsbrot (Israel in der Wüste);
  • Dann von der persönlichen Teilnahme am vom Himmel gekommenem Brot des Lebens in der Person des menschgewordenen Gottessohnes Jesus Christus.

Die Bestimmung, der Inhalt und die Wirkung des realen Passahlammes, des realen Manna  geht voll und ganz auf die Person Jesu Christi über. Der Zeitpunkt des Übergangs ist an dem Abend des fünften/sechsten Wochentages (Donnerstagabend/Freitagbeginn) durch die Worte Jesu „Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“ markiert, und bereits am gleichen Tag, nach etwa 12 Stunden mit seinem Blut am Kreuz besiegelt worden.

 

 

3. Teil: Die Testamente von Adam bis Mose

 

Wenn es um Bundesschlüsse geht, so ist immer Gott der aktiv Handelnde. In seiner Souveränität und Güte  wendet er sich einzelnen Menschen, einzelnen Familien, ja sogar einem ganzen Volk zu und stiftet Bünde, auch wenn der Begriff `Bund gr. διαθήκη – Testament/Vermächtnis` nicht immer ausdrücklich erwähnt ist. Gott vertraut dem Menschen etwas wertvolles an, nennt die Bedingungen und manchmal bekräftigt er das Ganze sogar mit einem Schwur. Manche Vermächtnisse gleichen Zusagen Gottes mit konkreter Verheißung. Die meisten von ihnen haben neben ihrer diesseits bezogenem, materiellem Inhalt auch eine geistliche Dimension, die meist erst im Lichte des Neuen Testamentes erkannt wird. Die Menschen konnten durch ihre freie Willensentscheidung ein von Gott gestiftetes Testament annehmen oder sich ihm verweigern, aber es ändern, oder etwas dazutun konnten sie nicht. Bei Annahme und Treue folgten Segnungen, bei Verweigerung oder Untreue kam der Mensch zu Schaden, aber Gott kam immer an sein Ziel. Hier eine (nicht vollständige) Liste der Bundesschlüsse Gottes zur Zeit des Alten Testaments vor Mose:

  1. Das Vermächtnis an Adam und Eva – Verwaltung der Erde. „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht“ (1Mose 1,28). „Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte“ (1Mose 2,15). Dieser Bund barg in sich jedoch auch die endgültige, vollkommene Verwaltung der zukünftigen Weltschöpfung, durch Jesus Christus, wie wir aus Psalm 8,5-7 und der Erklärung in  Hebräer 2,5-10)  erfahren: „Denn nicht Engeln hat er den zukünftigen Erdkreis unterworfen, von dem wir reden; es hat aber irgendwo jemand bezeugt und gesagt: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass du auf ihn achtest?  Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt; mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt; du hast alles unter seine Füße gelegt.“ Denn indem er ihm alles unterwarf, ließ er nichts übrig, das ihm nicht unterworfen wäre; jetzt aber sehen wir ihm noch nicht alles unterworfen. Wir sehen aber Jesus, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, wegen des Todesleidens mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt, damit er durch Gottes Gnade für jeden den Tod schmeckte. Denn es geziemte ihm, um dessentwillen alle Dinge und durch den alle Dinge sind, indem er viele Söhne zur Herrlichkeit führte, den Urheber ihrer Rettung (das ist Jesus) durch Leiden vollkommen zu machen“ (Hebr 2,5-10; Ps 8,5-7). So ist es also Jesus, der menschgewordene Gottessohn, der zweite Mensch/Adam (Röm 5,14), der eigentliche Verwalter und Beherrscher der ‚Gottesschöpfung. Und er bezieht seine Nachfolger in diese Verwaltung mit ein, so kommt Gott ans Ziel mit seiner Bundesverheißung an Adam (2Tim 2,12; Offb 1,6; 5,10).
  2. Das Vermächtnis an Adam und Eva nach dem Sündenfall (1Mose 3,9-23). Neben der vernderten Beziehung Adams zu der Schöpfung, fällt die wenig beachtete Handlung Gottes auf – die Schlachtung von Tieren (wahrscheinlich Lämmer). Die Felle der Tiere  verwendete Gott zur Bekleidung für Adam und Eva. Das Blut des Schlachtopfers deutete auf die Sühne für die Schuld. Dies kann als früher Hinweiß für Erlösung durch das stellvertretende Opferlamm gedeutet werden, weil „ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung“ (Hebr 9,22; Joh 1,29).
  3. Das Vermächtnis an Noah – zum Bau der Arche (1Mose 6,18). Die Inhalte dieses  Bundes waren nach der Sintflut zwar erfüllt, er barg jedoch in sich weitere geistliche Inhalte, deren Erfüllung erst noch in der Zukunft lag, aber ihre Auswirkung schon damals zeigte, so Petrus in 1Petr 3,18 – 22: „Denn es hat auch Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Ungerechten, damit er uns zu Gott führe, zwar getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. In diesem ist er auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt, die einst ungehorsam gewesen waren, als die Langmut Gottes in den Tagen Noahs abwartete, während die Arche gebaut wurde, in die wenige, das sind acht Seelen, durchs Wasser hindurchgerettet wurden. Das Abbild davon errettet jetzt auch euch, das ist die Taufe – nicht ein Ablegen der Unreinheit des Fleisches, sondern die Bitte an Gott um ein gutes Gewissen – durch die Auferstehung Jesu Christi. Der ist zur Rechten Gottes, nachdem er in den Himmel gegangen ist, und Engel und Mächte und Kräfte sind ihm unterworfen.“ Natürlich ist es hier nicht die Taufe im Wasser, welche rettet, sondern die Bitte zu Gott um ein reines Gewissen, oder die Taufe in den Tod Jesu (Röm 6,1-4). Somit geht auch der Bund Gottes mit Noah zur Rettung der Menschheit, auf die Person Jesu über und findet in ihm die eigentliche Erfüllung.
  4. Der Bund mit Noah, seiner Familie und ihren Nachkommen – zur Erhaltung und Verwaltung der Erde – als Bundeszeichen setzte Gott den Bogen in die Wolken (1Mose 9,1-17). Diese Bundesstiftung hat Bestand solange die Erde bestehen wird.
  5. Das Vermächtnis an Abraham – Landverheißung, Landbesitz (1Mose 16,18; 2Mose 6,4). Später wurde der Landbesitz an Bedingungen geknüpft (5Mose 4,22-40 – bei Untreue gegenüber Gott und Hinwendung zum Götzendienst drohte auch der Landverlust). Auch dieses Testament hatte eine immaterielle geistliche Dimension, wie der Hebräerbriefschreiber hervorhebt. „  (Hebr 11,8-10). „Durch Glauben war Abraham, als er gerufen wurde, gehorsam, auszuziehen an den Ort, den er zum Erbteil empfangen sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme. Durch Glauben siedelte er sich im Land der Verheißung an wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; denn er erwartete die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer6 Gott ist.“ Landbesitz ist für die Menschen (Bürger des Reiches Gottes) nicht mehr an bestimmte Grenzen gebunden (Mt 19,29; Mt 28,16-19; Apg 4,37). Der diesseitige Landbesitz ist vorübergehend, zeitlich begrenzt un die Hoffnung strebt nach der neuen Wohnstätte, welche Christus den Gläubigen bereits vorbereitet hat (Joh 14,1-2).
  6. Das Vermächtnis an Abraham – zahlreiches Volk (1Mose 17,2. 4). In der Gesamtverheißung waren jedoch die Nachkommen durch Isaak unter besonderem Segen. In diesem Bund sind aber auch Menschen aus allen anderen Völkern einbezogen, doch trat dieser tiefere und geistliche Verheißungsinhalt erst durch Jesus Christus in Kraft, wie der Vergleich von 1Mose 22,18 und Galater 3,14-16 deutlich macht. „damit der Segen Abrahams unter die Heiden komme in Christus Jesus und wir den verheißenen Geist empfingen durch den Glauben Nun ist die Verheißung Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als gälte es vielen, sondern es gilt einem: »und deinem Nachkommen« (1.Mose 22,18), welcher ist Christus.“ Durch Christus also „sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden“. Somit ist der Bund mit Abraham (Vater vieler Völker) mit dem Inhalt `zahlreiches, oder großes Volk zu werden` in und durch Christus zur Erfüllung gekommen.
  7. Der Bund der Beschneidung mit Abraham (1Mose 17,10. 11. 13; Apg 7,8). Auch dieser Bund hatte eine geistliche Dimension, welche die erste, physische Handlung ablöste (Röm 2,29; Phil 3,3 – es ist die Beschneidung des Herzens, die durch den Geist geschieht).
  8. Der Bund/Bundesbestätigung an Sara für Isaak, der noch geboren werden sollte (1Mose 17,19. 21). Bestätigung der Bundesverheißung an Isaak persönlich (1Mose 26,2-5).
  9. Bestätigung der Bundesverheißung an Jakob und Erweiterung durch die Namensgebung – Israel: „Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen“ (1Mose 32,29; 35,10-15; 46,1-4). Und dem Pharao lässt Gott durch Mose ausrichten: „So spricht der HERR: Israel ist mein erstgeborener Sohn“ (2Mose 4,22). Die endgültige und geistliche Dimension der Bundesinhalte an Jakob kommt erst in Jesus zur Erfüllung, wie zum Beispiel Matthäus erklärt: „und (Josef) blieb dort (in Ägypten) bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.« Jesus ist der neutestamentliche und wahre Israel, der wahre erstgeborene Sohn Gottes! Jakob zeugte 12 Söhne nach dem Fleisch, Jesus berief  12 Apostel nach dem Geist (denn von keinem ist der Stamm erwähnt). Somit wäre das Israel nach dem Fleisch (1Kor 10,18) ein Vorläufer für das Israel nach dem Geist (Gal 6,16), wobei zum Letzteren durch den Glauben an Jesus Christus sowohl Juden, als auch Nichtjuden gleichermaßen gehören. „Denn wir sind durch „einen“ Geist alle zu „einem“ Leib (dem Leib Christi) getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit „einem“ Geist getränkt“ (1Kor 12,13; Joh 10,16; Röm 3,29-30; 4,16. 23-24).

Nach dem, was wir bis jetzt über die vielen und verschiedenen Testamente mit deren Inhalten feststellen konnten, kommen wir zu der Schlußfolgerung, dass sie alle mit ihrer geistlichen Sinnfülle in diesem einen Neuen Bund/Testament, den Jesus gestiftet hat, aufgehen, bzw. zu ihrer wahren Erfüllung kommen.

 

 

 4. Teil: Der Bund vom Sinai durch Mose und der Neue Bund durch Jesus

 

 

Der Bundesschluß am Sinai bedeutete die formal-juristische Stiftung, doch eingeführt in diesen Bund wurde das Volk Israel bereits in Ägypten.

0233-IMG_9994

Abbildung 1 Ein Berg aus schwarzem Basalt im Wadi Rum (Foto: P. Schüle 6. November 2014).

Dies geschah am Abend des 14. Tages im ersten Monat als auf Gottes Anweisung hin jede Familie das Passahlamm schlachten mußte.

Vorgeschrieben war:

  1. Ein 1-jähriges Lamm (oder Ziege), männlich, fehlerlos, es musste vier Tage lang verwahrt werden, am Abend des 14. Tages geschlachtet und am Feuer gebraten und in der Regel von jeder Familie bis zum Morgen ganz aufgegessen werden.
  2. Mit dem Blut des Lammes mussten die Türpfosten bestrichen werden zum Zeichen der Annahme der göttlichen Anweisung, dies bedeutete gleichzeitig Lebenserhalt der Erstgeburt in Israel.
  3. Zum Passahmahl gehörten ungesäuertes Brot und zwar für die gesamte folgende Woche (14 . bis 21. Tag des 1. Monats).
  4. Zu diesem Mahl gehörten ebenso bittere Kräuter.

Der Bundesschluß am Sinai mit öffentlicher Annahme und Einwilligung des gesamten Volkes Israel erfolgte bald nach der Ankunft am Berg Gottes, also etwa zwei Monate nach dem Auszug aus Ägypten. Der Bundesschluß wird vom Hebräerbriefschreiber wie folgt beschrieben: „Und er (Mose) nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören.“ „Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte“ ((2Mose 19,5; 24,7-8; Hebr 9,19). Bei dem Bund am Sinai werden zwei besondere Elemente deutlich hervorgehoben:

  1. Mose nahm das Buch des Bundes und las es vor. Das Volk nahm den Inhalt des Buches an. Die Parallele zum Abendmahl wäre: Jesus nahm das Brot, brach es und gab den Jüngern, sie nahmens und aßen.
  2. Mose nahm das Blut des Bundes und besprengte damit das Volk. Die Parallele beim Abendmahl wäre: Jesus nahm den Kelch und gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus.

IMG_3427

Abbildung 2; Die beiden Elemente – Brot und Wein – übernimmt Jesus als Zeichen für den Neuen Bund (Foto: P. Schüle 6. Februar 2016).

Da gibt es also gewisse Parallelen zum zweiten, Neuen Bund, den Jesus gestiftet hatte. In Römer 9,4 erwähnt der Apostel Paulus, dass den Israeliten „die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen“ gehören, Doch warum musste ein Neues Testament gemacht werden? In der Zeit um etwa 600 v. Chr. tadelt Gott die Israeliten wegen ihrer Untreue (Jer 31,31-34). Der Schreiber des Hebräerbriefes zitiert diese Stelle aus dem Propheten Jeremia in Kapitel 8,9-12):

  • „Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund: 
  • nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern (den 12 Stämmen) geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen – diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war, spricht der HERR. 
  • Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR:
  • Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben.
  • Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 
  • Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder einer seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den HERRN! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der HERR.
  • Denn ich werde ihre Schuld (Ungerechtigkeiten) vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken“ (Jer 31,31-34; Zitat aus Hebr 8,9-12; ähnlich auch Hebr 10,15-17).

„Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr“ (Hebr 10,18). Der Bund am Sinai barg jedoch in sich Elemente und Symbole, die auf tiefere, geistliche Realitäten in Gottes Heilsplan hinweisen (Mose als Mittler, Passahlamm, die zwei steinerne Tafeln des Zeugnisses, die Stiftshütte, der Priesterdienst mit all den Opfern, das Manna, die eherne Schlange etc.). „Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer vollkommen machen“ (Hebr 10,1). Es ist also eindeutig eine vorläufige Einrichtung und daher wird eine bessere Ordnung eingeführt. wie es auch weiter im Text heißt: „dann sprach er (der Sohn): „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ – er nimmt das Erste weg, um das Zweite aufzurichten. In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (Hebr 10,9-10).

Jesus, als der einzig wahre und vollkommene Mittler  des Neuen Testamentes (1Tim 2,5; Hebr 9,15; 12,24), stiftet den von Gott durch Jeremia (31,31-34) verheißenen Neuen Bund an seine zweölf Apostel (das neutestamentliche Israel – Mt 26,26-28) und besiegelte diesen mit seinem Blut durch den Tod am Kreuz (Hebr 9,16 – „Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat“).

Zwischen der Stiftung des ersten Bundes am Sinai und des zweiten Bundes beim letzten Passahmahl, sind nicht nur deutliche Prallelen, sondern auch wesentliche Unterschiede zu erkennen, wie die Gegenüberstellungen in der folgenden Tabelle zeigen:

 

Der erste Bundesschluss mit Israel – den 12 Stämmen Der zweite Bundesschluss mit Israel – den 12 Aposteln
Der erste Bund wurde bei dem ersten Passahmahl in Ägypten gestiftet und am Sinai mit Tierblut besiegelt Der zweite Bund wurde während des letzten Passahmahls in Jerusalem gestiftet und am Kreuz mit dem Blut Jesu Christi besiegelt
Der erste Bund wurde mit der gesamten Gemeinde Israel durch Blutbesprengung geschlossen Der zweite Bund wurde mit den 12 Jüngern als Repräsentanten des NT Volkes Israel durch den Kelch des neuen Bundes – (mit dem Blut Jesu) geschlossen
Das Gesetz des Buchstabens war mit Gottes Finger auf steinerne Tafeln geschrieben Das Gesetz Gottes (des Geistes) wird ins Herz des Gläubigen und sein Denken (Sinn) geschrieben
Wiederholte Tieropfer für die Sünden waren nötig Einmaliges und gültiges Opfer des Lammes Jesus Christus genügt um für immer die Sünden wegzunehmen (Hebr 9,9-10; 1Petr 1,22-23)
Durch die vielen und verschiedenen Opfer geschieht nur eine Erinnerung an die Sünden Durch das eine Opfer wird an die Sünden nicht mehr gedacht
Das Aaronitische Priestertum war zeitlich begrenzt und schwach Der Hohepriester Jesus gemäß der Ordnung Melchisedeks bleibt ewig (Hebr 8,1)
Mose als Mittler – treuer Knecht in Gottes Haus Jesus als Mittler – Sohn und Herr über das Haus Gottes
Der erste Bund schloß nur das Volk Israel ein – ausschließlicher Bund Der zweite Bund schließt alle Glaubenden an Jesus ein, Juden und Nichthuden – universeller Bund

 

Der zweite und Neue Bund schließt laut Verheißung zwar auch das ganze Israel (Haus Israel und Juda) mit ein, doch nicht automatisch, sondern durch persönliche Annahme und Einwilligung in die Bedingung des Bundes. Und diese Bedingung oder Voraussetzung ist:

  • Jesus, als den von Gott gesandten und gesalbten Messias/Retter,
  • der sich als Passahlamm für die Sünden aller Menschen opferte,
  • im Glauben annehmen,
  • Vergebung der Sünden erlangen
  • und zum neutestamentlichen Volk Gottes hinzugeordnet werden.

Das ist der Neue Bund, das Neue Testament, Gottes Vermächtnis – zugänglich für alle Menschen !

 

 

5. Teil: Inhalte des Neuen Bundes – Vergebung der Sünden

 

Das größte Problem das der Mensch hat, ist seine Sünde. Im Grunde ist Sünde alles, was mit Gottes Willen und Wesen nicht übereinstimmt. Der Begriff selbst bedeutet sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen soviel wie – Verfehlung, oder Zielverfehlung (4Mose 18,1). Sünde wird sehr oft mit bewusster Übertretung des Gebotes Gottes gleichgesetzt. Allerdings wird Sünde von Gott erst angerechnet, wenn ein Bewusstsein dafür vorhanden ist. So schreibt Paulus: „Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam (gemeint ist das Gesetz Moses); aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet“  (Röm 5,13; ähnlich auch 4,15). Sehr großzügig außert sich Jesus gegenüber den Juden: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, um ihre Sünde zu entschuldigen“ (Joh 15,22). Gott ist absolut heilig, gerecht, aber auch gütig, gnädig und barmherzig. Doch ganz gleich, ob ein Mensch bewusst oder unbewusst, viel oder weniger gesündigt hat, nach dem Sündenfall Adams gerieten alle Menschen unter den Fluch und die Folgen der Sünde, Paulus schreibt dazu: „Denn sie sind allzumal Sünder“ und:  „Denn der Sünde Sold ist der Tod“ (Röm 3,23; 6,23). Sünde ist nicht einfach nur etwas Negatives, Schlechtes, Sünde ist tödlich. „Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!“ (1Mose 2,16-17). Gottes Anweisung bestand aus zweierlei: dem Gebot und dem Verbot – du darfst (sollst) und du darfst (sollst) nicht. Und wie der Text in 1Mose 3,1-7 berichtet, vernachlässigten beide – Eva und Adam – das Gebot und taten das Verbotene. Durch Zweifel, Unglauben und Ungehorsam gerieten sie in die Sündenfalle. Nun bedeutete damals Sterben nicht gleich physischer Tod verbunden mit plötzlichem umfallen. Aber die innere geistliche Beziehung zu Gott wurde unterbrochen (ist gestorben) und damit setzte auch das physische (wenn auch langsame) Sterben ein. Zu dem Verlust des Lebens kam noch die Schuld gegenüber Gott dazu. Im sogenannten Gebet `Vaterunser` verwendet Jesus in Matthäus 6,12 den Begriff Schuld (gr. οφειληιμα – ofeilema). Die größte Schuld des Menschen ist demnach seine Sündenschuld, denn er ist vor Gott schuldig geworden. Und er ist nicht imstande diese Schuld loszuwerden durch  Eigenleistung, bzw. durch gute Taten. Denn das Gute und Richtige zu tun gehörte zu seiner normalen Pflicht, es ist eigentlich seine Berufung und Lebensaufgabe. Bei jedem Versuch durch gute Taten eine Sünde abzumildern oder gar zu tilgen, versäumt er gleichzeitig seinen eigentlichen Pflichten nachzukommen und lädt neue Versäumnisssünden auf sich. Nehmen wir als Beispiel Adam und Eva nachdem sie durch Ungehorsam, das Gebot Gottes übertraten und damit Schuld auf sich luden. „und sie (Eva) nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten die Stimme Gottes, des HERRN, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Gottes, des HERRN, mitten zwischen den Bäumen des Gartens“ (1Mose 3,7-8). Folgendes wird hier deutlich:

  1. Adam und Eva kannten den Willen Gottes,
  2. Anstatt ihren eigentlichen Pflichten nachzukommen (1Mose 1,27-28), wendeten sie sich dem Verbotenen zu,
  3. Dann erkannten sie ihre Nacktheit (Veränderte Beziehung zu einander und zu Gott – es stellte sich Schamgefühl ein, das durch Schuldbewusstsein hervorgerugen wurde). Nun bleiben sie nicht untätig, sie verdecken sich voreinander mit selbstgemachter Bekleidung und verstecken sich vor dem Herrn unter den Bäumen des Gartens. Mit diesen eigenständigen Aktivitäten wollten sie etwas gegen ihr Verschulden machen, versäumen dabei ihren von Gott aufgetragenen Pflichten nachzukommen (1Mose 2,15). Beim Sündigen verschuldet sich der Mensch immer doppelt. Das Bemühen, ihre Schuld irgendwie zuzudecken misslang, sie mussten sich schließlich Gott stellen (1Mose 3,9-10). Nach der Klärung der völlig neuen Sachlage mußten Beide ihre Selbstgemachte Bekleidung ablegen. Was danach geschah, ist für sie völlig neu und musste sie in Staunen und Schrecken versetzt haben.
    • Unbeteiligte Tiere (wahrscheinlich Lämmer) die mit den verwerflichen Handlungen der Menschen nichts zu tun hatten, müssen geschlachtet werden,
    • Dabei wird unschuldiges Tierblut vergossen,
    • Aus Tierfellen werden Röcke gemacht, um die Blöse der Menschen zu bedecken – Handlungen voller Symbolkraft.

