Das Leiden und Sterben von Jesus

10.26.3 Jesus lässt sich gefangen nehmen

Aus  Furcht vor einem Volksaufstand zugunsten von Jesus, nehmen die Führer des Volkes den sehr bekannten Propheten Jesus bei einer nächtlichen Aktion gefangen. Dabei spielte Judas eine entscheidende Rolle. Ohne ihn wäre die Gefangennahme in dieser Nacht nicht zustande gekommen. Zunächst lernen wir die Evangelientexte über die Gefangennahme  Jesu im Garten Gethsemane kennen.

Abbildung 9 Eine Schafherde weidet friedlich in einem Olivenhain (Foto am 17. August 2011).

Dabei werden wir feststellen, dass sich die drei sogenannten synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) sowohl einandern ähneln als auch ergänzen.  Johannes hat eine etwas andere Reihenfolge und hält ungewöhnliche Aspekte im Ablauf der Gefangennahme fest.

Der Evangelist Johannes schreibt: „Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen.“ (Joh 18,6). Die Bezeichnung `Schar`, (gr. σπείρα – speira), ist eine militärische Abteilung der Römer, welche in Jerusalem stationiert war. Diese wird von einem Oberst über Tausend `gr.  χιλίαρχος – chiliarchos` befehligt. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die gesamte Abteilung an der Gefangennahme teilnahm. Doch lässt dies erkennen, dass die Tempelbehörde (die Priesterschaft) ab diesem Zeitpunkt den römischen Kommandanten in ihre Pläne einbezogen hat.Der Evangelist Markus schreibt über das Verhaftungskomande folgendes: „Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten.“ (Mk 14,43). ().

 

Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin’s! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen“ (18,3-5). „Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin’s!, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Da fragte er sie abermals: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Sucht ihr mich, so lasst diese gehen! Damit sollte das Wort erfüllt werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast“ (18,7-9).

Matthäus: „Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes“ (Mt 26,47). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab“ (Mk 14,44). Der Evangelist Lukas ergänzt, dass Judas der Schar voranging, auf Jesus hinzuging um ihn zu küssen (Lk 22.47). Der Evangelist Matthäus fährt fort: „Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Mein Freund, dazu bist du gekommen?“ (Mt 26,49-50). Der Evangelist Lukas: „Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Lk 22,48). Matthäus: „Da traten sie heran und legten Hand an Jesus und ergriffen ihn“ (Mt 26,51). Johannes ergänzt mit den Worten: „Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn“ (Joh 18,12). Lukas: „Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“ (22,49). Johannes macht weiter detailierte Angaben: „Simon Petrus aber hatte ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus“ (18,10). Lukas: „Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn“ (22,51). Johannes: „Da sprach Jesus zu Petrus: Steck dein Schwert in die Scheide!“ (18,11). Matthäus ergänzt: „Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“. Johannes: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ (18,11). Matthäus: „Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (26,53-54). Matthäus: „Zu der Stunde sprach Jesus zu der Schar: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Habe ich doch täglich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen.

56 Aber das ist alles geschehen, damit erfüllt würden die Schriften der Propheten“ (26,55-56). Markus: „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen.

49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden“ (14,48). Lukas: „Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis“ (22,52-53). Matthäus: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“ (). Markus: „Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon“ (14,51-52). Matthäus: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten“ (26,57). Und Johannes ergänzt: „und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.“ (Joh 18,13).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welcher Unterschied fällt dir beim Verhalten von Jesus im Vergleich zum Erlebnis seiner Jünger im Garten Gethsemane auf?

 

  1. Welche Hinweise aus dem Alten Testament sehen die Evangelisten erfüllt?

 

  1. Warum fällt das Verhaftungskommando ersteinmal auf den Boden?

 

  1. Wie ist das Verhältnis von Jesus zum Schwert (= Umgang mit Gewalt)? Was finden wir sonst im Neuen Testament zu diesem Thema?

 

  1. Warum ist Jesus hier so wehrlos?

 

  1. Woran erkennen wir den in Gethsemane errungenen Sieg?

 

 

An diesem ruhigen Ort will Jesus mit seinen Jüngern die letzten gemeinsamen Stunden vor den schwersten Stunden verbringen. Judas weiß wohin Jesus geht – der Evangelist Lukas spricht von einer Gewohnheit der ganzen Gruppe sich in diesen Garten zurückzuziehen. Es ist bereits Nacht geworden. Acht Jünger werden im Bereich des Eingangs zurückgelassen. Mit den drei engsten Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes geht Jesus weiter in den Garten hinein um zu beten. Jesus sucht sich Beistand bei seiner letzten Prüfung bei seinen drei liebsten Jüngern: Werden sie mit seiner Taufe getauft werden? Werden sie seinen Becher trinken? Mit jedem weiteren Schritt steigt in Jesus Angst und Verzagen. Seine Seele ist zu Tode betrübt. Ein Zittern wird bei ihm sichtbar. Doch dies ist nur der Anfang, den die Drei noch mitbekommen als Jesus sie bittet mit ihm zu wachen und zu beten – denn der Schlaf übermannt sie bald. Allein – wie am Anfang des Dienstes – muss Jesus diesen Kampf aufnehmen. Dies geschieht im Gebet (Hebr 5,7). Jesus kniet, fällt auf die Erde nieder – sogar mit dem Angesicht. Hier berichten alle drei Evangelisten, dass Jesus Gott als seinen Vater im persönlichen Gebet anspricht. Jesus bitte um das Vorübergehen des leidgefüllten Bechers. Doch Jesus begrenzt diese Bitte: …doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lk 22,41). Der Wille des Vaters soll geschehen, darin birgt sich auch der Wille von Jesus. Hier sind wir sehr nahe am Geheimnis von Jesus: so menschlich und doch so nah beim Vater! Lukas markiert dieses tiefe Geheimnis mit dem Erscheinen eines Engels, um Jesus zu stärken. Jesus rang mit dem Tod in einer Tiefe, die wieder Lukas beschreibt: …sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen“ (Lk 22,44).

Als Jesus zu seinen drei Jüngern zurück kommt, findet er sie schlafend. Er sieht den mit allem Leid dieser Welt gefüllten Becher – doch die Apostel schlafen! Jesus reißt alle drei, aber Simon Petrus im Besonderen, aus dem Schlaf – doch wachen und beten können sie in dieser Nacht nicht. So geht Jesus wieder und betet weiter schon mit mehr Zuversicht:

Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! (Mt 26,42)

Doch die Jünger werden in dieser entscheidenden Nacht nicht zu Helden des Gebets – wieder findet Jesus sie schlafend. Nach einer weiteren Gebetsrunde  kommt er siegreich wieder zu seinen Jüngern zurück und findet sie wieder schlafend. Doch die Versuchung ist von Jesus gewichen – Jesus hat im Geist den Sieg über den Tod errungen, den er dann später im Leib am Kreuz erringen wird. Jetzt ruft er den Jüngern zu, sich auszuruhen – die Erlebnisse der nächsten Stunden werden sie auf härteste beanspruchen.

 

  1. Jesus lässt sich gefangen nehmen

(Mt 26,47-56; Mk 14,43-52; Lk 22,47-53; Joh 18,1-11)

 

Die Jünger finden nur wenig Ruhe, denn bald fordert Jesus sie auf zurück zu den anderen Jüngern zu gehen, um von dort aus dem Verhaftungskommando entgegenzugehen. Wahrscheinlich hören und sehen die Jünger die bunte Schar zusammengesetzt aus der jüdischen Tempelwache, einer Abteilung römischer Soldaten von der Burg Antonia (so Joh 18,3: Schar der Kriegsknechte) und weitere Begleiter/Vertreter aus den Reihen der Pharisäer schon näher kommen. Ihr vertrauter Judas hat die Seiten gewechselt und findet sich bei ihnen in der vordersten Reihe. Der Hohe Rat (Sanhedrin) konnte zwar kein Todesurteil aussprechen, aber er durfte Pilatus mit teilen, dass Jesus nach jüdischem Recht des Todes würdig sei. Diese bewaffnete und gut ausgeleuchtete Schar – wahrscheinlich angereichert durch Schaulustige – nähert sich den zwölf unbewaffneten eher schlichten Zeitgenossen. Das Erkennungszeichen war mit Judas verabredet – ein üblicher Begrüßungskuss wird die Person Jesus markieren. Judas geht auf Jesus zu, grüßt ihn mit den Worten „Rabbi, Rabbi!“ (Mk 14,45) und markiert ihn. Jesus grüßt Judas entspannt mit dem Begriff: „Mein Freund…“(Mt 26,50) Hier wird deutlich, dass Jesus in tiefem Frieden auf Menschen zugehen kann, die ihn ans Kreuz bringen. Jesus nimmt die Begrüßung und den Kuss arglos an – wissend um Verrat und Heuchelei. Hier finden wir weitere Hinweise vom Evangelisten Johannes, der schildert wie Jesus offensiv auf das Verhaftungskommando zu geht und sich selbst ihnen stellt. Damit wird selbst die verabredete Kussszene völlig überflüssig. Diese ruhige und doch offensive Wehrlosigkeit und damit eine sehr eindrückliche Majestät überrascht alle. Sie weichen zurück und fallen zu Boden. Wieder fragt Jesus, wen sie suchen und wieder gibt er sich zu erkennen. Hier folgen wir wieder den Evangelisten Matthäus und Markus, die beschreiben wie die Kriegsknechte Jesus festnehmen. Petrus kann dies nicht zulassen und zieht plötzlich ein Schwert und schlägt dem Knecht Malchus damit das rechte Ohr ab. Diese überraschende Szene nutzt Jesus souverän zu einer Heilung und zum entschiedenen Votum gegen Gewaltanwendung und dem Hinweis auf seine himmlische Unterstützung. Jesus umgibt ein tiefer Frieden. Er weis um den Becher des Leids, den der Vater für ihn vorsieht und er ist bereit ihn zu trinken. Darum lässt Jesus sich festnehmen und fragt dabei, warum sie ihn wie einen Räuber zu nächtlicher Stunde in einem Garten festnehmen, da er doch immer in ihrer Mitte gewesen sei. Doch Jesus weis um „(…) ihre Stunde und die Macht der Finsternis“ (Lk 22,53).

 

10.26.4 Die Jünger fliehen

(Mt 26,56;  Mk 14,50-52)

 

Als die Reihen der Kriegsknechte sich um Jesus schließen, wagt es keiner seiner Nachfolger mehr in dessen Nähe zu bleiben. Sie fürchten zu Recht auch ihre Verhaftung. So lassen alle Jesus allein und fliehen. Der Evangelist Matthäus schreibt: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“ (Mt 26,56). Dies hat Jesus ihnen vorausgesagt und es mit einer Prophetie unterstrichen: „Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« (Mt 26,31). Und wenige Stunden vor seiner Verhaftung sagte er seinen Jüngern: „Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.“ (Joh 16,32).

Der Evangelist Markus berichtet ein in der damaligen und heutigen Kultur sehr peinliches Ereignis. Ein junger Nachfolger hat den Mut und hält sich selbst noch in dieser Situation zu Jesus. Manche Ausleger nehmen an, das hier Johannes Markus der spätere Evangelist sein eigenes Erleben verhüllt berichtet. „Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.“ (Mk 14,51-52). Er folgt dem Verhaftungskommando nur sehr leicht bekleidet. Wahrscheinlich ist er kurzentschlossen dem Verhaftungskommando besorgt gefolgt. Als einer der nicht zum Kreis der Jünger gehört und auch nicht im Garten mit Jesus war, denkt er nicht an eine unmittelbare Gefahr für ihn. Doch er wird bemerkt und man will auch ihn festnehmen. Doch der junge Mann entwindet sich und flieht nackt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wird die Flucht der Jünger hier geschildert? Sie lässt doch auf alle Apostel für alle Zeit ein schlechtes Licht fallen?

 

  1. Welche Worte besonders von Petrus sind uns noch im Ohr?

 

  1. Verrat des Judas und Flucht aller anderer Jünger – welche Lehre ziehen wir daraus für uns als Nachfolger? Als Gemeindeleiter?

 

  1. Auf was kann uns dieser mutige und dennoch nackt wegrennende junge Mann hinweisen?

 

10.27 Jesus wird vor Hannas verhört

(Bibeltexte: Joh 18,12-14; 19-24;  Lk 22,54. 63-65)

 

Der Evangelist Johannes schreibt:

Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh 11,49-52; 18,12-14).

Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. (Lk 22,54).

Gemeint ist hier wohl das Haus (oikos) des Hohenpriesters Hannas, welches sich im Palasthof (aule) des Hohenpriesters befand, so die Zusammenhänge aus Mt 26,58 „Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast (Palasthof) des Hohenpriesters“ (Mt 26,69;  Mk 14,54;  Lk 22,66).

Von diesem inoffiziellen Verhör im Haus bei Hannas berichtet ausdrücklich nur der Evangelist Johannes. Doch auch im Text des Evangelisten Lukas ist eine Zweiteilung des Prozesses erkennbar. Hannas war der Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters Kaiphas. Dieses Vorverhör wurde höchstwahrscheinlich bewusst geplant. Zum einen wurde dem Älteren, sozusagen emeritierten Hohenpriester die Ehre erwiesen und zum anderen wurde dadurch Zeit gewonnen für den Hauptprozess, der erst in den frühen Morgenstunden stattfand (Lk 22,66). Man suchte noch in der Nacht händeringend nach Zeugen (Mt 26,59;  Mk 14,55). Gerade hier und in dieser ersten Phase des Verhörs findet die Verleugnung des Petrus statt (Joh 18,15-18; 25-27; siehe nächster Abschnitt).

Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe. (18,19-21).

Das Verhalten von Jesus fällt hier auf, denn auf die Fragen des Hohenpriesters Hannas geht er nicht ein, bzw. gibt darauf keine Antworten. Für dieses Verhalten können folgende Gründe angeführt werden:

  • Bei diesem Verhör handelt es sich nicht um einen offiziellen Gerichtsprozess. Jesus ist dem Hannas nicht verpflichtet zu antworten oder sich vor ihm zu verteidigen. Im Gegemteil, der Hohepriester selbst wäre in der Pflicht die Gründe für die nächtliche Verhaftung zu nennen.
  • Es scheint, dass Jesus dem Hannas keine Autorität zollt, da er gar nicht der zuständige Richter ist. Jesus amtwortet ihm auch deswegen nicht, weil es sich bei diesem vorgeschobenem Verhör um allgemein bekannte Inhalte handelt. Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn Hannas bis dahin nicht mitbekommen hätte, wer seine Jünger sind, was er lehrt und tut. So lesen wir in Johannes 11,47-18 „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“
  • Jesus geht auf seine Fragen auch nicht ein, weil es sich bei diesem Verhör um eine Schmeichelei des Schwiegersohnes dem Schwiegervater gegenüber handelt. Eine Art politisches Kalkül bei Kaiphas (typische orientalische Gepflogenheiten – den Älteren, dem gegenüber man sich verpflichtet fühlt, nicht zu übergehen).

Die Missachtung der Gepflogenheit von Ehrerbietung gegenüber einem ehemaligen Amtsträger führte bei einem der Diener zu einer bewussten frechen Reaktion.

Als er so redete, schlug einer von den Knechten (gr. υπερετών – ypereton – Diener), die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? (Joh 18,22).

Will er mit dieser verachtenden Geste seinem Dienstherrn imponieren? Dies nimmt Jesus jedoch keineswegs stillschweigend hin.

Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich.“ (18,23).

An dieser Stelle erinnern wir uns natürlich an die Aussage von Jesus:

Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. (Lk 6,29).

Hält sich Jesus selber nicht an das, was er die Jünger lehrte? Nun, hätte Jesus sein Gesicht zum zweiten Schlag hingehalten, hätte sich der Schläger im Recht gewusst. Mit seiner Gegenfrage schlägt Jesus nicht zurück, er tritt auch nicht einfach nur für sein Recht ein, sondern mit seiner Antwort/Frage gibt er dem Schläger die Möglichkeit sein Verhalten selbst zu beurteilen. Es gibt auch Situationen, in denen Jesus schweigend die Schläge erduldete (Mt 26,67). Auf Gewalt zu reagieren mit angemessenen Worten, ist nicht nur angebracht um seiner selbst willen, sondern auch um das Unrecht des Gewalttäters zu benennen und verurteilen.

Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. (Joh 18,24).

Doch bevor Jesus dort ankommt, bzw. bevor der Hohe Rat in den frühen Morgenstunden zusammenkommt, wird Jesus von den Knechten misshandelt (Lk 22,65-66). Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn. (Lk 22,63-65).

Das rauhe und gewalttätige Verhalten des einen Dieners und die stillschweigende Billigung des Hannas, lösten eine ganze Lawine von lästerlichen Schmähungen aus, die von Gewalt begleitet waren.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Gründe, warum Jesus zuerst zu Hannas geführt wurde?

 

  1. Warum interessiet sich Hannas für die Jünger von Jesus und seine Lehre? Hat er darüber keine Kenntnisse? Was steckt hinter seinen Fragen?

 

  1. Was könnte die Motivation bei dem Diener gewesen sein, dass er Jesus ins Gesicht schlug?

 

  1. Versuche die Reaktion von Jesus zu erklären. Warum verteidigt er sich hier mit Worten, aber bei einer anderen Gelegenheit nimmt er Schläge stillschweigend hin?

 

10.28 Petrus verleugnet seinen Herrn

          (Mt 26,58-75;  Mk 14,54. 66-72; Lk 22,54-62;  Joh 18,16-18; 25-27)

 

10.28.1 Hochmut (Selbstüberschätzung) kommt vor dem Fall

Spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen. Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ch dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen. Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast. (Joh 13,36-38).

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Abbildung 10 Ein krähender Hahn im Hohlraum eines Olivenbaumes auf der Insel Thassos in Griechenland. Seit der Verleugnung Jesu durch Petrus im Palasthof des Hohenpriesters in Jerusalem, ist der Hahn zum Symbol für Wachsamkeit geworden und ziert so manchen Kirchturm (Foto am 17. August 2010).

Simon Petrus fällt wieder mal aus dem Gleichgewicht, eigen ist ihm die Selbstüberschätzung. Der Grund dafür liegt:

  • Im mangelndem Hinhören auf das, was Jesus gesagt hat;
  • Im mangelndem Vertrauen darauf, dass Jesus es besser weiß, was für Petrus gut ist;
  • In der Unzufriedenheit des Petrus über die Einschränkung des Verantwortungsbereiches, welchen Jesus ihm aufzeigt.

Die Prophetie von Gott und die Wahrsagerei durch Menschen ist äußerlich manchmal ähnlich, in der Motivation und der Zielsetzung  jedoch völlig verschieden. Jesus sagt konkrete geschichtliche Abläufe im individuellen Bereich bei Petrus voraus, weil er weiß, dass es so kommen wird. Und genau so wird es kommen, nicht weil Gott es bestimmt oder festgelegt hätte, sondern weil Petrus sich entschieden hatte in seiner Selbstüberschätzung zu verharren. Natürlich hätte Gott dem Petrus diese Blamage ersparen können, er lässt ihn aber laufen und diese peinliche und auch sehr  einprägsame Erfahrung machen.

 

10.28.2 Begriffserklärung

 

Da manchmal ´Verleugnen´ und ´Verraten´ gleichgesetzt wird, sei hier darauf hingewiesen, dass es dafür im Griechischen zwei ganz unterschiedliche Begriffe gibt. Durch diese Begriffe wird zwischen Verleugnung oder Leugnung und dem Verrat, also einer bewussten Auslieferung, deutlich unterschieden. Petrus hat seinen Herrn nicht ausgeliefert (wie Judas) sondern verleugnet. Er hat sich von ihm bewusst losgesagt und distanziert. Für Verleugnen benutzen die Evangelisten den Begriff: ´άπ-αρνήσή – ap-arnese – ver-leugnen´ oder ´ηρνήσατο – ernesato – er leugnete´.

Für Verraten wird der Begriff  ´παραδώσει – paradosei – er verrät´ oder ´ο παραδιδούς αυτόν – der Verratende ihn´ verwendet. Petrus hat also seinen Herrn nicht verraten, wie es Judas tat, sondern verleugnet, oder geleugnet ihn zu kennen. Dies ist schlimm genug, doch Verrat bedeutet – jemanden ausliefern, bewusst überliefern in die Hände der Feinde. Dies tat Judas und dasselbe taten die Hohenpriester, indem sie Jesus an den Statthalter Pilatus auslieferten.

 

10.28.3 Chronologische Zusammenstellung der Texte aller vier Evangelien

 

Matthäus 26,58-75 Markus 14,54. 66-72 Lukas 22,54-62 Johannes 18,15-16. 18. 17. 25-27
58 Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, um zu sehen, worauf es hinauswollte.

 

54 Petrus aber folgte ihm nach von ferne, bis hinein in den Palast des Hohenpriesters, und saß da bei den Knechten und wärmte sich am Feuer.

 

54 Petrus aber folgte von ferne. 15 Simon Petrus aber folgte Jesus nach und ein anderer Jünger. Dieser Jünger war dem Hohenpriester bekannt und ging mit Jesus hinein in den Palast des Hohenpriesters.

16 Petrus aber stand draußen vor der Tür. Da kam der andere Jünger, der dem Hohenpriester bekannt war, heraus und redete mit der Türhüterin und führte Petrus hinein.

Petrus aber saß draußen im Hof; 66 Und Petrus war unten im Hof. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 18 Es standen aber die Knechte und Diener und hatten ein Kohlenfeuer gemacht, denn es war kalt und sie wärmten sich.[1]
69  da trat eine Magd zu ihm und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Da kam eine von den Mägden des Hohenpriesters;

67 und als sie Petrus sah, wie er sich wärmte, schaute sie ihn an und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus von Nazareth.

56 Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 17 Da sprach die Magd, die Türhüterin, zu Petrus: Bist du nicht auch einer von den Jüngern dieses Menschen?
70 Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst (1). 68 Er leugnete aber und sprach: Ich weiß nicht und verstehe nicht, was du sagst (1). 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht (1).  

Er sprach: Ich bin’s nicht (1).

 

71 Als er aber hinausging in die Torhalle, Und er ging hinaus in den Vorhof, und der Hahn krähte (zum erstenmal).
 (es) sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth.

 

69 Und die Magd sah ihn und fing abermals an, denen zu sagen, die dabeistanden: Das ist einer von denen. 58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. 25 Simon Petrus aber stand da und wärmte sich. Da sprachen sie (die Knechte) zu ihm: Bist du nicht einer seiner Jünger?
72 Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht  (2). 70 Und er leugnete abermals (2). Petrus aber sprach: Mensch, ich bin’s nicht (2). Er leugnete und sprach: Ich bin’s nicht (2).
73 Und nach einer kleinen Weile traten hinzu, die da standen, und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich. Und nach einer kleinen Weile sprachen die, die dabeistanden, abermals zu Petrus: Wahrhaftig, du bist einer von denen; denn du bist auch ein Galiläer. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer. 26 Spricht einer von den Knechten des Hohenpriesters, ein Verwandter dessen, dem Petrus das Ohr abgehauen hatte: Sah ich dich nicht im Garten bei ihm?
74 Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht (3). 71 Er aber fing an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet (3). 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst (3)

 

27 Da leugnete Petrus abermals (3).
Und alsbald krähte der Hahn. 72 Und alsbald krähte der Hahn zum zweiten Mal. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn.

 

und alsbald krähte der Hahn.
61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an.
75 Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Da gedachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
Und er ging hinaus und weinte bitterlich. Und er fing an zu weinen. 62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

 

10.28,4 Die erste Phase der Verleugnung

 

Eine Magd, die als Türhüterin fungierte, lässt den Petrus in den Palasthof des Hohenpriesters Hannas hinein, nachdem Johannes seine Bekanntschaft mit dem Hohenpriester ins Spiel gebracht hatte (Joh 18,16). Durch diese Beziehungen des Johannes zum Hohenpriester kam Petrus in eine sehr peinliche aber auch gefährliche Lage.

Petrus bewies Mut, doch dies in eigener Kraft und Eigenregie. Er wollte ja zu seinem dreifachen Versprechen stehen:

  1. „Wenn sich alle an dir ärgern werden, ich werde mich niemals ärgern“ (Mt 26,33),
  2. „Mit dir bin ich bereit nicht nur ins Gefängnis, sondern auch in den Tod zu gehen“ (Lk 22,33),
  3. „Ich will mein Leben für dich hingeben“ (Joh 13,37b).

Sein Ziel war, den Prozeßverlauf aus der Nähe zu beobachten (Mt 27,58). So geht er in die Mitte des Hofes und setzt sich zu den Dienern und Knechten, welche ein Feuer angezündet hatten wegen der Kälte (Mk 14,54; Joh 18,18). Zu dieser Jahreszeit (14. Nisan – 3. April 33) waren die Nächte in Jerusalem noch ziemlich kalt. Mit verstohlenen Blicken hinauf zum Hohenpriesterpalast, versucht Petrus aus der Entfernung den Prozessverlauf zu verfolgen. Doch seit Betreten des Palasthofes wird er ständig beobachtet. Die Magd am Toreingang lässt ihn nicht mehr aus den Augen. Sollte dieser Mann etwas anstellen, würde sie die Verantwortung dafür tragen müssen, weil sie ihn als Unbefugten in den Palasthof hineingelassen hatte. Auf jeden Fall geht sie ihm nach in die Mitte des Hofes. Beim Feuerschein kann sie ihn auch gut erkennen. Sie schaut ihm genau in die Augen, denn der griechische Begriff ´άτενίσασα – atenisasa – aufmerksam, genau anschauen´ unterstreicht dies (Lk 22,56). Mit ihrer durchdringenden Frage und Behauptung, „dieser war auch mit ihm“, löste sie eine ganze Lawine von begründetem Verdacht aus. Alle vier Evangelisten geben die Aussage der Magd zum Teil unterschiedlich wieder. Es ist also wahrscheinlich, dass sie drei Aussagen gemacht hat.

  1. Ob die Türhüterin gleich am Eingangstor den Petrus fragt: „Bist nicht auch du (einer) von den Jüngern dieses Menschen“, oder erst später, als Petrus bereits in der Runde der Diener am Feuer saß, bleibt offen (Joh 18,17).
  2. Im Hof vor den Dienern stellt dieselbe Magd die Behauptung auf: „Auch du warst mit Jesus dem Galiläer, dem Nazarener“ (Mt 26,69; Mk 14,67).
  3. Dann erst wendet sie sich zu allen mit der öffentlichen Behauptung: „Auch dieser war mit ihm“ (Lk 22,56).

Für ihre Frage und Behauptung hatte sie als Türhüterin ja allen Grund (Joh 18,16). Nun muss Petrus sich stellen, oder leugnen. Und er leugnete vor allen:

  • „Ich bin`s nicht“ (Joh 18,17),
  •  „ich weiß nicht, verstehe auch nicht, was du sagst“ (Mt 26,70;  Mk 14,68),
  • „Frau, ich kenne ihn nicht“ (Lk 22,57).

Die drei verleugnenden Aussagen des Petrus könnten ursprünglich in einem ausführlichen Satz ausgesprochen worden sein. Doch die Evangelisten hatten jeweils nur einen Teil des ganzen Satzes aufgeschrieben (Matthäus und Markus sind gleich). Nun ist es dem Petrus heiß geworden, aber nicht vom Feuer und „er stand auf und ging in das Torgebäude (den Vorhof) hinaus“ (Mt 26,71; Mk 14,68).

Markus weicht an dieser Stelle von den anderen Evangelisten ab und fügt hinzu: „und (der) Hahn krähte (zum ersten Mal)“ (Mk 14,68). Obwohl dieser Zusatz nicht in allen Handschriften vorkommt, entspricht er der Ankündigung von Jesus: „Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht,  mich dreimal verleugnen wirst“ (Mk 14,30). Ob Petrus im Wirrwar seiner Gedanken diesen ersten Weckruf einfach überhörte, bleibt offen.

 

10.28.5 Die zweite Phase der Verleugnung

 

Auch dort im Torgebäude gibt es Diener und Knechte des Hohenpriesters, welche um ein Feuer herumstanden (Joh 18,25). Inzwischen hat auch die Magd den Innenhof verlassen und ist in das Torgebäude zurückgekehrt. Möglich, dass sie sich zwischendurch eine andere Magd zur Verstärkung geholt hatte.

  • „Und als die Magd (die Türhüterin) ihn (den Petrus) sah, fing sie wieder an zu den Dabeistehenden zu sagen: Dieser ist einer von ihnen“ (Mk 14,69).
  • Eine andere Magd schließt sich ihr an, indem sie ebenfalls zu den Dabeistehenden sagt: „Auch dieser war mit Jesus dem Nazoräer“ (Mt 26,71).
  • Nach Lk 22,58 meldet sich nun auch ein Mann und behauptet: „Auch du bist (einer) von ihnen“.  Johannes spricht einfach von mehreren, die sich äußern und er zieht diese Äußerungen in einem Satz zusammen: „Bist nicht auch du (einer) von seinen Jüngern?“ (Joh 18,25b). Wir sollten bedenken, dass in jener Zeit das Zeugnis einer Frau vor Gericht nicht galt. Dadurch erklärt sich die Bemühung der Magd, die Diener (Männer) in diesen Aufklärungsprozess einbeziehen.

Und wieder leugnete er mit einem Eid, indem er sich wohl an den einen Sprecher, welchen Lukas hervorhebt, wendet:

  • „Mensch, ich bin`s nicht“ (Lk 22,58c; Joh 18,25c)
  • „Ich kenne diesen Menschen nicht“ (Mt 26,72).

Auch die zweite Verleugnung beinhaltet eine doppelte Aussage:

Erstens: Ich bin nicht die Person, mit der ihr mich in Zusammenhang bringt.

Zweitens:  Mit jenem Menschen habe ich nichts zu tun.

 

10.28,6 Die dritte Phase der Verleugnung

 

Nach Markus 14,70b vergeht eine kurze Zeit, bis es zu erneuten Fragen kommt. Lukas schreibt, dass ungefähr eine Stunde verging (Lk 22,59a). Nun wird Petrus vielleicht gedacht haben, die Gefahr ist vorüber, sie lassen mich endlich in Ruhe. Doch weit gefehlt, der Verdacht verdichtet sich. Inzwischen sprach es sich unter den Anwesenden herum, dass es im Hof einen Anhänger des Gefangenen gibt, vermutlich ist er sogar bewaffnet. Wieder sind es mehrere, die ihrem Verdacht auch noch eine Begründung hinzufügen, nämlich:

  • „Wahrhaftig, auch du bist einer von ihnen, denn du bist ein Galiläer und auch deine Sprache (Lalia) verrät dich“ (Mk 14,70b; Mt 26,73).
  • Lukas hebt einen Sprecher hervor, der fast die gleiche Aussage macht, wie die meisten sie ausgesprochen hatten: „In Wahrheit, auch dieser war mit ihm, denn er ist auch ein Galiläer“ (Lk 22,59b).
  • Johannes nennt einen Knecht des Hohenpriesters, einen Verwandten des Malchus, dem Petrus das rechte Ohr abgehauen hatte (Lk 22,50; Joh 18,26a). Dieser Knecht scheint ein gutes visuelles Gedächtnis zu haben wenn er sagt: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ (Joh 18,26b).

Es ist möglich, dass der Mann bei Lukas und der Knecht des Hohenpriesters bei Johannes ein und dieselbe Person ist. Sicher ist, dass sich viele Personen im Palasthof mit Petrus angelegt hatten. Das Ganze gleicht der inofiziellen juristischen Untersuchung, welche sich parallel und im Zusammenhang des Prozesses von Jesus abläuft. Oben im Palast des Hohenpriesters bekennt der Angeklagte: „Ich bin`s“ (Mk 14,62), unten im Hof sagt der zu Recht Verdächtigte: „Ich bins nicht“. Nun ist Petrus so sehr in die Enge getrieben worden, angefangen von einer Magd und zum Ende von einem Augenzeugen, dass er spätestens hier hätte aufgeben und sich stellen müssen. Doch der Satan hat sich vorgenommen die Jünger zu sieben wie den Weizen (Lk 22,31) und gerade den Petrus auf eine besondere Weise. „Da fing er (Petrus) an sich zu verwünschen und zu schwören:

  • „Mensch, ich weiß nicht was du sagst (Lk 22,60),
  • „Ich kenne den Menschen nicht von dem ihr redet“ (Mt 26,74a+b;  Mk 14,71).

„Und sogleich, während er noch redete (Lk 22,60b), krähte der Hahn“ (Joh 18,27; Mk 14,72;  Mt 26,74). „Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an (Lk 22,61a). Da Jesus nicht einfach vom Palastsaal des Hannas in das Torgebäude blicken konnte, ist es gut möglich, dass die dritte Verleugnung und der darauf folgende Blickkontakt von Jesus zu Petrus hin, während der Überführung von Hannas zu Kaiphas stattgefunden hatte (Joh 18,24). Ähnlich äußert sich auch  Thiede, C.P.: Geheimakte Petrus. Auf den Spuren des Apostels, Stuttgart 2000, 130-131.

„Und Petrus gedachte des Wortes Jesu, der gesagt hatte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Mt 26,75; Lk 22,62). Erst jetzt erinnert sich Petrus an die Aussage von Jesus. Seine Selbstüberschätzung und mangelnder Glaube an die Worte Jesu, wurden ihm zum Verhängnis. Und er bricht innerlich und auch äußerlich zusammen. Die Tränen der Reue und des Umdenkens zeugen von der Demütigung des Herzens.

