10. Kapitel: Die Passionswoche – Jesus in Jerusalem

  1. Kapitel: Die Passionswoche – Jesus in Jerusalem
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    Abbildung 1 Modell von Jerusalem auf dem Gelände des `Holy Land` Hotels. So kann es im 1. Jh. ausgesehen haben (Foto: April 1986).

     

    Abbildung 2 Modell des sogenannten Herodianischen Tempels. Jeden Morgen ging Jesus in den Tempel und lehrte dort (Foto: April 1986).

10. Kapitel: Die Passionswoche – Jesus in Jerusalem

Vorwort

In den folgenden 33 Abschnitten begleiten wir Jesus während der letzten Woche seines Dienstes in  Jerusalem.

10.1 Ein Versuch der zeitlichen Einordnung der Passionswoche

 

Die Passionswoche von Jesus dauerte gerade mal sechs Tage, so Johannes 12,1a: „Sechs Tage vor dem Passa kam Jesus nach Bethanien (…)“. Hier stellt sich uns eine nicht leichte Rechenaufgabe. Denn traditionell wird angenommen, dass der Einzug von Jesus in Jerusalem auf einem Eselfohlen am sogenannten `Palmsonntag` (dem ersten Tag der jüdischen Woche) stattgefunden hatte. Diese Annahme setzt jedoch voraus, dass Jesus mit seinen Jüngern und der ihm nachfolgenden Menschenmenge am Vortag, also am Sabbat die etwa 25 Kiloometer lange Wegstrecke von Jericho nach Jerusalem hinaufgegangen war. Nach Apostelgeschichte 1,11 war ledoch das gehen am Sabbat nur für kurze Distanzen erlaubt. Daher ist Jesus entweder erst am Sonntag (erster Tag der jüdischen Woche) oder bereits zwei Tage früher, also am Freitag in Bethanien angekommen. Auf das Thema Wochentage und Tageszeiten wird später noch Bezug genommen werden. Rechnet man von Donnerstag, 15. Nisan ca. 18.39h sechs volle 24-Stundentage zurück, kommt man in den Freitaabend 9. Nisan. Jesus wäre dann etwa am Freitagnachmittag (8. Nisan) vor Sabbatbeginn am Ostabhang des Ölbergs in Bethanien angekommen.

Nach der anderen Variante, bei der Jesus erst am Sonntag vor Sonnenuntergang in Bethanien angekommen ist, wäre dieser noch nicht zu Ende gegangener Tag für unsere Sechstageszählung der erste Tag. Der eigentliche Passatag (der Donnerstagabend begann und Freitagabend endete) wäre dann auch der sechste Tag.

Wir ziehen diese zweite Variante vor, weil danach der Einzug in Jerusalem auf einem Eselfohlen, nicht auf den Sabbat (Samstag), sondern auf den Montag fällt.

ANMERKUNG: Das Losbinden der Eselin mit dem Eselfohlen am Sabbat, um diese zur Tränke zu führen (Lk 13,15) wäre erlaubt gewesen, aber um darauf zu reiten wäre nach 2Mose 20,8 Übertretung des Sabbatgebotes (Ruhe auch für das Vieh). Palmzweige abbrechen und auf den Weg streuen, würde auch zu einer Tätigkeit/Arbeit am Sabbat zählen, ähnlich wie Holz aufsammeln (4Mose 15,32-33). Dies wäre von den Schriftgelehrten und Pharisäern nicht ungetadelt geblieben.

So nehmen wir an, dass Jesus den Sabbat davor in Jericho verbrachte. Unterstützt wird dies auch durch die Aussage von Jesus gegenüber Zachäus: „heute muss ich in deinem Hause einkehren (wörtl: bleiben – Lk 19,5).

Am ersten Tag der Woche, also an einem Sonntag, zieht Jesus mit seinen Jüngern und in Begleitung vieler Menschen den steilen und beschwerlichen Weg hinauf nach Jerusalem, bzw. nach Bethanien, wo er bei seinen Freunden einkehrt und auch übernachtet (Joh 12,1-11; Mt 21,17; Mk 11,11).

Der Evangelist Markus hat den Einzug von Jesus nach Jerusalem auf einem Fohlen in den Abend des Ankunftstages (Sonntag) eingefügt (Mk 11,1-11). Die Tempelreinigung hat er erst am darauffolgenden Morgen eingefügt (Mk 11,15-19). Die Evangelisten Matthäus und Lukas haben den Einzug nach Jerusalem und die Tempelreinigung zusammenhängend am Ankunftstag eingefügt (Mt 21,1-13;  Lk 19,29-48). Davon ist wohl auch der sogenannte Palmsonntag abgeleitet worden.

Wir folgen jedoch der Chronologie des Ev. Johannes, der die Tempelreinigung logischerweise im Rahmen des ersten Jerusalembesuches von Jesus einordnet (Joh 2,13-22) und den Einzug nach Jerusalem auf den Tag nach seiner Ankunft in Bethanien, das wäre der 2. Tag der jüdischen Woche oder unser Montag (Joh 12,1+12).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Bedeutung haben für dich die zeitlichen Angaben der Evangelisten?
  2. Wie lässt es sich erklären, dass die Evangelisten bestimmte Ereignisse (Einzug nach Jerusalem oder Tempelreinigung) chronologisch unterschiedlich einordnen?

 

 

10.2 Maria aus Betanien salbt Jesus zum Begräbnis

(Bibeltexte: Joh 12,1-11; 11,1-2;  Mt 26,6-13;  Mk 14,3-9)

 

Die Salbung durch Maria geschah sechs Tage vor dem Passa (Joh 12,1ff). Bei den Synoptikern Matthäus und Markus gibt es keine eindeutige zeitliche Angabe darüber, lediglich, dass es in der Vorpassawoche geschah (Mt 26,6;  Mk 14,6). Wie die Gegenüberstellung zeigt, gibt es zwei zeitlich und örtlich voneinander liegende Geschichten über Salbungen von Jesus durch Frauen. Die eine in Lukas 7,36-50 beschriebene fand in einer der Städte Galiläas statt und zwar bevor Jesus nach der Chronologie des Lukas Galiläa endgültig verlassen hatte (Lk 9,51). Und die andere aus Johannes 12,1-11, um die es auch in diesem Abschnitt geht. Die nicht leicht zu beantwortende Frage ist jedoch: Handelt es sich bei der Geschichte aus Lukas 7 auch um Maria (als ehemalige stadtbekannte Sünderin), oder sind es ganz verschiedene Frauen, mit unterschiedlichen Anliegen? Ausgehend von Johannes 11,1-2 wo es heißt: „Maria aber war es, die den Herrn mit Salböl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar getrocknet hatte“, könnte der Eindruck entstehen, dass,Johannes auf die Salbungsgeschichte in Lukas 7,36-50 beschriebene Bezug nimmt. Doch warum sollte er nicht die von ihm selbst im darauffolgenden 12. Kapitel beschriebenen Salbung gemeint haben? Konnte er damit rechnen, dass seine Leser die Berichte des Evangelisten Lukas kannten? Es ist also dem Bibelleser nicht ganz leicht festzustellen, ob Maria, die Schwester von Martha und Lazarus aus Johannes 12,1-11; 11,1-2 dieselbe Frau ist, von der uns Lukas in Kapitel 7,36-50 berichtet und die dort nicht beim Namen genannt, sondern nur als Sünderin bezeichnet wird? Die Gegenüberstellung könnte zur Klärung beitragen.

 

Die Salbung aus dem Bericht des Lukas und Die Salbung aus dem Bericht des Johannes

 

  • Lukas: Simon der Pharisäer wohnt in einer Stadt in Galiläa und lädt Jesus zum essen ein.
  • Johannes: Simon der (ehemals) Aussätzige wohnt im Dorf Bethanien nahe Jerusalem und in seinem Haus findet ein Abendessen statt.
  • Lukas: Simon der Pharisäer glaubt nicht an Jesus als den Messias.
  • Johannes: Simon der (ehemals) Aussätzige ist ein Jesusnachfolger.
  • Lukas: Die Frau weinte und benetzte die (nicht gewaschenen) Füße von Jesus mit ihren Tränen (sie wusch sozusagen die Füße von Jesus und trocknete diese mit ihrem Haar).
  • Johannes: Maria salbte die (bereits gewaschenen) Füße von Jesus mit dem Salböl und verrieb es mit ihrem Haar.
  • Lukas: Die Frau goß das Salböl nur auf die Füße von Jesus.
  • Johannes: Maria goß das Salböl auf die Füße von Jesus (Mt und Mk: auf das Haupt von Jesus).
  • Lukas: Bei Lukas steht die Vergebung der Sünden der Frau im Mittelpunkt der Geschichte.
  • Johannes: Bei Johannes steht die Salbung von Jesus zum Begräbnis im Mittelpunkt.
  • Lukas: Die Sünderin, namentlich nicht genannt, wohnte in einer Stadt in Galiläa und Simon kannte sie.
  • Johannes: Maria wohnte im Dorf Bethanien in Judäa und ist mit hoher Wahrscheinlichkeit Verwandt mit Simon dem (ehemals) Aussätzigen.

Aus den Erzählungen von Johannes, aber auch von Lukas (10,38-42) gibt es keinen Grund, ihr eine ungeordnete Vergangeheit zuzuschreiben. Auch mit viel Fantasie ist es schwer vorstellbar, dass Maria (in jenem Kulturkreis) als Frau ganz allein irgendwann aus ihrem Dorf weggezogen wäre in eine Stadt in Galiäa, dort ein sündiges Lebens geführt hätte, um nach einer Begegnung mit Jesus in ihr Heimatdorf zu ihren Geschwistern zurückzukehren.

Nach dieser Gegemüberstellung können wir mit Sicherheit sagen, dass es sich bei diesen Geschichten erstens um zwei zeitlich und örtlich voneinander liegenden Salbungen handelt und zweitens, dass bei den Salbungen mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zwei ganz verschiedene Frauen beteiligt waren, auch wenn es gewisse Ähnlichkeiten gibt.

Dass Jesus während seiner früheren Jerusalembesuche nach Betanien kam, ist belegt (Lk 10,38-42). Hier bei seinen Freunden findet er jedes Mal gastliche Aufnahme mit seinen zwölf Jüngern. Zu den drei namentlich genannten Personen seiner Freunde (Lazarus, Martha, Maria), die er liebte, kommt noch eine weitere Person hinzu, es ist Simon mit dem Beinamen `der Aussätzige`. Simon ist nach Matthäus und Markus der eigentliche Gastgeber dieses Abends. Martha ist, wie auch schon bei einem früheren Besuch (Lk 10,38f), für den Tischdienst (Diakonie) zuständig. Simon – Hausherr und Gastgeber, Martha in der Küche, hier scheint doch eine Verwandtschaftsbeziehung erkennbar zu sein. Sicher ist, dass Simon von Jesus bereits bei einem früheren oder gar erstem Besuch in Betanien vom Aussatz gereinigt wurde. Lazarus, den Jesus vor wenigen Wochen von den Toten auferweckte, ist natürlich mit in der trauten Runde der Männer.

Abbildung 3 Alabastergefäße benutzte man damals zur Aufbewahrung von kostbaren Salbölen. Auf dem Bild: Alabastergefäße verschiedener Größen im Museum von Limenas auf der Insel Thassos in Griechenland (Foto am 26. August 2018).

Da macht sich wieder mal Maria bemerkbar, sie öffnet ein Alabastergefäß, bzw. bricht es auf, es ist gefüllt mit sehr wervollem, unverfällschtem Nardenöl. Sie gießt es Jesus auf sein Haupt, so Matthäus und Markus (26,7; 14,7) und auf die Füße (Joh 12,3), so ergänzend von Johannes. Damit ist der ganze Leib (Mt 26,12) gesalbt und das ganze Haus wurde erfüllt vom Duft des Salböls. Wegen der erwiesenen Güte, Liebe und Treue für die Familie, bringt sie ein vollkommenes Dankopfer dar. Und Jesus lässt sie gewähren. Diese ungewöhnliche Tat, ist für die Jünger eine große Herausforderung. Und von einem wird diese Tat völlig falsch bewertet. Nach Matthäus und Markus sind es etliche/einige Jünger (nicht alle) die sich zum Handeln von Maria unzufrieden äußern. Doch Johannes nennt den eigentlichen Verursacher des Murrens, es ist Judas, der Sohn des Iskariot, der als Kassenverwalter eine andere Beziehung zum Geld und sonstigen Wertsachen hatte. Und er meldet sich vorwurfsvoll und voller Unzufriedenheit laut zu Wort: „Warum ist dieses Öl nicht für dreihundert Silbergroschen verkauft worden und den Armen gegeben?“ Und der Kommentar des Evangelisten: „Das sagte er aber nicht, weil er nach den Armen fragte, sondern er war ein Dieb, denn er hatte den Geldbeutel und nahm an sich, was gegeben war.“ (Joh 12,5-6; vgl. Joh 6,70). Einige Jünger schließen sich ihm an. Der Evangelist Matthäus drückt es so aus: „Als aber die Jünger das sahen, entrüsteten sie sich, (emphörten sie sich) indem sie sagten: Wozu diese Vergeudung?“ (Mt 26,8). Hier wird mal wieder deutlich, wie schnell sich negative Stimmung ausbreitet auch unter den verbindlichen und ehrlichen Jesusnachfolgern. Es ist ein Angriff auf Maria, die sich nach der Ansicht der Jünger wieder mal ungehörig benimmt und es ist eine Lieblosigkeit gegenüber ihrem eigenen Meister. Steht ihm nicht viel mehr Wertschätzung und Ehre zu? Als Frau kann sich Maria selber nicht wehren, doch der Meister tritt für sie und auch für die Wahrheit ein: „Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan“ (Mk 14,6). „Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“ (Mk 14,7). Doch soll nicht Judas die Atmosphäre und den Inhalt des Abends  bestimmen. Und es soll schon gar nicht seine habgierige Art die Denkweise der Jünger bestimmen. Diese falsche Denkweise korrigiert Jesus bei seinen Jüngern. Er deutet diese Salbung als eine Voraussalbung zur Bestattung: „Da sprach Jesus: Lass sie in Frieden! Es soll gelten für den Tag meines Begräbnisses.“ (Joh 12,7). Matthäus und Markus ergänzen dazu: „Wahrlich, ich sage euch: Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ (Mt 26,13;  Mk 14,9). Jesus sieht bis tief in die Herzen der Menschen und erkennt deren Gedanken, Abwägungen und Motive für ihre Worte und Handlungen. Er ist die Wahrheit er spricht die Wahrheit, er tut die Wahrheit und durch diese Wahrheit bietet er den einen Hilfe zu Denkkorrekturen und den anderen Trost und Ermutigung.

Johannes schließt diesen Abend ab mit den Worten: „Da erfuhr eine große Menge der Juden, dass er dort war, und sie kamen nicht allein um Jesu willen, sondern um auch Lazarus zu sehen, den er von den Toten erweckt hatte. Aber die Hohenpriester beschlossen, auch Lazarus zu töten; denn um seinetwillen gingen viele Juden hin und glaubten an Jesus.“ (Joh 12,9-11).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wann, an welchem Wochentag kommt Jesus nach Betanien?
  2. Wieviel Geschichten über die Salbung von Jesus durch Frauen gibt es? Wie oft wurde er insgesamt gesalbt?
  3. Was wissen wir über die Freunde von Jesus aus Betanien?
  4. Warum salbte Maria Jesus, was wusste sie oder was ahnte sie voraus?
  5. Wie reagieren die Jünger auf diese Handlung? Mit welchen Worten, bzw. Argumentne begründen sie ihr Unzufriedenheit gegenüber Maria?
  6. Wie schnell macht sich eine negative Stimmung breit?
  7. Denkt Jesus nicht auch an die Armen, warum schließt er sich nicht der Meinung seiner Jünger an, sondern tadelt sie?
  8. Welche Verheißung bekommt Maria für ihre Einstellung zu Jesus und ihre Tat für Jesus?
  9. Lassen sich die Jünger von Jesus korrigieren?
  10. Was löste die Ankunft von Jesus in Betanien unter den Festpilgern aus?
  11. Wie reagieren die Hohenpriester auf die aktuelle Situation?

 

 

10.3 Jesus reitet auf einem Esel-Fohlen in Jerusalem ein

(Bibeltexte: Joh 12,13-19;  Mt 21,1-11;  Mk 11,1-11;  Lk 19,28-44;  Sach 9,9;  Psalm 118,26)

 

Alle vier Evangelisten berichten über den Einzug von Jesus in Jerusalem auf einem Esel-Fohlen. Da die Synoptiker nur über einen Passabesuch von Jesus berichten, mussten sie zwangsläufig die Episode über die Wiederherstellung der Tempelordnung in ihren Evangelienberichten in die Passionswoche legen. Wir haben festgestellt, dass Jesus schon zu Beginn seines Dienstes die Tempelordnung wiederherstellte. Dies geschah nach Johannes 2,13-22 bei seinem ersten Jerusalembesuch (siehe die Ausführungen in Kapitel 4.1).

Der Einzug von Jesus in Jerusalem auf einem jungen Esel bildet einen Höhepunkt in seiner Laufbahn. Es markiert auch den Beginn der letzten Etappe seines Dienstes. Bis jetzt lehnte er für sich die öffentliche Ehrung als König ab (Joh 6,15). Jetzt aber leitet er diesen Höhepunkt selber ein. Johannes berichtet uns: „Als am nächsten Tag die große Menge, die aufs Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen.“ (Joh 12,13). Am nächsten oder folgenden Tag ist in diesem Textzusammenhang der zweite Tag der Woche, also unser Montag gemeint. Der Hauptgrund, warum so viel Volk ihm entgegen ging, war das Wunder der Auferweckung des Lazarus vor wenigen Wochen. Diese Nachricht sprach sich unter den Festpilgern schnell herum, weil sehr viele Menschen Zeugen dieses Wunderzeichens wurden (Joh 12,9). Auch hier erkennen wir, wie Jesus planmäßig vorgeht und diesen Höhepunkt vorbereitet. Bei den Jüngern, dem Volk und bei der Führung der Juden sollten keine Zweifel bleiben in Bezug auf seine Messianität, auch wenn sie dies erst nach seiner Auferstehung erkennen würden. Er wollte zum Ende seines Dienstes ganz bewusst als Messias-König auftreten, wie durch die Schriften des Alten Testamentes deutlich vorausgesagt wurde (2Sam 7,11-15;  Sach 9,9: Nachkomme Davids – König Israels).

Als Jesus und seine Jünger in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte er zwei Jünger voraus und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt, und gleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr auf dem noch nie ein Mensch gesessen hat; bindet sie (beide) los und führt sie zu mir! Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: „Der Herr bedarf ihrer“. Sogleich wird er (der Herr) sie euch zurücksenden.“ (Zusammengesetzt aus den Evangelientexten).

Das Dorf Bethfage befand sich wahrscheinlich auf dem Weg von Betanien nach Jerusalem, noch auf der Ostseite des Ölbergs. Jede Handlung von Jesus hat seinen tiefen Sinn, auch wenn die Menschen ihn nicht immer verstanden haben. Er wählt sich als Gefährt ein noch unverbrauchtes und auch unerfahrenes Esel-Fohlen.

 

Abbildung 4 Eselin und ihr Fohlen im Gehege am Wegrand östlich der Stadt Kos auf der Ägäischen Insel Kos (Foto am 16.Mai 2015).

 

Und sie gingen hin und fanden das Fohlen angebunden an einer Tür draußen am Weg und banden’s los. Als sie aber das Fohlen losbanden, sprachen die Besitzer zu ihnen: Warum bindet ihr das Fohlen los? Sie aber sprachen: „Der Herr bedarf ihrer“. und die ließen’s zu. Und sie brachten die Eselin und das Fohlen und legten ihre Kleider darauf und Jesus setzte sich darauf. (aus den Evangelien zusammengesetzter Text).

Welch ein Kontrast zu dem Siegeseinzug der Weltherrscher, die hoch zu Ros in die von ihnen eroberten Städte einzogen. „Das geschah aber, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9): »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Fohlen, dem Jungen eines LasttiersDas verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.“ (aus den Evangelien zusammengesetzter Text).

Es ist nicht das eine Mal, dass die Jünger ihr eigenes Tun oder das Tun ihres Meisters nicht gleich verstehen, auch später bei der Fußwaschung soll Petrus im Vertrauen gehorchen/tun, was Jesus anordnet, das nennt man Glaubensgehorsam. Umso größer ist die Freude danach, wenn das Geheimnis gelüftet wird. Die Zusammenhänge zwischen den Aussagen der Propheten, den Aussagen von Jesus und seinem Werk der Erlösung verstanden die Jünger erst nach seiner Auferstehung und zwar erst dann, als Jesus ihnen ihr Verständnis öffnete (Lk 24,45).

Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Menge aber, die ihm voranging und nachfolgte, schrie: „Gelobt sei das Reich unseres Vaters David, das da kommt! Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! (aus den Evangelien zusammengesetzter Text).

Das griechische `w,sanna, ösanna` kommt aus dem Hebräischen und kann sowohl als Fleh- oder Hilferuf (rette doch), aber auch als Jubelruf verstanden werden. Natürlich hatten alle Jubelnden eine falsche, bzw. materialistische Vorstellung, wie dieses Davidische Königreich aussehen wird. Und trotzdem lässt Jesus das Volk und seine Jünger gewähren, ihm in vollem Maß die Ehre zu geben. Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.“

Das gefiel nicht allen, Neid kam bei den Pharisäern auf. Der von der Führung Israels gesuchte `Aufrührer` wird so offen als König Israels geehrt.

Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: „Meister, weise doch deine Jünger zurecht!“ Er antwortete und sprach: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Bis dahin verbot er seinen Jüngern strengstens, dass sie Niemandem sagen sollten, dass er der Messias/Christus wäre (Mt 16,20;  Mk 7,36; 8,29-30; 9,9;  Lk 9,20) jetzt aber dürfen sie es hinausrufen. Ein großer Augenblick!

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest an diesem Tag, was dir zum Frieden dient! Aber nun ist’s vor deinen Augen verborgen.Denn es werden Tage über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit (gr. kairo,n kairon) nicht erkannt hast, in der du  heimgesucht worden bist. (Lk 19,41-44).

Welch ein Kontrast! Jesus wird bejubelt, er aber weint, denn er sieht die Herzenseinstellung der großen Menge und der Einzelnen. Er weiß um die falschen Erwartungen des Volkes und deren Enttäuschung danach. Er sieht die Kurz- und Langzeitfolgen, welche diese Blindheit und Verstockung nach sich ziehen wird. Was Jesus hier über die Zerstörung Jerusalems in dramatischer Schilderung voraussagt, wiederholte er kurze Zeit später im Kreise seiner Jünger (Mt 24;  Mk 12).

,„Wenn doch auch du erkenntest“ – es gibt Gründe für die Blindheit, die Verantwortung liegt bei dem Volk. Äußerlich jubelten sie ihm zu, doch das Herz der meisten war ferne von ihm (Joh 2; 7;  Mt 10;  Lk 10). Die Begriffe, die Jesus in seiner prophetischen Voraussage unter Tränen verwendet, beschreiben den realen Zustand der Menschen trotz der gnadenvollen Zuwendung von Gott (wörtl.: die Zeit des Aufsehens – der Begriff  Zeit hier nicht im chronologischen, sondern inhaltlichen Sinne – das Aufsehen ähnlich wie beim Aaronitischen Segen: „Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und sei dir gnädig“). Diese gnadenvolle Zuwendung zeigte sich seit dem Auftreten des Johannes (Sohn des Zacharias), dessen Name von Gott gegeben wurde und die Bedeutung hatte `Gott ist gnädig`, faktisch hatte Gott sein Volk in Gnaden angesehen.

Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und fragte: „Wer ist der?“ Die Menge aber sprach: „Das ist Jesus, der Prophet aus Nazaret in Galiläa.“ Das Volk aber, das bei ihm war, als er Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.“

  • Es war eine große Stunde für Jesus, das gesamte Volk stand hinter ihm. Und im sogenannten Schutz der Sympatie des Volkes konnte er noch einige Tage ganz frei im Tempel öffentlich auftreten. „Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr seht, dass ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“ (Joh 12,19). Am Fuß der Tempelstufen steigt Jesus vom Esel-Fohlen, schickt es den Eigentümern wie versprochen zurück und steigt die Stufen zum Tempel hinauf. Er wird vom Volk besonders zu diesem Passafest seit Tagen erwartet (Joh 11,55-56). Doch die vom Volk erwartete Krönung des `Sohnes Davids` bleibt aus..Die Spannung muß spürbar gewesen sein wegen der Einstellung der Führung Israels gegen Jesus – sie sind fest entschlossen ihn zu töten und suchen nach einer Gelegenheit zum Angriff und Festnahme. Doch Jesus ist nicht das Opfer menschlicher boshaften Ratschlüsse, er hat sein eigenes Konzept. In diesen Tagen wird er (wie auch schon vorher) die Regie übernehmen. Er wird bestimmen, was und wann geschehen wird. Jesus kommt weder den Erwartungen des Volkes nach, noch schreckt er von den Hohenpriestern zurück, die bereits den Beschluss gefasst hatten, ihn zu töten.

Unwillkürlich werden wir an die Krönungsgeschichten aus der Königszeit Israels erinnert, auch an die Selbsternannten Könige. Welch Kontrast, hier kommt der wahre König an, lehnt die Krönung ab  und zeigt ein ganz neues Bild von König und seinem Dienst.

Anmerkung: Die sogenannte Tempelreinigung über welche alle drei synoptischen Evangelien berichten, ist gemäß dem Bericht des Evangelisten Johannes bereits bei dem ersten Jerusalembesuch von Jesus erfolgt. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten über diese Tempelreinigung gleich nach dem Einzug in den Tempel. Zu erklären wäre dies damit, dass sie nur von einem Jerusalembesuch von Jesus berichten und zwar dem letzten Todes-Passa-Besuch. Wollten sie diese wichtige Episode ihren Lesern nicht vorenthalten, mussten sie diese eben am Ende des Dienstes von Jesus einfügen. Wir folgen in diesem Zusammenhang der Chronologie des Johannes und den weiteren Inhalten der Evangelisten mit dem ehrlichen Bemühen nach einer sinnvollen Reihenfolge.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wer begleitete Jesus auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem?
  2. Wann kam Jesus in Jerusalem, bzw. in Betanien  an, an welchem Wochentag und Tageszeit? Begründe deine Aussagen.
  3. Was geschah noch an diesem Abend und wo übernachtete er?
  4. Nächster Tag – mit welchem Auftrag schickt Jesus zwei von seinen Jüngern in das Dorf Betfage? Welche Details nennt Jesus in Bezug auf die Eigentümer der Lasttiere?
  5. Was steht hinter dieser Handlung? Nenne Eigenschaften (Charakterzüge) von Jesus, die hier sehr deutlich hervortreten?
  6. Begründe, warum lässt Jesus es an diesem Tag zu, dass seine Jünger und das Volk ihn als den David-Sohn (König Israels) ehren?
  7. Doch wer freut sich nicht, dass Jesus geehrt wird und warum?
  8. Was steckt hinter dem emotionalen Ausbruch (weinen) bei Jesus, als er die Stadt und deren Menschen vor sich sieht?
  9. Die Krönung im Tempel bleibt aus. Suche nach Krönungsgeschichten in der Zeit der Könige Israels.
  10. Was geschah mit den Lassttieren, nachdem Jesus diese nicht mehr benötigte?

 

 

10.4 Heilungen im Tempel und der Lobpreis der Kinder

(Bibeltext: Mt 21,14-17; Ps 8,3)

 

Was an diesem 2. Tag der Woche (Montag) im Tempel von Jesus an Taten gewirkt wurde, wird nur sehr kurz vom Evangelisten Matthäus beschrieben. Da der Lobpreis der Kinder die Ehrung des `Sohnes Davids` zum Inhalt hat, kann dieser wunderbare öffentliche Heilungsgottesdienst mit dem Einzug von Jesus in Jerusalem zusammenhängen und in denselben Tag eingeordnet werden. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und es traten Blinde und Lahme in dem Tempel zu ihm, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosanna  dem Sohn Davids!, wurden sie unwillig (gr. ¢ganakt¢san – wurden sie entrüstet, sie emphörten sich) und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber sprach zu ihnen: Ja, habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): „Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“? Und er verließ sie und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und übernachtete dort. (Mt 21,14-17).

Der Evangelist Matthäus bescreibt in einem Satz, dass sich Blinde und Lahme Jesus näherten und er sie heilte. Der König als Arzt im Dienst an den Kranken! Immer wenn sich Jesus im Tempel aufhielt, entfaltete er seinen eigenen Gottesdienstablauf. In den Priesterdienst mit den Opfern mischte er sich nie direkt ein. Er hielt sich eher in den Vorhallen auf, wo auch der größte Teil des Volkes Zugang hatte (Joh 10,23). Matthäus hebt besonders „Blinde und Lahme“ hervor und zwar in der Mehrzahl und höchstwahrscheinlich waren auch Menschen mit anderen Behinderungen darunter. Doch Menschen, die mit solchen Behinderungen, konnten nur mit Mühe oder Hilfe anderer zu Jesus gelangen – die einen weil sie nicht sahen, die anderen, weil sie nicht gehen konnten. Wie aus früheren Berichten hervorgeht, fanden sich immer Verwandte oder Freunde, welche behinderte Meenschen zu Jesus brachten. Es heißt hier ausdrücklich: „Und er heilte (gr. eqera,peusen etherapeusen) sie“. Außer in wenigen Fällen ((Mt 8,28; 9,29; 20,32) wandte sich Jesus in der Regel jedem einzelnen Kranken zu, sehr oft mit Händeauflegen (Mt 9,29;  Mk 6,5; 8,23-25;  Lk 13,13).

Während wir aus Johannes 5,3 erfahren, dass die vielen Blinden, Lahmen und Ausgedorte Menschen sich am Teich Bethesda aufhielten und auf Heilung hofften, sind zu diesem Zeitpunkt viele Blinde und Lahme in den Tempel gebracht worden. Die Auferweckung des Lazarus aus dem Tod vor einigen Wochen, hatte sich herumgesprochen. Jetzt erwarteten die Kranken Menschen Jesus im Tempel. Die Therapie von Jesus war eine plötzliche und vollständige. Matthäus ist sehr zurückhaltend und beschreibt nicht die Reaktion der Geheilten. Doch aus der Geschichte mit dem Lahmen im Tempel aus Apostelgeschichte 3,1ff können wir uns lebhaft vorstellen, dass es an diesem Tag im Tempel ein Jubeln und Springen gab. Die Schriftgelehrten und Hohenpriester wurden Augenzeugen dieser erstanlichen Wunderwerke und in ihnen wuchs die Frage nach der Vollmacht von Jesus (Mt 21,23). Diese Heilungen geschahen nicht an einem Sabbat, so dass die Gegner von Jesus keinen Grund fanden, um ihn dafür anzuklagen. Umso mehr suchten sie nach einem passenden Angriffsgrund. Und sie finden einen, der ihnen anstößig zu sein schien. Es sind nicht die Kinder an sich, anstößig ist das, was diese aussprechen, bzw. laut ausrufen: „Hosanna dem Sohn Davids“. In diesem Zusammenhang wird Jesus nicht nur allgemein als einer der vielen Nachkommen Davids geehrt, sondern als der Nachkomme und daher ist diese Bezeichnung als messianischer Titel zu verstehen (Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30-31; 22,42;  Jes 11,10;  Jer 23,5; 33,15;  Hes 34,23.24; 37,24).

Diese Kinder rufen inhaltlich das aus, was sie von den Erwachsenen auf dem Weg vom Ölberg herab gehört hatten (Mt 21,9). Man kann sagen: Jesus wird von den Kindern als König gekrönt, was für eine Ehre für Jesus!

Doch nach der Meinung der Schriftgelehrten wurde hier im Tempel ein falscher Prophet zum König ausgerufen. Die Führung der Juden wollte nicht glauben, dass Jesus der in 2Samuel 7,11-14 verheißene Nachkomme Davids ist. Sie hatten sich nicht mal die Mühe gemacht, um die genaue Herkunft von Jesus zu ermitteln (Joh 7,42-52). Man kann ihnen sogar unterstellen, dass sie es gar nicht erforschen wollten (Mt 2,5; Joh 3,1; 5,37-44; Mt 27,18). Übrigens erkennen wir hier eine weitere Parallele, welche den zeitlichen Zusammenhang zum Einzug nach Jerusalem in den Tempel unterstreicht. Beim Abstieg vom Ölberg fordern die Pharisäer Jesus auf, seine Jünger zum schweigen zu bringen, Hier im Tempel sind es die Hohenpriester und Schriftgelehrten, welche von Jesus das Gleiche in Bezug auf die lobpreisenden Kinder fordern (Lk 19,39;  Mt 21,14). Oder anders formuliert, sie erwarten von Jesus, dass er die Ehrung von Seiten der Kinder ablehnt. Natürlich geht Jesus auf ihre Forderung nicht ein, im Gegenteil, er begründet den Lobpreis der Kinder sogar aus der Schrift (Ps 8,3). Außerhalb des Tempels waren Erwachsene noch mutig und haben Jesus als dem Propheten aus Nazaret und Sohn Davids zugejubelt, hier im Tempel jedoch sind sie zurückhaltend mit ihrem öffentlichen Bekenntnis. Nicht so die Kinder. Sind es nicht oft gerade Kinder, die ihre Eltern an das Tischgebet erinnern, oder ohne Hemmungen vor den Ungläubigen die Geschichte aus der letzten Sonntagschule erzählen? Ja, wenn die Männer schweigen, beruft Gott die Frauen und wenn es keinen Erwachsenen mehr gibt, der Gott lobt, beruft Gott die Kinder und schließlich kann er auch `Steine` zum Reden bewegen (Hab 2,11;  Lk 19,40).

Es erstaunt immer wieder, wie sich Jesus in konkreten Situationen auf die Schrift beruft, bzw. seine Gegner (hier die Schriftgelehrten) an bestimmte Aussagen in den Schriften erinnert und diese in Bezug zur Gegenwart bringt. Er wendet sich an die theologische Elite seiner Zeit mit den Worten: „Habt ihr niemals erkannt“ (Mt 21,16)  oder: „ist euch niemals aufgefallen“? Sicher will Jesus sie nicht demütigen, erniedrigen, aber so und auf diese Weise zeigt er ihnen, wie die Schriften gelesen, verstanden und angewendet werden sollen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was sind die Pläne der Führung Israels in Bezug auf Jesus (Joh 11,53)?
  2. Wie sieht der Ablauf des Gottesdienstes im Tempel von Jesus an diesem Tag aus?
  3. Woher kommen so viele Blinde und Lahme in den Tempel?
  4. Warum nennt Matthäus gerade diese zwei Krankheitsarten?
  5. Behindert Jesus mit seinem Dienst an den Kranken etwa den Tempel- und Opferdienst der Hohenpriester?
  6. Schränkt er etwa den Lehrdienst der Schriftgelehrten ein?
  7. Sind Kinder ein Hindernis im Tempeldienst?
  8. Warum passt deren spontanes Auftreten den Führenden nicht?
  9. Wie ist die Reaktion der Oberen im Volk?
  10. Haben Kinder Anteil in unseren Gottesdiensten?

 

 

10.5 Jesus lehrt im Tempel

(Bibeltext: Joh 12,20-50)

 

Johannes berichtet uns von weiteren wichtigen Ereignissen während dieses Tages.

 

10.5.1 Griechische Pilger wollen Jesus sehen

Der Tempelbezirk war in verschiedene Bereiche unterteilt. Es gab nach dem Eingang einen Vorhof, in dem sich auch Heiden, bzw. Unbesschnittene aufhalten konnten. Schrifttafeln wiesen in mehreren Sprachen darauf hin, dass der weitere Zugang für Ungläubige unter Todesstrafe steht. Der Evangelist Johannes schreibt weiter:

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen’s Jesus weiter.  Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. (Joh 12,20-23).

Nur der Ev. Johannes berichtet uns von dem Besuch der Griechen (gr. Ellhnej Ell¢nes) zum Passafest. Auf dem Hintergrund der zahllosen griechisch/römischen  Götterkulte, zog es viele Heiden zu dem Monotheismus der Juden. Es war also nichts Ungewöhnliches, dass gottesfürchtige Heiden zu den jüdischen Festen nach Jerusalem kamen um anzubeten (Apg 8,27 – äthiopischer Kämmerer). Entweder hielten sie sich im Vorhof der Heiden auf oder sie waren Proselyten – Heiden, die durch den Ritus der Beschneidung zum Judentum konvertierten mit allen Pflichten und Rechten. Diese konnten sich dann frei und ungehindert im Tempel aufhalten. Wieder sind es Ausländer, Fremde, die großes Interesse an Jesus zeigen. Interessant ist auch ihr Zugang zu Jesus, anscheinend trauen sie sich nicht zu Jesus vorzudringen. Sie sprechen Philippus an, den Jünger von Jesus, der neben seinem griechischen Namen auch noch aus dem galiläischen Betsaida kommt. Ihre Bitte lautet: „Herr, wir wollen Jesus gerne sehen“. Vielleicht aus Sicherheitsgründen, informiert Philippus den Andreas, welcher ebenfalls aus Betsaida stammte und wahrscheinlich eine nähere Beziehung zu Jesus hatte, da er zu den zwei ersten Jüngern von Jesus gehörte (Joh 1,40). Jesus nimmt diese Nachricht und das große Interesse der Fremden sehr ernst. In den Evangelienberichten wird von keiner Begegnung mit Nichtjuden berichtet, bei der Jesus abgelehnt worden wäre, außer von den Bewohnern der Dekapolis, die vor lauter Schreck über das Geschehene, Jesus baten ihre Gegend zu verlassen (Mk 5,17) und  Pilatus, aber auch dieser suchte nach einer Möglichkeit, um Jesus freizulassen (Joh 19,12). Auch ist keine Geschichte bekannt, bei der Jesus einen Heiden oder Ausländer abgewiesen hätte. Darum können wir mit Sicherheit annehmen, dass Jesus diese griechischen Pilger zu sich ließ. Denken wir auch zurück an die Aussage von Jesus nach der sogenannte Tempelreinigung. „Und er lehrte und sprach zu ihnen: Steht nicht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker«?“ (Mk 11,17; Jes 56,7).

Nun wendet Jesus sich an seine Jünger, die Griechen und das Volk mit den Worten: „Die Zeit (wörtl.: Sunde) ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde“. Erinnern wir uns an die Episode bei der Hochzeit in Kana zu Beginn seines Dienstes? Dort sagt er zu Maria seiner Mutter: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen“ (Joh 2,4). Doch nun war sie angebrochen, die Stunde der Offenbarung seiner Herrlichkeit. Wenn Jesus von seiner Verherrlichung spricht, dann schließt es neben seiner Auferstehung und Erhöhung auch sein Leiden und Sterben mit ein (Hebr 2,9). Und nun werden diese Griechen Zeugen von einer Bildrede, die im Kern das Werk Christi – seinen bevorstehenden Tod – zum Inhalt hat. Sie sind gerade zur richtigen Zeit gekommen. In den nächsten Tagen werden sie Jesus sehen und erleben, wer er wirklich ist. Gott weiß also die aufrichtig suchenden Menschen zur richtigen Zeit an den richtigen Ort zu führen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Jesus zieht in Jerusalem ein, was macht er nun, was bleit aus?
  2. Aus welcher Motivation kommen Griechen in den Tempel? Durften Nichtjuden den Tempel betreten?
  3. Was interessiert sie an diesem Tag?
  4. Warum wenden sie sich an Philippus, Philippus an Andreas? Welche Bedeutung haben auch heute Kontaktpersonen? Menschen, die in mehr als einem Kulturkreis zu Hause sind?
  5. Beschreibe die Beziehung der beiden Jünger – Philippuns und Andreas zueinander und zu Jesus?
  6. Ließ Jesus die Griechen zu sich kommen? Wie war grundsätzlich die Einstellung von Jesus zu Nichtjuden? Was bedeutet es für uns heute?

 

10.5.2 Leben entsteht durch Sterben

Jesus spricht gerne und oft in Bildern und zwar aus den verschiedensten Lebensbereichen. Hier nimmt er ein Bild aus der Landwirtschaft und füllt es mit einem tiefen geistlichen Sinn. Er bezieht es zuerst auf sich und dann auch auf seine Nachfolger.

 

Abbildung von einem Weizenkorn oder Feld

 

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. Wer sein Leben (ψυχην – psychen) lieb hat, der wird’s verlieren; und wer sein Leben (ψυχην) auf dieser Welt hasst, der wird’s erhalten zum ewigen Leben (αιωνιον ζωην). Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.“ (Joh 12,24-26).

 

 

Ein Weizenkorn kann Jahre in einem trockenen Raum liegen, ohne sich in seiner Substanz zu verändern. Doch sobald es in die feuchte Erde gelangt, beginnt ein Prozess des Sterbens der verschiedenen Schichten über dem Kern, Und dieser innere Kern, welchen Gott mit Lebensfähigkeit geschaffen hat, beginnt zu keimen. Dies ist uns bekannt aus der Landwirtschaft und die Biochemiker geben die Erklärung dazu. Doch was versteht Jesus unter dem Sterben, was meint er mit „Wer sein Leben (ψυχην – psychen) verliert, oder hasst, der wird’s finden“? In erster Linie spricht Jesus von der Hingabe seines eigenen Lebens als Lösegeld wegen der Sünden zur Erlösung Vieler. Den griechischen Begriff `ψυχη – psyche` verwendet Johannes in diesem Zusammenhang für die körperliche/physische, irdische Existenz von Jesus (im Deutschen mit `Leben` übersetzt), so auch in Kapitel 10,11. 15. 17 wo Jesus ebenfalls dreimal von der Hingabe seines körperlichen Lebens (ψυχη – psyche) spricht. So auch in 1Mose 9,4 und 3Mose 17,14 wo für das physisch/körperliche Leben ebenfalls `ψυχη – psyche` steht. Mit diesem, für diese irdische Zeit bestimmten Leben (körperliche Existenz) soll der Mensch sorgfältig umgehen, es pflegen und versorgen, denn es ist die Behausung des menschlichen Geistes und auch die Behausung des Heiligen Geistes im Gläubigen (1Kor 2,11; 6,19). Das Leben in den Tod zu geben wie Jesus es meint, hat nichts mit der Selbstgeißelung und übertriebenen körperlichen Askese zu tun. Doch sich selbst schonen, den eigenen irdischen Vorteil zu suchen oder bewahren gegen Gottes Willen und gegen die Prinzipien seines Reiches, ist Egoismus und verhindert das Entstehen von geistlichem Leben. Daher bleibt der Mensch ohne geistliche Frucht des ewigen Lebens. Erinnern wir uns an die Episode, bei der Jesus  zum erstenmal von seinem Leiden und Sterben spricht und wo Petrus sich vor den Herrn stellt und auf ihn hefrig einredet: „Der Herr sei dir gnädig, es soll nicht so geschehen“ (sinngemäß übersetzt aus Mt 16,22). Auch dort antwortete Jesus mit ähnlichen Worten: „Wer sein Leben (ψυχην) retten will, der wird es verlieren. Wer aber sein Leben (ψυχην) verliert um meinetwillen, der wird es finden“ (Mt 16,25). So erkennen wir eine Kontinuität in der Lebenseinstellung von Jesus, die auch schon durch den Propheten Jesaja vorausgesagt wurde, dass der Messias leiden und sterben würde: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat1 willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist. So wollte ihn der HERR zerschlagen mit Krankheit. Wenn er sein Leben (ψυχην) zum Schuldopfer gegeben hat, wird er Nachkommen haben und in die Länge leben, und des HERRN Plan wird durch seine Hand gelingen. Weil seine Seele sich abgemüht hat, wird er das Licht schauen und die Fülle haben. Und durch seine Erkenntnis wird er, mein Knecht, der Gerechte, den Vielen Gerechtigkeit schaffen; denn er trägt ihre Sünden. Darum will ich ihm die Vielen zur Beute geben und er soll die Starken zum Raube haben, dafür dass er sein Leben in den Tod gegeben hat und den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten“ (Jes 53,4-12). Wie ein einzelnes Weizenkorn gibt Jesus sein Leben in den Tod und erwirkt damit geistliches ewiges Leben für die Vielen.

Doch was in erster Linie in so vollkommener Weise Jesus durchlebt, mutet er auch seinen Nachfolgern zu. Sie werden zum neuen, geistlichen Leben erweckt und zu viel geistlicher Frucht befähigt, wenn sie ihr vergängliches Leben zugunsten des geistlichen ewigen Lebens hinten anstellen. Auch hier gilt es, klar den geistlichen Gehalt hinter dem Buchstaben der Worte Jesu zu erkennen.

  • Es gilt, die durch die Sünde durchtränkte Natur des verdorbenen menschllichen Herzens zu erkennen,
  • Sich zu trennen von der Sünde des Unglaubens, des Egoismus, des Stolzes, des  Neides, der Habgier, der Rechthaberei und sonstigen abgöttischen Lebensweise. Dies kann in einer Grundsatzentscheidung geschehen und dann beständig im alltäglichen Kampf gegen die Sünde fortgesetzt werden.

Jesus verspricht seinen Nachfolgern, die ihm dienen, dass sie bei ihm in der Herrlichkeit seines Vaters, die Ewigkeit verbringen werden (Joh 12,26; 14,1-3). Aber auch schon für diese Zeit sagt er uns die Zuneigung und Würdigung seines Vaters zu – welch eine Ehrung!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist das Besondere an einem Weizenkorn?
  2. d
  3. d
  4. d

10.5.3 Jesus wird vom Vater verherrlicht

Es ist erstaunlich, wie Jesus immer wieder in der Öffentlichkeit seine inneren Empfindungen offenbart. „Jetzt ist meine Seele (ψυχη) betrübt (erschüttert). Und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen“ (Joh 12,27). Und dann folgt ein öffentliches kurzes Gebet zu Gott, eine Bitte in vier Worten: „Vater, verherrliche deinen Namen“! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn verherrlicht und will ihn abermals verherrlichen“ (Joh 12,28). Haben wir richtig gelesen? Bittet Jesus um die Verherrlichung des Vater-Namens? Hat er nicht kurz zuvor gesagt, dass die Stunde gekommen sei, wo der Menschensohn verherrlicht werde (Joh 12,23)? Doch indem der Vater vom Himmel mit hörbarer Stimme seinen Namen verherrlicht, bekennt er sich öffentlich zu seinem Sohn. Was für eine Schönheit in der Beziehung – der Sohn verherrlicht den Vater und der Vater verherrlicht den Sohn. Keine Spur von Egoismus, Ichbezogenheit bei Jesus. Doch was hört das Volk? „Da sprach das Volk, das dabeistand und zuhörte: Es hat gedonnert. Die andern sprachen: Ein Engel hat mit ihm geredet“ (Joh 12,29). Es ist eine gewaltige Stimme vom Himmel geschehen. Sie erinnert an die Offenbarung Gottes in der Wüste am Horeb, wo Gott akustisch hörbar zu ganz Israel redete (2Mose 19,19). Ein unüberhörbares Zeichen vom Himmel, das nicht auf Bestellung von Menschen, sondern auf die ausdrückliche Bitte des Sohnes geschah. Und Jesus adressiert, kommentiert, erklärt diese Stimme sowie deren Gehalt und Auswirkung. „Jesus antwortete und sprach: Diese Stimme ist nicht um meinetwillen geschehen, sondern um euretwillen“ (V. 30). Jesus ringt um das Volk, um in ihnen Glauben zu wecken auch durch dieses Zeichen. Und er fährt fort mit der Offenbarung dessen, was hinter den Kulissen dieser Welt nun vor sich geht: „Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen; das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde“ (V. 30-32). Jesus spricht hier vom Gericht über die Welt und das Gericht über den Fürsten dieser Welt, so seine Erklärung in Kapitel 16,11 „über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“ Das Gerichtsurteil über den Feind Gottes ist gefällt, wie auch Paulus später im Brief an die Kolosser hervorhebt: „Er (Gott) hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus“ (Kol 2,15). Jesus spricht im voraus von den gewaltigen Auswirkungen seines Todes und seiner Auferstehung. Es ist die Art des Vaters und auch des Sohnes, die reale Erfüllung seines Planes vorauszusagen. Mit dem Kreuzestod und der Auferstehung von Jesus, verliert der Fürst dieser Welt (der Teufel und sein Gefolge) die Macht. Denn ausgestoßen werden nach draußen (wohin auch immer) bedeutet Entfernung und daher auch Machtverlust. Ob das von Johannes geschaute und aufgeschriebene Ereignis in Offenbarung 12,10-11 identisch ist mit dem, was Jesus hier sagt: „Und ich hörte eine große Stimme, die sprach im Himmel: Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus; denn der Verkläger (gr. κατηγορ – kategor) unserer Brüder ist verworfen, der sie verklagte Tag und Nacht vor unserm Gott.“

Bis jetzt hat Jesus immer nur seinen Jüngern von seinem Kreuzestod gesagt, nun aber offenbart er es dem Volk, so dass auch sie nach wenigen Tagen die Realität der Erfüllung mit Jesu Voraussage vergleichen könnten – auch dies ist eine Glaubenshilfe.

Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn“ (V. 34)? Typisch für Johannes ist, dass er zweimal die Aussagen von Jesus über dessen Erhöhung aufgeschrieben hat und jedes Mal deutet er es auf seinen Kreuzestod. „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben“ (Joh 3,14-15). Auf die Frage des Volkes: „Wer ist dieser Menschensohn“, gibt Jesus keine direkte Antwort, sondern spricht wieder in der schon gewohnten Bildersprache: „Es ist das Licht noch eine kleine Zeit bei euch. Wandelt, solange ihr das Licht habt, damit euch die Finsternis nicht überfalle. Wer in der Finsternis wandelt, der weiß nicht, wo er hingeht.

Glaubt an das Licht, solange ihr’s habt, damit ihr Kinder des Lichtes werdet“ (Joh 12,35-36). Nicht nur hier, sondern in den meisten Fällen spricht Jesus von sich in der 3. Person. Das Element Licht verwendet Jesus öfters in seinen Bildreden und deutet es auf seine Person (Joh 1,5. 7. 9; 8,12 – „Ich bin das Licht der Welt“). Noch eine kleine Zeit, nur noch wenige Tage ist er leibhaftig unter den Menschen. Wiederum ein herzliches, fast bittendes Werben um Nachfolge. Er wirbt um den Glauben des Volkes, der große Auswirkungen haben könnte. Im Licht wandeln oder bleiben bedeutet bei der Wahrheit, wie sie Jesus lebte und verkündigte, zu bleiben. An das Licht glauben, bedeutet Jesus und seinem Wort völlig vertrauen. Kinder/Söhne des Lichts zu sein war für die Juden wohl bekannte Bezeichnung aus der Glaubensgemeinschaft der Essener am Nordwestufer des Toten Meeres. Doch hier ist der Licht-Bezug zur Person Jesu, als Messias für die meisten seiner Zuhörer neu.

 

10.5.4 Das Ergebnis dieses Tages

Das Ergebnis dieses Tages (aber auch der Gesamttätigkeit Jesu in Jerusalem) beschreibt Johannes in zweierlei Richtungen.

  1. Und obwohl er solche Zeichen vor ihren Augen tat, glaubten sie doch nicht an ihn“ (Joh 12,37). Das Volk ist hin- und hergerissen, mal erwartungsvoll begeistert, dann begierig auf Zeichen, wiederum unschlüssig, es fehlt die Bereitschaft zur letzten Konsequenz – dem offenen und mutigen Bekenntnis zu Jesus als dem Messias Israels.

Johannes fügt noch etwas Wichtiges hinzu, was gewisse Fragen in Bezug auf die Glaubensfähigkeit des Menschen aufwirft: „Damit erfüllt werde der Spruch des Propheten Jesaja, den er sagte (Jesaja 53,1): »Herr, wer glaubt unserm Predigen? Und wem ist der Arm des Herrn offenbart?«  Darum konnten sie nicht glauben, denn Jesaja hat wiederum gesagt (Jesaja 6,9-10): »Er hat ihre Augen verblendet und ihr Herz verstockt, damit sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich ihnen helfe.« ´Das hat Jesaja gesagt, weil er seine Herrlichkeit sah und redete von ihm“ (Joh 12,38-41). Es gibt also Zeiten, in denen Gott den Menschen zugewandt ist und es gibt Zeiten, in denen Gott sich abwendet. Das hat natürlich zum einen mit der Souveränität Gottes zu tun, aber auch mit der Verstocktheit des Menschen, wenn er die sogenannten Zeiten in denen er von Gott gnädig angesehen ist, nicht erkennt, bzw. nicht nutzt, so Jesus in Lukas 19,44: „weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist“. Zu vergleichen auch mit dem „Heute“ aus dem Nazaretbesuch (Lk 4,21) oder dem: „Heute, so ihr seine Stimme hört …“ aus dem Psalm 95,7; Hebr 3,7. 15; 4,7).

 

  1. Zum Ergebnis des Wirkens Jesu gehört auch folgende Feststellung des Evangelisten Johannes: „Doch auch von den Oberen glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. Denn sie hatten lieber Ehre bei den Menschen als Ehre bei Gott“ (Joh 12,42-43). Mangelnde oder unklare Gotteserkenntnis, religiöser Traditionalismus, der eine halbherzige Gottesbeziehung zur Folge hat, Menschenfurcht, Ansehen in dieser Welt, Gruppendynamische Zwänge sind die Hindernisse oder Barrieren zu einem klaren und mutigen Jesus-Bekenntnis.

Doch Jesus gibt nicht auf, er winkt nicht ab, er dreht sich nicht weg, sondern wirbt unermüdlich für den Glauben, denn er will retten, erlösen, befreien. Er weiß, dass nach seinem Tod viele an ihre Brust schlagen werden als Zeichen der Reue, er weiß, dass nach etwa zwei Monaten tausende vom Volk und viele der Oberen sich öffentlich zu ihm wenden und ihn als Messias/Christus anerkennen werden. Er predigt, ruft wie ein Herold, wendet sich an den Einzelnen mit Vollmacht und Kraft des Wortes, welches Früchte tragen wird: „Jesus aber rief: Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat. Und wer mich sieht, der sieht den, der mich gesandt hat. Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe. Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, dass ich die Welt richte, sondern dass ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage. Denn ich habe nicht aus mir selbst geredet, sondern der Vater, der mich gesandt hat, der hat mir ein Gebot gegeben, was ich tun und reden soll. Und ich weiß: sein Gebot ist das ewige Leben. Darum: was ich rede, das rede ich so, wie es mir der Vater gesagt hat“ (Joh 12,44-50). Was für eine Intensität, was für eine Tiefe Ergebenheit dem Vater und dessen Auftrag!

Auch dieser zweite Tag der Woche neigte sich dem Ende zu und Jesus ging zum Tempel hinaus und: „Er verbarg sich vor ihnen“, dieser Ausdruck verrät die angespannte Situation – Jesus war lebensgefärdet. Er geht hinaus vor die Stadt nach Betanien, denn am nächsten Morgen bricht er von dort auf, um wieder nach Jerusalem zu gehen (Mk 11,12).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wo befindet sich Jesus und was ist seine Haupttätigkeit an diesem zweiten Tag der Woche?
  2. Wer umgibt ihn und wer ist ganz besonders an ihm interessiert?
  3. Was waren die einzelnen Themen in seiner Lehrtätigkeit?
  4. Welche Bilder verwendet Jesus und welchen Sinn legt er in diese hinein?
  5. Wie intensiv ist die Beteiligung des Volkes – Anmerkungen, Fragen?
  6. Welches Ereignis/Zeichen der Herrlichkeit Gottes geschah an diesem Tag und warum?
  7. Beschreibe die Einstellung Jesu zu Gott seinem Vater und zu dem Volk.
  8. Nenne die Kurz- und Langzeitergebnisse des Dientes von Jesus.

 

Dann lässt er sie stehen und entfernt sich aus dem Tempel wie der Evangelist vermerkt, geht zur Stadt hinaus und übernachtet in Bethanien bei seinen Freunden (Mt 21,17)..

10.6 Jesus verflucht einen fruchtlosen Feigenbaum

(Bibeltexte: Mt 21,18-20; 21-22;  Mk 11,12-14; 19-26)

 

Die Geschichte mit dem fruchtlosen Feigenbaum, den Jesus verdorren lässt, haben Matthäus und Markus aufgeschrieben. Beide ordnen es in die Passionswoche ein. Da der Evangelist Markus diese Geschichte in zwei Teilen beschreibt, gehen wir von seinem Text aus und ziehen die Ergänzungen bei Matthäus hinzu. So schreibt Markus:

Und am nächsten Tag, als sie von Betanien weggingen, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum von ferne (Mt: „am Wege“), der Blätter hatte; da ging er hin, ob er etwas darauf fände. Und als er zu ihm kam, fand er nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit (gr. kairo,j kairos – (Ernte)zeit) für Feigen. Da fing Jesus an und sprach zu ihm: Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das. (Mk 11,12-14). Matthäus ergänzt: „Und der Feigenbaum verdorrte sogleich. Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und sprachen: Wie ist der Feigenbaum so plötzlich verdorrt?“ (Mt 21,19b-20).

Beachten wir zunächst einige äußere Details dieser einmaligen und einzigartigen Geschichte. Früh am Morgen bricht Jesus mit seinen Jüngern von Betanien auf, um in die nur drei Kilometer entfernte Stadt Jerusalem zu gehen. Wir zählen diesen Morgen bereits dem 3. Wochentag zu – das wäre unser Dienstag. Gut möglich, dass seine Jünger im Haus des Simon durch den Dienst von Martha gefrühstückt hatten, Jesus aber die frühen Morgenstunden zum Gebet nutzte und später auf dem Weg auch etwas essen wollte. Auf jeden Fall betont Markus, dass Jesus hungrig war. Wie real menschlich war doch der Menschensohn Jesus. Von Betanien her kommend, geht Jesus an Bethfage vorbei, dem Haus der Feigen, so die Bedeutung des Ortsnamens. Seine Aufmerksamkeit wird auf einen üppig grünenden Feigenbaum gelenkt der in einiger Entfernung am Wegesrand wuchs. Aus der Entfernung ist nicht zu erkennen, ob sich unter dem dichten Laub Früchte verbergen. Nach 5Mose 23,25 war es erlaubt im Weinberg des Nachbarn Trauben zu essen, man durfte jedoch nichts mitnehmen, ähnliches Verhalten war auch für das Kornfeld vorgeschrieben (5Mose 23,26; Mt 12,1f).

Der Feigenbaum kommt in biblischen Erzählungen häufig vor (5Mose 8,8;  Ri 9,11;  1Kön 5,5; 10,27;  2Kön 18,31;  Spr 27,18;  Hl 2,13;  Jes 34,4;  Jer 5,17; 8,13;  Hos 2,14; 9,10;  Joe 1,7.12; 2,22;  Am 4,9;  Micha 4,4;  Nah 3,12;  Hab 3,17;  Hag 2,19;  Joh 1,50).

 

Abbildung 5 Die erste Kleidermode wurde von Eva und Adam entworfen und ausprobiert, doch Gott war damit nicht einverstanden. Das Material dieser Bekledungsart welkte und trocknete bereits nach einigen Tagen aus und wurde unbrauchbar (Foto: 30. Juni 2016).

Der Feigenbaum ist die einzige Baumart, welche im Garten Eden namentlich erwähnt wird, wenn auch nur indirekt – 1Mose 3,7: „Sie flochten sich Röcke aus Feigenblättern“.

 

Abbildung 6 Ein riesengroßer Feigenbaum in einem Garten auf der Insel Kos im Ägäischen Meer. Der Baum ist so groß, dass er das ganze Haus überschattet. Aus dieser Entfernung ist es wegen dem dichten Blätterlaub nicht  auszumachen ob sich darunter Früchte verbergen (Foto am 14. Mai 2015).

 

Als Jesus sich dem im Text erwähnten Feigenbaum nähert und Feigen sucht, findet er keine. Er stellt fest, dass der Baum fruchtlos ist. Sofort und ohne auf die Ankunft der Jünger zu warten, spricht er spontan die Worte aus: „Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das.“ (Mk 11,14).

Jesus geht zu ihm hin und erst aus der Nähe stellt er fest, dass der Baum fruchtlos ist. Sofort und ohne auf die Ankunft der Jünger zu warten, spricht er spontan die Worte aus: „Nun esse niemand mehr eine Frucht von dir in Ewigkeit! Und seine Jünger hörten das.“ (Mk 11,14). Die Jünger befinden sich zwar in einiger Entfernung hinter Jesus, hören aber was er ausspricht. Nach dem Bericht des Markus wenden sich die Jünger nicht sofort an Jesus, sondern erst am folgenden Morgen. Nach Matthäus 21,20b verwunderten sich die Jünger und sagten zu einander): „wie ist der Feigenbaum sofort verdorrt“? Markus fährt knapp fort mit den Worten: „Und sie kamen nach Jerusalem und Jesus ging in den Tempel.“ (Mk 11,15a). Hier stellen sich zwei Fragen:

 

  1. Frage: Warum sucht und erwartet Jesus Feigen, wenn er doch genau weiß, dass es noch nicht Erntezeit ist (Mk 11,13)?

Der eigentliche Grund für die Verfluchung des Feigenbaumes ist der: „Jesus fand darauf keine Frucht, nur Blätter“. An dieser Stelle ist es sinnvoll, einiges über die Beschaffenheit des Feigenbaumes zu erfahren. Obwohl die Zeit für (reife) Früchte (etwa im Juni) noch nicht da war, hätte es bei einem fruchtbaren Feigenbaum Zeichen der Früchte geben müssen. Häufig zeigen sich die kleinen  Früchteknospen (die Blühte ist innerhalb der Frucht) schon bevor Blätter sprießen. Dies gilt besonders für die milden klimatischen Verhältnisse am Osthang des Ölbergs, wo Bethfage und Betanien lagen. Oft reifen die Spätfeigen vom Vorjahr  erst in den Frühlingsmonaten voll aus (Jes 28,4; Micha 7,1). Ludwig Schneller, jahrzehntelanger evangelischer Pastor in Bethlehem zählte im Frühjahr 1888 in seinem Garten etwa 1500 solcher Spät- bzw. Frühfeigen md sagt, dass diese sehr begehrt sind wegen ihrer besonderen Süße (1994, 282).

 

Abbildung 7 Es ist Februar auf Südzypern, die Blätter dieses Feigenbaumes kommen erst gegen Anfang März, doch vom Vorjahr sind viele Feigen in unterschiedlicher Größe und Reife zu sehen. Zumindest einige davon würden bereits im April eßbar sein (Foto am 7. Februar 2007).

Auch solche Frühfeigen fand Jesus nicht auf dem besagten Feigenbaum vor. Dies ist ebenfalls ein Hinweis für die Fruchtlosigkeit jenes Baumes. Wenn dieser Feigenbaum gegen Ende März, Anfang April dazu noch überhaupt keine Anzeichen von Jungfrüchten hatte, dann war er fruchtlos. Nicht vorstellbar wäre eine Deutung, wonach Jesus nur aus einer Laune heraus und weil er Hunger hatte, seinem Ärger Luft gemacht hätte. Sein Urteil war daher berechtigt und begründet (vgl. dazu auch Mt 3,10; 7,19; Joh 15,6). Übrigens lässt sich im gesamten östlichen Mittelmeerraum beobachten, dass häufig Früchte (nicht nur Feigen) in noch unreifem Zustand mit besonderer Vorliebe gegessen werden,

Trotz diesen plausiblen Erklärungen stellt sich eine weitere Frage.

 

  1. Frage: Warum verflucht Jesus den Feigenbaum und gibt ihm keine weitere Chance mehr, wo nach seinen Worten in dem Gleichnis aus Lukas 13,6-9 einem Feigenbaum sogar nach drei fruchtlosen Jahren ein weiteres Jahr eingeräumt wird?

ANMERKUNG: Aus dem Johannesevangelium wissen wir, dass Jesus während seines Dienstes mindestens viermal nach Jerusalem hochgegangen war (Joh 2; 5; 7; 12). Da er häufig bei seinen Freunden in Betanien übernachtete, ging er jedesmal den gleichen Weg und an dem selben Feigenbaum vorüber. Möglich, dass er dessen Fruchtlosigkeit bereits seit Jahren kannte und daher war er nur ein Hindernnis und raubte dem Boden die Kraft oder machte den Boden unbrauchbar wie es der Eigentümer des Weinbergs in Lukas 13,7 ausdrückte.

Gelegentlich wird die totale Verdorrung des Feigenbaumes in der Nähe Jerusalems und zum Ende des Dienstes von Jesus, auf den Tempel bezogen, der im Jahre 70 n. Chr. von den Römern völlig zerstört und seitdem nicht mehr aufgebaut wurde (so zum Beispiel Nick Page 2011, 158). Es scheint einen gewissen Bezug dazu zu haben, doch im Text und den Erklärungen, die Jesus selbst seinen Jüngern gibt, deutet nichts darauf hin. Allerdings kann dieses totale und endgültige Verdorren des Baumes auf einzelne Menschen oder Menschengruppen gedeutet werden, die offensichtlich Gottes Gnade dauerhaft ablehnen, oder gar Missbrauchen:

  • Mt 3,10; 7,19: fruchtlose Bäume bezogen auf Menschen ohne geistliche Früchte;
  • Mt 11,21: unbußfertige Bewohner der Städte Kapernaum, Bethsaida und Korazin;
  • Mk 3,29;  Lk 12,10: bezogen auf Menschen, welche den Heiligen Geist Gottes lästern;
  • Mt 27,4-5-Judas, der Gottes Gnade missbrauchte;
  • 1Joh 5,16-17: die Sünde, welche zum Tode führt;
  • Offb 3,16: Menschen, welche weder kalt noch warm sind wird Jesus ausspeien.

Der Evangelist Markus fährt in seinem Bericht fort:

Und als sie am Morgen an dem Feigenbaum vorbeigingen, sahen sie, dass er verdorrt war bis zur Wurzel. Und Petrus dachte daran und sprach zu ihm: Rabbi, sieh, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. (Mk 11,20-21).

Dieser Morgen war auch bei Markus der Morgen des 3. Wochentages, also der Dienstag, weil er den ersten Teil dieser Geschichte in den Morgen des 2. Wochentages legt. Anscheinend hat Jesus mit seinen Jüngern wieder in Betanien übernachtet. Und wieder ist es Petrus, der das, was die Jünger am Vortag untereinander mit Verwunderung aussprachen, jetzt direkt vor Jesus ausspricht. Markus betont noch, dass der Feigenbaum bis auf die Wurzel, d.h. einschließlich der Wurzel verdorrte. Wäre die Wurzel nicht auch verdorrt, hätte der Baum erneut getrieben, wie in dem folgenden Bild ersichtlich wird.

 

Abbildung 8 Dieser Feigenbaum ist durch Frost, der noch im Monat April 2009 eingetreten war, erfroren. Und da es bei ihm Ende Juni immer noch kein Lebenszeichen gab, wurde er bis auf einen geringen Stumpf abgesegt. Im Frühling des darauffolgenden Jahres zeigten sich am Stumpf winzig kleine Knospen und bereits Mitte Juli hatte er üppige Zweige. Heute im Jahre 2018 ist dieser Feigenbaum etwa 3 Meter hoch und trägt reichlich Früchte (Foto: 9. Juli 2010).

 

Das griechische Wort welches Markus hier für `du verflucht hast` verwendet ist: `kathra,sw kat¢rasö`. Die Präposition `kat`, bzw. `kata`, unterstreicht die Endgültigkeit der Aussage von Jesus.  Daher wird dieser Feigenbaum nie mehr sprießen können (vgl. dazu Mt 25,41: „geht weg von mir ihr Verfluchten“). Die Bemerkung des Petrus nutzt Jesus zu der zentralen Aussage und Anwendung aus diesem Vorgehen mit dem Feigenbaum. So schreibt Markus weiter:

Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berge spräche: Heb dich und wirf dich ins Meer!, und zweifelte nicht (gr. mh, diakriqh, m¢ diakrith¢) in seinem Herzen, sondern glaubte, dass geschehen werde, was er sagt, so wird’s ihm geschehen. Darum sage ich euch: Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubt nur, dass ihr’s empfangt, so wird’s euch zuteil werden. (Mk 11,22-24). Matthäus ergänzt: „Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr solches nicht allein mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird’s geschehen.“ (Mt 21,21-22).

Es fällt geradezu auf, dass Jesus sehr stark auf die Kraft und Macht des Glaubens hinweist, durch den die Jünger `Bäume verdorren und Berge versetzen` vermögen.

ANMERKUNG: Wir haben festgestellt, dass Bäume in ihrer Übertragung häufig für Menschen stehen, so können Berge für Hindernisse, Barrieren stehen, die zu Ebenen werden können (Sach 4,7;  Lk 3,5), denn wir haben kein einziges Beispiel dafür, dass die Jünger die Aussage von Jesus jemals buchstäblich angewendet hätten.

Einige mögliche Anwendungen im Dienst der Apostel:

  • In Apostelgeschichte 5,3 wird von einer ungewöhnlichen Reaktion des Petrus berichtet: „Petrus aber sprach: Hananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen und etwas vom Geld für den Acker zurückbehalten hast?“
  • In Apostelgeschichte 8,20-21 tritt Petrus mutig dem gleichnamigem Zauberer Simon entgegen mit den Worten: „Dein Geld fahre mit dir ins Verderben, weil du meinst, Gottes Gabe werde durch Geld erlangt. Du hast weder Anteil noch Anrecht an dieser Sache; denn dein Herz ist nicht rechtschaffen vor Gott.“
  • In Apostelgeschichte 13,9-11 tritt der Apostel Paulus entschlossen dem Zauberer Elymas entgegen. Lukas schreibt: „Saulus aber, der auch Paulus heißt, voll Heiligen Geistes, sah ihn an und sprach: Du Sohn des Teufels, voll aller List und aller Bosheit, du Feind aller Gerechtigkeit, hörst du nicht auf, krumm zu machen die geraden Wege des Herrn? Und nun siehe, die Hand des Herrn kommt über dich, und du sollst blind sein und die Sonne eine Zeit lang nicht sehen! Auf der Stelle fiel Dunkelheit und Finsternis auf ihn, und er ging umher und suchte jemanden, der ihn an der Hand führte.“
  • In Apostelgeschichte 18,6 wird die Reaktion des Paulus auf den Widerstand der Juden in Korinth mit drastischen Worten beschrieben: „Als sie aber widerstrebten und lästerten, schüttelte er die Kleider aus und sprach zu ihnen: Euer Blut komme auf euren Kopf! Ich bin rein; von jetzt an werde ich zu den Nationen gehen.“
  • In 1Korinther 5,5 ordnet Paulus in Bezug auf eine Person mit verdorbenem Lebensstil an: „(…) sollt ihr diesen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches, auf dass sein Geist gerettet werde am Tage des Herrn.“
  • In 1Timotheus 1,20 erinnert der Apostel seinen Mitarbeiter: „Unter ihnen sind Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergeben habe, damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern.“
  • In 2Korinther 10,4-5 schreibt der Apostel Paulus über den Umgang mit Hindernissen: „Denn die Waffen unsres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig im Dienste Gottes, Festungen zu zerstören. Absichten zerstören wir und alles Hohe, das sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und nehmen gefangen alles Denken in den Gehorsam gegen Christus.“

Solch ein Handeln im Glauben hat nichts mit Selbstverherrlichung oder Selbstdarstellung zu tun. Dieses Handeln im Glauben ist auf Gott ausgerichtet und von Gottes Geist gewirkt. Die Aufforderung von Jesus: „habt Glauben an Gott oder zu Gott“, steht vor dem Handeln.

Doch Jesus nennt auch ein Hindernis, das der Erhörung des Gebets und machtvollem Handeln im Wege steht – es ist der Zweifel oder das Zweifeln im Herzen. Das griechische Wort dafür ist: `dia-kriqh, diakrith¢` (vgl. dazu auch Jak 1,6). Wenn Jesus eine Antwort gibt, dann heißt es: `O Ihsou,j ap,o-kriqei,j O I¢sous apo-kritheis`. Die Antworten von Jesus sind klare und eindeutige Reaktionen auf gestellte Fragen und/oder stimmige Bewertungen (Kritiken) auf Handlungen der Menschen. Eine `diakrith¢` dagegen ist eine geteilte, ja, in sich widersprüchliche Einstellung und Bewertung gegenüber der Zusage Gottes. Einfach ausgedrückt: Wie soll Gott positiv und eindeutig auf unser `jain` antworten können?

In diesem geschichtlichen Zusammenhang nennt Jesus seinen Jüngern eine weitere wichtige Voraussetzung für erhörliches Beten. So schreibt Markus weiter: „Und wenn ihr steht und betet, so vergebt, wenn ihr etwas gegen jemanden habt, damit auch euer Vater im Himmel euch vergebe eure Übertretungen.“ (Mk 11,25-26). Den Schuldigern ihre Verschuldungen nicht anrechnen, sondern erlassen, vergeben (vgl. dazu auch Mt 6,12; 18,20-35). Im Grunde geht es bei der gesamten Geschichte um eine geklärte und geordnete Beziehung zu den Mitmenschen, sowie einen eindeutigen Glaubens- und Gehorsamsbezug zu Gott. Dieser Glaubensbezug war bei den Jüngern in anbetracht des bevorstehenden Leidensweges von Jesus mangelhaft und fehlte bei Judas gänzlich.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe die zeitlichen und örtlichen Details dieser Geschichte.
  2. Forsche nach, wo und in welchen Zusammenhängen der Feigenbaum in der Bibel genannt wird?
  3. Beschreibe die Besonderheiten des Feigenbaumes und seiner Früchte.
  4. Wofür stehen Bäume und Berge in biblischen Erzählungen?
  5. Welche möglichen Deutungen zu dieser Geschichte sind dir bekannt und was ist der Hauptgedanke oder die Lehre daraus? Was will Jesus seinen Jüngern dadurch nahe bringen?
  6. Das Zweifeln wird dem Glauben gegenübergestellt. Erkläre diese zwei wichtigen Begriffe.
  7. Nenne weitere Hindernisse, die dem erhörlichen Gebet im Wege stehen.
  8. Welche Gefahr und Risiko liegt in einem fruchtlosen Lebensstil eines Menschen?
  9. Wie haben die Jünger Jesus verstanden und in welchen Situationen haben sie Berge versetzt und Bäume verdorren lassen?
  10. Was sind deine Erfahrungen im Bereich Berge versetzen?

