12. Frage: Wie, du, ein Jude erbittest von mir, einer samaritischen Frau zu trinken?

Jesus befand sich mit seinen Jüngern auf der Durchreise in Samarien. In Johannes 4,6-8 lesen wir: „Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich an den Brunnen; es war aber um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu  kaufen.“

Abbildung: Blick auf Nablus in dessen unmittelbarer Nähe das Sychar der Bibel lag (Foto am 22. Januar 2019).

Voller Verwunderung fragt die samaritische Frau Jesus: „Wie, du, ein Jude, bittest von mir, einer samaritischen Frau, zu trinken?“ Johannes erklärt ihr Staunen mit der Bemerkung: „Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern.“ Ihre Frage lässt die tiefe Kluft zwischen diesen beiden Volksgruppen erahnen. Seit Jahrhunderten gab es zwischen ihnen Spannungen und sogar gewalttätige Auseinandersetzungen. Nach der Eroberung des Nordreiches durch die Assyrer unter Sargon II im Jahre 722/21 v.Chr. wurde ein Grossteil der Bevölkerung ins Exil weggeführt. In Samarien wurden andere eroberte Volksgruppen angesiedelt. So entstand ein Mischvolk – die Samariter. Sie hielten die Thora (fünf Bücher Moses) als ihre Glaubensgrundlage und opferten ihre Passalämmer auf dem Berg Garizim. So erklärt sich, dass sie von den Judäern nicht anerkannt und gemieden wurden.

Dass Jesus trotz dieser Spannungen den Weg nach Galiläa über das Gebiet der Samariter wählte, wird begründet mit den Worten: „Er musste aber durch Samarien ziehen“. Da er diese gefährlichere Route der einfacheren, der im Jordantal verlaufenden, vorzog, erklärt, dass er dies mit Absicht tat und der Ausdruck: „er musste “ war für ihn nicht Zwang, sondern entsprach seinem Willen. Die Zwischenstation wird lokalisiert, es ist der Jakobsbrunnen in der Nähe der Stadt Sychar (heute Nablus).

Mit der Bitte: „Gib mir zu trinken!“ zeigt Jesus, als Mann und Jude, seine Bedürftigkeit (er ist müde und hat Durst). Er spielt nicht den starken Mann oder den überlegenen Juden. Und noch mehr, mit dieser Bitte bringt er dieser Frau Wertschätzung entgegen und gewinnt ihr Vertrauen. Er durchbricht den Grenzzaun und baut Vorurteile ab. Mit seinem Verhalten legt er die Grundlage für ein tieferes Gespräch mit der Frau, die später eine innere Heilung erlebte.

Er wird von den Samaritern eingeladen für zwei Tage bei ihnen Gast zu sein mit dem Ergebnis, dass  er als der Messias und Retter der Welt anerkannt wird.

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11. Frage: Nikodemus sprach zu ihm: Wie kann dies geschehen

Das nächtliche Gespräch Jesu mit Nikodemus kann zu einem der längsten und intensivsten evangelistischen Gesprächen gerechnet werden. Nach all dem, was Jesus bis dahin über die Notwendigkeit einer Wiedergeburt gesagt hatte, stellt Nikodemus voller Verwunderung  seine zweite Frage: „Wie kann dies geschehen?“ (Joh 3,9a). Jesus  fragt ebenso  verwundert zurück: „Du bist der Lehrer Israels und weißt das nicht?“ (Joh 3,9b). Und Jesus fährt fort mit einer weiteren Bildsprache: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ Damit macht er deutlich, dass diese Wiedergeburt ausschließlich geistlicher und göttlicher Natur ist. Nikodemus hätte wissen können, was Gott zum Beispiel durch den Propheten Hesekiel gesagt hatte: „Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut.“ (Hes 36,26-27).  Oder das Gebet von David, der bittet: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ (Ps 51,12).

Danach gibt Jesus Nikodemus Einblick in seine Herkunft und den Grund seines Kommens in diese Welt. Im weiteren Gespräch erinnert er an die Geschichte mit der kupfernen Schlange in der Wüste.

Abbildung: Auf dem Berg Nebo im heutigen Jordanien. Erinnerung an die kupferne Schlange in der Wüste (Foto am 4. November 2014 ).

In 4Mose 21,8-9 lesen wir: „Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine kupferne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.“. Jesus bezieht diese Anweisung Gottes auf sich mit den Worten: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben hat.“ (Joh 3,14-15). Damit weist er auf seinen Kreuzestod hin. Die Hingabe seines Lebens bildete die Grundlage, auf der ewiges Leben vermittelt wird.  Dank diesem nächtlichem Gespräch und der Fragen des Nikodemus ist uns die zentralste Aussage des Evangeliums in Johannes 3,16 überliefert worden: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einziggeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.“

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10. Frage: Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist?

Diese Frage richtete der Pharisäer Nikodemus an Jesus bei seinem nächtlichen  Besuch in Jerusalem. Er ist einer der Obersten der Juden und gehört zu denen, die Jesus mit Respekt und Wertschätzung begegnen. „Der kam zu Jesus bei Nacht und sprach zu ihm: Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ (Joh 3,2).

Abbildung: Trautes Gespräch bei Kerzenlicht.

Doch Jesus kennt sein Herz, er weis genau was ihm fehlt und was er braucht. Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Wenn jemand nicht von Neuem (von oben) geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ (Joh 3,3). Diese Aussage löst in Nikodemus gleich mehrere Fragen aus. Voller Unverständnis fragt er nach: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden? (Joh 3,4). Bildersprache dient eigentlich dazu, den Sachverhalt besser zu verstehen. Seine erste Aussage ergänzt Jesus mit den Worten: „Wenn jemand nicht geboren wird aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes hineinkommen.“ (Joh 3,5). Mit dem `Geist` ist der lebendig machende   Geist Gottes und mit dem `Wasser` ist die reinigende Wirksamkeit des Wortes Gottes gemeint (Joh 15,3; Eph 5,26; Tit 3,5). Beim Hören des Wortes Gottes bewirkt der Heilige Geist Sündenerkenntnis und das Verlangen nach Umkehr. Wenn der Mensch sich vor Gott beugt / demütigt, seine Schuld (Sünde des Unglaubens) bekennt und um Vergebung bittet, geschieht Reinigung seines Herzens. Und der Geist Gottes bewirkt in dem Augenblick die Erneuerung des menschlichen Geistes. Dies ist, was Jesus mit `von neuem oder von oben geboren werden` gemeint hat. Durch diese von Gott gewirkte geistliche Geburt  (unabhängig vom Alter) wird ein Mensch in den Stand `Gottes Kind` versetzt. Und damit wechselt er vom Reich der Finsternis in den Herrschaftsbereich Gottes. Faszinierend, wie Jesus Nikodemus Fragen entlockt, auf die er anschließend Antworten gibt. Das Ergebnis dieses nächtlichen Gespräches führte später zu einem öffentlichen Bekenntnis. Zusammen mit dem gottesfürchtigen Ratsherrn Josef aus Arimathea erweist er Jesus den letzten Liebesdienst mit der Salbung und  Grablegung. Durch die Fragen des Nikodemus gab Jesus Auskunft über das wichtigste Ereignis im Leben eines Menschen.

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9. Frage: Was für ein Zeichen zeigst du uns, dass du dies tun darfst?

Diese Frage stellten die führenden Juden an Jesus, nachdem er die Geldwechsler und Taubenverkäufer aus dem Tempelhof vertrieben hatte mit den Worten: „Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!“ Das Kaufen von Opfertieren in Jerusalem war vom Gesetz her legitim, dass der Handel aber im Tempelhof stattfand, was der Tempelbehörde zusätzliche Einnahmen verschaffte, entsprach nicht seiner Bestimmung. Dieser Bereich im Tempel glich einem Markt. Die Bestimmung des Tempels war nach Jesaja 56,7: »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker«. Dieser radikale Eingriff in die Praxis der Tempelbehörde geschah bei seinem (ersten) Pessahbesuch in Jerusalem  Auf die herausfordernde Frage der Juden antwortete Jesus mit: „Brecht diesen Tempel ab (oder: ihr brecht diesen Tempel ab) und in drei Tagen richte ich ihn auf“ (Joh 2,18-19).

Abbildung: Modell des Herodianischen Tempels auf dem Gelände des Holyland Hotels in Jerusalem (Foto im April 1986).