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Der Hahn auf emεμ Kirchturm soll die Christen erinnern wachsam zu sein und mutig und treu Jesus ihren Herrn bekennen. So ist auch der Hahn auf dem Kirchturm der evangelischen Bergkirche in Pforzhem-Büchenbronn (aus dem 15 Jh.) nicht einfach als blose Verziehrung gedacht (Foto am 7. Juli 2016).

   Петух на шпиле церкви должен напомин                                                                                                                                                                       Abbildung 11 Der Hahn auf emεμ Kirchturm soll die Christen erinnern wachsam zu sein und mutig und treu Jesus ihren Herrn bekennen. So ist auch der Hahn auf dem Kirchturm der evangelischen Bergkirche in Pforzhem-Büchenbronn (aus dem 15 Jh.) nicht einfach als blose Verziehrung gedacht (Foto am 7. Juli 2016).

 

 

 

Auch wenn Jesus die Warnung aussprach: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes“ (Lk 12,9), übt er doch Gnade vor Recht. Es gibt verschiedene Fassetten bei der Leugnung oder Verleugnung Jesu. Die des Petrus ist eine der dramatischsten.

Doch Petrus versank nicht im Abgrund der Traurigkeit durch sein Versagen, sondern wurde nach Herzensumkehr aufgefangen im Netz der unermesslichen Liebe von Jesus Christus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war die Motivation bei Petrus, seinem Herrn von Ferne zu folgen?

 

  1. Sind gute, vertrauensvolle Beziehungen zu oberen Instanzen für Jesusnachfolger hilfreich? Wie lässt sich die Beziehung, welche Petrus in diesem Fall nutzte (Johannes ist dem Hohenpriester bekannt) in dieser Geschichte bewerten?

 

  1. Wo hielt sich Johannes auf und warum hielt sich Petrus nicht zu seinem Mitjünger?

 

  1. Beschreibe die Aktivität der Magd als Türhüterin. Warum ist sie so sehr um die Aufklärung der Person des Petrus bemüht?

 

  1. Welche Gründe gibt es, warum Petrus erst an die Worte Jesu dachte, als der Hahn krähte und Jesus ihn anschaute?

 

  1. Was sind die Gründe dafür, dass Petrus in der Stunde der Versuchung nicht standhaft geblieben ist?

 

  1.  Wie reagiert Jesus auf die Verleugnungen des Petrus?

 

  1. Was können Tränen der Reue und Buße bewirken?

 

 

10.29 Jesus vor Kaiphas und dem Hohen Rat

(Bibeltexte: Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65;  Lk 22,66-71)

 

10.29.1 Die Informationsquellen

Alle drei synoptischen Evangelien berichten im Detail und einander ergänzend den offiziellen Gerichtsprozess vor dem Hohen Rat unter der Leitung des amtierenden Hohenpriesters Kaiphas (Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65;  Lk 22,66-71).

Der Evangelist Lukas schreibt dazu: „Und als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn vor ihren Rat.“ (Lk 22,66). Der  Prozess vor Kaiphas fand in den frühen Morgenstunden des Passah-Tages statt. Dem Hohen Rat (Synedrium), gehörten parteiübergreifend siebzig (71) Personen an – die Hohenpriester, Schriftgelehrte und reiche angesehene Älteste des Volkes. Diese Personen waren wahrscheinlich über die bevorstehende Gefangennahme Jesu informiert worden, doch eingetroffen im Palast des Hohenpriesters sind sie erst in den frühen Morgenstunden. Dieser Umstand erklärt vielleicht auch, warum das inoffizielle Verhör vor Hannas vorgeschoben wurde (Joh 18,19-24). Der Evangelist Matthäus schreibt: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.“ (Mt 26,57;  Mk 14,53).

Der Beschluss, Jesus zu töten, ist vom Synedrium bereits vor einigen Wochen, nach der Auferweckung des Lazarus, gefasst worden. So berichtet der Evangelist Johannes: „Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“ (Joh 11,46-53). Die Juden durften zu der Zeit keine Todesurteile vollstrecken, dieses Recht haben ihnen die römischen Behörden entzogen (Joh 18,31). Daher waren sie sozusagen gezwungen, ihrer Vorverurteilung die Legitimität, das heißt, die Rechtsmäßigkeit zu geben. Doch im Grunde könnte dieser Prozess als ein Scheinprozess gewertet werden. Denn die Motive für diesen Prozess zum Tode waren: Neid, Mißgunst, Angst um Machtverlust.

  • „Denn er (Pilatus) erkannte/wusste, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10;  Mt 27,18).
  • „Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,48).

 

10.29.2 Die Prinzipien eines Gerichtsprozesses 

Für Gericht hat die griechische Sprache den Begriff  `κρισις  – krisis `. Durch die verschiedenen Vorsilben zu diesem Wort werden bestimmte Aspekte eines Gerichtsverfahrens beschrieben. In einer Diskussion der führenden Juden beanstandet Nikodemus mutig eine Vorverurteilung Jesu mit dem Hinweis auf die Vorgaben im Gesetz. „Richtet (κρινει-krinei) denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ (Joh 7,51). Zur Zeit Jesu war das Synedrium-Hohe Rat, sozusagen die oberste Gerichtsinstanz, an dessen Spitze der amtierende Hohepriester als oberster Richter `κριτής – krites` stand. Kein Gerichtsprozess durfte ohne Zeugen geführt werden (5Mose 17,6; 19,15). Dabei mussten bestimmte Abläufe beachtet werden, wie:

  1. Ανα-κρισις – ana-krisis – Untersuchung des Falles durch Anhörung. Die Vorsilbe `ana` hebt die Aufklärung des Falles hervor. Es geht um das Aufdecken, ans Licht bringen von tatsächlich Geschehenem.
  2. Απο-κρισις – apo-krisis – Antwort, es geht darum, dass sich der Angeklagte ver-antworten konnte. Durch den Begriff `απο-λογία – apo-logia` wird auch die Möglichkeit der Verteidigung ausgedrückt.
  3. Υπο-κρισις – ypo-krisis, meint Heuchelei, Schauspielerei. In einem Gerichtsprozess wurde häufig geheuchelt, wie es die Schauspieler auf der Bühne taten. Dafür brauchten die Richter ein gutes Urteilsvermögen, welches durch den folgenden Begriff ausgedrückt wird.
  4. Δια-κρισις – dia-krisis, – meint Unterscheidung, Beurteilung. Es geht um die Trennung der Wahrheit von der Lüge.
  5. Κατα-κρισις – kata-krisis ist die Verurteilung, das Verdammungsurteil (Mt 27,3).

 

10.29.3 Die Zeugenaussagen

Aus dem folgenden Text wird deutlich, nicht Jesus ist im Zugzwang, sich zu verteidigen, sondern der Hohepriester und die Ältesten des Volkes suchen nach Beweismaterial, um Jesus verurteilen zu können. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.“ (Mt 26,59-61; Mk 14,57). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn und sprachen: Wir haben gehört, dass er gesagt hat: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Aber ihr Zeugnis stimmte auch so nicht überein.“ (Mk 14,58-59). Ausdrücklich betonen die Evangelisten, dass die Zeugnisse nicht übereinstimmten. Nach dem Gesetz mussten mindestens zwei Zeugen unabhängig voneinander das Gleiche aussagen (5Mose 17,6; 19,15). Man legte also Wert auf übereinstimmende Aussagen der Zeugen, die getrennt voneinander gehört wurden: „Denn viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein.“ (Mk 14,56). Von den vielen Zeugenaussagen, die gemacht wurden, sind von den Evangelisten zwei aufgezeichnet worden, die zwar an Jesu Worte aus Johannes 2,20-21 erinnern, doch weder der Originalaussage Jesu entsprachen, noch in ihrem Wortlaut einander gleich waren. Die Originalaussage von Jesus lautete: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.“

Der Hohepriester Kaiphas hatte nun ein Problem. Es gab kein einziges verwertbares Zeugnis gegen Jesus. Der Evangelist Markus schreibt weiter: „Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? Er aber schwieg still und antwortete nichts.“ (Mk 14,60-61a;  Mt 26,62-63a). Was soll Jesus zu den Falschaussagen auch sagen? Der gesamte Hohe Rat wurde Zeuge dieser Falschaussagen – wie beschämend. Denn alle, von ihnen gefundenen und aufgestellten Zeugen, konnten mit ihren Aussagen Jesus nicht belasten. Es wurde solch ein Aufwand betrieben, um Jesus rechtsmäßig verurteilen zu können und es gab keinen Grund dazu.

 

10.29.4 Der Hohepriester fordert Jesus unter Eid heraus

Das Verhalten von Jesus ist hier ungewöhnlich, da er von seinem Recht, sich zu verantworten (apo-krisis), verteidigen  oder zu rechtfertigen, kein Gebrauch macht. Hier wurde das Recht in höchstem Maße gebeugt und Jesus lässt sie gewähren. Er denkt nicht an sich, sondern an seinen Vater, dessen Willen er nun bereit war zu tun.

Der Evangelist Matthäus schreibt weiter:

Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes. (Mt 26,63b).

Und der Evangelist Markus ergänzt:

(…) der Sohn des Hochgelobten. (Mk 14,61b)?

Die Doppelfrage des Hohenpristers war sehr bewusst und überlegt vorgetragen worden. Es handelte sich dabei um die zentrale Frage in der Theologie des Judentums. Beide Teile der Frage sind untrennbar miteinander verknüpft:

  1. „Bist du der Christus“ (der Messias, der Gesalbte)?
  2. „der Sohn Gottes, des Hochgelobten“

Nach dem `Sch`ma Israel` (5Mose 6,4) ist die Person des Messias die Wichtigste im Judentum. Die Frage, ob er der Christus sei, wurde Jesus von den Juden bereits vor drei Monaten gestellt zur Zeit der Tempelweihe als er im Tempel lehrte. Das war Ende Dezember des Jahres 32. Der Evangelist Johannes schreibt davon:

Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus. (Joh 10,24).

Damals antwortete Jesus:

Ich habe es euch gesagt und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen. (Joh 10,25-26).

Nach dem Text des Evangelisten Lukas wurde die gleiche Frage des Hohenpriesters von mehreren aus dem Rat gestellt. Ihnen antwortet Jesus:

Sage ich’s euch, so glaubt ihr’s nicht; frage ich aber, so antwortet ihr nicht.“ (Lk 22,67-68;  Mk 11,33).

Die Ratsmitglieder waren demnach gar nicht interessiert an einer offenen Debatte. Bei all den früheren öffentlichen Diskussionen über theologische wie auch praktische Fragen war ihnen Jesus immer überlegen (Joh 5,42-45;  Lk 17,20;  Mt 22,17-21. 34. 42-44).

Der zweite Teil der Frage des Hohenpriesters – bist du der Sohn Gottes – ist von den Juden vorher in dieser Form nicht gestellt worden. Jesus aber hat, obwohl er sich meistens als Menschensohn bezeichnete, keinen Hehl daraus gemacht, dass er der Sohn Gottes ist, weil er Gott auch regelmäßig seinen eigenen Vater nannte. So steht in Johannes 5,18:

Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich (ισον θεω – ison theo).

Dazu einige Stellen aus dem Johannesevangelium:

Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,29-30).

Weit mehr als zwanzig Mal sprach Jesus vor den Juden von seinem Vater (so in Johannes 2; 5; 6; 8; 10; 11; 12). Dies musste auch dem Hohenpriester bekannt gewesen sein. Und das war nach dem Verständnis der Juden über die Personalität Gottes – es ist nur ein Gott – pure Lästerung und verdiente den Tod (3Mose 24,16). Allerdings muß den Juden der Zusammenhang von `Messias – König – Sohn Gottes` bekannt gewesen sein, so der Zusammenhang des Textes in 2Samuel 7,11-14: „Ich will ihm Vater sein und er soll mir Sohn sein (…)“ und dem Text aus Psalm 2,7: „Du bist mein sohn, heute habe ich dich gezeugt.“

Und Jesus suchte zu seiner Zeit die theologische Engsicht der Juden zu erweitern mit seiner Frage von der Herkunft und dem Status des Messias und brachte damit die Schriftgelehrten in theologische Erklärungsnot. Seine Frage lautete:

Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie antworteten: Davids Da fragte er sie: Wie kann ihn dann David durch den Geist Herr nennen, wenn er sagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen. (Mt 22,42-46;  2Sam 7,11-14;  Ps 110,1).

Von der Schrift her leiteten die Schriftgelehrten die Herkunft des Messias von David ab. Nach ihrer Erkenntnis sollte der Messias aus Bethlehem kommen (Mt 2,4-6;  Micha 5,1;  Joh 7,41), aber nach ihrem Wissensstand kam Jesus aus dem galiläischen Nazaret (Joh 7,52). Von der natürlichen Herkunft der Person Jesu hatten sie eine völlig falsche Kenntnis (Joh 7,41-42). Niemand aus der Führungsschicht aber auch aus dem Volk, erinnerte sich noch an die Ereignisse vor 33 Jahren in Bethlehem (Lk 2,1-21;  Mt 2,4-6). Oder wussten die Älteren noch davon und hielten diese Informationen für sich zurück, weil diese die Messianität Jesu bestätigt hätten?

 

10.29.5 Das Bekenntnis Jesu

Auf die Frage des Hohenpriesters antwortet Jesus mit: „Du sagst es.“ (Mt 26,64a). Der Evangelist Martkus ergänzt: „Ich bin`s!“ (Mk 14,62a). „Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Mt 26,64b;  Mk 14,62). Der Evangelist Lukas hat noch eine Ergänzung: „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. Da sprachen sie alle: Bist du denn Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es.“ (Lk 22,69-70). Es scheint so als ob Jesus bewusst dieses direkte Bekenntnis bis auf diese entscheidende Stunde aufbewahrt hatte. Die kurze, prägnante Antwort: „Du  sagst es, Ihr sagt es, ich bin`s“, drückt folgendes aus:

  1. Die Frage des Hohenpriesters wertet Jesus als eine Aussage – „Du sagst es.“ Wer so fragt, muß eine Ahnung haben über die Zusammenhänge von Messias und Sohn Gottes. Der Hohepriester und der Hohe Rat sind in der Kenntnis und daher auch in der Verantwortung. Sie sagen etwas in Frageform aus, um damit Jesus in die Falle zu locken. Jesus aber rechnet es ihnen an als eine Zeugenaussage, die dem Schriftzeugnis und der Wirklichkeit entspricht.
  2. Das „Ich bin`s“ erinnert an die Selbstbezeichnung Gottes am brennenden Dornbusch in der Wüste am Fuße des Berges Sinai (2Mose 3,14). Im griechischen Alten Testament, der Septuaginta (LXX) steht an dieser Stelle „ego eimi“ „Ich bin“, so auch im Text des griechischen Neuen Testamentes (Mt 22,32). Sicher hat Jesus im Hohen Rat Hebräisch gesprochen und auch das hebräische Wort für `Ich bin – ani hu` verwendet, das neben der Selbstbezeichnung (Joh 8,58 – „ehe Abraham wurde, bin ich – ego eimi“) von Jesus auch verwendet wird, wenn er sich als das Licht der Welt, die Wahrheit, das Leben oder die Auferstehung bezeichnet (Joh 8,12; 14,6; 11,25). Die Emphörung des Kaiphas ist nur nachzuvollziehen, wenn man annimmt, dass seiner Erkenntnis zufolge das Wesen des Messias nicht über das eines Menschen hinausgeht. Göttlichkeit oder gottgleichsein des Messias fand keinen Platz in ihrer Christologie (Joh 5,18; 10,30). Wie auch immer der Hohe Rat und Kaiphas das Selbstzeugnis Jesu verstanden oder verstehen wollten, sicher verwendet Jesus das „ani hu – ego eimi – Ich bin es“ im Vollsinn des Wortes.
  3. Die Zusatzaussage: „Des Menschensohn wird sitzen zur Rechten der Kraft Gottes und kommen in den Wolken des Himmels“, erinnert an Daniel 7,13: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht“ und an Psalm 110,1 „Der HERR sprach zu meinem Herrn: / »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« In dem Bekenntnis von Jesus vor dem höchsten Gremium Israels und dem Hohenpriester Kaiphas wird die zentrale `Theologie – Gotteslehre`  offenbart – Gott der Vater sendet seinen Sohn als Messias, er wird Menschensohn – er wird erhöht zur Rechten Gottes – er kommt mit den Wolken des Himmels (zum Gericht).

Wir können feststellen, dass Jesus auch diese Zusatzaussage mit den Schriftgelehrten bereits vor einigen Tagen angesprochen hatte (Mt 22,42-46). Doch sie ließen sich weder in ihrem theologischen Standpunkt, noch in ihrem bereits gefassten Beschluß nicht korrigieren. Der Hohepriester Kaiphas reagiert gesetzeswidrig: „Da zerriss der Hohepriester seine Kleider (das Zerreisen der Kleider war dem Hohenpriester untersagt (3Mose 21,10) „und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig“ (Mt 26,65-66;  Mk 14,63-64). Im Lukastext übernehmen die Ältesten die Worte des Kaiphas und sprechen das Urteil über Jesus gemeinsam oder auch einzeln aus: „Sie aber sprachen: Was bedürfen wir noch eines Zeugnisses? Wir haben’s selbst gehört aus seinem Munde.“ (Lk 22,71).

Die Bermerkung: „(…) der ganze Hohe Rat“, ist hier eine Pauschalaussage, denn mindestens zwei Ratsmitglieder willigten nicht ein in dieses Urteil. Der Evangelist Lukas bemerkt später: „Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt.“ (Lk 23,50-51). Das Gleiche kann man auch von Nikodemus sagen, der bereits im Vorfeld das eigentliche Denken der Führenden aufzeigte und zwischendurch für Jesus eintrat und später bei der Grablegung zusammen mit Josef, Jesus einen wertvollen Dienst erwies (Joh 3,1-2; 7,50-51; 19,39). Doch diese zwei  Stimmen wurden von der Mehrheit nicht berücksichtigt.

Das Unfassbare geschieht, der Schuldlose wird der schlimmsten Gotteslästerung beschuldigt. Das Urteil lautet: „Er ist des Todes schuldig“.

Da fingen einige an, ihn anzuspeien und sein Angesicht zu verdecken und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage uns! (Matthäus ergänzt: „Weissage uns, Christus, wer ist’s, der dich schlug?“). Und die Knechte schlugen ihn ins Angesicht. (Mk 14,65; Mt 26,67-68).

Die menschliche Bosheit schwappt hier über alle Ufer. Zügellos und ohne jegliche Hemmungen schlagen die Knechte auf Jesus mit Fäusten ein, speien ihnn ins Angesicht und höhnen ihn.

 

10.29.6 Fragen / Aufgaben:

  1. Was waren die eigentlichen Gründe für die Führung der Juden, Jesus zu töten?

 

  1. Nenne die wesentlichen Elemente im Ablauf eines Gerichtes in Israel.

 

  1. Warum suchten die Mitglieder des Hohen Rates nach falschen Zeugen?

 

  1. Warum schweigt Jesus zu den Falschaussagen?

 

  1. Was waren die zentralen Themen bei dieser Gerichtsverhandlung?

 

  1. Jesus bekennt sich zu seinem Messias-Sein und Gottes Sohn-Sein, was mit den Schriften übereinstimmt. Warum bewertet der Hohepriester es als Gotteslästerung?

 

  1. Wovon zeugt die Brutalität der Knechte mit der sie auf Jesus einschlagen?

 

10.30 Der Prozess vor Pontius Pilatus und vor Herodes Antipas

(Bibeltext: Mt 27,1-30;  Mk 15,1-20;  Lk 23,1-25;  Joh 18,29-19,16)

 

Der gesamte Gerichtsprozess vor dem römischen Statthalter Pilatus wird, wie der Evangelist Lukas berichtet, durch ein Verhör vor Herodes Antipas unterbrochen. Es ist ein Versuch, den Prozessablauf nach den Texten aller vier Evangelien zu rekonstruieren, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

 

10.30.1 Die Auslieferung an den Statthalter Pilatus

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu:

Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus. (Mt 27,1-2;  Mk 15,1;  Lk 23,1;  Joh 18,29).

Diesen Vorgang hatte Jesus seinen Jüngern bereits vor mehr als einem halben Jahr vorausgesagt. So lesen wir in Markus 10,33:

Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.

Zur Zeit des öffentlichen Wirkens von Jesus, war Pontius Pilatus der Statthalter (Präfekt) von Judäa, Idumäa und Samarien. Er war de facto der oberste Richter in diesen Regionen, war jedoch dem syrischen Legaten unterstellt. Dieses Amt hatte er von 26-36 n. Chr. inne. Der Evangelist Johannes ergänzt die Übergabe, bzw. Auslieferung von Jesus an den Statthalter Pilatus mit den Worten:

Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. (Joh 18,29).

Das Prätorium war der Sitz des römischen Statthalters, wenn er sich in Jerusalem aufhielt. Durch seine Anwesenheit während der Feste war die Gefahr eines bewaffneten Aufstandes gemindert. Im Prätorium wurde auch Gericht gehalten und zwar nach römischem Recht. Dieser Platz war sozusagen heidnisches Territorium und galt den Juden als unrein. Daher warteten die Ankläger draußen. Auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften waren sie  bedacht, nicht jedoch auf das gerechte Urteil im Falle von Jesus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war die Begründung für die Verurteilung Jesu zum Tode?
  2. Warum achteten die Hohenpriester an diesem Tag besonders auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften?
  3. Wer ist Pilatus und warum hält er sich in Jerusalem auf?

 

10.30.2 Judas bereut seine Tat und begeht Selbstmord

Der Evangelist Matthäus berichtet als Einziger der vier Evangelisten über das Ende des Judas Iskatiot, der Jesus ausgeliefert hatte. Doch auch Petrus erwähnt diese traurige Episode in der Apostelgeschichte und zwar im Zusammenhang mit der Wahl des Matthias zum Apostel an Stelle von Judas (Apg 1,15-20). Der Text in Matthäus 27,3-10 liest sich wie ein Einschub. Nach diesem Text ist das Ende des Judas zeitlich nach der Verurteilung Jesu durch den Hohen Rat und vor dem Verhör beim Statthalter einzuordnen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Gotteskasten legen; denn es ist Blutgeld. Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für Fremde. Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie haben die dreißig Silberlinge genommen, den Preis für den Verkauften, der geschätzt wurde bei den Israeliten, und sie haben das Geld für den Töpferacker gegeben, wie mir der Herr befohlen hat« (Jeremia 32,9;  Sacharja 11,12-13).

Besonders dem Evangelisten Matthäus liegt es am Herzen, bestimmte Ereignisse im Leben von Jesus mit entsprechenden Prophetien aus dem Alten Testament zu verknüpfen. Dadurch wird nicht nur die gute Bibelkenntnis des Evangelisten deutlich, sondern in besonderer Weise die Führung durch den Heiligen Geist. Beachten wir, dass Judas Reue empfand und bestimmte Schritte unternahm.

  • Er ging zu den Hohenpriestern
  • Er bekannte vor ihnen: „Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe.“
  • Er brachte die dreißig Silberstücke zurück und warf sie in den Tempel

Ihn reute (gr. μεταμεληθείς – metameletheis) seine Tat, weil er mit solch einem Ausgang wahrscheinlich nicht gerechnet hatte. Die Reue  ist ein wichtiger Schritt, doch Judas tat keine Buße. Es tat ihm zwar Leid, er fühlte sich sehr unwohl, aber bis zur echten Buße, der Sinnesänderung (gr. μετανόια – metanoia), kam er nicht.

Die Reaktion der Priester ist verblüffend: „Was geht uns das an? Da sieh du zu!“ Die Seelsorger des Volkes kümmern sich nicht um die Gewissensnot ihres Komplizen. So kommt Judas in die Verzweiflung und mit dem Teufel/Satan im Herzen beendet er sein Leben (Joh 13,2; 27).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Judas bereute seine Tat, was bewirkte dies?
  2. Warum war er nicht mehr fähig zur echten Buße/Umkehr?
  3. Bewerte das Verhalten der Hohenpriester gegenüber Judas?

10.30.3 Das erste Verhör vor Pilatus

Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. (Joh 18,30).

Die Antwort der jüdischen Führung  ist pauschal und hört sich ziemlich arrogant an. Pilatus hat nach einem klaren und für die Römer nachvollziehbaremn Anklagepunkt gefragt. Als er diesen zunächst nicht bekommt, weist er die Angelegenheit an die Juden zurück.

Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten.

Und der Evangelist Johannes sieht darin einen Zusammenhang:

So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. (Joh 18,31-32; 12,32-33).

Durch die Aussage der Juden: „Wir dürfen niemand töten“, konnte Pilatus merken, dass es sich um eine Anklage zum Tode handelt. Nun werden die Anklagepunkte konkreter. Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

(…) und fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König. (Lk 23,2).

Die Anklagepunkte sind also:

  • Volksaufhetzung,
  • Steuerverweigerung,
  • Selbstbezeichnung als Christus/Messias/Gesalbter,
  • Selbstbezeichnung als König.

 

Pilatus hört Jesus an

Der Evangelist Johannes berichtet im folgenden Text über die Anhörung von Jesus und zwar im Inneren des Prätoriums, das heißt, dass die Juden draußen dieses Gespräch gar nicht mitbekamen.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (Joh 18,33-38a;  Mt 27,11;  Mk 15,2;  Lk 23,3).

Von den vier Anklagepunkten interessiert Pilatus nur einer: „Bist du der König der Juden?“ Die anderen drei Punkte scheint er den Juden nicht abzunehmen. Jesus lässt Pilatus seine Erhabenheit spüren, indem er diesen nach der Informationsquelle fragt. Dies ist in einem Gerichtsprozess ungewöhnlich, denn in der Regel stellte der Angeklagte keine Fragen an den Richter. Dass der Angeklagte sich nicht fürchtet, spürt Pilatus sehr deutlich und diese mutige Haltung von Jesus ärgert und beeindruckt ihn zugleich. So entfaltet sich ein inhaltsvolles Gespräch, Jesus bezeugt seine Souveränität als König, dessen Reich von anderer Beschaffenheit ist als die Reichssysteme dieser Welt. Jesus ist die Wahrheit und er redet Wahrheit. Diese Botschaft trifft Pilatus ins Innere, denn Wahrheit kannte er nicht. Was er kannte, waren Heuchelei, politische Intrigen, Korruption, Selbstsucht, Machtgier. Wahrheit und Gerechtigkeit wurde auch im Römischen Reich allzu oft nach Bedarf definiert und angewendet. Das Ganze erhielt dann eine offizielle und gesetzmäßige Form. Hinter der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ steht die traurige Erfahrung, dass das gesamte Leben in den Reichssystemen dieser Welt (auch in Israel) von Ungerechtigkeit und Lüge durchdrungen war. Doch in diesem Fall kann er eindeutig erkennen, dass von Jesus keine politische Gefahr für die römischen Behörden ausgeht.

 

Pilatus findet keine Schuld an Jesus

 

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh 18,38b). Auch der Evangelist Lukas schreibt: „Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. (Lk 23,4).

Als erfahrener Richter hat Pilatus ein sachlich gutes Empfinden für Schuld oder Unschuld. Wie so oft im Leben ist der erste Eindruck der Richtige. Dachte Pilatus, dass die Angelegenheit damit beendet sei? Aber die Hohenpriester und der Ältestenrat gaben so schnell nicht auf.

 

Jesus schweigt zu den Anklagen der Hohenpriester

Die Juden wiederholen ihre Anklagepunkte. „Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts.“ (Mt 27,12;  Mk 15,3). Jesus macht auch hier keinen Gebrauch von seinem Recht, sich zu verantworten oder zu verteidigen. „Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.“ (Mk 15,4-5). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort.“ (Mt 27,13-14). Es scheint, als ob sein Schweigen sie noch mehr aufbringt. Sie greifen den ersten Anklagepunkt wieder auf und nennen seine Lehrtätigkeit, die sich nicht nur auf Judäa, sondern auch auf Galiläa erstreckte.

Sie aber wurden noch ungestümer und sprachen: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt hier und dort in ganz Judäa, angefangen von Galiläa bis hierher. Als aber Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mensch aus Galiläa wäre. Und als er vernahm, dass er ein Untertan des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. (Lk 23,5-7).

Pilatus konnte aufatmen, denn die Juden haben ihm über Jesus eine Information geliefert, aufgrund derer er die, für ihn ohnehin unangenehme Gerichtsangelegenheit, an Herodes abgeben konnte. Jener war für Jesus, als einen galiläischen Bürger, juristisch zuständig. Die Priesterschaft und der Ältestenrat mitsamt ihrer Dienerschaft machen sich auf den Weg zum Vierfürsten Herodes, um dort ihre Anklagen gegen Jesus vorzutragen.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Welche Anklagepunkte bringen die Hohenpriester gegen Jesus vor? Was ist an ihnen dran?
  2. Für welchen der vier Anklagepunkte interessiert sich Pilatus und warum?
  3. Es erstaunt, dass Jesus den Pilatus in ein tiefes Gespräch hineinführt, warum?
  4. Welche Unterschiede erkennst du zwischen den Reichen dieser Welt und dem Reich Gottes?
  5. Die Frage nach Wahrheit bewegte Pilatus, doch wie ging er in der konkreten Situation damit um?
  6. Wie bewertet Pilatus die Anklagen der Juden gegen Jesus?
  7. Warum ist Pilatus sichtlich erleichtert, als er hört, dass Jesus aus Galiläa kommt?

 

10.30.4 Jesus vor Herodes Antipas

Herodes Antipas bekam einen vierten Teil des Gebietes, welches sein Vater Herodes der Große beherrschte. So unterstand ihm ganz Galiläa, dazu Peräa, ein kleineres Gebiet im Ostjordanland auf der Höhe von Jericho im Nordosten des Toten Meeres. Seine Residenz in Galiläa war Sephoris, etwa acht Kilometer nordwestlich von Nazaret gelegen. Seine Präsenz am Passahfest in Jerusalem war eher religionspolitisch motiviert als aus echter Frömmigkeit. Doch was er seit geraumer Zeit wünschte, erfüllte sich überraschend. Hier ist es wieder nur der Evangelist Lukas, der diese Episode als Ergänzung zu dem gesamten Gerichtsprozess beschreibt.

Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte von ihm gehört und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. (Lk 23,8).

Zunächst freut sich Herodes Jesus endlich zu sehen. Gehört hatte er über ihn schon viel und seine Neugier wurde immer wieder geweckt. Übernahm er doch die Auffassung einiger aus dem Volk: Johannes der Täufer sei von den Toten auferstanden und daher wirkten in ihm solche Kräfte (Lk 9,7;  Mt 14,2). Er scheint wenig an einem rechtsmäßigen und ordentlichen Gerichstprozess interessiert zu sein. Wie auch die Juden aus der Pharisäer- und Sadduzäerpartei, so will auch er Zeichen sehen (Mt 16,1). Doch lässt sich Jesus niemals in selbstsüchtige Wünsche oder gar Vorderungen von Menschen einspannen. Herodes bewegt nicht die Buße zu Gott wegen seines gottlosen und unmoralischem Lebensstils, sondern Neugier, vielleicht sogar gewisse Erwartung auf Rechtfertigung seines Handelns. Und so ungeordnet verläuft auch das Verhör. Der Evangelist Lukas fährt in seinem Bericht fort: „Und er fragte ihn viel. Er aber antwortete ihm nichts.“ (Lk 23,9). Inzwischen ist für uns das Schweigen von Jesus nicht mehr ungewöhnlich. „Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn hart.“ (Lk 23,10). Vermutlich verklagten sie Jesus wegen angeblicher Aufhetzung des Volkes und seines Anspruchs `König zu sein`. Besonders Letzteres wird erkennbar durch die spöttische und verachtende Geste (leuchtendes Gewand) wie Lukas berichtet: „Aber Herodes mit seinen Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes  Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus.“ (Lk 23,11). Herodes hört sich zwar die vorgetragenen Anklagen der Hohenpriester an, doch für ihn sind sie nicht stichhaltig genug um Jesus zu verurteilen. Wäre von Jesus eine Gefahr für Volk und Staat, ja sogar für den Vierfürsten ausgegangen, hätte er dies bereits früher in Galiläa bemerkt (Lk 9,9). Um ihn jedoch wegen mangelnder Beweise zu entlasten und freizusprechen, dafür ist er den Anklägern gegenüber zu feige. Nach der Charakterisierung durch Jesus glich er einem Fuchs (Füchsin), der mit List seinen eigenen Vorteil sucht (Lk 13,32). Und so überspielt er seine innere Zerrissenheit mit verachtenden und spöttischen Äußerungen gegenüber Jesus. Damit erniedrigt und demütigt er Jesus vor seinen Soldaten und der jüdischen Elite. Jesus aber lässt sie jetzt gewähren. So schickt Herodes ihn zu Pilatus zurück mit dem symbolischen Hinweis: „Keinerlei Schuld, die den Tod verdient hätte“. Doch was bewegt den Vierfürsten?

  • Den Hohenpriestern und Schriftgelehrten will er mit einer Verurteilung des Angeklagten keinen Gefallen tun, wusste er nur zu gut um die Unschuld Jesu. Ebenso weiß er aus eigener Erfahrung, wie belastend es für das Gewissen ist, einen Propheten zu töten (Mt 14,9;  Lk 9,9).
  • Um Jesus jedoch freizusprechen, wozu er befugt war und auch Grund gehabt hätte, war er zu feige, zu stolz und ehrgeizig.
  • Wenn er Jesus zu Pilatus zurückschickt, bekundet er seine Anerkennung dem Präfekten gegenüber und seine Loyalität zu Rom. Das nützt ihm persönlich am meisten.