10.7 Die Frage nach der Vollmacht und woher war die Taufe des Johannes?

(Bibeltexte: Mt 21,23-27;  Mk 11,27-33;  Lk 20,1-6)

 

Früh am Morgen des 3. Wochentages (Dienstag) kommt Jesus wieder in den Tempel. Dort geht er seiner wichtigsten Tätigkeit nach und lehrt öffentlich (Mt 21,23; Joh 18,20). Der Evangelist Lukas betont ausdrücklich, dass Jesus „lehrte im Tempel und predigte das Evangelium“ (Lk 20,1). Immer wieder lässt er sich in der Lehre unterbrechen durch die Fragen der Zuhörer. Viel Zeit investiert Jesus in die Diskussionen mit den führenden Gruppen im Judentum, den Schriftgelehrten, Pharisäern, Sadduzäern, Ältesten und Hohenpriestern. Ständig fordern sie ihn mit ihren kritischen Fragen oder Versuchungen heraus, fast immer mit der Absicht, ihm eine Falle zu stellen. Er nutzt jedoch diese Herausforderungen, um seine Gegner aus ihrer Verhärtung herauszubringen.

Der Evangelist Matthäus schreibt:

Und als er in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten.“ (Mt 21,23). Der Evangelist Lukas ergänzt: „Und es begab sich eines Tages, als er das Volk lehrte im Tempel und predigte das Evangelium, da traten zu ihm die Hohenpriester und die Schriftgelehrten mit den Ältesten und sprachen zu ihm. (Lk 20,1;  ähnlich auch in Markus 11,27).

Das Evangelium (gr. euange,lion euangelion – Frohe Botschaft, Gute Nachricht), ist die Überschrift der Lehr,- und Predigtdetails, welche Jesus bereits im ganzen Land verkündigt hatte und nun auch hier in Jerusalem im Tempel offenbart. Bis jetzt redete Jesus zum Volk, doch nun nähern sich ihm eine größere Abordnung aus allen leitenden Gremien des Judentums. Ja, Jesus hat die Größe, sich unterbrechen zu lassen und auf die Fragen der Tempelführung einzugehen: „Aus welcher Vollmacht tust du das? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben, dass du das tust?“ (Mk 11,28;  ähnlich auch Lk 20,2; Mt 21,23).

Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch eine Sache fragen; wenn ihr mir die sagt, will ich euch auch sagen, aus welcher Vollmacht ich das tue. Woher war die Taufe des Johannes? War sie vom Himmel oder von den Menschen? (Markus ergänzt mit:Antwortet mir!“) Da bedachten sie’s bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie war vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? Sagen wir aber, sie war von Menschen, so müssen wir uns vor dem Volk fürchten, denn sie halten alle Johannes für einen Propheten. Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen’s nicht. Da sprach er zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue.“ (Mt 21,24-27). Markus ergänzt: „Oder sollen wir sagen, sie war von Menschen? Doch sie fürchteten sich vor dem Volk; denn sie meinten alle, dass Johannes wirklich ein Prophet sei.“ (Mk 11,32). Lukas ergänzt: „Sagen wir aber, von Menschen, so wird uns alles Volk steinigen; denn sie sind überzeugt, dass Johannes ein Prophet war.“ (Lk 20,6).

Eigentlich ist es eine Doppelfrage, welche die führenden Juden an Jesus richten: „in welcher Vollmacht tust du dies oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben?“ Der griechische Begriff `exousi,a exousia`  wird mit `Macht, Vollmacht` oder auch mit `Recht` übersetzt. Die Frage zielt auf eine Person hin, welche hinter und über Jesus steht und die Jesus bevollmächtigte zu seinem übernatürlichen Handeln. Im Grunde gibt es nur eine einzige Instanz, doch diese anzuerkennen sind die Führenden in Israel nicht bereit. Trotzdem wurde die Frage nach der Vollmacht mehrmals gestellt, wenn auch unterschiedlich formuliert. Zum ersten Mal bei seinem ersten Jerusalembesuch. So lesen wir in Johannes 2,18: „Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: Was zeigst du uns für ein Zeichen, dass du dies tun darfst?“ Damals betraf es die Aktion mit der Vertreibung der Händler und Geldwechsler vom Tempelgelände. Vergleicht man die Texte der drei synoptischen Evangelien, entsteht der Eindruck dass sich diese Doppelfrage der Juden auch auf die Aktion mit der Vertreibung der Händler vom Tempelgelände bezieht, weil alle drei Evangelisten darüber kurz davor berichten. Da wir aber der Chronologie des Johannes folgen, wonach die Vertreibung der Händler und Geldwechsler bereits bei dem ersten Jerusalembesuch stattgefunden hatte,  nehmen wir an, dass sieh diese Doppelfrage auf die vielen Wunderheilungen an Blinden und Lahmen vom Vortag bezog (Mt 21,15). Wahrscheinlich ist auch, dass diese Frage die führenden Juden die ganze Zeit über beschäftigte und dass diese Frage sich zum Ende seines Dienstes immer dringlicher stellte. Schon Nikodemus bemerkte bei seinem Besuch in der Nacht: „Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ (Joh 3,2). Mit anderen Worten, an deinen Wundern sehen wir deutlich, dass du von Gott bist, oder Gott mit dir ist. Doch bereits in Galiläa positionierten sich einige Pharisäer und Schriftgelehrten gegen Jesus mit der Behauptung: „Er treibt die bösen Geister nicht anders aus als durch Beelzebul, ihren Obersten.“ (Mt 12,24; Mk 3,22). Auch bei der Heilung des Blindgeborenen (Joh 9,16) stellte sich die Frage nach der Herkunft und Vollmacht von Jesus (Joh 9,17.29-33). Und diese Frage stellte sich natürlich auch besonders bei der Auferweckung des Lazarus. Die Ratlosigkeit der Führung des Volkes war offensichtlich: „Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen (…)“ (Joh 11,47-48).

Es fällt immer wieder auf, dass Jesus sich nicht einfangen lässt, sondern die Menschen durchschaut und sie in sein eigenes Konzept einbezieht – das ist göttliche Weisheit. Er sagt nicht einfach JA oder Nein, er befriedigt nicht ihre Neugier, ihm liegt auch nicht daran, sie zu beschämen oder bloßzustellen, er will das wahre Problem seiner Gegner aufzeigen. Damit bietet er ihnen eine weitere Chance zur Umkehr. Und daher verbindet Jesus ihre Frage mit einer Gegenfrage, welche sich mit der Taufe des Johannes befasste, die bereits einige Jahre zurück lag. Merken wir, dass Jesus hier in der Vergangenheitsform spricht? Denn bereits bei Johannes wurde entschieden, wer den Messias annehmen und wer ihn ablehnen wird. Seit dem Auftreten des Johannes am Jordan ist die Führung Israels dem Volk gegenüber eine öffentliche Stellungnahme schuldig geblieben. Da ist also Nachholbedarf und Jesus fordert sie heruas und zwar in in Anwesenheit des Volkes. Doch mit dieser Reaktion von Jesus haben die Führer des Volkes nicht gerechnet. Jetzt müssen sie Farbe bekennen und zwar öffentlich vor allem Volk ihre Position zu der Johannestaufe offen legen. Offenbaren sie ihre ablehnende Einstellung zu Johannes dem Täufer, sind sie in Lebensgefahr. Bekennen sie sich zu der Johannestaufe, so müssen sie ihr gesamtes Konzept revidieren. Sie werden sich erinnert haben an die Frage der von den Juden/Pharisäern Abgesandten Hohenpriestern und Leviten zu Johannes dem Priestersohn: „Wer bist du“ (Joh 1,19)? Und dass sie sich bereits damals gegen Johannes entschieden haben. Ihnen wird schnell bewusst, dass sie sich mit ihrer Frage selber eine Falle gestellt haben. Nun geht es ihnen nicht mehr um die Wahrheit, sondern darum wie sie aus der peinlichen, ja sogar gefährlichen Situation herauskommen könnten. „Sie bedachten bei sich selbst und sprachen“ (Mk 11,31), sie wissen sehr gut, was nach was kommt. Ihre gedanklichen Überlegungen und Abwägungen werden dann im Flüsterton untereinander ausgesprochen und man einigt sich auf eine theologisch sehr feige und ausweichende Antwort: „wir wissen es nicht“ – wie peinlich, was für eine Blamage vor dem ganzen Volk. Eigentlich haben sie eine Lüge ausgesprochen. Bei einer anderen Gelegenheit waren die Schriftgelehrten und Pharisäer mutiger. Dort wiederholt Jesus ihre laut ausgesprochene Einstellung zu Johannes dem Täufer: „Denn Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen.“ (Lk 7,30-33; Mt 11,18). Doch lieber stellen sie sich dumm vor dem Volk, als die Wahrheit zuzulassen. Gott offenbart sich den Glaubenden, den Kritikern und denen, die sich ihm mutwillig widersetzen vorenthält er das Heilige und die Perlen (Mt 7,6). Die Beziehung zwischen Führung und Volk ist gestört, nicht Vertrauen zu einander, sondern Furcht und Angst bestimmen das Verhalten zu einander. In Wahrheit ist nicht Jesus ihnen, sondern sie sind ihm eine Antwort schuldig geblieben. Und warum sollte Jesus ihnen auf ihre Frage antworten, wenn sie doch die Antwort kennen (Joh 3,2).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wo, wann und unter welchen Umständen wurde Jesus die Frage nach der Vollmacht gestellt?
  2. Warum interessierte sich die Führung Israels nach der Vollmacht von Jesus, was bewegte sie wirklich?
  3. Die Anweisung von Jesus an seine Jünger lautete: „Eure Rede sei ja, ja, nein, nein“, warum gibt er dann in diesem Fall keine eindeutige Antwort?
  4. Warum fällt es den Pharisäern, Hohenpriestern und Ältesten des Volkes so schwer, sich vor Jesus zu beugen? Was würden sie verlieren, was gewinnen?
  5. Wie lässt sich die Beziehung der Hirten des Volkes Israels zu ihren Untergebenen beschreiben?
  6. Wer fürchtet wen mehr? Die Führung das Volk, oder das Volk die Führung (Mt 21,46;  Joh 7,13; 9,22; 19,38)?
  7. Wer ist letztlich wem eine Antwort schuldig geblieben?
  8. Fällt unser christusähnlicher Lebensstil auf, fragt man uns danach, wer hinter bzw. über unserem Leben steht, wer uns autorisiert?

 

 

10.8 Ein Mensch hatte zwei Söhne

(Bibeltext: Mt 21,28-32)

 

Die erste Betrachtung der Geschichte

Im Anschluss an die Frage nach der Vollmacht von Jesus (Mt 21,23-27) stellt der Evangelist Matthäus (und nur er allein) die Geschichte von einem Vater und dessen zwei Söhnen vor. Sie steht auch in direktem Zusammenhang zu der Thematik der Frage nach der Taufe des Johannes. Jesus entlässt die Fragesteller nicht so einfach aus deren Verantwortung, sind sie doch ihm eine Antwort schuldig geblieben. Er setzt das Gespräch mit ihnen fort, diesmal durch einen Vergleich. Er weiß ganz gewiss, was sie wirklich benötigen, darum versucht er mit einer Geschichte aus dem Alltag sie in ihrer Haltung zum Umdenken zu bewegen. Er fordert sie nicht nur heraus ihr logisches Denkvermögen einzusetzen, sondern auch die ii der Geschichte verborgene Wahrheit zu erkennen. Dadurch bekommen sie eine weitere Chance zur Umkehr. Und nun kommt die Geschichte, die er mit einer Frage einleitet und mit einer Frage schließt:

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? (Mt 21,28-31a).

 

Abbildung 9 Jeder Weinberg braucht regelmäßige Pflege, ansonsten verwildert er innerhalb kürzester Zeit. Dieser Weinberg befindet sich östlich der Stadt Kavala in Nordgriechenland (Foto: 28. August 2010).

Die Aufgabe, welche Jesus seinen Zuhörern stellt, ist nicht schwierig und die Antwort der Führenden im Volk kommt prommt: „Sie antworteten: „Der erste“. Sie sind imstande klar und logisch zu denken und urteilen, was positiv ist. Was ihnen jedoch nicht bewusst wird, ist die Anwendung. Höchstwahrscheinlich machten sie sich keine weiteren Gedanken darüber, dass Jesus mit dieser Geschichte sie meint, dass es ihnen gilt und sie mit ihrer Antwort über sich selbst ein Urteil gefällt haben?

Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg (auf dem Weg der Gerechtigkeit), und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr’s saht, tatet ihr dennoch nicht Buße (habt ihr dennoch nicht umgedacht), sodass ihr ihm dann auch geglaubt hättet. (Mt 21,31b-32).

Zunächst fällt in der Geschichte auf, dass es der Vater ist, der zu seinen Söhnen hingeht. Dem Menschen liegt es nicht, von sich aus zu Gott zu kommen und zu fragen: „Herr, was willst du, das ich tun soll?“ Durch den ersten Sohn in der Geschichte, der zunächst mit „nein, ich will nicht“ geantwortet hatte, werden die Zöllner und Huren vergliechen – die offensichtlichen Sünder. Sie lebten den ersten Teil ihres Lebens mit einem klaren und offensichtlichen `NEIN` zu Gott. „Ich will jetzt noch nicht“ oder: „lass mich in Ruhe, ich will zuerst mein Leben genießen“. Sie wussten genau dass sie Sünder sind und was sie dabei zu erwarten haben. Sicher haben summarisch nicht alle diese Menschen bei der Predigt des Johannes durch Sinnesänderung und Umkehr ihr Leben verändert. Doch ihre Offenheit den Predigten des Johannes und auch Jesus gegenüber, ist vielfach belegt. Zum Beispiel: „Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören.“ (Lk 3,12; 5,27-30; 15,1; 18,10-13; 19,1-10).

Durch den zweiten Sohn im Gleichnis, der ohne viel nachzudenken mit „Ja, Herr“ geantwortet hatte, werden die nach der Tradition erzogene und auch theologisch ausgebildete Oberschicht der Juden vergliechen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen (Nikodemus und Josef von Arimathia), verweigerten sie mehrheitlich den Glauben und Gehorsam Gott gegenüber. Seit Beginn der Wirksamkeit des Johannes ließen diese Menschen jede ihnen angebotene Gelegenheit zur Umkehr bewusst verstreichen. So schreibt Lukas: „Aber die Pharisäer und Schriftgelehrten verachteten, was Gott ihnen zugedacht hatte, und ließen sich nicht von ihm (dem Johannes) taufen.“ (Lk 7,30; vgl. auch Mt 2,5; 3,7-8;  Mk 3,6; 16,1;  Lk 11,53;  Joh 7,49; 12,10-11. 31). Und bis zum Schluß änderten sie ihren Standpunkt nicht (Mt 26,59;  Mk 15,10).

Gerade durch diesen Vergleich gab Jesus eine (wenn auch nur indirekte) Antwort auf die Frage der Juden zu seiner Vollmacht. Hätten sie Johannes geglaubt, wäre diese ihre Frage an Jesus überflüssig geworden.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie sah die Vater-Söhne-Beziehung in dieser Geschichte aus?
  2. Welche Gruppe von Menschen repräsentiert der erste Sohn?
  3. Welche Gruppe von Menschen repräsentiert der zweite Sohn?
  4. Was ist die Voraussetzung, um in das Reich Gottes zu kommen?
  5. Warum fällt es Menschen mit einem guten angesehenen Lebensstandart so schwer sich vor der Autorität Jesu zu beugen und seine Gesinnung zu ändern?
  6. Wo finden wir heute diese zwei Gruppen oder Arten von Menschen?

Die zweite Betrachtung dieses Gleichnisses

Im Anschluss an die Frage nach der Vollmacht von Jesus (Mt 21,23-27) stellt der Evangelist Matthäus drei Gleichnisse zusammen:

  1. Von den ungleichen Söhnen
  2. Von den bösen Winzern
  3. Vom königlichen Hochzeitsmahl.

Im ersten Teil wird das Gleichnis erzählt (V 28 – 30). Dann wird die Frage gestellt, die schon in V 28 angedeutet wird: Wer erfüllt den Willen des Vaters? Oder anders ausgedrückt: Wer ist gerecht? Wer ist auf Gott ausgerichtet? Die Zuhörer geben die Antwort: Derjenige der die Möglichkeit wahrnimmt und umkehrt. Das Gleichnis hat die Aufrichtigkeit zum Thema. Jesus stellt die Frage: Wo sage ich mit dem Mund: Gott ist mir so wichtig, aber sobald dies Bekenntnis Zeit oder Geld kostet, ist mir anderes wichtiger. Nach großen Worten kann es mit dem Tun eng werden. Dann kommt es zu schlechten Gefühlen, kurzfristigen Absagen und aus dem Ja wird ein Nein. Oder wie im anderen Fall zu einer Kehrtwendung, zu einer Neuorientierung und aus dem Nein wird ein Ja!

 

Der erste Bruder, der Jasager, ist ausgesucht höflich. Auf die Bitte des Vaters, im Weinberg zu arbeiten, sagt er freundlich: „Ich gehe, Herr!“, tut aber überhaupt nicht, was der Vater von ihm verlangt. Der zweite Bruder ist weniger verbindlich. Er sagt deutlich, dass er keine Lust zur Arbeit hat. Dann aber wird er nachdenklich und geht, um den Auftrag des Vaters doch noch zu erfüllen.

Wir merken: beide sind keine Mustersöhne. Bei beiden stimmen Wort und Tat nicht überein. Aber trotz guten Umgangsformen des ersten Sohnes, ist uns der zweite sympathischer – denn wir sind durchaus der gleichen Meinung wie Jesus: Nicht auf bloße Worte kommt es an, sondern auf Taten!

Und Gott? Er scheint genauso zu denken. Nach einem Jesuswort kommt man nicht ins Himmelreich, indem man eifrig „Herr, Herr“ sagt (Mt 7,21), sondern indem man den Willen des Vaters erfüllt. In die gleiche Richtung geht der Ausspruch: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!“ (Mt 7,20)

Das kann uns zweierlei deutlich machen:

Sprache kann `verkleiden`, kann etwas vortäuschen, was in Wirklichkeit gar nicht so ist. Auch in der Gemeinde freuen wir uns immer, wenn sich bei der Verteilung von Arbeit jemand meldet: „JA, ich mach’s!“ Problem gelöst – weiter in der Tagesordnung! Aber manchmal kommen hinterher beim Betreffenden Zweifel. Doch im Leben gibt es plötzliche Veränderungen. Dann wollen wir reagieren und dem Vater im Himmel fragen: Wie steht es mit uns beiden – mach ich zu viel, zu wenig, bin ich gerade in einer Krise? Bin ich unrealistisch? Narren mich meine Gefühle oder sind wirklich grundsätzliche Entscheidungen dran. Wir dürfen zur Aufrichtigkeit durchdringen und uns fragen.

– Ist mir Gott wichtig – dann suche ich ihn in der Stille, im Hauskreis und im Gottesdienst

– Ist mir Gott wichtig, dann frage ich: welchen Auftrag hast du mir gegeben, wo darf ich freudig meine Zeit, Kraft, meine Gaben und mein Geld einbringen?

– Dann darf ich auch sagen: Was ist unwichtig, wie kann ich Zeit besser nutzen?

– Dann darf ich auch im Gemeinderahmen fragen: Wo habe ich mich übernommen, welche Aufgabe muss ich abgeben?

– Dann darf ich fragen, welchen Stellenwert hat meine Gemeinde in Bezug auf meine Zeit und meine materiellen Werte, und welche Stellung haben all die anderen guten Werke, Einrichtungen und Initiativen – stimmt bei mir hier die Balance? Wird deutlich wo ich zu Hause bin?

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wo führe ich mit einem schönen JA und wohlgesetzten Worten selbst und andere hinters Licht?
  2. Wo muss ich meinem Nächsten bewusster eine Chance zur Umkehr geben – gerade nach schlechten Erfahrungen?
  3. Bist du öfter als 3-mal werktags im Gemeindehaus? Das ist viel! Ist dies dein Auftrag? Bist du in 3 oder mehr Arbeitskreisen aktiv? Das ist viel! Ist dies dein Auftrag?
  4. Ertappst Du dich beim Jammern, Klagen? Bist du gefühlsmäßig überlastet? Jammern und Klagen sind sicher nicht DEIN Auftrag! Kannst Du Schritte erkennen, wie du aus dieser Situation herauskommst?
  5. Merkst du, dass der Vater im Himmel Dir eine Aufgabe geben will? Geh auf den Leitungskreis deiner Gemeinde zu und frage ob du im erkannten Bereich mithelfen könntest?
  6. (…) reden wir nicht länger darüber, handeln wir einfach!

 

 

10.9 Das Gleichnis von den bösen Weingärtnern

(Bibeltexte: Mt 21,33-44;  Mk 12,1-11;  Lk 20,9-18)

 

Die erste Betrachtung dieses Gleichnisses

Jesus reiht ein Gleichnis an das andere, denn die Zeit drängt, es bleiben nur noch wenige Tage bis er zum Vater zurück geht. Sein Werben um Israel wird noch intensiver. Auch das folgende Gleichnis erzählt Jesus im Tempel. Wie in der Passawoche zu erwarten ist, sind tausende Pilger schon frühzeitig in Jerusalem eingetroffen. Jesus ist bei seiner wichtigsten Tätigkeit, dem Lehren. Er ist Meister in Geschichten erzählen, sehr oft benutzt er in seiner Lehrtätigkeit Gleichnisse, (Vergleichsgeschichten aus verschidenen Lebensbereichen der Menschen). Dabei lässt er nicht locker, immer noch wendet er sich vordergründig an die Oberschicht, die Führung des Volkes.

 

Abbildung 10 Ein Weinberg am Südhang des Bodensee westlich des Ortes Fischbach. Es ist Herbst, die Weinernte ist bereits eingefahren, doch die Traubenstöcke stehen noch in ihrer herbstlichen Farbenpracht (Foto: 1. November 2018).

Wie der Evangelist Matthäus schreibt, wendet sich Jesus vorrangig an die Priesterschaft und die Gruppe der Pharisäer mit ihren Schriftgelehrten:

Hört ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausherr, der pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. Als nun die Zeit der Früchte herbeikam, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern, damit sie seine Früchte holten. Da nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie. Abermals sandte er andere Knechte, mehr als das erste Mal; und sie taten mit ihnen dasselbe. (Mt 21,33-36).

Die Evangelisten Markus und Lukas berichten jeweils von nur einem Knecht, den der Weinbergeigentümer zu den Weingärtnern sendet. Diese werden jeweils misshandelt und mit leeren Händen weggeschickt. Höchstwahrscheinlich waren in der Originalversion von Jesus alle diese Aspekte vorhanden, doch die Evangelisten schrieben nur Teile der Gesamterzählung nieder. Auf jeden Fall wiederspiegeln sie die verschiedenen Behandlungsweisen der von Gott gesandten Propheten in der Geschichte Israels. So stellt Stefanus bei seinem Verhöhr wenig später vor dem Hohen Rat fest: „Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Und sie haben getötet, die zuvor verkündigten das Kommen des Gerechten, dessen Verräter und Mörder ihr nun geworden seid.“ (Apg 7,52). Wir folgen weiter dem Text des Evangelisten Matthäus:

Zuletzt aber sandte er seinen Sohn zu ihnen (Markus und Lukas ergänzen: „den Geliebten“) und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. Als aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie zueinander: Das ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen! Und sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn. Wenn nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er mit diesen Weingärtnern tun? Sie antworteten ihm: Er wird den Bösen ein böses Ende bereiten und seinen Weinberg andern Weingärtnern verpachten, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben. (Mt 21,37-41).

Die Zuhörer von Jesus sind sehr aufmerksam und sie haben ein gutes Urteilsvermögen. Doch bevor Jesus zur abschließenden Anwendung kommt, fügt er noch eine weitere Episode aus der Geschichte Israels hinzu.

Jesus sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen in der Schrift (Psalm 118,22-23): »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volk gegeben werden, das seine Früchte bringt. Und wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschellen; auf wen aber er fällt, den wird er zermalmen. Und als die Hohenpriester und Pharisäer seine Gleichnisse hörten, erkannten sie, dass er von ihnen redete. Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen; aber sie fürchteten sich vor dem Volk, denn es hielt ihn für einen Propheten. (Mt 21,42-46).

 

Abbildung 11 Reife Trauben am Weinstock in einem gepflegten Weingarten (Foto: 11. September 2016).

 

Das ist der erste Teil der Geschichte, die von Jesus verwendeten Bilder sind den Zuhörern wohl vertraut. Die Der Weinberg, der Weinstock, die Rebe, die Traube, der Traubensaft, der Wein, der Weinberggärtner und Weinbergeigentümer, sind beliebte Bilder in der Bibel (5Mose 6,11;  Hohelied;  Jesaja 5,1-7;  Joh 15,1-6).

Sünde blendet und macht unfähig wichtige geistliche Zusammenhänge klar zu erkennen, denn wahre Weisheit kommt von Gott. Erst jetzt wird der Führung klar, was Jesus mit seinen Gleichnissen erreichen will. Wie werden sie nun darauf reagieren. Werden sie diese Chance zur Umkehr nutzen, oder werden sie ihre Herzen noch mehr verhärten?

Das Volk steht hinter Jesus, will sein Leben, sein Bleiben, doch die Entscheidungsträger sind die Priester aus der Sadduzäerpartei und die Mehrheit der Schriftgelehrten aus der Pharisäerpartei. Letztlich wird Gottes vorhergesehener Plan werwirklicht und dadurch kommt Gott zu seinem Ziel, nämlich der Erlösungsmöglichkeit der verlorenen Menschen, auch derer, die ihn verurteilen werden. Noch am Kreuz betet Jesus für seine Feinde: „Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“ (Lk 23,34)! Petrus stellt nach Pfingsten fest: „Nun, liebe Brüder, ich weiß, dass ihr’s aus Unwissenheit getan habt wie auch eure Oberen. Gott aber hat erfüllt, was er durch den Mund aller seiner Propheten zuvor verkündigt hat: dass sein Christus leiden sollte. So tut nun Buße und bekehrt euch, dass eure Sünden getilgt werden“ (Apg 3,17-19).

 

Abbildung 12 Die Südostecke der Stadtmauer von Jerusalem. Die an der Mauerecke eingebauten Steine geben eine gewisse Vorstellung von der Bedeutung der Ecksteine für die Stabilität und die ausrichtung der Mauern (Foto: Juli 1994).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Bedeutungen haben diese einzelnen, aus der Landwirtschaft stammenden Bilder in biblischen Erzählungen, auch im aktuellen Gleichnis?
  2. Warum reagiert der Weinbergbesitzer nicht sofort mit einer Strafaktion?
  3. Warum reagiert der Weinbergbesitzer auch diesmal nicht mit einer Strafaktion, was sagt seine Zurückhaltung aus über seinen Charakter, seine Ziele?
  4. Macht der Weinbergeigentümer sich was vor, kennt er die Weingärtner so wenig, glaubt er wirklich an deren respektvolles Verhalten gegenüber dem Sohn, oder denkt er weiter?
  5. Welche Überlegungen stehen hinter solch einer Denkweise, ist es realistisch zu hoffen, dass der Hausherr das Ganze nun auf sich beruhen lässt? Fällt uns dabei eine alttestamentliche Geschichte ein (1Kön 21,1-29; 2Kön 9,25-26)?
  6. Wohin zielt die Frage von Jesus, warum sollen seine Zuhörer selbst die Antwort geben?
  7. Merken die Hohenpriester und Pharisäer nicht, dass sie mit dieser Antwort sich selbst das Urteil aussprechen?  
  8. Was ist die Besonderheit eines Ecksteins, seine Bestimmung, auf wen deutet Jesus diesen Eckstein?
  9. Was versteht Jesus unter der Bezeichnung „Reich Gottes“ und wer ist dieses andere Volk? Nehmen später auch die Apostel Bezug auf diese Worte von Jesus (Röm 10)?
  10. Was bedeutet die Aussage „den wird er zermalmen“?
  11. Warum sind sie so verhärtet, konnten sie nicht mehr zurück, oder wollten sie nicht?

 

Die zweite Betrachtung des Gleichnisses

Joachim Jeremias schreibt in Bezug auf dieses Gleichnis: Dieses an das Lied vom Weinberg (Jes 5,1-7) anknüpfende Gleichnis steht mit seinem allegorischen Charakter einzig da unter den synoptischen Gleichnissen von Jesus. Der Weinberg ist offensichtlich Israel, die Pächter seine Könige und Leiter, der Grundherr ist Gott, die Boten sind die Propheten, der Sohn ist Christus, die Bestrafung der Winzer versinnbildlicht die Verwerfung Israels, das andere Volk (Mt 21,43) ist die Gemeinde der Heiden (Jeremias 1998, 67f). Die Details haben eine erste und dann eine wesentliche zweite Bedeutung. In der Einleitung schildern die Evangelisten Markus (12,1) und Matthäus (21,33) die sorgfältige Anlage des Weinberges in engem Anschluss an das Lied Jesajas Vom Weinberg. Von dort stammen in der Fassung der LXX die Details wie Zaun, Kelter und Turm. Diese machen jedem Zuhörer deutlich, dass von Gott und Israel die Rede ist.

 

Der Evangelist Markus berichtet wie der Grundherr 3-mal sendet und jedes Mal werden die Boten misshandelt: verprügelt, durch Faustschläge ins Gesicht entehrt und dann getötet. Der Evangelist Markus steigert das „mobbing“ stetig bis zum Höhepunkt: dem Mord. Der Evangelist Lukas berichtet die Tötung des dritten Knechtes und die weiteren Misshandlungen nicht. Der Evangelist Matthäus berichtet von der zweifachen Sendung einer Vielzahl von Knechten und deren Misshandlungen und der Sendung des Sohnes zum Schluss.

 

Die Schlussfrage Wenn nun der Herr des Weinbergs kommt, was wird er jenen Weingärtnern tun?“ findet sich bei allen drei Synoptikern. Sie knüpft an Jes 5 (aus LXX zitiert). Hier denken alle Zuhörer unwillkürlich an die erstaunliche Geduld des Grundherrn und an die sinnlose Hoffung der Pächter, dass die Tötung des Sohnes sie in den Besitz des Weinberges bringen werde. Die Bezeichnung Sohn wurde von den Juden zurzeit von Jesus nicht ausschließlich als Messiastitel verstanden; er wird in der jüdischen Literatur auch auf den Patriarchen Jakob bezogen (Jes 9,6; 1Chr 17,13; 2Mose 4,22). Das Gleichnis schildert eine unzufriedene Stimmung der galiläischen Bauern gegen Großgrundbesitzer.

Da Jesus nicht vom Weinberg, sondern von den Pächtern spricht, hat er nicht das Volk als Ganzes im Fokus, sondern dessen Leiter aus dem Hohen Rat. Dieses sehr scharfe Drohwort an die Führer des Volkes, macht deutlich, dass das Heiligtum zur Räuberhöhle geworden ist (Mt 21,13). Nach Jesus ist das Maß der Schuld voll. Gott wird Rechenschaft fordern. Doch auch noch mit diesen Worten versucht Jesus die Leiter des Volkes noch im letzten Augenblick zu einer Wende zu bewegen – hütet euch, auch den letzten Gottesboten abzuweisen!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. (Lies bei Interesse auch zum Vergleich das viel spätere apokryphe Thomasevangelium Logion 65 (im ANHANG)
  1. Welche Details fallen auf? Was ist ihr zweiter Sinn?
  2. Warum wählt Jesus solch drastische Worte?
  3. Wo in der Geschichte des Volkes Gottes wird die „mobbing-Spirale“ deutlich?
  4. Für was macht Jesus die Leiter verantwortlich? Welche Motive unterstellt er ihnen?
  5. Welche Vorsorge können wir treffen, dass heute Gemeindeleiter, Leiter von Missionswerken, Gruppenleiter nicht auf Abwege geraten?

 

 

10.10 Das Gleichnis von der königlichen Hochzeit

(Bibeltext: Mt 22,1-14)

 

Das Gleichnis von der Königlichen Hochzeit hat im Lukasevangelium im Gleichnis vom Großen Abendmahl (Lk 14,15-24) seine Parallele. Es sieht so aus, dass Jesus zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten oft Gleiches oder auch Ähnliches gesagt hat. Zwar ist die große Linie dieselbe: Der Gastgeber (hier im Matthäusevangelium ein König) hat viele zum Hochzeitsmahl eingeladen, doch zur Festzeit entschuldigen sie sich kurzfristig aus verschiedenen Gründen. Da sich jedoch die Gleichnisse in vielen Einzelheiten unterscheiden, wollen wir sie getrennt betrachten.

10.10.1 Die mehrfache Einladung zum Hochzeitsmahl

(Bibeltext: Mt 22,1-10)

 

Dieses Gleichnis überliefert uns nur der Evangelist Matthäus, er schreibt:

Und Jesus antwortete und redete abermals in Gleichnissen (gr. parabolai,j parabolais) zu ihnen und sprach: Das Himmelreich gleicht (ähnelt) einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete. Und er sandte seine Knechte aus, die Geladenen zur Hochzeit zu rufen; doch sie wollten nicht kommen. Abermals sandte er andere Knechte aus und sprach: Sagt den Geladenen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet und alles ist bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen weg, einer auf seinen Acker, der andere an sein Geschäft. Einige aber ergriffen seine Knechte, verhöhnten und töteten sie. Da wurde der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an. Dann sprach er zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Geladenen waren’s nicht wert. Darum geht hinaus auf die Ausfallstraßen und ladet zur Hochzeit ein, wen ihr findet. Und die Knechte gingen auf die Straßen hinaus und brachten zusammen, wen sie fanden, Böse und Gute; und die Hochzeit wurde gefüllt mit denen, die sich niederlegten. (Mt 22,1-10 frei übersetzt).

Die einleitenden Worte „(…) und Jesus antwortete und redete wieder in Gleichnissen zu ihnen und sprach“ (Mt 22,1) sind aufschlussreich: Jesus reagiert zwar nicht auf eine konkrete Frage, aber er antwortet auf die Situation – die feindliche Haltung der religiösen Autoritäten. Jesus vergleicht das Reich der Himmel mit der Hochzeit eines Königssohns. Das Reich der Himmel haben wir schon in Mt 4,23; 13,43; 20,1 als die freudige und herrliche Zeit in der Gott in Christus in der finalen Phase des Reiches im neuen Himmel und in der neuen Erde herrschen wird. Diese Freudenzeit wird bildlich dargestellt. Geladene kommen zu einem Mahl, legen sich auf Teppiche/Polster, sehen vor sich die herrlichsten Speisen und ein gepflegtes Tischgespräch unterhält alle. Hier in unserem Gleichnis wird das Fest als ein Hochzeitsfest beschrieben. Nach Richter 14,7-12 kann solch eine Hochzeit sieben Tage dauern, in der Regel jedoch 3-4 Tage (Joh 2,1ff). Der Königsohn soll heiraten, spielt aber sonst im Gleichnis kaum eine Rolle. König und Königssohn markieren hier die außerordentliche Wichtigkeit des Festes. Der Schwerpunkt liegt auf den zum Fest Geladenen.

Auch in diesem Gleichnis sind alle Gerufenen langfristig zur Hochzeit eingeladen worden und werden jetzt am Festtag zur Festeröffnung nochmals freundlich aufgefordert (wörtl. gerufen – kalesai, kalesai) zu kommen. Doch sie wollen nicht kommen – die stärkste Art einen Mitmenschen zu brüskieren! Hier lädt ein König ein – da muss im Verhältnis von Untertanen zum Herrscher etwas sehr schief liegen. Doch der sehr geduldige und großzügige König sendet andere Boten mit Erklärungen und der sehr demütigen Bitte: „(…) alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit“ (Mt 22,4). Somit hatten die Gerufenen drei Einladungen gehört. Bibelleser merken, dass diese Schilderung nicht der Normalität jenes Kulturkreises entspricht. Sie merken auch, dass dieses Gleichnis eine Nähe zum vorherigen Gleichnis von den bösen Weingärtnern hat (Mt 21,33-45). Und auch dort entspricht das von Jesus geschilderte Verhalten der Pächter nicht der gewöhnlichen Erfahrung. In beiden Gleichnissen wird drei Mal eingeladen. Gott selbst sprach durch viele Propheten bis zu Johannes dem Täufer. Gott sprach durch Christus, die Zwölf, die Siebzig – doch Gott ist geduldig! Lies: Jer 7,13.25; 11,7; 25,3; Hes 18,23.32; 33,11; Lk 13,6-9; Röm 2,4; 9,22; 1Tim 1,16; 1Petr 3,20; 2Petr 3,15.

Doch die Eingeladenen reagieren auch auf die dritte Einladung gleichgültig (mein trister Alltag auf dem Feld oder im Laden ist mir wichtiger) und dann sogar feindlich bis verbrecherisch. Die Reaktion der Geladenen ist untypisch für Orientalen. Das muss den Zuhörern aufgefallen sein. Hätte der König die Steuern erhöht, wäre ihr Protest verständlich und nachfollziebar gewesen (lies dazu 2Chr 10,1-17). Aber hier geht es nicht um Steuererhöhung, sondern um die Einladung zu einem großen Fest – was für ein Privileg! Wer von seinen Zuhörern das vorhergehende Gleichnis mitbekommen hat, wird hier eine deutliche Parallele erkannt haben (Mt 21,45). Auch Stefanus wird später der Führung vorhalten: „Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt?“ (Apg 7,52). Wir haben natürlich auch das Schicksal von Johannes dem Täufer im Sinn, wenn wir von Verfolgung, Mißhandlung und Totschlag der Propheten hören (Mt 17,12; 23,35). Doch Jesus macht in diesem Gleichnis seinen Zuhörern sehr deutlich: Gottes Geduld hat Grenzen. Lies 1Mose 6,3; Spr 29,1; Dan 5,22-31; Mt 21,40-44; Lk 13,9; Offb 2,21-22. Es scheint so, dass die Eingeladenen alle in einer eigenen Stadt wohnen, denn ein schreckliches Gericht ereilt diese: Tod und Feuer. Heutige Bibelleser denken dabei auch an Jerusalem 70 n.Chr. und die Eroberung durch Titus Flavius. Josephus berichtet darüber (Jüdische Kriege VI,250-253). Dies kam nicht von ungefähr, sondern Jesus sagte es voraus ()Mt 24,15ff). Man denke aber auch an das erste deutliche Warnsignal Gottes – die Eroberung Jerusalems durch die Babylonier im Jahre 586 v.Chr. bei der die Stadt und der Tempel zerstört und in Brand gesteckt wurden (2Kön 25,1-21; Esra 5,12).

Die ursprünglich Eingeladenen lehnten wiederholt die Einladung des Königs ab. Doch der König lässt sich nicht abhalten – die Feier findet auf jeden Fall statt. So geht die Einladung an die Menschen der Straßen. Ihr Status spielt keine Rolle – jeder wird zum Fest gebeten. Jeder jüdische Zuhörer aus der theologischen Elite sollte hier den zweiten Sinn verstehen: Andere – die Zölner und Sünder, die Samariter, die Nationen, werden ihre Einladung erhalten. Dieses universelle Heilsangebot ist ein zentrales Anliegen von Jesus und dann auch von seinen Nachfolgern (Lk 15,1f; Joh 10,16; Mt 21,31-32; 28,19: Lk 24,47; Röm 10,12-13; 1Kor 7,19; Gal 3,9; Eph 2,14.18; Phil 3,3; Kol 3,11). Vergessen wir jedoch nicht, dass Jesus selbst die Reihenfolge festgelegt hat, welche später auch seine Jünger eingehalten haben (zuerst die Juden, dann die Völker – fangt an in Jerusalem – Lk 24,47; Apg 1,8). Das Ergebnis der Einladung an alle auf den Strassen wird mit den Worten beschrieben: „Und der Hochzeitssaal wurde voll.“

10.10.2 Das fehlende hochzeitliche Gewand

Bibeltext: (Mt 22,11-14)

 

Dürfen wirklich alle von der Straße Eingeladenen feiern? Der Evangelist Matthäus geht in seiner Schilderung nahtlos über zu dem besonderen Vergleich mit dem fehlenden Hochzeitsgewand, wenn er die Erzählung von Jesus fortsetzt mit den Worten:

Da ging der König hinein, sich die (zu Tisch) Liegenden anzusehen, und sah da einen Menschen, der hatte kein hochzeitliches Gewand an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hier hereingekommen und hast doch kein hochzeitliches Gewand an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm die Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird Heulen und Zähneklappern sein. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt. (Mt 22,11-14).

Hier wollen wir einigen Fragen nachgehen:

  1. Frage: Warum redet der König den Menschen, der kein hochzeitliches Gewand anhatte, mit Freund an? Schließlich wirft man doch einen Freund nicht auf solch schmähliche Weise aus der Festgemeinschaft hinaus. Die Anrede `etai;re etaire` in der sehr knappen Vokativ Form (Rufform) kommt noch in Matthäus 20,13 und 26.50 vor und in keinem dieser drei Geschichten ist die angeredete Person Freund im tieferen Sinne von `file; mou phile moumein Freund`. Da Jesus auch durch dieses Gleichnjs Realitäten des Himmelreiches verdeutlichen will, ist in dem König sowohl Gott der Vater als auch der Sohn gemeint. Und Jesus redet nur die mit meine Freunde an, die seinen Willen tun (Joh 15,14-15: fi,loi mou philoi mou). Jedoch in allen drei Stellen, in denen diese ungewöhnliche Anrede gewählt wurde, ist das Verhalten der angeredeten Personen negativ, bei Judas in Matthäus 26,50 (vgl. Lk 22,48) sogar mit verräterischer Handlung verbunden. In der LXX wird dieser Begriff häufig in neutraler aber auch positiver Beziehung verwendet, allerdings nicht in der Rufform (Ri 4,17; 11,37; 2Sam 13,3; 2Sam 15,37; Hiob 8,13; 30,29; Dan 2,17). In der klassischen griechischen Literatur wird die Bezeichnung `etai;roj etairos als allgemeine Anrede an jemanden, dessen Namen man nicht weiss, verwendet. Es kann ins Deutsche  mit `Genosse, Kamerad, Freund, Gefährte` übersetzt werden (Walter Bauer 1971, 622).

Bei der Härte der verurteilenden Worte des Königs würde aber keines dieser vier Anredevarianten so richtig passen. es sei denn dass Jesus den Begriff `Freund` in sehr allgemeinem Sinne als blose Anrede gebrauchte.

 

  1. Frage: Was ist der Sinn und die Bedeutung der hochzeitlichen Bekleidung?

Das hochzeitliche Gewand macht uns Schwierigkeiten im Verstehen. Wie kann man von Leuten, die auf den Straßen aufgelesen wurden, passende Hochzeitskleidung erwarten? Es wird jedoch ohne nähere Erklärung vorausgesetzt, dass der Gefragte in geeigneter Kleidung hätte erscheinen können. Es war wohl überflüssig extra zu betonen, dass der König für Bad und passende Festkleidung vorgesorgt hat (vgl. dazu Lk 15,22-24). Sowohl der König im Gleichnis, als auch der Herr in der Realität ist großzügig und vorsorglich den Bedürftigen gegenüber. Es lag eindeutig an dem Menschen, der die Festkleidung verweigerte, oder nachdem er sie angenommen hatte, wieder ablegte. Im Gleichnis wird nur ein Mann gefragt, wie er ohne hochzeitliches Gewand hereingekommen sei. Doch hier müssen matematische Vergleiche außen vor bleiben. Das Gleichnis hat an seinem jetzigen Platz und in seiner jetzigen Form keine Erklärung, so dass wir auf den gesamtbiblischen Kontext zurückgreifen müssen um eine mögliche Erklärung zu bekommen.

Kleider sind in der Bibel häufig Symbol für den Status eines Menschen, sie sagen aber auch etwas über sein Wesen aus, ebenso über seine Beziehung zu Gott. Hier einnige Beispiele:

  • 1Mose 3,7: „Da wurden ihnen beiden die Augen geöffnet, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie banden sich Feigenblätter um und machten sich Schurze.“ Die Selbstgemachte Kleidung aus Feigenblättern wurde von Gott nicht anerkannt und er selbst machte für Adam und Eva Kleider aus Fellen (geschlachteter Tiere). So lesen wir in 1Mose 3,21: „Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Kleider aus Fell und bekleidete sie.“ Sie nahmen diese von Gott gemachten Kleider an und wurden so mit Gott wieder in Gemeinschaft gebracht.
  • 2Mose 29,4ff: Aaron und seine Söhne sollten für ihren Dienst mit besonderer, von Gott vorgeschriebenen Bekleidung ausgestattet werden.
  • Wir lesen in Jesaja 61,3: „(…) um den Trauernden von Zion zu verleihen, dass ihnen Kopfschmuck statt Asche gegeben werde, Freudenöl statt Trauer und Feierkleider statt eines betrübten Geistes, dass sie genannt werden »Bäume der Gerechtigkeit«, eine »Pflanzung des HERRN« zu seinem Ruhm.“
  • In Jesaja 61,10 werden kostbare Kleider als Bild für Rettung und Gerechtigkeit durch den Herrn zugeteilt. So lesen wir: „Ich freue mich im HERRN, und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott; denn er hat mir die Kleider des Heils (Rettung) angezogen und mich mit dem Mantel der Gerechtigkeit gekleidet, wie einen Bräutigam mit priesterlichem Kopfschmuck geziert und wie eine Braut, die in ihrem Geschmeide prangt.“ Auch hier ist von Bräutigam und der Braut die Rede – indirekter hochzeitlicher Bezug.
  • In Lukas 15,22-24 hören wir den Vater sagen: „Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und gebt ihm einen Ring an seine Hand und Schuhe an seine Füße und bringt das gemästete Kalb und schlachtet’s; lasst uns essen und fröhlich sein! Denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden; er war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“
  • In Offenbarung 19,7-8 wird der Beginn der endgültigen und himmlischen Hochzeitsfeier bildhaft beschrieben und dabei die besondere Bekleidung der Braut (Gemeinde) hervorgehoben. Ausdrücklich heißt es, dass ihr diese Bekleidung gegeben wurde. „Lasst uns fröhlich sein und jubeln und ihm die Ehre geben! Denn die Hochzeit des Lammes ist gekommen, und seine Frau hat sich bereit gemacht.Und es wurde ihr gegeben, sich in feine Leinwand zu kleiden, rein und glänzend; denn die feine Leinwand ist die Gerechtigkeit der Heiligen.“
  • Ähnlich auch in Offenbarung 7,13-15: „Und einer der Ältesten antwortete und sprach zu mir: Wer sind diese, die mit den weißen Kleidern angetan sind, und woher sind sie gekommen? Und ich sprach zu ihm: Mein Herr, du weißt es. Und er sprach zu mir: Diese sind’s, die aus der großen Trübsal kommen und haben ihre Kleider gewaschen und haben sie hell gemacht im Blut des Lammes. Darum sind sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel“.

Die Frage des Königs: „Wie bist du ohne Hochzeitskleid hereingekommen“ erweckt sogar den Eindruck, dass dieser Mensch sich mit einer Art List hereingeschliechen hatte. Es ist möglich, dass Jesus hier sagen will, dass sich einige zu den „Kindern des Reiches Gottes“ rechnen, die in Wirklichkeit aber eine ganz andere Gesinnung haben. Wenn dies stimmt, dann ist das Gleichnis vom Fehlenden hochzeitlichen Gewand eine Warnung gegen falsche Jüngerschaft. Nicht wer „Herr, Herr“ sagt (Mt 7,21) kommt ins Reich Gottes, sondern wer den Willen des himmlischen Vaters tut! Der Eingang und Verbleib im Reich Gottes ist nur nach den Bedingungen Gottes möglich. Gott bietet dem Menschen an seine Kleider zu wechseln. Er zieht aus die Kleider der Schuld und Sünde durch Vergebung und kleidet in seine Gerechtigkeit. Dies tut Er aufgrund des Sühnetodes seines Sohnes. Glauben bedeutet demnach des Königs Angebot anzunehmen.

 

  1. Frage: Ist das Urteil des Königs nicht zu hart?

Der Befehl des Königs birgt in sich keinerlei Milde. „Bindet ihm Füße und Hände und werft ihn in die Finsternis hinaus, da wird Heulen und Zähneklappern sein“. Ähnliches sagte Jesus in einem anderen Zusammenhang und ohne gleichnishafte Verpackung in Lukas 13,23-30:

(…) Da wird das Heulen und das Zähneknirschen sein, wenn ihr Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes seht, euch selbst aber hinausgestoßen! Und sie werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, und zu Tisch sitzen im Reich Gottes. Und siehe, es sind Letzte, die werden Erste sein; und es sind Erste, die werden Letzte sein.“

Auch wenn diese Worte vordergründig den Zeitgenossen von Jesus gesagt wurden, so behalten sie ihre Gültigkeit für alle Menschen aller Zeiten. Der Autor des Hebräerbriefes schreibt: „wie viel schlimmerer Strafe, meint ihr, wird derjenige schuldig erachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für gemein geachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat?“ (Hebr 10,29). Das Angebot in Gottes Reich und an seinem Tisch mitzufeiern ist so gewaltig und für Gott so kostenintensiv, dass die Ablehnung oder Missbrauch der Einladung ein angemessenes und gerechtes Urteil nach sich zieht. (weitere Stellen dazu: Mt 8,11; 13,42; 13,49-50; 24,50).

 

  1. Frage: Was bedeutet: „viele sind berufen aber wenige sind auserwählt“?

Diese zusammenfassende Schlussfolgerung von Jesus ist nicht leicht zu verstehen, hat sie doch mit der Erwählung durch Gott, aber auch mit der freien Willensentscheidung des Menschen zu tun. Die zwei griechischen Begriffe, welche hier verwendet werden sind: `,klhtoi kl¢toi – Berufene` im Nom. Pl. und `e,klektoi, eklektoi – Auserwählte` im Nom. Pl. Jesus macht eine Abstufung zwischen `berufen` und `auserwählt`, dementsprechend zwischen `Berufenen` und `Auserwählten`.

Ausgehend vom Gleichnis erging zunächst ein Ruf, eine Einladung (Berufung) zur Hochzeitsfeier an die, welche bereits eine Vorabeinladung (Erwählung) hatten. Auf jeden Fall hatten diese Menschen einen zeitlichen Vorsprung vor den anderen. Es war das Volk Israel in seiner Gesamtheit. So steht geschrieben in 5Mose 7,6-7:

Denn du bist dem HERRN, deinem Gott, ein heiliges Volk. Dich hat der HERR, dein Gott, erwählt, (e,xele,xato exelexato – auserwählt) dass du ihm zum Volk seines Eigentums wirst aus allen Völkern, die auf dem Erdboden sind. Nicht weil ihr mehr wäret als alle Völker, hat der HERR sich euch zugeneigt und euch erwählt – ihr seid ja das geringste unter allen Völkern -, sondern wegen der Liebe des HERRN zu euch, und weil er den Eid hielt, den er euren Vätern geschworen, hat.“ (vergl. auch mit Apg 13,17; „Gott hat unsere Väter auserwählt (e,xele,xato exelexato)“.

Doch es ist wichtig für uns zu beachten, dass die Auserwählung des Volkes durch Gott nicht um jeden Preis in Kraft bleibt, sondern an eine wesentliche Bedingung geknüpft wurde. Diese lautete: „Werdet ihr nun meiner Stimme gehorchen und meinen Bund halten, so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein.“ (2Mose 19,5). Das gr. Verb für `auserwählt – exelexato ` hat in sich sozusagen zweimal die Präposition `ex`, was `aus, heraus` bedeutet. Es geht also um ein Aus-wählen aus dem Gesamten oder dem Allgemeinen. Israel wurde von Gott aus allen anderen Völkern aus Liebe und wegen des Eides an Abraham ausgewählt, danach aus Ägypten herausgerufen und herausgeführt. Dies tat Gott an diesem Volk jedoch nicht zu deren Selbstverwirklichung, sondern damit Gott zu seiner, ihm allein gebührenden, Ehre kommt und sein Name in aller Welt bekannt wird (5Mose 4,6-8; Jes 49,3: „Und er sprach zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, durch den ich mich verherrlichen will.“ Hier zwar auf den kommenden Messias bezogen, doch ursprünglich war es die Aufgabe des Volkes Israel). Weil jedoch ein Teil aus diesem Volk, in erster Linie die Verantwortlichen, die Berufung und Erwählung nicht werthielten (Mt 21,43; 22,8;  Röm 11,20), darum wendet sich der König den anderen zu, denen auf der Strasse.

Natürlich denken wir da gleich an die Menschen aus den Völkern, doch sind die Menschen der Strasse nicht zunächst auch die Zöllner und Sünder, die verlorenen Schafe aus dem Hause Israel? So gebot Jesus seinen Jüngern: „geht nicht auf die Straßen der Heiden …, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.“ (Mt 10,6). Der gläubige Rest aus Israel wurde und wird gerettet werden, so auch später der Apostel Paulus in Römer 11,4-7: „Aber was sagt ihm (dem Elia) die göttliche Antwort? (1. Könige 19,18): »Ich habe mir übrig gelassen siebentausend Mann, die ihre Knie nicht gebeugt haben vor Baal.« So geht es auch jetzt zu dieser Zeit: Ein Rest ist geblieben, der erwählt ist aus Gnade (gemäß der Erwählung aus Gnade). Ist’s aber aus Gnade, so ist’s nicht aufgrund von Werken; sonst wäre Gnade nicht Gnade. Wie nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; die Erwählten (die aus der Erwählung) aber haben es erlangt. Die Übrigen wurden verstockt.“

An Israel sehen wir, dass in der Auserwählung durch Gott, die freie Willensentscheidung des Einzelnen berücksichtigt wird. Entsprechend ist dann auch die Reaktion von Gottes Seite. Gott handelt nach bestimmten Prinzipien. „Auch die Engel, die ihren hohen Rang nicht bewahrten, sondern ihre Wohnstatt verließen, hat er für das Gericht des großen Tages aufbewahrt mit ewigen Banden in der Finsternis.“ (Judas 6).

 

In höchstem Maße ist sogar der Auserwählte (o e,klekto,j o eklektos) und Geliebte (,o agaphto,j o agaphtos)  – der Sohn Gottes ((Jes 42,1; Mt 12,18; Mt 3,17; 1Petr 2,4.6; Lk 9,35), der Prüfung, ja sogar der stärksten Versuchungen ausgesetzt worden (Mt 4,1-11; 26,39ff; Hebr 4,15; 1,7-8). So werden auch die Berufenen und Auserwählten den Prüfungen von Gott und den Versuchungen vom Bösen (eingeschränkt) ausgesetzt, damit ihre Treue zu Gott geprüft wird (1Petr 1,7; 1Kor 10,13; Mt 24,13.22.24).

 

Die Auserwählten `e,klektou,j eklektous`, werden von Jesus in der Endzeitrede hervorgehoben (Mt 24,22.24,31). Klar ist, dass die Auserwählten auch berufen wurden. Werden demnach nicht alle, welche berufen wurden auch das Ziel erreichen, also zu den Auserwählten gehören? Auch auf diese Frage gibt Jesus eine Antwort, denn er hat Einblick in das, was war, was ist und in das was sein wird (Joh 2,25; 6,64; Lk 13,28; Offb 3,4.16). Jesus sah die reale Entwicklung voraus:

  • Mt 7,14: „Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!
  • Mt 24,12-13: „Und weil die Missachtung des Gesetzes überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber bis an das Ende geduldig ausharrt, wird gerettet werden.“
  • Offb 3,4: „Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind’s wert.“

Wie können wir uns die Vorgehensweise von Gott vorstellen? Zunächst ist eindeutig, dass die Initiative von Gott ausgeht;

  • Wegen seiner Zielsetzung – dem Sohn eine Braut/Frau (Gemeinde) zuzuführen auserwählt er nach seinen Bedingungen (und aufgrund seines Vorherwissens) eine (für Menschen) unzählbare Schar (Eph 1,1-22; Offb 7,9).
  • Aufgrund von Gnade (nicht durch Verdienste der Menschen) und wegen seines Erbarmens sollen die vielen/alle die Möglichkeit des Heils bekommen (Mt 28,19: „allen Völkern“; Röm 5,15-19 „den Vielen“; 11,32 „aller erbarme“; 1Tim 2,4; 2Petr 3,9: „Gott will, dass alle Umkehren und gerettet werden“).
  • Zu verschiedenen Zeiten und unter den günstigsten Umständen ruft Gott jeden Menschen. Doch weil er selbst den Menschen mit der Fähigkeit der freien Willensentscheidung ausgestattet hat, beeinflusst diese den Ruf, die Berufung und Auserwählung (Jos 24,15; Joh 6,67).
  • In seiner Souverenität ruft, beruft und wählt Gott aus der Vielzahl bestimmte Menschen aus für die Verwirklichung seines Rettungsplanes. Es geht dabei um besondere Dienste: Abraham (1Mose 12), Mose (2Mose 3), David (1Sam 16), Johannes der Täufer (Lk 1; 3) Maria und Josef (Mt 1; Lk 1).
  • Aus der Vielzahl seiner Nachfolger rief, berief Jesus die zwölf Jünger (Mt 10; Mk 3). Diese (e,klexa,menoj eklexamenos – auserwählte er), so lesen wir in Johanner 15,16: „Nicht ihr habt mich auserwählt, sondern ich habe euch (e,xelexa,mhn exelexam¢n – auserwählt)“. Ähnlich bei Paulus (Apg 9). Dieselbe Initiative von Jesus wird mit denselben Begiffen auch in den übrigen Texten deutlich gemacht: Joh 6,70 13,18; 15,19 auch Apg 1,2.24. Es fällt dabei auf, dass Jesus zunächst eine Auswahl der Jünger getroffen hat und erst danach diese namentlich berief.
  • In Römer 8,33: bezogen im weiteren Sinne auf die (e,klektw,n eklektön – Auserwählten) Gottes in Rom. So auch in 1Kor 1,28: Gott hat euch (e,xele,xato exelexato – auserwählt). Eph 1,4: wie er euch (e,xele,xato exelexato – auserwählt) hat in ihm (in Christus) vor Grundlegung der Welt. Kol 3,12: (e,klektoi, eklektoi – Auserwählte) Gottes, Heilige und Geliebte. 1Tim 5,21; 2Tim 2,10: Den (e,klektou,j eklektous – Auserwählten). Tit 1,1: Den (e,klektw,n eklektön – Auserwählten) Gottes. Jak 2,5: Hat nicht Gott die Armen der Welt (e,xele,xato exelexato – auserwählt) die am Glauben reich sind? 1Petr 1,1: Die (e,klektoi,j eklektois – Auserwählten). 1Petr 2,9: Das (e,klekto,n eklekton – auserwählte) Geschlecht (bezogen auf das gesamte Volk Gottes in Anlehnung an 2Mose 19,5-6). Lk 18,7: seine Auserwählten retten. Röm 16,13: bezogen auf eine Einzelperson Namens Rufus. 2Joh 1,1: Die auserwählte Herrin.

Doch auch der, welcher den Ruf gehört und die Berufung angenommen hat, ist durch den Apostel Petrus  aufgefordert: „Darum, Brüder, befleißigt euch umso mehr, eure Berufung und Erwählung (gr. klh,sin kai e,klogh,n kl¢sin kai eklog¢n) festzumachen! Denn wenn ihr diese Dinge tut, werdet ihr niemals straucheln.“ (2Petr 1,10). Die Berufung und Auserwählung kann und wird durch den Glauben festgemacht und bewahrt, so in Offenbarung 17,14: „Die werden gegen das Lamm kämpfen, und das Lamm wird sie überwinden, denn es ist der Herr aller Herren und der König aller Könige, und die mit ihm sind, sind die Berufene und Auserwählte und Gläubige klh,toi kai e,klektoi kai pistoi, kl¢toi kai eklektoi kai pistoi.“ (weitere Stellen dazu: Mt 24,13; 1Petr 1,5; Offb 2,26).

Viele sind berufen“ kann also auf alle bezogen werden, „Wenige sind auserwählt“ – es sind nur die, welche den Ruf (die Berufung) angenommen haben und durch den Glauben ihre Rechtfertigung (Hochzeitsgewand) bewahren.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wo und in welcher Umgebung erzählte Jesus dieses Gleichnis?
  2. Welche Unterschiede fallen dir ein, wenn du die Gleichnisse Vom großen Abendmahl und Von der königlichen Hochzeit vergleichst? Was haben diese Gleichnisse gemeinsam?
  3. Was hält die Eingeladenen damals wie heute vom Kommen ab?
  4. Sind in unserer Mitte die „von der Straße“ herzlich begrüßt und willkommen geheißen?
  5. Gehen wir noch auf die „Straßen und Kreuzungen“ um `Gute und Böse` einzuladen?
  6. Was symbolisiert das Gewand hier im Gleichnis? Welche weiteren Aussagen finden wir in der Bibel (Mk 9,3; Offb 3,4; 3,18; 22,14).
  7. Wen meint Jesus mit den `Berufenen` mit den `Auserwählten`?
  8. Können auch auserwählte straucheln, wieder verloren gehen?

 

 

10.11 Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist

(Bibeltexte: Mt 22,15-22; Mk 12,13-17; Lk 20,20-26)

 

Der Evangelist Matthäus (Markus und Lukas folgen ihm) berichtet, wie eine Abordnung aus der Gruppe der Pharisäer zusammen mit Gefolgsleuten des Vierfürsten Herodes zu Jesus kommen. Auslöser war ihre Verärgerung über Jesus, der in seinen Gleichnissen von den bösen Weingärtnern und der königlichen Hochzeit eindeutig auf die ablehnende Haltung der Führenden im Judentum und deren Folgen hinwies (Mt 21,45-46; 22,1-15a; Mk 12,1-13a; Lk 20,19-20a). Der Evangelist Matthäus schreibt:

Dann gingen die Pharisäer hin und hielten Rat, wie sie ihn bei einem Ausspruch fangen könnten. Und sie senden ihre Jünger mit den Herodianern zu ihm und sagen: Lehrer, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes in Wahrheit lehrst und dich um niemand kümmerst, denn du siehst nicht auf die Person (auf das Gesicht) der Menschen. Sage uns nun, was denkst du: Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer (lat: census) zu geben, oder nicht? Da aber Jesus ihre Bosheit erkannte, sprach er: Was versucht ihr mich, Heuchler? Zeigt mir die Steuermünze! Sie aber überreichten ihm einen Denar (röm. Währung). Und er spricht zu ihnen: Wessen Bild (gr. ei,kw,neikön) und Aufschrift ist das? Sie sagen zu ihm: Des Kaisers. Da spricht er zu ihnen: Gebt denn dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist. Und als sie das hörten, wunderten sie sich und ließen ihn und gingen weg. (Mt 22,15-22).

Der Evangelist Lukas ergänzt: „Und sie beobachteten ihn und sandten Auflauerer aus, die sich stellten, als ob sie fromm (gerecht) seien, um ihn in der Rede zu fangen, damit sie ihn der Obrigkeit und der Macht des Statthalters überliefern könnten.“ (Lk 20,20). Aus Lukas 20,19 geht hervor, dass auch die Hohenpriester in diesen Rat einbezogen sind. Die Pharisäer gehen aber nicht selber zu Jesus, sondern schicken ihre Schüler zu ihm (Mt 22,16). Dies schien ihnen unauffälliger zu sein. Dass sie auch noch mit dem Herodes, der sich ebenfalls wegen des Passafestes in Jerusalem aufhält paktieren, ist nicht neu, wie wir aus Markus 3,6 erfahren. Für den Fall, dass ihr Plan aufgeht, brauchten sie auch hier die politische Macht um Jesus festzunehmen.

Die Evangelisten betonen sehr deutlich die Motive und Tricks der Gegner von Jesus. Es sind: Arglist, Bosheit, Heuchelei – vorgetäuschte Frömmigkeit und dies alles mit der Absicht, Jesus zu Fall zu bringen. Ebenso heben die Evangelisten hervor, dass Jesus sie durchschaut. Hier wird mal wieder deutlich, dass die sogenannten menschlichen Psychotricks von der Weisheit und Erkenntnis Gottes entlarvt werden.

Der Evangelist Lukas schließt ab mit der Ergänzung: „Und sie konnten ihn in seinem Wort vor dem Volk nicht fangen; und sie verwunderten sich über seine Antwort und schwiegen.“ (Lk 22,26).

Jesus lehrt gerade im Tempelbereich Jerusalems. Die beauftragten Schüler der Pharisäer sprechen als eigentliche Gegner gemeinsam Jesus an. Darum spricht Lukas von einem Auflauern und Markus davon, ihn in der Rede zu fangen. Sie geben ihrer Erwartung Ausdruck, dass Jesus gerade heraus antwortet, ohne auf jemand Rücksicht zu nehmen (Bruce, 180f). Die abgestimmte Frage bezieht sich darauf, ob die römischen Steuerforderungen in Übereinstimmung mit dem Gesetz für Israel, der Grundlage des jüdischen Volkes seien. Die Fragesteller erhoffen sich eine Antwort, die zur Anklage vor dem römischen Statthalter ausreicht (Lk 20,20).

Verschärft wurde diese Frage durch die Tatsache, dass in Galiläa die Steuern an den Sohn des Herodes des Großen: Herodes Antipas gezahlt wurde. Er war zwar unbeliebt, aber an ihm konnte man als Freund der Synagoge Steuern zahlen. In Judäa war zwar erst ein weiterer Sohn des Herodes des Großen als König (Etnarch-Volksfürst) eingesetzt, aber seine brutale Herrschaft wurde durch einen direkten römischen Statthalter abgelöst, dem man als Heiden nur sehr ungern Steuern zahlte. Das jüdische Volk war über lange Zeit an Steuerzahlungen an Fremdherrscher gewohnt. Selbst Propheten sahen, dass Gott diese Herrscher als Rute (Jes 5,10) zugelassen hatte, dem man als Anerkennung der Herrschaft Steuern zahlte (z.B. Neh 5,4). Zurzeit von Jesus gibt es aber Zeitgenossen, die der Ansicht sind, dass Gott allein der König Israels sei und man deshalb keinen heidnischen Herrscher durch Tributzahlungen anerkennen dürfe (Judas der Galiläer, Apg 5,37). Der Aufstand des Judas aus Galiläa wurde zwar niedergeschlagen, aber seine Ideen sind noch weit verbreitet.

Theologisch ist es also tatsächlich umstritten, ob man in Judäa im Gegensatz zur Diaspora Steuern an den römischen Statthalter zahlen solle. Der 10. Teil des Ertrages des Landes an den Tempel zu zahlen war selbstverständlich – aber darüber hinaus römische Steuern? Für viele Tempelbesucher war die Antwort ein offensichtliches: „NEIN!“ Solange Jesus in Galiläa war, war diese Frage nicht in der gleichen Weise akut – was auch immer er jetzt in Judäa antworten würde – er muss sich in Schwierigkeiten bringen! Ist Jesus ein schlechter Frommer und ein noch schlechterer Patriot oder ein Aufrührer gegen den römischen Statthalter?

 

Jesus lässt sich einen römischen Silberdenar bringen, mit der die römische Steuer bezahlt werden muss. Auf die Frage nach Bild und Aufschrift auf der Münze, geben die Fragesteller, dass dort Namen und Bild des Kaisers zu finden sei. Jesus gibt die klassisch prägnante Antwort:

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!.“ (Mt 22,21).

Mit dem Wort „geben“ können wir auch den Begriff: zurückgeben, was jemanden gehört“ verbinden.

Bedeutet dies die unausgesprochene Anerkennung der römischen Herrschaft? In gewisser Weise – ja! Jesus hat in keiner Form vor, die Unabhängigkeit Judäas von Rom auszurufen. Aber in anderer Hinsicht wollen streng gläubige Juden diese Münzen weder anschauen, geschweige denn besitzen, da dort ein Bild zu finden ist. Sie begründen dies mit 2Mose 20,4. Also taugen diese Münzen nicht für Gläubige und sollen schnell dorthin zurückgebracht werden, woher sie kamen. Der Anspruch Gottes wird durch ein solches Zurückgeben nicht verletzt.

Jetzt kommt es natürlich darauf an, zu erkennen, was denn alles „Gottes ist?“ Welche Ansprüche hat Gott im Himmel? Hier geht Jesus in der Karwoche wohl sehr viel radikalere Wege, als die Fragesteller ahnen können.

Jesus geht nicht in die Falle und kann sein Hauptanliegen nochmals klar formulieren.

Obwohl sie über die Antwort von Jesus sehr staunten und sich zurückzogen, werden sie in einigen Tagen die Steuerfrage vor Pilatus erneut vorbringen, diesmal in verdrehter Form als Anklagepunkt (Lk 23,2).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wer tat sich da mit wem zusammen und mit welcher Zielsetzung?
  2. Wie bewertet Jesus ihre Herzenseinstellung und wie bezeichnet er sie?
  3. Warum wurde die Steuerfrage erst in Judäa so akut? Warum gerade nach dem öffentlichen Einzug von Jesus in Jerusalem?
  4. Warum wurden römische Münzen mit Namen und Bild des Kaisers geprägt?
  5. Wie verstehen wir 2Mose 20,4? Welche Begründung haben wir für unseren lockeren Umgang mit Abbildungen, Ikonen, Statuetten?
  6. Wie sollen sich Christen in Steuerfragen verhalten? Welche Hinweise geben uns dazu die Apostel des Herrn?
  7. Welche Ansprüche hat denn nun Gott in unserem Leben?

 

 

10.12 Gibt es die Auferstehung von den Toten? Was sagt Jesus dazu?

(Bibeltexte: Mt 22,23-33; Mk 12,18-27; Lk 20,27-40)

Die theologische Auseinandersetzung von Jesus mit den Sadduzäern über die Auferstehung der Toten wird in allen drei synoptischen Evangelien beschrieben.Die Texte ergänzen einander, wir folgen dem Bericht des Matthäus mit еrgänzenden Aussagen des Lukas.

An jenem Tag kamen Sadduzäer zu ihm, die da sagen, es gebe keine Auferstehung; und sie fragten ihn und sprachen: Lehrer, Mose hat gesagt: Wenn jemand stirbt und keine Kinder hat, so soll sein Bruder seine Frau heiraten und soll seinem Bruder Nachkommenschaft erwecken. Es waren aber bei uns sieben Brüder. Und der erste heiratete und starb; und weil er keine Nachkommenschaft hatte, hinterließ er seine Frau seinem Bruder. Ebenso auch der zweite und der dritte, bis auf den siebten. Zuletzt aber von allen starb die Frau. Wessen Frau von den sieben wird sie nun in der Auferstehung sein? Denn alle hatten sie. Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ihr irrt, weil ihr die Schriften nicht kennt noch die Kraft Gottes; denn in der Auferstehung heiraten sie nicht, noch werden sie verheiratet, sondern sie sind wie Engel im Himmel (Lk ergänzt: „die aber, die für würdig gehalten werden, jener Welt teilhaftig zu sein und der Auferstehung aus den Toten (….) denn sie können auch nicht mehr sterben, denn sie sind Engeln gleich und sind Söhne Gottes, da sie Söhne der Auferstehung sind). Was aber die Auferstehung der Toten betrifft: Habt ihr nicht gelesen, was zu euch geredet ist von Gott, der da spricht: „Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs“? (Lk ergänzt: Dass aber die Toten auferweckt werden, hat auch Mose beim Dornbusch angedeutet, wenn er den Herrn „den Gott Abrahams und den Gott Isaaks und den Gott Jakobs“ nennt). Gott ist nicht der Gott von Toten, sondern von Lebenden (Lk ergänzt: denn für ihn leben alle). Und als die Volksmengen es hörten, erstaunten sie über seine Lehre. (Lk ergänzt:  „Da antworteten einige der Schriftgelehrten und sprachen: Meister, du hast recht geredet. Denn sie wagten nicht mehr, ihn etwas zu fragen“).  (Mt 22,23-33).

 

Abbildung 13 Die Sand- und Steinwüste im Wadi Rum ist keineswegs vegetationslos. Die Dornbüsche haben oft mehrere Meter tiefe Wurzeln.  (Foto: 6. November 2014). „Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwieger-vaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Wüste hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb. Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und diese wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt.  Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land! Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen.“ (2Mose 3,1-6).

ANMERKUNG: Mit dem Hinweis auf den Dornbusch aus 2Mose 3,1ff (bei Markus und Lukas), unterstreicht Jesus wenn auch nur indirekt, die Historizität des Ereignisses in der Wüste am Berg Horeb.

Nun sind die Sadduzäer an der Reihe und sie kommen mit ihrem Anliegen zu Jesus. Es geht um die Frage der Auferstehung der Toten. Matthäus hebt gleich hervor, dass die Sadduzäer an die Auferstehung der Toten nicht glaubten (Mt 22,23). In der Apostelgeschichte 23,6-8 ergänzt Lukas: „(…), denn die Sadduzäer sagen, es gebe keine Auferstehung noch Engel noch Geist; die Pharisäer aber bekennen beides.“ Die Sadduzäer beginnen mit: „Lehrer, Mose hat geboten“, damit bringen sie zum Ausdruck, dass ihnen die Schriften des Mose bekannt sind und sie diese als Grundlage für ihre Lebenspraxis anerkennen. Die sogenannte Schwagerehe ist im Gesetz geregelt gewesen, damit Grundbesitz einer Familie, einer Sippe oder eines Stammes nicht verlorengeht (5Mose 25,5-9). Liebe oder Zuneigung bei der Heirat spielten eher eine untergeordnete Rolle, sachliche und wirtschaftliche Gründe überwogen. Bereits vor der Gesetzgebung am Sinai waren solcherlei Gepflogenheiten in der Praxis, wie die kuriose Geschichte aus 1Mose 38,6ff nahe legt. Aus der Richterzeit ist eine eher romantische Geschichte von Ruth und Boas überliefert worden (Ruth 4,1ff).

Ob die Geschichte mit der die Sadduzäer Jesus beeindrucken wollen echt oder erdacht war, lässt sich nicht feststellen. Immerhin sagen sie: „es waren bei uns sieben Brüder“. Was jedoch klar ist, die Sadduzäer wollen Jesus in eine theologische Schwierigkeit bringen, um ihren Standpunkt gegenüber den Pharisäern (die dabeistanden) zu rechtfertigen. Jesus kennt ihre Motive und daher geht er mit ihnen nicht gerade zimperlich um. In diesem Fall weist er auf ihre totale Verirrung hin und dies aus zwei wichtigen Gründen. Sie wissen oder kennen  die Schriften nicht, noch die Kraft Gottes.

Und nun beginnt Jesus mit der Klärung der Missverständnisse. Er macht unmissverständlich klar:

  • Dass die Ehe und die damit einhergehenden Rechtsbestimmungen nur für dieses irdische Leben in Kraft sind;
  • Dass Diejenigen, welche würdig sind die himmlische Welt und die Auferstehung von den Toten zu erreichen (gemeint sind hier die Gläubigen) werden den Engeln gleichen, so der griechische Begriff `i,sa,ggeloi isangeloi. Die geschlechtsspezifischen Merkmale und Verhaltensweisen sind dort aufgehoben.
  • Dass sie Söhne Gottes sind;
  • Dass sie Söhne der Auferstehung sind und daher nicht mehr sterben können.