Aber, wie so oft, wurde auch hier der Sinn dieser bildhaften Rede nicht verstanden. Entsprechend ist auch ihre Reaktion: „Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?“ (Joh 2,20). Hier wurde offensichtlich auf zwei unterschiedlichen Sprachebenen geredet. Das traditionelle alttestamentliche, mit all seinen  Einrichtungen (Tempel, Opferrituale) auf der einen Seite  und das neutestamentliche, denn „Er (Jesus) aber redete von dem Tempel seines Leibes.“ Diese Zuordnung verstanden die Juden zunächst nicht, aber später nach dem Tod und Grablegung von Jesus erinnerten sie sich daran. Denn der Tempel von dem Jesus sprach, wurde durch das Urteil des Hohen Rates und durch die Hände der Römer buchstäblich abgebrochen. Die Auferstehung Jesu aus den Toten am dritten Tag, bildete das größte messianische Zeichen für Israel. Jesus wurde von seinem Vater bevollmächtigt zu diesem Eingreifen in die korrupte Tempelpraxis. Bei dem jüdischen Aufstand, im Jahre 70 n.Chr. wurde auch der steinerne Tempel durch die Römer abgebrochen und nicht mehr aufgebaut. Doch der neutestamentliche Tempel (der Leib Christi, die Gemeinde) als Gottes neue Wohnstätte wird niemals zerstört werden. Viele von denen, die damals nach einem Zeichen gefragt hatten, ignorierten bewusst die Auferstehung von Jesus. Wie reagieren wir heute, wenn Gott in unsere gewohnte und oft auch fragwürdige  Lebensweise hineinredet und hineinwirkt?

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8. Frage: Warum tun deine Jünger was am Sabbat nicht erlaubt ist?

Der Evangelist Lukas schreibt: „Und es geschah am Sabbat, dass er durch die Saatfelder ging und seine Jünger die Ähren abpflückten und aßen, indem sie sie mit den Händen zerrieben.“ (Lk 6,1).

Abbildung: Fruchtfeld bei Herrenberg (Foto am).

Ein Lehrer ist verantwortlich für seine Schüler, daher richteten die Pharisäer ihre kritische Frage an Jesus. „Sieh, was tun sie am Sabbat, das nicht erlaubt ist?“ (Mk 2,24). So genannter `Mundraub` war in Israel nach 5Mose 23,26 erlaubt: „Wenn du in das Kornfeld deines Nächsten gehst, so darfst du mit der Hand Ähren abrupfen, aber mit der Sichel sollst du nicht dreinfahren.“ Was die Pharisäer beanstandeten war nur das Abpflücken und Zerreiben der Ähren an einem Sabbat und dies sah nach Arbeit aus. Das Sabbatgebot steht an vierter Stelle in den Zehn Geboten (2Mose 20,7-11). Da die Missachtung dieses Gebotes so leicht zu erkennen war, wurde es von den Rabbinern immer mehr und im Detail definiert.

Für Jesus sind diese Fragen willkommen, denn so kann er konkret auf Missstände in Lehre und Leben aufmerksam machen. Er gibt den Pharisäern Antwort mit mehreren Begründungen aus der Schrift und der Praxis.

Erste Begründung: „Habt ihr nicht gelesen im Gesetz, dass die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind doch ohne Schuld? Ich sage euch aber: Hier ist Größeres als der Tempel.“ (Mt 12,5-6; Joh 7,22).

Zweite Begründung: „Und er spricht zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er Mangel hatte und als ihn und die, die bei ihm waren, hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging zur Zeit Abjatars, des Hohen Priesters, und die Schaubrote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch denen gab, die bei ihm waren?“ (Mk 2,25-26). Damit nimmt  Jesus seine Jünger in Schutz. Und ergänzend dazu sagt er: „Wenn ihr aber wüsstet, was das heißt (Hosea 6,6): »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer«, dann hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt.“ (Mt 12,7). Die Barmherzigkeit ist dem Buchstaben des Gesetzes vorzuziehen.

Die alles überragende und umfassende Begründung lautet: „Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen worden und nicht der Mensch um des Sabbats willen; somit ist der Sohn des Menschen Herr auch des Sabbats.“ (Mk 2,27-28). Jesus, der den Sabbat geschaffen hat, bestimmt wie damit umgegangen werden soll. Der praktische Umgang der Apostel mit dem Sabbatgebot ist auch für uns heute Maßstab und Vorbild.

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7. Frage: Warum fasten deine Jünger nicht?

Diese Frage stellten  die Pharisäer zusammen mit den Jünger des Täufers an Jesus (Mt 9,14). So lesen wir in Markus 2,18: „Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten; und sie kommen und sagen zu ihm: Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht?

Abbildung: Der neue Flicken an das alte Tuch – das kann nicht gut gehen.

Die vielen Fragen, welche an Jesus gerichtet wurden, machen deutlich, dass es Differenzen gab zwischen ihm, seiner Lehre und der Lebensweise der  frommen Juden. In Bezug auf das Fasten gab es nach dem Mosaischen Gesetz nur eine konkrete Anweisung. So heißt es in 3Mose16,29: „Auch soll euch dies eine ewige Ordnung sein: Am zehnten Tage des siebenten Monats sollt ihr fasten und keine Arbeit tun …“. Alle anderen  Fastenzeiten waren freiwillig und situationsbedingt. Bekannt ist, dass zur Zeit Jesu Pharisäer als Zeichen besonderer Frömmigkeit zweimal pro Woche fasteten (Lk 18,12). Jesus tadelt das zur Schau gestellte Fasten (Mt 6,16). Die Antwort Jesu an die Pharisäer lautete: „Können etwa die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann, an jenem Tag, werden sie fasten.“ (Mk 2,19-20). Die Gegenwart Jesu als Messias ist Grund zur Freude und zum Jubel (Lk 2,10). Doch Jesus ist nicht gegen das Fasten, hat er doch selber 40 Tage in der Wüste gefastet (Mt 4,1-11).

Abbildung: Der neue Wein braucht auch einen neuen Behälter.

Mit den folgenden zwei Beobachtungen aus dem häuslichen und landwirtschaftlichen Bereich macht Jesus klar, dass das Evangelium (neuer Stoff, neuer Wein) auch eine neue Verpackung braucht. „Niemand näht einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Gewand; sonst reißt das Eingesetzte von ihm ab, das Neue vom Alten, und ein schlimmerer Riss entsteht. Auch füllt niemand neuen Wein in alte Schläuche; sonst wird der Wein die Schläuche zerreißen, und der Wein und die Schläuche verderben; sondern neuen Wein füllt man in neue Schläuche.“ (Mk 2,21-22). Das Leben im Sinne des Evangeliums von Jesus Christus kann nicht in die (starren) Formen des Ritualgesetzes gepresst werden. Das Verhalten soll sich nach dem Geist des Evangeliums richten und nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes. Das Fasten sollte nicht dem Selbstzweck dienen, auch nicht wegen einer Tradition praktiziert werden, sondern einen Grund  und Zweck haben. Es soll nicht äußerlicher Art sein, sondern die Herzenseinstellung zu Gott zum Ausdruck bringen.

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6. Frage: Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?

Diese Frage richteten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten an die Jünger, doch eigentlich galt sie Jesus. Die folgende Geschichte trug sich in Kapernaum am See Genezareth zu. Der Evangelist Markus schreibt: „Und er ging wieder hinaus an den See, und die ganze Volksmenge kam zu ihm, und er lehrte sie. Und als er vorüberging, sah er Levi, den (Sohn) des Alphäus, am Zollhaus sitzen. Und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. Und es geschieht, dass er in seinem Hause zu Tisch lag, und viele Zöllner und Sünder lagen mit Jesus und seinen Jüngern zu Tisch, …“ (Mk 2,13-15).

Abbildung: Kapernaum, die Stadt am See Genezareth in der der Zöllner Levi wohnte und den Jesus in seine Nachfolge berief (Foto:  Jan 2019).

Der Zollbeamte Levi besaß ein eigenes großes Haus in Kapernaum. Er war wohlhabend und ist auch unter dem Namen Matthäus bekannt (Mt 9,9; 10,3). Die fromme Elite der Juden distanzierte sich von Menschen, deren Lebensstil offensichtlich nicht dem Standart des Mosaischen Gesetzes oder den Traditionen der Ältesten entsprach. Daher kommt die abwertende wie auch pauschale Bezeichnung „Zöllner und Sünder“. Menschen aus dem Zollgewerbe galten dazu noch als Kollaborateure der herrschenden politischen Klasse. Diese Tätigkeit bot besondere Möglichkeiten für Korruption und Betrug. Diese Menschen machten auch keinen Hehl aus ihrem sündigen Lebensstil. Die Distanzierung von ihnen erstreckte sich offensichtlich auch auf die Tischgemeinschaft. Jesus aber wendet sich bewusst dieser Menschengruppe zu. Gerade bei den gemeinsamen Mahlzeiten bot sich ihm die Gelegenheit zu intensiven persönlichen Gesprächen.  Seine Antwort an die Kritiker leitet er ein mit dem bekannten Sprichwort: „Nicht die Gesunden brauchen einen Arzt, sondern die Kranken;  ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder zur Buße.“ (Lk 5,31-32). Damit ist auch angedeutet, was das Hauptthema des Gespräches im Hause Levi war. Das griechische Wort für `Buße`, meint nicht büßen oder abbüßen, sondern `Umdenken, Sinnesänderung`. Die Denkweise von Jesus übernehmen, dann verändert sich auch die Lebensweise.