So ziehen die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten mit dem gebundenen Jesus wieder zurück zum Prätorium des römischen Statthalters. Welch eine Ironie: Eigentlich sollte sich die Priesterschaft an diesem Tag mit dem Opfern der Passahlämmer im Tempel beschäftigen. Sie aber sind voller Unruhe und beeilen sich das wahre Opferlamm Gottes zu schlachten (Jes 53;  Joh 1,29;  Mt 20,18).

Und der Evangelist Lukas schließt diese Episode ab mit einem politischen Detail: „An dem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; denn vorher waren sie einander Feind.“ (Lk 23,12). Natürlich handelt es sich hier um politische Freundschaft, nicht um echte und aufrichtige Beziehung.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist der Grund für die Freude des Herodes als er Jesus sieht?
  2. Werden seine Erwartungen erfüllt?
  3. Warum reagiert Jesus auch hier mit Schweigen?
  4. Beschreibe die innere Zerrissenheit des Herodes, welche Motive bewegen ihn?

 

10.30.5 Jesus Barabbas – Aufrührer und Mörder

Bei dem Versuch den Ablauf des Prozesses chronologisch darzustellen, liefert uns der Evangelist Johannes die meisten Informationen. Einen breiten Platz im Prozessverlauf nimmt die Debatte über die Freilassung des Barabbas, der kurioserweise auch den Vornamen Jesus trägt.

In Jerusalem, in der Burg Antonia war eine römische Garnison stationiert, deren Aufgabe es war, das Geschehen in der Stadt und insbesondere auf dem Tempelgelände ununterbrochen zu beobachten. Die Zeloten (Eiferer) nutzten die Zusammenkünfte des Volkes bei den Festen, um Aufstände gegen die römischen Besatzer zu organisieren. Bei solch einem lokalen Aufstand in der Stadt, kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung mit den römischen Legionären. Die Anführer des Aufstandes wurden festgenommen und nun warteten sie auf ihren Prozess mit anschließender Hinrichtung. Der Evangelist Markus schreibt dazu: „Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten.“ (Mk 15,6b-7). Barabbas bedeutet Sohn des Abbas und der Evangelist Matthäus ergänzt dies, indem er noch dessen persönlichen Namen nennt: „(…) der hieß Jesus Barabbas.“ (Mt 27,16 – im griechischen Text des NT ist diese Bemerkung in eckige Klammern gesetzt, weil sic nicht in allen alten Handschriften zu finden ist). Nach den Worten des Evangelisten Lukas könnte man sogar annehmen, dass er bei dem Aufstand den Mord begangen hatte. So schreibt er von ihm: „Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.“ (Lk 23,19 vgl. mit Apg 3,14). Johannes schreibt dem Barabbas auch noch räuberische Tätigkeiten zu: „ (…) Barabbas aber war ein Räuber.“ (Joh 18,40).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie kamen die lokalen Aufstände in Judäa zustande?
  2. Was wurde Barabbas angelastet?

 

10.30.6 Der 1. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten treffen mit dem gebundenen Jesus wieder am Prätorium des Statthalters ein. Auch immer mehr Menschen aus dem Volk versammeln sich vor dem Prätorium. Der Grund ist das Zugeständnis des Präfekten – zum Passahfest einen Gefangenen, den das Volk wünschte, freizulassen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. (Mt 27,15;  Mk 15,7). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und das Volk ging hinauf und bat, dass er tue, wie er zu tun pflegte.“ (Mk 15,8). Viele Schaulustige und Neugierige aus dem Volk wollen sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. „Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt; und siehe, ich habe ihn vor euch verhört und habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden, derentwegen ihr ihn anklagt; Herodes auch nicht, denn er hat ihn uns zurückgesandt. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. Darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben.“ (Lk 23,13b-17). Wir stellen fest, dass dem Pilatus viel daran gelegen war Jesus freizulassen, zumal ihn darin auch seine Frau bestärkte. Und er weiß um die Hintergründe und Motive der Hohenpriester: „Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.“ (Mt 27,18). Ihm ist bestimmt auch nicht entgangen, dass der überwiegende Teil des Volkes mit Jesus sympatisierte. Und so greift er nach der Möglichkeit das Volk für sein Konzept, der Freigabe von Jesus, zu gewinnen. Eindeutig wendet sich Pilatus an das Volk mit den Worten: „Es besteht aber die Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?“ (Joh 18,39). Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) denn er erkannte, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10). Er hegt begründete Hoffnung, dass das Volk sich für die Freilassung von Jesus, dem Messias/König, entscheidet. Womit er nicht rechnet, ist der überaus starke Einfluß der Hohenpriester und Ältesten auf das Volk. Die Hohenpriester wissen um die Sympatie des Volkes gegenüber Jesus und stacheln auf eine freche Art das Volk gegen Jesus auf. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten.“ (Mt 27,20). In Matthäus 27,17 lesen wir: „Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“ Und der Evangelist Markus ergänzt: „Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe.“ (Mk 15,11). Auch nach Matthäus 27,21a-23 wendet sich Pilatus erneut an das Volk mit den Worten:

„Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen!“ (vgl. Mk 15,14).

Seit wann fragt ein oberster Richter die Menge des Volkes, was er denn mit einem unschuldigen Gefangenen machen soll? Immerhin fragt er nach stichhaltigen Anklagepunkten, doch außer lautem Geschrei bekommt er nichts zu hören. Der Evangelist Lukas ergänzt: „Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los!“ (Lk 23,18). Und Lukas hebt die erneute Bemühung des Statthalters – Jesus freizulassen – hervor:

Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! Er aber sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe nichts an ihm gefunden, was den Tod verdient; darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben. Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand.“ (Lk 23,20-23).

Auch der erneute Versuch, vom Volk verwertbare Gründe für eine Verurteilung zu bekommen, schlägt fehl. Gegen die geballte Macht der Oberen und der aufgewiegelten Menge kommt Pilatus nicht an. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! (Mt 27,24-25).

Der Sammelbegriff „das ganze Volk“ muß hier in der Relation zu den Zehntausenden nicht daran beteiligten gesehen werden. Auch sind in erster Linie die vielen Knechte und Diener der Priesterschaft und der Ältesten dabei, welche sagen müssen, was ihnen ihre Herren befahlen (Joh 19,6). Trotzdem repräsentieren sie und alle Anwesenden mit den Oberen an diesem Morgen das Volk im Allgemeinen. Hier stellen sich folgende Fragen:

  • Kann ein Richter sich die Hände in Unschuld waschen, wenn er gegen sein besseres Wissen einen unschuldigen Menschen der Willkür der Menge überlässt? Hier kommt Jesus zu Wort und urteilt: „Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.“ (Joh 19,11). Ja, Pilatus trägt Mitschuld an der Verurteilung Jesu.
  • Inwieweit kann sich der Fluch des am Gerichtsprozess beteiligten Volkes auch auf ihre Nachkommen auswirken?

Sicher ist die Sünde nicht übertragbar, doch wenn Eltern auf ihre Kinder einen Fluch aussprechen, hat dies Folgen.

Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.“ (Mt 27,26). Der Evangelist Markus ergänzt: „Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los.“ (Mk 15,15). Der Evangelist Lukas fügt hinzu: „Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt werde, und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen. (Lk 23,24-25).

So gibt er dem Willen des Volkes nach, lässt den frei, um den sie bitten, einen, der in der Tat das Volk gegen die Römer aufhetzte und aller Wahrscheinlichkeit nach einen römischen Legionär tötete (Apg 3,14). Was für ein ungerechtes Urteil!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutete das Zugeständnis des Statthalters an das Volk – zum Passahfest einen Gefangenen auf Wunsch freizulassen? Was erhoffte sich Pilatus davon?
  2. Beschreibe die Taktik des Pilatus in diesem Prozess?
  3. Warum suchte nach Möglichkeiten, um Jesus freizulassen?
  4. Wie ist der starke Einfluss der Hohenpriester auf das Volk zu erklären?
  5. Welche Charakterzüge des Pilatus treten bei diesem Prozess deutlich ans Licht?

 

10.30.7 Jesus wird von den römischen Soldaten verspottet und geschlagen

(Bibeltexte: Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3)

 

Nun beginnt die letzte Phase des Prozesses gegen Jesus. Der Evangelist Johannes schreibt:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. (Joh 19,1).

Ab hier folgen wir nun dem vollständigeren Bericht des Evangelisten Matthäus:

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium in den Palast, und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. (Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3).

Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) fielen auf die Knie und huldigten ihm.“ (Mk 15,19).

Abbildung 12 Der purpurrote Mantel, der Kranz aus (Akantus – Dornen) und der Schilfrohrstab in seiner rechten Hand – alle drei Gegenstände sind hier spöttische Hinweise auf königliche Insignien (Zeichnung von J. Schüle 24. September 2016).

Mit dem Schilfrohrstab schlagen sie Jesus auf sein Haupt, das mit einem Dornenkranz bedeckt ist. Die kniefällige Schein-Huldigung ist Spott und Erniedrigung zugleich. Die Bosheit des menschlichen Herzens kennt keine Grenzen. Dem gegenüber steht ungebeugt und ungemindert die Liebe und die Langmut Gottes in seinem Sohn Jesus Christus, „(…) der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet.“ (1Petr 2,23).

 

 

  • Jesus wird erniedrigt und gedemütigt,
  • verhöhnt und verspottet,
  • geschlagen und bespuckt.

Er erduldete diese Schmach und setzte sich nicht zur Wehr. So sieht seine Herrschaft aus, die Herrschaft über die Sünde, so besiegt er das Böse.

Damit führt er ganz praktisch die Prinzipien des Gottesreiches in dieser Welt ein.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Wenn Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt war, warum ließ er Jesus dennoch geißeln?
  2. Welche Bedeutung hatte die Geißelung der Angeklagten?
  3. Warum wehrt sich Jesus nicht wenigstens mit Worten gegen seine Peiniger?
  4. Was wird in seinem Verhalten offenbar?

 

10.30.8 Der 2. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Nun folgen wir dem detaillierten Bericht des Evangelisten Johannes:

Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch! Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige!  Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. (Joh 19,4-7).

Erst jetzt nennen die Hohenpriester den für sie wichtigsten theologischen Anklagepunkt, wohl wissend oder mindestens ahnend, was er bei Pilatus bewirken kann. Denn für einen loyalen Römer war seit der Zeit des Kaisers Augustus in Rom `υιος του θεου – hyos tou theou – Sohn Gottes `. Der römische Senat hatte den durch Brutus und Cassius im Jahre 44 v. Chr. ermordeten Julius Cäsar `göttlich` gesprochen. Daher galten seine Nachkommen als Söhne des Göttlichen. Es ist eigentlich ein Wahnsinn, doch damit folgten sie dem ägyptischen und babylonischem Vorbild.

 

Pilatus sucht erneut das Gespräch mit Jesus

Dieser Hinweis ruft bei Pilatus große Furcht hervor.

Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde. (Joh 19,8-11).

Große Furcht befällt Pilatus, er kennt den sogenannten `Sohn des Göttlichen` in der Person des Kaisers. Und er weiß, wie diese Herrscher oft willkürlich regieren. Hier jedoch steht einer vor ihm, dessen Herrschaft sich ganz anders ausdrückt. Die Würde, die Selbstbeherrschung, der Blick frei von Hass, Verachtung und Vergeltung, keine Klage gegen seine Feinde und Peiniger. Noch nie hat er solch einen Gefangenen vor sich gehabt. In Jesu Verhalten kommt das wahre Göttliche zum Ausdruck. In der Tat, nicht Jesus fürchtet sich vor diesem Gericht, sondern Pilatus fürchtet sich vor Jesus, welcher der eigentliche Richter in diesem Prozess ist.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum interessiert sich Pilatus für die Herkunft von Jesus?
  2. Wer war nach griechisch-römischer Auffassung der `Sohn Gottes`?
  3. Beachte und beschreibe das Verhalten von Jesus? Was drückt es aus?
  4. Wie bewertet Jesus Sünde und Verantwortung?
  5. Wer ist der eigentliche Richter in diesem Prozess?

 

10.30.9 Der 3. Versuch des Pilatus, Jesus freizulassen

Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. (Joh 19,12-13).

Die Oberen der Juden sind hartnäckig, jede Gottesfurcht ist von ihnen gewichen. Sie greifen zum letzten Argument, dem sich Pilatus schließlich, wenn auch widerwillig, beugt. In ihrem Argument verbirgt sich eine versteckte Drohung. Eine Klage beim Legaten in Syrien hätte möglicherweise Pilatus den Posten gekostet. Dieses Risiko ist er nicht eingehen. Diesen Preis ist er nicht bereit zu zahlen.

 

Pilatus wird von seiner Frau gewarnt

Auch bei den Römern hatten die Frauen in der Öffentlichkeit nicht viel zu sagen, umso mehr jedoch im privaten Bereich. Die Frau des Pilatus brachte den Mut auf, um sich mit ihrem Plädoyer für Jesus in den Prozessverlauf einzumischen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. (Mt 27,19).

Auch wenn sie keine Details ihres Traumes nennt, so wird dadurch doch deutlich, dass Gott sich auf eigenartige Weise Menschen offenbart – hier einer heidnischen Frau, deren Mann als korrupt, machtgierig und wankelmütig charakterisiert werden kann. Trotz ihres Appells bringt Pilatus nicht den Mut auf, gerecht zu urteilen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie stark war der Einfluss der Frauen im Römischen Reich?
  2. Welchen Wert hatte das Plädoyer der Frau des Pilatus im Zusammenhang des Prozesses gegen Jesus?
  3. Wenn ihr Traum von Gott war, was sollte er dann bewirken?

 

10.30.10 Pilatus auf dem Richterstuhl – Jesus wird zum Tode verurteilt

Den Verlust des Titels `Freund des Kaisers` will Pilatus nicht opfern. Letzlich wird doch das Recht und die Wahrheit dem Machterhalt zum Opfer fallen.

Es war aber am Rüsttag für das Passahfest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. (Joh 19,14-16).

Nach außen hin erwecken die Hohenpriester den Eindruck, als wären sie dem Kaiser ergebener als Pilatus. Bis zuletzt versucht dieser Jesus freizubekommen, doch ohne Erfolg. Zu viel und zu oft fragt er als Richter, was er denn tun solle. Bemerkenswert ist aber auch der Tatbestand, dass es letztlich die Hohenpriester waren, die mit Nachdruck den Tod Jesu forderten. Sie waren es letztlich, die den Hohen Rat stark beeinflussten, ihren Knechten befahlen, das Volk überredeten und gegen Jesus aufhetzten.

Das Unfassbare geschieht – die Verurteilung des Gerechten durch die Hand der Heiden wird durchgesetzt. Es kam, wie Jesus es voraussagte (Mt 20,19). Schon nach fünf Wochen nimmt Petrus das Volk und die Oberen der Juden in die Verantwortung mit den Worten:

Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, als der ihn loslassen wollte. Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke. (Apg 3,13-14).

Mit der Aussage: „Wir haben keinen König als den Kaiser.“ verleugneten die Hohenpriester Jesus. Auch der Apostel Paulus hebt im Rückblick die bewusste Verleugnung Jesu durch die Führung Israels hervor:

Und obwohl sie nichts an ihm fanden, das den Tod verdient hätte, baten sie doch Pilatus, ihn zu töten. (Apg 13,28).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie ist es zu erklären, dass die Juden immer wieder neue Argumente gegen Jesus aufbringen?
  2. Was zählte letztlich bei Pilatus? Was beinhaltet die Bezeichnung `Freund des Kaisers`?
  3. Was sagen die Juden mit dem Bekenntnis „Wir haben keinen König als den Kaiser“ aus?
  4. Was bewog letzlich Pilatus Jesus zu verurteilen?

 

10.31 Golgatha

(Bibeltexte: Mt 27,32-56;  Mk 15,21-41;  Lk 23,27-49; Joh 19,17-37)

 

Wieder wird Jesus entkleidet – diesmal ziehen sie ihm das Purpurgewand aus (wahrscheinlich auch die Dornenkrone) – und sie ziehen dem wohl stark Geschwächten seine eigene Kleidung an. Nach römischem Recht müssen zwischen Urteil und Vollstreckung zwei Tage liegen – doch diese Regel scheint wie auch manch andere bei diesem Provinzprozess nicht beachtet zu werden. Der Verurteilte wird unter der Leitung von einem Centurion (Hauptmann über 100, bzw. 80 Soldaten), von vier Soldaten, die mit  Hammer, Nägeln, Holz und Nahrung für die Mannschaft zum Hinrichtungsplatz geführt.

 

10.31.1 Und Jesus trug sein Kreuz, oder war es Simon?

Der Evangelist Johannes, der den Prozessverlauf am detailliertesten aufgezeichnet hat, schreibt:

Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. (Joh 19,16b-17).

Der Text des Evangelisten Matthäus lautet:

Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. (Mt 27,32). Der Evangelist Markus ergänzt:  „(…) Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage (nachtrage).“ (Mk 15,21;  Lk 23,26).

Gelegentlich wird von Kritikern der Evangelienberichte in diesem Abschnitt ein Widerspruch gesehen und hervorgehoben. Dabei ist die Lösung des scheinbaren Widerspruchs so einfach. Zuerst trägt Jesus sein Kreuz selbst, wie es üblich war in solchen Fällen. Der Zug verlässt das Prätorium des Statthalters (ehemalige Residenz von Herodes dem Großen) in nördlicher Richtung. Dann verlassen sie die Stadt entweder im Westen (Genna-Tor) oder im Norden (Damaskus-Tor). Es geht bergauf. Jesus ist körperlich sehr geschwächt, nicht allein wegen der schlaflosen Nacht, sondern auch wegen den vielen körperlichen Misshandlungen. Wahrscheinlich bricht er unter der Last des Kreuzes zusammen. Da kommt es zur Begegnung mit Simon aus Kyrene (heute Libyen). Ungewöhnlicherweise kommt er am Festtag vom Feld her. Der Evangelist Markus nennt die Namen seiner Söhne, die später in der Gemeinde bekannt sind (Mk 15,21;  Röm 16,13). Er wird von der Wachmannschaft gezwungen Jesus die Last des Kreuzes abzunehmen und für ihn und hinter ihm nachzutragen. Was für eine einmalige Erfahrung für Simon – das Kreuz von Jesus und für Jesus zu tragen! Eigentlich wäre ein anderer Simon drangewesen dies zu tun. Die Treuebekundung wurde von jenem am Vorabend gemacht: „Er (Simon Petrus) aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ (Lk 22,33).

Diese römische Exekutionsart – Kreuzigung – eigentlich aus Phönizien importiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung) – wird von Juden zutiefst verabscheut (5Mose 21,23;  Gal 3,13). Zwei weitere Verurteilte ebenfalls mit ihrer jeweiligen Wachmannschaft gesellen sich zu diesem traurigen Zug. Die Verurteilten haben üblicherweise das Holzkreuz oder ein Teil davon zu tragen. Es gibt drei Kreuzformen:

– das Andreaskreuz crux decussata (in X-Form)

– das T-Kreuz crux commissa

– das Lateinische Kreuz crux immissa (in +-Form)

Wir denken mit Justin dem Märtyrer und Irenäus an die letzte Form. Hier ist dann auch Platz zur Anbringung der Tafel an der Spitze über dem Haupt des Gekreuzigten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Simon – ein Beispiel für unfreiwillige Nachfolge.Was empfindet ein Mensch, wenn er zu etwas beschämendem gezwungen wird?
  2. Was erfahren wir über Simons Familie?
  3. Wofür steht das Kreuz als Symbol?
  4. Was bedeutet es für uns sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus nachzutragen, nachzufolgen, wohin denn? Wie ist es, wenn uns ein fremdes Kreuz auferlegt wird und gibt es so etwas?
  5. Was ist der Unterschied zwischen: das Kreuz auf sich täglich zu nehmen (Lk 9,23) und: das Joch von Jesus auf sich zu nehmen (Mt 11,28-30)?

 

10.31.2 Jesus wendet sich an die weinenden Frauen

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig (glückselig) sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden? (Lk 23,27-31).

Der Evangelist Lukas erwähnt eine Menschenmenge – besonders Frauen, die Jesus klagend und weinend durch die Stadt bis zum Hinrichtungsplatz vor die Stadt hinausbegleiten. Es sind sehr oft gerade Frauen, die in der Geschichte eine viel größere Offenheit gegenüber Jesus und dem Evangelium zeigen. Sie zeigen keine Angst vor den Gegnern Jesu und schreiten mutig weinend und klagend in Hörweite hinter Jesus her. Gerade für sie hat Jesus eine besondere Botschaft. Er bleibt stehen und wendet sich um. Der gesamte Zug kommt ins Stocken. Ungewöhnlich, doch aus seiner Person geht eine Würde und Autorität hervor, der sich die Gegner nicht widersetzen vermögen. Seine Worte haben propherischen Inhalt und korrigieren die falsche Denkweise der Frauen. Nicht er soll bemitleidet werden, sondern sie sind mit ihren Kindern die Beklagenswerten. Wegen der Verwerfung des Messias, kommt nicht nur Zorn über dies Volk, sondern auch die Unbeteiligten werden unter den Folgen leiden müssen. Die Prophetie, die Jesus hier ausspricht, ist in Teilen nicht ganz neu. Schon der Prophet Hosea schrieb ähnliche Worte Gottes für seine Generation auf:

Die Höhen des Frevels werden verwüstet, auf denen sich Israel versündigte; Dornen und Disteln wachsen auf ihren Altären. Dann werden sie sagen zu den Bergen: Bedeckt uns!, und zu den Hügeln: Fallt über uns! Israel, du hast seit den Tagen von Gibea gesündigt; dabei sind sie geblieben. (Hosea 10,8-9).

Die Prophetie von Jesus bezieht vordergründig auf die nähere Zukunft – die Zerstörung Jerusalems und das große Leid, welches insbesondere schwangere und stillende Frauen treffen wird (Mt 24,19). „Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen.“ (Lk 21,23). In der Tat haben die Bürger von Jerusalem ab dem jüdischen Aufstand im Jahre 66 und während der dreijährigen Belagerung und bis zur endgültigen Eroberung durch die Römer im Jahre 70 unbeschreibliche Not erlitten. Die Prophetie, die Jesus hier ausgesprochen hatte, erfüllte sich. Doch der Inhalt ist weitreichender Natur, da sich diese Aussage zu verschiedenen Zeiten immer wieder erfüllt. Wie der Text in Offenbarung 6,14-17 deutlich macht:

Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihren Orten. Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns und wer kann bestehen?

Nach dieser eindringlichen Botschaft schreitet Jesus weiter hinauf zur Felskuppe genannt `Schädel-Stätte`, Hebräisch: `Golgotha`, Griechisch: `Κρανίου Τόπος`, hinter ihm Simon mit dem Kreuz. Der genaue Ort von Golgatha und der Kreuzigung bleibt wohl unbekannt, sicher aber ist er:

  • außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem (Mt 28,11;  Hebr 13,12),
  • in der Nähe der Stadt (Mt 27,38),
  • in der Nähe von Gärten, Gräbern (Joh 19,41),
  • und in der Nähe einer Straße (Mt 27,39).

Als wahrscheinlich wird Golgatha in der Gegend um die sogenannte Grabeskirche lokalisiert. Dieser Ort gilt seit Konstantin dem Großen (1. Hälfte des 4. Jahrhunderts) als der Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung von Jesus. Wahrscheinlich gab es davor auch schon eine lokale Tradition, auf die man sich damals stützte.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was drücken die klagenden Frauen Jerusalems aus? Warum nur Frauen?
  2. Was ist der Inhalt der Botschaft an die Frauen?
  3. Was meint Jesus mit dem „grünen“ und dem „dürren“ Holz?
  4. Wo erfüllten sich die Worte von Jesus in der Geschichte Israels? Wo und wie zu anderen Zeiten?

 

10.31.3 Jesus wird gekreuzigt und verspottet

(Bibeltexte: Mt 27,33-56;  Mk 15,22-41;  Lk 23,33-49;  Joh 19,18-37)

 

Der Evangelist Lukas schreibt:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,32-37).

Und der Evangelist Markus hält fest, wann Jesus gekreuzigt wurde: „Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.“ (Mk 15,25; vgl. Vers 33-34. 42). Die dritte Stunde bedeutet bei Markus etwa 9 Uhr morgens. Der Evangelist Johannes bemerkt: „Pilatus aber schrieb eine Aufschrift (gr. τίτλος – titlos) und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.“ (Joh 19,19-20).

 

ישוע מנצרת מלך היהודים

Iesus Nazarenus, Rex Iudaeorum (INRI)

Ἰησοῦς ὁ Ναζωραῖος ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων

 

Es fällt auf, dass die Evangelisten nur wenige Einzelheiten zur Kreuzigung aufgeschrieben haben. In Psalm 22 steht geschrieben: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir.“ (Psalm 22,15-18). Beachten wir auf der einen Seite die verbalen Bemerkungen der Vorübergehenden und anschließend der Obersten aus dem Volk, der Schriftgelehrten, Hohenpriester und der Ratsmitglieder. Durch ihren Spott, Schmähung, Lästerung und Hohn wollen sie absichtlich Jesus weh tun, ihn erniedrigen und verletzen. So schreibt der Evangelist Markus:

Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber (Mt: wenn du Gottes Sohn bist) und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester (Mt: mit den Ältesten) untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der Christus,(Lk: der Auserwählte Gottes) der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. (Mt: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn). Und (Mt: die Räuber) die  mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. (Mk 15,29-32; Mt 27,39-44; Lk 23,35).

Wir werden an die prophetischen Worte aus Psalm 22,8-9 erinnert: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

Der Apostel Petrus schrieb später im Rückblick über das Verhalten von seinem Herrn am Kreuz folgende Worte:

(…) er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.d. (1Petr 2,22-24).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. An welchem Wochentag und um welche Uhrzeit wurde Jesus gekreuzigt?
  2. Wie verhalten sich die Hohenpriester und Ältesten gegenüber dem leidenden Jesus?
  3. Wie lautete die Aufschrift, welche Pilatus schrieb und über dem Haupt von Jesus anbringen ließ?
  4. Warum lehnt Jesus den von den Soldaten angebotenen Weinessig mit der Myrrhe-Mischung ab?
  5. Warum sind die Evangelisten so zurückhaltend mit Einzelheiten über den Kreuzigungsvorgang? Was bedeutet es für uns?

 

10.31.4 Die Soldaten teilen die Kleider von Jesus unter sich auf

Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,36-37).

Die Soldaten sind ja Zeugen geworden vom Prozess vor Pilatus und waren beteiligt bei der anschließenden Geißelung im Palasthof des Statthalters. Daher auch ihre Verspottung mit diesen Worten. Die Evangelisten halten zwei spezifische Handlungen der Soldaten fest.

Erste Handlung der Soldaten

Sie geben Jesus Wein mit Myrrhe gemischt zu trinken, doch er nimmt es nicht an  (Mk 15,23). Der Evangelist Matthäus schreibt: „gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“ (Mt 27,34). Dies könnte eine Anlehnung an Psalm 69,22 sein, dort heißt es: „Sie geben mir Galle (gr. colh/j –cholès) zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Myrrhe wird von dem Myrrhestrauch gewonnen, hat eine gelb-braune Farbe und bitteren Geschmack, wahrscheinlich auch deswegen von dem Evangelisten Matthäus als Galle bezeichnet. Wemm Markus von Wein und Matthäus von Essig spricht, so wird es sich bei diesem Getränk wohl um Weinessig handeln. Vielleicht war es üblich, dass den Verurteilten dieses Getränk als eine Art Betäubungsmittel angeboten wurde. Doch Jesus lehnt es ab, zum einen will er ein ganz klares Denken bis zum Ende bewahren und zum anderen will er selber festlegen, wann er etwas Trinkbares zu sich nehmen will.

Zweite Handlung der Soldaten

Der Evangelist Johannes, der nahe am Kreuz, an der Seite der Maria stand,  hat weitere Einzelheiten festgehalten, wenn er schreibt:

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider  und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.“ (Joh 19,23-24).

Jesus trug ein Obergewand, welches recht umfangreich gewesen sein musste, da es sich in vier Teile teilen ließ. Dieses Obergewand (gr. imatia) legte er bei der Fußwaschung seiner Jünger ab und umgürtete sich mit einem Lendenschurz (lention Joh 13,4). Den sehr wertvoll gearbeiteten Rock (gr. chitœna) trug Jesus unter dem Obergewand. Sehr wahrscheinlich trugen die Juden auch einen Lendenschurz unter dem Rock. So lesen wir in 2Mose 28,42 von der Bekleidung der Priestersöhne: „Und du sollst ihnen leinene Beinkleider machen, um ihre Blöße zu bedecken, von den Hüften bis an die Schenkel.“ In dem Zusammenhang könnten auch die Aussagen über `Nacktsein` in Markus 14,51-52 und Johannes 21,7 verstanden werden. Der Evangelist Johannes schreibt am Ende dieses Vorgangs: „Das taten die Soldaten“. Sie hatten keine Ahnung, dass ihr Vorgehen bereits eintausend Jahre vorher prophezeit wurde. Gott weiss im voraus, was Menschen tun werden. Und seine Voraussagen haben einen bestimmten Zweck, sie sollen den Glauben und das Vertrauen in Gott stärken. So sagte Jesus in Johannes 13,19: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“

Von den Soldaten heißt es danach: „Und sie saßen da und bewachten ihn.“ (Mt 27,36).

 

Das versammelte Volk aber schaute zu. Ein Großteil des versammelten Volkes war seit den frühen Morgenstunden bereits beim Prozess dabei gewesen. Doch es kamen noch viele hinzu, so lesen wir, dass das Volk zu Pilatus hinaufging, um ihn nach der Freilassung eines Gefangenen zu bitten (Mk 15,8).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was tun die Soldaten und was erfüllte sich durch ihre Handlung?
  2. Wie verhält sich die dabeistehende Volksmenge? Sind es nur Schaulustige und Befürworter der Hinrichtung von Jesus?

 

10.31.5 Jesus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

Von den sogenannten sieben Worten, bzw. Aussagen Jesu am Kreuz lautet das erste: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Für wen tritt er da in seiner Fürbitte ein? Die hier Handelnden sind ja vordergründig die römischen Soldaten, verständlich, dass sie nicht oder vielleicht nur wenig Ahnung von ihrem Unrecht haben. Aber bittet Jesus auch für die Spötter unter der Ältestenschaft Israels und für das schaulustige Volk? Ja, sicher schließt er in seiner Fürbitte niemand aus. Bereits der Prophet Jesaja sagte vom leidenden Messias voraus: „(…) den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“ (Jes 53,12b). Und damit bekräftigt und erfüllt er selbst, was er seinen Nachfolgern bereits zu Beginn seines Dienstes aufgetragen hat zu tun: „segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6,28). Oder in Matthäus 5,44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

  • Damit siegt er über das Böse
  • und bietet den Übeltätern Raum zur Umkehr (1Petr 3,9; Röm 12,21; Röm 2,4).
  • Damit besiegt er auch den Bösen. Welch eine göttliche Einstellung und Haltung?

Während Jesus am Kreuz hing, erfüllte sich auch, was er bereits zu Beginn seines Dienstes bei seinem ersten Jerusalembesuch gesagt hatte:

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,15-17).

1Und zum Ende seines Dienstes, ebenfalls in Jerusalem, zeigte er dem gesamten Volk an, welchen Todes er sterben würde.

Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? (Joh 12,32-34).

Die Antwort auf ihre Frage bekamen die Menschen nach nur wenigen Tagen. So erkennen wir auch, dass Jesus es mit seinen Voraussagen den Menschen leicht gemacht hat zu glauben. Denn zwischen der Voraussage und der Erfüllung lag nur eine kurze Zeitspanne, so dass die meisten von ihnen die Erfüllung miterleben konnten. Und schon bald werden wir sehen, wie seine Fürbitte geistliche Frucht brachte, indem Menschen umkehrten und ihn als Retter/Erlöser und Christus annahmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie reagiert Jesus auf den Spott und die Schmähungen der Obersten des Volkes und der Soldaten?
  2. Was motiviert ihn so zu reagieren und was erreicht er damit?
  3. Welche Voraussage von Jesus erfüllte sich, als er am Kreuz hing?

 

10.31.6 Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein

(Bibeltexte: Lk 23,39-43; Mt 27,44; Mk 15,32)

 

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken (Joh: Jesus aber in der Mitte).“ (Lk 23,33; Joh 19,18). Auch hier setzt sich fort, was Jesus bereits am Vorabend in einem anderen Zusammenhang gesagt hatte: „Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht.“ (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet“ (Lk 22,37). Die Evangelisten Matthäus und Markus schildern die Reaktion der Mitverurteilten nur mit einer pauschalen Bemerkung. „Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ (Mt 27,44;  Mk 15,32). Dies muß wohl am Anfang gewesen sein. Aber nach und nach erkennt der eine Verurteilte, wer Jesus wirklich ist. Und er ändert seine Gesinnung und auch seine Worte. Der Evangelist Lukas berichtet ausführlich vom Gespräch unter den Todeskandidaten, während ihrer extremen Schmerzen.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43).