Was für klare Aussagen von dem, der aus jener Welt kommt und davon genaue Kenntnis hat. Da die Sadduzäer sich hauptsächlich auf die fünf Bücher Moses, die Thora stützten, fehlte ihnen der Zugang zu vielen wichtigen Aussagen zum Thema Auferstehung aus den Psalmen und den Propheten, wie zum Beispiel:

  • Psalm 16,9-10: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher wohnen. Denn du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (LXX: verwese).“
  • Jesaja 26,19: „Aber deine Toten werden leben, deine Leichname werden auferstehen. Wachet auf und rühmet, die ihr liegt unter der Erde! Denn ein Tau der Lichter ist dein Tau, und die Erde wird die Schatten (Totengeister) herausgeben.“
  • Daniel 12,2 „Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen; die einen zum ewigen Leben, die anderen zur ewigen Schmach und Schande.“
  • Daniel 12,13: „Du aber, Daniel, geh dem Ende entgegen, und ruhe, bis du aufstehst zu deinem Erbteil am Ende der Tage!
  • Weitere (wenn auch indirekte) Hinweise auf die ‚Auferstehung der Toten finden wir in 2Mose 32,32-33; Psalm 17,15; 69,29; Hesekiel 37,1-14; Hosea 6,2. Die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde in Jesaja 65,17-19; 66,22 macht nur Sinn, wenn es die Auferstehung von den Toten gibt.

Diese Schriftaussagen waren den Sadduzäern nicht bekannt oder sie hatten für sie nicht den gleichen Stellenwert wie die fünf Bücher Moses. Doch Jesus macht sie aufmerksam auf eine wesentliche Aussage aus den Schriften, welche sie anerkannten.

Nun führt Jesus seine Zuhörer in die göttliche Hermeneutik ein. Denn die Schrift birgt in sich göttliche Gedanken. Die Beachtung grammatischer Details erschließt tiefe göttliche Inhalte. Durch die Redewendung: „Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Gott ist nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden, denn sie leben ihm alle“, wird zum einen das ewige, immerwährende Sein Gottes bekräftigt und zum anderen die unaufhörliche Existenz der genannten Personen angedeutet. Sogar noch mehr, es besteht eine Wechselbeziehung zwischen Gott und den entschlafenen Gläubigen.

Am Ende des Gesprächs breitet sich ein Staunen aus unter der Volksmenge. Den Fragestellern bekräftigt Jesus noch einmal: „darum irret ihr sehr“. Die Sadduzäer können mit solch einem Lehrer und dessen vollmächtiger Schriftauslegung nicht mithalten, sie trauen sich nicht, weitere Fragen zu stellen. Wahrscheinlich zogen sie sich beschämt zurück. Aus der Gruppe der Pharisäer, die diese Diskussion sicherlich aufmerksam mitverfolgten, kommt eine positive Reaktion. „Lehrer, du hast gut geredet“. In dieser so wichtigen theologischen Wahrheit wissen sie sich von Jesus bestätigt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Gruppe aus den Juden wollte Jesus in eine theologische Falle führen?
  2. Was glaubten sie, bzw. was glaubten sie nicht im Gegensatz zu den Pharisäern?
  3. Wie ist es zu erklären, dass bei der Vielzahl direkter und indirekter Aussagen über die Auferstehung von den Toten in den Psalmen und Propheten, die Sadduzäer daran nicht glaubten?
  4. Wie ist es mit der Geschichte, welche sie Jesus vortrugen, könnte sie in echt gewesen sein?
  5. Suche im Alten Testament nach Textstellen, in denen diese besonderen Fälle der sogenannten Schwagerehe geregelt werden.
  6. Wie reagiert Jesus auf das Anliegen der Sadduzäer?
  7. Welchen Einblick gibt Jesus in jene Welt und was hat dies mit der Ehe hier auf Erden zu tun?
  8. Wie begründet Jesus seinen Standpunkt in Bezug auf die Auferstehung der Toten?
  9. Sind die Sadduzäer zufrieden mit der Antwort von Jesus? Wie reagiert die Menschenmenge? Wie reagieren die Pharisäer?
  10. Wie fest ist unsere Zukunftshoffnung? Wie glaubhaft ist unser Zeugnis für das ewige Leben?

 

10.13 Lehrer, welches ist das erste und größte Gebot im Gesetz?

(Bibeltexte: Mt 22,34-40;  Mk 12,28-34)

 

Nach den Sadduzäern (Mt 22,23) kommen wieder Vertreter der Pharisäer zu Jesus. Im Gegensatz zu den Sadduzäern glauben Pharisäer an eine Auferstehung der Toten (Apg 23,6-8). Trotz mancher gemeinsamer Lehrmeinungen mit Jesus (Mt 23,3) berichten uns die Evangelisten von ihrer Ablehnung des Messias Jesus Christus. So schreibt der Evangelist Matthäus:

4          Als aber die Pharisäer hörten, dass er den Sadduzäern das Maul gestopft hatte, versammelten sie sich. Und einer von ihnen, ein Lehrer des Gesetzes, versuchte ihn und fragte: Meister, welches ist das höchste (große, größte) Gebot im Gesetz? Die Antwort von Jesus (bei Markus) lautete: Das erste Gebot ist das: »Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist HERR einer (der Einzige)). Mt: Jesus aber sprach zu ihm: »Du sollst lieben den HERRN, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt« (5. Mose 6,4-5). Dies ist das höchste (große, größte) und erste Gebot. Das andere aber ist dem gleich (ähnlich): »Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst« (3. Mose 19,18). In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten. (Mt 22,34-40).

Nach einer Zusammenkunft der Pharisäer, tritt einer aus ihrer Gruppe gezielt vor Jesus. Er hatte mitbekommen, wie treffend Jesus den Sadduzäern geantwortet hatte. Wahrscheinlich spricht er im Auftrag und Absprache mit den anderen und stellte Jesus due Frage nach dem ersten Gebot. Der Evangelist Matthäus beschreibt ihn hier mit dem seltenen Begriff Gesetzeslehrer, Gesetzeskundiger (gr. nomiko,j – nomikos), Die Überlieferung dieses Wortes ist in den besten griechischen  Handschriften uneinheitlich. Markus bezeichnet sie schlicht als Schriftgelehrte (gr. grammateu,j – grammateus). Wir haben den Eindruck aus dem folgenden Gespräch, dass ein beiderseitiger Respekt die Grundlage für dieses Gespräch bildet. Trotzdem schreibt Matthäus, dass dieser Gesetzeslehrer Jesus versuchte. Das griechjsche Verb `peira,zwn – peirazön` kann Versuchung (negativ) oder auch Prüfung (positiv) bedeuten. Die vorangegangene Absprache in der Gruppe der Pharisäer erweckt den Eindruck, dass mit der Frage des Gesetzeslehrers Jesus herausgefordert werden sollte. Wird er sich zu dem einen HERRN/Gott bekennen? Sie werden keinesfalls vergessen haben, dass er sich als Gottes Sohn ausgab und Gott seinen eigenen Vater nannte (Joh 10.36; Joh 2,16; 5,17-19; 5,43.45; 6,32.40; 8,19.38.49.54; 10,15.18.25.29.37; 12,26; 14,2.7.21.23.26; 15,1). Dies war für sie Gotteslästerung und des Todes würdig.

Zweifellos aber standen viele der Pharisäer mit ihrer Erkenntnis dem Reich Gottes nahe (Joh 3,1-2; Mt 23,3). Die Frage dieses eher noblen Zeitgenossen passt gut zu einem Denkrahmen: die im späteren Judentum zu 613 Geboten, davon 248 positiv und 365 negativ, zusammengefasst werden. „Lehrer, welches ist das größte Gebot im Gesetz“ (Mt 22,36)? Die Frage nach dem Superlativ der Gebote ist wesentlich, um eine Rangfolge erstellen zu können. Nach Markus antwortet Jesus mit den einprägsamen Worten des Sch`ma Israel aus 5Mose 6,4-5: „Höre, Israel, der HERR, unser Gott, ist HERR einer (ei-j eis  – einer, Einziger) – im gr. als Zahlwort im Maskulinum (so auch in Eph 4,6; 1Tim 2,5). Für Jesus war es überhaupt kein Widerspruch zwischen: es gibt nur einen HERRN / Gott und der Aussage: „ich und der Vater sind eins“ (Joh 10,30 als Zahlwort oder: „ich bin Gottes Sohn“ (Joh 10,36).

Matthäus fährt fort mit den Worten von Jesus über die Einzigartigkeit der Beziehung des Menschen zu Gott: „Du sollst lieben den HERRN, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. (Mk ergänzt: „und mit all deiner Kraft). Dies ist das größte und erste Gebot. Das zweite aber ist ihm gleich (gr. o,moi,aomoiaähnlich): «Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst.» An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,37-40).

Jesus lehrt hier, dass das gesamte geistlich-moralische Gesetz in einem Wort zusammengefasst werden kann: Liebe! (Röm 13,9; 1Kor 13,1-13). Jesus weist auf die Ausrichtungen dieser Liebe: auf Gott hin (5Mose 6,4-5) und auf den Nächsten (3Mose 19,18). Herz, Seele, Verstand und Kraft in ihrer Ganzheit wirken zusammen diese Gottesliebe:

Herz (gr. kardi,a – kardia): der Sitz der Persönlichkeit, die Schaltzentrale des menschlichen Seins, sein Geist

Seele (gr. yuch, – psych¢): der Sitz der Gefühle, die Summe der Empfindungen (der Begriff wird auch für das physische Leben verwendet). Man könnte sagen: die Einheit von Leib und Geist (Odem von Gott) ergibt lebendige Seele (1Mose 2,7)

Verstand (gr. dianoi,a – dianoia): das Denkvermögen, das Unterscheidungsvermögen, die Weisheit des Lebens

Bei Markus lesen wir, dass diese Liebe aus „deiner ganzen Kraft (gr. iscu,oj – ischyos)auf Gott ausgerichtet sein soll. Hier ist kein Platz für jede Art von Halbherzigkeit. Wenn Gott seinen Sohn gibt – sich selbst gibt, wie kann dann der Mensch ein wenig lieben (Eph 5,1.2)? Und die Liebe zum Nächsten in der Art und Weise sein soll, wie die Liebe zu sich selbst. Zur Zeit des Reiches Israel war das Gebot der Nächstenliebe in der Praxis eingeschränkt. Christus zeigt in seinem Umgang mit verschiedenen Menschen ganz praktisch wer für ihn der Nächste ist und klärt eindeutig darüber auf, was es heißt seinen Nächsten zu lieben – lies hier Lk 10,29-37. Doch auch die Basis: sich selbst lieben findet in seiner Lehre Beachtung (Mt 7,12).

Die vollmächtige Schriftauslegung von Jesus, hat tiefe Wirkung auf den Schriftgelehrten, entsprechend ist seine Reaktion. Er antwortete seinerseits mit: „Recht (gut), Lehrer, du hast nach der Wahrheit geredet; denn er ist einer (er ist der Einzige), und es ist kein anderer außer ihm;“ Im folgenden wiederholt der Schriftgelehrte das Gebot der Gottesliebe und Nächstenliebe mit dem Zusatz: dies „ist viel mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.“ (Mk 12,32-33; 1Sam 15,22; Ps 51,18-19; Hos 6,61). Ein bewegender Augenblick tritt ein, denn nicht allzu oft gab es solch vollkommene Übereinstimmung in einer zentralen theologischen Frage. Und es folgt eine Bemerkenswerte Schlussfolgerung von Jesus: „Und als Jesus sah, dass er vernüftig antwortete, sagte er ihm: Du bist nicht ferne vom Reich Gottes. Und es wagte niemand mehr, ihn zu befragen.“ (Mk 12,34). Jesus hat immer die besten Antworten und daher wird er auch immer das letzte Wort haben. Es scheint, als ob der Fragekatalog an Jesus zu Ende ist, aber wie ist es bei Jesus, hat er noch Fragen an die Menschen? Siehe nächsten Abschnitt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Karikaturen von Pharisäern kennen wir? Treffen diese immer und auf alle zu?
  2. Warum steckt in uns selbst so viel von einem Pharisäer?
  3. Warum ist die Frage nach dem höchsten Gebot auch heute im Alltag wesentlich?
  4. Welchem Gottesbild, Gottesvorstellung begegnen wir heute? Wie stellt Jesus den einen Herrn und Gott vor?
  5. Wie antworten wir auf den Vorwurf – ihr Christen glaubt an drei Götter.
  6. Können wir mit Liebe wirklich der Not dieser Welt begegnen? Ist Liebe nicht zu etwas romantischem eingeengt worden?
  7. Was heißt es mit aller Kraft aus Herz, Seele und Verstand zu lieben?
  8. Was heißt es in geistlicher Weise und ausgewogen sich selbst zu lieben?
  9. Sind die Pharisäer mit der Antwort von Jesus zufrieden geblieben? Wie war die Reaktion des Schriftgelehrten?
  10. Wie genau weis Jesus den wahren Stand eines Menschen? Was bedeutet es für uns?

 

10,14 Wessen Sohn ist der Messias / Christus?

(Bibeltexte: Mt 22,41-44; Mk 12,35-37; Lk 20,41-44; Ps 110,1)

 

Jesus befindet sich, wie der Evangelist Markus betont immer noch auf dem Tempelgelände. Nun ist er dran den Pharisäern eine Frage zu stellen und zwar in Gegenwart des Volkes. So schreibt der Ev. Markus:

Und während Jesus im Tempel lehrte, hob er an und sagte: Wieso sagen die Schriftgelehrten, daß der Christus Davids Sohn ist? Er selbst, David, hat im Heiligen Geist gesagt: (Lukas ergänzt: „im Buch der Psalmen): „Der HERR hat gesagt zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege!“ Er selbst David, nennt ihn Herr, und woher ist er sein Sohn? Und die zahlreiche Menge hörte ihn gern. (Mk 12,35-37).

Nach Markus wendet sich Jesus ganz allgemein an die zahlreiche Menschenmenge, die im Tempel versammelt war und ihn gerne hörte. Dabei zitiert er die Schriftgelehrten in deren Auslegung über die Herkunft und Identität des Messias.

Der Ev. Matthäus ergänzt: „Als aber die Pharisäer versammelt waren, fragte sie Jesus und sagte: Was meint ihr über den Christus? Wessen Sohn ist er?“ Gezielt stellt Jesus die Frage an die Pharisäer, aus deren Reihen haptsächlich die Schriftgelehrten kommen. Er fordert sie zum Nachdenken heraus. Anstatt aber nachzudenken und ganz neu zu überlegen, antworten sie prompt mit der Standartaussage ihrer Schriftgelehrten. „Sie sagten zu ihm: – Davids.Dabei stützte man sich wohl auf Aussagen wie zum Beispiel:

  • 2Sam7,11-14a: Wenn nun deine Zeit um ist und du dich zu deinen Vätern legst, will ich dir einen Nachkommen erwecken, der von deinem Leibe kommen wird; dem will ich sein Königtum bestätigen. Der soll meinem Namen ein Haus bauen, und ich will seinen Königsthron bestätigen ewiglich. Ich will sein Vater sein, und er soll mein Sohn sein.
  • Jeremia 23,5: „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.“ (ähnlich auch Jer 33,15).

Wenn sie sich auf diese Aussagen stüzten, dann dachten sie auch nicht falsch, sogar der Engel Gabriel zitiert (wenn auch nur auszugsweise) die Verheißung aus 2Samuel 7,12-14 im Gespräch mit Maria (Lk 1,31ff). Doch bestimmte Schriftaussagen blieben den Schriftgelehrten in ihrer tiefen Bedeutung verborgen. Und darin offenbart sich die Weisheit Gottes in seinem Sohn, weil nur er imstande ist die göttlichen Gedanken Gottes, die unter der Oberfläche des Buchstabens verborgen lagen, ans Licht zu bringen (Mt 11,27). Dies trifft auch auf den von Jesus zitierten Psalm 110,1 zu. „Er sagte zu ihnen: Wie nennt ihn denn David im Geist (Mk: „im Heiligen Geist“) Herr, wenn er sagt:Der HERR sprach zu meinem Herrn: / »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße legeWenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er denn sein Sohn?“ (Mt 22,44-45). Des Rätsels Lösung ist für die Pharisäer nicht möglich, weil sie den Messias nur als einen irdischen, menschlichen Erlöser und König ansahen. Da Jesus sich bereits mehrmals in der Öffentlichkeit als Sohn Gottes zu erkennen gab (Joh 5,17-19; 10,30-36), tut er es an dieser Stelle nur indirekt. Sie sollen selber darüber nachdenken und ihre Erkenntnisse überprüfen. Weil niemand weitere Fragen stellt, bleint offen, inwieweit sie Jesus verstanden haben oder verstehen wollten.

AM;ERKUNG: Damit der Bibelleser erkennen kann, an welcher Stelle in der hebräischen Bibel `JHWH` steht, schreiben einige deutsche Übersetzungen `HERR` mit Großbuchstaben, wo `Adonai` steht, mit `Herr` kleingeschrieben.

An dieser Stelle ist es dran über die Bedeutung und Inhalt der beiden Begriffe `HERR, bzw, Herr` aus Psalm 110,1  nachzudenken. In den griechischen Text des Neuen Testamentes in denen Psalm 110,1 zitiert wird, steht: „ei,pen o ku,rioj tw, kuriw, mou – eipen o kyrios tö kyriö mou – es sprach der Herr zu meinem Herrn“. Im hebräischen Text des Alten Testamentes stehen die Begriffe „נאם יהוה לאדני – spricht JHWH zu Adonai (meinem Herrn). Wie auch immer heute im Judentum `adonai` verwendet wird, die Übersetzer des hebräischen Alten Testamentes (der LXX) übersetzten `adonai` aus (Ps 110,1) mit `kyriö mou – zu meinem Herrn`. Und diese Übersetzung haben auch die neutestamentlichen Autoren übernommen (Mt 22,44; Mk 12,36; Lk 20,42; Apg 2,34).

Anmerkung: Nach 2Mose 6,3 war der Name Gottes JHWH den Vätern Abraham, Isaak und Jakob nicht offenbart. Wenn wir trotzdem diesen Namen im ersten Mosebuch vorfinden, dann war es Mose, der nachträglich die Urgeschichte aufgeschrieben hat. Erst dem Mose offenbarte sich Gott unter diesem Namen, so lesen wir in 2Mose 3,13-15: „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?  Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt. Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Israeliten sagen: Der HERR (JHWH), der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name auf ewig, mit dem man mich anrufen soll von Geschlecht zu Geschlecht.“ Und etwas später lesen wir: „Da stieg der HERR in der Wolke herab, und er trat dort neben ihn und rief den Namen des HERRN aus. Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn (großmütig) und reich an Gnade und Treue (Wahrheit).“ Mit seinem Namen offenbart Gott seine Wesenszüge.

Da man es im Judentum aus Angst vor Missbrauch vermied den Namen Gottes `JHWH` auszusprechen, verwendete man dafür die Anrede `Adonai`. So wundert es nicht, dass man im griechischen Alten Testament sowohl die Anrede (אדני – Adonai) als auch den Namen Gottes (יהוה – JHWH) mit `kyrios – Herr` übersetzte und sie damit in Bezug auf Gott gleichstellte. Daher werden sie auch als Synonyme verwendet. Hier einige Beispiele als Begründung.

  • 1Mose 15,2+8: „Abram sprach aber: „Herr HERR, (Adonai JHWH) was willst du mir geben?“ Oder: „Abram aber sprach: Herr HERR (Adonai JHWH), woran soll ich merken, dass ich’s besitzen werde?“ Zuerst kommt die ehrerbietende Anrede `mein Herr` und dann nennt er den Eigennahmen `JHWH`, dabei handelt es sich um dieselbe Person.
  • 1Mose 18,1: „Und der HERR (JHWH) erschien ihm bei den Terebinthen von Mamre“. 1Mose 18,2-3: „sobald er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen und verneigte sich zur Erde und sagte: Herr (Adonai – mein Herr), wenn ich denn Gunst gefunden habe in deinen Augen, so geh doch nicht an deinem Knecht vorüber!“ JHWH besucht Abraham im Hain Mamre (bei Hebron) in Begleitung zweier Boten. Abraham redet `JHWH` in Vers 3 mit `Adonai` an. Im folgenden Verlauf des Gesprächs (Verse 13,17.20.22.33) ist die von Abraham in Vers 3 angeredete Person immer `JHWH`. Es handelt sich hier um dieselbe Person. Jesus bestätigt, dass der Messias von Abraham gesehen wurde. In Johannes 8,53-59 fragen die Pharisäer Jesus: „Bist du etwa größer als unser Vater Abraham, der gestorben ist? Und die Propheten sind gestorben. Was machst du aus dir selbst? Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst ehre, so ist meine Ehre nichts; mein Vater ist es, der mich ehrt, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.  Und ihr habt ihn nicht erkannt, ich aber kenne ihn; und wenn ich sagte: Ich kenne ihn nicht, so würde ich euch gleich sein: ein Lügner. Aber ich kenne ihn, und ich bewahre sein Wort. Abraham, euer Vater, jubelte, dass er meinen Tag sehen sollte, und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht fünfzig Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war (wurde), bin ich.“ Das ist ein Hinweiss, dass der dem Abraham Erschienene `Herr` Christus war.
  • Jesaja 6,1: „Im Todesjahr des Königs Usija, da sah ich den Herrn (hebr.: אדני – Adonai) sitzen auf hohem und erhabenem Thron,“ Jesaja 6,3: „Und einer rief dem andern zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR  (hebr.: יהוה – JHWH) der Heerscharen!“ Jesaja 6,5: „Da sprach ich: Wehe mir, denn ich bin verloren. Denn ein Mann mit unreinen Lippen bin ich, und mitten in einem Volk mit unreinen Lippen wohne ich. Denn meine Augen haben den König, den HERRN (hebr.: יהוה – JHWH) der Heerscharen, gesehen.“ Jesaja 6,8: „Und ich hörte die Stimme des Herrn (hebr.: אדני – Adonai), der sprach: Wen soll ich senden, und wer wird für uns Bote sein.“ Zweimal wird dieselbe Person auf dem erhabenen Thron bei seinem Eigennamen (JHWH) genannt oder angerufen und zweimal einfach nur mit der ehrenvollen Anrede `Adonai`. In Johannes 12,39-41 bestätigt Jesus, dass Jesaja die Herrlichkeit (des Messias) gesehen hat: „(…). Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.“ (Jes 6,9-10). Da niemand jemals Gott gesehen hat, kann hier nur von dem Messias, dem Gottessohn die Rede sein (2Mose 33,20; Joh 1,18; 6,46; 1Joh 4,12; Röm 1,20; Kol 1,15; 1Tim 1,17; 6,15-16).
  • Psalm 8,1+9: „Dem Chorleiter. Nach der Gittit. Ein Psalm. Von David. HERR (JHWH), unser Herr (Adonai), wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gelegt hast auf den Himmel! Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Macht gegründet wegen deiner Bedränger, um zum Schweigen zu bringen den Feind und den Rachgierigen. Wenn ich anschaue deinen Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du sein gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du dich um ihn kümmerst? Denn du hast ihn wenig geringer gemacht als Engel (hebr.: Elohim-Gott), mit Herrlichkeit und Pracht krönst du ihn. Du machst ihn zum Herrscher über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gestellt: Schafe und Rinder allesamt und auch die Tiere des Feldes, Vögel des Himmels und Fische des Meeres, was die Pfade der Meere durchzieht. HERR (JHWH), unser Herr (Adonai), wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!“ Die Aussage in Vers 3: „Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge hast du Macht gegründet“, wird in Matthäus 21,16 von den Kindern im Tempel laut zur Ehre von Jesus, dem Sohn Davids gerufen. Und in Hebräer 2,5-10 wird dieser Psalm auszugsweise zitiert und ebefalls auf Jesus den Menschensohn gedeutet.

Natürlich wird die Bezeichnung `Adonai/Herr` auch allgemein für geachtete oder höhergestellte Personen, Könige, Statthalter Götter Engel verwendet.

  • 1Mose 18,12: Sara nennt ihren Mann Abraham `Adonai – mein Herr`;
  • 1.Mose 19,2: Lot redet die beiden Männer (Engelboten), mit `Adonai – meine Herren` an;
  • 1Mose 23,6-15: Efron, der Hetiter redet Abraham mit `Adonai – mein Herr` an, ebenso Abraham den Efron;
  • 1Mose 24,14; Elieser der Knecht spricht von Abraham als `Adonai – seinem Herrn`;
  • 1Mose 24,18: Rebekka nennt sogar Elieser den Knecht Abrahams mit `Adonai – mein Herr`;
  • 1Mose 31,35: Rahel nennt ihren Vater `Adonai – mein Herr`;
  • 2Mose 32,22: Aaron nennt seinen Bruder Mose `Adonai – mein Herr`.

Doch erst aus dem Kontext ist ersichtlich wer die mit `Adonai – mein Herr` angeredete Person gemeint ist. In seinem Status als souveräner König, hatte David außer Gott niemanden als höhere Autorität über sich, die er als `Adonai – mein Herr` bezeichnen brauchte. Gerade in diesem Fall wird Davids Anrede in Psalm 110,1: `Adonai – meinem Herrn` in der Würdigung des Gottessohnes gerecht.

Und damit auch niemand auf die Idee käme, den `Adonai – meinem Herrn` aus Psalm 110,1 auf einen der höchsten Engelfürsten zu beziehen, schreibt der Autor des Hebräerbriefes: „Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum (2. Samuel 7,14): »Ich werde sein Vater sein und er wird mein Sohn sein«? Und abermals, wenn er den Erstgeborenen einführt in die Welt, spricht er (Psalm 97,7): »Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.« Von den Engeln spricht er zwar (Psalm 104,4): »Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen«, aber von dem Sohn (Psalm 45,7-8): »Gott, dein Thron währt von Ewigkeit zu Ewigkeit, und das Zepter der Gerechtigkeit ist das Zepter deines Reiches. Du hast geliebt die Gerechtigkeit und gehasst die Ungerechtigkeit; darum hat dich, Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl wie keinen deiner Gefährten.« Und (Psalm 102,26-28): »Du, Herr, hast am Anfang die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden vergehen, du aber bleibst. Und sie werden alle veralten wie ein Gewand; und wie einen Mantel wirst du sie zusammenrollen, wie ein Gewand werden sie gewechselt werden. Du aber bist derselbe, und deine Jahre werden nicht aufhören.« Zu welchem Engel aber hat er jemals gesagt (Psalm 110,1): »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege«? Sind sie nicht allesamt dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, die ererben sollen die Seligkeit?“ (Hebr 1,5-14).

Die Pharisäer sind verblüft, an solche Deutung hätten ihre Schriftgelehrten nie gedacht. Es bedurfte des Hinweises von Jesus, dass man sich über diese tiefe Bedeutung erstmals Gedanken machte. So wurndert auch die Reaktion der Pharisäer nicht „Und niemand konnte ihm ein Wort antworten und seit jenem Tag wagte niemand mehr ihn zu fragen.“ (Mt 22,46).

Mit dieser Fragestellung will Jesus keinesfalls seine irdische Herkunft schmälern oder gar verleugnen, stand es doch gar nicht zur Debatte und wurde auch von niemandem angezweifelt. Doch ihm war wichtig, dass die Juden die himmlische und göttliche  Herkunft des Messias erkennen und anerkennen. Denn von dieser Anerkennung im Glauben hing ihre Erlösung ab. „Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2Kor 5,19).

 

Bibeltexte, nach welchen die Würde des Vaters auch dem Sohn zukommt.

  • Der Ap. Paulus schreibt: „Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt wrden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt, so haben wir doch nur einen (Zahlwort) Gott ((εἷς θεὸς – eis theos), den Vater, von dem alle Dinge sind und wir zu ihm, und einen (Zahlwort) Herrn (εἷς κύριος – eis kyrios), Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.“ (1Kor 8,5-6).
  • 5Mose 10,17: „Denn der HERR, euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren,“ 1Timotheus 6,15: „welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren,“
  • Offenbarung 17,14: „Die werden gegen das Lamm kämpfen, und das Lamm wird sie überwinden, denn es ist der Herr aller Herren und der König aller Könige, und die mit ihm sind, sind die Berufenen und Auserwählten und Gläubigen.“
  • Offenbarung 19,16: „und trägt einen Namen geschrieben auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte: König aller Könige und Herr aller Herren.“

 

Fragen / Aufgaben:

    1. Welche Vorstellungen hatten die Juden über den Messias?
    2. Die Frage nach der Identität des von den Juden erwarteten Messias, war eine der die zentralsten im Judentum. Was hing damit alles Zusammen?
    3. Warum war und ist die Frage nach der Herkunft, bzw. Identität  des Messias so wichtig?
    4. Wie begründet Jesus seine göttliche Herkunft?
    5. Haben die ‚Pharisäer Jesus verstanden? Warum konnten sie nichts dagegen sagen?
    6. In welchem Zusammenhang steht die Anrede `Adonai – Herr` und der Name Gottes `JHWH` und wie werden diese verwendet?
    7. Warum ist es notwendig, dass wir Jesus sowohl als Menschensohn, als auch Gottesohn anerkennen?
    8. Wie begründest du deine Glaubensbeziehung zu Gott dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus im Gespräch mit Zeugen Jehovas, mit Juden oder Moslems?

 

 

10.15 Weherufe über die Schriftgelehrten und Pharisäer

(Bibeltext: Mt 23,1-39)

 

Dieser Abschnitt gliedert sich in 4 Teile:

V.1-3a             Folgt den Schriftgelehrten und Pharisäern

  1. 3b-12 Die Sünden der Schriftgelehrten und Pharisäer
  2. 13-36 7 Weherufe gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer
  3. 37-39 Trauer über Jerusalem

 

Jesus entwertet nicht die Worte der Gesetzestexte – diese sind zu folgen. Doch Jesus zeigt die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf. Die folgenden Vorwürfe von Jesus sind zusammenzufassen in:

– mangelnde Aufrichtigkeit

– mangelndes Mitgefühl

– mangelnde Demut

Aufgeladene Lasten erdrücken die Menschen, ohne dass ein Finger von den angeblichen Vorbildern gerührt wird. Der Unterschied zwischen der gezeigten öffentlichen Frömmigkeit und der wirklich gelebten ist zu offensichtlich. Die Suche nach Anerkennung und Ehre zeigt die tieferliegenden Motive auf.

 

Die 7 Weherufe erheben den Vorwurf, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer:

– die Tür zum Himmelreich anderen verschließen

– die Proselyten verderben

– das Gebot vom Schwören auf den Kopf stellen

– die Rangfolge von Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue gegenüber dem Zahlen des Zehnten umkehren

– die Rituale gegenüber dem gelebten Glauben zu stark erhöhen

– das Glaubensleben immer mehr veräußerlichen

– in Bezug auf ihre Güte nicht sehen wollen, dass sie keineswegs besser sind als ihre Vorfahren, die Propheten töteten

 

Wie Johannes der Täufer (Mt 3,7) nennt Jesus seine Gegner Schlangen! Otternbrut!noch immer verführen sie zum Bösen. Das Gericht der Hölle (Gehenna = Aufenthaltsort der Bösen nach dem Gerichtstag) wartet auf sie. Jesus stellt die zeitgenössischen Frommen in eine Linie mit den Eiferern der alten Tage, die Propheten ermordeten. Den genauen Wortlaut, den Jesus hier ausspricht finden wir nicht im Alten Testament – doch Jesus verbindet die Vergangenheit mit der nahen Zukunft. Wieder werden die wahren Frommen aus blindem religiösem Eifer getötet, gekreuzigt, gegeißelt und verfolgt werden. Jesus zeigt auf, dass dies vom ersten Buch des Tenach (jüdischem ersten Testament mit der hebräischen Reihenfolge der Bücher) – also von 1. Mose (= Abel 1Mose 4,8)) – bis zum letzten Buch – also Buch der Chroniken (= Secharja 2Chr 24,20ff)  – so geschehen ist. Hier und in Sach 1,1 wird Secharja als Sohn des Berechjas genannt, doch in 2Chr als Sohn des Priesters Jojada. Dem Strom des Blutes wird nach den Worten von Jesus ein Gericht folgen.

Jesus sieht dieses Gericht und trauert über Jerusalem aus tiefem Herzen. Die Verdopplung im Trauerruf unterstreicht die Tiefe dieser Trauer. Jesus lässt mit dem genutzten Bild tief in seine eigenen Gefühle blicken: Er vergleicht sich mit einer Glucke, die ihre Küken um sich oder gar unter sich schart. … ihr habt nicht gewollt!

Das Haus „Jerusalem“ samt Tempel wird öde werden. Wenn Jesus sagt: „…von jetzt an…“ meint er tatsächlich die folgenden Tage der Passion bis zu seinem zweiten Wiederkommen (Offb 1,7!).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Vergleiche die Vorwürfe von Mt 23,34.35 mit Jer 7,25-29.
  2. Welche Propheten, Weisen und Schriftgelehrten sandte Jesus?
  3. Wo im Neuen Testament lesen wir von Menschen, die getötet, gekreuzigt, gegeißelt und verfolgt werden?
  4. In wieweit stehen wir unter den Sünden unserer Vorfahren?
  5. Wie verstehst du von Abel bis Secharja? Was weißt du über die jüdische Bibel?
  6. Jesus bezieht das eher weibliche Bild der Glucke auf sich – passt es zu einem Mann?
  7. Wie verhält es sich mit Willen Gottes und dem menschlichen Willen? Ist alles vorherrbestimmt (=qismet) oder gibt es ein Zusammenwirken von Gottes- und Menschenwillen?

10.16 Das Opfer der armen Witwe

(Bibeltext: Lk 21,1-4)

Noch in Arbeit

 

 

10.17 Die Ankündigung der Zerstörung Jerusalems

(Bibeltexte: Mt 24,1-44; lies auch Mk 13,1-33; vgl. Lk 21,5-33)

 

Dieser Text kann in in folgende Abschnitte eingeteilt werden:

– V. 1-3           Der Sitz im Leben – Einleitung

– V. 4-14         Die kommenden Ereignisse

– V. 15-28       Die weltweite Verkündigung und die große Trübsal

– V. 29-31       Das Zeichen des Sohnes am Himmel

– V. 32-35       Die Lehre des Feigenbaums

– V. 36-44       Der Aufruf zur Wachsamkeit

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Abbildung 14 Vom Ölberg aus überblickt man das darunter liegende Kidrontal mit dem Garten Gethsemane, der Ostmauer und dem ehemaligen Tempelberg, in dessen Mitte heute der sogenannte Felsendom steht. Dahinter erstreckt sich die heutige Altstadt von Jerusalem (Foto: Juli 1994).

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Wenige Tage vor dem – seinem – Passa verlässt Jesus den Tempel. Er befindet sich mit seinen Jüngern auf dem westlichen Abhang des Ölberges, von wo aus man den gesamten Tempelbereich überblicken kann. Die aus Galiläa stammenden Jünger sind beeindruckt vom Gebäude – doch Jesus sieht schon in die Zukunft und ist beeindruckt von der kommenden Zerstörung: nicht einer dieser massiven Steine wird auf dem anderen bleiben. Jesus geht weiter zum damals eher stillen Ölberg und setzt sich dort – wahrscheinlich mit Aussicht über das Tal auf den Tempelberg. Die Jünger Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas (Mk 13,3) wagen es die Stille zu durchbrechen und fragen nach den Zeichen der Ankunft und Vollendung. Die Jünger fragen nach dem Ende der Zeit und dem Beginn der vollkommenen messianischen Herrschaft.

Jesus weist auf falsche Messiase (Apg 4,36f; 21,38) hin. Kriege sind nicht nur die Jüdischen Kriege der Jahre 66-70 n.Chr. Der göttliche Plan wird auch künftig in allen Wirren durch die kurzen Worte …es muss geschehen… . (Mt 22,6) ausgedrückt. Das Ende wird nicht durch Kriege gesetzt, sondern es sind schmerzhafte Wehen. Die kommenden Katastrophen wie Gesetzlosigkeit, Abtrünnigkeit, Verrat, gegenseitiger Hass, Irrglaube und Lieblosigkeit werden überhand nehmen. Die Treuen aller Zeiten werden dennoch gerettet werden. Die Verkündigung des Evangeliums, d.h. die Mission wird bis zum Ende ihren Platz haben.

Das Greuelbild der Verwüstung (aus Dan 9,27; 11,31) kann auf die römischen Standarten bei der Belagerung 68-70 n.Chr. hinweisen – hier wie an anderen Stellen wird gerne auf eine zweite oder dritte Erfüllung in einem „Endzeitfahrplan“ hingewiesen. Doch Jesus spricht hier nicht von verschiedenen zeitlichen Ebenen – wir haben den Eindruck der einen Ebene, die weniger die zeitlichen, sondern mehr die inhaltlichen Aspekte hervorheben. Manche Aspekte treffen auf die Zeit rund um 70 n.Chr. gut zu (Flucht vieler Christen aus Jerusalem nach Pella) andere sind kaum auf eine Zeitschiene zu legen, sondern haben sich in den Jahrhunderten zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten ereignet. Das Kommen des Herrn wird nicht lokalisierbar sein, sondern es wird jenseits von Raum und Zeit für alle sichtbar werden. Die große Trennung wird stattfinden – die einen werden in Trauer und Verzweiflung geraten, die anderen werden um Jesus gesammelt werden.

Jesus fährt fort mit dem Hinweis auf den wachsamen Hausherr der mit einem robusten Mandat versehen, sein Haus bewachen wird, denn er weiß zu welcher Nachtwache (Nachtzeitraum) der Dieb kommt. So wird auch die Zeit des Zweiten Kommens überraschend für viele kommen.

 

Deshalb seid auch ihr bereit!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie oft erwähnt Jesus ausdrücklich das irdische Israel in dieser Endzeitrede?
  2. Weist uns Jesus auf ausdrücklich auf unterschiedliche Zeitabschnitte hin? Wie sind die Worte: … es ist noch nicht das Ende; es ist der Anfang der Wehen; ausharren bis zum Ende; dann wird das Ende kommen; wenn ihr sehen werdet; und dann wird das Zeichen des Sohnes; erkennen, dass es nahe an der Tür ist; dies Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist; von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand; ihr wisst nicht an welchem Tag euer Herr kommt; in der Stunde in der ihr es nicht meint kommt der Sohn des Menschen zu verstehen? Können wir einen Fahrplan für die Endzeit aufstellen?
  3. Erwähnt Jesus ausdrücklich ein Tausendjähriges Reich? Erwähnt Jesus ausdrücklich einen Zweiten/Dritten Tempel?
  4. Was sagen wir zu Predigten, die uns das Zweite Kommen von Jesus als Zeitpunkt oder Zeitraum präzise angeben?
  5. Was bedeutet es heute „bereit“ zu sein? Welche plötzlichen Veränderungen stellen uns in das Licht der Ewigkeit?

 

 

10.18 Das Gleichnis von der Wachsamkeit

(Bibeltexte: Mt 24,45-51; lies auch Lk 12,42-46)

 

In diesem Gleichnis begegnet uns ein mit der Aufsicht betrauter Knecht (= Sklave). Er hat eine Vertrauensstellung inne. Sein Meister muss verreisen und vertraut ihm alles an. Er ist in besonderer Weise für das Wohlergehen der Mitknechte verantwortlich. Bei der unerwarteten Rückkehr seines Herrn von der Reise wird sich zeigen, ob er das Vertrauen seines Herrn wert ist: Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, bei solchem Tun finden wird! Oder ob er sich von der Verzögerung zu Nachlässigkeit, Terror und ausschweifendem Leben verleiten lässt. Aktiver dienender Gehorsam wird vom Meister erwartet (Röm 1,9; 2Tim 1,3). Auch die Belohnung ist bemerkenswert: noch mehr Verantwortung! Die Strafe dagegen unvorstellbar: in Stücke zerschnitten und mit den Heuchlern verbannt. Das raue römische Reich ist uns sehr fern!

Den Zuhörern ist die Bezeichnung der führenden Schicht des Volkes als Knechte Gottes geläufig. Auch die Schriftgelehrten sind die von Gott eingesetzten Verwalter, denen die Schlüssel des Himmelreichs anvertraut sind (Mt 23,14; Lk 11,52). Daher denken die Zeitgenossen beim Hören des Gleichnisses zuerst an die religiösen Leiter ihrer Zeit. Dieses Gleichnis hat seinen Platz in der Reihe der wiederholten Weckrufe von Jesus in Jerusalem. Die Rechenschaftsforderung steht bald an, bei der Gott prüfen wird, ob das gewährte Vertrauen gerechtfertig ist – oder missbraucht wird.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welche Rolle wird Gemeindeleitern in diesem Gleichnis zu gedacht?
  2. Was wird von Leitern erwartet?
  3. Welche Art von Machtmissbrauch kann sich in eine Gemeindeleitung einschleichen?
  4. Werden wir den Lohn annehmen?

 

 

  1. Kennen wir zerrissene ehemalige Leiter?
  2. Wer kann mich für das Wohlergehen der Anvertrauten einsetzen?

 

 

10.19 Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen

(Bibeltext: Mt 25,1-13)

 

Das Gleichnis ist eines der Gleichnisse mit dem typisch aramäischen Dativanfang: „Dem Königreich Gottes ist gleich….“ Der Vergleichspunkt sind nicht die Jungfrauen, sondern das Königreich Gottes wird mit einer Hochzeit verglichen. Von der Braut ist leider keine Rede.

Fünf der außerordentlich geehrten Brautmädchen haben als Kennzeichnung wenig schmeichelhaft den Begriff töricht. Dies wird im Gleichnis so erklärt: sie waren so kurzsichtig, nicht mit einer Verzögerung der Hochzeitsfeier zu rechnen und kamen deshalb nicht auf den Gedanken, dass sie Öl zum Nachtränken der Lampen/Fackeln nötig haben würden. Was für ein Alptraum für die jungen Mädchen! Die anderen Fünf haben für Ersatzöl gesorgt und werden als klug bezeichnet. Der Unterschied macht die persönliche individuelle Vorbereitung (Edersheim, V 453). In der Regel wird zurzeit von Jesus die Braut vom elterlichen Haus zum Haus der Sippe des Bräutigams „heimgeholt“. Dort hat der Bräutigam das Heim bereitet. Das Kommen des Bräutigams zum Haus der Braut ist eine der Schlüsselszenen einer Hochzeit. Sie und den Zug zum hochzeitlichen Baldachin vor dem Hochzeitshaus zu verpassen heißt die eigentliche Hochzeit zu verpassen. Zum Verständnis: Der Bräutigam kam pünktlich, denn er setzt die Zeit. Pünktlichkeit ist bis heute im Nahen Osten nichts Abstraktes, sondern personengebunden! Ich bin da, also fängt das Fest an – kann die Hauptperson sagen.

Das Gleichnis ist eines der Krisisgleichnisse. Der Hochzeitstag ist angebrochen, das Festmahl ist bereitet. Nur wer diesen Jubelklang, mit dem das Gleichnis in V. 1 beginnt, nicht überhört, kann den Ernst der Mahnung ermessen. Umso mehr gilt es jetzt sich auf die Sunde der Probe und der Trennung zu rüsten. Diese Stunde wird so plötzlich kommen wie der Bräutigam um Mitternacht. Wehe denen, die dann den Törichten gleichen und denen die Tür zur Hochzeitsfeier verschlossen bleibt (Jeremias 1998, 175). Natürlich ist eine verschlossene Tür während einer Hochzeitsfeier damals wie heute etwas dramatisch Auffallendes! Hier sprengt das Gleichnis die zeitgenössischen Vorstellungen einer turbulenten Hochzeit, bei er es ein ständiges Kommen und Gehen gibt. Auch werden bei dieser Hochzeit keine Fremden zugelassen – ja die zu spät gekommenen werden als unbekannte Fremde bezeichnet, denen der Zutritt verwehrt wird.

Die persönliche individuelle Nachlässigkeit oder Vorbereitung macht den Unterschied!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wir als Gemeinde warten schon lange auf den „Bräutigam“ sind wir eingeschlafen?
  2. Wie können unsere persönlichen und individuellen Vorbereitungen aussehen?
  3. Wo erkennen wir nachlässige Oberflächlichkeit?
  4. Was zerstören wir mit unserer westlichen Besessenheit von angeblicher Pünktlichkeit?
  5. Warum werden wir alle vom Kommen des Herrn überrascht werden?
  6. Warum sind nur persönlich vorbereitete bekannte Gäste zugelassen?
  7. Auf was weist die Tür?

 

 

10.20 Das Gleichnis vom  anvertrautem  Geld

(Bibeltexte: Mt 25,14-30 lies auch Lk 19,12-25)

 

Beide Evangelisten arbeiten theologisch, in dem sie das jeweilige Gleichnis in eine Rahmenhandlung setzen. Uns erscheinen die beiden Gleichnisse in den Details so unterschiedlich, dass wir sie getrennt betrachten. Dennoch gibt es auch einige Übereinstimmungen.

In diesem Gleichnis haben wir die Geschichte von einem reichen, von seinen Knechten als rücksichtslos und habgierig gefürchteten Großkaufmann vor uns. Er beschließt eine weite Reise anzutreten. Selbst bei guter Planung ist die Rückkehr angesichts der unsicheren Wege und Transportmittel immer ungewiss. Er gibt dreien seiner verlässlichsten und gewissenhaftesten Knechte je 5, 2 und 1 Talent zur Nutzung. Der genaue Wert eines Talents schwankt zwar, aber wir gehen von 50.000, 30.000 und 10.000 Denare (= Tageslöhnen) aus. Er will entweder lediglich sein Geschäftskapital während seiner Abwesenheit nicht brachliegen zu lassen, oder darüber hinaus seine Knechte auf die Probe zu stellen. Auf jeden Fall fordert er bei der Rückkehr Rechenschaft. Die beiden treuen Knechte werden mit vermehrter Verantwortung belohnt. Der Ton liegt auf der Abrechnung mit dem dritten Knecht, der eine faule Ausrede vorbringt, er habe sein Geld aus ängstlicher Vorsicht ungenutzt vergraben, weil er die Raffgier seines Herrn kenne und befürchtet habe, dass dieser bei Misslingen der geschäftlichen Operationen in äußerste Wut über den Verlust des Geldes geraten würde. Vergraben war immerhin besser als das bloße Verstecken in einem Tuch (Lk 19,20).

 

Fragen ( Aufgaben:

  1. Auf welche Personen beziehen die Zuhörer diese Details?
  2. Was ist ihnen anvertraut: Gottes Wort,
  3. Wann werden die Zuhörer von Jesus Rechenschaft ablegen müssen?
  4. Dieser Weckruf wurde auch in der ersten Gemeinde gehört – gilt er auch uns?
  5. Welche Reaktionen zeigen wir?
  6. Welche Kräfte können und müssen wir noch mobilisieren?
  7. Wie sieht hier die Belohnung und Bestrafung aus?
  8. Warum bekommt derjenige der viel hat noch mehr? Gilt dies auch für den geistlichen Bereich?

10.21 Der wiederkommende König

(Bibeltext: Mt 25,31-46)

 

Jesus beschreibt das Kommen des Menschensohnes und sein Sitzen auf dem messianischen Herrlichkeitsthron. Jesus hat oft die Arbeit der Hirten vor Augen, wenn er in bilderreichen Gleichnissen tiefe theologische Aussagen macht. Die Sammlung der zerstreuten Herde ist Kennzeichen der Heilszeit (Joh 10,16). Hier verbindet es Jesus mit dem Gericht über alle Menschen. Der Erlöser ist der Hirte, der wie zurzeit von Jesus in Palästina nicht Schafe und Böcke (männliche und weibliche Tiere) trennt, sondern Schafe und Ziegen, die tagsüber in gemeinsamen Herden weiden, aber abends getrennt werden (Ziegen bedürfen nachts mehr Wärme als Schafe). Schafe sind die wertvolleren Tiere und ihre häufig weiße Farbe macht sie Gegensatz zu den meist dunkleren Ziegen zum Symbol der Gerechten. Die Trennung der beiden Tierarten ist bildet den Auftakt zum Weltgericht.

Ab Vers 34 wird nur die Urteilsverkündung geschildert. Das Kriterium des Gerichtsurteils werden sechs Liebeswerke sein. Diese Anzahl ist wohl eine Auswahl, die nicht erschöpfend sein will:

 

mich hungerte, und ihr gabt mir zu essen;

– mich dürstete, und ihr gabt mir zu trinken;

– ich war Fremdling, und ihr nahmt mich auf;

– ich war nackt, und ihr bekleidetet mich;

– ich war krank, und ihr besuchtet mich;

– ich war im Gefängnis, und ihr kamt zu mir.

 

Das letzte Liebeswerk findet sich nicht in jüdischen Aufzählungen ähnlicher Art. Im weiteren Verlauf des Gleichnisses wird deutlich, dass diese Liebestaten nicht Jesus persönlich getan wurden, sondern seinen Brüdern und dadurch ihm selbst. Dieser Gedanke findet sich schon in 5.Mo 15,7-11. Jesus meint hier mit den Brüdern nicht die Jünger, sondern tatsächlich irgendeinen der allergeringsten Bedrängten und Notleidenden. Die Verurteilten haben gerade sie übersehen – für Luft geachtet. Ihnen wird nicht eine grobe Sünde vorgeworfen, sondern die Unterlassung der Liebestat.

Typisch Jesus: Er verheißt allen, die ihren Glauben im Alltag leben, freie Gnade. Hier ist den Gerechten noch nicht einmal die gute Tat für Jesus bewusst – denn auch sie fragen wo und wann sie Jesus Gutes taten. Ihnen begegnet im notleidenden Bruder/notleidenden Mitmensch der verborgene Christus. Hiermit jeder Gedanke an einen Heilsverdienst bei Seite geschoben. Das Gerichtskriterium ist das Liebeswerk. Die Scheidung wird in ewige Strafe (in seiner Schrecklichkeit beschrieben mit den Begriffen Feuer, Teufel und seinen Engeln) oder ewiges Leben erfolgen. Später wird Jakobus dieses wesentliche Gerichtskriterium als das königliche Gesetz bezeichnen (Jak 2,8).

Das tiefe Geheimnis dieser Liebe, die die gelebte Jüngerschaft bezeichnet, ist die Bereitschaft zur vorbehaltlosen Annahme und Vergebung des Nächsten. Er mag noch sehr von der Sünde gezeichnet sein – Christus ist sein Bruder. Die erfahrene Vergebung Gottes, die unsere Kriterien weit übersteigt, macht uns zu mutigen Menschen der Liebestaten.

 

Fragen ( Aufgaben:

  1. Ist die Botschaft von der Trennung der Menschen am Ende der Tage – Teil der frohen Botschaft?
  2. Jesus und die Hirten – was fand er bei ihrer Arbeit erwähnenswert?
  3. Welches der sechs Liebeswerke fällt leichter – welches haben wir fast vergessen?
  4. Warum fragt Jesus jeden von uns persönlich welches Liebeswerk er tut – warum nicht uns als Gemeinde oder gar als Gemeindebund? Warum delegieren wir diese Aufgaben gerne an andere weiter?
  5. Taugt „Liebe“ als Gerichtskriterium?
  6. Wer wird in diesem Gericht bestehen?

 

10.22 Zwei Tage vor dem Passa

(Bibeltexte: Mt 26,1-2; Mk 14,1-2)

10.22.1 Die 5. Leidensankündigung

Der Ev. Matthäus schreibt: „Und es geschah, als Jesus alle diese Reden beendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisst, dass nach zwei Tagen das Passah ist, und der Sohn des Menschen wird überliefert, um gekreuzigt zu werden.“ (Mt 26,1-2). Der Ev. Markus ergänzt: „Es war aber nach zwei Tagen das Passah und das Fest der ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List greifen und töten könnten; denn sie sagten: Nicht an dem Fest, damit nicht etwa ein Aufruhr des Volkes entsteht.“ (Mk 14,1-2).

Die gleiche zeitliche Angabe, die eine aus der Sicht von Jesus und die andere von Markus im Rahmen der Planung der Tempelbehörte. Die zeitliche Angabe „nach zwei Tagen“ kann auch übersetzt werden mit „in zwei Tagen“. Diese Aussage hat Jesus demnach am 13. Nisan (Mittwoch, 1. April 33) gemacht, nachdem er alle vorgesehenen Reden an das Volk vollendet hatte. Auch der Ev. Johannes schreibt: „Vor dem Passafest aber erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war, dass er aus dieser Welt ginge zum Vater; und wie er die Seinen geliebt hatte, die in der Welt waren, so liebte er sie bis ans Ende.“ (Joh 13,1). Die Zeitangabe: „vor dem Passafest“ könnte identisch sein mit der zeitlichen Bemerkung des Matthäus:  Und es geschah, als Jesus alle diese Reden beendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisst, dass nach zwei Tagen das Passah ist, und der Sohn des Menschen wird überliefert, um gekreuzigt zu werden.“ (dazu auch Mk 14,1-2). Die zeitliche Angabe „nach zwei Tagen“ kann auch übersetzt werden mit „in zwei Tagen“.

Jesus ist bewusst, dass seine Stunde nun gekommen war dass er aus dieser Welt (gr. ko,smoj kosmos – Universum, geschaffene, materielle Dimension) zum Vater hinübergehe. Wie schlicht klingt diese Aussage, welche Beziehung wird durch die Aussage „hinübergehe zum Vater“ ausgedrückt. Er wusste woher er kam und wo sein Zuhause ist. Alles, was er aktiv bewirkt und auch alles, was seine Gegner im Rahmen der göttlichen Zulassung tun, trägt zur Erfüllung des Heilsplanes Gottes bei. Der gr. Ausdruck `autou, h w,raautou ¢ öra – seine Stunde` bezieht sich auf seine Person und ist außerhalb der matematischen Zeiteinheit von sechzig Minuten (vgl, auch Joh 12,23+27: „Die Stunde ist gekommen, dass der Sohn des Menschen verherrlicht werde.“ Oder: „Jetzt ist meine Seele bestürzt (erschüttert). Und was soll ich sagen? Vater, rette mich aus dieser Stunde? Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen.“ Diese `seine Stunde` beinhaltete die letzten Abläufe in seinem Erlösungswerk. Jetzt konzentriert sich das ganze Universum auf ihn. Er ist Derjenige, in dessen Händen das Geschick der ganzen Welt liegt (Joh 13,3: „Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte“). Zu keiner anderen Zeit war die Aufmerksamkeit und Konzentration der Himmelswelt, aber auch der Macht der Finsternis so groß, wie in den letzten Lebensstunden von Jesus hier auf Erden (Joh 12,30: „ Jetzt ist das Gericht dieser Welt; jetzt wird der Fürst dieser Welt hinausgeworfen werden.“ Die Liebe zu den Seinen bis ans Ende (gr. te,loj telos – Ende, Vollendung, Erfüllung) in Verbform unterstreicht die aktive und beständige Zuwendung seinen Jüngern und zwar unabhängig von deren schwankendem Verhalten.

Nun konzentriert er sich ganz auf seine Jünger und das bevorstehende Leiden. Jesus wiederholt nun zum fünften Mal die Voraussage über seinen bevorstehenden Tod. Er spricht von Überlieferung, Auslieferung (gr. παραδιδοται – paradidotai) an den römischen Stattthalter durch die Führung der Juden.

10.22.2 Die Führung Israels beschließt Jesus zu töten

            (Bibeltexte: Lk 22,1; Mt 26,1-2; Mk 14,1-2)

 

Lk 22,1 „Es nahte aber das Fest der ungesäuerten Brote, das Passah genannt wird. 2 Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn heimlich umbringen könnten, denn sie fürchteten das Volk.“

Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas,

und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten. Sie sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk“ (Mt 26,3-5).

1 Es nahte aber das Fest der ungesäuerten Brote, das Passah genannt wird.

2 Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn heimlich umbringen könnten, denn sie fürchteten das Volk.

3 Aber Satan fuhr in Judas, der Iskariot1 genannt wurde und aus der Zahl der Zwölf war.

4 Und er ging hin und besprach sich mit den Hohenpriestern und Hauptleuten, wie er ihn an sie überliefere.

5 Und sie waren erfreut und kamen überein, ihm Geld zu geben.

6 Und er versprach es und suchte eine Gelegenheit, um ihn ohne Volksauflauf2 an sie zu überliefern.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. s
  2. d
  3. d

 

10,22.3 Judas verräterrisches Angebot

 

Da ging einer von den Zwölfen, mit Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohenpriestern

und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Und von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete“ (Mt 26,14-16).

Markus ergänzt, dass die Priester sich freuten über das Angebot des Judas und boten ihm Geld an (Mk 14,11).

Judas fragte: „Was wollt ihr mir geben“? Sie boten dreißig silberlinge an.

Man muss schon etwas genauer hinschauen, um festzustellen, wann Judas zu den Hohenpriestern ging, um ihnen  das Angebot zum Verrat unterbreiten.

Joh 13,3: Als der Satan bereits ins Herz gegeben hatte.

Lk 22,1 „Es nahte aber das Fest der ungesäuerten Brote, das Passah genannt wird. 2 Und die Hohenpriester und die Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn heimlich umbringen könnten, denn sie fürchteten das Volk.“

3 Aber Satan fuhr in Judas, der Iskariot1 genannt wurde und aus der Zahl der Zwölf war.

4 Und er ging hin und besprach sich mit den Hohenpriestern und Hauptleuten, wie er ihn an sie überliefere.

5 Und sie waren erfreut und kamen überein, ihm Geld zu geben.

6 Und er versprach es und suchte eine Gelegenheit, um ihn ohne Volksauflauf2 an sie zu überliefern.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. d
  2. d
  3. d

 

10.23 Der letzte Abend – Jesus feiert mit seinen Jüngern das letzte Passamahl

(Bibeltexte: Mt 26,17-35; Mk 14,12-31; Lk 22,7-38;  Joh 13,1-30; 13,31-17,26)

 

Die Texte aller vier Evangelien, welche ergänzend über die Abläufe am letzten Abend vor der Gefangennahme berichten, nehmen einen beträchtlichen Teil der Gesamten Überlieferung der vier Evangelien ein – knapp acht von 89 Kapiteln.

10.23.1 Die alttestamentliche Ordnung für die Feier des Passa

Von Josef und Maria heißt es, dass sie jedes Jahr zum Passafest nach Jerusalem gingen (Lk 2,41). Zumindest ab dem zwölften Lebensjahr war Jesus bei dem jährlich vorgeschriebenen Passafest in Jerusalem dabei (Lk 2,42-51). Nicht nur die nächsten 18 Jahre, sondern auch während seines etwa 3 ½  Jahre dauernden öffentlichen Dienstes besuchte Jesus grundsätzlich das jährliche Passafest (Joh 2,12: 5,1(?); 6,4(?); 12,1).

Nach der Anordnung Gottes an das Volk Israel durch Mose waren der Monat, der Tag, ja sogar die Tageszeit an dem das Passalamm geschlachtet werden musste, festgelegt (2Mose 12,1-8; 13,4). So steht in 3Mose 23,5: „Am vierzehnten Tage des ersten Monats gegen Abend ist des HERRN Passa.“

ANMERKUNG: (hebr. פֶּסַח pésach, pésach?/i; aramäisch פַּסְחָא pas’cha; gr. πάσχα pás’cha, deutsch ‚Vorüberschreiten‘), Auszugsweise aus: (https://de.wikipedia.org/wiki/Pessach).

So lesen wir in 2Mose 12,13: „Aber das Blut (des Lammes) soll für euch zum Zeichen an den Häusern werden, in denen ihr seid. Und wenn ich das Blut sehe, dann werde ich an euch vorübergehen: So wird keine Plage, die Verderben bringt, unter euch sein, wenn ich das Land Ägypten schlage.“ Die Bezeichnung `Passa` steht damit in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Opfertier – dem Lamm (2Mose 12,1-12). Das Passalamm (männlich, einjährig und fehlerlos) wurde vom zehnten bis zum vierzehnten Tag des ersten Monats aufbewahrt und am vierzehnten Tag gegen Abend geschlachtet (2Mose 12,1-14; 4Mose 9,3). Und dieser 1. Monat genannt Abib, sollte in Israel den Beginn des Jahres markieren. Gleichzeitig war die 1. Passafeier in Ägypten nach der ausdrücklichen Anordnung Gottes auch der Beginn des israelitischen Kalenders (2Mose 19,1; 4Mose 33,38; 1Kön.6,1). Die Monate des Jahres wurden überwiegend nach Zahlen 1 – 12 (im Schaltjahr 13) gezählt, zur Zeit des Exils bekamen sie auch Namen. Der erste Monat Abib (Frühling) bekam auch den Namen Nisan.

 

Übersicht des jüdischen Jahreskalenders

  1. Monat: Abib / Nisan – 2Mose 13,4; 23,15; 34,18; 5Mose 16,1; Esther 3,7; Neh 2,1 – Am 14, Tag des Monats Abib / Nisan war Passa.
  2. Monat: Siw – 1Kön 6,1
  3. Monat: Siwan – Esther 8,9
  4. Monat: ——- – Jer 39,2
  5. Monat: —— – Jer 28,1
  6. Monat: —– – Hes 8,1
  7. Monat: Etanim/Tischri – 1Kön 8,2; 3Mose 25,9 – 10. Tag war Versöhnungstag-Yom Kippur
  8. Monat: Bul – 1Kön 6,38
  9. Monat: Kislew – Sach 7,1
  10. Monat: ——– – 1Mose 8,5
  11. Monat: Schebet – Sach 1,7
  12. Monat: Adar – Esther 3,7
  13. Adar II (im Schaltjahr)

Passafeste in den Jahren 26-35 des 1. Jh.

Im Jahr 26 fiel der 14. Nisan auf Freitag, 22. März gregorianisch

Im Jahr 27 fiel der 14. Nisan auf Mittwoch 9. April

Im Jahr 28 fiel der 14. Nisan auf Montag, 29. März

Im Jahr 29 fiel der 14. Nisan auf Samstag, 16. April

Im Jahr 30 fiel der 14. Nisan auf Mittwoch, 5. April

Im Jahr 31 fiel der 14. Nisan auf Montag, 26. März

Im Jahr 32 fiel der 14. Nisan auf Montag, 14. April

Im Jahr 33 fiel der 14. Nisan auf Freitag, 3. April

Im Jahr 34 fiel der 14. Nisan auf Montag, 22. März

Im Jahr 35 fiel der 14. Nisan auf Montag, 11. April

Diese Übersicht zu den Passafesten der Jahre 26-35 (1. Jh.) ist erstellt aufgrund des jüdischen Kalenders `Kaluach` (http:/www.kaluach.org/).

 

10.23.2 Jesus feiert das letzte gültige Passamahl mit seinen Jüngern

Das letzte Passamahl, welches Jesus mit seinen 12 Jüngern feierte, wird in allen vier Evangelien beschrieben (Mt 26,17-35; Mk 14,12-31; Lk 22,7-38; Joh 13,1-30; 13,31-17,26). Es ist einen Versuch wert, anhand aller vier Evangelientexte eine ungefähre Abfolge der einzelnen Geschehnisse während dieses Abends festzustellen und zu beschreiben. Bei Jesus hatten Taten und Worte ihren genauen zeitlichen und geographischen Platz. Auch war bei ihm weder Überflüssiges noch fehlte etwas.

Abbildung 15 Das Schlachten eines einjährigen, fehlerlosen Lammes erinnerte an die Erlösung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens (Zeichnung: 22. Oktober 2016).

Der Evangelist Lukas schreibt: „Es kam aber der Tag des Festes der ungesäuerten Brote, an dem das Passahlamm geschlachtet werden musste. Und er sandte Petrus und Johannes und sprach: Geht hin und bereitet uns das Passahmahl, dass wir es essen! Sie aber sprachen zu ihm: Wo willst du, dass wir es bereiten?Er aber sprach zu ihnen: Siehe, wenn ihr in die Stadt kommt, wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug Wasser trägt. Folgt ihm in das Haus, wo er hineingeht! Und ihr sollt zu dem Herrn des Hauses sagen: Der Lehrer sagt dir: Wo ist das Gastzimmer, wo ich mit meinen Jüngern das Passahmahl essen kann? Und jener wird euch einen großen, mit Polstern ausgelegten Obersaal zeigen. Dort bereitet! Als sie aber hingingen, fanden sie es, wie er ihnen gesagt hatte; und sie bereiteten das Passahmahl.“ (Lk 22,7-13).

Nach den Berechnungen der oben aufgeführten Jahresübersicht, wäre als Todesjahr von Jesus das Jahr 33 (1. Jh.) anzusetzen, weil in dem Jahr der 14. Nisan auf einen Freitag fiel, so in Lukas 23,54: „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an.“ (so auch: Mk 15,42: Joh 19,31). Der Rüsttag war der Vorbereitungstag auf den Sabbat (gr. paraskeuh,j – paraskeu¢s – Freitag). Dazu vermerkt der Evangelist, dass dieser Sabbat ein großer Festtag war, weil ihm der Passatag voranging (Joh 19,31). Demnach fand die letzte Passafeier von Jesus mit seinen Jüngern am Vorabend statt. Dies war der Abend, welcher nach biblischer (auch jüdischer) Tagesdefinition den Beginn des sechsten Tages der Woche markierte (1Mose 1,31: „Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.“). Die Feier begann nach Sonnenuntergang, so in Matthäus 26,20: „Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch.“ (Zu Abend vgl.: Mt 8,16 mit Mk 1,32: „Als aber die Sonne untergegangen war“).

Nach Johannes 18,28 hatten die Hohenpriester vorgehabt das Passalamm im Laufe des Tages (Freitag) zu essen. Laut den Texten der Evangelisten Lukas (22,7) und Markus (14,12) aß Jesus das Passalamm mit seinen Jüngern bereits am Vorabend seiner Hinrichtung. Der 1. Tag der ungesäuerten Brote begann laut 3Mose 23,5-6 am 15. des  ersten Monats. Nach den Berichten der synoptischen Evangelien fällt der 1. Tag der ungesäuerten Brote bereits auf den Abend des 14. Abib / Nisan, entsprechend der ursprünglichen Anordnung aus 2Mose 12,8: „Das Fleisch aber sollen sie noch in derselben Nacht essen, am Feuer gebraten, und dazu ungesäuertes Brot; mit bitteren Kräutern sollen sie es essen.“ Wie oben festgestellt, fiel  der 14. Nisan in dem Passionsjahr auf einen Freitag (www.Kaluach.org). Dieser 14. Nisan (3. April 33) begann bereits am Donnerstagabend. Die Passalämmer wurden demnach nicht nur erst am Freitag (tagsüber oder nachmittags) geschlachtet und gegessen wie es die Hohenpriester vorhatten zu tun (Joh 18,28), sondern auch bereits am Vorabend. Somit wäre begründet, dass Jesus an seinem letzten Abend zusammen mit seinen Jüngern das Passalamm vorschriftsmäßig gegessen hatte. Anscheinend war es aus praktischen Gründen für die vielen Menschen in Jerusalem nicht möglich, dass alle zur gleichen Stunde das Passalamm essen konnten, sondern der gesamte 14. Tag dafür nötig war. Zwischen Beginn und Ende des sechsten Tages (Nacht/Tag) geschah folgendes:

  • das Passamahl,
  • die Diskussion unter den Jüngern, wer denn der Grßte wäre,
  • die Fußwaschung,
  • das Gespräch über den Verräter,
  • die Bundesstiftung in dem Herrenmahl,
  • die Vorhersage der Verleugnung durch Petrus,
  • die letzten Reden von Jesus (Joh 14-17),
  • das Gebet in Gethsemane,
  • der Verrat des Judas und die Festnahme in Getsemane,
  • das Verhör bei Hannas und die Verleugnung des Petrus,
  • das Verhör vor dem Hohen Rat, vor dem Statthalter Pilatus und vor Herodes,
  • die Verurteilung durch Pilatus,
  • die Kreuzigung und Grablegung.

Alle drei synoptischen Evangelien berichten, dass das Passamahl in einem Haus in Jerusalem stattfand. Dieses Haus war zweistöckig und hatte einen großen, mit Polstern ausgelegten Raum im oberen Stockwerk (Mt 26,17-19; Mk 14,12-15; Lk 22,7-13). Diese Schlussfolgerung leitet sich ab aus der Detailbemerkung `großer Obersaal – gr. anaga,ion – anagaion`. Im Erdgeschoß befanden sich demnach die üblichen Wohn,- und Wirtschaftsräume der Familie. Das Passalamm musste vorschriftsmäßig im Tempelbereich gekauft und geschlachtet werden (5Mose 14,24-26; Esra 6,19-22). Von dort trugen die zwei Jünger es in das Haus, bzw. den Hof des Hauses, dort wurde es (unzerlegt) am Feuer gebraten. Auch die ungesäuerten Brote mit den bitteren Kräutern wurden vorbereitet. Getrunken wurde vom Gewächs des Weinstocks, vermutlich war es Wein (Lk 22,17-18). In den Anweisungen aus 2Mose 12,1-8 ist kein Getränk erwähnt, doch für einige Opfer war Wein als Trankopfer vorgeschrieben (2Mose 29,40).

Der Evangelist Matthäus schreibt: „Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch.“ (Mt 26,20; ähnlich auch Mk 14,17). Der Evangelist Lukas präzisiert: „Und als die Stunde gekommen war, legte er sich zu Tisch und die Apostel mit ihm.“ (Lk 22,14). Auch hat Lukas die einleitenden Worte von Jesus zu diesem Abend festgehalten: „Und er sprach zu ihnen: Mit Sehnsucht habe ich mich gesehnt (mich hat sehr danach verlangt), dieses Passahmahl mit euch zu essen, ehe ich leide. Denn ich sage euch, dass ich es gewiss nicht mehr essen werde, bis es erfüllt sein wird im Reich Gottes.“ (Lk 22,15). Mit diesen einleitenden Worten macht Jesus deutlich, dass es für ihn ein besonderes Mahl ist und zwar weil ihm das bereits mehrmals vorausgesagte Leiden bevorstand. Der Ausgang dieses Mahles wird ganz anders sein als alle Passafeste bis dahin. Natürlich waren die Gedanken und Blicke der Jünger auf das vor ihnen liegende Passalamm gerichtet. Und auch dieses Passalamm erinnerte sie an die Erlösung Israels durch das Blut der Lämmer und Errettung durch den mächtigen Arm Gottes aus der Knechtschaft Ägyptens – der Blick war also nach hinten gewandt. Mit seinen verschlüsselten Worten lenkt Jesus sie in die nahe Zukunft. Lukas schreibt weiter: „Und er nahm einen Kelch, dankte und sprach: Nehmt diesen und teilt ihn unter euch! Denn ich sage euch, dass ich von nun an nicht von dem Gewächs des Weinstocks trinken werde, bis das Reich Gottes kommt.“ (Lk 22,17-18). Dieser erste Kelch, den Jesus seinen Jüngern gleich zu Beginn des Mahls reichte, ist im Zusammenhang des Passamahls zu sehen. Erst später nach der Mahlzeit reicht Jesus den Kelch zur Bundesstiftung  (Lk 22,20: „Ebenso auch den Kelch nach dem Mahl (…)“. Damit schließt Jesus die erste und vorübergehende Einrichtung der Heilsordnung ab und weist auf die neue Sphäre des Reiches Gottes hin, die in Kürze Realität werden soll. Die lebensnotwendige Speise und Getränk wird im Reich Gottes von anderer Beschaffenheit sein (Joh 4,13-14; 6,30-51).

 

10.24 Die Fußwaschung – Einblick in das Wesen und Handeln Gottes

(Bibeltexte: Joh 13,1-17; Lk 22,24-27)

 

Aus sachlichen und logischen Überlegungen folgt nun die Handlung der Fußwaschung von Jesus an seinen Jüngern. Erst danach die Äußerungen über den Verräter und anschließend die Bundesstiftung in der Einsetzung des Herrnemahls.

10.24.1 Die Fußwaschung – eine Jahrtausende alte Praxis im Orient

Die ungewöhnliche Handlung der Fußwaschung durch Jesus Christus an seinen Jüngern hat die Christen über die Jahrhunderte beschäftigt. Dabei wurden in ihr zum Teil unterschiedliche inhaltliche Akzente erkannt und dementsprechend fanden sie ihren Niederschlag in dem Miteinander der Gläubigen.

Fußwaschung war (und ist teilweise noch) fester Bestandteil im häuslichen Alltag der Orientalen und zwar nicht nur in Israel.

  • 1Mose 18,4-5: Abraham sagte:„Man hole doch ein wenig Wasser, dann wascht eure Füße, und ruht euch aus unter dem Baum! Ich will indessen einen Bissen Brot holen, dass ihr euer Herz stärkt; danach mögt ihr weitergehen; wozu wäret ihr sonst bei eurem Knecht vorbeigekommen? Und sie sprachen: Tu so, wie du geredet hast!
  • 1Mose 19,1-2: „Und als Lot sie sah, stand er auf, ging ihnen entgegen und verneigte sich mit dem Gesicht zur Erde; und er sprach: Ach, siehe, meine Herren! Kehrt doch ein in das Haus eures Knechtes, und übernachtet, und wascht eure Füße; morgen früh mögt ihr dann eures Weges ziehen!“
  • 1Mose 24,32: „Da kam der Mann ins Haus; und man sattelte die Kamele ab und gab den Kamelen Stroh und Futter, ihm aber Wasser, um seine Füße zu waschen und die Füße der Männer, die bei ihm waren. Dann wurde ihm zu essen vorgesetzt.“
  • 1Mose 43,24: „Und der Mann führte die Männer in das Haus Josephs und gab ihnen Wasser, dass sie ihre Füße waschen konnten, und gab ihren Eseln Futter.“
  • Richter 19,21: „Und er führte ihn in sein Haus und gab den Eseln Futter; und sie wuschen ihre Füße, aßen und tranken.“

In all diesen Geschichten wurde den beteiligten Personen Wasser zur Verfügung gestellt, die Füße haben sie jedoch sich selber gewaschen.

  • 1Samuel 25,39-41: „Und David sandte hin und warb um Abigajil, um sie sich zur Frau zu nehmen. Und die Knechte Davids kamen zu Abigajil nach Karmel und redeten mit ihr: David hat uns zu dir gesandt, um dich zu seiner Frau zu nehmen. Da stand sie auf, beugte sich nieder, das Gesicht zur Erde, und sagte: Siehe, deine Magd ist bereit, den Knechten meines Herrn zu dienen und ihnen die Füße zu waschen.“

Abigajil ist bereit nicht nur Frau von David zu werden, sondern in dessen Haus auch Fußwaschungsdienst zu übernehmen. Diese Geschichte macht deutlich, dass Frauen zumindest gelegentlich den Dienst der Fußwaschung versahen.

  • Lukas 7,43-44: „Und sich zu der Frau wendend, sprach er zu Simon: Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit Tränen benetzt und mit ihren Haaren getrocknet.“

Der Kontext macht deutlich, dass es auch zur Zeit von Jesus in Israel üblich war, vor Betreten des Hauses, bzw. Wohnraumes, die Füße zu waschen. In diesem Fall wurde Jesus ein wichtiges Element der Gastfreundschaft versagt.