Das Ergebnis jenes Tages ließ sich sehen. Der Zöllner Levi wurde zu einem der 12 Apostel. Den Zöllnern bescheinigt Jesus später, dass sie eher in das Reich Gottes kommen werden als die selbstgerechten Pharisäer (Mt 21,31-32). Wer ist heute bereit zu denen zu gehen, die wegen ihres offensichtlich verkehrten Lebensstils von der Gesellschaft geächtet werden?

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5. Frage: Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?

Folgende Geschichte trug sich in Kapernaum am See Genezaret zu. „Und nach einigen Tagen ging er (Jesus) wieder nach Kapernaum hinein, und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie keinen Platz mehr hatten, nicht einmal vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. Und sie kommen zu ihm und bringen einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ⟨ihn⟩ wegen der Volksmenge nicht zu ihm bringen konnten, deckten sie das Dach ab, wo er war; und als sie es aufgebrochen hatten, lassen sie das Bett hinab, auf dem der Gelähmte lag.“ Jesus unterbricht seine Rede und reagiert auf die ungewöhnliche Situation.

So lesen wir in Markus 2,5-z: „Und als Jesus ihren Glauben sah, spricht er zu dem Gelähmten: Kind, deine Sünden sind vergeben. Es saßen dort aber einige von den Schriftgelehrten und überlegten in ihren Herzen: Was redet dieser so? Er lästert. Wer kann Sünden vergeben außer einem, Gott?

Abbildung: Kapernaum – Fundamentreste von Häusern (Foto: Jan 2019).

Sündenvergebung war nach dem Gesetz des Mose immer mit einem Sühneopfer (Sündopfer) verbunden (3Mpse 17,11). Dieses Opfer wurde mittels eines Priesters in der Stiftshütte und später im Tempel dargebracht. So wundert es nicht, dass die jüdischen Theologen mit Entrüstung reagierten. Wir hätten wahrscheinlich nie erfahren, was sie dachten, wenn Jesus ihre Überlegungen nicht offenbart hätte. So lesen wir: „Und sogleich erkannte Jesus in seinem Geist, dass sie so bei sich überlegten, und spricht zu ihnen: Was überlegt ihr dies in euren Herzen? Was ist leichter? Zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind vergeben, oder zu sagen: Steh auf und nimm dein Bett auf und geh umher?“ (Mk 2,8-9). Nun, die erste Aufforderung auszusprechen wäre scheinbar leichter. Schwieriger ist es, den Beweis zu erbringen und gerade dies tut er mit den Worten: „Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – spricht er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus! Und er stand auf, nahm sogleich das Bett auf und ging vor allen hinaus, sodass alle außer sich gerieten und Gott verherrlichten und sagten: Niemals haben wir so etwas gesehen!“ (Mk 2,10-12). In Jesus dem Menschensohn als dem Lamm Gottes wird ein neuer Heilsweg eingeführt. Dieser ist im Gesetz des Mose und in den Propheten vorhergesagt worden. So wird über den Knecht Gottes gesagt: „Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden.“ (Jes 53,11). Der Zugang zu der Sündenvergebung und damit zu einer Rechtsprechung vor Gott, ist der Glaube an Jesus Christus.

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Und Jesus trug sein Kreuz, oder war es Simon?

11.14.1 Und Jesus trug sein Kreuz, oder war es Simon?

Abbildung: Die drei Kreuze erinnern an den Tod von Jesus und die beiden Mitverurteilten am Passa des Jahres 33. Dort geschah die Vollendung des Heilswerkes. Doch im Hintergrund ist durch die aufgehende Sonne bereits die Auferstehung angedeutet (Zeichnung von J. S.).

Der Ev. Johannes, der den Prozessverlauf am detailliertesten aufgezeichnet hat, schreibt: „Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.“ (Joh 19,16b-17).

Der Text des Ev. Matthäus lautet:

Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. (Mt 27,32). Der Ev. Markus ergänzt:  „(…) Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage (nachtrage).“ (Mk 15,21;  Lk 23,26).

Gelegentlich wird von Kritikern der Evangelienberichte in diesem Abschnitt ein Widerspruch gesehen und hervorgehoben. Dabei ist die Lösung des scheinbaren Widerspruchs so einfach. Zuerst trägt Jesus sein Kreuz selbst, wie es üblich war in solchen Fällen. Der Zug verlässt das Prätorium des Statthalters (ehemalige Residenz von Herodes dem Großen) in nördlicher Richtung. Dann verlassen sie die Stadt entweder im Westen (Genna-Tor) oder im Norden (Damaskus-Tor). Es geht bergauf. Jesus ist körperlich sehr geschwächt, nicht allein wegen der schlaflosen Nacht, sondern auch wegen den vielen körperlichen Misshandlungen. Wahrscheinlich bricht er unter der Last des Kreuzes zusammen. Da kommt es zur Begegnung mit Simon aus Kyrene (heute Libyen). Ungewöhnlicherweise kommt er am Festtag vom Feld her. Der Ev. Markus nennt die Namen seiner Söhne, die später in der Gemeinde bekannt sind (Mk 15,21;  Röm 16,13). Er wird von der Wachmannschaft gezwungen Jesus die Last des Kreuzes abzunehmen und für ihn und hinter ihm nachzutragen. Was für eine einmalige Erfahrung für Simon – das Kreuz von Jesus und für Jesus zu tragen! Eigentlich wäre ein anderer Simon drangewesen dies zu tun. Die Treuebekundung wurde von jenem am Vorabend gemacht: „Er (Simon Petrus) aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ (Lk 22,33).

Diese römische Exekutionsart – Kreuzigung – eigentlich aus Phönizien importiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung) – wird von Juden zutiefst verabscheut (5Mose 21,23;  Gal 3,13). Zwei weitere Verurteilte ebenfalls mit ihrer jeweiligen Wachmannschaft gesellen sich zu diesem traurigen Zug. Die Verurteilten haben üblicherweise das Holzkreuz oder ein Teil davon zu tragen. Es gibt drei Kreuzformen:

– das Andreaskreuz crux decussata (in X-Form)

– das T-Kreuz crux commissa

das Lateinische Kreuz crux immissa (in +-Form)

Wir denken mit Justin dem Märtyrer und Irenäus an die letzte Form. Hier ist dann auch Platz zur Anbringung der Tafel an der Spitze über dem Haupt des Gekreuzigten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Simon – ein Beispiel für unfreiwillige Nachfolge.Was empfindet ein Mensch, wenn er zu etwas beschämendem gezwungen wird?
  2. Was erfahren wir über Simons Familie?
  3. Wofür steht das Kreuz als Symbol?
  4. Was bedeutet es für uns sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus nachzutragen, nachzufolgen, wohin denn? Wie ist es, wenn uns ein fremdes Kreuz auferlegt wird und gibt es so etwas?
  5. Was ist der Unterschied zwischen: das Kreuz auf sich täglich zu nehmen (Lk 9,23) und: das Joch von Jesus auf sich zu nehmen (Mt 11,28-30)?

 

11.14.2 Jesus wendet sich an die weinenden Frauen

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig (glückselig) sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden? (Lk 23,27-31).

Der Evangelist Lukas erwähnt eine Menschenmenge – besonders Frauen, die Jesus klagend und weinend durch die Stadt bis zum Hinrichtungsplatz vor die Stadt hinausbegleiten. Es sind sehr oft gerade Frauen, die in der Geschichte eine viel größere Offenheit gegenüber Jesus und dem Evangelium zeigen. Sie zeigen keine Angst vor den Gegnern Jesu und schreiten mutig weinend und klagend in Hörweite hinter Jesus her. Gerade für sie hat Jesus eine besondere Botschaft. Er bleibt stehen und wendet sich um. Der gesamte Zug kommt ins Stocken. Ungewöhnlich, doch aus seiner Person geht eine Würde und Autorität hervor, der sich die Gegner nicht widersetzen vermögen. Seine Worte haben propherischen Inhalt und korrigieren die falsche Denkweise der Frauen. Nicht er soll bemitleidet werden, sondern sie sind mit ihren Kindern die Beklagenswerten. Wegen der Verwerfung des Messias, kommt nicht nur Zorn über dies Volk, sondern auch die Unbeteiligten werden unter den Folgen leiden müssen. Die Prophetie, die Jesus hier ausspricht, ist in Teilen nicht ganz neu. Schon der Prophet Hosea schrieb ähnliche Worte Gottes für seine Generation auf:

Die Höhen des Frevels werden verwüstet, auf denen sich Israel versündigte; Dornen und Disteln wachsen auf ihren Altären. Dann werden sie sagen zu den Bergen: Bedeckt uns!, und zu den Hügeln: Fallt über uns! Israel, du hast seit den Tagen von Gibea gesündigt; dabei sind sie geblieben. (Hosea 10,8-9).