Der eine schließt sich der Lästerung der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten an (Mt 27,41-44) – wissend, dass sie beide als Mitverurteilte schuldig sind, während Jesus unschuldig ist. Dies bringt der andere Verurteilte zum Ausdruck: „dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lk 23,41). Jesus stirbt nicht für ein Verbrechen, noch für eine politischen Bewegung, sondern weil er die Erfüllung der Verheißungen Israels für sich beansprucht. Dies verstehen Menschen meist nur sehr langsam – doch der andere Verurteilte versteht dies plötzlich glasklar: der mit ihm verurteilte Jesus erträgt die Kreuzigung in dieser Weise – weil er der verheissene Messias/Herr ist! Nur er kann im ersten grausamen Schmerz für die Peiniger beten! Nur er kann die Schmähungen so ertragen! Hier kann er sein Erkennen nur noch in diese kurze Bitte fassen: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

  • Der Mitverurteilte ist sich seiner Schuld bewusst und er bekennt sie auch öffentlich;
  • Der Mitverurteilte erkennt die königliche und göttliche Gestalt von Jesus an, dessen tiefste menschliche Herabsetzung!.
  • Er erkennt Jesus als den König Israels an und zwar nicht auf dem Thron, wie ihn Zeitgenossen erwarteten, sondern am Kreuz.
  • Der Mitverurteilte spricht von dem zukünftigen, doch Jesus antwortet mit dem Heute!
  • Der Mitverurteilte spricht vom Reich – doch Christus spricht vom Paradies in dem beide sein werden. Paradies (gr. παράδισος – paradisos) ist demnach eine auserirdische und zwar göttliche Sphäre in die Jesus bei seinem Tod hineinging und aus der er bei seiner Auferstehung mit einem verklärten Leib hervorging und seinen Jüngern 40 Tage lang erschien bevor er gen Himmel aufgenommen wurde. Es ist demnach auch die Sphäre. in der die verstorbenen Gläubigen die Auferstehung des Leibes erwarten.

Christus lenkt weg von materiellen, diesseitigen Erwartungen, hin zu den tröstenden geistlichen Dimensionen. Nach der Vergebung der Sünden ist für jeden Gläubigen die Tür zum ewigen Himmelreich offen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Erkläre die Unterschiede zwischen den Mitverurteilten? Für welche Gruppen stehen sie heute?
  2. Was ist die „Schächer-Gnade“ – die Gnade kurz vor dem Tod zum Glauben zu kommen?
  3. Welche Botschaft hat Jesus für alle Sünder, die nichts mehr gut machen können?
  4. Was ist die Botschaft für den Mitverurteilten, der seine Schuld einsieht, bekennt und um Gnade bittet?
  5. Was ist wichtig für unsere Seelsorge an Sterbebetten?

 

10.31.7 Jesus: Frau, das ist dein Sohn

Alle vier Evangelisten berichten vom Mut der Frauen, die Jesus bis in die Nähe des Kreuzes begleiten. Der Evangelist Lukas schreibt allgemein: „Es standen aber alle seine Bekannten (Verwandten) von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lk 23,49). Wir müssen bedenken, dass in dieser Phase die Brüder (Halbbrüder) Jesu von dessen besonderer Sendung noch nicht überzeugt waren (Joh 7,1-5). Der Evangelist Johannes schreibt daher über eine kleinere Gruppe von Frauen, die in Begleitung von Johannes in unmittelbarer Nähe zum Kreuz standen: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ (Joh 19,25). Von den vielen Frauen werden vier namentlich genannt:

  1. Die Mutter von Jesus (Joh 19,25;  Mk 15,40). Markus nennt die Mutter Jesu auch als Mutter des Jakobus des kleinen und des Joses (zwei der vier Halbbrüder von Jesus).
  2. Die Schwester seiner Mutter, wahrscheinlich Salome: Ehefrau des Zebedäus und Mutter von Jakobus und Johannes, so der Vergleich von Johannes 19,25 mit Markus 15,40: „(…) unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome.“ (Vgl. auch mit Mt 27,56).
  3. Maria des Kleopas Frau (Joh 19,25). Wahrscheinlich handelt es sich um den Kleopas aus dem Ort Emmaus (Lk 24,18).
  4. Maria aus Magdala ((Joh 19,25;  Mk 15,40;  Mt 27,56).

Wir können uns vorstellen, dass Johannes Jesus in der Nacht (im Gegensatz zu Petrus und den anderen Jüngern) nicht verlassen hat. Dass er noch in der Nacht oder früh am Morgen die Frauen über die Ereignisse während der Nacht informiert hat. Nur so können wir die Präsenz der Frauen am Kreuz erklären. Johannes steht also an der Seite der Frauen, dicht vor dem Kreuz und so erleben sie die besondere Fürsorge des leidenden Jesus. „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,26). Selbstvergessen spricht Jesus aus einer göttlichen Ruhe und ordnet seine Familie neu. Er weiß um die prophetische Aussage des Simeon in Bezug auf Maria – seine Mutter und kennt den Schmerz ihres Herzens (Lk 2,35:  „(…) – und auch durch deine Seele

wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“). Darum befiehlt er seine Mutter der besonderen Pflege und Aufmerksamkeit durch seinen Lieblingsjünger Johannes. Neffe und Tante sollen in einem besonderen Verhältnis stehen.  Dies löst nicht die Pflichten der anderen Geschwister – sondern erweitert die Verantwortung des Johannes. Dieser ist zur bestimmten Zeit am richtigen Ort. Dass Jesus seine Mutter mit `Frau` anredet, soll uns nicht befremden, redete er sie doch schon am Anfang seines öffentlichen Wirkens so an (Joh 2,4). Trug sie für ihn doch nur eine bestimmte Zeit die Verantwortung und zwar für sein irdisches Wohlbefinden. Sie ist begnadet, Mutter des Menschensohnes zu sein. Ihre Seligkeit (Errettung/Erlösung) erhielt sie durch Glauben aufgrund von Gnade (Lk 1,38. 45).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bewegt die vier Frauen Jesus bis ans Kreuz zu begleiten? Was wissen wir von ihnen?
  2. Was bewegt Johannes allein von allen Jüngern Jesus bis ans Kreuz zu begleiten?
  3. Was drückt Jesus aus, als er seine Beziehung zu seiner Mutter neu ordnet?
  4. Was empfand Maria, die Mutter von Jesus in diesen Stunden? Hatte sie schon früher so etwas geahnt?

 

10.31.8 Das Phänomen der Finsternis

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mt 27,45; Ähnlich auch der Evangelist Markus: „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mk 15,33). Der Evangelist Lukas ergänzt ein wenig mit der Aussage: „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde und die Sonne verlor ihren Schein.“ (Lk 23,44-45a).

Dieses Ereignis war kein Naturphänomen, welches sich gelegentlich oder in regelmäßigen Abständen in der Natur ereignet. Die sogenannte totale Sonnenfinsternis, wie wir sie in unregelmäßigen Abständen auf der Erde beobachten können, bei der sich der Mond vor die Sonne schiebt, dauert nur etwa 7-8 Minuten. Dabei wird es keineswegs ganz finster. Die Finsternis am Freitag, des 14. Nisan (3. April 33) war die Folge des außerordentlichen Eingreifens Gottes in die Naturgesetze, ähnlich wie es in Ägypten zur Zeit Moses geschehen war (2Mose 10,21-23). Dort dauerte die totale Finsternis drei Tage und war lokal, auf das von den Ägyptern bewohnte Territorium beschränkt.

Der Prophet Joel sagte eine Verfinsterung der Sonne voraus (Joel 3,4). Der Apostel Petrus erwähnt dieses Zitat des Propheten, ohne jedoch einen konkreten Bezug zum Pfingstgeschehen herzustellen (Apg 2,20). Doch auch Jesus selbst spricht von der Verfinsterung der Sonne kurz vor seiner Wiederkunft (Mt 24,29).

Alle drei synoptischen Evangelisten bezeugen, dass es etwa drei Stunden lang finster war über dem ganzen Land. Die Wendung der Evangelisten: „über das ganze Land“ – epi` pa`san th`n gh`n` – epi pasan t¢n g¢n`, beschränkt sich nicht zwingend auf das Land Palästina, sondern kann sich auch auf die gesamte Erde beziehen.

Zeugnisse der frühen Historiker, welche dieses Phänomen zeitlich und räumlich in ihren Schriften erwähnen:

Ereignisse in Rom 33: Tacitus (römischer Historiker – ca. 58-120), Annalen, vi, 20 ff. Die Finsternis bei der Kreuzigung: Dieses Phänomen ist offenbar in Rom, Athen und anderen Städten am Mittelmeer sichtbar gewesen. Nach Tertullian (christlicher Schriftsteller 150 – ca. 220), Apologeticus, xxi, 20 war es  ein „kosmisches“ oder „Weltereignis“. Phlegon, ein griechischer Autor aus Caria, der bald nach 137 eine Chronologie schrieb, berichtete, dass im Jahr 4. der 202. Olympiade (d.h. A.D. 33) die größte Sonnenfinsternis gewesen und es in der sechsten Stunde des Tages, d.h. mittags, stockdunkel geworden sei, so dass selbst die Sterne am Himmel sichtbar wurden. (Paul L. Maier, „ Pilatus, sein Leben und seine Zeit nach Dokumenten“, Seite 363, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Beispiele aus der Schrift, wo von außergewöhnlicher Finsternis die Rede ist?
  2. Welche Bedeutung hat Finsternis in der Bibel?
  3. Warum trat diese dreistündige Finsternis  deiner Meiunung nach ein?
  4. Nenne einige Zeugnisse aus der Weltliteratur, welche dieses besondere Phänomen bezeugen?

 

10.31.9 Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Von dem Einsetzen der Finsternis, etwa um 12 Uhr mittags, bis kurz vor dem Sterben Jesu, gegen 15 Uhr, scheint eine Stille eingetreten zu sein. Bei dieser Finsternis wurde jede Arbeit im Tempel unmöglich und jedes Lästern unter dem Kreuz verstummte.

Vielleicht gegen Ende der Finsternis oder kurz danach rief Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! (Mt 27,46-49; Mk 15,34).

Jesus schreit zu Gott. Der griechische Text des Evangelisten Matthäus lautet: hli hli, lema sabacqani? tou`to e`stin: qee`, mou qee` mou, inati me enkate`lipej – ¢li ¢li, lema sabachthani? touto estin: thee mou, thee mou, inati me enkatelipes`? Markus hat zwar die Anrede: elwi elwi, – elöi elöi, übersetzt aber ins Griechische gleich wie Matthäus: „Mein Gott, mein Gott“. Höchstwahrscheinlich hat Jesus dieses Gebet in Hebräisch gerufen, warum sollte er sich auch an den Vater wenden in einer anderen Sprache, als der, in der sich Gott dem Volk Israel in schriftlicher Form geoffenbart hatte? Allerdings ist er von einigen Dabeistehenden missverstanden worden. Eli hat im Hebräischen die Bedeutung von `mein Gott`, so in den Namen Eli-melech (mein Gott ist König), Eli-ja (mein Gott ist Jachwe) erkennbar. Merkwürdig, dass die Schriftgelehrten oder deren Diener (es waren keineswegs die römischen Soldaten) eher an den Propheten Elia, als Helfer in Not und nicht an Gott selbst denken.

Diese Hinwendung zu Gott erinnert uns an das Gebet Davids aus dem Psalm 22,2a: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum betet Jesus hier so?

  • Hat ihn Gott wirklich verlassen? Hat er nicht kurze Zeit davor seinen Jüngern gesagt: „Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ (Joh 8,29).
  • Hat Jesus sich vielleicht nur verlassen gefühlt – empfindungsmäßige Gottferne?
  • Wenn er aber verlassen wurde, dann für wie lange und warum?

Der griechische Begriff: `enkate`lipej  – enkatelipes `, der auch in Psalm 22,2a (LXX) verwendet wird, kommt auch bei Paulus in 2Timotheus 4,10 und 16 vor. Einmal wurde der Apostel von seinem Mitarbeiter Demas verlassen und bei seinem ersten Verhör verließen in alle. Paulus empfand hier, dass er von seinen Mitarbeitern im Stich gelassen wurde, so ähnlich wie auch Martha empfand, von Maria allein gelassen worden zu sein (Lk 10,40). Das Wort kann auch den Sinn haben von `zurück lassen`, so in Apg 18,19 – Priszilla und Aquila werden in Ephesus zurückgelassen und Paulus wird als Gefangener in Cäsarea zurückgelassen (Apg 24,27).

In Römer 9,29 und 11,4 (mit Bezug auf Jes 1,10; 1Kön 19,10) wird der gleiche Begriff  `me enkate`lipej – me enkatelipes – mich verlassen` in der gleichen grammatischen Form gebraucht, allerdings geht hier die Initiative von Gott aus, bzw. es wird aus seiner Sicht gesprochen. „Hätte uns der Herr Zebaoth nicht übriggelassen“ oder „Ich habe mir übrig gelassen siebentausend“. Und da ist der Gedanke von – Gott hat für sich aufbewahrt.

Könnte es sein, dass Jesus sich als Menschensohn allein gelassen empfand, aber aus Gottes Sicht der Übriggelassene war, der Aufbewahrte, der Geschützte, über den Gott seine Hand gehalten hatte? So in Hebräer 13,5: „Niemals werde ich dich verlassen“.

Vielleicht liegt das Geheimnis des von `Gott verlassen sein` auch in der Anrede: „Mein Gott, mein Gott`. Als göttlicher Sohn des Vaters konnte er nicht verlassen werden, war er doch nach dem Geist unsterblich, aber als Menschensohn in seinem physischen Leben (Psyche/Seele Joh 10,18) sterblich. Er nahm ja die gesamte Schuld der Menschheit auf sich und so mußte es zur Trennung von dem Heiligen Gott kommen, vielleicht nur für wenige Augebblicke. Ja, Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, doch in den physischen Tod ging der Sohn Gottes als Menschensohn, ganz allein – der Sohn starb, nicht der Vater. Das war wohl der größte Schmerz, den Jesus jemals empfand.

  • Die gesamte Last der Sünden lag auf ihm: „Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,6).
  • „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5).
  • Er wurde zum Fluch: „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt« (Gal 3,13),
  • Das Kreuz als Symbol des Todes: „der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1Petr 2,24).
  • Er litt und starb stellvertretend für alle: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2Kor 5,21).
  • Es war ein Triumpfzug: „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ (Kol 2,15).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wendet sich Jesus zu seinem Vater mit der Anrede `Gott`?
  2. Was bedeutet der Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
  3. Welche Inhalte birgt das griechische Wort für `verlassen`?
  4. Was empfand Jesus in diesen letzten Minuten seines physischen Lebens?
  5. Hast du dich mal verlassen gefühlt? Wie empfandest du dabei?
  6. Was hilft uns, damit wir aus einer Art Depression wieder herauskommen können?

 

10.31.10 Jesus: Mich dürstet

Der Evangelist Johannes schreibt als Einziger von diesem Ausruf:

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied. (Joh 19,28-30).

Wahrscheinlich spricht Jesus hier in Kurzform das aus, was in Psalm 22,15-16 in Bezug auf den leidenden Messias vorausgesagt wurde: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“ (vgl. auch das durstige Verlangen des Leidenden in Psalm 42,3; 63,2; 143,6). Ja, Jesus war ein Mensch, wie alle Menschen und empfand Durst und er gab es auch zu. Den Ausruf: „Mich dürstet“ sprach Jesus sehr wahrscheinlich gleich nach dem Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ aus. So der Zusammenhang in Matthäus 27,46-49 und Markus 15,34 „Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“  Dieser eine, der ihn tränkte war wohl ein Soldat, die anderen eher aus der Gruppe der Führenden Israels, welchen die alttestamentlichen Geschichten über Elia wohl vertraut waren. Einner der Soldaten taucht einen Schwamm in das Gefäß mit Essig (Weinessig) steckt ihn auf einen etwa 50 cm langen Ysopzweig und hält ihn Jesus vor den Mund. Jetzt nimmt Jesus das angebotene Getränk zu sich, am Anfang des Kreuzesleidens hatte er es abgelehnt (Mt 27,34; Mk 15,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet der Ausruf: „Mich dürstet?“ Sagt er dies nur, damit die Schrift erfüllt wird, oder empfand er tatsächlich Durst?
  2. Warum lehnte er das Getränk ab, als es ihm am Anfang angeboten wurde?
  3. Hast du mal wirklichen Durst erlebt? Wie und was empfandest du dabei?
  4. Was löscht am meisten den Durst?

 

10.31.11 Jesus: Es ist vollbracht (vollendet)

Die Evangelisten Matthäus und Markus sind sehr kurz in ihren Berichten über die letzten Minuten des Lebens von Jesus. Sie schreiben: „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“ (Mt 27,50; Mk 15,37). Die Verwandten und Bekannten von Jesus, einschließlich Matthäus und auch Markus, waren zwar Zeugen der Kreuzigung, doch standen sie in einiger Entfernung und hörten demnach Jesus nur laut schreien. Doch dieses laute Schreien war der kulminative Ausdruck seines gesamten Dienstes und die Vollendung des Heilsplanes, welches ihm vom Vater aufgetragen war.

Der Evangelist Johannes jedoch, der in unmittelbarer Nähe zum Kreuz stand, hat genau gehört was Jesus so laut schrie, er schreibt: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht (…).“ (Joh 19,30a-b). Die kurzen Worte „Es ist vollbracht“ sind im Griechischen ein Wort: `tete`lestai – tetelestai `. Diesen Begriff gebraucht Johannes in dieser grammatischen Form nur zweimal (Joh 19,28.30). Doch er drückt etwas als abgeschlossen, erfüllt, vollendet aus. Man könnte auch mit `es ist vollendet` oder  „es ist erfüllt“,übersetzen, da ihm die Wortwurzel `telos` als Ende, Erfüllung zugrunde liegt. Um was ging es, was ist denn nun vollendet, was ist erfüllt wordem? In einigen Stellen kommt durch den Gebrauch dieses Wortes zum Ausdruck, was für Jesus der Hauptinhalt seines Dienstes darstellte. So sagt er zu seinen Jüngern am Jakobsbrunnen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende `teleiw`sw – teleiösö“ sein Werk.“  (Joh 4,34). Und zu den Pharisäern in Jerusalem sagt er: „Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende `teleiw`sw – teleiösö“, eben diese Werke, die ich tue, zeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.“ (Joh 5,36). Und am Ende seines Dienstes, im Gebet zum Vater sagt er: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet `teleiw`saj – teleiösas` das du mir gegeben hast, damit ich es tue.“ (Joh 17,4). Das große und umfassende Werk beinhaltete viele einzelne Taten und Worte – nichts hat Jesus ausgelassen.

Das Kreuz, der Tod von Jesus ist sozusagen der Abschluss und die Zusammenfassung seines Lebenswerkes.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet die Aussage von Jesus: „Es ist vollbracht“?
  2. Welche Auswirkungen für uns Menschen hat das vollbrachte Werk Christi am Kreuz?
  3. Wie und was empfindest du nach einer gelungenen und abgeschlossenen Arbeit?

 

 

10.31.12 Jesus: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

Das sind die eigentlichen letzten Worte von Jesus am Kreuz. Nur der Evangelist Lukas hat sie aufgeschrieben. So schreit Jesus noch ein letztesmal laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Da Jesus sich in seinem lauten Rufen „mich dürstet“ und „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ auf Aussagen in den Psalmen stützt, ist anzunehmen, dass auch sein letzter lauter Ausruf ebenfalls den Psalmen entnommen ist. In Psalm 31,6 heißt es: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“

An dieser Stelle ist es angebracht zu betonen, dass der Geist von Jesus Christus nicht in die sogenannten `untersten Örter der Erde` hinabgestiegen ist, sondern in den treuen und allmächtigen Händen des Vaters, bis zur Auferstehung am dritten Tage, aufbewahrt wurde.

Die Zusage an den bußfertigen Mann am Kreuz: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ bestätigt zusätzlich, dass Jesus (sein Geist) sich während seines physischen Todes in göttlicher Sphäre befand (Lk 23,43).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie lauten die letzten Worte von Jesus am Kreuz und wo kommen diese im Alten Testament vor?
  2. Wie gehen wir mit verschiedenen Spekulationen über den Aufenthalt von Jesus während der drei Tage um?
  3. Was können wir mit Gewissheit zum Aufenthalt des Körpers von Jesus und seinem Geist während der drei Tage sagen?

 

10.31.13 Der Tod von Jesus am Kreuz – wie und warum starb Jesus?

Der Tod von Jesus am Kreuz ist eine historische Tatsache, die von den meisten neutestamentlichen Autoren vielfach und detailliert beschrieben wird. Wie wir bereits gesehen haben, geben die Texte der Evangelien in ihrer Zusammenfassung und Reihenfolge Aufschluß über die letzten Minuten im Leiden von Jesus. Nachdem er seinen Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte, heißt es bei Johannes: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh 19,30). Und der Evangelist Lukas ergänzt: „Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Bis dahin hielt Jesus sein Haupt aufrecht, er konnte alle und alles sehen und er nahm auch alles bewusst wahr was gesagt wurde. Doch reagierte er nicht auf die vielfältigen Schmähungen und Lästerungen von Menschen, sondern konzentrierte sich in seinen letzten Stunden allein auf die Erfüllung der Schriften enstsprechend dem Willen seines Vaters. Er erkannte, dass nun alles erfüllt war, was über ihn und von ihm vorausgesagt wurde. Sein physischer Tod tritt nicht vorrangig wegen körperlichem Versagen ein. Diese Beobachtung wird durch folgende Aussagen bestätigt:

  1. Die Soldaten waren über den schnellen Tod von Jesus überrascht. „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht (…).“ (Joh 19,33).
  2. Als Josef von Arimathäa den Statthalter um den Leichnam von Jesus bittet, ist dieser über dessen schnellen Tod sehr erstaunt. „Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei?“ (Mk 15,44).
  3. Über sein physisches Leben (gr. yuch` – psych¢) sagt Jesus: „Niemand nimmt es  von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ (Joh 10,18).

Warum Jesus letztlich gestorben ist, war die Sündenschuld aller Menschen, die er auf sich nahm, wie es schon der Prophet Jasaja vorausgesagt hatte:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. (Jes 53,4-8).

In diesem Text werden acht Aussagen, die das stellvertretende Leiden und Sterben von Jesus für sein Volk, hervorgehoben. Auch die Apostel bestätigen in ihren Predigten und Schriften den freiwilligen und  stellvertretenden Tod von Jesus als das Lamm Gottes (Joh 1,29;  Gal 1,4;  Röm 5,6. 8;  1Kor 15,3;  1Petr 1,18-21;  1Joh 2,2).

Bemerkenswert ist auch die letzte Aussage von Jesus: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Sein Leib wird von treuen Menschen in ein Felsengrab gelegt, seinen Geist jedoch übergibt er in die Hände des Vaters. Diese klare Übergabe des Geistes in die Hände (Obhut) seines himmlischen Vaters steht im krassen Gegensatz zu den vielfältigen Spekulationen über den Verbleib oder die Tätigkeiten von Jesus während der drei Tage.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum ist die Verkündigung des physischen Todes von Jesus als historische Tatsache so wichtig? Von welchen Menschen wird diese Tatsache angezweifelt oder gar abgelehnt?
  2. Wo und wie ist das Sterben des Messias im Alten Testament vorausgesagt oder vorausgebildet worden?
  3. Warum und wodurch unterscheidet sich das Sterben Jesu vom Sterben aller anderen Menschen?
  4. Welche positiven Auswirkungen hat der Tod Christi für uns?

 

 

10.32 Zwischen Tod und Auferstehung

(Bibeltexte: Mt 27,50-66;  Mk 15,37-47;  Lk 23,46-56;  Joh 19,30-42)

In der Zeit zwischen dem Tod von Jesus am Freitagnachmittag und seiner Auferstehung am frühen Morgen des ersten jüdischen Wochentages hat sich vieles ereignet. Diese einzelnen Ereignisse wollen wir in diesem Abschnit der Reihe nach kennenlernen.

 

10.32.1 Die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus

Es scheint, als ob die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus nicht genug Beachtung bekommen. Dabei geht es nicht nur um das Naturereignis – Erdbeben, sondern auch um die Reaktionen der Menschen, sowohl unter den Juden als auch unter den Heiden.

 

Der Vorhang im Tempel zerreist und die Erde erbebt

So Berichtet der Evangelist Markus: „Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“ (Mk 15,38; Lk 23,45). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen (…).“ (Mt 27,51).

Die Naturkräfte sind dem Willen Gottes unterworfen und er kann sie so präzise einsetzen und lenken, dass sie als Zeichen für die Menschen offensichtliche Wirkung zeigen, aber auch in Grenzen tätig sind. Während Felsen zerbarsten, blieben die drei Kreuze stehen (vgl. dazu auch Apg 16,26). Dieses Ereignis blieb nicht ohne Wirkung auf die Menschen. So schreibt Matthäus: „Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 27,54). Beachten wir, dass nicht nur der Hauptmann, sondern auch seine Soldaten dieses Bekenntnis aussprechen. Der Evangelist Markus formuliert etwas differenzierter, indem der Hauptmann den Tod von Jesus bestätigt, was in seiner Verantwortung lag (Mk 15,44): „Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mk 15,39). Der Evangelist Lukas hebt hervor, das der Hauptmann mit seinem Bekenntnis Gott verherrlichte: „Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries (verherrlichte) er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“ (Lk 23,47). Somit erkannte und bekannte der Hauptmann:

  1. Dass Jesus ein gerechter Mensch war und
  2. Dass Jesus Gottes Sohn war.

 

Die Hohenpriester, welche zu der Zeit im Tempel den Opferdienst für das Passahfest versahen, wurden Augen- und Ohrenzeugen eines Ereignisses, das sie in großes Erstaunen, vielleicht sogar in Erschrecken versetzt haben muss. Der kunstvoll gewebte Vorhang, der im Tempel das sogenannte `Heilige` von dem `Allerheiligsten` trennte, zerriss in zwei Stücke und zwar von oben nach unten (Mt 27,51; vgl. dazu auch 2Mose 26,31-33; 40,21; 1Kön 6,2-31). Dies zeigt an:

  1. Dass es nicht von Menschenhand geschah
  2. Dass der Zugang zum Allerheiligsten, der bis dahin nur dem Hohenpriester vorbehalten war, nun frei ist für alle
  3. Dass die Gegenwart Gottes nicht mehr in dem sogenannten `Allerheiligsten` zu finden ist

Genau genommen, endete in diesem Augenblick die Bestimmung des von Menschenhand gebauten Tempels mit seinem Opferdienst. So schreibt der Hebräerbriefschreiber: „Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen.“ (Hebr 9,24). Auch heißt es dort von Jesus: „Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben.“ (Hebr 9,12).

Doch die Führung Israels erkannte dieses offensichtliche Zeichen nicht und so lief der Opferdienst im Tempel durch die Priester weiter, jedoch ohne die ursprüngliche Wirkung – der Vergebung der Sünden und Versöhnung des Volkes mit Gott.

 

Die Reaktion des Volkes

Der Evangelist Lukas schreibt als Einziger: „Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.“ (Lk 23,48). Mit diesen knappen Worten beschreibt der Evangelist die Reaktion des Volkes, das zuschaute und alles mitbekam was geschah. Das sich ´an die Brust schlagen` drückt mindestens `Einsicht und Reue` aus, wenn man dazu das Verhalten des Zöllners vergleicht (Lk 18,13).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Sind Erdbeben (oder auch andere Naturereignisse) immer ein Zeichen Gottes an die Menschen?
  2. Wie reagieren Menschen heute auf Naturkatastrophen?
  3. Warum waren gerade Nichtjuden oft empfänglicher für Wahrheit und Glauben?
  4. Welche Bedeutung und Maße hatte der innere Vorhang im Tempel und warum ließ Gott ihn zerreisen?
  5. Wie lässt sich die Reaktion des Volkes bewerten?

 

10.32.2 Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen

Der Evangelist Johannes, der in unmittelbarer Nähe des Kreuzes stand und somit Augenzeuge folgender Ereignisse wurde, schreibt dazu:

Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.« (Joh 19,32-37).

Der Evangelist betont die Bedeutung des auf den Freitag (Rüsttag, Vorbereitungstag) folgenden großen Sabbat, der sozusagen entheiligt würde, wenn Leichname Gekreuzigter an den Kreuzen hängen blieben. Wir sehen, auf was damals die frommen Juden geachtet haben. Auf die Einhaltung äußerer Reinmheitsvorschriften legten sie großen Wert. Das Recht, die Barmherzigkeit, die Liebe und der Glaube blieben dabei sehr oft auf der Strecke (Joh 18,28; Hosea 6,6; Mt 12,7; 23,23). Doch auch diesen menschlichen Eingriff in das Geschehen um den Tod von Jesus, wendet Gott dahin, dass die prophetischen Voraussagen auf  den Christus zu ihrer Erfüllung kommen. Denn bereits in Ägypten, etwa 1500 Jahre zuvor, ordnete Gott durch Mose an, dass dem Passahlamm keine Knochen gebrochen werden dürfen (2Mose 12,46). Ging es Gott damals um die Opferlämmer, oder vielmehr um seinen Sohn, der als das wahre Lamm Gottes zu seiner Zeit sterben ürde? Was für eine weise Vorausschau Gottes. Übrigens heißt es bei der Einsetzung des Bundesmahls durch Jesus: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, also nicht gebrochen wird. Das Brot jedoch wurde gebrochen (Mt 26,26-28).

An diesem Tag kommt Pilatus nicht zur Ruhe, ständig wird er von den Hohenpriestern um etwas angegangen.

  • Bereits am frühen Morgen wegen dem Prozess und der Verurteilung von Jesus.
  • Kurz danach wegen der Aufschrift „Jesus von Nazaret, der Juden König“, die sie geändert haben wollten.
  • Jetzt am Spätnachmittag: Lass ihnen die Beine brechen, damit sie sterben und von den Kreuzen abgenommen werden können.
  • Am nächsten Tag: Lass das Grrab bewachen, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen.

Die Soldaten führen den Befehl aus und brechen beiden Verurteilten die Beine, als sie jedoch zu Jesus kommen, überzeugen sie sich, dass er bereits gestorben war. Der eine Soldat, der ihn mit einem Speer in die Seite stößt, weiss nicht, dass damit eine prophetische Schriftaussage, welche bereits etwa 450 Jahre zuvor gemacht wurde, erfüllt wird (Sacharia 12,10). Johannes, der nahe am Kreuz steht, wird Augenzeuge von all dem, was mit Jesus gemacht wird – Blut und Wasser fließt aus dem Körper von Jesus heraus. Er wird Augenzeuge, wie Schriftaussagen in solch einer Dichte an Jesus in Erfüllung gehen. Er bestätigt in schriftlicher Form die Wahrheit des Geschehens, damit Glauben geweckt und gestärkt wird.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Worum sind die Hohenpriester bemüht, was ist ihnen wichtig?
  2. Was geschieht (oder geschieht nicht) wenn sich Christen in verschiedene Äußerlichkeiten verfangen?
  3. Wie oder wodurch erfüllt Gott, was er durch Propheten vorausgesagt hat?
  4. Wozu dienen die Prophetien, was ist ihr Zweck und Ziel?
  5. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Brechen von Beinen (was bei Jesus nicht gemacht wurde) und dem Abendmahlsbrot?

 

10.32.3 Die Grablegung von Jesus

Der Evangelist Lukas schreibt über die Grablegung von Jesus folgendes:

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte.“ (Lk 23,50-53).

Pilatus erreicht ein seltsames Eilanliegen: ein wohlbekannter, reicher Ratsherr: Josef aus dem Ort Arimathäa bittet um eine würdige Bestattung des gehenkten Jesus von Nazaret. Josef wird uns als ein frommer aber heimlicher Jünger von Jesus geschildert, der von Furcht erfüllt, sich noch bis vor kurzem im Verborgenen hielt. Doch in dem nächtlichen Prozess stimmt er (wahrscheinlich zusammen mit Nikodemus) offen gegen den Beschluß des Hohen Rates. Höchstwahrscheinlich war er Zeuge der Kreuzigung geworden. An diesem Abend trifft er eine weitere mutige Entscheidung und entschließt sich Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen, um ihn nach jüdischer Sitte möglichst schnell aber auch würdevoll zu bestatten. Damit bekennt sich jetzt Josef vor Heiden und Juden öffentlich zu Jesus! Keine Zeit ist nun zu verlieren, denn der Tag neigt sich dem Ende zu. Pilatus ist erstaunt über den schnellen Tod von Jesus und lässt sich diesen vom herbeigerufenem Hauptmann bestätigen. Dann erteilt er die Erlaubnis zur Herausgabe des Leichnams (Mk 15,44). In der angesagten Eile vor dem anbrechenden Sabbat entschließt sich Josef zur Bestattung in seine, eigentlich für ihn selbst, vorgesehene Grabhöhle in der niemand zuvor bestattet war. So schreibt der Evangelist Matthäus: „(…) und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.“ (Mt 27,60).

 

Diese Grabhöhlen sind dem Leser dieser Ausarbeitung schon von der Bestattung des Lazarus bekannt. Der Evangelist Johannes ergänzt dazu: „Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.“ (Joh 19,39). So eilt Josef und wahrscheinlich auch Nikodemus zum Kreuz, nehmen den Leichnam von Jesus ab indem sie die  Nägel aus den Händen und den Füßen herausziehen. Dann wickeln sie  ihn wie üblich in ein Leinentuch und tragen ihn zur Grabhöhle. Dort wird er wahrscheinlich in einem Eilverfahren gereinigt und gesalbt und anschließend in Leinentücher eingewickelt. Das Haupt wird mit einem besonderen Tuch umbunden, wie später der Evangelist Johannes beschreibt (Joh 20,7). Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch Johannes der Jünger an der Abnahme des Leichnams vom Kreuz und der Bestattung beteiligte, hatte er sich bis jetzt nicht geschämt für seinen Meister, warum hätte er bei diesem Dienst tatenlos den anderen nur zugeschaut? Aber auch die Frauen sind Josef und Nikodemus zur Grabhöhle gefolgt. Ja, wieder sind es die Frauen, die Jesus treu auch auf der letzten Strecke begleiten. Maria aus Magdala und Maria, Mutter des Joses, und andere Frauen beobachten aus nächster Nähe, wo und wie der Leichnam bestattet wird. So schreibt der Evangelist: „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an (strahlte auf). Es folgten aber die Frauen nach, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa, und beschauten das Grab und wie sein Leib hineingelegt wurde. Sie kehrten aber um und bereiteten wohlriechende Öle und Salben. Und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.“ (Lk 23,54-56). Auch hier fällt auf, dass über die Jünger nichts gesagt wird, wohl aber über die Frauen, die nicht einfach in ihrer Traurigkeit versanken, sondern aus Ergebenheit und Liebe, von ganz pragmatischen Überlegungen her Jesus bis zur Bestattung begleiteten. Sie beschließen schon dort, später zu einer ordentlichen Salbung des Körpers hierher zurück zu kommen.