Schön war der Anblick dieser Bekleidung keineswegs, wohl aber heilsam. Nicht dass die Tierfelle im Vergleich zu den Feigenblättern von längerer Dauer sind, sondern damit deutete Gott zum erstenmal an, wie und wodurch der Mensch von seiner Sündenschuld loswerden kann und erneut Gemeinschaft mit Gott erleben kann. Die unzähligen Tieropfer des Alten Bundes erinnern aber nicht nur an die erste Sünde des Menschen, sondern weisen auch in die Zukunft, auf die noch ausstehende Rettung/Erlösung durch das wahre Lamm Gottes, das die Sünden auf sich nimmt und durch seinen stellvertretenden Tod hinwegnimmt. Um etwa 700 v. Chr. schreibt der Prophet Jesaja von dem kommenden Messias: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten. Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet. Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen eigenen Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld. Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf“ (Jes 53,2-8). Dieser Text bildet das Kernstück des Evangeliums, wie es schon Jahrhunderte zuvor dem Volk Israel in Schriftform als neue Perspektive der Erlösung von Sünden verkündigt wurde. Kurz vor dem öffentlichen Auftreten des von Gott verheißenen und dem Volk Israel ersehnten Messias/Retter bezeugt der Pristersohn Johannes der Täufer von der Ankunft dieses Gotteslammes. „Siehe, dies ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde hinwegträgt“ (Joh 1,29. 36). Mindestens viermal sagte Jesus seinen Jüngern voraus, dass er viel leiden müsse und zur Kreuzigung an die Heiden überantwortet wird. Am letzten Abend während des Passahmahls, so schreibt Matthäus der Evangelist und Augenzeugen: „Und er (Jesus) nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung (Erlassung) der Sünden“ (Mt 26,27-28). Vordergründig geht es hier um den Inhalt des Kelches. Das es sich um ein Getränk vom Weinstock handelte, ist in den Texten ausdrücklich erwähnt (Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Von der Jahreszeit ausgehend, wird es sich wohl um einen ausgegorenen Traubensaft, sprich Wein gehandelt haben. Doch nicht die Substanz selbst ist es (ist sie doch gar nicht ausdrücklich erwähnt), sondern in welchen Bezug sie Jesus bringt ist wesentlich. „Das ist mein Blut des Bundes“ – trinkt alle daraus. Nach dem Gesetz war jegliches Blut zu essen/trinken absolut verboten (1Mose 9,4; 3Mose 17,12-13). Daher nimmt Jesus das in Israel allgemein bekannte rotfarbene Getränk vom Weinstock (Spr 23,31) als Element, welches am besten sein Blut symbolisiert.

Der wesentlichste Inhalt des Neuen Bundes ist die Vergebung der Sündenschuld der Welt. Das Blut Jesu Christi, sein menschliches, physisches Leben (gr. ψυχη – psyche) als unschuldigen Gotteslammes ist der höchste Preis dafür (Joh 10,11. 17-18). Und wie Petrus Jahre später schreibt: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel,

19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken. Er ist zwar im Voraus vor Grundlegung der Welt erkannt, aber am Ende der Zeiten offenbart worden um euretwillen“,(1Petr 1,18-20). Auch der Apostel Paulus hebt hervor: „Auch wir haben ein Passahlamm – das ist Christus – für uns geopfert“ (1Kor 5,).

 

6. Teil: Der Neue Bund – Gottes Willen ins Herz geschrieben

 

Selbstverständlich ist die gesamte Evangeliumsbotschaft von Jesus Christus Inhalt des Neuen Bundes, wird doch dadurch im Detail der gesamte Wille Gottes offenbart (Hebr 1,1-3 – „Gott hat zu uns geredet durch seinen Sohn“). Jesus legte großen Wert darauf, dass die Menschen Gottes Willen in ihr Herz und ihren Sinn (ihr Denken) aufnehmen, damit ihr Lebensstil von innen heraus motiviert und bestimmt wird. Tadelt er doch: „Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raubgier und Bosheit“ (Lk 11,39). „Verändert euer Denken“, damit begann Jesus seinen Predigtdienst in Kapernaum (Mt 4,17; Mk 1,15)  und das entspricht der Gottesverheißung aus Jeremia 31,31-34 „Ich will mein Gesetz in ihr Herz schreiben“. Ähnliches lies Gott auch durch den Propheten Hesekiel sagen: „Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut“ (Hes 36,26-27). Beachten wir die Initiative Gottes: „Ich werde“, aber dies wird er nur tun, wenn der Mensch dem Wirken Gottes Raum gibt. Am  Abend der Stiftung des Neuen Bundes konnte Jesus beten: „Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast“ (Joh 17,8). Und eben an diesem letzten Abend entfaltet Jesus sein Vermächtnis auf eine ganz besondere Weise und Intensität (Joh 13,1-17,24). Dies ist übrigens die längste zusammenhängende Rede Jesu, welche die Evangelisten in schriftlicher Form überliefert haben. Und besonders in dieser Rede werden bedeutende Inhalte des Neuen Testamentes hervorgehoben, wie zum Beispiel:

  • Indem Jesus seinen Jüngern die Füße wäscht, hebt er seine dienende Art hervor.
  • Durch die Verordnung der Fußwaschung an die Jünger, legt Jesus für Zeit und Ewigkeit die Beziehung der Jünger zueinander fest. – „Wenn nun ich, der Herr und der Lehrer, eure Füße gewaschen habe, so seid auch ihr schuldig, einander die Füße zu waschen. Denn ich habe euch ein Beispiel gegeben, dass auch ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ein Sklave ist nicht größer als sein Herr, auch ein Gesandter nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst, glückselig seid ihr, wenn ihr es tut“ (Joh 13,15-17).
  • Das Neue Gebot der Bruderliebe fördert das geistliche Wachstum nach innen und beglaubigt das Christuszeugnis nach außen – „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34-35).
  • Die Verheißung des Heiligen Geistes, der in das gereinigte Herz eines Menschen einzieht bewirkt folgendes: „Wenn der Beistand gekommen ist, den ich euch von dem Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, so wird der von mir zeugen“ (Joh 15,26). „Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein“ (Joh 14,17b).  „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen“ (Joh 16,13).
  • Die Gabe des ewigen Lebens – „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Joh 17,3).
  • Die ewige Heimat – „Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast, denn du hast mich geliebt vor Grundlegung der Welt“ (Joh 17,24).

Gottes Gesetz (Gottes Willen) ins Herz geschrieben bedeutet nach der Aussage Jesu: „Das aber auf dem guten Land sind die, die das Wort hören und behalten in einem feinen, guten Herzen (gr. καρδια – kardia) und bringen Frucht in Geduld“ (Lk 8,15). Zur Gedächtnisstütze dessen, was wir gehört und aufgenommen haben gibt Gott uns seinen Geist: „Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26).

Jeder Mensch

  • Der Jesu Wort hört (Lk 8,15);
  • es auf- und annimmt (Joh 17,8);
  • es hütet und bewahrt (Lk 8,15);
  • es im Herzen nachdenkend bewegt (Lk 2,19);
  • es anwendet/tut (Mt 7,24), der ist schon jetzt Teilhaber und Nutznieser des Neuen Testamentes mit allen seinen Inhalten.

 

7. Teil: Warum setzte Jesus das Abendmahl ein bevor er gestorben war

 

„Und als die Stunde kam, setzte er sich nieder und die Apostel mit ihm. Und er sprach zu ihnen: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es nicht mehr essen werde, bis es erfüllt wird im Reich Gottes“ (Lk 22,14-16). Damit beantwortet Jesus selbst unsere Frage. Ihn hat herzlich verlangt, oder mit Sehnsucht sehnte er sich danach vor seinem Leiden das Passahlamm mit seinen Jüngern zu essen. Es geht Jesus zunächst um das Passahlamm (noch nicht um das Abendmahl), denn er weiß, es ist die letzte Feier, welche nach dem Gesetz noch in Kraft ist. Und damit erfüllt er eben auch die Anordnung Gottes aus 2Mose 12,1ff. Damit schließt er sozusagen den Kreis, oder setzt damit den Punkt nach Ablauf des Alten Bundes. Ein geordneter Abschluß ist für Jesus sehr wichtig, es muß alles erfüllt werden, was von mir geschrieben ist, sagte er einmal (Lk 22,37b). In dieser Form und auf diese natürliche Weise wird er es nicht mehr feiern.

Doch suchen wir auch noch nach weiteren Gründen und Antworten. auf diese Frage. Erstens ist es Gottes Art, seine Pläne vorauszusagen und zweitens: Es ist Gottes Art seine Pläne vorauszuzeigen, vorzubilden. So lesen wir in 1Mose 18,17: „Da sprach der HERR: Wie könnte ich Abraham verbergen, was ich tun will“. Und Jesus pflegte ebenfalls seine Jünger im voraus zu informieren über das Kommende: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin“ (Joh 13,19; 14,29). Gott will seine Kinder nicht im Ungewissen lassen, sondern ihre Glaubens- und Vertrauensbeziehung zu ihm stärken. Mindestens fünf Mal sagte Jesus sein Leiden, Sterben und seine Auferstehung voraus und als es soweit war, konnten sie es kaum fassen, wie folgende Episode deutlich macht: „Da ging auch der andere Jünger hinein (in das leere Grab), der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte. Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen müsste“ (Joh 20,8-9). Die Vor-Bilder:

  • Es sind die Lammfelle bei Adam und Eva (1Mose 3,21),
  • es ist das Passahlamm in Ägypten (2Mose 12,1ff).

5-2-2014_022

Herodianischen Tempels, an dem 46 Jahre gebaut wurde und der von den Römern im Jahre 70 n. Chr. zerstört wurde (Foto: P. Schüle April 1986).

  • Es ist die materielle Einrichtung der Stiftshütte mit all ihrem Gerät (2Mose 25,40).
  • Und schließlich der Tempel in Jerusalem, den Jesus als Vorbild für seinen Leib wählt, der von den Juden abgebrochen wird und von Jesus in drei Tagen wieder aufgerichtet wird (Joh 2,19).

Gerade beim Letzteren Vorbild heißt es: „Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.

Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, dass er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte“ (Joh 2,21-22).

Die Vorbildungen sollen seine Pläne für die Zukunft veranschaulichen, so auch die Einsetzung des Abendmahls während der Passahmahlzeit und die damit verbundene Bundesstiftung. Mit dem Tod Jesu am Kreuz ist der erste Bund, der Bund vom Sinai zu Ende gegangen, das offensichtliche Zeichen dafür war: „Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus“ (Mt 27,51; Mk 15,38). Die Reihenfolge Gottes in seiner Offenbarung ist immer die gleiche: Zuerst die Voraussage, verbunden mit einem sichtbaren Vorbild, erst danach die göttliche Wirklichkeit. Nur Gott selbst, der den Bund vom Sinai als vorläufige, vorbildhafte  Einrichtung stiftete, beendete ihn auch mit dem inkrafttreten des Neuen Bundes durch Jesus.

 

 

8. Teil: Abendmahl – eine Verordnung zum Gedächtnis

 

Der Apostel Paulus gibt den Gläubigen in Korinth klare Anweisungen in Bezug auf das Abendmahl und begründet diese mit: „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis“ (1Kor 11,23-25). Auch im Lukasevangelium wird die wiederholte Praxis des Abendmahls mit den Worten begründet: „das tut zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19b). Mit der Anordnung `εις την αναμνησιν – eis ten anamnesin – zu meinem Gedächtnis` (im Akkusativ), stellt Jesus selbst den ständigen Bezug zu sich her. Die in dem Wort Gedächtnis vorangestellte Vorsilbe `ana-mnesin`, will das im Gedächtnis Abgelagerte an die Oberfläche hervorholen. So könnte anstelle `zu meinem Gedächtnis` auch `zu meiner Erinnerung` übersetzt werden. Der Hebräerbriefschreiber benutzt das gleiche Wort `ana-mnesis – Er-innerung` (im Nominativ) für die Praxis der jährlichen Opfer, welche an das Vorhandensein der Sünden erinnern soll (Hebr 10,3). Durch die Klarheit dieses Begriffes fällt es uns leichter zu verstehen, dass in der wiederholten Praxis des Abendmahls (Brot und Kelch) das gesamte Werk der Erlösung durch Jesus Christus hervorgehoben werden soll. Die nachfolgenden Worte des Apostels Paulus unterstreichen dies zusätzlich: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,26). Gott verordnete den Israeliten, die jährliche Opferung des Passahlammes am 14. Tag des ersten Monats und ebenso das jährliche Versöhnungsopfer am 10. Tag des siebten Monats als eine ewige Ordnung (2Mose 12,14. 17; 3Mose 16,29. 31. 34).

  • Die erste Etappe dieser wiederholten Praxis der Opferdarbringung endete mit dem Tod Jesu am Kreuz.
  • Die zweite Etappe, in der das einmalige Opfer Jesu Christi in der wiederholten  Erinnerungpraxis durch Brot und Kelch symbolhaft dargestellt ist, hat ihre Gültigkeit bis er wieder kommt.
  • Auch im ewigen Reich Gottes, welches vollends bei der Wiederkunft Christi offenbart wird, setzt sich die ewige Ordnung Gottes in einer geistlichen Dimension fort. Dies wird durch die Worte Jesu angedeutet: „Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.(Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Dadurch wird für alle Ewigkeit die Erinnerung (ana-mnesis) an das Erlösungswerk Jesu Christi wachgehalten (Offb 5,6. 8. 12. 13; 7,10. 17; 14,1. 4; 15,3 – das Lamm). Jesus selbst verheißt seinen Jüngern in Lukas 22,30: „dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.“ Bis diese Verheißung erfüllt sein wird, gilt für uns die Erinnerung, das Gedenken an Jesu Versönungswerk durch die regelmäßige Feier des Abendmahls wach zu halten.

9. Teil: Das Abendmahl in der Zeit der Apostel

 

a). Die Praxis des Abendmahls in Jerusalem

Lukas schreibt von den Gläubigen in Jerusalem: „Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brotbrechen und in den Gebeten“ (Apg 2,42). Und jeden Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen das Brot in den einzelnen Häusern, nahmen die Speisen mit Jubel und einfältigem Herzen“ (Apg 2,46). Die Feier des Abendmahls in Jerusalem wird mit der Bezeichnung `Brotbrechen, Brechen des Brotes – κλάσει του άρτου` beschrieben (Apg 2,42. 46). Aber diese Bezeichnung wird auch bei den allgemeinen Mahlzeiten verwendet,

  • so bei der Speisung der 5000/4000 im Bereich der Dekapolis, östlich des Sees von Galiläa (Mt 14,19; 15,36),
  • beim Abendessen in Emmaus (Lk 24,30. 35). Die beiden Jünger aus Emmaus erkennen Jesus am Brechen des Brotes.
  • oder beim Frühstück am See in der Nähe von Kapernaum, wo Jesus das Brot unter seine Jünger austeilt, also auch gebrochen hat (Joh 21,13).

Es ist eine Art Erkennungszeichen für den Herrn. Er ist der Hausherr, der an seine Hausgenossen das Brot austeilt. Da uns keine detailierte Beschreibung der Feier des Abendmahls in Jerusalem vorliegt, können wir mit hoher Wahrscheinlichkeit annehmen, dass diese Verordnung im Rahmen der allgemeinen Mahlzeiten gefeiert wurde uns zwar in den Hausversammlungen als ständige Erinnerung an den Tod Jesu. Vergessen wir nicht, dass auch Jesus das neue Bundesmahl während des Abendessens eingesetzt hatte. Dazu kommt noch die Besonderheit der Gütergemeinschaft, welche in ihrer Art einmalig ist.

 

 

b). Die Praxis des Abendmahls in Troja

 

Auf der Rückreise von Korinth nach Jerusalem, etwa im Jahre 59 traf der Apostel Paulus in Begleitung von Lukas in Troja auf seine übrigen Begleiter (Apg 20,4). Dies war im Frühjahr, kurz nach den Tagen der ungesäuerten Brote (jüdische Passahwoche). Dort verbrachten sie sieben Tage (Apg 20,6). Am ersten Tage der Woche (an einem Sonntag) kamen sie mit der gesamten Gemeinde zusammen um das Brot zu brechen `klasei tou artou` (Apg 20,7. 11). Da sie wohl die gesamte Woche hindurch bei einer Familie (wahrscheinlich bei Karpus – 2Tim 4,13) versorgt wurden, kann hier angenommen werden, dass sich das Brechen des Brotes am ersten Wochentag auf das Abendmahl bezieht.

Die Situation in der Hafenstadt Alexandria Troja ist anders als in Jerusalem. Hier leben die Gläubigen nicht in einer Gütergemeinschaft, sondern jede Familie hat ihren eigenen Haushalt, ähnlich wie in Korinth. Die Abendmahlsgemeinschaft war für Paulus so wichtig, dass er die gesamte Woche da geblieben ist, obwohl er sich beeilte rechtzeitig bis zum Pfingstfest in Jerusalem zu sein (20,16). Sie ist ihm auch noch deswegen wichtig, weil er in Korinth gerade in dieser zentralen Gemeindepraxis Missstände klären musste (1Kor 11,17-34). So entsteht hier der Eindruck, dass das Mahl zur Erinnerung an den Tod Jesu und den neuen Bundesschluß, am Tag eins der Woche, also am Auferstehungstag gefeiert wurde. Dies könnte als Anlass gesehen werden für viele christlichen Gemeinden, jeden Sonntag das Abendmahl zu feiern. Die Abendmahlsfeier in Troja mit apostolischer Anwesenheit am ersten Tag der Woche ist auch ein wichtiger Hinweiss darauf, dass die Missionsgemeinden ihre wöchentlichen Versammlungen in der Regel einmal die Woche hielten (vgl. dazu auch 1Kor 16,1). Diese Versammlung in Troja zeichnete sich auch noch mit anderen Besonderheiten aus:

  • Die Predigt des Paulus zog sich zunächst bis Mitternacht hin,
  • Wegen Übermüdung fiel ein Jüngling Namens Eutychus aus dem Fenster des dritten Stockwerkes und wurde tot aufgehoben,
  • Eutychus wurde durch Paulus zum Leben erweckt,
  • Das Abendmahl wird gehalten und die Gemeinde ist getröstet worden,

Der zweite Teil der Predigt wurde fortgesetzt bis in die frühen Morgenstunden, danach zog er aus und ging zu Fuß nach Assos.

 

c). Die Praxis des Abendmahls in Korinth

 

Als Paulus den 1. Korintherbrief schreibt, sind seit der Gründungszeit der Gemeinde in Korinth etwa 4 Jahre vergangen. Wenn also Paulus etwa im Jahr 55 aus Ephesus schreibt; „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert  habe, `παρεδωκα – paredoka ` (1Kor 11,23), dann stützt er sich auf die höchste Autorität – nämlich auf Jesus selbst. Nach der Gründungsphase, die mehr als 18 Monate dauerte (Apg 18,1-18), in  welcher der Apostel in Theologie und Gemeindepraxis guten Grund legen konnte (1Kor 3,10), kamen viele neue Gläubigen hinzu und die Gemeinde wurde von einigen anderen Evangelisten aufgesucht und auch mitgeprägt. Im Laufe der Entwicklung schlichen sich in der Gemeinde so manche theologische, wie auch praktische Besonderheiten, aber auch sündiges Verhalten ein. So hört Paulus von Spaltungen (σχισματα – schismaata) in der Gemeindeversammlung der Korinther (11,18). Dies betraf auch die Feier des Abendmahls. Die offensichtlichen Missstände in diesem Bereich des Gemeindelebens, sind für Paulus ein notwendiger Grund, für die nachfolgenden Generationen jedoch ein glücklicher Umstand, dass es überhaupt eine detaillierte Beschreibung der Abendmahlsfeier aus apostolischer Zeit gibt. So wiedmet der Apostel diesem Thema einen langen und ausführlichen Abschnitt (1Kor 11,18-34). Übrigens nennt Paulus das Abendmahl – Herrenmahl (das dem Herrn gehörende Mahl), damit eindeutig unterschieden wird zu den übrigen Mahlzeiten, was gerade in Korinth sehr verschwommen war. Der Begriff  `δειπνον – deipnon` wird im NT durchweg für das Abendessen verwendet. So schreibt der Apostel„Wenn ihr nun an demselben (Ort) zusammenkommt, wird da nicht das Herrenmahl (κυριακον δείπνον –   kyriakon deipnon) gegessen. Denn jeder isst für sich seine Mahlzeit vorweg und welche sind hungrig, welche sind trunken“ (11,20-21 frei übersetzt). Es scheint so, dass einige Gemeindeglieder ihr eigenes Essen von zu Hause in die Versammlung mitgebracht haben. Das allein wäre noch kein Problem gewesen, wenn sie mit den Nichtshabenden geteilt hätten. Der Vorwurf des Apostels lautet dementsprechend: „Habt ihr denn nicht Häuser, um zu essen und zu trinken? Oder verachtet ihr die Gemeinde Gottes und beschämt die, welche nichts haben? Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich nicht“ (11,22). Durch die mündlichen Erzählungen von denen der Chloe (1,11) wie auch anderer aus Korinth angereisten Mitarbeiter (16,17) konnte sich Paulus ein relativ gutes Bild über das Gemeindeleben der Korinther machen. Die mangelnde Unterscheidung zwischen dem Herrenmahl, als konkrete Erinnerung an Jesu Tod und dem allgemeinen sich satt essen und trinken in der Gemeindeversammlung, war nicht nur ein organisatorisch-praktischer, sondern ein zentraler theologischer Missstand, der für Spaltungen und Streitereien mitverantwortlich war (11,18; 1,11) und der zu einem geistlichen Niedergang führte (11,30). Und so stellt Paulus in schriftlicher Form richtig: „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich auch euch überliefert habe, dass der Herr Jesus in der Nacht, in der er überliefert (verraten) wurde, Brot nahm und, als er gedankt hatte, es brach und sprach: Dies ist mein Leib, der für euch ist (gegeben wird); dies tut zu meinem Gedächtnis! Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, dies tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis!  Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (11,23-26). Hier folgt Paulus der wörtlichen Überlieferung seines Herrn, wie es auch in den Evangelien geschrieben steht. Beachten wir die zeitliche Reihenfolge: „Er nahm den Kelch nach dem Mahl“, damals handelte es sich um das alttestamentliche Passah-Mahl. Darum will auch Paulus, dass eine deutliche Unterscheidung gemacht wird zwischen einer allgemeinen Mahlzeit und dem Erinnerungs-Mahl des Herrn (kyriakon deipnou) und seine Heilstat am Kreuz.

Des weiteren warnt Paulus vor unwürdigem, unbedachtem Teilnehmen am Mahl des Herrn: „Wer also unwürdig das Brot isst oder den Kelch des Herrn trinkt, wird des Leibes und Blutes des Herrn schuldig sein. Der Mensch aber prüfe sich selbst, und so esse er von dem Brot und trinke von dem Kelch. Denn wer isst und trinkt, isst und trinkt sich selbst Gericht, wenn er den Leib des Herrn nicht richtig beurteil  `μη δια-κρίνων – me dia-krinon – nicht unterscheidet`“ (11,27-29). Unwürdig in diesem Zusammenhang bedeutet:

  • Dem Inhalt der Handlung nicht angemessen, nicht entsprechend,
  • Dem Sinn und Zweck der Verordnung entfremdend.
  • Konkret bedeutet es – das Brot und den Kelch nicht in Verbindung mit Jesu Leib und Blut zu bringen, sowohl in objektivem Sinne als Heilstatsache, wie auch im persönlichen – daran nicht glauben – das ist unwürdig.