Die Prophetie von Jesus bezieht vordergründig auf die nähere Zukunft – die Zerstörung Jerusalems und das große Leid, welches insbesondere schwangere und stillende Frauen treffen wird (Mt 24,19). „Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen.“ (Lk 21,23). In der Tat haben die Bürger von Jerusalem ab dem jüdischen Aufstand im Jahre 66 und während der dreijährigen Belagerung und bis zur endgültigen Eroberung durch die Römer im Jahre 70 unbeschreibliche Not erlitten. Die Prophetie, die Jesus hier ausgesprochen hatte, erfüllte sich. Doch der Inhalt ist weitreichender Natur, da sich diese Aussage zu verschiedenen Zeiten immer wieder erfüllt. Wie der Text in Offenbarung 6,14-17 deutlich macht:

Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihren Orten. Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns und wer kann bestehen?

Nach dieser eindringlichen Botschaft schreitet Jesus weiter hinauf zur Felskuppe genannt `Schädel-Stätte`, Hebräisch: `Golgotha`, Griechisch: `Κρανίου Τόπος`, hinter ihm Simon mit dem Kreuz. Der genaue Ort von Golgatha und der Kreuzigung bleibt wohl unbekannt, sicher aber ist er:

  • außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem (Mt 28,11;  Hebr 13,12),
  • in der Nähe der Stadt (Mt 27,38),
  • in der Nähe von Gärten, Gräbern (Joh 19,41),
  • und in der Nähe einer Straße (Mt 27,39).

Als wahrscheinlich wird Golgatha in der Gegend um die sogenannte Grabeskirche lokalisiert. Dieser Ort gilt seit Konstantin dem Großen (1. Hälfte des 4. Jahrhunderts) als der Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung von Jesus. Wahrscheinlich gab es davor auch schon eine lokale Tradition, auf die man sich damals stützte.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was drücken die klagenden Frauen Jerusalems aus? Warum nur Frauen?
  2. Was ist der Inhalt der Botschaft an die Frauen?
  3. Was meint Jesus mit dem „grünen“ und dem „dürren“ Holz?
  4. Wo erfüllten sich die Worte von Jesus in der Geschichte Israels? Wo und wie zu anderen Zeiten?

 

11.14.3 Jesus wird gekreuzigt und verspottet

(Bibeltexte: Mt 27,33-56;  Mk 15,22-41;  Lk 23,33-49;  Joh 19,18-37)

 

Der Ev. Lukas schreibt:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,32-37).

Und der Evangelist Markus hält fest, wann Jesus gekreuzigt wurde: „Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.“ (Mk 15,25; vgl. Vers 33-34. 42). Die dritte Stunde bedeutet bei Markus etwa 9 Uhr morgens. Der Evangelist Johannes bemerkt: „Pilatus aber schrieb eine Aufschrift (gr. τίτλος – titlos) und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.“ (Joh 19,19-20).

 

Es fällt auf, dass die Evangelisten nur wenige Einzelheiten zur Kreuzigung aufgeschrieben haben. In Psalm 22 steht geschrieben: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir.“ (Psalm 22,15-18). Beachten wir auf der einen Seite die verbalen Bemerkungen der Vorübergehenden und anschließend der Obersten aus dem Volk, der Schriftgelehrten, Hohenpriester und der Ratsmitglieder. Durch ihren Spott, Schmähung, Lästerung und Hohn wollen sie absichtlich Jesus weh tun, ihn erniedrigen und verletzen. So schreibt der Evangelist Markus:

Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber (Mt: wenn du Gottes Sohn bist) und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester (Mt: mit den Ältesten) untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der Christus,(Lk: der Auserwählte Gottes) der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. (Mt: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn). Und (Mt: die Räuber) die  mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. (Mk 15,29-32; Mt 27,39-44; Lk 23,35).

Wir werden an die prophetischen Worte aus Psalm 22,8-9 erinnert: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm

Der Apostel Petrus schrieb später im Rückblick über das Verhalten von seinem Herrn am Kreuz folgende Worte:

(…) er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.d. (1Petr 2,22-24).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. An welchem Wochentag und um welche Uhrzeit wurde Jesus gekreuzigt?
  2. Wie verhalten sich die Hohenpriester und Ältesten gegenüber dem leidenden Jesus?
  3. Wie lautete die Aufschrift, welche Pilatus schrieb und über dem Haupt von Jesus anbringen ließ?
  4. Warum lehnt Jesus den von den Soldaten angebotenen Weinessig mit der Myrrhe-Mischung ab?
  5. Warum sind die Evangelisten so zurückhaltend mit Einzelheiten über den Kreuzigungsvorgang? Was bedeutet es für uns?

 

11.14.4 Die Soldaten teilen die Kleider von Jesus unter sich auf

Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,36-37).

Die Soldaten sind ja Zeugen geworden vom Prozess vor Pilatus und waren beteiligt bei der anschließenden Geißelung im Palasthof des Statthalters. Daher auch ihre Verspottung mit diesen Worten. Die Evangelisten halten zwei spezifische Handlungen der Soldaten fest.

Erste Handlung der Soldaten

Sie geben Jesus Wein mit Myrrhe gemischt zu trinken, doch er nimmt es nicht an  (Mk 15,23). Der Evangelist Matthäus schreibt: „gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“ (Mt 27,34). Dies könnte eine Anlehnung an Psalm 69,22 sein, dort heißt es: „Sie geben mir Galle (gr. colh/j –cholès) zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Myrrhe wird von dem Myrrhestrauch gewonnen, hat eine gelb-braune Farbe und bitteren Geschmack, wahrscheinlich auch deswegen von dem Evangelisten Matthäus als Galle bezeichnet. Wemm Markus von Wein und Matthäus von Essig spricht, so wird es sich bei diesem Getränk wohl um Weinessig handeln. Vielleicht war es üblich, dass den Verurteilten dieses Getränk als eine Art Betäubungsmittel angeboten wurde. Doch Jesus lehnt es ab, zum einen will er ein ganz klares Denken bis zum Ende bewahren und zum anderen will er selber festlegen, wann er etwas Trinkbares zu sich nehmen will.

Zweite Handlung der Soldaten

Der Evangelist Johannes, der nahe am Kreuz, an der Seite der Maria stand,  hat weitere Einzelheiten festgehalten, wenn er schreibt:

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider  und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.“ (Joh 19,23-24).

Jesus trug ein Obergewand, welches recht umfangreich gewesen sein musste, da es sich in vier Teile teilen ließ. Dieses Obergewand (gr. imatia) legte er bei der Fußwaschung seiner Jünger ab und umgürtete sich mit einem Lendenschurz (lention Joh 13,4). Den sehr wertvoll gearbeiteten Rock (gr. chitœna) trug Jesus unter dem Obergewand. Sehr wahrscheinlich trugen die Juden auch einen Lendenschurz unter dem Rock. So lesen wir in 2Mose 28,42 von der Bekleidung der Priestersöhne: „Und du sollst ihnen leinene Beinkleider machen, um ihre Blöße zu bedecken, von den Hüften bis an die Schenkel.“ In dem Zusammenhang könnten auch die Aussagen über `Nacktsein` in Markus 14,51-52 und Johannes 21,7 verstanden werden. Der Evangelist Johannes schreibt am Ende dieses Vorgangs: „Das taten die Soldaten“. Sie hatten keine Ahnung, dass ihr Vorgehen bereits eintausend Jahre vorher prophezeit wurde. Gott weiss im voraus, was Menschen tun werden. Und seine Voraussagen haben einen bestimmten Zweck, sie sollen den Glauben und das Vertrauen in Gott stärken. So sagte Jesus in Johannes 13,19: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“

Von den Soldaten heißt es danach: „Und sie saßen da und bewachten ihn.“ (Mt 27,36).

 

Das versammelte Volk aber schaute zu. Ein Großteil des versammelten Volkes war seit den frühen Morgenstunden bereits beim Prozess dabei gewesen. Doch es kamen noch viele hinzu, so lesen wir, dass das Volk zu Pilatus hinaufging, um ihn nach der Freilassung eines Gefangenen zu bitten (Mk 15,8).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was tun die Soldaten und was erfüllte sich durch ihre Handlung?
  2. Wie verhält sich die dabeistehende Volksmenge? Sind es nur Schaulustige und Befürworter der Hinrichtung von Jesus?

 

11.14.5 Jesus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

Von den sogenannten sieben Worten, bzw. Aussagen Jesu am Kreuz lautet das erste: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Für wen tritt er da in seiner Fürbitte ein? Die hier Handelnden sind ja vordergründig die römischen Soldaten, verständlich, dass sie nicht oder vielleicht nur wenig Ahnung von ihrem Unrecht haben. Aber bittet Jesus auch für die Spötter unter der Ältestenschaft Israels und für das schaulustige Volk? Ja, sicher schließt er in seiner Fürbitte niemand aus. Bereits der Prophet Jesaja sagte vom leidenden Messias voraus: „(…) den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“ (Jes 53,12b). Und damit bekräftigt und erfüllt er selbst, was er seinen Nachfolgern bereits zu Beginn seines Dienstes aufgetragen hat zu tun: „segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6,28). Oder in Matthäus 5,44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

  • Damit siegt er über das Böse
  • und bietet den Übeltätern Raum zur Umkehr (1Petr 3,9; Röm 12,21; Röm 2,4).
  • Damit besiegt er auch den Bösen. Welch eine göttliche Einstellung und Haltung?