Abbildung 13 Grabstein im sogenannten Gartengrab in Jerusalem (Foto: April 1986)

Eilig rollt Josef einen großer Stein vor den Eingang des Grabes. Dann eilen alle zurück in die Stadt und in ihre Unterkünfte. Sie ruhten nach dem Gesetz am Sabbat.

Auch über die Bestattung des Messias hat der Prophet Jesaja eine Aussage gemacht: „Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“ (Jes 53,9). Allerdings stellen wir zwischen der Prophetie des Jesaja und der Erfüllung eine Schwierigkeit fest, denn Josef war zu diesem Zeitpunkt nicht gottlos und auch kein Übeltäter. Es sei denn, dass damit die allgemeine Sündhaftigkeit und Gottferne aller Menschen (auch des Josef) hervorgehoben wird. „Bei Gottlosen“ (im Plural) meint vielleicht auch das allgemeine Umfeld der Begräbnisstätte und nicht den Josef als Einzelnen, der mit seiner Tat seine Glaubensbeziehung zu Jesus bezeugte.

Auch der Apostel Paulus bestätigt später, dass Jesus begraben wurde gemäß den Schriften (1Kor 15,4). Jesus hat bereits während seines Dienstes in Galiläa den kritisch eingestellten Pharisäern von seiner Grablegung vorausgesagt und erinnert an die einmalige Geschichte des Jona (Mt 12,40; Jona 2,1). Dann erklärte er, dass der Menschensohn ebenso drei Tage und drei Nächte inmitten der Erde sein wird. Die Wendung „drei Tage und drei Nächte“ bedeutet nicht zwingend volle 72 Stunden. Jeder noch nicht zu Ende gegangener Nacht/Tag sowie gerade begonnener Nacht/Tag werden als volle Nacht/Tage gerechnet (der Vergleich von Mt 16,21 mit Mk 8,31 sowie Mt 27,63 macht dies deutlich).

 

10.32.4 Tage-Tabelle (Hebräisch)

Für den Bibelleser kann es etwas verwirrend sein, wenn es um die Tageszeiten geht, welche die Evangelöisten angeben. Folgende Erklärung kann eine Orientierung geben.

Der jüdische Tag beginnt (auch heute noch) mit dem Sonnenuntergang. So lesen wir in 1Mose 1,2ff: „Da war aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Den lichten Teil des Tages zählte man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, was etwa 12 Stunden ausmachte. So sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Hat nicht der Tag zwölf Stunden?“  (Joh 11,9). Daher geben die meisten Autoren der neutestamentlichen Schriften diese lichte Tageszeiten an. So ist die dritte Stunde des Tages = ca. 9 Uhr morgens, die elfte Stunde ca. 17 Uhr (Mt 20,3-9; Apg 2,15). Ähnlich rechnete man auch für die zwölf Stunden der Nacht, so in Apostelgeschichte 23,23: „dritte Stunde der Nacht“ = zwischen 21-22 Uhr. Nur der Evangelist Johannes scheint gelegentlich von dieser Tageszählweise wegzukommen (Joh 19,14).

 

Freitag/Rüsttag – sechster Tag

(Dauer: Donnerstagabend ca. 19 Uhr bis Freitagabend ca. 19 Uhr

Samstag – Sabbat – siebter Tag

(Dauer: Freitagabend ca. 19 Uhr bis Samstagabend ca, 19 Uhr)

Sonntag – erster Tag der Woche

(Dauer: Samstagabend ca. 19 Uhr bis Sonntagabend ca. 19 Uhr)

Gegen 15 Uhr stirbt Jesus am Kreuz Gegen 19 Uhr geht die Sonne unter, der Fraitag ist zu Ende. Jesus ist bereits an diesem ersten Tag seit etwa 4 Stunden tot. Von etwa 19 Uhr bis zum Abend des nächsten Tages = 24 Stunden – Jesus im Grab = zweiter (voller) Tag. Von Samstag, ca. 19 Uhr bis Sonntag, ca. 5 Uhr früh geschah die Auferstehung von Jesus = dritter (nicht voller) Tag.

 

Demnach war Jesus nur ca. 38 Stunden Tot und verbrachte ca. 35 Stunden im Grab. Schon der Psalmist David sagte durch den Heiligen Geist voraus dass der Messias nicht wie andere Menschen der Verwesung überlassen wird: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (verwese).“ (Psalm 16,9-10; Apg 2,25; 13,35).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was halten wir von heimlichen Nachfolgern/Gläubigen?
  2. Was bewegt die beiden Ratsherren an Karfreitag?
  3. Was bedeutet es, etwas weertvolles, das man für sich bereitet hatte, an einen anderen abzutreten? Josef ahnte ja nicht, dass er sein Felsengrab wieder zurückbekommen wird.
  4. Wie bewerten wir die Treue der Frauen – besonders der Maria aus Magdala?
  5. Wo und was wurde über die Bestattung von dem Messias vorhergesagt?
  6. Was ist über den Körper des Messias vorausgesagt worden?

 

10.32.5 Die Versiegelung und Bewachung des Grabes

(Bibeltexte: Mt 27,62-66)

Bei dieser Geschichte kommt nur der Evangelist Matthäus zu Wort, er schreibt:

Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.“ (Mt 27,62-66).

Am folgenden Tag (das heißt am Sabbat) melden sich noch mal die jüdischen Leiter (Hohepriester und Pharisäer) bei Pilatus. Sie erinnern sich an Worte des getöteten Rabbis Jesus: „Ich will nach drei Tagen auferstehen.“ (Mt 27,63). Woher haben sie diese Information? Wenn Jesus über seinen Tod und Auferstehung sprach, tat er es meistens im Kreis seiner Jünger. Seine bildhafte Rede in Bezug auf seinen Tod und Auferstehung aus Johannes 2,19 haben sie ja nicht verstanden. Doch bei einer anderen Gelegenheit bekamen sie von Jesus selbst (wenn auch nur einen indirekten) Hinweis zu seinem Begräbnis und seiner Auferstehung: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein“ (Mt 12,39-40; 16,1. 4;  Mk 8,11-12;  Lk 11,29-30). Natürlich glaubten sie nicht daran, doch aus der Verdorbenheit ihres eigenen Herzens lasten sie den arglosen und völlig verängstigten Jüngern etwas an, was sie wahrscheinlich in deren Situation selber tun würden. Sie wollen damit einer für sie bösen Überraschung vorbeugen. Dass sich ihre Vorsorge und Sicherheitsmaßnahme gegen sie selbst als Falle heraustellen wird, kam ihnen zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn.

Für die Bewachung des Grabes hätten sie genug eigenes Wachpersonal von der Tempelwache beauftragen können, doch die Gekreuzigten sind von den Römern verurteilt worden und somit waren diese auch für deren Leichname zuständig. Pilatus zeigt sich auch hier großzügig, lässt sich nicht auf Diskussionen ein und stellt den jüdischen Führern eine Wachmannschaft zur Verfügung. Die Soldaten werden vor dem Grab postiert und zusätzlich wird der Stein am Eingang zum Grab versiegelt. Die ganze Aktion, einschließlich der Versiegelung des Grabes, ist eigentlich Arbeit am Sabbat, doch gegenüber sich selbst sind die Pharisäer und Hohenpriester nachsichtig, nicht so gegen andere (Joh 5,10). Im Gegensatz zu ihnen ist das Verhalten der Frauen gesetzeskonform (Lk 23,56).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was wurde in alttestamentlichen Schriften über die Bestattung des Messias und die Dauer seines Todes gesagt?
  2. Was war die Sorge der Hohenpriester und Pharisäer? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten (Apg 23,8)?
  3. Pilatus geht auf die Bitte der jüdischen ´Führung anscheinend sofort ein. Wie lässt sich das erklären?

 

10.32.6 Die Tage der Trauer für die Jünger von Jesus

Für die Juden ist dieser Sabbat ein großer Festtag, nicht so für die Jünger von Jesus. Was diese in der Zeit empfinden, wissen wir  aus den Worten von Jesus, die er am Vorabend seiner Hinrichtung den Jüngern sagte:

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh 16,16-22).

Die Begriffe: weinen, klagen und trauern, drücken sehr deutlich den emotionalen Zustand der Jünger aus während dieser drei Tage. Auch der Evangelist Markus bestätigt das Weinen und Leid tragen der Jünger: „Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.“ (Mk 16,10; dazu auch Lk 24,17). Eine große Traurigkeit legte sich auf die Jünger, denn ihre Erwartungen und Hoffnungen dass „er Israel erlösen wird“ haben sich so nicht erfüllt (Lk 24,21). Nicht Unglaube insgesamt, aber doch mangelnder Glaube waren für diese Verzagtheit der Grund und die Ursache. So sagte Jesus fast vorwurfsvoll den zwei Jüngern unterwegs nach Emmaus: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!“ (Lk 24,25). Doch soll dieser Glaubensmangel und der daraus entstandene Zustand der Traurigkeit nicht lange andauern. Ihre Traurigkeit wird bald von der immerwährenden Freude abgelöst werden, welche niemand von ihnen mehr wegnehmen kann.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe den emotionalen Zustand der Jünger von Jesus während der drei Tage.
  2. Was war der Hauptgrund, die Hauptursache für ihre Verzagtheit?
  3. Wie geht Jesus als ihr Hirte und Seelsorger mit den Schwachheiten seiner Jünger um?
  4. Welche Perspektive stellt Jesus seinen Jüngern bereits im Vorfeld in Aussicht?

[1] Die Verse 18 und 17 sind in dieser Tabelle wegen der parallelen Darstellung der Abläufe vertauscht.

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Auf Ihn hört und was Er euch sagt, das tut !

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Abbildung 1 „Wer Ohren hat, der höre!““ (Zeichnung von J.S. Nov 2015).

 

Es gibt so viele Stimmen in dieser Welt und viele drängen sich vor und wollen gehört werden.

  • Doch wer hat heute etwas wesentliches, ja lebensnotwendiges zu sagen?
  • Wem wenden wir unser Gehör zu?
  • Auf wen hören wir und wem gehorchen wir?

Auf den ersten Blick scheinen diese zwei oben genannten Aufforderungen wie aus der Luft gegriffen zu sein. Doch wenn wir uns klar werden, in welchen Textzusammenhängen und von wem sie ausgesprochen wurden, werden wir bald feststellen, wie diese beiden Aufforderungen zusammengehören und für uns heute aktuell sind.

 

Die erste Aufforderung kommt von Gott, dem Vater aus dem Himmel 

Abbildung 2 Blick von der Festung Gadara über den See Genezaret und das galiläische Bergland (Foto: 3. November 2014).

Jesus befand sich mit seinen drei nächsten Jüngern – Petrus, Jakobus und Johannes – auf dem sogenannten `Heiligen Berg`. In Matthäus 17,1-5 (Elbf) lesen wir:

  • „Und nach sechs Tagen nimmt Jesus den Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, mit und führt sie abseits auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen umgestaltet. Und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht; und siehe, Mose und Elia erschienen ihnen und unterredeten sich mit ihm. Petrus aber begann und sprach zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, dir eine und Mose eine und Elia eine. Während er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke, und siehe, eine Stimme kam aus der Wolke, welche sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Ihn hört !“ (vgl. mit dem Bericht des Lukas aus Kap 9,28-36).

Gott selbst fordert die Jünger und damit auch uns auf unsere gesamte, ja ungeteilte Aufmerksamkeit auf Jesus zu lenken und zu hören, was er zu sagen hat. Und er hat sehr wichtiges, ja lebensnotwendiges zu sagen.

Jahre später bestätigt der Apostel Petrus dieses Erlebnis auf dem Berg der Verklärung

  • „Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus kundgetan, nicht indem wir  ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern weil wir Augenzeugen seiner herrlichen Größe gewesen sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der erhabenen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, und ihr tut gut, darauf zu achten als auf eine Lampe, die an einem dunklen Ort leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern in euren Herzen aufgeht“ (2Petr 1,16-19 – Elbf).

 

In seiner Pfingstpredigt zitiert Petrus den Propheten Mose, der dem Volk Israel auf Gottes Anweisung um etwa 1500 v. Chr. folgendes gesagt hat:

„Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, erwecken aus euren Brüdern; den sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagen wird, (ihm sollt ihr gehorchen). Und es wird geschehen, welche Seele auf jenen Propheten nicht hören wird, die soll ausgerottet werden aus dem Volk“ (vgl. Apg 3,22 und 7,37 mit 5Mose 18,15. 19).

So bedeutend sind die Worte dieses Propheten Jesus Christus. Darauf zu hören und zu achten entscheidet über Leben und Tod.

 

Die zweite Aufforderung kommt von Maria, der Mutter von Jesus

Auf der Hochzeit im galiläischen Kana hatte Maria, die Mutter Jesu einiges zu sagen. Doch sie erkennt ihre Grenzen und lenkt die Aufmerksamkeit der Diener auf Jesus mit den Worten: „Was er (Jesus) euch sagt, das tut“ (Joh 2,5). Die Diener gehorchten und taten, was Jesus ihnen sagte und erlebten das Wunder der Verwandlung des Wassers in Wein. „Diesen Anfang der Zeichen machte Jesus zu Kana in Galiläa und offenbarte seine Herrlichkeit; und seine Jünger glaubten an ihn.“ (Joh 2,11 Elbf). Wer also auf Jesus hört und tut was er sagt, der erlebt Ungewöhnliches, Übernatürliches mitten im Leben.

 

Nun, was hat denn Jesus gesagt und wozu hat er aufgefordert?

Etwa dreieinhalb Jahre lehrte Jesus seine Jünger und das Volk über das Reich Gottes. Die vier Evangelisten schrieben die Worte und Taten von Jesus auf. Hier nur wenige Auszüge:

  • Die erste Predigt, welche Jesus gehalten hatte, beginnt mit den Worten: „Die Zeit ist erfüllt und nahe gekommen das Reich Gottes; tut Buße (ändert eure Gesinnung, euer Denken) und glaubt an das Evangelium (die Frohe Botschaft von der Erlösung durch Christus).“ (Markus 1,15). Jesus ist diese `Frohe Botschaft` Gottes in Person.
  • In Johannes 14,1 fordert Jesus seine Jünger auf: „Glaubt an Gott und glaubt an mich.“
  • In Johannes 3,36 sagte Jesus: „Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben, wer dem Sohn nicht gehorcht, der wird das Leben nicht sehen, sonder der Zorn Gottes bleibt auf  ihm.“
  • In der Synagoge zu Kapernaum fragten die Pharisäer Jesus: „Was sollen wir tun, damit wir die Werke Gottes wirken? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Dies ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.“ (Joh 6,28-29).
  • Ebenso sagte Jesus: „Denn das ist der Wille meines Vaters, dass, wer den Sohn sieht und glaubt an ihn, das ewige Leben habe; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage.“ (Joh 6,40). 
  • Bei seinem Abschied gebot Jesus seinen Jüngern: „Darum geht hin und macht zu Jüngern (unterweist) alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie zu halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendungs des Zeitalters.“ (Mathäus 28,19-20).
  • „Darum spricht der Heilige Geist: „Heute, so ihr seine (Jesu) Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.“ (Hebräer 2,7-8).

All diese Aussagen machen deutlich, dass es sich nicht um das Bemühen des Menschen handelt, für Gott etwas besonderes zu leisten oder gar begangenes Unrecht abzuleisten, Schuld abbüßen. Vielmehr oder zunächst geht es um die Entgegennahme der Gabe Gottes in Jesus Christus und zwar durch Glauben. Diese Gabe besteht aus:

  • Vergebung der Sünden und damit der Gerechtsprechung auf der Grundlage des Erlösungswerkes Christi am Kreuz – „es ist Vollbracht“,
  • Der Errettung von der ewigen Verlorenheit, Befreiung von der Verdammnis und Gottferne – ewiger Tod, Hölle,
  • Diese Gabe ist das ewige Leben in Jesus Christus – beginnend schon hier und sich fortsetzend nach der Auferstehung des Leibes am jüngsten Tag in himmlischer, göttlicher Sphäre – Himmel.

Jesus ist der von Gott gesandte Prophet (Sprecher im Namen Gottes) und nur er hat wirklich etwas Wichtiges zu sagen. Etwas, was zu unserem Leben und Überleben notwendig ist.

Darum: Auf Ihn hört !

 

 

 

Zuerst hören, dann handeln

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Recht haben, Recht suchen – was sagt Gott dazu?

Überlegungen zu den Themen:

  • Recht haben
  • Recht suchen
  • Vergebung üben

Abbildung 1 „Rechte Waage, rechtes Gewicht, rechter Scheffel und rechtes Maß sollen bei euch sein; ich bin der HERR, euer Gott, der euch aus Ägyptenland geführt hat,“ (3Mose 19,36) (Foto: 26, Januar 2016)

Wir beobachten, dass der Mensch grundsätzlich ein Gespür für Gerechtigkeit und Wahrheit hat (1Mose 3,22: „Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist“). Das ist die Ausgangsbasis für das menschliche Rechtsbewusstsein. Besonders empfindlich reagiert er, wenn seine eigenen Rechte beschnitten werden und er sucht mit recht sein Recht. Wir beobachten auch, dass jeder Mensch dieses Hohe Gut subjektiv wahrnimmt. Daher geht es oft nur mittels Vermittlung durch Psychotherapeuten, Seelsorger oder auch Anwälte und bürgerliche Gerichte.

Hier einige Grundaussagen der Bibel zum Recht und gerechtem Verhalten:

5Mose 10,17-19: „Denn der HERR, euer Gott, Er ist der Gott der Götter und der Herr der Herren, der große, mächtige und furchtgebietende Gott, der die Person nicht ansieht und kein Bestechungsgeschenk annimmt, der der Waise und der Witwe Recht schafft und den Fremdling lieb hat, sodass er ihm Speise und Kleidung gibt. Und auch ihr sollt den Fremdling lieben, denn ihr seid ebenfalls Fremdlinge gewesen im Land Ägypten.“

 

Psalm 103,6: „Der HERR übt Gerechtigkeit und schafft Recht allen Unterdrückten.“

Gerechtigkeit ist eine der vielen Wesenseigenschaften Gottes, so ist Er! Entsprechend dieser Eigenschaft handelt Er selber und fordert die Menschen zu entsprechendem Handeln auf.

Psalm 82,3: „Schafft Recht dem Geringen und der Waise, den Elenden und Armen lasst Gerechtigkeit widerfahren!“

Gott kann zwar selber direkt eingreifen wenn es um gerechtes Urteil zwischen Menschen geht, doch dafür bezieht er sehr oft Menschen mit ein, daher sein Aufruf, ja sogar Aufforderung an die ensprechenden Verantwortlichen, den Benachteiligten zu ihrem Recht zu verhelfen.

Lukas 18,1-8: „Er (Jesus) sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam immer wieder zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage (mich in Verruf bringt, meinen Ruf untergrabe). Da sprach der Herr (Jesus): Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er bei ihnen lange warten? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben finden auf Erden?“

Schlussfolgerungen:

  • Es gibt immer wieder Benachteiligte (Arme, Witwen, Waisen, Fremdlinge, Alleinstehende, Arbeitslose, Kranke, Ältere, Pflegebedürftige, der Gesetze unkundige Menschen.
  • Ein Mensch darf sein Recht anhaltend suchen, auch durch Vermittlung offizieller Institutionen.
  • Im Vergleich zu Gott, handeln die Vermittlungsstellen nicht immer uneigennützig (damals wie heute). In Ost und Süd sind es offensichtliche Geschenke, Schmiergelder die weiterhelfen, in West und Nord ist es das Ansehen, Günstlingsmotive oder Hörigkeit einer höheren Instanz gegenüber.
  • Mit Fortschreiten der Geschichte, nimmt der Glaube, das Vertrauen, die Treue, die Wahrheit und Gerechtigkeit mehr und mehr ab (Mt 24,12: „Und weil die Missachtung des Gesetzes überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten.“). Die Liebe zu Gott, zum Nächsten und auch die Liebe zur Wahrheit, die Liebe zur Gerechtigkeit.
  • Gott registriert und bewertet jede Handlung, jedes menschliche Urteil nach ihrem Wahrheitsgehalt und früher oder später kommt alles ans Licht. Er wird das Rufen der Witwe, Waise, des Unterdrückten, …, nicht überhören.

 

Doch Vorsicht beim RECHT suchen und fordern

Es sprach aber einer aus der Volksmenge zu ihm (zu Jesus): Meister, sage meinem Bruder, dass er das Erbe mit mir teilen soll! Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler über euch gesetzt? Er sagte aber zu ihnen: Habt acht und hütet euch vor der Habsucht! Denn niemandes Leben hängt von dem Überfluss ab, den er an Gütern hat. Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Das Feld eines reichen Mannes hatte viel Frucht getragen. Und er überlegte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun, da ich keinen Platz habe, wo ich meine Früchte aufspeichern kann? Und er sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin alles, was mir gewachsen ist, und meine Güter aufspeichern und will zu meiner Seele sagen: Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und sei guten Mutes! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! In dieser Nacht wird man deine Seele (dein Leben) von dir fordern; und wem wird gehören, was du bereitet hast? So geht es dem, der für sich selbst Schätze sammelt und nicht reich ist für Gott! (Lk 12,13-21).

Es fällt auf, dass Jesus sich nicht einspannen lässt, um als Schlichter oder Erbrichter zu fungieren.

  • Es gab Orts- und Stadtgerichte oder gar den Hohenpriester, welche für diese Angelegenheiten der Bürger zuständig waren. Das heißt in kein fremdes Amt eingreifen. (In einem Sprichwort heißt es: „Was nicht deines Amtes ist, da lass deinen Vorwirtz“).
  • Es gab Vorschriften im Mosaischen Gesetz, wonach das Erbe geregelt wurde (zum Beispiel in 5Mose 21,16-17; 4Mose 27,7). Es gibt bürgerliche Gesetze, nach denen in unserem Land die verschiedenen Rechtsfragen geregelt werden können.

Der Kläger, Bittsteller in der von Jesus geschilderten Geschichte hatte, laut der Zurückhaltung von Jesus zwei Möglichkeiten:

  1. Er geht zum amtierenden Richter seiner Stadt, sucht sein Recht per Gesetz. Dabei riskiert er seine Beziehung zu seinem Bruder.
  2. Er verzichtet auf sein Recht (oder vermeintliches Recht), lässt seinen Anspruch fallen, nimmt materielle Einbußen in Kauf, hat aber ein reines Gewissen und seinerseits eine unverletzte Beziehung zu seinem Bruder bewahrt. Er hält dem Bruder die Tür offen, sich nach Einsicht bei ihm zu entschuldigen und freiwillig den Ausgleich zu gewähren.

Da Jesus das Herz dieses Mannes kannte, bzw. den Wahrheitsgehalt, die Motivation welche hinter der Forderung an seinen Bruder standen, bekommt er und auch die anderen Zuhörer die oben zitierte Geschichte zu hören. Übrigens führen gerade Erbangelegenheiten unter den Nachkommen häufig zu Streitigkeiten und Entzweiungen. Da ist abzuwägen, was einem Wertvoller ist. Das Recht – etwas mehr Hab und Gut, oder der Verzicht – dafür mehr Ruhe und Frieden.

 

Schprichwörter mit Wahrheitsgehalt:

  • „Genaue Rechnung, lange Freundschaft“
  • „Da wo`s ums Geld geht, hört die Freundschaft auf“
  • „Habgier ist die Wurzel für jedes Übel“
  • „Was der Mensch sät, das wird er auch ernten“
  • „Unrecht Gut gedeiht nicht“

 

Vergebung – was bedeutet das?

 

Jeder Mensch macht sich im Laufe seines Lebens schuldig:

  • Schuldig an sich selbst (seinem Körper, Seele, Geist) durch falsche oder ungesunde Ernährung, unausgewogenen Lebensstil in Arbeit und Erholung. Ungesunde Lektüre, Medien, schlechter Umgang (Sprichwort: „sag mir mit wem du umgehst, dann sage ich dir, wer du bist“).
  • Er macht sich schuldig an anderen Menschen (Eltern, Ehepartner, Kinder, Mitschülern, Kollegen, Nachbarn) durch seinen Egoismus, Rechthaberei, Machtmissbrauch, bis hin zu psychischer oder auch physischer Gewalt. Viele von diesen Verschuldungen werden öffentlich geahndet, das meiste jedoch kommt nicht ans Licht. Einiges an Verschulden wird bagatellisiert und ist hoffähig geworden (hat seine Akzeptanz in der Gesellschaft).
  • Die Schuld hat zwei Seiten: Aktives, bewusstes Unrecht tun, das heißt – ein Verbot missachten und das offensichtliche und bewusste Versäumen das Gute zu tun, das heißt ein Gebot nicht erfüllen (zum Beispiel unterlassene Hilfeleistung).
  • Will man eigenes Verschulden gegen erlittenes Unrecht aufrechnen (aufwiegen), käme man nie zu einem befriedigenden Ausgleichs-Ergebnis.
  • In der bürgerlichen Gesetzgebung (die teilweise dem Gesetz Moses entnommen ist) liegt der Gedanke der Vergeltung (der Höhe der Schuld entsprechender Ausgleich) zu Grunde (Zurückzahlen, Wiedererstatten oder büßen, abbüßen durch Entzug der Freiheit). Dies trägt zur Eindämmung der Ungerechtigkeit bei. Doch dadurch wird das eigentliche Problem im Herzen eines Menschen keineswegs gelöst.

Da kommt das Prinzip der Vergebung zu Hilfe. Das deutsche Wort `Vergebung` hat grundsätzlich etwas mit Schulden-Tilgung zu tun. Das altgriechische Substantiv dafür ist `ἄφεσις – afesis` und meint `Erlassung, Tilgung, Löschung von Schuld(en) (Mt 6,12; 18,23-35; Eph 1,7). Der größte Schuldentilger ist Gott selbst. Auf der einen Seite ist er als der Gerechte Gott sogar verpflichtet, den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen, auf der anderen Seite hat er aus Liebe und Erbarmen dem Menschen dessen Schuld(en) auf seinen Sohn gelegt und Jesus war bereit diese Lasten auf sich zu nehmen (Jes 53,5-6: „Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“) Dieser Entschluss und diese Tat kostete ihm sein physisches Leben durch Kreuzigung (das ist die Botschaft von der Krippe und dem Kreuz zugleich). Auf diese Weise bleibt Gott gerecht (Jesus trägt die Schuld und Strafe für alle Vergehen der Menschen) und Er hat legalen (also juristischen Grund) um dem verschuldeten Menschen Gnade vor Recht ergehen zu lassen, also seine Schuld zu tilgen. Er verbürgte sich bereits vor dem Kommen des Christus/Retters und Erlösers und lies durch den Propheten Jeremia sagen:

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. (Jer 31,31-33; vgl. auch Matthäus 26,26-28; Hebräer 10,16-18).

 

Was er im Abendmahl (Brot und Kelch) vorgebildet hatte, wurde wenige Stunden danach durch die Hingabe seines Lebens als Opferlamm rechtskräftig und wirksam (so wie es auch in der menschlichen Praxis ist – das Erbdokument, der Nachlass tritt erst mit dem Tod des Erbstifters in Kraft).

Die Qualität der Vergebung von Gott ist auch darin zu erkennen, dass er an die durch ihn getilgte Schuld nicht mehr denken wird.

 

Drei Abschlussgedanken:

  1. Jeder Mensch der sich benachteiligt weiss, hat das Recht, sein Recht zu suchen, dafür unablässig zu Gott zu rufen und die entsprechenden Personen oder Instanzen anzurufen.
  2. Jeder Mensch sollte seine inneren, oft tief verborgenen Motive, Beweggründe und Ziele die er verfolgt, sorgfältig prüfen. „Nicht jeder Zweck heiligt die Mittel“, welche Menschen bei der Suche nach ihrem Recht anwenden.
  3. Wo immer ein Mensch aus Gnade Vergebung übt (auch zu seinem eigenen Nachteil Schulden erlässt) handelt er Gott-ähnlich, er fängt an, Gott in seiner Art zu erkennen. Er befreit andere und bekommt tiefen Frieden in sein Herz, seine Seele. Jemandem, dessen Schuld hinterhertragen ist auch nicht leicht, es raubt Kraft und Energie, die an anderer Stelle sehr gut oder besser eingesetzt werden könnte.

 

Fragen / Aufgaben:

 

  1. Wann und in welchem Lebensbereich wurde dir dein Recht versagt und wie empfandest du dabei?
  2. Wo hast du dein Recht gesucht und auch bekommen? Was war da deine Reaktion?
  3. Wie gehst du damit um, wenn dir Unrecht zugefügt wird, du verletzt wirst? Was für Erfahrungen hast du mit dem Vergeben gemacht?
  4. Wie viel und wie oft meinst du, wurde dir vergeben?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Audio-Predigten zu diesem und weiteren Themen finden sie auf der Homepage: „http://gego-buechenbronn.de/ und auf der Homepage: http://gottesgeheimnis.net/

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Darf ein Christ zürnen?

Darf ein Christ zürnen?

 

Abbildung 1 Ein Zornesausbruch gleicht „wilden Wellen des Meeres, die ihre eigene Schande ausschäumen.“ – Judas 1,13b (Foto am 5. Februar 2007 Agia Napa Südzypern).

 Ist Zornesausbruch Sünde?

 

Im „Meyers Neues Lexikon“ finden wir folgende Definition des Wortes `Zorn`:

„Zorn, leidenschaftlicher und heftiger Unwille über etwas, das als Unrecht empfunden wird oder den eigenen Intentionen und Wünschen zuwiderläuft. Zorn äußert sich in Miene, Wort oder Handlung und richtet sich meist gegen eine bestimmte Person.“

 

Nun, die Frage, ist Zornesausbruch Sünde oder darf ein Christ zürnen, stellt sich für einige Christen aufgrund von zwei Aussagen des Neuen Testamentes.

Erstens: Wenn Jesus zornig wurde und durfte, warum nicht auch seine Nachfolger, denn er ist ja  ihr Vorbild im Verhalten? Bei dieser Argumentation versucht man den Zorn zu qualifizieren – man spricht vom göttlichen oder heiligen Zorn. Dabei ist es sehr bedenklich, das ein Mensch (Christ) sich anmaßt göttlich oder heilig zürnen zu können. Oft wird das Zornesverhalten von Jesus mit der Tempelreinigung in Verbindung gebracht (Joh 2,13ff). Doch dort wird nicht von Jesu Zorn, sondern seinem Eifer (gr. ζήλος – z¢los) um das Haus seines Vaters gesprochen. Und dies ist ein anderer Begriff und wird von den neutestamentlichen Autoren nicht nur in negativem, sondern auch in positivem Sinne verwendet. So sagt Paulus: „Ich eifere um euch (Korinther)  mit göttlichem Eifer (ζήλος – z¢los).“ (2Kor 11,2).

Steht irgendwo in den Schriften des Neuen Testamentes in Bezug auf einen Menschen geschrieben: „Ich zürne dir mit göttlichem Zorn?“ Nein, natürlich nicht. In Markus 3,5 heißt es allerdings von Jesus im Zusammenhang der Heilung der verdorrten Hand eines Mannes am Sabbat: „Und er sah sie (seine Gegner) an mit Zorn (gr. οργής – org¢s).“ Jesus ist also heftig unwillig geworden über seine Gegner. Auch fügt der Evangelist Markus hinzu, dass Jesus sehr betrübt wurde über die Herzenshärte der Pharisäer. weil sie so hartnäckig an ihrer eigenen Überlieferung festhielten und dabei das schwerwiegendere im Gesetz (Barmherzigkeit und Nächstenliebe) sträflich übergingen. Zorn und Traurigkeit stand Jesus im Gesicht. Die Vergeltung, das Gericht an seinen Gegnern übte er jedoch nicht aus. Er wandte sich dem Kranken Menschen zu. Kein einziges Mal hatte Jesus in seinem Menschsein seinen Zorn als `Vergeltungsmaßnahme`, als `Rache` angewendet.

Doch in Offenbarung 6,16 lesen wir über ihn: „Und sie (die Gottlosen) sagen zu den Bergen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem, der auf dem Thron sitzt und vor dem Zorn (gr. οργής – org¢s) des Lammes (das ist Jesus Christus).“ Jesus, als Menschen,- und Gottessohn hat von seinem Vater die Vollmacht übertragen bekommen zu richten (Joh 5,22) und daher auch das Recht und die Fähigkeit gerecht, heilig und göttlich zu zürnen, das heißt zu Vergelten.

Bibelstellenverzeichnis, die den legitimen Zorn Gottes (sein Vergeltungsrecht) hervorheben: Joh 3,36;  Röm 1,18;  Eph 5,6; Kol 3,6;  1Thess 1,10; 2Thess 2,16; Hebr 3,11 u.a.m.