Nachdem Paulus die Abenmahls-Theologie richtig und klar dargestellt hat, fordert er jeden auf, sich selbst zu prüfen. Gerade in dem Bereich kann niemand einem anderen ins Herz schauen, daher ist Eigenverantwortung und gesunde Selbstkritik der bessere Weg zur Korrektur und der geistlichen Wiederherstellung, so die Meinung des Paulus: „Wenn wir uns aber selbst beurteilten (διεκρίνομεν – diekrinomen –  wir uns selbst richteten), so würden wir nicht gerichtet“ (11,31).

Es ist offensichtlich, dass wegen diesem Missverständnis und Missbrauch ein Großteil der Gemeinde geistlich nicht vorankam, ja sogar geistlich gestrauchelt war. So schreibt Paulus weiter: „Deshalb sind viele unter euch schwach und krank, und ein gut Teil sind entschlafen“ (11,30). Wahrscheinlich sind die drei Ausdrücke `schwach, krank und entschlafen` im übertrgenem geistlichen Sinne zu verstehen. Kaum vorstellbar, das ein großer Teil (ικανοι – ikanoi) wegen dem Missbrauch des Abendmahls physisch gestorben wären.

Und so schließt der Apostel dieses Thema ab mit den Worten: „Daher, meine Brüder, wenn ihr zusammenkommt, um zu essen, so wartet aufeinander! Wenn jemand hungert, der esse daheim, damit ihr nicht zum Gericht zusammenkommt. Das Übrige aber will ich anordnen, sobald ich komme“ (11,33-34).

 

10. Teil: Fragen zur Praxis des Abendmahls heute

 

a). Wie oft wurde in apostolischer Zeit Abendmahl gehalten? Was ist die heutige Praxis in den christlichen Gemeinden?

 

b). Wer kann und soll am Abendmahl teilnehmen? Welche Voraussetzungen sind dazu notwendig?

 

c).  Wer kann das Abendmahl austeilen?

 

d).  Ab welchem Alter ist die Teilnahme am Abendmahl zu empfehlen?

 

e). Ist es sinnvoll, dass das Abendmahl immer in der Gemeindeversammlung gefeiert wird, oder, kann das Mahl des Herrn auch in einem Hauskreis, Gebeskreis oder bei einer Freizeit ausgeteilt werden?

 

f). Ist das Abendmahl an die Fußwaschung gekoppelt, wie in Johannes 13,1-17 beschrieben und von Jesus mit seinen Jüngern praktiziert wurde?

 

g). Die Symbolelemente von Brot und Wein: Muß das Brot ungesäuert sein? Kann man anstatt Wein auch Traubensaft nehmen?

 

Veröffentlicht unter Verordnungen von Jesus | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar

Vom Traditionalisten zum Evangelisten

Vom Traditionalisten zum Evangelisten

IMG_3528

Abbildung 1 Ein Zweimaster im östlichen Mittelmeer in der Nähe von Alania (Türkei). Der Völkerapostel war bei seinen vielen Missionsreisen besonders auf Segelschiffen unterwegs (Foto am 17. April 2011).

Eine Bibelstudie über das Leben und den Dienst des Apostels Paulus

Inhalt und  Fotos von Paul Schüle

Vorwort

Das intensive Studium der Apostelgeschichte und der Paulusbriefe, sowie mehrere Reisen zu biblischen Stätten im  Mittelmeerraum weckten in mir den Wunsch, die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen aufzuschreiben.

Obwohl schon viel über das Leben des Apostels Paulus geschrieben wurde, will ich dennoch versuchen, Details, die mir aufgefallen sind besonders hervorzuheben.

An vielen Stellen habe ich Erkenntnisse und Forschungsergebnisse anderer übernommen, diese sind in Klammern oder Anführungszeichen vermerkt.

Diese Projektarbeit wird als Teil meiner Bibelfernkursausbildung an der Christlichen Bildungsstätte Fritzlar (CBF) angesehen. Für die kritische und ermutigende Begleitung der Arbeit danke ich besonders Hans-Ulrich Linke, Eckhard Bewernick und Frank Koppelin.

Die Bibelzitate sind entweder aus der rev. Erlberfelder Übersetzung, aus der rev. Lutherübersetzung 1984/2017 aber auch oft aus der Interlinearübersetzung Griechisch-Deutsch, Neuhausen: Hänssler, 1986. Sie sind bewusst oft ausgeschrieben und durch Fett- und Kursivschrift markiert. Oft ist im laufenden Bibeltext das entsprechende griechische Wort in Klammern eingefügt. Bibelzitate sind an die neue Rechtschreibung angepasst.

 Viele Bibelzitate sind mit Absicht oft in voller Länge zitiert, weil mir bewusst ist, dass man sich beim Lesen selten die Mühe macht, die angegebenen Bibelstellen nachzuschlagen.

Die gesamte Studie über das Leben und den Dienst des Apostels Paulus ist in 7 Kapitel eingeteilt und stellenweise mit Fotomaterial, Videoclips oder griechischen Aufschriften bestückt, um die Orte und Ereignisse verständlicher zu machen.

Das Foto- und Bildmaterial ist signiert und kann mit Quellenangabe für Privatgebrauch verwendet werden.

Einleitung

Der Apostel Paulus und besonders der Evangelist, Arzt und Historiker Lukas laden uns zu einer 32 Jahre langen Reise ein. Einer Reise mit vielen Zwischenstationen, spannenden Begegnungen und klarer Zielsetzung. Diese Reise beginnt in Palästina und führt durch Kleinasien, Griechenland und endet schließlich in Rom. Daher bilden die geographischen Eckpunkte auch einen guten Rahmen für die Einteilung dieser Arbeit. Angaben über Jahreszeiten, Wetterbedingungen, historische Details, Schifffahrt, Reisebedingungen, tragen zusätzlich dazu bei, die Reisen und die einzelnen Aufenthalte chronologisch sinnvoll einzuordnen. In diese Reisezeit des Paulus werden seine Briefe möglichst chronologisch eingefügt. Dabei gehe ich davon aus, dass alle Briefe (außer dem 2Timotheusbrief) in die Zeit der Apostelgeschichte (33-63 n. Chr.) eingeordnet werden können. Trotz verschiedener Übersetzungsmängel und zum Teil unterschiedlicher Varianten in den alten Manuskripten sind die Bücher des Neuen Testamentes von Gott inspiriert und lassen sich daher in einen sinnvollen Zusammenhang bringen.

Jerusalem sehe ich als die Stadt an, die für Paulus und seinen globalen Dienst eine entscheidende Rolle gespielt hat.

  • In Jerusalem machte er Karriere als jüdischer Rabbi (Apg 22,3);
  • Hier begann auch seine öffentliche Tätigkeit als Nachfolger von Jesus (Apg 7,58);
  • Nach Jerusalem kehrte er immer wieder zurück, sei es zum Kennenlernen der Gemeinde (Apg 9,26) oder des Kephas (Gal 1,18);
  • Zur Berichterstattung (Apg 15,4. 14);
  • Zur Klärung theologischer und praktischer Fragen (Apg 15,2; Gal 2,2);
  • Zum Besuch eines Festes (Apg 20,16) oder zum Dienst an den Heiligen (Apg 11,30; Röm 15,25).
  • In Jerusalem nahm er die Gläubigen gefangen und wurde selbst als Zeuge Jesu gefangen genommen (Apg 8,3; 21,28).

Der Apostel Paulus selbst zieht ein Resümee seiner Arbeit in Römer 15,19 wenn er schreibt:

So  dass ich von Jerusalem und Umkreis bis nach Illyrien das Evangelium des Christus voll ausgerichtet habe.

Ähnlich äußert er sich in seiner Verteidigungsrede vor dem König Agrippa:

„Daher, König Agrippa, war ich nicht ungehorsam der himmlischen Erscheinung, sondern verkündigte denen in Damaskus zuerst und in Jerusalem und in der ganzen Landschaft Judäa und den Nationen, Buße zu tun und sich zu Gott zu bekehren, indem sie der Buße würdige Werke vollbrächten. (Apg 26,19-20).

Obwohl Paulus direkt von Jesus berufen worden war, und vom Heiligen Geist von Antiochien aus in die Heidenmission ausgesandt wurde, fand doch seine Einbindung in die gesamte christliche Gemeinde in Jerusalem statt (Apg 9,26-27;  Gal 2,9-10). Paulus war keineswegs ein Einzelkämpfer speziell für die Heidenmission, sondern er wirkte zusammen mit Petrus und den anderen Aposteln für die Einheit der christlichen Gemeinde des ersten Jahrhunderts. Durch diesen Dienst des Apostels Paulus wird uns auf einzigartige Weise eine von Gottes Geist vorgegebene Konzeption für die missionarische Ausbreitung des Evangeliums von Jesus Christus entfaltet..

1. Kapitel: Tarsus – Jerusalem

1.1 Familie und Kindheit in Tarsus

Bei seiner Verantwortung vor dem jüdischen Volk in Jerusalem nennt Paulus selbst seine Herkunft und den Geburtsort: „Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus in Zilizien.“ (Apg 22,3). Wann er geboren wurde, ist nicht bekannt, aber man vermutet etwa um die Zeitenwende. Die Stadt Tarsus lag im Süden Kleinasiens am Fluss Kydnos, heute ca. 15 km vom Meer entfernt. Tarsus war eine alte Stadt aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. Seit 64 v. Chr. Provinzhauptstadt von Zilizien. Sie war Universitätsstadt und bekannt für die Herstellung von Leinen und Stoffen aus Ziegenhaar. Seit 25 v. Chr. gehörte Ostzilizien mit Tarsus zur römischen Provinz Syrien. Deswegen werden diese beiden Provinzen im Neuen Testament oft zusammen genannt (vgl. dazu Apg 15,23. 41 mit Gal 1,21: „Darauf kam ich in die Gegenden von Syrien und Zilizien“).

Röm Str in Tarsus-IMG_3219

Abbildung 2: Eine römische Strasse in Tarsus etwa 3 Meter unter dem heutigen Stadtniveau. (Foto:  15. April 2011).

Schon seine Großeltern und Eltern dienten Gott: „Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Vorfahren her mit reinem Gewissen“ (2Tim 1,3a). Seine Familie konnte sich rühmen zu der strengen jüdischen Gruppe der Pharisäer zu gehören. Bei seinem letzten Besuch in Jerusalem stellt er sich dem Hohen Ratvor: „Ihr Brüder, ich bin ein Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern (Apg 23,6a). Die Pharisäer waren im Judentum eine politische und religiöse Partei. Ihre Anfänge gehen auf die Vor-Makkabäerzeit zurück. Pharisäer bedeutet: `die Abgesonderten`. Sie waren die strengste Sekte im Judentum (Apg 26,5). Sie glaubten an Engel, an Geister und an die Auferstehung der Toten. Im Gegensatz zu den Sadduzäern überlebten sie das Ende des jüdischen Staates 70 n. Chr. und sind heute in den Gruppen des orthodoxen Judentums vertreten.

Abbildung 3: Das sogenannte Kleopatra-Tor in Tarsus (Foto: 15. April 2011)

.Mit der Geburt erbte Paulus auch das römische Bürgerrecht, welches seine Eltern wahrscheinlich als angesehene Bürger der Stadt verliehen bekamen. Als er später von dem römischen Hauptmann in Jerusalem gefragt wurde: „Sage mir, bist du ein Römer? Er aber sprach: Ja. Und der Oberste antwortete: Ich habe für eine große Summe dieses Bürgerrecht erworben. Paulus sprach: Ich aber bin sogar darin geboren“ (Apg 22,27-28). Nach väterlicher Überlieferung (1Mose 17,12) wurde er am achten Tag beschnitten (Phil 3,5). Paulus konnte sich nicht nur der Zugehörigkeit zum Volk Israel rühmen, sondern auch seine Abstammung auf den Erzvater Benjamin den jüngsten Sohn von Jakob zurückführen (Phil 3,5). Mit der Namensgebung Saul (der Erbetene, der Geliehene) verbanden seine Eltern möglicherweise ihre Wünsche und Hoffnungen. Bei Juden der Diaspora war es üblich, dass sie zwei Namen führten, einen für das bürgerliche Leben und den anderen für den internen synagogalen Gebrauch. So bekam das Kind Saul noch den römischen Namen ´Paulus´, was soviel wie der Geringe, der Kleine bedeutet.

Aus der kurzen Notiz über sich selbst und seine Vorfahren kann man auch auf eine gesetzesgemäße Erziehung schließen (2Tim 1,3). Von klein an lernten die Kinder das sogenannte `Sch`ma` Israel – Höre, Israel (5Mose 6,4-9) und das Hallil – das Lob (Psalm 113-118). Mit fünf Jahren lernten sie das Gesetz lesen und mit sechs Jahren besuchten sie die Gesetzesschule, in der sie das Gesetz und den Talmud (die Sammlung der Traditionen – Satzungen der Ältesten) erlernten. Mit zehn Jahren lernten Kinder die `Mischna` (das mündliche Gesetz) und mit zwölf bzw. dreizehn Jahren bekamen sie persönliche Verantwortung für das Einhalten des Gesetzes und durften mit den Männern in der Synagoge sitzen. Mit fünfzehn Jahren erhielten sie Unterricht im jüdischen Recht.

Dieser Schwerpunkt in der Ausbildung ist auf die Anordnung Gottes zurückzuführen, welche dem Mose gegeben wurde: „Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein. Und du sollst sie deinen Kindern einschärfen, und du sollst davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt und wenn du auf dem Weg gehst, wenn du dich hinlegst und wenn du aufstehst. Und du sollst sie als Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen als Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore4 schreiben“ (5Mose 6,6-9). Doch auch schon Abraham wurde von Gott mit einem bestimmten Schulungsprogramm für seine Nachkommen beauftragt. So lesen wir in 1Mose 18,19: „Denn ich habe ihn erkannt, damit er seinen Söhnen und seinem Haus nach ihm befehle, dass sie den Weg des HERRN bewahren, Gerechtigkeit und Recht zu üben, damit der HERR auf Abraham kommen lasse, was er über ihn geredet hat.“

Wie früher üblich, lernte der Sohn den Beruf des Vaters. Nach Apostelgeschichte 18,3 übte Paulus den Beruf als Zeltmachers aus. „Ein besonderes Tuch, das Cilicium aus Ziegenhaar, das hervorragend vor Kälte und Nässe schützte, wurde in Tarsus hergestellt. Möglicherweise diente es als Stoff für Zelte. Der Zeltmacher (gr. σκηνοποιός) webte seine Planen aus Ziegenhaar; gelegentlich wurde auch Leder verarbeitet. Gebraucht wurden diese Arbeiten für verschiedene Gelegenheiten. Die Antike war weitgehend eine Zelt-Gesellschaft. Es gab Prunk- und Trauerzelte, die mehr als vierhundert Festgäste fassen konnten. Zelte wurden aufgeschlagen, um die Besucher religiöser Feiern unterzubringen und in Zelten wurden Gefallene aufgebahrt. Auch auf Wagen hatte man oft zeltartige Aufbauten, ebenso wurden Schiffe damit ausgerüstet (Hildebrand: 1989, 64). Obwohl diese Berufsbezeichnung im Neuen Testament nur an dieser Stelle vorkommt, wurde dieses Handwerk zu jener Zeit häufig ausgeübt.

Abbildung 4: Die restaurierten Häuserfassaden in Tarsus (Foto: 15. April 2011).

Paulus hatte noch mindestens eine Schwester, die in Apostelgeschichte 23,16 erwähnt wird. Sie wohnte später in Jerusalem, war verheiratet und hatte einen Sohn (Apg 23,16). Nur zweimal gebraucht Paulus den Begriff `meine Mutter` (Röm 16,13; Gal 1,15), es ist jedoch unwahrscheinlich, dass es in Römer 16,13 um seine leibliche Mutter geht. In Römer 16,7 und 16,21b nennt uns Paulus einige Personen, die er als seine Stammverwandten bezeichnet. Über seinen Vater erfahren wir jedoch gar nichts.

Für die Eltern war es nicht leicht, ihren Sohn vor den verschiedenen Einflüssen einer heidnischen Stadt zu schützen. Wegen des bedeutenden Hafens trafen sich dort Kaufleute aus Ost und West, Süd und Nord, welche die Stadt nicht nur mit verschiedenen Waren auffüllten, sondern auch zum moralischen Zerfall beitrugen. Tarsus war eine durch und durch heidnische Stadt, in der der Polytheismus mit allen seinen Abarten und sittenlosen Auswüchsen blühte.

Abbildung 5: EinSchiffsfrack aus der Antike, welches im östlichen Mittelmeerraum geborgen wurde. Es gibt Einblick in die Transport- und Reisebedingungen jener Zeit. Gut möglich, dass auch Saulus auf solch einem Schiff von Tarsus nach Cesaräa unterwegs war (Foto: Archäologisches Museum in Bodrum-Türkei, 17. Mai 2015).

Die Begabung des jungen Paulus, die Wünsche und Hoffnungen der Eltern, sowie die Gefahren der heidnischen Umwelt könnten Gründe dafür gewesen sein, dass er Tarsus wahrscheinlich schon als Jugendlicher verließ. In Begleitung seines Vaters oder anderer Vertrauenspersonen, die nach Jerusalem zu einem der Feste reisten, besstieg Paulus ein Schiff, welches ihn nach Cäsarea brachte.

Je nach Windverhältnissen und Zwischenstopps entlang der phönizischen Küste konnte diese mindestens 500 km lange Schiffsreise etwa 7-10 Tage gedauert haben. Dann ging es zu Fuß hinauf in das etwa hundert Kilometer entfernte Jerusalem.

1.2 Ausbildung zu den Füßen Gamaliels in Jerusalem

In Jerusalem wohnte Paulus entweder bei Verwandten oder bei Freunden. Die Stadt mit ihrer langen Geschichte und dem Tempel als Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes machte auf ihn einen tiefen Eindruck. Im Dunkel des Allerheiligsten wohnte Jahwe, im Vorhof des Tempels verrichteten die Priester ihren Opferdienst.

40005

Abbildung 6: Die Stadt Jerusalem vom Ölberg aus gesehen. Zwischen dem Ölberg und dem Tempelgelände erstreckt sich das Kidrontal von Nord nach Süd. Im nordwestlichen Bereich des Tempelgeländes stadt zur Zeit des Paulus der herodianische Tempel mit dem Eingang nach Osten ausgerichtet (Foto:  Juli 1994).

 Hier war der höchste Repräsentant des jüdischen Volkes, der Hohepriester, Zu dieser Zeit bekleidete dieses höchste Amt Kaiphas (18-36 n. Chr.). Hier in Jerusalem waren die besten Gesetzeslehrer und die höchsten geistlichen Autoritäten anzutreffen. Paulus muss bei seiner Ankunft in Jerusalem noch relativ jung gewesen sein, denn später in seiner Verteidigungsrede vor dem König Agrippa vermerkt er, dass die Juden ihn seit seiner Jugendzeit kannten (Apg 26,4). Und auch noch zur Zeit der Steinigung des Stefanus (etwa im Jahr 34 n. Chr.), wird Paulus als ein Junger Mann (νεανίος – neanios) bezeichnet (Apg 7,58). In der Apostelgeschichte 22,3 sagt Paulus über sich selbst: „Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus, in Zilizien; aber auferzogen (großgezogen worden) in dieser Stadt, zu den Füßen Gamaliels unterwiesen nach der Strenge des väterlichen Gesetzes (Apg 22,3).

Für Erziehung steht der gr. Begriff ´ανατεθραμμένος – anatethrammenos´, den Lukas auch für Jesus gebraucht (Lk 4,16). Dies ist auch ein Hinweiss, dass er schon in jungen Jahren nach Jerusalem kam. Die Ausbildung zu den Füßen Gamaliels wird mit dem gr. Begriff ´πεπαιδευμένος – pepaideumenos´ beschrieben. Mit dem gleichen Begriff wird die umfassende Ausbildung Moses in Ägypten beschrieben (Apg 7,22). Die Ausbildung, welche Paulus genoß, geschah in der Genauigkeit des Gesetzes und der Überlieferungen der Väter. Sein theologischer Rabbi Gamaliel (der Name bedeutet ´Gott hat Gutes getan´), war Pharisäer und Schriftgelehrter. Er gehörte ebenfalls dem Hohen Rat (Synedrium) der Juden an. Er war einer der bedeutendsten jüdischen Theologen seiner Zeit und genoß hohes Ansehen. Gamaliel gehörte dem gemäßigten theologischen Flügel der Pharisäer an (Apg 5,34-40), den sein Großvater Hillel begründet hatte. Wer also bei diesem Mann seine theologische Ausbildung gemacht hatte, konnte mit einer guten Karriere im Judentum und hohem Ansehen rechnen. Er starb ca. 50 n. Chr., denn als Paulus sich auf ihn in seiner Verteidigungsrede beruft (ca. 58/59) lebte er nicht mehr.

Die Erziehung in Jerusalem konnte durchaus auch das Erlernen (oder die Fortsetzung der Ausbildung) des Berufes als Zeltmacher mit eingeschlossen haben. Im Unterricht bei Gamaliel musste Paulus es lernen, den genauen Sinn von Gesetzesstellen festzustellen und dazu jüdische Traditionen heranzuziehen; er musste genau angeben, was der Text verlangt, um die Forderung des Gesetzes zu erfüllen. Die Methoden im Unterricht waren Dialog und Disputation. Gamaliel legte Wert auf große Gewandtheit im Umgang mit der Schrift. Bei praktischen Fragen mussten die in Frage kommenden Schriftstellen zitiert werden.

So wuchs Paulus in Jerusalem zu einem bedeutenden Schriftgelehrten mit tadelloser Lebensführung heran (Phil 3,6b: „der Gerechtigkeit nach, die im Gesetz ist, untadelig geworden“). Um so einen Mann hätte sich wohl jede Synagoge in der Diaspora bemüht.

Aus fehlenden Hinweisen über persönliche Begegnungen mit Jesus und seinen Jüngern können wir schließen, dass Paulus Jerusalem nach seiner Ausbildung wieder verlassen hat. Es liegt nahe, dass er nach Tarsus zurückkehrte, denn den Kontakt zu seiner Heimatstadt hat er nicht abgebrochen. Auch später wird Paulus nach Tarsus geschickt (Apg 9,30). Schließlich besaß er das Bürgerrecht jener Stadt (Apg 21,39) und konnte dort sowohl als Schriftgelehrter in der Synagoge als auch als Zeltmacher arbeiten und seinen Lebensunterhalt verdienen.