  • 1Timotheus 5,9-10: „Eine Witwe soll ins Verzeichnis eingetragen werden, wenn sie wenigstens sechzig Jahre alt ist, eines Mannes Frau war, ein Zeugnis in guten Werken hat, wenn sie Kinder auferzogen, wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie der Heiligen Füße gewaschen, wenn sie Bedrängten Hilfe geleistet hat, wenn sie jedem guten Werk nachgegangen ist.“

In diesem Fall geht es wohl eher um die alltägliche Praxis der Fußwaschung durch Frauen, welche bei sich Gäste aufgenommen haben,- „wenn sie Fremde beherbergt, wenn sie der Heiligen Füße gewaschen“. Man kann davon ausgehen, dass auch Sklaven und Hausdiener den Dienst der Fußwaschung an ihren Herren oder den Gästen des Hauses versahen, auch wenn wir in der Bibel kein ausdrückliches Beispiel dafür finden.

Die Waschung der Füße spielte auch eine wichtige Rolle im liturgischen Bereich. So ordnete Gott den Priestern an: „Und Aaron und seine Söhne sollen aus ihm (dem Becken) ihre Hände und Füße waschen.“ „Und zwar sollen sie ihre Hände und ihre Füße waschen, damit sie nicht sterben. Das soll eine ewig gültige Ordnung für sie sein, für ihn und seinen Samen, für ihre [künftigen] Geschlechter.“ (2Mose 30,19-21; ebenso 2Mose 40,31-32).

-Es gibt Hinweise, wonach auch zur Zeit von Jesus rituelle Waschungen im Alltag der Juden üblich waren, so zum Beispiel in einem Haus im Galiläischen Kana: „Es waren aber sechs steinerne Wasserkrüge dort aufgestellt nach der Reinigungssitte der Juden, wovon jeder zwei oder drei Maß fasste.“ (Joh 2,6). Sicher nutzte man dieses Wasser auch um Hände und Füße zu waschen (vgl. dazu auch Mk 7,4; Hebr 9,10).

Neben den bereits bekannten Aspekten für körperliche und gottesdienstliche Reinheit lassen sich in der Handlung der Fußwaschung durch Jesus mehrere geistliche Inhalte erkennen, die im Laufe der nächsten Abschnitte benannt und begründet werden sollen.

Was der Evangelist Johannes ab jetzt beschreibt, spielte sich während des Passamahles ab. „Und beim Abendessen, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Iskariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten, Jesus aber wusste, dass ihm der Vater alles in seine Hände gegeben hatte und dass er von Gott gekommen war und zu Gott ging.“ (Joh 13,2-3). Die besonders ausdrucksvolle Handlung von Jesus, die Fußwaschung, findet im Rahmen des Passamahls statt. Die Liebe von Jesus zu den Seinen ist ungemindert. Doch bereits am Abend bei der Salbung in Bethanien, entschloss sich Judas Iskariot, Jesus an die Tempelbehörde zu verraten (vgl. Joh 12,3-6 mit Mt 26,14-16; Mk 14,10-11; Lk 22,3-6). Das Gift der Verärgerung, der Geldgier und innerer Rebellion, welches der Teufel (diabolos) in das Herz des Judas gespritzt hatte, wirkte vollends (Joh 13,3b). Der Gegensatz im Denken und Verhalten des Judas und Jesus kann nicht krasser sein. Der eine liebt, obwohl er alle Vollmachten in der Hand hat, der andere (gefangen vom Teufel) liefert den Liebenden an die Feinde aus.

Jesus gestaltet diesen letzten Abend mit seinen Jüngern sehr bewusst (Lk 22,15). Alle drei synoptischen Evangelien berichten im Rahmen des Passamahls, das besondere und neue Mahl des Herrn mit der Stiftung des Neuen Bundes. Johannes, der mit hoher Wahrscheinlichkeit seinen Evangelienbericht später verfasste, beschreibt im Detail die besondere Handlung von Jesus an seinen Jüngern, die sogenannte Fußwaschung. In den folgenden Abschnitten wollen wir den Fragen nach dem warum, wozu und der Bedeutung dieser Handlung nachgehen.

 

10.24.2 Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße

Der Evangelist Johannes schreibt weiter: „(…) da stand er vom Mahl auf, legte seine Kleider ab und nahm einen Schurz und umgürtete sich. Danach goss er Wasser in ein Becken, fing an, den Jüngern die Füße zu waschen und zu trocknen mit dem Schurz, mit dem er umgürtet war.“ (Joh 13,4-5).

 

Abbildung 16 Diese Zeichnung macht deutlich, wie eine Tischgemeinschaft  zur Zeit von Jesus in etwa ausgesehen haben konnte (Zeichnung am 7. Februar 2016).

 

Gelegentlich wird zu diesem Text gesagt, dass Jesus den Staub der Strasse von den Füßen seiner Jünger abgewaschen hatte. Dies würde voraussetzen, dass die Jünger trotz üblicher Sitte, ihre Füße vor Betreten des Festraumes nicht gewaschen haben. Auch in diesem Falle würde es dem inneren Gehalt der Handlung keinen Abbruch tun, ihn möglicherweise noch verstärken. Doch wie wahrscheinlich ist diese Annahme? Jesus tat dies während der Mahlzeit, denn er stand vom Abendessen auf (Joh 13,4a). Wenn es ihm an der Reinheit der Füße bei seinen Jüngern und des gepolsterten Raumes gelegen hätte, dann hätte das Waschen der Füße vor dem Betreten des Raumes mehr Sinn gemacht. Sind die Jünger zu diesem besonderen Abend mit Festessen (das höchste und bedeutendste Fest des Jahres) in das Oberzimmer eines fremden Hauses, das dazu auch noch mit Polstern ausgestattet war, mit ungewaschenen Füßen hineingetreten? Wie wir bereits festgestellt haben, war das Waschen der Füße vor betreten eines Wohnraumes übliche Praxis. Die Bemerkung von Jesus an den Gastgeber und Pharisäer Simon über die versäumte Geste der Gastfreundschaft „du hast mir kein Wasser für meine Füße gegeben“; bestätigt diese übliche Praxis (Lk 7,44). An Wasser hatte es ja in dem Haus, in dem Jesus mit seinen Jüngern das Passalamm aß, nicht gemangelt, trug doch der Mann, dem Petrus und Johannes nachfolgen sollten, einen Tonkrug mit Wasser ins Haus seines Hausherrn (Lk 22,10;  Mk 14,13-14). Deshalb ist anzunehmen, dass es Jesus bei dieser Handlung nicht um die äußere Reinheit der Füße ging, sondern um mehrere tiefere Gründe/Wahrheiten, die er seinen Jüngern und damit allen seinen Nachfolgern für allezeit mit auf den Lebensweg geben wollte.

Es gibt eindeutige Gründe für die Handlung der Fußwaschung an diesem letzten Abend. Um diese herauszufinden ist es wichtig und notwendig, diese Handlung (wie bereits oben begonnen) im näheren aber auch weiteren Kontext zu betrachten.

Der Evangelist Lukas berichtet im Rahmen des letzten Abends in Kapitel 22,24-27 über erhebliche Spannungen im Jüngerkreis wenn er schreibt:

Es entstand aber auch ein Streit (gr. filvoneiki,a filoneikiaStreit, Zank, Wettstreit) unter ihnen, wer von ihnen für den Größten zu halten sei. Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Nationen herrschen über sie, und die Gewalt über sie üben, lassen sich Wohltäter nennen. Ihr aber nicht so! Sondern der Größte unter euch sei wie der Jüngste und der Führende wie der Dienende. Denn wer ist größer, der zu Tisch Liegende oder der Dienende? Nicht der zu Tisch Liegende? Ich aber bin in eurer Mitte wie der Dienende.

Dieser Text von Lukas steht gleich nach der Bundesstiftung. Ist es möglich, dass die Jünger auch noch nach der eindrucksvollen Handlung der Fußwaschung miteinander über den Vorsitz streiten konnten? Es ist auffallend, dass Teile dieses Textes wörtlich auch bei Matthäus und Markus zu finden sind, allerdings in einem Kontext der sich bereits etwa sieben Tage vorher abgespielt hatte. Tatsächlich beschäftigte die Jünger die Frage: „Wer ist der Größte“ nicht erst an diesem Abend. Sie beschäftigte die Jünger auch schon früher in Galiläa (Mt 18,1-3; Mk 9,33-35; Lk 9,46-48). Dort fragte sie Jesus: „Worüber diskutiertet (gr. dielogi,zesqe dielogizesthe – Wortstreit, Wortgefecht (als Verb)) ihr auf dem Wege untereinander?“ Sie diskutierten und stritten untereinander, wer von ihnen für den Größten gehalten werden sollte? Die Lektion mit dem Kind, welche Jesus ihnen damals gab, war sehr anschaulich, doch in ihrem Herzen hatten sie sich nicht verändert. Monate später, bereits auf dem Weg hinauf nach Jerusalem (etwa eine Woche vor seinem Leiden) strebten zwei seiner Jünger mit Hilfe ihrer Mutter nach hohen Posten in seinem Reich (Mk 10,35-45; Mt 20,20-28). Dadurch entstand bei den anderen zehn Jüngern Unwille bzw. Unzufriedenheit gegenüber den Zweien (Mk 10,41). Dort weist Jesus auf den Leidenskelch hin, welcher ihm, aber auch ihnen bevorsteht und tadelt sie offen für ihr Machtstreben und indirekt ihren Übermut. Anschließend ruft er alle zusammen und erteilt ihnen eine weitere Lektion (Mk 10,41-45). Übrigens besteht zwischen dem Text des Lukas in Kapitel 22,24-27 und den Texten des Matthäus (Kap. 20,25-28) und Markus (Kap. 10,42-44) eine große Übereinstimmung. Wenn bei den Jüngern am letzten Abend zum dritten Mal ein Wettstreit über die Rangordnung entstand, wie Lukas es beschreibt, dann besteht ein unmittelbarer Zusammenhang mit der Fußwaschung. Wenn Lukas Inhalte aus dem, vor einer Woche entstandenem Machtstreben in das Geschehen dieses letzten Abends eingefügt hat, dann wird deutlich, dass die Jünger die Prinzipien der Dienstordnung im Reiche Gottes immer noch nicht verstehen oder übernehmen wollten. Daher besteht auf jeden Fall ein Zusammenhang zur Fußwaschung.

Und nun setzt Jesus an diesem Abend durch die Handlung der Fußwaschung einen deutlichen Akzent gegenüber dem Machtstreben unter seinen Jüngern. Jedes Detail der Handlung drückt etwas Besonderes aus:

  • Jesus legte seine Kleider ((gr. ta ima,tia ta imatia – die Oberbekleidung, der Mantel) ab (Joh 13,4). Nach Johannes 19,23-24 bestand die Bekleidung von Jesus aus mehreren Teilen. Das Obergewand, oft auch mit Mantel übersetzt (Mt 5,40), bestand aus viel Stoff und konnte an den Nahtstellen in Teile zerlegt werden. Das gewebte Untergewand (gr. citw,na chitöna) war durchgehend ein Ganzes. Er löste den meist mehrfach gefalteten langen Gürtel, legte das Obergewand ab.
  • Johannes präzisiert weiter: Er nahm einen Schurz (gr. le,ntion lention) und umgürtete sich damit. Jetzt sieht er auch äußerlich einem Hausdiener/Sklaven in Aktion gleich.
  • Er besorgt sich eine Waschschüssel, gießt dort Wasser hinein und beginnt gebeugt oder kniend seinen Jüngern die Füße zu waschen und sie mit dem Lendenschurz abzutrocknen. Was für ein Akt der Selbsterniedrigung vor den Jüngern, auch vor denen, die nach der Führerschaft strebten (Lk 22,24). Welch bewusste Bereitschaft zu dienen!

Wie die anderen Jünger, so lässt auch Judas die Waschung an sich stillschweigend vollziehen, welch Gnade im Verhalten von Jesus. Judas bekommt vollen Anteil an der Zuwendung durch Jesus, doch umso größer fällt die Verantwortung hernach aus.

 

10.24.3 Jesus und Petrus – wer dient wem?

Der Evangelist Johannes schreibt weiter: „Da kam er zu Simon Petrus; der sprach zu ihm: Herr, solltest du mir die Füße waschen? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Was ich tue, das verstehst du jetzt nicht; du wirst es aber hernach erfahren.“ (Joh 13,6). Bis dahin hatte sich keiner der Jünger zu der Handlung von Jesus geäußert. Anscheinend ließen sie alle Jesus gewähren. Doch dann kommt Simon Petrus an die Reihe und dieser hat sich in seinem Standpunkt bereits festgelegt und beginnt mit einer Frage. Aus menschlicher Sicht und alltäglicher Erfahrung wäre es normal, dass ein Niedergestellter einem Höhergestellten einen Dienst erweist. Auf die Frage des Petrus reagiert Jesus wie ein guter vorausschauender Lehrer, der genau weiß, wann welche Lektion dran ist und in welcher Reihenfolge sie dargelegt wird. Mal spricht Jesus zuerst, dann handelt er, hier handelt er zuerst, dann gibt er die Erklärung zu seiner Handlung. Eine wahrhaft gute Lektion für Eltern, Erzieher und Lehrer. Jesus kennt das Fassungsvermögen im Verstehen und Begreifen einer Wahrheit bei seinen Jüngern sehr gut.

Doch Petrus blockiert weiter und verharrt in seiner festgefassten Position: „Nimmermehr (wörtlich: in Ewigkeit) sollst du mir die Füße waschen!“. Dank dieser grotesken Auflehnung des Petrus bekommen wir tieferen Einblick in die Bedeutung der Handlung von Jesus. Die anfängliche Weigerung des Petrus ist von der Sicht eines anständigen Menschen verständlich. Status, Rang, Alter sind in allen Kulturen feste Bestandteile, welche das Zusammenleben erst möglich machen und in ein gewisses Gleichgewicht bringen. Die ganz am Anfang ausgesprochene Aufforderung von Jesus in Matthäus 4,17: „Denkt um, verändert euer Denken, eure Gesinnung“, hat sich bei den Jüngern noch nicht in allen Bereichen durchgesetzt.

Jesus antwortete ihm: Wenn ich dich nicht wasche, so hast du kein Teil an mir. Spricht zu ihm Simon Petrus: Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt! Spricht Jesus zu ihm: Wer gewaschen ist, bedarf nichts, als dass ihm die Füße gewaschen werden; denn er ist ganz rein. Und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte seinen Verräter; darum sprach er: Ihr seid nicht alle rein. (Joh 13,7-11).

Wir haben festgestellt, dass es Jesus nicht (vorrangig) um die Reinheit der Füße von den Jüngern ging. Auch bescheinigt er seinen Jüngern, dass sie bereits gewaschen sind und dementsprechend ganz rein seien. Wieder gebraucht Johannes ein selten verwendetes Wort – „Wer gewaschen ist“, dieser Ausdruck kommt nur noch einmal in Hebräer 10,22 vor und dort wird durch ihn eindeutig das Waschen oder Baden des Herzens mit reinem Wasser beschrieben. Dieses reine Wasser ist zweifellos das Wort Gottes, wie auch Paulus in Epheser 5,26 deutlich macht. Diese Waschung des Herzens erlebten die Jünger (mit Ausnahme von Judas) bereits durch sein Wort, so Jesus: „er ist ganz rein“, oder: „ihr seid rein um des Wortes Willen, das ich zu euch geredet habe.“ (Joh 15,3). Wenn es nicht um die physische Reinheit der Jünger ging, ja nicht mal um die innere Reinheit ihrer Herzen, um was ging es dann, was fehlte den Jüngern noch?

Es geht um die Teilhabe mit Jesus oder an Jesus und zwar nicht nur an seiner Herrlichkeit, sondern auch an seinem Leiden. Was setzt diese Teilhabe an Jesus voraus? Es ist die ANNAHME seines DIENSTES!

Daher deutet der Dienst von Jesus in seiner Erniedrigung als Fußwäscher auf seinen Dienst in der Hingabe seines Lebens hin. So sagte er seinen Jüngern, die nach Größe strebten: „gleichwie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“  (Mt 20,28; Mk 10,45).

Alle Religionen zielen darauf ab, dass der Mensch einer Gottheit Dienst erweist. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus zeigt den umgekehrten Weg. Wer den Dienst von Jesus im Bewusstsein der Hilfsbedürftigkeit annimmt, bekommt Anteil an ihm, wer seinen Dienst ablehnt, schließt sich selbst von der Reichsgottesgemeinschaft aus.

Dass Petrus von einem Extrem ins andere verfällt, zeigt seine Unsicherheit in Bezug auf seinen Stand: „Herr, nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt“. Doch Jesus macht deutlich, dass das Waschen des Körpers mit Wasser die bereits gewonnene Reinheit (des Herzens) nicht zu vervollständigen vermag. Umgekehrt gilt auch: die Inanspruchnahme des Dienstes von Jesus durch sein Wort, führt nicht automatisch zur Herzensreinheit, wie im Falle von Judas deutlich wird. Daran änderte auch seine widerspruchslose Annahme des Dienstes der Fußwaschung nichts. Weil er die Gesinnung von Jesus ablehnte, blieb er ausgeschlossen von der Gemeinschaft mit dem Herrn. Jesus bestätigt dem Judas dessen Ausschluss aus der Gemeinschaft der Reinen (Joh 13,10-11). Simon Petrus jedoch, der sich belehren und korrigieren lässt, bekommt seinen Anteil an seinem Meister und Herrn.

 

10.24.4 Der Lehrer und der Herr im Dienst! Und was ist mit den Schülern und Knechten?

Der Evangelist Johannes schreibt weiter: „Als er nun ihre Füße gewaschen hatte, nahm er seine Kleider und setzte sich wieder nieder und sprach zu ihnen: Wisst ihr, was ich euch getan habe? Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin’s auch.“ (Joh 13,12-13).

Jesus legt den Lendenschurz ab und zieht wieder seine Kleider an, setzt sich (bzw. legt sich) wieder an seinen Platz und nun erklärt und begründet er sein ungewöhnliches Handeln an seinen Jüngern. Er beginnt mit der Frage: „Wisst (erkennt, versteht) ihr, was ich euch getan habe?“ – dies schärft die Denkweise der Jünger. Und dann nutzt er die Feststellung: „Ihr nennt mich Lehrer und Herr“ und bestätigt diese mit den Worten: „ihr sagt es mit recht, denn ich bin es“. Jesus hat ein absolutes und vollkommen gesundes Selbstbewusstsein und die Jünger erkennen seinen hohen Stand an.

Alle Religionen zielen darauf ab, dass der Mensch einer Gottheit Dienst erweist. Die Einstellung, dass ein im Rang Niederer dem im Rang Höheren Dienst erweist, um dessen Gunst zu gewinnen, hat sich im Laufe der Zeit entwickelt und wurde zum Standard in der menschlichen Zivilisation. Die Offenbarung Gottes in Jesus Christus zeigt den umgekehrten Weg. Gott macht sich auf, um dem Menschen zu dienen, ihm seine Gunst (Gnade) zu erweisen und zwar ohne Vorbedingung oder Vorleistung.

Nochmal, es geht Jesus nicht (vordergründig) um Reinigung bestimmter Körperteile, sondern um die offensichtliche Darstellung der prinzipiellen Diensteinstellung Gottes in der Selbsterniedrigung von Jesus Christus, dem Sohn Gottes . Durch die Handlung der Fußwaschung konnte diese Einstellung optimal verdeutlicht werden. Diese neue Ordnung zerbricht die Herrschsucht, das Machtstreben und den Machtmissbrauch dieser Welt und stellt das neue Selbstbewusstsein (den Stand, den Status) der Jünger auf eine völlig neue Grundlage. Jesus selbst hat ein absolut gesundes Selbstbewusstsein, seine Aussage: „ich bin`s“ macht sehr deutlich, dass er weiß wer er ist. Status und Dienst werden von ihm in ein rechtes Verhältnis gebracht.

 

10.24.5 Das Gebot an seine Jünger

Nun folgt mit allem Nachdruck das Gebot, die Verordnung mit der entsprechenden Begründung:

Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel (gr. upo,deigma ypodeigma) habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr und der Apostel nicht größer als der, der ihn gesandt hat. Wenn ihr dies wisst – selig (glückselig) seid ihr, wenn ihr’s tut.  (Joh 13,14-17).

Hier stellen sich einige Fragen:

  • Was will Jesus mit dieser Anordnung bei seinen Jüngern erreichen?
  • Meint er, dass diese Verordnung auch in buchstäblicher Form praktiziert werden soll? Wenn ja, wie oft, bei welchen Gelegenheiten und in welchem Zusammenhang?
  • Sind auch Frauen in diese Verordnung eingeschlossen?
  • Gilt diese Verordnung nur den Gläubigen? Dürfen auch Interressierte und Kinder daran teilnehmen?

An dieser Stelle ist es wichtig, dass wir zunächst den Begriff, welchen Jesus für seine Handlung gebraucht, seinem Inhalt nach untersuchen. Es geht um das griechische Wort `upo,deigma ypodeigma`. Da es bei Johannes nur an dieser Stelle vorkommt, müssen wir bei den anderen Autoren des Neuen Testamentes danach suchen. Dieser Begriff kommt in folgenden Texten vor:

  • Matthäus 1,19: mh, deigmati,sai m¢ deigmatisai – nicht bloßstellen;
  • Kolosser 2,15: e,deigma,tisen edeigmatisen – er hat bloßgestellt, zur Schau gestellt;
  • 2Thessalonicher 1,5: e,ndeigma endeigma – Anzeichen, Beweis, Hinweis;
  • Hebräer 4,11: mh, u,podei,gmati pe,sh m¢ ypodeigmati pes¢ – nicht in das Beispiel fallen;
  • Hebräer 6,6: paradei,gmati,zontaj paradeigmatizontas – bloßstellen, dem Spott aussetzen, beschämeni;
  • Hebräer 8,5: u,podei,gmati ypodeigmati – (die) dem Abbild (und Schatten der himmlischen Dinge dienen);
  • Hebräer 9,23: upodei,gmata ypodeigmata – die Abbilder (der himmlischen Dinge hierdurch gereinigt werden);
  • Jakobus 5,10: u,po,deigma ypodeigma – als Beispiel, Vorbild (nehmt euch das Leiden und die Geduld der Propheten);
  • Weitere Stellen: 2Petrus 2,6; Judas 7 (beide negative Beispiele, die man meiden soll).

Wie wir feststellen können, ist der Begriff an für sich neutral und kann sowohl als Beispiel zur Nachahmung wie auch als Beispiel das vermieden werden soll, gebraucht werden. Da Jesus es in positivem Sinne gebraucht, ziehen wir zum besseren Verständnis dieses Wortes die beiden Stellen aus dem Hebräerbrief Kapitel 8,5 und 9,23 heran. Dort beschreibt dieser Begriff (in der Einzahl und Mehrzahl) Gegenstände, bzw. Einrichtungen und Handlungen des Gottesdienstes in der Stiftshüte als Abbilder, Vorbilder, Schattenbilder der himmlischen Wirklichkeiten. Die Vorsilbe `upo ypo` macht deutlich, dass sich unter oder hinter diesen sichtbaren Gegenständen eine unsichtbare Wahrheit und Wirklichkeit verbirgt. Solche Vorbilder oder Abbilder sind: Stiftshütte mit Altar, Waschbecken, Schaubrottisch, siebenarmiger Leuchter, Räucheraltar, Bundeslade mit dem Sühnedeckel). Demnach ist das `upo,deigma ypodeigma – Beispiel` in Johannes 13,15 eine sichtbare Darstellung einer himmlischen, göttlichen Wirklichkeit und dient den Jüngern als Beispiel zur unbedingten Nachahmung.

 

Die sichtbare und fassbare Handlung der Fußwaschung birgt in sich:

  • Die Erniedrigung des Christus in der Knechtsgestalt des Menschensohnes, seine Diensteinstellung zu Gunsten der Menschen. Dies durchzieht sein ganzes Leben und gipfelt in der Hingabe seines Lebens „als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28; Mk 10,45).
  • Es birgt in sich das Angebot der Versönung mit Gott und untereinander.

Diese Selbsterniedrigung und der Dienst des Herrn und Meisters, ist auch den Jüngern verordnet. Mehrmals spricht Jesus im Johannestext vom `Tun`:

  • damit ihr tut, wie ich euch getan habe“;
  • „so sollt (schuldet) auch ihr euch untereinander die Füße waschen“;
  • „Wenn ihr dies wisst – glückselig) seid ihr, wenn ihr’s tut“.

Dabei wäre es zu wenig allein das Beispiel, die Handlung der Fußwaschung in ihrer buchstäblichen Form, zu praktizieren. Doch damit die Dienstordnung Gottes in seiner Gemeinde durch Herrschsucht, das Streben nach Macht und  Machtmissbrauch nicht untergraben wird, ist es sehr sinnvoll das Beispiel von Jesus auch in seiner buchstäblichen Form zu praktizieren. Jesus sagte: „So sollt auch ihr einander die Füße waschen“. Beim letzten Abend kamen die Jünger noch nicht dazu oder waren noch nicht bereit, einander die Füße zu waschen. Sie sollten zuerst den faktischen Dienst von Jesus am darauffolgenden Tag sehen und erkennen. Erst danach waren sie imstande, mit Aufrichtigkeit einander die Füße zu waschen. Vor dem Eintreten in diesen Raum hatte wohl jeder sich selbst die Füße gewaschen. Die Evangelisten berichten nicht über die Praxis der Fußwaschung unter den Jüngern im Rahmen der Hausversammlungen, doch das Argument des Schweigens bedeutet noch nicht, dass diese Verordnung nicht praktiziert worden wäre. Vorstellbar wäre auch, dass die Jünger bei ihren häufigen Besuchen in den Häusern einander die Füße wuschen und somit ihre Dienstbereitschaft in der Beugung voreinander bekundeten. Zumindest in einer Stelle nimmt der Apostel Paulus darauf Bezug. So schreibt er in 1Timotheus 5,9-10 über die Voraussetzungen bei der Versorgung von Witwen durch die Gemeinde: „Es soll keine als rechte Witwe anerkannt werden unter sechzig Jahren; sie soll eines einzigen Mannes Frau gewesen sein. Und ein Zeugnis guter Werke haben: wenn sie Kinder aufgezogen hat, wenn sie gastfrei gewesen ist, wenn sie den Heiligen die Füße gewaschen hat, wenn sie den Bedrängten beigestanden hat, wenn sie allem guten Werk nachgekommen ist.“ Hier geht es wohl um Füße waschen beim Eintreten in ein Haus und nicht im Rahmen einer Versammlung. Daher sollte es uns nicht in erster Linie um das Feiern der Fußwaschung gehen, denn diese Handlung ist nur ein Abbild, sondern um die öffentliche Bekundung der beständigen Bereitschaft zur Selbsterniedrigung vor dem Nächsten und zum täglichen, praktischen Dienst am Nächsten.

Nur bei der Neuordnung bzw. wiederhergestellten göttlichen Dienstordnung in der Jüngerschaft, kann sich der Leib von Jesus Christus (die Gemeinde) gesund entfalten. Die verantwortlichen Leiter von Gemeinden und Gemeindeverbänden, auch die Familienvorsteher müssen sich an diesem Maßstab messen lassen.

 

Es gehen heilsame Impulse aus von der ehrlichen Teilnahme an dieser Praxis:

  • Sie fördert das Ablegen des menschlichen Stolzes und der Überheblichkeit,
  • Sie überwindet die Rechthaberei und Zänkerei,
  • Sie festigt vorhandene Beziehungen,
  • Sie fördert die Versöhnung und Wiederherstellung von geschwächten Beziehungen,
  • Sie fördert ein friedliches Miteinander,
  • Sie fördert die Gleichheit, bzw. Gleichwertigkeit der Gläubigen,
  • Sie fördert Einheit der Gläubigen,
  • Sie fördert das Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft in Christus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wann, wo und unter welchen Umständen wusch Jesus seinen Jüngern die Füße?
  2. Beschreibe den Kontext der Fußwaschungspraxis in Israel in alttestamentlicher Zeit, aber auch zur Zeit von Jesus.
  3. Warum wollte Simon sich zunächst nicht die Füße waschen lassen? Was sagt seine spätere Reaktion „nicht die Füße allein, sondern auch die Hände und das Haupt“ über seinen Charakter und die Beziehung zu Jesus aus?
  4. Was ist der tiefere Inhalt dieser Handlung? Was bedeutet der von Jesus dort verwendete griechische Begriff `ypodeigma`, der mit `Beispiel` übersetzt wird?
  5. Wie oft sollte sie in ihrer buchstäblichen Form praktiziert werden? Welche Erfahrungswerte gibt es?
  6. Ist es sinnvoll, dass sie mit dem Herrenmahl zusammen durchgeführt wird oder getrennt davon?
  7. Welche heilsamen Auswirkungen hat sie auf das Miteinander in der Gemeinschaft?
  8. Beschreibe deine persönlichen Erfahrungen mit dieser ungewöhnlichen Handlung?
  9. Wie begründen wir unsere Gemeindepraxis? Gibt es in unserem Kulturkreis eine Alternative für diese Handlung?
  10. Die individuelle und ehrliche Beschäftigung mit diesem Thema wird sich positiv und festigend in deiner Beziehung zu Christus auswirken.

 

 

10.25 Jesus: Einer von euch zwölf wird mich verraten

(Bibeltexte: Mt 26,21-25; Mk 14,18-21; Lk 22,21-23; Joh 13,18-30)

 

Der Evangelist Johannes hat die meisten Aussagen von Jesus über den Verräter aufgeschrieben. Diese stehen in seinem Bericht gleich im Anschluß an die Fußwaschung. Nach den Berichten des Matthäus und Markus beginnt das Gespräch über den Verrat bereits vor der Stiftung des Neuen Bundes. Der Evangelist Lukas leitet das Gespräch über den Verräter zeitlich nach dem Brotbrechen und zusammen mit dem letzten Kelch ein. Wir ordnen das Gespräch über den Verräter zeitlich nach der Fußwaschung und vor der Einsetzung des Herrenmahls ein.

Nach den erklärenden Worten von Jesus über seine ungewöhnliche Handlung der Fußwaschung, leitet er fließend über zum Thema Verrat. „Das sage ich nicht von euch allen; ich weiß, welche ich erwählt habe. Aber es muss die Schrift erfüllt werden (Psalm 41,10): »Der mein Brot isst, tritt mich mit Füßen.« (Joh 13,18). Jesus kennt die Schriften und die Geschichten in denen sich Menschen der Bosheit, Hinterlist und dem Verrat verschrieben haben. Auch an ihm wird diese verräterische Bosheit verübt werden. Doch er ist von Anfang an sicher gewesen über die Erwählung der 12 Jünger, so sagte er bereits in der Synagoge zu Kapernaum: „Habe ich nicht euch Zwölf erwählt? Und einer von euch ist ein Teufel (diabolos).“ Und Johannes erklärt im Rückblick die Aussage des Herrn mit: „Er redete aber von Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Der verriet (gr. παραδιδόναι paradidonai – überlieferte) ihn hernach und war einer der Zwölf.“ (Joh 6,70-71). Oder wir denken an die Aussage des Johannes: „Denn Jesus wusste von Anfang an, wer die waren, die nicht glaubten, und wer ihn verraten (gr. paradw,swn paradösön – überliefern) würde.“ (Joh 6,64). Doch erst jetzt beginnt er die innere Einstellung des Verräters zu offenbaren. Er weiss natürlich um die Abmachung des Judas mit den Hohenpriestern. Denn bereits nach dem Abend in Bethanien ging jener zu der Tempelbehörde und bot gegen Bezahlung seine Dienste an. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Dann ging einer von den Zwölfen, Judas Iskariot mit Namen, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben, und ich werde ihn euch überliefern (gr. παραδώσω paradösö – überliefern)? Sie aber setzten ihm dreißig Silberlinge fest. Und von da an suchte er Gelegenheit, ihn zu überliefern (gr. παραδώ paradö – überliefern).“ (Mt 26,14-16; Mk 14,10-11; Lk 22,3-6). Der Evangelist Lukas ergänzt: „Aber Satan fuhr in Judas (…).“ (Lk 22,3a).

Nun verbringt er den Abend mit Jesus und den Mitjüngern, obwohl er keiner mehr war. Auch Johannes bestätigt, dass der Entschluß zum Verrat bei Judas bereits vor dem letzten Abend feststand. So schreibt er in Kapitel 13,2: „Und während des Mahls, als schon der Teufel dem Judas, Simons Sohn, dem Ischariot, ins Herz gegeben hatte, ihn zu verraten (gr. παραδοί, paradoi – zu überliefern),“ Seit Tagen suchte Judas eine gute Gelegenheit um Jesus an die Tempelbehörde zu überliefern. „Sie (die Hohenpriester) sprachen aber: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr gebe im Volk.“ (Mt 26,5; Mk 14,2). Wir werden sehen, dass ihre Pläne indirekt durch Jesus selbst vereitelt werden.

Wie so oft vorher, so auch jetzt, sagt Jesus mit bestimmter Absicht Geschehnisse voraus und die Jünger hören ihn sagen: „Schon jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“ (Joh 13,19). Es sind Hilfestellungen für den Glauben an die Person von Jesus als den Messias.

Die folgende Aussage scheint wenig mit dem Thema des Verrats zu tun haben, aber sie steht da mitten drin und wird von Jesus mit dem zweimaligen hebräischen Wort `amen, amen`, welches die absolute Wahrheit und Bestimmtheit hervorhebt, eingeleitet. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer jemanden aufnimmt, den ich senden werde, der nimmt mich auf; wer aber mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Joh 13,20). Es klingt ähnlich wie bei der Aussendung der zwölf, dort heißt es: „Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat.“ (Mt 10,40; ähnlich Lk 10,16). Die Jünger werden sich an jene Aussage erinnert haben, sicher auch Judas, der nun dabei ist seinen Herrn und damit Gott abzulehnen. Im deutlichen Kontrast zu ihm steht der Eigentümer des Hauses und Gastgeber, dieser gehört bereits zu denen, die Jesus aufgenommen haben. Er ging das Risiko ein von der Synagoge ausgeschlossen zu werden (Joh 9,22; 11,57; 12,42).

Und nun spricht Jesus aus, was ihn selbst sehr in Erregung bringt. Auch diese Aussage leitet er mit dem doppelten `amen, amen` ein: „Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer (Zahlwort) unter euch wird mich verraten (gr. παραδώσει με paradösei me – wird mich überliefern).“ (Joh 13, 21).

Das griechische Verb und Substantiv, mit dem die Evangelisten die verräterische Handlung von Judas beschreiben, ist an für sich wertneutral und erst der Kontext macht deutlich was der `Übergabe` zu Grunde liegt. Hier einige Beispiele:

  • Jesus sag:  „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden“ (Mt 11,27).
  • Das übergeben, bzw. das überliefern der von Christus empfangenen Inhalte (1Kor 11,2.23).
  • Mit demselben Begriff werden auch die Überlieferungen der Ältesten der Juden beschrieben (Mt 15,2.3.6).
  • Dieser Begriff steht auch für die `Übergabe` von Jesus an Pilatus duch die Priesterschaft und nach der Verurteilung durch den Statthalter Pilatus an die exekutive (Mt 27,18; Mk 15,10; Mt 27,26; Mk 15,15; Lk 23,25).
  • Die Überlieferung, die Tradition – `η παράδοση ¢ parados¢ – wörtlich: die Übergabe, das Übergebene, das Überlieferte` (1Kor 11,2; Gal 1,14; 2Thes 2,15).
  • Der Verräter: `ο προδότης o prodot¢s` bezogen auf Judas in der Jüngerliste (Lk 6,16); Verräter und Mörder: `προδόται και φονείς prodotai kai foneis`  bezogen auf die Führenden in Israel (Apg 7,52);
  • Judas im Garten Gethsemane: „der ihn Verratende (ο παραδιδούς αυτόν o paradidous auton) (Joh 18,5).

Durch den Kontext erkennt man sofort, um was für eine Übergabe es sich handelt. Und wir stellen fest, dass das Thema des Verrats durch Judas einen breiten Platz in den Evangelien und sogar der Apostelgeschichte einnimmt. Mindestens 15 Mal wird die Person des Judas im Zusammenhang seiner verräterischen Einstellung und Handlung von den Evangelisten genannt. Demnach war der Verrat des Judas, eine bewusste und vorsätzliche Übergabe (Überlieferung, Auslieferung) an die Gegner und Feinde von Jesus. In diesem Fall auch noch ein Verrat ums Geld, er verkaufte seinen Herrn für 30 Silberstücke (Mt 26,15).

So sehr sich Jesus gesehnt hatte mit seinen Jüngern dieses für ihn letzte Passa zu halten, war er doch sehr betrübt (erregt im Geist) über den Entschluß des Judas, ihn zu verraten. Wie konnte einer, der so viele ungewöhnliche Kraftwirkungen Gottes erlebt, ja sogar mitgewirkt hatte, sein Herz derart verhärten? „Wer mich aufnimmt (…)“, die Jünger müssen sich ständig entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen. Sie sind immer wieder gefragt, werden sie zu ihrem Herrn und Meister stehen (Joh 6,67; 15,1-7)?

Ähnlich wie Johannes schreibt auch Matthäus mit einiger Ergänzung: „Und während sie zu Tisch lagen und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer (Zahlwort) von euch wird mich überliefern, der, welcher mit mir isst.“ (Mt 26,21). Ebenso Markus: „Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer (Zahlwort) unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten.“ (Mk 14,18). Lukas drückt es anders aus: „Doch siehe, die Hand meines Verräters (wörtlich: του παραδιδόντος με tou paradidontos me – (die Hand) des mich Verratenden) ist mit mir am Tisch.“ (Lk 22,21).

Bei Johames sagt Jesus weiter: „Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete.“ (Joh 13,22).

Lukas ergänzt: „Und sie fingen an, sich untereinander zu befragen, wer es wohl von ihnen sein möchte, der dies tun werde.“ (Lk 22,23).

Matthäus ergänzt in 26,22-23: „Und sie wurden sehr betrübt, und jeder von ihnen fing an, zu ihm zu sagen: Ich bin es doch nicht, Herr? Er aber antwortete und sprach: Der mit mir die Hand (Mk: das Brot) in die Schüssel eintaucht, der wird mich überliefern.“ Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Jesus offen den Namen des Judas als Verräter vor allen ausgesprochen hätte. Jesus vermeidet den frontal Zusammenstoß und auch eine direkte Auseinandersetzung der übrigen Jünger mit Judas.

Dann fährt Jesus fort mit den Worten: Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht (Lukas: „wie es beschlossen ist). „Wehe aber jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre.“ (Mt 26,24 ähnlich auch Mk 14,21 und Lk 22,22). Diese Worte von Jesus sind sehr geheimnisvoll, weil er von den Abläufen hinter den Kulissen spricht. Bei Matthäus steht die Begründung für das Sterben von Jesus: „wie geschrieben ist“, bei Lukas: „wie beschlossen ist“. So ist auch die Reihenfolge: zuerst wurde bei Gott der Beschluß gefasst, dann ließ er ihn schriftlich festhalten. Den selten verwendeten Begriff `ωρισμένον örismenon` finden wir noch in Apostelgeschichte 2,23 und 10,42 und in beiden Texten wird sehr deutlich: das mit dem Leiden und Sterben von Jesus ist keine Panne gewesen, sondern von Gott durch Beschluß vorherbestimmt. Im Falle des Verräters jedoch kann man sagen: auch ohne das Eingreifen von Judas wäre Gottes Plan zur Erfüllung gekommen. Der Verrat an Jesus ist zwar vorausgesagt worden durch den Heiligen Geist in der Schrift (Ps 41,10), aber nicht vorausbestimmt durch Gott, es war eindeutig Satans Werk.

Es wäre jenem Menschen gut, wenn er nicht geboren wäre“. Jesus weiß über das `was wäre wenn“ Bescheid.

Matthäus 26,25: „Judas aber, der ihn überlieferte, antwortete und sprach: Ich bin es doch nicht, Rabbi? Er spricht zu ihm: Du hast es gesagt.“ Judas ist also der letzte, der die Frage stellt „Bin ich`s, Rabbi“? Und Jesus bejaht es, doch in dem lebhaften Tischgespräch wird wohl nur Judas diese Bemerkung von Jesus bewußt gehört haben, galt sie doch nur ihm.

Johannes 13,23-30: Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.  Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist’s? Aus dem Text ist zu erkennen, dass die Frage an Jesus mit leiser Stimme gestellt wurde, ebenso die Antwort. Jesus antwortete: Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald!“ Diese Aussage hörten zwar alle Jünger.  „Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ (Joh 18,23-30).

Die anderen Jünger sind immer noch ahnungslos. Wieder verstehen sie nicht, was Jesus mit der Anweisung an Judas meinte. Mindestens Johannes, wahrscheinlich auch Petrus wussten nun um Judas Vorhaben, doch auch ihnen blieb verborgen, wann es geschehen würde. Daß den übrigen Jüngern das ungeistliche Verhalten des Judas bis dahin nicht aufgefallen ist, spricht für dessen  perfekte Tarnung. Judas war ein sehr guter Schauspieler, Heuchler, Maskenträger. Wir müssen deutlich erkennen, es ist nicht Jesus, der Judas zu dem Verrat drängt, denn jener hat sich schon Tage vorher dafür entschieden. Einige mögliche Gründe für das indirekte Eingreifen von Jesus in den Lauf der Dinge:

  • Es ist von Gott vorgesehen, dass Jesus am Passatag sterben sollte und nicht davor oder danach wie es sich die Obersten im Volk erhofften;
  • Jesus trennt sich bewusst von Judas, in dem nun der Satan (Gegner) das Sagen hat;
  • Jesus hat noch einige Reden, eine Art Vermächtnis an seine Jünger zu richten und dies gilt dem Judas nicht mehr.

Das Egebnis für Judas: Er mißachtet bewußt die Liebe und Langmut Gottes. Dies führt zu einer totalen Verblendung, Verhärtung und Verstockung des Herzens und Jesus lässt ihn gehen.

Bis auf die Episode bei der Salbung von Jesus in Bethanien durch die Maria, ist Judas nicht weiter negativ aufgefallen. Anscheinend hat außer Jesus selbst, keiner der Jünger diesen Mann durchschauen können. Jesus sagte den Verrat voraus und zwar mit der Begründung, dass die Jünger beim Eintreffen der Voraussage glauben an seine Person als den Messias.

Judas steht auf und geht mit seinem Geldbeutel einschließlich der 30 Silberstücke, er verlässt seinen Herrn und die Gemeinschaft der Jünger, diesmal für immer. „Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.“ (Joh 13,30). Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen. Es gibt kein Zurück mehr für ihn. Jesus hat ihn entlassen. Er ist nun fest im Besitz des Teufels. Wer zu lange und bewusst mit der Sünde umgeht, begibt sich in die Fänge des Satans. Und es kommt die Stunde, der Augenblick, wo es kein Zurück mehr gibt, so auch bei Judas. Nun ist er auf dem Weg zu den Hohenpriestern, er weis, dass Jesus mit seinen Jüngern nicht in diesem Haus zur Übernachtung bleiben, sondern wie so oft an den Ölberg hinaus gehen werden (Joh 18,2).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist uns über den Judas bekannt? Wer ist sein Vater, woher kommt er?
  2. Was war sein Problem?
  3. Ist er irgendwie negativ aufgefallen?
  4. Warum haben die Jünger ihn nicht durchschaut?
  5. Was bedeutet das Wort Verrat, Verräter?
  6. Was bedeutet es: „Damit die Schrift erfüllt würde“.
  7. Ab wann konnte Judas nicht mehr zurück?
  8. Warum griff Jesus indirekt in den Lauf der Dinge ein?

 

 

10.26 Jesus stiftet den Neuen Bund

(Bibeltexte: Mt 26,17-27; Mk 14,17-25; Lk 22,10-20)

 

Es ist nicht möglich, den genauen Ablauf dieses letzten Abends zu rekonstruieren. Daher bleibt es beim Versuch, die einzelnen Aussagen, welche über die Einsetzung, bzw. Stiftung des Neuen Bundes sprechen, chronologisch zu ordnen.

Volgender Ablauf ist denkbar:

  • Jesus leitet das Passamahl ein mit den Worten: „Mit Sehnsuchtr habe ich mich gesehnt mit euch dies Passamahl zu essen ehe ich leide“.
  • Jesus reicht den ersten Kelch mit den Worten: „teilt ihn unter euch“.
  • Zank und Streit unter den Jüngern über die Frage, wer unter ihnen für den Größten gehalten werden sollte (Lk 22,24-27).
  • Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße (Joh 13,1-17).
  • Jesus kündigt den Verrat an.
  • Jesus bricht das Brot.
  • Jesus segnet den Kelch und reicht ihn seinen Jüngern.

ANMERKUNG: Wenn die Evangelisten in diesen Texten vom Mahl sprechen, dass ist immer das Passamahl gemeint. Die Einsetzung, bzw. Stiftung des Neuen Bundes geschah während des Passamahls und war eng mit diesem verflochten. Die Bezeichnung `Abendmahl` trifft nicht den Kern. Die ersten Christen nannten es `kuriako,n die,pnon kyriakon deipnon – das Herrenmahl` (1Kor 11,20) oder `kla,sei tou, a,rtou klasei tou artou – brechen des Brotes, das Brotbrechen` (Apg 2,42; 20,7). „Das Brot und der Kelch des Herrn“ (1Kor 11,27) zur Unterscheidung von gewöhnlichen Mahlzeiten.

10.26.1 Welche Elemente mit Symbolkraft übernimmt Jesus für den Neuen Bund?

Der neue Bundeschluß, der am Kreuz auf Golgatha durch den Tod von Jesus (durch sein Blut) besiegelt wurde, ist bereits am Vorabend im Brotbrechen und dem Kelch symbolhaft vorgebildet und gestiftet worden. So lesen wir im Bericht des Matthäus: „Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot und segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst, dies ist mein Leib! (Lukas ergänzt: „der für euch gegeben wird“). Und er nahm einen Kelch und dankte und gab ihnen den und sprach: Trinkt alle daraus! Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ (Mt 26,26-28; ähnlich auch bei Markus 14,22-24; Lukas ergänzt in 22,20: „Desgleichen auch den Kelch nach dem Mahl“, so auch Paulus in 1Kor 11,25).

).

Die Jünger sind mit dem Essen des geschlachteten und am Feuer gebratenen Passalammes beschäftigt, denn es heißt: „Während sie aber aßen“. Nun führt Jesus durch konkrete Handlung, begleitet mit besonderen Worten, eine neue Bundesordnung, bzw. den Neuen Bundesschluß ein. Das Passalamm, als Vorbild der Erlösung der Erstgeburt unter den Israeliten vor dem Tod und die damit verbundene Rettung des ganzen Volkes aus Ägyptischer Sklaverei findet ihre Entsprechung in Jesus, dem Lamm Gottes (Jes 53,4-12; Joh 1,29. 36). Für die Wirklichkeit des Gotteslammes in der Person von Jesus werden auch Symbolelemente mit Aussagekraft benötigt. Diese sind:

  • Das ungesäuerte Brot, so die neue Sinnfülle der Worte: „Nehmt, esst, dies ist mein Leib! (Lukas ergänzt: „der für euch gegeben wird“ (Mt 26,26; Lk 22,19). Ein kleines und doch wichtiges Detail, welches leicht übersehen werden kann, wird durch die Bemerkung: „dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, präzisiert. Das Brot wird gebrochen, der Leib des Christus jedoch wird ungebrochen also ganzheitlich gegeben. Johannes der Evangelist hebt ganz besonders dieses Detail hervor: „Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Dies erinnert an die Anordnung Gottes zur Schlachtung des Passalammes in Ägypten. Und der Jünger Johannes, der unter dem Kreuz stand und den Lebensabschluß des Gotteslammes aus nächster Nähe beobachtete, sah, wie die Soldaten beiden Gekreuzigten die Beine brachen, Jesus aber weil er bereits tot war, verschonten.
  • Das Trinken aus dem Kelch findet seine Entsprechung im Blut Christi, so die Sinnfülle der Worte: „Denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,27). Das es sich um ein Getränk vom Weinstock handelte, ist in den Texten ausdrücklich erwähnt (Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Von der Jahreszeit ausgehend, wird es sich wohl um einen ausgegorenen Traubensaft, sprich Wein gehandelt haben. Doch nicht die Substanz selbst steht hier im Vordergrund (ist sie doch gar nicht ausdrücklich erwähnt), sondern in welchen Bezug sie Jesus bringt ist wichtig, nämlich: „Das ist mein Blut des Bundes“ – trinkt alle daraus.

Die Einsetzung der beiden Elemente an diesem letzten Abend markiert auch das Ende des ersten Bundes durch Mose in Ägypten und am Sinai. Nach dem Gesetz war jegliches Blut zu essen/trinken absolut verboten (1Mose 9,4; 3Mose 17,12-13). Daher nimmt Jesus das in Israel allgemein bekannte rotfarbene Getränk vom Weinstock als Element, welches am besten sein Blut symbolisiert.

Die beiden Elemente sind uns noch aus der Zeit Abrahams vertraut. „Aber Melchisedek, der König von Salem, trug Brot und Wein heraus. Und er war ein Priester Gottes des Höchsten.“ (1Mose 14,18; Hebr 7,1). Auch beim täglichen Morgen- und Abendopfer waren Brot und Wein als Gaben vorgeschrieben. „Und zu dem einen Schaf einen Krug feinsten Mehls, vermengt mit einer viertel Kanne zerstoßener Oliven, und eine viertel Kanne Wein zum Trankopfer“ (2Mose 29,40). Nach Nehemia 10,38 brachte man den Priestern und Leviten für ihren Dienst die Erstlinge von den Früchten des Feldes einschließlich Brot und Wein. Mit Ausnahme wärend der Wüstenwanderung (5Mose 29,5) waren Brot als Hauptspeise und der Wein als Getränk, regulärer Bestandtteil auf der Speiseliste in Israel (1Sam 10,3; 16,20; 25,18; Ps 104,15). Dass Jesus gerade diese zwei Elemente aus dem täglichen Lebensmittelsortiment durch ein Wunder vermehrte (Joh 2,1-11; 6,1-15) ist kaum zuvällig, zeigte er doch dadurch seine Herrlichkeit (Joh 2,11; 6,14-15). Mit der Aufnahme dieser zwei Elemente und ihrem klaren Bezug zu Jesus, sind die Jünger in diesen Neuen Bund eingetreten, bzw. aufgenommen worden.

An dieser Stelle werden die Leser des Johannesevangeliums an die sehr unästetische, ja für viele sogar anstößige Aussage von Jesus in der Synagoge zu Kapernaum erinnert. Dort sagt Jesus in Bezug auf sich selbst: „Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt“ (Joh 6,51-52). Oder „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken“ (Joh 6,54). Fällt uns doch spätestens jetzt auf, dass Jesus viele der wichtigen Inhalte der Heilsbotschaft mehrmals erwähnt? Es gibt nichts Wichtiges, von dem was er sagt, das er nicht schon mal gesagt hätte; Und es gibt nichts Wichtiges von dem was er zum ersten Mal sagt, das er nicht irgendwann wiederholen würde. Das ist die göttliche Kunst unseres Lehrmeisters Jesus, um seinen Jüngern das Bewusstsein für die Kontinuität Gottes in der Heilsgeschichte zu schärfen. Leben und Überleben hing und hängt zuerst:

  • Von der Bereitschaft sich vom Blut getränkte Tierfelle als Kleider anlegen zu lassen (Adam und Eva);
  • Von der persönlichen Teilnahme am Passalamm (Israel in Ägypten);
  • Dann von der Teilnahme am Manna, dem Himmelsbrot (Israel in der Wüste);
  • Dann von der persönlichen Teilnahme am vom Himmel gekommenem Brot des Lebens in der Person des menschgewordenen Gottessohnes Jesus Christus.

Die Bestimmung, der Inhalt und die Auswirkung der Schattenbilder des Alten Bundes geht voll und ganz auf die Person von Jesus Christus über. Der Zeitpunkt des Übergangs ist an dem Abend des sechsten Wochentages (Donnerstagabend/Freitagbeginn) durch die Worte von Jesus „Dies ist mein Leib“ und „Dies ist mein Blut“ markiert, und bereits am gleichen Tag, nach etwa 12 Stunden mit seinem Blut am Kreuz besiegelt worden.

 

 

10.26.2 Der Bund vom Sinai durch Mose den Knecht und der Neue Bund durch Jesus den Sohn

Der Bundesschluß am Sinai bedeutete die formal-juristische Stiftung, doch eingeführt in diesen Bund wurde das Volk Israel bereits in Ägypten. Dies geschah am Abend des 14. Tages im ersten Monat als auf Gottes Anweisung hin jede Familie das Passalamm schlachten mußte.

Vorgeschrieben war:

  1. Ein 1-jähriges Lamm (von den Schafen oder Ziegen), männlich, fehlerlos, es musste vier Tage lang verwahrt werden, am Abend des 14. Tages geschlachtet, am Feuer gebraten (keine Knochen brechen) und in der Regel von jeder Familie bis zum Morgen ganz aufgegessen werden.
  2. Mit dem Blut des Lammes mussten die Türpfosten bestrichen werden zum Zeichen der Annahme der göttlichen Anweisung, dies bedeutete gleichzeitig Lebenserhalt der Erstgeburt in Israel.
  3. Zum Passamahl gehörten ungesäuertes Brot und zwar für die gesamte folgende Woche (14 . bis 21. Tag des 1. Monats).
  4. Zu diesem Mahl gehörten ebenso bittere Kräuter.

Der Bundesschluß am Sinai mit öffentlicher Annahme und Einwilligung des gesamten Volkes Israel erfolgte bald nach der Ankunft am Berg Gottes, also etwa zwei Monate nach dem Auszug aus Ägypten. Der Bundesschluß wird vom Hebräerbriefschreiber wie folgt beschrieben: „Und er (Mose) nahm das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volks. Und sie sprachen: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun und darauf hören.“Da nahm Mose das Blut und besprengte das Volk damit und sprach: Seht, das ist das Blut des Bundes, den der HERR mit euch geschlossen hat aufgrund aller dieser Worte.“ ((2Mose 19,5; 24,7-8; Hebr 9,19). Bei dem Bund am Sinai werden zwei besondere Elemente deutlich hervorgehoben:

  1. Mose nahm das Buch des Bundes und las es vor. Das Volk nahm den Inhalt des Buches an. Die Parallele zum Herrenmahl wäre: Jesus nahm das Brot, brach es und gab den Jüngern, sie nahmens und aßen.
  2. Mose nahm das Blut des Bundes und besprengte damit das Volk. Die Parallele beim Herrenmahl wäre: Jesus nahm den Kelch und gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus.

 

Abbildung 17 Die beiden Elemente – Brot und der Kelch mit Wein – übernimmt Jesus als Zeichen für den Neuen Bund (Foto am 6. Februar 2016).

Da gibt es also gewisse Parallelen zum zweiten, Neuen Bund, den Jesus gestiftet hatte. In Römer 9,4 erwähnt der Apostel Paulus, dass den Israeliten „die Bundesschlüsse und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen“ gehören. Doch warum musste ein Neues Testament gemacht werden? In der Zeit um etwa 600 v. Chr. tadelt Gott die Israeliten wegen ihrer Untreue (Jer 31,31-34). Der Schreiber des Hebräerbriefes zitiert diese Stelle aus dem Propheten Jeremia in Kapitel 8,9-12):

Siehe, Tage kommen, spricht der HERR, da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund: nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern (den 12 Stämmen) geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen – diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war, spricht der HERR. Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht der HERR:

  • Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben.
  • Und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 
  • Dann wird nicht mehr einer seinen Nächsten oder einer seinen Bruder lehren und sagen: Erkennt den HERRN! Denn sie alle werden mich erkennen von ihrem Kleinsten bis zu ihrem Größten, spricht der HERR.
  • Denn ich werde ihre Schuld (Ungerechtigkeiten) vergeben und an ihre Sünde nicht mehr denken“ (Jer 31,31-34; Zitat aus Hebr 8,9-12; ähnlich auch Hebr 10,15-17).

Der Autor des Hebräerbriefes fährt fort: „Wo aber Vergebung dieser Sünden ist, gibt es kein Opfer für Sünde mehr“ (Hebr 10,18). Der Bund am Sinai barg jedoch in sich Elemente und Symbole, die auf tiefere, geistliche Realitäten in Gottes Heilsplan hinwiesen (Mose als Mittler, Passalamm, die zwei steinerne Tafeln des Zeugnisses, die Stiftshütte, der Priesterdienst mit all den Opfern, das Manna, die eherne Schlange etc.). „Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich darbringen, die Hinzunahenden für immer vollkommen machen.“ (Hebr 10,1). Es ist also eindeutig eine vorläufige Einrichtung und daher wird eine bessere Ordnung eingeführt. wie es auch weiter im Text heißt: „dann sprach er (der Sohn): „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ – er nimmt das Erste weg, um das Zweite aufzurichten. In diesem Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi.“ (Hebr 10,9-10).

Jesus, als der einzig wahre und vollkommene Mittler  des Neuen Testamentes (1Tim 2,5; Hebr 9,15; 12,24), stiftet den von Gott durch Jeremia (31,31-34) verheißenen Neuen Bund an seine zwölf Apostel (das neutestamentliche- und Gesamte Israel – Mt 26,26-28) und besiegelte diesen mit seinem Blut durch den Tod am Kreuz (Hebr 9,16 – „Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen geschehen sein, der das Testament gemacht hat“).

Zwischen der Stiftung des ersten Bundes am Sinai und des zweiten Bundes beim letzten Passamahl, sind nicht nur deutliche Prallelen, sondern auch wesentliche Unterschiede zu erkennen, wie die Gegenüberstellungen in der folgenden Tabelle zeigen:

 

Der erste Bundesschluss mit Israel – den 12 Stämmen Der zweite Bundesschluss mit Israel – den 12 Aposteln
Der erste Bund wurde bei dem ersten Passamahl in Ägypten gestiftet und am Sinai mit Tierblut besiegelt Der zweite Bund wurde während des letzten Passamahls in Jerusalem gestiftet und am Kreuz mit dem Blut Jesu Christi besiegelt
Der erste Bund wurde mit der gesamten Gemeinde Israel durch Blutbesprengung geschlossen Der zweite Bund wurde mit den 12 Jüngern als Repräsentanten des NT Volkes Israel durch den Kelch des neuen Bundes – (mit dem Blut Jesu) geschlossen
Das Gesetz des Buchstabens war mit Gottes Finger auf steinerne Tafeln geschrieben Das Gesetz Gottes (des Geistes) wird ins Herz des Gläubigen und sein Denken (Sinn) geschrieben
Wiederholte Tieropfer für die Sünden waren nötig Einmaliges und gültiges Opfer des Lammes Jesus Christus genügt um für immer die Sünden wegzunehmen (Hebr 9,9-10; 1Petr 1,22-23)
Durch die vielen und verschiedenen Opfer geschieht nur eine Erinnerung an die Sünden Durch das eine Opfer wird an die Sünden nicht mehr gedacht
Das Aaronitische Priestertum war zeitlich begrenzt und schwach Der Hohepriester Jesus gemäß der Ordnung Melchisedeks bleibt ewig (Hebr 8,1)
Mose als Mittler – treuer Knecht in Gottes Haus Jesus als Mittler – Sohn und Herr über das Haus Gottes
Der erste Bund schloß nur das Volk Israel ein – ausschließlicher Bund Der zweite Bund schließt alle Glaubenden an Jesus ein, Juden und Nichthuden – universeller Bund

Der zweite und Neue Bund schließt laut Verheißung zwar auch das ganze Israel (Haus Israel und Juda) mit ein, doch nicht automatisch, sondern durch persönliche Annahme und Einwilligung in die Bedingung des Bundes. Und diese Bedingung oder Voraussetzung ist:

  • Jesus, als den von Gott gesandten und gesalbten Messias/Retter,
  • der sich als Passahlamm für die Sünden aller Menschen opferte,
  • im Glauben annehmen,
  • Vergebung der Sünden erlangen
  • und zum neutestamentlichen Volk Gottes hinzugeordnet werden.

Das ist der Neue Bund, das Neue Testament, Gottes Vermächtnis – zugänglich für alle Menschen. Denn letztlich fließen die geistlichen Inhalte aller Bünde, die Gott noch vor Mose gestiftet hatte in den einen Neuen Bund ein und finden da ihre Erfüllung.

 

10.26.3 Inhalt des Neuen Bundes – Vergebung der Sünden

Das größte Problem das der Mensch hat, ist seine Sünde. Im Grunde ist Sünde alles, was mit Gottes Willen und Wesen nicht übereinstimmt. Der Begriff selbst bedeutet sowohl im Hebräischen als auch im Griechischen soviel wie – Verfehlung, oder Zielverfehlung (4Mose 18,1). Sünde wird sehr oft mit bewusster Übertretung des Gebotes Gottes gleichgesetzt. Allerdings wird Sünde von Gott erst angerechnet, wenn ein Bewusstsein dafür vorhanden ist. So schreibt Paulus: „Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam (gemeint ist das Gesetz Moses); aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet“  (Röm 5,13; ähnlich auch 4,15). Sehr großzügig außert sich Jesus gegenüber den Juden: „Wenn ich nicht gekommen wäre und hätte es ihnen gesagt, so hätten sie keine Sünde; nun aber können sie nichts vorwenden, um ihre Sünde zu entschuldigen“ (Joh 15,22). Gott ist absolut heilig, gerecht, aber auch gütig, gnädig und barmherzig. Doch ganz gleich, ob ein Mensch bewusst oder unbewusst, viel oder weniger gesündigt hat, nach dem Sündenfall Adams gerieten alle Menschen unter den Fluch und die Folgen der Sünde, Paulus schreibt dazu: „Denn sie sind allzumal Sünder“ und:  „Denn der Sünde Sold ist der Tod“ (Röm 3,23; 6,23). Sünde ist nicht einfach nur etwas Negatives, Schlechtes, Sünde ist tödlich. „Und Gott, der HERR, gebot dem Menschen und sprach: Von jedem Baum des Gartens darfst du essen; aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, davon darfst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du sterben!“ (1Mose 2,16-17). Gottes Anweisung bestand aus zweierlei: dem Gebot und dem Verbot – du darfst (sollst) und du darfst (sollst) nicht. Und wie der Text in 1Mose 3,1-7 berichtet, vernachlässigten beide – Eva und Adam – das Gebot und taten das Verbotene. Durch Zweifel, Unglauben und Ungehorsam gerieten sie in die Sündenfalle. Nun bedeutete damals Sterben nicht gleich physischer Tod verbunden mit plötzlichem umfallen. Aber die innere geistliche Beziehung zu Gott wurde unterbrochen (ist gestorben) und damit setzte auch das physische (wenn auch langsame) Sterben ein. Zu dem Verlust des Lebens kam noch die Schuld gegenüber Gott dazu. Im sogenannten Gebet `Vaterunser` verwendet Jesus in Matthäus 6,12 den Begriff Schuld (gr. οφειληιμα – ofeilema). Die größte Schuld des Menschen ist demnach seine Sündenschuld, denn er ist vor Gott schuldig geworden. Und er ist nicht imstande diese Schuld loszuwerden durch  Eigenleistung, bzw. durch gute Taten. Denn das Gute und Richtige zu tun gehörte zu seiner normalen Pflicht, es ist eigentlich seine Berufung und Lebensaufgabe. Bei jedem Versuch durch gute Taten eine Sünde abzumildern oder gar zu tilgen, versäumt er gleichzeitig seinen eigentlichen Pflichten nachzukommen und lädt neue Versäumnisssünden auf sich. Nehmen wir als Beispiel Adam und Eva nachdem sie durch Ungehorsam, das Gebot Gottes übertraten und damit Schuld auf sich luden. „und sie (Eva) nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab auch ihrem Mann bei ihr, und er aß. Da wurden ihrer beider Augen aufgetan, und sie erkannten, dass sie nackt waren; und sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten die Stimme Gottes, des HERRN, der im Garten wandelte bei der Kühle des Tages. Da versteckten sich der Mensch und seine Frau vor dem Angesicht Gottes, des HERRN, mitten zwischen den Bäumen des Gartens“ (1Mose 3,7-8). Folgendes wird hier deutlich:

  1. Adam und Eva kannten den Willen Gottes,
  2. Anstatt ihren eigentlichen Pflichten nachzukommen (1Mose 1,27-28), wendeten sie sich dem Verbotenen zu,
  3. Dann erkannten sie ihre Nacktheit (Veränderte Beziehung zu einander und zu Gott – es stellte sich Schamgefühl ein, das durch Schuldbewusstsein hervorgerugen wurde). Nun bleiben sie nicht untätig, sie verdecken sich voreinander mit selbstgemachter Bekleidung und verstecken sich vor dem Herrn unter den Bäumen des Gartens. Mit diesen eigenständigen Aktivitäten wollten sie etwas gegen ihr Verschulden machen, versäumen dabei ihren von Gott aufgetragenen Pflichten nachzukommen (1Mose 2,15). Beim Sündigen verschuldet sich der Mensch immer doppelt. Das Bemühen, ihre Schuld irgendwie zuzudecken misslang, sie mussten sich schließlich Gott stellen (1Mose 3,9-10). Nach der Klärung der völlig neuen Sachlage mußten Beide ihre Selbstgemachte Bekleidung ablegen. Was danach geschah, ist für sie völlig neu und musste sie in Staunen und Schrecken versetzt haben.
    • Unbeteiligte Tiere (wahrscheinlich Lämmer) die mit den verwerflichen Handlungen der Menschen nichts zu tun hatten, müssen geschlachtet werden,
    • Dabei wird unschuldiges Tierblut vergossen,
    • Aus Tierfellen werden Röcke gemacht, um die Blöse der Menschen zu bedecken – Handlungen voller Symbolkraft.

Schön war der Anblick dieser Bekleidung keineswegs, wohl aber heilsam. Nicht dass die Tierfelle im Vergleich zu den Feigenblättern von längerer Dauer sind, sondern damit deutete Gott zum erstenmal an, wie und wodurch der Mensch von seiner Sündenschuld loswerden kann und erneut Gemeinschaft mit Gott erleben kann. Die unzähligen Tieropfer des Alten Bundes erinnern aber nicht nur an die erste Sünde des Menschen, sondern weisen auch in die Zukunft, auf die noch ausstehende Rettung/Erlösung durch das wahre Lamm Gottes, das die Sünden auf sich nimmt und durch seinen stellvertretenden Tod hinwegnimmt. Um etwa 700 v. Chr. schreibt der Prophet Jesaja von dem kommenden Messias: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht. Und als wir ihn sahen, da hatte er kein Aussehen, dass wir Gefallen an ihm gefunden hätten. Er war verachtet und von den Menschen verlassen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut, wie einer, vor dem man das Gesicht verbirgt. Er war verachtet, und wir haben ihn nicht geachtet. Jedoch unsere Leiden – er hat sie getragen, und unsere Schmerzen – er hat sie auf sich geladen. Wir aber, wir hielten ihn für bestraft, von Gott geschlagen und niedergebeugt. Doch er war durchbohrt um unserer Vergehen willen, zerschlagen um unserer Sünden willen. Die Strafe lag auf ihm zu unserm Frieden, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden. Wir alle irrten umher wie Schafe, wir wandten uns jeder auf seinen eigenen Weg; aber der HERR ließ ihn treffen unser aller Schuld. Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf wie das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern; und er tat seinen Mund nicht auf“ (Jes 53,2-8). Dieser Text bildet das Kernstück des Evangeliums, wie es schon Jahrhunderte zuvor dem Volk Israel in Schriftform als neue Perspektive der Erlösung von Sünden verkündigt wurde. Kurz vor dem öffentlichen Auftreten des von Gott verheißenen und dem Volk Israel ersehnten Messias/Retter bezeugt der Pristersohn Johannes der Täufer von der Ankunft dieses Gotteslammes. „Siehe, dies ist das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde hinwegträgt“ (Joh 1,29. 36). Mindestens viermal sagte Jesus seinen Jüngern voraus, dass er viel leiden müsse und zur Kreuzigung an die Heiden überantwortet wird. Am letzten Abend während des Passahmahls, so schreibt Matthäus der Evangelist und Augenzeugen: „Und er (Jesus) nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung (Erlassung) der Sünden“ (Mt 26,27-28). Der wesentlichste Inhalt des Neuen Bundes ist die Vergebung der Sündenschuld der Welt. Das Blut Jesu Christi, sein menschliches, physisches Leben (gr. ψυχη – psyche) als unschuldigen Gotteslammes ist der höchste Preis dafür (Joh 10,11. 17-18). Und wie Petrus Jahre später schreibt: „Denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel,

19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken. Er ist zwar im Voraus vor Grundlegung der Welt erkannt, aber am Ende der Zeiten offenbart worden um euretwillen“,(1Petr 1,18-20). Auch der Apostel Paulus hebt hervor: „Auch wir haben ein Passahlamm – das ist Christus – für uns geopfert“ (1Kor 5,7b).

 

10.26.4 Das Herrenmahl – ein Gedächtnismahl

Der Apostel Paulus gibt den Gläubigen in Korinth klare Anweisungen in Bezug auf das Abendmahl und begründet diese mit: „Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis. Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis“ (1Kor 11,23-25). Auch im Lukasevangelium wird die wiederholte Praxis des Abendmahls mit den Worten begründet: „das tut zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19b). Mit der Anordnung `εις την αναμνησιν – eis ten anamnesin – zu meinem Gedächtnis` (im Akkusativ), stellt Jesus selbst den ständigen Bezug zu sich her. Die in dem Wort Gedächtnis vorangestellte Vorsilbe `ana-mnesin`, will das im Gedächtnis Abgelagerte an die Oberfläche hervorholen. So könnte anstelle `zu meinem Gedächtnis` auch `zu meiner Erinnerung` übersetzt werden. Der Hebräerbriefschreiber benutzt das gleiche Wort `ana-mnesis – Er-innerung` (im Nominativ) für die Praxis der jährlichen Opfer, welche an das Vorhandensein der Sünden erinnern soll (Hebr 10,3). Durch die Klarheit dieses Begriffes fällt es uns leichter zu verstehen, dass in der wiederholten Praxis des Abendmahls (Brot und Kelch) das gesamte Werk der Erlösung durch Jesus Christus hervorgehoben werden soll. Die nachfolgenden Worte des Apostels Paulus unterstreichen dies zusätzlich: „Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt“ (1Kor 11,26). Gott verordnete den Israeliten, die jährliche Opferung des Passahlammes am 14. Tag des ersten Monats und ebenso das jährliche Versöhnungsopfer am 10. Tag des siebten Monats als eine ewige Ordnung (2Mose 12,14. 17; 3Mose 16,29. 31. 34).

  • Die erste Etappe dieser wiederholten Praxis der Opferdarbringung endete mit dem Tod Jesu am Kreuz.
  • Die zweite Etappe, in der das einmalige Opfer Jesu Christi in der wiederholten  Erinnerungpraxis durch Brot und Kelch symbolhaft dargestellt ist, hat ihre Gültigkeit bis er wieder kommt.
  • Auch im ewigen Reich Gottes, welches vollends bei der Wiederkunft Christi offenbart wird, setzt sich die ewige Ordnung Gottes in einer geistlichen Dimension fort. Dies wird durch die Worte Jesu angedeutet: „Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.(Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 22,18). Dadurch wird für alle Ewigkeit die Erinnerung (ana-mnesis) an das Erlösungswerk Jesu Christi wachgehalten (Offb 5,6. 8. 12. 13; 7,10. 17; 14,1. 4; 15,3 – das Lamm). Jesus selbst verheißt seinen Jüngern in Lukas 22,30: „dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tisch in meinem Reich und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels.“ Bis diese Verheißung erfüllt sein wird, gilt für uns die Erinnerung, das Gedenken an Jesu Versönungswerk durch die regelmäßige Feier des Abendmahls wach zu halten.

 

 

10.27 Das Neue Gebot – einander lieben

(Bibeltext: Joh 13,31-35)

 

Als Judas nun hinausgegangen war, spricht Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in ihm. 32 Ist Gott verherrlicht in ihm, so wird Gott ihn auch verherrlichen in sich und wird ihn bald verherrlichen. 33 Liebe Kinder, ich bin noch eine kleine Weile bei euch. Ihr werdet mich suchen. Und wie ich zu den Juden sagte, sage ich jetzt auch zu euch: Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen“ (Joh 13,31-33). Die Worte Jesu klingen geheimnisvoll, weil er von Vorgängen spricht, die sich außerhalb des intelektuellen Fassungsvermögens der Jünger , also in der göttlichen Sphäre vollziehen. Verherrlichung Gottes im Menschensohn schließt eben auch die gesamte Passion des Christus mit ein. Diese letzte Etappe wird Jesus allein, ohne Begleitung seiner Jünger gehen müssen. Ja, noch mehr, sie alle werden sich an ihm ärgern und ihn verlassen (Mt 26,31; Mk 14,27).

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt“ (Joh 13,34-35). Was ist an diesem Gebot neu im Vergleich zu dem Gebot der Nächstenliebe? Neu ist daran der Vergleich zur Bezugsperson. Im Gebot der Nächstenliebe heißt es: „wie dich selbst“ in dem neuen Gebot heißt es: „wie ich euch geliebt habe“. Die Eigen- oder Selbstliebe ist menschlich und begrenzt, die Liebe Jesu ist göttlich und grenzenlos. Es ist die Liebe, in welcher sich Jesus hingibt (bis in den Tod) zum Heil für seine Gemeinde. Die Auswirkung solchen Liebens ist gravierend, weil es das deutlichste Erkennungszeichen für die Jünger Jesu ist. Doch gerade diese Liebe wird in dieser Nacht auf die Probe gestellt.

 

10.28 Die Ankündigung der Verleugnung durch Petrus

(Bibeltexte: Mt 26,31-35; Mk 14,27-31; Lk 22,31-38; Joh 13,36-38)

 

Jesus sagt das Versagen der Jünger in den kommenden Stunden dieser entscheidenden Nacht voraus. In einer Tabelle sind die sich ergänzenden Paralleltexte der vier Evangelien aufgelistet.

 

Diese letzte Aufforderung von Jesus haben die Jünger missverstanden. Immer dann wenn es um Aktionen ging, waren sie hell wach und dabei. Jetzt waren sie bereit zu kämpfen. Insgesamt ist diese Aktion nicht leicht in das Evangeliumskonzept der Gewaltlosigkeit einzuordnen. Es macht aber auch deutlich, wie offen die Jünger Jesu sind, wenn es darum geht das Reich Gottes mit weltlichen Mittlen zu verteidigen oder auszubauen. Leider hat auch ein Teil der späteren Kirche auf diesem Gebiet kläglich versagt.