Während Jesus am Kreuz hing, erfüllte sich auch, was er bereits zu Beginn seines Dienstes bei seinem ersten Jerusalembesuch gesagt hatte:

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,15-17).

1Und zum Ende seines Dienstes, ebenfalls in Jerusalem, zeigte er dem gesamten Volk an, welchen Todes er sterben würde.

Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? (Joh 12,32-34).

Die Antwort auf ihre Frage bekamen die Menschen nach nur wenigen Tagen. So erkennen wir auch, dass Jesus es mit seinen Voraussagen den Menschen leicht gemacht hat zu glauben. Denn zwischen der Voraussage und der Erfüllung lag nur eine kurze Zeitspanne, so dass die meisten von ihnen die Erfüllung miterleben konnten. Und schon bald werden wir sehen, wie seine Fürbitte geistliche Frucht brachte, indem Menschen umkehrten und ihn als Retter/Erlöser und Christus annahmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie reagiert Jesus auf den Spott und die Schmähungen der Obersten des Volkes und der Soldaten?
  2. Was motiviert ihn so zu reagieren und was erreicht er damit?
  3. Welche Voraussage von Jesus erfüllte sich, als er am Kreuz hing?

 

11.14.6 Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein

(Bibeltexte: Lk 23,39-43; Mt 27,44; Mk 15,32)

 

Der Ev. Lukas schreibt: „Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken (Joh: Jesus aber in der Mitte).“ (Lk 23,33; Joh 19,18). Auch hier setzt sich fort, was Jesus bereits am Vorabend in einem anderen Zusammenhang gesagt hatte: „Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht.“ (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet“ (Lk 22,37). Die Evangelisten Matthäus und Markus schildern die Reaktion der Mitverurteilten nur mit einer pauschalen Bemerkung. „Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ (Mt 27,44;  Mk 15,32). Dies muß wohl am Anfang gewesen sein. Aber nach und nach erkennt der eine Verurteilte, wer Jesus wirklich ist. Und er ändert seine Gesinnung und auch seine Worte. Der Evangelist Lukas berichtet ausführlich vom Gespräch unter den Todeskandidaten, während ihrer extremen Schmerzen.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43).

Anmerkung zum Satzbau: Da wir an vielen Stellen von Jesus lesen: „Wahrlich, ich sage dir oder ich sage euch“ und erst dann kommt das, was er sagen will, so auch in dem oben genanntem Text, in dem Jesus den Mitgekreuzigten anredet (vgl. dazu auch Joh 5,24-25; Lk 22,34). Ein weiteres Beispiel für solche Formnulierungen wäre die Voraussage an Petrus,: „Und Jesus spricht zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst.“ (Mk 14,30).

Der eine schließt sich der Lästerung der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten an (Mt 27,41-44) – wissend, dass sie beide als Mitverurteilte schuldig sind, während Jesus unschuldig ist. Dies bringt der andere Verurteilte zum Ausdruck: „dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lk 23,41). Jesus stirbt nicht für ein Verbrechen, noch für eine politische Bewegung, sondern weil er die Erfüllung der Verheißungen Israels für sich beansprucht. Dies verstehen Menschen meist nur sehr langsam – doch der andere Verurteilte versteht dies plötzlich glasklar: der mit ihm verurteilte Jesus erträgt die Kreuzigung in dieser Weise – weil er der verheissene Messias/Herr ist! Nur er kann im ersten grausamen Schmerz für die Peiniger beten! Nur er kann die Schmähungen so ertragen! Hier kann er sein Erkennen nur noch in diese kurze Bitte fassen: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

  • Der Mitverurteilte ist sich seiner Schuld bewusst und er bekennt sie auch öffentlich;
  • Der Mitverurteilte erkennt die königliche und göttliche Gestalt von Jesus an, dessen tiefste menschliche Herabsetzung!.
  • Er erkennt Jesus als den König Israels an und zwar nicht auf dem Thron, wie ihn Zeitgenossen erwarteten, sondern am Kreuz.
  • Der Mitverurteilte spricht von dem Zukünftigen, doch Jesus antwortet mit dem Heute!
  • Der Mitverurteilte spricht vom Reich – doch Christus spricht vom Paradies in dem beide sein werden. Paradies (gr. παράδισος – paradisos) ist demnach eine auserirdische und zwar göttliche Sphäre in die Jesus(sein Geist)  bei seinem Tod hineinging und aus der er bei seiner Auferstehung mit einem verklärten Leib hervorging und seinen Jüngern 40 Tage lang erschien bevor er gen Himmel aufgenommen wurde. Es ist demnach auch die Sphäre. in der die verstorbenen Gläubigen die Auferstehung des Leibes erwarten.

Christus lenkt weg von materiellen, diesseitigen Erwartungen, hin zu den tröstenden geistlichen Dimensionen. Nach der Vergebung der Sünden ist für jeden Gläubigen die Tür zum ewigen Himmelreich offen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Erkläre die Unterschiede zwischen den Mitverurteilten? Für welche Gruppen stehen sie heute?
  2. Was ist die „Schächer-Gnade“ – die Gnade kurz vor dem Tod zum Glauben zu kommen?
  3. Welche Botschaft hat Jesus für alle Sünder, die nichts mehr wiedergutmachen können?
  4. Was ist die Botschaft für den Mitverurteilten, der seine Schuld einsieht, bekennt und um Gnade bittet?
  5. Was ist wichtig für unsere Seelsorge an Sterbebetten?

 

11.14.7 Jesus: Frau, das ist dein Sohn

Alle vier Evangelisten berichten vom Mut der Frauen, die Jesus bis in die Nähe des Kreuzes begleiten. Der Evangelist Lukas schreibt allgemein: „Es standen aber alle seine Bekannten (Verwandten) von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lk 23,49). Wir müssen bedenken, dass in dieser Phase die Brüder (Halbbrüder) Jesu von dessen besonderer Sendung noch nicht überzeugt waren (Joh 7,1-5). Der Evangelist Johannes schreibt daher über eine kleinere Gruppe von Frauen, die in Begleitung von Johannes in unmittelbarer Nähe zum Kreuz standen: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ (Joh 19,25). Von den vielen Frauen werden vier namentlich genannt:

  1. Die Mutter von Jesus (Joh 19,25;  Mk 15,40). Markus nennt die Mutter Jesu auch als Mutter des Jakobus des kleinen und des Joses (zwei der vier Halbbrüder von Jesus).
  2. Die Schwester seiner Mutter, wahrscheinlich Salome: Ehefrau des Zebedäus und Mutter von Jakobus und Johannes, so der Vergleich von Johannes 19,25 mit Markus 15,40: „(…) unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome.“ (Vgl. auch mit Mt 27,56).
  3. Maria des Kleopas Frau (Joh 19,25). Wahrscheinlich handelt es sich um den Kleopas aus dem Ort Emmaus (Lk 24,18).
  4. Maria aus Magdala ((Joh 19,25;  Mk 15,40;  Mt 27,56).

Wir können uns vorstellen, dass Johannes Jesus in der Nacht (im Gegensatz zu Petrus und den anderen Jüngern) nicht verlassen hat. Dass er noch in der Nacht oder früh am Morgen die Frauen über die Ereignisse während der Nacht informiert hat. Nur so können wir die Präsenz der Frauen am Kreuz erklären. Johannes steht also an der Seite der Frauen, dicht vor dem Kreuz und so erleben sie die besondere Fürsorge des leidenden Jesus. „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,26). Selbstvergessen spricht Jesus aus einer göttlichen Ruhe und ordnet seine Familie neu. Er weiß um die prophetische Aussage des Simeon in Bezug auf Maria – seine Mutter und kennt den Schmerz ihres Herzens (Lk 2,35:  „(…) – und auch durch deine Seele

wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“). Darum befiehlt er seine Mutter der besonderen Pflege und Aufmerksamkeit durch seinen Lieblingsjünger Johannes. Neffe und Tante sollen in einem besonderen Verhältnis stehen.  Dies löst nicht die Pflichten der anderen Geschwister – sondern erweitert die Verantwortung des Johannes. Dieser ist zur bestimmten Zeit am richtigen Ort. Dass Jesus seine Mutter mit `Frau` anredet, soll uns nicht befremden, redete er sie doch schon am Anfang seines öffentlichen Wirkens so an (Joh 2,4). Trug sie für ihn doch nur eine bestimmte Zeit die Verantwortung und zwar für sein irdisches Wohlbefinden. Sie ist begnadet, Mutter des Menschensohnes zu sein. Ihre Seligkeit (Errettung/Erlösung) erhielt sie durch Glauben aufgrund von Gnade (Lk 1,38. 45).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bewegt die vier Frauen Jesus bis ans Kreuz zu begleiten? Was wissen wir von ihnen?
  2. Was bewegt Johannes allein von allen Jüngern Jesus bis ans Kreuz zu begleiten?
  3. Was drückt Jesus aus, als er seine Beziehung zu seiner Mutter neu ordnet?
  4. Was empfand Maria, die Mutter von Jesus in diesen Stunden? Hatte sie schon früher so etwas geahnt?