Der Hinweis des Paulus in 2Korinther 5,16 „… wenn wir Christus auch nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so“ ist keine direkte Aussage, dass er Jesus noch zu dessen Lebzeiten gesehen hat (die Wir-Form benutzt er auch an anderen Stellen, ohne jedoch sich persönlich miteinzuschließen). Nach dem Damaskusaufenthalt reiste Paulus nach Jerusalem, um Kephas kennenzulernen (Gal 1,18), somit kannte er diesen und damit wohl auch Jesus vorher nicht. Wäre Paulus zum Zeitpunkt der Auferstehung und Pfingsten in Jerusalem gewesen, hätte er, wie viele Tausende andere, Petrus kennengelernt. Sicher haben die Ereignisse des Pfingstfestes auch Tarsus erreicht (Apg 2,5-11). So ist es möglich, dass Paulus von sich aus nach Jerusalem zurückkehrte oder sogar gerufen wurde.

Es gibt keinen Hinweis darüber, dass Paulus verheiratet war. Die Empfehlungen in 1Korinther 7 müssen nicht zwingend aus eigenem Erleben und Erfahrung stammen. Die Aussage in 1Korinther 9,5 „Haben wir etwa kein Recht, eine Schwester als Frau mitzunehmen wie die übrigen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas“, betont eher den freiwilligen Verzicht auf die Ehe.

1.3 Paulus macht Karriere in Jerusalem

Nach Pfingsten (33 n. Chr.) breitete sich das Evangelium so schnell aus, dass schon nach kurzer Zeit die Zahl der Gläubigen in Jerusalem in die Tausende ging (Apg 2,41; 4,4; 5,14). Das Ansehen der Gemeinde bei dem Volk wuchs (Apg 5,13b). Diese Entwicklung forderte die jüdische Führung zum Handeln heraus. Kaiphas, mit dem eigentlichen Namen Josef, im Amt von 18-36 n. Chr., der uns schon aus den Evangelien (Joh 18) und Apostelgeschichte (4,5-6) als Hoherpriester bekannt ist, führt den Hohen Rat an. Im Text wird betont, dass sie mit Eifersucht erfüllt wurden. Diesmal werden alle Apostel ins Gefängnis geworfen (Apg 5,17-18). Der Versuch, die Apostel zum Schweigen zu bringen, misslingt jedoch (Apg 5,19-20). Ihre Unerschrockenheit vor dem Hohen Rat (Apg 5,29) und das Wirken des Heiligen Geistes bewirken Glauben in vielen Priestern (Apg 6,7b). Eben in diese Situation kommt Saulus hinein. Als Schriftgelehrter und Pharisäer war für ihn die Besonderheit der Lehre von der Auferstehung nichts Ungewöhnliches, aber die Behauptung der Anhänger des Nazoräers, der von den Juden und Heiden ans Holz gehängte Jesus sei der Messias, konnte er von der Schrift her nicht begreifen, denn im Gesetz steht geschrieben (5Mose 21,23): „ein Gehängter ist ein Fluch Gottes.“ Somit konnte dieser Jesus unmöglich der von Gott Gesalbte sein.

Wir müssen festhalten, dass man allein durch Bibelwissen Jesus als den Messias nicht erkennen kann. Dazu bedarf es einer Offenbarung Gottes (Mt 16,16-17): „denn Fleisch und Blut haben es dir nicht geoffenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.,“ sagte Jesus dem Petrus. Auch in Lukas 24,44-45 lesen wir: „dann öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verstanden.“

So fing Saulus als Eiferer für Gott (Apg 22,3c) mit aller Macht seiner Schriftkenntnis an, die für das Judentum so gefährliche Lehre zu bekämpfen (Apg 22,4a). In Jerusalem gab es viele Synagogen (Apg 24,12), unter denen eine sich besonders hervor tat. Dies war die Synagoge der Libertiner, Kyrenäer, Alexandriner und derer aus Zilizien und Asien (Apg 6,9), also eine gemischte Synagogengemeinde, in der wahrscheinlich unter anderem auch Griechisch gesprochen wurde. Ludwig Schneller nimmt an, dass sich Paulus bei seiner Rückkehr nach Jerusalem dieser Synagoge angeschlossen hat, wo er auch Landsleute aus der Provinz Kilikien traf (Schneller: 1926, S. 22).

Auch Stefanus mag dieser Synagoge angehört haben, bevor er sich der neuen Bewegung anschloss. Das Streitgespräch, welches Stefanus mit den Leuten aus dieser Synagoge führte, löste bei ihnen nicht Einsicht, sondern Eifersucht aus. Sie bestellten falsche Zeugen, hetzten das Volk, die Ältesten und die Schriftgelehrten auf und führten Stefanus vor den Hohen Rat. Es entsteht der Eindruck, dass der Prozess gegen Stefanus am Anfang mit unrechten Mitteln wie falschen Zeugen geführt wurde. Dann wurde dem Prozess der Schein einer Rechtmäßigkeit gegeben, indem Stefanus vor den Hohen Rat gestellt wurde und sich verteidigen konnte. Schließlich endet der Prozess, ohne einen ordentlichen Urteilsspruch, durch Lynchjustiz.

Obwohl Saulus erst während der Steinigung des Stefanus erwähnt wird, ist es wahrscheinlich, dass er schon bei den Streitgesprächen und dem Prozess dabei war. Es wäre höchst ungewöhnlich, wenn er erst draußen vor den Toren Jerusalems zu der Menge hinzugekommen wäre, um dann eine nicht unbedeutende Aufgabe zu erfüllen (Apg 7,58b; 22,20). Lukas schreibt in Apostelgeschichte 8,1a: „Saulus aber willigte in seine Tötung mit ein“, und in Apostelgeschichte 22,20 sagt Paulus von sich selbst: „Und als das Blut deines Zeugen Stephanus vergossen wurde, stand auch ich dabei und willigte mit ein und verwahrte die Kleider derer, die ihn umbrachten.“ Für Saulus war ein Lästerer mehr aus dem Volke Gottes entfernt worden. Er hatte entweder die Ehre, die Kleider der Zeugen zu bewachen oder er hat damit eine Art Aufsichtsaufgabe erfüllt. Nach Deuteronomium 17,7 mussten die Zeugen als erste Steine auf den Verurteilten werfen.

Etwa drei bis vier Jahre später erwähnt Paulus den Vorfall mit Stefanus im Gebet im Tempel (Apg 22,20). Aus seinen Worten klingt Mitschuld durch. Seine Aussage in Apostelgeschichte 26,10: „und wenn sie umgebracht wurden, so gab ich meine Stimme dazu“, drückt Mitverantwortung aus. Sofern Saulus Stimmrecht gehabt hatte und dem Hohen Rat angehörte, dann nur als Schriftgelehrter (Schneller: 1926, S. 22).. Der Hohe Rat hatte drei Gruppen von Mitgliedern: Priester, Älteste und Schriftgelehrte. Den beiden ersten Gruppen konnte Saulus als Benjaminit und als junger Mann (unter dreißig Jahren, unverheiratet) nicht angehört haben.

Stefanus wurde von gottesfürchtigen Männern bestattet (Apg 8,2). Es waren Jünger, die furchtlos Gott ehrten, indem sie den Bestattungsdienst an Stefanus vollbrachten, ähnlich wie es Josef und Nikodemus an Jesus taten (Joh 19,38-40).

Am gleichen Tag entstand eine große Verfolgung gegen die Gemeinde in Jerusalem (Apg 8,1b), bei der Saulus eine entscheidende Rolle einnahm. In Apostelgeschichte 8,3 schreibt Lukas: „Saulus aber verwüstete die Gemeinde, indem er der Reihe nach in die Häuser ging; und er schleppte sowohl Männer als Frauen fort und überlieferte sie ins Gefängnis.“ Saulus war natürlich nicht allein (Apg 26,10b); er wurde von den Oberpriestern mit Vollmachten ausgestattet, denn sie erkannten in ihm nicht nur seine geistigen Qualitäten als Schriftkenner, sondern auch – und dies war für sie besonders wichtig – seinen unbeugsamen Willen und die Entschlossenheit, die neue Bewegung zu zerstören (Apg 8,3a; 9,21b).

Die Römer räumten den unterjochten Völkern ein großes Maß an Autonomie ein. In Sachen Religion und Gerichtsbarkeit mischten sie sich bei den Juden nicht ein. Nur die Todesstrafe durften Juden nicht ohne Urteil des Statthalters vollstrecken (Joh 18,31). Die Vollmachten des Saulus waren umfangreich.

  • Mit seinen Helfern drang er in Häuser ein (Apg 8,b), schleppte Männer und Frauen fort
  • und ließ sie zunächst in den Synagogen schlagen und geißeln (Apg 22,19b).
  • Er zwang sie zur Lästerung (wohl zum Widerruf)
  • und dann überlieferte er sie in die Gefängnisse (Apg 8,3c).

Der Platz reichte bald in einem Gefängnis nicht mehr aus (Apg 26,10a; 22,4b). Dabei nahm Saulus keine Rücksicht auf das Geschlecht, auch Frauen wurden misshandelt (Apg 22,4b; 8,3b). Saulus ging gründlich ans Werk, die Hausgemeinden wurden systematisch zerstört (Apg 8,3). Diejenigen, die den Mut hatten, zu bleiben oder nicht schnell genug fliehen konnten, landeten in Gefängnissen; einige wurden getötet (Apg 9,1a; 26,10c). Entweder geschah dies durch Lynchjustiz oder es gab ein Abkommen mit Pilatus. Mindestens jedoch hat Pilatus die jüdischen Eiferer gewähren lassen. Hat er schon Jesus gegen besseres Wissen verurteilen lassen, so zeigte sich wohl auch hier seine Charakterschwäche.

Die meisten Gläubigen zerstreuten sich in die Landschaften Judäas und Samariens (Apg 8,1c) und predigten dort das Wort (Apg 8,4a). Einige gingen weiter bis Phönizien, Zypern und Antiochien (Apg 11,19). Die Aussage in Apostelgeschichte 8,1b „alle wurden zerstreut“, ist nicht in der summarischen Vollzahl zu verstehen, sondern als Hyperbel, wie z.B. auch in Markus 1,33: „und die ganze Stadt war an der Tür versammelt.“ Die Gläubigen taten das, was Jesus für die Verfolgungszeiten geboten hatte (Mt 10,23): „Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in die andere.“ Durch Verfolgung wurde die Ausbreitung des Evangeliums keineswegs aufgehalten, sondern eher noch mehr gefördert. Die Verfolgungsaktionen des Saulus beschränkten sich nicht nur auf die Stadt Jerusalem (Apg 26,11b). An dieser Stelle sind die Städte im Plural genannt, außerhalb von Jerusalem. Schon bei dieser ersten großen Verfolgungswelle um ca. 33/34 n. Chr. erfüllten sich Jesu Worte bis in die Details. In Matthäus 10,17 sagte Jesus voraus: „Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch an Gerichte überliefern und in ihren Synagogen euch geißeln.“ In Lukas 21,12 sagte Jesus:  „Vor diesem allem aber werden sie ihre Hände an euch legen und euch verfolgen, indem sie euch an die Synagogen und Gefängnisse überliefern, um euch vor Könige und Statthalter zu führen um meines Namens willen.“

Es ist durchaus möglich, dass sich in jenen Tagen die Voraussage in Lukas 21,16a über Verrat von Familienangehörigen und Freunden ebenfalls erfüllten. In Lukas 21,16b fährt Jesus fort: „Und sie werden einige von euch töten.“ Die erste Gemeinde war auf die Verfolgung vorbereitet und verhielt sich richtig. Sie erinnerte sich an Jesu Worte aus Johannes 16,1-4: „Es kommt sogar die Stunde, daß jeder, der  euch tötet, meinen wird, Gott einen Opferdienst darzubringen.“

Saulus machte Fortschritte im Judentum, mehr als viele Altersgenossen in seinem Volk. In besonders hohem Maß war er ein Eiferer für die väterlichen Überlieferungen (Gal 1,14). Mit seinem Verfolgungseifer meinte er in der Tat, Gott zu dienen. Aber er hatte aus Unwissenheit und im Unglauben gehandelt (1Tim 1,13), und später bezeugt er, ihm sei als dem „ersten“ Sünder Erbarmen und Gnade widerfahren, damit an ihm die ganze Langmut Christi offenbar werde (1Tim 1,14-16).

Vorbildlich, echt, ohne Übertreibung und an den richtigen Stellen legt Paulus seine Vergangenheit offen dar. Er ordnet sie in seinen Lebensplan ein und ist uns damit ein Vorbild, wie man mit den dunklen Seiten des Lebens umgehen kann.

2. Kapitel: Jerusalem – Damaskus – Jerusalem

2.1. Saulus begegnet Jesus vor Damaskus

Über die erste Begegnung des Saulus mit dem auferstandenen Herrn in der Nähe der Stadt Damaskus gibt es drei ausführliche Berichte in der Apostelgeschichte: Kapitel 9,3-9; 22,6-11; 26,12-18. Kurze Hinweise über seine Berufung finden wir in Apostelgeschichte 9,27; Galater 1,15; 1Korinther 15,8; 2Timotheus 1,11 und an anderen Stellen. Die Verfolgung in Jerusalem und Umgebung hat sich wohl über mehrere Monate hingezogen. Dafür spricht zum einen der große Umfang der Verfolgung (Apg 8,1 „διόγμος μέγας – große Verfolgung“ und zum anderen mussten viele Verfolgte erst in Damaskus angekommen sein, sich dort integriert und das Zeugnis von Jesus weitergegeben haben (Apg 8,4), bevor die Informationen über das Zunehmen der Nazoräer in Damaskus zurück nach Jerusalem gekommen sein konnten.

Abbildung 7 Damaskus – die heutige Stadt erstreckt sich von West nach Ost auf einer Länge von etwa 24 Kilometer (Foto: 10. April 2011).

Bis sich Saulus dann entschloss, nach Damaskus zu reisen, verging auch noch Zeit. Auch die Formulierung in Apg 9,1: „Saulus aber schnaubte immer noch Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn“, spricht für Kontinuität und zeitliche Ausdehnung der Verfolgungswelle in Jerusalem und Umgebung. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sich die Verfolgung über längere Zeit hingezogen hat. Nun muss es Saulus wohl aufgefallen sein, dass sein Vorgehen die Ausbreitung der neuen Lehre nicht verhinderte, sondern förderte. Hier werden seine Treue zum gesetzlichen Gottesdienst, sein eiserner Wille, sein fester Charakter sowie sein blinder Eifer für Gott deutlich (Joh 16,2;  Röm 10,2). Paulus hörte, dass viele Gläubige nach Damaskus flohen und dort die neue Lehre verbreiteten.

Damaskus war eine bedeutende syrische Stadt, etwa 242 km von Jerusalem entfernt und zwar in nordöstlicher Richtung (etwa  eine 6-8 Tagereise zu Fuß). Im Jahre 64 v. Chr. wurde Damaskus der römischen Provinz Syrien einverleibt (Haubeck: 1997, 690f). Die Geschichte der Stadt reicht bis in die Frühzeit (1Mose 14). Im 1. Jahrhunbdert hatte sie eine starke jüdische Bevölkerungsgruppe, die in mehreren Synagogengemeinden zusammengeschlossen war. Diese jüdischen Gemeinden betrieben ihrerseits eine starke Proselytenwerbung. Saulus ging es wohl in erster Linie um diejenigen des „neuen Weges“, die von Jerusalem flüchteten (Apg 26,11), also um Jerusalemer Bürger (Haubeck: 1997, 691).

Obwohl die Juden in der Diaspora die Autorität des Hohenpriesters und Ältestenrates in Jerusalem anerkannten, ist es fraglich, ob die dort ansässigen Juden ohne Zustimmung der örtlichen Behörden gefesselt nach Jerusalem geführt werden durften. Auch Jesus wurde gefragt, aus welchem Herrschaftsgebiet er komme (Lk 23,7), und wurde entsprechend zu Herodes gesandt, der für juristische Angelegenheiten der galiläischen Bürger zuständig war.Später taten sich in der Tat die Juden von Damaskus mit den Stadtbehörden zusammen, um Saulus zu fangen (vgl. Apg 9,23 mit 2Kor 11,32).    In Apostelgeschichte 9,14 jedoch bezieht sich die Vollmacht zu fesseln auf alle, welche Jesu Namen anrufen.

Zu der geplanten Verfolgung durch Saulus kam es jedoch nicht.Es mag Saulus einige Überwindung gekostet haben, zu dem amtierenden Hohenpriester Kaiphas zu gehen, der zu der Partei der Sadduzäer gehörte. Lehrmäßig waren sich die Pharisäer und Sadduzäer nicht einig. Ja sogar weit voneinander entfernt; aber wie so oft in Fällen, in denen man einen gemeinsamen Feind hat, sieht man zeitweise über die internen Streitigkeiten hinweg. Die Initiative geht hier von Saulus aus. Und so bekommt er von dem Hohenpriester nicht nur die gewünschte Erlaubnis, sondern auch die erforderlichen Vollmachten in Form von beglaubigten Briefen an die Synagogen von Damaskus (Apg 9,2; 26,12). Dabei wurde die gesamte Aktion auch von anderen Oberpriestern und dem Ältestenrat unterstützt (Apg 22,5; 4,6).

So bekommt Saulus wohl auch Begleitschutz durch die Tempelbehörde für die Ausführung seines Vorhabens und macht sich auf den Weg nach Damaskus.Ludwig Schneller, der die palästinische und syrische Landschaft gut kannte, schreibt Anfang des 20. Jh.: „Acht Tage konnte diese Reise gedauert haben“ (Schneller: 1926, 32). Nach Apg 9,8b sind sie zu Fuß unterwegs – Bilder, die in der Pauluskirche in Damaskus zu sehen sind, nach denen Saulus bei der Erscheinung Jesu vom Pferd stürzt, sind durch die biblischen Texte nicht gedeckt. Wahrscheinlich ist Saulus zunächst entlang des Jordan und dann am See Genezaret über die Golan-Höhen, dann weiter über das biblische Edrej (heute Daraa) nach Damaskus gereist. Was mag in seinem Herzen vorgegangen sein, als er an den Wirkungsplätzen Jesu vorüber zog? Er wird wohl von den vielen Verhören, die er geführt hatte, mehr über Jesus erfahren haben, als ihm lieb war. Aber auch das mutige Erdulden und Ertragen von Schlägen und Misshandlungen seitens der Jünger Jesu, sprach eine deutliche Sprache.

Woher nahmen sie die Kraft, für ihre Verfolger zu beten und sie zu segnen, anstatt sie zu verfluchen (Mt 5,44;  Apg 7,60)? Reisen haben früher mehr als heute Gelegenheit zum Nachdenken geboten. Solch eine Reise konnte nicht nur wegen Gefahr durch Räuber gefährlich sein, sondern bot dem Reisenden je nach Jahreszeit Gelegenheit zum Nachdenken und sich der Natur zu erfreuen.Das große und bedeutende Erlebnis des Saulus wird örtlich und zeitlich festgehalten. Von Süden her kommend, muss Damaskus in der Ebene des Barada-Flusses liegend, weit und gut sichtbar gewesen sein, d.h., nur noch einige Stunden entfernt (Apg 9,3; 22,6).

Die übernatürliche Begegnung mit Jesus geschah „mitten am Tag“ (Apg 26,13) oder „mittags“ (Apg 22,6), also zu einer Tageszeit, als die Sonne im Zenit stand und am hellsten leuchtete.Es gibt wohl kaum einen aufmerksamen Bibelleser, der sich nicht mehr oder weniger an den zum Teil unterschiedlichen Texten, die das gleiche Ereignis beschreiben, gestoßen hätte. Mir geht es jedoch nicht darum, die Unterschiede hervorzuheben, sondern vielmehr die Gemeinsamkeiten, bzw. Ergänzungen zu unterstreichen, wenn auch eine Auseinandersetzung mit den scheinbar gegensätzlichen Aussagen nötig sein wird.Dieter Hildebrand betont in seinem Buch Saulus-Paulus (1989, S. 69): „Nicht die Abweichungen verblüffen, sondern der Grad der Übereinstimmung in allen drei Texten.“ Hinzu kommt, dass Lukas in Kapitel 9 der Apostelgeschichte einen allgemeinen Bericht gibt, während er in den Kapiteln 22 und 26 Paulus selbst zu Wort kommen lässt, der wiederum dieses Erlebnis verschiedenen Personengruppen innerhalb seiner Verteidigungsreden erzählt (Apg 22,1; 26,1-2). Eine Aufstellung der Texte (zum Teil farblich unterschieden) in Form einer Tabelle gibt uns einen besseren Überblick über

  1. die wörtlichen und sinngemäßen Übereinstimmungen,
  2. die Ergänzungen und
  3. die scheinbaren Gegensätzlichkeiten (in rot/kursiv).

Statistisch gesehen sind von den etwa 450 Wörtern aller drei Texte

  • 38% wörtlich oder sinngemäß übereinstimmend,
  • 58% einander ergänzend

und nur ca. 4% einander scheinbar widersprechend.

Allgemeiner Bericht des LukasApg 9,3-9 Verteidigungsrede in JerusalemApg 22, 6-11 Verteidigungsrede in CäsareaApg 26,12-18
Als er aber hinzog, geschah es, daß er sich Damaskus nahte. Und plötzlich umstrahlte ihn ein Licht aus dem Himmel. Es geschah mir aber, als ich reiste und Damaskus nahte, daß um Mittag plötzlich aus dem Himmel ein helles Licht mich umstrahlte. Und als ich dabei mit Vollmacht und Erlaubnis von den Hohenpriestern nach Damaskus reiste, sah ich mitten am Tag, auf dem Weg, o König, vom Himmel her ein Licht, das den Glanz der Sonne übertraf, welches mich und die mit mir reisten umstrahlte.
Und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die zu ihm sprach: Und ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die zu mir sprach: Als wir aber alle zur Erde niedergefallen waren, hörte ich eine Stimme in hebräischer Mundart zu mir sagen:
Saul, Saul, was verfolgst du mich? Saul, Saul, was verfolgst du mich? Saul, Saul, was verfolgst du mich? Es ist hart für dich, gegen den Stachel auszuschlagen!
Er aber sprach: Wer bist du, Herr? Ich aber antwortete: Wer bist du, Herr? Ich aber sprach: Wer bist du, Herr?
Er aber (sagte): Ich bin Jesus, den du verfolgst! Und er sprach zu mir: Ich bin Jesus, der Nazoräer,den du verfolgst. Der Herr aber sprach:Ich bin Jesus, den du verfolgst.
Die aber bei mir waren, sahen zwar das Licht, aber die Stimme dessen, der mit mir redete, hörten sie nicht.
Ich sagte aber: Was soll ich tun, Herr? Der Herr aber sprach zu mir:
Doch steh auf und geh in die Stadt und es wird dir gesagt werden, was du tun sollst. Steh auf und geh nach Damaskus und dort wird dir von allem gesagt werden, was dir zu tun verordnet ist. Aber richte dich auf und stell dich auf deine Füße, denn hierzu bin ich dir erschienen, dich zu einem Diener und Zeugen dessen zu verordnen, was du gesehen hast, wie auch dessen, worin ich dir erscheinen werde. Ich werde dich herausnehmen aus dem Volk und den Nationen, zu denen ich dich sende ihre Augen aufzutun, daß sie sich bekehren von der Finsternis zum Licht und von der Macht des Satans zu Gott, damit sie Vergebung der Sünden empfangen und ein Erbe unter denen, die durch den Glauben an mich geheiligt sind.
Die Männer aber, die mit ihm des Weges zogen, standen sprachlos, dasie wohl die Stimme hörten, aber niemand sahen.
Saulus aber richtete sich auf von der Erde. Als sich aber seine Augen öffneten, sah er nichts. Und sie leiteten ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus. Da ich aber von der Herrlichkeit jenes Lichtes nicht sehen konnte, wurde ich von denen, die bei mir waren, an der Hand geleitet und kam nach Damaskus.
Und er konnte drei Tage nicht sehen und aß und trank nicht.
    • Bei der zentralen Aussage Saul, Saul, was verfolgst Du mich? und der Gegenfrage „Wer bist Du, Herr?“ gab es wohl keinen Anlass, bei den unterschiedlichen Gelegenheiten verschiedene Begriffe zu gebrauchen.
    • Bei der zweiten Aussage „Ich bin Jesus, den Du verfolgst“ fügt Paulus noch die Herkunftsbezeichnung „Nazoräer“ Vor dem Volk Israel (Apg 22,8) zitiert Paulus die volle Antwort Jesu, weil dies für die Juden wichtig war. Es geht um Jesus, den Nazoräer (Apg 4,10 und Joh 19,19).
    • Die zweite Frage des Paulus, „Was soll ich tun, Herr?“, ist im Zusammenhang mit der Verteidigungsrede in Jerusalem wichtig. Bis dahin hatte Paulus einen anderen Auftraggeber gehabt, den er fragen musste. Die Antwort Jesu auf diese Frage wird von Paulus in unterschiedlichem Umfang wiedergegeben. Die Antwort Jesu, die Berufung und Auftrag einschließt, fügt Paulus in seine Verteidigungsrede vor dem König Agrippa ein und nutzt damit die Gelegenheit zur Evangelisation (Apg 26,29) und zur Begründung seines Gehorsams gegenüber seinem neuen Dienst-Herrn (Apg 26,19).