10.29 Das Vermächtnis Jesu an seine Jünger

(Bibeltexte: Joh 14,1-17,24)

 

10.29.1 Johannes 14

In Arbeit

 

10.29.2 Johannes 14

(Joh 14,1-)

Noch in Arbeit

 

 

10.29.3 Johannes 15,1-16

(Bibeltext: Joh 15,1-16)

 

Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. (Ps 80,9; Jes 5,1; Jer 2,21).  Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. (Joh 13,10; 1Petr 1,23) . Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. (2Kor 3,5).  Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. (Mk 11,24). Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger“ (Joh 15,1-8).  (Mt 5,16).

 

Abbildung 18 Die Mosaikaufschrift in der Pauluskirche in Paphos lautet: „Ich bin der Weinstock der wahre“ (Foto: ).

 

Zeitlich hat Jesus dieses Gleichnis bei den letzten, sogenannten Abschiedsreden erzählt, also nach dem Abendmahl und der Fußwaschung. Und auch nach dem Judas den Jüngerkreis verlassen hatte. Darum hat Jesus mit Sicherheit im Textzusammenhang auch   diesen gedacht.

Auf den ersten Blick scheint der Text ganz klar und verständlich zu sein, doch schon in Vers zwei macht Jesus eine Aussage, die sich scheinbar widerspricht. Dort heißt es: „Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen“. Dass eine Rebe, welche nicht am Weinstock bleibt, keine Frucht tragen kann (V. 3) ist verständlich, genauso jede Rebe, die am Weinstock bleibt, eben auch Frucht trägt. Doch wie kann jemand in Jesus sein, oder bleiben und dabei doch fruchtlos sein, so dass er von dem Weingärtner, dem Vater weggenommen wird?

Vielleicht sind hier Menschen gemeint, die nur ein äußeres Bekenntnis und Zugehörigkeit zu Jesus haben, aber in ihrem Herzen sind sie nicht bei Jesus und mit ihren Werken verleugnen sie ihn anstatt zu ehren? Zu dieser Annahme gibt uns Johannes in seinem ersten Brief einen Anhaltspunkt.

  • Wer sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll auch leben, wie er gelebt hat“ (1Joh 2,4-6).

So ein offensichtlicher Fall war eben mit Judas, der zwar äußerlich dabei war, doch sein Herz war weit weg, ja sogar gegen Jesus. Solchen Menschen droht eine Entfernung, ein Weggenommenwerden durch den Vater. Das griechische Tatwort ´αιρει – airei´ in der 3. Person bedeutet ´niemand nimmt es (das Leben) von mir weg (Joh 10,18), ´eure Freude wird niemand von euch wegnehmen´ (Joh 16,22)  ´losreisen´ (Mt 9,16 und Mk 2,21) ´der Teufel nimmt das Wort weg (Mk 4,15 und Lk 8,12) ´der Stärkere nimmt die Rüstung weg´ (Lk 11,22).

 

10.29.4 Johannes 16

(Bibeltext: Joh 16,1-)

 

10.29.5 Jesus betet für seine Nachfolger

(Bibeltext: Joh 17,1-26)

 

Das Gebet von Jesus am Vorabend seiner Kreuzigung ist das längste von allen seinen öffentlichen Gebeten. Es offenbart die die besondere und einzigartige Beziehung zwischen dem Sohn und dem Vater.

So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche; 2 denn du hast ihm Macht gegeben über alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast. 3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. 4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue. 5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war. 6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.

7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.

8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

9 Ich bitte für sie und bitte nicht für die Welt, sondern für die, die du mir gegeben hast; denn sie sind dein.

10 Und alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein; und ich bin in ihnen verherrlicht.

11 Ich bin nicht mehr in der Welt; sie aber sind in der Welt, und ich komme zu dir. Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.

12 Solange ich bei ihnen war, erhielt ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, und ich habe sie bewahrt, und keiner von ihnen ist verloren außer dem Sohn des Verderbens, damit die Schrift erfüllt werde.

13 Nun aber komme ich zu dir und rede dies in der Welt, damit meine Freude in ihnen vollkommen sei.

14 Ich habe ihnen dein Wort gegeben und die Welt hat sie gehasst; denn sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

15 Ich bitte dich nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen.

16 Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.

17 Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist die Wahrheit.

18 Wie du mich gesandt hast in die Welt, so sende ich sie auch in die Welt.

19 Ich heilige mich selbst für sie, damit auch sie geheiligt seien in der Wahrheit.

20 Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden,

21 damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.

22 Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, damit sie eins seien, wie wir eins sind,

23 ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.

24 Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; denn du hast mich geliebt, ehe der Grund der Welt gelegt war.

25 Gerechter Vater, die Welt kennt dich nicht; ich aber kenne dich und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast.

26 Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen sei und ich in ihnen. (Joh 17,1-26).

 

10.30 Jesus im Garten Gethsemane

(Bibeltexte: Mt ; Mk 14,32-42; Lk 22,39-53; Joh 18,1-12)

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10.30.1 Der Ort des Gebets und der Gefangennahme

Der letzte Hymnus nach der Passahfeier und den Abschiedsreden ist gesungen – dies könnte einer der Psalmen gewesen sein (z.B. Ps 65-68; Mt 26,30). Jesus und seine Jünger verlassen die Stadt wahrscheinlich durch das Nordtor hinunter ins Kidrontal in Richtung Ölberg. dDer Evangelist Johannes schreibt: „Als Jesus das geredet hatte, ging er hinaus mit seinen Jüngern über den Bach Kidron; da war ein Garten, in den gingen Jesus und seine Jünger. Judas aber, der ihn verriet, kannte den Ort auch, denn Jesus versammelte sich oft dort mit seinen Jüngern“ (Joh 18,1-2).

Matthäus berichtet: „Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete“ (Mt 26,46; Mk 14,32).

Lukas ergänzt: „Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger“ (Lk 22,39).

 

Abbildung 19 Einer der Uralten Olivenbäume im Garten Gethsemane (Foto: April 1986).

 

Der Garten Gethsemane liegt demnach oberhalb vom linken Ufer des Baches Kidron. Der Bach Kidron verläuft von Nord nach Süd unterhalb der Ostmauer der Stadt Jerusalem. Gethsemane lag somit am Westhang des Ölbergs.

Abbildung 20 Der Westhang des Ölbergs mit dem Garten Gethsemane. Im linken unteren Rand ist die sogenannte Kirche aller Nationen zu erkennen (Foto : April 1986).

Der Name des Gartens oder Gehöftes `Gethsemane`, den nur Matthäus und Markus namentlich erwähnen, bedeutet `Ölpresse`. Damit ist auch der Zusammenhang mit dem Berg der Ölbäume hergestellt. Bestimmte Orte suchte Jesus gerne und oft auf, so dass es zu seiner Gewohnheit wurde. Hier übernachtete er öfters während seines Aufenthaltes in Jerusalem (Lk 21,37). Er suchte immer wieder Distanz zu dem lauten und hektischen Treiben in Jerusalem. Noch heute zeugen Jahrtausendealte Olivenbäume am Westhang des Ölbergs von den Ereignissen jener Zeit.

 

10.30.2 Jesus betet und siegt in der Versuchung

 

Die Gebetsstunde im Garten Gethsemane ist von großer Tragweite. Obwohl die elf Jünger in seiner Nähe sind, bleibt er dennoch allein, ganz auf sich gestellt. Johannes, der seinen Evangelienbericht später schrieb, lässt das Gebet Jesu aus, hat aber mehr Details bei der Gefangennahme aufgeschrieben. Lukas ist hier kürzer als Matthäus und Markus, hat jedoch ergänzende Details. Im Folgenden sind die Texte der drei Evangelien zum Teil zusammengefasst, um einen etwas vollständigeren Überblick und Einblick in die Gebetsstunde von Jesus zu bekommen.

 

Erste Phase der Gebetsstunde: „Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten, der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern: Setzt euch hier, solange ich dorthin gehe und bete. Und er sprach zu ihnen: Betet, damit ihr nicht in Anfechtung fallt! Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus Jakobus und Johannes und fing an zu trauern und zu zagen. Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht mit mir! Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, warf sich auf die Erde und kniete nieder  fiel auf sein Angesicht, betete und sprach:

Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn. Und er rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen. Und er kam und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, „eine“ Stunde zu wachen? Wachet und betet, dass ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.

 

Zweite Phase der Gebetsstunde: „Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach dieselben Worte: Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! Und er kam und fand sie abermals schlafend, und ihre Augen waren voller Schlaf  und sie wussten nicht, was sie ihm antworten sollten.“

 

Dritte Phase der Gebetsstunde: „Und er ließ sie und ging abermals hin und betete zum dritten Mal und redete dieselben Worte. Und er kam zu seinen Jüngern und sprach; Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen? Es ist genug; die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird überantwortet in die Hände der Sünder. Steht auf, lasst uns gehen! Siehe, er ist da, der mich verrät“ (Mt 26,36-46; Mk 14,32-42; Lk 22,40-46 LÜ).

 

Die Gebetsstunde von Jesus in Gethsemane ist in drei von einander getrennten Phasen eingeteilt, obwohl er jedes Mal das gleiche betet. Diese Gebetseinheiten unterbricht er durch Aufsuchen seiner drei Jünger – Petrus, Jakobus und Johannes. Er bittet, ja, fordert seine Jünger auf zu wachen und zu beten. Von dem griechischen Verb `wacht – gregoreite – γρηγορείτε` wurde in den späteren Jahrhunderten der Personennamen `Gregori` abgeleitet. Die Begründung zum wachen und beten lautet: „Damit ihr nicht in Versuchung (hinein) fallet“.  Das griechische Wort `πειρασμός – peirasmos` hat die Bedeutung sowohl von Prüfung (positiver Aspekt) als auch Versuchung (negativer Aspekt). Die Jünger werden hier im Garten Gethsemane vor eine herausfordernde Prüfung gestellt, welche sie nur durch Gebet in Wachsamkeit bestehen können. Dabei geht es nicht einfach nur um das natürliche Wachsein, sondern um das verharren im Wort und Willen Gottes. Doch sie schlafen ein und versäumen dadurch das Gebet, die Ausrüstung und Vorbereitung auf die schwere Prüfung, welche ihnen bevorstand. Und so fehlt ihnen die Ausrüstung gegen die schwere Versuchung und sie fallen.

Gelegentlich wird gefragt, was Jesus mit der Aussage „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ gemeint haben könnte? Blut wird immer mit dem gleichen Begriff bezeichnet, nämlich – αιμα(τος)– aima(tos). Für das deutsche Wort Fleisch gibt es im Griechischen zwei Begriffe, `σαρξ – sarx` und `κρεας – kreas`.  Letzteres ist das Fleisch der Tiere, die zum Verzehr bestimmt sind (1Kor 8,13). In unserem Text wird der Begriff `sarx` verwendet und gemeint ist die physische, vergängliche Existenz des Menschen. Wie auch der Apostel Paulus später schreibt: „Denn das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; die sind gegeneinander, sodass ihr nicht tut, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Jesus bezeichnet den Geist als willig, mutig, gegenüber dem Fleisch, das besonders wegen Müdigkeit des Körpers und Traurigkeit schwach ist und zum Schlaf neigt. Auch Jesus wünscht sich aus seiner menschlichen Existenz heraus (seinem Fleisch) das der Kelch des Leidens und des Todes an ihm vorübergehen möge. Doch in seinem Geist siegt er über das Fleisch durch bewusste Unterordnung unter den Willen Gottes seines Vaters. Hier stellt sich eine weitere Frage, – wogegen rang und kämpfte Jesus an? Er kommt in `agonia – άγωνία` (Lk 22,44). Nur der Evangelist Lukas beschreibt dieses Detail, das im griechischen Neuen Testament in Doppelklammern gesetzt ist, also nicht in allen Handschriften enthalten ist. Agonia ist bei Lukas (Lk 13,24) und an allen weiteren Stellen des Neuen Testamentes mit Ringen und Kämpfen übersetzt und meint einen kraftvollen Einsatz (1Kor 9,25; Kol 1,29; 1Thes 2,2; 1Tim 4,10). Besonders in Kolosser 4,12 wird das Ringen von Epaphras in seinen Gebeten für die Gläubigen in Kolossä hervorgehoben. Die von Gläubigen oft verwendete Bezeichnung `Gebetskampf„ ist inhaltlich nicht ganz klar definiert. Jesus kommt ins kämpfen und daraufhin betet er heftiger, intensiver (Lk 22,44). Er kämpft jedoch nicht mit dem Gebet, oder gegen die Gebetsschwäche, auch nicht gegen den Schlaf, sondern sein Kampf richtet sich gegen die Mächte der Finsternis, welche ihn durch sein Fleisch zum Abbruch des Heilsplanes verführen wollen. Die Luther Übersetzung: „es geschah aber dass er mit dem Tode rang“, drückt zwar sehr anschaulich die Intensität des Kampfes aus, doch das Wort `Tod` steht nicht im Text, auch nicht bei den Übersetzungen: Elbf, NGÜ oder Schlachter. Den Tod bekämpft und besiegt hat Jesus durch sein Sterben und Auferstehen. In Gethsemane ist Jesus eher versucht gewesen dem Leidenstod zu entgehen. Sagte er doch selbst in seinem Gebet: „Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch an mir vorübergehe, ohne dass ich ihn trinke“? Hier ist der Kelch des Leidens und Todes gemeint. Auch in Lukas 12,50 sagt Jesus: „Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist! Es geht auch hier um die Leidens- und Todestaufe, die Jesus nach seinem Fleisch lieber umgangen wäre. Das war die Versuchung und dagegen richtete sich sein Kampf, seine agonia.

Weitere auffällige Details sind:

  • Dreimal betet er das gleiche Gebet;
  • Dreimal weckt er seine Jünger vom Schlaf auf;
  • In seinem Ringen/Kampf fallen Schweiß wie Blutstropfen auf die Erde;
  • In seinem Kampf wird er durch das Erscheinen eines Engels gestärkt.

Nach ausgefochtenem Kampf, nach der Entscheidung, sich dem Willen seines Vaters unterzuordnen, steht  Jesus wieder vor seinen Jüngern, jetzt zittert und zagt er nicht mehr. Mutig und entschlossen fordert er sie auf aufzustehen, weil die Stunde, der Augenblick der Auslieferung gekommen ist.

Er ist nun bereit und gewappnet:

  • die Demütigung der Gefangennahme,
  • die Anschuldigungen durch die falschen Zeugen,
  • die Verspottung und Verhönung durch den Hohen Rat,
  • die Schläge ins Gesicht begleitet von spöttischen Fragen,
  • die Verspottung durch Herodes Antipas und dessen Untertanen,
  • die Geißelung und Kreuzigung durch die Römer auf sich zu nehmen.

 Wie bei der ersten Versuchung in der Wüste, so auch hier, sagte er JA, zum Willen seines Vaters im Himmel!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Fürchtet sich Jesus vor Leiden und TOD?
  2. Warum ist für einen Sündlosen der Tod soviel schrecklicher?
  3. Wogegen Kämpft Jesus an?
  4. Was bedeutet die Bitte um ein Mit-Wachen, ein Mit-Beten?
  5. Wie hätte diese Gebetsstunde von den Jüngern gestaltet werden können?
  6. Schlafen oder Beten – warum beten wir selten und schlafen soviel?
  7. Wie wollen wir den nächsten Gebetsabend, die nächste Gebetsnacht gestalten?

10.30.3 Jesus lässt sich gefangen nehmen

(Mt 26,47-56; Mk 14,43-52; Lk 22,47-53; Joh 18,1-11)

 

Aus  Furcht vor einem Volksaufstand zugunsten von Jesus, nehmen die Führer des Volkes den sehr bekannten Propheten Jesus bei einer nächtlichen Aktion gefangen. Dabei spielte Judas eine entscheidende Rolle. Ohne ihn wäre die Gefangennahme in dieser Nacht nicht zustande gekommen. Zunächst lernen wir die Evangelientexte über die Gefangennahme  Jesu im Garten Gethsemane kennen.

Abbildung 21 Eine Schafherde weidet friedlich in einem Olivenhain (Foto am 17. August 2011).

 

Dabei werden wir feststellen, dass sich die drei sogenannten synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) sowohl einandern ähneln als auch ergänzen.  Johannes hat eine etwas andere Reihenfolge und hält ungewöhnliche Aspekte im Ablauf der Gefangennahme fest.

Der Evangelist Johannes schreibt: „Als nun Judas die Schar der Soldaten mit sich genommen hatte und Knechte von den Hohenpriestern und Pharisäern, kommt er dahin mit Fackeln, Lampen und mit Waffen.“ (Joh 18,6). Die Bezeichnung `Schar`, (gr. σπείρα – speira), ist eine militärische Abteilung der Römer, welche in Jerusalem stationiert war. Diese wird von einem Oberst über Tausend `gr.  χιλίαρχος – chiliarchos` befehligt. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass die gesamte Abteilung an der Gefangennahme teilnahm. Doch lässt dies erkennen, dass die Tempelbehörde (die Priesterschaft) ab diesem Zeitpunkt den römischen Kommandanten in ihre Pläne einbezogen hat.Der Evangelist Markus schreibt über das Verhaftungskomande folgendes: „Und alsbald, während er noch redete, kam herzu Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und Ältesten.“ (Mk 14,43). ().

 

Da nun Jesus alles wusste, was ihm begegnen sollte, ging er hinaus und sprach zu ihnen: Wen sucht ihr? Sie antworteten ihm: Jesus von Nazareth. Er spricht zu ihnen: Ich bin’s! Judas aber, der ihn verriet, stand auch bei ihnen“ (18,3-5). „Als nun Jesus zu ihnen sagte: Ich bin’s!, wichen sie zurück und fielen zu Boden. Da fragte er sie abermals: Wen sucht ihr? Sie aber sprachen: Jesus von Nazareth. Jesus antwortete: Ich habe euch gesagt, dass ich es bin. Sucht ihr mich, so lasst diese gehen! Damit sollte das Wort erfüllt werden, das er gesagt hatte: Ich habe keinen von denen verloren, die du mir gegeben hast“ (18,7-9).

Matthäus: „Und als er noch redete, siehe, da kam Judas, einer von den Zwölfen, und mit ihm eine große Schar mit Schwertern und mit Stangen, von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes“ (Mt 26,47). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen genannt und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s; den ergreift und führt ihn sicher ab“ (Mk 14,44). Der Evangelist Lukas ergänzt, dass Judas der Schar voranging, auf Jesus hinzuging um ihn zu küssen (Lk 22.47). Der Evangelist Matthäus fährt fort: „Und alsbald trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn. Jesus aber sprach zu ihm: Mein Freund, dazu bist du gekommen?“ (Mt 26,49-50). Der Evangelist Lukas: „Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss?“ (Lk 22,48). Matthäus: „Da traten sie heran und legten Hand an Jesus und ergriffen ihn“ (Mt 26,51). Johannes ergänzt mit den Worten: „Die Schar aber und ihr Anführer und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn“ (Joh 18,12). Lukas: „Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen?“ (22,49). Johannes macht weiter detailierte Angaben: „Simon Petrus aber hatte ein Schwert und zog es und schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Und der Knecht hieß Malchus“ (18,10). Lukas: „Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn“ (22,51). Johannes: „Da sprach Jesus zu Petrus: Steck dein Schwert in die Scheide!“ (18,11). Matthäus ergänzt: „Denn wer das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen“. Johannes: „Soll ich den Kelch nicht trinken, den mir mein Vater gegeben hat?“ (18,11). Matthäus: „Oder meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, dass er mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schickte? Wie würde dann aber die Schrift erfüllt, dass es so geschehen muss?“ (26,53-54). Matthäus: „Zu der Stunde sprach Jesus zu der Schar: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. Habe ich doch täglich im Tempel gesessen und gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen.

56 Aber das ist alles geschehen, damit erfüllt würden die Schriften der Propheten“ (26,55-56). Markus: „Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Ihr seid ausgezogen wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen.

49 Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und habe gelehrt, und ihr habt mich nicht ergriffen. Aber so muss die Schrift erfüllt werden“ (14,48). Lukas: „Jesus aber sprach zu den Hohenpriestern und Hauptleuten des Tempels und den Ältesten, die zu ihm hergekommen waren: Ihr seid wie gegen einen Räuber mit Schwertern und mit Stangen ausgezogen Ich bin täglich bei euch im Tempel gewesen und ihr habt nicht Hand an mich gelegt. Aber dies ist eure Stunde und die Macht der Finsternis“ (22,52-53). Matthäus: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“ (). Markus: „Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon“ (14,51-52). Matthäus: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten“ (26,57). Und Johannes ergänzt: „und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war.“ (Joh 18,13).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Welcher Unterschied fällt dir beim Verhalten von Jesus im Vergleich zum Erlebnis seiner Jünger im Garten Gethsemane auf?
  2. Welche Hinweise aus dem Alten Testament sehen die Evangelisten erfüllt?
  3. Warum fällt das Verhaftungskommando ersteinmal auf den Boden?
  4. Wie ist das Verhältnis von Jesus zum Schwert (= Umgang mit Gewalt)? Was finden wir sonst im Neuen Testament zu diesem Thema?
  5. Warum ist Jesus hier so wehrlos?
  6. Woran erkennen wir den in Gethsemane errungenen Sieg?

 

An diesem ruhigen Ort will Jesus mit seinen Jüngern die letzten gemeinsamen Stunden vor den schwersten Stunden verbringen. Judas weiß wohin Jesus geht – der Evangelist Lukas spricht von einer Gewohnheit der ganzen Gruppe sich in diesen Garten zurückzuziehen. Es ist bereits Nacht geworden. Acht Jünger werden im Bereich des Eingangs zurückgelassen. Mit den drei engsten Jüngern Petrus, Jakobus und Johannes geht Jesus weiter in den Garten hinein um zu beten. Jesus sucht sich Beistand bei seiner letzten Prüfung bei seinen drei liebsten Jüngern: Werden sie mit seiner Taufe getauft werden? Werden sie seinen Becher trinken? Mit jedem weiteren Schritt steigt in Jesus Angst und Verzagen. Seine Seele ist zu Tode betrübt. Ein Zittern wird bei ihm sichtbar. Doch dies ist nur der Anfang, den die Drei noch mitbekommen als Jesus sie bittet mit ihm zu wachen und zu beten – denn der Schlaf übermannt sie bald. Allein – wie am Anfang des Dienstes – muss Jesus diesen Kampf aufnehmen. Dies geschieht im Gebet (Hebr 5,7). Jesus kniet, fällt auf die Erde nieder – sogar mit dem Angesicht. Hier berichten alle drei Evangelisten, dass Jesus Gott als seinen Vater im persönlichen Gebet anspricht. Jesus bitte um das Vorübergehen des leidgefüllten Bechers. Doch Jesus begrenzt diese Bitte: …doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!“ (Lk 22,41). Der Wille des Vaters soll geschehen, darin birgt sich auch der Wille von Jesus. Hier sind wir sehr nahe am Geheimnis von Jesus: so menschlich und doch so nah beim Vater! Lukas markiert dieses tiefe Geheimnis mit dem Erscheinen eines Engels, um Jesus zu stärken. Jesus rang mit dem Tod in einer Tiefe, die wieder Lukas beschreibt: …sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen“ (Lk 22,44).

Als Jesus zu seinen drei Jüngern zurück kommt, findet er sie schlafend. Er sieht den mit allem Leid dieser Welt gefüllten Becher – doch die Apostel schlafen! Jesus reißt alle drei, aber Simon Petrus im Besonderen, aus dem Schlaf – doch wachen und beten können sie in dieser Nacht nicht. So geht Jesus wieder und betet weiter schon mit mehr Zuversicht:

Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille! (Mt 26,42)

Doch die Jünger werden in dieser entscheidenden Nacht nicht zu Helden des Gebets – wieder findet Jesus sie schlafend. Nach einer weiteren Gebetsrunde  kommt er siegreich wieder zu seinen Jüngern zurück und findet sie wieder schlafend. Doch die Versuchung ist von Jesus gewichen – Jesus hat im Geist den Sieg über den Tod errungen, den er dann später im Leib am Kreuz erringen wird. Jetzt ruft er den Jüngern zu, sich auszuruhen – die Erlebnisse der nächsten Stunden werden sie auf härteste beanspruchen.

 

 

Die Jünger finden nur wenig Ruhe, denn bald fordert Jesus sie auf zurück zu den anderen Jüngern zu gehen, um von dort aus dem Verhaftungskommando entgegenzugehen. Wahrscheinlich hören und sehen die Jünger die bunte Schar zusammengesetzt aus der jüdischen Tempelwache, einer Abteilung römischer Soldaten von der Burg Antonia (so Joh 18,3: Schar der Kriegsknechte) und weitere Begleiter/Vertreter aus den Reihen der Pharisäer schon näher kommen. Ihr vertrauter Judas hat die Seiten gewechselt und findet sich bei ihnen in der vordersten Reihe. Der Hohe Rat (Sanhedrin) konnte zwar kein Todesurteil aussprechen, aber er durfte Pilatus mit teilen, dass Jesus nach jüdischem Recht des Todes würdig sei. Diese bewaffnete und gut ausgeleuchtete Schar – wahrscheinlich angereichert durch Schaulustige – nähert sich den zwölf unbewaffneten eher schlichten Zeitgenossen. Das Erkennungszeichen war mit Judas verabredet – ein üblicher Begrüßungskuss wird die Person Jesus markieren. Judas geht auf Jesus zu, grüßt ihn mit den Worten „Rabbi, Rabbi!“ (Mk 14,45) und markiert ihn. Jesus grüßt Judas entspannt mit dem Begriff: „Mein Freund…“(Mt 26,50) Hier wird deutlich, dass Jesus in tiefem Frieden auf Menschen zugehen kann, die ihn ans Kreuz bringen. Jesus nimmt die Begrüßung und den Kuss arglos an – wissend um Verrat und Heuchelei. Hier finden wir weitere Hinweise vom Evangelisten Johannes, der schildert wie Jesus offensiv auf das Verhaftungskommando zu geht und sich selbst ihnen stellt. Damit wird selbst die verabredete Kussszene völlig überflüssig. Diese ruhige und doch offensive Wehrlosigkeit und damit eine sehr eindrückliche Majestät überrascht alle. Sie weichen zurück und fallen zu Boden. Wieder fragt Jesus, wen sie suchen und wieder gibt er sich zu erkennen. Hier folgen wir wieder den Evangelisten Matthäus und Markus, die beschreiben wie die Kriegsknechte Jesus festnehmen. Petrus kann dies nicht zulassen und zieht plötzlich ein Schwert und schlägt dem Knecht Malchus damit das rechte Ohr ab. Diese überraschende Szene nutzt Jesus souverän zu einer Heilung und zum entschiedenen Votum gegen Gewaltanwendung und dem Hinweis auf seine himmlische Unterstützung. Jesus umgibt ein tiefer Frieden. Er weis um den Becher des Leids, den der Vater für ihn vorsieht und er ist bereit ihn zu trinken. Darum lässt Jesus sich festnehmen und fragt dabei, warum sie ihn wie einen Räuber zu nächtlicher Stunde in einem Garten festnehmen, da er doch immer in ihrer Mitte gewesen sei. Doch Jesus weis um „(…) ihre Stunde und die Macht der Finsternis“ (Lk 22,53).

 

10.30.4 Die Jünger fliehen

(Bibeltexte: Mt 26,56;  Mk 14,50-52)

 

Als die Reihen der Kriegsknechte sich um Jesus schließen, wagt es keiner seiner Nachfolger mehr in dessen Nähe zu bleiben. Sie fürchten zu Recht auch ihre Verhaftung. So lassen alle Jesus allein und fliehen. Der Evangelist Matthäus schreibt: „Da verließen ihn alle Jünger und flohen.“ (Mt 26,56). Dies hat Jesus ihnen vorausgesagt und es mit einer Prophetie unterstrichen: „Da sprach Jesus zu ihnen: In dieser Nacht werdet ihr alle Ärgernis nehmen an mir. Denn es steht geschrieben (Sacharja 13,7): »Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden sich zerstreuen.« (Mt 26,31). Und wenige Stunden vor seiner Verhaftung sagte er seinen Jüngern: „Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, dass ihr zerstreut werdet, ein jeder in das Seine, und mich allein lasst. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.“ (Joh 16,32).

Der Evangelist Markus berichtet ein in der damaligen und heutigen Kultur sehr peinliches Ereignis. Ein junger Nachfolger hat den Mut und hält sich selbst noch in dieser Situation zu Jesus. Manche Ausleger nehmen an, das hier Johannes Markus der spätere Evangelist sein eigenes Erleben verhüllt berichtet. „Ein junger Mann aber folgte ihm nach, der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der bloßen Haut; und sie griffen nach ihm. Er aber ließ das Gewand fahren und floh nackt davon.“ (Mk 14,51-52). Er folgt dem Verhaftungskommando nur sehr leicht bekleidet. Wahrscheinlich ist er kurzentschlossen dem Verhaftungskommando besorgt gefolgt. Als einer der nicht zum Kreis der Jünger gehört und auch nicht im Garten mit Jesus war, denkt er nicht an eine unmittelbare Gefahr für ihn. Doch er wird bemerkt und man will auch ihn festnehmen. Doch der junge Mann entwindet sich und flieht nackt.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wird die Flucht der Jünger hier geschildert? Sie lässt doch auf alle Apostel für alle Zeit ein schlechtes Licht fallen?
  2. Welche Worte besonders von Petrus sind uns noch im Ohr?
  3. Verrat des Judas und Flucht aller anderer Jünger – welche Lehre ziehen wir daraus für uns als Nachfolger? Als Gemeindeleiter?
  4. Auf was kann uns dieser mutige und dennoch nackt wegrennende junge Mann hinweisen?

 

10.31 Jesus wird vor Hannas verhört

(Bibeltexte: Joh 18,12-14; 19-24;  Lk 22,54. 63-65)

 

Ev. Johannes schreibt: „Die Schar aber und ihr Anführer  und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh  18,12-14; 11,49-52).

Der Ev. Lukas ergänzt dazu: „Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. (Lk 22,54). Gemeint ist hier wohl das Haus des Hohenpriesters Hannas, welches sich im Palasthof (gr. αὐλῇ  – aul¢) der Hohenpriesterfamilie befand, so die Zusammenhänge aus Mt 26,58 „Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast (Palasthof) des Hohenpriesters“ (Mt 26,69;  Mk 14,54;  Lk 22,66).

Ausdrücklich betont der Ev. Johannes, dass Jesus zuerst zu dem Hohenpriester Hannas geführt wurde. Dies setzt eine klare Absprache unter den Hohentpiestern voraus. Von diesem inoffiziellen Verhör im Haus bei Hannas berichtet nur der Ev. Johannes. Doch auch im Text des Ev. Lukas ist eine Zweiteilung dieses nächtlichen Prozesses erkennbar. Hannas war der Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters Kaiphas. Durch die Heirat seiner Tochter mit Kaiphas blieb die Macht in der Familie des Hannas. Für dieses bewusst  geplante Vorverhör  gibt es verschiedene Gründe.

  • Zum einen wurde dem Älteren, sozusagen emeritierten Hohenpriester die Ehre erwiesen, sich als Erstem ein Bild über Jesus zu machen;
  • Als erfahrener Richter konnte er dem Prozessverlauf die Richtung angeben;
  • Dadurch wurde Zeit gewonnen für den Hauptprozess, der erst in den frühen Morgenstunden stattfand (Lk 22,66);
  • Dazu suchte man noch in der Nacht händeringend nach Zeugen (Mt 26,59; Mk 14,55).

Die Befragung findet im Haus statt. Petrus aber war draußen im Hof inmitten der Knechte an einem Feuer. Gerade hier und in dieser ersten Phase des Verhörs findet die Verleugnung des Petrus statt (Joh 18,15-18; 25-27).

Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe. (18,19-21).

Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn Hannas bis dahin nicht mitbekommen hätte, wer seine Jünger sind, was er lehrt und tut. Einen seiner Jünger – Johannes, kennt er sogar persönlich. Eigentlich lagen den Hohenpriestern viele Detailinformationen vor über die Tätigkeit von Jesus wie folgender Text bestätigt: „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.,  Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,47-48). Und bereits damals vor etwa 2 Monaten beschlossen sie Jesus (und sogar auch Lazarus) zu töten. Dieses Verhör zielte keineswegs auf einen gerechten Prozessverlauf ab (Mt 26,3; Mk 12,12; Lk 20,19; Mk14,1).

Der Ev. Johannes schreibt nur von zwei Aspekten der Frage des Hannas, nicht jedoch den originalen Wortlaut. Dieser wird in seiner Tiefe erst erkennbar in der Antwort von Jesus. Hannas verfolgt ein Ziel: Er will feststellen, dass Jesus mit seinen Jüngern eine Untergrundtätigkeit ausübt und durch seine Lehre Anhänger um sich sammelt. Dies wäre typisch für die Vorbereitung eines Aufstandes. Genau so lautete später auch eine der Hauptanklagepunkte vor Pilatus: „Sie aber bestanden darauf und sprachen: Er wiegelt das Volk auf, indem er in ganz Judäa lehrt, angefangen in Galiläa bis hierher!“ (Lk 23,5). Dieser Anklagepunkt musste jetzt sorgfältig vorbereitet und später vor Pilatus begründet werden. Das war die Hauptaufgabe von Hannas. Denn später im Hauptprozess wird es vorrangig um theologische Fragen gehen.

Jesus durchschaut die List und Bosheit des Hannas und wert sich entschieden gegen den Verdacht etwas Heimliches im Verborgenen gelehrt oder gemacht zu haben. Dazu. könnte Hannas alle seine Diener befragen, denn jene wurden Zeugen der öffentlichen Lehren von Jesus. So schreibt der Ev. Johannes:„Nun kamen die Diener zu den obersten Priestern und Pharisäern zurück, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch!“ (Joh 7,45-46). Doch jetzt will Hannas diese Zeugen keineswegs zu Wort kommen lassen. Seine Absicht ist klar: Er will Jesus in dessen eigenen Worten fangen. Aber Jesus lässt sich auf sein Konzept nicht ein. Hannas hat sich nun selbst in eine Sackgasse hinein manövriert. In dieser für ihn unangenehmen Situation greift einer seiner Diener ungefragt ein. So berichtet der Ev. Johannes weiter: „Als er so redete, schlug einer von den Knechten (gr. υπερετών – ypereton – Diener), die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten?“ (Joh 18,22).  Will er mit dieser verachtenden Geste seinem Dienstherrn imponieren? Dies nimmt Jesus jedoch keineswegs stillschweigend hin. „Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise (bezeuge), dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich.“ (18,23). Was für eine Antwort von Jesus! Doch an dieser Stelle erinnern wir uns natürlich an die Aussage von Jesus: „Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Lk 6,29; Mt 5,39). Hält sich Jesus selber nicht an das, was er die Jünger lehrte? Nun ist folgendes zu beachten, nicht alles was Jesus sagte, ist immer und in jedem Fall wörtlich oder buchstäblich zu nehmen, weil es die Möglichkeiten der Reaktion einschränken würde. Jene seine Aussage muss in erster Linie von seiner eigenen Anwendung her verstanden werden. Daher beobachten wir genau, wie Jesus hier und in den folgenden extremen Situationen das praktiziert, was er in der Theorie gesagt hat.

Hätte Jesus sein Gesicht zum zweiten Schlag hingehalten, hätte sich der Schläger im Recht gewusst. Mit seiner Gegenfrage schlägt Jesus nicht zurück, er tritt auch nicht einfach nur für sein Recht ein, sondern mit seiner Antwort/Frage gibt er dem Schläger die Möglichkeit sein Verhalten selbst zu beurteilen. Es gibt auch Situationen, in denen Jesus schweigend die Schläge erduldete (Mt 26,67). Auf Gewalt zu reagieren mit angemessenen Worten, ist nicht nur angebracht um seiner selbst willen, sondern auch um das Unrecht des Gewalttäters zu benennen, zu beurteilen und damit dem Gegner die Möglichkeit der Umkehr zu geben. Auf jeden Fall ist hier durch das weise Verhalten von Jesus der Konflikt entschärft worden. Hannas sieht keinen Anlass mehr, die Befragung fortzuführen. Da er den ungerechten Eingriff seines Dieners nicht tadelt, macht er sich zum Mittäter. Doch wer genau hinschaut, stellt fest: Nicht Jesus steht als Angeklagter vor dem Richter, sondern Hannas ist der eigentliche Angeklagte, denn er disqualifiziert sich als Richter (Joh 3,19).  Der Ev. Johannes berocjtet weoter: „Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. (Joh 18,24). Doch bevor Jesus dort ankommt, bzw. bevor der Hohe Rat in den frühen Morgenstunden zusammenkommt, wird Jesus von den Knechten misshandelt (Lk 22,65-66). Der Ev. Lukas ergänzt dazu:  „Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn. (Lk 22,63-65).

Das rauhe und gewalttätige Verhalten des einen Dieners und die stillschweigende Billigung des Hannas, lösten eine ganze Lawine von lästerlichen Schmähungen aus, die von Gewalt begleitet waren. Doch jetzt schweigt Jesus.  Dies bezeugt Petrus Jahre später mit den Worten: „als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder, als er litt, drohte er nicht, sondern übergab es dem, der gerecht richtet.“ (1Petr 2,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. In welchem zeitlichen Rahmen fand dieses nächtliche Verhör statt?
  1. Sammle Informationen zur Leitungsstruktur im Judentum zur Zeit von Jesus und welche Funktionen hatten die beiden, im Text erwähnten Personen  – Hannas und Kaiphas?
  1. In welchem Zusammenhang ist die Aussage des Kaiphas: „es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk“ gemacht worden? (vgl. Joh  18, 14b mit 11,49-52).
  1. Erforsche und nenne einige Gründe, warum Jesus zuerst zu Hannas geführt wurde?
  1. Warum interessiet sich Hannas für die Jünger von Jesus und seine Lehre? Hat er darüber keine Kenntnisse? Was für ein Ziel verfolgt er mit seiner Doppelfragen?
  1. Warum beantwortet Jesus nicht die Fragen des Hannas? Warum offenbart Jesus bei dieser besonderen Gelegenheit nicht wer er wirklich ist? Warum sagt Jesus nichts von seinem Evangeliums? Was ist der eigentliche Inhalt seiner Antwort?
  1. Aus welchen Grund schlägt der Diener Jesus ins Gesicht?
  1. Versuche die Reaktion von Jesus zu erklären. Warum verteidigt er sich hier mit Worten, aber bei einer anderen Gelegenheit nimmt er Schläge stillschweigend hin?
  1. Warum stellte Hannas keine weiteren Fragen an Jesus?

10.32 Petrus verleugnet seinen Herrn

          (Bibeltexte: Mt 26,58-75;  Mk 14,54. 66-72; Lk 22,54-62;  Joh 18,16-18; 25-27)

 

10.32.1 Hochmut (Selbstüberschätzung) kommt vor dem Fall

Spricht Simon Petrus zu ihm: Herr, wo gehst du hin? Jesus antwortete ihm: Wo ich hingehe, kannst du mir diesmal nicht folgen; aber du wirst mir später folgen. Petrus spricht zu ihm: Herr, warum kann ch dir diesmal nicht folgen? Ich will mein Leben für dich lassen. Jesus antwortete ihm: Du willst dein Leben für mich lassen? Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Der Hahn wird nicht krähen, bis du mich dreimal verleugnet hast. (Joh 13,36-38).

 

Abbildung 22 Ein krähender Hahn im Hohlraum eines Olivenbaumes auf der Insel Thassos in Griechenland. Seit der Verleugnung Jesu durch Petrus im Palasthof des Hohenpriesters in Jerusalem, ist der Hahn zum  Symbol für Wachsamkeit geworden und ziert so manchen Kirchturm (Foto am 17. August 2010).

Simon Petrus fällt wieder mal aus dem Gleichgewicht, eigen ist ihm die Selbstüberschätzung. Der Grund dafür liegt:

  • Im mangelndem Hinhören auf das, was Jesus gesagt hat;
  • Im mangelndem Vertrauen darauf, dass Jesus es besser weiß, was für Petrus gut ist;
  • In der Unzufriedenheit des Petrus über die Einschränkung des Verantwortungsbereiches, welchen Jesus ihm aufzeigt.

Die Prophetie von Gott und die Wahrsagerei durch Menschen ist äußerlich manchmal ähnlich, in der Motivation und der Zielsetzung  jedoch völlig verschieden. Jesus sagt konkrete geschichtliche Abläufe im individuellen Bereich bei Petrus voraus, weil er weiß, dass es so kommen wird. Und genau so wird es kommen, nicht weil Gott es bestimmt oder festgelegt hätte, sondern weil Petrus sich entschieden hatte in seiner Selbstüberschätzung zu verharren. Natürlich hätte Gott dem Petrus diese Blamage ersparen können, er lässt ihn aber laufen und diese peinliche und auch sehr  einprägsame Erfahrung machen.

 

10.32.2 Begriffserklärung

 

Da manchmal ´Verleugnen´ und ´Verraten´ gleichgesetzt wird, sei hier darauf hingewiesen, dass es dafür im Griechischen zwei ganz unterschiedliche Begriffe gibt. Durch diese Begriffe wird zwischen Verleugnung oder Leugnung und dem Verrat, also einer bewussten Auslieferung, deutlich unterschieden. Petrus hat seinen Herrn nicht ausgeliefert (wie Judas) sondern verleugnet. Er hat sich von ihm bewusst losgesagt und distanziert. Für Verleugnen benutzen die Evangelisten den Begriff: ´άπ-αρνήσή – ap-arnese – ver-leugnen´ oder ´ηρνήσατο – ernesato – er leugnete´.

Für Verraten wird der Begriff  ´παραδώσει – paradosei – er verrät´ oder ´ο παραδιδούς αυτόν – der Verratende ihn´ verwendet. Petrus hat also seinen Herrn nicht verraten, wie es Judas tat, sondern verleugnet, oder geleugnet ihn zu kennen. Dies ist schlimm genug, doch Verrat bedeutet – jemanden ausliefern, bewusst überliefern in die Hände der Feinde. Dies tat Judas und dasselbe taten die Hohenpriester, indem sie Jesus an den Statthalter Pilatus auslieferten.

 

10.32.3 Die erste Phase der Verleugnung

 

Eine Magd, die als Türhüterin fungierte, lässt den Petrus in den Palasthof des Hohenpriesters Hannas hinein, nachdem Johannes seine Bekanntschaft mit dem Hohenpriester ins Spiel gebracht hatte (Joh 18,16). Durch diese Beziehungen des Johannes zum Hohenpriester kam Petrus in eine sehr peinliche aber auch gefährliche Lage.

Petrus bewies Mut, doch dies in eigener Kraft und Eigenregie. Er wollte ja zu seinem dreifachen Versprechen stehen:

  1. Wenn sich alle an dir ärgern werden, ich werde mich niemals ärgern(Mt 26,33),
  2. Mit dir bin ich bereit nicht nur ins Gefängnis, sondern auch in den Tod zu gehen(Lk 22,33),
  3. Ich will mein Leben für dich hingeben (Joh 13,37b).

Sein Ziel war, den Prozeßverlauf aus der Nähe zu beobachten (Mt 27,58). So geht er in die Mitte des Hofes und setzt sich zu den Dienern und Knechten, welche ein Feuer angezündet hatten wegen der Kälte (Mk 14,54; Joh 18,18). Zu dieser Jahreszeit (14. Nisan – 3. April 33) waren die Nächte in Jerusalem noch ziemlich kalt. Mit verstohlenen Blicken hinauf zum Hohenpriesterpalast, versucht Petrus aus der Entfernung den Prozessverlauf zu verfolgen. Doch seit Betreten des Palasthofes wird er ständig beobachtet. Die Magd am Toreingang lässt ihn nicht mehr aus den Augen. Sollte dieser Mann etwas anstellen, würde sie die Verantwortung dafür tragen müssen, weil sie ihn als Unbefugten in den Palasthof hineingelassen hatte. Auf jeden Fall geht sie ihm nach in die Mitte des Hofes. Beim Feuerschein kann sie ihn auch gut erkennen. Sie schaut ihm genau in die Augen, denn der griechische Begriff ´άτενίσασαatenisasa – aufmerksam, genau anschauen´ unterstreicht dies (Lk 22,56). Mit ihrer durchdringenden Frage und Behauptung, „dieser war auch mit ihm“, löste sie eine ganze Lawine von begründetem Verdacht aus. Alle vier Evangelisten geben die Aussage der Magd zum Teil unterschiedlich wieder. Es ist also wahrscheinlich, dass sie drei Aussagen gemacht hat.

  1. Ob die Türhüterin gleich am Eingangstor den Petrus fragt: „Bist nicht auch du (einer) von den Jüngern dieses Menschen“, oder erst später, als Petrus bereits in der Runde der Diener am Feuer saß, bleibt offen (Joh 18,17).
  2. Im Hof vor den Dienern stellt dieselbe Magd die Behauptung auf: „Auch du warst mit Jesus dem Galiläer, dem Nazarener“ (Mt 26,69; Mk 14,67).
  3. Dann erst wendet sie sich zu allen mit der öffentlichen Behauptung: „Auch dieser war mit ihm“ (Lk 22,56).

Für ihre Frage und Behauptung hatte sie als Türhüterin ja allen Grund (Joh 18,16). Nun muss Petrus sich stellen, oder leugnen. Und er leugnete vor allen:

  • „Ich bin`s nicht“ (Joh 18,17),
  •  „ich weiß nicht, verstehe auch nicht, was du sagst“ (Mt 26,70;  Mk 14,68),
  • „Frau, ich kenne ihn nicht“ (Lk 22,57).

Die drei verleugnenden Aussagen des Petrus könnten ursprünglich in einem ausführlichen Satz ausgesprochen worden sein. Doch die Evangelisten hatten jeweils nur einen Teil des ganzen Satzes aufgeschrieben (Matthäus und Markus sind gleich). Nun ist es dem Petrus heiß geworden, aber nicht vom Feuer und „er stand auf und ging in das Torgebäude (den Vorhof) hinaus“ (Mt 26,71; Mk 14,68).

Markus weicht an dieser Stelle von den anderen Evangelisten ab und fügt hinzu: „und (der) Hahn krähte (zum ersten Mal) (Mk 14,68). Obwohl dieser Zusatz nicht in allen Handschriften vorkommt, entspricht er der Ankündigung von Jesus: „Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht,  mich dreimal verleugnen wirst“ (Mk 14,30). Ob Petrus im Wirrwar seiner Gedanken diesen ersten Weckruf einfach überhörte, bleibt offen.

 

10.32.4 Die zweite Phase der Verleugnung

 

Auch dort im Torgebäude gibt es Diener und Knechte des Hohenpriesters, welche um ein Feuer herumstanden (Joh 18,25). Inzwischen hat auch die Magd den Innenhof verlassen und ist in das Torgebäude zurückgekehrt. Möglich, dass sie sich zwischendurch eine andere Magd zur Verstärkung geholt hatte.

  • „Und als die Magd (die Türhüterin) ihn (den Petrus) sah, fing sie wieder an zu den Dabeistehenden zu sagen: Dieser ist einer von ihnen (Mk 14,69).
  • Eine andere Magd schließt sich ihr an, indem sie ebenfalls zu den Dabeistehenden sagt: Auch dieser war mit Jesus dem Nazoräer (Mt 26,71).
  • Nach Lk 22,58 meldet sich nun auch ein Mann und behauptet: Auch du bist (einer) von ihnen.  Johannes spricht einfach von mehreren, die sich äußern und er zieht diese Äußerungen in einem Satz zusammen: Bist nicht auch du (einer) von seinen Jüngern?“ (Joh 18,25b). Wir sollten bedenken, dass in jener Zeit das Zeugnis einer Frau vor Gericht nicht galt. Dadurch erklärt sich die Bemühung der Magd, die Diener (Männer) in diesen Aufklärungsprozess einbeziehen.

Und wieder leugnete er mit einem Eid, indem er sich wohl an den einen Sprecher, welchen Lukas hervorhebt, wendet:

  • „Mensch, ich bin`s nicht“ (Lk 22,58c; Joh 18,25c)
  • „Ich kenne diesen Menschen nicht“ (Mt 26,72).

Auch die zweite Verleugnung beinhaltet eine doppelte Aussage:

Erstens: Ich bin nicht die Person, mit der ihr mich in Zusammenhang bringt.

Zweitens:  Mit jenem Menschen habe ich nichts zu tun.

 

10.32,5 Die dritte Phase der Verleugnung

 

Nach Markus 14,70b vergeht eine kurze Zeit, bis es zu erneuten Fragen kommt. Lukas schreibt, dass ungefähr eine Stunde verging (Lk 22,59a). Nun wird Petrus vielleicht gedacht haben, die Gefahr ist vorüber, sie lassen mich endlich in Ruhe. Doch weit gefehlt, der Verdacht verdichtet sich. Inzwischen sprach es sich unter den Anwesenden herum, dass es im Hof einen Anhänger des Gefangenen gibt, vermutlich ist er sogar bewaffnet. Wieder sind es mehrere, die ihrem Verdacht auch noch eine Begründung hinzufügen, nämlich:

  • „Wahrhaftig, auch du bist einer von ihnen, denn du bist ein Galiläer und auch deine Sprache (Lalia) verrät dich“ (Mk 14,70b; Mt 26,73).
  • Lukas hebt einen Sprecher hervor, der fast die gleiche Aussage macht, wie die meisten sie ausgesprochen hatten: „In Wahrheit, auch dieser war mit ihm, denn er ist auch ein Galiläer“ (Lk 22,59b).
  • Johannes nennt einen Knecht des Hohenpriesters, einen Verwandten des Malchus, dem Petrus das rechte Ohr abgehauen hatte (Lk 22,50; Joh 18,26a). Dieser Knecht scheint ein gutes visuelles Gedächtnis zu haben wenn er sagt: „Sah ich dich nicht in dem Garten bei ihm?“ (Joh 18,26b).

Es ist möglich, dass der Mann bei Lukas und der Knecht des Hohenpriesters bei Johannes ein und dieselbe Person ist. Sicher ist, dass sich viele Personen im Palasthof mit Petrus angelegt hatten. Das Ganze gleicht der inofiziellen juristischen Untersuchung, welche sich parallel und im Zusammenhang des Prozesses von Jesus abläuft. Oben im Palast des Hohenpriesters bekennt der Angeklagte: „Ich bin`s“ (Mk 14,62), unten im Hof sagt der zu Recht Verdächtigte: „Ich bins nicht“. Nun ist Petrus so sehr in die Enge getrieben worden, angefangen von einer Magd und zum Ende von einem Augenzeugen, dass er spätestens hier hätte aufgeben und sich stellen müssen. Doch der Satan hat sich vorgenommen die Jünger zu sieben wie den Weizen (Lk 22,31) und gerade den Petrus auf eine besondere Weise. „Da fing er (Petrus) an sich zu verwünschen und zu schwören:

  • „Mensch, ich weiß nicht was du sagst (Lk 22,60),
  • „Ich kenne den Menschen nicht von dem ihr redet“ (Mt 26,74a+b;  Mk 14,71).

„Und sogleich, während er noch redete (Lk 22,60b), krähte der Hahn (Joh 18,27; Mk 14,72;  Mt 26,74). „Und der Herr wandte sich um und blickte Petrus an (Lk 22,61a). Da Jesus nicht einfach vom Palastsaal des Hannas in das Torgebäude blicken konnte, ist es gut möglich, dass die dritte Verleugnung und der darauf folgende Blickkontakt von Jesus zu Petrus hin, während der Überführung von Hannas zu Kaiphas stattgefunden hatte (Joh 18,24). Ähnlich äußert sich auch  Thiede, C.P.: Geheimakte Petrus. Auf den Spuren des Apostels, Stuttgart 2000, 130-131.

„Und Petrus gedachte des Wortes Jesu, der gesagt hatte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Mt 26,75; Lk 22,62). Erst jetzt erinnert sich Petrus an die Aussage von Jesus. Seine Selbstüberschätzung und mangelnder Glaube an die Worte Jesu, wurden ihm zum Verhängnis. Und er bricht innerlich und auch äußerlich zusammen. Die Tränen der Reue und des Umdenkens zeugen von der Demütigung des Herzens.

                                                                                                                                                                          Abbildung 23 Der Hahn auf emεμ Kirchturm soll die Christen erinnern wachsam zu sein und mutig und treu Jesus ihren Herrn bekennen. So ist auch der Hahn auf dem Kirchturm der evangelischen Bergkirche in Pforzhem-Büchenbronn (aus dem 15 Jh.) nicht einfach als blose Verziehrung gedacht (Foto am 7. Juli 2016).

 

 

 

Auch wenn Jesus die Warnung aussprach: „Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, der wird verleugnet werden vor den Engeln Gottes“ (Lk 12,9), übt er doch Gnade vor Recht. Es gibt verschiedene Fassetten bei der Leugnung oder Verleugnung Jesu. Die des Petrus ist eine der dramatischsten.

Doch Petrus versank nicht im Abgrund der Traurigkeit durch sein Versagen, sondern wurde nach Herzensumkehr aufgefangen im Netz der unermesslichen Liebe von Jesus Christus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war die Motivation bei Petrus, seinem Herrn von Ferne zu folgen?
  2. Sind gute, vertrauensvolle Beziehungen zu oberen Instanzen für Jesusnachfolger hilfreich? Wie lässt sich die Beziehung, welche Petrus in diesem Fall nutzte (Johannes ist dem Hohenpriester bekannt) in dieser Geschichte bewerten?
  3. Wo hielt sich Johannes auf und warum hielt sich Petrus nicht zu seinem Mitjünger?
  4. Beschreibe die Aktivität der Magd als Türhüterin. Warum ist sie so sehr um die Aufklärung der Person des Petrus bemüht?
  5. Welche Gründe gibt es, warum Petrus erst an die Worte Jesu dachte, als der Hahn krähte und Jesus ihn anschaute?
  6. Was sind die Gründe dafür, dass Petrus in der Stunde der Versuchung nicht standhaft geblieben ist?
  7. Wie reagiert Jesus auf die Verleugnungen des Petrus?
  8. Was können Tränen der Reue und Buße bewirken?

 

 

10.33 Jesus vor Kaiphas und dem Hohen Rat

(Bibeltexte: Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65;  Lk 22,66-71)

 

10.33.1 Die Informationsquellen

Wir haben  festgestellt, dass nur der Ev. Johannes von dem nächstlichen Verhör Jesu vor dem Hohenpriester Hannas berichtet.  Über den weiteren Verlauf macht er jedoch keine Angaben, lediglich den Hinweiss, dass Jesus zu Kaiphas überstellt wurde.

Die Evangelisten Matthäus und Markus berichten Auszugsweise und einander ergänzend über das  nächtliche Verhör bei Kaiphas (Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65). Der Ev. Lukas schreibt von dem Verhör des Hohen Rates, der erst bei Tagesanbruch stattfand. Damit entsteht der Eindruck, dass es sich um den offiziellen Prozess handelt und zwar im Gerichtsgebäude das sich ab dem Jahre 30 n.Chr. auf dem Tempelgelände befand. „Und als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn vor ihren Rat.“ (Lk 22,66). Der Hohe Rat (Sanhedrin – Synedrion – Synedrium), gehörten parteiübergreifend siebzig (71) Personen an – Hohepriester, Schriftgelehrte und angesehene Älteste des Volkes. Diese Personen waren kurzfristig über die bevorstehende Gefangennahme Jesu informiert worden. Ursprünglich war die Festnahme von Jesus während der Festtage nicht geplant, weil ein Volksaufstand zu befürchten war (Mt 26,4-5; Mk 14,2).  Doch Judas bot den Hohenpriestern seine Dienste an zwei Tage vor dem Fest und darum beschleunigte sich sowohl die Festnahme, als auch der Prozess und schließlich die Hinrichtung am Passatag. (Mt 26,16).  Dazu kommt noch hinzu, dass Jesus den Judas nach dem Passamahl drängte zu gehen und zu tun, was er sich im Herzen vorgenommen hatte (Joh 13,28-29). Hier stellen wir fest, dass letztlich Gott über allem Planen der Menschen steht. Er bestimmt seinen Sohn Jesus Zeit, Tag und sogar Stunde und nicht seine Gegner (Joh 13,1-3). Dadurch bringt er die Pläne der Führung Israels völlig durcheinander. Unter chaotischen Umständen stellt Judas in dieser feierlichen Nacht die gesamte Führung Israels auf die Beine. Die Priesterschaft beruft den Hohen Rat ein, informiert die Tempelwache, bezieht sogar den römischen Oberhauptmann von der Burg Antonia ein und ziehen unter der Führung von Judas zum Garten Gethsemane (Joh 18,1-11). Der Ev. Matthäus schreibt: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.“ (Mt 26,57;  Mk 14,53).  Hier im Haus des Kaiphas wurde Jesus nun zum zweiten Mal verhört.

 

10.33.2 Die Begriffe, welche einen Gerichtsprozess beschreiben

Für Gericht hat die griechische Sprache den Begriff `κρίσις  – krisis`. Durch die verschiedenen Vorsilben zu diesem Wort werden bestimmte Aspekte eines Gerichtsverfahrens beschrieben. Zur Zeit Jesu war das Synedrium-Hohe Rat, sozusagen die oberste Gerichtsinstanz, an dessen Spitze der amtierende Hohepriester als oberster Richter `κριτής – krit¢s` stand.

  1. κατηγορῖα – kat¢goria – Anklage (Lk 23,10; Mk 15,4). Gelegentlich wurde ein ρήτοροςr¢toros – retor als Ankläger beauftragt (Apg 24,1-2) Kein Gerichtsprozess durfte ohne Zeugen geführt werden (5Mose 17,6; 19,15). In der Regel traten die Zeugen als Ankläger auf ((Mt 26,59-61; Mk 14,57).
  1. Ανα-κρισιςana-krisis – Untersuchung des Falles durch Anhörung, das Verhör (Lk 23,14; Apg 26,26). Die Vorsilbe `ana` hebt die Aufklärung des Falles hervor. Es geht um das Aufdecken, ans Licht bringen von tatsächlich Geschehenem. In einer Diskussion der führenden Juden beanstandet Nikodemus mutig eine Vorverurteilung Jesu mit dem Hinweis auf die Vorgaben im Gesetz. „Richtet (κρίνει – krinei) denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ (Joh 7,51).
  2. Απο-κρισιςapo-krisis – Antwort, es geht darum, dass sich der Angeklagte ver-antworten konnte (Mk 15,4). Durch den Begriff `απο-λογία – apo-logia` wird auch die Möglichkeit der Verteidigung ausgedrückt (Apg 25,8).
  3. Υπο-κρισιςypo-krisis, meint Heuchelei, Schauspielerei. In einem Gerichtsprozess wurde häufig geheuchelt, wie es die Schauspieler auf der Bühne taten. Im Judentum zählte die Selbstanklage nicht, man fürchtete zum Beispiel, dass der Angeklagte sich stellvertretend für einen anderen ausgibt. Dafür brauchten die Richter ein gutes Urteilsvermögen, welches durch den folgenden Begriff ausgedrückt wird.
  4. Δια-κρισιςdia-krisis, – meint Unterscheidung, Beurteilung. Es geht um die Trennung der Wahrheit von der Lüge (siehe das weise Urteil Salomos 1Chr).
  5. Κατα-κρισιςkata-krisis ist die Verurteilung, das Verdammungsurteil (Mk 14,64; Mt 27,3).

Welche von diesen Aspekten kommen im Rahmen der nächtlichen Verhöre und des Gerichtsprozesses von Jesus vor und wie wurden sie angewendet?

 

10.33.3 Die Zeugenaussagen

Der offizielle Gerichtsprozess, der (wie der Bericht des Ev. Lukas vernuten lässt) auf dem Tempelgelände im Gebäude des Hohen Rates stattfand,  versuchten die Hohenpriester nun der Vorverurteilung die Legitimität, das heißt, die Rechtsmäßigkeit zu geben. Doch im Grunde könnte dieser Prozess als ein Scheinprozess gewertet werden. Denn die eigentlichen Motive für diesen Prozess zum Tode waren: Neid, Missgunst, Angst um Machtverlust. Diesen Einblick geben uns die Evangelisten:

  • Kaiphas sagte: „Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,48).
  • Und sie beobachteten ihn und sandten Auflauerer aus, die sich stellten, als ob sie fromm seien, um ihn in der Rede zu fangen, damit sie ihn der Obrigkeit und der Macht des Statthalters überliefern könnten.“ (Lk 20,20).
  • Denn er (Pilatus) erkannte/wusste, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10;  Mt 27,18).

 

Aus dem folgenden Text wird deutlich, nicht Jesus ist im Zugzwang, sich zu verteidigen, sondern der Hohepriester und die Ältesten des Volkes suchen nach Beweismaterial, um Jesus verurteilen zu können. So schreibt der Ev. Matthäus: „Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.“ (Mt 26,59-61; Mk 14,57). Der Ev. Markus ergänzt: „Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn und sprachen: Wir haben gehört, dass er gesagt hat: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Aber ihr Zeugnis stimmte auch so nicht überein.“ (Mk 14,58-59). Ausdrücklich betonen die Evangelisten, dass die Zeugnisse nicht übereinstimmten. Nach dem Gesetz mussten mindestens zwei Zeugen unabhängig voneinander das Gleiche aussagen (5Mose 17,6; 19,15). Man legte also Wert auf übereinstimmende Aussagen der Zeugen, die getrennt voneinander gehört wurden: „Denn viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein.“ (Mk 14,56). Von den vielen Zeugenaussagen, die gemacht wurden, sind von den Evangelisten zwei aufgezeichnet worden, die zwar an Jesu Worte aus Johannes 2,20-21 erinnern, doch weder der Originalaussage Jesu entsprachen, noch in ihrem Wortlaut einander gleich waren. Die Originalaussage von Jesus lautete: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.“

Der Hohepriester Kaiphas hatte nun ein Problem. Es gab kein einziges verwertbares Zeugnis gegen Jesus. Der Ev. Markus schreibt weiter: „Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? Er aber schwieg still und antwortete nichts.“ (Mk 14,60-61a;  Mt 26,62-63a). Was soll Jesus zu den Falschaussagen auch sagen? Der gesamte Hohe Rat wurde Zeuge dieser Falschaussagen – wie beschämend. Denn alle, von ihnen gefundenen und aufgestellten Zeugen, konnten mit ihren Aussagen Jesus nicht belasten. Es wurde solch ein Aufwand betrieben, um Jesus rechtsmäßig verurteilen zu können und es gab keinen Grund dazu.

10.33.4 Der Hohepriester fordert Jesus unter Eid heraus

Das Verhalten von Jesus ist hier ungewöhnlich, da er von seinem Recht, sich zu verantworten (apo-krisis), verteidigen  oder zu rechtfertigen, kein Gebrauch macht. Hier wurde das Recht in höchstem Maße gebeugt und Jesus lässt sie gewähren. Er denkt nicht an sich, sondern an seinen Vater, dessen Willen er nun bereit war zu tun.

Der Ev. Matthäus schreibt weiter: „Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.“  (Mt 26,63b).

Und der Ev. Markus ergänzt: (…) der Sohn des Hochgelobten. (Mk 14,61b)?

Die Doppelfrage des Hohenpristers war sehr bewusst und überlegt vorgetragen worden. Es handelte sich dabei um die zentrale Frage in der Theologie des Judentums. Beide Teile der Frage sind untrennbar miteinander verknüpft:

  1. Bist du der Christus“ (der Messias, der Gesalbte)?
  2. der Sohn Gottes, des Hochgelobten“?

Nach dem `Sch`ma Israel` über den einen Gott (5Mose 6,4) ist die Person des Messias die Wichtigste im Judentum. Die Frage, ob er der Christus sei, wurde Jesus von den Juden bereits vor drei Monaten gestellt zur Zeit der Tempelweihe als er im Tempel lehrte. Das war Ende Dezember des Jahres 32. Der Ev. Johannes schreibt davon: „Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus.“  (Joh 10,24). Damals antwortete Jesus: „Ich habe es euch gesagt und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen.“ (Joh 10,25-26).

Nach dem Text des Ev. Lukas wurde die gleiche Frage des Hohenpriesters von mehreren aus dem Rat gestellt. Ihnen antwortet Jesus: „Sage ich’s euch, so glaubt ihr’s nicht; frage ich aber, so antwortet ihr nicht.“ (Lk 22,67-68;  Mk 11,33). Die Ratsmitglieder waren demnach gar nicht interessiert an einer offenen Debatte. Bei all den früheren öffentlichen Diskussionen über theologische wie auch praktische Fragen war ihnen Jesus immer überlegen (Joh 5,42-45;  Lk 17,20;  Mt 22,17-21. 34. 42-44).

Der zweite Teil der Frage des Hohenpriesters – bist du der Sohn Gottes – ist von den Juden vorher in dieser Form nicht gestellt worden. Jesus aber hat, obwohl er sich meistens als Menschensohn bezeichnete, keinen Hehl daraus gemacht, dass er der Sohn Gottes ist, weil er Gott auch regelmäßig seinen eigenen Vater nannte. So steht in Johannes 5,18: „Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich (ισον θεω – ison the÷).

Dazu einige Stellen aus dem Johannesevangelium:

Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,29-30).

Weit mehr als zwanzig Mal sprach Jesus vor den Juden von seinem Vater (so in Johannes 2; 5; 6; 8; 10; 11; 12). Dies musste auch dem Hohenpriester bekannt gewesen sein. Und das war nach dem Verständnis der Juden über die Personalität Gottes – es ist nur ein Gott – pure Lästerung und verdiente den Tod (3Mose 24,16). Allerdings muß den Juden der Zusammenhang von `Messias – König – Sohn Gottes` bekannt gewesen sein, so der Zusammenhang des Textes in 2Samuel 7,11-14: „Ich will ihm Vater sein und er soll mir Sohn sein (…)“ und dem Text aus Psalm 2,7: „Du bist mein sohn, heute habe ich dich gezeugt.

Und Jesus suchte zu seiner Zeit die theologische Engsicht der Juden zu erweitern mit seiner Frage von der Herkunft und dem Status des Messias und brachte damit die Schriftgelehrten in theologische Erklärungsnot. Seine Frage lautete:

Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie antworteten: Davids Da fragte er sie: Wie kann ihn dann David durch den Geist Herr nennen, wenn er sagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen. (Mt 22,42-46;  2Sam 7,11-14;  Ps 110,1).

Von der Schrift her leiteten die Schriftgelehrten die Herkunft des Messias von David ab. Nach ihrer Erkenntnis sollte der Messias aus Bethlehem kommen (Mt 2,4-6;  Micha 5,1;  Joh 7,41), aber nach ihrem Wissensstand kam Jesus aus dem galiläischen Nazaret (Joh 7,52). Von der natürlichen Herkunft der Person Jesu hatten sie eine völlig falsche Kenntnis (Joh 7,41-42). Niemand aus der Führungsschicht aber auch aus dem Volk, erinnerte sich noch an die Ereignisse vor 33 Jahren in Bethlehem (Lk 2,1-21;  Mt 2,4-6). Oder wussten die Älteren noch davon und hielten diese Informationen für sich zurück, weil diese die Messianität Jesu bestätigt hätten?

 

5. Das Bekenntnis Jesu

Auf die Frage des Hohenpriesters antwortet Jesus mit: „Du sagst es.“ (Mt 26,64a). Der Ev. Martkus ergänzt: „Ich bin`s!“ (Mk 14,62a). „Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Mt 26,64b;  Mk 14,62). Der Ev. Lukas hat noch eine Ergänzung: „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. Da sprachen sie alle: Bist du denn Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es.“ (Lk 22,69-70). Es scheint so als ob Jesus bewusst dieses direkte Bekenntnis bis auf diese entscheidende Stunde aufbewahrt hatte. Die kurze, prägnante Antwort: „Du  sagst es, Ihr sagt es, ich bin`s“, drückt folgendes aus:

  1. Die Frage des Hohenpriesters wertet Jesus als eine Aussage – „Du sagst es.“ Wer so fragt, muß eine Ahnung haben über die Zusammenhänge von Messias und Sohn Gottes. Der Hohepriester und der Hohe Rat sind in der Kenntnis und daher auch in der Verantwortung. Sie sagen etwas in Frageform aus, um damit Jesus in die Falle zu locken. Jesus aber rechnet es ihnen an als eine Zeugenaussage, die dem Schriftzeugnis und der Wirklichkeit entspricht.
  2. Das „Ich bin`s“ erinnert an die Selbstbezeichnung Gottes am brennenden Dornbusch in der Wüste am Fuße des Berges Sinai (2Mose 3,14). Im griechischen Alten Testament, der Septuaginta (LXX) steht an dieser Stelle „ego eimi“ „Ich bin“, so auch im Text des griechischen Neuen Testamentes (Mt 22,32). Sicher hat Jesus im Hohen Rat Hebräisch gesprochen und auch das hebräische Wort für `Ich bin – ani hu` verwendet, das neben der Selbstbezeichnung (Joh 8,58 – „ehe Abraham wurde, bin ich – ego eimi“) von Jesus auch verwendet wird, wenn er sich als das Licht der Welt, die Wahrheit, das Leben oder die Auferstehung bezeichnet (Joh 8,12; 14,6; 11,25). Die Emphörung des Kaiphas ist nur nachzuvollziehen, wenn man annimmt, dass seiner Erkenntnis zufolge das Wesen des Messias nicht über das eines Menschen hinausgeht. Göttlichkeit oder gottgleichsein des Messias fand keinen Platz in ihrer Messiologie (Joh 5,18; 10,30). Wie auch immer der Hohe Rat und Kaiphas das Selbstzeugnis Jesu verstanden oder verstehen wollten, sicher verwendet Jesus das „ani huego eimi – Ich bin es“ im Vollsinn des Wortes.
  3. Die Zusatzaussage: „Des Menschensohn wird sitzen zur Rechten der Kraft Gottes und kommen in den Wolken des Himmels“, erinnert an Daniel 7,13: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht“ und an Psalm 110,1 „Der HERR sprach zu meinem Herrn: / »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« In dem Bekenntnis von Jesus vor dem höchsten Gremium Israels und dem Hohenpriester Kaiphas wird die zentrale `Theologie – Gotteslehre`  offenbart – Gott der Vater sendet seinen Sohn als Messias, er wird Menschensohn – er wird erhöht zur Rechten Gottes – er kommt mit den Wolken des Himmels (zum Gericht).

Wir können feststellen, dass Jesus auch diese Zusatzaussage mit den Schriftgelehrten bereits vor einigen Tagen angesprochen hatte (Mt 22,42-46). Doch sie ließen sich weder in ihrem theologischen Standpunkt, noch in ihrem bereits gefassten Beschluß nicht korrigieren. Der Hohepriester Kaiphas reagiert gesetzeswidrig: „Da zerriss der Hohepriester seine Kleider (das Zerreisen der Kleider war dem Hohenpriester untersagt (3Mose 21,10) „und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig“ (Mt 26,65-66;  Mk 14,63-64). Im Lukastext übernehmen die Ältesten die Worte des Kaiphas und sprechen das Urteil über Jesus gemeinsam oder auch einzeln aus: „Sie aber sprachen: Was bedürfen wir noch eines Zeugnisses? Wir haben’s selbst gehört aus seinem Munde.“ (Lk 22,71).

Die Bermerkung: „(…) der ganze Hohe Rat“, ist hier eine Pauschalaussage, denn mindestens zwei Ratsmitglieder willigten nicht ein in dieses Urteil. Der Ev. Lukas bemerkt später: „Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt.“ (Lk 23,50-51). Das Gleiche kann man auch von Nikodemus sagen, der bereits im Vorfeld das eigentliche Denken der Führenden aufzeigte und zwischendurch für Jesus eintrat und später bei der Grablegung zusammen mit Josef, Jesus einen wertvollen Dienst erwies (Joh 3,1-2; 7,50-51; 19,39). Doch diese zwei  Stimmen wurden von der Mehrheit nicht berücksichtigt.

Das Unfassbare geschieht, der Schuldlose wird der schlimmsten Gotteslästerung beschuldigt. Das Urteil lautet: „Er ist des Todes schuldig“.

Da fingen einige an, ihn anzuspeien und sein Angesicht zu verdecken und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage uns! (Matthäus ergänzt: „Weissage uns, Christus, wer ist’s, der dich schlug?“). Und die Knechte schlugen ihn ins Angesicht. (Mk 14,65; Mt 26,67-68).

Die menschliche Bosheit schwappt hier über alle Ufer. Zügellos und ohne jegliche Hemmungen schlagen die Knechte auf Jesus mit Fäusten ein, speien ihnn ins Angesicht und höhnen ihn.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was waren die eigentlichen Gründe für die Führung der Juden, Jesus zu töten?
  1. Was waren die wesentlichen Elemente im Ablauf eines Gerichtes in Israel?
  1. Warum suchten die Mitglieder des Hohen Rates nach falschen Zeugen?
  1. Warum schweigt Jesus zu den Falschaussagen?
  1. Vor welchem Problem stand der Hohepriester KAiphas?
  1. Was waren die zentralen theologischen Themen bei dieser Gerichtsverhandlung?
  1. Jesus bekennt sich zu seinem Messias-Sein und Gottes Sohn-Sein, was mit den Schriften übereinstimmt. Warum bewertet der Hohepriester es als Gotteslästerung?
  1. durfte der Hohepriester seine Kleider zerreißen?
  1. Nach dem Urteil wird Jesus misshandelt und geschlagen. Wovon zeugt die Brutalität der Knechte mit der sie auf Jesus einschlagen? Lies Jesaja 50,6ff.
  1. Wer stimmte der Verurteilung von Jesus nicht zu? Und was lehrt uns diese mutige Haltung?

10.34 Der Prozess vor Pontius Pilatus und vor Herodes Antipas

(Bibeltext: Mt 27,1-30;  Mk 15,1-20;  Lk 23,1-25;  Joh 18,29-19,16)

Der gesamte Gerichtsprozess vor dem römischen Statthalter Pilatus wird, wie der Evangelist Lukas berichtet, durch ein Verhör vor Herodes Antipas unterbrochen. Es ist ein Versuch, den Prozessablauf nach den Texten aller vier Evangelien zu rekonstruieren, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

 

10.34.1 Die Auslieferung an den Statthalter Pilatus

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu:

Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus. (Mt 27,1-2;  Mk 15,1;  Lk 23,1;  Joh 18,29).

Diesen Vorgang hatte Jesus seinen Jüngern bereits vor mehr als einem halben Jahr vorausgesagt. So lesen wir in Markus 10,33:

Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.

Zur Zeit des öffentlichen Wirkens von Jesus, war Pontius Pilatus der Statthalter (Präfekt) von Judäa, Idumäa und Samarien. Er war de facto der oberste Richter in diesen Regionen, war jedoch dem syrischen Legaten unterstellt. Dieses Amt hatte er von 26-36 n. Chr. inne. Der Evangelist Johannes ergänzt die Übergabe, bzw. Auslieferung von Jesus an den Statthalter Pilatus mit den Worten:

Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. (Joh 18,29).