 

Zweitens:  Die zweite Aussage, welche zu Missverständnissen geführt hat, finden wir in Epheser 4,26,- im griechischen steht dort: „ὀργίζεσθε καὶ μὴ ἁμαρτάνετε· ὁ ἥλιος μὴ ἐπιδυέτω ἐπὶ [τῷ] παροργισμῷ ὑμῶν.“ Es gibt folgende Übersetzungsvarianten:

Elbf: „Zürnet und sündiget (dabei) nicht!  Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn.“ Das in Klammern gesetzte (dabei) ist eine grammatische Hinzufügung und verleit der Übersetzung einen bestimmten Akzent. Es steht jedoch so nicht im griechischen Text.

LÜ 84 und Interlinear: „Zürnet und sündiget nicht.“ Diese beiden Übersetzungen sind gleich und auch eindeutig. `zürnen` kann mit `sündigen` gleichgesetzt werden. Beides soll man nicht tun. Doch der zweite Teil der Aussage: „Lasset die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“, macht deutlich, dass Zorn im Verhalten des Christen vorkommen kann. In diesem Fall drängt der Apostel Paulus darauf, ihn so bald wie möglich abzulegen. Ich denke, dass sich diese Aussage des Apostels Paulus eher als Warnung anhört. Sie bietet keinen Grund für die Rechtfertigung des zornigen Verhaltens eines Christen. Daher ist die zweite Hälfte des Verses eher ein praktischer Hinweis für den Fall, dass man dem Zorn, also dem Vergeltungsdrang Raum gegeben hat. Nach der Bewertung von Jesus ist es bereits dann Sünde, wenn man in Gedanken seines Herzens einer Tat zugestimmt hat (Mt 5,28; 15,19). Hier ist Kontrolle und Selbstbeherrschung der emotionalen Regungen gefragt.

 

Um jedoch mehr Sicherheit für das Verstehen dieser Aussage zu bekommen, wollen wir noch  andere Bibelstellen als Belege heranziehen.

  • Im gleichen Kapitel des Epheserbriefes (4, 31) schreibt Paulus: „Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn (οργής – org¢s) sei  ferne (weggenommen) von euch, samt aller Bosheit.“ Das „alle“ oder „jede“ macht doch deutlich, das jede Art oder Umfang von diesen genannten Dingen gemieden, bzw. nicht zugelassen werden sollen, eingeschlossen der Zorn.
  • In Kolosser 3,8 schreibt Paulus: „Nun aber legt alles von euch ab: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung, unanständige Rede“. Wenn schon unanständige Rede Sünde ist, wie viel mehr der Zorn oder Zornesausbrüche, die in der Regel von bösen, verletzenden Worten begleitet werden und die von Vergeltung, Rache nehmen, motiviert sind.
  • Im Zusammenhang der Empfehlungen an Eltern sagt der Apostel in Epheser 6,4: „Macht eure Kinder nicht zornig, sondern erzieht sie in der Furcht und Ermahnung des Herrn.“ Oder: „reizt eure Kinder nicht zum Zorn“. Unangemessene Erziehungsmethoden bewirken in den Kindern Rachegefühle und wenn sie diese wegen ihrer Schwachheit an den ihnen überlegenen Vätern nicht ausüben können, wenden sie diese Vergeltungsreaktionen an Schwächeren an. In diesem Bereich versündigen sich Eltern an ihren Kindern und stehen in der Verantwortung ihre Schuld einzusehen und den Kindern zu helfen mit ihren Emotionen sorgfältig umzugehen.
  • Jakobus schreibt in seinem Brief  (1,19-20): „(…) Jeder Mensch aber sei langsam zum Reden und langsam zum Zorn, denn der Zorn eines Mannes (eines Menschen) bewirkt vor Gott keine Gerechtigkeit.“ Niemand kann also sein Zornesverhalten vor Gott rechtfertigen, denn in Römer 12,19 warnt Paulus: „Rächt euch selber nicht, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn (Gottes). Denn es steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr.“ Hier wird eindeutig der zentrale Inhalt des Zornes beschrieben, nämlich: Vergeltung im Sinne der Rache. Dies , so der Apostel, steht nur Gott zu und er stützt sich dabei auf Gottes Aussage in 5Mose 32,35; ebenso Hebr 10,30). Die Geschichte über die Rachegedanken und Worte von David in 1Samuel 25,2-39, der fest entschlossen war sich an dem boshaften und geizigen Nabal zu rächen, ist eine deutliche Mahnung an die Christen. Eine sehr eindrückliche Episode aus dem Neuen Testament erhellt unser Thema und gibt Antwort auf unsere Fragestellung. Es ist die Reaktion der zwei Jünger – Jakobus und Johannes, welche wegen der ablehnenden Haltung der Samariter zu Jesus, bereit gewesen wären an diesen Dorfbewohnern grausame Vergeltung zu üben. Der Evangelist Lukas schreibt: „Und er sandte Boten vor sich her; die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, ihm Herberge zu bereiten. Und sie nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusalem zu wandern. Als aber das die Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre. Er aber wandte sich um und bedrohte sie. Und sie gingen in ein anderes Dorf.“ (Lk 9,52-56). Jesus selbst ließ sich nicht provozieren, als der Diener des Hohenpriesters Hannas ihn ins Gesicht schlug. Er ließ aber diese ungerechte Handlung nicht unbeantwortet, sondern redete dem Mann ins Gewissen. Der Evangelist Johannes schreibt: „Als er so redete, schlug einer von den Dienern, der dabeistand, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten? Jesus antwortete ihm: Habe ich übel geredet, so beweise, dass es übel ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich?“ (Joh 18,22-23). Dies ist eine angemessene Reaktion auf zugefügtes Unrecht.  Was Jesus lebte, das lehrte er auch. „Ihr habt gehört, daß den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten. Wer aber tötet, wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder zürnende seinem Bruder, wird dem Gericht verfallen sein.“ (Mt 5,21-22).

Durch diese klaren Aussagen des NT wird deutlich:

Der Zorn (Rache/Vergeltung in Gedanken, Worten und Taten)  gehört nicht zum Christsein.

 

Wenn also ein Christ das Zürnen aus seiner früheren Vergangenheit als sündhafte Gewohnheit noch nicht abgelegt hat, soll er durch die Erkenntnis der Schrift und durch die Kraft des Heiligen Geistes eine klare Entscheidung treffen, wenn nötig sogar vor Zeugen und ihn, den Zorn ablegen, sich davon absagen und dafür der Liebe Gottes Raum schaffen.

Wenn es bei einem Christen doch mal vorkommt, das er sich zu einem Zornesausbruch mit Vergeltungsreaktionen hinreißen läßt, soll er sich nach Epheser 4,26 so schnell wie möglich davon distanzieren, bzw. den angerichteten Schaden wieder gut machen, in dem er bei Gott und der betreffenden Person um Vergebung bittet.

Abbildung 2 Das ruhige Meer gleicht einem Menschen in dessen Herzen der Friede Gottes herrscht, es gleicht einem Menschen, dessen Herz in Gott ruht. Agia Napa auf Südzypern (Foto am 7. Januar 2006).

Das Vakuum muß mit anderen geistlichen Eigenschaften ausgefüllt werden. In 1Korinther 13 lesen wir: „Die Liebe rechnet das Böse nicht an.“

Die Liebe ist Langmütig, sie hat also langen Atem, sie äußert sich im geduldigen ertragen.

Aber die Liebe ist auch aktiv. Sie kann mehr, als nur ertragen. „Vergeltet nicht Böses mit Bösem, noch Scheltwort mit Scheltwort“. Wenn ich den, dem ich zürnen (vergelten) wollte, freundlich aber auch entschieden zurechtweise, ihm die Schuld nicht nachtrage, dann bleibe ich in der Liebe.

Die völlige Liebe Christi, als Frucht des Heiligen Geistes, schließt den Zorn als Racheaktion völlig aus.

„Eine Quelle kann nicht gleichzeitig süßes und salziges Wasser geben.“

Wer seinen nächsten, aber auch seinen Feind segnet, der hat den Zorn besiegt !

 

 

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Sieben Edelsteine für den Aufbau und das Gelingen einer Ehe

Sieben Edelsteine

für den Aufbau und das Gelingen einer Ehe

 

Abbildung 1 Kostbare Edelsteine faszinieren Menschen seit Jahrtausenden. Sie können ein Hinweis sein für die Vielfalt und Schönheit von geordneten Beziehungen in Ehe und Familie (Foto von W. S. am 30. Januar 2018).

Wenn eine Ehe im Rahmen des göttlichen Willens und Planes vorbereitet, begonnen und geführt wird, wird der Segen und das Wohlwollen Gottes darauf  ruhen. Dabei sollten bestimmte und sehr wichtige Prinzipien beachtet werden.

 

 

 

  1. Baustein: Einander annehmen

Alle Vorbehalte, sofern es welche gibt, sollten im Vorfeld der Eheschließung ausgeräumt

werden. „JA, ich will“, mit diesem Gelöbnis beziehen Ehepartner einander voll

und ganz in das eigene Leben ein.

  • Man ist nicht mehr allein,
  • Man entscheidet nicht mehr eigenständig, eigenmächtig  und eigenwillig.

Ab jetzt wird das Leben nicht einfach nur geteilt, sondern gemeinsam gestaltet.

Der Apostel Paulus schreibt an die Gläubigen in Rom folgendes: „Nehmt einander an, wie auch Christus euch angenommen hat zu Gottes Herrlichkeit.“ (Röm 15,7).  Christus gestaltet die neue Beziehung mit seiner Gemeinde – diese Herausforderung gilt auch für die Ehe zwischen Mann und Frau.

 

  1. Baustein: Bereitschaft zur Veränderung

Nicht die Veränderung des anderen, sondern `sich selbst verändern` heißt nun die Devise. Die Mühe und der Aufwand, den anderen zu verändern, lohnt nicht, es ist nur Vergeudung der Kräfte, die anderweitig besser eingesetzt werden können. Jede Veränderung beginnt zunächst im Denken.

Auch zu diesem Bereich schreibt der Apostel Paulus: „Verwandelt euch durch das erneuern eures Denkens.“ (Römer 12,2).

 

  1. Baustein: Schuld einander nicht anrechnen

Dies heißt nicht, dass Schuld zugedeckt werden soll, sondern nachdem sie aufgedeckt wurde, vergeben oder um Vergebung bitten. Eine regelmäßige Mühlentsorgung tut auch der Ehe gut. Dazu schreibt der Völkerapostel an die Epheser: „Seid aber zueinander freundlich, mitfühlend und begnadet einander, wie auch Gott euch in Christus begnadet hat.“ (Epheser 4,32). Schuldtilgung macht den frei, der die Schuld trägt und auch den, der die Schuld nachträgt.

 

  1. Baustein: Die Schwächen des Partners tragen/ertragen, die Stärken fördern

In der Natur des Menschen liegt es, auf die Schwächen anderer hinzuweisen und die eigenen Stärken hervorzuheben. Jedoch der umgekehrte Weg, den uns die Bibel aufzeigt, fördert beide Partner.

Dazu schreibt der Apostel Paulus an die Epheser: „Mit aller Demut und Sanftmut, mit Langmut, ertragt einer den andern in Liebe.“ (Epheser 4,2).

 

  1. Baustein: Einander helfen dle jeweilige Bestimmung zu finden

Dazu sollte man die Herkunft, die Lebensgeschichte, die Gaben und Fähigkeiten des Partners berücksichtigen.

Der Apostel Paulus, der die Ichbezogenheit des Menschen kannte, schrieb dazu: „Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern (auch) auf das, was dem andern dient.“ (Philipper 2,3-4).

 

  1. Baustein: Schutz gegen Einmischung und Eingriffe Dritter

Gott räumt der Ehe eine Autonomie, also eine Eigenständigkeit/Selstständigkeit ein. Werden die territorialen Grenzen einer Ehe von Dritten überschritten, kommt es unweigerlich zu Konflikten. Gott selbst sah es für gut an, dass die junge Ehe sich eigenstämdig entfalten soll, getrennt von den Eltern. „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden sein „ein“ Fleisch.“ (1Mose 2,24;  Matthäus 19,5; Epheser 5,31). Es hat ein klarer Wechsel der Beziehungen und auch der Verhältnisse stattgefunden: weg von den Eltern und hin zu dem Ehepartner.

 

  1. Baustein: Gute Freundschaften stabilisieren eine Ehebeziehung

Sinnvoll ist eine gute Mischung von Freundschaften:

  • Freunde, im gleichen Alter und mit gleichen Interessen, mit denen man etwas gemeinsames unternehmen kann – Freunde also auf Augenhöhe.
  • Freunde, die älter sind, erfahrener, weiser, klüger, bei denen man lernen kann.
  • Freunde, die nicht nur jünger sind, sondern auch ärmer, schwächer, die Hilfe und Vorbilder brauchen.

Johannes, der Apostel, hatte viele gute Freunde und er kennt ihre Namen. So schreibt er in seinem dritten Brief an Gajus: „Es grüßen dich die Freunde. Grüße die Freunde, jeden mit Namen.“ (3Joh 15). Natürlich benötigen gute und lange  Freundschaften der Pflege, doch diese Investitionen zahlen sich aus. Ein stabiles Netzwerk von Freunden ist wertvoller als viele materiellen Güter.

 

Für die Stabilität und gute Entwicklung einer Ehebeziehung

sind alle sieben edle Bausteine gleichsam wichtig !

 

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Hatte Jesus eine Familie?

Ausarbeitung von Paul Schüle 2914.10.30

Abbildung 1 Auf der Zeichnung sind alle in den Evangelien genannten Familienmitglieder von Josef und Maria zu sehen. Auch die Aufgabenteilung könnte dem Alltag der Familie sehr nahe kommen. In Matthäus13,55 sagen die Leute aus Nazaret verärgert über Jesus: „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns (Häusererbauers) Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakobus und Josef, Simon und Judas? Und seine Schwestern (mindestens zwei), sind sie nicht alle bei uns? (Zeichnung von J. Schüle am 6. Oktober 2018).

Vorwort

In der Literatur und den Filmen kursieren verschiedene Versionen über Jesus,

seinen familiären Stand und seine Nachkommen. Da diese Geschichten spektakulärer sind als die nüchternen Erzählungen der neutestamentlichen Autoren, werden sie schnell aufgenommen und weitererzählt. Natürlich hatte Jesus eine Familie in die er hineingeboren wurde und in der er aufgewachsen ist. Folgende Aufzeichnungen und Erklärungen der Evangelientexte sollen dem Hörer (Leser) helfen, sich ein eigenes und klareres Bild über Jesus und seine Familie zu machen.

 

Nach außen hin unterschied sich diese nicht allzu sehr von den normalen jüdischen Familien seiner Zeit. Auch rechtlich gesehen sind alle Erfordernisse des Gesetzes für diese Familie erfüllt. Trotzdem erkennt man da Spannungen in den innerfamiliären Beziehungen.

  • Eine Spannung zunächst zwischen Josef und Maria, welche sich erst durch das direkte Eingreifen Gottes löst.
  • Eine (vermutete) Spannung zwischen Josef und Jesus, doch er nahm diese Herausforderung und Verantwortung als Stiefvater an und kam damit  wohl gut zurecht.
  • Eine Spannung zwischen Maria und Jesus, weil die Mutter immer wieder bei ihrem Sohn Einfluss nehmen will. Erst unter dem Kreuz wird diese endgültig behoben oder gelöst.
  • Und nicht geringe Spannungen zwischen den Brüdern und Jesus, die sich erst nach seiner Auferstehung lösten.

Die failiären Beziehungen Jesu sind sehr vielschichtig und vielseitig. Wir wollen uns die Mühe machen und die Familie in der Jesus aufgewachsen ist näher kennenlernen.

 

Im griechischen wird für Familie das Wort `οικος – oikos – Haus` verwendet. Doch wird der Begriff Haus auch in weiterem Sinne gebraucht, wie zum Beispiel: `Haus David`, oder `Haus Israel`, oder `Haus Gottes`. Der Begriff `Haus` schloß oft auch das ganze Hausgesinde mit ein. Natürlich wird auch das von einer Familie bewohnte Gebäude `Haus` bezeichnet. So hatten die Eltern von Josef ein Haus in Betlehem und später hatte Josef selber ein Haus in Nazaret.

Josef stammte nicht nur aus Betlehem, er war ein Nachkomme aus dem Hause David, war also `Davidide (Lk 2,4). Die Stammbäume oder Ahnentafeln (auch Geschlechtsregister genannt) wurden damals sorgfältig überliefert, besonders bei denen, die, wie Josef, königliche Wurzeln hatten (Mt 1,1-17; Lk 3,23-38).

 

Maria seine Verlobte war Verwandte von Elisabeth, der Frau des Priesters Zacharias. Dieses Ehepaar waren nachweißlich aus dem Hause Aaron (Lk 1,5). Somit gibt es auch für Maria eine verwandschaftliche Beziehung zum Hause Aaron, weil sie eine Verwandte der Elisabeth ist (Lk 1,36). Doch der Stammbaum in Lukas lässt den Schluss zu, dass Maria väterlicherseits ebenfalls aus dem Hause Davids stammte, allerdings nicht über die königliche Linie des Salomo, sondern über Nathan, einen älteren leiblichen Bruder Salomos (Lk 3,23.31; 2Sam 5,14; 1Chr 3,5; Röm 1,1-2). Doch juristisch zählte die Linie des Mannes, also des Josef. Damit stammen beide aus angesehenen und hochgeachteten Familien.

 

Josef ist von Beruf Baumeister (Häuserbauer), die griechische Bezeichnung für den Beruf von Josef ist `Τεκτονος – Tektonos`, und findet in dem deutschen `Architekt` seine faktische Fortsetzung. Daher ist er nicht an die Landwirtschaft oder Viehzucht in Betlehem seinem Stammesgebiet gebunden und kann sich dort niederlassen, wo es ausreichend Bauauftäge gibt.

 

Die Residenzstadt des Herodes Antipas Sephoris, lag nur etwa 5 Kilometer von Nazaret entfernt, dort gab es genug Arbeit für fähige Bauarbeiter wie Josef.

 

Maria ist dem Josef verlobt und sie warten auf den geeigneten Termin für die Hochzeit. Beide werden von Gott überrascht, Maria wurde durch die Kraftwirkung Gottes und des Heiligen Geistes schwanger bevor Josef, ihr anvertrauter Mann sie heimholte, das heißt  heiratete (Mt 1,18;  Luk 1,35).

Nachdem sich aber bei Josef die Spannung, durch das Eingreifen Gottes in einem Traum gelegt hatte, holte er sie zu sich nach Hause.  Dabei hebt Matthäus hervor: „er erkannte sie nicht, d.h. er hatte mit Maria in der Zeit dieser ersten Schwangerschaft keinen geschlechtlichen Umgang  „bis sie einen Sohn geboren hatte und nannte seinen Namen Jesus“ (Mt 1,25). Beachten wir die zeitliche Begrenzung der Zurückhaltung von Josef. In Lukas 2,7 wird betont, daß Maria ihren Sohn den Erstgeborenen gebar, das heißt logischerweise; daß sie später noch Söhne bzw. weitere Kinder geboren hatte. Im Vergleich dazu wird Jesus der Einziggeborene des Vaters genannt. Für Maria ist Jesus nur der Erstgeborene, nicht der Einziggeborene. Es lohnt sich die Texte genauer zu lesen. Erst nach der Geburt Jesu hatten Josef und Maria Geschlechtsverkehr miteinander und aus diesen Beziehungen sind noch mindestens sechs Kinder gezeugt und geboren worden. Wenn wir die Texte so versteht, dann ist die Auffassung – Maria sei nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben – hinfällig.

 

Schon als Kind nahm Jesus zu an Weisheit Alter und Gnade bei Gott und den Menschen (Lk 2,52). Bei dem Passahbesuch in Jerusalem hatte Jesus sich als 12-jähriger sebstständig gemacht zum Leidwesen seiner Eltern (Lk 2,48). Doch auch diese Spannung löste sich auf, denn er unterordnete sich seinen Eltern. Bis zu seinem öffentlichen Auftreten ist uns aus den Evangelien nichts weiteres über die Familie berichtet worden.

 

In Johannes 2,12 lesen wir von Jesus: „Darnach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder, seine Jünger und blieben nicht lange dort.“ Hier in der Anfangszeit sind seine Familienangehörigen in seiner unmittelbaren Nähe. Doch nach der anfänglichen Euforie und möglicherweise auch etwas Stolz über ihren ältesten Bruder, kommt die Ernüchterung. Während er sich zu Hause in Nazaret in das familiäre Gefüge gut eingefügt hatte, beschreitet er nun einen Sonderweg und sein ganzes Verhalten wirkt auf sie ungewöhnlich, ja sogar anstößig. In Matthäus 12,46 wird berichtet, dass sich seine Brüder und seine Mutter in seine Tätigkeit einmischen wollen: „Da er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden“. Er ging ihnen zu weit, sie wollten ihn halten und wie Markus im Paralellbericht ergänzt sagten sie: „Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21). Auch hier wird die Spannung in der Beziehung der Brüder zu Jesus sehr deutlich herausgestellt. In Johannes.7,3 mischen sich die noch ungläubigen und auch unzufriedenen Brüder Jesu in seine Pläne ein: „Da sprachen seine Brüder zu ihm: zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger sehen was du tust. Niemand tut etwas im Verborgenen und will doch öffentlich (anerkannt) werden.“ Doch Jesus handelt nur nach der Anweisung seines himmlischen Vaters, nicht weil er seine Brüder durch sein Verhalten ärgern will.

Erst nach der Auferstehung glaubten seine Brüder an ihn, als den Christus, wie der Vergleich von Joh 7,5 mit Apg 1,14 und 1Kor 15,7 deutlich machen: „Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern“ (Apg 1,14). Es liegt nahe, dass der Jakobusbrief und der Judasbrief von den zwei Brüdern (bzw. Halbbrüdern) Jesu geschrieben wurden (Jak 1,1; Judas 1).  In Apostelgeschichte 15,13 und Galater 2,9 ist aller Wahrscheinlichkeit nach  Jakobus der Bruder Jesu gemeint, denn Jakobus, der Jünger Jesu und Bruder des Johannes lebte zu dieser Zeit nicht mehr, er starb den Märtyrertod bereits um das Jahr 44 n. Chr. (Apg 12,2).

 

In Matthäus13,55 sagen die Leute aus Nazaret verärgert über Jesus:  „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns (Baumeisters) Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakobus und Josef, Simon und Judas? Und seine Schwestern (mindestens zwei), sind sie nicht alle bei uns? Und sie ärgerten sich über ihn.“ Für die Mitbewohner von Nazaret ist Jesus in der Zeit vor seinem öffentlichem Auftreten nicht sonderlich aufgefallen. Er war einer unter seinen Geschwistern.

Die Auffassung, wonach die oben genannten Brüder und Schwestern von Jesus aus einer früheren Ehe des Josef stammten, entbehrt jeder biblischen Belege und scheint genauso unlogisch, ja sinnlos zu sein. Maria war Jungfrau, aber nach der Geburt ihres erstgeborenen Sohnes Jesus pflegte sie ein normales eheliches Leben mit Josef und gebar noch mindestens weitere sechs Kinder.

In 1Korinther 9,5 spricht Paulus von den  „Brüdern des Herrn“ und zwar, daß sie verheiratet waren, dort lesen wir: „Haben wir nicht auch das Recht, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen wie die andern Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?“

 

Nirgendwo wird auch nur angedeutet, dass Jesus selbst eine Familie gründete. Er unterhielt sich zwar oft auch mit Frauen, doch blieb er dabei unbefangen und zurückhaltend. Filmszenen, in denen gezeigt wird, wie Jesus nach seiner Auferstehung Maria Magdalena in die Arme schließt, ist ein Fantasieprodukt von Menschen. In den Texten der Evangelien wird das Verhalten von Jesus gegenüber Maria ganz anders beschrieben: „Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh 20,17). Von einer Umarmung oder in die Arme schließen der Maria aus Magdala ist im Text gar keine Rede.

Daß Josef der Mann von Maria später nicht mehr erwähnt wird hängt möglicherweise damit zusammen, daß er zur Zeit der Wirksamkeit Jesu nicht mehr lebte.

 

Die Bezeichnung `Bruder` unter den Israeliten (aber auch allgemein im Orient) hat natürlich auch allgemeine Bedeutung, wie die Stellen aus Apg 13,38;  Apg 23,5 nahelegen.

Die Bezeichnung `Brüder` unter den Christen hat ihren tiefen Grund in der geistlichen Geschwisterbeziehung zu einander durch den Glauben an Jesus (Mt 12,48-50). In dieser geistlichen Dimension der neuen Familie Gottes lebte Jesus, so lesen wir von seiner Reaktion auf die Anmeldung der Familienangehörigen: „Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?  Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,48-50).

Jesus verlor also keinen Gedanken und unternahm nichts zur Gründung einer Familiendynastie. Sein ganzes Bestreben galt der Errichtung des Reiches Gottes in dem die neue geistliche Familie Gottes aufgebaut wird.

Doch dort wo es um leibliche Bruderschaft geht, wird die verwandtschaftliche Beziehung deutlich herausgestellt, auch oft durch eine Zuordnung. so achte man auf die Betonung:

„Er, seine Mutter und seine Brüder“ (Joh 2,13);

„seine Brüder“ Joh 7,5;

„mit seinen Brüdern“ (Apg 1,14);

die „Brüder des Herrn“ 1Kor 9,5.

In der Tat wird uns hier eine einmalige Familienzusammensetzung vorgestellt, wie es sie bis dahin noch nicht gab. Doch können wir viel daraus lernen:

  • Was den Umgang der Eheleute untereinander betrifft, eine gute Partnerschaft.
  • Die Verantwortung des Ehemannes für seine Frau.
  • Die Verantwortung für seine Kinder.
  • Zusammenarbeit bei der Verwirklichung des Planes Gottes.
  • Auch die Geduld von Jesus und behutsamer Umgang mit seiner Mutter und seinen Geschwistern, der sich durch klare aber doch liebevolle Korrekturen auszeichnete.

Glückselig, wer zu diesem Haus (Familie) Gottes gehört, in dem Jesus der Erstgeborene ist !

In der Literatur und den Filmen kursieren verschiedene Versionen über Jesus,

seinen familiären Stand und seine Nachkommen. Da diese Geschichten spektakulärer sind als die nüchternen Erzählungen der neutestamentlichen Autoren, werden sie schnell aufgenommen und weitererzählt. Natürlich hatte Jesus eine Familie in die er hineingeboren wurde und in der er aufgewachsen ist. Folgende Aufzeichnungen und Erklärungen der Evangelientexte sollen dem Hörer (Leser) helfen, sich ein eigenes und klareres Bild über Jesus und seine Familie zu machen.

 

Nach außen hin unterschied sich diese nicht allzu sehr von den normalen jüdischen Familien seiner Zeit. Auch rechtlich gesehen sind alle Erfordernisse des Gesetzes für diese Familie erfüllt. Trotzdem erkennt man da Spannungen in den innerfamiliären Beziehungen.

  • Eine Spannung zunächst zwischen Josef und Maria, welche sich erst durch das direkte Eingreifen Gottes löst.
  • Eine (vermutete) Spannung zwischen Josef und Jesus, doch er nahm diese Herausforderung und Verantwortung als Stiefvater an und kam damit  wohl gut zurecht.
  • Eine Spannung zwischen Maria und Jesus, weil die Mutter immer wieder bei ihrem Sohn Einfluss nehmen will. Erst unter dem Kreuz wird diese endgültig behoben oder gelöst.
  • Und nicht geringe Spannungen zwischen den Brüdern und Jesus, die sich erst nach seiner Auferstehung lösten.

Die failiären Beziehungen Jesu sind sehr vielschichtig und vielseitig. Wir wollen uns die Mühe machen und die Familie in der Jesus aufgewachsen ist näher kennenlernen.

 

Im griechischen wird für Familie das Wort `οικος – oikos – Haus` verwendet. Doch wird der Begriff Haus auch in weiterem Sinne gebraucht, wie zum Beispiel: `Haus David`, oder `Haus Israel`, oder `Haus Gottes`. Der Begriff `Haus` schloß oft auch das ganze Hausgesinde mit ein. Natürlich wird auch das von einer Familie bewohnte Gebäude `Haus` bezeichnet. So hatten die Eltern von Josef ein Haus in Betlehem und später hatte Josef selber ein Haus in Nazaret.

Josef stammte nicht nur aus Betlehem, er war ein Nachkomme aus dem Hause David, war also `Davidide (Lk 2,4). Die Stammbäume oder Ahnentafeln (auch Geschlechtsregister genannt) wurden damals sorgfältig überliefert, besonders bei denen, die, wie Josef, königliche Wurzeln hatten (Mt 1,1-17; Lk 3,23-38).

 

Maria seine Verlobte war Verwandte von Elisabeth, der Frau des Priesters Zacharias. Dieses Ehepaar waren nachweißlich aus dem Hause Aaron (Lk 1,5). Somit gibt es auch für Maria eine verwandschaftliche Beziehung zum Hause Aaron, weil sie eine Verwandte der Elisabeth ist (Lk 1,36). Doch der Stammbaum in Lukas lässt den Schluss zu, dass Maria väterlicherseits ebenfalls aus dem Hause Davids stammte, allerdings nicht über die königliche Linie des Salomo, sondern über Nathan, einen älteren leiblichen Bruder Salomos (Lk 3,23.31; 2Sam 5,14; 1Chr 3,5; Röm 1,1-2). Doch juristisch zählte die Linie des Mannes, also des Josef. Damit stammen beide aus angesehenen und hochgeachteten Familien.

 

Josef ist von Beruf Baumeister (Häuserbauer), die griechische Bezeichnung für den Beruf von Josef ist `Τεκτονος – Tektonos`, und findet in dem deutschen `Architekt` seine faktische Fortsetzung. Daher ist er nicht an die Landwirtschaft oder Viehzucht in Betlehem seinem Stammesgebiet gebunden und kann sich dort niederlassen, wo es ausreichend Bauauftäge gibt.

 

Die Residenzstadt des Herodes Antipas Sephoris, lag nur etwa 5 Kilometer von Nazaret entfernt, dort gab es genug Arbeit für fähige Bauarbeiter wie Josef.

 

Maria ist dem Josef verlobt und sie warten auf den geeigneten Termin für die Hochzeit. Beide werden von Gott überrascht, Maria wurde durch die Kraftwirkung Gottes und des Heiligen Geistes schwanger bevor Josef, ihr anvertrauter Mann sie heimholte, das heißt  heiratete (Mt 1,18;  Luk 1,35).

Nachdem sich aber bei Josef die Spannung, durch das Eingreifen Gottes in einem Traum gelegt hatte, holte er sie zu sich nach Hause.  Dabei hebt Matthäus hervor: „er erkannte sie nicht, d.h. er hatte mit Maria in der Zeit dieser ersten Schwangerschaft keinen geschlechtlichen Umgang  „bis sie einen Sohn geboren hatte und nannte seinen Namen Jesus“ (Mt 1,25). Beachten wir die zeitliche Begrenzung der Zurückhaltung von Josef. In Lukas 2,7 wird betont, daß Maria ihren Sohn den Erstgeborenen gebar, das heißt logischerweise; daß sie später noch Söhne bzw. weitere Kinder geboren hatte. Im Vergleich dazu wird Jesus der Einziggeborene des Vaters genannt. Für Maria ist Jesus nur der Erstgeborene, nicht der Einziggeborene. Es lohnt sich die Texte genauer zu lesen. Erst nach der Geburt Jesu hatten Josef und Maria Geschlechtsverkehr miteinander und aus diesen Beziehungen sind noch mindestens sechs Kinder gezeugt und geboren worden. Wenn wir die Texte so versteht, dann ist die Auffassung – Maria sei nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben – hinfällig.

 

Schon als Kind nahm Jesus zu an Weisheit Alter und Gnade bei Gott und den Menschen (Lk 2,52). Bei dem Passahbesuch in Jerusalem hatte Jesus sich als 12-jähriger sebstständig gemacht zum Leidwesen seiner Eltern (Lk 2,48). Doch auch diese Spannung löste sich auf, denn er unterordnete sich seinen Eltern. Bis zu seinem öffentlichen Auftreten ist uns aus den Evangelien nichts weiteres über die Familie berichtet worden.

 

In Johannes 2,12 lesen wir von Jesus: „Darnach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder, seine Jünger und blieben nicht lange dort.“ Hier in der Anfangszeit sind seine Familienangehörigen in seiner unmittelbaren Nähe. Doch nach der anfänglichen Euforie und möglicherweise auch etwas Stolz über ihren ältesten Bruder, kommt die Ernüchterung. Während er sich zu Hause in Nazaret in das familiäre Gefüge gut eingefügt hatte, beschreitet er nun einen Sonderweg und sein ganzes Verhalten wirkt auf sie ungewöhnlich, ja sogar anstößig. In Matthäus 12,46 wird berichtet, dass sich seine Brüder und seine Mutter in seine Tätigkeit einmischen wollen: „Da er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden“. Er ging ihnen zu weit, sie wollten ihn halten und wie Markus im Paralellbericht ergänzt sagten sie: „Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21). Auch hier wird die Spannung in der Beziehung der Brüder zu Jesus sehr deutlich herausgestellt. In Johannes.7,3 mischen sich die noch ungläubigen und auch unzufriedenen Brüder Jesu in seine Pläne ein: „Da sprachen seine Brüder zu ihm: zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger sehen was du tust. Niemand tut etwas im Verborgenen und will doch öffentlich (anerkannt) werden.“ Doch Jesus handelt nur nach der Anweisung seines himmlischen Vaters, nicht weil er seine Brüder durch sein Verhalten ärgern will.