    Während wir beim Inhalt dieses Zwiegesprächs allein auf Saulus als Zeugen angewiesen sind, müssen wir feststellen, dass er nicht genau mitbekam, was mit seinen Begleitern geschah, bzw. wie sie die Vorfälle erlebten. Auch ist im Zwiegespräch, welches primäre Bedeutung hat, ein klares und eindeutiges Konzept zu sehen: Klare Aussagen von Jesus, logische Fragen von Saulus, wiederum für Saulus verständliche Antworten von Jesus. Der Rahmen jedoch, in dem die Botschaft übermittelt wird, enthält viele übernatürliche Elemente, die zum Teil auch unterschiedlich wahrgenommen werden. Daher ist es verständlich, wenn ergänzende oder sogar gegensätzliche Aussagen gemacht werden. Es ist auch leicht nachvollziehbar, dass es auf dem Restweg nach Damaskus zwischen Saulus und seinen Begleitern zum Austausch gekommen ist, wobei nicht unbedingt ein einheitliches Bild von den Begleitumständen des Ereignisses entstand. Ein übernatürliches Ereignis wird in der Regel subjektiv wahrgenommen.

    1. a) Die Wahrnehmung durch Sehen:
    • Ein helles Licht umstrahlt plötzlich Saulus und seine Begleiter (Apg 26,13).
    • Saulus wird so stark geblendet, dass er eine Zeitlang (3 Tage) nicht sehen kann (Apg 22,11).
    • Die Begleiter sehen zwar das Licht, werden aber nicht geblendet (Apg 22,9).
    • Die Begleiter sehen niemand, d. h. keine Gestalt (Apg 9,7).
    • Saulus sieht (auch ohne natürliches Sehvermögen) den Herrn (Apg 26,16; 9,17b; 9,27; 1Kor 15,8).

    b) Zu: Wer fiel zu Boden?

    • Saulus und seine Begleiter fallen zur Erde/Boden (Apg 26,14).
    • Die Begleiter stehen irgendwann auf und sind sprachlos (Apg 9,7). Anmerkung: Wir vergleichen dazu Johannes 18,18 mit Markus 14,54 und die klärenden Details in Markus 14,68b-70. Johannes beschreibt Petrus stehend am Feuer mit den Dienern. Markus beschreibt Petrus als sitzend am Feuer mit den Dienern. Was nun, steht Petrus oder sitzt er? Er tur beides, aber nicht gleichzeitig. Markus beschreibt Petrus, wie er aufsteht, in den Vorhof des Palastes hinausgeht und sich zu den anderen Dienern dazustellt.
    • Saulus wird am Ende der Unterredung vom Herrn ausdrücklich aufgefordert aufzustehen (Apg 22,10). Die Begleiter standen schon vorher unaufgefordert auf.

    c) Die Wahrnehmung durch Hören:

    • Saulus hörte eine Stimme (Apg 22,7). Diese Stimme ist ausdrücklich an ihn gerichtet (Apg 26,14).
    • Die Stimme geschah im hebräischen Dialekt (Apg 26,14).
    • Saulus konnte die Worte verstehen (Apg 22,10a).
    • Dass die Begleiter nicht mithören/verstehen konnten, was zu Saulus gesagt wurde (Apg 22,9), hat er wohl erst im Nachgespräch erfahren. Die Aussage in Apostelgeschichte 9,7, „sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemand“, betont die Einschränkung der Begleiter nicht nur im Sehen, sondern auch im Hören. Anmerkung: Für dieses Hören und doch nicht Hören/verstehen gibt es auch ein Beispiel in Johannes 12,28-29. Auch dort wurde die himmlische Stimme von den Dabeistehenden unterschiedlich wahrgenommen. Ein Teil des Volkes nehmen Donnergeräusch wahr, ein anderer Teil meint Engel reden zu hören. Wenn diese Stimme auch um der Menschen Willen geschah, wurde sie von ihnen doch nicht einheitlich wargenommen und schon gar nicht verstanden. Für das Volk war es ein Zeichen vom Himmel, nur Jesus verstand, was der Vater sagte.

    Ergebnis: Lukas, der in einer Vielzahl von Details so präzise Angaben und Aussagen macht, wird sich doch an dieser Stelle nicht selbst widersprochen haben. Ich nehme an, dass der Heilige Geist den Lukas so geführt hat, dass er die scheinbar gegensätzlichen Aussagen nicht ausbügelte; vielmehr wird gerade dadurch das begrenzte und unterschiedliche Fassungsvermögen des Menschen zum Ausdruck gebracht, das sich zeigt, wenn er mit der himmlischen Welt konfrontiert wird.

    In wenigen Minuten ist die mit viel Fleiß und Arbeit mühsam aufgebaute Lebenswelt des Saulus zusammengebrochen. Was er gesehen und gehört hatte, war so real, dass es sein Leben lang nie Zweifel gab, was den Glauben an Jesus betraf (2Tim 4,7). Doch so gewaltig dieses Erlebnis und so ehrlich das Fragen des Saulus auch war, Bekehrung und Wiedergeburt durch Wort und Geist kann man dieses Erlebnis noch nicht nennen.

    Da Saulus auf Grund der Klarheit des Lichtes nichts sehen kann, wird er an der Hand geleitet (ist also zu Fuß unterwegs) und nach Damaskus gebracht (Apg 9,8b).

2. 2. Bekehrung des Saulus in Damaskus

Als Saulus am späten Nachmittag in die alte syrische Stadt Damaskus einzieht, ist die Stimme des Herrn immer noch in seinen Ohren. Es ist möglich, dass er an die Geschichten des Alten Testamentes dachte, in denen Damaskus eine nicht geringe Rolle gespielt hat (1Mose 14,15; 15,2; 2Sam 8,5; 1Kön 19,15; 2Kön 5,12; 8,7-9). Nun zieht er selber in diese Stadt ein. Doch er kann sich an dem pulsierenden Leben der Menschen nicht erfreuen, er sieht nichts. Momentan war er geistlich gesehen im Niemandsland. Zu seinem alten Leben würde er niemals mehr zurückkehren können, aber die Zukunft war noch nicht bestimmt.

Jesu Weisung war klar und eindeutig: „geh nach Damaskus, und dort wird dir von allem gesagt werden, was dir zu tun verordnet ist“ (Apg 22,10b). Saulus wird bei einem Juden namens Judas untergebracht. Dieser Jude wohnt in der „geraden“ Gasse. (Das griechische Wort „ευθεος“ heißt „sofort“, es wird in diesem Zusammenhang jedoch mit „gerade“, im Gegensatz zu „krumm“ übersetzt). Der Ausdruck „und er konnte drei Tage nicht sehen“ (Apg 9,9), kann nach hebräischem Verständnis bedeuten, dass er schon am übernächsten (also am dritten) Tag von Ananias besucht wurde. Saulus war es in dieser Zeit nicht nach Essen und Trinken zu Mute, Viele Fragen beschäftigten ihn jetzt. Bilder aus der jüngsten Verfolgungszeit, die Pläne, hier in Damaskus reiche Beute zu machen, quälten ihn in seinem Gewissen. Wie konnte er das, was er angerichtet hatte, wieder gutmachen? Doch nun tut er das einzig Richtige in dieser Situation: er betete (Apg 9,11), und der Herr zeigte ihm in einem Gesicht den Ananias (Apg 9,12), der dann zu ihm kam, ihm die Hände auflegte und Weisungen erteilte.

IMG_2302

Abbildung 8 Ananias legt Saulus die Hände auf und überbringt an ihn den Auftrag des Herrb. Eine Skulptur in der Ananiaskapelle in der Altstadt von Damaskus (Foto: P. Schüle 11. April 2011).

Dieser Ananias war gottesfürchtig nach dem Gesetz, hatte ein gutes Zeugnis bei den Juden in Damaskus (Apg 22,12) und war ein Jünger Jesu (Apg 9,10.13). Was Saulus dann am dritten Tag erlebte, lässt sich aus den zwei Texten der Apostelgeschichte 9,17-19 und 22,13-16 rekonstruieren:

  • Durch Handauflegung und Zuspruch des Ananias wird Saulus wieder sehend (Apg 22,16b).
  • Der Auftrag an Saulus wird wiederholt bzw. ergänzt (Apg 22,14-15).
  • Durch Anrufung des Namens Jesu erlangt Saulus Sündenvergebung (Apg 22,16 b).
  • Er lässt sich taufen (Apg 22,16b).
  • Er wird durch erneute Handauflegung durch Ananias, mit dem Heiligem Geist erfüllt (Apg 9,17).
  • Er nimmt Speise zu sich und kommt wieder zu Kräften (Apg 9,19).

Ananias legt Saulus die Hände auf und überbringt an ihn den Auftrag des Herrb. Eine Skulptur in der Ananiaskapelle in der Altstadt von Damaskus (Foto: am 11. April 2011).

Sicher war das, was Saulus vor Damaskus erlebte, mehr als nur ein geistliches Wachrütteln, aber die Bekehrung zu Christus durch die Sündenvergebung, Taufe und die darauf folgende Erfüllung mit dem Heiligen Geist, hat er erst in Damaskus erlebt. Die Aufforderung des Ananias in Apostelgeschichte 22,16 „Und nun, was zögerst du, steh auf, lass dich taufen und abwaschen deine Sünden indem du den Namen des Herrn anrufst“, spricht ebenfalls für die Umkehr des Saulus in Damaskus und nicht schon bei der ersten Begegnung vor Damaskus.

Abbildung 9: Der von den Damaszenern bereits im Alterumgeschätzte Fluss Barada gehört heute noch zum Stadtbild(Foto: 11. April 2011).

Das alte Gebäude seines Lebens war völlig eingestürzt. Nun wurde ein neues, tragfähiges Fundament gelegt – Christus, seine Gnade, seine Vergebung und seine Gerechtigkeit. Auf diesem Fundament begann er nun aufzubauen.

2.3. Paulus bezeugt Jesus Christus in Damaskus

Der Text, der vom ersten Zeugnis des Saulus in Damaskus berichtet, ist sehr kurz, dafür aber voller wichtiger und interessanter Aussagen. Saulus geht nicht zu den örtlichen Synagogenleitern, um Grüße aus Jerusalem zu überbringen oder gar sich zu rechtfertigen für seine veränderte Einstellung gegenüber der neuen Bewegung, deretwegen er nach Damaskus kam. In Apostelgeschichte 9,19b wird deutlich gesagt, wo er sich nun aufhält, nämlich bei den Jüngern in Damaskus, d.h., bei denen, die er verfolgen, fesseln und nach Jerusalem bringen wollte.

Welch ein Triumph der Gnade Gottes. Die Jünger in Damaskus konnten es kaum fassen, doch sie sahen mit ihren eigenen Augen die Veränderung im Leben dieses Mannes. Sie hörten immer wieder von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus. Der von allen anerkannte und glaubwürdige Zeuge Ananias bestätigte die Echtheit der Bekehrung des Saulus. Hier bei den Jüngern fand er herzliche Aufnahme und Zuspruch, Einige Tage war Saulus bei den Jüngern und sofort am folgenden Sabbat wollte er öffentlich Zeugnis geben von seiner Begegnung mit Jesus.

Abbildung 10: Der Haupteingang zur Pauluskirche in der Altstadt von Damaskus (Foto:  11. April 2011 ).

Er nutzte also die nächstmögliche Gelegenheit, um in den Synagogen der Stadt von Jesus zu predigen. Da es in Damaskus mehrere Synagogen gab, ist anzunehmen, dass er mindestens Wochen, wenn nicht sogar Monate dort verbrachte. Der Kern seiner Predigt war: „Jesus ist der Sohn Gottes“ (Apg 9,20) und „Jesus ist der Messias“ (Apg 9,22b). Auf dieser Grundlage predigte er das „Umdenken und die Hinwendung(Bekehrung)zu Gott, um des Umdenkens würdige Werke zu tun“ (Apg 26,20). Diese für ihn neue Glaubensgrundlage hat er durch die Offenbarung Jesu bekommen (Gal 1,12). Dass Gott seine gute Kenntnisse des Alten Testaments mitbenutzte, ist ohne Zweifel. Jedoch die Erkenntnis „Jesus ist der Messias und der Sohn Gottes“, kann einem Menschen nur durch göttliche Offenbarung zuteil werden (Mt 16,17; Lk 24,45).

Ausdrücklich betont Paulus in der Apostelgeschichte 26,20, dass er zuerst in Damaskus gepredigt hatte. Die Reaktion auf seine Predigt ist ebenso verblüffend wie auch verständlich. Es gibt keinen Hinweis auf Massenbekehrungen, obwohl sie gar nicht ausgeschlossen sind. Deutlich betont wird jedoch die Bestürzung der Juden über den plötzlichen Frontwechsel bei diesem Mann aus Tarsus und Bevollmächtigten aus Jerusalem(Apg 9,21). Es entsteht der Eindruck, dass Saulus in Damaskus unter den Juden nicht so sehr warmherzig und werbend das Evangelium verkündete, sondern sie mehr durch massive Schriftbeweise zur radikalen Umkehr herausforderte. Dies entspräche ganz seinem Temperament. So wie eine Feder, die bis ans Äußerste ihrer Spannungsmöglichkeit auseinander gezogen und dann plötzlich losgelassen wird, in die Gegenrichtung schnellt, so mag es auch aus Saulus, der sofort alle überzeugen wollte, hervor gesprudelt haben.

Es ist nicht deutlich, wo im Lukanischen Bericht die sogenannte „Arabienlücke“ zu suchen ist, zwischen Apostelgeschichte 9,21 und 22 oder 9,22 und 23; beides wäre möglich. Falls Saulus bei seiner Rückkehr aus Arabien auch seinen Predigtstil geändert hat, der Inhalt blieb mit Sicherheit der gleiche. Eindeutig muss jedoch der Vers 23 in Kapitel 9 dem zweiten Damaskusaufenthalt zugeordnet werden. Ein Anschlag auf Saulus zum Ende des ersten Aufenthaltes in Damaskus scheint fraglich, da sonst seine erneute Rückkehr trotz Todesgefahr unverständlich wäre.

2.4. Paulus reist nach Arabien

Lediglich ein paar Worte werden zu dieser Arabienreise gesagt. Den Galatern schreibt Paulus (Gal 1,17): „ich ging sogleich (gr. ευθεος) fort nach Arabien und kehrte wieder  nach Damaskus zurück.“ Es gibt keine detaillierten Angaben über das Ziel, die Dauer und den Grund der Reise. Deshalb gilt auch hier die Feststellung: je weniger Informationen, desto mehr Spekulationen sind im Umlauf. Trotzdem ist es sinnvoll, darüber nachzudenken und einige Überlegungen anzustellen.

a) Geographische Einordnung von Arabien

Arabien ist von dem Hebräischen `Arabah` (Wüste), abgeleitet. Schaut man auf Karten des Orients, so lässt sich dieses Gebiet im Süden gut in die Arabische Halbinsel einordnen, im Norden rechnete man zum Zeitpunkt der Arabienreise des Saulus das Nabatäerreich mit der Hauptstadt Petra, unter deren Verwaltung auch Damaskus stand (2Kor 11,32).

In dem Gebiet des nördlichen Arabien wird sich Saulus aller Wahrscheinlichkeit nach aufgehalten haben. Wenn Jesus dem Saulus oft innerhalb weniger Tage konkrete Weisungen gegeben hat (Apg 22,10; 9,12), dann wird er das Weggehen von Damaskus nach Arabien kaum auf eigene Faust unternommen haben.

b) Dauer des Arabienaufenthalts

Auch über die Dauer des Arabienaufenthaltes kann man nur Vermutungen anstellen. Man kann nicht aufgrund fehlender biblischer Informationen sagen, der Aufenthalt dort wäre kurz gewesen. Allerdings kann er auch keine drei Jahre gedauert haben. Nach Galater 1,18 betrug die gesamte Zeitspanne zwischen Bekehrung und dem ersten Jerusalembesuch schon drei Jahre (siehe auch die Erklärung in Kap. 2.6.). Wenn man die Wirksamkeit des Apostels in Damaskus vor und nach Arabien genauer analysiert, könnte der Arabienaufenthalt durchaus (ein Jahr?) gedauert haben. Sein Beruf als Zeltmacher könnte ihm dort gut zustatten gekommen sein.

c) Mögliche Gründe für den Arabienaufenthalt

Auch zu den Günden der Reise macht Paulus keinerlei Angaben. Aus der Aussage in Galater 1,17 „ich ging weg“ geht jedoch hervor, dass er Damaskus nicht fluchtartig verlassen hat, sondern wohlüberlegt und geplant. Nach stürmischen Wochen oder Monaten angefüllt mit der Verkündigung des Evangeliums, sowie der Beweisführung aus dem Alten Testament brachte Saulus die Juden in Verwirrung (Apg 9,22), so dass sich bald eine Gegenoffensive anbahnte. Ein Rückzug in die Stille wäre genauso verständlich wie auch neutestamentlich begründet. Nicht ausgeschlossen ist auch ein missionarischer Vorstoß in die arabischen Gebiete (Apg 26,17), wo es ja auch Juden gab (Apg 2,11). Dass Paulus in seiner Rede an den König Agrippa von seinem Zeugnis in Damaskus und Jerusalem spricht, Arabien aber nicht erwähnt, ist noch kein Beleg dafür, dass er nicht auch in Arabien gepredigt hat. Kann sich jemand den Paulus als Schweigenden vorstellen? Aber aus der Gesamtperspektive seines Lebensdienstes gesehen, waren jene Gebiete nicht sein Missionsfeld

0233-IMG_9994

Abbildung 11: Ein Berg aus schwarzem Basalt im Wadi Rum in Südjordanien, unweit der Grenze zu Saudiarabien. Schon zur Zeit des Alten Testamentes suchten die Propheten die Stille und Einsamkeit in der Wüste (Foto:   6. November 2014).

In Galater 4,25 lokalisiert Paulus den Berg Sinai als „in Arabien“ befindlich. Er wusste also wo sich der Berg Sinai befand. War er vielleicht dorthin gereist zum bedeutenden Ort des Bundesschlusses zwischen Gott und dem Volk Israel? Aufgrund der Erklärung und Deutung des Zusammenhangs zwischen Hagar und Sinai in Galater 4,24ff könnte man sein Interesse am Berg Sinai in Arabien teilweise ableiten. Die Tatsache, dass gerade er im Galaterbrief zweimal Arabien nennt, lässt darauf schließen, dass ihm Arabien als Gebiet mit seiner historischen/theologischen Relevanz nicht gleichgültig war (2Mose 3,1-4Mose 10,13,; 1Kön 19,1-16). Obwohl Arabien `Wüste` und Araber ` Wüsten- oder Steppenbewohner` bedeutet, gab es dort seit uralten Zeiten auch Städte mit Hochkulturen und erfolgreichem Wirtschafts- und Handelsleben. Da zur Zeit des Saulus Arabien nicht nur die Arabische Halbinsel einschloss, sondern auch die Syrische Wüste südöstlich von Damaskus, ebenso die Gebiete des ehemaligen Moab und Edom, könnte sein Interesse auch diesen letzteren Gebieten gegolten haben, war doch das Ostjordanland eng mit der Geschichte seines Volkes verbunden.

2.5. Erneuter Aufenthalt in Damaskus und Flucht

Paulus folgte lebenslang dem Grundsatz, Missionsgebiete, in denen er das Evangelium verkündigte, immer wieder aufzusuchen und die dort gewonnenen Gläubigen zu stärken. Vorerst zog es ihn nicht nach Jerusalem, sondern zurück nach Damaskus, wo er sich zum Herrn bekehrte und wo er so herzliche Aufnahme bei den Jüngern gefunden hatte, dorthin, wo er seine ersten Schritte im Glauben machen konnte.

In Damaskus gab es eine funktionierende Gemeinde; es gab viele Juden und mehrere Synagogen. Die Stadt war ein Knotenpunkt für den ost-west und süd-nord Handel, eine Karawanenstadt am östlichen Rand des riesigen römischen Reiches.

Wenn Paulus noch später auf seinen Missionsreisen immer wieder sein Handwerk als Zeltmacher nutzte, um für sich und oft auch für seine Mitarbeiter das tägliche Brot zu verdienen (Apg 20,33) dann wird er auch sicherlich hier in Damaskus gearbeitet haben; die Stadt war auch für ihre Webereien bekannt.

An den Sabbaten wurde jede Gelegenheit genutzt, um das Evangelium zu predigen. Noch predigte Saulus den Juden oder auch den Proselyten, von denen es in Damaskus viele gab. Proselyten waren Heiden, die durch Beschneidung und Taufe in die jüdische . Gemeinschaft aufgenommen wurden. Er muss Erfolg gehabt haben, so dass sich schon bald wieder eine starke Opposition von Seiten der Juden gegen ihn formierte.