Das Prätorium war der Sitz des römischen Statthalters, wenn er sich in Jerusalem aufhielt. Durch seine Anwesenheit während der Feste war die Gefahr eines bewaffneten Aufstandes gemindert. Im Prätorium wurde auch Gericht gehalten und zwar nach römischem Recht. Dieser Platz war sozusagen heidnisches Territorium und galt den Juden als unrein. Daher warteten die Ankläger draußen. Auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften waren sie  bedacht, nicht jedoch auf das gerechte Urteil im Falle von Jesus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war die Begründung für die Verurteilung Jesu zum Tode?
  2. Warum achteten die Hohenpriester an diesem Tag besonders auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften?
  3. Wer ist Pilatus und warum hält er sich in Jerusalem auf?

 

10.34.2 Judas bereut seine Tat und begeht Selbstmord

Der Evangelist Matthäus berichtet als Einziger der vier Evangelisten über das Ende des Judas Iskatiot, der Jesus ausgeliefert hatte. Doch auch Petrus erwähnt diese traurige Episode in der Apostelgeschichte und zwar im Zusammenhang mit der Wahl des Matthias zum Apostel an Stelle von Judas (Apg 1,15-20). Der Text in Matthäus 27,3-10 liest sich wie ein Einschub. Nach diesem Text ist das Ende des Judas zeitlich nach der Verurteilung Jesu durch den Hohen Rat und vor dem Verhör beim Statthalter einzuordnen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Gotteskasten legen; denn es ist Blutgeld. Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für Fremde. Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie haben die dreißig Silberlinge genommen, den Preis für den Verkauften, der geschätzt wurde bei den Israeliten, und sie haben das Geld für den Töpferacker gegeben, wie mir der Herr befohlen hat« (Jeremia 32,9;  Sacharja 11,12-13).

Besonders dem Evangelisten Matthäus liegt es am Herzen, bestimmte Ereignisse im Leben von Jesus mit entsprechenden Prophetien aus dem Alten Testament zu verknüpfen. Dadurch wird nicht nur die gute Bibelkenntnis des Evangelisten deutlich, sondern in besonderer Weise die Führung durch den Heiligen Geist. Beachten wir, dass Judas Reue empfand und bestimmte Schritte unternahm.

  • Er ging zu den Hohenpriestern
  • Er bekannte vor ihnen: „Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe.
  • Er brachte die dreißig Silberstücke zurück und warf sie in den Tempel

Ihn reute (gr. μεταμεληθείς – metameletheis) seine Tat, weil er mit solch einem Ausgang wahrscheinlich nicht gerechnet hatte. Die Reue  ist ein wichtiger Schritt, doch Judas tat keine Buße. Es tat ihm zwar Leid, er fühlte sich sehr unwohl, aber bis zur echten Buße, der Sinnesänderung (gr. μετανόια – metanoia), kam er nicht.

Die Reaktion der Priester ist verblüffend: „Was geht uns das an? Da sieh du zu!Die Seelsorger des Volkes kümmern sich nicht um die Gewissensnot ihres Komplizen. So kommt Judas in die Verzweiflung und mit dem Teufel/Satan im Herzen beendet er sein Leben (Joh 13,2; 27).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Judas bereute seine Tat, was bewirkte dies?
  2. Warum war er nicht mehr fähig zur echten Buße/Umkehr?
  3. Bewerte das Verhalten der Hohenpriester gegenüber Judas?

10.34.3 Das erste Verhör vor Pilatus

Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. (Joh 18,30).

Die Antwort der jüdischen Führung  ist pauschal und hört sich ziemlich arrogant an. Pilatus hat nach einem klaren und für die Römer nachvollziehbaremn Anklagepunkt gefragt. Als er diesen zunächst nicht bekommt, weist er die Angelegenheit an die Juden zurück.

Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten.

Und der Evangelist Johannes sieht darin einen Zusammenhang:

So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. (Joh 18,31-32; 12,32-33).

Durch die Aussage der Juden: „Wir dürfen niemand töten“, konnte Pilatus merken, dass es sich um eine Anklage zum Tode handelt. Nun werden die Anklagepunkte konkreter. Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

(…) und fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König. (Lk 23,2).

Die Anklagepunkte sind also:

  • Volksaufhetzung,
  • Steuerverweigerung,
  • Selbstbezeichnung als Christus/Messias/Gesalbter,
  • Selbstbezeichnung als König.

 

Pilatus hört Jesus an

Der Evangelist Johannes berichtet im folgenden Text über die Anhörung von Jesus und zwar im Inneren des Prätoriums, das heißt, dass die Juden draußen dieses Gespräch gar nicht mitbekamen.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (Joh 18,33-38a;  Mt 27,11;  Mk 15,2;  Lk 23,3).

Von den vier Anklagepunkten interessiert Pilatus nur einer: „Bist du der König der Juden?“ Die anderen drei Punkte scheint er den Juden nicht abzunehmen. Jesus lässt Pilatus seine Erhabenheit spüren, indem er diesen nach der Informationsquelle fragt. Dies ist in einem Gerichtsprozess ungewöhnlich, denn in der Regel stellte der Angeklagte keine Fragen an den Richter. Dass der Angeklagte sich nicht fürchtet, spürt Pilatus sehr deutlich und diese mutige Haltung von Jesus ärgert und beeindruckt ihn zugleich. So entfaltet sich ein inhaltsvolles Gespräch, Jesus bezeugt seine Souveränität als König, dessen Reich von anderer Beschaffenheit ist als die Reichssysteme dieser Welt. Jesus ist die Wahrheit und er redet Wahrheit. Diese Botschaft trifft Pilatus ins Innere, denn Wahrheit kannte er nicht. Was er kannte, waren Heuchelei, politische Intrigen, Korruption, Selbstsucht, Machtgier. Wahrheit und Gerechtigkeit wurde auch im Römischen Reich allzu oft nach Bedarf definiert und angewendet. Das Ganze erhielt dann eine offizielle und gesetzmäßige Form. Hinter der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ steht die traurige Erfahrung, dass das gesamte Leben in den Reichssystemen dieser Welt (auch in Israel) von Ungerechtigkeit und Lüge durchdrungen war. Doch in diesem Fall kann er eindeutig erkennen, dass von Jesus keine politische Gefahr für die römischen Behörden ausgeht.

 

Pilatus findet keine Schuld an Jesus

 

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh 18,38b). Auch der Evangelist Lukas schreibt: „Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. (Lk 23,4).

Als erfahrener Richter hat Pilatus ein sachlich gutes Empfinden für Schuld oder Unschuld. Wie so oft im Leben ist der erste Eindruck der Richtige. Dachte Pilatus, dass die Angelegenheit damit beendet sei? Aber die Hohenpriester und der Ältestenrat gaben so schnell nicht auf.

 

Jesus schweigt zu den Anklagen der Hohenpriester

Die Juden wiederholen ihre Anklagepunkte. „Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts.“ (Mt 27,12;  Mk 15,3). Jesus macht auch hier keinen Gebrauch von seinem Recht, sich zu verantworten oder zu verteidigen. „Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.“ (Mk 15,4-5). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort.“ (Mt 27,13-14). Es scheint, als ob sein Schweigen sie noch mehr aufbringt. Sie greifen den ersten Anklagepunkt wieder auf und nennen seine Lehrtätigkeit, die sich nicht nur auf Judäa, sondern auch auf Galiläa erstreckte.

Sie aber wurden noch ungestümer und sprachen: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt hier und dort in ganz Judäa, angefangen von Galiläa bis hierher. Als aber Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mensch aus Galiläa wäre. Und als er vernahm, dass er ein Untertan des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. (Lk 23,5-7).

Pilatus konnte aufatmen, denn die Juden haben ihm über Jesus eine Information geliefert, aufgrund derer er die, für ihn ohnehin unangenehme Gerichtsangelegenheit, an Herodes abgeben konnte. Jener war für Jesus, als einen galiläischen Bürger, juristisch zuständig. Die Priesterschaft und der Ältestenrat mitsamt ihrer Dienerschaft machen sich auf den Weg zum Vierfürsten Herodes, um dort ihre Anklagen gegen Jesus vorzutragen.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Welche Anklagepunkte bringen die Hohenpriester gegen Jesus vor? Was ist an ihnen dran?
  2. Für welchen der vier Anklagepunkte interessiert sich Pilatus und warum?
  3. Es erstaunt, dass Jesus den Pilatus in ein tiefes Gespräch hineinführt, warum?
  4. Welche Unterschiede erkennst du zwischen den Reichen dieser Welt und dem Reich Gottes?
  5. Die Frage nach Wahrheit bewegte Pilatus, doch wie ging er in der konkreten Situation damit um?
  6. Wie bewertet Pilatus die Anklagen der Juden gegen Jesus?
  7. Warum ist Pilatus sichtlich erleichtert, als er hört, dass Jesus aus Galiläa kommt?

 

10.34.4 Jesus vor Herodes Antipas

Herodes Antipas bekam einen vierten Teil des Gebietes, welches sein Vater Herodes der Große beherrschte. So unterstand ihm ganz Galiläa, dazu Peräa, ein kleineres Gebiet im Ostjordanland auf der Höhe von Jericho im Nordosten des Toten Meeres. Seine Residenz in Galiläa war Sephoris, etwa acht Kilometer nordwestlich von Nazaret gelegen. Seine Präsenz am Passahfest in Jerusalem war eher religionspolitisch motiviert als aus echter Frömmigkeit. Doch was er seit geraumer Zeit wünschte, erfüllte sich überraschend. Hier ist es wieder nur der Evangelist Lukas, der diese Episode als Ergänzung zu dem gesamten Gerichtsprozess beschreibt.

Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte von ihm gehört und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. (Lk 23,8).

Zunächst freut sich Herodes Jesus endlich zu sehen. Gehört hatte er über ihn schon viel und seine Neugier wurde immer wieder geweckt. Übernahm er doch die Auffassung einiger aus dem Volk: Johannes der Täufer sei von den Toten auferstanden und daher wirkten in ihm solche Kräfte (Lk 9,7;  Mt 14,2). Er scheint wenig an einem rechtsmäßigen und ordentlichen Gerichstprozess interessiert zu sein. Wie auch die Juden aus der Pharisäer- und Sadduzäerpartei, so will auch er Zeichen sehen (Mt 16,1). Doch lässt sich Jesus niemals in selbstsüchtige Wünsche oder gar Vorderungen von Menschen einspannen. Herodes bewegt nicht die Buße zu Gott wegen seines gottlosen und unmoralischem Lebensstils, sondern Neugier, vielleicht sogar gewisse Erwartung auf Rechtfertigung seines Handelns. Und so ungeordnet verläuft auch das Verhör. Der Evangelist Lukas fährt in seinem Bericht fort: „Und er fragte ihn viel. Er aber antwortete ihm nichts.“ (Lk 23,9). Inzwischen ist für uns das Schweigen von Jesus nicht mehr ungewöhnlich. „Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn hart.“ (Lk 23,10). Vermutlich verklagten sie Jesus wegen angeblicher Aufhetzung des Volkes und seines Anspruchs `König zu sein`. Besonders Letzteres wird erkennbar durch die spöttische und verachtende Geste (leuchtendes Gewand) wie Lukas berichtet: „Aber Herodes mit seinen Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes  Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus.“ (Lk 23,11). Herodes hört sich zwar die vorgetragenen Anklagen der Hohenpriester an, doch für ihn sind sie nicht stichhaltig genug um Jesus zu verurteilen. Wäre von Jesus eine Gefahr für Volk und Staat, ja sogar für den Vierfürsten ausgegangen, hätte er dies bereits früher in Galiläa bemerkt (Lk 9,9). Um ihn jedoch wegen mangelnder Beweise zu entlasten und freizusprechen, dafür ist er den Anklägern gegenüber zu feige. Nach der Charakterisierung durch Jesus glich er einem Fuchs (Füchsin), der mit List seinen eigenen Vorteil sucht (Lk 13,32). Und so überspielt er seine innere Zerrissenheit mit verachtenden und spöttischen Äußerungen gegenüber Jesus. Damit erniedrigt und demütigt er Jesus vor seinen Soldaten und der jüdischen Elite. Jesus aber lässt sie jetzt gewähren. So schickt Herodes ihn zu Pilatus zurück mit dem symbolischen Hinweis: „Keinerlei Schuld, die den Tod verdient hätte“. Doch was bewegt den Vierfürsten?

  • Den Hohenpriestern und Schriftgelehrten will er mit einer Verurteilung des Angeklagten keinen Gefallen tun, wusste er nur zu gut um die Unschuld Jesu. Ebenso weiß er aus eigener Erfahrung, wie belastend es für das Gewissen ist, einen Propheten zu töten (Mt 14,9;  Lk 9,9).
  • Um Jesus jedoch freizusprechen, wozu er befugt war und auch Grund gehabt hätte, war er zu feige, zu stolz und ehrgeizig.
  • Wenn er Jesus zu Pilatus zurückschickt, bekundet er seine Anerkennung dem Präfekten gegenüber und seine Loyalität zu Rom. Das nützt ihm persönlich am meisten.

So ziehen die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten mit dem gebundenen Jesus wieder zurück zum Prätorium des römischen Statthalters. Welch eine Ironie: Eigentlich sollte sich die Priesterschaft an diesem Tag mit dem Opfern der Passahlämmer im Tempel beschäftigen. Sie aber sind voller Unruhe und beeilen sich das wahre Opferlamm Gottes zu schlachten (Jes 53;  Joh 1,29;  Mt 20,18).

Und der Evangelist Lukas schließt diese Episode ab mit einem politischen Detail: „An dem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; denn vorher waren sie einander Feind.“ (Lk 23,12). Natürlich handelt es sich hier um politische Freundschaft, nicht um echte und aufrichtige Beziehung.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist der Grund für die Freude des Herodes als er Jesus sieht?
  2. Werden seine Erwartungen erfüllt?
  3. Warum reagiert Jesus auch hier mit Schweigen?
  4. Beschreibe die innere Zerrissenheit des Herodes, welche Motive bewegen ihn?

 

10.34.5 Jesus Barabbas – Aufrührer und Mörder

Bei dem Versuch den Ablauf des Prozesses chronologisch darzustellen, liefert uns der Evangelist Johannes die meisten Informationen. Einen breiten Platz im Prozessverlauf nimmt die Debatte über die Freilassung des Barabbas, der kurioserweise auch den Vornamen Jesus trägt.

In Jerusalem, in der Burg Antonia war eine römische Garnison stationiert, deren Aufgabe es war, das Geschehen in der Stadt und insbesondere auf dem Tempelgelände ununterbrochen zu beobachten. Die Zeloten (Eiferer) nutzten die Zusammenkünfte des Volkes bei den Festen, um Aufstände gegen die römischen Besatzer zu organisieren. Bei solch einem lokalen Aufstand in der Stadt, kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung mit den römischen Legionären. Die Anführer des Aufstandes wurden festgenommen und nun warteten sie auf ihren Prozess mit anschließender Hinrichtung. Der Evangelist Markus schreibt dazu: „Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten.“ (Mk 15,6b-7). Barabbas bedeutet Sohn des Abbas und der Evangelist Matthäus ergänzt dies, indem er noch dessen persönlichen Namen nennt: „(…) der hieß Jesus Barabbas.“ (Mt 27,16 – im griechischen Text des NT ist diese Bemerkung in eckige Klammern gesetzt, weil sic nicht in allen alten Handschriften zu finden ist). Nach den Worten des Evangelisten Lukas könnte man sogar annehmen, dass er bei dem Aufstand den Mord begangen hatte. So schreibt er von ihm: „Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.“ (Lk 23,19 vgl. mit Apg 3,14). Johannes schreibt dem Barabbas auch noch räuberische Tätigkeiten zu: „ (…) Barabbas aber war ein Räuber.“ (Joh 18,40).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie kamen die lokalen Aufstände in Judäa zustande?
  2. Was wurde Barabbas angelastet?

 

10.34.6 Der 1. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten treffen mit dem gebundenen Jesus wieder am Prätorium des Statthalters ein. Auch immer mehr Menschen aus dem Volk versammeln sich vor dem Prätorium. Der Grund ist das Zugeständnis des Präfekten – zum Passahfest einen Gefangenen, den das Volk wünschte, freizulassen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. (Mt 27,15;  Mk 15,7). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und das Volk ging hinauf und bat, dass er tue, wie er zu tun pflegte.“ (Mk 15,8). Viele Schaulustige und Neugierige aus dem Volk wollen sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. „Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt; und siehe, ich habe ihn vor euch verhört und habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden, derentwegen ihr ihn anklagt; Herodes auch nicht, denn er hat ihn uns zurückgesandt. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. Darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben.“ (Lk 23,13b-17). Wir stellen fest, dass dem Pilatus viel daran gelegen war Jesus freizulassen, zumal ihn darin auch seine Frau bestärkte. Und er weiß um die Hintergründe und Motive der Hohenpriester: „Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.“ (Mt 27,18). Ihm ist bestimmt auch nicht entgangen, dass der überwiegende Teil des Volkes mit Jesus sympatisierte. Und so greift er nach der Möglichkeit das Volk für sein Konzept, der Freigabe von Jesus, zu gewinnen. Eindeutig wendet sich Pilatus an das Volk mit den Worten: „Es besteht aber die Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?“ (Joh 18,39). Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) denn er erkannte, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10). Er hegt begründete Hoffnung, dass das Volk sich für die Freilassung von Jesus, dem Messias/König, entscheidet. Womit er nicht rechnet, ist der überaus starke Einfluß der Hohenpriester und Ältesten auf das Volk. Die Hohenpriester wissen um die Sympatie des Volkes gegenüber Jesus und stacheln auf eine freche Art das Volk gegen Jesus auf. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten.“ (Mt 27,20). In Matthäus 27,17 lesen wir: „Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“ Und der Evangelist Markus ergänzt: „Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe.“ (Mk 15,11). Auch nach Matthäus 27,21a-23 wendet sich Pilatus erneut an das Volk mit den Worten:

Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen!“ (vgl. Mk 15,14).

Seit wann fragt ein oberster Richter die Menge des Volkes, was er denn mit einem unschuldigen Gefangenen machen soll? Immerhin fragt er nach stichhaltigen Anklagepunkten, doch außer lautem Geschrei bekommt er nichts zu hören. Der Evangelist Lukas ergänzt: „Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los!“ (Lk 23,18). Und Lukas hebt die erneute Bemühung des Statthalters – Jesus freizulassen – hervor:

Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! Er aber sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe nichts an ihm gefunden, was den Tod verdient; darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben. Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand.“ (Lk 23,20-23).

Auch der erneute Versuch, vom Volk verwertbare Gründe für eine Verurteilung zu bekommen, schlägt fehl. Gegen die geballte Macht der Oberen und der aufgewiegelten Menge kommt Pilatus nicht an. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! (Mt 27,24-25).

Der Sammelbegriff „das ganze Volk“ muß hier in der Relation zu den Zehntausenden nicht daran beteiligten gesehen werden. Auch sind in erster Linie die vielen Knechte und Diener der Priesterschaft und der Ältesten dabei, welche sagen müssen, was ihnen ihre Herren befahlen (Joh 19,6). Trotzdem repräsentieren sie und alle Anwesenden mit den Oberen an diesem Morgen das Volk im Allgemeinen. Hier stellen sich folgende Fragen:

  • Kann ein Richter sich die Hände in Unschuld waschen, wenn er gegen sein besseres Wissen einen unschuldigen Menschen der Willkür der Menge überlässt? Hier kommt Jesus zu Wort und urteilt: „Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.“ (Joh 19,11). Ja, Pilatus trägt Mitschuld an der Verurteilung Jesu.
  • Inwieweit kann sich der Fluch des am Gerichtsprozess beteiligten Volkes auch auf ihre Nachkommen auswirken?

Sicher ist die Sünde nicht übertragbar, doch wenn Eltern auf ihre Kinder einen Fluch aussprechen, hat dies Folgen.

Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.“ (Mt 27,26). Der Evangelist Markus ergänzt: „Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los.“ (Mk 15,15). Der Evangelist Lukas fügt hinzu: „Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt werde, und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen. (Lk 23,24-25).

So gibt er dem Willen des Volkes nach, lässt den frei, um den sie bitten, einen, der in der Tat das Volk gegen die Römer aufhetzte und aller Wahrscheinlichkeit nach einen römischen Legionär tötete (Apg 3,14). Was für ein ungerechtes Urteil!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutete das Zugeständnis des Statthalters an das Volk – zum Passahfest einen Gefangenen auf Wunsch freizulassen? Was erhoffte sich Pilatus davon?
  2. Beschreibe die Taktik des Pilatus in diesem Prozess?
  3. Warum suchte nach Möglichkeiten, um Jesus freizulassen?
  4. Wie ist der starke Einfluss der Hohenpriester auf das Volk zu erklären?
  5. Welche Charakterzüge des Pilatus treten bei diesem Prozess deutlich ans Licht?

 

10.34.7 Jesus wird von den römischen Soldaten verspottet und geschlagen

(Bibeltexte: Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3)

 

Nun beginnt die letzte Phase des Prozesses gegen Jesus. Der Evangelist Johannes schreibt:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. (Joh 19,1).

Ab hier folgen wir nun dem vollständigeren Bericht des Evangelisten Matthäus:

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium in den Palast, und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. (Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3).

Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) fielen auf die Knie und huldigten ihm.“ (Mk 15,19).

 

  • Jesus wird erniedrigt und gedemütigt,
  • verhöhnt und verspottet,
  • geschlagen und bespuckt.

Er erduldete diese Schmach und setzte sich nicht zur Wehr. So sieht seine Herrschaft aus, die Herrschaft über die Sünde, so besiegt er das Böse.

Damit führt er ganz praktisch die Prinzipien des Gottesreiches in dieser Welt ein.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Wenn Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt war, warum ließ er Jesus dennoch geißeln?
  2. Welche Bedeutung hatte die Geißelung der Angeklagten?
  3. Warum wehrt sich Jesus nicht wenigstens mit Worten gegen seine Peiniger?
  4. Was wird in seinem Verhalten offenbar?

 

10.34.8 Der 2. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Nun folgen wir dem detaillierten Bericht des Evangelisten Johannes:

Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch! Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige!  Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. (Joh 19,4-7).

Erst jetzt nennen die Hohenpriester den für sie wichtigsten theologischen Anklagepunkt, wohl wissend oder mindestens ahnend, was er bei Pilatus bewirken kann. Denn für einen loyalen Römer war seit der Zeit des Kaisers Augustus in Rom `υιος του θεου – hyos tou theou – Sohn Gottes `. Der römische Senat hatte den durch Brutus und Cassius im Jahre 44 v. Chr. ermordeten Julius Cäsar `göttlich` gesprochen. Daher galten seine Nachkommen als Söhne des Göttlichen. Es ist eigentlich ein Wahnsinn, doch damit folgten sie dem ägyptischen und babylonischem Vorbild.

 

Pilatus sucht erneut das Gespräch mit Jesus

Dieser Hinweis ruft bei Pilatus große Furcht hervor.

Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde. (Joh 19,8-11).

Große Furcht befällt Pilatus, er kennt den sogenannten `Sohn des Göttlichen` in der Person des Kaisers. Und er weiß, wie diese Herrscher oft willkürlich regieren. Hier jedoch steht einer vor ihm, dessen Herrschaft sich ganz anders ausdrückt. Die Würde, die Selbstbeherrschung, der Blick frei von Hass, Verachtung und Vergeltung, keine Klage gegen seine Feinde und Peiniger. Noch nie hat er solch einen Gefangenen vor sich gehabt. In Jesu Verhalten kommt das wahre Göttliche zum Ausdruck. In der Tat, nicht Jesus fürchtet sich vor diesem Gericht, sondern Pilatus fürchtet sich vor Jesus, welcher der eigentliche Richter in diesem Prozess ist.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum interessiert sich Pilatus für die Herkunft von Jesus?
  2. Wer war nach griechisch-römischer Auffassung der `Sohn Gottes`?
  3. Beachte und beschreibe das Verhalten von Jesus? Was drückt es aus?
  4. Wie bewertet Jesus Sünde und Verantwortung?
  5. Wer ist der eigentliche Richter in diesem Prozess?

 

10.34.9 Der 3. Versuch des Pilatus, Jesus freizulassen

Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. (Joh 19,12-13).

Die Oberen der Juden sind hartnäckig, jede Gottesfurcht ist von ihnen gewichen. Sie greifen zum letzten Argument, dem sich Pilatus schließlich, wenn auch widerwillig, beugt. In ihrem Argument verbirgt sich eine versteckte Drohung. Eine Klage beim Legaten in Syrien hätte möglicherweise Pilatus den Posten gekostet. Dieses Risiko ist er nicht eingehen. Diesen Preis ist er nicht bereit zu zahlen.

 

Pilatus wird von seiner Frau gewarnt

Auch bei den Römern hatten die Frauen in der Öffentlichkeit nicht viel zu sagen, umso mehr jedoch im privaten Bereich. Die Frau des Pilatus brachte den Mut auf, um sich mit ihrem Plädoyer für Jesus in den Prozessverlauf einzumischen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. (Mt 27,19).

Auch wenn sie keine Details ihres Traumes nennt, so wird dadurch doch deutlich, dass Gott sich auf eigenartige Weise Menschen offenbart – hier einer heidnischen Frau, deren Mann als korrupt, machtgierig und wankelmütig charakterisiert werden kann. Trotz ihres Appells bringt Pilatus nicht den Mut auf, gerecht zu urteilen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie stark war der Einfluss der Frauen im Römischen Reich?
  2. Welchen Wert hatte das Plädoyer der Frau des Pilatus im Zusammenhang des Prozesses gegen Jesus?
  3. Wenn ihr Traum von Gott war, was sollte er dann bewirken?

 

10.34.10 Pilatus auf dem Richterstuhl – Jesus wird zum Tode verurteilt

Den Verlust des Titels `Freund des Kaisers` will Pilatus nicht opfern. Letzlich wird doch das Recht und die Wahrheit dem Machterhalt zum Opfer fallen.

Es war aber am Rüsttag für das Passahfest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. (Joh 19,14-16).

Nach außen hin erwecken die Hohenpriester den Eindruck, als wären sie dem Kaiser ergebener als Pilatus. Bis zuletzt versucht dieser Jesus freizubekommen, doch ohne Erfolg. Zu viel und zu oft fragt er als Richter, was er denn tun solle. Bemerkenswert ist aber auch der Tatbestand, dass es letztlich die Hohenpriester waren, die mit Nachdruck den Tod Jesu forderten. Sie waren es letztlich, die den Hohen Rat stark beeinflussten, ihren Knechten befahlen, das Volk überredeten und gegen Jesus aufhetzten.

Das Unfassbare geschieht – die Verurteilung des Gerechten durch die Hand der Heiden wird durchgesetzt. Es kam, wie Jesus es voraussagte (Mt 20,19). Schon nach fünf Wochen nimmt Petrus das Volk und die Oberen der Juden in die Verantwortung mit den Worten:

Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, als der ihn loslassen wollte. Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke. (Apg 3,13-14).

Mit der Aussage: „Wir haben keinen König als den Kaiser.“ verleugneten die Hohenpriester Jesus. Auch der Apostel Paulus hebt im Rückblick die bewusste Verleugnung Jesu durch die Führung Israels hervor:

Und obwohl sie nichts an ihm fanden, das den Tod verdient hätte, baten sie doch Pilatus, ihn zu töten. (Apg 13,28).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie ist es zu erklären, dass die Juden immer wieder neue Argumente gegen Jesus aufbringen?
  2. Was zählte letztlich bei Pilatus? Was beinhaltet die Bezeichnung `Freund des Kaisers`?
  3. Was sagen die Juden mit dem Bekenntnis „Wir haben keinen König als den Kaiser“ aus?
  4. Was bewog letzlich Pilatus Jesus zu verurteilen?

 

10.35 Golgatha

(Bibeltexte: Mt 27,32-56;  Mk 15,21-41;  Lk 23,27-49; Joh 19,17-37)

 

Wieder wird Jesus entkleidet – diesmal ziehen sie ihm das Purpurgewand aus (wahrscheinlich auch die Dornenkrone) – und sie ziehen dem wohl stark Geschwächten seine eigene Kleidung an. Nach römischem Recht müssen zwischen Urteil und Vollstreckung zwei Tage liegen – doch diese Regel scheint wie auch manch andere bei diesem Provinzprozess nicht beachtet zu werden. Der Verurteilte wird unter der Leitung von einem Centurion (Hauptmann über 100, bzw. 80 Soldaten), von vier Soldaten, die mit  Hammer, Nägeln, Holz und Nahrung für die Mannschaft zum Hinrichtungsplatz geführt.

 

10.35.1 Und Jesus trug sein Kreuz, oder war es Simon?

Der Ev. Johannes, der den Prozessverlauf am detailliertesten aufgezeichnet hat, schreibt: „Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.“ (Joh 19,16b-17).

Der Text des Ev. Matthäus lautet:

Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. (Mt 27,32). Der Ev. Markus ergänzt:  „(…) Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage (nachtrage).“ (Mk 15,21;  Lk 23,26).

Gelegentlich wird von Kritikern der Evangelienberichte in diesem Abschnitt ein Widerspruch gesehen und hervorgehoben. Dabei ist die Lösung des scheinbaren Widerspruchs so einfach. Zuerst trägt Jesus sein Kreuz selbst, wie es üblich war in solchen Fällen. Der Zug verlässt das Prätorium des Statthalters (ehemalige Residenz von Herodes dem Großen) in nördlicher Richtung. Dann verlassen sie die Stadt entweder im Westen (Genna-Tor) oder im Norden (Damaskus-Tor). Es geht bergauf. Jesus ist körperlich sehr geschwächt, nicht allein wegen der schlaflosen Nacht, sondern auch wegen den vielen körperlichen Misshandlungen. Wahrscheinlich bricht er unter der Last des Kreuzes zusammen. Da kommt es zur Begegnung mit Simon aus Kyrene (heute Libyen). Ungewöhnlicherweise kommt er am Festtag vom Feld her. Der Ev. Markus nennt die Namen seiner Söhne, die später in der Gemeinde bekannt sind (Mk 15,21;  Röm 16,13). Er wird von der Wachmannschaft gezwungen Jesus die Last des Kreuzes abzunehmen und für ihn und hinter ihm nachzutragen. Was für eine einmalige Erfahrung für Simon – das Kreuz von Jesus und für Jesus zu tragen! Eigentlich wäre ein anderer Simon drangewesen dies zu tun. Die Treuebekundung wurde von jenem am Vorabend gemacht: „Er (Simon Petrus) aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ (Lk 22,33).

Diese römische Exekutionsart – Kreuzigung – eigentlich aus Phönizien importiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung) – wird von Juden zutiefst verabscheut (5Mose 21,23;  Gal 3,13). Zwei weitere Verurteilte ebenfalls mit ihrer jeweiligen Wachmannschaft gesellen sich zu diesem traurigen Zug. Die Verurteilten haben üblicherweise das Holzkreuz oder ein Teil davon zu tragen. Es gibt drei Kreuzformen:

– das Andreaskreuz crux decussata (in X-Form)

– das T-Kreuz crux commissa

das Lateinische Kreuz crux immissa (in +-Form)

Wir denken mit Justin dem Märtyrer und Irenäus an die letzte Form. Hier ist dann auch Platz zur Anbringung der Tafel an der Spitze über dem Haupt des Gekreuzigten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Simon – ein Beispiel für unfreiwillige Nachfolge.Was empfindet ein Mensch, wenn er zu etwas beschämendem gezwungen wird?
  2. Was erfahren wir über Simons Familie?
  3. Wofür steht das Kreuz als Symbol?
  4. Was bedeutet es für uns sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus nachzutragen, nachzufolgen, wohin denn? Wie ist es, wenn uns ein fremdes Kreuz auferlegt wird und gibt es so etwas?
  5. Was ist der Unterschied zwischen: das Kreuz auf sich täglich zu nehmen (Lk 9,23) und: das Joch von Jesus auf sich zu nehmen (Mt 11,28-30)?

 

10.35.2 Jesus wendet sich an die weinenden Frauen

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig (glückselig) sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden? (Lk 23,27-31).

Der Evangelist Lukas erwähnt eine Menschenmenge – besonders Frauen, die Jesus klagend und weinend durch die Stadt bis zum Hinrichtungsplatz vor die Stadt hinausbegleiten. Es sind sehr oft gerade Frauen, die in der Geschichte eine viel größere Offenheit gegenüber Jesus und dem Evangelium zeigen. Sie zeigen keine Angst vor den Gegnern Jesu und schreiten mutig weinend und klagend in Hörweite hinter Jesus her. Gerade für sie hat Jesus eine besondere Botschaft. Er bleibt stehen und wendet sich um. Der gesamte Zug kommt ins Stocken. Ungewöhnlich, doch aus seiner Person geht eine Würde und Autorität hervor, der sich die Gegner nicht widersetzen vermögen. Seine Worte haben propherischen Inhalt und korrigieren die falsche Denkweise der Frauen. Nicht er soll bemitleidet werden, sondern sie sind mit ihren Kindern die Beklagenswerten. Wegen der Verwerfung des Messias, kommt nicht nur Zorn über dies Volk, sondern auch die Unbeteiligten werden unter den Folgen leiden müssen. Die Prophetie, die Jesus hier ausspricht, ist in Teilen nicht ganz neu. Schon der Prophet Hosea schrieb ähnliche Worte Gottes für seine Generation auf:

Die Höhen des Frevels werden verwüstet, auf denen sich Israel versündigte; Dornen und Disteln wachsen auf ihren Altären. Dann werden sie sagen zu den Bergen: Bedeckt uns!, und zu den Hügeln: Fallt über uns! Israel, du hast seit den Tagen von Gibea gesündigt; dabei sind sie geblieben. (Hosea 10,8-9).

Die Prophetie von Jesus bezieht vordergründig auf die nähere Zukunft – die Zerstörung Jerusalems und das große Leid, welches insbesondere schwangere und stillende Frauen treffen wird (Mt 24,19). „Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen.“ (Lk 21,23). In der Tat haben die Bürger von Jerusalem ab dem jüdischen Aufstand im Jahre 66 und während der dreijährigen Belagerung und bis zur endgültigen Eroberung durch die Römer im Jahre 70 unbeschreibliche Not erlitten. Die Prophetie, die Jesus hier ausgesprochen hatte, erfüllte sich. Doch der Inhalt ist weitreichender Natur, da sich diese Aussage zu verschiedenen Zeiten immer wieder erfüllt. Wie der Text in Offenbarung 6,14-17 deutlich macht:

Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihren Orten. Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns und wer kann bestehen?

Nach dieser eindringlichen Botschaft schreitet Jesus weiter hinauf zur Felskuppe genannt `Schädel-Stätte`, Hebräisch: `Golgotha`, Griechisch: `Κρανίου Τόπος`, hinter ihm Simon mit dem Kreuz. Der genaue Ort von Golgatha und der Kreuzigung bleibt wohl unbekannt, sicher aber ist er:

  • außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem (Mt 28,11;  Hebr 13,12),
  • in der Nähe der Stadt (Mt 27,38),
  • in der Nähe von Gärten, Gräbern (Joh 19,41),
  • und in der Nähe einer Straße (Mt 27,39).

Als wahrscheinlich wird Golgatha in der Gegend um die sogenannte Grabeskirche lokalisiert. Dieser Ort gilt seit Konstantin dem Großen (1. Hälfte des 4. Jahrhunderts) als der Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung von Jesus. Wahrscheinlich gab es davor auch schon eine lokale Tradition, auf die man sich damals stützte.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was drücken die klagenden Frauen Jerusalems aus? Warum nur Frauen?
  2. Was ist der Inhalt der Botschaft an die Frauen?
  3. Was meint Jesus mit dem „grünen“ und dem „dürren“ Holz?
  4. Wo erfüllten sich die Worte von Jesus in der Geschichte Israels? Wo und wie zu anderen Zeiten?

 

10.35.3 Jesus wird gekreuzigt und verspottet

(Bibeltexte: Mt 27,33-56;  Mk 15,22-41;  Lk 23,33-49;  Joh 19,18-37)

 

Der Ev. Lukas schreibt:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,32-37).

Und der Evangelist Markus hält fest, wann Jesus gekreuzigt wurde: „Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.“ (Mk 15,25; vgl. Vers 33-34. 42). Die dritte Stunde bedeutet bei Markus etwa 9 Uhr morgens. Der Evangelist Johannes bemerkt: „Pilatus aber schrieb eine Aufschrift (gr. τίτλος – titlos) und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.“ (Joh 19,19-20).

 

Es fällt auf, dass die Evangelisten nur wenige Einzelheiten zur Kreuzigung aufgeschrieben haben. In Psalm 22 steht geschrieben: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir.“ (Psalm 22,15-18). Beachten wir auf der einen Seite die verbalen Bemerkungen der Vorübergehenden und anschließend der Obersten aus dem Volk, der Schriftgelehrten, Hohenpriester und der Ratsmitglieder. Durch ihren Spott, Schmähung, Lästerung und Hohn wollen sie absichtlich Jesus weh tun, ihn erniedrigen und verletzen. So schreibt der Evangelist Markus:

Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber (Mt: wenn du Gottes Sohn bist) und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester (Mt: mit den Ältesten) untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der Christus,(Lk: der Auserwählte Gottes) der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. (Mt: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn). Und (Mt: die Räuber) die  mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. (Mk 15,29-32; Mt 27,39-44; Lk 23,35).

Wir werden an die prophetischen Worte aus Psalm 22,8-9 erinnert: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm

Der Apostel Petrus schrieb später im Rückblick über das Verhalten von seinem Herrn am Kreuz folgende Worte:

(…) er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.d. (1Petr 2,22-24).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. An welchem Wochentag und um welche Uhrzeit wurde Jesus gekreuzigt?
  2. Wie verhalten sich die Hohenpriester und Ältesten gegenüber dem leidenden Jesus?
  3. Wie lautete die Aufschrift, welche Pilatus schrieb und über dem Haupt von Jesus anbringen ließ?
  4. Warum lehnt Jesus den von den Soldaten angebotenen Weinessig mit der Myrrhe-Mischung ab?
  5. Warum sind die Evangelisten so zurückhaltend mit Einzelheiten über den Kreuzigungsvorgang? Was bedeutet es für uns?

 

10.35.4 Die Soldaten teilen die Kleider von Jesus unter sich auf

Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,36-37).

Die Soldaten sind ja Zeugen geworden vom Prozess vor Pilatus und waren beteiligt bei der anschließenden Geißelung im Palasthof des Statthalters. Daher auch ihre Verspottung mit diesen Worten. Die Evangelisten halten zwei spezifische Handlungen der Soldaten fest.

Erste Handlung der Soldaten

Sie geben Jesus Wein mit Myrrhe gemischt zu trinken, doch er nimmt es nicht an  (Mk 15,23). Der Evangelist Matthäus schreibt: „gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“ (Mt 27,34). Dies könnte eine Anlehnung an Psalm 69,22 sein, dort heißt es: „Sie geben mir Galle (gr. colh/j –cholès) zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Myrrhe wird von dem Myrrhestrauch gewonnen, hat eine gelb-braune Farbe und bitteren Geschmack, wahrscheinlich auch deswegen von dem Evangelisten Matthäus als Galle bezeichnet. Wemm Markus von Wein und Matthäus von Essig spricht, so wird es sich bei diesem Getränk wohl um Weinessig handeln. Vielleicht war es üblich, dass den Verurteilten dieses Getränk als eine Art Betäubungsmittel angeboten wurde. Doch Jesus lehnt es ab, zum einen will er ein ganz klares Denken bis zum Ende bewahren und zum anderen will er selber festlegen, wann er etwas Trinkbares zu sich nehmen will.

Zweite Handlung der Soldaten

Der Evangelist Johannes, der nahe am Kreuz, an der Seite der Maria stand,  hat weitere Einzelheiten festgehalten, wenn er schreibt:

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider  und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.“ (Joh 19,23-24).

Jesus trug ein Obergewand, welches recht umfangreich gewesen sein musste, da es sich in vier Teile teilen ließ. Dieses Obergewand (gr. imatia) legte er bei der Fußwaschung seiner Jünger ab und umgürtete sich mit einem Lendenschurz (lention Joh 13,4). Den sehr wertvoll gearbeiteten Rock (gr. chitœna) trug Jesus unter dem Obergewand. Sehr wahrscheinlich trugen die Juden auch einen Lendenschurz unter dem Rock. So lesen wir in 2Mose 28,42 von der Bekleidung der Priestersöhne: „Und du sollst ihnen leinene Beinkleider machen, um ihre Blöße zu bedecken, von den Hüften bis an die Schenkel.“ In dem Zusammenhang könnten auch die Aussagen über `Nacktsein` in Markus 14,51-52 und Johannes 21,7 verstanden werden. Der Evangelist Johannes schreibt am Ende dieses Vorgangs: „Das taten die Soldaten“. Sie hatten keine Ahnung, dass ihr Vorgehen bereits eintausend Jahre vorher prophezeit wurde. Gott weiss im voraus, was Menschen tun werden. Und seine Voraussagen haben einen bestimmten Zweck, sie sollen den Glauben und das Vertrauen in Gott stärken. So sagte Jesus in Johannes 13,19: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“

Von den Soldaten heißt es danach: „Und sie saßen da und bewachten ihn.“ (Mt 27,36).

 

Das versammelte Volk aber schaute zu. Ein Großteil des versammelten Volkes war seit den frühen Morgenstunden bereits beim Prozess dabei gewesen. Doch es kamen noch viele hinzu, so lesen wir, dass das Volk zu Pilatus hinaufging, um ihn nach der Freilassung eines Gefangenen zu bitten (Mk 15,8).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was tun die Soldaten und was erfüllte sich durch ihre Handlung?
  2. Wie verhält sich die dabeistehende Volksmenge? Sind es nur Schaulustige und Befürworter der Hinrichtung von Jesus?

 

10.35.5 Jesus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

Von den sogenannten sieben Worten, bzw. Aussagen Jesu am Kreuz lautet das erste: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Für wen tritt er da in seiner Fürbitte ein? Die hier Handelnden sind ja vordergründig die römischen Soldaten, verständlich, dass sie nicht oder vielleicht nur wenig Ahnung von ihrem Unrecht haben. Aber bittet Jesus auch für die Spötter unter der Ältestenschaft Israels und für das schaulustige Volk? Ja, sicher schließt er in seiner Fürbitte niemand aus. Bereits der Prophet Jesaja sagte vom leidenden Messias voraus: „(…) den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“ (Jes 53,12b). Und damit bekräftigt und erfüllt er selbst, was er seinen Nachfolgern bereits zu Beginn seines Dienstes aufgetragen hat zu tun: „segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6,28). Oder in Matthäus 5,44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

  • Damit siegt er über das Böse
  • und bietet den Übeltätern Raum zur Umkehr (1Petr 3,9; Röm 12,21; Röm 2,4).
  • Damit besiegt er auch den Bösen. Welch eine göttliche Einstellung und Haltung?

Während Jesus am Kreuz hing, erfüllte sich auch, was er bereits zu Beginn seines Dienstes bei seinem ersten Jerusalembesuch gesagt hatte:

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,15-17).

1Und zum Ende seines Dienstes, ebenfalls in Jerusalem, zeigte er dem gesamten Volk an, welchen Todes er sterben würde.

Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? (Joh 12,32-34).

Die Antwort auf ihre Frage bekamen die Menschen nach nur wenigen Tagen. So erkennen wir auch, dass Jesus es mit seinen Voraussagen den Menschen leicht gemacht hat zu glauben. Denn zwischen der Voraussage und der Erfüllung lag nur eine kurze Zeitspanne, so dass die meisten von ihnen die Erfüllung miterleben konnten. Und schon bald werden wir sehen, wie seine Fürbitte geistliche Frucht brachte, indem Menschen umkehrten und ihn als Retter/Erlöser und Christus annahmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie reagiert Jesus auf den Spott und die Schmähungen der Obersten des Volkes und der Soldaten?
  2. Was motiviert ihn so zu reagieren und was erreicht er damit?
  3. Welche Voraussage von Jesus erfüllte sich, als er am Kreuz hing?

 

10.35.6 Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein

(Bibeltexte: Lk 23,39-43; Mt 27,44; Mk 15,32)

 

Der Ev. Lukas schreibt: „Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken (Joh: Jesus aber in der Mitte).“ (Lk 23,33; Joh 19,18). Auch hier setzt sich fort, was Jesus bereits am Vorabend in einem anderen Zusammenhang gesagt hatte: „Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht.“ (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet“ (Lk 22,37). Die Evangelisten Matthäus und Markus schildern die Reaktion der Mitverurteilten nur mit einer pauschalen Bemerkung. „Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ (Mt 27,44;  Mk 15,32). Dies muß wohl am Anfang gewesen sein. Aber nach und nach erkennt der eine Verurteilte, wer Jesus wirklich ist. Und er ändert seine Gesinnung und auch seine Worte. Der Evangelist Lukas berichtet ausführlich vom Gespräch unter den Todeskandidaten, während ihrer extremen Schmerzen.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43).

Anmerkung zum Satzbau: Da wir an vielen Stellen von Jesus lesen: „Wahrlich, ich sage dir oder ich sage euch“ und erst dann kommt das, was er sagen will, so auch in dem oben genanntem Text, in dem Jesus den Mitgekreuzigten anredet (vgl. dazu auch Joh 5,24-25; Lk 22,34). Ein weiteres Beispiel für solche Formnulierungen wäre die Voraussage an Petrus,: „Und Jesus spricht zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst.“ (Mk 14,30).

Der eine schließt sich der Lästerung der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten an (Mt 27,41-44) – wissend, dass sie beide als Mitverurteilte schuldig sind, während Jesus unschuldig ist. Dies bringt der andere Verurteilte zum Ausdruck: „dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lk 23,41). Jesus stirbt nicht für ein Verbrechen, noch für eine politische Bewegung, sondern weil er die Erfüllung der Verheißungen Israels für sich beansprucht. Dies verstehen Menschen meist nur sehr langsam – doch der andere Verurteilte versteht dies plötzlich glasklar: der mit ihm verurteilte Jesus erträgt die Kreuzigung in dieser Weise – weil er der verheissene Messias/Herr ist! Nur er kann im ersten grausamen Schmerz für die Peiniger beten! Nur er kann die Schmähungen so ertragen! Hier kann er sein Erkennen nur noch in diese kurze Bitte fassen: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

  • Der Mitverurteilte ist sich seiner Schuld bewusst und er bekennt sie auch öffentlich;
  • Der Mitverurteilte erkennt die königliche und göttliche Gestalt von Jesus an, dessen tiefste menschliche Herabsetzung!.
  • Er erkennt Jesus als den König Israels an und zwar nicht auf dem Thron, wie ihn Zeitgenossen erwarteten, sondern am Kreuz.
  • Der Mitverurteilte spricht von dem Zukünftigen, doch Jesus antwortet mit dem Heute!
  • Der Mitverurteilte spricht vom Reich – doch Christus spricht vom Paradies in dem beide sein werden. Paradies (gr. παράδισος – paradisos) ist demnach eine auserirdische und zwar göttliche Sphäre in die Jesus(sein Geist)  bei seinem Tod hineinging und aus der er bei seiner Auferstehung mit einem verklärten Leib hervorging und seinen Jüngern 40 Tage lang erschien bevor er gen Himmel aufgenommen wurde. Es ist demnach auch die Sphäre. in der die verstorbenen Gläubigen die Auferstehung des Leibes erwarten.

Christus lenkt weg von materiellen, diesseitigen Erwartungen, hin zu den tröstenden geistlichen Dimensionen. Nach der Vergebung der Sünden ist für jeden Gläubigen die Tür zum ewigen Himmelreich offen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Erkläre die Unterschiede zwischen den Mitverurteilten? Für welche Gruppen stehen sie heute?
  2. Was ist die „Schächer-Gnade“ – die Gnade kurz vor dem Tod zum Glauben zu kommen?
  3. Welche Botschaft hat Jesus für alle Sünder, die nichts mehr wiedergutmachen können?
  4. Was ist die Botschaft für den Mitverurteilten, der seine Schuld einsieht, bekennt und um Gnade bittet?
  5. Was ist wichtig für unsere Seelsorge an Sterbebetten?

 

10.35.7 Jesus: Frau, das ist dein Sohn

Alle vier Evangelisten berichten vom Mut der Frauen, die Jesus bis in die Nähe des Kreuzes begleiten. Der Evangelist Lukas schreibt allgemein: „Es standen aber alle seine Bekannten (Verwandten) von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lk 23,49). Wir müssen bedenken, dass in dieser Phase die Brüder (Halbbrüder) Jesu von dessen besonderer Sendung noch nicht überzeugt waren (Joh 7,1-5). Der Evangelist Johannes schreibt daher über eine kleinere Gruppe von Frauen, die in Begleitung von Johannes in unmittelbarer Nähe zum Kreuz standen: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ (Joh 19,25). Von den vielen Frauen werden vier namentlich genannt:

  1. Die Mutter von Jesus (Joh 19,25;  Mk 15,40). Markus nennt die Mutter Jesu auch als Mutter des Jakobus des kleinen und des Joses (zwei der vier Halbbrüder von Jesus).
  2. Die Schwester seiner Mutter, wahrscheinlich Salome: Ehefrau des Zebedäus und Mutter von Jakobus und Johannes, so der Vergleich von Johannes 19,25 mit Markus 15,40: „(…) unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome.“ (Vgl. auch mit Mt 27,56).
  3. Maria des Kleopas Frau (Joh 19,25). Wahrscheinlich handelt es sich um den Kleopas aus dem Ort Emmaus (Lk 24,18).
  4. Maria aus Magdala ((Joh 19,25;  Mk 15,40;  Mt 27,56).

Wir können uns vorstellen, dass Johannes Jesus in der Nacht (im Gegensatz zu Petrus und den anderen Jüngern) nicht verlassen hat. Dass er noch in der Nacht oder früh am Morgen die Frauen über die Ereignisse während der Nacht informiert hat. Nur so können wir die Präsenz der Frauen am Kreuz erklären. Johannes steht also an der Seite der Frauen, dicht vor dem Kreuz und so erleben sie die besondere Fürsorge des leidenden Jesus. „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,26). Selbstvergessen spricht Jesus aus einer göttlichen Ruhe und ordnet seine Familie neu. Er weiß um die prophetische Aussage des Simeon in Bezug auf Maria – seine Mutter und kennt den Schmerz ihres Herzens (Lk 2,35:  „(…) – und auch durch deine Seele

wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“). Darum befiehlt er seine Mutter der besonderen Pflege und Aufmerksamkeit durch seinen Lieblingsjünger Johannes. Neffe und Tante sollen in einem besonderen Verhältnis stehen.  Dies löst nicht die Pflichten der anderen Geschwister – sondern erweitert die Verantwortung des Johannes. Dieser ist zur bestimmten Zeit am richtigen Ort. Dass Jesus seine Mutter mit `Frau` anredet, soll uns nicht befremden, redete er sie doch schon am Anfang seines öffentlichen Wirkens so an (Joh 2,4). Trug sie für ihn doch nur eine bestimmte Zeit die Verantwortung und zwar für sein irdisches Wohlbefinden. Sie ist begnadet, Mutter des Menschensohnes zu sein. Ihre Seligkeit (Errettung/Erlösung) erhielt sie durch Glauben aufgrund von Gnade (Lk 1,38. 45).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bewegt die vier Frauen Jesus bis ans Kreuz zu begleiten? Was wissen wir von ihnen?
  2. Was bewegt Johannes allein von allen Jüngern Jesus bis ans Kreuz zu begleiten?
  3. Was drückt Jesus aus, als er seine Beziehung zu seiner Mutter neu ordnet?
  4. Was empfand Maria, die Mutter von Jesus in diesen Stunden? Hatte sie schon früher so etwas geahnt?

 

10.35.8 Das Phänomen der Finsternis

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mt 27,45; Ähnlich auch der Evangelist Markus: „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mk 15,33). Der Evangelist Lukas ergänzt ein wenig mit der Aussage: „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde und die Sonne verlor ihren Schein.“ (Lk 23,44-45a).

Dieses Ereignis war kein Naturphänomen, welches sich gelegentlich oder in regelmäßigen Abständen in der Natur ereignet. Die sogenannte totale Sonnenfinsternis, wie wir sie in unregelmäßigen Abständen auf der Erde beobachten können, bei der sich der Mond vor die Sonne schiebt, dauert nur etwa 7-8 Minuten. Dabei wird es keineswegs ganz finster. Die Finsternis am Freitag, des 14. Nisan (3. April 33) war die Folge des außerordentlichen Eingreifens Gottes in die Naturgesetze, ähnlich wie es in Ägypten zur Zeit Moses geschehen war (2Mose 10,21-23). Dort dauerte die totale Finsternis drei Tage und war lokal, auf das von den Ägyptern bewohnte Territorium beschränkt.

Der Prophet Joel sagte eine Verfinsterung der Sonne voraus (Joel 3,4). Der Apostel Petrus erwähnt dieses Zitat des Propheten, ohne jedoch einen konkreten Bezug zum Pfingstgeschehen herzustellen (Apg 2,20). Doch auch Jesus selbst spricht von der Verfinsterung der Sonne kurz vor seiner Wiederkunft (Mt 24,29).

Alle drei synoptischen Evangelisten bezeugen, dass es etwa drei Stunden lang finster war über dem ganzen Land. Die Wendung der Evangelisten: „über das ganze Land“ – epi` pa`san th`n gh`n` – epi pasan t¢n g¢n`, beschränkt sich nicht zwingend auf das Land Palästina, sondern kann sich auch auf die gesamte Erde beziehen.

Zeugnisse der frühen Historiker, welche dieses Phänomen zeitlich und räumlich in ihren Schriften erwähnen:

Ereignisse in Rom 33: Tacitus (römischer Historiker – ca. 58-120), Annalen, vi, 20 ff. Die Finsternis bei der Kreuzigung: Dieses Phänomen ist offenbar in Rom, Athen und anderen Städten am Mittelmeer sichtbar gewesen. Nach Tertullian (christlicher Schriftsteller 150 – ca. 220), Apologeticus, xxi, 20 war es  ein „kosmisches“ oder „Weltereignis“. Phlegon, ein griechischer Autor aus Caria, der bald nach 137 eine Chronologie schrieb, berichtete, dass im Jahr 4. der 202. Olympiade (d.h. A.D. 33) die größte Sonnenfinsternis gewesen und es in der sechsten Stunde des Tages, d.h. mittags, stockdunkel geworden sei, so dass selbst die Sterne am Himmel sichtbar wurden. (Paul L. Maier, „ Pilatus, sein Leben und seine Zeit nach Dokumenten“, Seite 363, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Beispiele aus der Schrift, wo von außergewöhnlicher Finsternis die Rede ist?
  2. Welche Bedeutung hat Finsternis in der Bibel?
  3. Warum trat diese dreistündige Finsternis  deiner Meiunung nach ein?
  4. Nenne einige Zeugnisse aus der Weltliteratur, welche dieses besondere Phänomen bezeugen?

 

10.35.9 Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Von dem Einsetzen der Finsternis, etwa um 12 Uhr mittags, bis kurz vor dem Sterben Jesu, gegen 15 Uhr, scheint eine Stille eingetreten zu sein. Bei dieser Finsternis wurde jede Arbeit im Tempel unmöglich und jedes Lästern unter dem Kreuz verstummte.

Vielleicht gegen Ende der Finsternis rief Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! (Mt 27,46-49; Mk 15,34).

Jesus schreit zu Gott. Der, aus dem Hebräischen, ins Griechische übertragene Text des Evangelisten Matthäus lautet: hli hli, lema sabacqani? tou`t` e`stin: qee`, mou qee` mou, inati me e,nkate`lipej – ¢li ¢li, lema sabachthani? touto estin: thee mou, thee mou, inati me enkatelipes`? Markus hat in der Anrede die Schreibweise: elwi elwi, – elöi elöi, gewählt und so auch ins Griechische übertragen. Höchstwahrscheinlich hat Jesus dieses Gebet in Hebräisch gerufen, warum sollte er sich auch an den Vater wenden in einer anderen Sprache, als der, in der sich Gott dem Volk Israel in schriftlicher Form geoffenbart hatte? Allerdings ist er von einigen Dabeistehenden missverstanden worden. Eli hat im Hebräischen die Bedeutung von `mein Gott`, so in den Namen Eli-melech (mein Gott ist König), Eli-ja (mein Gott ist Jachwe) erkennbar. Merkwürdig, dass die Schriftgelehrten oder deren Diener (es waren keineswegs die römischen Soldaten) eher an den Propheten Elia, als Helfer in Not und nicht an Gott selbst denken.

Diese Hinwendung zu Gott erinnert uns an das Gebet Davids aus dem Psalm 22,2a: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum betet Jesus hier so?

  • Hat ihn Gott wirklich verlassen? Hat er nicht kurze Zeit davor seinen Jüngern gesagt: „Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ (Joh 8,29).
  • Hat Jesus sich vielleicht nur verlassen gefühlt – empfindungsmäßige Gottferne?
  • Wenn er aber verlassen wurde, dann für wie lange und warum?

Der griechische Begriff: `enkate`lipej  – enkatelipes `, der auch in Psalm 22,2a (LXX: Ps 21) verwendet wird, kommt auch bei Paulus in 2Timotheus 4,10 und 16 vor. Einmal wurde der Apostel von seinem Mitarbeiter Demas verlassen und bei seinem ersten Verhör verließen in alle. Paulus empfand hier, dass er von seinen Mitarbeitern im Stich gelassen wurde, so ähnlich wie auch Martha empfand, von Maria allein gelassen worden zu sein (Lk 10,40). Das Wort kann auch den Sinn haben von `zurück lassen`, so in Apg 18,19 – Priszilla und Aquila werden in Ephesus zurückgelassen und Paulus wird als Gefangener in Cäsarea zurückgelassen (Apg 24,27).

In Römer 9,29 und 11,4 (mit Bezug auf Jes 1,10; 1Kön 19,10) wird der gleiche Begriff  `me enkate`lipej – me enkatelipesmich verlassen` in der gleichen grammatischen Form gebraucht, allerdings geht hier die Initiative von Gott aus, bzw. es wird aus seiner Sicht gesprochen. „Hätte uns der Herr Zebaoth nicht übriggelassen“ oder „Ich habe mir übrig gelassen siebentausend“. Und da ist der Gedanke von – Gott hat für sich aufbewahrt.

Könnte es sein, dass Jesus sich als Menschensohn allein gelassen empfand, aber aus Gottes Sicht der Übriggelassene war, der Aufbewahrte, der Geschützte, über den Gott seine Hand gehalten hatte? So in Hebräer 13,5: „Niemals werde ich dich verlassen“.

Vielleicht liegt das Geheimnis des von `Gott verlassen sein` auch in der Anrede: „Mein Gott, mein Gott`. Als göttlicher Sohn des Vaters konnte er nicht verlassen werden, war er doch nach dem Geist unsterblich, aber als Menschensohn in seinem physischen Leben (Psyche/Seele Joh 10,18) sterblich. Er nahm ja die gesamte Schuld der Menschheit auf sich und so mußte es zur Trennung von dem Heiligen Gott kommen, wahrscheinlich die drei Stunden, in denen es Finster war.  Ja, Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, doch in den physischen Tod ging der Sohn Gottes als Menschensohn, ganz allein – der Sohn starb, nicht der Vater. Das war wohl der größte Schmerz, den Jesus jemals empfand. Die gesamte Last der Sünden lag auf ihm: „Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,6).

  • Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5).
  • Er wurde zum Fluch: „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt« (Gal 3,13),
  • Das Kreuz als Symbol des Todes: „der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1Petr 2,24).
  • Er litt und starb stellvertretend für alle: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2Kor 5,21).
  • Es war ein Triumpfzug: „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ (Kol 2,15).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wendet sich Jesus zu seinem Vater mit der Anrede `Gott`?
  2. Was bedeutet der Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
  3. Welche Inhalte birgt das griechische Wort für `verlassen`?
  4. Was empfand Jesus in diesen letzten Minuten seines physischen Lebens?
  5. Hast du dich mal verlassen gefühlt? Wie empfandest du dabei?
  6. Was hilft uns, damit wir aus einer Art Depression wieder herauskommen können?

 

10.35.10 Jesus: Mich dürstet

Der Ev. Johannes schreibt als Einziger von diesem Ausruf:

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied. (Joh 19,28-30).

Wahrscheinlich spricht Jesus hier in Kurzform das aus, was in Psalm 22,15-16 in Bezug auf den leidenden Messias vorausgesagt wurde: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“ (vgl. auch das durstige Verlangen des Leidenden in Psalm 42,3; 63,2; 143,6). Ja, Jesus war ein Mensch, wie alle Menschen und empfand Durst und er gab es auch zu (Joh.4). Den Ausruf: „Mich dürstet“ sprach Jesus sehr wahrscheinlich gleich nach dem Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ aus. So der Zusammenhang in Matthäus 27,46-49 und Markus 15,34 „Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“  Dieser eine, der ihn tränkte war wohl ein Soldat, die anderen eher aus der Gruppe der Führenden Israels, welchen die alttestamentlichen Geschichten über Elia wohl vertraut waren. Einer der Soldaten taucht einen Schwamm in das Gefäß mit Essig (Weinessig) steckt ihn auf einen etwa 50 cm langen Ysopzweig und hält ihn Jesus vor den Mund. Jetzt nimmt Jesus das angebotene Getränk zu sich, am Anfang des Kreuzesleidens hatte er es abgelehnt (Mt 27,34; Mk 15,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet der Ausruf: „Mich dürstet?“ Sagt er dies nur, damit die Schrift erfüllt wird, oder empfand er tatsächlich Durst?
  2. Warum lehnte er das Getränk ab, das ihm am Anfang angeboten wurde?
  3. Hast du mal wirklichen Durst erlebt? Wie und was empfandest du dabei?

10.35.11 Jesus: Es ist vollbracht (vollendet)

Die Evangelisten Matthäus und Markus sind sehr kurz in ihren Berichten über die letzten Minuten des Lebens von Jesus. Sie schreiben: „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“ (Mt 27,50; Mk 15,37). Die Verwandten und Bekannten von Jesus, einschließlich Matthäus und auch Markus, waren zwar Zeugen der Kreuzigung, doch standen sie in einiger Entfernung und hörten demnach Jesus nur laut schreien. Doch dieses laute Schreien war der kulminative Ausdruck seines gesamten Dienstes und die Vollendung des Heilsplanes, welches ihm vom Vater aufgetragen war.

Der Evangelist Johannes jedoch, der in unmittelbarer Nähe zum Kreuz stand, hat genau gehört was Jesus so laut schrie, er schreibt: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht (…).“ (Joh 19,30a-b). Die kurzen Worte „Es ist vollbracht“ sind im Griechischen ein Wort: `tete`lestaitetelestai `. Diesen Begriff gebraucht Johannes in dieser grammatischen Form nur zweimal (Joh 19,28.30). Doch er drückt etwas als abgeschlossen, erfüllt, vollendet aus. Man könnte auch mit `es ist vollendet` oder  „es ist erfüllt“, übersetzen, da ihm die Wortwurzel `telos` als Ende, Erfüllung zugrunde liegt. Um was ging es, was ist denn nun vollendet, was ist erfüllt wordem? In einigen Stellen kommt durch den Gebrauch dieses Wortes zum Ausdruck, was für Jesus der Hauptinhalt seines Dienstes darstellte. So sagt er zu seinen Jüngern am Jakobsbrunnen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende `teleiw`sw teleiösö sein Werk.“  (Joh 4,34). Und zu den Pharisäern in Jerusalem sagt er: „Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende `teleiw`sw teleiösö“, eben diese Werke, die ich tue, zeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.“ (Joh 5,36). Und am Ende seines Dienstes, im Gebet zum Vater sagt er: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet `teleiw`saj teleiösas` das du mir gegeben hast, damit ich es tue.“ (Joh 17,4). Das große und umfassende Werk beinhaltete viele einzelne Taten und Worte – nichts hat Jesus ausgelassen.

Das Kreuz, der Tod von Jesus ist sozusagen der Abschluss und die Zusammenfassung seines Lebenswerkes.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet die Aussage von Jesus: „Es ist vollbracht“?
  2. Welche Auswirkungen für uns Menschen hat das vollbrachte Werk Christi am Kreuz?
  3. Wie und was empfindest du nach einer gelungenen und abgeschlossenen Arbeit?

 

 

10.35.12 Jesus: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

Das sind die eigentlichen letzten Worte von Jesus am Kreuz. Nur der Ev. Lukas hat sie aufgeschrieben. So schreit Jesus noch ein letztesmal laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Da Jesus sich in seinem lauten Rufen „mich dürstet“ und „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ auf Aussagen in den Psalmen stützt, ist anzunehmen, dass auch sein letzter lauter Ausruf ebenfalls den Psalmen entnommen ist. In Psalm 31,6 heißt es: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“

An dieser Stelle ist es angebracht zu betonen, dass der Geist von Jesus Christus nicht in die sogenannten `untersten Örter der Erde` hinabgestiegen ist, sondern in den treuen und allmächtigen Händen des Vaters,  bis zur Auferstehung am dritten Tage, aufbewahrt wurde.

Die Zusage an den bußfertigen Mann am Kreuz: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ bestätigt zusätzlich, dass Jesus (sein Geist) sich während seines physischen Todes in göttlicher Sphäre befand (Lk 23,43).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie lauten die letzten Worte von Jesus am Kreuz und wo kommen diese im Alten Testament vor?
  2. Wie gehen wir mit verschiedenen Spekulationen über den Aufenthalt von Jesus während der drei Tage um?
  3. Was können wir mit Gewissheit zum Aufenthalt des Körpers von Jesus und seines Geistes während der drei Tage sagen?

 

10.35.13 Der Tod von Jesus am Kreuz – wie und warum starb Jesus?

Der Tod von Jesus am Kreuz ist eine historische Tatsache, die von den meisten neutestamentlichen Autoren vielfach und detailliert beschrieben wird. Wie wir bereits gesehen haben, geben die Texte der Evangelien in ihrer Zusammenfassung und Reihenfolge Aufschluß über die letzten Minuten im Leiden von Jesus. Nachdem er seinen Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte, heißt es bei Johannes: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh 19,30). Und der Evangelist Lukas ergänzt: „Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Bis dahin hielt Jesus sein Haupt aufrecht, er konnte alle und alles sehen und er nahm auch alles bewusst wahr was gesagt wurde. Doch reagierte er nicht auf die vielfältigen Schmähungen und Lästerungen von Menschen, sondern konzentrierte sich in seinen letzten Stunden allein auf die Erfüllung der Schriften enstsprechend dem Willen seines Vaters. Er erkannte, dass nun alles erfüllt war, was über ihn und von ihm vorausgesagt wurde. Sein physischer Tod tritt nicht vorrangig wegen körperlichem Versagen ein. Diese Beobachtung wird durch folgende Aussagen bestätigt:

  1. Die Soldaten waren über den schnellen Tod von Jesus überrascht. „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht (…).“ (Joh 19,33).
  2. Als Josef von Arimathäa den Statthalter um den Leichnam von Jesus bittet, ist dieser über dessen schnellen Tod sehr erstaunt. „Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei?“ (Mk 15,44).
  3. Über sein physisches Leben (gr. yuch` – psych¢) sagt Jesus: „Niemand nimmt es  von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ (Joh 10,18).

Warum Jesus letztlich gestorben ist, war die Sündenschuld aller Menschen, die er auf sich nahm, wie es schon der Prophet Jasaja vorausgesagt hatte:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. (Jes 53,4-8).

In diesem Text werden acht Aussagen, die das stellvertretende Leiden und Sterben von Jesus für sein Volk, hervorgehoben. Auch die Apostel bestätigen in ihren Predigten und Schriften den freiwilligen und  stellvertretenden Tod von Jesus als das Lamm Gottes (Joh 1,29;  Gal 1,4;  Röm 5,6. 8;  1Kor 15,3;  1Petr 1,18-21;  1Joh 2,2).

Bemerkenswert ist auch die letzte Aussage von Jesus: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Sein Leib wird von treuen Menschen in ein Felsengrab gelegt, seinen Geist jedoch übergibt er in die Hände des Vaters. Diese klare Übergabe des Geistes in die Hände (Obhut) seines himmlischen Vaters steht im krassen Gegensatz zu den vielfältigen Spekulationen über den Verbleib oder die Tätigkeiten von Jesus während der drei Tage.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum ist die Verkündigung des physischen Todes von Jesus als historische Tatsache so wichtig? Von welchen Menschen wird diese Tatsache angezweifelt oder gar abgelehnt?
  2. Wo und wie ist das Sterben des Messias im Alten Testament vorausgesagt oder vorausgebildet worden?
  3. Warum und wodurch unterscheidet sich das Sterben Jesu vom Sterben aller anderen Menschen?
  4. Welche positiven Auswirkungen hat der Tod Christi für uns?

 

 

10.36 Zwischen Tod und Auferstehung

(Bibeltexte: Mt 27,50-66; Mk 15,37-47; Lk 23,46-56; Joh 19,30-42)

In der Zeit zwischen dem Tod von Jesus am Freitagnachmittag und seiner Auferstehung am frühen Morgen des ersten jüdischen Wochentages hat sich vieles ereignet. Diese einzelnen Ereignisse wollen wir in diesem Abschnit der Reihe nach kennenlernen.

 

10.36.1 Die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus

Es scheint, als ob die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus nicht genug Beachtung bekommen. Dabei geht es nicht nur um das Naturereignis – Erdbeben, sondern auch um die Reaktionen der Menschen, sowohl unter den Juden als auch unter den Heiden.

 

Der Vorhang im Tempel zerreist und die Erde erbebt

So Berichtet der Evangelist Markus: „Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“ (Mk 15,38; Lk 23,45). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen (…).“ (Mt 27,51).

Die Naturkräfte sind dem Willen Gottes unterworfen und er kann sie so präzise einsetzen und lenken, dass sie als Zeichen für die Menschen offensichtliche Wirkung zeigen, aber auch in Grenzen tätig sind. Während Felsen zerbarsten, blieben die drei Kreuze stehen (vgl. dazu auch Apg 16,26). Dieses Ereignis blieb nicht ohne Wirkung auf die Menschen. So schreibt Matthäus: „Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 27,54). Beachten wir, dass nicht nur der Hauptmann, sondern auch seine Soldaten dieses Bekenntnis aussprechen. Der Evangelist Markus formuliert etwas differenzierter, indem der Hauptmann den Tod von Jesus bestätigt, was in seiner Verantwortung lag (Mk 15,44): „Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mk 15,39). Der Evangelist Lukas hebt hervor, das der Hauptmann mit seinem Bekenntnis Gott verherrlichte: „Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries (verherrlichte) er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“ (Lk 23,47). Somit erkannte und bekannte der Hauptmann:

  1. Dass Jesus ein gerechter Mensch war und
  2. Dass Jesus Gottes Sohn war.

 

Die Hohenpriester, welche zu der Zeit im Tempel den Opferdienst für das Passahfest versahen, wurden Augen- und Ohrenzeugen eines Ereignisses, das sie in großes Erstaunen, vielleicht sogar in Erschrecken versetzt haben muss. Der kunstvoll gewebte Vorhang, der im Tempel das sogenannte `Heilige` von dem `Allerheiligsten` trennte, zerriss in zwei Stücke und zwar von oben nach unten (Mt 27,51; vgl. dazu auch 2Mose 26,31-33; 40,21; 1Kön 6,2-31). Dies zeigt an:

  1. Dass es nicht von Menschenhand geschah
  2. Dass der Zugang zum Allerheiligsten, der bis dahin nur dem Hohenpriester vorbehalten war, nun frei ist für alle
  3. Dass die Gegenwart Gottes nicht mehr in dem sogenannten `Allerheiligsten` zu finden ist

Genau genommen, endete in diesem Augenblick die Bestimmung des von Menschenhand gebauten Tempels mit seinem Opferdienst. So schreibt der Hebräerbriefschreiber: „Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen.“ (Hebr 9,24). Auch heißt es dort von Jesus: „Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben.“ (Hebr 9,12).

Doch die Führung Israels erkannte dieses offensichtliche Zeichen nicht und so lief der Opferdienst im Tempel durch die Priester weiter, jedoch ohne die ursprüngliche Wirkung – der Vergebung der Sünden und Versöhnung des Volkes mit Gott.

 

Die Reaktion des Volkes

Der Evangelist Lukas schreibt als Einziger: „Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.“ (Lk 23,48). Mit diesen knappen Worten beschreibt der Evangelist die Reaktion des Volkes, das zuschaute und alles mitbekam was geschah. Das sich ´an die Brust schlagen` drückt mindestens `Einsicht und Reue` aus, wenn man dazu das Verhalten des Zöllners vergleicht (Lk 18,13).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Sind Erdbeben (oder auch andere Naturereignisse) immer ein Zeichen Gottes an die Menschen?
  2. Wie reagieren Menschen heute auf Naturkatastrophen?
  3. Warum waren gerade Nichtjuden oft empfänglicher für Wahrheit und Glauben?
  4. Welche Bedeutung und Maße hatte der innere Vorhang im Tempel und warum ließ Gott ihn zerreisen?
  5. Wie lässt sich die Reaktion des Volkes bewerten?

 

10.36.2 Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen

Der Evangelist Johannes, der in unmittelbarer Nähe des Kreuzes stand und somit Augenzeuge folgender Ereignisse wurde, schreibt dazu:

Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.« (Joh 19,32-37).

Der Evangelist betont die Bedeutung des auf den Freitag (Rüsttag, Vorbereitungstag) folgenden großen Sabbat, der sozusagen entheiligt würde, wenn Leichname Gekreuzigter an den Kreuzen hängen blieben. Wir sehen, auf was damals die frommen Juden geachtet haben. Auf die Einhaltung äußerer Reinmheitsvorschriften legten sie großen Wert. Das Recht, die Barmherzigkeit, die Liebe und der Glaube blieben dabei sehr oft auf der Strecke (Joh 18,28; Hosea 6,6; Mt 12,7; 23,23). Doch auch diesen menschlichen Eingriff in das Geschehen um den Tod von Jesus, wendet Gott dahin, dass die prophetischen Voraussagen auf  den Christus zu ihrer Erfüllung kommen. Denn bereits in Ägypten, etwa 1500 Jahre zuvor, ordnete Gott durch Mose an, dass dem Passahlamm keine Knochen gebrochen werden dürfen (2Mose 12,46). Ging es Gott damals um die Opferlämmer, oder vielmehr um seinen Sohn, der als das wahre Lamm Gottes zu seiner Zeit sterben ürde? Was für eine weise Vorausschau Gottes. Übrigens heißt es bei der Einsetzung des Bundesmahls durch Jesus: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, also nicht gebrochen wird. Das Brot jedoch wurde gebrochen (Mt 26,26-28).

An diesem Tag kommt Pilatus nicht zur Ruhe, ständig wird er von den Hohenpriestern um etwas angegangen.