 

101.14.8 Das Phänomen der Finsternis

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mt 27,45; Ähnlich auch der Evangelist Markus: „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mk 15,33). Der Evangelist Lukas ergänzt ein wenig mit der Aussage: „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde und die Sonne verlor ihren Schein.“ (Lk 23,44-45a).

Dieses Ereignis war kein Naturphänomen, welches sich gelegentlich oder in regelmäßigen Abständen in der Natur ereignet. Die sogenannte totale Sonnenfinsternis, wie wir sie in unregelmäßigen Abständen auf der Erde beobachten können, bei der sich der Mond vor die Sonne schiebt, dauert nur etwa 7-8 Minuten. Dabei wird es keineswegs ganz finster. Die Finsternis am Freitag, des 14. Nisan (3. April 33) war die Folge des außerordentlichen Eingreifens Gottes in die Naturgesetze, ähnlich wie es in Ägypten zur Zeit Moses geschehen war (2Mose 10,21-23). Dort dauerte die totale Finsternis drei Tage und war lokal, auf das von den Ägyptern bewohnte Territorium beschränkt.

Der Prophet Joel sagte eine Verfinsterung der Sonne voraus (Joel 3,4). Der Apostel Petrus erwähnt dieses Zitat des Propheten, ohne jedoch einen konkreten Bezug zum Pfingstgeschehen herzustellen (Apg 2,20). Doch auch Jesus selbst spricht von der Verfinsterung der Sonne kurz vor seiner Wiederkunft (Mt 24,29).

Alle drei synoptischen Evangelisten bezeugen, dass es etwa drei Stunden lang finster war über dem ganzen Land. Die Wendung der Evangelisten: „über das ganze Land“ – epi` pa`san th`n gh`n` – epi pasan t¢n g¢n`, beschränkt sich nicht zwingend auf das Land Palästina, sondern kann sich auch auf die gesamte Erde beziehen.

Zeugnisse der frühen Historiker, welche dieses Phänomen zeitlich und räumlich in ihren Schriften erwähnen:

Ereignisse in Rom 33: Tacitus (römischer Historiker – ca. 58-120), Annalen, vi, 20 ff. Die Finsternis bei der Kreuzigung: Dieses Phänomen ist offenbar in Rom, Athen und anderen Städten am Mittelmeer sichtbar gewesen. Nach Tertullian (christlicher Schriftsteller 150 – ca. 220), Apologeticus, xxi, 20 war es  ein „kosmisches“ oder „Weltereignis“. Phlegon, ein griechischer Autor aus Caria, der bald nach 137 eine Chronologie schrieb, berichtete, dass im Jahr 4. der 202. Olympiade (d.h. A.D. 33) die größte Sonnenfinsternis gewesen und es in der sechsten Stunde des Tages, d.h. mittags, stockdunkel geworden sei, so dass selbst die Sterne am Himmel sichtbar wurden. (Paul L. Maier, „ Pilatus, sein Leben und seine Zeit nach Dokumenten“, Seite 363, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Beispiele aus der Schrift, wo von außergewöhnlicher Finsternis die Rede ist?
  2. Welche Bedeutung hat Finsternis in der Bibel?
  3. Warum trat diese dreistündige Finsternis  deiner Meiunung nach ein?
  4. Nenne einige Zeugnisse aus der Weltliteratur, welche dieses besondere Phänomen bezeugen?

 

11.14.9 Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Von dem Einsetzen der Finsternis, etwa um 12 Uhr mittags, bis kurz vor dem Sterben Jesu, gegen 15 Uhr, scheint eine Stille eingetreten zu sein. Bei dieser Finsternis wurde jede Arbeit im Tempel unmöglich und jedes Lästern unter dem Kreuz verstummte.

Vielleicht gegen Ende der Finsternis rief Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! (Mt 27,46-49; Mk 15,34).

Jesus schreit zu Gott. Der, aus dem Hebräischen, ins Griechische übertragene Text des Evangelisten Matthäus lautet: hli hli, lema sabacqani? tou`t` e`stin: qee`, mou qee` mou, inati me e,nkate`lipej – ¢li ¢li, lema sabachthani? touto estin: thee mou, thee mou, inati me enkatelipes`? Markus hat in der Anrede die Schreibweise: elwi elwi, – elöi elöi, gewählt und so auch ins Griechische übertragen. Höchstwahrscheinlich hat Jesus dieses Gebet in Hebräisch gerufen, warum sollte er sich auch an den Vater wenden in einer anderen Sprache, als der, in der sich Gott dem Volk Israel in schriftlicher Form geoffenbart hatte? Allerdings ist er von einigen Dabeistehenden missverstanden worden. Eli hat im Hebräischen die Bedeutung von `mein Gott`, so in den Namen Eli-melech (mein Gott ist König), Eli-ja (mein Gott ist Jachwe) erkennbar. Merkwürdig, dass die Schriftgelehrten oder deren Diener (es waren keineswegs die römischen Soldaten) eher an den Propheten Elia, als Helfer in Not und nicht an Gott selbst denken.

Diese Hinwendung zu Gott erinnert uns an das Gebet Davids aus dem Psalm 22,2a: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum betet Jesus hier so?

  • Hat ihn Gott wirklich verlassen? Hat er nicht kurze Zeit davor seinen Jüngern gesagt: „Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ (Joh 8,29).
  • Hat Jesus sich vielleicht nur verlassen gefühlt – empfindungsmäßige Gottferne?
  • Wenn er aber verlassen wurde, dann für wie lange und warum?

Der griechische Begriff: `enkate`lipej  – enkatelipes `, der auch in Psalm 22,2a (LXX: Ps 21) verwendet wird, kommt auch bei Paulus in 2Timotheus 4,10 und 16 vor. Einmal wurde der Apostel von seinem Mitarbeiter Demas verlassen und bei seinem ersten Verhör verließen in alle. Paulus empfand hier, dass er von seinen Mitarbeitern im Stich gelassen wurde, so ähnlich wie auch Martha empfand, von Maria allein gelassen worden zu sein (Lk 10,40). Das Wort kann auch den Sinn haben von `zurück lassen`, so in Apg 18,19 – Priszilla und Aquila werden in Ephesus zurückgelassen und Paulus wird als Gefangener in Cäsarea zurückgelassen (Apg 24,27).

In Römer 9,29 und 11,4 (mit Bezug auf Jes 1,10; 1Kön 19,10) wird der gleiche Begriff  `me enkate`lipej – me enkatelipesmich verlassen` in der gleichen grammatischen Form gebraucht, allerdings geht hier die Initiative von Gott aus, bzw. es wird aus seiner Sicht gesprochen. „Hätte uns der Herr Zebaoth nicht übriggelassen“ oder „Ich habe mir übrig gelassen siebentausend“. Und da ist der Gedanke von – Gott hat für sich aufbewahrt.

Könnte es sein, dass Jesus sich als Menschensohn allein gelassen empfand, aber aus Gottes Sicht der Übriggelassene war, der Aufbewahrte, der Geschützte, über den Gott seine Hand gehalten hatte? So in Hebräer 13,5: „Niemals werde ich dich verlassen“.

Vielleicht liegt das Geheimnis des von `Gott verlassen sein` auch in der Anrede: „Mein Gott, mein Gott`. Als göttlicher Sohn des Vaters konnte er nicht verlassen werden, war er doch nach dem Geist unsterblich, aber als Menschensohn in seinem physischen Leben (Psyche/Seele Joh 10,18) sterblich. Er nahm ja die gesamte Schuld der Menschheit auf sich und so mußte es zur Trennung von dem Heiligen Gott kommen, wahrscheinlich die drei Stunden, in denen es Finster war.  Ja, Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, doch in den physischen Tod ging der Sohn Gottes als Menschensohn, ganz allein – der Sohn starb, nicht der Vater. Das war wohl der größte Schmerz, den Jesus jemals empfand. Die gesamte Last der Sünden lag auf ihm: „Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,6).

  • Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5).
  • Er wurde zum Fluch: „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt« (Gal 3,13),
  • Das Kreuz als Symbol des Todes: „der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1Petr 2,24).
  • Er litt und starb stellvertretend für alle: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2Kor 5,21).
  • Es war ein Triumpfzug: „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ (Kol 2,15).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wendet sich Jesus zu seinem Vater mit der Anrede `Gott`?
  2. Was bedeutet der Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
  3. Welche Inhalte birgt das griechische Wort für `verlassen`?
  4. Was empfand Jesus in diesen letzten Minuten seines physischen Lebens?
  5. Hast du dich mal verlassen gefühlt? Wie empfandest du dabei?
  6. Was hilft uns, damit wir aus einer Art Depression wieder herauskommen können?

 

11.14.10 Jesus: Mich dürstet

Der Ev. Johannes schreibt als Einziger von diesem Ausruf:

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied. (Joh 19,28-30).

Wahrscheinlich spricht Jesus hier in Kurzform das aus, was in Psalm 22,15-16 in Bezug auf den leidenden Messias vorausgesagt wurde: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“ (vgl. auch das durstige Verlangen des Leidenden in Psalm 42,3; 63,2; 143,6). Ja, Jesus war ein Mensch, wie alle Menschen und empfand Durst und er gab es auch zu (Joh.4). Den Ausruf: „Mich dürstet“ sprach Jesus sehr wahrscheinlich gleich nach dem Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ aus. So der Zusammenhang in Matthäus 27,46-49 und Markus 15,34 „Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“  Dieser eine, der ihn tränkte war wohl ein Soldat, die anderen eher aus der Gruppe der Führenden Israels, welchen die alttestamentlichen Geschichten über Elia wohl vertraut waren. Einer der Soldaten taucht einen Schwamm in das Gefäß mit Essig (Weinessig) steckt ihn auf einen etwa 50 cm langen Ysopzweig und hält ihn Jesus vor den Mund. Jetzt nimmt Jesus das angebotene Getränk zu sich, am Anfang des Kreuzesleidens hatte er es abgelehnt (Mt 27,34; Mk 15,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet der Ausruf: „Mich dürstet?“ Sagt er dies nur, damit die Schrift erfüllt wird, oder empfand er tatsächlich Durst?
  2. Warum lehnte er das Getränk ab, das ihm am Anfang angeboten wurde?
  3. Hast du mal wirklichen Durst erlebt? Wie und was empfandest du dabei?

11.14.11 Jesus: Es ist vollbracht (vollendet)

Die Evangelisten Matthäus und Markus sind sehr kurz in ihren Berichten über die letzten Minuten des Lebens von Jesus. Sie schreiben: „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“ (Mt 27,50; Mk 15,37). Die Verwandten und Bekannten von Jesus, einschließlich Matthäus und auch Markus, waren zwar Zeugen der Kreuzigung, doch standen sie in einiger Entfernung und hörten demnach Jesus nur laut schreien. Doch dieses laute Schreien war der kulminative Ausdruck seines gesamten Dienstes und die Vollendung des Heilsplanes, welches ihm vom Vater aufgetragen war.

Der Evangelist Johannes jedoch, der in unmittelbarer Nähe zum Kreuz stand, hat genau gehört was Jesus so laut schrie, er schreibt: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht (…).“ (Joh 19,30a-b). Die kurzen Worte „Es ist vollbracht“ sind im Griechischen ein Wort: `tete`lestaitetelestai `. Diesen Begriff gebraucht Johannes in dieser grammatischen Form nur zweimal (Joh 19,28.30). Doch er drückt etwas als abgeschlossen, erfüllt, vollendet aus. Man könnte auch mit `es ist vollendet` oder  „es ist erfüllt“, übersetzen, da ihm die Wortwurzel `telos` als Ende, Erfüllung zugrunde liegt. Um was ging es, was ist denn nun vollendet, was ist erfüllt wordem? In einigen Stellen kommt durch den Gebrauch dieses Wortes zum Ausdruck, was für Jesus der Hauptinhalt seines Dienstes darstellte. So sagt er zu seinen Jüngern am Jakobsbrunnen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende `teleiw`sw teleiösö sein Werk.“  (Joh 4,34). Und zu den Pharisäern in Jerusalem sagt er: „Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende `teleiw`sw teleiösö“, eben diese Werke, die ich tue, zeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.“ (Joh 5,36). Und am Ende seines Dienstes, im Gebet zum Vater sagt er: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet `teleiw`saj teleiösas` das du mir gegeben hast, damit ich es tue.“ (Joh 17,4). Das große und umfassende Werk beinhaltete viele einzelne Taten und Worte – nichts hat Jesus ausgelassen.

Das Kreuz, der Tod von Jesus ist sozusagen der Abschluss und die Zusammenfassung seines Lebenswerkes.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet die Aussage von Jesus: „Es ist vollbracht“?
  2. Welche Auswirkungen für uns Menschen hat das vollbrachte Werk Christi am Kreuz?
  3. Wie und was empfindest du nach einer gelungenen und abgeschlossenen Arbeit?

 

 

11.14.12 Jesus: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

Das sind die eigentlichen letzten Worte von Jesus am Kreuz. Nur der Ev. Lukas hat sie aufgeschrieben. So schreit Jesus noch ein letztesmal laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Da Jesus sich in seinem lauten Rufen „mich dürstet“ und „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ auf Aussagen in den Psalmen stützt, ist anzunehmen, dass auch sein letzter lauter Ausruf ebenfalls den Psalmen entnommen ist. In Psalm 31,6 heißt es: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“

An dieser Stelle ist es angebracht zu betonen, dass der Geist von Jesus Christus nicht in die sogenannten `untersten Örter der Erde` hinabgestiegen ist, sondern in den treuen und allmächtigen Händen des Vaters,  bis zur Auferstehung am dritten Tage, aufbewahrt wurde.

Die Zusage an den bußfertigen Mann am Kreuz: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ bestätigt zusätzlich, dass Jesus (sein Geist) sich während seines physischen Todes in göttlicher Sphäre befand (Lk 23,43).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie lauten die letzten Worte von Jesus am Kreuz und wo kommen diese im Alten Testament vor?
  2. Wie gehen wir mit verschiedenen Spekulationen über den Aufenthalt von Jesus während der drei Tage um?
  3. Was können wir mit Gewissheit zum Aufenthalt des Körpers von Jesus und seines Geistes während der drei Tage sagen?

 

11.14.13 Der Tod von Jesus am Kreuz – wie und warum starb Jesus?

Der Tod von Jesus am Kreuz ist eine historische Tatsache, die von den meisten neutestamentlichen Autoren vielfach und detailliert beschrieben wird. Wie wir bereits gesehen haben, geben die Texte der Evangelien in ihrer Zusammenfassung und Reihenfolge Aufschluß über die letzten Minuten im Leiden von Jesus. Nachdem er seinen Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte, heißt es bei Johannes: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh 19,30). Und der Evangelist Lukas ergänzt: „Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Bis dahin hielt Jesus sein Haupt aufrecht, er konnte alle und alles sehen und er nahm auch alles bewusst wahr was gesagt wurde. Doch reagierte er nicht auf die vielfältigen Schmähungen und Lästerungen von Menschen, sondern konzentrierte sich in seinen letzten Stunden allein auf die Erfüllung der Schriften enstsprechend dem Willen seines Vaters. Er erkannte, dass nun alles erfüllt war, was über ihn und von ihm vorausgesagt wurde. Sein physischer Tod tritt nicht vorrangig wegen körperlichem Versagen ein. Diese Beobachtung wird durch folgende Aussagen bestätigt:

  1. Die Soldaten waren über den schnellen Tod von Jesus überrascht. „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht (…).“ (Joh 19,33).
  2. Als Josef von Arimathäa den Statthalter um den Leichnam von Jesus bittet, ist dieser über dessen schnellen Tod sehr erstaunt. „Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei?“ (Mk 15,44).
  3. Über sein physisches Leben (gr. yuch` – psych¢) sagt Jesus: „Niemand nimmt es  von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ (Joh 10,18).

Warum Jesus letztlich gestorben ist, war die Sündenschuld aller Menschen, die er auf sich nahm, wie es schon der Prophet Jasaja vorausgesagt hatte:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. (Jes 53,4-8).

In diesem Text werden acht Aussagen, die das stellvertretende Leiden und Sterben von Jesus für sein Volk, hervorgehoben. Auch die Apostel bestätigen in ihren Predigten und Schriften den freiwilligen und  stellvertretenden Tod von Jesus als das Lamm Gottes (Joh 1,29;  Gal 1,4;  Röm 5,6. 8;  1Kor 15,3;  1Petr 1,18-21;  1Joh 2,2).