Im Text der Apostelgeschichte 9,23 lesen wir: „als sich aber viele Tage erfüllten, beschlossen die Juden ihn umzubringen“. Diese unbestimmte Zeitangabe lässt nicht nur auf Wochen, sondern auch auf einige Monate der Wirksamkeit des Apostels schließen.

Eindeutig geht der Beschluss, Saulus umzubringen, auf die Juden zurück (Apg 9,23b). Aber so viele Juden es auch in Damaskus gab, und so selbständig sie in einer für sie fremden Stadt in den Synagogenverbänden ihre Religion auch ausüben konnten, an einen römischen Bürger aus einer freien Stadt wie Tarsus, die sich dazu unter römischer Oberhoheit befand, konnten sie nicht so einfach herankommen. Lukas berichtet hier nicht vollständig, und es ist gut, dass wir von Paulus in 2Korinther 11,32 ergänzende und dazu noch geschichtlich wichtige Aussagen haben, dank derer wir die Flucht aus Damaskus zeitlich ziemlich genau einordnen können.

Damaskus wurde zwar schon 64 v. Chr. der römischen Provinz Syrien einverleibt, aber unter der Herrschaft Caligulas (37-41 n. Chr.) kam Damaskus für kurze Zeit unter die Oberhoheit des Nabatäerkönigs Aretas IV., der von 9 v. Chr. bis 39 n. Chr. regierte. Aretas ließ die Stadt Damaskus durch einen Statthalter, wörtlich: `έτναρχ – Volksfürst` (2Kor 11,32) verwalten.

2.5. Des Paulus erneuter Aufenthalt in Damaskus und Flucht

Paulus folgte lebenslang dem Grundsatz, Missionsgebiete, in denen er das Evangelium verkündigte, immer wieder aufzusuchen und die dort gewonnenen Gläubigen zu stärken. Vorerst zog es ihn nicht nach Jerusalem, sondern zurück nach Damaskus, wo er sich zum Herrn bekehrt hatte und wo er so herzliche Aufnahme bei den Jüngern gefunden hatte, dorthin, wo er seine ersten Schritte im Glauben machen konnte.

Abbildung 12: Ein Teil der alten Stadtmauer von Damaskus, an der die frühere Bau- und Wohnweise erkennbar ist. Die Eingänge zu den Häusern und Wohnungen in der Stadtmauer sind nur von innen möglich, doch solch eine Fensteröffnung nach draußen ist eine ideale Möglichkeit, um in einem Tragekorb an einem Seil die Flucht unauffällig möglich zu machen (Foto:  11. April 2011).

In Damaskus gab es eine funktionierende Gemeinde; es gab viele Juden und mehrere Synagogen. Die Stadt war ein Knotenpunkt für den Ost-West und Süd-Nord Handel, eine Karawanenstadt am östlichen Rand des riesigen römischen Reiches.

Wenn Paulus noch später auf seinen Missionsreisen immer wieder sein Handwerk als Zeltmacher nutzte, um für sich und oft auch für seine Mitarbeiter das tägliche Brot zu verdienen (Apg 20,33) dann wird er auch sicherlich hier in Damaskus gearbeitet haben; die Stadt war auch für ihre Webereien bekannt.

An den Sabbaten wurde jede Gelegenheit genutzt, um das Evangelium zu predigen. Noch predigte Saulus den Juden oder auch den Proselyten, von denen es in Damaskus viele gab. Proselyten waren Heiden, die durch Beschneidung und Taufe in die jüdische . Gemeinschaft aufgenommen wurden. Er muss Erfolg gehabt haben, so dass sich schon bald wieder eine starke Opposition von Seiten der Juden gegen ihn formierte.

Im Text der Apostelgeschichte 9,23 lesen wir: „als sich aber viele Tage erfüllten, beschlossen die Juden ihn umzubringen“. Diese unbestimmte Zeitangabe lässt nicht nur auf Wochen, sondern auch auf einige Monate der Wirksamkeit des Apostels schließen.

Eindeutig geht der Beschluss, Saulus umzubringen, auf die Juden zurück (Apg 9,23b). Aber so viele Juden es auch in Damaskus gab, und so selbständig sie in einer für sie fremden Stadt in den Synagogenverbänden ihre Religion auch ausüben konnten, an einen römischen Bürger aus einer freien Stadt wie Tarsus, die sich dazu unter römischer Oberhoheit befand, konnten sie nicht so einfach herankommen. Lukas berichtet hier nicht vollständig, und es ist gut, dass wir von Paulus in 2Korinther 11,32 ergänzende und dazu noch geschichtlich wichtige Aussagen haben, dank derer wir die Flucht aus Damaskus zeitlich ziemlich genau einordnen können.

Damaskus wurde zwar schon 64 v. Chr. der römischen Provinz Syrien einverleibt, aber unter der Herrschaft Caligulas (37-41 n. Chr.) kam Damaskus für kurze Zeit unter die Oberhoheit des Nabatäerkönigs Aretas IV., der von 9 v. Chr. bis 39 n. Chr. regierte. Aretas ließ die Stadt Damaskus durch einen Statthalter, wörtlich: `ετναρχ – Volksfürst` (2Kor 11,32) verwalten.

Da Caligula seine Herrschaft in Rom im Frühjahr 37 n. Chr. antrat und Aretas’ Herrschaft 39 n. Chr. endete, bleiben für die kurze Verwaltung der Stadt Damaskus durch den Nabatäerkönig nur zwei Jahre übrig. Für die Flucht aus Damaskus scheint mir das Jahr 37 deswegen naheliegend zu sein, weil nicht selten mit dem Kaiserwechsel in Rom auch Herrschaftsveränderungen in den Provinzen einhergingen. Auch die Juden konnten solch einen Machtwechsel für ihre eigenen Interessen nutzen, wie der Vergleich von Apostelgeschichte 18,12 mit 25,1-2 zeigt – Paulus vor Gallio in Korinth, Paulus vor Festus in Cäsarea. Als römischer Bürger stand Saulus bis zu solch einem Macht- und Verwaltungswechsel unter römischem Schutz. Dies änderte sich jedoch schnell zugunsten der dort ansässigen Juden, die in dem arabischen Fürsten plötzlich einen Verbündeten fanden. Jedoch konnte solch eine Großrazzia nicht geheim ablaufen, weil es auch viel gläubige Juden gab, die in verschiedenen Kreisen der Stadt tätig waren und wahrscheinlich Saulus warnten, die Stadt Damaskus nicht durch die Tore zu verlassen.

Abbildung 13: Ob der Korb, in dem Saulus hinabgelassen wurde, so ausgesehen hatte? Dieses Exemplar ist in der Paulus-Kirche in Damaskus ausgestellt (Foto:  11. April 2011).

An Einfallsreichtum fehlte es den Jüngern nicht und vielleicht erinnerten sie sich an die zwei Kundschafter, die Jericho auf eine ungewöhnliche Art und Weise verlassen hatten (Jos 2,15). Nur wurde es dem Saulus etwas bequemer gemacht: er wurde in einem Korb an der Außenmauer durch eine Fensteröffnung (Pförtchen) hinabgelassen (Apg 9,25). Auf diese Weise entkam er den Juden und dem Statthalter.

Am hellen Tag, jedoch blind, hatte er zum ersten Mal Damaskus betreten; in dunkler Nacht, aber mit dem hellsten Licht im Herzen, verließ er diese Stadt. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er die Stadt seiner Bekehrung anschließend noch einmal besucht hätte. Doch auf diese Weise ging Damaskus in die Geschichte und das Bewusstsein der christlichen Gemeinde ein.

2 6. Paulus kehrt nach Jerusalem zurück

Nun hatte Saulus ein klares Ziel vor sich: es war Zeit, nach Jerusalem zurückzukehren (Apg 22,16), es zog ihn geradezu dort hin, weil er Kephas kennenlernen wollte (Gal 1,18b). Seit seiner Bekehrung waren drei Jahre vergangen; oder waren es drei Jahre seit seiner Rückkehr aus Arabien? Der Kontext in Galater 1 gibt eine mögliche Antwort auf diese Frage.

Die Zeitangaben in Galater 1,18 und Galater 2,1 sind einmalig. An beiden Stellen folgt nach dem grichischen `επειτα`- èpeita – dann, danach, darauf, die bestimmte Zeitangabe: drei Jahre bzw. vierzehn Jahre. In der Regel baut das `επειτα` zeitlich auf das auf, was unmittelbar vorher geschehen ist, vgl. z. B. Galater 1,21 „Darauf“ (also nach dem fünfzehntägigen Aufenthalt in Jerusalem) „ging ich in die Gebiete Syriens und Kilikiens“. Wenn aber die Angabe „nach drei Jahren“ (Gal 1,18) auf den Zeitpunkt der Rückkehr aus Arabien aufbauen würde, würde dies bedeuten, dass Saulus‘ zweiter Aufenthalt in Damaskus drei Jahre lang dauerte. Das ist bei der Entwicklung der Umstände in Damaskus nicht vorstellbar. Das gleiche gilt auch für Gal 2,1: „dann, nach vierzehn Jahren“. Würde Paulus die vierzehn Jahre seit seinem ersten Jerusalembesuch rechnen, dann käme man für den Jerusalembesuch in Galater 2,1 in den Anfang der fünfziger Jahre, d.h. in die Zeit nach der zweiten Missionsreise. Dies ist jedoch viel zu spät, denn nach Galater 2,1-10 ist Paulus erstens noch mit Barnabas zusammen (was während und nach der zweiten Missionsreise nicht mehr der Fall war) und zweitens ist er noch am Anfang seiner Heidenmissionstätigkeit. Beim Summieren der unbestimmten Zeit des ersten Damaskus Aufenthaltes, dann der drei Jahre und vierzehn Jahre und der nicht geringen Reisezeiten, käme man eben in den Anfang der fünfziger Jahre. Diese Überlegung klingt etwas

Kompliziert, doch bietet sie durch ihren Vergleich eine Lösung zum besseren Verständnis und der Berechnung der Teildaten im Leben des Apostels. Hierzu ein Auszug aus der Chronologie des Lebens Pauli:

–  um 33 n. Chr.  Tod Jesu,

–  um 34 n. Chr.  Bekehrung des Saulus,

–  um 37 n. Chr.  erster Jerusalembesuch (15 Tage bei Petrus),

–  um 44 n. Chr. zweiter Jerusalembesuch (Hungeropfer) Rückkehr nach Antiochien,

– um 45 Aufbruch zur 1. Missionsreise,

– um 47 Rückkehr nach Antiochien,

–  um 48 n. Chr. dritter Jerusalembesuch (Apostel und Ältestenversammlung Apg 15; Gal 2),

–  um 49 n. Chr. Aufbruch zur 2. Missionsreise

– um 50 n. Chr.   Ankunft in Korinth und so weiter.

Nicht nur aus den logischen und rechnerischen Überlegungen empfiehlt sich hier eine andere Erklärung des Wortes `επειτα – dann, danach`, sondern aus der besonderen Satzstellung und dem griechischen Wort `ευθεος – sofort, sobald` (Gal 1,16), welches sich an den Zeitpunkt der Bekehrung des Paulus anlehnt. Dazu kommt, dass Paulus zweimal etwas verneint, was nach menschlicher Logik das Normale gewesen wäre, nämlich:

  1. Sofort nicht nach Jerusalem zu reisen und
  2. Sofort sich nicht mit den Führenden Aposteln abzusprechen, bzw. sich mit ihnen zu beraten.

Das heißt: sofort nach der Bekehrungkeine Beratung mit Menschen und keine sofortige Rückkehr nach Jerusalem zu den Aposteln. Dies tut er erst „nach drei Jahren (seit dem Zeitpunkt der Bekehrung) ging ich hinauf nach Jerusalem“. Im gleichen Sinne und auf den gleichen zeitlichen Punkt (die Bekehrung) kann sich auch die zweite Zeitangabe aus Gal 2,1 beziehen: „Darauf nach vierzehn Jahren (nach der Bekehrung) ging ich wieder hinauf nach Jerusalem“. Das `wieder` meint nicht zwingend zum zweiten Mal, sondern `mal wieder` oder `wieder mit Barnabas`, weil er erst etwa vier Jahre zuvor (44 n. Chr.) mit Barnabas dort war. Die Aussage in Galater 1,18 ist die positive, bejahende Antwort auf die zwei verneinenden Aussagen in Galater 1,17.

Dass sich diese Variante der zeitlichen Berechnung besser in die Zeitspanne zwischen dem Tod Jesu (33) und der Apostelversammlung (48) einordnen lässt, steht außer Frage. Wenn also die Flucht aus Damaskus frühestens 37 n. Chr. geschah, dann könnte die Bekehrung des Saulus auf 34 n. Chr. datiert werden und der dritte Jerusalembesuch (Gal 2,1) auf das Jahr 48 n. Chr.. Damit bliebe zwischen Pfingsten des Jahres 33 und Sommer oder Herbst des Jahres 34 genügend Raum für die erste Blütezeit der Gemeinde in Jerusalem mit der sich anschließenden ersten Christenverfolgung an der Saulus stark beteiligt war.

Saulus kehrt nun zurück nach Jerusalem (Apg 22,17) mit einem neuen Herzen, einer neuen Identität, einer gewissen Erfahrung als Apostel, aber doch auch mit gemischten Gefühlen. Manche Wunde war geheilt, aber das Misstrauen saß bei den meisten Gläubigen in Jerusalem tief, wohin sollte er gehen, wen sollte er ansprechen, wo hielt sich Kephas auf?

3. Kapitel: Jerusalem – Tarsus – Antiochien – Jerusalem

 3.1. Paulus bei der Gemeinde in Jerusalem

AAls Paulus von Damaskus nach Jerusalem zurückkehrt, kann er nicht ahnen, dass sein Aufenthalt dort nur kurz sein wird. Er bemüht sich zunächst, Kontakt zu den Jüngern zu bekommen (Apg 9,26). Die früheren Versammlungsplätze sind ihm bekannt, doch wo immer er auch anklopft und sich als Jünger vorstellt, begegnen ihm Furcht und Misstrauen. Die Verfolgung hatte die Jünger Vorsicht gelehrt (Mt 10,17). In Damaskus dachte wohl niemand von den Jüngern an die Notwendigkeit eines Empfehlungsschreibens (Apg 18,27). Auch hatte Paulus zu diesem Zeitpunkt noch keine Mitarbeiter als Begleiter bei sich. Aber er gibt nicht auf. Schließlich trifft er auf Barnabas, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes (Apg 11,24). Barnabas war auf Zypern geboren und ist von seiner Abstammung her Levit. Seine Einstellung ist weitherzig, er wird „Sohn des Trostes“ genannt (Apg 4,36). Barnabas besitzt das Gespür, den Durchblick und den Mut, Paulus aufzunehmen (Apg 9,27a). Er kommt dem Wunsch des Paulus nach und brachte ihn zu den Aposteln (Apg 9,27b).

Aus Galater 1,18 erfahren wir jedoch von Paulus selbst, dass er lediglich mit Petrus intensive Gemeinschaft hatte und Jakobus, den Bruder des Herrn, sah. Paulus blieb fünfzehn Tage bei Petrus, das könnte heißen, er wohnte als Gast im gleichen Haus wie auch Petrus. Während Barnabas für Paulus die Brücke zur Gemeinde wurde, trug Petrus viel zu seiner Integration in die Gemeinde bei. Am Anfang ihres Kennenlernens stand mit Sicherheit die ausführliche Geschichte von Paulus‘ Begegnung mit Jesus sowie sein erstes Zeugnis in Damaskus (Apg 9,27). Von Petrus konnte Paulus sozusagen aus erster Hand vieles über das Leben und Wirken Jesu erfahren.

Nachdem Paulus in der Gemeinde aufgenommen ist, drängt es ihn, den Namen Jesu in der Stadt zu bezeugen, in der er ihn ausrotten wollte: Und er ging mit ihnen aus und ein in Jerusalem und sprach freimütig im Namen des Herrn (Apg 9,28). Da er die griechische Sprache beherrschte, ist es leicht verständlich, dass er zu den Hellenisten sprach. Nach Apostelgeschichte 6,1 und 9,29 wurden als `Helenisten` Juden bezeichnet, die von der grichischen Kultur und Sprache sehr stark geprägt waren. Möglicherweise waren es Leute aus der Synagoge der Libertiner (…) und derer von Zilizien und Asien (Apg 6,9) mit denen auch Stephanus diskutierte, doch bei ihnen hat Paulus keinen Erfolg. Wahrscheinlich ist die Art seines Redens ein Streitgespräch (Apg 9,29) Er forderte seine Zuhörer heraus, so wie er es auch in Damaskus getan hatte. Die Reaktion ist ähnlich wie damals bei Stefanus: sie aber trachteten ihn umzubringen(Apg 9,29).

Es ist verständlich, dass Paulus sich Jerusalem gegenüber als `Schuldner` fühlt, aber der Herr will ihn an einem anderen Platz haben. Paulus will Klarheit in Bezug auf den weiteren Verlauf seines Lebens. Er tut das Richtige, indem er in den Tempel geht, um zu beten (Apg 22,18a). Für die Judenchristen war der Tempel noch längere Zeit nicht nur öffentlicher Versammlungsplatz, sondern nach wie vor Ort der Anbetung und Opferdarbringung (Apg 21,23).

3.2. Paulus wird nach Tarsus gesandt

Warum konnte Paulus nicht für längere Zeit in Jerusalem bleiben und wirken? Die Antwort finden wir in dem Auftrag, den er hier vom Herrn selbst empfangen hatte. In seiner Verteidigungsrede vor dem Volk Israel bei seinem letzten Jerusalembesuch im Jahre 59 n. Chr., erinnert er an diesen Auftrag: „Es geschah aber, als ich wieder nach Jerusalem kam und im Tempel betete, dass ich in Verzückung geriet und ihn sah. Da sprach er zu mir: Eile und mach dich schnell auf aus Jerusalem; denn dein Zeugnis von mir werden sie nicht annehmen“ (Apg 22,17-18). So erkennen wir, dass Gott die Geschichte des Paulus, seine Herkunft und auch sein Temperament berücksichtigt und ihm den vorgesehenen Dienstplatz zuteilt. Die Aufforderung, Jerusalem eilend und schnell zu verlassen, passt Paulus nicht besonders; er erhebt Einwände: „Und ich sprach: Herr, sie wissen doch, dass ich die, die an dich glaubten, gefangen nahm und in den Synagogen geißeln ließ.

Und als das Blut des Stephanus, deines Zeugen, vergossen wurde, stand ich auch dabei und hatte Gefallen daran und bewachte denen die Kleider, die ihn töteten“

(Apg 22,19-20). Doch der Herr bleibt dabei: „Geh hin, denn ich werde dich weit weg zu den Nationen senden“ (Apg 22,21). Auch die Gemeindeleiter in Jerusalem wissen die Entwicklungen richtig einzuschätzen. Paulus wird von den Brüdern hinab nach Cäsarea geleitet und mit dem Schiff nach Tarsus ausgesandt (Apg 9,30).

5-1-2014_010

Abbildung 14: Dieser Aquädukt war etwa 8 Kilometer lang und versorgte die Stadt Cäsaräa mit frischem Wasser aus dem Karmelgebirge (Foto:  April 1986).

Auf diese Weise wirkt Gott immer wieder:

–  Er beauftragt und sendet aus.

–  Er bestätigt seinen Auftrag und seine Aussendung durch die vom Geiste Gottes erfüllte Gemeindeleitung.

–  Durch Bereitschaft und den Gehorsam kommt der Plan Gottes zur Ausführung. „Danach kam ich in die Länder Syrien und Zilizien“ (Gal 1,21).

IMG_3537

Ein Zweimaster im östlichen Mittelmeer (Video: P.Schüle. April 2011).

Dem fünfzehntägigen Aufenthalt des Paulus in Jerusalem ist eine grundlegende Bedeutung zuzumessen. Auf dem Schiff nach Tarsus konnte Paulus ermutigt an die Zeit in Jerusalem zurückdenken. In Barnabas hatte er einen echten Freund gefunden. Die enge Gemeinschaft mit Petrus und anderen Leitern trug viel dazu bei, dass Paulus seinen Wirkungsplatz im Reiche Gottes finden konnte. So kehrt Paulus nach mehreren Jahren nach Tarsus zurück, in die Stadt, in der er geboren war und seine Kindheit verbracht hatte. Er war in eigener Kraft und eigener Gerechtigkeit ausgezogen, um für die väterlichen Überlieferungen zu kämpfen (Gal 1,14); als von Gott Begnadeter und Gerechtfertigter, als Diener des Evangeliums, kehrt er nun in seine Heimatstadt zurück (1Tim 1,12-14).

Was hat Paulus denn nun einige Jahre lang in Tarsus gemacht? Diese Frage würde uns sehr interessieren doch sie lässt sich nicht ganz befriedigend beantworten. Dass Paulus dort in Abgeschiedenheit und Stille einige Jahre lang lebte, ist jedoch unwahrscheinlich; dafür wäre Arabien allemal geeigneter gewesen. Die Stadt Tarsus mit ihrem pulsierenden Leben, dem Götzendienst unter den vielen Volksgruppen und der starren Gesetzlichkeit der Juden in den Synagogen war für Paulus eher eine Herausforderung zur Predigt des Evangeliums als zum einseitigen Rückzug in die Stille zur persönlichen Auferbauung. Es gibt einen direkten und einen indirekten Hinweis für die evangelistische Tätigkeit des Paulus während dieser Zeit:

1.  In Galater 1,21-24 gibt uns Paulus einen Einblick in sein Leben nach dem Besuch in Jerusalem: Darauf kam ich in die Gegenden von Syrien und Cilicien. Ich war aber den Gemeinden in Judäa, die in Christus sind, von Angesicht unbekannt. Sie hatten aber nur gehört: Der, der uns einst verfolgte, verkündigt jetzt den Glauben, den er einst zu vernichten suchte; und sie verherrlichten Gott um meinetwillen.

Hieraus kann man Folgendes schließen:

–  Paulus hielt sich nicht nur in Tarsus auf.

–  Er verkündigte die Frohe Botschaft.

–  Die Gläubigen in Judäa freuten sich über ihn und seine Arbeit und priesen Gott, obwohl sie ihn nicht persönlich kannten.

2.  In Apostelgeschichte 15,41 besucht Paulus zu Beginn seiner zweiten Missionsreise zusammen mit Silas die Gemeinden in Syrien und Zilizien, um sie zu stärken. An der Gründung dieser Gemeinden mögen auch andere beteiligt gewesen sein, aber warum nicht auch Paulus? Schließlich hatte er die gute Gewohnheit, Gemeinden immer wieder zu besuchen, die er gegründet hatte.

Eine weitere Begründung für seine evangelistische Tätigkeit in Zilizien wird durch die klare Beauftragung des Herrn in Jerusalem gegeben (Apg 22,21). Bei dieser Beauftragung und Aussendung wird nicht eindeutig gesagt, wann Paulus mit seinem Dienst unter den Heiden beginnen soll, doch warum nicht schon in seiner Geburtsstadt Tarsus und der Proinz Syien/Zilizien?