  • Bereits am frühen Morgen wegen dem Prozess und der Verurteilung von Jesus.
  • Kurz danach wegen der Aufschrift „Jesus von Nazaret, der Juden König“, die sie geändert haben wollten.
  • Jetzt am Spätnachmittag: Lass ihnen die Beine brechen, damit sie sterben und von den Kreuzen abgenommen werden können.
  • Am nächsten Tag: Lass das Grrab bewachen, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen.

Die Soldaten führen den Befehl aus und brechen beiden Verurteilten die Beine, als sie jedoch zu Jesus kommen, überzeugen sie sich, dass er bereits gestorben war. Der eine Soldat, der ihn mit einem Speer in die Seite stößt, weiss nicht, dass damit eine prophetische Schriftaussage, welche bereits etwa 450 Jahre zuvor gemacht wurde, erfüllt wird (Sacharia 12,10). Johannes, der nahe am Kreuz steht, wird Augenzeuge von all dem, was mit Jesus gemacht wird – Blut und Wasser fließt aus dem Körper von Jesus heraus. Er wird Augenzeuge, wie Schriftaussagen in solch einer Dichte an Jesus in Erfüllung gehen. Er bestätigt in schriftlicher Form die Wahrheit des Geschehens, damit Glauben geweckt und gestärkt wird.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Worum sind die Hohenpriester bemüht, was ist ihnen wichtig?
  2. Was geschieht (oder geschieht nicht) wenn sich Christen in verschiedene Äußerlichkeiten verfangen?
  3. Wie oder wodurch erfüllt Gott, was er durch Propheten vorausgesagt hat?
  4. Wozu dienen die Prophetien, was ist ihr Zweck und Ziel?
  5. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Brechen von Beinen (was bei Jesus nicht gemacht wurde) und dem Abendmahlsbrot?

 

10.36.3 Die Grablegung von Jesus

Der Evangelist Lukas schreibt über die Grablegung von Jesus folgendes:

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte.“ (Lk 23,50-53).

Pilatus erreicht ein seltsames Eilanliegen: ein wohlbekannter, reicher Ratsherr: Josef aus dem Ort Arimathäa bittet um eine würdige Bestattung des gehenkten Jesus von Nazaret. Josef wird uns als ein frommer aber heimlicher Jünger von Jesus geschildert, der von Furcht erfüllt, sich noch bis vor kurzem im Verborgenen hielt. Doch in dem nächtlichen Prozess stimmt er (wahrscheinlich zusammen mit Nikodemus) offen gegen den Beschluß des Hohen Rates. Höchstwahrscheinlich war er Zeuge der Kreuzigung geworden. An diesem Abend trifft er eine weitere mutige Entscheidung und entschließt sich Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen, um ihn nach jüdischer Sitte möglichst schnell aber auch würdevoll zu bestatten. Damit bekennt sich jetzt Josef vor Heiden und Juden öffentlich zu Jesus! Keine Zeit ist nun zu verlieren, denn der Tag neigt sich dem Ende zu. Pilatus ist erstaunt über den schnellen Tod von Jesus und lässt sich diesen vom herbeigerufenem Hauptmann bestätigen. Dann erteilt er die Erlaubnis zur Herausgabe des Leichnams (Mk 15,44). In der angesagten Eile vor dem anbrechenden Sabbat entschließt sich Josef zur Bestattung in seine, eigentlich für ihn selbst, vorgesehene Grabhöhle in der niemand zuvor bestattet war. So schreibt der Evangelist Matthäus: „(…) und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.“ (Mt 27,60).

 

Diese Grabhöhlen sind dem Leser dieser Ausarbeitung schon von der Bestattung des Lazarus bekannt. Der Evangelist Johannes ergänzt dazu: „Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.“ (Joh 19,39). So eilt Josef und wahrscheinlich auch Nikodemus zum Kreuz, nehmen den Leichnam von Jesus ab indem sie die  Nägel aus den Händen und den Füßen herausziehen. Dann wickeln sie  ihn wie üblich in ein Leinentuch und tragen ihn zur Grabhöhle. Dort wird er wahrscheinlich in einem Eilverfahren gereinigt und gesalbt und anschließend in Leinentücher eingewickelt. Das Haupt wird mit einem besonderen Tuch umbunden, wie später der Evangelist Johannes beschreibt (Joh 20,7). Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch Johannes der Jünger an der Abnahme des Leichnams vom Kreuz und der Bestattung beteiligte, hatte er sich bis jetzt nicht geschämt für seinen Meister, warum hätte er bei diesem Dienst tatenlos den anderen nur zugeschaut? Aber auch die Frauen sind Josef und Nikodemus zur Grabhöhle gefolgt. Ja, wieder sind es die Frauen, die Jesus treu auch auf der letzten Strecke begleiten. Maria aus Magdala und Maria, Mutter des Joses, und andere Frauen beobachten aus nächster Nähe, wo und wie der Leichnam bestattet wird. So schreibt der Evangelist: „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an (strahlte auf). Es folgten aber die Frauen nach, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa, und beschauten das Grab und wie sein Leib hineingelegt wurde. Sie kehrten aber um und bereiteten wohlriechende Öle und Salben. Und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.“ (Lk 23,54-56). Auch hier fällt auf, dass über die Jünger nichts gesagt wird, wohl aber über die Frauen, die nicht einfach in ihrer Traurigkeit versanken, sondern aus Ergebenheit und Liebe, von ganz pragmatischen Überlegungen her Jesus bis zur Bestattung begleiteten. Sie beschließen schon dort, später zu einer ordentlichen Salbung des Körpers hierher zurück zu kommen.

Abbildung 24 Grabstein im sogenannten Gartengrab in Jerusalem (Foto: April 1986).

Eilig rollt Josef einen großer Stein vor den Eingang des Grabes. Dann eilen alle zurück in die Stadt und in ihre Unterkünfte. Sie ruhten nach dem Gesetz am Sabbat.

Auch über die Bestattung des Messias hat der Prophet Jesaja eine Aussage gemacht: „Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“ (Jes 53,9). Allerdings stellen wir zwischen der Prophetie des Jesaja und der Erfüllung eine Schwierigkeit fest, denn Josef war zu diesem Zeitpunkt nicht gottlos und auch kein Übeltäter. Es sei denn, dass damit die allgemeine Sündhaftigkeit und Gottferne aller Menschen (auch des Josef) hervorgehoben wird. „Bei Gottlosen“ (im Plural) meint vielleicht auch das allgemeine Umfeld der Begräbnisstätte und nicht den Josef als Einzelnen, der mit seiner Tat seine Glaubensbeziehung zu Jesus bezeugte.

Auch der Apostel Paulus bestätigt später, dass Jesus begraben wurde gemäß den Schriften (1Kor 15,4). Jesus hat bereits während seines Dienstes in Galiläa den kritisch eingestellten Pharisäern von seiner Grablegung vorausgesagt und erinnert an die einmalige Geschichte des Jona (Mt 12,40; Jona 2,1). Dann erklärte er, dass der Menschensohn ebenso drei Tage und drei Nächte inmitten der Erde sein wird. Die Wendung „drei Tage und drei Nächte“ bedeutet nicht zwingend volle 72 Stunden. Jeder noch nicht zu Ende gegangener Nacht/Tag sowie gerade begonnener Nacht/Tag werden als volle Nacht/Tage gerechnet (der Vergleich von Mt 16,21 mit Mk 8,31 sowie Mt 27,63 macht dies deutlich).

 

10.36.4 Tage-Tabelle (Hebräisch)

Für den Bibelleser kann es etwas verwirrend sein, wenn es um die Tageszeiten geht, welche die Evangelöisten angeben. Folgende Erklärung kann eine Orientierung geben.

Der jüdische Tag beginnt (auch heute noch) mit dem Sonnenuntergang. So lesen wir in 1Mose 1,2ff: „Da war aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Den lichten Teil des Tages zählte man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, was etwa 12 Stunden ausmachte. So sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Hat nicht der Tag zwölf Stunden?“  (Joh 11,9). Daher geben die meisten Autoren der neutestamentlichen Schriften diese lichte Tageszeiten an. So ist die dritte Stunde des Tages = ca. 9 Uhr morgens, die elfte Stunde ca. 17 Uhr (Mt 20,3-9; Apg 2,15). Ähnlich rechnete man auch für die zwölf Stunden der Nacht, so in Apostelgeschichte 23,23: „dritte Stunde der Nacht“ = zwischen 21-22 Uhr. Nur der Evangelist Johannes scheint gelegentlich von dieser Tageszählweise wegzukommen (Joh 19,14).

 

Demnach war Jesus nur ca. 38 Stunden Tot und verbrachte ca. 35 Stunden im Grab. Schon der Psalmist David sagte durch den Heiligen Geist voraus dass der Messias nicht wie andere Menschen der Verwesung überlassen wird: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (verwese).“ (Psalm 16,9-10; Apg 2,25; 13,35).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was halten wir von heimlichen Nachfolgern/Gläubigen?
  2. Was bewegt die beiden Ratsherren an Karfreitag?
  3. Was bedeutet es, etwas weertvolles, das man für sich bereitet hatte, an einen anderen abzutreten? Josef ahnte ja nicht, dass er sein Felsengrab wieder zurückbekommen wird.
  4. Wie bewerten wir die Treue der Frauen – besonders der Maria aus Magdala?
  5. Wo und was wurde über die Bestattung von dem Messias vorhergesagt?
  6. Was ist über den Körper des Messias vorausgesagt worden?

 

10.36.5 Die Versiegelung und Bewachung des Grabes

(Bibeltexte: Mt 27,62-66)

Bei dieser Geschichte kommt nur der Evangelist Matthäus zu Wort, er schreibt:

Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.“ (Mt 27,62-66).

Am folgenden Tag (das heißt am Sabbat) melden sich noch mal die jüdischen Leiter (Hohepriester und Pharisäer) bei Pilatus. Sie erinnern sich an Worte des getöteten Rabbis Jesus: „Ich will nach drei Tagen auferstehen.“ (Mt 27,63). Woher haben sie diese Information? Wenn Jesus über seinen Tod und Auferstehung sprach, tat er es meistens im Kreis seiner Jünger. Seine bildhafte Rede in Bezug auf seinen Tod und Auferstehung aus Johannes 2,19 haben sie ja nicht verstanden. Doch bei einer anderen Gelegenheit bekamen sie von Jesus selbst (wenn auch nur einen indirekten) Hinweis zu seinem Begräbnis und seiner Auferstehung: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein“ (Mt 12,39-40; 16,1. 4;  Mk 8,11-12;  Lk 11,29-30). Natürlich glaubten sie nicht daran, doch aus der Verdorbenheit ihres eigenen Herzens lasten sie den arglosen und völlig verängstigten Jüngern etwas an, was sie wahrscheinlich in deren Situation selber tun würden. Sie wollen damit einer für sie bösen Überraschung vorbeugen. Dass sich ihre Vorsorge und Sicherheitsmaßnahme gegen sie selbst als Falle heraustellen wird, kam ihnen zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn.

Für die Bewachung des Grabes hätten sie genug eigenes Wachpersonal von der Tempelwache beauftragen können, doch die Gekreuzigten sind von den Römern verurteilt worden und somit waren diese auch für deren Leichname zuständig. Pilatus zeigt sich auch hier großzügig, lässt sich nicht auf Diskussionen ein und stellt den jüdischen Führern eine Wachmannschaft zur Verfügung. Die Soldaten werden vor dem Grab postiert und zusätzlich wird der Stein am Eingang zum Grab versiegelt. Die ganze Aktion, einschließlich der Versiegelung des Grabes, ist eigentlich Arbeit am Sabbat, doch gegenüber sich selbst sind die Pharisäer und Hohenpriester nachsichtig, nicht so gegen andere (Joh 5,10). Im Gegensatz zu ihnen ist das Verhalten der Frauen gesetzeskonform (Lk 23,56).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was wurde in alttestamentlichen Schriften über die Bestattung des Messias und die Dauer seines Todes gesagt?
  2. Was war die Sorge der Hohenpriester und Pharisäer? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten (Apg 23,8)?
  3. Pilatus geht auf die Bitte der jüdischen ´Führung anscheinend sofort ein. Wie lässt sich das erklären?

 

10.36.6 Die Tage der Trauer für die Jünger von Jesus

Für die Juden ist dieser Sabbat ein großer Festtag, nicht so für die Jünger von Jesus. Was diese in der Zeit empfinden, wissen wir  aus den Worten von Jesus, die er am Vorabend seiner Hinrichtung den Jüngern sagte:

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh 16,16-22).

Die Begriffe: weinen, klagen und trauern, drücken sehr deutlich den emotionalen Zustand der Jünger aus während dieser drei Tage. Auch der Evangelist Markus bestätigt das Weinen und Leid tragen der Jünger: „Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.“ (Mk 16,10; dazu auch Lk 24,17). Eine große Traurigkeit legte sich auf die Jünger, denn ihre Erwartungen und Hoffnungen dass „er Israel erlösen wird“ haben sich so nicht erfüllt (Lk 24,21). Nicht Unglaube insgesamt, aber doch mangelnder Glaube waren für diese Verzagtheit der Grund und die Ursache. So sagte Jesus fast vorwurfsvoll den zwei Jüngern unterwegs nach Emmaus: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!“ (Lk 24,25). Doch soll dieser Glaubensmangel und der daraus entstandene Zustand der Traurigkeit nicht lange andauern. Ihre Traurigkeit wird bald von der immerwährenden Freude abgelöst werden, welche niemand von ihnen mehr wegnehmen kann.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe den emotionalen Zustand der Jünger von Jesus während der drei Tage.
  2. Was war der Hauptgrund, die Hauptursache für ihre Verzagtheit?
  3. Wie geht Jesus als ihr Hirte und Seelsorger mit den Schwachheiten seiner Jünger um?
  4. Welche Perspektive stellt Jesus seinen Jüngern bereits im Vorfeld in Aussicht?
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Mensch, ärgere dich nicht

Mensch, ärgere dich nicht – Petrus, ein Ärgernis für Jesus?!

Mensch, ärgere dich nicht – Pharisäer und Schriftgelehrte

Mensch, ärgere dich nicht – Simon Petrus

Mensch, ärgere dich nicht – Johannes der Täufer

Bibeltext: Ev. Matthäus 11,1-6

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GOLGATHA-Schädelstätte und die Begräbnisstätte

10.35 Golgatha

(Bibeltexte: Mt 27,32-56;  Mk 15,21-41;  Lk 23,27-49; Joh 19,17-37)

Hier die videobotschaft von Ulrich Rohmann vom Freitag, 10. April:

Wieder wird Jesus entkleidet – diesmal ziehen sie ihm das Purpurgewand aus (wahrscheinlich auch die Dornenkrone) – und sie ziehen dem wohl stark Geschwächten seine eigene Kleidung an. Nach römischem Recht müssen zwischen Urteil und Vollstreckung zwei Tage liegen – doch diese Regel scheint wie auch manch andere bei diesem Provinzprozess nicht beachtet zu werden. Der Verurteilte wird unter der Leitung von einem Centurion (Hauptmann über 100, bzw. 80 Soldaten), von vier Soldaten, die mit  Hammer, Nägeln, Holz und Nahrung für die Mannschaft zum Hinrichtungsplatz geführt.

 

10.35.1 Und Jesus trug sein Kreuz, oder war es Simon?

Der Ev. Johannes, der den Prozessverlauf am detailliertesten aufgezeichnet hat, schreibt: „Sie nahmen ihn aber und er trug sein Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha.“ (Joh 19,16b-17).

Der Text des Ev. Matthäus lautet:

Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er ihm sein Kreuz trug. (Mt 27,32). Der Ev. Markus ergänzt:  „(…) Simon von Kyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage (nachtrage).“ (Mk 15,21;  Lk 23,26).

Gelegentlich wird von Kritikern der Evangelienberichte in diesem Abschnitt ein Widerspruch gesehen und hervorgehoben. Dabei ist die Lösung des scheinbaren Widerspruchs so einfach. Zuerst trägt Jesus sein Kreuz selbst, wie es üblich war in solchen Fällen. Der Zug verlässt das Prätorium des Statthalters (ehemalige Residenz von Herodes dem Großen) in nördlicher Richtung. Dann verlassen sie die Stadt entweder im Westen (Genna-Tor) oder im Norden (Damaskus-Tor). Es geht bergauf. Jesus ist körperlich sehr geschwächt, nicht allein wegen der schlaflosen Nacht, sondern auch wegen den vielen körperlichen Misshandlungen. Wahrscheinlich bricht er unter der Last des Kreuzes zusammen. Da kommt es zur Begegnung mit Simon aus Kyrene (heute Libyen). Ungewöhnlicherweise kommt er am Festtag vom Feld her. Der Ev. Markus nennt die Namen seiner Söhne, die später in der Gemeinde bekannt sind (Mk 15,21;  Röm 16,13). Er wird von der Wachmannschaft gezwungen Jesus die Last des Kreuzes abzunehmen und für ihn und hinter ihm nachzutragen. Was für eine einmalige Erfahrung für Simon – das Kreuz von Jesus und für Jesus zu tragen! Eigentlich wäre ein anderer Simon drangewesen dies zu tun. Die Treuebekundung wurde von jenem am Vorabend gemacht: „Er (Simon Petrus) aber sprach zu ihm: Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ (Lk 22,33).

Diese römische Exekutionsart – Kreuzigung – eigentlich aus Phönizien importiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzigung) – wird von Juden zutiefst verabscheut (5Mose 21,23;  Gal 3,13). Zwei weitere Verurteilte ebenfalls mit ihrer jeweiligen Wachmannschaft gesellen sich zu diesem traurigen Zug. Die Verurteilten haben üblicherweise das Holzkreuz oder ein Teil davon zu tragen. Es gibt drei Kreuzformen:

– das Andreaskreuz crux decussata (in X-Form)

– das T-Kreuz crux commissa

das Lateinische Kreuz crux immissa (in +-Form)

Wir denken mit Justin dem Märtyrer und Irenäus an die letzte Form. Hier ist dann auch Platz zur Anbringung der Tafel an der Spitze über dem Haupt des Gekreuzigten.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Simon – ein Beispiel für unfreiwillige Nachfolge.Was empfindet ein Mensch, wenn er zu etwas beschämendem gezwungen wird?
  2. Was erfahren wir über Simons Familie?
  3. Wofür steht das Kreuz als Symbol?
  4. Was bedeutet es für uns sein eigenes Kreuz auf sich zu nehmen und Jesus nachzutragen, nachzufolgen, wohin denn? Wie ist es, wenn uns ein fremdes Kreuz auferlegt wird und gibt es so etwas?
  5. Was ist der Unterschied zwischen: das Kreuz auf sich täglich zu nehmen (Lk 9,23) und: das Joch von Jesus auf sich zu nehmen (Mt 11,28-30)?

 

10.35.2 Jesus wendet sich an die weinenden Frauen

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen, die klagten und beweinten ihn. Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach: Ihr Töchter von Jerusalem, weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in der man sagen wird: Selig (glückselig) sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben, und die Brüste, die nicht genährt haben! Dann werden sie anfangen zu sagen zu den Bergen: Fallt über uns!, und zu den Hügeln: Bedeckt uns! Denn wenn man das tut am grünen Holz, was wird am dürren werden? (Lk 23,27-31).

Der Evangelist Lukas erwähnt eine Menschenmenge – besonders Frauen, die Jesus klagend und weinend durch die Stadt bis zum Hinrichtungsplatz vor die Stadt hinausbegleiten. Es sind sehr oft gerade Frauen, die in der Geschichte eine viel größere Offenheit gegenüber Jesus und dem Evangelium zeigen. Sie zeigen keine Angst vor den Gegnern Jesu und schreiten mutig weinend und klagend in Hörweite hinter Jesus her. Gerade für sie hat Jesus eine besondere Botschaft. Er bleibt stehen und wendet sich um. Der gesamte Zug kommt ins Stocken. Ungewöhnlich, doch aus seiner Person geht eine Würde und Autorität hervor, der sich die Gegner nicht widersetzen vermögen. Seine Worte haben propherischen Inhalt und korrigieren die falsche Denkweise der Frauen. Nicht er soll bemitleidet werden, sondern sie sind mit ihren Kindern die Beklagenswerten. Wegen der Verwerfung des Messias, kommt nicht nur Zorn über dies Volk, sondern auch die Unbeteiligten werden unter den Folgen leiden müssen. Die Prophetie, die Jesus hier ausspricht, ist in Teilen nicht ganz neu. Schon der Prophet Hosea schrieb ähnliche Worte Gottes für seine Generation auf:

Die Höhen des Frevels werden verwüstet, auf denen sich Israel versündigte; Dornen und Disteln wachsen auf ihren Altären. Dann werden sie sagen zu den Bergen: Bedeckt uns!, und zu den Hügeln: Fallt über uns! Israel, du hast seit den Tagen von Gibea gesündigt; dabei sind sie geblieben. (Hosea 10,8-9).

Die Prophetie von Jesus bezieht vordergründig auf die nähere Zukunft – die Zerstörung Jerusalems und das große Leid, welches insbesondere schwangere und stillende Frauen treffen wird (Mt 24,19). „Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Denn es wird große Not auf Erden sein und Zorn über dies Volk kommen.“ (Lk 21,23). In der Tat haben die Bürger von Jerusalem ab dem jüdischen Aufstand im Jahre 66 und während der dreijährigen Belagerung und bis zur endgültigen Eroberung durch die Römer im Jahre 70 unbeschreibliche Not erlitten. Die Prophetie, die Jesus hier ausgesprochen hatte, erfüllte sich. Doch der Inhalt ist weitreichender Natur, da sich diese Aussage zu verschiedenen Zeiten immer wieder erfüllt. Wie der Text in Offenbarung 6,14-17 deutlich macht:

Und der Himmel wich wie eine Schriftrolle, die zusammengerollt wird, und alle Berge und Inseln wurden wegbewegt von ihren Orten. Und die Könige auf Erden und die Großen und die Obersten und die Reichen und die Gewaltigen und alle Sklaven und alle Freien verbargen sich in den Klüften und Felsen der Berge und sprachen zu den Bergen und Felsen: Fallt über uns und verbergt uns vor dem Angesicht dessen, der auf dem Thron sitzt, und vor dem Zorn des Lammes! Denn es ist gekommen der große Tag ihres Zorns und wer kann bestehen?

Nach dieser eindringlichen Botschaft schreitet Jesus weiter hinauf zur Felskuppe genannt `Schädel-Stätte`, Hebräisch: `Golgotha`, Griechisch: `Κρανίου Τόπος`, hinter ihm Simon mit dem Kreuz. Der genaue Ort von Golgatha und der Kreuzigung bleibt wohl unbekannt, sicher aber ist er:

  • außerhalb der Stadtmauern von Jerusalem (Mt 28,11;  Hebr 13,12),
  • in der Nähe der Stadt (Mt 27,38),
  • in der Nähe von Gärten, Gräbern (Joh 19,41),
  • und in der Nähe einer Straße (Mt 27,39).

Als wahrscheinlich wird Golgatha in der Gegend um die sogenannte Grabeskirche lokalisiert. Dieser Ort gilt seit Konstantin dem Großen (1. Hälfte des 4. Jahrhunderts) als der Ort der Kreuzigung, Grablegung und Auferstehung von Jesus. Wahrscheinlich gab es davor auch schon eine lokale Tradition, auf die man sich damals stützte.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was drücken die klagenden Frauen Jerusalems aus? Warum nur Frauen?
  2. Was ist der Inhalt der Botschaft an die Frauen?
  3. Was meint Jesus mit dem „grünen“ und dem „dürren“ Holz?
  4. Wo erfüllten sich die Worte von Jesus in der Geschichte Israels? Wo und wie zu anderen Zeiten?

 

10.35.3 Jesus wird gekreuzigt und verspottet

(Bibeltexte: Mt 27,33-56;  Mk 15,22-41;  Lk 23,33-49;  Joh 19,18-37)

 

Der Ev. Lukas schreibt:

Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!] Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,32-37).

Und der Evangelist Markus hält fest, wann Jesus gekreuzigt wurde: „Und es war die dritte Stunde, als sie ihn kreuzigten.“ (Mk 15,25; vgl. Vers 33-34. 42). Die dritte Stunde bedeutet bei Markus etwa 9 Uhr morgens. Der Evangelist Johannes bemerkt: „Pilatus aber schrieb eine Aufschrift (gr. τίτλος – titlos) und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.“ (Joh 19,19-20).

 

Es fällt auf, dass die Evangelisten nur wenige Einzelheiten zur Kreuzigung aufgeschrieben haben. In Psalm 22 steht geschrieben: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub. Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt; sie haben meine Hände und Füße durchgraben. Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir.“ (Psalm 22,15-18). Beachten wir auf der einen Seite die verbalen Bemerkungen der Vorübergehenden und anschließend der Obersten aus dem Volk, der Schriftgelehrten, Hohenpriester und der Ratsmitglieder. Durch ihren Spott, Schmähung, Lästerung und Hohn wollen sie absichtlich Jesus weh tun, ihn erniedrigen und verletzen. So schreibt der Evangelist Markus:

Und die vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Ha, der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir nun selber (Mt: wenn du Gottes Sohn bist) und steig herab vom Kreuz! Desgleichen verspotteten ihn auch die Hohenpriester (Mt: mit den Ältesten) untereinander samt den Schriftgelehrten und sprachen: Er hat andern geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der Christus,(Lk: der Auserwählte Gottes) der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz, damit wir sehen und glauben. (Mt: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn). Und (Mt: die Räuber) die  mit ihm gekreuzigt waren, schmähten ihn auch. (Mk 15,29-32; Mt 27,39-44; Lk 23,35).

Wir werden an die prophetischen Worte aus Psalm 22,8-9 erinnert: „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf: »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus und rette ihn, hat er Gefallen an ihm

Der Apostel Petrus schrieb später im Rückblick über das Verhalten von seinem Herrn am Kreuz folgende Worte:

(…) er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand; der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde, nicht drohte, als er litt, er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet; der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, der Sünde abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.d. (1Petr 2,22-24).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. An welchem Wochentag und um welche Uhrzeit wurde Jesus gekreuzigt?
  2. Wie verhalten sich die Hohenpriester und Ältesten gegenüber dem leidenden Jesus?
  3. Wie lautete die Aufschrift, welche Pilatus schrieb und über dem Haupt von Jesus anbringen ließ?
  4. Warum lehnt Jesus den von den Soldaten angebotenen Weinessig mit der Myrrhe-Mischung ab?
  5. Warum sind die Evangelisten so zurückhaltend mit Einzelheiten über den Kreuzigungsvorgang? Was bedeutet es für uns?

 

10.35.4 Die Soldaten teilen die Kleider von Jesus unter sich auf

Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! (Lk 23,36-37).

Die Soldaten sind ja Zeugen geworden vom Prozess vor Pilatus und waren beteiligt bei der anschließenden Geißelung im Palasthof des Statthalters. Daher auch ihre Verspottung mit diesen Worten. Die Evangelisten halten zwei spezifische Handlungen der Soldaten fest.

Erste Handlung der Soldaten

Sie geben Jesus Wein mit Myrrhe gemischt zu trinken, doch er nimmt es nicht an  (Mk 15,23). Der Evangelist Matthäus schreibt: „gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und da er’s schmeckte, wollte er nicht trinken.“ (Mt 27,34). Dies könnte eine Anlehnung an Psalm 69,22 sein, dort heißt es: „Sie geben mir Galle (gr. colh/j –cholès) zu essen und Essig zu trinken für meinen Durst.“ Myrrhe wird von dem Myrrhestrauch gewonnen, hat eine gelb-braune Farbe und bitteren Geschmack, wahrscheinlich auch deswegen von dem Evangelisten Matthäus als Galle bezeichnet. Wemm Markus von Wein und Matthäus von Essig spricht, so wird es sich bei diesem Getränk wohl um Weinessig handeln. Vielleicht war es üblich, dass den Verurteilten dieses Getränk als eine Art Betäubungsmittel angeboten wurde. Doch Jesus lehnt es ab, zum einen will er ein ganz klares Denken bis zum Ende bewahren und zum anderen will er selber festlegen, wann er etwas Trinkbares zu sich nehmen will.

Zweite Handlung der Soldaten

Der Evangelist Johannes, der nahe am Kreuz, an der Seite der Maria stand,  hat weitere Einzelheiten festgehalten, wenn er schreibt:

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider  und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten.“ (Joh 19,23-24).

Jesus trug ein Obergewand, welches recht umfangreich gewesen sein musste, da es sich in vier Teile teilen ließ. Dieses Obergewand (gr. imatia) legte er bei der Fußwaschung seiner Jünger ab und umgürtete sich mit einem Lendenschurz (lention Joh 13,4). Den sehr wertvoll gearbeiteten Rock (gr. chitœna) trug Jesus unter dem Obergewand. Sehr wahrscheinlich trugen die Juden auch einen Lendenschurz unter dem Rock. So lesen wir in 2Mose 28,42 von der Bekleidung der Priestersöhne: „Und du sollst ihnen leinene Beinkleider machen, um ihre Blöße zu bedecken, von den Hüften bis an die Schenkel.“ In dem Zusammenhang könnten auch die Aussagen über `Nacktsein` in Markus 14,51-52 und Johannes 21,7 verstanden werden. Der Evangelist Johannes schreibt am Ende dieses Vorgangs: „Das taten die Soldaten“. Sie hatten keine Ahnung, dass ihr Vorgehen bereits eintausend Jahre vorher prophezeit wurde. Gott weiss im voraus, was Menschen tun werden. Und seine Voraussagen haben einen bestimmten Zweck, sie sollen den Glauben und das Vertrauen in Gott stärken. So sagte Jesus in Johannes 13,19: „Jetzt sage ich’s euch, ehe es geschieht, damit ihr, wenn es geschehen ist, glaubt, dass ich es bin.“

Von den Soldaten heißt es danach: „Und sie saßen da und bewachten ihn.“ (Mt 27,36).

 

Das versammelte Volk aber schaute zu. Ein Großteil des versammelten Volkes war seit den frühen Morgenstunden bereits beim Prozess dabei gewesen. Doch es kamen noch viele hinzu, so lesen wir, dass das Volk zu Pilatus hinaufging, um ihn nach der Freilassung eines Gefangenen zu bitten (Mk 15,8).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was tun die Soldaten und was erfüllte sich durch ihre Handlung?
  2. Wie verhält sich die dabeistehende Volksmenge? Sind es nur Schaulustige und Befürworter der Hinrichtung von Jesus?

 

10.35.5 Jesus: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun

Von den sogenannten sieben Worten, bzw. Aussagen Jesu am Kreuz lautet das erste: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Für wen tritt er da in seiner Fürbitte ein? Die hier Handelnden sind ja vordergründig die römischen Soldaten, verständlich, dass sie nicht oder vielleicht nur wenig Ahnung von ihrem Unrecht haben. Aber bittet Jesus auch für die Spötter unter der Ältestenschaft Israels und für das schaulustige Volk? Ja, sicher schließt er in seiner Fürbitte niemand aus. Bereits der Prophet Jesaja sagte vom leidenden Messias voraus: „(…) den Übeltätern gleichgerechnet ist und er die Sünde der Vielen getragen hat und für die Übeltäter gebeten.“ (Jes 53,12b). Und damit bekräftigt und erfüllt er selbst, was er seinen Nachfolgern bereits zu Beginn seines Dienstes aufgetragen hat zu tun: „segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.“ (Lk 6,28). Oder in Matthäus 5,44-45: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“

  • Damit siegt er über das Böse
  • und bietet den Übeltätern Raum zur Umkehr (1Petr 3,9; Röm 12,21; Röm 2,4).
  • Damit besiegt er auch den Bösen. Welch eine göttliche Einstellung und Haltung?

Während Jesus am Kreuz hing, erfüllte sich auch, was er bereits zu Beginn seines Dienstes bei seinem ersten Jerusalembesuch gesagt hatte:

Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Joh 3,15-17).

1Und zum Ende seines Dienstes, ebenfalls in Jerusalem, zeigte er dem gesamten Volk an, welchen Todes er sterben würde.

Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. Das sagte er aber, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. Da antwortete ihm das Volk: Wir haben aus dem Gesetz gehört, dass der Christus in Ewigkeit bleibt; wieso sagst du dann: Der Menschensohn muss erhöht werden? Wer ist dieser Menschensohn? (Joh 12,32-34).

Die Antwort auf ihre Frage bekamen die Menschen nach nur wenigen Tagen. So erkennen wir auch, dass Jesus es mit seinen Voraussagen den Menschen leicht gemacht hat zu glauben. Denn zwischen der Voraussage und der Erfüllung lag nur eine kurze Zeitspanne, so dass die meisten von ihnen die Erfüllung miterleben konnten. Und schon bald werden wir sehen, wie seine Fürbitte geistliche Frucht brachte, indem Menschen umkehrten und ihn als Retter/Erlöser und Christus annahmen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie reagiert Jesus auf den Spott und die Schmähungen der Obersten des Volkes und der Soldaten?
  2. Was motiviert ihn so zu reagieren und was erreicht er damit?
  3. Welche Voraussage von Jesus erfüllte sich, als er am Kreuz hing?

 

10.35.6 Jesus: Heute wirst du mit mir im Paradies sein

(Bibeltexte: Lk 23,39-43; Mt 27,44; Mk 15,32)

 

Der Ev. Lukas schreibt: „Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken (Joh: Jesus aber in der Mitte).“ (Lk 23,33; Joh 19,18). Auch hier setzt sich fort, was Jesus bereits am Vorabend in einem anderen Zusammenhang gesagt hatte: „Denn ich sage euch: Es muss das an mir vollendet werden, was geschrieben steht.“ (Jesaja 53,12): »Er ist zu den Übeltätern gerechnet worden.« Denn was von mir geschrieben ist, das wird vollendet“ (Lk 22,37). Die Evangelisten Matthäus und Markus schildern die Reaktion der Mitverurteilten nur mit einer pauschalen Bemerkung. „Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.“ (Mt 27,44;  Mk 15,32). Dies muß wohl am Anfang gewesen sein. Aber nach und nach erkennt der eine Verurteilte, wer Jesus wirklich ist. Und er ändert seine Gesinnung und auch seine Worte. Der Evangelist Lukas berichtet ausführlich vom Gespräch unter den Todeskandidaten, während ihrer extremen Schmerzen.

Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. (Lk 23,39-43).

Der eine schließt sich der Lästerung der Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten an (Mt 27,41-44) – wissend, dass sie beide als Mitverurteilte schuldig sind, während Jesus unschuldig ist. Dies bringt der andere Verurteilte zum Ausdruck: „dieser aber hat nichts Unrechtes getan.“ (Lk 23,41). Jesus stirbt nicht für ein Verbrechen, noch für eine politischen Bewegung, sondern weil er die Erfüllung der Verheißungen Israels für sich beansprucht. Dies verstehen Menschen meist nur sehr langsam – doch der andere Verurteilte versteht dies plötzlich glasklar: der mit ihm verurteilte Jesus erträgt die Kreuzigung in dieser Weise – weil er der verheissene Messias/Herr ist! Nur er kann im ersten grausamen Schmerz für die Peiniger beten! Nur er kann die Schmähungen so ertragen! Hier kann er sein Erkennen nur noch in diese kurze Bitte fassen: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“

  • Der Mitverurteilte ist sich seiner Schuld bewusst und er bekennt sie auch öffentlich;
  • Der Mitverurteilte erkennt die königliche und göttliche Gestalt von Jesus an, dessen tiefste menschliche Herabsetzung!.
  • Er erkennt Jesus als den König Israels an und zwar nicht auf dem Thron, wie ihn Zeitgenossen erwarteten, sondern am Kreuz.
  • Der Mitverurteilte spricht von dem zukünftigen, doch Jesus antwortet mit dem Heute!
  • Der Mitverurteilte spricht vom Reich – doch Christus spricht vom Paradies in dem beide sein werden. Paradies (gr. παράδισος – paradisos) ist demnach eine auserirdische und zwar göttliche Sphäre in die Jesus bei seinem Tod hineinging und aus der er bei seiner Auferstehung mit einem verklärten Leib hervorging und seinen Jüngern 40 Tage lang erschien bevor er gen Himmel aufgenommen wurde. Es ist demnach auch die Sphäre. in der die verstorbenen Gläubigen die Auferstehung des Leibes erwarten.

Christus lenkt weg von materiellen, diesseitigen Erwartungen, hin zu den tröstenden geistlichen Dimensionen. Nach der Vergebung der Sünden ist für jeden Gläubigen die Tür zum ewigen Himmelreich offen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Erkläre die Unterschiede zwischen den Mitverurteilten? Für welche Gruppen stehen sie heute?
  2. Was ist die „Schächer-Gnade“ – die Gnade kurz vor dem Tod zum Glauben zu kommen?
  3. Welche Botschaft hat Jesus für alle Sünder, die nichts mehr gut machen können?
  4. Was ist die Botschaft für den Mitverurteilten, der seine Schuld einsieht, bekennt und um Gnade bittet?
  5. Was ist wichtig für unsere Seelsorge an Sterbebetten?

 

10.35.7 Jesus: Frau, das ist dein Sohn

Alle vier Evangelisten berichten vom Mut der Frauen, die Jesus bis in die Nähe des Kreuzes begleiten. Der Evangelist Lukas schreibt allgemein: „Es standen aber alle seine Bekannten (Verwandten) von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“ (Lk 23,49). Wir müssen bedenken, dass in dieser Phase die Brüder (Halbbrüder) Jesu von dessen besonderer Sendung noch nicht überzeugt waren (Joh 7,1-5). Der Evangelist Johannes schreibt daher über eine kleinere Gruppe von Frauen, die in Begleitung von Johannes in unmittelbarer Nähe zum Kreuz standen: „Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ (Joh 19,25). Von den vielen Frauen werden vier namentlich genannt:

  1. Die Mutter von Jesus (Joh 19,25;  Mk 15,40). Markus nennt die Mutter Jesu auch als Mutter des Jakobus des kleinen und des Joses (zwei der vier Halbbrüder von Jesus).
  2. Die Schwester seiner Mutter, wahrscheinlich Salome: Ehefrau des Zebedäus und Mutter von Jakobus und Johannes, so der Vergleich von Johannes 19,25 mit Markus 15,40: „(…) unter ihnen Maria von Magdala und Maria, die Mutter Jakobus‘ des Kleinen und des Joses, und Salome.“ (Vgl. auch mit Mt 27,56).
  3. Maria des Kleopas Frau (Joh 19,25). Wahrscheinlich handelt es sich um den Kleopas aus dem Ort Emmaus (Lk 24,18).
  4. Maria aus Magdala ((Joh 19,25;  Mk 15,40;  Mt 27,56).

Wir können uns vorstellen, dass Johannes Jesus in der Nacht (im Gegensatz zu Petrus und den anderen Jüngern) nicht verlassen hat. Dass er noch in der Nacht oder früh am Morgen die Frauen über die Ereignisse während der Nacht informiert hat. Nur so können wir die Präsenz der Frauen am Kreuz erklären. Johannes steht also an der Seite der Frauen, dicht vor dem Kreuz und so erleben sie die besondere Fürsorge des leidenden Jesus. „Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Joh 19,26). Selbstvergessen spricht Jesus aus einer göttlichen Ruhe und ordnet seine Familie neu. Er weiß um die prophetische Aussage des Simeon in Bezug auf Maria – seine Mutter und kennt den Schmerz ihres Herzens (Lk 2,35:  „(…) – und auch durch deine Seele

wird ein Schwert dringen, damit vieler Herzen Gedanken offenbar werden.“). Darum befiehlt er seine Mutter der besonderen Pflege und Aufmerksamkeit durch seinen Lieblingsjünger Johannes. Neffe und Tante sollen in einem besonderen Verhältnis stehen.  Dies löst nicht die Pflichten der anderen Geschwister – sondern erweitert die Verantwortung des Johannes. Dieser ist zur bestimmten Zeit am richtigen Ort. Dass Jesus seine Mutter mit `Frau` anredet, soll uns nicht befremden, redete er sie doch schon am Anfang seines öffentlichen Wirkens so an (Joh 2,4). Trug sie für ihn doch nur eine bestimmte Zeit die Verantwortung und zwar für sein irdisches Wohlbefinden. Sie ist begnadet, Mutter des Menschensohnes zu sein. Ihre Seligkeit (Errettung/Erlösung) erhielt sie durch Glauben aufgrund von Gnade (Lk 1,38. 45).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bewegt die vier Frauen Jesus bis ans Kreuz zu begleiten? Was wissen wir von ihnen?
  2. Was bewegt Johannes allein von allen Jüngern Jesus bis ans Kreuz zu begleiten?
  3. Was drückt Jesus aus, als er seine Beziehung zu seiner Mutter neu ordnet?
  4. Was empfand Maria, die Mutter von Jesus in diesen Stunden? Hatte sie schon früher so etwas geahnt?

 

10.35.8 Das Phänomen der Finsternis

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mt 27,45; Ähnlich auch der Evangelist Markus: „Und zur sechsten Stunde kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde.“ (Mk 15,33). Der Evangelist Lukas ergänzt ein wenig mit der Aussage: „Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde und die Sonne verlor ihren Schein.“ (Lk 23,44-45a).

Dieses Ereignis war kein Naturphänomen, welches sich gelegentlich oder in regelmäßigen Abständen in der Natur ereignet. Die sogenannte totale Sonnenfinsternis, wie wir sie in unregelmäßigen Abständen auf der Erde beobachten können, bei der sich der Mond vor die Sonne schiebt, dauert nur etwa 7-8 Minuten. Dabei wird es keineswegs ganz finster. Die Finsternis am Freitag, des 14. Nisan (3. April 33) war die Folge des außerordentlichen Eingreifens Gottes in die Naturgesetze, ähnlich wie es in Ägypten zur Zeit Moses geschehen war (2Mose 10,21-23). Dort dauerte die totale Finsternis drei Tage und war lokal, auf das von den Ägyptern bewohnte Territorium beschränkt.

Der Prophet Joel sagte eine Verfinsterung der Sonne voraus (Joel 3,4). Der Apostel Petrus erwähnt dieses Zitat des Propheten, ohne jedoch einen konkreten Bezug zum Pfingstgeschehen herzustellen (Apg 2,20). Doch auch Jesus selbst spricht von der Verfinsterung der Sonne kurz vor seiner Wiederkunft (Mt 24,29).

Alle drei synoptischen Evangelisten bezeugen, dass es etwa drei Stunden lang finster war über dem ganzen Land. Die Wendung der Evangelisten: „über das ganze Land“ – epi` pa`san th`n gh`n` – epi pasan t¢n g¢n`, beschränkt sich nicht zwingend auf das Land Palästina, sondern kann sich auch auf die gesamte Erde beziehen.

Zeugnisse der frühen Historiker, welche dieses Phänomen zeitlich und räumlich in ihren Schriften erwähnen:

Ereignisse in Rom 33: Tacitus (römischer Historiker – ca. 58-120), Annalen, vi, 20 ff. Die Finsternis bei der Kreuzigung: Dieses Phänomen ist offenbar in Rom, Athen und anderen Städten am Mittelmeer sichtbar gewesen. Nach Tertullian (christlicher Schriftsteller 150 – ca. 220), Apologeticus, xxi, 20 war es  ein „kosmisches“ oder „Weltereignis“. Phlegon, ein griechischer Autor aus Caria, der bald nach 137 eine Chronologie schrieb, berichtete, dass im Jahr 4. der 202. Olympiade (d.h. A.D. 33) die größte Sonnenfinsternis gewesen und es in der sechsten Stunde des Tages, d.h. mittags, stockdunkel geworden sei, so dass selbst die Sterne am Himmel sichtbar wurden. (Paul L. Maier, „ Pilatus, sein Leben und seine Zeit nach Dokumenten“, Seite 363, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Nenne einige Beispiele aus der Schrift, wo von außergewöhnlicher Finsternis die Rede ist?
  2. Welche Bedeutung hat Finsternis in der Bibel?
  3. Warum trat diese dreistündige Finsternis  deiner Meiunung nach ein?
  4. Nenne einige Zeugnisse aus der Weltliteratur, welche dieses besondere Phänomen bezeugen?

 

10.35.9 Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Von dem Einsetzen der Finsternis, etwa um 12 Uhr mittags, bis kurz vor dem Sterben Jesu, gegen 15 Uhr, scheint eine Stille eingetreten zu sein. Bei dieser Finsternis wurde jede Arbeit im Tempel unmöglich und jedes Lästern unter dem Kreuz verstummte.

Vielleicht gegen Ende der Finsternis rief Jesus mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe! (Mt 27,46-49; Mk 15,34).

Jesus schreit zu Gott. Der, aus dem Hebräischen, ins Griechische übertragene Text des Evangelisten Matthäus lautet: hli hli, lema sabacqani? tou`t` e`stin: qee`, mou qee` mou, inati me e,nkate`lipej – ¢li ¢li, lema sabachthani? touto estin: thee mou, thee mou, inati me enkatelipes`? Markus hat in der Anrede die Schreibweise: elwi elwi, – elöi elöi, gewählt und so auch ins Griechische übertragen. Höchstwahrscheinlich hat Jesus dieses Gebet in Hebräisch gerufen, warum sollte er sich auch an den Vater wenden in einer anderen Sprache, als der, in der sich Gott dem Volk Israel in schriftlicher Form geoffenbart hatte? Allerdings ist er von einigen Dabeistehenden missverstanden worden. Eli hat im Hebräischen die Bedeutung von `mein Gott`, so in den Namen Eli-melech (mein Gott ist König), Eli-ja (mein Gott ist Jachwe) erkennbar. Merkwürdig, dass die Schriftgelehrten oder deren Diener (es waren keineswegs die römischen Soldaten) eher an den Propheten Elia, als Helfer in Not und nicht an Gott selbst denken.

Diese Hinwendung zu Gott erinnert uns an das Gebet Davids aus dem Psalm 22,2a: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Warum betet Jesus hier so?

  • Hat ihn Gott wirklich verlassen? Hat er nicht kurze Zeit davor seinen Jüngern gesagt: „Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.“ (Joh 8,29).
  • Hat Jesus sich vielleicht nur verlassen gefühlt – empfindungsmäßige Gottferne?
  • Wenn er aber verlassen wurde, dann für wie lange und warum?

Der griechische Begriff: `enkate`lipej  – enkatelipes `, der auch in Psalm 22,2a (LXX: Ps 21) verwendet wird, kommt auch bei Paulus in 2Timotheus 4,10 und 16 vor. Einmal wurde der Apostel von seinem Mitarbeiter Demas verlassen und bei seinem ersten Verhör verließen in alle. Paulus empfand hier, dass er von seinen Mitarbeitern im Stich gelassen wurde, so ähnlich wie auch Martha empfand, von Maria allein gelassen worden zu sein (Lk 10,40). Das Wort kann auch den Sinn haben von `zurück lassen`, so in Apg 18,19 – Priszilla und Aquila werden in Ephesus zurückgelassen und Paulus wird als Gefangener in Cäsarea zurückgelassen (Apg 24,27).

In Römer 9,29 und 11,4 (mit Bezug auf Jes 1,10; 1Kön 19,10) wird der gleiche Begriff  `me enkate`lipej – me enkatelipesmich verlassen` in der gleichen grammatischen Form gebraucht, allerdings geht hier die Initiative von Gott aus, bzw. es wird aus seiner Sicht gesprochen. „Hätte uns der Herr Zebaoth nicht übriggelassen“ oder „Ich habe mir übrig gelassen siebentausend“. Und da ist der Gedanke von – Gott hat für sich aufbewahrt.

Könnte es sein, dass Jesus sich als Menschensohn allein gelassen empfand, aber aus Gottes Sicht der Übriggelassene war, der Aufbewahrte, der Geschützte, über den Gott seine Hand gehalten hatte? So in Hebräer 13,5: „Niemals werde ich dich verlassen“.

Vielleicht liegt das Geheimnis des von `Gott verlassen sein` auch in der Anrede: „Mein Gott, mein Gott`. Als göttlicher Sohn des Vaters konnte er nicht verlassen werden, war er doch nach dem Geist unsterblich, aber als Menschensohn in seinem physischen Leben (Psyche/Seele Joh 10,18) sterblich. Er nahm ja die gesamte Schuld der Menschheit auf sich und so mußte es zur Trennung von dem Heiligen Gott kommen, wahrscheinlich die drei Stunden, in denen es Finster war.  Ja, Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber, doch in den physischen Tod ging der Sohn Gottes als Menschensohn, ganz allein – der Sohn starb, nicht der Vater. Das war wohl der größte Schmerz, den Jesus jemals empfand. Die gesamte Last der Sünden lag auf ihm: „Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.“ (Jes 53,6).

  • Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5).
  • Er wurde zum Fluch: „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben (5. Mose 21,23): »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt« (Gal 3,13),
  • Das Kreuz als Symbol des Todes: „der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“ (1Petr 2,24).
  • Er litt und starb stellvertretend für alle: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“ (2Kor 5,21).
  • Es war ein Triumpfzug: „Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.“ (Kol 2,15).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum wendet sich Jesus zu seinem Vater mit der Anrede `Gott`?
  2. Was bedeutet der Ruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
  3. Welche Inhalte birgt das griechische Wort für `verlassen`?
  4. Was empfand Jesus in diesen letzten Minuten seines physischen Lebens?
  5. Hast du dich mal verlassen gefühlt? Wie empfandest du dabei?
  6. Was hilft uns, damit wir aus einer Art Depression wieder herauskommen können?

 

10.35.10 Jesus: Mich dürstet

Der Ev. Johannes schreibt als Einziger von diesem Ausruf:

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied. (Joh 19,28-30).

Wahrscheinlich spricht Jesus hier in Kurzform das aus, was in Psalm 22,15-16 in Bezug auf den leidenden Messias vorausgesagt wurde: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, / alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.“ (vgl. auch das durstige Verlangen des Leidenden in Psalm 42,3; 63,2; 143,6). Ja, Jesus war ein Mensch, wie alle Menschen und empfand Durst und er gab es auch zu. Den Ausruf: „Mich dürstet“ sprach Jesus sehr wahrscheinlich gleich nach dem Ausruf: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ aus. So der Zusammenhang in Matthäus 27,46-49 und Markus 15,34 „Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, lasst uns sehen, ob Elia komme und ihm helfe!“  Dieser eine, der ihn tränkte war wohl ein Soldat, die anderen eher aus der Gruppe der Führenden Israels, welchen die alttestamentlichen Geschichten über Elia wohl vertraut waren. Einner der Soldaten taucht einen Schwamm in das Gefäß mit Essig (Weinessig) steckt ihn auf einen etwa 50 cm langen Ysopzweig und hält ihn Jesus vor den Mund. Jetzt nimmt Jesus das angebotene Getränk zu sich, am Anfang des Kreuzesleidens hatte er es abgelehnt (Mt 27,34; Mk 15,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet der Ausruf: „Mich dürstet?“ Sagt er dies nur, damit die Schrift erfüllt wird, oder empfand er tatsächlich Durst?
  2. Warum lehnte er das Getränk ab, als es ihm am Anfang angeboten wurde?
  3. Hast du mal wirklichen Durst erlebt? Wie und was empfandest du dabei?
  4. Was löscht am meisten den Durst?

 

10.35.11 Jesus: Es ist vollbracht (vollendet)

Die Evangelisten Matthäus und Markus sind sehr kurz in ihren Berichten über die letzten Minuten des Lebens von Jesus. Sie schreiben: „Aber Jesus schrie abermals laut und verschied.“ (Mt 27,50; Mk 15,37). Die Verwandten und Bekannten von Jesus, einschließlich Matthäus und auch Markus, waren zwar Zeugen der Kreuzigung, doch standen sie in einiger Entfernung und hörten demnach Jesus nur laut schreien. Doch dieses laute Schreien war der kulminative Ausdruck seines gesamten Dienstes und die Vollendung des Heilsplanes, welches ihm vom Vater aufgetragen war.

Der Evangelist Johannes jedoch, der in unmittelbarer Nähe zum Kreuz stand, hat genau gehört was Jesus so laut schrie, er schreibt: „Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht (…).“ (Joh 19,30a-b). Die kurzen Worte „Es ist vollbracht“ sind im Griechischen ein Wort: `tete`lestaitetelestai `. Diesen Begriff gebraucht Johannes in dieser grammatischen Form nur zweimal (Joh 19,28.30). Doch er drückt etwas als abgeschlossen, erfüllt, vollendet aus. Man könnte auch mit `es ist vollendet` oder  „es ist erfüllt“,übersetzen, da ihm die Wortwurzel `telos` als Ende, Erfüllung zugrunde liegt. Um was ging es, was ist denn nun vollendet, was ist erfüllt wordem? In einigen Stellen kommt durch den Gebrauch dieses Wortes zum Ausdruck, was für Jesus der Hauptinhalt seines Dienstes darstellte. So sagt er zu seinen Jüngern am Jakobsbrunnen: „Meine Speise ist die, dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat, und vollende `teleiw`sw teleiösö sein Werk.“  (Joh 4,34). Und zu den Pharisäern in Jerusalem sagt er: „Ich aber habe ein größeres Zeugnis als das des Johannes; denn die Werke, die mir der Vater gegeben hat, damit ich sie vollende `teleiw`sw teleiösö“, eben diese Werke, die ich tue, zeugen von mir, dass mich der Vater gesandt hat.“ (Joh 5,36). Und am Ende seines Dienstes, im Gebet zum Vater sagt er: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet `teleiw`saj teleiösas` das du mir gegeben hast, damit ich es tue.“ (Joh 17,4). Das große und umfassende Werk beinhaltete viele einzelne Taten und Worte – nichts hat Jesus ausgelassen.

Das Kreuz, der Tod von Jesus ist sozusagen der Abschluss und die Zusammenfassung seines Lebenswerkes.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutet die Aussage von Jesus: „Es ist vollbracht“?
  2. Welche Auswirkungen für uns Menschen hat das vollbrachte Werk Christi am Kreuz?
  3. Wie und was empfindest du nach einer gelungenen und abgeschlossenen Arbeit?

 

 

10.35.12 Jesus: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist

Das sind die eigentlichen letzten Worte von Jesus am Kreuz. Nur der Ev. Lukas hat sie aufgeschrieben. So schreit Jesus noch ein letztesmal laut: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Da Jesus sich in seinem lauten Rufen „mich dürstet“ und „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ auf Aussagen in den Psalmen stützt, ist anzunehmen, dass auch sein letzter lauter Ausruf ebenfalls den Psalmen entnommen ist. In Psalm 31,6 heißt es: „In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.“

An dieser Stelle ist es angebracht zu betonen, dass der Geist von Jesus Christus nicht in die sogenannten `untersten Örter der Erde` hinabgestiegen ist, sondern in den treuen und allmächtigen Händen des Vaters,  bis zur Auferstehung am dritten Tage, aufbewahrt wurde.

Die Zusage an den bußfertigen Mann am Kreuz: „Wahrlich ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ bestätigt zusätzlich, dass Jesus (sein Geist) sich während seines physischen Todes in göttlicher Sphäre befand (Lk 23,43).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie lauten die letzten Worte von Jesus am Kreuz und wo kommen diese im Alten Testament vor?
  2. Wie gehen wir mit verschiedenen Spekulationen über den Aufenthalt von Jesus während der drei Tage um?
  3. Was können wir mit Gewissheit zum Aufenthalt des Körpers von Jesus und seinem Geist während der drei Tage sagen?

 

10.35.13 Der Tod von Jesus am Kreuz – wie und warum starb Jesus?

Der Tod von Jesus am Kreuz ist eine historische Tatsache, die von den meisten neutestamentlichen Autoren vielfach und detailliert beschrieben wird. Wie wir bereits gesehen haben, geben die Texte der Evangelien in ihrer Zusammenfassung und Reihenfolge Aufschluß über die letzten Minuten im Leiden von Jesus. Nachdem er seinen Geist in die Hände seines Vaters übergeben hatte, heißt es bei Johannes: „Als nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht!, und neigte das Haupt und verschied.“ (Joh 19,30). Und der Evangelist Lukas ergänzt: „Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er.“ (Lk 23,46). Bis dahin hielt Jesus sein Haupt aufrecht, er konnte alle und alles sehen und er nahm auch alles bewusst wahr was gesagt wurde. Doch reagierte er nicht auf die vielfältigen Schmähungen und Lästerungen von Menschen, sondern konzentrierte sich in seinen letzten Stunden allein auf die Erfüllung der Schriften enstsprechend dem Willen seines Vaters. Er erkannte, dass nun alles erfüllt war, was über ihn und von ihm vorausgesagt wurde. Sein physischer Tod tritt nicht vorrangig wegen körperlichem Versagen ein. Diese Beobachtung wird durch folgende Aussagen bestätigt:

  1. Die Soldaten waren über den schnellen Tod von Jesus überrascht. „Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht (…).“ (Joh 19,33).
  2. Als Josef von Arimathäa den Statthalter um den Leichnam von Jesus bittet, ist dieser über dessen schnellen Tod sehr erstaunt. „Pilatus aber wunderte sich, dass er schon tot sei, und rief den Hauptmann und fragte ihn, ob er schon lange gestorben sei?“ (Mk 15,44).
  3. Über sein physisches Leben (gr. yuch` – psych¢) sagt Jesus: „Niemand nimmt es  von mir, sondern ich selber lasse es. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wieder zu nehmen. Dies Gebot habe ich empfangen von meinem Vater.“ (Joh 10,18).

Warum Jesus letztlich gestorben ist, war die Sündenschuld aller Menschen, die er auf sich nahm, wie es schon der Prophet Jasaja vorausgesagt hatte:

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wer aber kann sein Geschick ermessen? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat meines Volks geplagt war. (Jes 53,4-8).

In diesem Text werden acht Aussagen, die das stellvertretende Leiden und Sterben von Jesus für sein Volk, hervorgehoben. Auch die Apostel bestätigen in ihren Predigten und Schriften den freiwilligen und  stellvertretenden Tod von Jesus als das Lamm Gottes (Joh 1,29;  Gal 1,4;  Röm 5,6. 8;  1Kor 15,3;  1Petr 1,18-21;  1Joh 2,2).

Bemerkenswert ist auch die letzte Aussage von Jesus: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“. Sein Leib wird von treuen Menschen in ein Felsengrab gelegt, seinen Geist jedoch übergibt er in die Hände des Vaters. Diese klare Übergabe des Geistes in die Hände (Obhut) seines himmlischen Vaters steht im krassen Gegensatz zu den vielfältigen Spekulationen über den Verbleib oder die Tätigkeiten von Jesus während der drei Tage.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum ist die Verkündigung des physischen Todes von Jesus als historische Tatsache so wichtig? Von welchen Menschen wird diese Tatsache angezweifelt oder gar abgelehnt?
  2. Wo und wie ist das Sterben des Messias im Alten Testament vorausgesagt oder vorausgebildet worden?
  3. Warum und wodurch unterscheidet sich das Sterben Jesu vom Sterben aller anderen Menschen?
  4. Welche positiven Auswirkungen hat der Tod Christi für uns?

 

 

10.36 Zwischen Tod und Auferstehung

(Bibeltexte: Mt 27,50-66; Mk 15,37-47; Lk 23,46-56; Joh 19,30-42)

In der Zeit zwischen dem Tod von Jesus am Freitagnachmittag und seiner Auferstehung am frühen Morgen des ersten jüdischen Wochentages hat sich vieles ereignet. Diese einzelnen Ereignisse wollen wir in diesem Abschnit der Reihe nach kennenlernen.

 

10.36.1 Die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus

Es scheint, als ob die Begleiterscheinungen beim Tod von Jesus nicht genug Beachtung bekommen. Dabei geht es nicht nur um das Naturereignis – Erdbeben, sondern auch um die Reaktionen der Menschen, sowohl unter den Juden als auch unter den Heiden.

 

Der Vorhang im Tempel zerreist und die Erde erbebt

So Berichtet der Evangelist Markus: „Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“ (Mk 15,38; Lk 23,45). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen (…).“ (Mt 27,51).

Die Naturkräfte sind dem Willen Gottes unterworfen und er kann sie so präzise einsetzen und lenken, dass sie als Zeichen für die Menschen offensichtliche Wirkung zeigen, aber auch in Grenzen tätig sind. Während Felsen zerbarsten, blieben die drei Kreuze stehen (vgl. dazu auch Apg 16,26). Dieses Ereignis blieb nicht ohne Wirkung auf die Menschen. So schreibt Matthäus: „Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 27,54). Beachten wir, dass nicht nur der Hauptmann, sondern auch seine Soldaten dieses Bekenntnis aussprechen. Der Evangelist Markus formuliert etwas differenzierter, indem der Hauptmann den Tod von Jesus bestätigt, was in seiner Verantwortung lag (Mk 15,44): „Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mk 15,39). Der Evangelist Lukas hebt hervor, das der Hauptmann mit seinem Bekenntnis Gott verherrlichte: „Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries (verherrlichte) er Gott und sprach: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“ (Lk 23,47). Somit erkannte und bekannte der Hauptmann:

  1. Dass Jesus ein gerechter Mensch war und
  2. Dass Jesus Gottes Sohn war.

 

Die Hohenpriester, welche zu der Zeit im Tempel den Opferdienst für das Passahfest versahen, wurden Augen- und Ohrenzeugen eines Ereignisses, das sie in großes Erstaunen, vielleicht sogar in Erschrecken versetzt haben muss. Der kunstvoll gewebte Vorhang, der im Tempel das sogenannte `Heilige` von dem `Allerheiligsten` trennte, zerriss in zwei Stücke und zwar von oben nach unten (Mt 27,51; vgl. dazu auch 2Mose 26,31-33; 40,21; 1Kön 6,2-31). Dies zeigt an:

  1. Dass es nicht von Menschenhand geschah
  2. Dass der Zugang zum Allerheiligsten, der bis dahin nur dem Hohenpriester vorbehalten war, nun frei ist für alle
  3. Dass die Gegenwart Gottes nicht mehr in dem sogenannten `Allerheiligsten` zu finden ist

Genau genommen, endete in diesem Augenblick die Bestimmung des von Menschenhand gebauten Tempels mit seinem Opferdienst. So schreibt der Hebräerbriefschreiber: „Denn Christus ist nicht eingegangen in das Heiligtum, das mit Händen gemacht und nur ein Abbild des wahren Heiligtums ist, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesicht Gottes zu erscheinen.“ (Hebr 9,24). Auch heißt es dort von Jesus: „Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für alle Mal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben.“ (Hebr 9,12).

Doch die Führung Israels erkannte dieses offensichtliche Zeichen nicht und so lief der Opferdienst im Tempel durch die Priester weiter, jedoch ohne die ursprüngliche Wirkung – der Vergebung der Sünden und Versöhnung des Volkes mit Gott.

 

Die Reaktion des Volkes

Der Evangelist Lukas schreibt als Einziger: „Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.“ (Lk 23,48). Mit diesen knappen Worten beschreibt der Evangelist die Reaktion des Volkes, das zuschaute und alles mitbekam was geschah. Das sich ´an die Brust schlagen` drückt mindestens `Einsicht und Reue` aus, wenn man dazu das Verhalten des Zöllners vergleicht (Lk 18,13).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Sind Erdbeben (oder auch andere Naturereignisse) immer ein Zeichen Gottes an die Menschen?
  2. Wie reagieren Menschen heute auf Naturkatastrophen?
  3. Warum waren gerade Nichtjuden oft empfänglicher für Wahrheit und Glauben?
  4. Welche Bedeutung und Maße hatte der innere Vorhang im Tempel und warum ließ Gott ihn zerreisen?
  5. Wie lässt sich die Reaktion des Volkes bewerten?

 

10.36.2 Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen

Der Evangelist Johannes, der in unmittelbarer Nähe des Kreuzes stand und somit Augenzeuge folgender Ereignisse wurde, schreibt dazu:

Weil es aber Rüsttag war und die Leichname nicht am Kreuz bleiben sollten den Sabbat über – denn dieser Sabbat war ein hoher Festtag -, baten die Juden Pilatus, dass ihnen die Beine gebrochen und sie abgenommen würden. Da kamen die Soldaten und brachen dem Ersten die Beine und auch dem andern, der mit ihm gekreuzigt war. Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Soldaten stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus. Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist wahr, und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, damit auch ihr glaubt. Denn das ist geschehen, damit die Schrift erfüllt würde (2.Mose 12,46): »Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.« Und wiederum sagt die Schrift an einer andern Stelle (Sacharja 12,10): »Sie werden den sehen, den sie durchbohrt haben.« (Joh 19,32-37).

Der Evangelist betont die Bedeutung des auf den Freitag (Rüsttag, Vorbereitungstag) folgenden großen Sabbat, der sozusagen entheiligt würde, wenn Leichname Gekreuzigter an den Kreuzen hängen blieben. Wir sehen, auf was damals die frommen Juden geachtet haben. Auf die Einhaltung äußerer Reinmheitsvorschriften legten sie großen Wert. Das Recht, die Barmherzigkeit, die Liebe und der Glaube blieben dabei sehr oft auf der Strecke (Joh 18,28; Hosea 6,6; Mt 12,7; 23,23). Doch auch diesen menschlichen Eingriff in das Geschehen um den Tod von Jesus, wendet Gott dahin, dass die prophetischen Voraussagen auf  den Christus zu ihrer Erfüllung kommen. Denn bereits in Ägypten, etwa 1500 Jahre zuvor, ordnete Gott durch Mose an, dass dem Passahlamm keine Knochen gebrochen werden dürfen (2Mose 12,46). Ging es Gott damals um die Opferlämmer, oder vielmehr um seinen Sohn, der als das wahre Lamm Gottes zu seiner Zeit sterben ürde? Was für eine weise Vorausschau Gottes. Übrigens heißt es bei der Einsetzung des Bundesmahls durch Jesus: „Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird“, also nicht gebrochen wird. Das Brot jedoch wurde gebrochen (Mt 26,26-28).

An diesem Tag kommt Pilatus nicht zur Ruhe, ständig wird er von den Hohenpriestern um etwas angegangen.

  • Bereits am frühen Morgen wegen dem Prozess und der Verurteilung von Jesus.
  • Kurz danach wegen der Aufschrift „Jesus von Nazaret, der Juden König“, die sie geändert haben wollten.
  • Jetzt am Spätnachmittag: Lass ihnen die Beine brechen, damit sie sterben und von den Kreuzen abgenommen werden können.
  • Am nächsten Tag: Lass das Grrab bewachen, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen.

Die Soldaten führen den Befehl aus und brechen beiden Verurteilten die Beine, als sie jedoch zu Jesus kommen, überzeugen sie sich, dass er bereits gestorben war. Der eine Soldat, der ihn mit einem Speer in die Seite stößt, weiss nicht, dass damit eine prophetische Schriftaussage, welche bereits etwa 450 Jahre zuvor gemacht wurde, erfüllt wird (Sacharia 12,10). Johannes, der nahe am Kreuz steht, wird Augenzeuge von all dem, was mit Jesus gemacht wird – Blut und Wasser fließt aus dem Körper von Jesus heraus. Er wird Augenzeuge, wie Schriftaussagen in solch einer Dichte an Jesus in Erfüllung gehen. Er bestätigt in schriftlicher Form die Wahrheit des Geschehens, damit Glauben geweckt und gestärkt wird.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Worum sind die Hohenpriester bemüht, was ist ihnen wichtig?
  2. Was geschieht (oder geschieht nicht) wenn sich Christen in verschiedene Äußerlichkeiten verfangen?
  3. Wie oder wodurch erfüllt Gott, was er durch Propheten vorausgesagt hat?
  4. Wozu dienen die Prophetien, was ist ihr Zweck und Ziel?
  5. Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Brechen von Beinen (was bei Jesus nicht gemacht wurde) und dem Abendmahlsbrot?

 

10.36.3 Die Grablegung von Jesus

Der Evangelist Lukas schreibt über die Grablegung von Jesus folgendes:

Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt. Er war aus Arimathäa, einer Stadt der Juden, und wartete auf das Reich Gottes. Der ging zu Pilatus und bat um den Leib Jesu und nahm ihn ab, wickelte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch nie jemand gelegen hatte.“ (Lk 23,50-53).

Pilatus erreicht ein seltsames Eilanliegen: ein wohlbekannter, reicher Ratsherr: Josef aus dem Ort Arimathäa bittet um eine würdige Bestattung des gehenkten Jesus von Nazaret. Josef wird uns als ein frommer aber heimlicher Jünger von Jesus geschildert, der von Furcht erfüllt, sich noch bis vor kurzem im Verborgenen hielt. Doch in dem nächtlichen Prozess stimmt er (wahrscheinlich zusammen mit Nikodemus) offen gegen den Beschluß des Hohen Rates. Höchstwahrscheinlich war er Zeuge der Kreuzigung geworden. An diesem Abend trifft er eine weitere mutige Entscheidung und entschließt sich Jesus einen letzten Liebesdienst zu erweisen, um ihn nach jüdischer Sitte möglichst schnell aber auch würdevoll zu bestatten. Damit bekennt sich jetzt Josef vor Heiden und Juden öffentlich zu Jesus! Keine Zeit ist nun zu verlieren, denn der Tag neigt sich dem Ende zu. Pilatus ist erstaunt über den schnellen Tod von Jesus und lässt sich diesen vom herbeigerufenem Hauptmann bestätigen. Dann erteilt er die Erlaubnis zur Herausgabe des Leichnams (Mk 15,44). In der angesagten Eile vor dem anbrechenden Sabbat entschließt sich Josef zur Bestattung in seine, eigentlich für ihn selbst, vorgesehene Grabhöhle in der niemand zuvor bestattet war. So schreibt der Evangelist Matthäus: „(…) und legte ihn in sein eigenes neues Grab, das er in einen Felsen hatte hauen lassen, und wälzte einen großen Stein vor die Tür des Grabes und ging davon.“ (Mt 27,60).

 

Diese Grabhöhlen sind dem Leser dieser Ausarbeitung schon von der Bestattung des Lazarus bekannt. Der Evangelist Johannes ergänzt dazu: „Es kam aber auch Nikodemus, der vormals in der Nacht zu Jesus gekommen war, und brachte Myrrhe gemischt mit Aloe, etwa hundert Pfund.“ (Joh 19,39). So eilt Josef und wahrscheinlich auch Nikodemus zum Kreuz, nehmen den Leichnam von Jesus ab indem sie die  Nägel aus den Händen und den Füßen herausziehen. Dann wickeln sie  ihn wie üblich in ein Leinentuch und tragen ihn zur Grabhöhle. Dort wird er wahrscheinlich in einem Eilverfahren gereinigt und gesalbt und anschließend in Leinentücher eingewickelt. Das Haupt wird mit einem besonderen Tuch umbunden, wie später der Evangelist Johannes beschreibt (Joh 20,7). Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich auch Johannes der Jünger an der Abnahme des Leichnams vom Kreuz und der Bestattung beteiligte, hatte er sich bis jetzt nicht geschämt für seinen Meister, warum hätte er bei diesem Dienst tatenlos den anderen nur zugeschaut? Aber auch die Frauen sind Josef und Nikodemus zur Grabhöhle gefolgt. Ja, wieder sind es die Frauen, die Jesus treu auch auf der letzten Strecke begleiten. Maria aus Magdala und Maria, Mutter des Joses, und andere Frauen beobachten aus nächster Nähe, wo und wie der Leichnam bestattet wird. So schreibt der Evangelist: „Und es war Rüsttag und der Sabbat brach an (strahlte auf). Es folgten aber die Frauen nach, die mit ihm gekommen waren aus Galiläa, und beschauten das Grab und wie sein Leib hineingelegt wurde. Sie kehrten aber um und bereiteten wohlriechende Öle und Salben. Und den Sabbat über ruhten sie nach dem Gesetz.“ (Lk 23,54-56). Auch hier fällt auf, dass über die Jünger nichts gesagt wird, wohl aber über die Frauen, die nicht einfach in ihrer Traurigkeit versanken, sondern aus Ergebenheit und Liebe, von ganz pragmatischen Überlegungen her Jesus bis zur Bestattung begleiteten. Sie beschließen schon dort, später zu einer ordentlichen Salbung des Körpers hierher zurück zu kommen.

Abbildung 13 Grabstein im sogenannten Gartengrab in Jerusalem (Foto: April 1986)

Eilig rollt Josef einen großer Stein vor den Eingang des Grabes. Dann eilen alle zurück in die Stadt und in ihre Unterkünfte. Sie ruhten nach dem Gesetz am Sabbat.

Auch über die Bestattung des Messias hat der Prophet Jesaja eine Aussage gemacht: „Und man gab ihm sein Grab bei Gottlosen und bei Übeltätern, als er gestorben war, wiewohl er niemand Unrecht getan hat und kein Betrug in seinem Munde gewesen ist.“ (Jes 53,9). Allerdings stellen wir zwischen der Prophetie des Jesaja und der Erfüllung eine Schwierigkeit fest, denn Josef war zu diesem Zeitpunkt nicht gottlos und auch kein Übeltäter. Es sei denn, dass damit die allgemeine Sündhaftigkeit und Gottferne aller Menschen (auch des Josef) hervorgehoben wird. „Bei Gottlosen“ (im Plural) meint vielleicht auch das allgemeine Umfeld der Begräbnisstätte und nicht den Josef als Einzelnen, der mit seiner Tat seine Glaubensbeziehung zu Jesus bezeugte.

Auch der Apostel Paulus bestätigt später, dass Jesus begraben wurde gemäß den Schriften (1Kor 15,4). Jesus hat bereits während seines Dienstes in Galiläa den kritisch eingestellten Pharisäern von seiner Grablegung vorausgesagt und erinnert an die einmalige Geschichte des Jona (Mt 12,40; Jona 2,1). Dann erklärte er, dass der Menschensohn ebenso drei Tage und drei Nächte inmitten der Erde sein wird. Die Wendung „drei Tage und drei Nächte“ bedeutet nicht zwingend volle 72 Stunden. Jeder noch nicht zu Ende gegangener Nacht/Tag sowie gerade begonnener Nacht/Tag werden als volle Nacht/Tage gerechnet (der Vergleich von Mt 16,21 mit Mk 8,31 sowie Mt 27,63 macht dies deutlich).

 

10.36.4 Tage-Tabelle (Hebräisch)

Für den Bibelleser kann es etwas verwirrend sein, wenn es um die Tageszeiten geht, welche die Evangelöisten angeben. Folgende Erklärung kann eine Orientierung geben.

Der jüdische Tag beginnt (auch heute noch) mit dem Sonnenuntergang. So lesen wir in 1Mose 1,2ff: „Da war aus Abend und Morgen der erste Tag.“ Den lichten Teil des Tages zählte man von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, was etwa 12 Stunden ausmachte. So sagte Jesus zu seinen Jüngern: „Hat nicht der Tag zwölf Stunden?“  (Joh 11,9). Daher geben die meisten Autoren der neutestamentlichen Schriften diese lichte Tageszeiten an. So ist die dritte Stunde des Tages = ca. 9 Uhr morgens, die elfte Stunde ca. 17 Uhr (Mt 20,3-9; Apg 2,15). Ähnlich rechnete man auch für die zwölf Stunden der Nacht, so in Apostelgeschichte 23,23: „dritte Stunde der Nacht“ = zwischen 21-22 Uhr. Nur der Evangelist Johannes scheint gelegentlich von dieser Tageszählweise wegzukommen (Joh 19,14).