Erst nach der Auferstehung glaubten seine Brüder an ihn, als den Christus, wie der Vergleich von Joh 7,5 mit Apg 1,14 und 1Kor 15,7 deutlich machen: „Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern“ (Apg 1,14). Es liegt nahe, dass der Jakobusbrief und der Judasbrief von den zwei Brüdern (bzw. Halbbrüdern) Jesu geschrieben wurden (Jak 1,1; Judas 1).  In Apostelgeschichte 15,13 und Galater 2,9 ist aller Wahrscheinlichkeit nach  Jakobus der Bruder Jesu gemeint, denn Jakobus, der Jünger Jesu und Bruder des Johannes lebte zu dieser Zeit nicht mehr, er starb den Märtyrertod bereits um das Jahr 44 n. Chr. (Apg 12,2).

 

In Matthäus13,55 sagen die Leute aus Nazaret verärgert über Jesus:  „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns (Baumeisters) Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakobus und Josef, Simon und Judas? Und seine Schwestern (mindestens zwei), sind sie nicht alle bei uns? Und sie ärgerten sich über ihn.“ Für die Mitbewohner von Nazaret ist Jesus in der Zeit vor seinem öffentlichem Auftreten nicht sonderlich aufgefallen. Er war einer unter seinen Geschwistern.

Die Auffassung, wonach die oben genannten Brüder und Schwestern von Jesus aus einer früheren Ehe des Josef stammten, entbehrt jeder biblischen Belege und scheint genauso unlogisch, ja sinnlos zu sein. Maria war Jungfrau, aber nach der Geburt ihres erstgeborenen Sohnes Jesus pflegte sie ein normales eheliches Leben mit Josef und gebar noch mindestens weitere sechs Kinder.

In 1Korinther 9,5 spricht Paulus von den  „Brüdern des Herrn“ und zwar, daß sie verheiratet waren, dort lesen wir: „Haben wir nicht auch das Recht, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen wie die andern Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?“

 

Nirgendwo wird auch nur angedeutet, dass Jesus selbst eine Familie gründete. Er unterhielt sich zwar oft auch mit Frauen, doch blieb er dabei unbefangen und zurückhaltend. Filmszenen, in denen gezeigt wird, wie Jesus nach seiner Auferstehung Maria Magdalena in die Arme schließt, ist ein Fantasieprodukt von Menschen. In den Texten der Evangelien wird das Verhalten von Jesus gegenüber Maria ganz anders beschrieben: „Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ (Joh 20,17). Von einer Umarmung oder in die Arme schließen der Maria aus Magdala ist im Text gar keine Rede.

Daß Josef der Mann von Maria später nicht mehr erwähnt wird hängt möglicherweise damit zusammen, daß er zur Zeit der Wirksamkeit Jesu nicht mehr lebte.

 

Die Bezeichnung `Bruder` unter den Israeliten (aber auch allgemein im Orient) hat natürlich auch allgemeine Bedeutung, wie die Stellen aus Apg 13,38;  Apg 23,5 nahelegen.

Die Bezeichnung `Brüder` unter den Christen hat ihren tiefen Grund in der geistlichen Geschwisterbeziehung zu einander durch den Glauben an Jesus (Mt 12,48-50). In dieser geistlichen Dimension der neuen Familie Gottes lebte Jesus, so lesen wir von seiner Reaktion auf die Anmeldung der Familienangehörigen: „Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?  Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter“ (Mt 12,48-50).

Jesus verlor also keinen Gedanken und unternahm nichts zur Gründung einer Familiendynastie. Sein ganzes Bestreben galt der Errichtung des Reiches Gottes in dem die neue geistliche Familie Gottes aufgebaut wird.

Doch dort wo es um leibliche Bruderschaft geht, wird die verwandtschaftliche Beziehung deutlich herausgestellt, auch oft durch eine Zuordnung. so achte man auf die Betonung:

„Er, seine Mutter und seine Brüder“ (Joh 2,13);

„seine Brüder“ Joh 7,5;

„mit seinen Brüdern“ (Apg 1,14);

die „Brüder des Herrn“ 1Kor 9,5.

In der Tat wird uns hier eine einmalige Familienzusammensetzung vorgestellt, wie es sie bis dahin noch nicht gab. Doch können wir viel daraus lernen:

  • Was den Umgang der Eheleute untereinander betrifft, eine gute Partnerschaft.
  • Die Verantwortung des Ehemannes für seine Frau.
  • Die Verantwortung für seine Kinder.
  • Zusammenarbeit bei der Verwirklichung des Planes Gottes.
  • Auch die Geduld von Jesus und behutsamer Umgang mit seiner Mutter und seinen Geschwistern, der sich durch klare aber doch liebevolle Korrekturen auszeichnete.

Glückselig, wer zu diesem Haus (Familie) Gottes gehört, in dem Jesus der Erstgeborene ist !

In der Literatur und den Filmen kursieren verschiedene Versionen über Jesus, seinen familiären Stand und seine Nachkommen. Da diese Geschichten spektakulärer sind als die nüchternen Erzählungen der neutestamentlichen Autoren, werden sie schnell aufgenommen und weitererzählt.

Folgende Aufzeichnungen und Erklärungen der Evangelientexte sollen dem Leser helfen, sich ein eigenes und klares Bild über Jesus und seine Familie zu machen.

 

 

Einleitung

 

Natürlich hatte Jesus eine Familie, in die er hineingeboren wurde und in der er aufgewachsen ist. Nach außen hin unterscheidet sich diese nicht allzu sehr von den normalen jüdischen Familien seiner Zeit. Denn auch rechtlich gesehen sind alle Erfordernisse des Gesetzes für die Legalität dieser Familie erfüllt. Trotzdem erkennt man Spannungen in den innerfamiliären Beziehungen:

  • eine Spannung zwischen Josef und Maria, welche sich erst durch das Eingreifen Gottes löst;
  • eine (vermutete) Spannung zwischen Josef und Jesus, doch Josef nimmt die Herausforderung (Verantwortung als Stiefvater) an und kommt wohl gut damit zurecht;
  • eine Spannung zwischen Maria und Jesus, bei der die Mutter sich immer wieder in die Angelegenheiten ihres Sohnes einmischen will. Erst unter dem Kreuz wird diese Spannung endgültig behoben oder gelöst;
  • und nicht geringe Spannungen zwischen den Brüdern und Jesus, die sich erst nach seiner Auferstehung lösten.

 

Die familiären Beziehungen Jesu sind sehr vielschichtig oder vielseitig. Wir wollen uns die Mühe machen und die Familie in der Jesus aufgewachsen ist näher kennenlernen.

Abbildung 2 Bethlehem, die Stadt Davids aus der auch Josef stammt und in der auch Jesus geboren wurde. Blick von West nach Ost über die heutige Stadt unter dessen meist arabischen Bewohnern viele Christen sind (Fot Juli 1994).

Im Griechischen wird für Familie das Wort `οiκος – oikos – Haus` verwendet. Doch der Begriff `Haus` wird auch in weiterem Sinne gebraucht, wie zum Beispiel: `Haus David`, oder: `Haus Israel`, oder: `Haus Gottes`. Der Begriff `Haus` schließt nicht nur die Großfamilie, sondern meist auch das ganze Hausgesinde (Dienerschaft) mit ein. Natürlich wird auch das, von einer Familie bewohnte Gebäude als `Haus` bezeichnet. So hatten die Eltern von Josef ein Haus in Bethlehem und später hatte Josef selber ein Haus in Nazareth.

 

1. Die Herkunft von Josef

 

Josef stammt nicht nur aus Bethlehem, er ist ein Nachkomme aus dem Hause David, also ein `Davidide (Mt 1,20: „Josef, Sohn Davids,“; Lk 2,4: „Es ging aber auch Josef von Galiläa, aus der Stadt Nazareth, hinauf nach Judäa, in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, weil er aus dem Haus und Geschlecht Davids war“). Die Stammbäume oder Ahnentafeln (gr. γενεαλογίας – genealogias) wurden damals sorgfältig überliefert, besonders von denen, die wie Josef, königliche Wurzeln hatten (Mt 1,1-17). Der Evangelist Matthäus führt den Stammbaum Jesu von Abraham über den Stammvater Juda, dann über den König David und seinen Thronfolger Salomo bis Josef. Es ist die sogenannte Königslinie. Der unmittelbare Vater von Josef heißt Jakob (Mt 1,15b-16: „Mattan aber zeugte Jakob, Jakob aber zeugte Josef, den Mann Marias, von welcher Jesus geboren wurde, der Christus“). Der griechische Begriff `ἐγέννησεν – egennisen `, bedeutet in diesem Zusammenhang `er zeugte`. Es geht dabei um die physische Aktivität der Männer (Väter) und zwar nur bis Josef. An der Zeugung von Jesus hat Josef keinen Anteil.

 

2. Die Herkunft von Maria

 

Für Maria, die Verlobte von Josef, ist die Herkunft nicht so leicht auszumachen, da es für ihre Abstammung im Vergleich zu Josef, nur indirekte Hinweise gibt. Durch den Vergleich der Texte aus Lukas 1,5 mit 1,36 hat Maria einen verwandschaftlichen Bezug zum Hause Aaron, also zum Stamm Levi. Denn sie ist eine Verwandte (gr. συγγενίς – syngenis) von Elisabet, der Frau des Priesters Zacharias und die Beiden sind nachweislich aus dem Hause Aaron. Wahrscheinlich jedoch ist, dass der verwandschaftliche Bezug von Maria zum Hause Aaron nur durch ein Elternteil gegeben ist – eher durch die Mutter). Und könnte es sein, dass der Stammbaum bei Lukas die Linie ihres Vaters darstellt? Wir wollen dieser Frage nachgehen. Der Autor des Hebräerbriefes bestätigt die menschliche Herkunft von Jesus aus dem Stamm Juda, wenn er schreibt: „Denn es ist ja offenbar, dass unser Herr aus Juda hervorgegangen ist“ (Hebr 7,14). Und der Apostel Paulus engt die menschliche Herkunft von Jesus noch mehr ein, wenn er in Römer 1,3 schreibt: „der geworden ist (γενομένου – γenomenou) aus dem Samen Davids nach dem Fleisch“. Damit wird (wenn auch nur indirekt) auch die blutsmäßige Herkunft von Maria aus dem Hause Davids bestätigt. Ähnlich schreibt er auch über die menschliche Herkunft von Jesus in Galater 4,4: „γενόμενον ἐκ γυναικός – γenomenon ek gynaikos – geworden von/aus einer Frau“. Der Apostel Paulus gebraucht wohl bewusst das Verb `geworden` anstelle `geboren`, weil es umfassender das `Werden` des Menschensohnes in Maria beschreibt und somit wird (wenn auch nur indirekt) die Beteiligung eines Mannes ausgeschlossen.

In Lukas 3,23 lesen wir: „Und er selbst, Jesus, war ungefähr dreißig Jahre, als er anfing, und war Sohn, wie man dachte, Josefs, des Eli, des Mattat (…)“. Jesus wurde allgemein für einen Sohn Josefs gehalten (Joh 1,45; Lk 4,22), was rein formal-juristisch auch stimmte. Dieser klärende Einschub des Lukas, macht jedoch  auch deutlich, dass Jesus de facto nicht Sohn des Josef, sondern Sohn der Maria war (vgl. dazu auch Lk 1,31-33). Da man jedoch Frauen (Töchter) in die Stammeslinie nicht einzufügen pflegte, liegt es nahe, dass Lukas die Stammeslinie von Jesus zurück, nicht über Maria, sondern über Josef, den gesetzlichen Vater von Jesus, mit Eli verbindet und weiter zurück über Nathan, den leiblichen Bruder von Salomo bis David  und schließlich bis Adam zurückführt (1Chr 3,5; 14,4; Lk 3,23-36). So dass wir zum Ergebnis kommen, dass Maria auch aus dem Hause David stammte eben über die Stammeslinie ihres Vaters „Eli“.

Wir stellen fest, dass Lukas im Gegensatz zu Matthäus, den von ihm beschriebenen Stammbaum in umgekehrter Richtung aufschrieb. Er muss dabei nicht wie Matthäus formulieren: „Eli zeugte Josef (den Mann Marias)“, sondern nur: „der (Josef) des Eli, des Mattat (…)“. In der Regel wurde darunter auch die blutsmäßige Abstammung verstanden, doch bei der Formulierung des Lukas: „Jesus war, wie angenommen wurde, Sohn des Josef, des Eli, des Mattat“ wird der Moment der ausdrücklichen Zeugung vermieden und gibt Raum zu einer nicht Blutsmäßigen Zuordnung – von Josef (als Schwiegersohn) zum Vater der Maria (dem Eli). Auffallend ist auch, dass sich beide Stammeslinien um die Zeit nach der Babylonischen Gefangenschaft durch die Personen Schealtiel und Serubbabel kreuzen (Mt 1,12; Lk 3,27). Beide Linien liegen demnach eng beeinander und gehen auf David zurück.

Wir kommen daher zu dem Ergebnis, dass die Zuordnung der Lukanischen Stammesliste den Vorfahren der Maria, durch die oben genannten Textaussagen unterstützt wird. Somit war Jesus als `Mensch` leiblicher Sohn der Maria und gesetzlicher Sohn von Josef in jeder Hinsicht Nachkomme und Sohn Davids (Lk 1,31-33; Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30; 21,15).

ANMERKUNG: Es könnte auch die Situation bestanden haben, dass die Eltern von Maria (und ihrer Schwester Salome) keine Söhne gehabt haben, dann wäre die Anordnung für die Erbtöchter in Kraft getreten, wie es in 4Mose 36,1-13 beschrieben wird. In diesem Fall wäre es nahe liegend, dass Maria einen Mann aus ihrer nächsten Verwandtschaft heiratet. Diese mögliche Situation würde den oben angeführten Überlegungen nicht widersprechen. Pfarrer E. Moderson schildert ausführlich diese mögliche Situation in seinem Buch „Widersprüche in der Bibel?“ 1954, 26. Allerdings würden dadurch neue Fragen aufgeworfen und für deren Beantwortung gibt es in den Evangelientexten (außer Lk 2,4-5) keinerlei Hinweise. Wir wissen nur von Josef, dass er Erbrecht in Bethlehem hatte, was durch die Einschreibung in Listen, wegen der Ermittlung des Steuersolls durch die römischen Behörden bestätigt wird.

 

3. Josef heiratet Maria

 

Josef ist von Beruf Häuserbauer, gr. `τεκτόνος – tektonos`, daher ist er nicht an die Landwirtschaft oder Viehzucht in Bethlehem, seinem Stammesgebiet, gebunden und kann sich dort niederlassen, wo es ausreichend Bauaufträge gibt.

Abbildung 3 Überblick über die heutige Stadt Nazareth in Südgaliläa. Sie liegt ein wenig abseits der Hauptverkehrsstrassen. Die Landschaft ist hügelig und fruchtbar (Foto: April 1986).

 

Nazareth liegt nur acht Kilometer entfernt von der ehemaligen Residenzstadt des Vierfürsten Herodes Antipas – Sephoris. Maria ist mit Josef verlobt und sie warten auf den geeigneten Termin für die Hochzeit. Beide werden von Gott überrascht, Maria wird durch die Kraftwirkung des Heiligen Geistes schwanger, bevor Josef, ihr anvertrauter Mann, sie heimholt-heiratet (Mt 1,18; Lk 1,31-35).

Nachdem sich bei Josef die Spannung durch das Eingreifen Gottes in einem Traum, gelegt hat, holt er Maria zu sich nach Hause. Aber er erkannte sie nicht, d.h. er hatte mit Maria in der Zeit dieser ersten Schwangerschaft keinen geschlechtlichen Umgang (Mt 1,25) „bis sie einen Sohn geboren hatte und nannte seinen Namen Jesus“. Beachten wir die zeitliche Begrenzung der Zurückhaltung von Josef. In Lukas 2,7 wird betont, dass Maria ihren Sohn den Erstgeborenen gebiert, das heißt logischerweise; dass sie später noch Söhne bzw. weitere Kinder gebiert und zwar von Josef. Denn nach der Geburt Jesu hatten Josef und Maria ganz normalen geschlechtlichen Umgang miteinander und aus diesen Beziehungen sind noch mindestens sechs Kinder gezeugt und geboren worden. Wenn wir die Texte so verstehen, dann ist die Auffassung, Maria sei nach der Geburt Jesu Jungfrau geblieben, hinfällig.

 

4. Jesus im Kreis seiner Familie

 

Schon als Kind nimmt Jesus zu an Weisheit und Gnade bei Gott und den Menschen (Lk 2,52). Bei dem Passabesuch in Jerusalem macht Jesus sich als 12-jähriger zum Leidwesen seiner Eltern selbstständig (Lk 2,48). Doch auch diese Spannung löst sich auf, denn Jesus ordnet sich seinen Eltern unter und bis zu seinem öffentlichen Auftreten ist anzunehmen, dass Jesus wie auch Josef, den Beruf als Häuserbauer ausübte und dass er als Erstgeborener in der Familie besondere Verantwortung trug.

In Johannes 2,12 lesen wir von Jesus: „Danach zog er hinab nach Kapernaum, er, seine Mutter, seine Brüder, seine Jünger und blieben nicht lange dort.“ Hier in der Anfangszeit seines Wirkens sind seine Familienangehörigen in seiner unmittelbaren Nähe. Doch nach der anfänglichen Euphorie und möglicherweise auch etwas Stolz über ihren ältesten Bruder, kommt die Ernüchterung. Während er sich zu Hause in Nazareth in das familiäre Gefüge gut eingeordnet hatte, beschreitet er nun einen Sonderweg und sein ganzes Verhalten wirkt sich auf seine Familienangehörigen ungewöhnlich, ja sogar anstößig aus. In Matthäus 12,46 (Mk 3,20-21) wird berichtet, dass seine Brüder und seine Mutter sich in seine Tätigkeit einmischen: „Da er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden“. Er geht ihnen zu weit, sie wollen ihn halten und wie Markus im Parallelbericht ergänzt sagen sie: „Er ist von Sinnen“ (Mk 3,21). Auch hier wird die Spannung in der Beziehung der Brüder zu Jesus sehr deutlich dargestellt.

In Johannes.7,3 mischen sich die noch ungläubigen und auch unzufriedenen Brüder Jesu in seine Pläne ein: „Da sprachen seine Brüder zu ihm: zieh nach Judäa, damit auch deine Jünger sehen was du tust“. Doch Jesus handelt nur nach der Anweisung seines himmlischen Vaters, nicht weil er seine Brüder ärgern will. Erst nach der Auferstehung glaubten seine Brüder an ihn als den Christus, wie der Vergleich von Joh 7,5 mit Apg 1,14 und 1Kor 15,7 deutlich macht: „Diese alle waren stets beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern“ (Apg 1,14).

Es liegt nahe, dass der Jakobusbrief und der Judasbrief von den zwei Brüdern (Halbbrüdern) Jesu geschrieben wurden (Jak 1,1; Judas 1,1). In Apostelgeschichte 15,13 und Galater 2,9 ist aller Wahrscheinlichkeit nach Jakobus, der Bruder Jesu gemeint, denn Jakobus, der Jünger Jesu und Bruder des Johannes lebte zu dieser Zeit nicht mehr, er starb den Märtyrertod bereits um das Jahr 44 n. Chr. in Jerusalem (Apg 12,2).

Abbildung 4 Strassenbild im heutigen Nazareth. Dieser Ort wäre nie in die Weltgeschichte eingegangen, wenn nicht Jesus hier seine Kindheits- und Jugendjahre verbracht hätte (Foto: Juli 1994).

In Matthäus13,55 sagen die Leute aus Nazareth verärgert über Jesus: „Ist er nicht der Sohn des Zimmermanns (Häusererbauers) Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakobus und Josef, Simon und Judas? Und seine Schwestern (mindestens zwei), sind sie nicht alle bei uns? Und sie ärgerten sich über ihn.“ (vgl. auch Mk 6,3). Den Bewohnern Nazareths fällt Jesus in der Zeit vor seinem Auftreten nicht sonderlich auf. Er war einer unter seinen Geschwistern. Die Auffassung einiger Christen, wonach die oben genannten Brüder und Schwestern von Jesus aus einer früheren Ehe des Josef stammten, basiert auf keinen biblischen Belegen und scheint zudem unlogisch, ja sogar absurd zu sein.

In 1Korinther 9,5 spricht Paulus von den „Brüdern des Herrn“ und zwar, dass sie verheiratet waren: „Haben wir nicht auch das Recht, eine Schwester als Ehefrau mit uns zu führen wie die anderen Apostel und die Brüder des Herrn und Kephas?“

 

5. Jesus gründet die Familie Gottes

Nirgendwo wird auch nur angedeutet, dass Jesus selbst eine eigene Familie gegründet hätte. Im Bereich der Ehelosigkeit war Jesus nicht mal ein Sonderfall. Im Gegenteil, es gab vor und zur Zeit von Jesus einige Männer, die wegen besonderer Lebensaufgaben ehelos geblieben sind. Jesus selbst bestätigt, dass etliche sich freiwllig um des Reiches Gottes willen für die Ehelosigkeit entschieden haben (Mt 19,11-12). Seinen Zuhörern waren diese Personen bekannt. Der Prophet Elia und Elisa, sogar der Priestersohn Johannes der Täufer, ebenso einige Zeitgenossen aus der Gruppe der Essener (in Qumran) waren nicht verheiratet. Jesus ist zwar Baumeister in seinem Beruf, doch für sich baute er kein eigenes Haus. In Kapernaum wohnt er in der Regel bei seinen Verwandten (Jakobus und Johannes sind seine Cousins, weil Salome ihre Mutter die Schwester von Maria ist – Joh 19,25; Mk 15,40; 16,1), oder hält sich im Hause des Petrus auf (Mt 8,14). Er selber bezeugt, dass der Menschensohn im Vergleich zu den Füchsen und Vögeln nichts habe, worauf er sein Haupt hinlege (Mt 8,20; Lk 9,58). Er unterhält sich zwar oft auch mit Frauen, doch bleibt er dabei unbefangen. Zum Ende seines irdischen Lebens musste er nur die Fürsorge für Maria seine Mutter klären (Joh 19,25-27).

  • Nein, Jesus hatte keine natürliche Familie gegründet. Er kam in diese Welt wegen seiner Braut und zukünftigen Frau – der Gemeinde. Von Johannes dem Täufer wird Jesus als Bräutigam bezeichnet (Joh 3,29). Und Jesus scheut es nicht, sich selbst als Bräutigam zu bezeichnen (Mt 9,15). Die apostolische Sicht war eindeutig: Die Gemeinde bildet den Leib des Christus, bei dem er selbst das Haupt ist (Eph 5,22-32). Er, der Mitschöpfer und Stifter der natürlichen Ehe hier auf Erden, bewahrt sich auf für die himmlische (geistlichen) Hochzeit mit seiner Gemeinde: „Lasst uns freuen und fröhlich sein und ihm die Ehre geben; denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Frau hat sich bereitet.“ (Offb 19,7; 2Kor 11,2).
  • Jesus wird zwar dem Fleische nach von Maria als Menschensohn geboren, doch behält er den Status als Sohn Gottes auch in seinem Menschsein („ich bin Gottes Sohn“ Joh 10,36).
  • Durch ihn werden nur Kinder im göttlich-geistlichen Sinne geboren (Joh 1,12; 3,3-7; Eph 5,26; 1Joh 4,7; 1Petr 1,3.23   – Er ist das lebendig machende Wasser/Wort des Lebens). Hebr 2,13: »Siehe da, ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.«  (Jesaja 8,18). Sein ganzer Dienst weist auf einen besonderen Auftrag von Gott hin. Er wurde geboren, um stellvertretend für alle zu sterben und dadurch geistliche Nachkommen zu haben.

Auch nach seiner Auferstehung denkt, redet und handelt Jesus eindeutig im geistlichen Sinne des Reiches Gottes und bereitet seine Jünger und Jüngerinnen auf sein Hingehen zum Vater vor. Im Text des Johannesevangeliums wird diese Vorbereitung im Gespräch mit Maria aus Magdala wie folgt beschrieben: „Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater (…)“ (Joh 20,17). Der dort verwendete Begriff meint berühren (vgl. Mt 8,15; 9,20.29; 20,34). Das drückt aus, dass Maria Jesus berühren oder anfassen wollte. Aber Jesus verweigert ihr dies in dieser Situation. Nicht dass das Berühren seines auferstandenen Körpers generell nicht erlaubt wäre (Joh 20,27), aber jetzt nicht, sondern „gehe hin und sage es meinen Brüdern“. Bei einer weiteren Begegnung kurze Zeit danach gewährt er mehreren Frauen seine Füße zu umklammern: „Und sie gingen eilends weg vom Grab mit Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jüngern zu verkündigen. Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine Füße und fielen vor ihm nieder.“ (Mt 28,8-10).

Die Bezeichnung `Bruder` unter den Israeliten (aber auch allgemein im Orient) hat natürlich auch allgemeine Bedeutung, wie die Stellen aus Apostelgeschichte 13,38; 23,5 nahelegen.

Die Bezeichnung `Brüder` unter den Christen hat ihren tiefen Grund in der geistlichen Geschwisterbeziehung zu einander durch den Glauben an Jesus (Mt 12,48-50; Mk 3,35). In dieser geistlichen Dimension der neuen Familie Gottes denkt und lebt Jesus.

Abbildung 5 Das Nordufer des Sees Genezaret. Die griechisch-orthodoxe Kirche mit der roten Kuppel liegt auf dem Gelände von Kapernaum. Neben der Synagoge aus dem w. Jh. wurden auch zahlreiche Fundamente von Wohnhäusern freigelegt (Foto: Juli 1994).

Folgende Szene spielte sich in einem Haus in Kapernaum ab, als seine Familienangehörigen nach ihm fragten: „Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?  Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ (Mt 12,48-50). Jesus verliert also keinen Gedanken daran und unternimmt nichts zur Gründung einer Familiendynastie. Sein ganzes Bestreben gilt der Errichtung des Reiches Gottes, in dem die neue geistliche Familie Gottes aufgebaut wird. Damit stellt Jesus die Zugehörigkeit zur geistlichen Familie Gottes über die Zugehörigkeit zu einer natürlichen Familie, die nur eine vorübergehende Stiftung ist (Mk 12,25).

Doch dort, wo es um leibliche Bruderschaft geht, wird die verwandtschaftliche Beziehung deutlich herausgestellt, auch oft durch eine Zuordnung. man achte auf die Betonung:

  • „Er, seine Mutter und seine Brüder“ (Joh 2,13);
  • „seine Brüder“ (Joh 7,5);
  • „mit seinen Brüdern“ (Apg 1,14);
  • die „Brüder des Herrn“ (1Kor 9,5).

 

In der Tat wird uns hier eine einmalige Familienzusammensetzung vorgestellt, wie es sie bis dahin noch nicht gab. Doch wird können daraus viel lernen über:

  • den Umgang der Eheleute miteinander,
  • die Verantwortung des Ehemannes für seine Frau,
  • die Verantwortung der Eltern für ihre Kinder,
  • die Aufgabenteilung in der Familie,
  • die Geduld und den behutsamen Umgang der Kinder mit ihren älter werdenden Eltern,
  • die Zusammenarbeit bei der Verwirklichung des Planes Gottes.

 

Glückselig, wer zu diesem Haus (Familie) Gottes gehört, in dem Jesus der Erstgeborene ist!

Weitere Details zur Herkunft und der Familie von Jesus gibt es auf der Seite: http://gottesgeheimnis.net/2017/01/08/unterwegs-mit-jesus-kapitel-1-die-kindheit-von-jesus/

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Der Antichrist – wer ist das und wann kommt er?

Abbildung: Eine Schafherde weidet friedlich in einem umzäunten Olivenhain auf der Insel Thassos (Foto: 17. August 2011). Trotz der Schutzmaßnahmen lauern Gefahren für einzelne Schafe aber auch die ganze Herde. Auf sich allein gestellt oder unter der Aufsicht eines eigennützigen Hirten, wären die Schafe den Gefahren schutzlos ausgeliefert (Joh 10,12ff). Doch Jesus der Gute Hirte verspricht Schutz und Sicherheit (Joh 10,28-29).

Die Frage nach dem Antichristen ist bald zweitausend Jahre alt. Manche Christen sind der Meinung, dass er bald kommen oder erscheinen werde. Andere wiederum meinten in bestimmten führenden Persönlichkeiten der letzten Jahrhunderte den Antichristen erkannt zu haben – die Liste der genannten Kandidaten ist lang und unterstreicht das große Interesse an diesem Thema. Es ist nicht die Absicht, hier Namen zu nennen oder verschiedene Positionen einander gegenüberzustellen. Vielmehr geht es darum, die Texte für sich sprechen zu lassen und die Kriterien zu erkennen, anhand derer eine Prüfung der Geister vorgenommen werden kann. Wie in allen anderen Themenbereichen, machen wir uns auf die Suche nach Texten, die zu der Frage nach dem Antichristen Auskunft geben können.

Wenn der Antichrist im Zusammenhang der Ausbreitung des Reiches Gottes in dieser Welt so eine bedeutende Rolle einnimmt, dann müsste doch der, gegen den dieser auftritt, dazu einiges gesagt haben. Und in der Tat spricht Jesus oft und offen über dieses Thema. Die Begriffsbezeichnung `Antichrist` (gr. antichristos) ist eine Übertragung in die lateinischen und slawischen Sprachen und keine Übersetzung des Wortinhaltes. Während `Christos` Gesalbter bedeutet, kann die Vorsilbe `anti` mit `gegen`, oder auch `anstelle` übersetzt werden. Ein Antichrist ist daher jemand der sich gegen Christus stellt, auflehnt, oder es ist jemand, der sich an die Stelle Christi stellt oder setzt. Letzteres kann sich auf zweierlei Weise zeigen: Der sich direkt und offenkundig als der Christus ausgibt, oder der sich verdeckt, in einer Art schleichenden Entwicklung, den Platz, der allein Christus gebührt, einnimmt.

Jesus sagte voraus; „Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen.“ (Mt 24,5). Im gleichen Kapitel nennt Jesus einige Merkmale oder Verhaltensweisen und Auswirkungen der sogenannten Christusse, dazu sagt er: „Wenn dann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist der Christus!, oder: Da!, so sollt ihr’s nicht glauben. Denn es werden falsche Christusse (gr. pseudochristoi) und falsche Propheten (gr. pseudoprof¢tai) aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, sodass sie, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführten. Siehe, ich habe es euch vorausgesagt. Wenn sie also zu euch sagen werden: Siehe, er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, er ist drinnen im Haus!, so glaubt es nicht. Denn wie der Blitz ausgeht vom Osten  und leuchtet bis zum Westen (vom Aufgang bis zum Niedergang), so wird auch das Kommen des Menschensohns sein.“ (Mt 24,23-27).

Nach der Liste und Bewertung von Prof. Roger Liebi werden allein im jüdischen Kontext mehr als fünfzig Messiasse gezählt und keiner von ihnen ist in Bethlehem geboren. Die Gesamtzahl der Pseudochristusanwärter geht weltweit in die Tausende. Und jede von ihnen ist verführerisch und verderblich, denn immer gibt es Menschen, welche ihnen nachfolgen. Dabei sind die offensichtlichen Gegner Christi für die Gläubigen leicht zu erkennen. Schwieriger ist es, die `anstelle Christi` zu erkennen, da deren Wirkungsstrategie oft verdeckt ist und ihre Entwicklung sich schleichend unter den Gläubigen ausbreitet. Zu dieser Gruppe gehören die, von denen Jesus prophezeite: „Seht euch vor vor den falschen Propheten (gr. pseudoprof¢tai), die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.“ (Mt 7,15-16).

Das Erkennungsmerkmal ist nach seinen Worten: „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“. Da Jesus selbst die falschen Christusse und falsche Propheten in einem Atemzug nennt (Mt 24,5.23), ist zwischen diesen beiden Personengruppen eine große Ähnlichkeit. Die Taktiken und Methoden sind ähnlich und das Ziel ist das Gleiche, nämlich die Menschen zu verführen und die Gläubigen an Christus von der Wahrheit abzubringen.

Johannes, Jünger und Apostel des Herrn, der die Bezeichnung `Antichrist` ausdrücklich und mehrmals verwendet, schreibt nach etwa sechzigjährigem Bestehen der Gemeinde Christi: „Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen aufgetreten; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist. 19 Von uns sind sie ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber sie blieben nicht, damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind. Und ihr habt die Salbung von dem Heiligen und habt alle das Wissen.“ (1Joh 2,18-20).

Jahre vorher hörten die Gläubigen vom Auftreten des Antichristen. Nun war er da und zwar in vielfacher Ausführung. `Der Antichrist` (hier mit bestimmtem Artikel und in der Einzahl), ist demnach als Sammelbegriff für alle antichristlichen Geister zu verstehen, die sich in und durch bestimmte Personen manifestieren. Die Zeitangabe „die letzte Stunde“ (hier nicht mathematisch, sondern qualitativ) ist von Johannes aufgrund des Auftretens vieler Antichristen ermittelt worden. Diese `Stunde` deckt die gesamte Periode bis zur Wiederkunft Christi ab. Der Apostel betont weiter, dass diese `Viele` ursprünglich mit dabei waren. Weil sie jedoch die Gemeinde verlassen haben und nun zentrale Wahrheiten über die Person Jesu leugneten, war ein Hinweis, dass sie von Anfang an nicht wirklich dabei waren.

Und in den Versen 22-23 ergänzt Johannes: „Wer ist ein Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet. 23 Wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater.“ Hier wird der Antichrist als der Lügner bezeichnet. Der Vater und der Sohn sind eine göttliche Wesenseinheit (Joh 10,30-36). Doch niemand kommt zum Vater, außer durch den Sohn, so das Zeugnis des Vaters (Joh 14,6; Mt 17,5).