Bemerkenswert ist auch die letzte Aussage von Jesus: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Sein Leib wird von treuen Menschen in ein Felsengrab gelegt, seinen Geist jedoch übergibt er in die Hände des Vaters. Diese klare Übergabe des Geistes in die Hände (Obhut) seines himmlischen Vaters steht im krassen Gegensatz zu den vielfältigen Spekulationen über den Verbleib oder die Tätigkeiten von Jesus während der drei Tage.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum ist die Verkündigung des physischen Todes von Jesus als historische Tatsache so wichtig? Von welchen Menschen wird diese Tatsache angezweifelt oder gar abgelehnt?
  2. Wo und wie ist das Sterben des Messias im Alten Testament vorausgesagt oder vorausgebildet worden?
  3. Warum und wodurch unterscheidet sich das Sterben Jesu vom Sterben aller anderen Menschen?
  4. Welche positiven Auswirkungen hat der Tod Christi für uns?
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Jesus feiert das letzte gültige Passamahl mit seinen Jüngern

 

Das letzte Passamahl, welches Jesus mit seinen 12 Jüngern feierte, wird in allen vier Evangelien beschrieben (Mt 26,17-35; Mk 14,12-31; Lk 22,7-38; Joh 13,1-30; 13,31-17,26). Es ist einen Versuch wert, anhand aller vier Evangelientexte eine ungefähre Abfolge der einzelnen Geschehnisse während dieses Abends festzustellen und zu beschreiben. Bei Jesus hatten Taten und Worte ihren genauen zeitlichen und geographischen Platz. Auch war bei ihm weder Überflüssiges noch fehlte etwas.

Abbildung 15 Das Schlachten eines einjährigen, fehlerlosen Lammes erinnerte an die Erlösung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens (Zeichnung: 22. Oktober 2016).

Der Evangelist Lukas schreibt: „Es kam aber der Tag des Festes der ungesäuerten Brote, an dem das Passahlamm geschlachtet werden musste. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passahmahl, dass wir es essen! Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, dass wir es bereiten?Er aber sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr in die Stadt kommt, wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt. Folgt ihm in das Haus, wo er hineingeht! Und ihr sollt zu dem Herrn des Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir: Wo ist das Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passahmahl essen kann? Und jener wird euch einen großen, mit Polstern ausgelegten Obersaal zeigen. Dort bereitet! Als sie aber hingingen, fanden sie es, wie er ihnen gesagt hatte; und sie bereiteten das Passahmahl.“ (Lk 22,7-13).

Nach den Berechnungen der oben aufgeführten Jahresübersicht, wäre als Todesjahr von Jesus das Jahr 33 (1. Jh.) anzusetzen, weil in dem Jahr der 14. Nisan auf einen Freitag fiel, so in Lukas 23,54: „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.“ (so auch: Mk 15,42: Joh 19,31). Der Rüsttag war der Vorbereitungstag auf den Sabbat (gr. paraskeuh,j – paraskeu¢s – Freitag). Dazu vermerkt der Evangelist, dass dieser Sabbat ein großer Festtag war, weil ihm der Passatag voranging (Joh 19,31). Demnach fand die letzte Passafeier von Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend statt. Dies war der Abend, welcher nach biblischer (auch jüdischer) Tagesdefinition den Beginn des sechsten Tages der Woche markierte (1Mose 1,31: „Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.“). Die Feier begann nach Sonnenuntergang, so in Matthäus 26,20: „Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch.“ (Zu Abend vgl.: Mt 8,16 mit Mk 1,32: „Als aber die Sonne untergegangen war“).

Nach Johannes 18,28 hatten die Hohenpriester vorgehabt das Passalamm im Laufe des Tages (Freitag) zu essen. Laut den Texten der Evangelisten Lukas (22,7) und Markus (14,12) aß Jesus das Passalamm mit seinen Jüngern bereits am Vorabend seiner Hinrichtung. Der 1. Tag der ungesäuerten Brote begann laut 3Mose 23,5-6 am 15. des  ersten Monats. Nach den Berichten der synoptischen Evangelien fällt der 1. Tag der ungesäuerten Brote bereits auf den Abend des 14. Abib / Nisan, entsprechend der ursprünglichen Anordnung aus 2Mose 12,8: „Das Fleisch aber sollen sie noch in derselben Nacht essen, am Feuer gebraten, und dazu ungesäuertes Brot; mit bitteren Kräutern sollen sie es essen.“ Wie oben festgestellt, fiel  der 14. Nisan in dem Passionsjahr auf einen Freitag (www.Kaluach.org). Dieser 14. Nisan (3. April 33) begann bereits am Donnerstagabend. Die Passalämmer wurden demnach nicht nur erst am Freitag (tagsüber oder nachmittags) geschlachtet und gegessen wie es die Hohenpriester vorhatten zu tun (Joh 18,28), sondern auch bereits am Vorabend. Somit wäre begründet, dass Jesus an seinem letzten Abend zusammen mit seinen Jüngern das Passalamm vorschriftsmäßig gegessen hatte. Anscheinend war es aus praktischen Gründen für die vielen Menschen in Jerusalem nicht möglich, dass alle zur gleichen Stunde das Passalamm essen konnten, sondern der gesamte 14. Tag dafür nötig war. Zwischen Beginn und Ende des sechsten Tages (Nacht/Tag) geschah folgendes:

  • das Passamahl,
  • die Diskussion unter den Jüngern, wer denn der Grßte wäre,
  • die Fußwaschung,
  • das Gespräch über den Verräter,
  • die Bundesstiftung in dem Herrenmahl,
  • die Vorhersage der Verleugnung durch Petrus,
  • die letzten Reden von Jesus (Joh 14-17),
  • das Gebet in Gethsemane,
  • der Verrat des Judas und die Festnahme in Getsemane,
  • das Verhör bei Hannas und die Verleugnung des Petrus,
  • das Verhör vor dem Hohen Rat, vor dem Statthalter Pilatus und vor Herodes,
  • die Verurteilung durch Pilatus,
  • die Kreuzigung und Grablegung.

Alle drei synoptischen Evangelien berichten, dass das Passamahl in einem Haus in Jerusalem stattfand. Dieses Haus war zweistöckig und hatte einen großen, mit Polstern ausgelegten Raum im oberen Stockwerk (Mt 26,17-19; Mk 14,12-15; Lk 22,7-13). Diese Schlussfolgerung leitet sich ab aus der Detailbemerkung `großer Obersaal – gr. anaga,ion – anagaion`. Im Erdgeschoß befanden sich demnach die üblichen Wohn,- und Wirtschaftsräume der Familie. Das Passalamm musste vorschriftsmäßig im Tempelbereich gekauft und geschlachtet werden (5Mose 14,24-26; Esra 6,19-22). Von dort trugen die zwei Jünger es in das Haus, bzw. den Hof des Hauses, dort wurde es (unzerlegt) am Feuer gebraten. Auch die ungesäuerten Brote mit den bitteren Kräutern wurden vorbereitet. Getrunken wurde vom Gewächs des Weinstocks, vermutlich war es Wein (Lk 22,17-18). In den Anweisungen aus 2Mose 12,1-8 ist kein Getränk erwähnt, doch für einige Opfer war Wein als Trankopfer vorgeschrieben (2Mose 29,40).

Der Evangelist Matthäus schreibt: „Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch.“ (Mt 26,20; ähnlich auch Mk 14,17). Der Evangelist Lukas präzisiert: „Und als die Stunde gekommen war, legte er sich zu Tisch und die Apostel mit ihm.“ (Lk 22,14). Auch hat Lukas die einleitenden Worte von Jesus zu diesem Abend festgehalten: „Und er sprach zu ihnen: Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt (mich hat sehr danach verlangt), dieses Passahmahl mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es gewiss nicht mehr essen werde, bis es erfüllt sein wird im Reich Gottes.“ (Lk 22,15). Mit diesen einleitenden Worten macht Jesus deutlich, dass es für ihn ein besonderes Mahl ist und zwar weil ihm das bereits mehrmals vorausgesagte Leiden bevorstand. Der Ausgang dieses Mahles wird ganz anders sein als alle Passafeste bis dahin. Natürlich waren die Gedanken und Blicke der Jünger auf das vor ihnen liegende Passalamm gerichtet. Und auch dieses Passalamm erinnerte sie an die Erlösung Israels durch das Blut der Lämmer und Errettung durch den mächtigen Arm Gottes aus der Knechtschaft Ägyptens – der Blick war also nach hinten gewandt. Mit seinen verschlüsselten Worten lenkt Jesus sie in die nahe Zukunft. Lukas schreibt weiter: „Und er nahm einen Kelch, dankte und sprach: Nehmt diesen und teilt ihn unter euch! Denn ich sage euch, dass ich von nun an nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde, bis das Reich Gottes kommt.“ (Lk 22,17-18). Dieser erste Kelch, den Jesus seinen Jüngern gleich zu Beginn des Mahls reichte, ist im Zusammenhang des Passamahls zu sehen. Erst später nach der Mahlzeit reicht Jesus den Kelch zur Bundesstiftung  (Lk 22,20: „Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl (…)“. Damit schließt Jesus die erste und vorübergehende Einrichtung der Heilsordnung ab und weist auf die neue Sphäre des Reiches Gottes hin, die in Kürze Realität werden soll. Die lebensnotwendige Speise und Getränk wird im Reich Gottes von anderer Beschaffenheit sein (Joh 4,13-14; 6,30-51)

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