 

Demnach war Jesus nur ca. 38 Stunden Tot und verbrachte ca. 35 Stunden im Grab. Schon der Psalmist David sagte durch den Heiligen Geist voraus dass der Messias nicht wie andere Menschen der Verwesung überlassen wird: „Darum freut sich mein Herz, und meine Seele ist fröhlich; auch mein Leib wird sicher liegen. Denn du wirst mich nicht dem Tode überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe (verwese).“ (Psalm 16,9-10; Apg 2,25; 13,35).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was halten wir von heimlichen Nachfolgern/Gläubigen?
  2. Was bewegt die beiden Ratsherren an Karfreitag?
  3. Was bedeutet es, etwas weertvolles, das man für sich bereitet hatte, an einen anderen abzutreten? Josef ahnte ja nicht, dass er sein Felsengrab wieder zurückbekommen wird.
  4. Wie bewerten wir die Treue der Frauen – besonders der Maria aus Magdala?
  5. Wo und was wurde über die Bestattung von dem Messias vorhergesagt?
  6. Was ist über den Körper des Messias vorausgesagt worden?

 

10.36.5 Die Versiegelung und Bewachung des Grabes

(Bibeltexte: Mt 27,62-66)

Bei dieser Geschichte kommt nur der Evangelist Matthäus zu Wort, er schreibt:

Am nächsten Tag, der auf den Rüsttag folgt, kamen die Hohenpriester mit den Pharisäern zu Pilatus und sprachen: Herr, wir haben daran gedacht, dass dieser Verführer sprach, als er noch lebte: Ich will nach drei Tagen auferstehen. Darum befiehl, dass man das Grab bewache bis zum dritten Tag, damit nicht seine Jünger kommen und ihn stehlen und zum Volk sagen: Er ist auferstanden von den Toten, und der letzte Betrug ärger wird als der erste. Pilatus sprach zu ihnen: Da habt ihr die Wache; geht hin und bewacht es, so gut ihr könnt. Sie gingen hin und sicherten das Grab mit der Wache und versiegelten den Stein.“ (Mt 27,62-66).

Am folgenden Tag (das heißt am Sabbat) melden sich noch mal die jüdischen Leiter (Hohepriester und Pharisäer) bei Pilatus. Sie erinnern sich an Worte des getöteten Rabbis Jesus: „Ich will nach drei Tagen auferstehen.“ (Mt 27,63). Woher haben sie diese Information? Wenn Jesus über seinen Tod und Auferstehung sprach, tat er es meistens im Kreis seiner Jünger. Seine bildhafte Rede in Bezug auf seinen Tod und Auferstehung aus Johannes 2,19 haben sie ja nicht verstanden. Doch bei einer anderen Gelegenheit bekamen sie von Jesus selbst (wenn auch nur einen indirekten) Hinweis zu seinem Begräbnis und seiner Auferstehung: „Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein“ (Mt 12,39-40; 16,1. 4;  Mk 8,11-12;  Lk 11,29-30). Natürlich glaubten sie nicht daran, doch aus der Verdorbenheit ihres eigenen Herzens lasten sie den arglosen und völlig verängstigten Jüngern etwas an, was sie wahrscheinlich in deren Situation selber tun würden. Sie wollen damit einer für sie bösen Überraschung vorbeugen. Dass sich ihre Vorsorge und Sicherheitsmaßnahme gegen sie selbst als Falle heraustellen wird, kam ihnen zu dem Zeitpunkt nicht in den Sinn.

Für die Bewachung des Grabes hätten sie genug eigenes Wachpersonal von der Tempelwache beauftragen können, doch die Gekreuzigten sind von den Römern verurteilt worden und somit waren diese auch für deren Leichname zuständig. Pilatus zeigt sich auch hier großzügig, lässt sich nicht auf Diskussionen ein und stellt den jüdischen Führern eine Wachmannschaft zur Verfügung. Die Soldaten werden vor dem Grab postiert und zusätzlich wird der Stein am Eingang zum Grab versiegelt. Die ganze Aktion, einschließlich der Versiegelung des Grabes, ist eigentlich Arbeit am Sabbat, doch gegenüber sich selbst sind die Pharisäer und Hohenpriester nachsichtig, nicht so gegen andere (Joh 5,10). Im Gegensatz zu ihnen ist das Verhalten der Frauen gesetzeskonform (Lk 23,56).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was wurde in alttestamentlichen Schriften über die Bestattung des Messias und die Dauer seines Todes gesagt?
  2. Was war die Sorge der Hohenpriester und Pharisäer? Glaubten sie an die Auferstehung der Toten (Apg 23,8)?
  3. Pilatus geht auf die Bitte der jüdischen ´Führung anscheinend sofort ein. Wie lässt sich das erklären?

 

10.36.6 Die Tage der Trauer für die Jünger von Jesus

Für die Juden ist dieser Sabbat ein großer Festtag, nicht so für die Jünger von Jesus. Was diese in der Zeit empfinden, wissen wir  aus den Worten von Jesus, die er am Vorabend seiner Hinrichtung den Jüngern sagte:

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet. Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. (Joh 16,16-22).

Die Begriffe: weinen, klagen und trauern, drücken sehr deutlich den emotionalen Zustand der Jünger aus während dieser drei Tage. Auch der Evangelist Markus bestätigt das Weinen und Leid tragen der Jünger: „Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten.“ (Mk 16,10; dazu auch Lk 24,17). Eine große Traurigkeit legte sich auf die Jünger, denn ihre Erwartungen und Hoffnungen dass „er Israel erlösen wird“ haben sich so nicht erfüllt (Lk 24,21). Nicht Unglaube insgesamt, aber doch mangelnder Glaube waren für diese Verzagtheit der Grund und die Ursache. So sagte Jesus fast vorwurfsvoll den zwei Jüngern unterwegs nach Emmaus: „O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!“ (Lk 24,25). Doch soll dieser Glaubensmangel und der daraus entstandene Zustand der Traurigkeit nicht lange andauern. Ihre Traurigkeit wird bald von der immerwährenden Freude abgelöst werden, welche niemand von ihnen mehr wegnehmen kann.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Beschreibe den emotionalen Zustand der Jünger von Jesus während der drei Tage.
  2. Was war der Hauptgrund, die Hauptursache für ihre Verzagtheit?

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Abbildung 13 Grabstein im sogenannten Gartengrab in Jerusalem (Foto: April 1986)

 

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Der Prozess vor Pontius Pilatus und vor Herodes Antipas

10.34 Der Prozess vor Pontius Pilatus und vor Herodes Antipas

(Bibeltexte: Mt 27,1-30;  Mk 15,1-20;  Lk 23,1-25;  Joh 18,29-19,16)

Hier das Video:

Der gesamte Gerichtsprozess vor dem römischen Statthalter Pilatus wird, wie der Evangelist Lukas berichtet, durch ein Verhör vor Herodes Antipas unterbrochen. Es ist ein Versuch, den Prozessablauf nach den Texten aller vier Evangelien zu rekonstruieren, um ein vollständigeres Bild zu bekommen.

 

10.34.1 Die Auslieferung an den Statthalter Pilatus

Der Evangelist Matthäus schreibt dazu:

Am Morgen aber fassten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volkes den Beschluss über Jesus, ihn zu töten, und sie banden ihn, führten ihn ab und überantworteten ihn dem Statthalter Pilatus. (Mt 27,1-2;  Mk 15,1;  Lk 23,1;  Joh 18,29).

Diesen Vorgang hatte Jesus seinen Jüngern bereits vor mehr als einem halben Jahr vorausgesagt. So lesen wir in Markus 10,33:

Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Menschensohn wird überantwortet werden den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, und sie werden ihn zum Tode verurteilen und den Heiden überantworten.

Zur Zeit des öffentlichen Wirkens von Jesus, war Pontius Pilatus der Statthalter (Präfekt) von Judäa, Idumäa und Samarien. Er war de facto der oberste Richter in diesen Regionen, war jedoch dem syrischen Legaten unterstellt. Dieses Amt hatte er von 26-36 n. Chr. inne. Der Evangelist Johannes ergänzt die Übergabe, bzw. Auslieferung von Jesus an den Statthalter Pilatus mit den Worten:

Da führten sie Jesus von Kaiphas zum Prätorium; es war früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. (Joh 18,29).

Das Prätorium war der Sitz des römischen Statthalters, wenn er sich in Jerusalem aufhielt. Durch seine Anwesenheit während der Feste war die Gefahr eines bewaffneten Aufstandes gemindert. Im Prätorium wurde auch Gericht gehalten und zwar nach römischem Recht. Dieser Platz war sozusagen heidnisches Territorium und galt den Juden als unrein. Daher warteten die Ankläger draußen. Auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften waren sie  bedacht, nicht jedoch auf das gerechte Urteil im Falle von Jesus.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was war die Begründung für die Verurteilung Jesu zum Tode?
  2. Warum achteten die Hohenpriester an diesem Tag besonders auf die Einhaltung der Reinheitsvorschriften?
  3. Wer ist Pilatus und warum hält er sich in Jerusalem auf?

 

10.34.2 Judas bereut seine Tat und begeht Selbstmord

Der Evangelist Matthäus berichtet als Einziger der vier Evangelisten über das Ende des Judas Iskatiot, der Jesus ausgeliefert hatte. Doch auch Petrus erwähnt diese traurige Episode in der Apostelgeschichte und zwar im Zusammenhang mit der Wahl des Matthias zum Apostel an Stelle von Judas (Apg 1,15-20). Der Text in Matthäus 27,3-10 liest sich wie ein Einschub. Nach diesem Text ist das Ende des Judas zeitlich nach der Verurteilung Jesu durch den Hohen Rat und vor dem Verhör beim Statthalter einzuordnen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als Judas, der ihn verraten hatte, sah, dass er zum Tode verurteilt war, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberlinge den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sprach: Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe. Sie aber sprachen: Was geht uns das an? Da sieh du zu! Und er warf die Silberlinge in den Tempel, ging fort und erhängte sich. Aber die Hohenpriester nahmen die Silberlinge und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir sie in den Gotteskasten legen; denn es ist Blutgeld. Sie beschlossen aber, den Töpferacker davon zu kaufen zum Begräbnis für Fremde. Daher heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht: »Sie haben die dreißig Silberlinge genommen, den Preis für den Verkauften, der geschätzt wurde bei den Israeliten, und sie haben das Geld für den Töpferacker gegeben, wie mir der Herr befohlen hat« (Jeremia 32,9;  Sacharja 11,12-13).

Besonders dem Evangelisten Matthäus liegt es am Herzen, bestimmte Ereignisse im Leben von Jesus mit entsprechenden Prophetien aus dem Alten Testament zu verknüpfen. Dadurch wird nicht nur die gute Bibelkenntnis des Evangelisten deutlich, sondern in besonderer Weise die Führung durch den Heiligen Geist. Beachten wir, dass Judas Reue empfand und bestimmte Schritte unternahm.

  • Er ging zu den Hohenpriestern
  • Er bekannte vor ihnen: „Ich habe Unrecht getan, dass ich unschuldiges Blut verraten habe.
  • Er brachte die dreißig Silberstücke zurück und warf sie in den Tempel

Ihn reute (gr. μεταμεληθείς – metameletheis) seine Tat, weil er mit solch einem Ausgang wahrscheinlich nicht gerechnet hatte. Die Reue  ist ein wichtiger Schritt, doch Judas tat keine Buße. Es tat ihm zwar Leid, er fühlte sich sehr unwohl, aber bis zur echten Buße, der Sinnesänderung (gr. μετανόια – metanoia), kam er nicht.

Die Reaktion der Priester ist verblüffend: „Was geht uns das an? Da sieh du zu!Die Seelsorger des Volkes kümmern sich nicht um die Gewissensnot ihres Komplizen. So kommt Judas in die Verzweiflung und mit dem Teufel/Satan im Herzen beendet er sein Leben (Joh 13,2; 27).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Judas bereute seine Tat, was bewirkte dies?
  2. Warum war er nicht mehr fähig zur echten Buße/Umkehr?
  3. Bewerte das Verhalten der Hohenpriester gegenüber Judas?

10.34.3 Das erste Verhör vor Pilatus

Da kam Pilatus zu ihnen heraus und fragte: Was für eine Klage bringt ihr gegen diesen Menschen vor? Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten ihn dir nicht überantwortet. (Joh 18,30).

Die Antwort der jüdischen Führung  ist pauschal und hört sich ziemlich arrogant an. Pilatus hat nach einem klaren und für die Römer nachvollziehbaremn Anklagepunkt gefragt. Als er diesen zunächst nicht bekommt, weist er die Angelegenheit an die Juden zurück.

Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn hin und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Wir dürfen niemand töten.

Und der Evangelist Johannes sieht darin einen Zusammenhang:

So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. (Joh 18,31-32; 12,32-33).

Durch die Aussage der Juden: „Wir dürfen niemand töten“, konnte Pilatus merken, dass es sich um eine Anklage zum Tode handelt. Nun werden die Anklagepunkte konkreter. Der Evangelist Lukas ergänzt dazu:

(…) und fingen an, ihn zu verklagen, und sprachen: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk aufhetzt und verbietet, dem Kaiser Steuern zu geben, und spricht, er sei Christus, ein König. (Lk 23,2).

Die Anklagepunkte sind also:

  • Volksaufhetzung,
  • Steuerverweigerung,
  • Selbstbezeichnung als Christus/Messias/Gesalbter,
  • Selbstbezeichnung als König.

 

Pilatus hört Jesus an

Der Evangelist Johannes berichtet im folgenden Text über die Anhörung von Jesus und zwar im Inneren des Prätoriums, das heißt, dass die Juden draußen dieses Gespräch gar nicht mitbekamen.

Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und fragte ihn: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus oder haben dir’s andere über mich gesagt? Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt. Da fragte ihn Pilatus: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? (Joh 18,33-38a;  Mt 27,11;  Mk 15,2;  Lk 23,3).

Von den vier Anklagepunkten interessiert Pilatus nur einer: „Bist du der König der Juden?“ Die anderen drei Punkte scheint er den Juden nicht abzunehmen. Jesus lässt Pilatus seine Erhabenheit spüren, indem er diesen nach der Informationsquelle fragt. Dies ist in einem Gerichtsprozess ungewöhnlich, denn in der Regel stellte der Angeklagte keine Fragen an den Richter. Dass der Angeklagte sich nicht fürchtet, spürt Pilatus sehr deutlich und diese mutige Haltung von Jesus ärgert und beeindruckt ihn zugleich. So entfaltet sich ein inhaltsvolles Gespräch, Jesus bezeugt seine Souveränität als König, dessen Reich von anderer Beschaffenheit ist als die Reichssysteme dieser Welt. Jesus ist die Wahrheit und er redet Wahrheit. Diese Botschaft trifft Pilatus ins Innere, denn Wahrheit kannte er nicht. Was er kannte, waren Heuchelei, politische Intrigen, Korruption, Selbstsucht, Machtgier. Wahrheit und Gerechtigkeit wurde auch im Römischen Reich allzu oft nach Bedarf definiert und angewendet. Das Ganze erhielt dann eine offizielle und gesetzmäßige Form. Hinter der Frage des Pilatus: „Was ist Wahrheit?“ steht die traurige Erfahrung, dass das gesamte Leben in den Reichssystemen dieser Welt (auch in Israel) von Ungerechtigkeit und Lüge durchdrungen war. Doch in diesem Fall kann er eindeutig erkennen, dass von Jesus keine politische Gefahr für die römischen Behörden ausgeht.

 

Pilatus findet keine Schuld an Jesus

 

Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm.“ (Joh 18,38b). Auch der Evangelist Lukas schreibt: „Pilatus sprach zu den Hohenpriestern und zum Volk: Ich finde keine Schuld an diesem Menschen. (Lk 23,4).

Als erfahrener Richter hat Pilatus ein sachlich gutes Empfinden für Schuld oder Unschuld. Wie so oft im Leben ist der erste Eindruck der Richtige. Dachte Pilatus, dass die Angelegenheit damit beendet sei? Aber die Hohenpriester und der Ältestenrat gaben so schnell nicht auf.

 

Jesus schweigt zu den Anklagen der Hohenpriester

Die Juden wiederholen ihre Anklagepunkte. „Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten verklagt wurde, antwortete er nichts.“ (Mt 27,12;  Mk 15,3). Jesus macht auch hier keinen Gebrauch von seinem Recht, sich zu verantworten oder zu verteidigen. „Pilatus aber fragte ihn abermals: Antwortest du nichts? Siehe, wie hart sie dich verklagen! Jesus aber antwortete nichts mehr, sodass sich Pilatus verwunderte.“ (Mk 15,4-5). Der Evangelist Matthäus ergänzt: „Und er antwortete ihm nicht auf ein einziges Wort.“ (Mt 27,13-14). Es scheint, als ob sein Schweigen sie noch mehr aufbringt. Sie greifen den ersten Anklagepunkt wieder auf und nennen seine Lehrtätigkeit, die sich nicht nur auf Judäa, sondern auch auf Galiläa erstreckte.

Sie aber wurden noch ungestümer und sprachen: Er wiegelt das Volk auf damit, dass er lehrt hier und dort in ganz Judäa, angefangen von Galiläa bis hierher. Als aber Pilatus das hörte, fragte er, ob der Mensch aus Galiläa wäre. Und als er vernahm, dass er ein Untertan des Herodes war, sandte er ihn zu Herodes, der in diesen Tagen auch in Jerusalem war. (Lk 23,5-7).

Pilatus konnte aufatmen, denn die Juden haben ihm über Jesus eine Information geliefert, aufgrund derer er die, für ihn ohnehin unangenehme Gerichtsangelegenheit, an Herodes abgeben konnte. Jener war für Jesus, als einen galiläischen Bürger, juristisch zuständig. Die Priesterschaft und der Ältestenrat mitsamt ihrer Dienerschaft machen sich auf den Weg zum Vierfürsten Herodes, um dort ihre Anklagen gegen Jesus vorzutragen.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Welche Anklagepunkte bringen die Hohenpriester gegen Jesus vor? Was ist an ihnen dran?
  2. Für welchen der vier Anklagepunkte interessiert sich Pilatus und warum?
  3. Es erstaunt, dass Jesus den Pilatus in ein tiefes Gespräch hineinführt, warum?
  4. Welche Unterschiede erkennst du zwischen den Reichen dieser Welt und dem Reich Gottes?
  5. Die Frage nach Wahrheit bewegte Pilatus, doch wie ging er in der konkreten Situation damit um?
  6. Wie bewertet Pilatus die Anklagen der Juden gegen Jesus?
  7. Warum ist Pilatus sichtlich erleichtert, als er hört, dass Jesus aus Galiläa kommt?

 

10.34.4 Jesus vor Herodes Antipas

Herodes Antipas bekam einen vierten Teil des Gebietes, welches sein Vater Herodes der Große beherrschte. So unterstand ihm ganz Galiläa, dazu Peräa, ein kleineres Gebiet im Ostjordanland auf der Höhe von Jericho im Nordosten des Toten Meeres. Seine Residenz in Galiläa war Sephoris, etwa acht Kilometer nordwestlich von Nazaret gelegen. Seine Präsenz am Passahfest in Jerusalem war eher religionspolitisch motiviert als aus echter Frömmigkeit. Doch was er seit geraumer Zeit wünschte, erfüllte sich überraschend. Hier ist es wieder nur der Evangelist Lukas, der diese Episode als Ergänzung zu dem gesamten Gerichtsprozess beschreibt.

Als aber Herodes Jesus sah, freute er sich sehr; denn er hätte ihn längst gerne gesehen; denn er hatte von ihm gehört und hoffte, er würde ein Zeichen von ihm sehen. (Lk 23,8).

Zunächst freut sich Herodes Jesus endlich zu sehen. Gehört hatte er über ihn schon viel und seine Neugier wurde immer wieder geweckt. Übernahm er doch die Auffassung einiger aus dem Volk: Johannes der Täufer sei von den Toten auferstanden und daher wirkten in ihm solche Kräfte (Lk 9,7;  Mt 14,2). Er scheint wenig an einem rechtsmäßigen und ordentlichen Gerichstprozess interessiert zu sein. Wie auch die Juden aus der Pharisäer- und Sadduzäerpartei, so will auch er Zeichen sehen (Mt 16,1). Doch lässt sich Jesus niemals in selbstsüchtige Wünsche oder gar Vorderungen von Menschen einspannen. Herodes bewegt nicht die Buße zu Gott wegen seines gottlosen und unmoralischem Lebensstils, sondern Neugier, vielleicht sogar gewisse Erwartung auf Rechtfertigung seines Handelns. Und so ungeordnet verläuft auch das Verhör. Der Evangelist Lukas fährt in seinem Bericht fort: „Und er fragte ihn viel. Er aber antwortete ihm nichts.“ (Lk 23,9). Inzwischen ist für uns das Schweigen von Jesus nicht mehr ungewöhnlich. „Die Hohenpriester aber und Schriftgelehrten standen dabei und verklagten ihn hart.“ (Lk 23,10). Vermutlich verklagten sie Jesus wegen angeblicher Aufhetzung des Volkes und seines Anspruchs `König zu sein`. Besonders Letzteres wird erkennbar durch die spöttische und verachtende Geste (leuchtendes Gewand) wie Lukas berichtet: „Aber Herodes mit seinen Soldaten verachtete und verspottete ihn, legte ihm ein weißes  Gewand an und sandte ihn zurück zu Pilatus.“ (Lk 23,11). Herodes hört sich zwar die vorgetragenen Anklagen der Hohenpriester an, doch für ihn sind sie nicht stichhaltig genug um Jesus zu verurteilen. Wäre von Jesus eine Gefahr für Volk und Staat, ja sogar für den Vierfürsten ausgegangen, hätte er dies bereits früher in Galiläa bemerkt (Lk 9,9). Um ihn jedoch wegen mangelnder Beweise zu entlasten und freizusprechen, dafür ist er den Anklägern gegenüber zu feige. Nach der Charakterisierung durch Jesus glich er einem Fuchs (Füchsin), der mit List seinen eigenen Vorteil sucht (Lk 13,32). Und so überspielt er seine innere Zerrissenheit mit verachtenden und spöttischen Äußerungen gegenüber Jesus. Damit erniedrigt und demütigt er Jesus vor seinen Soldaten und der jüdischen Elite. Jesus aber lässt sie jetzt gewähren. So schickt Herodes ihn zu Pilatus zurück mit dem symbolischen Hinweis: „Keinerlei Schuld, die den Tod verdient hätte“. Doch was bewegt den Vierfürsten?

  • Den Hohenpriestern und Schriftgelehrten will er mit einer Verurteilung des Angeklagten keinen Gefallen tun, wusste er nur zu gut um die Unschuld Jesu. Ebenso weiß er aus eigener Erfahrung, wie belastend es für das Gewissen ist, einen Propheten zu töten (Mt 14,9;  Lk 9,9).
  • Um Jesus jedoch freizusprechen, wozu er befugt war und auch Grund gehabt hätte, war er zu feige, zu stolz und ehrgeizig.
  • Wenn er Jesus zu Pilatus zurückschickt, bekundet er seine Anerkennung dem Präfekten gegenüber und seine Loyalität zu Rom. Das nützt ihm persönlich am meisten.

So ziehen die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten mit dem gebundenen Jesus wieder zurück zum Prätorium des römischen Statthalters. Welch eine Ironie: Eigentlich sollte sich die Priesterschaft an diesem Tag mit dem Opfern der Passahlämmer im Tempel beschäftigen. Sie aber sind voller Unruhe und beeilen sich das wahre Opferlamm Gottes zu schlachten (Jes 53;  Joh 1,29;  Mt 20,18).

Und der Evangelist Lukas schließt diese Episode ab mit einem politischen Detail: „An dem Tag wurden Herodes und Pilatus Freunde; denn vorher waren sie einander Feind.“ (Lk 23,12). Natürlich handelt es sich hier um politische Freundschaft, nicht um echte und aufrichtige Beziehung.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was ist der Grund für die Freude des Herodes als er Jesus sieht?
  2. Werden seine Erwartungen erfüllt?
  3. Warum reagiert Jesus auch hier mit Schweigen?
  4. Beschreibe die innere Zerrissenheit des Herodes, welche Motive bewegen ihn?

 

10.34.5 Jesus Barabbas – Aufrührer und Mörder

Bei dem Versuch den Ablauf des Prozesses chronologisch darzustellen, liefert uns der Evangelist Johannes die meisten Informationen. Einen breiten Platz im Prozessverlauf nimmt die Debatte über die Freilassung des Barabbas, der kurioserweise auch den Vornamen Jesus trägt.

In Jerusalem, in der Burg Antonia war eine römische Garnison stationiert, deren Aufgabe es war, das Geschehen in der Stadt und insbesondere auf dem Tempelgelände ununterbrochen zu beobachten. Die Zeloten (Eiferer) nutzten die Zusammenkünfte des Volkes bei den Festen, um Aufstände gegen die römischen Besatzer zu organisieren. Bei solch einem lokalen Aufstand in der Stadt, kam es zu einer blutigen Auseinandersetzung mit den römischen Legionären. Die Anführer des Aufstandes wurden festgenommen und nun warteten sie auf ihren Prozess mit anschließender Hinrichtung. Der Evangelist Markus schreibt dazu: „Es war aber einer, genannt Barabbas, gefangen mit den Aufrührern, die beim Aufruhr einen Mord begangen hatten.“ (Mk 15,6b-7). Barabbas bedeutet Sohn des Abbas und der Evangelist Matthäus ergänzt dies, indem er noch dessen persönlichen Namen nennt: „(…) der hieß Jesus Barabbas.“ (Mt 27,16 – im griechischen Text des NT ist diese Bemerkung in eckige Klammern gesetzt, weil sic nicht in allen alten Handschriften zu finden ist). Nach den Worten des Evangelisten Lukas könnte man sogar annehmen, dass er bei dem Aufstand den Mord begangen hatte. So schreibt er von ihm: „Der war wegen eines Aufruhrs, der in der Stadt geschehen war, und wegen eines Mordes ins Gefängnis geworfen worden.“ (Lk 23,19 vgl. mit Apg 3,14). Johannes schreibt dem Barabbas auch noch räuberische Tätigkeiten zu: „ (…) Barabbas aber war ein Räuber.“ (Joh 18,40).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie kamen die lokalen Aufstände in Judäa zustande?
  2. Was wurde Barabbas angelastet?

 

10.34.6 Der 1. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten treffen mit dem gebundenen Jesus wieder am Prätorium des Statthalters ein. Auch immer mehr Menschen aus dem Volk versammeln sich vor dem Prätorium. Der Grund ist das Zugeständnis des Präfekten – zum Passahfest einen Gefangenen, den das Volk wünschte, freizulassen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. (Mt 27,15;  Mk 15,7). Der Evangelist Markus ergänzt: „Und das Volk ging hinauf und bat, dass er tue, wie er zu tun pflegte.“ (Mk 15,8). Viele Schaulustige und Neugierige aus dem Volk wollen sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen. „Pilatus aber rief die Hohenpriester und die Oberen und das Volk zusammen und sprach zu ihnen: Ihr habt diesen Menschen zu mir gebracht als einen, der das Volk aufwiegelt; und siehe, ich habe ihn vor euch verhört und habe an diesem Menschen keine Schuld gefunden, derentwegen ihr ihn anklagt; Herodes auch nicht, denn er hat ihn uns zurückgesandt. Und siehe, er hat nichts getan, was den Tod verdient. Darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben.“ (Lk 23,13b-17). Wir stellen fest, dass dem Pilatus viel daran gelegen war Jesus freizulassen, zumal ihn darin auch seine Frau bestärkte. Und er weiß um die Hintergründe und Motive der Hohenpriester: „Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.“ (Mt 27,18). Ihm ist bestimmt auch nicht entgangen, dass der überwiegende Teil des Volkes mit Jesus sympatisierte. Und so greift er nach der Möglichkeit das Volk für sein Konzept, der Freigabe von Jesus, zu gewinnen. Eindeutig wendet sich Pilatus an das Volk mit den Worten: „Es besteht aber die Gewohnheit bei euch, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?“ (Joh 18,39). Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) denn er erkannte, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10). Er hegt begründete Hoffnung, dass das Volk sich für die Freilassung von Jesus, dem Messias/König, entscheidet. Womit er nicht rechnet, ist der überaus starke Einfluß der Hohenpriester und Ältesten auf das Volk. Die Hohenpriester wissen um die Sympatie des Volkes gegenüber Jesus und stacheln auf eine freche Art das Volk gegen Jesus auf. So schreibt der Evangelist Matthäus: „Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten.“ (Mt 27,20). In Matthäus 27,17 lesen wir: „Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?“ Und der Evangelist Markus ergänzt: „Aber die Hohenpriester reizten das Volk auf, dass er ihnen viel lieber den Barabbas losgebe.“ (Mk 15,11). Auch nach Matthäus 27,21a-23 wendet sich Pilatus erneut an das Volk mit den Worten:

Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas! Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrien aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen!“ (vgl. Mk 15,14).

Seit wann fragt ein oberster Richter die Menge des Volkes, was er denn mit einem unschuldigen Gefangenen machen soll? Immerhin fragt er nach stichhaltigen Anklagepunkten, doch außer lautem Geschrei bekommt er nichts zu hören. Der Evangelist Lukas ergänzt: „Da schrien sie alle miteinander: Hinweg mit diesem, gib uns Barabbas los!“ (Lk 23,18). Und Lukas hebt die erneute Bemühung des Statthalters – Jesus freizulassen – hervor:

Da redete Pilatus abermals auf sie ein, weil er Jesus losgeben wollte. Sie riefen aber: Kreuzige, kreuzige ihn! Er aber sprach zum dritten Mal zu ihnen: Was hat denn dieser Böses getan? Ich habe nichts an ihm gefunden, was den Tod verdient; darum will ich ihn schlagen lassen und losgeben. Aber sie setzten ihm zu mit großem Geschrei und forderten, dass er gekreuzigt würde. Und ihr Geschrei nahm überhand.“ (Lk 23,20-23).

Auch der erneute Versuch, vom Volk verwertbare Gründe für eine Verurteilung zu bekommen, schlägt fehl. Gegen die geballte Macht der Oberen und der aufgewiegelten Menge kommt Pilatus nicht an. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! (Mt 27,24-25).

Der Sammelbegriff „das ganze Volk“ muß hier in der Relation zu den Zehntausenden nicht daran beteiligten gesehen werden. Auch sind in erster Linie die vielen Knechte und Diener der Priesterschaft und der Ältesten dabei, welche sagen müssen, was ihnen ihre Herren befahlen (Joh 19,6). Trotzdem repräsentieren sie und alle Anwesenden mit den Oberen an diesem Morgen das Volk im Allgemeinen. Hier stellen sich folgende Fragen:

  • Kann ein Richter sich die Hände in Unschuld waschen, wenn er gegen sein besseres Wissen einen unschuldigen Menschen der Willkür der Menge überlässt? Hier kommt Jesus zu Wort und urteilt: „Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde.“ (Joh 19,11). Ja, Pilatus trägt Mitschuld an der Verurteilung Jesu.
  • Inwieweit kann sich der Fluch des am Gerichtsprozess beteiligten Volkes auch auf ihre Nachkommen auswirken?

Sicher ist die Sünde nicht übertragbar, doch wenn Eltern auf ihre Kinder einen Fluch aussprechen, hat dies Folgen.

Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.“ (Mt 27,26). Der Evangelist Markus ergänzt: „Pilatus aber wollte dem Volk zu Willen sein und gab ihnen Barabbas los.“ (Mk 15,15). Der Evangelist Lukas fügt hinzu: „Und Pilatus urteilte, dass ihre Bitte erfüllt werde, und ließ den los, der wegen Aufruhr und Mord ins Gefängnis geworfen war, um welchen sie baten; aber Jesus übergab er ihrem Willen. (Lk 23,24-25).

So gibt er dem Willen des Volkes nach, lässt den frei, um den sie bitten, einen, der in der Tat das Volk gegen die Römer aufhetzte und aller Wahrscheinlichkeit nach einen römischen Legionär tötete (Apg 3,14). Was für ein ungerechtes Urteil!

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was bedeutete das Zugeständnis des Statthalters an das Volk – zum Passahfest einen Gefangenen auf Wunsch freizulassen? Was erhoffte sich Pilatus davon?
  2. Beschreibe die Taktik des Pilatus in diesem Prozess?
  3. Warum suchte nach Möglichkeiten, um Jesus freizulassen?
  4. Wie ist der starke Einfluss der Hohenpriester auf das Volk zu erklären?
  5. Welche Charakterzüge des Pilatus treten bei diesem Prozess deutlich ans Licht?

 

10.34.7 Jesus wird von den römischen Soldaten verspottet und geschlagen

(Bibeltexte: Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3)

 

Nun beginnt die letzte Phase des Prozesses gegen Jesus. Der Evangelist Johannes schreibt:

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. (Joh 19,1).

Ab hier folgen wir nun dem vollständigeren Bericht des Evangelisten Matthäus:

Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium in den Palast, und sammelten die ganze Abteilung um ihn. Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König!, und spien ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. (Mt 27,27-30;  Mk 15,15-19;  Joh 19,2-3).

Der Evangelist Markus ergänzt: „(…) fielen auf die Knie und huldigten ihm.“ (Mk 15,19).

 

  • Jesus wird erniedrigt und gedemütigt,
  • verhöhnt und verspottet,
  • geschlagen und bespuckt.

Er erduldete diese Schmach und setzte sich nicht zur Wehr. So sieht seine Herrschaft aus, die Herrschaft über die Sünde, so besiegt er das Böse.

Damit führt er ganz praktisch die Prinzipien des Gottesreiches in dieser Welt ein.

 

Fragen /Aufgaben:

  1. Wenn Pilatus von der Unschuld Jesu überzeugt war, warum ließ er Jesus dennoch geißeln?
  2. Welche Bedeutung hatte die Geißelung der Angeklagten?
  3. Warum wehrt sich Jesus nicht wenigstens mit Worten gegen seine Peiniger?
  4. Was wird in seinem Verhalten offenbar?

 

10.34.8 Der 2. Versuch des Pilatus Jesus freizulassen

Nun folgen wir dem detaillierten Bericht des Evangelisten Johannes:

Da ging Pilatus wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Und Jesus kam heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Seht, welch ein Mensch! Als ihn die Hohenpriester und die Knechte sahen, schrien sie: Kreuzige!  Kreuzige! Pilatus spricht zu ihnen: Nehmt ihr ihn hin und kreuzigt ihn, denn ich finde keine Schuld an ihm. Die Juden antworteten ihm: Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht. (Joh 19,4-7).

Erst jetzt nennen die Hohenpriester den für sie wichtigsten theologischen Anklagepunkt, wohl wissend oder mindestens ahnend, was er bei Pilatus bewirken kann. Denn für einen loyalen Römer war seit der Zeit des Kaisers Augustus in Rom `υιος του θεου – hyos tou theou – Sohn Gottes `. Der römische Senat hatte den durch Brutus und Cassius im Jahre 44 v. Chr. ermordeten Julius Cäsar `göttlich` gesprochen. Daher galten seine Nachkommen als Söhne des Göttlichen. Es ist eigentlich ein Wahnsinn, doch damit folgten sie dem ägyptischen und babylonischem Vorbild.

 

Pilatus sucht erneut das Gespräch mit Jesus

Dieser Hinweis ruft bei Pilatus große Furcht hervor.

Als Pilatus dies Wort hörte, fürchtete er sich noch mehr und ging wieder hinein in das Prätorium und spricht zu Jesus: Woher bist du? Aber Jesus gab ihm keine Antwort. Da sprach Pilatus zu ihm: Redest du nicht mit mir? Weißt du nicht, dass ich Macht habe, dich loszugeben, und Macht habe, dich zu kreuzigen? Jesus antwortete: Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben her gegeben wäre. Darum: der mich dir überantwortet hat, der hat größere Sünde. (Joh 19,8-11).

Große Furcht befällt Pilatus, er kennt den sogenannten `Sohn des Göttlichen` in der Person des Kaisers. Und er weiß, wie diese Herrscher oft willkürlich regieren. Hier jedoch steht einer vor ihm, dessen Herrschaft sich ganz anders ausdrückt. Die Würde, die Selbstbeherrschung, der Blick frei von Hass, Verachtung und Vergeltung, keine Klage gegen seine Feinde und Peiniger. Noch nie hat er solch einen Gefangenen vor sich gehabt. In Jesu Verhalten kommt das wahre Göttliche zum Ausdruck. In der Tat, nicht Jesus fürchtet sich vor diesem Gericht, sondern Pilatus fürchtet sich vor Jesus, welcher der eigentliche Richter in diesem Prozess ist.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Warum interessiert sich Pilatus für die Herkunft von Jesus?
  2. Wer war nach griechisch-römischer Auffassung der `Sohn Gottes`?
  3. Beachte und beschreibe das Verhalten von Jesus? Was drückt es aus?
  4. Wie bewertet Jesus Sünde und Verantwortung?
  5. Wer ist der eigentliche Richter in diesem Prozess?

 

10.34.9 Der 3. Versuch des Pilatus, Jesus freizulassen

Von da an trachtete Pilatus danach, ihn freizulassen. Die Juden aber schrien: Lässt du diesen frei, so bist du des Kaisers Freund nicht; denn wer sich zum König macht, der ist gegen den Kaiser. Als Pilatus diese Worte hörte, führte er Jesus heraus und setzte sich auf den Richterstuhl an der Stätte, die da heißt Steinpflaster, auf Hebräisch Gabbata. (Joh 19,12-13).

Die Oberen der Juden sind hartnäckig, jede Gottesfurcht ist von ihnen gewichen. Sie greifen zum letzten Argument, dem sich Pilatus schließlich, wenn auch widerwillig, beugt. In ihrem Argument verbirgt sich eine versteckte Drohung. Eine Klage beim Legaten in Syrien hätte möglicherweise Pilatus den Posten gekostet. Dieses Risiko ist er nicht eingehen. Diesen Preis ist er nicht bereit zu zahlen.

 

Pilatus wird von seiner Frau gewarnt

Auch bei den Römern hatten die Frauen in der Öffentlichkeit nicht viel zu sagen, umso mehr jedoch im privaten Bereich. Die Frau des Pilatus brachte den Mut auf, um sich mit ihrem Plädoyer für Jesus in den Prozessverlauf einzumischen. So schreibt der Evangelist Matthäus:

Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen. (Mt 27,19).

Auch wenn sie keine Details ihres Traumes nennt, so wird dadurch doch deutlich, dass Gott sich auf eigenartige Weise Menschen offenbart – hier einer heidnischen Frau, deren Mann als korrupt, machtgierig und wankelmütig charakterisiert werden kann. Trotz ihres Appells bringt Pilatus nicht den Mut auf, gerecht zu urteilen.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie stark war der Einfluss der Frauen im Römischen Reich?
  2. Welchen Wert hatte das Plädoyer der Frau des Pilatus im Zusammenhang des Prozesses gegen Jesus?
  3. Wenn ihr Traum von Gott war, was sollte er dann bewirken?

 

10.34.10 Pilatus auf dem Richterstuhl – Jesus wird zum Tode verurteilt

Den Verlust des Titels `Freund des Kaisers` will Pilatus nicht opfern. Letzlich wird doch das Recht und die Wahrheit dem Machterhalt zum Opfer fallen.

Es war aber am Rüsttag für das Passahfest um die sechste Stunde. Und er spricht zu den Juden: Seht, das ist euer König! Sie schrien aber: Weg, weg mit dem! Kreuzige ihn! Spricht Pilatus zu ihnen: Soll ich euren König kreuzigen? Die Hohenpriester antworteten: Wir haben keinen König als den Kaiser. Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. (Joh 19,14-16).

Nach außen hin erwecken die Hohenpriester den Eindruck, als wären sie dem Kaiser ergebener als Pilatus. Bis zuletzt versucht dieser Jesus freizubekommen, doch ohne Erfolg. Zu viel und zu oft fragt er als Richter, was er denn tun solle. Bemerkenswert ist aber auch der Tatbestand, dass es letztlich die Hohenpriester waren, die mit Nachdruck den Tod Jesu forderten. Sie waren es letztlich, die den Hohen Rat stark beeinflussten, ihren Knechten befahlen, das Volk überredeten und gegen Jesus aufhetzten.

Das Unfassbare geschieht – die Verurteilung des Gerechten durch die Hand der Heiden wird durchgesetzt. Es kam, wie Jesus es voraussagte (Mt 20,19). Schon nach fünf Wochen nimmt Petrus das Volk und die Oberen der Juden in die Verantwortung mit den Worten:

Der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der Gott unsrer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr überantwortet und verleugnet habt vor Pilatus, als der ihn loslassen wollte. Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und darum gebeten, dass man euch den Mörder schenke. (Apg 3,13-14).

Mit der Aussage: „Wir haben keinen König als den Kaiser.“ verleugneten die Hohenpriester Jesus. Auch der Apostel Paulus hebt im Rückblick die bewusste Verleugnung Jesu durch die Führung Israels hervor:

Und obwohl sie nichts an ihm fanden, das den Tod verdient hätte, baten sie doch Pilatus, ihn zu töten. (Apg 13,28).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Wie ist es zu erklären, dass die Juden immer wieder neue Argumente gegen Jesus aufbringen?
  2. Was zählte letztlich bei Pilatus? Was beinhaltet die Bezeichnung `Freund des Kaisers`?
  3. Was sagen die Juden mit dem Bekenntnis „Wir haben keinen König als den Kaiser“ aus?
  4. Was bewog letzlich Pilatus Jesus zu verurteilen?

 

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Der Triumph in der Nacht – Jesus vor dem Hohen Rat

Jesus wird von dem Hohenpriester Hannas verhört

(Bibeltexte: Joh 18,12-14; 19-24;  Lk 22,54. 63-65)

Kapitel 2

Kapitel 1

Abbildung: Ein uralter Olivenbaum im Garten Gethsemane auf dem Westabhang des Ölbergs. Hier verbrachte Jesus die letzte Stunde vor der Gefangennahme im Gebet zu seinem Vater im Himmel (Foto: April 1986).

Abbildung : Das Modell der Stadt Jerusalem zur Zeit von Jesus. Im südlichen Teil auf dem Tempelgelände tagte seit dem Jahre 30 n.Chr. das Synedrium – der Hohe Rat. (Foto: April 1986).

 

Der Ev. Johannes schreibt: „Die Schar aber und ihr Anführer  und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh  18,12-14; 11,49-52).

Der Ev. Johannes schreibt: „Die Schar aber und ihr Anführer  und die Knechte der Juden nahmen Jesus und banden ihn und führten ihn zuerst zu Hannas; der war der Schwiegervater des Kaiphas, der in jenem Jahr Hoherpriester war. Kaiphas aber war es, der den Juden geraten hatte, es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk. (Joh  18,12-14; 11,49-52).

Der Ev. Lukas ergänzt dazu: „Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. (Lk 22,54). Gemeint ist hier wohl das Haus des Hohenpriesters Hannas, welches sich im Palasthof (gr. αὐλῇ  – aul¢) der Hohenpriesterfamilie befand, so die Zusammenhänge aus Mt 26,58 „Petrus aber folgte ihm von ferne bis zum Palast (Palasthof) des Hohenpriesters“ (Mt 26,69;  Mk 14,54;  Lk 22,66).

Ausdrücklich betont der Ev. Johannes, dass Jesus zuerst zu dem Hohenpriester Hannas geführt wurde. Dies setzt eine klare Absprache unter den Hohentpiestern voraus. Von diesem inoffiziellen Verhör im Haus bei Hannas berichtet nur der Ev. Johannes. Doch auch im Text des Ev. Lukas ist eine Zweiteilung dieses nächtlichen Prozesses erkennbar. Hannas war der Schwiegervater des amtierenden Hohenpriesters Kaiphas. Durch die Heirat seiner Tochter mit Kaiphas blieb die Macht in der Familie des Hannas. Für dieses bewusst  geplante Vorverhör  gibt es verschiedene Gründe.

  • Zum einen wurde dem Älteren, sozusagen emeritierten Hohenpriester die Ehre erwiesen, sich als Erstem ein Bild über Jesus zu machen;
  • Als erfahrener Richter konnte er dem Prozessverlauf die Richtung angeben;
  • Dadurch wurde Zeit gewonnen für den Hauptprozess, der erst in den frühen Morgenstunden stattfand (Lk 22,66);
  • Dazu suchte man noch in der Nacht händeringend nach Zeugen (Mt 26,59; Mk 14,55).

Die Befragung findet im Haus statt. Petrus aber war draußen im Hof inmitten der Knechte an einem Feuer. Gerade hier und in dieser ersten Phase des Verhörs findet die Verleugnung des Petrus statt (Joh 18,15-18; 25-27).

Der Hohepriester befragte nun Jesus über seine Jünger und über seine Lehre. Jesus antwortete ihm: Ich habe frei und offen vor aller Welt geredet. Ich habe allezeit gelehrt in der Synagoge und im Tempel, wo alle Juden zusammenkommen, und habe nichts im Verborgenen geredet. Was fragst du mich? Frage die, die gehört haben, was ich zu ihnen geredet habe. Siehe, sie wissen, was ich gesagt habe. (18,19-21).

Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn Hannas bis dahin nicht mitbekommen hätte, wer seine Jünger sind, was er lehrt und tut. Einen seiner Jünger – Johannes, kennt er sogar persönlich. Eigentlich lagen den Hohenpriestern viele Detailinformationen vor über die Tätigkeit von Jesus wie folgender Text bestätigt: „Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch tut viele Zeichen.,  Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,47-48). Und bereits damals vor etwa 2 Monaten beschlossen sie Jesus (und sogar auch Lazarus) zu töten. Dieses Verhör zielte keineswegs auf einen gerechten Prozessverlauf ab (Mt 26,3; Mk 12,12; Lk 20,19; Mk14,1).

Der Ev. Johannes schreibt nur von zwei Aspekten der Frage des Hannas, nicht jedoch den originalen Wortlaut. Dieser wird in seiner Tiefe erst erkennbar in der Antwort von Jesus. Hannas verfolgt ein Ziel: Er will feststellen, dass Jesus mit seinen Jüngern eine Untergrundtätigkeit ausübt und durch seine Lehre Anhänger um sich sammelt. Dies wäre typisch für die Vorbereitung eines Aufstandes. Genau so lautete später auch eine der Hauptanklagepunkte vor Pilatus: „Sie aber bestanden darauf und sprachen: Er wiegelt das Volk auf, indem er in ganz Judäa lehrt, angefangen in Galiläa bis hierher!“ (Lk 23,5). Dieser Anklagepunkt musste jetzt sorgfältig vorbereitet und später vor Pilatus begründet werden. Das war die Hauptaufgabe von Hannas. Denn später im Hauptprozess wird es vorrangig um theologische Fragen gehen.

Jesus durchschaut die List und Bosheit des Hannas und wert sich entschieden gegen den Verdacht etwas Heimliches im Verborgenen gelehrt oder gemacht zu haben. Dazu. könnte Hannas alle seine Diener befragen, denn jene wurden Zeugen der öffentlichen Lehren von Jesus. So schreibt der Ev. Johannes:„Nun kamen die Diener zu den obersten Priestern und Pharisäern zurück, und diese sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? Die Diener antworteten: Nie hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch!“ (Joh 7,45-46). Doch jetzt will Hannas diese Zeugen keineswegs zu Wort kommen lassen. Seine Absicht ist klar: Er will Jesus in dessen eigenen Worten fangen. Aber Jesus lässt sich auf sein Konzept nicht ein. Hannas hat sich nun selbst in eine Sackgasse hinein manövriert. In dieser für ihn unangenehmen Situation greift einer seiner Diener ungefragt ein. So berichtet der Ev. Johannes weiter: „Als er so redete, schlug einer von den Knechten (gr. υπερετών – ypereton – Diener), die dabeistanden, Jesus ins Gesicht und sprach: Sollst du dem Hohenpriester so antworten?“ (Joh 18,22).  Will er mit dieser verachtenden Geste seinem Dienstherrn imponieren? Dies nimmt Jesus jedoch keineswegs stillschweigend hin. „Jesus antwortete: Habe ich übel geredet, so beweise (bezeuge), dass es böse ist; habe ich aber recht geredet, was schlägst du mich.“ (18,23). Was für eine Antwort von Jesus! Doch an dieser Stelle erinnern wir uns natürlich an die Aussage von Jesus: „Und wer dich auf die eine Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“ (Lk 6,29; Mt 5,39). Hält sich Jesus selber nicht an das, was er die Jünger lehrte? Nun ist folgendes zu beachten, nicht alles was Jesus sagte, ist immer und in jedem Fall wörtlich oder buchstäblich zu nehmen, weil es die Möglichkeiten der Reaktion einschränken würde. Jene seine Aussage muss in erster Linie von seiner eigenen Anwendung her verstanden werden. Daher beobachten wir genau, wie Jesus hier und in den folgenden extremen Situationen das praktiziert, was er in der Theorie gesagt hat.

Hätte Jesus sein Gesicht zum zweiten Schlag hingehalten, hätte sich der Schläger im Recht gewusst. Mit seiner Gegenfrage schlägt Jesus nicht zurück, er tritt auch nicht einfach nur für sein Recht ein, sondern mit seiner Antwort/Frage gibt er dem Schläger die Möglichkeit sein Verhalten selbst zu beurteilen. Es gibt auch Situationen, in denen Jesus schweigend die Schläge erduldete (Mt 26,67). Auf Gewalt zu reagieren mit angemessenen Worten, ist nicht nur angebracht um seiner selbst willen, sondern auch um das Unrecht des Gewalttäters zu benennen, zu beurteilen und damit dem Gegner die Möglichkeit der Umkehr zu geben. Auf jeden Fall ist hier durch das weise Verhalten von Jesus der Konflikt entschärft worden. Hannas sieht keinen Anlass mehr, die Befragung fortzuführen. Da er den ungerechten Eingriff seines Dieners nicht tadelt, macht er sich zum Mittäter. Doch wer genau hinschaut, stellt fest: Nicht Jesus steht als Angeklagter vor dem Richter, sondern Hannas ist der eigentliche Angeklagte, denn er disqualifiziert sich als Richter (Joh 3,19).  Der Ev. Johannes berocjtet weoter: „Und Hannas sandte ihn gebunden zu dem Hohenpriester Kaiphas. (Joh 18,24). Doch bevor Jesus dort ankommt, bzw. bevor der Hohe Rat in den frühen Morgenstunden zusammenkommt, wird Jesus von den Knechten misshandelt (Lk 22,65-66). Der Ev. Lukas ergänzt dazu:  „Die Männer aber, die Jesus gefangen hielten, verspotteten ihn und schlugen ihn, verdeckten sein Angesicht und fragten: Weissage, wer ist’s, der dich schlug? Und noch mit vielen andern Lästerungen schmähten sie ihn. (Lk 22,63-65).

Das rauhe und gewalttätige Verhalten des einen Dieners und die stillschweigende Billigung des Hannas, lösten eine ganze Lawine von lästerlichen Schmähungen aus, die von Gewalt begleitet waren. Doch jetzt schweigt Jesus.  Dies bezeugt Petrus Jahre später mit den Worten: „als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder, als er litt, drohte er nicht, sondern übergab es dem, der gerecht richtet.“ (1Petr 2,23).

 

Fragen / Aufgaben:

  1. In welchem zeitlichen Rahmen fand dieses nächtliche Verhör statt?
  2. Sammle Informationen zur Leitungsstruktur im Judentum zur Zeit von Jesus und welche Funktionen hatten die beiden, im Text erwähnten Personen – Hannas und Kaiphas?
  3. In welchem Zusammenhang ist die Aussage des Kaiphas: „es wäre gut, „ein“ Mensch stürbe für das ganze Volk“ gemacht worden? (vgl. Joh 18, 14b mit 11,49-52).
  4. Erforsche und nenne einige Gründe, warum Jesus zuerst zu Hannas geführt wurde?
  5. Warum interessiet sich Hannas für die Jünger von Jesus und seine Lehre? Hat er darüber keine Kenntnisse? Was für ein Ziel verfolgt er mit seiner Doppelfragen?
  6. Warum beantwortet Jesus nicht die Fragen des Hannas? Warum offenbart Jesus bei dieser besonderen Gelegenheit nicht wer er wirklich ist? Warum sagt Jesus nichts von seinem Evangeliums? Was ist der eigentliche Inhalt seiner Antwort?
  7. Aus welchen Grund schlägt der Diener Jesus ins Gesicht?
  8. Versuche die Reaktion von Jesus zu erklären. Warum verteidigt er sich hier mit Worten, aber bei einer anderen Gelegenheit nimmt er Schläge stillschweigend hin?
  9. Warum stellte Hannas keine weiteren Fragen an Jesus?

 

Jesus vor Kaiphas und dem Hohen Rat

(Bibeltexte: Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65;  Lk 22,66-71)

 

1. Die Informationsquellen

Wir haben  festgestellt, dass nur der Ev. Johannes von dem nächstlichen Verhör Jesu vor dem Hohenpriester Hannas berichtet.  Über den weiteren Verlauf macht er jedoch keine Angaben, lediglich den Hinweiss, dass Jesus zu Kaiphas überstellt wurde.

Die Evangelisten Matthäus und Markus berichten Auszugsweise und einander ergänzend über das  nächtliche Verhör bei Kaiphas (Mt 26,57-68;  Mk 14,57-65). Der Ev. Lukas schreibt von dem Verhör des Hohen Rates, der erst bei Tagesanbruch stattfand. Damit entsteht der Eindruck, dass es sich um den offiziellen Prozess handelt und zwar im Gerichtsgebäude das sich ab dem Jahre 30 n.Chr. auf dem Tempelgelände befand. „Und als es Tag wurde, versammelten sich die Ältesten des Volkes, die Hohenpriester und Schriftgelehrten und führten ihn vor ihren Rat.“ (Lk 22,66). Der Hohe Rat (Sanhedrin – Synedrion – Synedrium), gehörten parteiübergreifend siebzig (71) Personen an – Hohepriester, Schriftgelehrte und angesehene Älteste des Volkes. Diese Personen waren kurzfristig über die bevorstehende Gefangennahme Jesu informiert worden. Ursprünglich war die Festnahme von Jesus während der Festtage nicht geplant, weil ein Volksaufstand zu befürchten war (Mt 26,4-5; Mk 14,2).  Doch Judas bot den Hohenpriestern seine Dienste an zwei Tage vor dem Fest und darum beschleunigte sich sowohl die Festnahme, als auch der Prozess und schließlich die Hinrichtung am Passatag. (Mt 26,16).  Dazu kommt noch hinzu, dass Jesus den Judas nach dem Passamahl drängte zu gehen und zu tun, was er sich im Herzen vorgenommen hatte (Joh 13,28-29). Hier stellen wir fest, dass letztlich Gott über allem Planen der Menschen steht. Er bestimmt seinen Sohn Jesus Zeit, Tag und sogar Stunde und nicht seine Gegner (Joh 13,1-3). Dadurch bringt er die Pläne der Führung Israels völlig durcheinander. Unter chaotischen Umständen stellt Judas in dieser feierlichen Nacht die gesamte Führung Israels auf die Beine. Die Priesterschaft beruft den Hohen Rat ein, informiert die Tempelwache, bezieht sogar den römischen Oberhauptmann von der Burg Antonia ein und ziehen unter der Führung von Judas zum Garten Gethsemane (Joh 18,1-11). Der Ev. Matthäus schreibt: „Die aber Jesus ergriffen hatten, führten ihn zu dem Hohenpriester Kaiphas, wo die Schriftgelehrten und Ältesten sich versammelt hatten.“ (Mt 26,57;  Mk 14,53).  Hier im Haus des Kaiphas wurde Jesus nun zum zweiten Mal verhört.

 

2 Die Begriffe, welche ein Gerichtsverfahren beschreiben

Für Gericht hat die griechische Sprache den Begriff `κρίσις  – krisis`. Durch die verschiedenen Vorsilben zu diesem Wort werden bestimmte Aspekte eines Gerichtsverfahrens beschrieben. Zur Zeit Jesu war das Synedrium-Hohe Rat, sozusagen die oberste Gerichtsinstanz, an dessen Spitze der amtierende Hohepriester als oberster Richter `κριτής – krit¢s` stand.

  1. κατηγορῖα – kat¢goria – Anklage (Lk 23,10; Mk 15,4). Gelegentlich wurde ein ρήτοροςr¢toros – retor als Ankläger beauftragt (Apg 24,1-2) Kein Gerichtsprozess durfte ohne Zeugen geführt werden (5Mose 17,6; 19,15). In der Regel traten die Zeugen als Ankläger auf ((Mt 26,59-61; Mk 14,57).
  1. Ανα-κρισιςana-krisis – Untersuchung des Falles durch Anhörung, das Verhör (Lk 23,14; Apg 26,26). Die Vorsilbe `ana` hebt die Aufklärung des Falles hervor. Es geht um das Aufdecken, ans Licht bringen von tatsächlich Geschehenem. In einer Diskussion der führenden Juden beanstandet Nikodemus mutig eine Vorverurteilung Jesu mit dem Hinweis auf die Vorgaben im Gesetz. „Richtet (κρίνει – krinei) denn unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?“ (Joh 7,51).
  2. Απο-κρισιςapo-krisis – Antwort, es geht darum, dass sich der Angeklagte ver-antworten konnte (Mk 15,4). Durch den Begriff `απο-λογία – apo-logia` wird auch die Möglichkeit der Verteidigung ausgedrückt (Apg 25,8).
  3. Υπο-κρισιςypo-krisis, meint Heuchelei, Schauspielerei. In einem Gerichtsprozess wurde häufig geheuchelt, wie es die Schauspieler auf der Bühne taten. Im Judentum zählte die Selbstanklage nicht, man fürchtete zum Beispiel, dass der Angeklagte sich stellvertretend für einen anderen ausgibt. Dafür brauchten die Richter ein gutes Urteilsvermögen, welches durch den folgenden Begriff ausgedrückt wird.
  4. Δια-κρισιςdia-krisis, – meint Unterscheidung, Beurteilung. Es geht um die Trennung der Wahrheit von der Lüge (siehe das weise Urteil Salomos 1Chr).
  5. Κατα-κρισιςkata-krisis ist die Verurteilung, das Verdammungsurteil (Mk 14,64; Mt 27,3).

Welche von diesen Aspekten kommen im Rahmen der nächtlichen Verhöre und des Gerichtsprozesses von Jesus vor und wie wurden sie angewendet?

3. Die Zeugenaussagen

Der offizielle Gerichtsprozess, der (wie der Bericht des Ev. Lukas vernuten lässt) auf dem Tempelgelände im Gebäude des Hohen Rates stattfand,  versuchten die Hohenpriester nun der Vorverurteilung die Legitimität, das heißt, die Rechtsmäßigkeit zu geben. Doch im Grunde könnte dieser Prozess als ein Scheinprozess gewertet werden. Denn die eigentlichen Motive für diesen Prozess zum Tode waren: Neid, Missgunst, Angst um Machtverlust. Diesen Einblick geben uns die Evangelisten:

  • Kaiphas sagte: „Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.“ (Joh 11,48).
  • Und sie beobachteten ihn und sandten Auflauerer aus, die sich stellten, als ob sie fromm seien, um ihn in der Rede zu fangen, damit sie ihn der Obrigkeit und der Macht des Statthalters überliefern könnten.“ (Lk 20,20).
  • Denn er (Pilatus) erkannte/wusste, dass ihn die Hohenpriester aus Neid überantwortet hatten.“ (Mk 15,10;  Mt 27,18).

Aus dem folgenden Text wird deutlich, nicht Jesus ist im Zugzwang, sich zu verteidigen, sondern der Hohepriester und die Ältesten des Volkes suchen nach Beweismaterial, um Jesus verurteilen zu können. So schreibt der Ev. Matthäus: „Die Hohenpriester aber und der ganze Hohe Rat suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, dass sie ihn töteten. Und obwohl viele falsche Zeugen herzutraten, fanden sie doch nichts. Zuletzt traten zwei herzu und sprachen: Er hat gesagt: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und in drei Tagen aufbauen.“ (Mt 26,59-61; Mk 14,57). Der Ev. Markus ergänzt: „Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn und sprachen: Wir haben gehört, dass er gesagt hat: Ich will diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen andern bauen, der nicht mit Händen gemacht ist. Aber ihr Zeugnis stimmte auch so nicht überein.“ (Mk 14,58-59). Ausdrücklich betonen die Evangelisten, dass die Zeugnisse nicht übereinstimmten. Nach dem Gesetz mussten mindestens zwei Zeugen unabhängig voneinander das Gleiche aussagen (5Mose 17,6; 19,15). Man legte also Wert auf übereinstimmende Aussagen der Zeugen, die getrennt voneinander gehört wurden: „Denn viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; aber ihr Zeugnis stimmte nicht überein.“ (Mk 14,56). Von den vielen Zeugenaussagen, die gemacht wurden, sind von den Evangelisten zwei aufgezeichnet worden, die zwar an Jesu Worte aus Johannes 2,20-21 erinnern, doch weder der Originalaussage Jesu entsprachen, noch in ihrem Wortlaut einander gleich waren. Die Originalaussage von Jesus lautete: „Brecht diesen Tempel ab und in drei Tagen will ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes.“

Der Hohepriester Kaiphas hatte nun ein Problem. Es gab kein einziges verwertbares Zeugnis gegen Jesus. Der Ev. Markus schreibt weiter: „Und der Hohepriester stand auf, trat in die Mitte und fragte Jesus und sprach: Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich bezeugen? Er aber schwieg still und antwortete nichts.“ (Mk 14,60-61a;  Mt 26,62-63a). Was soll Jesus zu den Falschaussagen auch sagen? Der gesamte Hohe Rat wurde Zeuge dieser Falschaussagen – wie beschämend. Denn alle, von ihnen gefundenen und aufgestellten Zeugen, konnten mit ihren Aussagen Jesus nicht belasten. Es wurde solch ein Aufwand betrieben, um Jesus rechtsmäßig verurteilen zu können und es gab keinen Grund dazu.

4. Der Hohepriester fordert Jesus unter Eid heraus

Das Verhalten von Jesus ist hier ungewöhnlich, da er von seinem Recht, sich zu verantworten (apo-krisis), verteidigen  oder zu rechtfertigen, kein Gebrauch macht. Hier wurde das Recht in höchstem Maße gebeugt und Jesus lässt sie gewähren. Er denkt nicht an sich, sondern an seinen Vater, dessen Willen er nun bereit war zu tun.

Der Ev. Matthäus schreibt weiter: „Und der Hohepriester sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.“  (Mt 26,63b).

Und der Ev. Markus ergänzt: (…) der Sohn des Hochgelobten. (Mk 14,61b)?

Die Doppelfrage des Hohenpristers war sehr bewusst und überlegt vorgetragen worden. Es handelte sich dabei um die zentrale Frage in der Theologie des Judentums. Beide Teile der Frage sind untrennbar miteinander verknüpft:

  1. Bist du der Christus“ (der Messias, der Gesalbte)?
  2. der Sohn Gottes, des Hochgelobten“?

Nach dem `Sch`ma Israel` über den einen Gott (5Mose 6,4) ist die Person des Messias die Wichtigste im Judentum. Die Frage, ob er der Christus sei, wurde Jesus von den Juden bereits vor drei Monaten gestellt zur Zeit der Tempelweihe als er im Tempel lehrte. Das war Ende Dezember des Jahres 32. Der Ev. Johannes schreibt davon: „Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Wie lange hältst du uns im Ungewissen? Bist du der Christus, so sage es frei heraus.“  (Joh 10,24). Damals antwortete Jesus: „Ich habe es euch gesagt und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich tue in meines Vaters Namen, die zeugen von mir. Aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen.“ (Joh 10,25-26).

Nach dem Text des Ev. Lukas wurde die gleiche Frage des Hohenpriesters von mehreren aus dem Rat gestellt. Ihnen antwortet Jesus: „Sage ich’s euch, so glaubt ihr’s nicht; frage ich aber, so antwortet ihr nicht.“ (Lk 22,67-68;  Mk 11,33). Die Ratsmitglieder waren demnach gar nicht interessiert an einer offenen Debatte. Bei all den früheren öffentlichen Diskussionen über theologische wie auch praktische Fragen war ihnen Jesus immer überlegen (Joh 5,42-45;  Lk 17,20;  Mt 22,17-21. 34. 42-44).

Der zweite Teil der Frage des Hohenpriesters – bist du der Sohn Gottes – ist von den Juden vorher in dieser Form nicht gestellt worden. Jesus aber hat, obwohl er sich meistens als Menschensohn bezeichnete, keinen Hehl daraus gemacht, dass er der Sohn Gottes ist, weil er Gott auch regelmäßig seinen eigenen Vater nannte. So steht in Johannes 5,18: „Darum trachteten die Juden noch viel mehr danach, ihn zu töten, weil er nicht allein den Sabbat brach, sondern auch sagte, Gott sei sein Vater, und machte sich selbst Gott gleich (ισον θεω – ison the÷).

Dazu einige Stellen aus dem Johannesevangelium:

Mein Vater, der mir sie gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus des Vaters Hand reißen. Ich und der Vater sind eins. (Joh 10,29-30).

Weit mehr als zwanzig Mal sprach Jesus vor den Juden von seinem Vater (so in Johannes 2; 5; 6; 8; 10; 11; 12). Dies musste auch dem Hohenpriester bekannt gewesen sein. Und das war nach dem Verständnis der Juden über die Personalität Gottes – es ist nur ein Gott – pure Lästerung und verdiente den Tod (3Mose 24,16). Allerdings muß den Juden der Zusammenhang von `Messias – König – Sohn Gottes` bekannt gewesen sein, so der Zusammenhang des Textes in 2Samuel 7,11-14: „Ich will ihm Vater sein und er soll mir Sohn sein (…)“ und dem Text aus Psalm 2,7: „Du bist mein sohn, heute habe ich dich gezeugt.

Und Jesus suchte zu seiner Zeit die theologische Engsicht der Juden zu erweitern mit seiner Frage von der Herkunft und dem Status des Messias und brachte damit die Schriftgelehrten in theologische Erklärungsnot. Seine Frage lautete:

Was denkt ihr von dem Christus? Wessen Sohn ist er? Sie antworteten: Davids Da fragte er sie: Wie kann ihn dann David durch den Geist Herr nennen, wenn er sagt (Psalm 110,1): »Der Herr sprach zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde unter deine Füße lege«? Wenn nun David ihn Herr nennt, wie ist er dann sein Sohn? Und niemand konnte ihm ein Wort antworten, auch wagte niemand von dem Tage an, ihn hinfort zu fragen. (Mt 22,42-46;  2Sam 7,11-14;  Ps 110,1).

Von der Schrift her leiteten die Schriftgelehrten die Herkunft des Messias von David ab. Nach ihrer Erkenntnis sollte der Messias aus Bethlehem kommen (Mt 2,4-6;  Micha 5,1;  Joh 7,41), aber nach ihrem Wissensstand kam Jesus aus dem galiläischen Nazaret (Joh 7,52). Von der natürlichen Herkunft der Person Jesu hatten sie eine völlig falsche Kenntnis (Joh 7,41-42). Niemand aus der Führungsschicht aber auch aus dem Volk, erinnerte sich noch an die Ereignisse vor 33 Jahren in Bethlehem (Lk 2,1-21;  Mt 2,4-6). Oder wussten die Älteren noch davon und hielten diese Informationen für sich zurück, weil diese die Messianität Jesu bestätigt hätten?

 

5. Das Bekenntnis Jesu

Auf die Frage des Hohenpriesters antwortet Jesus mit: „Du sagst es.“ (Mt 26,64a). Der Ev. Martkus ergänzt: „Ich bin`s!“ (Mk 14,62a). „Doch sage ich euch: Von nun an werdet ihr sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen auf den Wolken des Himmels.“ (Mt 26,64b;  Mk 14,62). Der Ev. Lukas hat noch eine Ergänzung: „Aber von nun an wird der Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft Gottes. Da sprachen sie alle: Bist du denn Gottes Sohn? Er sprach zu ihnen: Ihr sagt es, ich bin es.“ (Lk 22,69-70). Es scheint so als ob Jesus bewusst dieses direkte Bekenntnis bis auf diese entscheidende Stunde aufbewahrt hatte. Die kurze, prägnante Antwort: „Du  sagst es, Ihr sagt es, ich bin`s“, drückt folgendes aus:

  1. Die Frage des Hohenpriesters wertet Jesus als eine Aussage – „Du sagst es.“ Wer so fragt, muß eine Ahnung haben über die Zusammenhänge von Messias und Sohn Gottes. Der Hohepriester und der Hohe Rat sind in der Kenntnis und daher auch in der Verantwortung. Sie sagen etwas in Frageform aus, um damit Jesus in die Falle zu locken. Jesus aber rechnet es ihnen an als eine Zeugenaussage, die dem Schriftzeugnis und der Wirklichkeit entspricht.
  2. Das „Ich bin`s“ erinnert an die Selbstbezeichnung Gottes am brennenden Dornbusch in der Wüste am Fuße des Berges Sinai (2Mose 3,14). Im griechischen Alten Testament, der Septuaginta (LXX) steht an dieser Stelle „ego eimi“ „Ich bin“, so auch im Text des griechischen Neuen Testamentes (Mt 22,32). Sicher hat Jesus im Hohen Rat Hebräisch gesprochen und auch das hebräische Wort für `Ich bin – ani hu` verwendet, das neben der Selbstbezeichnung (Joh 8,58 – „ehe Abraham wurde, bin ich – ego eimi“) von Jesus auch verwendet wird, wenn er sich als das Licht der Welt, die Wahrheit, das Leben oder die Auferstehung bezeichnet (Joh 8,12; 14,6; 11,25). Die Emphörung des Kaiphas ist nur nachzuvollziehen, wenn man annimmt, dass seiner Erkenntnis zufolge das Wesen des Messias nicht über das eines Menschen hinausgeht. Göttlichkeit oder gottgleichsein des Messias fand keinen Platz in ihrer Messiologie (Joh 5,18; 10,30). Wie auch immer der Hohe Rat und Kaiphas das Selbstzeugnis Jesu verstanden oder verstehen wollten, sicher verwendet Jesus das „ani huego eimi – Ich bin es“ im Vollsinn des Wortes.
  3. Die Zusatzaussage: „Des Menschensohn wird sitzen zur Rechten der Kraft Gottes und kommen in den Wolken des Himmels“, erinnert an Daniel 7,13: „Ich sah in diesem Gesicht in der Nacht, und siehe, es kam einer mit den Wolken des Himmels wie eines Menschen Sohn und gelangte zu dem, der uralt war, und wurde vor ihn gebracht“ und an Psalm 110,1 „Der HERR sprach zu meinem Herrn: / »Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.« In dem Bekenntnis von Jesus vor dem höchsten Gremium Israels und dem Hohenpriester Kaiphas wird die zentrale `Theologie – Gotteslehre`  offenbart – Gott der Vater sendet seinen Sohn als Messias, er wird Menschensohn – er wird erhöht zur Rechten Gottes – er kommt mit den Wolken des Himmels (zum Gericht).

Wir können feststellen, dass Jesus auch diese Zusatzaussage mit den Schriftgelehrten bereits vor einigen Tagen angesprochen hatte (Mt 22,42-46). Doch sie ließen sich weder in ihrem theologischen Standpunkt, noch in ihrem bereits gefassten Beschluß nicht korrigieren. Der Hohepriester Kaiphas reagiert gesetzeswidrig: „Da zerriss der Hohepriester seine Kleider (das Zerreisen der Kleider war dem Hohenpriester untersagt (3Mose 21,10) „und sprach: Er hat Gott gelästert! Was bedürfen wir weiterer Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Gotteslästerung gehört. Was ist euer Urteil? Sie antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig“ (Mt 26,65-66;  Mk 14,63-64). Im Lukastext übernehmen die Ältesten die Worte des Kaiphas und sprechen das Urteil über Jesus gemeinsam oder auch einzeln aus: „Sie aber sprachen: Was bedürfen wir noch eines Zeugnisses? Wir haben’s selbst gehört aus seinem Munde.“ (Lk 22,71).

Die Bermerkung: „(…) der ganze Hohe Rat“, ist hier eine Pauschalaussage, denn mindestens zwei Ratsmitglieder willigten nicht ein in dieses Urteil. Der Ev. Lukas bemerkt später: „Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Ratsherr, der war ein guter, frommer Mann und hatte ihren Rat und ihr Handeln nicht gebilligt.“ (Lk 23,50-51). Das Gleiche kann man auch von Nikodemus sagen, der bereits im Vorfeld das eigentliche Denken der Führenden aufzeigte und zwischendurch für Jesus eintrat und später bei der Grablegung zusammen mit Josef, Jesus einen wertvollen Dienst erwies (Joh 3,1-2; 7,50-51; 19,39). Doch diese zwei  Stimmen wurden von der Mehrheit nicht berücksichtigt.

Das Unfassbare geschieht, der Schuldlose wird der schlimmsten Gotteslästerung beschuldigt. Das Urteil lautet: „Er ist des Todes schuldig“.

Da fingen einige an, ihn anzuspeien und sein Angesicht zu verdecken und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: Weissage uns! (Matthäus ergänzt: „Weissage uns, Christus, wer ist’s, der dich schlug?“). Und die Knechte schlugen ihn ins Angesicht. (Mk 14,65; Mt 26,67-68).

Die menschliche Bosheit schwappt hier über alle Ufer. Zügellos und ohne jegliche Hemmungen schlagen die Knechte auf Jesus mit Fäusten ein, speien ihnn ins Angesicht und höhnen ihn.

 

Fragen / Aufgaben:

  1. Was waren die eigentlichen Gründe für die Führung der Juden, Jesus zu töten?
  2. Was waren die wesentlichen Elemente im Ablauf eines Gerichtes in Israel?
  3. Warum suchten die Mitglieder des Hohen Rates nach falschen Zeugen?
  4. Warum schweigt Jesus zu den Falschaussagen?
  5. Vor welchem Problem stand der Hohepriester KAiphas?
  6. Was waren die zentralen theologischen Themen bei dieser Gerichtsverhandlung?
  7. Jesus bekennt sich zu seinem Messias-Sein und Gottes Sohn-Sein, was mit den Schriften übereinstimmt. Warum bewertet der Hohepriester es als Gotteslästerung?
  8. durfte der Hohepriester seine Kleider zerreißen?
  9. Nach dem Urteil wird Jesus misshandelt und geschlagen. Wovon zeugt die Brutalität der Knechte mit der sie auf Jesus einschlagen? Lies Jesaja 50,6ff.
  10. Wer stimmte der Verurteilung von Jesus nicht zu? Und was lehrt uns diese mutige Haltung?

 

 

 

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