Man kann also annehmen, dass Paulus in jener Zeit in Tarsus wohnte, durch seinen Beruf als Zeltmacher seinen Lebensunterhalt verdiente und jede Möglichkeit nutzte, um das Evangelium in den Synagogen der Stadt und der Umgebung zu verkündigen.

3.3. Antiochien – eine Gemeinde entsteht

In der Zeit der Verfolgung in Jerusalem, die wegen Stephanus entstand, wurden die Gläubigen zerstreut und etliche von ihnen zogen bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia (Apg 11,19).

IMG_1943

Antiochien am Orontes (heute Antakya in der Südosttürkei) war damals  Hauptstadt der römischen Provinz Syrien (Foto: P. Schüle  8. April 2011).

Einige Zyprioten und Kyrenäer redeten Gottes Wort in Antiochien auch zu den Hellenisten. Und des Herrn Hand war mit ihnen und eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zum Herrn (Apg 11,19-21). Die Nachricht über diese Entwicklungen erreichte schließlich die Gemeinde in Jerusalem. Man wollte nicht nur Genaueres erfahren, sondern auch die Neuanfänge unterstützen (Apg 11,22). Die Jerusalemer Gemeindeleitung sandte Barnabas aus, dass er bis nach Antiochien gehen sollte (Apg 11,22b). Für diese Aufgabe war er der geeignete Mann. Er hatte weder familiäre Verpflichtungen (1Kor 9,5-6), noch war er an Haus und Hof gebunden (Apg 4,37). Seine geistlichen Qualitäten, die gedankliche Nähe nach Antiochien als Zypriot, seine griechischen Sprachkenntnisse, seine Erfahrung in der Gemeinde Jerusalem sowie seine Bereitschaft, Neuland zu betreten waren gute Voraussetzungen für diese Aufgabe.

Was die zeitliche Einordnung dieser Reise betrifft, so muss sie deutlich nach dem Paulusbesuch in Jerusalem stattgefunden haben. Der 1. Paulus-Besuch in Jerusalem war ca. 37 n.Chr., siehe Kap. 2.5. „Antiochien am Orontes (heute Antakia, Südosttürkei), um 300 v. Chr. von Seleukos I. Nikator gegründet. Ca. 25 km vom Meer entfernt befindet sich der Hafen Seleuzia. 64 v.Chr. von Pompeijus annektiert und zur Hauptstadt der röm. Provinz Syrien erklärt. Antiochien galt als drittgrößte Stadt im röm. Reich.“ Negev, Avraham. Archeologisches Lexikon, 1986.

Die Entfernung von Jerusalem bis Antiochien beträgt etwa fünfhundertfünfzig Kilometer. Auf dem Weg dorthin besuchte Barnabas wahrscheinlich die neu entstandenen Gemeinden in Phönizien mit den Städten Tyrus und Sydon, so dass seine Reise schon länger gedauert haben konnte. Die Wendung dass er hindurchzöge bis nach Antiochia (Apg 11,22b) würde die Annahme von Zwischenstopps in Phönizien begründen.

IMG_3055

Der Fluß Orontes floß durch die antike Stadt Antiochia (Foto: P. Schüle 8. April 2011).

Als Barnabas schließlich in Antiochien ankam und sah, was Gott durch seine Gnade bewirkt hatte, freute er sich (Apg 11,23). Sein Auftrag bestand also sowohl in der Bestandsaufnahme als auch in der Festigung der Gemeinde. Durch seinen Dienst wurden noch viel mehr Menschen gläubig (Apg 11,24). Die Arbeit weitete sich immer mehr aus und Barnabas erkannte seine Grenzen. Weder war er auf seine Karriere bedacht, die er in der Gemeinde machen konnte noch gibt sich zufrieden mit dem Erreichten. Barnabas sah den Bedarf der Gemeinde nach Unterweisung in der biblischen Lehre. Immer wieder erinnert er sich an Paulus. Diesen Mann wollte er nach Antiochien holen. So machte er sich auf den Weg nach Tarsus, um Paulus aufzusuchen und ihn nach Antiochien einzuladen (Apg 11,25f). Die Freude des Wiedersehens war mit Sicherheit groß. Die Freunde hatten sich viel zu erzählen, da seit ihrem Kennenlernen in Jerusalem inzwischen einige Jahre vergangen waren. Es ist gut vorstellbar, dass sich Paulus über die Einladung des Barnabas freute und sie gerne annahm. An der Seite eines Mannes zu arbeiten, der von Anfang an in der Jerusalemergemeinde dabei war, war für ich ein Privileg.

Paulus war ein Mann der Großstädte. Antiochien, eine Provinzhauptstadt mit einer aufblühenden Gemeinde, zog ihn an.[2]  Auf diese Weise würde er auch in den engeren Kreis der damaligen Gemeindeleitung einbezogen werden. Er bricht erneut seine Zelte ab und geht mit Barnabas in die etwa 225 km entfernte syrisch-kilikische Provinzhauptstadt. Die Wendung und als er ihn gefunden hatte, brachte er ihn nach Antiochia (Apg 11,26a), macht nicht nur deutlich, dass Barnabas die Regie führte, sondern dass Paulus bereit war, sich einbinden zu lassen, und anzuerkennen, dass Gott ihm seinen Weg auch durch die Brüder aufzeigen konnte. Die gesamte Suchaktion konnte viele Wochen in Anspruch genommen haben. In Antiochien angekommen, werden Barnabas und Paulus freudig aufgenommen. Für Paulus beginnt ein neuer Lebensabschnitt, der für seinen weiteren Dienst einen entscheidenden Eindruck hinterlassen wird. Die Gemeinde in Antiochien setzt sich aus verschiedenen Menschen zusammen. Da sind Juden, die aus einer festen Tradition kommen und aramäisch sprechen; Hellenisten, die der Herkunft nach zwar Juden sind, aber ihre Sprache und Lebensweise ist griechisch, sie sind viel weltoffener und toleranter. Und es sind auch recht bald Heiden (Nichtjuden)zum Glauben gekommen (Gal 2,12). Einen Teil der Bevölkerung in dieser Großstadt bildeten Sklaven. Man kann davon ausgehen, dass sich auch aus dieser Schicht viele zum Herrn bekehrten. Diese Menschen bilden nun eine Gemeinde. Hier erfüllt sich im Ansatz, was Jesus in Johannes 10,16 vorausgesagt hat: Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof (Schafgehege) sind, auch diese muß ich bringen, und sie werden meine Stimme hören; und es wird eine Herde, ein Hirte sein. An Barnabas und Paulus sehen wir, was gabenorientierte Gemeindearbeit bedeutet. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit besteht aus Lehre und Unterweisung (Apg 11,26b), und dies tun sie ein ganzes Jahr lang. Man kann sich sowohl Einzel- als auch Gruppen- und Gemeindeunterweisung vorstellen (vgl. Apg 20,20b). Hier führten Barnabas und Paulus aus, was Jesus seinen Jüngern aufgetragen hatte und lehrt sie alles zu bewahren, was ich euch geboten habe (Mt 28,20). Beiden wird bescheinigt, dass sie die Gabe der Prophetie und der Lehre hatten (Apg 13,1). So sind sie imstande, alttestamentliche Verheißungen richtig auf Jesus und das neu angebrochene Reich Gottes zu deuten und anzuwenden. Sicher waren Evangelisation und Seelsorge ebenfalls in ihrem Aufgabenbereich eingeschlossen. Auch andere Menschen arbeiteten mit ihnen, und so wuchs die Gemeinde. Es fällt hier auf, dass keine Wunder und Zeichen erwähnt sind, obwohl sie keineswegs ausgeschlossen sind. In ihrer Art ergänzen sich die beiden. Paulus ist sehr direkt in seiner Art; dies führt oft schnell zu zwei Fronten und zu Opposition (Apg 9,29). Barnabas kann den Weg vorbereiten, verbinden und ausgleichen. Außer Jesus selbst ist jeder Mensch einseitig, deswegen hat der Herr immer wieder seine Jünger in Zweierteams ausgesandt (Lk 10,1;  Mk 6,7). Dies ist ein wichtiges Prinzip sowohl im Gemeindebau, als auch in der Mission. Die Gemeinde muss in einem solchen Maße gewachsen und zu einem nicht übersehbaren Faktor in der Stadt geworden sein, dass man die Gläubigen mit dem Namen Christen belegte (Apg 11,26). Das kam wohl daher, dass sie so viel und öffentlich über Christus sprachen. Erst später wurde der Name Christen zur Selbstbezeichnung (1Petr 4,16).


[1] Der 1. Paulus-Besuch in Jerusalem war ca. 37 n.Chr., siehe Kap. 2.5.

[2] Antiochien am Orontes (heute Antakia, Südosttürkei), um 300 v. Chr. von Seleukos I. Nikator gegründet. Ca. 25 km vom Meer entfernt befindet sich der Hafen Seleuzia. 64 v.Chr. von Pompeijus annektiert und zur Hauptstadt der röm. Provinz Syrien erklärt. Antiochien galt als drittgrößte Stadt im röm. Reich. Negev, Avraham. Archeologisches Lexikon, 1986.

3.4. Paulus kehrt nach Jerusalem zurück

Das Leben und Wirken in der Gemeinde Antiochien war abwechslungsreich und die Gottesdienste vielseitig. Es gibt leider keinen Hinweis darauf, wo sich die Gläubigen versammelt haben.

IMG_1933

Die sogenannte Petrusgrotte oberhalb der Stadt Antiochia (Foto: P. Schüle 8. April 2011).

Das Innere der Petruskirche am Südhang von Antakya-Türkei (Antiochien) gelegen. Sie wird als eine der ältesten Versammlungsplätze der Christen in Antiochien vermutet. Die Grotte wurde im 5. Jh. zu einer Kirche ausgebaut. Heute finden dort zu bestimmten Anlässen Gottesdienste statt

Vermutlich wurden sie in den Synagogen nicht allzu lange geduldet. So werden wohl auch hier die Versammlungen in Häusern stattgefunden haben.

IMG_1934

Petruskirche in Antakya (Foto: P. Schüle 8. April 2011).

Mosaikfußboden in der

Eines Tages kommen einige prophetisch begabte Jünger aus Jerusalem nach Antiochien herab (Apg 11,27). Sicher werden sie freundlich aufgenommen und man freut sich, etwas Neues aus Judäa zu erfahren; allerdings hat einer der Jünger, Agabus, auch eine ernste und sorgenvolle prophetische Botschaft zu deuten (Apg 11,28). Über die ganze bewohnte Erde wird eine große Hungersnot kommen, wovon die Gläubigen in Judäa besonders betroffen sein werden. Der Begriff  `οικομενη – oikomene` kommt im NT sechzenmal vor (Mt 24,14;  Lk 2,1; 4,5; 21,26;  Apg 11,28; 17,6. 31; 19,27; 24,5;  Röm 10,18;  Hebr 1,6; 2,6;  Offb 3,10; 12,9; 16,14; 20,2) und hat meistens globale Bedeutung, in einigen Fällen wird der Begriff jedoch auch räumlich eingegrenzt verwendet. Römische Geschichtsschreiber bestätigen, dass es während der Regierungszeit des Kaisers Klaudius solche überregionale Dürreperioden und Hungersnöte gegeben hatte (Neudorfer: 1990, 249). Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass sich diese Hungersnöte damals auch über die Grenzen des römischen Reiches erstreckt haben, ähnlich wie in Offenbarung 3,10 angedeutet wird.

Diese Prophetie wird nicht einfach als Information aufgenommen, sondern löst eine gezielte Hilfsaktion bei den materiell besser gestellten Gläubigen in Antiochien aus. Dabei fallen drei Dinge auf:

  • Alle beteiligen sich (11,29),
  • alle geben gemäß ihres Vermögens (11,29),
  • die Motivation ist Dienst und Gemeinschaft (gr. διακονια und κοινονια – diakonia und koinonia) an denen, die bald große Not haben werden (vgl. Röm 15,27).

Das Geld wird nicht durch die Gäste aus Jerusalem nach Judäa übersandt, sondern durch Vertraute der Gemeinde in Antiochien, nämlich Barnabas und Saulus (Apg 11,30). Hier lässt sich ein Prinzip im Bereich Spenden und Opfergaben erkennen, nämlich, Transparenz, indem mehrere, unabhängige und verschiedene Personen einbezogen werden. Es heißt in diesem Text ausdrücklich: „das taten sie auch, indem sie es durch die Hand des Barnabas und Saulus an die Ältesten sandten“ (Apg 11,30). Es geht hier also in erster Linie um die Sendung des Geldes durch die genannten Personen, nicht um die Sendung von Personen.

Barnabas ist noch immer Abgesandter der Jerusalemer Gemeinde (Apg 11,22b); nun bietet sich ihm die Gelegenheit, nach Jerusalem zurückzukehren, um von der Entwicklung in Antiochien zu berichten. Paulus ist nicht in gleichem Maße wie Barnabas der Gemeinde in Jerusalem Rechenschaft schuldig; aber erstens ist er dessen engster Mitarbeiter und zweitens ist auch er von Jerusalem durch den Herrn und die Brüder ausgesandt worden (Apg 22,21; 9,30). Dies wird noch deutlicher in Apostelgeschichte 12,25a wo es heißt: „Barnabas aber und Saulus kehrten zurück nach Jerusalem, (gr. ειςΙερουσαλημ – eis Jerusalem) erfüllt habend den Dienst. Die Lesart `nach Jerusalem` gilt als die beste (Haubeck: 1997, 725). Der Formulierung: `kehrte (kehrten) zurück nach Jerusalem` begegnen wir noch an weiteren sechs Stellen bei Lukas: Lk 2,45;  24,33. 52;  Apg 1,12; 8,25; 13,13. Das `zurückkehren nach` (mit Akk.) einer Stadt, oder Region, wird noch durch weitere drei Stellen belegt (Lk 4,14;  Apg 14,21;  Gal 1,17). Dies führt zur Annahme, dass Barnabas und Saulus von Antiochien nach Jerusalem zurückgekehrt sind und nicht umgekehrt.

Sicher war das Überbringen des Geldes auch ein Dienst, aber im Kontext von Apostelgeschichte 11,22-12,25 überwiegt die eindeutige Aussendung des Barnabas nach Antiochien mit einem bestimmten Auftrag und die fast zwangsläufig daraus resultierende Rückkehr nach Jerusalem. Dass Barnabas hier an erster Stelle genannt wird, macht deutlich, dass er die Führung im Team hatte und Saulus/Paulus vorerst sein Begleiter war.

Doch auch für Paulus ist es eine willkommene Rückkehr nach Jerusalem, hat er doch damals diese Stadt nur ungern verlassen und inzwischen vieles erlebt, was er nun mitteilen will. Der Besuch in Jerusalem hat große Bedeutung. Zum einen können Barnabas und Paulus von der guten Entwicklung in Antiochien und anderen Städten berichten; die finanzielle Unterstützung aus Antiochien war ein spürbarer Beweis der Gemeinschaft unter den Gläubigen und somit eine Frucht des Evangeliums (Röm 15,27); zum anderen konnten sie in Bezug auf die weitere Missionsarbeit neue Vorschläge unterbreiten. Man kann also annehmen, dass die Gemeindeleitung in Jerusalem nach Überbringung des Geldes, Barnabas und Paulus erneut aussandte, um in Antiochien die Missionsarbeit fortzusetzen. Für Barnabas ist es eine Bestätigung, dass sein Arbeitsbereich nun außerhalb Jerusalems liegt. Für Paulus bedeutete dieser Besuch eine stärkere Einbindung in das Gesamtwerk der Gemeinde. Leider gibt es keine direkten Hinweise über Dauer und Inhalt ihres Jerusalemaufenthaltes, deswegen können wir hier nur mutmaßen. Die Anmerkung in Apostelgeschichte 12,25b „mitgenommen habend Johannes, mit Beinamen genannt Markus“ kann sich auf das erneute Verlassen Jerusalems beziehen; oder was wahrscheinlicher zu sein scheint, Markus war bereits bei der Inspektionsreise des Barnabas in Antiochien dabei und wurde nun von beiden auch wieder nach Jerusalem mitgenommen. Die Wahrscheinlichkeit, dass Barnabas nicht allein nach Antiochien gegangen ist (Apg 11,22) ist sehr groß.

Gerade in diesen Zusammenhängen wird das Bemühen von Barnabas deutlich, mit viel Geduld neue Mitarbeiter für die Mission zu gewinnen.

Dieser Jerusalembesuchkönnte im Jahr 44 n. Chr. gewesen sein, da die Ereignisse in Apostelgeschichte 12 (Verfolgung in Jerusalem durch Herodes Agrippa I, 37-44 n. Chr.) zwischen der Abreise von Antiochien und Ankunft in Jerusalem geschildert werden. Dieser Jerusalembesuch ist mit dem Besuch in Galater 2 nicht identisch, wie von einigen Kommentatoren angenommen wird (vgl. z.B. Tenney: 1997, 293 und Bradford: 1986, 127). Dagegen sprechen nicht nur zeitliche Gründe (siehe die Begründung in Kap. 2.5), sondern auch inhaltliche (Gal 2,5. 7-8). Zum Zeitpunkt des Jerusalembesuches von Galater 2 war die erste Missionsreise schon vorbei, bei diesem Jerusalembesuch stand sie noch bevor. Dass Lukas keine weiteren inhaltlichen Angaben zum Aufenthalt in Jerusalem macht, ist nicht verwunderlich, gibt es doch in seiner Berichterstattung immer wieder Lücken. Lukas konzentriert sich nun in seinem Bericht auf die neue Etappe der Ausbreitung des Evangeliums von Antiochien aus (Apg 13).

4. Die 1. Missionsreise

4.1. Vorbereitung auf die 1. Missionsreise

Paulus und Barnabas sind nun wieder zurück in Antiochien.

IMG_1943Antiochien (heute Antakya-Türkei) Blick über die Stadt vom Südhang in der Nähe der Petruskirche (Foto: P.S. 8. April 2011).

Durch den Besuch in Jerusalem haben sie neue Motivation und Bestätigung für ihren geistlichen Dienst bekommen. Das Eingebundensein in die Gesamtgemeinde ist eine gute Voraussetzung für eine gesegnete, geistliche Arbeit auf dem Missionsfeld. Den Rückhalt der Jerusalemer Leitung brauchen sie in der Gemeindearbeit in Antiochien. Lukas gibt uns nun einen Einblick in das Gemeindeleben der Antiochener. Der Beginn in Apostelgeschichte 13,1: „Es waren aber in Antiochia in der dortigen Gemeinde, Propheten und Lehrer“, macht deutlich, dass Lukas nun einen neuen Ansatz für seine weitere Berichterstattung macht. Die Gemeinde in Antiochien entwickelt sich zu einem geistlichen Knoten- und Ausgangspunkt für eine weitere Etappe der Mission in Richtung Westen. Die überwiegend aus Nichtjuden zusammengesetzte Gemeinde eignete sich gut für die Heidenmission. Die Propheten und Lehrer, die hier mit Namen genannt werden, kommen aus verschiedenen Gegenden; sie sind unterschiedlichen Alters und Standes: „Barnabas und Simeon, genannt Niger, und Luzius von Kyrene und Manaën, der mit dem Landesfürsten Herodes erzogen worden war, und Saulus“.

Der Gottesdienst hat klare geistliche Inhalte. Durch biblische Unterweisung (Apg 11,26) wird die Gemeinde mündig; durch prophetische Rede, gebunden an alttestamentliche Prophetie und neutestamentliche Erfüllung, wird der Glaube lebendig; im Fasten und Gebet wird das Suchen und Fragen der Gemeinde nach dem Willen Gottes deutlich. Die Vielzahl der geistlichen Mitarbeiter (Apg 13,1) mit ihren verschiedenen Gaben und ihrer Einheit tragen zum schnellen und gesunden Wachstum bei.

„Während sie aber dem Herrn dienten und fasteten, sprach der Heilige Geist (wohl durch einen der genannten Propheten): sondert mir nun Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe“ (Apg 13,2). Die Gemeinde hatte sich Zeit zum Gebet und Fasten Zeit genommen. Der Anlass zum Fasten war wohl das Fragen nach Gottes Willen. Das Reden des Heiligen Geistes durch die Propheten entsprach dem Wort und Willen Jesu (Mt  28,19f;  Apg 1,8c). Obwohl das Werk nicht näher definiert wird, wissen doch die Gläubigen, um was es geht. Die Reife der Gemeinde zeigt sich darin, dass sie sich nicht in verschiedene Diskussionen einlässt, sondern erneut im Gebet und Fasten und mit Handauflegung (wohl durch die Ältesten) den Barnabas und Saulus segnen, freistellen und für eine neue große Aufgabe beauftragen. Dass die Gemeinde bereit ist, die Apostel vorerst mit den notwendigen finanziellen Mitteln zu versorgen, die das Reisen, besonders mit dem Schiff erforderte, steht außer Frage. Die Gemeinde erbat von Gott Weisung, in welche Richtung Barnabas und Paulus gehen sollten und welche geistlichen und natürlichen Anhaltspunkte es dafür gab.

Schon bei der Berufung vor und in Damaskus (Apg 9) und der Bestätigung in Jerusalem (Apg 22,21) hatte der Herr dem Paulus die Richtung angegeben, nämlich, „Ich will dich ferne unter die Heiden senden“; doch natürlich waren dabei auch die Juden nicht ausgeschlossen. Der lebenslange Grundsatz des Paulus war es, das Evangelium dort zu verkündigen, wo Christi Name noch nicht bekannt war (Röm 15,20). Dies tat auch Jesus, der sein planmäßiges Vorgehen mit den Worten begründete: „Laßt uns anderswohin in die benachbarten Marktflecken gehen, damit ich auch dort predige; denn dazu bin ich ausgegangen“ (Mk 1,38).

Der Süden (Palästina) war durch die anderen Apostel bereits missioniert worden, im Osten/Südosten (Damaskus und Arabien) war Paulus schon. in Nordsyrien und Zilizien war erauch schon tätig (Gal 1,21-24) und diese Gegend konnte ohnehin von Antiochien aus erreicht werden. Der Westen aber, der Kern des römischen Reiches, war noch frei.

Was liegt da näher als Zypern, stammt doch Barnabas von der Nachbarinsel Zypern (Apg 4,36). Einigen Mitbegründern der Gemeinde Antiochien (Apg 11,20), die ebenfalls aus Zypern stammten, lag die Stärkung der Gläubigen auf der Insel und der weiteren Evangelisierung der Inselbewohner am Herzen. Gut möglich, dass der eine und der andere aus der Gemeinde dort Verwandte und Freunde hatte; dadurch gab es auch Kontakte/Uterkünfte. Somit konnte Gott seine geistlichen Ziele mit den verschiedenen natürlichen Gegebenheiten in Verbindung bringen.

Die Abfahrt konnte frühestens im Frühjahr mit Beginn der Schifffahrt (weil in Landnähe ca. 200 km schon im März/April) erfolgt sein, wahrscheinlich im Jahr 45 n. Chr.