Und in 1Joh 4,1-3 ergänzt Johannes: „Ihr Lieben, glaubt nicht einem jeden Geist, sondern prüft die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten (gr. pseudoprof¢tai) ausgegangen in die Welt. Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: Ein jeder Geist, der bekennt, dass Jesus Christus in das Fleisch gekommen ist, der ist von Gott; und ein jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Antichrists, von dem ihr gehört habt, dass er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt. (1Joh 4,1-3). Zuerst kommt das Warnschild: „glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister“ (1Kor 12,10).

Der Kern der Irrlehre ist die Leugnung der Menschwerdung des Gottessohnes (lat. Inkarnation). Ergänzend dazu noch 2Joh 1,7: „Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht bekennen, dass Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Antichrist.“ Johannes bezeichnet den Antichristen als Verführer (gr. planos). Was sich für unsere Ohren als etwas planmäßiges, geordnetes anhört, bedeutet im Griechischen eindeutig irreführend, bzw. in die Irre Führender also Verführer. Merken wir wie Johannes auch die Verführer in der Mehrzahl unter dem Oberbegriff „der Verführer“ zusammenfasst. Dazu gebraucht er hier den Begriff Verführer und der Antichrist als Synonyme.

Folgendes wird durch diese Texte deutlich:

  • Auch bei Johannes sind Antichristen und `pseudo`, bzw. falsche Propheten wie auch bei Jesus in einem engen Zusammenhang genannt.
  • Geister wirken in und durch Menschen, dies trifft sowohl auf den Geist Gottes zu, wie auch auf alle und verschiedene böse Geister.
  • Die Gläubigen sind aufgefordert, aber auch befähigt, Geister, die durch Menschen wirken, durch Prüfung zu unterscheiden.
  • Der antichristliche Geist wird besonders deutlich an der Ablehnung des Christus erkannt und zwar, des Christus, der als Gottes Sohn ins Fleisch gekommen ist, also Mensch wurde. Dabei ist es gleich schwerwiegend, ob jemand dem Christus seine Göttlichkeit oder seine Menschlichkeit leugnet.
  • Auch jeder Geist, der Jesus Christus nicht bekennt, ist ebenfalls nicht von Gott, sondern gehört in die Kategorie des Antichrists- gegen Christus.
  • Nach den Worten des Johannes kommt der Antichrist nicht erst irgendwann in der Zukunft, die noch vor uns liegt. Das `er kommt` wurde bereits der ersten Gemeindegeneration gesagt. Doch schon zum Ende des 1. Jahrhunderts war der Antichrist (antichristliche Geist) in großem Umfang durch viele Menschen als falsche Propheten wirksam. Die Auseinandersetzungen im zweiten und dritten Jahrhundert endeten keineswegs mit dem Konzil von Nizäa im Jahre 325. Dieser Geist wirkt bis heute weltweit und wird endlich von Christus entmachtet werden. Doch auch die Gläubigen können ihn entlarven und ihm wirksam widerstehen.

Diese gottfeindliche und christusgegnerische Bewegung begann schon in der Zeit, als Jesus noch ein Kind war. „Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.“ (Mt 2,16). Damit lehnte sich Herodes bewusst gegen Christus auf, von dem er Kenntnis hatte, wie seine Frage an die Schriftgelehrten „wo der Christus geboren werden sollte“ verrät (Mt 2,4).

Diese antichristliche Bewegung setzte sich fort unter der damaligen Führung Israels. Sie hatten beschlossen: Wer ihn als den Christus bekennen würde, aus der Synagoge ausgeschlossen würde (Joh 9,22). Wenig später lesen wir: „Von dem Tage an war es für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.“ (Joh 11,53; Mk 14,1; Mt 26,59). Diese antichristliche Haltung der religiösen und politischen Machthaber jener Zeit erwähnten die Gläubigen in ihrem Gebet, indem sie aus dem zweiten Psalm zitierten: „du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt (Psalm 2,1-2): »Warum toben die Heiden, und die Völker nehmen sich vor, was vergeblich ist? Die Könige der Erde treten zusammen, und die Fürsten versammeln sich wider den Herrn und seinen Christus.«  Wahrhaftig, sie haben sich versammelt in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels, zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zuvor bestimmt haben, dass es geschehen sollte.“ (Apg 4,25-28). Die Wendung: „wider den Herrn und seinen Christus“,  unterstreicht die Bewusste Auflehnung gegen Jesus Christus.

Diese antichristliche Einstellung attestierte Stephanus dem Hohen Rat; „Ihr, halsstarrig und unbeschnitten an Herzen und Ohren, ihr widerstrebt allezeit dem Heiligen Geist, wie eure Väter, so auch ihr. Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben getötet, die zuvor verkündigten das Kommen des Gerechten, dessen Verräter und Mörder ihr nun geworden seid.“ (Apg 7,51-53).

Und Paulus schreibt an Timotheus (welcher sich zu der Zeit in Ephesus aufhielt) etwa um die Mitte der fünfziger Jahre: „Denn schon haben sich einige abgewandt und folgen dem Satan.“ (1Tim 5,15). Wie treffend: einige haben bereits den Glauben an Christus verlassen und folgen dem Satan nach, dies ist doch die Tätigkeit des Verführers Und in seiner Abschiedsrede an die Ältesten in Ephesus im Frühjahr des Jahres 58 sagte er: „Habt acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch als Aufseher eingesetzt hat, die Gemeinde Gottes zu hüten, die er sich erworben hat durch das Blut seines eigenen Sohnes! 29 Ich weiß, dass nach meinem Abschied grausame Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her, Darum wacht.“ Dies bedeutet, dass die Verführung sowohl von außen als auch von innen kommen wird.

Abbildung: Was immer für ein Fell Wölfe tragen würden, ihrer Natur nach zerreißen und zerstreuen sie eine Schafherde (Mt 7,15; Joh 10,10a). (Foto: 3. April 2018).

Auch Petrus hat in seinem zweiten Brief zu diesem Thema deutliche Aussagen gemacht: „Es waren aber auch unter dem Volk falsche Propheten, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn, der sie losgekauft hat; die werden über sich selbst herbeiführen ein schnelles Verderben. 2 Und viele werden ihnen folgen in ihren Ausschweifungen; um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden. 3 Und aus Habsucht werden sie euch mit erdichteten Worten zu gewinnen suchen. Das Urteil über sie wirkt seit Langem, und ihr Verderben schläft nicht.“ (2Petr 2,1-3). Wie oft haben sich diese Prophetischen Worte in der Geschichte erfüllt. Dass der Name Gottes und des Christus durch solch verdorbene Lebensführung gelästert wurde ist nachvollziehbar. Aufgrund all dieser Aussagen kann in dem falschen Propheten aus Offb 13,11-18 der Lügner, Verführer und Antichrist in all den verschiedenen Ausprägungen gesehen werden.

Seither hat sich diese Geistesbewegung verzweigt, ausgebreitet und ist wirksam sowohl von außen als auch von innen der Gemeinde des Herrn und diese wird sich fortsetzen bis der Herr kommt. Und mit seiner Ankunft wird er diesen Gottfeindlichen und christusgegnerischen Mächten ein Ende bereiten.

Schlussfolgerung:

Offensichtlich geht mit der Ausbreitung des Evangeliums auch die Gegenoffensive des antichristlichen Geistes einher und spitzt sich zum Ende hin noch mehr zu. Der Geist des Antichrists begann seine Wirksamkeit seit den Tagen von Jesus, er setzte sich fort in und durch viele und verschiedene Menschen und Menschengruppen, auch mit Hilfe von unterschiedlichen religiösen und ideologischen Systemen. Doch der Gipfel seiner Wirksamkeit ist noch nicht erreicht. Christen müssen wachsam sein, um nicht den verführerischen Machenschaften der christusfeindlichen Mächte als Beute zum Opfer zu fallen.

Aber Christus wird das letzte Wort haben und als Sieger hervorgehen, wie der Apostel schreibt: „Darum hat ihn (den Christus) auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,  und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,9-11).

Aktualisiert am 21. Oktober 2024

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3.10.3 Die 3. Seligpreisung

3.10.3 Die 3. Seligpreisung

„Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen (erben).“ (Mt 5,5).

Es ist nicht einfach diese Seligpreisung zu verstehen, einmal wegen dem Begriff `Sanftmut` und wegen der Verheißung `die Erde zu erben`. Wir fangeNeun hier einmal vom Ende an und fragen, was meint Jesus mit „die Erde erben“?

Abbildung 42 Vom Berg Nebo aus reicht der Blick weit über den Jordangraben jn das Land der Verheißung (Foto: 7. November 2014).

In den meisten Stellen der Bibel ist mit Erde unser Planet gemeint, den Gott geschaffen hat mit allem was darinnen ist (1Mose 1,1-2,24) und diese Erde gehört Gott, wie aus Psalm 24,1 deutlich und unmissverständlich hervorgeht: „Ein Psalm Davids.“ Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ Die Eigentumsrechte liegen also bei Gott. An einer anderen Stelle steht geschrieben: „Der Himmel ist der Himmel des HERRN; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.“ (Ps 115,16; 1Mose 2,15). Bereits den Patriarchen (Abraham, Isaak und Jakob) versprach Gott ein bestimmtes Land zu geben (1Mose 12,7; 13,15.17; 17.8; 26,3; 28,13; 50,24; 32,13; Jes 34,17; 60,21). Doch das Land hat Gott dem Volk Israel unter konkreten Bedingungen zum Erbe gegeben (5Mose 4,27; 28,15-68; 31,16-21; 1Kön 6,46-53; 14,15-16; Neh 1,5-11). Mit dem Begriff Erde `gr.  `γῆς – g¢s`, werden sowohl unser Planet als Ganzes sowie bestimmte begrenzte Territorien beschrieben.

Doch es gibt einige Aussagen, auch schon im Alten Testament über eine neue Erde, so lesen wir zum Beispiel in Jesaja 65,17: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“ (Jes 65,17). Oder: „Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der HERR, (…).“ (Jes 66,22a). Gott hat also eine neue Weltschöpfung unter der Doppelbezeichnung `Himmel und Erde` vorgesehen und vorausgesagt. Jene Vorsehung setzt die zeitweilige begrenzte Bestimmung dieser Erde voraus. Die Vergänglichkeit der jetzigen Erde hat auch Jesus vorausgesagt: „Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Mt 24,35). Auch der Apostel Petrus, der Jesus in dessen Lehre gut und richtig verstanden hat, schreibt etwas ausführlicher vom Vergehen der jetzigen Schöpfung und beschreibt die neue Schöpfung:

Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. (2Petr 3,10-13; Jes 65,17; 66,22).

Wir haben also die Wahl mit dem Begriff Erde `gr. gh;j – g¢s` an diese materielle, zeitlich begrenzte und vergängliche Erde zu denken, an die Erde, die Gott schafft, in welcher Gerechtigkeit wohnen wird oder an beide Schöpfungen, bzw. Wohnbereiche.

Nach der Elberfelder Übersetzung heißt es: „Sie werden das Land erben“, (LÜ nicht so genau: „das Erdreich besitzen“). Diese Übesetzungsvariante könnte unnötigerweise zu einem Denken an ein `irdisches Reich` verleiten. Im Griechischen wird das Verb `erben` verwendet. Beim `erben` handelt es sich um Eigentumsrechte. In Matthäus 25,34 sagt Jesus, bzw. wird er zu denen zu seiner Rechten sagen: „ererbt das Reich“. Bei dieser Aussage geht es eindeutig um das ewige, auf die Zukunft ausgerichtete unvergängliche Erbe, das uns Jesus durch sein Erlösungswerk erworben hat. Aber gibt es bereits hier auf dieser Erde etwas zu erben? Es sieht so aus, dass die jetzige Erde von den Mächtigen dieser Welt beansprucht und verwaltet (oder auch mißbraucht) wird. Wir fragen auch, welche Bestrebungen zeigte Jesus, als er hier war? Nahm er etwas von dieser Erde, diesem seinem Land in dem er lebte in Besitz?

  • Er besaß kein eigenes Haus, obwohl er Häuser-Erbauer war.
  • Er beanspruchte keinen Grundbesitz in Bethlehem, der Stadt seiner Vorfahren.
  • Er sprach nicht über die Wiederherstellung des Territoriums für das Volk Israel, sondern immer nur über die Menschen, die dort lebten. Auf die Frage des Pilatus hinsichtlich seiner Königswürde, sagte Jesus; „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ (Joh 18,36).

Abbildung 43 Die Erde ist des Herrn und alles, was darinnen ist.“ (Psalm 24,1). Blick von der Sinaihalbinsel bei Nuweiba über den Golf von Agaba nach Saudi Arabien – Sonnenaufgang (Foto: 5. Februar 2013).

Doch wenn Gott immer noch der rechtsmäßige Eigentümer dieser Erde ist, so bezieht er auch seine Kinder jetzt in die gottgewollte Verwaltung der Erde und dessen was darinnen ist, mit ein (1Mose 2,15). Beispiele:

Auf der einen Seite verlassen seine Nachfolger ihre Häuser, ihre Heimat, ihre Boote, ihre Äcker um des Evangeliums willen (Mt 19,27-29). Gleichzeitig stellen sie ihre Häuser, Boote, Kleider, Lebensmittel und auch Geld, Gott und seinem Reich zur Verfügung (Mt 8,14; Lk 5,3; Lk 8,1-3; Joh 12,1-11; Mk 14,3; Apg 2,44.46; 4,37) und gehören zu den wahren Verwaltern dieser Erde und der irdischen Dinge. So bekommt diese Seligpreisung für die Sanftmütigen auch eine Anwendung auf das jetzt und hier. In Matthäus 19,29 hebt Jesus den Gedanken hervor, dass seine Nachfolger auch schon jetzt in dieser Zeit Anteil haben werden an all den materiell nutzbaren und erforderlichen Dingen (Äcker, Häuser etc).

Was ist Sanftmut, wie drückt sie sich aus? Es gibt sehr viel Stellen im Neuen Testament, in denen der Begriff Sanftmut als Geistesfrucht (Gal 5,23) und Charakterzug eines Christen erwähnt wird, so in Epheser 4,2; Kolosser 3,12; 1Petrus 3,4 u.a.m.). Am Beispiel von Jesus können wir deutlich erkennen, wie diese Frucht des Geistes sich ausdrückt. »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig (gr. πραῢς – praus) und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen (Fohlen), dem Jungen eines Lasttiers« (Mt 21,5; Sach 9,9). Sanftmut hat gar nichts mit zur Schau gestellten Schwäche zu tun. Jesus weiß um seine Berufung, seinen Stand und seinen Auftrag. Für den Einritt nach Jerusalem als der verheißene, wahre König Israels, benötigt er kein weißes Pferd, ein Zeichen eines Herrschers dieser Welt, sondern begnügt sich mit dem Fohlen einer Eselin. Er kommt um zu dienen, was durch das junge noch nicht benutzte und noch unerfahrene Lasttier deutlich wird. Dies ist ein klarer Ausdruck des sanftmütigen Geistes. Er selber beansprucht sanftmütig zu sein wenn er sagt:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft  (freundlich), und meine Last ist leicht. (Mt 11,28-30).

Die Sanftmütigen in Matthäus 5,5 sind also Menschen, die in der Gesinnung und Haltung ihres Meisters leben.

  • Sie sind nicht stolz und keine Angeber, trotz ihrer hohen Berufung und Standes (1Kor 15,10).
  • Sie sind nicht hochmütig, trotz ihrer besonderen geistlichen Befähigungen (2Kor 12,1-10).
  • Sie maßen sich nichts an, was sie nicht tatsächlich sind oder getan haben (2Kor 10,13).
  • Sie sind Menschen, die in rechter Art und Weise Schwachgewordene aufrichten (Gal 6,1-2; Apg 15,39).
  • Es sind mutige, besonnene, auftrags- und zielbewusste Menschen, die in Extremsituationen weder in Verzagtheit fallen, noch in einen gefühlsmäßigen Überschwang und Übermut (2Kor 10,1; Apg 27,34-36).
  • Es sind Menschen, welche die diesseitigen, materiellen Dinge durch Anwendung geistlicher Prinzipien richtig und sinnvoll verwenden (Apg 2,45; 11,28-30).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wem gehört diese Erde rechtsmäßig?
  2. Was meint Jesus mit der Verheißung: „Die Erde (Land) erben“?
  3. An welchen Beispielen aus dem Leben von Jesus und der Apostel kann man die Geistesfrucht `Sanftmut` deutlich erkennen?
  4. Was schließt die Hoffnung, auf das erben eines neuen ewigen Wohnortes für die Sanftmütigen, jetzt und heute unbedingt mit ein?

 

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3.10.4 Die 2. Seligpreisung

3.10.4 Die 2. Seligpreisung

 

Während in der ersten Seligpreisung ganz konkret vom Geist des Menschen die Rede ist, liegt die Betonung in der zweiten Seligpreisung auf dem Gemüt des Menschen, auf seiner Empfindungsfähigkeit. Auf der Fähigkeit bewusst emotional zu empfinden und auch zu reagieren.

Abbildung 41 Blick vom Berg der Seligpreisungen auf das Nord- und Ostufer des Sees von Genezaret (Foto: Juli 1994).

 

Im Text des Evangelisten Matthäus lesen wir weiter: „Glückselig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden.“ (Mt 5,4).

Es ist geradezu auffällig, dass sowohl die erste als auch die zweite Seligpreisung in der messianischen Verheißung aus Jesaja 61,1-3 enthalten ist. Dort steht geschrieben:

Der Geist des Herrn, HERRN, ist auf mir; denn der HERR hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden1 (nach LXX Armen) frohe Botschaft zu bringen, zu verbinden, die gebrochenen Herzens sind, Freilassung auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen, auszurufen das Gnadenjahr des HERRN und den Tag der Rache (Vergeltung) für unsern Gott, zu trösten alle Trauernden, den Trauernden Zions Frieden, ihnen Kopfschmuck statt Asche zu geben, Freudenöl statt Trauer, ein Ruhmesgewand statt eines verzagten Geistes, damit sie Terebinthen der Gerechtigkeit genannt werden, eine Pflanzung des HERRN, dass er sich durch sie verherrlicht. (Jes 61,1-3).

Der in Matthäus 5,4 werwendete griechische Begriff `πενθούντες – penthountes` wird mit Trauernde oder Leidtragende übersetzt (πένθος – penthos -Trauer). Jesus spricht hier von Menschen, die aktiv und nachhaltig Leid tragen, Trauern über ihr Fehlverhalten. Auch diese Frohe Botschaft ist bereits im Alten Testament vorausgesagt worden. So lesen wir in Jesaja 57,18-19: „Ihre Wege habe ich gesehen, aber ich will sie heilen und sie leiten und ihnen wieder Trost geben; und denen, die da Leid tragen will ich Frucht der Lippen schaffen. Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der HERR; ich will sie heilen.“

  • Dieser tiefgreifende Trost gilt allen, die über ihr eigenes Versagen, ihre eigene Sünde, ihre eigens verursachte Ungerechtigkeit Leid tragen und trauern (vgl auch 2Mose 33,4). Diesen Menschen wird Trost versprochen, Trost durch Vergebung der Schuld. Trauern ist sehr oft mit Weinen verbunden und bildet den Gegensatz zum überheblichen und oberflächlichem Gelächter. So ergänzt Lukas in seinm Text den Matthäus: „Glückselig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen. Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und weinen.“ (Lk 6,25 vgl. dazu auch Hes 27,31).

Was Jesus hier ausspricht, setzt er später in seinem Dienst ganz praktisch um. Die Stadtbekannte Frau, die sich Jesus näherte im Haus des Pharisäers Simon, trauerte und weinte über ihr sündiges Leben. „Und siehe, da war eine Frau in der Stadt, die eine Sünderin war; und als sie erfahren hatte, dass er (Jesus) in dem Haus des Pharisäers zu Tisch lag, brachte sie eine Alabasterflasche mit Salböl, trat von hinten an seine Füße heran, weinte und fing an, seine Füße mit Tränen zu benetzen, und trocknete sie mit den Haaren ihres Hauptes. Dann küsste sie seine Füße und salbte sie mit dem Salböl.“ (Lk 7,37-38). Der Trost blieb nicht aus, denn Jesus nimmt sie in Schutz vor Simon wenn er sagt: „Denn ihre vielen Sünden sind ihr vergeben“ und zu der Frau gewandt: „Dein Glaube hat dich gerettet. Geh hin in Frieden!“ (Lk 7,50).

Die Verheißung des `getröstet werden` löst Jesus also schon hier und jetzt ein, doch erst in der Neuen Welt wird sie vollkommene und ununterbrochene Realität werden, so die Aussagen in dem prophetischen Buch  des Jesaja und der Offenbarung des Johannes:

  • Jes 25,8: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.“
  • Offb 7,17: „(…) denn das Lamm mitten auf dem Thron wird sie weiden und leiten zu den Quellen des lebendigen Wassers, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. (Offb 7,17).“
  • Offb 21,4: „(…) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid (wörtlich: Trauer) noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

Was für eine Aussicht !

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wer sind Trauernde und Leidtragende?
  2. Warum ist das Leidtragen über die bewusst begangenen Sünden eine der wichtigen Voraussetzungen für die Wiedergeburt eines Menschen?
  3. Was beinhaltet die Verheißung des getröstet werden?
  4. Wann löst Jesus dieses Versprechen ein?
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3.10 Die acht Seligpreisungen

3.10 Die acht Seligpreisungen

(Bibeltexte: Mt 5,1-12;  Lk 6,20-25)

3.10.1 Zeit und Ort der Berglehre (Seligpreisungen)

Der Evangelist Matthäus berichtet über die Berglehre von Jesus ziemlich am Anfang seines Evangelienberichtes. Er beschreibt die Berufung der Jünger nicht wie die Evangelisten Markus und Lukas gesondert, sondern setzt sie einfach voraus. Es wäre schon ungewöhnlich, wenn Jesus seine Grundsatzrede über das Reich Gottes nicht in der Gegenwart seines kompletten Jüngerteams gehalten hätte. So lesen wir in Matthäus 5,1-2: „Und er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie (…).“

Abbildung 38 Das Nordufer des Sees mit dem Ruinengelände von Kapernaum (Foto: Juli 1994).

Der Evangelist Lukas nennt erst die Details der Berufung der Zwölf und berichtet gleich danach auszugsweise aus der Berglehre. So kann die Berglehre von Jesus zeitlich ungefähr in die erste Hälfte der ersten Dienstperiode in Galiläa eingeordnet werden – das wäre ca. Herbst 29 n. Chr. Die lange kirchliche Tradition im Heiligen Land sieht den Ort der Berglehre im Nordwesten von Kapernaum, an der Stelle, wo heute die Kirche der Seligpreisungen steht. Dort finden wir weniger einen Berg, sondern eher eine flach abfallende Anhöhe, von der man über Kapernaum und dann weit über den See Gennezaret schauen kann.

Abbildung 39 Die Kirche der Seligpreisungen auf einer Anhöhe im Nordwesten von Kapernaum (Foto: April 1986).

Er merkt weiter an, dass Jesus vorher die ganze Nacht betete und am frühen Morgen aus der Vielzahl seiner Jünger, zwölf ausrählte und zu Aposteln berief. Es gibt einige Hinweise, dass Jesus viel mehr Jünger hatte, als uns bekannt sind (Joh 4,1; Lk 6,17; 19,37). Es ist möglich, dass aus dieser Vielzahl später einige zu den siebzig gehörten.

Auf dem vom Evangelisten Lukas beschriebenen ebenem Platz, setzt sich Jesus in die Mitte seines Jüngerkreises und spricht zu ihnen. Doch offensichtlich konnte auch das ganze Volk mithören. Der Evangelist vermerkt auch, dass von verschiedenen Gegenden Menschen gekommen waren, um ihn zu hören und um von ihren Krankheiten geheilt zu werden.

Der Evangelist Matthäus unterbricht die anfängliche Reihenfolge der Taten von Jesus mit den Details aus der Berglehre. In ihr fasst er das geistliche Programm des anbrechenden Reiches Gottes zusammen.

Die Berglehre von Jesus bildet eine Schatzkammer von lauter kostbarer Perlen. Acht davon sind in den sogenannten Seligpreisungen eingefasst. Wir machen uns nun auf die Suche und Entdeckung dieser geistlichen Schätze.

In der folgenden Tabelle sind alle acht Seliogpreisungen aufgelistet wie sie uns die Evangelisten Matthäus und Lukas aufgeschrieben haben. Dabei werden wir feststellen, dass Lukas zu dem auch noch Weherufe aufgeschrieben hat und damit werden die Aussagen von Jesus vollständiger.

Fragen / Aufgaben:

  1. Suche in einem Bibelatlas, wo in etwa die sogenannte Bergpredigt von Jesus gehalten wurde.
  2. An wen richtet Jesus seine Berglehre?
  3. Welche Evangelisten haben in ihren Berichten die Berglehre aufgezeichnet?
  4. Warum beschreibt der Evangelist Matthäus die Zusammenfassung einiger wichtiger Reichsgottesinhalte gleich am Anfang seines Evangelienberichtes?
  5. Aus welchen Lehrbereichen besteht die Berglehre?

3.10.2 Liste der Seligpreisungen

Matthäus Lukas
1. Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer gehört das Reich der Himmel Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes

Aber wehe euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost dahin

2. Glückselig die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden Glückselig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen

Wehe euch, die ihr jetzt lacht, denn ihr werdet trauern und weinen

3. Glückselig die Sanftmütigen, denn sie sollen das Erdreich besitzen
4. Glückselig die Hungernden und Dürstenden nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden Glückselig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden

Wehe euch, die ihr voll seid, denn ihr werdet hungern

5. Glückselig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen
6. Glückselig die Reinen im Herzen, denn sie werden Gott schauen
7. Glückselig die Friedfertigen, denn sie sollen Gottes Kinder heißen
8. Glückselig die Verfolgten wegen Gerechtigkeit, denn ihnen gehört das Reich der Himmel

Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden werden um meinetwillen.

Freut euch und jubelt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren

Glückselig seid ihr, wenn die Menschen euch hassen werden und wenn sie euch absondern und schmähen und euren Namen als böse verwerfen werden um des Sohnes des Menschen willen.

Wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden, denn ebenso taten ihre Väter den falschen Propheten

Freut euch an jenem Tag und hüpft! Denn siehe, euer Lohn ist groß in dem Himmel; denn ebenso taten ihre Väter den Propheten

In den nächsten Abschnitten werden wir die acht Seligpreisungen näher betrachten.

Fragen Aufgaben:

  1. Stelle die Ähnlichkeiten, bzw. Ergänzungen und Unterschiede bei den Evangelisten fest.
  2. Welche Seligpreisung fällt dir positiv und welche evtl. negativ auf?
  3. Bewerte die Verschiedenheit in den Berichten.
  4. Warum waren und sind diese Seligpreisungen in jedem Kulturkreis immer irgendwie störend?
  5. Welche Seligpreisung würde in der Umsetzung deinen Alltag in Familie, Beruf und Gemeinde stark verändern?
  6. Welche Seligpreisung könnte für dich Priorität in der Umsetzung gewinnen?

3.10.3 Die 1. Seligpreisung

(Bibeltexte: Mt 5,3; Lk 6,20)

 

Nach dem Text des Evangelisten Matthäus beginnt Jesus seine Lehre mit: „Glückselig die Armen im Geiste, denn ihrer gehört das Reich der Himmel.“ (Mt 5,3). Nach dem Text des Evangelisten Lukas: „Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.“ (Lk 6,20). „Aber wehe euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost dahin.“ (Lk 6,24).

Wir entdecken zunächst gewisse Unterschiede in den Vormulierungen der beiden Evangelisten. Während im Text des Evangelisten Lukas nur allgemein die `Armen` glückselig gepriesen werden, ergänzt der Text des Evangelisten Matthäus mit `Armen im Geist`. Nach der Formulierung des Lukas wendet sich Jesus direkt an seine Jünger. Nach Matthäus sind allgemein alle angesprochen, welche die Voraussetzungen für solche Seligpreisung erfüllen oder erfüllen werden. Nach dem Text des Evangelisten Lukas hat Jesus noch als deuitlichen Kontrast einen Weheruf über die Reichen ausgesprochen.

Hätten wir nur den Bericht des Lukas, würden wir einseitig an die materiell Armen und Reichen denken. Und diese Einseitigkeit würde auch verschiedenen Aussagen der Schrift widersprechen, denn weder sind die materiell Armen automatisch glückselig oder glücklich, noch sind die Reichen wegen ihres Reichseins automatisch unglückselig. Einige der Jünger konnte man keineswegs zu den materiell Armen zählen. Doch auch die vollständigere Aussage des Matthäus „Glückselig die Armen im Geiste“ meint auch nicht einfach die geistig Schwachen oder gar geistig behinderten Menschen. Waren doch auch die zwölf Jünger geistig gesehen weder hochintelligent, noch geistig unterentwickelt.

Der griechische Begriff `πνεύμα – pneuma` wird sowohl für den Geist Gottes, als auch den Geist des Menschen verwendet. Im Text des Matthäusevangeliums geht es eindeutig nicht um den Geist Gottes, denn arm sein im `Geiste Gottes`, oder `geistlich` arm sein, wäre nicht im Sinne von Jesus. Doch was meint Jesus denn mit `arm im Geiste`? Unserer Erkenntnis nach geht es hier um eine bewusste und reale, auf Gott bezogene oder von Gott her definierte Einschätzung des wahren Zustandes eines Menschen. Wie so oft, füllt Jesus ganz natürtliche Worte mit geistlichem Inhalt. (Joh 6,63: „Die Worte die ich zu euch rede sind Geist und sind Leben“). Ein Blick in die Psalmen und Propheten, so wie neutestamentliche Aussagen und Beispiele aus dem Erleben mit Jesus, macht es uns leicht diese Seligpreisung zu verstehen.

Der Prophet Jesaja schreibt: „Denn so spricht der Hohe und Erhabene, der in Ewigkeit wohnt und dessen Name der Heilige ist: In der Höhe und im Heiligen wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gebeugten Geistes ist, um zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerschlagenen.“ (Jesaja 57,15). Oder: „Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.“ (Jes 61,2). Der Psalmist David schreibt: „Denn du hast keine Lust am Schlachtopfer, sonst gäbe ich es; Brandopfer gefällt dir nicht. Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist (pneuma); ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.“ (Psalm 51,18-19). Der König David erkannte, bekannte, beugte und demütigte sich vor Gott in seinem Herzen wegen seiner Sünden (Ehebruch, Mord). Im Gegensatz dazu war die religiöse Elite zur Zeit von Jesus reich im Geiste – selbstbewusst, selbstsicher, selbstgerecht, stolz auf ihre detailierten Kenntnisse der Überlieferungen der Ältesten.

Bei dieser Seligpreisung geht es um Menschen, von denen es heißt: „Wer nun sich selbst erniedrigt und wird wie dies Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“ (Mt 18,4).

Abbildung 40 Der See Genezaret bei Kapernaum, in dessen Nähe Jesus die sogenannte Bergpredigt gehalten hat (Foto: April 1986).

Es geht also darum, sich vor Gott in seinem realen Zusatand (arm, bloß, ungelehrt, unmündig, unfähig, sündig) zu erkennen, zugeben  und auch bekennen. Es geht auch darum, sich vor Gott zu demütigen und in der Gegenwart der Heilgkeit Gottes den eigenen Stolz und Besserwisserei zerbrechen zu lassen. Diesen Menschen spricht Jesus Glückseligkeit zu. Beispiele: Der Zöllner: Lukas 18,13-14; Simon/Petrus: Lk 5,8. Es geht dabei nicht um angenehme Befindlichkeit oder äußeres Wohlgefühl, sondern um eine Zusage, einen Zuspruch von Jesus – er nennt solche Menschen  glückselig.

Es fällt auf, dass diese Armut im Geiste von Gott nicht mit Reichtum oder anderen irdischen Werten belohnt wird. Es geht um das Teilhaben am Reich Gottes. Matthäus verwendet mit Vorliebe die Bezeichnung `Reich der Himmel`, man kann auch übersetzen mit: Königreich der Himmel (gr. `βασιλεία των ουρανών – basileia tön ouranön`). Womöglich ist diese Bezeichnung eine Anlehnung an Daniel 7,14. Offensichtlich führt Jesus in seiner Verkündigung diese Bezeichnung bewusst ein um deutlich zu machen, dass es sich dabei nicht mehr um das alttestamentliche, irdische, territoiell- und zeitlich begrenzte Reich Israel oder Reich Juda geht. Diese Menschen sind Bürger, Teilhaber und Mitgestalter dieses göttlichen Reiches.  

Fragen / Aufgaben:

  1. Jesus spricht eine Sprache, die sich von der, der Schriftgelehrten unterscheidet. Verstehen die Menschen ihn in seiner Lehre?
  2. Was ist zu beachten bei der Auslegung der Worte von Jesus? Wie kann man feststellen, wann etwas wörtlich gemeint ist und wann die Bedeutung des Wortes oder der Aussage im übertragenen Sinne zu verstehen sind?
  3. Wen meint Jesus mit den `Armen im Geiste`?
  4. Jesus spricht oft vom Reich Gottes oder dem Reich der Himmel. Was meint er damit? Worin unterscheidet sich das Reich Gottes, welches von Jesus gepredigt und ausgebreitet wurde, vom Reich in dem er als galiläischer Bürger lebte?
  5. Was bedeutet der Begriff `Glückselig`?
  6. Welchen Anteil können Menschen `arm im Geist` am Reich Gottes haben?
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