4.2. Barnabas und Paulus in Salamis auf Zypern

IMG_1891Eine fruchtbare Landschaft erstreckt sich zwischen dem Gebirgszug und dem Mittelmeer westlich von Antiochien – Antakya-Süosttürkeo (Foto. P.S. 8. April 2011).

Die Apostelgeschichte berichtet, wie die Gemeinde in Antiochien Barnabas und Paulus in die Mission aussendet, nachdem diese beiden vom Heiligen Geist (wohl durch Prophetenwort) dazu berufen und ausgesondert wurden (Apg 13,3b-4a). Wie Lukas später in Apg 13,5 erwähnt, nahmen sie Johannes, mit dem Zunamen Markus als `Diener` (gr. υπηρετης–yperetes-Gehilfe) mit auf die Missionsreise. Wahrscheinlich gingen sie die etwa 30 km Strecke zu Fuß hinab nach Seleuzia, dem Mittelmeerhafen Antiochiens (Apg 13,4b). Ludwig Schneller berichtet: „fünf Fußstunden sind es von Antiochien bis Seleuzia. Unter den Trümmern der Stadt sieht man noch zwei Hafenmolen, die ins Meer hineinreichten“ (Schneller: 1926, 85). Die Strecke von Seleuzia nach Salamis auf Zypern betrug etwa 200 km und konnte bei günstigen Windverhältnissen in zwei Tagen bewältigt werden (vgl. Apg 16,11: Troas-Neapolis ca. 200 km in zwei Tagen).

Zypern ist die drittgrößte Mittelmeerinsel und liegt im Nordosten des Mittelmeeres. „Die Insel kam 58 v. Chr. unter römische Herrschaft. Nach der Schlacht bei Aktium 31 v. Chr. hatte Augustus sie in Besitz genommen, ihre Verwaltung aber nach zehn Jahren in die Hände des römischen Senats gelegt“ (Bradford: 1986, 130). Von der antiken Hafenstadt Salamis im Osten der Insel, sind heute noch viele Überreste sichtbar, auch vom antiken Hafen.

IMG_4423Die Reste des antiken Hafens von Salamis liegen meist unter Wasser. Eine noch gut erhaltene Marmortreppe führte hinauf in die Stadt (Foto: P.S. 7. Januar 2012).

Die ausgegrabenen Objekte der einstigen Stadt zeugen von einer blühenden Vergangenheit. Sie liegt  fünf Kilometer nördlich vom heutigen Famagusta  (Magusa-Nordzypern). Lukas berichtet weiter: „Und als sie in Salamis waren, verkündigten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden (Apg 13,5b). Allein die Tatsache, dass es in dieser Stadt mehrere Synagogen gab, spricht für einen beträchtlichen jüdischen Bevölkerungsanteil. „Dies kam wohl auch daher, dass Herodes der Große längere Zeit von Augustus das Monopol für die Ausbeutung der Bergwerke auf Zypern gepachtet hatte und somit auch viele Juden auf die Insel anzog“ (Schneller: 1926, 86). Die Tatsache, dass Barnabas und Paulus in mehreren Synagogen ohne Widerstand predigten, spricht indirekt dafür, dass sie wohlwollend aufgenommen wurden, dass man auf sie hörte und dass sie längere Zeit dort blieben. Barnabas und Paulus hatten keinen Grund zur Eile; ihr Aufenthalt konnte mehrere Wochen gedauert haben. Die Kürze des Berichts bedeutet nicht, dass sie schnell weitergezogen sind.

Auf Zypern muss es schon Gläubige gegeben haben, die durch die Predigt der Zerstreuten aus Jerusalem gewonnen wurden (Apg 11,20). Es wäre höchst ungewöhnlich, wenn deren Zeugnis ohne Frucht geblieben wäre. Hier können wir uns ein Wiedersehen des Barnabas mit seinen Bekannten aus der Jerusalemer Zeit wohl vorstellen. Das Stillschweigen des Lukas über Auswirkungen der Predigt des Evangeliums in Salamis bedeutet nicht, dass sie keinen Erfolg hatte. Barnabas und Paulus konnten hier die Gläubigen stärken und neue Menschen für den Glauben an Jesus Christus gewinnen.. Johannes-Markus hat wohl auf dieser Reiseetappe guten Dienst getan, erinnert uns doch Lukas gerade an dieser Stelle an ihn (Apg 13,5). Johannes-Markus konnte für das Gepäck, die Unterkunft, verschiedene Besorgungen und natürlich auch für geistliche Aufgaben eingesetzt werden. Gerade er hatte als Augenzeuge gute Kenntnisse von den Ereignissen in Jerusalem (Mk 14,51; Apg 12,12).

Die zwei frühchristliche Kirchen aus dem 5. Jh. auf dem Ausgrabungsgelände in Salamis belegen, dass es in den Jahrhunerten avor in der Stadt und auch wohl in der Umgebung viele Christen gegeben hat. Die zahlreichen Kirchenruinen aus den 4-6. Jahrhundert in der Umgebung und auf der Halbinsel Karpasia zeugen zusätzlich von der raschen Ausbreitung des Evangeliums im Osten Zyperns. Der Dienst der beiden Apostel brachte reiche geistliche Frucht.

Bild 261Die Reste der großen  Kirchenbasilika `Kampanopetra` in Salamis aus dem 5. Jh. (Foto: P.S.11. März 2008).

Bild 227Frühchristliche Kirche `Epiphania` in Salamis mit einem gut erhaltenen kreuzförmigen Taufbecken (Foto: P.S. 11. März 2008).

Eines Tages jedoch macht sich das Missionsteam wieder auf den Weg in den Südwesten der Insel, nach Paphos

4.3. Die Bekehrung des Sergius Paulus in Paphos

100_2464Reste der Stadtmauer in Paphos aus römischer Zeit (Foto: P.S. 7.  Januar 2005).

Lukas schreibt in seinem Bericht über das Missionsteam: „Als sie aber die ganze Insel durchzogen haben bis Paphos“ (Apg 13,6a). In der Luftlinie lagen diese zwei Städte etwa 150 km voneinander entfernt, so dass diese Strecke unter Umgehung des zentralen Troodos-Gebirges schon in fünf bis sechs Tagen zu bewältigen gewäsen wäre. Aber das `Durchziehen` schließt Zwischenstopps nicht generell aus. Es gab schon in der ‚Antike mehrere wichtige Städte auf der Insel, von denen Barnabas und Paulus auf ihrem Weg einige besucht haben könnten.

IMG_0164Überblick über die Ruinen der frühchristlichen Bischoffskirche in Kurion aus dem 4/5. Jh., östlich von Paphos. Auch in dieser Kirche ist ein kreuzförmiges Taufbecken gut erhalten geblieben (Foto: P.S. 2. Februar 2010).

Andererseits zog es Paulus immer wieder in die jeweiligen Zentren der Regionen, so auch hier auf Zypern. Paphos war die Verwaltungshauptstadt der Insel mit dem Sitz des römischen Prokonsuls (Apg 13,7).

100_2460Eine noch gut erhaltene römische Wasserleitung in Paphos (Foto: P.S.  7. Januar 2005).

Es ist auffallend, dass Lukas von der für Paulus und Barnabas üblichen Vorgehensweise, nämlich zunächst in die Synagoge zu gehen, nichts berichtet, sondern uns dafür ein erstaunliches Ereignis im Palast des Prokonsuls schildert.

Barnabas und Paulus treffen in der Stadt auf einen Juden, der im Dienste des römischen Prokonsuls war. Dieser Jude war ein Zauberer (gr. μαγος – magos)und nach der Beurteilung des Paulus ein falscher Prophet. Sein Name `Barjesus` (Sohn des Jesus) hat ihm in seiner Tätigkeit wohl noch zusätzlichen Auftrieb gegeben (in Anlehnung an Josua den Sohn Nuns (Josua 1,1) und Jeschua den Hohepriester Hag 1,12). Menschen wie er beobachten Entwicklungen in der Stadt, neue Menschen und insbesondere neue Lehren sehr aufmerksam (vgl. Simon den Zauberer in Apg 8,9-12). Die Apostel müssen wohl in der Stadt schon gepredigt haben, sonst wäre die Aufmerksamkeit und das Interesse des Prokonsuls nicht zu verstehen. Jedenfalls erreichte die Nachricht von den neu angekommenen jüdischen Lehrern bald auch den Regierungspalast. Sergius Paulus war vom römischen Senat als Prokonsul auf Zypern eingesetzt worden. „Prokonsul  (gr. anqupatoV – anthypatos) römischer Statthalter, der eine Provinz, die dem Senat unterstellt war, verwaltete“ (Tenney: 1979,  33). Dass Lukas an dieser, wie an einigen anderen Stellen, solche Details wie Namen und exakte Amtstitel nennt, spricht sowohl für seine guten Kenntnisse der damaligen Welt als auch für die Zuverlässigkeit und Überprüfbarkeit seines Berichtes. Dieser Sergius Paulus wird als verständiger Mann charakterisiert, „der wünschte (suchte, strebte danah) Gottes Wort zu hören“. Zu diesem Zweck rief er Barnabas und Paulus zu sich. Zu jeder Zeit und unter allen Volksgruppen gab es Menschen, die mit den üblichen, im Alltag verankerten Praktiken des Heidentums nichts anfangen konnten (Apg 10,1-2). Jemand der Gottes Wort zu hören wünscht, hat grundsätzlich Sehnsucht nach Wahrheit (Apg 10,33). Nicht Neugier also, sondern aufrichtiges Suchen scheint diesen Mann zu bewegen. Doch wie so oft, ist auch der Seelenfeind aktiv dabei, um suchende Menschen von Gott abzuhalten, ja sie sogar verunsichern und durcheinanderbringen. „Elymas aber, der Zauberer – denn so wird sein Name übersetzt -, widerstand ihnen und suchte den Prokonsul vom Glauben abwendig zu machen (Apg 13,8). Den beiden Aposteln hat dieser Magier jedoch nichts wirksames entgegenzusetzen, seine Zaubereien sind keine besseren Alternativen mehr. Doch von der Kraft der Lehre des Herrn im Inneren getroffen, entscheidet er sich gegen Gott. Er sucht sein Ansehen beim Prokonsul und damit auch seine gute Einnahmequelle zu retten. Elymas setzt all seine Überredungskunst ein, um den Prokonsul abzulenken. Wahrscheinlich war  Barnabasbis dahin der Wortführer. Paulus, der bis dahin von Lukas immer mit seinem hebräischen Namen `Saul` angesprochen wurde, wird vom Heiligen Geist erfüllt und bevollmächtigt, das Innere des Herzens dieses falschen Propheten zu offenbaren. „Saulus aber, der auch Paulus heißt, voll Heiligen Geistes, sah ihn an und sprach: Du Sohn des Teufels, voll aller List und aller Bosheit, du Feind aller Gerechtigkeit, hörst du nicht auf, krumm zu machen die geraden Wege des Herrn? Und nun siehe, die Hand des Herrn kommt über dich, und du sollst blind sein und die Sonne eine Zeit lang nicht sehen! Auf der Stelle fiel Dunkelheit und Finsternis auf ihn, und er ging umher und suchte jemanden, der ihn an der Hand führte“(Apg 13,9-11).

Gemäß seiner prophetischen Gabe (Apg 13,1) kann Paulus ein Gericht verkündigen, welches auf der Stelle eintrifft (Apg.  Einige Details fallen bei diesem Geschehen auf:

  • Paulus richtet seinen Blick fest auf den Zauberer. Das griechische Wort `ατενισας – atenisas` – gespannt hinsehen, angespannt sehen auf) kommt auch an einigen anderen Stellen der Apostelgeschichte vor (so z.B. in 14,9; 23,1). Wenn man jemand gut verstehen will, muss man ihm auf die Lippen schauen; wenn man jemand etwas Wichtiges sagen will, muss man ihm in die Augen schauen. Paulus schaut dem Mann in die Augen, denn sein Blick ist frei von Argem und er will diesen Menschen in seinem Herzen treffen. Sicher hat dieses scharfe, ernste, vom Geiste Gottes durchdrungene Hinsehen nichts mit Hypnose zu tun, sondern ist Ausdruck der Vollmacht Gottes. Äußerlich scheint Elymas einen für damals akzeptablen, sogar anerkannten Dienst zu tun, doch nun wird das Verborgene des Herzens offenbar und es gibt nichts, was in den Augen Gottes gut wäre.
  • Voll Arglist und Bosheit ist er,
  • ein Feind aller Gerechtigkeit,
  • ein Sohn des Teufels – dies ist die Bestandsaufnahme.

Paulus wirft ihm fragend vor: „Willst du nicht aufhören, die geraden Wege des Herrn zu verkehren“ (Apg 13,10)? Die innere Einstellung des Elymas wird hier offenbart. Er hatte die Chance zur Umkehr während der Predigt der Apostel nicht genutzt. Doch die Strafe wird nicht sein ganzes Leben lang andauern, sondern nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt – gr. `μεχρι καιρος` – bis zu einer (von Gott bestimmten, oder durch Buße begrenzte) Zeit. Es ist möglich, dass Elymas sich später zu Gott bekehrte und wieder sehend wurde. Zunächst jedoch muss er jemanden suchen, der ihn an der Hand leitet. Irgendwie erinnert diese Geschichte an das Erleben des Paulus, der viele von Christus wegbringen wollte, der auch (für drei Tage) geblendet wurde und der durch Einsicht wieder sehend wurde, so dass Gott ihn als sein Werkzeug einsetzen konnte.

„Dann, als der Prokonsul sah, was geschehen war, glaubte er, erstaunt über die Lehre des Herrn“ (Apg 13,12). Für Paulus mag diese Bekehrung eines hohen römischen Beamten ein Schlüsselerlebnis gewesen sein. Gott sprach zu Ananias über Paulus: „Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel“ (Apg 9,15). Man kann sich zudem vorstellen, dass dieses Ereignis sich günstig auf die weitere Mission in Paphos und auf der ganzen Insel auswirkte. Ab diesem Zeitpunkt ist auch eine Veränderung im Missionsteam festzustellen. Paulus zog nicht eigenmächtig die Führung an sich, sondern der Heilige Geist hat an dieser Stelle die Verantwortung aufgrund der geistlichen Entwicklung bei Paulus und wegen des Planes, den Gott mit ihm hatte, von Barnabas auf Paulus übertragen. Zu sehen und mitzuerleben, wie Gott den jüngeren, begabten Freund und Bruder fördert und befähigt, erfordert große geistliche Reife. Barnabas ist zu dieser Umstellung bereit; er zieht sich nicht beleidigt zurück, sondern begleitet Paulus auf der weiteren Reise und erlebt Gottes wunderbares Wirken.

Die Auswirkungen der Evangelisation in Paphos (Pafos) und Umgebung sind an den zahlreichen Kirchengebäuderesten aus dem 4-6. Jahrhundert zu erkennen.

IMG_0273 Die Ag. Kyria- Kirche in Paphos, erbaut auf den Fundamenten der ältesten, ursprünglich  siebenschiffigen  Kirche auf Zypern aus dem späten 4. Jh. (Foto: P.S. 3. Februar 2010).

IMG_0291Eine griechische Inschrift im Mosaikfußboden der Kirche in Paphos, die lautet: „Ich bin der wahre Weinstock„- Joh 15,1 (Foto: P.S. 3. Februar 2010).

So wird das Evangelium sich in den ersten Jahrhunderten auf der gesamten Insel ausgebreitet haben.

IMG_0090Reste einer frühchristlichen Kirche am Kap Drepanon, etwa 30 km nördlich von Paphos mit einem noch sehr gut erhaltenen kreuzförmigen Taufbecken (Foto: P.S. 1. Februar 2010).

Neben der traditionellen orthodoxen Kirchen gibt es heute in und um Paphos herum mehrere verschiedene Freikirchen, sowohl griechisch,- als auch englischsprachig.

Wie lange die Aposel auf Zypern verbrachten, lässt sich durch folgende Faktoren zeitlich in etwa eingrenzen.

  • Bei der Mission in den genannten Städten Salamis und Paphos sind keinerlei Verfolgungsaktionen seitens der Juden oder staatlicher Behörden bekannt. Sie mussten also die Insel nicht vorzeitig verlassen.
  • Das Werk zu dem sie ausgesandt waren, war jedoch viel zu umfassend, als dass sie zu lange auf der Insel geblieben wären. Wenn sie jedoch auf Zypern nicht überwintern wollten, mussten sie die Insel im Frühherbst verlassen, da der Schiffsverkehr im gesamten Mittmeerraum während der Wintermonate ruhte. Als relativ sichere Schiffahrtssaison galt die Zeit von Ende Mai bis Mitte September.

Ihr nächstes Ziel war Perge in Pamphylien.

4.4. In Perge verlässt Markus das Missionsteam

100_2484Der Hafen in Paphos, von dem aus das Missionsteam nach Attalia (Antalya) segelte (Foto: P.S. 7. Januar 2005).

Von Paphos aus bot sich den Missionaren die Gelegenheit nach Nordwesten zu segeln. Im Text des Lukas lesen wir: „Als aber Paulus und seine Begleiter von Paphos abgefahren waren, kamen sie nach Perge in Pamphylien“ (Apg 13,13a). Es fällt gleich auf, dass Paulus ab jetzt im Team immer als erster genannt wird. Aufgrund anderer Textzeugnisse hatte es in der Regel immer mit der Leitung des Teams zu tun (Apg 1,13; 3,1. 4; 4,13. 19 – Petrus und Johannes). Die Seestrecke von Paphos nach Attalia, etwa 270 km, konnte bei günstigen Windverhältnissen in einigen Tagen bewältigt werden. In der Regel fuhren die Schiffe entlang der heutigen kleinasiatischen Küste. Die Apostel kamen zunächst im Hafen von Attalia (heute Antalya) an.

Bild 143Der Hafen in Antalya mit seinen Fischer- und Ausflugsbooten ist ein Naturhafen und liegt an der gleichen Stelle, wie der antike Hafen. Hier kamen Paulus Barnabas und Markusan (Foto: P.S. 8. März 2008).

Von Atalia zogen sie in das etwa 15 Kilometer weiter nordöstlich gelegene Perge.

„Pamphylien, Küstenregion im südlichen Kleinasien zwischen Lyzien und Zilizien. Von 43 bis ca. 68 n. Chr. Teil der römischen Provinz Pamphylia/Lycia (Haubeck 1997, 619 mit Bezug auf Bruce: Kommentar zu Apg 13, S 300).

„Seit Antonius gehörte Pamphylien, Westzilizien, Isaurien, Pisidien und Lykaonien zur röm. Provinz Galatien“ (Schneller: 1926, 95).

Die zahlreichen gut erhaltenen Monumente, wie  das Stadion, das Theater, die römischen Bäder und in weiten Teilen gut erhalktene Stadtmauer, zeugen von der einstigen Bedeutung der ehemalgen Provinzhauptstadt.

IMG_3343An einer Strassenseite der antiken Stadt Perge ist in den beiden oberen Zeilen der Stadtname `ΠΕΡΓΗ – PERGE`eingemeißelt (Foto: P.S. 3. März 2008).

IMG_3329Von Marmorsäulen gesäumte und gepflasterte Strasse im Zentrum von Perge. (Foto: P.S. 3. März 2008)

Lukas berichtet nichts über eine missionarische Tätigkeit der Apostel in dieser Stadt. Verutlich zog es den Paulus in die Provinzhauptstadt Galatiens – das Pisidische Antiochia. Die Überquerung der hohen Pässe des Taurusgebirges war in den späten Herbstmonaten in der Antike nicht mehr möglich.

IMG_1559Noch bis in dem April hinein ist das Überqueren des Taurusgebirges ein nicht ungefährliches Unterfangen (Foto: P.S. 6. April 2011).

Ludwig Schneller berichtet: „Auch der Straßenbau, sonst ein besonderer Ruhm der römischen Regierung, war in diesen Gegenden nur auf das notdürftigste beschränkt. Wo es, wie hier im Cestrustal, die militärischen Zwecke nicht durchaus erforderten, war gar nichts geschehen. An den notwendigsten Stellen führten, wie Strabo berichtet, Brücken über den Cestrus.“ (Schneller: 1926, 91).

Im Text hebt Lukas hervor, das Johannes-Markus sich hier von Paulus und Barnabas trennte und nach Jerusalem zurückkehrte (Apg 13,13b). Über die Gründe für diese Trennung kann nur gemutmaßt werden. Ausgehend von der scharfen Auseinandersetzung zwischen Paulus und Barnabas wegen Markus, kurz vor der zweiten Missionsreise (Apg 15,38) und der Begründung, die Paulus für seine Haltung anführt, müssen bei Markus, zumindest aus der Sicht des Paulus, keine zu entschuldigenden Gründe vorgelegen haben. Doch was könnte Markus bewogen haben eine solch schwerwiegende Entscheidung getroffen zu haben? Hier einige Überlegungen:

  • Der Entschluss der Apostel, noch vor Wintereinbruch über die nicht ungefährliche hohe Passstrasse nach Antiochien in Pisidien zu gelangen, – Gefahren.
  • Spätestens hier war abzusehen, dass bei Fortsetzun der Reise, eine Rückkehr nicht so schnell erfolgen wird – Heimweh?
  • Dass sein Onkel Barnabas nicht mehr wie bisher die Leitung des Teams innehatte und er daher weniger in die Planung einbezogen war – weniger Einflussnahme?
  • Er wurde mitgenommen als Diener, hatte jedoch keine spezielle oder ausdrückliche Berufung – Minderwertigkeitsgefühle?

Was auch immer es für Gründe gab, aus der Sicht des Paulus verlor Markus fortan die Eignung zum Dienst. Hat nicht auch Jesus gesagt: „Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes“ (Lk 9,62)? Paulus ist in Markus enttäuscht, Barnabas litt darunter. Die Frage, die sich hier aber stellt, ist nicht, wie das Verhalten des Markus zu beurteilen ist (uns sind ja die wahren Motive nicht bekannt) sondern wie man in solchen Fällen mit einem Mitarbeiter umgeht. Die spätere Einbindung des Markus in weitere Missionsarbeit lehrt uns jedoch, niemandem vorschnell die Eignung zum Dienst abzusprechen. Nach einigen Jahren bekam Markus durch Barnabas eine zweite Chance und dies führte bei ihm zu einer guten geistlichen Entwicklung, so dass er zu einem noch späteren Zeitpunkt auch für Paulus nützlich werden konnte (vgl. Apg 15,39 mit 2Tim 4,11).

Doch gerade jetzt, wo es schwierig wurde und man den jungen Mann gut gebrauchen konnte, verlässt er das Team und zieht nicht mit zum Werk des Dienes (Apg 15,38).. Aber Paulus und Barnabas lassen sich von ihrem weiteren Weg nicht abbringen: „Sie aber zogen von Perge aus hindurch und kamen nach Antiochia in Pisidien“ (Apg 13,14a).

Kapitel 5

Veröffentlicht unter Paulus | Verschlagwortet mit , , , , | Schreib einen Kommentar